MYSTISCHE ERFAHRUNG: DER GLOBALE KERN – KAP.2 von STACE 1960 – Diskussion

ÜBERARBEITUNG: 17.April 2017, 9:45h

FORTSETZUNG

1. In einem vorausgehenden Beitrag hatte ich mit einer Zusammenfassung und Diskussion des Buches „Mysticism and Philosophy“ (1960) von W.T.Stace begonnen.
2. Diese Diskussion steht sowohl im Kontext der Frage nach der Zukunft des homo sapiens angesichts einer möglichen technischen Superintelligenz bis zum Jahr 2117, wie auch im Kontext der Frage nach der Zukunft unserer Erde bis zum Jahr 2117.

GLOBALER ERFAHRUNGSKERN

3. Im Kapitel zwei geht Stace der Frage nach, ob es in der Vielfalt der (vielen Tausend) Zeugnissen von Menschen zu ihren mystischen Erlebnissen so etwas wie einen gemeinsamen Kern gibt, etwas, das Menschen im Hinduismus, im Buddhismus, im Judentum, im Christentum, im Islam und in weiteren Kontexten gemeinsam haben?

4.Um es vorweg zu nehmen: Ja, Stace kommt (im Einklang mit vielen anderen Philosophen und Forschern) zum Ergebnis, dass es diesen gemeinsamen Kern gibt. Die Vielfalt der Religionen und Kulturen ist hier eher verwirrend, ablenkend, verstellend.

METHODIK

5. Natürlich muss man die Frage stellen, mit welchen Methoden Stace zu seiner These kommt. Ist es reine Willkür oder hat er nachprüfbare Argumente auf seiner Seite (siehe Schaubild unten).

6. Insofern es bei der mystischen Erfahrung um Ereignisse im subjektiven Erlebensbereich eines einzelnen Menschen geht, entziehen sich diese Erlebnisse einer direkten Beobachtung. Man kann also nur introspektiv vorgehen, also im Rahmen einer introspektiven Psychologie oder einer phänomenologischen Philosophie. Dies wäre zudem nur interessant für diejenigen, die auch diese Erlebnisse haben. Alle, die diese Erlebnisse nicht haben, wissen nicht, wovon geredet wird.
7. Es bleiben dann noch sprachliche Zeugnisse. Diese sind notorisch schwierig, da eigentlich alle Menschen mit mystischen Erfahrungen sagen, dass man diese nicht in Sprache ausdrücken kann, es würden die verständlichen Bezugspunkte fehlen. Dazu kommt (wie im Teil 1 schon dargelegt), dass das ‚Erleben‘ eines ist, die dazu einsetzende ‚Interpretation‘ ein anderes. Das gleiche Erleben kann je nach verfügbarer Erfahrung, Wissen und Sprache ganz unterschiedlich beschrieben werden. Und obwohl es ja eigentlich um ‚einen Gott‘ gehen soll, finden sich in ca. 3.500 Jahren Religionsgeschichte unfassbar viele verschiedene Arten und Weisen, wie Menschen darüber sprechen und wie Menschen diese ihre Überzeugung leben.
8. Mit Bezug auf die Idee der Sprachspiele von Wittgenstein versucht Stace, die Vielfalt der Zeugnisse anhand von allgemeinen Eigenschaften der Berichte zu gruppieren, d.h. zu klassifizieren, und kommt dann zu seinen hypothetischen Einschätzungen.
9. Er meint, durch seine Analysen einen ‚Kern‘ (‚core‘, ’nucleus‘) von Fällen identifizieren zu können, von dem man die ‚Grenzfälle‘ (‚borderline cases‘) abgrenzen kann und muss.
10. Während man bei den jeweiligen Menschen, deren Zeugnisse untersucht werden, eher ‚emotionale‘ Persönlichkeiten von eher ‚analytischen‘ Persönlichkeiten unterscheiden kann, eher ‚extrovertierte‘ von ‚introvertierten‘, so spielt dies für die Frage ‚Kern‘ oder ‚Grenzfall‘ keine wirkliche Rolle.
11. Der Kern von mystischer Erfahrung ist nach Meinung von Stace  in jenen Berichten zu suchen, in denen die konkret-sinnlichen Aspekte keine zentrale Bedeutung haben.
12. Obgleich konkret-sinnliches Material irgendwie und irgendwo noch auftreten kann, spielt es für das eigentliche Erleben keine Rolle. Das Erleben als solches ist sehr wohl real, dennoch nicht an Raum und Zeit gebunden, erscheint in sich paradox, dennoch durch und durch positiv ermutigend erhellend und gnadenhaft (= geschenkt). Etwas sehr Erhabenes, Besonderes, Großes, ist letztlich unbeschreibbar. Es passiert, ohne dass man es willentlich beeinflussen kann.
13. Stimmen, Bilder, Halluzinationen, intensive Emotionen spielen keine Rolle, sind eher hinderlich, ablenkend, ein Anzeichen für Störungen.

