EINLADUNG ZUR PHILOSOPHIERWERKSTATT am So 30.April 2017

THEMA

Unter dem Oberthema DENKEN & FÜHLEN soll die Leitfrage an diesem Tag lauten: Woher kommen die Bilder, die wir von uns haben? Wie weit können wir Ihnen trauen?

WER

Einleitung und Moderation: Prof.Dr.phil Dipl.theol Gerd Doeben-Henisch (Prof.emeritus Frankfurt University of Applied Sciences, Mitglied im Vorstand des Instituts für Neue Medien)

ORT

INM – Institut für Neue Medien, Schmickstrasse 18, 60314 Frankfurt am Main (siehe Anfahrtsskizze) Parken: Vor und hinter dem Haus sowie im Umfeld gut möglich.

ZEIT

Beginn 15:00h, Ende 18:00h. Bitte unbedingt pünktlich, da nach 15:00h kein Einlaß.

ESSEN UND TRINKEN

Es gibt im INM keine eigene Bewirtung. Bitte Getränke und Essbares nach Bedarf selbst mitbringen (a la Brown-Bag Seminaren)

PROGRAMM

Bis 15:00h ANKOMMEN

15:00 – 15:30h IMPULSREFERAT zu Woher kommen die Bilder, die wir von uns haben?

15:30– 15:50h Zeit zum INDIVIDUELLEN FÜHLEN (manche nennen es Meditation)

15:50 – 16:00h ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL NOTIEREN

16:00 – 16:40h Erste Diskursrunde (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

16:40 – 16:55h BEWEGUNG, TEE TRINKEN, REDEN

16:55 – 17:30h Zweite Diskursrunde (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:30 – 17:45h BEWEGUNG, TEE TRINKEN, REDEN

17:45 – 18:00h AUSBLICK, wie weiter

Ab 18:00h VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

ERSTE GEDANKEN ZUM THEMA

Das Bild, das wir von uns selbst (und von anderen) haben, entsteht in diesem schwer fassbaren Raum der Erinnerungen an geteilten Situationen und den schwer fassbaren Vorgängen des Gedächtnisses selbst, das weitgehend unabhängig von unserem Bewusstsein arbeitet. Es ist ein großes komplexes hochdynamisches System, das ‚aus sich heraus‘ alle Eindrücke und Erinnerungen ‚sortiert‘ und ‚bewertet‘. Und, wie wir wissen, sind es nicht selten sogenannte ‚Zufälle‘, die zu bestimmten Erlebnissen und Erinnerungen führen, die dann, wenn sie nicht weiter hinterfragt werden, in uns Bilder entstehen lassen, die vielleicht ‚falsch‘ sind. Womit sich die Frage stellt, wie wir die ‚Wahrheit‘ unseres Gedächtnisses erkennen können, wenn wir die Welt gerade nur durch unser Gedächtnis kennen? Und dann die ganzen Emotionen, die noch im Spiel sind/ sein können? Wer kontrolliert die? Welchen Regeln folgen sie? Ein anderer Aspekt ist unsere Umwelt, der gesellschaftliche Kontext: wie können wir kritisch sein, wenn die Alltagswelt keinerlei Ansatzpunkte für Kritik liefert?

Zutaten für ein  weiteres  spannendes Gespräch sind also gegeben.

Für das Memo zu dieser Sitzung siehe HIER.

Einen Überblick über alle Einträge zur Philosophiewewrkstatt nach Titeln findet sich HIER.

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DECHER – HANDBUCH PHILOSOPHIE DES GEISTES – EINLEITUNG – DISKURS

Decher, Friedhelm, Handbuch der Philosophie des Geistes, Darmstadt: WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2015 (Im Folgenden abgekürzt: HPG)

KONTEXT

  1. Im Laufe der letzten Jahre tauchte der Begriff Geist im Kontext der Blogeinträge immer wieder auf. Ja, er mündete sogar in ein eigenes großes öffentliches Forschungsprojekt, das den Namen Geist im Titel trägt, wenngleich in der englischen Variante Mind. Es ist die Rede vom Emerging Mind Projekt. In diesem Projekt wird ein Bogen gespannt zwischen den geistesgeschichtlichen (inklusive theologischen) Traditionen Europas zu den Errungenschaften der modernen empirischen Wissenschaften – insbesondere der evolutionären Biologie – inklusive der modernen Mathematik und Ingenieurskunst in Form von selbstlernenden intelligenten Maschinen. Die Arbeitshypothese bisher lautet, dass das, was geisteswissenschaftliche unter dem Begriff Geist abgehandelt wird, eine inhärente Eigenschaft der Energie-Materie ist.
  2. Vor diesem Hintergrund ist das Buch von Friedhelm Decher von Interesse. Er entwickelt in der Art eines Lese-Leitfadens den Gebrauch des Begriffs Geist entlang bedeutender Autoren von den ersten griechischen Denkern bis in die Gegenwart. Im Folgenden soll den Gedanken dieses Buches gefolgt werden und im einzelnen überprüft werden, wo und wieweit es sich mit der Arbeitshypothese des Emerging Mind Projektes überdeckt und wo es davon abweicht; im letzteren Fall interessiert natürlich speziell, wo und warum es eine Abweichung gibt.
  3. Die Arbeitshypothese des Emerging Mind Projektes ist ambivalent. Angenommen, sie trifft zu (wobei zu klären wäre, an welchen empirischen Kriterien man dies verifizieren könnte), dann könnte man das Ergebnis entweder (i) so deuten, dass die Besonderheit des Phänomens Geist sich in die Allgemeinheit einer Energie-Materie auflösen würde, oder (ii) die Besonderheiten der Eigenschaften des Geist-Phänomens lassen die Energie-Materie in einem neuen Licht erscheinen. Die aktuelle Aufspaltung der empirischen Phänomene in physikalische, chemische, biologische usw. Aspekte ist auf jeden Fall wissenschaftsphilosophisch unbefriedigend. Die vielfachen Reduktionsversuche von empirischen Phänomenen aus nicht-physikalischen Disziplinen auf das Begriffsrepertoire der Physik ist wissenschaftsphilosophisch ebenfalls weitgehend nicht überzeugend. Vor diesem Hintergrund wäre ein Vorgehen im Stile von (ii) sehr wohl interessant.
  4. Anmerkung: Die folgende Diskussion des Buches ersetzt in keiner Weise die eigene Lektüre. Der Autor dieser Zeilen diskutiert das Buch aus seinem Erkenntnisinteresse heraus, das verschieden sein kann sowohl von dem eines potentiellen Lesers wie auch möglicherweise (und sehr wahrscheinlich) von Friedhelm Decher selbst. Wer sich also eine eigene Meinung bilden will, kommt um die eigene Lektüre und eigene Urteilsbildung nicht herum.

EINLEITUNG (SS.9-15)

Diagramm zur Einleitung von Handbuch der Philosophie des Geistes (Decher 2015)

Diagramm zur Einleitung von Handbuch der Philosophie des Geistes (Decher 2015)

  1. Einleitungen in Bücher sind immer schwierig. Im Fall des HPG werden einerseits die verschiedenen sprachlichen Manifestationen des Begriffs Geist anhand diverser Wörterbücher und der aktuellen Alltagssprache illustrierend aufgelistet, andererseits gibt es den Versuch einer Fokussierung und einer ersten Strukturierung aus der Sicht des Autors Decher.
  2. Decher geht davon aus, dass Begriffe wie Geist, Bewusstsein, Selbstbewusstsein und Ich beim Menschen sowohl im Rahmen seiner Selbsterfahrung vorliegen, wie auch sich im menschlichen Verhalten manifestieren. Am Verhalten kann man viele Fähigkeiten ablesen wie z.B. sich Erinnern können, Sprechen können, vorausschauend Planen usw.
  3. Decher geht ferner davon aus, dass diese Phänomene jedem vertraut sind; sie sind offensichtlich.
  4. Es stellt sich damit die Frage, wo diese Phänomene herkommen. Mit Blick auf die Naturgeschichte folgt er einem einzigen Autor Ian Tattersall (1998), nach dem die Geschichte des Menschen vor 200.000 Jahren beginnt, und dieser Beginn sei u.a. dadurch charakterisiert, dass schon bei dieser Entstehung der Mensch kognitive Fähigkeiten gezeigt hat, die ihn von allen anderen Lebensformen abhoben. (vgl. S.14) Dies wertet Decher als erste Manifestationen von Geist, die sich dann im weiteren Verlauf in vielerlei Weise ergänzen. Er erwähnt besonders die Höhlenmalereien von vor 35.000 Jahren oder dann später mit Beginn der Hochkulturen in Ägypten und in Griechenland die sprachlichen Manifestationen.
  5. Zu erwähnen ist auch noch die Nennung des Begriffs Seele. (vgl. S.13) Dieser Begriff kommt nahezu parallel zum Begriff Geist vor. Hier bleibt noch offen, wie das Verhältnis dieser beiden Begriffe zu klären ist.

