WAHRHEIT ALS ÜBERLEBENSNOTWENDIGKEIT; WEISHEIT ALS STRATEGIE

(1) Angesichts der scheinbaren Komplexität der uns umgebenden Welt und zugleich der zunehmenden Überflutung durch immer mehr von Menschen generierten Informationsereignissen bei biologischer Konstanz der Akteure kann der Eindruck entstehen, ‚Wahrheit‘ sei nicht nur nicht mehr möglich sondern irgendwo vielleicht auch ‚egal‘, scheint doch der Alltag ‚irgendwie‘ trotz allem zu funktionieren.

 

(2) Ein Teil dieser ‚Gleichgültigkeit‘ gegenüber der Wahrheit ist auch die ‚Koexistenz‘ von unterschiedlichen Weltanschauungen ’nebeneinander‘ – einschließlich der zahlenmäßig großen ‚Religionen‘ dieser Welt –, die inhaltlich nicht nur abweichend sind, sondern sich teilweise wechselseitig widersprechen. Während die verschiedenen Weltanschauungen selbst ‚aus sich heraus‘ eigentlich den Anspruch haben, das ‚Richtige‘ zu ‚wissen‘, erzwingen die politischen Machtverhältnisse heutzutage oft eine ‚Beschränkung‘ des jeweiligen Deutungsanspruchs auf den Bereich der jeweiligen ‚Mitglieder‘ / ‚Anhänger‘.

 

(3) Blickt man zurück in der Geschichte dann kann man diese ‚Koexistenz‘ von unterschiedlichen – und letztlich ‚konkurrierenden‘ – Weltanschauungen als Fortschritt verstehen: ohne dass die Deutungsansprüche schon alle vollständig abgeklärt werden konnten, erlaubt die Koexistenz ein friedliches Lebens ’nebeneinander‘ ohne sich zu töten.

 

(4) Versteht man eine Weltanschauung [W] als eine Struktur W=<E,M, Int> mit den Komponenten einer umgebenden ‚Welt‘ [‚E‘ für environment], einem ‚Modell‘ [M] dieser Welt, sowie einer bestimmten ‚Deutung/ Interpretation‘ [Int], durch die sich das Modell auf die Umgebung E bezieht, und umgekehrt, also etwa Int: E <—> M, dann könnte man sagen, dass die existierenden Weltanschauungen wie das Judentum [W_Jud], das Christentum [W_Christ], der Islam [W_Islam], die modernen empirischen Wissenschaften [W_Wiss] usw. (also W_i in W) unterschiedliche Interpretationen und Modelle der gleichen Welt E liefern. Zugleich sollte man bedenken, dass Weltanschauungen W_i nicht im ‚luftleeren Raum‘ existieren, sondern Konstruktionen sind, die ‚in den Köpfen‘ von Menschen entstehen. Dies aber bedeutet, dass es das jeweilige Gehirn in einem Körper ist, das im Rahmen seiner Möglichkeiten solch eine Weltanschauung mit Modell M und Interpretation aufgrund von verfügbaren Sinnesdaten E_sens erzeugt. E_sens ist aber, wie die vorausgehenden Überlegungen gezeigt haben, nicht die Welt E wie sie ‚ist‘ (E_sens != E), sondern jener ‚Messwert‘, den die Sinnesorgane zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort von der dann und dort aktuellen Welt E ‚erzeugen/ generieren‘, also inp: E —> E_sens. Diese Sinnesdaten werden dann durch die körpereigene Wahrnehmung [perc für perception] zu jenen ‚bewussten Erlebnissen‘ [PH_emp] verarbeitet, die wir dann als ‚Wahrnehmung bezeichnen, also perc: E_sens x BD —> PH_emp mit PH_emp subset PH. Bei dieser ‚Verarbeitung‘ von Sinnesdaten E_sens in die wahrgenommenen Phänomene PH_emp spielen unterschiedliche komplexe Körperprozesse BD mit hinein, die zum endgültigen Wahrnehmungsereignis PH_emp beitragen.

 

(5) In der zurückliegenden Geschichte war es oft üblich, dass die Anhänger einer Weltanschaung W_i, sofern sie sich ‚politisch stärker‘ fühlten, alle ‚anderen‘ unterdrückt, verfolgt oder gar getötet haben. Diese blutige Spur durchzieht die ganze Geschichte. In vielen Fällen ist nicht klar, ob es immer nur um die ‚Reinheit der Lehre‘ ging oder ob man sich den Umstand der unterschiedlichen Deutungen nur zunutze gemacht hat, um seine eigenen Machtinteressen mit Hilfe einer ‚Deutungshoheit‘ durchzusetzen. Es gibt genügend historische Zeugnisse, aufgrund deren man heute sagen würde, auch unter dem Deckmantel von ‚religiösen‘ Deutungsansprüchen wurden reine Machtansprüche auf brutalste Weise umgesetzt.

 

(6) Doch wäre es zu einfach und zu billig, würde man bestimmte Deutungsansprüche nur deshalb ‚diskreditieren‘, weil sie bisweilen von Menschen für ihre privaten Machtinteressen missbraucht wurden. Dies geschieht ja heute immer noch, ja, sogar heute gibt es viele Länder auf dieser Erde, wo Menschen auf dieser Erde nur aufgrund einer anderen Weltanschauung diskreditiert, verleumdet, unterdrückt, verfolgt und getötet werden. Die Frage, wie man eine bestimmte Weltanschauung W_i bewerten soll, ist also keine rein akademische Frage, obwohl sie philosophisch-theoretisch behandelt werden sollte.

 

(7) Die Frage, wie man mit differierenden Deutungsansprüchen umgeht, ist von daher für eine friedliche und konstruktive Zukunft der Menschheit wichtig.

 

(8) Würden die ‚Träger einer Weltanschauung W_i‘ [POP_i = POP cut W_i] in dieser Welt so verteilt sein, dass sie sich nie treffen würden, dann wäre es eigentlich fast egal, welche Weltanschauung sie genau haben, sie würden sich in einem bestimmten Abschnitt E_i subset E bewegen und würden sich wechselseitig ‚bestätigen‘. Einziger Konfliktfall könnte sein, dass ein Mitglied der Population p in POP_i Schwierigkeiten hat, ‚für sich‘ die Weltanschauung W_i zu ‚akzeptieren‘. Die meisten Weltanschauungen (nicht nur solche, die sich ‚Religion‘ nennen) haben einen Katalog von ‚Sanktionen‘, mit denen sie diejenigen ‚bestrafen‘, die ihre ‚Anerkennung‘ verweigern (eine Zusammenstellung der Praktiken im Laufe der Menschheitsgeschichte könnte sehr lehrreich sein). Dies kann von einfachen ‚Mahnungen‘ über verschiedene ‚Strafen‘ bis hin zur ‚Verstoßung‘ oder gar ‚Tötung‘ reichen. Historisch lässt sich aber auch beobachten, dass Weltanschauungen sich durch die Art und Weise des ‚Gebrauchs‘ von Weltanschauungen ‚verändern‘ können. Ausmaß der Veränderung und ‚Geschwindigkeit‘ der Veränderungen können von unterschiedlichsten Faktoren abhängen.