14. Die Breite der Zeugnisse, die Stace berücksichtigt, ist beachtlich (im Schaubild unten nur angedeutet).
15. Natürlich wirkt seine Auswahl trotz ihrer zeitlichen und kulturellen Breite immer noch ’schmal‘, aber – auch im Kontext anderer Forscher, die Stace zitiert – letztlich sind es viele tausend Zeugnisse, und dass sich in all diesen solch ein ‚globaler Kern‘ identifizieren lässt, ist nicht selbstverständlich.
16. Für jeden Menschen, der philosophisch-wissenschaftlich denkt, der die allgemeinen Strukturen biologischer Systeme im Blick hat, die allgemeinen Strukturen menschlichen Erlebens, Erkennens, Denkens, Interpretierens usw., für den ist es naheliegend, dass sich die ‚Kerne menschlichen Daseins‘ ähneln. Für diejenigen aber, die immer das Besondere suchen, die Ausnahmen, das ‚Fantastische‘, diese leben in der beständigen ‚Benommenheit‘ durch unwesentliche Ereignisse, die oft den Blick für die wichtigeren Ereignisse verstellen.
18. Diese Befunde werfen ein interessantes Licht auf die weitere Fragestellung nach der Zukunft des homo sapiens angesichts einer kommenden technischen Superintelligenz, und sie werfen Fragen auf für eine mögliche Gestaltung der Erde bis 2117.

COMING OUT

19. Angeregt duch die Lektüre und Diskussion des Buches von Stace ‚Mysticism and Philosophy‘ fühlt sich der Autor dieses Beitrags dazu angeregt,  einen biographischen Kontext einzublenden, der es für den Leser — möglicherweise — nachvollziehbarer machen kann, warum dem Thema in diesem Blog vom Autor solch ein Stellenwert  eingeräumt wird.