DISKURS

  1. So vorläufig und kryptisch, wie Gedanken in einer Einleitung nun mal sein müssen, so lassen diese Seiten doch schon – wenn man will – eine erste Positionierung von Autor Decher erkennen. Trotz Parallelisierung mit der Naturgeschichte des Menschen hebt er die Phänomene von Geist (und Seele) doch deutlich hervor und baut damit – dramaturgisch? – eine erste Spannung auf, wie sich das Verhältnis von Geist-Seele zum Übrigen von Geist-Seele weiter bestimmen lässt.
  2. Da wir heute aufgrund der modernen Wissenschaften über Erkenntnisse zum Gehirn sowie zu mathematischen Modellen verfügen, mittels deren wir alle bekannten geistig-seelischen Phänomene mittels nicht-geistig-seelischer Mittel als Verhaltensereignisse realisieren können, wird die Frage nach der möglichen Besonderheit des Geistes nicht minder spannend.
  3. Die heute vielfach festzustellende Euphorie in der Einschätzung intelligenter Maschinen und die stark einseitige Einschätzung einer möglichen Zukunft des Menschen im Vergleich zu den intelligenten Maschinen zugunsten der intelligenten Maschinen kann ein Motiv sein, die Spurensuche nach der Besonderheit des Geistigen mit Interesse zu verfolgen. Auf Seiten der Technikgläubigen kann man vielfach eine gewisse Naivität in der Einschätzung der Möglichkeiten von intelligenten Maschinen beobachten gepaart mit einer erschreckend großen Unwissenheit über die biologische Komplexität des Phänomens homo sapiens als Teil eines gigantischen Ökosystems. Eine solche Mischung aus technischer Naivität und Biologischer Unwissenheit kann sehr gefährlich sein, zumindest dann, wenn sie den Leitfaden abgibt für die Gestaltung der Zukunft menschlicher Gesellschaften.
  4. Es bleibt spannend zu sehen, ob und wie die Lektüre von Dechers Buch in dieser Fragestellung konstruktive Anregungen bringen kann.

Eine Fortsetzung findet sich HIER.

Einen Überblick aller Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

INDIVIDUUM vs. SYSTEM: Wenn das Individuum tot ist wird das System sterben …

1. Die folgenden Überlegungen müsste man eigentlich mit viel Mathematik und Empirie untermauert hinschreiben. Da ich aber auf Wochen absehbar dazu nicht die Zeit haben werde, ich den Gedanken trotzdem wichtig finde, notiere ich ihn so, wie er mir jetzt in die Finger und Tasten fließt …

PARADOX MENSCH Mai 2012

2. Am 4.Mai 2012 – also vor mehr als 2 Jahren – hatte ich einen Blogeintrag geschrieben (PARADOX MENSCH), in dem ich versucht hatte, anzudeuten, wie der eine Mensch in ganz unterschiedlichen ’sozialen Rollen‘, in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten vorkommt und dort, je nach Handlungs-, Wissens- und Werteraum ganz verschiedene Dinge tun kann. Derselbe Mensch kann hundert Tausende für sich bis zum umfallen Arbeiten lassen und selbst dabei ‚reich‘ und ‚genussvoll‘ in den Tag hinein leben oder er kann als genau dieser einzelner in einer Werkhalle stehen und für einen Hungerlohn bei miserablen Bedingungen sein Leben aufarbeiten, ohne viel darüber nachdenken zu können, wie er sein Leben ändern könnte. Der Mensch in der Werkhalle kann viel intelligenter, viel begabter sein als der, der die hundert Tausende befehligt, aber der in der Werkhalle hat keine sozialen Räume, um diese seine Begabungen ausleben zu können. Vielleicht wäre er ein mathematisches Genie, ein großer Pianist, ein begnadeter Architekt, eine wunderbare Krankenschwester, ein(e) …. wir werden es in der aktuellen Situation nicht wissen, es sei denn …

3. Was sich in dem Blogeintrag von 2012 andeutet, aber nicht explizit ausgeführt wird, das ist diese ‚doppelte Sicht‘ auf die Wirklichkeit:

INDIVIDUELL-SUBJEKTIV, SYSTEMISCH – TRANSSUBJEKTIV

4. als Individuen, als einzelne ‚erleben‘ wir die Welt aus unserer subjektiven Perspektive, mit unserem einzelnen Körper, finden uns vor in einem gesellschaftlichen Kontext, der uns als Kinder ‚empfängt‘ und der von Anfang an ‚mit uns umgeht‘. Als Kinder können wir fast nichts machen; wir sind ‚Gegenstand‘ dieser Prozesse‘, sehr oft einfach nur ‚Opfer‘; der Prozess ‚macht mit uns‘ etwas. Wie wir wissen können, gibt es hier die volle Bandbreite zwischen Hunger, Quälereien, Missbrauch, Folter, Arbeit bis hin zu friedlicher Umgebung, umsorgt werden, genügend (zu viel) zu Essen haben, spielen können, lernen können usw.

5. Wir erleben die Welt aus dieser EGO-Perspektive mit dem individuellen Körper, seinem Aussehen, seiner Motorik, seinen Eigenheiten in einer Umgebung, die ihre Spielregeln hat, unabhängig von uns. Wir gewinnen ein BILD von uns, das sich über die Umgebung formt, bildet, zu unserem Bild über uns wird, eine Rückspiegelung von uns unter den Bedingungen der Umgebung. Jemand hat die Begabung zu einem Ingenieure, wird aber immer nur belohnt und unterstützt, wenn er etwas ganz anderes macht, also wird er normalerweise nie Ingenieure werden. … Wer nur überlebt, wenn er lernt sich anzupassen oder andere mit Gewalt niederhält, permanent Angst um sich verbreitet, der wird selten zu einem ‚friedlichen‘, ‚umgänglichen‘ Gegenüber …

6. Aus Sicht ‚der Welt‘, der sozialen Struktur, der Firma, der Behörde, kurz, aus Sicht ‚des Systems‘ ist ein einzelner immer dasjenige ‚Element‘, das ‚im Sinne des Systems‘ ‚funktioniert‘! Wer Lehrer in einer Schule geworden ist, wurde dies nur, weil es das ‚System Schule‘ gibt und der einzelne bestimmte ‚Anforderung‘ ‚erfüllt‘ hat. Solange er diese Anforderungen erfüllt, kann er in dem ‚System Schule‘ das Element genannt ‚Lehrer‘ sein.

7. Das System interessiert sich nicht dafür, ob und wie das einzelne Element Lehrer auf seiner subjektiven Seite die alltäglichen Ereignisse, Erlebnisse, Anforderungen verarbeitet, verarbeiten kann; wenn das Element ‚Lehrer‘ im Sinne des Systems ‚Schwächen‘ zeigt, Anforderungen länger nicht erfüllen kann, dann muss das System dieses ’schwächelnde Element‘ ‚entfernen‘, da es ansonsten sich selbst schwächen würde. Das ‚System Schule‘ als gesellschaftliches System bezieht seine Berechtigung aus der Systemleistung. Wird diese nicht erbracht, dann gerät es – je nach Gesellschaft – unter Druck; dieser Druck wird auf jedes einzelne Element weiter gegeben.

8. Solange ein einzelnes Element die Systemanforderungen gut erfüllen kann bekommt es gute Rückmeldungen und fühlt sich ‚wohl‘. Kommt es zu Konflikten, Störungen innerhalb des Systems oder hat das individuelle Element auf seiner ’subjektiven Seite‘ Veränderungen, die es ihm schwer machen, die Systemanforderungen zu erfüllen, dann gerät es individuell unter ‚Druck‘, ‚Stress‘.

9. Kann dieser Druck auf Dauer nicht ‚gemildert‘ bzw. ganz aufgelöst werden, wird der Druck das individuelle Element (also jeden einzelnen von uns) ‚krank‘ machen, ‚arbeitsunfähig‘, ‚depressiv‘, oder was es noch an schönen Worten gibt.

