PARALLELWELTEN. Ein Fall von …

Zum Abschluss eines ereignisreichen Jahres hier ein kleiner Hinweis auf die Existenz einer ‚Parallelwelt‘ zu diesem Block.

In diesem Block versuche ich — seit formal Januar 2007, tatsächlich dann aber erst seit Dezember 2009 — meine Gedanken zum Thema Philosophie, Wissenschaft(en) und zum grundlegenden Thema unseres Menschenbildes zu ’sortieren‘. Was mein persönliches Denken angeht, so hat mir das tatsächlich viel geholfen. Für jene, die mitlesen, und das sind tatsächlich einige, ist es allerdings nicht immer so ganz nachvollziehbar, warum gerade jenes Thema, und dann auf so eine spezielle Weise, aufpoppt, oft als Fragment. Der große Zusammenhang ist nicht immer (sogleich) erkennbar. Gelegentliche Kommentare, oft durchsetzt mit Fragen, haben mir immer wieder geholfen, bestimmte Punkte weiter klären zu können.

Ob dieses kontinuierliche Ringen um Grundsatzfragen irgendwann zu einem Punkt führen wird, in dem alle losen Enden sich – quasi ’symphonisch‘ — zu einem ‚großen Ganzen‘ vereinen, ist offen. Einige Male habe ich es versucht, fast ‚gewaltsam‘ solch eine Ende herbei zu führen, musste dann aber feststellen, dass die Sache, um die es geht, solch eine ‚gewaltsames‘ Ende nicht zulässt. Das ‚Durchwandern‘ des Denkraumes, das ‚Umkreisen‘ von vielen Hotspots, das ‚Durchspielen‘ vieler Varianten erweist sich als nicht ersetzbar. Jene, die diesen Windungen, auf und ab, geduldig folgen, erschließt sich womöglich langsam eine ‚Ahnung‘ von einem größeren Zusammenhang, aber, da wir selbst mit all unseren Klarheiten wie Unklarheiten, unseren bewussten wie unbewussten Dynamiken, wesentlicher Teil des Ganzen sind, wird das Ganze nie erscheinen, so lange wir uns selbst nicht hinreichend in dieses Ganze einsortieren können. Die Aussicht, sich selbst, und dann noch die vielen anderen, in einem seriösen Sinne, in das Gesamtbild einzubeziehen, sind allerdings – wenn man sich der Wirklichkeit voll stellt – sehr gering.

Seit diesem Sommer 2018 ist es mir gelungen, zusätzlich zu diesem Block ein Projekt zu starten, in dem es real darum gehen soll, dass alle Menschen miteinander ihr Schwarmwissen auf neue Weise so teilen können, dass daraus eine neue Gemeinsamkeit auf vielen Ebenen entstehen kann. Wobei die Betonung auf ‚kann‘ liegt. Jeder Mensch ist der Ort einer grundlegenden ‚Freiheit‘, jener Freiheit, die das ganze physikalische Universum von Grund auf kennzeichnet, und diese Freiheit ist niemals ganz aufhebbar oder zerstörbar (auch wenn es im Alltag oft den Anschein haben mag). Dieses Projekt kann eine weitere Parallelwelt zu diesem Block werden. Die eigentliche Parallelwelt ist aber eine andere.

Wie man wissen kann, bin ich ja seit 2002 als Professor tätig und konnte mich in dieser Zeit mit vielen Themen der Informatik beschäftigen. Seit 13 Jahren dann vornehmlich mit Fragen ‚lernender Systeme‘, ‚Mensch-Maschine Interaktion‘ und ‚Simulation‘. In all diesen Jahren auch immer mit der Frage, wie Ingenieure grundsätzlich die Welt sehen und was sie tun, wenn sie die Welt ändern wollen. Letztlich sind sie es, die die Gestalt des Alltags in den letzten 100 (und mehr) Jahren am direktesten und am nachhaltigsten verändert haben. Während die Politik kontinuierlich Versagen auf breiter Front manifestiert, zeigen die Ingenieure, dass sie auch sehr komplexe Aufgaben mit vielen tausend Mitwirkenden quer über den Erdball, quer zu allen Nationen, Kulturen und Ethnien, lösen können. ‚Sie haben es drauf‘, wie man so schön sagt.

Als Philosoph, speziell als Wissenschaftsphilosoph, der ich ursprünglich bin, hat mich das immer fasziniert. Während die Philosophen an der Ludwig-Maximilian Universität in München – und nicht nur diese – sich mit ihren Wort- und Gedankenwundern mit narzisstisch anmutender Artistik in Wortpalästen ergehen, die beeindruckend sind, schaffen Ingenieure es, das Gemeinsame in der Verschiedenheit zu finden, und dieses gemeinsam zu immer größeren Kunstwerken zu vereinen, die es dann tatsächlich gibt, die funktionieren, die helfen, das Leben auf dieser Erde mit immer mehr Menschen zu führen. Aus der Politik hält man sie allerdings fern …

Und es war für mich sicherlich prägend, dass ich seit ca. 1999 einen Ingenieur, einen ‚Systemsengineer‘ aus Südafrika, kennen lernen konnte, der diese Kunst des systemischen Engineerings in hoher Weise beherrschte. Ohne es zu wollen lernte ich von ihm im Laufe der Jahre häppchenweise die Kunst des systemischen Engineerings kennen, reflektieren, und es überrascht dann nicht, dass ich als Wissenschaftsphilosoph versucht habe, dieses systemische Prozessdenken mit meinen Informatikthemen zu verknüpfen. Insbesondere erwies sich das Fach Mensch-Maschine Interaktion (MMI; Englisch: HMI := Human-Machine Interaction) als ein dankbares Feld. Aus dieser Konstellation erwuchs im Laufe der Jahre ein Denkansatz, der in wissenschaftsphilosophischer Perspektive das systemische Denken der Ingenieure mit den konkreten Themen von MMI, lernenden Systemen, Simulation sowie die Theorie biologischer Systeme mit all ihren Facetten) zu vereinen suchte. Und ja, seit fast zwei Jahren sieht es so aus, dass es dieser von der Ingenieurskunst und Ingenieurswissenschaft beeinflusste Ansatz ist, dem es gelingt, hochkomplexe Prozesse mathematisch und algorithmisch zu strukturieren.

Das eigentliche Wunder zeichnet sich erst seit kurzem ab: durch die Einbeziehung der Quanten-Logik, vor der ich mich erfolgreich seit vielen Jahren ‚gedrückt‘ hatte, scheint auch der direkte Brückenschlag zur Physik zu gelingen. OK, das ist alles noch nicht zu Ende gedacht, aber die grundlegenden Prinzipien passen wunderbar zueinander.

Diese Welt des systemischen Engineering ist die eigentliche ‚Parallelwelt‘ zu diesem Block. Wie diese beiden Welten sich letztlich ergänzen, ist nicht leicht zu beantworten. Einerseits ist es dieser Block, der mir entscheidende (wissenschafts-)philosophische Impulse für die Parallelwelt des Engineering gegeben hat; andererseits habe ich viele wichtige philosophische Ideen nur über das systemische Engineering bekommen (und natürlich von den Subthemen ‚Lernende Systeme‘, ‚MMI‘ und ‚Simulation‘).

Das zuvor erwähnte Projekt mit dem ‚Schwarmdenken‘ aller Bürger ist ein ‚Abfallprodukt‘ des Nachdenkens über das systemische Engineering. Vielleicht ist dies die kulturelle Schicksalsfrage der demokratischen Systeme, ob sich der – vielfach dilettantische – Politikbetrieb von der Ingenieurskunst mehr als bisher — zumindest ein wenig — ‚therapieren‘ lässt.

… dabei sollte man sich klar machen, dass das Menschenbild des Engineerings mehr von Freiheit enthält als viele der leeren politischen Worthülsen. Ingenieure werden nämlich nicht nur daran gemessen, was sie sagen, sondern was sie zustande bringen, und zwar nachhaltig.

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WAS VERSTEHEN WIR UNTER WISSENSCHAFT? Blitzlicht zu einem Workshop am 14.Dez.2018

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 16.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KURZFASSUNG

Am 14.Dez.2018 gab es einen kleinen Workshop zum obigen Thema. Die TeilnehmerInnen repräsentierten unterschiedliche institutionelle Funktionen und Lebensphasen (Studierende, Lehrende, Verwaltung). Ein Teil des Workshops bestand darin, das in den einzelnen Gehirnen verborgene ‚Schwarm-Wissen‘ ‚hervor zu locken, es sichtbar zu machen, und es gemeinsam in mögliche Zusammenhänge einzuordnen, die sich von den Wissensfragmenten her anzudeuten schienen. Das Ergebnis war ein ziemlich anspruchsvolles Bild von Wissenschaft, WissenschaftlerInnen, Gesellschaft, Entstehung, Vorwissen und Metawissen. Auf dieser Basis könnte es sich lohnen, systematisch weiter zu denken. Der nachfolgende Text war nicht Teil des Workshops, wie auch umgekehrt nicht alle Themen und Gedanken des Workshops in den nachfolgenden Text eingeflossen sind. Der Autor dieses Textes war der Moderator des Workshops.

WISSENSCHAFTSBEGRIFF

In der Ankündigung des Workshops konnte man lesen, dass man im Jahr 2018 vielleicht glauben könne, dass wir in einer von Wissenschaft geprägten Welt leben und eigentlich jeder – zumindest jeder ‚Akademiker‘ – weiß, was man unter ‚Wissenschaft‘ versteht bzw. normativ verstehen sollte. Wer sich aufmerksam umschaut in seinem Alltag, kann allerdings sehr schnell viele Beispiele finden, die eher den Eindruck erwecken, dass dem nicht so ist. Selbst von Akademikern kann man z.T. höchst verwunderliche Aussagen hören, was sie unter Wissenschaft verstehen. Und nicht nur in wissenschaftlichen Büchern, sondern sogar in ‚Handbüchern‘ zur Philosophie der Einzelwissenschaften, sucht man Erläuterungen, Erklärungen, Definitionen von dem, was man unter ‚Wissenschaft‘ versteht, verstehen sollte, oft vergeblich.

Aufgrund dieser alltäglichen Sachlage kann es Sinn machen, sich ab und zu zusammen zu finden und mal zu versuchen, sein eigenes Wissen mit dem der anderen auszutauschen und darüber nach zu denken, was man denn so tut, wenn man ‚Wissenschaft‘ ‚macht‘.

THE BIG PICTURE – DAS GROSSE BILD

Ergebnis des Brainstormings aus dem Workshop mit Andeutungen der Kommentierungen im Workshop.

Ergebnis des Brainstormings aus dem Workshop mit Andeutungen der Kommentierungen im Workshop.

Mögliche abstrakte Struktur zum Thema Wissenschaft aufgrund des vorausgegangenen 'Schwarm-Denkens'

Mögliche abstrakte Struktur zum Thema Wissenschaft aufgrund des vorausgegangenen ‚Schwarm-Denkens‘

In den beiden Bildern kann man grob zwei Phasen im Verstehensprozess des Workshops erkennen: (i) in der Ideen-Anregungsphase gab es viele einzelne Gedanken, die als solche kaum größere Zusammenhänge erkennen liesen. Aber durch die Nähe zu anderen einzelnen Gedanken deuteten sich zunehmend mögliche übergeordnete Zusammenhänge an, die dann dazu führten, dass die Gruppe gemeinsam (ii) ‚Strukturierungen‘ vornehmen konnte, tastend, versuchsweise, hypothetisch, die sich im weiteren Verlauf sowohl ‚verfestigen‘ wie auch ‚differenzieren‘ konnten.

Die ’schwarzen‘ Umrandungen deuten thematisch zusammenhängende Sachverhalte an, die ‚roten‘ Pfeile deuten auf Wechselwirkungen zwischen diesen hervorgehobenen Bereiche hin.

