Ballungsraum 2117 und technische Superintelligenz. Welche Rolle verbleibt uns Menschen?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
14.April 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch, Frankfurt University of Applied Sciences
Email: doeben@fb2.fra-uas.de
Email: gerd@doeben-henisch.de

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INHALT

I VISION RESILIENZ
II VIELE AKTEURE
III PROBLEMLÖSUNGSSTRATEGIEN
IV MENSCH UND KOMPLEXITÄT
V INGENIEURE ALS VORBILD
VI CLUB OF ROME – NUR GESTERN?
VII DER UMFASSEND DIGITALISIERTE MENSCH ENTSTEHT HEUTE
VIII SIMULATIONEN BEHERZTER NUTZEN?
IX TECHNISCHE SUPERINTELLIGENZ
X WAS KANN EIN COMPUTER?
XI DAS EI DES COLUMBUS
XII EINE NEUE MENSCH-MASCHINE SUPER-INTELLIGENZ FÜR DEN BALLUNGSRAUM?
IX QUELLEN

ÜBERBLICK

Dieser Text wurde ursprünglich als Vorbereitung für das Programmheft der Konferenz ’Der Resiliente Ballungsraum’ des Frankfurter Forschungsinstituts FFin am 13.April 2018 geschrieben. Die aktuelle Version stellt eine leicht überarbeitete Version im Anschluss an die Konferenz dar, ergänzt um Literaturangaben. Ausgehend von der Komplexität heutiger Ballungsräume wird die Frage gestellt, ob und wie wir Menschen die neuen digitalen Technologien, insbesondere auch künstliche Intelligenz, nutzen könnten, um mit dieser Komplexität besser umzugehen. Durch die langsam wachsende Erkenntnis, dass der resiliente Charakter vieler komplexer Systeme zudem ein Denken verlangt, das weit hinter die Oberfläche der Phänomene schaut, wird die Frage nach einer möglichen Unterstützung durch die neuen digitalen Technologien umso dringlicher. Im Text schält sich eine ungewöhnliche mögliche Antwort heraus, die auf eine ganz neue Perspektive in der Planungsdiskussion hinauslaufen könnte.

I. VISION RESILIENZ

Mit der Leitidee der ’Resilienz’ (1) zielt das Denken im Kern ab auf die Dimension der Überlebensfähigkeit von Ballungsräumen, die sich als dynamische Gebilde zeigen, ständigen Veränderungen unterworfen sind, ein dicht  verwobenes Knäuel von Faktoren, die alle gleichzeitig miteinander in Wechselwirkung stehen. Und, ja, natürlich, wer ist nicht daran interessiert, dass diese Gebilde als konkrete Lebensräume für konkrete Menschen möglichst lange funktionsfähig bleiben. Doch, was als sinnvoller Wunsch einer breiten Zustimmung sicher sein kann, kann sehr schnell zur Last, oder gar zum Alptraum werden, wenn man auf die eine oder andere Weise zum ’realen Akteur’ werden muss.(2)

(Anmk: 1: Dieser Artikel benutzt den Resilienzbegriff, wie er in dem grundlegenden Artikel von Holling 1973 [Hol73] vorgestellt worden ist)

(Anmk: 2: Eine Auseinandersetzung mit dem neuen Lieblingswort der ’Resilienz’ im Kontext der Städteplanung findet in einem Folgeartikel in diesem Blog statt. Mit Blick auf den Städtebau siehe auch Jakubowski (2013) [Jak13] )

II. VIELE AKTEURE

Ein polyzentrischer Ballungsraum wie das Rhein-Main Gebiet zählt schon heute an die 5 Mio. Bürger, die in tausenden von unterschiedlichen Rollen Akteure sind, die den Ballungsraum nutzen, ihn auf unterschiedliche Weise gestalten, und die alle ihre Ansprüche haben, die sie befriedigt sehen wollen. (3) Jeder dieser Akteure hat ’sein Bild’ von diesem Ballungsraum. Der eigene Wohnbereich, die täglichen Wege zur und von der Arbeit, Einkäufe, Kinder zum Kindergarten oder zur Schule, vielfältige Freizeit, Großereignisse, Unwetter, Krankheiten . . . irgendwie muss alles irgendwie stimmen, muss es lebbar sein, bezahlbar…. Leiter von Firmen haben weitere spezielle Anforderungen, nicht zuletzt die Verfügbarkeit geeigneter Mitarbeiter, Planungssicherheit, möglichst geringe Kosten, Verkehrs- und Telekommunikationsanbindungen, und vieles mehr . . . Die Ämter und Fachreferate in den Kommunen stehen im Kreuzfeuer vielfältigster politischer Interessen, von Alltagsanforderungen, mangelnder Kommunikation zwischen allen Abteilungen, Bergen von Vorschriften, Mangel an Geld, Personalproblemen, einer Vielzahl von komplexen und disparaten Plänen, ungelösten Altlasten aus der Vergangenheit… Polyzentrisch heißt auch, es gibt nicht nur viele Zentren, sondern auch entsprechend viele Kapitäne, die ihre eigenen Routen haben. Wie soll dies alles koordiniert werden?

(Anmk: 3:   Siehe dazu Peterek/ Bürklin (2014) [PB13], Buerklin/ Peterek (2016) [BP16] )

III. PROBLEMLÖSUNGSSTRATEGIEN

Aus der Nähe betrachtet mutiert die Vision eines resilienten Planungsraumes schnell zum bekannten Muster des ’Lösens eines Problems’: es gibt einen Ausgangspunkt, die jeweilige Gegenwart, es gibt eine Gruppe von Akteuren, die selbst ernannten Problemlöser, und es gibt verschiedene Strategien, wie man versucht, ausgehend von einer – meist nur partiell bekannten – Gegenwart brauchbare Erkenntnisse für eine unbekannte Zukunft zu gewinnen; dazu soll die Lösung – entsprechend der Vision – ’resilient’ sein.

Schaut man sich konkrete Beispiele von Planungstätigkeiten aus den letzten Monaten im Rhein-Main Gebiet an, dann findet man sehr viele unterschiedliche Formen von Problemlösungsverhalten. Zwischen einer rein ’inner-behördlichen’ Vorgehensweisen mit sehr eingeschränkten Ist-Erfassungen und Lösungsfindungen bis hin zu einer sehr umfassenden Einbeziehungen von vielen Bevölkerungsgruppen über viele Kommunikationsstufen hinweg mit unterschiedlichen kreativen Ideen-Findungen. (4)

Diese letzteren, möglichst viele unterschiedliche Akteure einbeziehenden Vorgehensweisen, wirken auf den ersten Blick vertrauenerweckender, da grundsätzlich mehr Perspektiven zu Wort kommen und damit sowohl ein größerer Erfahrungsraum aus der Gegenwart wie auch eine größere Farbigkeit für eine mögliche Zukunft. Wäre solch eine Strategie die Strategie der Stunde?

(Anmk: 4: Dazu war das Referat von Dr.Gwechenberger vom Dezernat Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt, sehr aufschlussreich. Neben der in der Sache gründenden Komplexität spielen die vielfältigen rechtlichen Vorgaben eine große Rolle, dazu die unterschiedlichen Mentalitäten aller Beteiligten, insbesondere die vielfältigen individuellen Interessen und Motivlagen. Das ganze eingebettet in unterschiedliche Zeitfenster, wann welche Aktion möglich, sinnvoll oder notwendig ist. Demokratie ist so gesehen auf jeden Fall zeitaufwendig, dann aber– hoffentlich – resilienter und nachhaltiger)

IV. MENSCH UND KOMPLEXITÄT

Schaut man sich an, was der Mensch als Lebensform des Homo sapiens in den vielen tausend Jahren seit seiner Besiedlung aller Erdteile geleistet hat, dann kann man sich eigentlich nur vor Ehrfurcht verneigen. Quasi aus dem Nichts kommend hat er es im Laufe von ca. 70.000 Jahren geschafft, aufgrund seiner Intelligenz und Sprachfähigkeit immer komplexere Tätigkeiten auszubilden, Handwerkszeug, Technologien, Regeln des Zusammenlebens, Großansiedlungen, komplexe Handelsbeziehungen. Er zeigte sich fähig, komplexe Staaten zu bilden, Großreiche, fantastische Architektur, immer komplexere Maschinen, empirische Forschungen bis in die Tiefen des Universums, in die Tiefen der Materie, in die verschlungenen Wege der Mikrobiologie von den Molekülen zu einfachen, dann komplexen Zellen bis hin zu komplexen Lebewesen, vielfältigste Formen von Klängen, Musik, Sounds, Bildwelten.

Schließlich erfand er auch die Computertechnologie, mit der man unvorstellbar viele Daten in unvorstellbar schneller Zeit verarbeiten kann. Würden heute auf einen Schlag alle Computer und Netzwerke weltweit still stehen, die Welt bräche völlig in sich zusammen. Ein beispielloses Chaos und Elend wäre die Folge.

Dies deutet indirekt auf einen Sachverhalt, den wir als Menschen im Alltag gerne übersehen, um nicht zu sagen, den wir geradezu verdrängen. Dies hat zu tun mit den realen Grenzen unserer kognitiven Fähigkeiten.

Trotz eines fantastischen Körpers mit einem fantastischen Gehirn hat jeder Mensch nur eine sehr begrenzte kognitive Aufnahmefähigkeit von ca. 5-9 Informationseinheiten pro Sekunde, was jeder Mensch in einfachen Selbstversuchen an sich überprüfen kann. (5) Und die Verarbeitung dieser Informationseinheiten mit Hilfe des vorher erworbenen Wissens verläuft unbewusst nach weitgehend relativ festen Schemata, die es einem Menschen schwer machen, Neues zu erfassen bzw. in sein bisheriges Bild von der Welt einzubauen. (6) Noch schwerer tut sich jeder Mensch, wenn es darum geht, Zusammenhänge zu erfassen, die vielerlei Faktoren umfassen, Faktoren, die oft zudem ’verdeckt’, auf den ersten Blick ’unsichtbar’ sind. Ganz schwer wird es, wenn sich komplexe Faktorenbündel zusätzlich in der Zeit ändern können, womöglich noch mit Rückkopplungen.

Gilt schon die Voraussage des Verhaltens eines einzelnen Menschen für nur ein Jahr mathematisch als unmöglich, so erscheint die Voraussage des Verhaltens von 5 Mio. Bewohner des Rhein-Main Gebietes entsprechend undurchführbar, zumal die Ab- und Zuwanderung hier sehr hoch ist. (7) Dazu kommen Veränderungen von Bedürfnislagen, Veränderungen von Technologien, Veränderungen von konkurrierenden Wirtschaftsregionen, und vieles mehr. Die bislang bekannten und praktizierten Planungsverfahren wirken angesichts dieser zu bewältigenden Komplexität nicht sehr überzeugend. Sie wirken eher hilflos, uninformiert. Scheitern wir mit unseren begrenzten individuellen kognitiven Fähigkeiten an der heutigen Komplexität?

(Anmk: 5: Die erste bahnbrechende Untersuchung zu der ’magischen Zahl 7+/-2’ stammt von George A.Miller (1956) [Mil56]. Dazu gibt es zahllose weitere Studien, die das Thema weiter auffächern, aber nicht diese grundsätzliche Kapazitätsbegrenzung.)

(Anmk: 6: Bekannte Texte zum Zusammenspiel zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis sind Baddeley/Logie (1999) [BL99], Baddeley (2003) [Bad03], und Repovs/Baddeley (2006) [RB06]. Allerdings ist das Thema Gedächtnis mit diesen Artikeln nicht abgeschlossen sondern wird in vielen hundert weiteren Artikeln weiter untersucht.)

(Anmk: 7: Hinweis von Dr. Gwechenberger zur Migration der Stadt Frankfurt: rein statistisch wird innerhalb von 12 Jahren die gesamte Bevölkerung von Frankfurt einmal komplett ausgetauscht.)