MENSCHENFREUNDLICHE SYSTEME

10. In ‚menschenfreundlichen‘ Systemen gibt es Mechanismen, die einzelnen, wenn Sie in solche Stresssituationen kommen, Hilfen anbieten, wie der Druck eventuell aufgelöst werden kann, so dass das individuelle Element mit seinen Fähigkeiten, Erfahrungen und seinem Engagement mindestens erhalten bleibt. In anderen – den meisten ? — Systemen, wird ein gestresstes Element, das Ausfälle zeigt, ‚ausgesondert‘; es erfüllt nicht mehr seinen ’systemischen Zweck‘. Welche der beiden Strategien letztlich ’nachhaltiger‘ ist, mehr Qualität im System erzeugt, ist offiziell nicht entschieden.

11. In ‚menschenfreundlichen Gesellschaftssystemen‘ ist für wichtige ‚Notsituationen = Stresssituationen‘ ‚vorgesorgt‘, es gibt systemische ‚Hilfen‘, um im Falle von z.B. Arbeitslosigkeit oder Krankheit oder finanzieller Unterversorgung unterschiedlich stark unterstützt zu werden. In weniger menschenfreundlichen Systemen bekommt das einzelne Element, wenn es vom ‚System‘ ‚ausgesondert‘ wird, keinerlei Unterstützung; wer dann keinen zusätzlichen Kontext hat, fällt ins ‚gesellschaftliche Nichts‘.

12. Unabhängig von ökonomischen und gesellschaftlichen Systemen bleiben dann nur ‚individuell basierte Systeme‘ (Freundschaften, Familien, Vereine, private Vereinigungen, …), die einen ‚Puffer‘ bilden, eine ‚Lebenszone‘ für all das, was die anderen Systeme nicht bieten.

INDIVIDUELLE GRATWANDERUNG

13. Ein einzelner Mensch, der sein Leben sehr weitgehend darüber definiert, dass er ‚Systemelement‘ ist, d.h. dass er/sie als Element in einem System S bestimmte Leistungen erbringen muss, um ‚mitspielen‘ zu können, und der für dieses ‚Mitspielen‘ einen ‚vollen Einsatz‘ bringen muss, ein solcher Mensch vollzieht eine permanente ‚Gratwanderung‘.

14. Da jeder einzelne Mensch ein biologisches System ist, das einerseits fantastisch ist (im Kontext des biologischen Lebens), andererseits aber natürliche ‚Grenzwerte‘ hat, die eingehalten werden müssen, damit es auf Dauer funktionieren kann, kann ein einzelner Mensch auf Dauer als ‚Element im System‘ nicht ‚absolut‘ funktionieren; es braucht Pausen, Ruhezonen, hat auch mal ’schwächere Phasen‘, kann nicht über Jahre vollidentisch 100% liefern. Dazu kommen gelegentliche Krankheiten, Ereignisse im ‚privaten Umfeld, die für die ‚Stabilisierung‘ des einzelnen wichtig sind, die aber nicht immer mit dem ‚System‘ voll kompatibel sind. Je nach ‚Menschenunfreundlichkeit‘ des Systems lassen sich die privaten Bedürfnisse mit dem System in Einklang bringen oder aber nicht. Diese zunächst vielleicht kleinen Störungen können sich dann bei einem menschenunfreundlichem System auf Dauer zu immer größeren Störungen auswachsen bis dahin, dass das einzelne individuelle Element nicht mehr im System funktionieren kann.

15. Solange ein einzelnes Element nur seine ’subjektive Perspektive‘ anlegt und seine eigene Situation nur aus seiner individuellen Betroffenheit, seinem individuellen Stress betrachtet, kann es schnell in eine Stimmung der individuellen Ohnmacht geraten, der individuellen Kraftlosigkeit, des individuellen Versagens verknüpft mit Ängsten (eingebildeten oder real begründet), und damit mit seinen negativen Gefühlen die negative Situation weiter verstärken. Das kann dann zu einem negativen ‚Abwärtsstrudel‘ führen, gibt es nicht irgendwelche Faktoren in dem privaten Umfeld, die dieses ‚auffangen‘ können, das Ganze zum ‚Stillstand‘ bringen, ‚Besinnung‘ und ’neue Kraft‘ ermöglichen und damit die Voraussetzung für eine mögliche ‚Auflösung der Stresssituation‘ schaffen.

16. Menschen, die annähernd 100% in ihr ‚Element in einem System‘ Sein investieren und annähernd 0% in ihr privates Umfeld, sind ideale Kandidaten für den individuellen Totalcrash.

17. ‚Plazebos‘ wie Alkohol, Drogen, punktuelle Befriedigungs-Beziehungen, bezahlte Sonderevents und dergleichen sind erfahrungsgemäß keine nachhaltige Hilfe; sie verstärken eher noch die individuelle Hilflosigkeit für den Fall, dass es ernst wird mit dem Stress. Denn dann helfen alle diese Plazebos nichts mehr.

WAS WIRKLICH ZÄHLT

18. Das einzige, was wirklich zählt, das sind auf allen Ebenen solche Beziehungen zu anderen, die von ‚tatsächlichem‘ menschlichen Respekt, Anerkennung, Vertrautheit, Zuverlässigkeit, und Wertschätzung getragen sind, dann und gerade dann, wenn man phasenweise seine ‚vermeintliche Stärke‘ zu verlieren scheint. Das umfasst private Wohnbereiche zusammen mit anderen sowie ‚echte‘ Freundschaften, ‚echte‘ Beziehungen, ‚gelebte‘ Beziehungsgruppen, ‚Gefühlter Sinn‘, und dergleichen mehr.

LOGIK DES SYSTEMS

19. Die ‚Logik der Systeme‘ ist als solche ’neutral‘: sie kann menschenrelevante Aspekte entweder ausklammern oder einbeziehen. Solange es ein ‚Überangebot‘ an ‚fähigen Menschen‘ für ein System gibt, kann es vielleicht menschenrelevante Aspekte ‚ausklammern‘, solange das ‚gesellschaftliche Umfeld‘ eines Systems die ‚Störungen absorbiert‘. Wie man weiß, kann aber die ‚Qualität‘ eines Systems erheblich leiden, wenn es die ‚menschenrelevanten‘ Aspekte zu stark ausklammert; auch wird ein gesellschaftliches Umfeld – wie uns die Geschichte lehrt – auf Dauer ab einem bestimmten Ausmaß an zu absorbierenden Störungen instabil, so dass auch die für sich scheinbar funktionierenden Systeme ins Schwanken geraten. Die Stabilität eines Systems ist niemals unabhängig von seiner Umgebung. So führte historisch eine auftretende krasse Vermögens- und Arbeits-Ungleichverteilung immer wieder zu starken Turbulenzen, Revolutionen, in denen Menschen sich wehren. Denn letztlich sind alle absolut gleich, jeder hat die gleichen Rechte. Das einseitige Vorenthalten von Rechten bei den einen und die einseitige Privilegierung für wenige andere hat nahezu keine Begründung in einem persönlichen Besser sein, sondern ist fast ausschließlich systemisch-historisch bedingt. Da ‚Privilegieninhaber‘ von sich aus fast nie freiwillig auf ihre Privilegien verzichten wollen und alles tun, um diese ‚abzusichern‘, wird ein systemisches Ungleichgewicht in der Regel immer schlechter; dies ist nicht nachhaltig; letztendlich führt es zur De-Stabilisierung und damit in chaotische Zustände, in der es nicht notwendig ‚Gewinner‘ geben muss, aber auf jeden Fall viele Verlierer.

20. Ein ganz anderer Aspekt ist die globale Verarmung aller Systeme, die die individuellen Potentiale systemisch unterdrücken. Da fast jeder Mensch gut ist für etwas Besonderes, führt die ‚Einkastelung‘ der Individuen in ‚tote Elemente‘ eines Systems zwangsläufig zu einer ungeheuren Ressourcenverschwendung und Verarmung, die dem System selbst wertvollste Ressourcen entzieht. Der ‚Tod des Individuums‘ ist daher auf Dauer auch über die ‚Verarmung‘ des Systems auch ein ‚Tod des Systems‘. Jedes System, das nachhaltig die Potentiale seiner Individuen samt ihrer Privatheit besser fördert und entwickelt als ein Konkurrenzsystem, wird auf Dauer besser und stabiler sein.