Im zweiten Bild sind dann nur die abstrahierten Strukturen dargestellt. Diese repräsentieren folgende induktiv (‚bottom-up‘, Schwarmwissen) gewonnene Sachverhalte:

VORWISSEN

1. Wissenschaft fängt nicht im ‚Nichts‘ an sondern hat immer schon ein VORWISSEN, aus dem heraus sie sich ‚orientiert‘. Dieses Vorwissen ist nicht statisch, sondern verändert sich in Abhängigkeit von Ort und Zeit und kulturellem Kontext kontinuierlich. Auch das, was der Wissenschaftsbetrieb dann an WISSENSCHAFTLICHEM WISSEN aus sich heraus setzt, das kann auf dieses Vorwissen zurückwirken. Wie die Geschichte zeigt, ist die Rückwirkung von wissenschaftlichem Wissen auf das Vorwissen nicht einfach, nicht direkt, nicht vollständig. Die Rückwirkung wird von vielen individuellen, kulturellen, politischen und anderen Faktoren beeinflusst. Nicht zuletzt auch von dem wissenschaftlichen Wissen selbst, das heute z.B. als Massenphänomen (wer soll das noch alles lesen?), in einer schwer bis kaum verständlichen Verpackung (Sprachen, Verfahren, Geräte…)) daherkommt, dazu – wie schon immer – institutionell verknüpft mit wirtschaftlichen, politischen und Machtinteressen.

WISSENSCHAFTLER

2. Wissenschaftliches Wissen entsteht nicht ‚automatisch‘, sondern beruht auf der Aktivität von konkreten MENSCHEN, WISSENSCHAFTLERN (männlich, weiblich, andere), die mit ihren Körpern, ihren Gehirnen, ihren individuellen Fähigkeiten versuchen, in KOMMUNIKATION mit anderen, unter den konkreten Bedingungen einer konkreten Gesellschaft, verfügbares Vorwissen aufzunehmen, es durch ihre Denken, ihre Arbeit, ihre Kommunikation zu verstehen, zu sortieren, neu zu interpretieren, neu anzuwenden, neu zu formen, und ihm öffentlich Gehör und Anerkennung zu verschaffen. Dies ist ein sehr mühsames Geschäft, es verlangt 20 und mehr Jahre kontinuierliche individuelle Arbeit, es verlangt einen institutionellen, gesellschaftlichen, kulturellen Kontext, der dies begünstigt.

WISSENSCHAFTLICHES WISSEN – MESSEN

3. WISSENSCHAFTLICHES WISSEN unterscheidet sich nach bisherigem Vorwissen von ‚anderen‘ Wissensformen durch den Anspruch, dass DIE WISSENSCHAFTLICHEN ‚AUSSAGEN ÜBER DIE WELT ‚ VON ‚OBJEKTIVEN BEDINGUNGEN‘ ABHÄNGIG SEIN SOLLEN, die jeder Mensch mit einer ‚entsprechenden sachlichen Ausstattung‘ im Prinzip selbst überprüfen kann. Dies bedeutet, es reicht nicht einfach individuell (subjektiv) irgendeine ‚Wahrnehmung von Welt‘ zu haben, sondern diese individuelle Wahrnehmung muss zugleich verknüpfbar sein mit einem ‚objektiven Messprozess‘, durch den ein ‚objektives Ereignis‘ erzeugt wird, das der individuellen (subjektiven) Wahrnehmung ‚korrespondiert‘. Genauer, zwei verschiedene ‚Beobachter‘ müssen in der Lage sein, sich über dieses ‚objektive‘ Ereignis als einem ‚intersubjektiven Ereignis‘ ‚zufriedenstellend‘ zu ‚einigen‘. Außerdem wird gefordert, dass sich das gemeinsam identifizierte objektive Ereignis genau so bei Wiederholung des objektiven Messverfahrens ‚wieder einstellt‘. Unter ‚Messen‘ versteht man dabei einen Vorgang, bei dem ein ‚zu klassifizierendes Phänomen‘ mit einem ‚zuvor vereinbarten Standardobjekt‘ ‚verglichen‘ wird. In einem vollständigen Vergleich wird   informiert, über das benutze  Verfahren, über das benutze  Standardobjekt (= Messeinheit), über quantitative Verhältnisse, über Ort und Zeit, über spezielle Größen, die das Messverfahren beeinflussen könnten, und über die Beobachter. Ohne diese Angaben ist ein Messergebnis unvollständig.

WISSENSCHAFTLICHES WISSEN – ERKLÄREN

4. Mit der Gewinnung von Messwerten, die wissenschaftliche Ansprüche erfüllen, ist es aber noch nicht getan. Wie auch das Beispiel des oben geschilderten Brainstormings andeutet, beginnt WISSEN eigentlich erst, wenn EINZELNE ASPEKTE sich in mögliche ZUSAMMENHÄNGE einordnen lassen. Und solche Zusammenhänge, auch BEZIEHUNGEN oder RELATIONEN genannt, können sehr unterschiedliche Eigenschaften aufweisen: räumlich, zeitlich, Intensitäten, Häufigkeiten und vieles mehr.

5. Während die Ereignisse als solche nach Voraussetzung ‚intersubjektiv‘ und damit ‚objektiv‘ sein sollen, messbar, geschieht eine mögliche DEUTUNG im SUBJEKTIVEN BEREICH der BEOBACHTER. Aufgrund der menschlichen Fähigkeit, Ereignisse der Außenwelt (und auch des Körpers, der Innenwelt) ‚wahrnehmen‘ zu können, automatisch zu ‚kategorisieren‘, zu ‚erinnern‘, ’neu vorzustellen‘, und vieles mehr, können Menschen (Exemplare der biologischen Gattung homo sapiens) an sich ‚isolierte Einzelphänomene‘ ‚probeweise‘ ‚in Zusammenhängen anordnen‘, die mögliche empirisch relevante Beziehungen gedanklich (= oft auch ‚mental‘ (analytische Philosophie) oder ‚kognitiv‘ (Psychologie) oder ‚geistig‘ (klassischer Philosophie) genannt) repräsentieren und damit in der Außenwelt ‚identifizierbar‘ machen. Ohne diese gedanklichen Hervorbringungen von Strukturen wäre ein Beobachter nicht in der Lage, solche Beziehungen im Wahrnehmungsfeld zu ‚identifizieren‘. Ob solche gedankliche Strukturen in einem Beobachter zustande kommen, welche, und wie, entzieht sich bis heute einem wissenschaftlichen Verstehen. Es gehört zu den (vor-wissenschaftlichen) VORAUSSETZUNGEN VON WISSENSCHAFT. Diese ermöglichen wissenschaftliches Wissen, gehören bislang aber nicht zum definierenden Teil von Wissenschaft.

META-EBENE

6. Um ÜBER Wissenschaft, Wissenschaftler und deren Voraussetzungen REDEN zu können, muss man einen STANDPUNKT einnehmen, der üblicherweise als META-EBENE bezeichnet wird: Immer dann, wenn man einen bestimmten GEGENSTANDSBEREICH G ausweisen kann, dann wird das Reden und Nachdenken über den Gegenstandsbereich G von einem Standpunkt aus vorgenommen, der NICHT SELBST TEIL VON G ist. Die Elemente von G sind dann die neuen OBJEKTE und das REDEN über diese Objekte benötigt eine eigene META-SPRACHE, um diesem Sachverhalt gerecht werden zu können. So gesehen nimmt jede einzelwissenschaftliche Disziplin einen SPEZIFISCHEN STANDPUNKT ein, von dem aus sie ÜBER einen SPEZIFISCHEN GEGENSTANDSBEREICH spricht (siehe das Schaubild zu verschiedenen Disziplinen und ihren Gegenstandsbereich im Beitrag ‚Welche Theorie von Was? ). So gesehen entwickelt normalerweise jede Einzeldisziplin ihre eigene Metasprache (‚Fachsprache‘), deren Begriffe nur im Kontext dieser Disziplin voll verständlich sind. Prinzipiell kann jeder ausweisbare Gegenstandsbereich zu solch einem Objektbereich für eine Metaebene und damit Metasprache werden. Im vorliegenden Fall also würden alle wissenschaftliche Disziplinen samt ihren Wissensprodukten und möglichen beeinflussenden Faktoren zu einem Gegenstandsbereich erklärt werden, zu dem eine Metaebene angegeben wird samt Metasprache, und diese spezielle Metadisziplin wird hier WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE genannt. Es wäre also Aufgabe der Wissenschaftsphilosophie, alles was zum Verständnis von empirischer Wissenschaft notwendig ist, in ihren Untersuchungen zu berücksichtigen, metasprachlich zu repräsentieren, und in einer allseitigen Kommunikation abzuklären.

GESELLSCHAFT

7. Im Gespräch wurde die Größe GESELLSCHAFT, die sowohl Wissenschaftler wie Wissenschaft ermöglicht und zugleich verschiedenste (oft sehr diffuse) Erwartungen an Wissenschaft hat, nur mit wenigen – wenngleich weitreichenden – Bemerkungen erwähnt.

ENTSTEHUNG VON WISSENSCHAFT

8. Zur Frage der Entstehung von wissenschaftlichem Wissen gab es direkt keine Äußerungen, da dies nicht direkt gefragt worden war. Es gab aber einen Gedanken, der im Kontext des Themenbereichs Wissenschaftler eingeordnet worden war, um Aspekte jener ‚inneren subjektiven Prozesse‘ zu charakterisieren, die zur Herausbildung von möglichen gedanklichen Beziehungen oder gar komplexeren gedanklichen Strukturen führen können. Dieser Gedanke war/ ist, dass es ‚GEIST‘ sei, der ‚INTUITIV‘ WISSEN schafft. Wie schon oben angedeutet wurde, werden die subjektiven Prozesse, die Wissenschaft ermöglichen, bislang nicht zum Erklärungsteil von Wissenschaft gerechnet. Entsprechend ist auch ein Begriff wie ‚Geist‘, der gern von klassischen Philosophen bemüht wird, um die subjektiven gedanklichen Prozesse zu ‚erklären‘, bislang nicht wirklich ein akzeptierter wissenschaftlicher Begriff. Statt wie die klassische griechische Philosophie den ‚Atem‘, das ‚Pneuma‘, zum allgemeinen Prinzip des Lebens zu machen, das im Geist (Nous) unser Denken ermöglicht, hat die empirische Wissenschaft heute so viel zur Entstehung des biologischen Lebens (und damit auch des homo sapiens) im Paradigma der EVOLUTION herausgefunden, dass man heute eher dazu tendiert, über die Rekonstruktion der Physiologie des Körpers, speziell auch des Nervensystems mit dem Gehirn (samt den vielen ungeheuerlichen Erkenntnissen zur  Mikrobiologie des Körpers), nach Ansatzpunkten zu suchen, die inneren subjektiven BEWUSSTEN gedanklichen Prozesse über die zugrunde liegende physiologischen Prozesse zu ‚erklären‘. Diese physiologischen Prozesse sind entweder vollständig UNBEWUSST (oft daher NICHT BEWUSST genannt), oder aber TEMPORÄR BEWUSST UND UNBEWUSST zugleich (Paradebeispiel Gedächtnis).

9. Allerdings ist fest zu halten, dass der Versuch der ‚Erklärung‘ des Bewussten auf der Basis des Unbewussten bislang methodisch nicht wirklich zufriedenstellend ausgeführt worden ist. Wissenschaftsphilosophisch ist auch anzumerken, dass die unterschiedliche Datenlage ein ‚einfaches Reduktionsmodell‘ aus prinzipiellen (formalen) Gründen ausschließt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Wissenschaft das generelle Problem bislang nicht geklärt hat, wie man das Zusammenwirken von ‚empirischen Einzeldaten‘ und ‚gedanklichen Konstrukten‘ in einer wissenschaftlichen Erklärung wiederum erklären kann/ soll. Der Begriff der ‚wissenschaftlichen Theorie‘ ist bislang nur fragmentarisch erklärt! Alle wichtigen interessanten Aspekte sind NICHT ERKLÄRT!

10. Dem Wissenschaftsbetrieb selbst scheint es – so der Eindruck – sogar ‚egal‘ zu sein, was das genau ist, eine ‚wissenschaftliche Theorie‘. Niemand fühlt sich so richtig zuständig. Die Wissenschaftsphilosophie, die hier zuständig wäre, ist nirgendwo ein regulärer Bestandteil des Wissenschaftsbetriebs. Die Einbeziehung der Perspektive der biologischen Evolution (die ja wiederum nur ein Teilaspekt der je größeren Perspektive der Entwicklung des ganzen Universums ist) hat die Frage nach dem ‚letzten Prinzip von Wirklichkeit‘ auch noch nicht vollständig gelöst. Das grundlegende Phänomen der Transformation von Energie in materielle Strukturen, die immer komplexere Feinstrukturen ausbilden, die wir ‚biologische Systeme‘ nennen mit ihren immer komplexeren Selbstorganisations-, Vernetzungs- und kognitiven Strukturen, ist bislang keinesfalls ‚erklärt‘. Wir haben nicht einmal die leiseste Idee, warum und wie das geschieht. In einer solchen wissenschaftlichen Situation den Mythos von der alles überragenden und alles vereinnahmenden künstlichen Intelligenz zu erzählen ist dann nur ein weiteres Anzeichen eines  Verfalls der wissenschaftlichen (und philosophischen!) Rationalität, die sich in irrationale Mythen flüchtet, die leichter Manipulationen und damit der Vernichtung der grundlegenden Freiheit des Universums Vorschub leistet. Popularität hatte schon immer mehr mit DUMMHEIT zu tun als mit AUFGEKLÄRTER VERNUNFT, die sich täglich neu abmüht, zu verstehen, wie es sich denn ‚wirklich verhält‘.