V. INGENIEURE ALS VORBILD

Vergessen wir für einen Moment das Problem des komplexen Ballungsraumes und schauen, was denn die Ingenieure dieser Welt machen, wenn sie seit Jahrzehnten komplexe Systeme entwickeln, bauen und in Betrieb halten, die die kognitiven Fähigkeiten eines einzelnen Ingenieurs um viele Dimensionen übersteigen.

Moderne Ingenieurleistungen verlangen das Zusammenspiel von oft mehr als 10.000 einzelnen Experten aus sehr vielen unterschiedlichen Gebieten, nicht nur über Monate, sondern oft über Jahre hin. Wie kann dies funktionieren?

Ingenieure haben sehr früh gelernt, ihr Vorgehen zu systematisieren. Sie haben komplexe Regelwerke entwickelt, die unter dem Stichwort ’Systems Engineering’ beschreiben, wie man beliebige Probleme von der Aufgabenstellung in eine funktionierende Lösung überführt, einschließlich umfassender Tests in allen Phasen. Und selbst der spätere Einsatz des entwickelten Produktes oder der entwickelten Dienstleistung ist nochmals spezifiziert. Dies führt dazu, dass z.B. Flugzeuge, Atomkraftwerke, landesweite Energienetzwerke, Raumfahrtprojekte, im Vergleich die sichersten Systeme sind, die wir kennen.

Neben ausgeklügelten Dokumentationstechniken spielen im Engineeringprozess mathematische Modelle eine zentrale Rolle und, seit vielen Jahren unverzichtbar, computergestützte Simulationen. Schon seit vielen Jahren gibt es kein einziges anspruchsvolles Produkt mehr, das zuvor nicht vollständig als Computersimulation ausprobiert und getestet wurde. Dazu gehören z.B. auch Computerchips, speziell jene Prozessoren, die das Herz eines Computers bilden. Schon vor 30 Jahren waren diese so komplex, dass deren Entwicklung und die Tests auf ihre Funktionstüchtigkeit ohne Computer nicht möglich war. Anders gesagt, wir können Computer und all die anderen komplexen Produkte schon seit Jahren nur entwickeln, weil wir dazu Computer einsetzen. Kein menschliches Gehirn ist in der Lage, die schon heute benötigten Komplexitäten noch irgendwie praktisch zu meistern, auch viele tausende Gehirne zusammen nicht.

Angesichts dieser Erfolgsgeschichten im Bereich des Engineerings kann man sich fragen, ob man von diesen Erfahrungen für den Bereich der Planung von Ballungsräumen nicht irgend etwas lernen könnte?

VI. CLUB OF ROME – NUR GESTERN?

Manche von Ihnen erinnern sich vielleicht noch an die zu ihrer Zeit provozierende erste Studie ”The Limits to Growth” des Club of Rome von 1972. (8) Dies war der erste Versuch, die Dynamik der Erde unter der Herrschaft der Menschen mit einem umfassenden Computermodell abzubilden und mit Hilfe des Modells mögliche Hinweise zu bekommen, wie sich die Dinge bei Veränderung der bekannten Faktoren in der Zukunft auswirken.

Seit dieser Veröffentlichung sind mehr als 40 Jahre vergangen. (9) Es gab auf der einen Seite heftigste Kritik, aber zugleich auch viele evaluierende Studien, die immer wieder bekräftigten, dass die Kernaussagen dieses Modells – das vergleichsweise einfach war und ist – sich im Laufe der Jahrzehnte für die Variante ’normaler Verlauf’ weitgehend bestätigt hat. (10)

Es ist hier nicht die Stelle, ein abschließendes Urteil über dieses Computermodell zu fällen (ein Student von mir hatte es mal vollständig nach-programmiert). Man kann aber sagen, dass solche Modelle den bislang einzig bekannte Weg markieren, wie wir Menschen mit unserer sehr begrenzten Fähigkeit zum Denken von Komplexität uns behelfen können, diese Grenzen ansatzweise zu überwinden. Man muss sich die Frage stellen, warum wir diese Anstöße nicht in der Gegenwart systematisch aufgreifen und für unsere Zukunft nutzen?

(Anmk: 8: Meadows et.al (1972) [MLRBI72]. Die Studie des Club of Rome war die Weiterentwicklung eines Computermodells, das zurück geht auf ein Systemmodell (und Programm), das Jay W. Forrester im Laufe von 15 Jahren entwickelt hatte. Thema von Forrester war die Erforschung der Dynamik von sozialen Systemen, speziell auch von Ballungsräumen (’urban areas’). Bemerkenswert ist bei Forresters Modellbildung, dass er auch den individuellen Menschen sieht, der mit seinem jeweiligen Weltbild (er nennt es ’mentales Modell’ bzw. dann einfach ’Modell’) die Welt wahrnimmt, interpretiert und danach handelt. Will man das Verhalten ändern, dann muss man das individuelle Weltbild ändern, das in enger Wechselbeziehung zur aktuellen Gesellschaft steht.(siehe Foorester (1971) [For71]))

(Anmk:9: Da der Club of Rome 1968 gegründet wurde, feiert er 2018 sein 50-jähriges Jubiläum … und er ist immer noch aktiv.)

(Anmk: 10: Ein erster Überblick über die verschiedenen Argumente für und gegen die Analysen des Club of Rome finden sich in dem einschlägigen Wikipedia-Artikel https://en.wikipedia.org/wiki/Club of Rome. Im deutschen Wikipedia-Eintrag finden sich keine Hinweise auf kritische Einwände!)

VII. DER UMFASSEND DIGITALISIERTE MENSCH ENTSTEHT HEUTE

Im Jahre 1972 war der Computer noch keine Maschine des Alltags. Dies begann erst ab dem Jahr 1977 mit dem Auftreten von Kleincomputern für den privaten Gebrauch. Die Entwicklung seitdem war und ist explosiv.

Die Situation heute ist so, dass der Mensch mit seinem realen Körper zwar noch weiterhin in einer realen Körperwelt verankert ist, dass er aber über die vielen elektronischen Geräte, speziell durch Smartphones, Wearables, Tabletts, Notebooks, Laptops und PCs mit immer größeren Zeitanteilen seine Tages über Datennetze mit einer globalen Datenwelt verbunden ist, die rund um die Uhr Raum und Zeit vergessen lässt. Definierte sich ein Mensch früher über seine realen Aktivitäten, wird dies zunehmend ergänzt durch digitale Aktivitäten und Ereignisse. Das Selbstbild, der ganze persönliche Erlebnisraum wird zunehmend durch solche nicht-realweltlichen Strukturen ersetzt. Empirische Realität und digitale Realität beginnen im virtuellen Raum des individuellen Bewusstseins zu verschwimmen. Müsste der Mensch nicht noch seine elementaren körperlichen Bedürfnisse befriedigen, er könnte subjektiv ausschließlich im digitalen Raum arbeiten, kommunizieren, soziale Erfüllung finden, Spielen und . . . . die Grenzen dieser neuen digital erweiterten Lebensform sind bislang noch schwer zu fassen.

Während der professionelle Planungsalltag der Kommunen und Regionen Computer noch sehr verhalten einsetzt, zeigen uns die vielen Mio. Computerspieler weltweit, dass die Menschen sehr wohl Gefallen daran finden können, mit den Mitteln der Computersimulation die Gegenwart hinter sich zu lassen. Allein für Online-Computerspiele hat sich der Markt von 2011 bis 2016 von 21 Mrd. auf 31 Mrd. US-Dollar vergrößert. (11) Für das Jahr 2017 notieren die sechs Länder mit dem höchsten Umsatz bei Onlinespielen (China, USA, Japan, Deutschland, England, Südkorea) zusammen 84.7 Mrd.US-Dollar. (12) Dazu kommen nochmals 8 Mrd. US-Dollar für PC- und Spielkonsolenspiele. (13)

Computerspiele sind komplexe Simulationen in denen eine Ausgangslage mit Hilfe von Regeln in beliebig viele Nachfolgesituationen transformiert werden können. Dies geschieht mittlerweile in 3D, berücksichtigt realistische Geländeformationen mit Vegetation, komplexe Gebäude, viele Tausend Mitspieler, erlaubt gemeinsame Aktionen und macht so eine dynamische digitale Welt virtuell erlebbar.

Diese theoretische Beschreibung lässt das gewaltige Potential erahnen, das Computerspiele prinzipiell für Lernprozesse und für gemeinsame Zukunftsforschung haben könnten. In der Realität bleiben diese aber weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, da die Betreiber bislang wenig Interesse zeigen, das Lern- und Forschungspotential dieser neuen ’Technologie ernsthaft zu nutzen. Die Computerspiele sind bislang eher Erlebnis-, nicht Wissens- getrieben.

(Anmk: 11: Quelle: https://www.statista.com/statistics/292516/pc-online-game-market-value-worldwide/.)

(Anmk: 12: Quelle: https://www.statista.com/statistics/308454/gaming-revenue-countries/.)

(Anmk: 13: Quelle: https://www.statista.com/statistics/237187/global-pc-console-games-revenue-by-type/. )

VIII. SIMULATIONEN BEHERZTER NUTZEN?

An dieser Stelle kann man sich die Frage stellen, warum man das Komplexitätsproblem am Beispiel von Ballungsräumen nicht mit diesen neuen Simulationstechniken angehen sollte?

Verteilte Simulationen würden beliebigen Bürgern die reale Möglichkeit bieten, sich zu beteiligen. Das unterschiedliche Wissen in den unterschiedlichen Köpfen könnte man schrittweise aufsammeln und als Regelwissen in den Simulationen zur Verfügung stellen. Im Unterschied zu kommerziellen Spielen könnte man diese Regeln offenlegen für alle und sie zum Gegenstand von Fachgesprächen machen. In realen Simulationsabläufen könnte man jeweils austesten, wie sich bestimmte Regeln auswirken: sind sie realistisch? Wo führen sie uns hin? Welche Wechselwirkungen mit anderen Regeln tun sich auf? Dieses Werkzeug könnten den Fachabteilungen in den Behörden genauso offen stehen wie den Schulen und Universitäten; Firmen könnten ihre eigenen Szenarien ausprobieren. Alle könnten sich immer wieder auch zu gemeinsamen Experimenten verabreden; man könnte gar Wettbewerbe starten, eine Art kommunales eGaming. In diesem Fall würde es dann wirklich um etwas gehen, nämlich um die eigene Welt und ihre mögliche Zukunft. Mit einem solchen verteilten dynamischen Planungswerkzeug könnte man den Ballungsraum 2117 schon ziemlich gut erforschen, zumindest soweit es uns heute, im Jahr 2018 überhaupt möglich ist. (14)

(Anmk: 14: Im Rahmen der abschließenden Podiumsdiskussion zur Tagung stieß die Idee des Einsatzes von mehr Computersimulationen im Gewand von Computerspielen für die Stadtplanung auf unterschiedliche Reaktionen. Der meiste Widerstand ging aus von der Vorstellung, dass Computerprogramme abgeschlossene Einheiten sind, die aus sich heraus niemals die Vielfalt und Dynamik der Wirklichkeit abbilden könnten. Dem hielt der Autor entgegen, dass man primär vom Kommunikationsprozess zwischen Menschen her denken müsse, dem Austausch von Weltbildern, verbunden mit einem möglichen ’Um-Lernen’ dieser Weltbilder. Innerhalb dieser Kommunikationsprozesse kann eine Computerspielumgebung sehr wohl helfen, komplexe Sachverhalte besser zu nutzen. Außerdem können die Regeln, nach denen hier die Welt gesteuert wird, von allen Teilnehmern eingesehen und auf Wunsch geändert werden.)

