KELTISCHE MUSIK … wie in einem Zeitsprung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
4.März 2018
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Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

INHALT

I Wie ein Zeitsprung 2
II Das andere Land 2
III Nachgedanken 3
IV Epilog

THEMA

Wenn man im Jahr 2018 lebt, kann man– Unfall, Versehen oder Plan? – sich in eine imaginäre Zeit, in ein imaginäres Land beamen lassen, das ’Keltische Musik’ heißt. Ist mal erst einmal dort, dann ist alles (scheinbar) wie im ’normalen’ Leben, nicht ganz, aber für viele Menschen scheint es  ein Stück ’Heimat’ zu sein, abseits der normalen Gegenwart, Freunde, Spaß, viele gute Gefühle…

I. WIE EIN ZEITSPRUNG

In der berühmten Sciencefiction Serie Star-Trek  wurden ja unendlich viele Möglichkeiten eines alternativen Lebens durchgespielt, so auch das Gedankenspiel
’Zeitreise’ (Siehe Folge Nr.19 ”Tomorrow is Yesterday”).

Den ’Zeitreisenden’ ist bewusst, dass sie sich in einer Zeit befinden, die nicht ihre ’Ausgangszeit’ ist. Die Bewohner der historischen Zeit hingegen sind nur in ihrer historischen Zeit, als Gegenwart; für sie gibt es keine andere Zeit (außer der Geschichte, soweit sie sie kennen). In unserer Gegenwart des Jahres 2018 ist uns das Gedankenspiel ’Zeitreise’ bekannt, taucht es doch immer wieder auf, z.B. auch in der Serie ”Dr.Who”, die davon lebt, dass der Hauptakteur beständig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zwischen vielen Universen nach Belieben
hin und her reisen kann. Das Wort ’Gegenwart’ verliert in einem solchen Setting eigentlich seine Bedeutung. In einer nach allen Seiten hin offenen, unbegrenzten Zeit hebt sich der Begrff der Zeit eigentlich auf. In der bisherigen menschlichen Kultur erfüllt sich der Zeitbegriff darin, dass die ’Gegenwart’ die aktuelle Grenze zur ’Zukunft’ markiert. Und auch die ’Vergangenheit’ ist nicht unendlich. Aktuell enden unsere Zeitmessungen dort, wo der aktuelle Beginn des messbaren Universums angesetzt wird. Nur mal gerade vor 13.8 Milliarden Jahre.

Im Rahmen der allgemeinen Grippewelle im Monat Februar des Jahres 2018 in Deutschland traf auch mich am 25.Februar 2018 solch eine viral-bakterielle Invasion so erfolgreich, dass ich ab diesem Tag weitgehend ausgeschaltet war. Der Körper war voll mit seinem Abwehrkampf beschäftigt. In dieser Situation irgendwie sinnvoll etwas zu Lesen, zu Schreiben war nicht möglich. Paralyse aller Systeme.

In kurzen Momenten startete ich kleine Expeditionen in das youtube-Universum mit den Koordinaten ’Irish Folk Music’. Irgendwie war mir danach: ’Irish’, ’Folk’, ’Music’. Schwache Erinnerungen an Menschen die fröhliche Musik machten, voller Lebensfreude (wenngleich Irland wahrlich nicht nur Lebensfreude erleben durfte) … aber in der Musik drückte sich solche Freude aus, Lebenswille, Überlebenswille, Gemeinsamkeit…

II. DAS ANDERE LAND

Kaum merkbar tauchte ein neues Land in den Ohren und vor den Augen auf. Namen, die ich nie gehört hatte: ’The Foggy Dew’, ’Fiddlers Green’, ’Irish Moutarde’, ’Mr.Irish Bastard’, ’The Tossers’, ’Scrum’, ’Neck’, ’Celkit’, ’Celtic Woman’, ’Gaelic’s Storm’, ’Earth Warrior’, ’Omnia’, ’Flogging Molly’, ’Dropkicks’, ’The Rumjacks’, ’Faun’, ’The O’Reillys & the Paddyhats’, ’The Killigans’, ’The Dreadnoughts’, ’The Real McKenzies’, ’Tura ́lu’, ’The Killdares’, ’Bastard’, ’Rum Rebellion’, ’Lust Dog Band’, ’Justin Johnson’, ’Lords of Celtic Iron’, ’Dubliners’, ’The Irish Rovers’, ’The Jolly Rogers’, ’Selfisch Murphy’, ’Orthodox Celts’…

Sie alle spielen und singen, als ob es nur sie gibt: in Bars, viel Whisky, zwischen drin gibt es Kämpfe, Menschen sterben in Erinnerung, es geht um Ehre, Einzelschicksale … alles ein bisschen diffus…Musiker sind fast nur junge Männer, ’Kerle’… Wenn Frauen, dann spielen sie die Fiddle … markig geht es zu. …

Wenn man diese Namen mal gehört hat, anfängt ihre Spuren im Netz zu verfolgen, dann stößt man auf ein Netzwerk von Ereignissen, Festivals, die nur solchen Musikgruppen gewidmet sind, z.B. das ’Hexentanzfestival’. Es findet an einem realen Ort zu einer realen Zeit statt, aber die Themen sind aus einer anderen Welt. An einem Tag treten z.B. Gruppen auf wie: ’Die Apokalyptischen Reiter’, ’Fiddlers Green’, ’EISREGEN’, ’GRAIL KNIGHTS’, ’The Paddyhats’, ’Ewigheim’, ’Schattenmann’.