EPILOG

Wer will, kann sehen, dass Wissenschaft und eine begleitende Philosophie alles andere als unmodern sind, alles andere als selbstverständlich, alles andere als ein Selbstgänger. Aktuell droht die Wissenschaft samt der sie ermöglichende Gesellschaft an ihren eigenen Wissensprodukten zu ersticken. Das Auftreten der modernen (nicht zuletzt auch der digitalen) Technologien ist  kein Zufall, sondern gehören zur Logik der Evolution dessen, was wir LEBEN nennen. Die ZUKUNFT dieses Lebens wird aber wohl kaum gelingen, wenn man die PRODUKTE des Lebens von diesem selbst abkoppelt; sondern eher, wenn man das, was sich bislang als MÖGLICHES LEBEN andeutet, MIT HILFE DER NEUEN TECHNOLOGIEN weiter entfaltet. Allerdings brauchen wir dazu eine andere Form von künstlicher Intelligenz als das, was bislang marktschreierisch als solche VERKAUFT wird. Das, was bislang als künstliche Intelligenz verkauft wird, ist einfach nur EIN SCHLECHTER WITZ.

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DAS LEBEN ALS PROJEKT DER FREIHEIT

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 11.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KURZFASSUNG

Die grundlegende Idee einer Freiheit, die das Leben, insbesondere den Menschen, auszeichnet, die die großen wissenschaftlichen, politischen und auch wirtschaftlichen Umbrüche der Neuzeit hervorgebracht hat, scheint  unter zunehmender Atemnot zu leiden. Ein kurzer Blick auf die materielle Basis des Lebens unterstützt dies nicht. Leben ist gerade wissenschaftlich ein einziges Freiheitsprojekt …. Freiheit war aber noch nie ‚bequem‘ …

KONTEXT: REDE VON FREIHEIT

In einem aktuellen Beitrag in der Frankfurter Rundschau mit Titel ‚Der sanfte Umbruch‚ wird das Phänomen der Digitalisierung in seinen weitreichenden gesellschaftlichen und individuellen Wirkungen schlaglichtartig sichtbar gemacht, und zugleich als ein Leitmotiv auf den Menschen als Wesen der Freiheit hingewiesen. Dies ist bemerkenswert, da der Faktor Mensch heute weder in den Wissenschaften noch in vielen Gesellschaften als jener ausgezeichnete Ort von verdichteter Freiheit angesehen wird, der er – bei entsprechender Betrachtung – ist. Und damit sind wir am Kern des Problems: was nützen die spannendsten Sachverhalte, wenn der potentielle Betrachter eine mentale Brille auf hat, die ihn daran hindert, das zu sehen, was ‚ist‘.

IN GUTER GESELLSCHAFT: ZERSPLITTERUNG

Mit dem Aufhaben einer falschen mentalen Brille ist man allerdings in einer guten Gesellschaft. Wie der Überblick über die Vielzahl von Einzelwissenschaften im Rahmen der Relektüre von Edelmans Buch von 1992 gezeigt hat, zersplittert sich die Wissenschaft aufgrund ihres wissenschaftsphilosophischen Selbstverständnisses in immer mehr Einzelwissenschaften, die immer mehr Details zeigen, und immer weniger Zusammenhänge (die im Schaubild dieses Beitrags genannten Einzelwissenschaften sind nur die Spitze des Eisbergs). Selbst wenn es interessante komplexe Sachverhalte geben würde, die über den Wahrnehmungshorizont einer Einzelwissenschaft hinausreichen würden, solche Sachverhalte würden unerkannt bleiben, weil es keinen organisierten ‚integrierenden Blick‘ auf das ‚Ganze im Lichte des Einzelnen‘ gibt. Die verschiedenen Integrationsfantasien der Physik, die Vision einer Weltformel , haben sich weder erfüllt noch sind sie – aufgrund vieler kritischer Argumente – prinzipiell so möglich, wie sie die Physik gerne hätte.

KRANK IM KOPF?

Wer meint, „diese Probleme der Wissenschaft gehen ihn direkt nichts an, man selbst in seinem Alltag wisse ja doch schon, irgendwie, ‚wo es lang geht‘, was soll das also“, einem solchen ist natürlich zunächst wenig zu helfen. Wer so redet hat seine eigene mentale Brille, die offensichtlich darauf optimiert ist, alles auszublenden, was stört bzw. vielleicht stören könnte.

Dass mentale Brillen im Kopf selbst große Wissenschaftler beeinflussen können, ist nichts Neues. Die Geschichte ist voll davon. Edelman selbst, dessen Buch von 1992 ich einer Re-Lektüre mit Diskussion unterziehe (siehe den Überblick über alle bisherigen Beiträge), ist jemand, der eigentlich deutlich über die Grenzen seiner eigenen Wissenschaft hinaus schaut und hier auf interessante Fehlentwicklungen hinweist. Aber in seinem eigenen, angestammten Gebiet der Gehirnforschung, wird er dennoch Opfer seiner eigenen wissenschaftsphilosophischen Setzungen. In seiner Analyse und Diskussion des Phänomens ‚Bewusstsein‘  beginnt er mit sehr klaren, fast rabiaten Worten, in denen er den besonderen Charakter des Phänomens ‚Bewusstsein‘ herausstellt („Bewusstsein ist fremd, mysteriös, das ‚letzte Geheimnis‘.“ (S.137f)). Und er beschreibt auch die methodische Unmöglichkeit, das Phänomen als das, was es ist, ein erste-Person-Phänomen, wissenschaftlich angemessen beschreiben zu können. Dann aber – trotz eines eigenen Abschnitts über das, was genau die Eigenschaften einer wissenschaftlichen Theorie seien – beschreibt er wissenschaftliche Praktiken, die im Kern methodisch nicht das leisten, was sie leisten sollen, die aber dann in ihrem Ergebnis so gehandelt werden, ‚als ob‘ sie das Phänomen Bewusstsein behandelt hätten (dies erinnert ein wenig an die Praktiken der Finanzindustrie, die schrottige Finanzen (also eigentlich nicht vorhandenes Geld) so geschickt ‚mehrfach verpackt‘ haben, dass der Käufer  den Eindruck haben konnte, er kaufe ein funktionierendes Wertpapier)). Nun wird man Edelman sicher nicht jene kriminelle Energie unterstellen, die die Finanzkontrukteure angetrieben hat, aber irgendeine Form von ‚Energie‘ muss es dennoch sein, etwas mit einer Methode A erklären zu wollen, wofür die Methode A aber nicht ausgelegt ist.

Dieses Beispiel – wie gesagt, eines von vielen Hunderten wenn nicht Tausenden – zeigt, dass das Problem der mentalen Brille, die A zeigt, obgleich wir ein Nicht-A haben, jeden, selbst den größten Wissenschaftler, treffen kann. Und es ist die Gehirntheorie von Edelman selbst, die viele der Argumente liefert, warum wir ‚von Natur aus‘ das Problem der ‚mentalen Brille‘ haben; letztlich ist es eigentlich kein ‚Problem‘, sondern eine grandiose Errungenschaft des Lebens, das allerdings, bei ‚falschem Gebrauch‘, das Gegenteil von dem bewirkt, wofür es eigentlich ausgelegt ist.

BEWUSSTWERDUNG …

In den Kapiteln 11 und 12 beschreibt Edelman das Phänomen des Bewusstseins, wie es sich aus Sicht der Gehirnforschung und der Biologie darstellt.

Stark vereinfachend kann man seine Position vielleicht dahingehend zusammen fassen, dass er einmal zwischen einem ‚primären Bewusstsein‘ und einem ‚Höheren Bewusstsein‘ unterscheidet.

Das primäre Bewusstsein ist den aktuellen sinnlichen Wahrnehmungen der Außen- und Innenwelt verhaftet, kennt nur eine Gegenwart, das Jetzt, ist aber dennoch – auf unbewusste Weise – mit einer Gedächtnismaschinerie verbunden, die automatisiert die primären Erlebnisse ‚kategorisiert‘ und ‚bewertet‘. Schon hier beginnt also eine ‚Interpretation‘ von ‚Welt‘ sowohl in ihren ‚wissbaren Strukturen‘ wie auch in ihren ‚individuellen Bewertungen‘, und zwar ‚unbewusst‘. (Den Begriff ‚unbewusst‘  erläutert Edelman erst im Kap.13).

Vom primären, in der Gegenwart verhafteten Bewusstsein unterscheidet er das ‚höhere Bewusstsein‘, das in der Lage ist, die Gegenwart zu übersteigen durch Abstraktionsbildungen, welche die Gegenart und Vergangenheit explizit vergleichen können. Ein wichtiges Mittel ist hier ferner die symbolische Sprache, mit deren Hilfe nicht nur Momente des wahrgenommenen und erinnerten Wissens ‚fixiert‘, ‚bewusst erinnert‘, und ’neu konfiguriert (gedacht)‘ werden können, sondern das individuelle Gehirn kann mittels der Sprache mit einem anderen Gehirn in begrenztem Umfang ‚kommunizieren‘.

Die Wirkung dieser neuen inneren Organisationsstrukturen des Körpers zeigen sich in der Geschichte der Evolution unübersehbar und massiv: seit dem Auftreten des Homo  sapiens ist die Komplexität des Lebens auf der Erde in atemberaubend kurzer Zeit explodiert; dies ist eine extreme Form von exponentieller Beschleunigung.

Wichtig ist aber jene Unterscheidung von Edelman, dass die Entwicklung der Sprache der Entwicklung der komplexen Begriffsbildung sowie der Entwicklung des physiologischen Sprechapparates nachfolgt. Ohne komplexe Begriffsbildung und ohne Sprechapparat keine Sprache. Dies ist insofern wichtig als die Ausbildung bestimmter symbolischer Ausdrucksmittel und deren Assoziierung mit bestimmten ‚Inhalten‘ ein sekundärer Prozess ist.

KEIN DETERMINISMUS

Ebenso wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass sowohl bei der ontogenetischen Entwicklung des Gehirns in einem einzelnen Organismus sowie in der kontinuierlichen Arbeit eines individuellen Gehirns in keiner Phase ein ‚Determinismus‘ vorliegt. Sowohl das individuelle Gehirnwachstum wie auch die kontinuierliche Arbeit des Gehirns ist sowohl von vielen zufälligen Faktoren geprägt wie auch von beständigen Selektionsprozessen: aus einer Fülle von Optionen müssen ständig einige wenige ausgewählt werden, um den Lebensprozess nicht zum Stillstand zu bringen. Und hier treffen wir auf die Wurzel aller mentalen Brillen!

Um zu überleben, muss der individuelle Organismus aufgrund begrenzter Ressourcen ständig auswählen und damit Entscheidungen fällen. Diese Entscheidungen sind primär ‚automatisch‘, ‚unbewusst‘, eine Mischung aus genetischen induzierten ‚Tendenzen‘ sowie durch bisherige ‚Erfahrungen mit ihren impliziten Bewertungen‘. Dieser Mechanismus kann ‚deterministisch‘ wirken. Allerdings erlauben die höheren Gehirnleistungen – insbesondere auch die Sprache – diese weitgehend unbewussten Prozesse partiell ’sichtbar‘ und damit zu ‚explizitem Wissen‘ zu machen, das dann in komplexere Beziehungen und Modelle eingebaut werden kann, mittels deren Tendenzen sichtbar werden, implizite Voraussetzungen, mögliche Zukünfte. Ein solches explizit reflektierendes Verhalten ist mühsam, bietet aber prinzipiell die Möglichkeit, aus dem dumpfen Automatismus einer genialen Maschinerie partiell und schrittweise zu entkommen. Allerdings auch nur, wenn man sowohl den Wahrnehmungsprozess wie auch den Denkprozess beständig mit Alternativen, mit anderen Mustern konfrontiert. Die eigene Erfahrung ist sich selbst gegenüber weitgehend ‚blind‘. Die verfügbare Erfahrung als solche ist weder ‚wahr‘ noch ‚falsch‘, sie wirkt sich aus auf den kognitiven Verarbeitungsprozess, und diese Auswirkungen sind primär unbewusst. Es erfordert explizit Anstrengung, sich diesen bewusst zu machen.