 

 

(9) In dem Masse, wie sich der homo sapiens sapiens auf der Erde ausgebreitet hat, hat die Bevölkerungsdichte zugenommen. Waren es um ca. 2012 Jahren vor unserer Gegenwart [BP := Before Present, Present = 2012] ca. 250 Mio Menschen auf der Erde, waren es um ca. 262 Jahren BP (1750 n.C.) ca. 771 Mio. 2 Jahre BP (= 2010 n.C.) ca. 6.9 Mrd (Quelle: Gans (2011), S.17). In den urbanen Regionen der Erde erleben wir heute eine ungeheure Zusammenballung von Menschen unterschiedlichster Weltanschauungen auf engstem Raum. In einer solchen Situation andere Menschen aufgrund differierender Weltanschauungen zu verfolgen oder gar zu töten stößt auf allerlei praktische Schwierigkeiten. Doch, wie uns der Gang der Geschichte lehrt, ist dies kein absolutes Hindernis dafür, dass Menschen sich gegenseitig dennoch diskriminieren, verfolgen und regelrecht abschlachten. Offensichtlich haben wir Menschen große Probleme damit, wie wir mit unterschiedlichen Weltanschauungen umgehen.

 

 

(10) Der entscheidende Punkt an einer Weltanschauung ist, dass diese nicht vollständig ‚unsichtbar‘ ist. Eine wesentliche Eigenschaft einer Weltanschauung ist es ja gerade, dass sie ‚Bezug nimmt auf Welt‘ und für denjenigen, der diese Weltanschauung hat, die Eigenschaften und Ereignisse der erfahrbaren Welt E_sens so ‚deutet‘, dass der Träger der Anschauung W_i mit Hilfe seiner Weltanschauung die Ereignisse ‚einordnen’/ ‚deuten’/ ‚bewerten‘ kann, vor allem, dass er aufgrund seiner Weltanschauung dann auch ‚weiß‘, was er als nächstes ‚tun kann‘ bzw. ‚tun soll‘. Mitglieder politischer Parteien, von Gewerkschaften, von Religionen leiten aus ihrer jeweiligen Weltanschauung ab, was sie ‚gut‘ finden, was ’schlecht‘, was man ’nicht tun soll‘, was man ‚tun soll‘, wer ein ‚Abtrünniger‘ ist, ein ‚Verräter‘, usw. Es gibt Regeln, wie man sich ‚kleidet‘ (Dresskode), um seine Zugehörigkeit zu demonstrieren, was man wann ist und trinkt, usw.

 

(11) Eine Weltanschauung ernsthaft zu haben, hat also unmittelbare Auswirkungen auf das konkrete Verhalten im Alltag. Bei der heutigen ‚Vermischung‘ der Menschen in dicht besiedelten Regionen bedeutet dies auf Schritt und Tritt ‚Berührung mit der Andersartigkeit‘: Kleidungsgewohnheiten im Straßenbild, auf der Arbeitsstelle; Essgewohnheiten in Lokalen und Flugzeugen; Gebetszeiten in der Öffentlichkeit und in der Arbeit; Verhaltensweisen von Frauen und Männern, von Jugendlichen, von Mädchen und Jungen; sexuelle Praktiken; Ansprüche auf bestimmte Orte, Städte oder gar Regionen; Akzeptanz oder Ablehnung von Menschen, die ‚anders‘ sind; Akzeptanz von wissenschaftlichen Erkenntnissen; Formen des Zusammenlebens (eine oder mehrere Ehefrauen, heterosexuelle Partnerschaften oder andere Formen, Formen des Geschlechtsverkehrs,…); Abtreibung oder nicht; Sterbehilfen ja oder nein; Genetik des Menschen, Gentechnologie im großen Stil; Vorlieben für bestimmte Musik; Umgang mit Bildern; Theater, Musicals, experimentelle Musik; Architektur; Umgang mit Abfall, Müll; Umgang mit Armut und Krankheit; Umgang der Generationen untereinander; Umgang mit der Natur, Nachhaltigkeit; usw.

 

(12) Diese heute real existierende Verschiedenartigkeit kann man als Chance verstehen oder als Bedrohung. Je weniger ein Mensch weiß, umso mehr tendiert er dahin, Verschiedenartigkeit als ‚Fremdartigkeit‘ aufzufassen, als potentielle oder reale ‚Bedrohung‘, die fast täglich ‚reizt‘, bis dahin, dass man anfängt, dieses ‚Andere‘ mehr oder weniger zu verteufeln oder gar real zu bekämpfen. Die eigene Unfähigkeit, verschiedene Standpunkte, insbesondere auch den eigenen, aufgrund der komplexen Voraussetzungen bis zu einem gewissen Grad zu ‚relativieren‘ und darin ein gewisses Verständnis für die ‚Andersartigkeit des Anderen‘ zu entwickeln (eine Form von ‚Weisheit‘), führt fast unweigerlich zu Spannungen, aus denen nahezu alles erwachsen kann (abhängig von den Umständen).

 

(13) Aufgrund der individuellen Grenzen ist ein einzelner Mensch in der Regel überfordert, die Vielfalt herrschender Weltanschauungen erschöpfend und systematisch so aufzuarbeiten, dass er ein volles Verständnis erlangt und dann noch darüber hinaus möglicherweise seine eigene, neue integrierende Sicht entwickelt, die dann auch noch von hinreichend vielen anderen Menschen geteilt wird.

 

(14) Das Maximum,was ein einzelner in der Regel erreichen kann, ist eine gewisse ‚Toleranz‘ gegenüber ‚Andersartigkeit‘, getragen von einem grundsätzlichen Respekt vor der Person anderer Menschen, und der Bereitschaft, möglicherweise etwas dazu zu lernen.