Einen Überblick über alle bisherige Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

BEWUSSTSEIN – NICHT-BEWUSSTSEIN, GEFÜHLE; EINE ÜBERRASCHENDE WENDE

1. Seit Beginn dieses Blogs wurden sehr viele verschiedene Themen abgehandelt: zunächst ging es um grundlegende Fragen des Erkennens in einer Art erkenntnistheoretischen Perspektive. Dies vermischte sich mit der Frage nach dem Wechselverhältnis zwischen Philosophie und Wissenschaft. Auch die Beziehung zu Glaube, Religion kam zur Sprache; schließlich auch die Frage der Rolle der Kunst in diesem Kontext. Ganz neu war die Einbeziehung der Dimension der Gesellschaft mit Blick auf das Format der Demokratie als Rahmenbedingung für Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Religion. Das massive Auftreten von ‚Verschleißphänomenen‘ in den wichtigsten Demokratien der aktuellen Welt rief mehrere Beiträge zum Thema hervor.
2. Mit der letzten Philosophiewerkstatt traten nun überraschend zwei Phänomene verschärft ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die als solche nicht wirklich neu sind, die aber in dem Gespräch eine gewisse ‚Abgründigkeit‘ aufblitzen ließen, die mir so irgendwie lange nicht bewusst war; möglicherweise hatte ich diese Phänomene tatsächlich auch ‚verdrängt‘, da ich möglicherweise ‚intuitiv‘ spürte, dass wir bei diesen Themen mehr als mit allen anderen an die Grundlagen unseres Lebensgefühls und unseres Selbstverständnisses als Menschen rühren.
3. Einmal ist es der – bislang eher technische – Begriff des ‚Nicht-Bewusstseins‘, und dann ist es der ganze Komplex möglicher Bedeutungen um Begriffe wie ‚Gefühl‘, ‚Emotion‘, ‚Motivation‘, ‚Bedürfnisse‘, ‚Stimmungen‘, ‚Gemütszustände‘, um einige zu nennen. Im Folgenden benutze ich abkürzend den Begriff ‚Gefühle‘ für dieses ganze Netzwerk von Begriffen, um nicht immer alle aufzählen zu müssen. Die entsprechenden verfeinernden Unterscheidungen müssen nachgeliefert werden.

BEWUSSTSEIN

4. Der Begriff ‚Nicht-Bewusstsein‘ leitet sich her als Komplementärbegriff zum Begriff ‚Bewusstsein‘.
5. Berücksichtigt man die bisherige Fundamentalunterscheidung zwischen (i) Beobachten einer anderen Person ‚von außen‘ (Dritte Person, 3rd person view), sprich ‚verhaltensorientiert‘, verhaltensbasiert‘; (ii) Beobachten einer anderen Person mit Blick auf den Körper, die Physiologie einschließlich des Gehirns (auch dritte Person, aber fokussiert auf die ‚Maschinerie‘ ohne das Verhalten); sowie (iii) das ‚Selbstbewusstsein des Beobachters während der Beobachtung‘, seine ‚Innensicht‘, seine ‚Introspektion‘, den Raum der ‚eigenen Erlebnisse‘ in Form von ‚Phänomenen‘ (einige sprechen hier von ‚Qualia’…); dann begründet sich der Begriff des ‚Bewusstseins‘ aus dieser ‚Innensicht des Beobachters‘: was immer wir in der Welt (empirisch) erforschen, es setzt einen Beobachter mit Selbstbewusstsein voraus. Dies näher zu begründen, es ‚genauer zu definieren‘, ist nicht nur schwierig, sondern letztlich unmöglich.
6. In einer klassischen Definition wird ‚das Neue‘, ein neuer Terminus (alltagssprachlich auch ‚Begriff‘) (das zu Definierende, das ‚definiendum‘), mit etwas ’schon Bekanntem‘, mit schon bekannten Termini (alltagssprachlich auch ‚Begriffe‘) (mit dem ‚definiens‘) ‚erklärt‘ und in diesem Zusammenhang damit ‚definiert‘. Sofern der neue Begriff der Begriff ‚Bewusstsein‘ ist, stellt sich die Frage, auf welches ‚Bekannte‘ man sich bei der Einführung dieses Begriffs beziehen kann. Da es sich um etwas handelt, was im ‚Innern eines Beobachters‘ liegt, kann man nicht darauf zeigen wie bei einem Gegenstand der Körperwelt, der ‚intersubjektiv‘ vorkommt. Sofern jeder Beobachter in seinem ‚Innern‘ über ein B* verfügt, was bei allen Beobachtern ‚hinreichend ähnlich‘ ist, kann es die Möglichkeit geben, dass alle Beobachter über ‚indirekte Hinweise‘ eine Art ‚Arbeitshypothese‘ aufstellen können, die in ihnen die ‚Vermutung‘ erlaubt, dass dieses – jeweils individuelle und doch hinreichend gemeinsame – B* dasjenige ist, was gemeint ist, wenn von ‚Bewusstsein‘ gesprochen werden soll. Unter der Voraussetzung, dass es dieses B* tatsächlich gibt, kann man es zwar nicht ‚klar definieren‘, man kann aber dennoch sinnvollerweise ‚annähernd‘ darüber sprechen. Jeder weiß ‚irgendwie‘ was ‚gemeint‘ ist, aber keiner kann es ‚klar‘ bzw. ‚genau‘ sagen.

Gehirn im Körper von Beobachter A gesehen aus der Perspektive von Beobachter B

Gehirn im Körper von Beobachter A gesehen aus der Perspektive von Beobachter B

7. Nimmt man ferner an, dass – was immer genau die Inhalte des Bewusstseins B* sein mögen –, die Inhalte des Bewusstseins eine ‚Leistung des Gehirns‘ sind, also gehirn: I x IS —> IS x O mit B* subset IS, dann folgt daraus, dass ein Verständnis der Welt auf der Basis des Bewusstseins B* nur bedingt möglich ist. Für alle Beobachter bildet das Bewusstsein B* zwar den unumgehbaren Ausgangspunkt (auch für die Subspezies der Gehirnforscher), aber dieser Ausgangspunkt ist ‚in sich‘ geprägt/ geformt von einer Verarbeitungslogik, die die körperspezifisch ist und die nicht notwendigerweise die Struktur der umgebenden Welt adäquat repräsentiert.
8. Andererseits wird von dieser Körpergebundenheit des Bewusstseins B* her verständlich, warum zumindest die Struktur des Bewusstseins B* bei allen Beobachtern ‚hinreichend ähnlich‘ sein kann, da – wie wie von der Biologie wissen – alle Körper der Population ‚Mensch‘ (homo sapiens sapiens) auf den gleichen Genen und den gleichen Wachstumsprozessen basieren (‚gleich‘ schließt hier gewisse statistische ‚Variationen‘ mit ein, die sehr wohl auch zu Unterschieden führen können).
9. Der Begriff ‚Bewusstsein‘ (definiert über das unterstellte B* in jedem Beobachter) lässt sich also assoziieren mit all jenen ‚Inhalten (= Phänomenen) des Bewusstseins‘, die ein Bewusstsein ‚ausmachen‘. Aus der ‚Innensicht‘ eines Beobachters A sind diese Phänomene ‚real_A‘ bezogen auf den Bewusstseinsraum B*_A. Insofern B*_A Teil eines Gehirns G_A in einem Körper K_A (von dem Beobachter A) sind, sind diese Phänomene auch für einen Beobachter B ‚real_B‘, insoweit dieser das Gehirn von A betrachten würde. Allerdings könnte der Beobachter B nur das Gehirn und dessen physiologische Zustände aus der Perspektive der dritten Person beobachten. Das ‚Bewusstsein B*‘ von Beobachter A könnte Beobachter B nicht ‚direkt‘ beobachten, da es spezifisch an die ‚Innenperspektive‘ des Gehirns von Beobachter A gebunden ist. Nur über den Umweg von ‚Selbstaussagen von Beobachter A zu seinen Bewusstseinsinhalten‘ könnte Beobachter B versuchen, die ‚Inhalte‘ dieser Selbstaussagen mit seinen Beobachtungen der Gehirnzustände von Beobachter A zu ‚korrelieren‘. Ein solches ‚korrelierendes‘ Vorgehen ist äußerst mühsam und kann – selbst bei ‚bester Absicht‘ – prinzipiell immer nur eine Annäherung an die Sache bleiben, da die ‚Inhalt von Selbstaussagen‘ bezüglich von Bewusstseinsinhalten aufgrund der Besonderheit von Zeichensystemen niemals ‚klar‘ bzw. ‚präzise‘ wie im Falle operationaler empirischer Begriffe sein können (in Umstand, den die meisten Gehirnforscher großzügig übergehen).