IX. TECHNISCHE SUPERINTELLIGENZ

An dieser Stelle könnte dieser Vortrag unter normalen Umständen enden. Schon jetzt enthält er eine Reihe von Anregungen, die über den aktuellen Status Quo weit hinausgehen. Aber wir leben in einer Zeit, in der die Welt – spätestens seit der Cebit 2016 – zu fast allen passenden und auch unpassenden Gelegenheiten mit dem Begriff ’Künstliche Intelligenz’ beschallt wird. Kaum noch ein Produkt oder eine Dienstleistung, die nicht irgendwie den Anspruch erhebt, entweder schon über ’künstliche Intelligenz’ zu verfügen oder demnächst mit so etwas ausgestattet zu werden. Und neben den Evangelisten der künstlichen Intelligenz treten auch die Propheten des Untergangs der Menschheit auf, für die die aktuelle ’Künstliche Intelligenz’ nur der Vorläufer einer ganz neuen, noch mächtigeren ’Künstlichen Intelligenz’ sei, die als ’Singularity’ alles übertreffen wird, was der Mensch als künstliche Intelligenz kennt und beherrscht. (15) Diese neue Super-Intelligenz soll dem Menschen in Geschwindigkeit, Datenvolumen und Denkfähigkeit so weit voraus und darin überlegen sein, dass diese technische Superintelligenz vom Menschen nicht mehr ernsthaft kontrolliert werden kann. Sie ist gegenüber dem Menschen so überlegen, dass sie den Menschen locker als überflüssiges Etwas abschaffen kann. Wie immer, gehen die Schätzungen, wann dies der Fall sein wird, deutlich auseinander, aber das Jahr 2117 ist ein guter Kandidat, wann es soweit sein könnte. (16) Was soll man von dieser nicht gerade beruhigenden Vision halten?

Dass Menschen alles, was ihnen neu und unbekannt ist, und ihnen Angst macht, in Form von überirdische Fabelwesen packen, ist so alt, wie die Aufzeichnungen der Menschheit reichen. In den vielen Sagen gibt es dann irgendwann einen Menschen, einen besonderen Menschen, einen Helden, der dann irgendwann eine Schwachstelle findet, durch deren Ausnutzung der Held dann das Fabelwesen zur Strecke bringen kann. Im Fall des neuen Mythos von der technischen Superintelligenz muss man allerdings nicht sehr weit suchen, um zu sehen, dass die Dinge vielleicht doch ganz anders liegen, als die Marketingmaschinerien uns glauben lassen wollen. Und ja, doch, es könnte sogar sein, dass sich hinter dem abschreckenden Mythos von der menschenfeindlichen technischen Superintelligenz eine sehr konkrete Technologie verbirgt, die uns Menschen bei unserem Komplexitätsproblem ernsthaft helfen könnte. Gehen wir zurück zu dem Mann, mit dem das seriöse Reden über die Computer-Maschine angefangen hat.

(Anmk: 15: Ein wichtiger Text zu Beginn der Diskussion um die ’technische Singularität’ ist ein Beitrag von Vinge 1993 zu einer Nasa-Konferenz [Vin93]. Ein sehr guter Einstieg in die Thematik der technischen Singularität findet sich in dem Wikipedia-Artikel zur ’Technological Singularity’, URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Technological singularity)

(Anmk: 16: Für eine Diskussion, wann man mit welcher Art von ’Super-Human-Level’ maschineller Intelligenz rechnen sollte, finden sich im Kap.1 von Bostrom 2014 [Bos14]:SS.18-21 einige Argumente. Klar ist, dass es nicht ganz klar ist; es gibt zu viele Unbekannte und wichtige Begriffe sind unscharf. So gesehen ist die Zahl ’2117’ (geschrieben im Jahr 2017) eine fast ’satirische’ Schätzung unter Berücksichtigung der Argumente bei Bostrum.)

X. WAS KANN EIN COMPUTER?

Während die modernen Naturwissenschaften ihren Untersuchungsgegenstand, die reale Natur, von vornherein nicht kennen, sondern sich mühsam, über viele kleine Schritte, ein Bild erarbeiten müssen, wie es vielleicht sein könnte, hat die Computerwissenschaft es einfacher. Sie beginnt dort, wo es überhaupt noch keine Computer gab, sondern nur ein mathematisches Konzept über eine ideale Maschine, deren einzige Fähigkeit darin besteht, in völlig transparenter Weise eine endliche Liste von primitiven Befehlen auszuführen. (17) Im Unterschied zu einer normalen Maschine, die keine Befehle ausführt, kann eine Computer-Maschine Befehle ausführen. Dies erscheint noch nicht besonders aufregend. Ein klein wenig aufregender wird es dadurch, dass die Computermaschine mit einem Schreib-Lese-Band verknüpft ist, auf dem beliebige Zeichen stehen können. Man kann die Computer-Maschine so auslegen, dass sie diese Zeichen auf dem Schreib-Lese-Band als ihre neuen Anweisungen interpretiert. Dies klingt auch noch nicht aufregend. Aufregend wird es, wenn man sich klar macht, dass die Computer-Maschine diese Anweisungen auf dem Schreib-Lese-Band in eigener Regie verändern kann. Sie kann sozusagen das Programm, das sie steuert, selber abändern und damit die Kontrolle über ihre eigene Steuerung übernehmen. Damit verfügt die Computer-Maschine über eine wichtige Voraussetzung, um im Prinzip voll lernfähig zu sein.

Der soeben erwähnte Turing (18) war auch einer der ersten, der in drei Artikeln 1948, 1950 sowie 1953 ganz offen die Frage diskutierte, ob Computer-Maschinen, falls es diese irgendwann einmal als reale Maschinen geben würde, auch eine Intelligenz haben könnten, wie wir sie von Menschen kennen. (19) Turing selbst sah die Möglichkeit eher positiv. Er machte allerdings schon damals darauf aufmerksam, dass Computer-Maschinen aus seiner Sicht nur dann eine reelle Chance haben würden, mit dem Menschen im Lernen gleich zu ziehen, wenn sie ähnlich wie Kindern selbständig durch die Welt streifen könnten und – ausgestattet mit Kameras, Mikrophonen und weiteren Sensoren – die Welt wie sie ist wahrnehmen könnten.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2018, das sind mehr als 65 Jahre nach Turings Spekulationen zu intelligenten, lernfähigen Computern. Wie viele Computer streifen durch die Welt wie Kinder? Nicht all zu viele, muss man feststellen; eigentlich kein einziger. Die bisherigen Roboter, die bekannt sind, haben eine sehr eingeschränkte Bewegungsfähigkeit und keiner von diesen lernt bislang in einer unbeschränkten Weise, wie Kinder es tun.

Der Bereich, in dem über lebenslang frei lernende Roboter geforscht wird, nennt sich ’Developmental Robotics’ oder – noch radikaler – ’Evolutionary Developmental Robotics’. (20) In einer Forschungsübersicht aus dem Jahr 2017 (21) gibt es eine zentrale Einsicht, die uns an dieser Stelle helfen kann. (22) Zwar weiß man eigentlich schon von den Anfängen in der Künstlichen Intelligenzforschung in den 1960iger Jahren, dass jegliche Art von Lernen minimale Formen von Rückmeldung benötigt, aber die Tragweite dieses Momentes wurde vielen Forschern erst in den letzten Jahren, und speziell in der ’Erforschung des offenen‘ Lernens so richtig klar. Wenn eine Computer-Maschinen selbständig offen lernen können soll, dann braucht sie minimale Präferenzen, um im allgemeinen Rauschen der Ereignisse Ansätze möglicher Muster zu finden. Im Fall von biologischen Systemen gibt es eine Mischung von sogenannten angeborenen Präferenzen, die sich letztlich von der Überlebenserfahrung herleiten, und eben das schlichte Überleben selbst. Nur wer überlebt besitzt offenbar brauchbare Informationen. Im Fall von Computer- Maschinen gibt es keine Überlebenserfahrungen. Eine Computer-Maschine beginnt am absoluten Nullpunkt. Bis vor wenigen Jahren haben Ingenieure das Problem dadurch gelöst, dass sie ihre eigenen Präferenzen in die Computer-Maschinen eingebaut haben. Dies hat so lange funktioniert, wie die Computer-Maschinen nur sehr spezielle Aufgaben lösen mussten, z.B. als Industrieroboter. In dem Maße aber, wie Computer-Maschinen beliebige Aufgaben lernen können sollen, funktioniert diese Strategie nicht mehr. Was nun? Woher sollen solche allgemeinen Präferenzen kommen?(23)

Die Frage mit den Präferenzen (andere sprechen von Werten) hat eine zusätzliche pikante Note, da der Homo sapiens das erste Lebewesen auf der Erde ist, das nicht mehr ausschließlich durch die nackte Überlebensnotwendigkeit getrieben ist. Der Homo sapiens, also wir Menschen, haben es durch unsere geistigen und kommunikativen Möglichkeiten geschafft, das nackte Überleben z.T. sehr weit in den Hintergrund zu drängen. Damit stellt sich für die Lebensform des Homo sapiens erstmals seit 4 Milliarden Jahren biologischen Lebens die Frage, welche möglichen Präferenzen es möglicherweise neben oder sogar vor dem nackten Überleben geben könnte. Dummerweise enthält der genetische Code keine direkte Antwort auf die Frage nach zusätzlichen Präferenzen.

(Anmk: 17:  Der Text, in dem diese Art der Beschreibung eines idealen Computers erstmals vorkommt, ist ein Text, in dem Alan Matthew Turing einen metamathematischen Beweis geführt hat, in dem es um eine andere Version des Unentscheidbarkeitsbeweises von Kurt Gödel 1931 ging. Siehe [Tur 7]. Zu Ehren von Turing wurde diese Version der Definition eines Computers ’Turingmaschine’ genannt. )

(Anmk: 18: Eine sehr gute Biographie zu Turing ist Hodges (1983) [Hod83])

(Anmk: 19: Siehe Turing 1948 [M.87], 1950 [Tur50], sowie 1953 [Tur63] 20 Erste gute Überblicke bieten die beiden Wikipediaeinträge zu ’developmental robotics’ https://en.wikipedia.org/wiki/Developmental robotics sowie zu ’evolutionary developmental robotics’ https://en.wikipedia.org/wiki/Evolutionary developmental robotics)

(Anmk: 21: Siehe Merrick (2017) [Mer17])

(Anmk: 22: Ergänzend auch Singh et.al. (2010) [SLBS10] und Ryan/Deci (2000) [RD00] )

(Anmk: 23: Eine der verbreitetsten Lernformen im Bereich Künstliche Intelligenz ist das sogenannte ’Reinforcement Learning (RL)’. Dieses setzt explizit ’Belohnungssignale’ (’reward’) aus der Umgebung voraus. Siehe zur Einführung Russell/ Norvig 2010 [RN10]:Kap.21 und Sutton/Barto 1998 [SB98])

XI. DAS EI DES COLUMBUS

Das Ei des Columbus gilt als Metapher für Probleme, die als unlösbar gelten, für die es dann aber doch eine Lösung gibt.

In unserem Fall ist das Problem die begrenzte kognitive Ausstattung des Menschen für komplexe Situationen sowie die Präferenzfreiheit technischer Systeme. Die bisherigen Lösungsansätze einer cloud-basierten allgemeinen Intelligenz führt letztlich zu einer Entmachtung des einzelnen ohne dass eine cloud-basierte Intelligenz eine wirklich Überlebensfähigkeit besitzt. Sie gleicht eher einem Vampir, der so lange lebt, als viele einzelne sie mit Details aus ihrem Alltag füttern. Ohne diese Details ist solch eine cloud-basierte Intelligenz ziemlich dumm und kann einem einzelnen kein wirklicher persönlicher Assistent sein.