 

(15) Sofern es in einer modernen Gesellschaft eine funktionierende Öffentlichkeit gibt, lebendige Schulen, offene und kritische Hochschulen und eine kritische Forschung, kann es passieren, dass die Vielzahl dieser Unterschiede sich im täglichen Miteinander auf Dauer ‚mischen‘, ‚wechselseitig aneinander abarbeiten‘, sich z.T. relativieren, z.T. verstärken, sich auf neue Weise ‚integrieren‘ usw. Dies ist ein Prozess, der Zeit braucht, der aber auf Dauer die ‚größere‘ bzw. ‚tiefere‘ Wahrheit ‚ans Licht‘ bringen wird. Aus der komplexen Struktur von Weltbildern, ihrer Entstehung und ihrer Vermittlung ergibt sich, dass kein einzelner Mensch ‚Herr der Weltbilder‘ ist! Weltbildern sind ein ‚vermittelndes Etwas‘ zwischen Menschen; sie leben von der Aktivität jedes einzelnen Menschen, wirken aber auch auf diesen zurück. Es gab und gibt immer wieder Machtgruppen, die versuchen, die Gestalt von Weltbildern zu ‚kontrollieren‘ (weil sie angeblich um die ‚Wahrheit‘ besorgt oder wegen des ‚Gemeinwohls‘ oder wegen der ‚Staatsräson‘ oder….), aber es gehört zum Wesen der Weltbilder, dass sie sich letztlich nicht vollständig kontrollieren lassen. Wohl aber kann es passieren, dass die Mehrheit einer Population (von bestimmten Interessengruppen) so beeinflusst wird, dass nur eine bestimmte konkrete Ausformung eines Weltbildes akzeptiert und unterstützt wird (z.B. versuchen sogenannte christliche Fundamentalisten die Fakten der modernen Evolutionsforschung (Weltall, chemische Evolution, biologische Evolution…) über Gesetzgebung aus den Schulzimmern zu verbannen (es gibt viele andere, vielleicht noch schlimmere, Beispiele).

 

(16) Den meisten Gewinn haben alle, wenn Verschiedenartigkeit zum Anlass wird, die Art und Weise dieser Verschiedenartigkeit genauer zu untersuchen, die Gründe für diese Verschiedenartigkeit zu ermitteln, diese Gründe genau abzuwägen, um dann zu einem kritisch geläuterten Bild einer ‚erneuerten‘ Weltanschauung zu kommen, in der alle Beteiligten verstanden haben, warum und wie man dieses ‚erneuerte‘ Bild unterstützen sollte. Sogenannte ‚Religionen‘ haben meist das Problem, dass sie zumindest Teile ihrer Weltanschauung so ‚tabuisiert‘ haben, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Voraussetzungen schon im Vorfeld ‚verboten‘ wird. Damit gibt es ‚dunkle Flecken‘ auf der ‚Landkarte des Wissens‘, die von den jeweiligen ‚Sprechern‘ solcher Weltanschauungen für beliebige Interpretationen ‚missbraucht‘ werden können. Im Namen der ‚Wahrheit‘ können Sie dann die ‚Un-Wahrheit‘ verkünden. Eine unglückliche Konstellation, die vielen Schaden anrichten kann.

 

(17) Bei einer kritischen Untersuchung der möglichen Gründe für Verschiedenartigkeiten ist es normalerweise unausweichlich, die jeweiligen Menschen als ‚Träger‘ von Weltanschauungen bzw. als deren ‚Erzeuger‘ näher zu untersuchen. Da es ja u.a. der Körper und das Gehirn eines Menschen sind, die überhaupt so etwas wie eine ‚Weltanschauung‘ entstehen zu lassen bzw. sie zu ‚pflegen‘, ist eine genaue Untersuchung dieser Verhältnisse unumgänglich. Was können wir überhaupt wahrnehmen? Wie kann unser Gehirn aus isolierten einzelnen Sinnesdaten aus verschiedenen Sinnesorganen überhaupt zusammenhängende Objektbegriffe erzeugen? Was heißt Verallgemeinerung? Wie können wir überhaupt ein Objekt ‚wiedererkennen‘? Wodurch können unsere Verallgemeinerungen und Erinnerungen ‚gestört’/ ‚beeinträchtigt‘ werden? Welche Zusammenhänge können wir überhaupt erkennen? Wieso und wie können wir aus Erkanntem auf mögliche Ereignisse in der Zukunft schließen (Prognose)? Warum und wie können wir Prognosen überprüfen? Warum und wie kann ein Mensch A wissen, was ein anderer Mensch B ‚denkt‘ und ‚fühlt‘? Wie funktioniert überhaupt Sprache? Wie kommen die ‚Worte‘ zu ihrer ‚Bedeutung‘? Woher kann ich überhaupt ‚wissen‘, was der andere ‚meint‘, wenn er eine bestimmte sprachliche Äußerung tätigt? Usw. usw.

 

 

(18) Die Geschichte der christlichen Bibelauslegung ist ein beeindruckendes Zeugnis davon, wie jede Zeit ihr ‚Bild‘ vom Offenbarungsgehalt aufgrund neuer Erkenntnisse beständig verändert und erweitert hat. Andererseits kann man auch sehen, wie nicht nur das Gesamtbild sich im Laufe der Zeit geändert hat, sondern dass auch — abhängig von bestimmten speziellen Annahmen – ganz unterschiedliche, konkurrierende Deutungen innerhalb des Christentums entstanden sind. Die greifbare Tatsache, dass das Christentum heute in viele Spielarten zerfällt und auf wichtige moderne Erkenntnisse keine wirklich konsistent-überzeugende Antwort parat hat, kann man als Hinweis deuten, dass die philosophisch-theoretische Reflexion auf die Voraussetzungen von Glauben und Erkennen nicht hinreichend ausgearbeitet worden sind. In vielen christlichen Spielarten fehlen solche systematische Untersuchungen mehr oder weniger vollständig (ob andere Religionen wie Judentum und Islam hier mehr geleistet haben, kann ich nicht beurteilen; die äußeren Indizien legen zunächst mal die Vermutung nahe, dass es beim Judentum und Islam mit kritischen Reflexionen auf die Voraussetzungen von Glauben und Erkennen eher noch schlechter bestellt ist).

 

 

(19) Ich persönlich halte es für keine gute Strategie, unterschiedliche Weltanschauungen mit unterschiedlichen Methoden zu untersuchen und zu behandeln. Jede Art von Weltanschauung — ob politisch, wirtschaftlich, künstlerisch-ästhetisch, religiös, usw. — wird von Menschen mit konkreten Körpern und Gehirnen praktiziert, in einer gemeinsam geteilten Welt, die allgemein zugänglichen Gesetzen unterliegt, die für alle Menschen gleich sind. Wir alle unterliegen der gleichen Herausforderung, die Population des homo sapiens sapiens in Gemeinschaft mit allen anderen Populationen auf dieser Erde, in diesem Sonnensystem, in dieser Milchstraße ‚am Leben‘ zu erhalten, wobei es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch viele offene Fragen gibt, was viele Details angeht. Sofern eine Weltanschauung dazu beiträgt, dass dieser Prozess mit dem ‚maximalen Wohlergehen für alle‘ unterstützt wird, ist diese Weltanschauung ‚hilfreich‘, andernfalls ‚hindert‘ sie und ist in diesem Sinne eher schädlich. Da aber bis heute – und vermutlich auch bis weit in die Zukunft hinein — die Frage, was letztendlich ‚hilft‘ und was das ‚maximal Gute‘ für die einzelnen Populationen ist, kaum von einzelnen Menschen mit letzter Klarheit beantwortet werden kann, sind ‚Vorsicht‘, ‚Respekt‘, ‚Toleranz‘, ‚Geduld‘ usw. im Umgang miteinander die wichtigsten Regeln.