NICHT-BEWUSSTSEIN

10. Die Perspektive des Beobachters B relativ zum Beobachter A bietet die Möglichkeit, ausgehend von der Annahme eines Bewusstseins B* die Arbeitshypothese zu bilden, dass es ‚außerhalb‘ eines Bewusstseinsraumes sehr wohl noch ‚anderes‘ gibt, mindestens die ‚anderen‘ Zustände des ermöglichenden Gehirns bzw. Körpers, dann aber auch – bei entsprechender Theoriebildung – weitere ‚Zustände‘ der ‚Welt außerhalb eines Körpers‘. Alle diese ‚Zustände außerhalb eines bestimmten Bewusstseins B*‘ gehören laut Definition nicht (!) zum Bewusstseins und bilden damit den potentiellen Raum für das ‚Nicht-Bewusstsein‘. Das ‚Nichtbewusstsein‘ (auch compl(B*)) erscheint von daher ein unendlich größerer Bereich als der Bereich des definierten Bewusstseins B*. Andererseits hat jeder menschliche Beobachter nur über sein Bewusstsein B* Zugang zum ‚Nicht-Bewusstsein‘ compl(B*)!
11. Während die klassische Philosophie sich vorwiegend mit den Inhalten des Bewusstseins B* und seiner möglichen Voraussetzungen aus der Innen-Sicht des Bewusstseins B* beschäftigt hat und die moderne empirischen Wissenschaften vorwiegend mit den strukturellen Rahmenbedingungen eines unterstellten Bewusstseins B*, eben mit dem Nicht-Bewusstsein compl(B*), stellt sich für die ’neue Philosophie‘ die Aufgabe dahingehend, sowohl (i) die Inhalte des Bewusstseins unter Berücksichtigung des Nicht-Bewusstseins, als der ermöglichenden Strukturen (Gehirn im Körper, Körper, Wachstum, ermöglichenden Evolution) zu untersuchen wie auch (ii) die empirischen Wissensstrukturen unter Berücksichtigung des ermöglichenden Bewusstseinsraumes B* zu analysieren. Mit anderen Worten: wir haben eine Wechselwirkung von compl(B*) zu B* und umgekehrt ’sehen‘ wir compl(B*) unter den Bedingungen von B*.

Hinweis: in meinem Wissenschaftsblog diskutiere ich auch die Möglichkeit, wieweit ich die Begriffe ‚Bewusstsein/ Nichtbewusstsein‘ im Rahmen einer verhaltensbasierten Theoriebildung benutzen kann, u.a. HIER.

Fortsetzung folgt

Einen Überblick über alle Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

M.DONALD – EVOLUTION DES MENSCHLICHEN BEWUSSTSEINS – Kurzbesprechung, Teil 1

Merlin Donald, A Mind So Rare. The Evolution of Human Consciousness. New York – London: W.W.Norton & Company, 2001

Zur Person von Merlin Donald gibt es einen Eintrag in der englischen Wikipedia und einen kurzen Text der Case Western University. Das aktuelle Buch ist eine Art Weiterentwickung seines Buches von 1991 (s.u.).