Die Lösung könnte tatsächlich ein reales Ei sein, ein Ei gefüllt mit einer Computer-Maschine, deren Rechenkraft vor Ort genau einem Menschen zur Verfügung steht und genau diesem einem Menschen rund um die Uhr hilft, seine kognitiven Begrenzungen auszugleichen und zu überwinden. Dieses Computer-Maschinen Ei (natürlich könnte es auch jede andere Form haben, z.B. als Ohrring, Halskette, Armband usw.) kann mit dem Internet Verbindung aufnehmen, mit jeder denkbaren Cloud, aber nur dann, wann und wie dieses Ei es selber will, und es würde keinerlei privates Wissen einfach so preisgeben. So, wie die Gehirne der Menschen anatomisch alle ähnlich sind und doch sehr individuelle Persönlichkeiten ermöglichen, so kann ein Computer-Maschinen Ei die individuellen Erfahrungen und das individuelle Wissen eines Menschen passgenau erkennen und fördern. Es entsteht eine Symbiose von Mensch und Maschine, die deutlich mehr sein kann als jede Komponenten für sich alleine.

XII. EINE NEUE MENSCH-MASCHINE SUPER-INTELLIGENZ FÜR DEN BALLUNGSRAUM?

Greift man an dieser Stelle nochmals die Vision einer verteilten, flexiblen Simulationsumgebung für die Bürger in einer Region auf, dann kann eine zusätzliche Ausstattung aller Bürger mit ihren persönlichen intelligenten Assistenten dem ganzen Projekt einen zusätzlichen messbaren Schub geben. Die persönlichen Assistenten können auch dann arbeiten, wenn der einzelne mal müde ist, sich entspannen will oder mal mit familiären Aufgaben beschäftigt ist. Und der persönliche Assistent kann auch viele Tausend oder Millionen Faktoren gleichzeitig in Rechnung stellen und in ihren Auswirkungen verfolgen. Im Zusammenwirken dieser vielen natürlichen und technischen Intelligenzen könnte eine Mensch-Maschine Superintelligenz entstehen, die den einzelnen voll mit nimmt, und als Gesamtphänomen erheblich leistungsfähiger sein wird, als alles, was wir heute kennen.

Allerdings, wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass damit dann alle Probleme gelöst wären. Das Problem der geeigneten Präferenzen, sprich der Werte, wird bleiben; es wird sich vermutlich eher verschärfen. Auch die Verantwortung für uns Menschen wird weiter wachsen, auch wenn sich diese Verantwortung qualitativ neu immer auf ganz viele verteilen wird.

IX QUELLEN

[Bad03] Alan Baddeley. Working memory and language: an overwiew. Journal of Communication Disorders, 36:236–242190–208, 2003.

[BL99] A. Baddeley and R.H. Logie. Working memory: The multiple-component model. In A. Myake and P. Shah, editors, Models of working memory, chapter 2, pages 28–61. Cambridge University Press, New York, 1999.

[Bos14] Nick Bostrom. Superintelligence. Paths, Dangers, Strategies. Oxford University Press, Oxford (UK), 1 edition, 2014.

[BP16] Thorsten Bürklin and Michael Peterek. Thecycloregion. city-regional development in frankfurt rhine-main – die zykloregion. stadtentwicklung in frankfurtrheinmain. Journal of Comparative ’Cultural Studies in Architecture, 9:41–51, 2016.

[For71] Jay W. Forrester. World Dynamics. Wright-Allen Press, Inc., Cambridge (MA) 02142, 2 edition, 1971.

[Hod83] Andrew Hodges. Alan Turing, Enigma. Springer Verlag, Wien – New York, 1 edition, 1983.

[Hol73] C.S. Holling. Resilience and stability of ecological systems. Annual Review of Ecology and Systematics, 4(1):1–23, 1973.

[Jak13] Peter Jakubowski. Resilienz – eine zusätzliche denkfigur für gute stadtentwicklung. Informationen zur Raumentwicklung, 4:371–378, 2013.

[M.87] Turing Alan M. Intelligente maschinen. In Bernhard Dotzler and Friedrich Kittler, editors, Alan M. Turing. Intelligence Service, pages 81 – 113. Brinkmann & Bose, Berlin, 1987.

[Mer17] Kathryn Merrick. Value systems for developmental cognitive robotics: A survey. Cognitive Systems Research, 41:38 – 55, 2017.

[Mil56] Geroge A. Miller. The magical number seven, plus or minus two: Some limits on our capacity for processing information. Psychological review, 63:81–97, 1956.

[MLRBI72] Donella H. Meadows, Meadows Dennis L., Jørgen Randers, and William W. Behrens III. The Limits to Growth. A Report for the Club of Rome’s Project on the Predicament of Mankind. Universe Books, New York, 1 edition, 1972.

[PB13] Michael Peterek and Thorsten Bürklin. Potentials and challenges of polycentric city-regions: A case-study of frankfurt rhine-main. Technical Transactions Architecture – Czasopismo Techniczne Architektura, 1-A:179–189, 2013.

[RB06] G. Repovs and A. Baddeley. The multi-component model of working memory: Explorations in experimental cognitive psychology. Neuroscience, 139:5–21, 2006.

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[SB98] Richard S. Sutton and Andrew G. Barto. Reinforcement Learning. An Introduction. The MIT Press, Ambridge (MA) – London, 1 edition, 1998.

[SLBS10] S. Singh, R. L. Lewis, A. G. Barto, and J. Sorg. Intrinsically motivated reinforcement learning: An evolutionary perspective. IEEE Transactions on Autonomous Mental Development, 2(2):70–82, June 2010.

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[Tur 7] Alan M. Turing. On computable numbers, with an application to the entscheidungsproblem. Proceedings of the London Mathematical Society, 42(2):230–265, 1936-7.

[Vin93] Vernor Vinge. The coming technological singularity: How to survive in the post-human era. In G.A. Landis, editor, Vision-21: Interdisciplinary Science and Engineering in the Era of Cyberspace, pages 11–22. 1993.

KONTEXT BLOG

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TECHNISCHE SUPERINTELLIGENZ vs. (BIOLOGISCHE) MEDITATION UND MYSTISCHE ERFAHRUNG: Gibt es einen Zusammenhang?

  1. Aufmerksame Leser des Blogs wissen, dass das Thema ‚Künstliche Intelligenz (KI)‘ und mittlerweile ‚Technische Superintelligenz (TSI)‘ in diesem Blog eine lange Geschichte hat. Eine Neujustierung wurde noch vor nicht langer Zeit, in einem Beitrag vom 28.März 2017 umrissen.
  2. Zu dieser Neujustierung soll eine intensive Auseinandersetzung mit dem Buch von Nick Bostrom ‚Superintelligence‘ (2016) gehören.
Menschen beginnen eine technische Superintelligenz zu entwickeln. In jeder Entwicklungsstufe können sie die technische Intelligenz, die bis dahin verfügbar ist, bei der Entwicklung mit benutzen.

Menschen beginnen eine technische Superintelligenz zu entwickeln. In jeder Entwicklungsstufe können sie die technische Intelligenz, die bis dahin verfügbar ist, bei der Entwicklung mit benutzen.

  1. Gleichzeitig und parallel zum Thema technische Superintelligenz läuft das Thema Mensch (homo sapiens) weiter, soll es doch um das Thema TSI nicht isoliert gehen, sondern im Kontext der Zukunft des Menschen.
  2. Dazu ist es notwendig, das Bild vom Menschen, das in der Vergangenheit von vielen kulturellen Einflüssen gespeist wurde (nicht zuletzt auch religiösen), die eher ein ‚falsches‘ Bild vermittelt haben und vermitteln, durch ein neueres Bild zu ersetzen.
  3. Das neuere Bild soll die Erkenntnisse der empirischen Wissenschaften berücksichtigen, ohne aber sich von den den methodischen Begrenzungen der empirischen Einzeldisziplinen fälschlich einengen zu lassen.
  4. Es geht also darum, die Differenziertheit und Komplexität der menschlichen Wirklichkeit in ihrem vollem Umfang aufzugreifen, auch dort, wo die empirischen Disziplinen sich aktuell aufgrund ihrer methodischen Begrenzungen schwer tun.
Nach W.T.STACE (1960, Kap.1) gibt es zwei Grundfunktionen beim Menschen, die man unterscheiden muss: die eigentliche sinnliche Wahrnehmung und dann deren Interpretation. Die gleiche Wahrnehmung kann unterschiedlich interpretiert werden

Nach W.T.STACE (1960, Kap.1) gibt es zwei Grundfunktionen beim Menschen, die man unterscheiden muss: die eigentliche sinnliche Wahrnehmung und dann deren Interpretation. Die gleiche Wahrnehmung kann unterschiedlich interpretiert werden

  1. Betrachtet man die Breite der menschlichen Wirklichkeitserfahrungen, dann spannt diese sich von sinnlichen Erfahrungen einer angenommenen Außenwelt über sinnliche Erfahrung eines angenommenen Körperinneren, weiter zu Erinnerungen generell, Träumen, Halluzinationen, Bedürfnissen, Emotionen, Stimmungen, Gefühle, Denkaktionen, Entscheidungen … um nur einiges zu nennen. Zusätzlich taucht in allen Kulturen ein Moment auf, das auch religiöse Erfahrung genannt wird, mystische Erfahrung, Erleuchtung und ähnlich.
  2. Die Diskussion darüber, was man davon zu halten habe, ist tausende von Jahren alt und hat bis heute zu keinem klaren Ergebnis geführt. In extremen Positionen ausgedrückt: für die einen ist mystische Erfahrung barer Unsinn, für die anderen ist es eine reale Erfahrung eines wie auch immer gearteten ganz Anderen, auf unterschiedliche Weise Gott, das Absolute usw. genannt.
  3. Für das Selbstverständnis der Menschen spielte diese Art von Erfahrung – auch für jene, die sie nie selbst hatten, sondern nur davon gehört haben – immer eine orientierende Rolle dahingehend, dass man sein individuelles Dasein in Zeit und Raum zu einem beliebig Großen und Ganzen in Beziehung setzen konnte. Auch wenn man letztlich nicht voll verstehen konnte, wie dies alles genau zusammenhängen könnte, gab es doch eine Art ‚Gefühl der Verbundenheit, des Trostes, des Sinns‘, der über das Hier und Jetzt weit hinauszugehen schien. Viele Menschen haben versucht, dieses Gefühl auch in Worte zu fassen, es auf das Ganze des jeweiligen Weltbildes hin zu interpretieren.
  4. Heute, im Jahr 2017 mit dem kommenden Jahr 2117 vor Augen, in dem nach den Prognosen der Experten eine technische Superintelligenz existieren soll, stellt sich die Frage nach der Realität, Objektivität mystischer Erfahrung mit einer ganz neuen existentiellen Komponente: ist der Mensch, der homo sapiens, tatsächlich nur eine molekular-biologische Maschine im Sinne der Einzelwissenschaften, die zwar mit interessanten Verhaltens- und Denkfähigkeiten ausgestattet ist, die aber aufgrund ihrer Endlichkeit mit einer kommenden technischen Superintelligenz in keiner Weise konkurrieren kann. Vom Entwicklungsprozess her betrachtet könnte man es so sehen, als ob der homo sapiens, also wir, nur eine Übergangsphase bilden: der homo sapiens bildet zwar geradezu revolutionär die Brücke zwischen dem Biologischen und dem Sozial-Kulturell-Technischen, zwischen dem Chemischen und dem Elektrischen, aber eben nur die Brücke. Durch den Übergang vom Chemischem zum Elektrischen, zum Sozialen, Technischen sind jetzt in der Technischen Dimension neue Systeme möglich, Systeme mit viel mehr Wissen, mehr Erinnerung, komplexerem Denken, mit einer unfassbar größeren Geschwindigkeit, kommunikativ vernetzt mit nahezu jedem denkbaren Punkt des Universums. Ist das das Ende des homo sapiens? Träger der großen Revolution des Geistes,der sich dann mit einer TSI selbst abgeschafft hat?
  5. Diese Frage ist real, aber aktuell nicht voll beantwortet. Zur Zukunft einer TSI kann man zwar vieles sagen, aber bezüglich der Rolle des homo sapiens haben wir ein Problem: wir verstehen bislang kaum, wie der homo sapiens wirklich funktioniert. Verbindliche Aussagen zu seinem wirklichen Potential, seinen wirklichen Grenzen, können wir wissenschaftlich bislang nur sehr begrenzt machen. Wir wissen schlicht zu wenig. Auf diese Komplexität wurde in diesem Blog auch schon mehrfach hingewiesen (z.B. zuletzt HIER, dort weitere Links).
  6. Von diesem riesigen Spektrum der menschlichen Wirklichkeit sei in diesem Beitrag hier und jetzt nur der Aspekt der sogenannten mystischen Erfahrung heraus gegriffen. Über Meditation wird später nochmals eigens gesprochen.
  7. Um es kurz zu machen: unter ‚Mediation‘ wird hier eine Tätigkeit verstanden, bei der ein Mensch zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort seinen Körper in eine körperliche Stellung bringt, die es ihm erlaubt, über einen gewissen Zeitraum (ca. 20 – 60 Min) in Ruhe verharren zu können. Während dieser körperlichen Ruhestellung können sich innerhalb des bewussten Wahrnehmungsraumes unterschiedliche Ereignisse abspielen.
  8. Was aber ist mit ‚mystischer Erfahrung‘ gemeint?
  9. Ich möchte die Diskussion einleiten durch eine Diskussion des Buches ‚Mysticism and Philosophy‘ von W.T.Stace (1960). Ich wurde auf dieses Buch aufmerksam durch den Artikel ‚Protestantism and Mysticism from the Perspective of Neuroscience, Theology and Science‘ von W.Achtner und U.Ott (2013) in der Zeitschrift ‚Theology and Science‘ (Routlege).
Dies ist eine grafische Interpretation des Kapitels 1 aus dem Buch 'Philosophy and Mysticim' von W.T.Stace (1960), ausgeführt von Gerd Doeben-Henisch