20. Vor ca. 39 Jahren gab es einen jungen Mann, der im allgemeinen Aufruhr der sogenannten 68er Revolution(en) damals für sich die Frage stellte, was es denn mit dem ‚Gott‘ der Religionen auf sich hat? Alle beschwören ‚Gott‘ immer als etwas Zentrales, Grundlegendes, Wichtiges, aber zugleich erscheint dieser ‚Gott‘ so fern, so unwirklich, verhüllt hinter Gewändern, Ritualen, Texten, komplexen Institutionen, irgendwie beliebig angesichts der Vielfalt an Redeweisen und Handlungen. Ausgestattet mit einem klaren naturwissenschaftlichen Interesse und Weltbild, angeregt durch Lektüren u.a. von Sartre, Camus, Habermas, beschloss er damals sein privates ‚Gottes-Such-Experiment‘: Ist ‚Gott‘ ‚real‘, für jeden einzelnen Menschen, egal wann und wo, oder ist es nur ein Machtmittel, um Menschen für spezielle Machtziele zu lenken?
21. Obwohl dies eine reale Geschichte von einem realen Menschen ist klingt sie, aufgeschrieben, unwirklich, bizarr, märchenhaft. Mit der Einberufung zur Bundeswehr in der Tasche ‚parkte er sich‘ für ein Jahr im Noviziat eines katholischen Ordens auf der Suche nach dem realen Gott für jeden Menschen.
22. Einer von vielen jungen (und älteren) Menschen, quasi auf einer Viehweide, ohne Zeitungen, Massenmedien, in Gemeinschaftsunterkünften, lebte er monatelang in einer Gemeinschaft, wo das Wort ‚Gott‘ außen drauf stand, aber bei der Frage nach ‚Gott‘, alle schweigsam wurden; eine geradezu unanständige Frage. Der Alltag funktionierte, Rituale, wo ‚Gott‘ drauf stand, gab es, aber das persönliche existentielle Interesse an einem realen Gott wirkte ausgrenzend.
23. Diese Zeit – und auch die darauf folgenden 22 Jahre – aufzuschreiben, würde ein dickes Buch füllen, entscheidend für den aktuellen Blogeintrag sind aber nur bestimmte Fakten.
24. Die Frage nach dem ‚realen Gott‘ wirkte täglich, war bohrend, und lies bald die Frage nach ‚real – irreal‘, ‚Sinn – Unsinn‘ fast verschwimmen. Und es kam ein Punkt – zusätzlich unterfüttert durch zusätzliche demotivierende Vorgänge –, wo der junge Mann nach ca. 5 Monaten überlegte, das Experiment als misslungen abzubrechen. Es war liturgisch Osterzeit, als völlig überraschend eine Serie von Erlebnissen einsetze (viele Tage), die sein damaliges Weltbild von Grund auf erschütterten, durcheinander wirbelten, so sehr, dass er ab diesem Zeitpunkt aus existentiellem Bedürfnis anfing, sich (philosophisch) zu fragen, was denn überhaupt ‚Erkennen‘ ist, ‚Realität‘, ‚Wahrheit‘. Der Kern dieser Erschütterungen waren Erlebnisse, die man (siehe den Text weiter unten) üblicherweise als ‚mystische Erfahrungen‘ bezeichnen würde, als eine mögliche Variante von dem, was man ‚Gott erfahren‘ nennt.
25. Diese Erfahrungen veränderten alles. Das bis dahin vorherrschende Desinteresse an Religionen, Kirchen, Theologie, verwandelte sich in eine intensive Neugierde, was denn ‚dahinter‘ steckt: war es vielleicht doch alles wahr, was man immer behauptete?
26. Die nächsten 22 Jahren waren eine intensive, existentielle Zeit einer ‚Suche in alle Richtungen‘: bildete er sich dies alles nur ein? Waren die Beweggründe für die Ordensgründer authentisch? War die christliche Kirche authentisch? War Religion doch wichtig? Fragen über Fragen. Die nächsten 22 Jahre waren sehr vielfältig an Orten, Menschen, Tätigkeiten, Begegnungen, Studien.
27. Nach den überaus intensiven Erlebnissen zu Beginn kam eine Zeit von ca. 7 Jahren der ‚Austrocknung‘; die intensiven Erfahrungen ‚verebbten‘, ‚versiegten‘, ‚trockneten aus‘. Totale Funkstille. Die Erinnerungen waren zwar immer lebendig (selbst noch nach 38 Jahren!), aber die erlebenden Zustände traten in diesen sieben Jahren aktuell nicht mehr auf.