 

 

 

 

LITERATURNACHWEIS

Gans, P. „BEVÖLKERUNG. Entwicklung und Demographie unserer Gesellschaft“, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2011

 

 

Ein Überblick über alle bisherigen Einträge findet sich hier.

 

 

 

 

MENSCHENBILD IM WANDEL – Vortrag 24.Nov.2011

In Ergänzung zu diesem Block findet ein öffentlicher Vortrag statt:

Vortragsankündigung

ZUR GRAMMATIK DES SINNS (1)

(1) In dem Blogeintrag „Wir  sind nicht Nichts“ wird sichtbar, dass wir allein durch die Tatsache, dass wir aktuell leben,
an einem  Geschehen teilhaben, das dessen Tragweite und Tiefe alles übersteigt, was wir normalerweise denken und
 kommunizieren.

(2) Der mögliche ‚Sinn‘ dieses Geschehens, also ein möglicher ‚Zusammenhang‘ zwischen all den vielen ‚Aspekten‘ dieses
geradezu kosmischen Prozesses, enthüllt sich für uns Menschen –wenn überhaupt– zunächst nur als individuelles Erleben
 und Verstehen, d.h. als Erleben und Verstehen in einem einzelnen Menschen. Dies heisst NICHT, dass das Erleben und
Verstehen eines einzelnen Menschen die ’sinnbegründenden‘ Sachverhalte allererst ’schafft‘, sondern nur, dass diese
 ’sinnbegründenden‘ Sachverhalte in dem Moment des Erkennens in diesem jeweiligen Erkennen ‚bewusst‘ werden. ‚Bewusst‘
werden kann nur etwas, was schon ‚da‘ ist und in seinem Dasein ’so wirksam‘ ist, dass es ein ‚Bewusstwerden‘ bewirken kann.

(3) Darüberhinaus kann ein Sachverhalt, der eine ‚Bewusstwerdung‘ auslösen kann, diese Bewusstwerdung in mehr als einem
einzelnen Menschen zugleich auslösen; ein Sonnenaufgang (oder Untergang) kann von vielen Menschen ‚gleichzeitig‘
wahrgenommen werden, wenn Sie sich ‚im Moment des Geschehens‘ an einem ‚geeigneten Ort‘ befinden.

(4) Schon diese wenigen Gedanken lassem nebenbei erkennen, dass sich Bewusstwerdung bei Menschen mit ‚Körperlichkeit‘ paart: unser Erleben setzt eine irgenwie geartete Körperlichkeit voraus, dazu eine ‚Raumstruktur‘, und eine ‚Gerichtetheit‘ von Ereignissen als
‚Jetzt‘ und ‚Vor dem Jetzt‘ (‚vorher‘, ‚vergangen‘ als ‚Erinnerbares‘).

(5) Aufgrund unserer ‚Lebenserfahrung‘ wissen wir,  wie ‚unterschiedlich‘ einzelne Menschen das allgemeine Leben trotz
der vielen strukturellen Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen erfahren können. Jeder ‚einzelne‘ Mensch nimmt in der
Raumstruktur des Erlebens einen charakteristischen individuellen ‚Ort‘ ein, von dem aus er die ‚umgebende Welt‘ in
einer Weise erfährt, die sich absolut von der ‚Erlebnisspur‘ eines anderen Menschen unterscheidet.

(6) Eine ‚individuelle Erlebnisspur‘ enthält ‚externe‘  und ‚interne‘ Anteile: ‚extern‘ insofern ‚etwas‘ auf das
individuelle Erleben einwirkt, und ‚intern‘, insofern diese Einwirkungen ‚Wirkungen hervorrufen‘, die den einzelnen
Menschen in seinem ‚Erinnern‘ und ‚Fühlen‘ prägen.

(7) ‚Im‘ Erleben des einzelnen Menschen ‚mischen‘ sich die internen und externen Anteile kontinuierlich; je mehr
‚Erfahrung‘ jemand hat, umso mehr beeinflussen die ‚vorhandenen‘  internen Anteile die aktuell einwirkenden Anteile.
 Dies kann ‚hilfreich‘ sein, wenn ‚bisherige Erfahrung‘ das ‚aktuell Erlebte‘ in ‚geeigneter‘ Weise ‚einordnet‘; dies
kann ‚hinderlich‘ sein wenn die bisherigen Erfahrungen irgendwie ‚verzerrt‘ sind und altuelles Erleben ‚falsch‘
‚interpretiert‘.

(8) Aufgrund unserer ‚Lebenserfahrung‘ wissen wir ferner, dass es zwischen dem Erleben verschiedener einzelner Menschen
eine Art ‚Austausch‘ durch ‚Kommunikation‘ geben kann.

(9) Kommunikation besagt, dass verschiedene Menschen über ein ‚Zeichensystem‘ (‚Sprache‘ L)verfügen, das in der Lage ist, Aspekte des individuellen Erlebens mittels ‚intersubjektivem (= externen) Zeichenmaterial‘ so zu ‚repräsentieren‘, dass ein individuelles Erleben A bestimmte Erlebnisse von A mit einer ‚Zeichenfolge‘ Z so ‚enkodieren‘ kann (enkodieren: A –> Z), dass ein anderes individuelles
Erleben B diese Zeichenfolge Z so ‚dekodieren‘ kann (dekodieren: Z –> B), dass das Erleben in B eine ‚hinreichende Ähnlichkeit‘ mit dem Erleben von A aufweist  SIMILARITY(Z(A),Z(B)).

(10)  Das grösste Problem in der zeichenbasierten (= ’sprachlichen‘) Kommunikation ist die Herstellung dieser Ähnlichkeit SIMILARITY() sowie die ’subjektive Vergewisserung‘, dass solch eine Ähnlichkeit in ‚hinreichendem Masse vorliegt.

(11) Da kein einzelner Mensch (unter ’normalen‘ Umständen),  in das Erleben eines anderen Menschen ‚direkt hineinschauen‘ kann, kann sich kein einzelner Mensch so ohne weiteres ’sicher‘ sein, dass der andere Mensch beim Gebrauch eines bestimmten Zeichenmaterials Z  (als Teil einer Sprache L) tatsächlich das ‚Gleiche‘ ‚meint‘ wie ‚er selbst‘.