Dies ist eine grafische Interpretation des Kapitels 1 aus dem Buch ‚Philosophy and Mysticim‘ von W.T.Stace (1960), ausgeführt von Gerd Doeben-Henisch

  1. Wie die grafische Interpretation des Kapitels 1 von Stace andeutet, versucht Stace das Phänomen ‚mystische Erfahrung‘ in einem differenzierten philosophischen Koordinatensystem zu verorten.
  2. Die meisten kennen den Begriff Koordinatensystem aus der Geometrie, kennen vielleicht auch noch den Begriff der ‚analytischen Geometrie‘ mit X- und Y-Achsen, vielleicht auch noch (dreidimensional) mit einer Z-Achse. Eine geometrische Koordinate spannt also quasi eine Dimension in einem ‚Raum‘ auf.
  3. Ein ‚philosophisches Koordinatensystem‘ kann man sich analog vorstellen als die Benennung verschiedener Dimensionen, innerhalb deren die unterschiedliche Phänomene der Erkenntnis verortet werden können.
  4. Die entscheidende Dimension wird bei Stace durch die ‚Wahrnehmung‘ gebildet, die sich je nach Art und Quelle unterscheiden lässt in ’sinnliche‘ Wahrnehmung von unterstellten ‚körperexternen‘ Realitäten, in ’sinnliche‘ Wahrnehmung von ‚körperinternen‘ Realitäten, dazu eine Vielzahl von anderen Wahrnehmungen wie Halluzinationen, Emotionen, Erinnerungen usw., die weitgehend körperintern sind.
  5. Sogenannte ‚mystische‘ Erfahrungen sind nach ihm bei Betrachtung der vielen Zeugnisse eher von der Art von Wahrnehmungen von Realitäten, wenn auch von Realitäten, die verschieden sind von den bekannten Objekten/ Ereignissen der externen und internen Körperwelt und die verschieden sind von Emotionen.
  6. Stace nimmt an, dass Emotionen parallel/ begleitend sind zu allen anderen Arten von Wahrnehmungen.
  7. Ferner unterscheidet Stace klar zwischen Wahrnehmung und ‚Interpretation‘. Im Einzelfall ist eine klare Trennung von Wahrnehmungsinhalt und ‚interpretiertem Wahrnehmungsinhalt‘ möglicherweise schwierig bis kaum möglich, aber grundsätzlich will er beides unterschieden wissen.
  8. So erzeugen Objekte der unterstellten Außenwelt in uns zwar alle möglichen sinnlichen Wahrnehmungsereignisse an Farben, Formen, Gerüchen, Geschmäckern usw., aber deren abstrahierende Zusammenfassung zu komplexen Objekten gehört schon zur Interpretation. Auf unteren Stufen der Interpretation haben diese einen eher zwanghaften, automatischen Charakter (was man am Beispiel von 3D-Interpretationen von Punktmengen sehen kann, ober bei Vexierbildern, die mindesten zwei plausible visuelle Interpretationen zulassen und das Gehirn zwischen den verschiedenen Versionen hin und her spring), auf höheren, komplexeren Stufen sind sie abhängig von den verfügbaren Erfahrungen und komplexeren Denkoperationen.
  9. Die reale empirische Außenwelt erscheint dem erkennenden Bewusstsein daher zunächst auch nur im Raum der subjektiven Wahrnehmungsereignisse, da aber die sinnlichen Wahrnehmungen von externen Realitäten unabhängig vom Wollen des einzelnen auftreten und in ähnlicher Form bei verschiedenen Menschen, kann man diese subjektiven Phänomene von anderen subjektiven Phänomenen unterscheiden und sie als ‚empirische Phänomene‘ klassifizieren. Wissenschaften, die sich methodisch auf diese empirischen (subjektiven) Phänomene beschränken, nennt man empirische Wissenschaften (wobei empirische Wissenschaften noch weitere Eigenschaften haben).
  10. Auf der Basis der empirischen (subjektiven) Phänomene kann man im Rahmen von Interpretationsprozessen unterschiedliche Modelle und Theorien entwickeln (meist in einem mathematischen Format), die allgemeine Eigenschaften/ Gesetze der empirischen Welt beschreiben. Aufgrund von solchen mathematischen Theorien (und zwar nur aufgrund dieser mathematischen Theorien !!!) kann z.B. die Physik die einzelnen empirischen Messwerte in zeitliche-räumliche-kausale Zusammenhänge einordnen, die vom sogenannten ‚Big Bang‘ bis zur Gegenwart einen kontinuierlichen Prozess der Entstehung unseres aktuellen Universums beschreiben. Würde man die mathematischen Modelle wegnehmen, würde die ganze Physik in sich zusammen fallen. Die empirischen physikalischen Theorien existieren nur als Denkgebilde und unterscheiden sich in dieser Hinsicht methodisch in nichts von der Idee der klassischen Metaphysik.
  11. Die Verfeinerung der empirischen Theorien haben uns Prozesszusammenhänge aufgezeigt, die nicht nur die Entstehung und das ‚Leben‘ von Galaxien beschreiben, sondern auch die geologischen Prozesse auf der Erde und die biologische Evolution. Dies alles zusammen zeigt, wie der menschliche Körper ein genuiner Teil dieser Naturprozesse ist.
Dies ist ein älteres Diagramm aus dem Blog, das verschiedene Komplexitätslevel in unserer Welt andeutet. Auch wenn wenn wir ein abstrakt-virtuelles Bewusstsein haben, so ist dieses doch über das Gehirn und den ganzen Körper in eine atomare Struktur mitsamt all den subatomaren Eigenschaften eingebettet. D.h. der menschliche Körper ist sowohl eine quantenphysikalische Realität wie auch eine Abstraktionsmaschinerie, die von von quantenphysikalischen Effekten des Universums beeinflusst werden kann.

Dies ist ein älteres Diagramm aus dem Blog, das verschiedene Komplexitätslevel in unserer Welt andeutet. Auch wenn wenn wir ein abstrakt-virtuelles Bewusstsein haben, so ist dieses doch über das Gehirn und den ganzen Körper in eine atomare Struktur mitsamt all den subatomaren Eigenschaften eingebettet. D.h. der menschliche Körper ist sowohl eine quantenphysikalische Realität wie auch eine Abstraktionsmaschinerie, die von von quantenphysikalischen Effekten des Universums beeinflusst werden kann.

  1. Dies macht auch deutlich, dass der Raum des subjektiven Erlebens nicht nur von unterschiedlichen Signalverarbeitungsprozessen abhängig ist, sondern dass die Neuronen des Gehirns physikalisch zugleich auch eine atomare Struktur haben, die wiederum – im Lichte der modernen Physik – eine subatomare Struktur haben, in der die Gesetze der Quantenphysik gelten. Dies bedeutet, dass zu jedem Zeitpunkt jedes Atom einer Zelle mit nahezu jedem Punkt des Universums in Wechselwirkung stehen kann. Ob und wieweit sich diese Wechselwirkunsgeigenschaft im tatsächlichen bewussten Wahrnehmen/ Erleben niederschlagen kann, ist nach meinem Kenntnisstand bislang eher unklar. Soweit ich weiß, gibt es dazu bislang keine Forschung (den Menschen interessieren bislang offensichtlich fremde Sterne mehr als sein eigenes Welterleben).
  2. Im ersten Kapitel legt Stace Wert auf die Feststellung, dass die sogenannte ‚mystische Erfahrung‘ den Charakter von ‚Wahrnehmung‘ hat, die von realen Ereignissen ausgelöst wird.
  3. Traditionell wird der ‚Auslöser‘ der mystischen Erfahrung umschrieben mit Ausdrücken wie ‚das Absolute‘, ‚Gott‘, ‚die ultimative Realität‘, das ‚Göttliche Sein‘, Wirkung ohne Ursache‘, und dergleichen, letztlich sagen diese Ausdrücke an sich aber natürlich nichts, es sei denn, jemand wüsste direkt aus eigener Anschauung, was es bedeutet.
  4. Aus methodischer Sicht ist allerdings festzuhalten, dass die Vertreter der ‚mystischen Erfahrung‘ Wert darauf legen, dass es sich um subjektive Phänomene handelt, die sowohl als subjektive Phänomene real sind aber auch in ihrer Verursachung auf eine eigenständige Realität verweisen, die sich nicht mit den bekannten Objekten und Ereignissen der realen Außenwelt und der realen Innenwelt vollständig verrechnen lassen.
  5. Die Tatsache, dass es in den vergangenen tausenden von Jahren mystischer Erfahrungen sehr unterschiedliche Beschreibungen gab, was denn eine mystische Erfahrung ist, hat – nach Stace – primär etwas mit dem unausweichlich interpretativem Charakter unseres Wissens zu tun: selbst wenn alle Menschen das gleiche erfahren würden, sie können es ganz unterschiedlich interpretieren, und jeder ist davon überzeugt, etwas ‚Wahres‘ zu sagen. Dass es einen Gott geben soll, aber real viele verschiedene Religionen den Anspruch erheben, mit ihren spezifischen Beschreibungen diesen einen Gott angemessen zu beschreiben, spricht erst einmal gegen alle diese Religionen. Statt aus der Verschiedenheit der Beschreibungen die Anregung zu ziehen, im Gespräch miteinander die Ursachen der Unterschiede zu verstehen und dadurch vielleicht zu lernen, was eine angemessenere Beschreibung wäre, tendieren die Religionen historisch eher dazu, die jeweils anderen Religionen zu verteufeln. Das kann nicht funktionieren.
  6. Aus wissenschaftlicher, und noch mehr aus philosophischer Sicht, ist die Vielfalt ein Ansporn, durch die Unterschiede die wichtigen Eigenschaften besser zu erfassen und daraus – möglicherweise – zu lernen.
  7. Dies ist in der Fortsetzung weiter zu untersuchen und zu diskutieren.
  8. Die Fortsetzung findet sich HIER.