28. Erst durch die viele Jahre dauernde  Beratung durch zwei ‚erfahrene‘ Menschen im Umgang mit solchen Erfahrungen fand der junge Mann einen anderen Zugang zu sich selbst, zum eigenen Erleben. Auf den ersten Blick wirkte dies sehr mühsam, ernüchternd, anstrengend. Letztlich lernte er die Methoden der mystischen Erfahrungen neu, auch wenn Methoden natürlich keine mystische Erfahrung ersetzen. Doch können sie helfen, sich neu zu fokussieren, bewusster zu werden. So eine Art ‚Meditation-Plus‘, also Methoden des Meditierens, aber nicht nur als nackte Übung, sondern als Methode des Bewusstwerdens und sich Öffnens für das mögliche ‚Mehr‘ des Lebens zu jedem Zeitpunkt. Diese Zeit dauerte gut 4-5 Jahre.
29. Schon in dieser Zeit kamen die intensiven Erlebnisse der Anfangszeit wieder zurück. Unterschiedlich stark, dosiert, eingebettet in einen Alltag, der immer mehr Teil des Erlebens wurde.
30. In weiteren ca. 10 Jahren vertiefte sich alles, differenzierte sich aus, und das ‚Fühlen‘ und ‚Denken‘ waren sich nicht mehr fremd. Einerseits verdichtete sich der Eindruck, dass die ’spirituelle Erfahrung‘ der Religionen tatsächlich ‚authentisch‘ erschien – speziell auch die Erfahrungen der ersten Generation der Ordensgründer –, zugleich verstärkte sich aber auch der Eindruck, dass die ‚Verpackung dieser Erfahrung‘ in den verschiedenen Überlieferungen, Texten, und Ritualen viele Ideen, Aspekte, sowie Praktiken angezogen habe, die mit dem heißen Kern wenig bis gar nicht zu tun hatten, die von daher eher ‚ablenkend‘ wirken, ‚verwirrend‘. Statt ‚den Seelen zu helfen‘, wie es immer so schön hieß, führte dies alles eher dazu, die ‚Seelen zu verwirren‘.
31. Viele Jahre versuchte der dann nicht mehr ganz so junge Mann, für diese Absonderlichkeiten alle möglichen Rechtfertigungen zu geben, aber es war letztlich die wieder erstarkte lebendige spirituelle Erfahrung selbst, die ihn vor die Konsequenz führte, diesen ganzen Rahmen hinter sich zu lassen, ‚um seine eigene Seele zu retten‘. Dieser Entscheidungsprozess war hart, dauerte selbst in der Endphase gut zwei Jahre, bis er zu einem ‚Sprung ins reine Nichts‘ führten. ‚Weggehen‘ ist eine Sache, aber ‚Wohin‘, wenn man nichts hat?
32. Die spirituelle Erfahrung war aber so intensiv, und irgendwie so klar, dass ein neuer Weg beschritten wurde, der viele neue Lebenssituationen bescherte, überwiegend nicht einfach, schwierig, immer begleitet von mehr Fragen als Antworten.
33. Für fast 25 Jahre stellte der immer  älter werdende Mann die Frage nach Gott nicht mehr offiziell. Es dauert viel Zeit, viele, viele Jahre, bis die vertraute Sprache eines kirchlichen Kontextes durch eine neue Sprache ersetzt werden konnte. Jedes Wort musste  — wie bei einem  Kind —  neu gelernt werden.
39. Im Endergebnis erstrahlt alles in einem neuen Licht, wirkt reicher, lebendiger, realistischer, lebensvoller. Der tägliche Wahnsinn wirkt unmittelbar, die täglichen Unmenschlichkeiten weltweit wirken direkter, das Wissenschaos ist real da, aber die spirituelle Erfahrung auch. Die Realität ‚des Anderen‘ ist nicht mehr begrenzt, eingeschränkt, limitiert, bevormundet; die Realität des ‚Anderen‘ ist unbegrenzt, überall, immer, für jeden.
40. Damit stellte sich die Frage nach dem ‚realen Gott für jeden‘ wieder, nach 39 Jahren gleich frisch und fordernd wie 1968.
41. Geblieben ist auch die Frage, wie redet man darüber? Wie kann man diese Fragen philosophisch und wissenschaftlich rechtfertigen? Gibt es doch genügend Menschen, die bar jeder Kenntnis einfach behaupten, das sei ja alles von vornherein Unsinn.
42. Vor dem Hintergrund der vielen Verstehens- und Formulierungsversuchen in all den Jahren (immerhin wurden viele hundert Bücher und Artikel gelesen) erscheint das Buch von Stace (1960)  — bei all den Schwächen, die jedes Buch zwangsläufig hat —  als sehr geeignet, wichtige Aspekte der eigenen Erfahrungsklärung zu unterstützen.