Die Erfindung der neuzeitlichen experimentellen Wissenschaften war in diesem Kontext ‚revolutionär‘, da man versucht hat, die automatisierten, unbewussten Abläufe der individuellen Denkprozesse zu ‚externalisieren‘, sie an ‚externe‘ Objekte und Verfahren zu knüpfen, sie wiederholbar und transparent zu machen, unabhängig von den Besonderheiten eines individuellen Beobachters. Bis zu einem gewissen Grad hat diese Strategie bis heute große Wirkungen erzielt.

Allerdings haben diese Erfolge aus den Blick geraten lassen, dass die individuellen Gehirne der Forscher immer noch im Spiel bleiben, und dass diese individuellen Gehirne ihr eigenes ‚Betriebsprotokoll‘ haben, ihre ‚Policy‘, wie sie mit erlebbaren Ereignissen umgehen. Das Gehirn aus sich heraus ermöglicht zwar eine ‚kritische Theoriebildung‘, wenn aber der ‚Steuermann des Verhaltens‘ (Wer ist das genau?) die Mechanismen einer kritischen Überprüfung, eines kritischen Lernens nicht aktiviert, nicht nutzt, dann kann das Gehirn – wie viele Jahrtausende Kulturgeschichte zeigen – sich in Modellbildungen verrennen, die ‚an sich‘ schön aussehen, aber von nur geringem Erklärungswert sind, die Leben behindern statt zu fördern.

FREIHEIT ODER UNFREIHEIT

So wie im berühmten Beispiel mit dem halb vollen Glas, das der ‚Optimist‘ anders sieht als der ‚Pessimist‘, ist es auch hier ein wenig eine Frage der Einschätzung, ob man das biologische Wunderwerk Homo sapiens nun als einen gewissen ‚Höhepunkt‘ (aber nicht Endpunkt!) der bisherigen Evolution ansieht, oder aber als das nächste ‚Auslaufmodell‘.

Wer sich den mühevollen Weg der biologischen Evolution vergegenwärtigt, am besten noch erweitert um die Evolution des Universums, der kann eigentlich nicht umhin ins Staunen zu geraten, welche unfassbare Komplexitäten sich hier ‚aus sich heraus‘ organisiert haben. Dass wir heute vielfach an Überlastungen, an Versagen dieser Komplexität leiden, die Schwierigkeiten erleben, die eine Umsetzung der implizit gegebenen Möglichkeiten mit sich bringen, ist aus Sicht des Beteiligtseins nachvollziehbar. Dennoch waren Schwierigkeiten der Umsetzung eigentlich noch nie ein Beweis der Unmöglichkeit. Gemessen an den Problemen, die das biologische Leben in den vergangenen ca. 3.8 Mrd Jahren erleben und meistern musste, ist das, was wir heute erleben, eigentlich ein ‚Luxusproblem‘. Allerdings, die grundsätzliche Einsicht in das ‚Wunder des Lebens‘ ist noch nicht automatisch die ‚Umsetzung eines lebbaren Weges‘.

Andererseits, alle diese Probleme gibt es nur, weil das Leben von Grunde auf ein Projekt der Freiheit ist und es diese Offenheit für eine je größere und andere Zukunft ist, die permanent ‚Stress‘ erzeugt. Alles in der Vergangenheit erworbene Wissen, umgesetzte Verfahren und Strukturen haben eine eingebaute ‚Verfallszeit‘, weil der umgebenden universale Weltprozess dynamisch ist, sich beständig verändert, und alles, was bis zu einem gewissen Zeitpunkt erreicht wurde, kann nur erhalten werden, wenn es ‚angemessen‘ (nachhaltig, resilient) verändert wird. Wäre unser menschliches und gesellschaftliches Denken weniger an ‚Statik‘ ausgerichtet, weniger an ‚Bewahrung‘, weniger an ‚politischer Korrektheit‘, sondern stattdessen eher an ‚kontinuierlicher Veränderung‘, an ‚kreativer Forschung‘, an ‚experimentellen Entwürfen‘, an ‚unkonventionellen Typen‘, dann wären wir wahrscheinlich grundlegend besser aufgestellt.

 

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ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 13 – Fokussierung und Unbewusstes – Teil1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 9.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

BISHER

Für die bisherige Diskussion siehe den Überblick samt Diskussionen HIER.

KURZFASSUNG

Schwerpunktmäßig diskutiert Edelman im ersten Teil dieses Kapitels den methodischen Status des ‚Bewusstseins‘ aus Sicht dessen, was er ‚Wissenschaft‘ nennt. Gegen Ende erzeugt er allerdings ein methodisches Chaos. Teil 2 des Kapitels folgt.

Kap.13: Fokussierung und Unbewusstes (‚Attention and the Unconsciousness‘)