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NACHTRAG 7.April 2017

Das sinnliche Eerleben kann sich in der Art und Weise des Erlebens in gewisser Weise ‚transzendieren‘ zu einem Erfassen, das ganz anders ist als das, was dieses Erfassen ausgelöst hat. Etwas Ähnliches passiert in diesem Musikstück: Ausgangspunkt ist eine akustische Gitarre, deren Spiel zunächst durch elektronische Effekte eines kleinen Verstärkers verändert wird. Das veränderte Ausgangsmaterial wird zusätzlich durch Algorithmen mehrfach übersetzt in Zahlen, die dann von drei verschiedenen Intonationsensembles interpretiert werden: Streichinstrrumente, Chorstimmen und Bläser. Es entsteht ein Gesamtklang der mit dem Ausgangsklang dirtekt nichts mehr zu tun hat und dennoch ausschliesslich von den Klängen der akustischen Gitarre abhängt.

SUPERINTELLIGENZ – JUSTIERUNG DES PROBLEMS

KONTEXT

  1. Das Thema Super-Intelligenz wurde in diesem Blog schon öfters angesprochen, nicht zuletzt sogar wie ein Buchprojekt behandelt. Irgendwie habe ich es als wichtig angesehen, aber irgendwie auch nicht so richtig. So hatte ich nach einer ersten Querlektüre des Buches von Nick Bostrom ‚Superintelligence‘ vor etwa einem Jahr dieses wieder beiseite gelegt als nicht wirklich weiter führend.
  2. Die Tage sah ich eine Dokumentation, in der Nick Bostrom mit einem Statement vorkam, in dem er ausdrückte, dass für ihn die Frage der möglichen technischen Superintelligenz eine entscheidende, ja geradezu existentielle Frage sei: wenn dies stattfinden würde – und er war sich sicher, dass der Tag kommen wird – dann sei es um uns Menschen, um den homo sapiens, geschehen.
  3. Es ist schwer, die Ernsthaftigkeit eines Menschen nur von solch einem einzelnen Statement aus zu beurteilen, aber irgendwie wirkte Bostrom bei diesem Statement sehr ernst, fast betroffen. Ob er es wirklich war … es ist offen, jedenfalls reichte dieser Moment aus, um bei mir dies Thema nochmals zu triggern. Denn, in der Tat, rein rational, wenn tatsächlich irgendwann einmal eine technische Superintelligenz realisiert würde, als Algorithmus, der auf irgendwelcher Hardware läuft, dann werden wir Menschen es schwer haben, vorausgesetzt, wir haben uns bis zu diesem Zeitpunkt nicht weiter verändert.
  4. Und dies war (und ist) für mich der neue Gedanke: ja, eine mehr als menschliche Superintelligenz wäre ein gefährlicher Quantensprung und zugleich die Frage: kann der Mensch, der homo sapiens sich nicht weiter entwickeln, so weit, dass er diese Superintelligenz konstruktiv nutzen könnte?

BISHERIGE EVOLUTION BIS HOMO SAPIENS

Die Kondensierung von matrieller Komplexität über Materie, biologischer Zelle, Systemen von Zellen, homo sapiens (hs), hin zu einer biologischen Population, die sich aufgrund der Geistigkeit kulturell und technologisch in eine Vielzahl von Gesellschaften ausgeformt hat. Durch neue Informationstechnologien und künstliche Intelligenz kann die Späre des Wissens (Noos-Sphäre) erweitert werden

Die Kondensierung von matrieller Komplexität über Materie, biologischer Zelle, Systemen von Zellen, homo sapiens (hs), hin zu einer biologischen Population, die sich aufgrund der Geistigkeit kulturell und technologisch in eine Vielzahl von Gesellschaften ausgeformt hat. Durch neue Informationstechnologien und künstliche Intelligenz kann die Späre des Wissens (Noos-Sphäre) erweitert werden

  1. Schaut man sich die Entwicklung des homo sapiens in evolutionärer (und dann auch historischer) Sicht an, dann repräsentiert der homo sapiens ja als homo sapiens eine fantastische Entwicklung von einer ersten einfachen Zelle über komplexe Zellen, zu Zellverbänden, Systemen von Zellen, Systeme mit Gehirn und Bewusstsein, mit Sprache, Kultur, Technologie, ja gar künstlicher Intelligenz. Dies bedeutet, dass der homo sapiens selbst eine Demonstration von fast unfassbaren Veränderungsprozessen ist.
  2. Was man am homo sapiens und den Gesellschaftssystemen mit dem homo sapiens als Mitglied ablesen kann, sind mindestens vier unterschiedliche Niveaus von Wissen: (i) Wissen im Format von DNA-Molekülen eingebettet in eine reproduktionsfähige Zellstruktur; (ii) Wissen im Format von Nervensystemen, die als Gehirne zu komplexen Signalverarbeitungen und Mustererkennungen fähig sind; (iii) Gehirne mit Bewusstsein, die zu symbolischer Kommunikation und komplexen Interaktionen fähig sind (Werkzeuge, Kultur, Technik…); (iv) Künstliches Wissen in Form von Algorithmen in Verbindung mit geeigneter Hardware (analog der DNA-Molekül Struktur einer Zelle mit den Reproduktionsmechanismen).
  3. Die Kombination von (i) bis (iv) stellt eine Transformationsleistung dar, innerhalb deren biologische Strukturen sich in alternativen Wissensformen repräsentieren und verändern können, mehr noch: sie können anders und schneller Eigenchaften der umgebenden Welt aufgreifen, anordnen, kombinieren, um sich so noch besser an die Umgebung anpassen zu können.
  4. Dabei gibt es eine Asymmetrie: während das biologische Wissen sich nur sehr langsam (und eher blind, per Zufall) verändern kann, bietet die technologische Dimension die Möglichkeit, Wissen im Sekundentakt zu akkumulieren, zu strukturieren, neu zu kombinieren, auszutesten, und reale Veränderungen anzustoßen. Diese technologische Veränderungsgeschwindigkeit ist dem neuronalen letztlich haushoch überlegen.
  5. Die Menschheit erlebt aktuell, wie die Verfügbarkeit von technologischem Wissen das eigene Leben in nahezu allen Dimensionen anreichern kann, damit verändert, und fast wie ein Traum erscheint, wenn nicht gerade der eigene Arbeitsplatz weg rationalisiert wird.
  6. Man kann sich aber an seinen fünf Fingern abzählen, dass diese technische Form von Wissen (maschinelle Intelligenz), sollte sie sich vom Menschen emanzipieren können, indem sie ihre eigene Entwicklung steuern könnte, sich mit einer rasenden Geschwindigkeit von Menschen entfernen kann.

TECHNISCHE SUPERINTELLIGENZ

Der homo sapiens hat eine Geistigkeit ausgebildet, die ihn in die Lage versetzt, in Kooperation mit anderen komplexe theoretische Modelle zu entwickeln, die dann in Form von Maschinen real existieren können. Er kann Maschinen bauen, die möglicherweise genau so intelligent sind wie er selbst. Diese intelligente Maschinen können möglicherweise intelligenter werden als er selbst. Die Reproduktionsrate von Maschinen kann schneller sein als die von biologischen Systemen.

Der homo sapiens hat eine Geistigkeit ausgebildet, die ihn in die Lage versetzt, in Kooperation mit anderen komplexe theoretische Modelle zu entwickeln, die dann in Form von Maschinen real existieren können. Er kann Maschinen bauen, die möglicherweise genau so intelligent sind wie er selbst. Diese intelligente Maschinen können möglicherweise intelligenter werden als er selbst. Die Reproduktionsrate von Maschinen kann schneller sein als die von biologischen Systemen.

  1. Da davon auszugehen ist, dass – mit Blick auf den aktuellen Technologiestand – die Abhängigkeit aller technischen Systeme von Algorithmen ins schier unmessbare steigen wird, wird eine technische Superintelligenz im Nu alle technischen Systeme durchdringen und beherrschen können (wenn heute schon Hacker überall eindringen können, weitgehend gefördert durch nationale Geheimdienst, dann wird eine technische Superintelligenz dies mit Links erledigen (zumal die Geheimdienste die Softwaretechnologien unter dem Vorwand der Sicherheit systematisch durchlöchern, um selbst Kontrolle behalten zu können; genau diese Löcher werden die ersten Einbruchstellen der möglichen Superintelligenz sein!)). Dieses Ereignis wird sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Rein praktisch könnte man zwar versuchen, alle Maschinen abzuschalten, aber abgesehen davon, dass ja auch das Abschalten heute weitgehend einer algorithmischen Kontrolle unterliegt, würde eine solche umfassende Abschaltung aller algorithmisch gesteuerten technischen Systeme das gesellschaftliche System des homo sapiens völlig zum Erliegen bringen. Vollständiges Chaos innerhalb von Stunden wäre das Ergebnis. Nichts würde mehr funktionieren. Der homo sapiens wäre blitzschnell zurück in an seinem Ausgangspunkt in Afrika, allerdings mit dem Nachteil, das keiner mehr wüsste, wie man in solch einer Situation überlebte. Eine Steinzeit kannte vielleicht nur 100.000 Exemplare des homo sapiens weltweit; viele Milliarden könnten diese einfachen Systeme nicht ernähren.

WELCHE KONSEQUENZEN DEUTEN SICH AN?

  1. Angesichts dieser Perspektive muss man sich vielleicht ernsthaft der Frage stellen (und das meine ich auch im Statement von Bostrom mitgehört zu haben), wie wir uns als Menschen auf dieses Ereignis vorbereiten wollen.
  2. Mit Blick auf die Leichtigkeit, wie menschliche Hacker und Geheimdienste heutige algorithmische Technologien unterlaufen und unter ihre Kontrolle bringen, wäre eine Strategie, die auf Abschottung (ABSCHOTTUNG) setzt, vermutlich wenig aussichtsreich. Eine potentielle technische Superintelligenz würde diese Löcher im Handumdrehen aufspüren und für ihre Zwecke nutzen.
  3. Die Idee, eine potentielle technische Superintelligenz grundsätzlich zu verhindern (VERHINDERN), erscheint auch nicht überzeugend. Das Machtinteresse der Menschen (und die forschende Neugierde) ist so stark, dass irgendwer irgendwo es probieren wird. Wenn es passiert, wird es niemand mehr stoppen. (Eine spezielle Variante wäre, dass es mehr als eine potentielle technische Superintelligenz geben wird, die sich bekämpfen. Das würde uns Menschen aber nicht wirklich helfen).
  4. Bliebe als weitere Möglichkeit noch, dass der homo sapiens sich selbst – mit Unterstützung von technischer Intelligenz ?! – so weit verändert, dass er eine potentielle technische Superintelligenz konstruktiv nutzen könnte (WEITERENTWICKLUNG). Ein schöner Gedanke, aber wie realistisch ist er?
  5. Die atemberaubende bisherige Evolution zeigt, zu welch unfassbaren Veränderungen das biologische Leben fähig war. Wenn man aber die Entwicklung nicht mit den Augen des homo sapiens betrachtet sondern mit den Augen eines – idealisierten – Beobachters von ‚außerhalb‘ (spielerisch hier), dann könnte man auch zu der Arbeitshypothese kommen, dass der homo sapiens möglicherweise im Rahmen der biologischen Evolution nur einen ‚Zwischenstation‘ ist/ war. Will sagen, der homo sapiens markiert zwar eine bemerkenswerte Phase in der biologischen Evolution, aber möglicherweise nicht als Endpunkt, sondern als Durchgangsstation für eine Superintelligenz, die ab dann die Kontrolle der Entwicklung übernehmen wird.
  6. Welche der möglichen Zukünfte ‚wahr‘ sein wird, wird sich unausweichlich zeigen. Wenn es in ein paar Jahrzehnten (oder auch in ein paar Jahrhunderten weiter; was spielt dies für eine Rolle) eine technische Superintelligenz geben wird, mit der die Menschheit nicht mehr mithalten kann, beantwortet sich die Frage von selbst.
  7. Die interessanten Fragen sind also, ob es (i) an der technische Superintelligenz irgendetwas gibt, was sie letztlich doch aus Sicht des homo sapiens verwundbar oder steuerbar macht, oder (ii) ob der homo sapiens in der Lage ist, sein eigens Veränderungspotential ausreichend und schnell genug zu nutzen.
  8. Grundsätzlich hat der homo sapiens drei mögliche Veränderungsdimensionen: (i) Veränderung seiner Erbanlagen in Richtung von mehr Leistungsfähigkeit; (ii) Entwicklung leistungsfähiger Prothesen und Implantate; (iii) Nutzung von technischer Intelligenz für die persönliche Leistungssteigerung (nicht in der Cloud, sondern als Teil der individuellen Person, die allerdings mit der Cloud interagieren kann).
  9. Mit diesen Fragen im Blick werde ich jetzt das Buch von Bostrom (2014, Superintelligence) nochmals in Ruhe durchgehen, und prüfen, wie er diese Fragen beantwortet. Dann sehen wir weiter.