ANHANG: SCHAUBILDER

Grafische Interpretation der Thesen aus Kap.2 von Stace (1960) von G.Doeben-Henisch: universelle Charakterisierung des gemeinsamen Kerns von mystischer Erfahrung

Grafische Interpretation der Thesen aus Kap.2 von Stace (1960) von G.Doeben-Henisch: universelle Charakterisierung des gemeinsamen Kerns von mystischer Erfahrung

Dieses Schaubild enthält mehr Details, als im obigen Text dann verwendet wurden. Auf diese kann dann in der späteren theoretischen Diskussion nochmals zurück gegriffen werden.

Liste von Namen aus Kap.2 von Stace (1960), zusammengestellt, kommentiert und interpretiert (mit Hilfe von Wikipedia-EN)

Liste von Namen aus Kap.2 von Stace (1960), zusammengestellt, kommentiert und interpretiert (mit Hilfe von Wikipedia-EN)

Dieses Schaubild zeigt letztlich nur einen kleinen Ausschnit aus dem gewaltigen Panorama der bekannten Zeugnisse. Es könnte hilfreich sein, dieses Schaubild im Laufe der Zeit zu erweitern.

Erste Übersicht zu Hinduismus und Buddhismus, zusammengestellt aus Wikipedia-EN; für mehr Details bitte die Texte dort lesen (bzw. diesen Beitrag)

Erste Übersicht zu Hinduismus und Buddhismus, zusammengestellt aus Wikipedia-EN; für mehr Details bitte die Texte dort lesen (bzw. diesen Beitrag)

Eigentlich wollte ich alle Religionen nebeneinander hinstellen. Aber schon die minimalen Fakten zum Hinduismus und Buddhismus sprengten eine Seite. Würde man alle Religionen versammeln, würde dies ein riesiges Plakat füllen. Und doch, es könnte wichtig sein, dies einmal sichtbar zu machen, da die meisten Menschen, wenn überhaupt, oft nur Fragmente einer Religion kennen. Wenn, dann geht es aber über die eine Religion IN ALLEN HISTORISCHEN Religionen.

Eine Fortsetzung findet sich HIER.

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

3 Gedanken zu „MYSTISCHE ERFAHRUNG: DER GLOBALE KERN – KAP.2 von STACE 1960 – Diskussion

  1. Will Cagent mit der Verknüpfung der Fragen nach der TSI, nach dem Menschen und nach dem Stellenwert mystischer Erfahrung im Zusammenhang mit der Zukunft von Erde und Mensch andeuten, das vielleicht in der mystischen Erfahrung Potentiale des menschlichen Bewusstseins sichbar werden deren Erschließung für die Herausforderungen der Zukunft bis 2117 und darüber hinaus, sinnvoll oder sogar notwendig sind? Man kann die Intesion der letzten beiden Blogeinträge ohne weiteres so deuten.

    Das eine Veränderung der Bewusstseinslage notwendig zu sein schein, dafür spricht vieles, nicht zuletzt die drängenden Fragen des Umgangs mit dem Lebenssystem Erde oder die Fragen von Krieg und Frieden, Armut, Krankheiten und Hunger. Nimmt man in das Szenario der Bedrohungen der Gegenwart und Zukunft die gefährlichen Seiten der Wissenschaft und Technologie noch hinzu (Genetik, Nanotechnologie, Big Data, TSI und KI usw.), sowie den globalen Kapitalismus und die Bedrohung demokratischer Verfassungen, dann kann es nach Ansicht des Verfassers dieser Zeilen keine Denkverbote geben solange es auch nur minimale Chancen gibt das dieses Denken die Optionen vermehrt für Entscheidungen jetzt und in der Zukunft.