1) Dass ich bei einem Buch nur ausgewählte Kapitel bespreche ist neu. Liegt aber darin begründet, dass die im Kontext dieses Blogs interessante Thesen sich erst in den Schlusskapiteln finden (und weil die knappe Zeit eine Auswahl erzwingt).
2) Im Vorwort (‚Prologue‘) (vgl. SS.X – XIV) macht Donald darauf aufmerksam dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht selten erst möglich wurde, wenn wir anscheinend gültige alltäglich Wahrheiten als trügerisch und falsch erkannt haben (z.B. erwiesen sich die Atome Demokrits im Laufe der Zeit nicht nur nicht als nicht ’solide‘, sondern die Unterscheidung zwischen Energie und Materie brach grundsätzlich in sich zusammen). Ähnlich erwiesen sich viele Anschauungen der Philosophie und der Psychologie über den menschlichen Geist als Täuschungen. Die Realität unserer Körper bestätigt keine einzige der Anschauungen der letzten Jahrtausende. Ein Schwerpunkt des Buches von Donald liegt darin, dass er die Besonderheit des menschlichen Geistes nicht in der Besonderheit der spezifischen Beschaffenheit des Gehirns alleine liegt (wenngleich es welche aufweist), sondern in der Fähigkeit, ‚Kultur‘ (‚culture‘) hervorzubringen und zu assimilieren. (vgl. S.XIII) Der menschliche ‚Geist‘ (‚mind‘) existiert nicht ‚für sich‘, sondern nur eingewoben in das Netzwerk einer Kultur. Für sich genommen ist ein einzelnes Gehirn isoliert, eingeschlossen in einen Körper, vollständig ’solipsistisch‘. Und es ist eine spannende Frage, wie es möglich war, dass die einzelnen Gehirne ihre Isoliertheit und Gefangenschaft im einzelnen Körper entkommen konnten.
3) Im Kap.1 zeichnet er ein wenig das Spannungsverhältnis zwischen dem Thema ‚Bewusstsein‘ einerseits und dem Thema ‚Evolution‘ andererseits nach. Im Allgemeinen sehen – nach Donald – Vertreter der Evolutionstheorie das Phänomen des Bewusstseins als etwas an, das ganz und gar unwissenschaftlich ist. (vgl. S.1) Als ‚Anti-Bewusstseins-Denker‘ nennt er ausdrücklich die Namen Daniel Dennett (der sich selbst als ‚Philosoph‘ bezeichnet) und den Psychologen Stephen Pinker. (vgl. S.1f) Die Grundthese von diesen beiden und anderen, die Donald nur ‚evolutionäre Hardliner‘ nennt, besteht nach Donald darin, dass sie die ‚Gene‘ und die ‚Maschinerie der Neuronen‘ zu den eigentlichen ‚Akteuren‘ erklären und dem Phänomen des Bewusstseins nur eine ephemere Rolle zubilligen. Die Erfolge der künstlichen Intelligenzforschung nutzen sie dann als zusätzlichen Hinweis darauf, dass man für die Erklärung sogenannter ‚geistiger Eigenschaften‘ keine speziellen ‚geistigen Eigenschaften‘ benötigt, sondern dass die normale ‚Hardware‘ – also sowohl die Chips der Computer wie die Zellen des Gehirns – ausreiche, um diese ‚Geistigkeit‘ – auch in Form eines ‚Bewusstseins‘ – zu erzeugen. (vgl. S.2f) Entsprechend sind auch emergente Phänomene wie ‚Kultur‘ nur Ausstülpungen der zugrunde liegenden ‚Hardware‘. (vgl. S.3) Richard Dawkins hat in diesem Kontext das Denkmodell der ‚Meme‘ eingeführt; diese sieht er in Analogie zu den Genen als Grundelemente kulturellen Denkens.(vgl. S.4) Der einzelne Mensch ist nach Donald in diesem Modell von Dawkins ein willenloses Etwas, von ‚unten‘ determiniert durch die Gene und die übermächtige Hardware des Körpers, von außen durch eine vorgegebene Umwelt und dann, zusätzlich, durch die Meme der Kultur, die von außen in ihn eindringen und seine Wahrnehmung und sein Denken steuern.(vgl. S.4)
4) Diesem das Bewusstsein herunter spielende Denken setzt Donald zahlreiche empirische Befunde entgegen (Oliver Sacks, Melvyn Goodale, A.D.Milner, Tony Marcel, Ariel Mack, Irvin Rock, Peter Juszyck), die alle zusammen die Hypothese unterstützen sollen, dass nahezu alle wichtigen Lernleistungen ganz bestimmte Aufmerksamkeitsleistungen und Bewusstheit voraussetzen. Nachdem man etwas mit Aufmerksamkeit und Bewusstsein gelernt hat, kann man es oft ‚automatisieren‘. Außerdem zeigt sich, dass diese charakteristischen ‚Bewusstheiten‘ mit bestimmten Gehirnarealen korrelieren; werden diese beschädigt sind diese Bewusstheiten nicht mehr verfügbar. (vgl. SS.4-7)
5) Donald sieht sich selbst nicht im Gegensatz zu einer evolutionären Sicht der Entstehung des Lebens. Im Gegensatz zu jenen, die er evolutionäre Hardliner nennt, betrachtet er aber das Phänomen des Bewusstseins, so, wie es sich bei den Menschen dann zeigte, als eine Entwicklung, die etwas Besonderes repräsentiert, das den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Natürlich gibt es reale Veränderungen im Gehirn selbst, die nachweisbar sind, aber diese Veränderungen der ‚Hardware‘ erklärt als solche nicht den zusätzlichen ‚Funktionszuwachs‘, der letztlich der Schlüssel zu allem ist, was den Menschen von den anderen Lebewesen markant unterscheidet; das Phänomen der ‚Sprachen‘ ist hier nur ein Aspekt, wenngleich vielleicht ein sehr zentraler. Während alle anderen Lebewesen – soweit wir heute erkennen können – weitgehend von ihren genetisch induzierten Programmen bestimmt sind, hat der Mensch die Fähigkeit erlangt, durch sein Selbstbewusstsein und durch seine Sprachfähigkeit die vorgegebenen Bahnen eindrücklich und nachhaltig aufzubrechen, nicht nur einmal, sondern andauernd. (vgl. S.7f)
6) Donald gibt auch zu, dass er selbst noch keine ‚Theorie des Selbstbewusstseins‘ im engeren Sinn habe und er sieht auch nicht, dass es solch eine Theorie in naher Zukunft geben könnte. Was er aber versucht, das ist die Inblicknahme des Phänomens ‚Selbstbewusstsein‘ in all seinen Manifestationen, in der Hoffnung, dass dann in der Zukunft vielleicht so langsam eine Theorie entstehen könnte, die diese Manifestationen in Beziehung setzen kann zu der zugrunde liegenden Maschinerie.(vgl. S.8f)
7) [Anmerkung: Donald benutzt ohne erkennbare Logik verschiedene Wortmarken abwechselnd, wenn er von (Selbst-)Bewusstsein spricht, z.B. ‚awareness‘, ‚consciousness‘, ’subjective awareness‘. Mir kommt es so vor, als ob die Wortmarke ‚conscsiousness‘ am häufigsten vorkommt. ]
8) Nach Donald fängt das Problem auch schon mit der Schwierigkeit einer klaren Definition an. Er selbst lehnt es ab, das Phänomen des ‚Selbstbewusstseins‘ z.B. auf reine ’sensorische Empfindung‘ oder auf ‚Sprache‘ zu reduzieren. Für ihn zeigt sich das Phänomen auf vielen Ebenen und in vielen Brennpunkten gleichzeitig und es ist zugleich tief verwurzelt in einem evolutionären Prozess. Unsere Art, Dinge ‚bewusst‘ tun zu können zeichnet uns aus vor allen anderen Arten. (vgl. SS.8-10) Dies schließt nicht aus, dass wir Teile unsere zerebralen Maschinerie mit anderen Lebewesen teilen, aber eben nicht alles. (vgl. S.10f) Und das Besondere des Menschen ist eben, dass seine zerebrale Maschinerie nicht nur Sprache und Kultur ermöglicht, sondern – und das ist das absolut Besondere – dass Sprache und Kultur auf den einzelnen Menschen so zurückwirken können, dass er als Teil von Sprache und Kultur einfach ein ‚anderes Wesen‘ wird als ohne diese beiden Elemente. (vgl. S.11)
9) [Anmerkung: Der Text von Donald liest sich recht packend, fast dramatisch. Man spürt, wie er mit den starken Tendenzen in Wissenschaft und Philosophie ringt, das Phänomen des Selbstbewusstseins ‚klein zu reden‘, es ‚weg zu reden‘. Während man es bei empirischen Wissenschaftlern fast noch verstehen kann, dass sie eine ’natürliche Scheu‘ vor zu komplexen Phänomenen haben, die sich einer einfachen empirischen Analyse entziehen, gewinnt es bei Menschen, die sich Philosophen nennen, dann schon fast bizarre Züge. Andererseits, auch das ‚Kleinreden‘ von Phänomenen kann seinen Wert haben und die Position eines Daniel Dennett hat in ihrer Radikalität so manchen vielleicht aufgeschreckt und dazu gebracht, doch auch einmal selbst über das Phänomen Selbstbewusstsein nachzudenken und nicht nur ’nachdenken zu lassen‘.]
10) [Anmerkung: Wie bei allen ‚emergenten‘ Phänomenen (z.B. ‚Wärme‘, ‚Phänotypen‘, ‚Verhalten‘ usw.) ist es natürlich immer am einfachsten sich einer Erklärung ganz zu verweigern und einfach nur auf die hervorbringenden Einzelelemente zu verweisen, die mit dem emergenten Phänomen korrelieren. So sind die einzelnen neuronalen Zellen in einem Nervensystem als solche aufweisbar und man kann einzelne ihrer Eigenschaften ‚messen‘. Aber mit noch so vielem Aufweisen einzelner Zellen kann man das Gesamtverhalten von z.B. nur zwei einzelnen Zellen NICHT erklären, die sich z.B. wie ein logisches Gatter (UND, ODER) verhalten. Von einer ‚höheren Betrachtungsebene‘ aus ist klar, dass es genau diese logische Struktur ist, die da ‚am Werke‘ ist, aber diese logische Struktur als solche ist kein ‚Objekt‘ wie die einzelnen, beteiligten Zellen. Die logische Struktur ist eine ‚Funktion‘ die sich ‚implizit im Verhalten zeigt‘, wenn man das Verhalten entsprechend ‚betrachtet‘. D.h. im ‚Zusammenwirken‘ beider einzelner Zellen zeigt sich eine ‚Eigenschaft‘, die sie beide ‚zusammen‘ haben, aber nur zusammen; bei Betrachtung jeder Zelle für sich würde diese Eigenschaft nicht sichtbar werden. Die Frage ist dann, wie man den ‚ontologischen Status‘ dieser ‚gemeinsamen Eigenschaft‘ bewertet. Die gemeinsame Eigenschaft ist ‚manifest‘, ‚real‘ beim ‚Zusammenwirken‘ und auch nur für denjenigen, der das Zusammenwirken als Zusammenwirken ‚beobachtet‘. Ohne einen Beobachter werden sich beide Zellen – nach unserem Wissen – genauso verhalten, aber für den menschlichen Erkenntnisraum erschließt sich dieser Sachverhalt nur, wenn es wenigstens einen menschlichen Beobachter gibt, der speziell auf das Zusammenwirken der beiden Zellen achtet und der darüber hinaus in der Lage ist, ein ‚Konzept‘ wie das des ‚logischen Gatters‘ oder einer ‚boolschen logischen Funktion‘ zu denken. Jemand, der keine Ahnung von Logik hat, würde das Verhalten der beiden Zellen, obgleich es da wäre, gar nicht wahrnehmen. ]
11) [Anmerkung: Das emergente Phänomen des Selbstbewusstseins ist zwar um ein Unendliches komplexer als unser Zwei-Neuronen-Modell eines logischen Gatters (es gibt ca. 100 Mrd. Nervenzellen die mit dem Phänomen des Selbstbewusstseins korrelieren…), es ist aber strukturell sehr ähnlich. Sollte es spezielle Verhaltenseigenschaften der 100 Mrd. Neuronen geben, die sich eben nur in ihrem Zusammenwirken zeigen, und zwar als ‚reale‘ Eigenschaften, dann wäre es eine Form von ‚kognitiver Blindheit‘, diese nicht wahrzunehmen, nur weil man die dazu notwendigen begrifflichen Konzepte nicht parat hätte. Bei Dennett und Pinker könnte man – wenn man Donald liest – den Verdacht hegen, dass sie von solch einer Spielart ‚kognitiver Blindheit‘ betroffen sind, dass sie nicht einmal im Ansatz anzunehmen scheinen, dass es reale komplexe Eigenschaften geben kann, die sich nur im Zusammenspiel von vielen einzelnen Elementen – in ‚emergenter‘ Weise, wie man so schön sagt – zeigen können. Wenn man bedenkt, wie schwer wir uns mit unserem Denken tun, schon bei vergleichsweise einfachen emergenten Phänomenen (z.B. bei logischen Sachverhalten mit nur ein paar Duzent logischen Operatoren) den Überblick zu behalten, dann wundert es vielleicht nicht, wenn wir bei so unendlich komplexen Phänomen wie den verschiedenen Verhaltenseigenschaften des Gehirns uns eher auf die ‚kognitive Flucht‘ begeben als uns der mühsamen Analyse ihrer impliziten Logik zu unterziehen. ]

Zur Fortsetzung siehe HIER.