(12) Zu solch einer ‚Vergewisserung‘ der ‚gemeinsamen Ähnlichkeit‘ SIMILARITY() bedarf es ‚Formen von Interaktion‘,
die ‚unabhängig‘ von dem Zeicensystem (von der Sprache L) sind, die aber zugleich  geeignet sind, die ‚Vermutung einer Ähnlichkeit‘ zu ‚unterstützen‘. Dies berührt das Problem der ‚Entstehung von Sprache‘: wie ist es möglich, dass Menschen neues Zeichenmaterial Z als Teil von L so ‚einführen‘, dass sie ’sicher‘ sein können, dass ‚alle Benutzer von L‘ ‚das Gleiche‘ ‚meinen‘?

(13) Im Falle von ‚externen Ereignissen‘, die ‚wiederholbar‘ sind und die von allen Beteiligten ‚hinreichend ähnlich wahrgenommen werden können‘, erscheint die Einführung einer ‚Verbindung‘ von ‚erlebnisauslösendem Ereignis E‘, ‚korrespondierendem Erleben Ph‘ sowie ‚repräsentierendem Zeichen Z‘ ansatzweise ’nachvollziehbar‘. Ein ‚Zeichen‘ SYMB wäre dann diese komplexe Beziehung als ganzer, d.h. ein repräsentierendes Zeichen SYMB(E,Z,Ph) ist eine Beziehung zwischen E und Z und Ph, die als diese Beziehung ‚bewusst‘ ist und als solche ‚erinnert‘ werden kann (diese Überlegungen finden sich u.a. bei den grossen Semiotikern Charles S.Peirce und Charles Morris, aber auch schon bei früheren Philosphen der Scholastik und zumindest auch bei griechischen Philosophen).

(14) Man kann ahnen, dass die Realisierung eines solchen Zeichenbegriffs in der Praxis eine sehr komplexe ‚Maschinerie‘ voraussetzt, dier hier vorläufig kein Thema sein soll (hier wären all die schönen Dinge einschlägig, die wir aus den Sprachwissenschaften kennen, der Psychologie, der Ethologie, den Neurowissenschaften, der Phonetik, der Anthropologie, der Automatentheorie usw.).

(15) Nehmen wir also an, dass Menschen in der Lage sind, repräsentierende Zeichen SYMB_i(E,Z,Ph) einzuführen, denen jeweils korrespondierende ‚erinnerbare interne Strukturen‘ SYMB_i()_x entsprechen (‚SYMB_i()_x‘ wäre dann das repräsentierende Symbol i, das von dem Individuum x erinnert werden kann). Dann wäre ein Menschen A in der Lage, internes Erleben Ph, zu dem es ein erinnerbares repräsentierendes Symbol SYMB_i(_,Z,Ph)_A gibt, mittels eines kodierenden Zeichenmaterials Z zu ‚äussern‘, und ein anderer Mensch B könnte mittels des Zeichenmaterials Z sein erinnerbares Zeichen SYMB_i(_,Z,Ph)_B ‚erinnern‘. Er würde dann ‚annehmen‘, dass das bei B durch Z induzierte Erleben Ph dem entspricht, was den A veranlasst hat, Z zu äussern.

(16) Schwieriger –bis unmöglich– wird es, wenn Menschen repräsentierende Zeichen für solches Erleben einführen wollen, dem keine direkten ‚intersubjektiven‘ Ereignisse korrespondieren (was aber sehr umfangreich geschieht).

Zwischenergebnis 1:
(i) Individuelles Erleben ist möglich, weil es etwas dem Erleben Externes gibt, was dieses Erleben auslöst
(ii) Sofern die Einführung repräsentierender Zeichen gelingt, können Individuen Teile ihres Erlebens
durch solche Zeichen ‚kommunizieren‘

(17) Was immer es an ’sinnrelevanten‘ Zusammenhängen in dem für uns relevanten Teil des Kosmos geben mag, werden wir davon nur dann und nur soviel ‚erfahren‘, insoweit diese Zusammenhänge unserem individuellen Erleben und unserer symbolischer Kommunikation  zugänglich werden. Sofern wir ein ‚Fehlen‘ von Sinn in unserem Erleben und Kommunizieren konstatieren würden, würde dies zunächst nicht besagen, dass es keinen Sinn gibt, sondern nur, dass derjenige, der dieses Fehlen konstatiert, bislang nicht in der Lage war, sein Erleben  entsprechenden ’sinnstiftenden‘ Sachverhalten in Berührung zu bringen.

(18) Ergänzend wäre anzumerken, dass der ‚Kontakt‘ mit sinnstiftenden Sachverhalten sogar stattgefunden haben kann, dass aber die ‚Art und Weise‘, wie dieses Erleben ‚kognitiv verarbeitet‘ wurde, nicht in der Lage war, die  ’sinnrelevanten Anteile‘ zu ‚erkennen‘. Erkennen ist (man lese die entsprechenden Einträge im Blog) kein völlig automatischer immer gleichförmiger Prozess, sondern ein komplexes dynamisches Geschehen, das bei gleicher Wahrnehmungslage zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, je nachdem, ‚wie‘ jemand ‚aktiv denkt‘.

(19) Eine Feststellung, dass ‚Sinn‘ für uns ’nicht möglich‘ sei, ist unter Voraussetzung dieser Erkenntislage für uns prinzipiell nicht möglich. Wir können entweder nur feststellen, dass wir ’noch nicht‘ in der Lage sind, einen Sinn explizit zu benennen oder eben, dass uns bestimmte Sachverhalte als für uns ’sinnvoll‘ erscheinen.

(20) Hier wäre jetzt zu klären ob und wieweit wir ‚mögliche sinnvollen Sachverhalte‘ konkret, beispielhaft  identifizieren  können.

PHÄNOMENOLOGISCHES DENKEN (3)

Diesem Beitrag ging ein Teil 2 voraus.

(1) Es gibt unterschiedliche Perspektiven, wie man das, was wir als ‘Denken’ bezeichnen, betrachten kann. Je nachdem, welche dieser Perspektiven wir wählen, ergibt sich ein ganz unterschiedliches Bild von diesem ‘Denken’.

(2) Neben dem ALLTAGSDENKEN gibt es seit ein paar hundert Jahren auch das sogenannten WISSENSCHAFTLICHE DENKEN. Das wissenschaftliche Denken setzt das alltägliche Denken gewissermaßen als primären Bezugspunkt voraus, hebt sich aber dennoch von ihm ab und widerspricht ihm letztlich in vielen Punkten. Dies liegt daran, dass das ALLTAGSDENKEN eine Reihe von ANNAHMEN macht, die FALSCH sind, aber im Alltag meistens sehr NÜTZLICH. So atemberaubend die Leistungen des wissenschaftlichen Denkens auch sind, es ist eine limitierte, eingeschränkte Form des Denkens, die nicht nur das ALLTAGSDENKEN voraussetzt sondern –aus philosophischer, erkenntnistheoretischer Sicht– auch das  PHÄNOMENOLOGISCHE DENKEN.