    Die Frage die damit von Cagent formuliert wird, hinsichtlich des Potential menschlicher Fähigkeiten die, – wie auch immer durch “spirituelles Wachstum“ vermehrt – zu Kompetenzen werden die dazu führen all das besser in den Griff zu bekommen, kann ich natürlich zuletzt nicht beantworten. Ich gebe nur zu bedenken; Selbst wenn sich die Familienähnlichkeiten mystischer (spiritueller) Erfahrungen zeigen sollten, so das sie in jedem Menschen als mögliche, jedoch zumeist brach liegende angelegt erscheinen, sehe ich nicht den Punkt andem sich der Status Quo damit an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen könnte. In der Folge von, in dieser Hinsicht anscheined hochbegabter Einzelner, entstanden doch jeweils religiöse Systeme und Institutionen die geradezu beweisen, das sich die Inhalte eines wie auch immer ausgeprägten mystischen Bewusstseins nicht auf andere übertragen lassen ohne das sich der Wille zur Macht letztlich alleine durchsetzt. Alleine vor Gott, das war und ist doch immer noch dem Kloster und der Meditationshalle vorbehalten. Es hat sich doch gezeigt das so gewonnenes “Wissen“ dort wo es vor die Tür tritt und Einfluss auf die Läufe der Zeit nehmen will, aus dem Mönch einen Priester macht. Von diesem Mechanismus war und ist keine der sogenannten Weltreligionen eine Ausnahme. Selbst die mystischen Kerne, also jene die richtig gelesen und verstanden hatten oder das Glück (Geschenk) der unmittelbaren Erfahrung, wurden innerhalb der institutionellen Systeme zu Fremdkörpern die es zu bekämpfen galt.

    Man kennt die Einwände gegen solche Argumente nur zu gut. Es heist der Überbau sei nicht das Wahre, die Verkrustungen seien nur aufzubrechen, das System nur von innen zu reinigen, man müsse an die Quellen zurückkehren, diese nur zeitgemäß deuten, dem rechten Pfad folgen, das Kind nicht mit dem Bad ausschütten und die Spreu vom Weizen trennen. Generell könne man ohne eigene “praktische“ Erfahrung grundsätzlich nichts über mystische Erfahrungen sagen. Wenn man darauf verweist man habe Erfahrungen, dann war es bei Kritik die falsche Anwendung die zu falschen Schlussfolgerungen führte.

    All das zieht aber nicht wenn man zum Beweis nur mit dem Finger auf die aktuelle Weltlage zeigen muss in der all zu oft vordergründige Phänomene den tiefer liegenden religiösen Konflikt überdecken der zu Mord und Totschlag führt.

    Es bleibt aus diesen Gründen in den Augen des Verfassers leider nur das zarte Licht der Aufklärung übrig, jenes ’sapere aude’ das in seinem Selbstwiderspruch wenigsten die Chance enthält auch die negativen Folgen des eigenen Denkens und Handelns in den Blick zu bekommen und damit die Chance es beim nächsten Versuch besser zu machen. Zugegeben, das klingt wenig bombastisch und fast schon langweilig. Wer stellt sich schon gerne mit einem Regenschirm in der Hand auf einen Bahnübergang und versucht damit einen Zug aufzuhalten. Das Gefühl kann man aber haben wenn man die Probleme sieht die da sind oder auf uns zukommen, und man kann dann nur darauf hinweisen das der Mut selbst zu denken vielleicht die einzige Chance bleibt.

    • Etwas zum Kommentator:

      Der Verfasser dieses Kommentars kann sich an eine Begegnung erinnern die er vor sehr vielen Jahren mit einem alten Zen-Meister hatte. Den Kopf voll gestopft mit angelesenen Phantasien und geradezu betrunken von spiritueller Lektüre trat der noch nicht zwanzig Jahre alte junge Mann an den hochbetagten Meditationslehrer mit der Frage heran: Was ist eigentlich Satori? Die Antwort kam promt, gelassen, sehr freundlich und nicht im Ansatz überheblich: „Mach dir keine Sorgen, du bist es schon“. Obwohl diese Antwort den jungen Mann etwas verwirrte, vielleicht sogar das Gegenteil von Beruhigung auslöste und selbstverständlich irgendwann für Jahrzehnte vergessen wurde scheint sie im Untergrund, manchmal stärker und manchmal schwächer, aber stets präsent gewesen zu sein. Bei der rückblickenden Interpretation dieses Frage/Antwort-Ereignisses ist dem Älteren auch nie so recht klar geworden ob es die semantische Bedeutung dieser Antwort war die immer wieder Wirkung zeigte oder die Art und Weise ’wie’ die Antwort ausgesprochen wurde. Für die letzte Interpretation spricht, das der Erwachsene sein ganzes Leben lang immer das Gefühl hatte man würde und könne immer nur ZUVIEL sagen wenn man über das spricht was sich so vielsagend jeder Thematisierung entzieht.