  1. Vorweg sei darauf hingewiesen, dass eine eins-zu-eins Übersetzung des Ausdrucks ‚attention‘ schwierig bis unmöglich ist. Mögliche Worte wie ‚Aufmerksamkeit‘, ‚Achtsamkeit‘ oder ‚Konzentration‘ überlappen sich in ihrer Bedeutung nur z.T. mit dem, was Edelman beschreibt. Das Wort ‚Fokussierung‘ kommt der Sache nach meinem ‚Sprachgefühl‘ am nächsten, ist aber auch nicht optimal. Von daher bleibt hier nur der Hinweis und der nachfolgende Text.
  2. In diesem Kapitel will sich Edelman nochmals dem Thema ‚Bewusstsein‘ zuwenden und der Frage, wie man darüber eigentlich reden kann. Er stellt aber auch fest, dass man nicht nur über ‚Bewusstsein‘ isoliert reden muss, sondern, wenn Bewusstsein, dann auch über die Tatsache, dass ein guter Teil unseres bewussten Verhaltens ‚unbewusst geleitet‘ (‚unconsciously driven‘) ist, und er verweist hier direkt auf Sigmund Freud. (vgl. S.137)
  3. Edelman erwähnt jene Art von Einwand zu seinen bisherigen Ausführungen, der  kritisiert, dass er zwar jene ‚physiologische Maschinerie‘ beschrieben hat, die ‚hinter‘ dem Bewusstsein liegt, eben jenes ermöglicht, aber er habe damit gerade nicht das ‚Fühlen des Ich bin mir bewusst‘ beschrieben, noch ‚warum ich mich bewusst fühle‘. (vgl. S.137)
  4. Es sollte jeden – nicht nur jeden Philosophen – aufhorchen lassen, wenn an dieser Stelle einer der führenden Gehirnwissenschaftler seiner Zeit feststellt: „Bewusstsein ist fremd, mysteriös, das ‚letzte Geheimnis‘.“ (S.137f)
  5. Und es spricht für das explizite philosophische, wenn nicht gar wissenschaftsphilosophische, Bewusstsein von Edelman, dass er darauf aufmerksam macht, dass man sich für eine ‚Antwort‘ auf diese genannten Einwände sehr genau der ‚Grenzen‘ (‚limits‘) von jeglichem wissenschaftlichen Erklärungsanspruch bewusst machen muss und man explizit aufzeigen muss, was das Besondere (‚what is special‘) an jeder Art von Erklärung zum Bewusstsein ist. (vgl. S.138)
  6. Damit Edelman in dieser methodisch bewussten Weise vorgehen kann, benötigt er natürlich ein klares Konzept von Wissenschaft, eines, das im Alltagsgeschäft ‚entscheidbar‘ ist, so dass man tatsächlich eine Verständigung darüber bekommen kann, ob es sich um eine wissenschaftliche Erklärung handelt oder nicht.
  7. Er umschreibt dann das, was er unter einer ‚wissenschaftlichen Erklärung‘ versteht wie folgt: (i) im Kern baut Wissenschaft auf ‚formalen Beziehungen zwischen Eigenschaften‘ (‚formal correlations of properties‘) auf, wobei die Eigenschaften sowohl (ii) durch ‚Begriffe‘ (‚terms‘) beschrieben werden, als auch durch (iii) ‚theoretische Konstrukte‘ (‚theoretical constructs‘) , die möglichst sparsam (‚parsimoniously‘) alle ‚Aspekte‘ (‚aspects‘) dieser formalen Korrelationen beschreiben, und zwar ‚ohne Ausnahme‘ (‚without exception‘). Jene Begriffe (Terme), die die Eigenschaften beschreiben, müssen (iv) zwischen beliebigen menschlichen Beobachtern mit Bewusstsein ausgetauscht und verstanden werden können. Es gilt ferner (v), dass solche beschreibenden Begriffe in Experimenten ‚wiederholt‘ werden können, dass (vi) ’neue Begriffe gebildet‘ werden können, und (vii) die ‚Gesetze der Logik‘ eingehalten werden müssen. (vgl. S.138)
  8. Erstaunlich ist, dass Edelman an dieser methodisch so exponierten Stelle keinerlei Verweise auf irgendwelche Positionen angibt, mit Bezug auf diese er seine eigene Position irgendwie weiter motivieren würde. Er spricht so, als ob das, was Wissenschaft ist, aus sich heraus jedem Menschen klar sein müsste. Dies ist merkwürdig, wenn man weiß, dass die Wissenschaft seit mehr als 100 Jahren intensiv darum gerungen hat, was es denn heißt, ‚Wissenschaft‘ zu betreiben und nicht ‚Nicht-Wissenschaft‘.
  9. Unter Voraussetzung seines Wissenschaftsbegriffs kann Edelman ein Beispiel konstruieren, welches er als ’nichtwissenschaftliche Beschreibung‘ (’nonscientific description‘) klassifiziert.
  10. Als Beispiel nimmt er einen Trancezustand an, der durch Drogen herbeigeführt wurde. Während dieses Zustands hat er besondere Empfindungen (’sensations‘), Erinnerungen und Emotionen. Davon berichtet er.(vgl. S.138)
  11. Nach Edelman könnte jetzt ein Wissenschaftler zwar diesen seinen persönlichen Bericht mit beispielsweise 19 anderen vergleichen und auf diese Weise in den Berichten irgendwelche Muster erkennen, aber auf diese Weise würde der Wissenschaftler auf keinen Fall seine tatsächlichen aktuellen Gefühle, seine besondere Geschichte, seine Weise des Vergessens in irgendeiner Weise zuverlässig, detailliert oder verallgemeinernd erfassen und darstellen können. Wissenschaft scheitert angesichts individueller Geschichten.(vgl. S.138)
  12. Für jeden einzelnen mit einem Bewusstsein ist es zwar verständlich, dass ihm seine Bewusstheit zur Frage werden kann, dass er für sich in seiner Bewusstheit nach einer Erklärung sucht (‚I demand an explanation of my own consciousness‘), aber für diese Frage, für diesen Erklärungsanspruch gibt es nach Edelmann keine wissenschaftliche Antwort. (‚it is not a scientific act, to do so‘; ‚the demand is not a scientifically reasonable one‘).(vgl. S.138)
  13. Damit bleibt also jedem einzelnen seine ‚Bewusstheit‘, für die es aber – nach Edelman — keine wissenschaftliche Erklärung gibt.
  14. Andererseits referiert Edelman Beispiele von Experimenten, in denen bestimmte Verbindungen im Gehirn getrennt wurden (bei Menschen, warum?), was dazu führte, dass diese Menschen zwar immer noch Dinge wahrnehmen konnten, aber davon keine Bewusstheit mehr besaßen. Er beschreibt dies als eine ‚Theorie des Bewusstseins mit operationalen Komponenten‘. (vgl. S.139) Es ist aber nicht klar, warum diese Theorie eine ‚Theorie des Bewusstseins‘ (‚theory of consciousness‘) genannt werden kann, wenn doch wissenschaftlich gar keine direkten Beschreibungen von ‚Inhalte des Bewusstseins‘ möglich sein sollen? Im angeführten Beispiel werden Experimente benutzt, in denen Menschen in ihrem Verhalten so reagieren, als ob sie die Gesichter der Menschen erkannt haben, obgleich sie behaupten, sie haben sie nicht ( bewusst) erkannt. Kurz vorher hat Edelman ausgeschlossen, dass Behauptungen über individuelle Bewusstseinsinhalte ‚einen wissenschaftlichen Status‘ haben können. Wie geht das zusammen? (vgl. S.138f)
  15. Und Edelman kommt nochmals zurück auf das manifeste menschliche Bedürfnis, sich in seiner Bewusstheit ‚erklären‘ zu können. Er geht davon aus, dass jede individuelle Bewusstheit eine einzigartige Geschichte hat, eingebettet und ermöglicht durch den individuellen Körper (‚embodiment‘), eingeflochten in soziale Interaktionen, aus denen heraus das ‚Bild von einem selbst‘ sich entwickelt hat. Und Edelman wiederholt seine Feststellung, dass es auf die Frage nach dem besonderen individuellen Format keine wissenschaftliche Erklärung geben kann (‚an explanation that science cannot give‘).(vgl. S.139)
  16. Edelman umschreibt dieses in seinem eigenen Geist (‚mind‘) sich Vorfinden, mit seiner eigenen individuellen Geschichte als eine ‚In-Sich-Eingeschlossen-Sein‘ (‚locked-in‘), ein ‚Geheimnis‘ (‚mystery‘). (vgl. S.139)
  17. In einer Art Gedankenexperiment stellt Edelman sich die Frage, ob man das Geheimnis ein wenig lüften könnte, wenn man ein ‚Artefakt‘ (‚artifact‘) bauen könnte (also letztlich eine Maschine), das ein Bewusstsein und Sprache entwickeln würde, wobei man aber mit den ermöglichenden Strukturen variieren könnte. Dann könnte man vielleicht eher wissenschaftlich ermitteln, was die besondere Natur des Bewusstseins wäre.(vgl. S.139) Allerdings sei angemerkt, dass auch in diesem Fall wieder ungeklärt bleibt, wie man wissenschaftlich über das Phänomen ‚Bewusstsein‘ urteilen kann, wenn man es als solches wissenschaftlich doch gar nicht beschreiben kann? Auch ein Vergleich von ‚Bewusstsein‘ und ‚Nicht-Bewusstsein‘ macht nur Sinn, wenn ich zuvor wissenschaftlich entscheidbar feststellen kann, was ‚Bewusstsein‘ ist. Das ‚Geheimnis‘ des Phänomens Bewusstsein pflanzt sich also fort auf alle erdachten wissenschaftlichen Kontexte, in denen man ‚etwas wissenschaftlich Beschreibbares‘ mit ‚etwas wissenschaftlich nicht Beschreibbares‘ vergleichen will. Und es wäre nach dem von Edelman benutzen Kriterium von Wissenschaftlichkeit nicht sehr wissenschaftlich, sich durch solche pseudowissenschaftlichen Verfahren eine Aussage zu ‚erkaufen‘, die eigentlich nicht möglich ist.
  18. Das ‚Geheimnisvolle‘ des Bewusstseins wird möglicherweise noch verstärkt durch die wissenschaftlichen Fakten, die belegen, dass unser ‚Geist‘ (‚mind‘) sich zeigt in der physikalischen Interaktion von einer unfassbar großen Menge von unterschiedlichen Organisationsebenen (im Gehirn, dann aber auch Körper), von der molekularen Ebene aufwärts bis hin zu sozialen Interaktionen. Das menschliche Gehirn ist nicht besonders gut darin, sich diese Komplexitäten vorzustellen. (vgl. S.140)
  19. Dass Edelman hier plötzlich nicht mehr vom ‚Bewusstsein‘ spricht, sondern vom ‚Geist‘ (‚mind‘) wird von im nicht speziell motiviert oder erklärt, dabei ist der Begriff ‚Geist‘ zunächst mal ein ganz anderer Begriff, mit einer sehr speziellen Tradition in der Geschichte der Philosophie, Kultur und Wissenschaft, und ein Zusammenhang von ‚Bewusstsein‘ und ‚Geist‘ ist aus sich heraus nicht ohne weiteres klar. Wissenschaftlich ist diese Verwendungsweise des Begriffs ‚Geist‘ hier nicht. Auch ein Philosoph muss sich hier ’schütteln’…
  20. Trotz des methodisch ungeklärten Status des Begriffs ‚Geist‘ stellt Edelman die Frage, was einerseits ‚leicht‘ (‚easy‘) sei, sich zu diesem Begriff vorzustellen (‚imagine‘), und was ist ’schwer‘ (‚hard‘).(vgl. S.140)
  21. Ohne also zu erklären, was es mit dem Begriff ‚Geist‘ auf sich hat, stellt Edelman dann ohne weitere Begründung fest, dass mit ‚Geist‘ einfach folgenden Phänomene zu verknüpfen seien: (i) die Arbeitsweise der neuronalen Strukturen des Gehirns ist mit ihren Inputs und Outputs, ferner (ii) die Verhaltensmuster eines Lebewesens und die physikalischen Reize der umgebenden Welt, dazu (iii) verschiedene ’soziale Transmissionen‘, Verhaltensprägungen, dazu das, was Menschen ‚glauben‘, ‚wünschen‘ und ‚intendieren‘.(vgl. S.140) Schwieriger lassen sich hingegen folge Phänomene mit ‚Geist‘ verknüpfen: (i) Das Ergebnis von simultanen Aktionen in parallel arbeitenden Populationen von Neuronen; (ii) das Gedächtnis als einer Systemeigenschaft, die sich nicht direkt aus den einzelnen synaptischen Änderungen der darunter liegenden neuronalen Maschinerie bestimmen lässt; (iii) komplexe psychologische Phänomene wie ‚Bewusstsein‘; (iv) die Idee eines sozial konstruierten Selbst, das sowohl auf bewussten wie unbewussten Prozessen beruht. (vgl. S.140)
  22. Diese ganze Liste, eine Konstruktion, erscheint in jeder Hinsicht als methodisch unklar und willkürlich, mit ‚Wissenschaft‘ im Sinne von Edelman hat dies erkennbar nichts zu tun.
  23. Dieses methodische Chaos wird leider durch die nachfolgenden Bemerkungen noch weiter ausgebaut. Einmal stellt Edelman fest, dass diese Listen – insbesondere die zweite – ‚psychologische Prozesse‘ (psychological processes‘) beschreiben, und dass es ein Anliegen sein könnte, diese mittels einer ‚Theorie des Gehirns‘ (‚brain theory‘) zu verstehen. Bis heute ist nicht einmal im Ansatz klar, wie man eine ‚psychologische‘ und eine ’neuronale‘ Theorie miteinander über eine Brückentheorie verknüpfen kann. (Anmerkung: Das bislang im Umlauf befindliche Paradigma der ‚Neuropsychologie‘ bleibt fast alle wichtigen methodischen Fragen bislang schuldig). Dann behauptet Edelman noch, dass Mathematik und eine gute Theorie alleine nicht ausreichen, um die Konsistenz der komplexen Strukturen und Dynamiken zu verstehen, sondern dass man ’synthetische Computer Modelle‘ benötigt, mit denen man diese Prozesse ’simulieren‘ kann.(vgl. S.141)
  24. Dass Edelman solche Feststellungen treffen kann, obgleich er zuvor ein Kriterium für Wissenschaftlichkeit formuliert hat, zeigt, dass er seinen Wissenschaftsbegriff nicht wirklich durchdacht hat. Denn nach den Erkenntnissen der Wissenschaftsphilosophie lassen sich ‚wahrheitsfähige‘ Aussagen zur Überprüfung des empirischen Gehalts einer Theorie (‚trifft sie zu‘) bzw. metalogische Qualifikationen (‚Konsistenz‘, ‚Vollständigkeit‘) nur mit solchen Theorien gewinnen, die vollständig formalisiert sind. Andernfalls ist der Status dieser Theorien unklar. Dass bei den heutigen komplexen Gegenstandsbereichen Computermodelle benötigt werden, um Details zu berechnen, um die kombinatorischen Räume zu durchsuchen, ist richtig. Aber ein Computermodell ist ein Algorithmus, ein Algorithmus ist eine Funktion, und eine Funktion kann niemals ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sein. Allerdings kann man Funktionen als Terme in Aussagen einfügen, die prinzipiell ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sein können. Computermodelle sind also kein ‚Ersatz‘ für eine ‚Theorie‘, sondern wundervolle Ergänzungen. Dieser Mangel an theoretischer Klarheit schlägt bei Edelman in diesem Kapitel leider voll durch. Doch sollte man deshalb seine ansonsten genialen Einsichten dadurch nicht wegreden; die wissenschaftsphilosophischen Defizite lassen sich vermutlich ‚reparieren‘.
  25. Fortsetzung folgt

 

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Relektüre von Edelman 1992: Welche Theorie von was?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 5.Dez. 2018
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

 

DAS PROBLEM

Bei der Relektüre von Edelman (siehe Überblick über alle bisherigen Beiträge HIER) stellt sich die Frage, um welche Theorie es hier überhaupt geht?

Es ist ein großes Verdienst von Edelman, dass er versucht, die Gehirnforschung nicht isoliert zu betrachten, sondern sehr wohl im Kontext von Bewusstsein und Verhalten, sehr wohl auch im Kontext einer Evolution des Lebens bzw. auch im Kontext von ontogenetischen Wachstumsprozessen. Als wäre dies noch nicht genug, stellt er gelegentlich auch explizite philosophische Überlegungen an oder wagt sich vor in den Bereich des Engineering, insofern er konkrete materielle Modelle von Gehirnen baut (mittels künstlicher neuronaler Netze), um die Plausibilität seiner Überlegungen zum Gehirn zu überprüfen. Nimmt man all dies ernst, dann findet man sich unversehens in einer Situation wieder, wo man nicht mehr so richtig weiß, um ‚welche Theorie von was‘ es hier eigentlich geht.

PANORAMA VON PHÄNOMENEN

Vom BigBang zum homo sapiens, reflektiert in einer Vielzahl von Einzelwissenschaften

Vom BigBang zum homo sapiens, reflektiert in einer Vielzahl von Einzelwissenschaften

Versucht man die vielen Aspekte irgendwie zu ‚ordnen‘, die im Buch von Edelman aufscheinen, dann eröffnet sich ein breites Panorama von Phänomenen, die alle ineinander greifen (siehe Schaubild), und die – strenggenommen – auch genauso, in diesem dynamischen Zusammenhang, zu betrachten sind, will man die Eigenart dieser Phänomene ‚voll‘ erfassen.

Eigentlich geht es Edelman um ein besseres Verständnis des ‚Gehirns‘. Doch kommt das Gehirn ja schon im Ansatz nicht alleine, nicht isoliert vor, sondern als Teil eines übergeordneten ‚Körpers‘, der von außen betrachtet (Dritte-Person Perspektive) ein dynamisches ‚Verhalten‘ erkennen lässt. Dieses Verhalten ist – im Fall des homo sapiens, also in unserem Fall als Menschen – nicht isoliert, sondern ist sowohl durch ‚Kommunikation‘ mit anderen Menschen ‚vernetzt‘ als auch durch vielfältige Formen von Interaktionen mit einer Welt der Objekte, von Artefakten, von Maschinen, und heute sogar ‚programmierbaren Maschinen‘, wobei letztere ein Verhalten zeigen können, das zunehmend dem menschliche Verhalten ‚ähnelt‘. Ferner konstatieren wir im Fall des homo sapiens in der Ersten-Person Perspektive noch etwas, das wir ‚Bewusstsein‘ nennen, das sich aber nur schwer in seiner Beschaffenheit kommunizieren lässt.

WISSENSCHAFTLICHE DISZIPLINEN

Im Versuch, die Vielfalt der hier beobachtbaren Phänomene beschreiben zu können, hat sich eine Vielzahl von Disziplinen herausgebildet, die sich — neben der Sonderstellung der Philosophie — als ‚wissenschaftliche Disziplinen‘ bezeichnen. ‚Wissenschaftlich‘ heißt hier in erster Linie, dass man die Phänomene des Gegenstandsbereichs nach zuvor vereinbarten Standards reproduzierbar ‚misst‘ und man nur solche so vermessenen Phänomene als Basis weitergehender Überlegungen akzeptiert. Das Paradoxe an dieser Situation ist – was Edelman auf S.114 auch notiert –, dass sich dieses wissenschaftliche Paradigma nur umsetzen lässt, wenn man Beobachter mit Bewusstsein voraussetzt, dass man aber zugleich im Ergebnis der Messung und der Überlegungen von dem ermöglichenden Bewusstsein (samt Gehirn) abstrahiert.