Alle Bands haben heute ihre Webpräsenz in facebook, in youtube, auf eigenen Adressen, und mehr. Auch gibt es ein Webradio für keltische Musik: http://www.macslons-irish-pub-radio.com/html/links.html. Das Abspielen erzeugt bisweilen zwar künstliche Pausen, aber es gibt einen 24-h Sound.

Auch findet man eine alphabetische Liste von Musikgruppen für ’keltische Musik’. Die Links funktionieren zwar nicht alle so richtig, aber über die Namen kann man Treffer im youtube-Universum landen. Man ’beamt’ sich mal gerade in ein Konzert,
irgendwo ’da draußen’… Nur Namen, und doch stehen sie für Akteure: ’Ash Cloud’, ’Black Water County’, ’Blood or Whiskey’, ’The ceili Family’, ’The Charm Rocks’, ’Craic’, ’Craic the Lens’, ’Creeds Cross’, ’Drink hunters’, ’The Dullahans’, ’Finnegan’s hell’, ’Keltikons’, ’Kilkenny Knights’, ’Kitchen Implosion’, ’ The Royal Spuds’, ’Saitenstreich’, ’The Shamrogues’, ’Sir Reg’, ’Ten Pints After’, ’Tortilla Flat’, ’Uncle Bard & The Dirty Bastards’….

Hinter dem ’irischen Outlook’ verbergen sich oft ganz andere Nationalitäten. Erstaunliche Beispiele sind:

  • Uncle Bard & The Dirty Bastards – IT
  • Keltikons – CH
  • Kilkenny Knights – DE
  • The O’Reilleys & the Paddyhats – DE
  • Sir Reg – SE

Diese letztgenannten Musikgruppen fallen zusätzlich dadurch auf, dass sie hoch professionell sind, technisch hervorragend, das Klischee voll bedienen, große Fangemeinden haben, und überwiegend noch sehr jung sind. Musikalisch
könnten sie sicher auch andere musikalische Genres bedienen, wenn sie wollten.

III. NACHGEDANKEN

Was soll man von dem Ganzen halten?

Für die Bands erweist sich das Branding ’Keltische Musik’ mit einem eigenen europaweiten Markt als ein mögliches Sprungbrett, um eine gewisse Bekanntheit zu erlangen. Für junge Musiker ist dies nicht unwichtig, ist es doch immer schwierig, von seiner Musik leben zu können. Und so lange man das Branding ’keltische Musik’ als das versteht, was es ist, eine Fantasy Marke, ist es eine von vielen Marken die heute in der Weltgesellschaft vorkommt um Menschen punktuelle Orientierung im Markt der
Unterhaltung zu bieten.

Im Auftritt von Bands und in ihren Texten zur keltischen Musik gibt es aber auch schillernde Phänomene, die den Eindruck erwecken können, als ob die Bands – und damit ihre Fans – darin mehr sehen als ein Marketing-Instrument.

Archäologisch-Historisch gibt es nur einen vagen Begriff von keltischer Musik, auf keinen Fall kann man das, was heute als keltische Musik kommerziell vertrieben wird, irgendwie seriös als ’keltische’ Musik bezeichnen. Dafür gibt es nicht die leisesten Anknüpfungspunkte (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Kelten).

Die Texte der Songs sind fast nie gegenwartsbezogen, eher ein bisschen ’unwirklich’, teilweise historisch, ansatzweise persönlich, durchsetzt mit vielen Klischees… man erinnert an vergangene Ehre und verblichenen Toten, während die Gegenwart mit ihren vielen Kriegen, Grausamkeiten, Unwägbarkeiten, den neuen Herausforderungen, der multikulturellen Weltgesellschaft, den neuen Nationalismen, dem weltumspannenden Sport- und Pop-Business, der digitalen Revolution, nicht vorkommt.

Solange man dies weiß, und diese Musik genießt wie ein Bier, zur Entspannung, kann es gut tun. Sieht man darin mehr, wird es schwierig. Die Opern, Operetten, Musicals dieser Welt … sind sie anders? Die Wagner-Opern mit ihren schwülstigen Ideologien, gerechtfertigt nur durch eine technisch aufwendige Musik? Die Menschen mögen das offensichtlich. Warum dann nicht auch keltische Musik?

Wagt man den Blick auf Alternativen, wie z.B. auf eine der erfolgreichsten Bands der letzten Jahre, die aus England stammt, die mit den gleichen Zutaten
gestartet ist wie die Gruppen, die Irish Folk, keltische Musik machen, nämlich Mumford & Sons, dann kann man sehen, dass man auch ganz andere Texte mit solcher
Musik verknüpfen kann, dass man zu neuen, innovativen Klängen finden kann, zu Kooperationen über Grenzen hinweg.

IV. EPILOG

Philosophisch sind die Inhalte der keltischen Musik nicht von Belang. Die Bewegung als solche ist aber ein weiteres Beispiel dafür, wie wir Menschen uns unser aktuelles Bild von der Welt so mit Inhalten besetzen können, dass uns der weitere Blick auf den realen Gang der Welt, auf die realen Menschen und Prozesse, verloren gehen
kann. Das allerdings wäre dann philosophisch relevant.

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

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