(3) Im PHÄNOMENOLOGISCHEN Denken macht man sich die Tatsache zunutze, dass die primäre, erste, nicht weiter hintergehbare WURZEL UNSERES WISSENS das ERLEBEN VON ETWAS ist. Was immer wir ‚inhaltlich‘ auch zu erkennen glauben, zunächst einmal müssen wir ÜBERHAUPT ETWAS erkennen, anhand dessen unser ‚UNS SELBST BEWUSST SEIN‘ ‚aufleuchten‘ kann. Insofern geht es hier um unsere INHALTSVERMITTTELTE BEWUSSTHEIT (neuropsychologisches und meditationsorientiertes Denken unterscheidet gerne noch andere Formen von BEWUSSTSEIN, die an dieser Stelle keine Rolle spielen).

(4) Im Bereich dieses ERLEBENS VON ETWAS sind ALLE ERLEBNISSE zunächst einmal GLEICH: Weder sind sie unterschieden nach ihrer HERKUNFT noch nach irgendwelchen anderen EINTEILUNGSKRITERIEN wie z.B. ‚konkret‘, ‚abstrakt‘, ‚empirisch‘, ‚intersubjektiv‘, ’subjektiv‘ usw. Hier gibt es nur ERLEBTES. Ein ‚ERLEBTES‘ nenne ich hier PHÄNOMEN (das alt-griechische Verb ‚phaino‘ spricht davon, dass etwas ‚erscheint‘, ‚ans Licht kommt‘; im ERLEBEN ‚ERSCHEINT ETWAS‘). Man könnte diese primäre Einstellung technisch einfach LEVEL 0 nennen.

(5) Fakt ist, dass man im Bereich des primären ERLEBENS zwischen den einzelnen PHÄNOMENEN UNTERSCHEIDEN kann. Dies ist möglich, da die verschiedenen Phänomene AN SICH bzw. IN SICH (inhärent) EIGENSCHAFTEN (Qualia) aufweisen, anhand deren sie sich voneinander ABHEBEN. Diese Eigenschaften muss das Denken nicht erfinden sondern FINDET SIE VOR; sie SIND DA. In dem Moment, wo man diese ZUSÄTZLICHEN INFORMATIONEN der PHÄNOMENE BERÜCKSICHTIGT verlässt man LEVEL 0 und beginnt sich auf LEVEL 1.

(6) Es ist nicht von vornherein klar, welche SYSTEMATIK die ‚beste‘ ist, um diese Fülle an Eigenschaften zu ’strukturieren‘. Viele große Philosophen haben sich an dieser Aufgabe versucht. Jeder hat sein eigenes Konzept ausprobiert. Das grundlegende Problem an dieser Stelle der Erklärung ist, dass ich als SCHREIBER mit einem potentiellen LESER nur mittels einer SPRACHE –in diesem Fall deutsche Schriftsprache– kommunizieren kann. Und, wie schon der Abschnitt über das ALLTAGSDENKEN deutlich gemacht hat, kann ich mich mit einem ANDEREN nur in dem Maße über die BEDEUTUNG eines AUSDRUCKS verständigen, wenn diese MITZUTEILENDE BEDEUTUNG sich auf etwas BEZIEHT, das SCHREIBER und LESER GEMEINSAM TEILEN. Im ALLTAGSDENKEN ist das die als gemeinsam unterstellte EXTERNE WELT, mittels der wir unsere BEDEUTUNGEN ABSTIMMEN (Kalibrieren) können. IM FALLE VON SUBJEKTIVEN GEGEBENHEITEN –wie hier im Falle der PHÄNOMENE– ist dies zunächst einmal NICHT so! Angenommen, die PHÄNOMENE wären REIN SUBJEKTIV, dann hätten wir keine Chance, eine SPRACHE einzuführen, die es verschiedenen INHABERN EINES PHÄNOMEN-BEWUSSTSEINS erlauben würde, MITEINANDER DARÜBER zu sprechen. Daraus folgt, dass eine REINE PHÄNOMENOLOGIE, also eine ANALYSE DER PHÄNOMENE NACH DENEN IHNEN INHÄRENTEN EIGENSCHAFTEN, OHNE eine GEEIGNETE SPRACHE UNMÖGLICH ist.

(7) Um also den unbezweifelbar vorhandenen RAUM DER PHÄNOMENE (Level 0 + Level 1) für das VERSTEHEN UNSERES DENKENS nutzbar zu machen, muss man klären, wie wir ÜBERHAUPT DARÜBER SPRECHEN können, ohne in Beliebigkeit oder abgründigen Vagheiten abzugleiten.

(8) Am Beispiel des ALLTAGSDENKENS wurde als GRUNDLEGENDE STRATEGIE der BEDEUTUNGSSICHERUNG sichtbar, dass die potentiellen Kommunikationsteilnehmer von dem ausgehen müssen, was SIE GEMEINSAM haben. Bezogen auf das Gemeinsame kann man dann Begriffe einführen, deren BEDEUTUNG durch dieses GEMEINSAME ‚gedeckt‘ (referenziert) wird. Im Bereich des alltäglichen und wissenschaftlichen Denkens gilt das MESSEN als eine der ‚härtesten‘ Formen von GEMEINSAM FIXIERTER BEDEUTUNG. Bei näherer Betrachtung gilt aber, dass die am Messen BETEILIGTE PERSONEN nicht den MESSVORGANG ‚als solchen‘ wahrnehmen, sondern nur die SUBJEKTIVEN ERLEBNISSE, die dieser Messvorgang IN JEDEM EINZELNEN VERURSACHT/ ERZEUGT! Dies bedeutet, aus der Perspektive des PHÄNOMENRAUMES gibt es solche Phänomene Ph_Pers, die wir GELERNT haben als REPRÄSENTANTEN von ANDEREN PERSONEN zu VERSTEHEN und solche Phänomene Ph_Meas, die wir als REPRÄSENTANTEN VON MESSVORGÄNGEN AUFFASSEN. Im ‚Alltagsmodus‘ sprechen wir verkürzend von ‚den Anderen‘ oder ‚dem Messen‘. ‚Nah‘ betrachtet, aus der Perspektive des TATSÄCHLICHEN Erlebens, haben wir bestimmte ERLEBNISSE (PHÄNOMENE), mit unterscheidenden PHÄNOMEN-EIGENSCHAFTEN, anhand deren wir diese Unterscheidungen vornehmen.