PHILOSOPHIE FÜR DEN ‚REST‘

Eine Konsequenz dieser ‚Abstraktion von den Voraussetzungen‘ ist, dass ein Wissenschaftler letztlich keine Möglichkeit hat, in ‚offizieller‘ Weise, über sich selbst, über sein  Tun, und speziell auch nicht über die Voraussetzungen seines Tuns, zu sprechen. Ein solches sich selbst reflektierende Denken und Sprechen bleibt damit der Philosophie überlassen, die als solche bei der Entstehung der empirischen Wissenschaften offiziell vom Wissenschaftsbetrieb ausgeschlossen wurde. Als Wissenschaftsphilosophie hat die Philosophie zwar immer wieder versucht, sich dem empirischen Wissenschaftsbetrieb offiziell anzunähern, aber bis heute ist das Verhältnis von empirischen Wissenschaften und (Wissenschafts-)Philosophie aus Sicht der empirischen Wissenschaften ungeklärt. Für die empirischen Wissenschaften wundert dies nicht, da sie sich von ihrem methodischen Selbstverständnis her auf ihre isolierte Betrachtungsweisen verpflichtet haben und von diesem Selbstverständnis her sich jeder Möglichkeit beraubt haben, diese Isolation mit den typischen wissenschaftlichen Bordmitteln aufzubrechen. Allerdings produziert dieses ’selbst isolierende Paradigma‘ immer mehr Einzeldisziplinen ohne erkennbaren Zusammenhang! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wann sich diese Explosion der nicht-integrierten Einzelbilder selbst zerstört.

ANSPRUCH, ALLES ZU ERKLÄREN

Die Wissenschaften selbst, allen voran die Physik, kennen sehr wohl den Anspruch, mit ihrer Arbeit letztlich ‚alles aus einer Hand‘ zu erklären (z.B. formuliert als ‚Theory of Everything (ToE)‘ oder mit dem Begriff der ‚Weltformel‘), doch sowohl die konkrete Realität als auch grundlegende philosophische und meta-theoretische Untersuchungen legen eher den Schluss nahe, dass dies vom Standpunkt einer einzelnen empirischen Wissenschaft aus, nicht möglich ist.

VISION EINES RATIONALEN GESAMT-RAHMENS

Um also die Vielfalt der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen zu bewahren, mehr noch, um sie in ihren inhaltlichen und methodischen Beschränkungen untereinander transparent und verständlich zu machen, wird man die (philosophische) Arbeitshypothese aufstellen müssen, dass die Rationalität der Einzelwissenschaften letztlich nur aufrecht erhalten werden kann, wenn man sowohl für jede Einzelwissenschaft wie auch für ihr Zusammenspiel eine rationale Begründung sichtbar machen kann, die für alle ‚gilt‘. Ein solcher Rationalitätsanspruch ist nicht zu verwechsel mit der alten Idee einer einzelwissenschaftlichen ‚Weltformel‘ oder einer einzelwissenschaftlichen ‚Theory of Everything‘. Eher eignet sich hier das Paradigma einer kritischen Philosophie von Kant, die nach der Voraussetzung für den Wahrheitsanspruch einer Theorie fragt. Während Kant allerdings die Frage nach den Voraussetzungen bei den Grenzen des Bewusstseins mangels verfügbarem Wissens enden lassen musste, können wir heute – auch Dank der Arbeiten von Edelman und anderen – diese Grenzen weiter hinausschieben, indem wir die Voraussetzungen des Bewusstseins einbeziehen. Eine solche bewusste Erweiterung der philosophischen Frage nach den Voraussetzungen des menschlichen Erkennens über die Grenzen des Bewusstseins hinaus führt dann nicht nur zum ermöglichenden Gehirn und dem zugehörigen Körper, sondern geht dann weiter zur umgebenden Welt und ihrer Dynamik, die sich im Evolutionsgeschehen und in der Entstehung des bekannten Universums zeigt.

PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFTEN

Die schon immer nicht leichte Aufgabe des philosophischen Denkens wird mit diesen methodischen Erweiterungen keinesfalls einfacher, sondern erheblich schwieriger. Andererseits muss die Philosophie diese Reflexionsarbeit nicht mehr alleine leisten, sondern sie kann die ganze Fülle der einzelwissenschaftlichen Arbeiten aufgreifen, um sie dann in einem gemeinsamen Rationalitätsrahmen neu anzuordnen.

Beispiele für Integrationsbemühungen gibt es sogar seitens der Einzelwissenschaften, wenngleich meistens methodisch wenig überzeugend. So versuchen Gehirnforscher schon seit vielen Jahren Zusammenhänge zwischen messbaren Aktivitäten des Gehirns und des beobachtbaren Verhaltens (unter dem Label ‚Neuropsychologie‘) oder zwischen messbaren Aktivitäten des Gehirns und Erlebnissen des Bewusstseins (kein wirkliches Label; man würde ‚Neurophänomenologie‘ erwarten) heraus zu finden. Bislang mit begrenztem Erfolg.

Bei aller Problematik im Detail kann es aber nur darum gehen, die ungeheure Vielfalt der Phänomene, wie sie die Einzelwissenschaften bislang zutage gefördert haben, vor-sortiert in einer Vielzahl von Arbeitshypothesen, Modellen und Theoriefragmenten, in einen von allen akzeptierbaren Rationalitätsrahmen einordnen zu können, der eine Gesamt-Theorie reflektiert, die als solche möglicherweise immer unvollendet bleiben wird

WOMIT FANGEN WIR AN?

Damit stellt sich ganz praktisch die Frage, wo und wie soll man anfangen? Das Buch von Edelman kann erste Hinweise liefern.

  1. KEINE WISSENSINSELN: Am Beispiel des homo sapiens wird deutlich, dass ein Verständnis von Bewusstsein, Gehirn, Körper, Verhalten und hier insbesondere die symbolische Kommunikation je für sich nicht gelingen kann. Und Edelman demonstriert eindrücklich, dass man zusätzlich die ontogenetische und evolutive Dimension einbeziehen muss, will man zu einem befriedigenden Verständnis kommen.
  2. INTEGRATION VON EINZELWISSEN: Man muss also Wege finden, wie man diese verschiedenen Aspekte in einem gemeinsamen Rationalitätsrahmen so anordnen kann, dass sowohl die einzelwissenschaftliche Methodik gewahrt bleibt, wie auch eine ‚Integration‘ all dieser Aspekte auf einer ‚gemeinsamen Ebene‘ möglich wird, die dabei von den Einzelwissenschaften nicht ‚isoliert‘ ist.
  3. META-WISSEN ALS LEITFADEN: Das geforderte Vorgehen betrachtet die konkreten einzelwissenschaftlichen Erklärungsansätze als einen ‚Gegenstand sui generis‘, macht also die Einzelwissenschaften zu ‚Untersuchungsgegenständen‘. Dies entspricht dem Paradigma der Wissenschaftsphilosophie.
  4. NEUE WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE: Mit Blick auf die Geschichte der modernen Wissenschaftsphilosophie (etwa seit dem Wiener Kreis) muss man dafür offen sein, dass das Paradigma der Wissenschaftsphilosophie für diese Aufgabenstellung möglicherweise neu zu formatieren ist.
  5. KOMMUNIKATIONSPROZESS ALS RAHMEN: So liegt es nahe, zu sagen, es gehe nicht primär um einen isolierten Theoriebegriff, sondern um einen Kommunikationsprozess, der Kommunikationsinhalte generiert, die im Rahmen des Kommunikationsprozesses ‚verstehbar‘ sein sollen.
  6. SYSTEMS-ENGINEERING ALS BEISPIEL: Ein modernes Beispiel für einen problemorientierten Kommunikationsprozess findet sich im Paradigma des modernen Systems-Engineering. Auslöser des Kommunikationsprozesses ist eine ‚Frage‘ oder eine ‚Problemstellung‘, und der Kommunikationsprozess versucht nun durch Ausnutzung des Wissens und der Erfahrungen von allen Beteiligten einen gemeinsames Bild von möglichen Lösungen zu generieren. Zu Beginn werden alle Kriterien kenntlich gemacht, die für die intendierte Lösung berücksichtigt werden sollen.
  7. EINBEZIEHUNG AUTOMATISIERTEN WISSENS: Insbesondere soll der Kommunikationsprozess so ausgelegt sein, dass er den Einsatz moderner Wissenstechnologien wie z.B.. ‚Interaktive Simulationen‘, ‚Kommunikationstests‘, ‚benutzerzentrierte künstliche Intelligenz‘, sowie automatisierte ‚Simulationsbibliotheken‘ erlaubt.

Dies ist nur eine erste, noch sehr vage Formulierung. Es wird notwendig sein, diese anhand von vielen Beispielen weiter zu konkretisieren und zu verfeinern.

 

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ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 11 – Sprache und Höheres Bewusstsein

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 4.Dez. 2018
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

BISHER

Für die bisherige Diskussion siehe die kumulierte Zusammenfassung HIER.

KURZFASSUNG

In direkter Fortsetzung zum vorausgehenden Kapitel über das ‚primäre Bewusstsein‘ führt Edelman in diesem Kapitel jene Bewusstseinsformen ein, die ‚höher‘ sind, da ‚komplexer‘, und die auf dem primären Bewusstsein aufbauen. Zugleich deutet er an, wie sich die Entstehung dieser komplexen Bewusstseinsformen im Rahmen seiner Gehirntheorie erklären lässt (Rückverweis auf Kap.6).

KAP.12 Sprache und Höheres Bewusstsein

  1. Im vorausgehenden Kapitel wurde das ‚primäre Bewusstsein‘ beschrieben, das in der ‚unmittelbaren (sinnlichen) Wahrnehmung‘ fundiert ist, angereichert mit ‚Kommentaren‘ aus dem ‚Inneren‘ des Systems bestehend aus ‚Bedürfnissen‘ einerseits und ‚Erinnerungen‘ andererseits. (vgl. S.124)

  2. Obgleich wir Menschen über ein solches primäres Bewusstsein verfügen, ist festzustellen, dass wir Menschen gleichzeitig über ‚mehr‘ verfügen: wir sind nicht nur fundiert in einer primären kommentierten Wahrnehmung des ‚Jetzt‘, der ‚Gegenwart‘, wir verfügen zugleich auch über die Möglichkeit, die ‚Gegenwart‘ explizit in Beziehung zu setzen zur ‚Erinnerung vorausgehender Gegenwarten‘. Diese Erinnerungen sind aber nicht nur strukturiert durch ‚perzeptuelle Kategorien (angereichert mit ‚Werten‘)‘, sondern auch durch ‚konzeptuelle Kategorien‘, die das ‚höhere Bewusstsein‘ mit Blick ‚auf das primäre Bewusstsein und seinen Kontext‘ ausbilden kann. Neben den schon erwähnten Vergleichen von aktueller Gegenwart und erinnerter (kommentierter) Gegenwart können die Qualia als solche adressiert werden, ihre Eigenschaften, ihre zeitlichen-räumlichen Beziehungen, wie auch eine Kodierung von Qualia mit sprachlichen Elementen (auch Qualia) in Form eines ’symbolischen Gedächtnisses‘: sprachliche Zeichen werden assoziiert mit ihrer ‚Bedeutung‘ in Gestalt von Strukturen von Qualia. Ferner sind diese ‚höheren‘ mentalen Leistungen neuronal über Schleifen mit den primären Schaltkreisen so verknüpft, dass damit die primären Prozesse durch die höheren Prozesse ‚kommentiert‘ werden können. Das primäre Bewusstsein ist dadurch ‚eingebettet‘ in das höhere Bewusstsein, ist damit genuiner Teil von ihm. (vgl. S.124f)

  3. Edelman merkt fragend an, ob es der Versuch der Befreiung von all diesen ‚Kommentierungen‘ vielleicht   ist, was manche ‚Mystiker‘ gemeint haben, wenn sie – auf unterschiedliche Weise – von einem ‚reinen Bewusstsein‘ sprechen. (vgl. S.124)