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

QUELLENNACHWEISE

Ein älteres Buch von Donald:

Merlin Donald, Origins of the Modern Mind. Three stages in the evolution of culture and cognition. Cambridge (MA) – London: Harvard University Press, 1991

REDUKTIONISMUS, EMERGENZ, KREATIVITÄT, GOTT – S.A.Kauffman – Teil 5

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Letzte Änderung (mit Erweiterungen): 12.April 2013, 06:26h

ALLGEMEINE EINSCHÄTZUNGEN ZU SEELE, GEIST UND WISSENSCHAFTEN

1. Im nächsten Kapitel ‚Mind‘ (etwa ‚Geist‘ (es gibt keine eindeutigen begrifflichen Zuordnungen in diesem Fall)) (SS.177-196) handelt Kauffman vom ‚Geist‘ des Menschen einschließlich dem besonderen Aspekt ‚(Selbst-)Bewusstsein‘ (‚consciousness‘) mit jenen Beschreibungsversuchen, die er für nicht zutreffend hält. Es folgt dann ein Kapitel ‚The Quantum Brain‘ (etwa ‚Das Quantengehirn‘) (SS.197-229), in dem er seine mögliche Interpretation vorstellt. Seine eigene Grundüberzeugung stellt er gleich an den Anfang, indem er sagt, dass der menschliche Geist (i) nicht ‚algorithmisch‘ sei im Sinne eines berechenbaren Ereignisses, sondern (ii) der Geist sei ‚Bedeutung und tue Organisches‘ (‚is a meaning and doing organic system‘). (iii) Wie der Geist Bedeutung erzeuge und sein Verhalten hervorbringe, das sei jenseits der aktuellen wissenschaftlichen Erklärungsmöglichkeiten.(vgl. S.177)
2. [Anmk: Seiner grundsätzlichen Einschätzung, dass eine vollständige wissenschaftliche Erklärung bislang nicht möglich sei (iii), kann ich nur zustimmen; wir haben mehr Fragen als Antworten. Die andere Aussage (ii), dass Geist ‚is a meaning and doing organic system‘, ist schwierig zu verstehen. Was soll es heißen, dass der Geist (‚mind‘) ‚doing organic system‘? Hier kann man nur raten. Ein sehr radikaler Interpretationsversuch wäre, zu sagen, dass der ‚Geist‘ etwas ist, was die Entstehung von organischen Systemen ermöglicht. Damit würde Geist fast schon zu einem ‚inneren Prinzip der Materie‘. Aus den bisherigen Ausführungen von Kauffmann gäbe es wenig Anhaltspunkte, das zu verstehen. Die andere Aussage (i), dass ‚Geist‘ (‚mind‘) ‚Bedeutung‘ sei, ist ebenfalls nicht so klar. Die Standardinterpretation von ‚Bedeutung‘ wird von der Semiotik geliefert. Innerhalb der Semiotik ist aber speziell der Begriff der Bedeutung, wie man sehr schnell sehen kann keinesfalls einfach oder klar. Ohne eine eigene Theorie verliert man sich in den historisch gewachsenen Verästelungen. Es gibt eine Vielzahl von Denkversuchen, die sich nicht auf einen gemeinsamen Denkrahmen zurückführen lassen. Die Geschichte der Ideen ist generell ein faszinierendes Phänomen ohne eine zwingende Logik. Die muss man sich selbst erarbeiten.]

ALGORITHMISIERUG VON GEIST

3. Auf den Seiten 178-182 zählt er einige wichtige Personen und Konzepte auf, die der Begriff ‚algorithmisch‘ in seiner historischen Entwicklung konnotiert. Da ist einmal Turing, der ein mathematisches Konzept von ‚Berechenbarkeit‘ gefunden hat, das bis heute die Grundlage für alle wichtigen Beweise bildet. Daneben von Neumann, der ’nebenher‘ eine Architektur für reale Computer erfunden hat, die als Von-Neumann-Architektur zum Ausgangspunkt der modernen programmierbaren Computers geworden ist. Ferner stellt er McCulloch vor und Pitts. McCulloch und Pitts gelten als jene, die als erstes eine erfolgreiche Formalisierung biologischer Nervenzellen durchgeführt haben und mit ihren McCulloch-Pitts Neuronen das Gebiet der künstlichen neuronalen Zellen begründeten. Das Besondere am frühen Konzept von McCulloch-Pitts war, dass sie nicht nur ein formales Modell von vernetzten künstlichen Neuronen definierten, sondern dass sie zusätzlich eine Abbildung dieser Neuronen in eine Menge formaler Aussagen in dem Sinne vornahmen, dass ein Neuron nicht nur eine Prozesseinheit war mit dem Zustand ‚1‘ oder ‚0‘, sondern man ein Neuron zugleich auch als eine Aussage interpretieren konnte, die ‚wahr‘ (‚1‘) sein konnte oder ‚falsch‘ (‚0‘). Damit entstand parallel zu den ‚rechnenden‘ Neuronen – in einer ’symbolischen‘ Dimension – eine Menge von interpretierten logischen Aussagen, die man mit logischen Mitteln bearbeiten konnte. Kauffman diskutiert den Zusammenhang zwischen diesen drei Konzepten nicht, stellt dann aber einen Zusammenhang her zwischen dem Formalisierungsansatz von McCulloch-Pitts und seinem eigenen Konzept eines ‚Boolschen Network Modells‘ (‚Boolean network model‘) aus Kapitel 8 her [hatte ich im Detail nicht beschrieben][Anmerkung: Vor einigen Jahren hatte ich mal versucht, die Formalisierungsansätze von McCulloch und Pitts zu rekonstruieren. Sie benutzen die Logik, die damals Carnap entwickelt hatte, erweitert um den Faktor Zeit. Mir ist keine konsistente Rekonstruktion gelungen, was nicht viel besagen muss. Möglicherweise war ich zu dumm, zu verstehen, was Sie genau wollen.]
4. Sowohl am Beispiel des ‚rechnenden Neurons‘ (was Kauffman und viele andere als ’subsymbolisch‘ bezeichnen) wie auch am Beispiel der interpretierten Aussagen (die von Kauffman als ’symbolisch‘ bezeichnete Variante) illustriert Kauffman, wie diese Modelle dazu benutzt werden können, um sie zusätzlich in einer dritten Version zu interpretieren, nämlich als ein Prozessmodell, das nicht nur ‚Energie‘ (‚1‘, ‚0‘) bzw. ‚wahr’/ ‚falsch‘ verarbeitet, sondern diese Zustände lassen sich abbilden auf ‚Eigenschaften des Bewusstseins‘, auf spezielle ‚Erlebnisse‘, die sich sowohl als ‚elementar’/ ‚atomar‘ interpretieren lassen wie auch als ‚komplex’/ ‚abstrahiert‘ auf der Basis elementarer Erlebnisse. (vgl. S.180f)
5. [Anmerkung: Diese von Kauffman eingeführten theoretischen Konzepte tangieren sehr viele methodische Probleme, von denen er kein einziges erwähnt. So muss man sehr klar unterscheiden zwischen dem mathematischen Konzept der Berechenbarkeit von Turing und dem Architekturkonzept von von Neumann. Während Turing ein allgemeines mathematisches (und letztlich sogar philosophisches!) Konzept von ‚endlich entscheidbaren Prozessen‘ vorstellt, das unabhängig ist von irgend einer konkreten Maschine, beschreibt von Neumann ein konkrete Architektur für eine ganze Klasse von konkreten Maschinen. Dass die Nachwelt Turings mathematisches Konzept ‚Turing Maschine‘ genannt hat erweckt den Eindruck, als ob die ‚Turing Maschine‘ eine ‚Maschine sei. Das aber ist sie gerade nicht. Das mathematische Konzept ‚Turing Maschine‘ enthält Elemente (wie z.B. ein beidseitig unendliches Band), was niemals eine konkrete Maschine sein kann. Demgegenüber ist die Von-Neumann-Architektur zu konkret, um als Konzept für die allgemeine Berechenbarkeit dienen zu können. Ferner, während ein Computer mit einer Von-Neumann-Architektur per Definition kein neuronales Netz ist, kann man aber ein neuronales Netz auf einem Von-Neumann-Computer simulieren. Außerdem kann man mit Hilfe des Turing-Maschinen Konzeptes untersuchen und feststellen, ob ein neuronales Netz effektiv entscheidbare Berechnungen durchführen kann oder nicht. Schließlich, was die unterschiedlichen ‚Interpretationen‘ von neuronalen Netzen angeht, sollte man sich klar machen, dass ein künstliches neuronales Netz zunächst mal eine formale Struktur KNN=[N,V,dyn] ist mit Mengen von Elementen N, die man Neuronen nennt, eine Menge von Verbindungen V zwischen diesen Elementen, und einer Übergangsfunktion dyn, die sagt, wie man von einem aktuellen Zustand des Netzes zum nächsten kommt. Diese Menge von Elementen ist als solche völlig ’neutral‘. Mit Hilfe von zusätzlichen ‚Abbildungen‘ (‚Interpretationen‘) kann man diesen Elementen und ihren Verbindungen und Veränderungen nun beliebige andere Werte zuweisen (Energie, Wahr/Falsch, Erlebnisse, usw.). Ob solche Interpretationen ’sinnvoll‘ sind, hängt vom jeweiligen Anwendungskontext ab. Wenn Kauffman solche möglichen Interpretationen aufzählt (ohne auf die methodischen Probleme hinzuweisen), dann sagt dies zunächst mal gar nichts.]