(9) An diesem winzigen Beispiel wird ferner deutlich, dass das REDEN ÜBER PHÄNOMENE nicht nur ein Problem der VERFÜGBAREN SPRACHE ist, sondern offensichtlich auch an den ANDAUERNDEN ERLEBNISSTROM gebunden ist, der sich KONTINUIERLICH VERÄNDERT, und der EINGEBETTET ist in etwas, das wir IMPLIZITES LERNEN nennen. Dies bedeutet, es ist nicht nur so, dass wir PHÄNOMENE erleben, WIE SIE SIND, sondern gleichzeitig mit dem ERLEBNISSTROM können wir ERINNERN, und zwar in ‚verdichteten‘ Formen wie ABSTRAHIERENDEN BEGRIFFEN, in denen verschiedene EINZELN ERLEBBARE Phänomene in einem ABSTRAKTEN BEGRIFF (KONZEPT) ‚zusammengefasst‘ werden. So sehen wir KONKRETE Objekte, die wir ALLE mit dem einen Wort ‚STUHL‘ BEZEICHNEN, obgleich jedes einzelne konkrete Erlebnis sich von dem anderen anhand aufzeigbarer Eigenschaften UNTERSCHEIDET. Das WORT ‚STUHL‘ bezieht sich offensichtlich auf EIGENSCHAFTEN, die in allen diesen einzelnen ‚Stuhl-Erlebnissen‘ irgendwie VORKOMMEN, OHNE aber zugleich ‚zu sagen‘, wie noch ANDERE konkrete ‚Stuhl‘-Ereignisse aussehen könnten.

(10) Aus diesen Beobachtungen legt sich der Schluss nahe, dass das Konzept des PHÄNOMENOLOGISCHEN DENKENS eher NICHT das ALLERERSTE ist, was wir erkennen können, sondern dass es sich hier um ein ABGELEITETES, THEORETISCHES Konzept handelt, das sowohl einen LÄNGEREN ERLEBNISSTROM voraussetzt wie auch eine HINREICHEND ENTWICKELTE SPRACHE. Dies deutet darauf hin, dass PHÄNOMENOLOGIE so etwas ist wie eine PHILOSOPHISCHE THEORIE — auf den ersten Blick eigentlich ein Widerspruch in sich, da PHILOSOPHIE traditionellerweise verstanden wird als letzte Reflexionsinstanz, die alles und jedes ‚hinterfragt‘; eine THEORIE ist aber der Versuch einer SYSTEMATISCHEN STRUKTURBILDUNG. Doch im nächsten Moment macht es doch Sinn: um die STRUKTUR des RAUMS DER PHÄNOMENE darstellen zu können muss in PHILOSOPHISCHER MANIER über die Frage des GEGEBENSEINS von ETWAS reflektiert werden. Und in dem Masse, wie die Fragen ANTWORTEN ermöglichen, kann eine SYSTEMATISCHE STRUKTURBILDUNG im Stile einer THEORIE stattfinden.

(11) Wenn es nun so zu sein scheint, dass die PHÄNOMENOLOGIE an den KONTINUIERLICHEN ERLEBNISSTROM gebunden ist, der IN SICH ‚typische‘ VERÄNDERUNGEN aufweist, die wiederum durch ERLEBBARE EIGENSCHAFTEN und darin IMPLIZIT SICHTBAR WERDENDEN STRUKTUREN charakterisiert sind, sowie an eine dazu BEGLEITEND SICH ENTWICKELNDE SPRACHE, dann muss eine systematisierende PHÄNOMENOLOGISCHE THEORIE in den VERSCHIEDENEN PHASEN eines ERLEBNISSTROMES UNTERSCHIEDLICH aussehen! Der PHÄNOMENOLOGISCHE RAUM eines einjährigen Menschen KANN NICHT der GLEICHE sein wie der einer 35-jährigen Frau oder eines 71-jährigen Mannes.

(12) Wenn wir schon von SPRACHE sprechen als jenem HILFSMITTEL, mittels dessen ein SPRECHER einem HÖRER etwas SAGEN MÖCHTE und wir festgestellt haben, dass die GEMEINTE BEDEUTUNG (normalerweise) ETWAS ANDERES ist als die BENUTZTEN SPRACHLICHEN AUSDRÜCKE, und wir ferner ERFAHREN, dass wir sehr wohl die BEZIEHUNGEN zwischen SPRACHLICHEM AUSDRUCK und damit GEMEINTER BEDEUTUNG ‚herstellen‘ können, dann besagt dies, dass wir BEZIEHUNGEN (RELATIONEN) ZWISCHEN VERSCHIEDENEN PHÄNOMENEN WISSEN (ERKENNEN, ERLEBEN) können. So kann der GESPROCHENE SPRACHLICHE AUSDRUCK ‚Diese Person da‘ als mögliches Beispiel für die ABSTRAKTE REPRÄSENTATION DIES AUSDRUCKS verstanden werden, der wiederum BEZOGEN IST auf eine ABSTRAKTE BEDEUTUNG von ‚Person, diese, da‘ und diese abstrakte Bedeutung wiederum kann bezogen werden auf eine KONKRETE PERSON IM UMFELD DES SPRECHERS. Damit gibt es schon verschiedene ARTEN von ERLEBBAREN (WISSBAREN) BEZIEHUNGEN: (i) KONKRETES Phänomen Ph_Concr als Instanz von einem ABSTRAKTEN Phänomen Ph_Abstr*; (ii) ABSTRAKTES Phänomen Ph_Abstr zu einem anderen ABSTRAKTEM Phänomen Ph_Abstr*. Und das sind nicht die einzigen.

(13) Eine PHÄNOMENOLOGISCHE THEORIE müsste also sowohl die verschiedenen ARTEN VON PHÄNOMENEN unterscheiden, dazu die unterschiedlichen BEZIEHUNGEN (RELATIONEN), in denen die Phänomene auftreten können, sowie die DYNAMIK (VERÄNDERUNGEN), die sich an diesen Phänomenen ‚zeigt‘. Ferner müsste diese Theorie auch deutlich machen, wie sich die Struktur des phänomenologischen Raumes unter Umständen im Laufe des Lebens ändert.