  4. Während also das ‚primäre‘ Bewusstsein in seiner Prozesshaftigkeit leicht ‚diktatorisch‘ wirken kann, eine einfach stattfindende Maschinerie des primären Klassifizierens von dem, was ’stattfindet‘, ist es aber gerade die Einbettung in das ‚höhere‘ Bewusstsein mit der Möglichkeit der sprachlichen Kodierung, einem Prozess-Determinismus ansatzweise zu entkommen, indem aus dem Strom der Ereignisse unterschiedliche Aspekte (Qualia und deren Beziehungen) ’selektiert‘ und ’sprachlich kodiert‘ werden können. Damit entstehen sekundäre (semantische) Strukturen, die ansatzweise eine ‚eigene‘ Sicht des Systems ermöglichen. Die Unterscheidung zwischen ’sich‘ (’self‘) und ’nicht-sich‘ (’non-self‘) wird möglich. Im Unterschied zu ‚dem Anderen‘ (dem ‚Nicht-Selbst‘) wird ‚das Eigene‘, ein ‚Selbst‘ möglich, das sich über die vielen unterscheidenden Eigenschaften ‚definiert“. (vgl. S.125)

  5. Edelman merkt an, dass die Schimpansen im Vergleich zum homo sapiens zwar offensichtlich auch über das Phänomen eines ‚Selbstbewusstseins‘ verfügen, nicht aber über die flexible Sprachfähigkeit. Damit bleiben sie ‚mental eingesperrt‘ in die vordefinierte Phänomenwelt ihres primären und leicht sekundären Bewusstseins. Sie sind aber nicht in der Lage, die stattfindenden Erlebnisstrukturen zu überwinden. (vgl. S.125)

GESPROCHENE SPRACHE: EPIGENETISCH

  1. Im Folgenden konzentriert sich Edelman auf zwei Aspekte: (i) die Entwicklung jener physiologischen Strukturen, die ein ‚Sprechen‘ wie beim homo sapiens erlauben samt den dazu gehörigen Gehirnstrukturen, (ii) die davon unabhängige Entwicklung von ‚konzeptuellen Strukturen (Kategorien)‘, in denen sich Aspekte des Wahrnehmens, Erinnerns und Bewertens zu Strukturen verdichten können, die dann als ‚Bausteine einer mentalen Welt‘ genutzt werden können. (vgl. S.125f)

  2. Mit Blick auf die  Diskussionen im Umfeld von Chomskys Überlegungen zum Spracherwerb deutet Edelman an, dass es nicht ein einzelner Mechanismus gewesen sein kann, der aus sich heraus die ganze Sprachfähigkeit ermöglicht hat, sondern das ‚Ausdrucksmittel‘ Sprache musste mit seinem ganzen symbolischen Apparat im Körper und im Gehirn ‚eingebettet‘ werden, um in direkter ‚Nachbarschaft‘ zu den informationellen Prozessen des primären und des sekundären Bewusstseins an jene ‚Bedeutungsstrukturen‘ andocken zu können, die dann im symbolischen Gedächtnis so kodiert werden, dass ein Gehirn mit seinen sprachlichen Ausdrücken auf solche Bedeutungsstrukturen Bezug nehmen kann. Im Englischen wird diese ‚Einbettung der Sprache in den Körper‘ ‚embodiment‘ genannt. Im Deutschen gibt es kein direktes begriffliches Äquivalent. ‚Einkörperung‘ der Sprache klingt etwas schräg. (vgl. S.126)

  3. Edelman geht davon aus, dass die grundlegende Fähigkeit zu konzeptueller Kategorienbildung der Ausbildung der Sprachfähigkeit voraus ging, da die Sprachfähigkeit selbst genau diese neuronalen Mechanismen benutzt, um Phoneme (Qualia!) bilden zu können, deren Assoziierung zu komplexen Ausdrücken, und dann deren weitere In-Beziehung-Setzung (oder ‚Assoziierung‘) zu nicht-sprachlichen Einheiten.(vgl. S.126)

  4. [Anmerkung: aufgrund dieses Sachverhalts läge es nahe, die Begriffe ‚primäres‚ und ‚höheres‚ Bewusstsein um einen dritten Begriff zu ergänzen: ‚sekundäres‚ Bewusstsein. Das ‚sekundäre‚ Bewusstsein geht über das primäre Bewusstsein durch seine Fähigkeit zur Bildung von komplexen konzeptuellen Kategorien hinaus. Insofern sich auf der Basis des sekundären Bewusstseins dann z.B. die Fähigkeit zur freien symbolischen Kodierung (vergleichbar der Bildung von DNA-Strukturen in Zellen) im Gehirn herausgebildet hat, erweitert sich das sekundäre Bewusstsein zum ‚höheren (= sprachlichen)‘ Bewusstsein.]

  5. ‚Sprache‘ war und ist primär ‚gesprochene Sprache‘ (’speech‘). Damit dies möglich wurde, mussten erhebliche anatomische Änderungen am Körperbau stattfinden, die zudem im Vollzug im Millisekundenbereich (!) aufeinander abgestimmt sein müssen: die Lungen zur Erzeugung eines hinreichenden Luftstroms in Abstimmung mit der Speiseröhre, die Stimmbänder, der Mund- und Rachenraum als Resonatoren und Filter, dazu die Zunge, die Zähne und die Lippen als Modifikatoren des Klangs; dies alles muss zusammenwirken, um das hervor bringen zu können, was wir die Ausdrucksseite der (gesprochenen) Sprache nennen. Entsprechend muss es Zentren im Gehirn geben, die das ‚Hören von Sprache, das ‚Artikulieren‘ von Sprache sowie ihre ’semantische Kodierung‘ ermöglichen, wobei die semantische Kodierung in den Kontext eines umfassenden komplexen kognitiven Prozesses eingebettet sein muss. (vgl. S.126f)

  6. Bei der Ausbildung der ‚Synchronisierung‘ von sprachlichen Ausdrücken mit den diversen Bedeutungsanteilen vermutet Edelman, dass am Anfang die Parallelisierung von ‚Objekten‘ und ‚Gegenstandswörtern‘ (’nouns‘) stand. Danach die Parallelisierung von ‚Veränderungen, Handlungen‘ mit ‚Verben‘. Dann folgten weitere Verfeinerungen der ‚Syntax‘ parallel zu entsprechenden Situationen. (vgl. S.127)

  7. Generell nimmt Edelman also an, dass die primären Mechanismen der Konzeptualisierungen und der zugehörigen anatomischen Ausprägungen ‚genetisch‘ induziert sind, dass aber die Ausbildung von bestimmten symbolischen Strukturen und deren Zuordnung zu möglichen Bedeutungsmustern ‚epigenetisch“ zustande kommt.(vgl. SS.127-131)

  8. Aufgrund der durchgängig rekursiven Struktur der neuronalen Strukturen können alle phonologischen und semantischen Konzepte und deren mögliche Assoziationen wiederum zum Gegenstand von Kategorisierungen einer höheren Ebene werden, so dass es eben Phoneme, Phonemsequenzen, Wörter, Satzstrukturen und beliebig weitere komplexe Ausdrucksstrukturen geben kann, denen entsprechend semantische Strukturen unterschiedlicher Komplexität zugeordnet werden können. Aufgrund einer sich beständig ändernden Welt würde es keinen Sinn machen, diese Kodierungen genetisch zu fixieren. Ihr praktischer Nutzen liegt gerade in ihrer Anpassungsfähigkeit an beliebige Ereignisräume. Ferner ist zu beobachten, dass solche Sequenzen und Kodierungen, die sich mal herausgebildet haben und die häufiger Verwendung finden, ‚automatisiert‘ werden können. (vgl. S.130)

  9. Nochmals weist Edelman auf die Schimpansen hin, die zwar ein primäres und sekundäres Bewusstsein zu haben scheinen (inklusive einem ‚Selbst‘-Konzept), aber eben kein Sprachsystem, das flexible komplexe Kategorisierungen mit einer entsprechenden Syntax erlaubt.(vgl. S.130)

  10. Auch ist es offensichtlich, dass das Erlernen von Sprache bei Kindern aufgrund der parallelen Gehirnentwicklung anders, einfacher, nachhaltiger verläuft als bei Erwachsenen, deren Gehirne weitgehend ‚gefestigt‘ sind. (vgl. S.130f)

  11. Während die gesprochene Sprache evolutionär (und heute noch ontogenetisch) die primäre Form der Sprachlichkeit war, können bei Vorliegen einer grundlegenden Sprachfähigkeit die auch andere Ausdrucksmittel (Gesten, Schrift, Bilder, …) benutzt werden. (vgl. S.130)

HÖHERES BEWUSSTSEIN

  1. Nach all diesen Vorüberlegungen soll die Frage beantwortet werden, wie es möglich ist, dass uns  ‚bewusst‘ ist, dass wir ‚Bewusstsein haben‘?(vgl. S.131)

  2. Generell sieht Edelman die Antwort gegeben in dem Fakt, dass wir die erlebbare ‚Gegenwart‘ (the ‚immediate present‘) in Beziehung setzen können zu ‚Erinnerungen (von vorausgehenden Gegenwarten)‘, eingebettet in eine Vielzahl von komplexen Wahrnehmungen als Konzeptualisierungen auf unterschiedlichen ‚Reflexionsstufen‘, vielfach assoziiert mit sprachlichen Ausdrücken. Das ‚Selbst‘ erscheint in diesem Kontext als ein identifizierbares Konstrukt in Relation zu Anderem, dadurch ein ’soziales Selbst‘. (vgl. S.131)

  3. Ein Teil dieser Konzeptualisierungen hat auch zu tun mit der Assoziierung mit sowohl ‚innersystemischen‘ ‚Kommentaren‘ in Form von Emotionen, Stimmungen, Bedürfnisbefriedigungen usw. generalisiert unter dem Begriff ‚innere Werte‚, ein Teil hat zu tun mit der Assoziierung von Interaktionen mit seiner Umgebung, speziell Personen, von denen auch ‚externe Werte‚ resultieren können.(vgl. S.131f)

  4. Alle diese Konzeptualisierungen inklusive deren ‚Konnotation mit Werten‘ benötigen eine ‚Langzeit-Speicherung‘ (‚long-term storage‘), um ihre nachhaltige Wirkung entfalten zu können. (vgl. S.132)

  5. Ein zentrales Element in diesem höheren Bewusstsein ist die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen der aktuell stattfindenden perzeptuellen Wahrnehmung (‚Gegenwart‘) und der konzeptuell vermittelten ‚Erinnerung‘, die es erlaubt, über die ‚Gegenwart‘, die ‚Vergangenheit‘ und eine ‚mögliche Zukunft‘ ’nachzudenken‘. (vgl. S.133)

  6. Die Konkretheit der aktuellen perzeptuellen Wahrnehmung wird durch die konzeptuell aufbereitete erinnerbare Vergangenheit quasi ‚kommentiert‚, in mögliche Beziehungen eingebettet, die als solche dadurch weitgehend ‚bewertet‚ sind.(vgl. S.133)

  7. Aufgrund der stattfindenden komplexen Prozesse, die dem Gehirn ‚bewusst‘ sind, gibt es so etwas wie ein ‚inneres Leben‚, das aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungskontexte, der unterschiedlichen Lerngeschichten hochgradig ‚individuell‚ ist.(vgl. S.133)

  8. Paläontologische Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass die Entwicklung zu solch einem höheren Bewusstsein, wie es sich beim homo sapiens findet, in extrem kurzer Zeit stattgefunden haben müssen. Man geht davon aus, dass die Entstehung eines höheren Bewusstseins zusammenfällt mit der Entstehung des homo sapiens. (vgl. S.133)

  9. Edelman verweist auf sein Kap.6 um zu sagen, dass die bislang verstandenen Mechanismen des Gehirnwachstums es plausibel erscheinen lassen, dass sich diese Strukturen ausbilden konnten. (vgl. S.133)

  10. Edelman stellt dann wieder die Frage nach dem evolutionären ‚Nutzen/ Vorteil‘ der Ausbildung von solchen Bewusstseinsphänomenen.(vgl. S.133)

  11. Für den Fall des primären Bewusstseins sieht er den Vorteil darin, dass schon auf dieser Stufe die Möglichkeit besteht, aus der Vielfalt der Phänomene (realisiert als Qualia) durch die parallel stattfindende ‚Kommentierung‘ der Erlebnisse durch das ‚innere System‘ (sowohl durch die automatisch stattfindende ‚Speicherung‘ wie auch die automatisch stattfindende ‚Erinnerung‘) es möglich ist, jene Aspekte zu ’selektieren/ präferieren‘, die für das System ‚günstiger erscheinen‘. Dies verschafft eine mögliche Verbesserung im Überleben. (vgl. S.133)