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NUR EIN SOUND MIT STIMME – ZEITALTER DER KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ – Prolog

Dies ist nur ein Sound mit einer Stimme:

Empfohlen: Guter Kopfhöer oder Soundanlage; entspannte Haltung wäre günstig, Augen geschlossen? Dauer ca.18 Min … Man muss aber nicht. Menschen müssen grundsätzlich nicht, sie können …

 

Fortsetzung (8.4.2017): Gedanken ohne Stimme

 

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MEMO ZU: 6 THESEN ZUM LEBEN: KREATIVITÄT, KOOPERATION, KOMMUIKATION, MEHR ALS JETZT, SEXUALITÄT, DAS BÖSE – PHILOSOPHIESOMMER 2016 in der DENKBAR Frankfurt am So, 15.Mai 2016

Hier wieder ein kurzer Bericht zum Philosophiesommer 2016 in der Denkbar, Treffen am So 15.Mai 2016 (siehe die zugehörige Einladung)

Die Einleitung geriet etwas lang, vielleicht auch angesichts der vielen neuen Gesichter. Letztlich hielten wir aber unseren vorgeschlagenen Zeitplan ein. Sehr erfreulich war die breite Streuung der versammelten Kompetenzen, was sich dann in den Beiträgen widerspiegelte.

EINLEITUNG: SPANNUNGSFELD MENSCH – INTELLIGENTE MASCHINE

Ausgangspunkt war die spannungsvolle Diskussion vom letzten Treffen, bei dem zwar das Spannungsfeld Mensch einerseits, intelligente Maschinen andererseits, zur Sprache kam, wir uns aber nicht auf ein klares Thema für die Fortsetzung einigen konnten. Dies führte zur Formulierung von sechs Thesen zu Grundmerkmalen des biologischen Lebens, so wie sie sich am Beispiel des homo sapiens sapiens nach heutigem Kenntnisstand ablesen lassen. Diese Thesen sind gedacht als mögliche Orientierungspunkte für die weitere Diskussion des Spannungsfeldes Mensch – intelligente Maschinen.

STICHWORTE ZU INTELLIGENTE MASCHINEN

Analog zu den sechs Thesen zum biologischen Leben wurden ein paar Meilensteine zum Begriff der intelligenten Maschine in den Raum gestellt, an denen man das Reden über intelligente Maschinen fest machen kann.

STANDARD FÜR EINEN COMPUTER

Es wurde verwiesen auf den berühmten Artikel On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem. In: Proceedings of the London Mathematical Society. Band 42, 1937, S. 230–265, von Alan Mathison Turing (19121954), in dem er im Kontext eines mathematischen Beweises ein einfaches Gedankenkonstrukt einführte, was später zu seinen Ehren Turingmaschine genannt wurde. Dieses Gedankenkonstrukt, die Turingmaschine, ist bis heute der gedankliche Standard, die Norm, für Fragen der Entscheidbarkeit von Problemstellungen in der Computerwissenschaft. Nach heutigem Kenntnisstand kann kein realer Computer mehr als dieses gedankliche Konstrukt genannt Turingmaschine (und dies gilt auch für alle denkbaren reale Computer der Zukunft).

INTELLIGENTE MASCHINEN

Es war auch dann Turing, der 1950, als es gerade erste Ungetüme von Computer gab, die noch nicht allzu viel konnten, die Frage diskutierte, ob Computer einmal so intelligent werden könnten wie ein homo sapiens sapiens (siehe: Computing Machinery and Intelligence. In: Mind. LIX, Nr. 236, 1950, ISSN  0026-4423, S. 433–460 ). Er räsonierte darüber, dass Computer, wenn sie genauso lernen dürften wie Kinder, eigentlich auch alles wissen könnten, wie Kinder. Auf dem Weg zur intelligenten Maschine sah er weniger technische Probleme, sondern soziale psychologische: Menschen werden Probleme haben, intelligenten lernende Maschinen neben sich in ihrem Alltag zu haben.

EMOTIONALE MASCHINEN

Einer der einflussreichsten und wichtigsten Wissenschaftler der künstlichen Intelligenzforschung, Marvin Minsky (1927 – 2016) veröffentlichte wenige Jahre vor seinem Tod ein Buch über die emotionale Maschine ( The Emotion Machine, Simon & Schuster, New York 2006). Es ist – formal gesehen – kein streng wissenschaftliches Buch, aber dennoch bedenkenswert, da er hier im Lichte seines Wissens durchspielt, wie man die menschlichen Erfahrungen von diversen Gefühlszuständen mit dem zu diesem Zeitpunkt bekannten Wissen über Computer rekonstruieren – sprich erzeugen – könnte. Er sieht in solch einem Projekt kein prinzipielles Problem.(Anmerkung: Es könnte interessant sein, dieses Buch zusammen mit Psychologen und Psychotherapeuten zu diskutieren (evtl. ergänzt um Gehirnforscher mit einem psychologischen Training)).

SUPERINTELLIGENZ UND WERTE

Einen weiteren Aspekt bringt der in Oxford lehrende Philosoph Nick Bostrom ins Spiel. In seinem Buch Superintelligenz (Superintelligence. Paths, Dangers, Strategies. Oxford University Press, Oxford 2014) sieht er bzgl. der Möglichkeit, super-intelligenter Maschinen grundsätzlich auch keine grundsätzliche Schwierigkeit, wohl aber in der Wertefrage: nach welchen Werten (Zielgrößen, Präferenzen) werden sich diese super-intelligenten Maschinen richten? Werden sie sich gegen den Menschen wenden? Kann der Mensch ihnen solche Werte einspeisen, die diese super-intelligente Maschinen dem Menschen wohlgesonnen sein lassen? Er selbst findet auf diese Fragen keine befriedigende Antwort. Auch wird durch seine Analysen deutlich (was Bostrom nicht ganz klar stellt), dass die Wertefrage grundsätzlich offen ist. Die Menschen selbst demonstrieren seit Jahrtausenden, dass sie keine Klarheit besitzen über gemeinsame Werte, denen alle folgen wollen.

SECHS THESEN ZUM BIOLOGISCHEN LEBEN

Vom BigBang (-13.8 Mrd Jahre) bis heute; ausgewählte Ereignisse

Vom BigBang (-13.8 Mrd Jahre) bis heute; ausgewählte Ereignisse

Angesichts des zuvor skizzierten ungebrochenen Glaubens an die Möglichkeiten einer Superintelligenz bei gleichzeitigem ungelösten Werteproblem bei den Menschen selbst stellt sich die Frage, ob wir Menschen als späte Produkte des biologischen Lebens nicht doch Eigenschaften an und in uns tragen, die mehr sind als eine beliebige Meinung. Aus der Vielzahl der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum biologischen Leben und zum homo sapiens sapiens hatte Gerd Doeben-Henisch sechs in Form von Thesen ausgewählt und der Diskussion vorangestellt.

1. KREATIVITÄT JENSEITS DES BEKANNTEN: Die Explosion des Lebens fand statt auf der Basis eines Erfolgswissens aus der Vergangenheit (repräsentiert im DNA-Molekül) ohne Wissen um die Zukunft. Inmitten eines Nicht-Wissens wurde nicht nur das erprobte Wissen aus der Vergangenheit genutzt, sondern der Reproduktionsprozess erlaubte eine Vielzahl von Alternativen, die alle im Moment des Ereignisses das radikale Risiko des Scheiterns beinhalteten. Diese basale Form der Kreativität war die Methode, Leben zu finden, und das Risiko des Scheiterns der Preis: Ohne Tod kein Leben.
2. KOOPERATION ÜBR GRENZEN HINWEG: Die Explosion des Lebens fand statt durch Erlangung der Fähigkeit, mit völlig fremden Systemen (die oft lebensbedrohlich waren) in eine Kooperation geradezu galaktischen Ausmaßes einzutreten, die eine WinWin-Situation für alle Beteiligte bildete. Das Zustandekommen solcher WinWin-Situationen war in den ersten Milliarden Jahren zufällig; der Erhalt der gefundenen Vorteile beruhte auf der grundlegenden Fähigkeit des Lebens, Erfolge zu konservieren.
3. ÜBERWINDUNG DES JETZT: Solange die biologischen Systeme nicht über Gedächtnis, Abstraktionsfähigkeit, basalem Denken verfügten, waren sie im Jetzt der Sinneseindrücke gefangen. Es gab kein Gestern und kein Morgen. Nach der Explosion des Lebens ab ca. -450 Mio Jahren kam es zu einem einzigartigen Punkt: nach 13.8 Mrd Jahren konnte sich das Leben in Gestalt der Hominiden, speziell dann des homo sapiens sapiens, plötzlich selbst anschauen und verfügte ab da über das Potential, sich selbst zu verändern.
4. KOORDINIERUNG INDIVIDUELLER VIRTUELLER WELTEN: Mit der Überschreitung des Jetzt durch interne Konstruktionen entsteht im einzelnen Individuum ein rekonstruierendes virtuelles Abbild der realen Welt. Damit die vielen einzelnen dieses virtuelle Wissen gemeinsam nutzen können, braucht es neue, leistungsfähige Formen der Koordinierung durch symbolische Kommunikation. Erfindungen wie die Sprache, die Schrift, der Buchdruck usw. belegen eindrucksvoll, was symbolische Interaktion vermag.
5. JENSEITS VON SEXUALITÄT: Während die bisherige Form der Sexualität als Strategie der Mischung genetischer Informationen kombiniert mit endogenem Handlungsdruck bei den handelnden Individuen über Jahrmillionen den Erhalt des Lebens offensichtlich ermöglicht hat, führen die neuen Lebensverhältnisse der großen Siedlungsdichten und der drohenden Überbevölkerung zur Frage, wie sich der Mensch von den endogenen Handlungsdrücken hinreichend befreien kann. Mann – Frau war gestern?
6. DYNAMIK DES BÖSEN – WO LEBT DAS GUTE: tiefsitzende Triebstrukturen im Menschen (Macht, Geld, Dünkel, …) sind seit Jahrtausenden bekannt. Mit den neuen globalen Informationstechnologien können sie sich schneller und effektiver im globalen Maßstab organisieren als nationale politische Systeme. Globale Kartelle des Machtmissbrauchs und der der Kriminalität bedrohen die neuzeitlichen Freiheitsansätze des Kreativen (neben anderen Faktoren).

FREIER DISKURS
Bei diesem breiten Spektrum des Themas war klar, dass nicht alle angesprochenen Aspekte gleichzeitig diskutiert werden konnten.