GEHIRN ALS PHYSIKALISCHER PROZESS

6. Es folgt dann ein kurzer Abschnitt (SS.182-184) in dem er einige Resultate der modernen Gehirnforschung zitiert und feststellt, dass nicht wenige Gehirnforscher dahin tendieren, das Gehirn als einen Prozess im Sinne der klassischen Physik zu sehen: Bestimmte neuronale Muster stehen entweder für Vorgänge in der Außenwelt oder stehen in Beziehung zu bewussten Erlebnissen. Das Bewusstsein hat in diesem Modell keinen ‚kausalen‘ Einfluss auf diese Maschinerie, wohl aber umgekehrt (z.B. ‚freier Wille‘ als Einbildung, nicht real).
7. [Anmk: Das Aufzählen dieser Positionen ohne kritische methodische Reflexion ihrer methodischen Voraussetzungen und Probleme erscheint mir wenig hilfreich. Die meisten Aussagen von Neurowissenschaftlern, die über die Beschreibung von neuronalen Prozessen im engeren Sinne hinausgehen sind – vorsichtig ausgedrückt – mindestens problematisch, bei näherer Betrachtung in der Regel unhaltbar. Eine tiefergreifende Diskussion mit Neurowissenschaftlern ist nach meiner Erfahrung allerdings in der Regel schwierig, da ihnen die methodischen Probleme fremd sind; es scheint hier ein starkes Reflexions- und Theoriedefizit zu geben. Dass Kauffman hier nicht konkreter auf eine kritische Lesart einsteigt, liegt möglicherweise auch daran, dass er in den späteren Abschnitten einen quantenphysikalischen Standpunkt einführt, der diese schlichten klassischen Modellvorstellungen von spezifischen Voraussetzungen überflüssig zu machen scheint.]

KOGNITIONSWISSENSCHAFTEN; GRENZEN DES ALGORITHMISCHEN

8. Es folgt dann ein Abschnitt (SS.184-191) über die kognitiven Wissenschaften (‚cognitive science‘). Er betrachtet jene Phase und jene Strömungen der kognitiven Wissenschaften, die mit der Modellvorstellung gearbeitet haben, dass man den menschlichen Geist wie einen Computer verstehen kann, der die unterschiedlichsten Probleme ‚algorithmisch‘, d.h. durch Abarbeitung eines bestimmten ‚Programms‘, löst. Dem stellt Kauffman nochmals die Unentscheidbarkeits- und Unvollständigkeitsergebnisse von Gödel gegenüber, die aufzeigen, dass alle interessanten Gebiete der Mathematik eben nicht algorithmisch entscheidbar sind. Anhand der beiden berühmten Mathematiker Riemann und Euler illustriert er, wie deren wichtigsten Neuerungen sich nicht aus dem bis dahin Bekanntem algorithmisch ableiten ließen, sondern auf ‚kreative Weise‘ etwas Neues gefunden haben. Er zitiert dann auch die Forschungen von Douglas Medin, der bei seinen Untersuchungen zur ‚Kategorienbildung‘ im menschlichen Denken auf sehr viele ungelöste Fragen gestoßen ist. Wahrscheinlichkeitstheoretische Ansätze zur Bildung von Clustern leiden an dem Problem, dass sie nicht beantworten können, was letztlich das Gruppierungskriterium (‚Ähnlichkeit‘, welche?) ist. Aufgrund dieser grundsätzlichen Schwierigkeit, ‚Neues‘, ‚Innovatives‘ vorweg zu spezifizieren, sieht Kauffman ein grundsätzliches Problem darin, den menschlichen Geist ausschließlich algorithmisch zu definieren, da Algorithmen – nach seiner Auffassung – klare Rahmenbedingungen voraussetzen. Aufgrund der zuvor geschilderten Schwierigkeiten, solche zu bestimmten, sieht er diese nicht gegeben und folgert daraus, dass die Annahme eines ‚algorithmischen Geistes‘ unzulänglich ist.
9. [Anmk: Die Argumente am Beispiel von Goedel, Riemann, Euler, und Medin – er erwähnte auch noch Wittgenstein mit den Sprachspielen – würde ich auch benutzen. Die Frage ist aber, ob die Argumente tatsächlich ausreichen, um einen ‚algorithmischen Geist‘ völlig auszuschliessen. Zunächst einmal muss man sich klar machen, dass es ja bislang überhaupt keine ‚Theorie des Geistes an sich‘ gibt, da ein Begriff wie ‚Geist‘ zwar seit mehr als 2500 Jahren — betrachtet man nur mal den europäischen Kulturkreis; es gibt ja noch viel mehr! — benutzt wird, aber eben bis heute außer einer Unzahl von unterschiedlichen Verwendungskontexten keine einheitlich akzeptierte Bedeutung hervorgebracht hat. Dies hat u.a. damit zu tun, dass ‚Geist‘ ja nicht als ‚direktes Objekt‘ vorkommt sondern nur vermittelt in den ‚Handlungen‘ und den ‚Erlebnissen‘ der Menschen in unzähligen Situationen. Was ‚wirklich‘ mit ‚Geist‘ gemeint ist weiß insofern niemand, und falls doch, würde es allen anderen nichts nützen. Es gibt also immer nur partielle ‚Deutungsprojekte‘ von denen die kognitive Psychologie mit dem Paradigma vom ‚Geist‘ als ‚Computerprogramm‘ eines unter vielen ist. Hier müsste man dann nochmals klar unterscheiden, ob die psychologischen Modelle explizit einen Zusammenhang mit einer zugrunde liegenden neuronalen Maschinerie herstellen oder nicht. Versteht man die wissenschaftliche Psychologie als ein ‚empirisches‘ Deutungsprojekt, dann muss man annehmen, dass sie solch einen Zusammenhang explizit annimmt. Damit wäre ein algorithmisches Verhalten aus der zugrunde liegenden neuronalen Maschinerie herzuleiten. Da man nachweisen kann, dass ein neuronales Netz mindestens so rechenstark wie eine Turingmaschine ist, folgt daraus, dass ein neuronales Netzwerk nicht in allen Fällen algorithmisch entscheidbar ist (Turing, 1936, Halteproblem). Dies bedeutet, dass selbst dann, wenn der menschliche Geist ‚algorithmisch‘ wäre, daraus nicht folgt, dass er alles und jedes berechnen könnte. Andererseits, wie wir später sehen werden, muss man die Frage des Gehirns und des ‚Geistes‘ vermutlich sowieso in einem ganz anderen Rahmen bedenken als dies in den Neurowissenschaften und den Kognitionswissenschaften bislang getan wird.]

GEIST OPERIERT MIT ‚BEDEUTUNG‘

10. Es folgen (SS.192-196) Überlegungen zur Tatsache, dass der ‚Geist‘ (‚mind‘) mit ‚Bedeutung‘ (‚meaning‘) arbeitet. Welche Zeichen und formale Strukturen wir auch immer benutzen, wir benutzen sie normalerweise nicht einfach ’nur als Zeichenmaterial‘, nicht nur rein ’syntaktisch‘, sondern in der Regel im Kontext ‚mit Bezug auf etwas anderes‘, das dann die ‚Bedeutung‘ für das benutzte Zeichenmaterial ausmacht. Kauffman bemerkt ausdrücklich, dass Shannon in seiner Informationstheorie explizit den Aspekt der Bedeutung ausgeschlossen hatte. Er betrachtete nur statistische Eigenschaften des Zeichenmaterials. Ob ein Zeichenereignis eine Bedeutung hat bzw. welche, das muss der jeweilige ‚Empfänger‘ klären. Damit aber Zeichenmaterial mit einer möglichen Bedeutung ‚verknüpft‘ werden kann, bedarf es eines ‚Mechanismus‘, der beides zusammenbringt. Für Kauffman ist dies die Eigenschaft der ‚Agentenschaft‘ (‚agency‘). Wie der menschliche Geist letztlich beständig solche neuen Bedeutungen erschafft, ist nach Kauffman bislang unklar.
11. Es folgen noch zwei Seiten Überlegungen zur Schwierigkeit, die nichtlineare Relativitätstheorie und die lineare Quantentheorie in einer einzigen Theorie zu vereinen. Es ist aber nicht ganz klar, in welchem Zusammenhang diese Überlegungen zur vorausgehenden Diskussion zum Phänomen der Bedeutung stehen.

Fortsezung mit Teil 6.

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