  12. Für den Fall des höheren Bewusstseins erweitern sich die Möglichkeiten der ‚In-Beziehung-Setzung‘ zu einer sehr großen Anzahl von unterschiedlichen Aspekten, einschließlich komplexer Modellbildungen, Prognosen, Tests, und die Einbeziehung sozialer Beziehungen und deren ‚Wertsetzungen‘ in die Bewertung und Entscheidung. Ein kurzer Blick in den Gang der Evolution, insbesondere in die Geschichte der Menschheit, zeigt, wie die Komplexität dieser Geschichte in den letzten Jahrzehntausenden gleichsam explodiert ist, [Anmerkung: mit einer exponentiellen Beschleunigung!]. (vgl. S.133-135)

  13. Speziell weist Edelman auch nochmals hin auf das Zusammenspiel von Qualia und Sprache. Während Qualia als solche schon Abstraktionen von perzeptuellen Konkretheiten darstellen sollen, kann ein System im Wechselspiel von Qualia und Sprache ‚Verfeinerungen‘ sowohl in der Wahrnehmung‘ als auch in er ‚Verwendung‘ von Qualia ermöglichen. Gewissermaßen zeigt sich hier die Sprache als eine Art ‚Echoprinzip‘, das Qualia ‚fixiert‘, sie dadurch speziell erinnerbar macht, und einer Verfeinerung ermöglicht, die ohne die sprachliche Kodierung entweder gar nicht erst stattfindet oder aber als ‚flüchtiges Phänomen‘ wieder untergeht. (vgl. S.136)

  14. In den inneren Prozessen des höheren Bewusstseins zeigt sich eine Fähigkeit zum Vorstellen, zum Denken, die durch die impliziten Kategorisierungen und Verallgemeinerungen weit über das ‚Konkrete‘ des primären Bewusstseins hinaus reichen kann. Hierin liegt eine verändernde, kreative Kraft, Fantasie und Mystik. Ob diese zur ‚Verbesserung‘ des Lebens führt oder ‚in die Irre‘, dies lässt sich nicht ‚im Moment‘ erkennen, nur im Nacheinander und in der praktischen ‚Bewährung‘. (vgl. S.136)

DISKUSSION

Zusammenfassend für Kap. 11+12 im nachfolgenden Blogeintrag.

QUELLEN

  • Keine Besonderen

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ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 10 – Primäres Bewusstsein

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 3.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

BISHER

Für die bisherige Diskussion siehe die kumulierte Zusammenfassung HIER.

KURZFASSUNG

Edelman stellt zunächst die wichtigsten Anforderungen an die wissenschaftliche Beschreibung des Bewusstseins ganz allgemein zusammen, dann aber auch speziell für das ‚Primäre Bewusstsein‘. Dann gibt er einen Überblick über ein mögliches neuronales Modell, das alle diese Anforderungen erfüllen soll.

KAP.11 Bewussstsein (Consciousness)

THEORIE DES BEWUSSTSEINS: ALLGEMEINE ANNAHMEN

  1. In diesem Kapitel geht es um den Test, ob Edelman mit den bisherigen Überlegungen in der Lage ist, das bekannte Postulat von Descartes über eine ‚denkende Substanz‘ (‚thinking subtance‘) zu überwinden, welche sich dem Zugriff der Wissenschaft entzieht. (vgl. p.111)

  2. Allerdings gibt es die Schwierigkeit, dass das mit ‚Bewusstsein‘ Gemeinte sich bei anderen nur im beobachtbaren Verhalten zeigt, und bei einem selbst ‚ist‘ es ‚einfach da‘, schwer zu erklären.(vgl. p.111)

  3. Nach Zitation von wesentlichen Eigenschaften des Bewusstseins, wie William James sie in seinen ‚Principles of Psychology‚ (1890, Kap.10) anführt, macht Edelman eine Unterscheidung zwischen einem ‚primären Bewusstsein‘ und einem ‚Bewusstsein höherer Ordnung‘.(vgl. p.111f)

  4. Das primäre Bewusstsein bezieht sich ausschließlich auf eine perzeptuell vermittelte Gegenwart von Dingen in der Welt, ohne Vergangenheit und Zukunft. Das Bewusstsein höherer Ordnung übersteigt die perzeptuelle Gegenwart, ist eingebettet in eine Vergangenheit, eine mögliche Zukunft, und ‚weiß von sich selbst‘.(vgl. p.112)

  5. Jedwede ‚Erklärung‘ des Phänomens Bewusstsein muss nach Edelman verträglich sein mit der ‚Evolution‘; sie muss erklären, wie Bewusstsein im Laufe der Evolution ‚entstehen‘ kann, und natürlich auch, wie das Bewusstsein sich zu den anderen ‚mentalen Phänomenen‘ verhält wie z.B. zu ‚Begriffsentwicklung‘, ‚Gedächtnis und Sprache‘.(vgl. p.112f) Natürlich sollen auch die Erkenntnisse der modernen Physik gelten, allerdings ist die Physik aktuell nach Edelman nicht völlig ausreichend, und mögliche ‚Quanteneffekte‘ will er für seinen Erklärungsansatz ausschließen. (vgl. p.113)

  6. Die Annahme, dass das Phänomen ‚Bewusstsein‘ irgendwann in der Evolution sichtbar wird, schließt aus, dass Bewusstsein nur ein ‚Epiphänomen‘ ist. (vgl. p.113)

  7. Im Zustand der ‚Achtsamkeit‘ (?) (‚awareness‘) werden die phänomenalen Zustände von subjektiven Erfahrungen (‚experiences‘), Gefühlen (‚feelings‘) und Empfindungen (’sensations‘) begleitet, die Edelman kollektiv als ‚Qualia‚ bezeichnet. Das ist das, ‚wie es uns erscheint‘ (‚how things seem to us‘). Qualia sind die unterscheidbaren ‚Teile‘ einer ‚mentalen Szene‘, die sich als solche als ‚eine‘ darstellt. Die Qualia können unterschiedlich ‚intensiv‘ und unterschiedlich ‚präzise‘ sein, abhängig von der aktuellen Wahrnehmung (‚perception‘). Im normalen Wachzustand sind die Qualia außerdem begleitet von einer zeitlich-räumlichen Kontinuität, beeinflusst sowohl von einer unmittelbaren Erfahrung wie auch von der individuellen persönlichen Geschichte. Zusätzlich können die Qualia begleitet sein von Gefühlen und Emotionen. (vgl. S.114)

  8. Diese subjektive Natur der Qualia stellt für eine wissenschaftliche Theorie, die eine gemeinsame, objektive, reproduzierbare Datenbasis voraus setzt, ein großes methodisches Problem dar. (vgl. S.114) Es manifestiert sich sogar als ein ‚eindrucksvolles (‚poignant‘) Paradox‚: Jeder Physiker muss in seiner Arbeit sein Bewusstsein, seine subjektiven Wahrnehmungen, seine subjektiven Qualia einsetzen, aber im Reden über die physikalischen Sachverhalte, muss er diese subjektiven Bedingungen ausklammern. (vgl. S.114) Wie lässt sich dieser Befund, dass die phänomenale Erfahrung eine Erste-Person Angelegenheit ist, wissenschaftlich meistern? vgl. S.114f)

  9. Nach Edelman kann man dieses methodische Problem nicht dadurch lösen, dass man von der Fiktion eines qualia-freien Beobachters ausgeht, und er deutet in einem Nebensatz schon an, dass das Problem der sprachlichen Bedeutung nur durch die Einbeziehung des ‚Embodyments‘ von Sprache im Körper verstanden werden kann. (vgl. S.115) Er wird dann sogar noch deutlicher: die Lösung liegt in der hervorstechenden Fähigkeit des Menschen, dass er über ein ‚Selbstbewusstsein‘  gepaart mit einer ‚Sprache‘ verfügt, das ihn in die Lage versetzt, über die pure Gegenwart hinaus Phänomene zu benennen, und Beziehungen herzustellen zwischen den subjektiven Phänomenen und den Erkenntnissen der Physik und Biologie. (vgl. S.115)

  10. Benutzt man die Hypothese, dass Qualia in allen menschlichen Wesen bei ähnlichem Körper und Gehirn verfügbar sind, dann kann man versuchen, auf der Basis der hier vorfindlichen Korrelationen zu einer Theorie der Qualia bzw. des Bewusstseins in Menschen zu kommen. (vgl. S.115)

  11. Allerdings, so Edelman, lässt sich solch eine Theorie des Bewusstseins nur bauen, wenn es neben dem in der Gegenwart verhafteten primären Bewusstsein ein höher-stufiges Bewusstsein gibt, das über die reine Gegenwart hinaus Wahrnehmen und Denken kann und über Sprache verfügt. (vgl. S.115f) Allerdings gilt auch, dass eine ‚qualia-freie Theorie‘ nicht möglich ist. Qualia können von keiner Theorie als ‚Erfahrung‘ einfach so abgeleitet werden; man muss sie als Gegeben annehmen und mit dieser Annahme in kommunikativer Rückkopplung die Theorie des Bewusstseins bauen.(vgl. S.116)

  12. Im Vorblick auf die kommende Darstellung eines höher-stufigen Bewusstseinsmodells merkt Edelman an, dass man Qualia auch verstehen kann als ‚höher-stufige Kategorisierungen‘, die kommunizierbar sind für das ‚Selbst‘, und – etwas schwieriger – für Andere mit ähnlicher mentalen Ausstattung.(vgl. S.116)

THEORIE DES BEWUSSTSEINS: NEURONALES MODELL

Graphische Interprettion von Teilen des Kap.11 von Edelman durch G.Doeben-Henisch

Graphische Interpretation von Teilen des Kap.11 von Edelman durch G.Doeben-Henisch

  1. Nach diesen Überlegungen gibt Edelman nun die erste Version eines neuronalen Modells an, das die von ihm aufgestellten Forderungen an ein primäres Bewusstsein erfüllen soll. (vgl. SS.117-123)

  2. Die Darstellung ist allerdings zu grob, als dass man daraus zu viele Schlüsse ziehen könnte. Klar wird nur, dass er zwei große Pole sieht: (i) die physikalische Außenwelt zum Körper, die über sensorische Signale dem Cortex mit seinen Subsystemen zugeführt wird, parallel, simultan mit vielen primären Kategorisierungen, und dann (ii) das physikalische Innenleben des Organismus, dessen vielfältige Bedürfnislage über das limbische System und über den Thalamus mit den Außenweltereignissen im Rahmen einer weiteren Kategorisierung und zeitlich-räumlichen Aufbereitung als zusammenhängende ‚Szene‘ aufbereitet und ‚bewertet‘ werden kann. Diese Wert-Kategorie-Paare können dann in einem entsprechenden Gedächtnis gespeichert und wieder abgerufen werden. Das Speichern selbst samt der Bewertung gehört aber nicht mehr zum ‚primären Bewusstsein‘; es geschieht außerhalb des Bewusstseins (vgl. S.121, und Schaubild)

  3. In diesem Bild wird das ‚Lernen‘ als ein adaptiver Prozess gesehen, in den die ‚Präferenzen‘ des internen (Selbst-)Systems mit einfließen. (Vgl. S.118)

  4. Das Besondere an der ‚Szene‘ des primären Bewusstseins ist ferner, dass sich hier nicht nur kausale Verknüpfungen finden, sondern auch solche, die durch das Bewertungssystem ‚kommentiert‘ sind. Sie enthalten mögliche Hinweise auf ‚Gefahren‘ oder ‚Belohnung‘. (vgl. S.118, 121)

  5. Evolutionär gilt das ‚innere System‘ (das ‚Selbst-System‘) als älter; es umfasst die primären Erhaltungsfunktionen.(vgl. S.118f)

  6. Generell schätzt Edelman, dass es ein primäres Bewusstsein mit den zugehörigen neuronalen Strukturen ab ca. 300 Mio gibt. (vgl. S.123)

DISKUSSION

Die Diskussion zum Kapitel über das primäre Bewusstsein wird im Anschluss an die Besprechung von Kap.12 zum ‚höherstufigen Bewusstsein‘ geführt, da beide Themen eng zusammen hängen.

QUELLEN

  • James, W. (1890). The Principles of Psychology, in two volumes. New York: Henry Holt and Company.
  • James, W. (1950). The Principles of Psychology, 2 volumes in 1. New York: Dover Publications.
  • James, W. (1983). The Principles of Psychology, Volumes I and II. Cambridge, MA: Harvard University Press (with introduction by George A. Miller).
  • URL: http://psychclassics.yorku.ca/James/Principles/index.htm

 

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