Gedankenskizze zum Philosophiesommer 2016, Sitzung am 15.Mai 2016, in der DENKBAR Frankfurt

Gedankenskizze zum Philosophiesommer 2016, Sitzung am 15.Mai 2016, in der DENKBAR Frankfurt

SEXUALITÄT
Die ersten Gesprächsbeiträge griffen die These zur Sexualität auf. Eher grundsätzliche Überlegungen thematisierten, dass Sexualität als ein grundlegendes und übergreifendes Prinzip zu sehen ist; die einzelnen Individuen sind hier nur – in gewisser Weise – nur ‚Marionetten‘ in dem großen Spiel des Lebens. Das Leben will überleben, der einzelne muss entsprechend funktionieren. Dass die biologisch vorgegebene eingebaute endogene Drucksituation im Laufe der Jahrtausende innerhalb der unterschiedlichen Kulturen mit ihren Wertesystemen zu vielfältigen Formen der Regulierungen geführt hat (meist zu Lasten der Frauen), ist manifest. Versuche der Menschen, die strenge Kopplung zwischen Sexualität und Reproduktion zu lockern gab es immer. Erst in neuester Zeit verfeinerten sich die Techniken, bieten sich Möglichkeit in die chemischen oder gar genetischen Prozesse einzugreifen bzw. durch die Reproduktionsmedizin die Reproduktion mehr und mehr aus dem biologischen System auszulagern. War schon immer die Anzahl der Kinder ein Indikator für den aktuellen Wohlstand, so führt heute die zunehmende Bevölkerungsdichte erneut zu Überlegungen, den bisherigen Reproduktionsmechanismus zu verändern. Für alle die neuen Maßnahmen und Technologien zur Veränderung der Reproduktion spielt der Einsatz von Computern eine immer größere Rolle. Zugleich wird der Computern für die Sexualität in Form von Sexrobotern auch immer mehr eingesetzt. Bräuchten super-intelligente Maschinen auch ein Äquivalent zur Sexualität, um sich zu vermehren?

INTELLIGENTE MASCHINEN

Die Position der intelligenten Maschinen blieb auffällig abstrakt. Was können sie eigentlich wirklich leisten? Richtig intelligente Maschinen scheint es noch nicht wirklich zu geben. Generell wurde nicht ausgeschlossen, dass super-intelligente Maschinen eine neue Variante der Evolution ermöglichen können. Haben diese super-intelligente Maschinen dann einen eigenen Willen? Würden sie aus sich heraus zu dem Punkt kommen, dass sie die Menschen abschaffen würden? Können wir den super-intelligente Maschinen solche Werte einpflanzen, dass sie den Menschen grundsätzlich wohlgesonnen sind (hier sei erinnert an die vielen geistreichen Science Fiction von Isaak Asimov (1919 – 1992), der unter anderem die Robotergesetze erfunden hatte, die genau diese Idee umsetzen sollten: menschenfreundliche Roboter ermöglichen).

NICHT SCHWARZ-WEISS DENKEN

Im Gespräch zeichnete sich auch eine Position ab, die viele Argumente auf sich vereinte, nämlich jene, die weniger konfrontativ Mensch und super-intelligente Maschinen gegenüberstellt, sondern von einer symbiotischen Wechselbeziehung ausgeht. Der Mensch entwickelt schrittweise die neuen Technologien, und in dem Masse, wie diese real erfahrbar werden, beginnt die ganze Gesellschaft, sich damit auseinander zu setzen. Systemisch gibt es damit beständige Rückkopplungen, die – falls die gesellschaftliche Dynamik (Öffentlichkeit, freie Meinung, Diskurs..) intakt ist – nach Optimierungen im Verhältnis zwischen Menschen und Maschinen sucht. Natürlich gibt es massive wirtschaftliche Interessen, die versuchen, die neuen Möglichkeiten für sich zu nutzen und versuchen, alle Vorteile einseitig zu akkumulieren; es ist dann Aufgabe der ganzen Gesellschaft, dieser Tendenz entsprechend entgegen zu wirken. Dabei kann es sehr wohl zu Neujustierungen bisheriger Normen/ Werte kommen.

WEISHEIT DES LEBENS
Wenn man bedenkt, welch ungeheuren Leistungen das biologische Leben seit 3.8 Mrd Jahren auf der Erde vollbracht hat, wie es Lebewesen mit einer gerade zu galaktischen Komplexität geschaffen hat (der Körper des homo sapiens sapiens hat nach neuen Schätzungen ca. 34 Billionen (10^12) Körperzellen (plus noch mehr Bakterien in und am Körper), die alle als Individuen im Millisekundentakt zusammenwirken, während dagegen die Milchstraße, unsere Heimatgalaxie, ca. nur 100 – 300 Mrd. Sonnen besitzt), dann kann man nicht grundsätzlich ausschließen, dass diese Leben implizit über eine ‚Weisheit‘ verfügt (man könnte auch einfach von ‚Logik‘ sprechen), die möglicherweise größer, tiefer umfassender ist, als jede denkbare Superintelligenz, weil diese, wann und wo auch immer, nicht von außerhalb des Systems entsteht, sondern innerhalb des Systems.

NÄCHSTES THEMA

Da viele Teilnehmer sagten, dass sie sich unter diesen intelligenten Maschinen immer noch nichts Rechtes vorstellen können, wurde ein anwesender Experte für intelligente Maschinen (aus der Gattung homo sapiens sapiens) gebeten, für das nächste Treffen eine kleine Einführung in die aktuelle Situation zu geben.

Ein Überblick zu allen bisherigen Themen des Philosophiesommers (und seiner Vorgänger) nach Titeln findet sich HIER.

Buch: Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab? – Kapitel 0

VORBEMERKUNG: Der folgende Text ist ein Vorabdruck zu dem Buch Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab?, das im November 2015 erscheinen soll

Letzte Änderung: 28.Juli 2015

Zuruf an den Leser

Lieber Leser,

während ich diesen Text schreibe, kenne ich Dich nicht, nicht direkt.

Vermutlich haben wir noch nie direkt miteinander gesprochen (… mit den berühmten Ausnahmen).

Du bist älter, oder jünger als ich;
Mann oder Frau oder irgendetwas anderes, was nicht Mann oder Frau ist.

Du bist hochspezialisiert oder vom Leben gebildet,
lebst in Deutschland oder irgendwo in Europa oder fern ab (von mir aus gesehen).

Du hast dein Auskommen, bist Millionär, Milliardär oder bettelarm;
du musst hungern, hast kein sauberes Wasser, kein eigenes Zuhause.

Du verstehst meine Sprache direkt oder nur in Übersetzungen.
Du hast Hoffnung in Dir oder Verzweiflung, ein Lächeln auf den Lippen oder bist depressiv, tief betrübt; alles hat keinen Sinn mehr für Dich.

Du freust Dich an den Farben und Landschaften, oder bist blind, lauscht den Geräuschen der Welt um Dich herum.

Du liegst im Bett, schwach, mit Schmerzen, bist auf andere angewiesen, wirst aus diesem Bett nie wieder aufstehen.

Dein Rücken schmerzt hoch auf dem Sitz deines Trucks, mit Klimaanlage und Stereosound; vor und hinter Dir nur Straßen mit Autos; vielen Autos.

Deine elektrische Säge schneidet tief in das Fleisch von Tieren, die gerade noch lebendig waren, jeden Tag, Du mittendrin; nur blutiges Fleisch.

In Bergen von Müll stapfst Du herum, um verwertbare Reste zu finden, giftiger Müll aus Europa; die wollen ihn nicht.

Dein Chauffeur fährt Dich in einen Palast aus Glas und Beton; deine Schuhe kosten 3000 Euro.

Diese Liste lässt sich endlos verlängern.

Die Leser sind so verschieden, und haben doch etwas gemeinsam: Sie sind Menschen auf dieser Erde, jetzt, in diesem Augenblick in dem jemand diesen Text liest. Sie finden sich in diesem Leben vor, weil sie ohne eigenes Zutun in diese Welt hineingeboren wurden. Sie gehören zu einer Gattung homo sapiens, die vor ca. 200.000 Jahren aus Afrika ausgewandert ist; ihre Spuren verlieren sich im Dickicht der phylogenetischen Erzeugungslinien. Je weiter zurück umso mehr wird ein dramatischer Verwandlungs- und Entwicklungsprozess deutlich, auf dem Land, aus dem Meer aufs Land, in der Luft, im Meer, viele Jahrmillionen unter Eis, auf driftenden Erdteilen, seit mindestens 3.8 Milliarden Jahren.

Ja, das sind wir, Boten eines Lebensereignis auf diesem Planeten Erde, den sich niemand selbst ausgesucht hat.

Und dann sitzen wir heute im Bus, in der Bahn, im Klassenraum, im Großraumbüro, arbeiten in der Fabrikhalle, auf dem Mähdrescher, lauschen im Konzertsaal, laufen täglich in unserem Rad, und niemand fragt sich mehr ernsthaft: Warum bin ich hier? Wozu? Was soll das alles? Was ist mit all dem anderen?

Im ganzen bekannten Universum haben wir bislang nichts gefunden, was auch nur annähernd dem gleicht, was wir auf dieser Erde ‚Leben‘ nennen; nichts, radikal nichts, obwohl so viele davon träumen und fantasieren, dass es doch ‚da draußen‘ auch noch anderes ‚Leben‘ geben müsste. Vielleicht gibt es das tatsächlich. Das bekannte Universum ist so groß, dass es ‚rein theoretisch‘ so sein könnte …

Bis dahin sind wir die einzigen Lebenden im ganzen bekannten Universum. … und dieses Leben ist weiterhin fleißig dabei, die Erde zu ‚kolonisieren‘; Leben beutet Leben aus, ohne Gnade.

Wir pflügen die Erde um, buchstäblich,
reißen und brennen Jahrtausende alte Wälder nieder,
vergiften die Böden und das wenige kostbare Trinkwasser,
bauen nicht erneuerbare Bodenschätze ab,
betonieren kostbare Böden zu,
türmen Steine und Stahl aufeinander,
starren zunehmend auf Bildschirme anstatt auf die reale Welt.
rotten täglich neue Arten aus, unwiederbringlich…
rotten selbst Menschen aus, die einen Menschen die anderen…

Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, für die steht der Mensch biologisch auf der Abschussliste; er wird an sich selbst untergehen, meinen sie.
Sie diskutieren gar nicht mehr darüber. Für sie ist das klar. Wir erleben nur noch ein paar Restzuckungen.

Viele andere vertreiben ihre Zeit, andere auszubeuten, andere zu bekriegen, zu verfolgen, zu foltern, zu vergewaltigen, … sie machen anderen Vorschriften, was sie tun und was sie nicht tun dürfen; die Regierungen von immer mehr Staaten gefallen sich darin, die Privatheit jedes einzelnen — wenn es diese überhaupt je gab — immer weiter zu kontrollieren, einzuschränken, aufzulösen; auch in den sogenannten demokratischen Staaten…

Und es gibt da die Technikgläubigen: der Mensch ist nichts, die Maschine alles. Für diese ist die Frage der Intelligenz bei Maschinen klar; die Maschinen werden intelligenter sein als die Menschen und den Menschen ablösen als Herren der Welt. Das wird dann noch mal spannend; der Mensch, der alte, endliche, schwache, dumme, vergessliche, lahme Sack, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen. Was soll man sich da noch anstrengen? Schade nur, dass man selber nur ein Mensch ist und keine smarte Maschine ….

Tja,
sehe ich, der ich diesen Text schreibe, das auch so?
Ist für mich der Mensch, mein Menschsein, auch so sinnlos am ausgeistern?
Glaube auch ich an die Zukunft der intelligenten Maschinen?

Nach vielen Jahren, in denen ich versucht habe, Maschinen zu bauen, die mindestens so intelligent sind wie der Mensch, begann in mir die Einsicht zu wachsen, dass die wahre Superintelligenz vielleicht eher dort zu finden ist, wo wir sie momentan am allerwenigsten suchen: im Phänomen des biologischen Lebens. Wir sind ein Teil davon, möglicherweise ein viel wichtigerer Teil, als die einschlägigen empirischen Wissenschaftler es bislang wahrhaben wollen.

In dieser Situation habe ich das Gefühl, es ist an der Zeit, diese neue Form der Menschenvergessenheit in Worte zu fassen, ohne zum Beginn dieses Projektes schon klar sagen zu können, was alles geschrieben werden muss, und wie.

Auch weiß ich nicht, wieweit ich kommen werde. Vielleicht breche ich, wie schon oft in den letzten 20 Jahren, einfach wieder ab.
Man wird sehen.
Ich fange zumindest mal an.

Einen Überblick über alle Blogbeiträge des Autors cagent nach Titeln findet sich HIER.