(14) Die ENTWICKLUNG einer PHÄNOMENOLOGISCHEN THEORIE müsste ferner der ENTWICKLUNG  des ALLTAGSDENKENS und der ALLTAGSSPRACHE folgen. Denn nur in dem Maße, wie eine Alltagssprache L_Every verfügbar ist, sind KOMMUNIKATIONSPROZESSE möglich, innerhalb deren sich gemeinsam geteilte phänomenologische Strukturen ’sichtbar‘ machen lassen. Da die ERLEBNISSTRUKTUR bei ‚GLEICHGEBAUTEN‘ biologischen Systemen ‚im Normalfall‘ SEHR ÄHNLICH ist, ist zu erwarten, dass die AUSFORMULIERUNGEN einer phänomenologischen Theorie recht weit kommen könnte. Relativ zum NORMALFALL wären dann alle ABWEICHUNGEN von besonderem Interesse (so zeigen gerade die PATHOLOGISCHEN Fälle aus der Neuropsychologie sehr Vieles über das Funktionieren unseres Gehirns und des davon abhängigen Erlebens was ohne diese pathologischen Fälle niemals so klar geworden wäre). Idealerweise würde eine phänomenologische Theorie auch als FORMALE THEORIE formuliert, die zudem COMPUTERGESTÜTZTE SIMULATIONEN möglich macht.

Eine Fortsetzung findet sich HIER.

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Erste Aspekte zum phänomenologischen Raum

Alltagsdenken (1)

(1) Es gibt unterschiedliche Perspektiven, wie man das, was wir als ‚Denken‘ bezeichnen, betrachten kann. Je nachdem, welche dieser Perspektiven wir wählen, ergibt sich ein ganz unterschiedliches Bild von diesem ‚Denken‘.

(2) Die am weitesten verbreitete Betrachtungsweise ist wohl jene, die wir ALLTAGSDENKEN nennen.  Im Folgenden einige Annahmen zu diesem Alltagsdenken ‚im Normalfall‘.

(3) Im Alltagsdenken nehmen wir an, daß es eine für alle Menschen  GEMEINSAME EXTERNE WELT gibt, deren EREIGNISSE wir WAHRNEHMEN können.

(4) Das, was wir wahrnehmen, ist uns BEWUSST.

(5) Wir ERLEBEN diese WAHRGENOMMENEN EREIGNISSE als etwas, das sich anhand von inhärenten EIGENSCHAFTEN (Qualia)  UNTERSCHEIDEN läßt (diese wahrgenommenen Ereignisse nenne ich technisch  ‚Phänomene‘).

(6) Es wird zudem unterstellt, daß das, was wir WAHRNEHMEN, mehr oder weniger auch dem entspricht, was ‚da draußen‘ IN DER WELT VORKOMMT.

(7) Wir können auch feststellen, daß das Phänomen Ph, das wir AKTUELL wahrnehmen, ÄHNLICH oder GLEICH einem Phänomen Ph*, das wir VORHER WAHRGENOMMEN hatten.

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Gedächtnis (Memory) kann Ereignisse ’speichern‘

(8) Wir führen diese WIEDERERKENNBARKEIT darauf zurück, daß wir annehmen, daß wir ein GEDÄCHTNIS haben, das WAHRGENOMMENES irgendwie SPEICHERN und dann beim AUFTRETEN ÄHNLICHER EREIGNISSE wieder ERINNERT.

(9) Wir unterstellen auch, daß wir normalerweise über WENIGSTENS EINE SPRACHE verfügen, mit der wir ÜBER das, was wir WAHRNEHMEN, SPRECHEN können.

(10) Sofern wir über VORKOMMNISSE IN DER WELT sprechen, kann ein Beobachter (Observer, O)  nachvollziehen, was ein ANDERER MEINT, wenn er sagt, ich sehe jetzt etwas (das gemeinsam Wahrnehmbare), das ich Ph1 nenne. Oder wenn ein ANDERER sagt, daß er jetzt etwas sieht, das er Ph1 nennt, das er aber FRÜHER schon einmal gesehen hat.

(11) Dies alles setzt voraus, daß der BEOBACHTER und der BERICHTENDE MENSCH (der ANDERE) hinreichend ‚BAUGLEICH‘ sind, daß sie hinreichend lang eine GEMEINSAME WAHRNEHMUNSGESCHICHTE haben und daß sie die GLEICHE SPRACHE sprechen. Ist eine dieser Voraussetzungen nicht erfüllt, funktioniert dieses Modell nicht (z.B. wenn der Beobachter farbenblind ist oder er siehr den anderen Menschen nur ganz kurz (ohne Vorgeschichte) oder er versteht dessen Sprache nicht).

(12)Spricht jemand über ERLEBNISSE IN SEINEM BEUSSTSEIN (Phänomene), die NICHT zugleich auch VORKOMMNISSE IN DER WELT sind, wird es schwieriger. Sofern die Phänomene ERINNERUNGEN von Vorkommnissen in der Welt sind ist es meist möglich, daß ein BEOBACHTER VERSTEHT, was der ANDERE MEINT wenn er über seine aktuellen PHÄNOMENE SPRICHT (z.B. die Erinnerung an ein rotes Auto, das man gemeinsam gesehen hatte). Handelt es sich aber um Phänomene (Erlebnisse), die KÖRPERINTERN verursacht sind (Z.b. irgendwelche BEDÜRFNISSE, irgendwelche GEFÜHLE), dann ist es nicht mehr so einfach, zu klären, ob der BEOBACHTER noch VERSTEHEN kann, was der ANDERE MEINT, wenn er DARÜBER SPRICHT. Sofern der ANDERE ‚Hunger‘ hat und der BEOBACHTER –weil er ‚baugleich‘ ist–, auch regelmäßig ‚hungrig‘ ist, schaffen es erfahrungsgemäß beide, sich auf Dauer zu verständigen. Wenn der ANDERE aber irendwelche GEFÜHLE ‚empfindet‘, die der BEOBACHTER so noch nie hatte, wird er niemals in der Lage sein, zu VERSTEHEN, was der ANDERE MEINT, wenn er so spricht.

(13) Es hat sich eingebürgert, solche Aussagen, die ÜBER Vorkommnisse IN DER WELT handeln (aktuell oder erinnert), EMPIRISCHE Aussagen zu nennen, und alle anderen SUBJEKTIVE.

(14) EMPIRISCHE Aussagen beziehen sich auf VORKOMMNISSE, die ALLEN MENSCHEN GEMEINSAM sein können, also Vorkommnisse in der ALLEN GEMEINSAMEN EXTERNEN WELT. In einem abgeschwächten Sinne kann man auch noch jene Aussagen hinzunehmen, die ÜBER Vorkommnisse sprechen, die aus dem BAUGLEICHEN KÖRPER WIEDERHOLBAR resultieren.

(15) SUBJEKTIVE Aussagen wären dann alle anderen. Sofern ein ANDERER irgenwelche Erlebnisse hat, die sich nicht mit wiederholbaren GEMEINSAMKEITEN in Beziehung setzen lassen, sind sie mit der Sprache nicht kommunizierbar. Hier beginnt entweder das INDIREKTE Sprechen oder gar die SPRACHLOSIGKEIT.
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Sprechen über Phänomene