      Selbst wenn er jetzt die soeben geschriebenen Zeilen nocheinmal durchliest, taucht dieses Gefühl wieder auf er befinde sich augenblicklich in einem performativen Widerspruch. Es kann auch nicht sein das dies alles ein verflixtes Geheimnis ist das nicht ausgesprochen werden kann und das in der geistigen Schatztruhe irgendwelcher erleuchteter Meister verwahrt wird und allerhöchstens in paradoxalem Kauderwelsch angedeutet werden kann.

      Vielleicht lässt sich aus all dem was sich seit Jahrtausenden, zu allen Zeiten und an vielen Orten für so viele Menschen als ’mystische Schau’ ereignet hat, letzlich nur der Apell an jeden Einzelnen ableiten: Sei oder werde der, der du bist. Deshalb, wenn der alte Glatzkopf heute in der Phantasie des älter gewordenen Fragenstellers auftaucht sagt er einen zweiten Satz um ganz sicher zu gehen das die Antwort auch wirklich ankommt: „Read my lips…, du bist es schon!“.

      • Speziell zu folgendem Abschnitt des Kommentars von pagan:

        Selbst wenn er jetzt die soeben geschriebenen Zeilen noch einmal durchliest, taucht dieses Gefühl wieder auf er befinde sich augenblicklich in einem performativen Widerspruch. Es kann auch nicht sein das dies alles ein verflixtes Geheimnis ist das nicht ausgesprochen werden kann und das in der geistigen Schatztruhe irgendwelcher erleuchteter Meister verwahrt wird und allerhöchstens in paradoxalem Kauderwelsch angedeutet werden kann.

        Für mich ist dies auch eines der zentralen Probleme im kulturellen Selbstverständnis der Menschen: die in vielen Kulturen beschriebenen tiefen Erfahrungen sind kulturell zu allen Zeiten tendenziell immer ein wenig abgegrenzt, eingezäumt, mit einer kulturellen Sicherheitszone umgeben worden, dass eine ‚Urbarmachung für Alle‘ nie so recht stattgefunden hat. Dazu kommt, dass Religiosität sich offensichtlich zu allen Zeiten immer auch mit institutionellen Machtstrukturen verbunden hat, die aus sehr religionsfernen Motiven kein Interesse daran hatten (und auch heute nicht haben), dieser Erfahrungsdimensionen, die zu jedem Menschen ‚qua Mensch‘ gehören, möglichst allen überall und jederzeit verfügbar zu machen.

        Für denjenigen, der dann solche Erfahrung hat (siehe pagan), stellen sich verschiedene Schwierigkeiten, z.B. (i) das Dilemma des primär Unaussprechlichen: wie dann doch darüber sprechen (was letztlich die meisten dann doch versucht haben, zum Glück); (ii) das Dilemma der kulturellen Aversion: darüber spricht man nicht; das sind Esoteriker, potentiell Verrückte und potentielle Ruhestörer, die das tun.

        Würde man grundsätzlich akzeptieren, dass jeder Mensch qua Mensch in seinem Erfahrungsraum weit über das empirisch Sinnliche hinaus reale (!) Erfahrungen haben kann, dann würde dies die Theoriebildung zur Wirklichkeit radikal herausfordern.

        Mit der Herausforderung an die Theoriebildung meine ich aber nicht, dass die seit Jahrtausenden (ich finde: naiven) Denkmodelle von Geist vs. Materie hier passen. Der Geistbegriff stammt aus Denkzeiten, wo noch keiner wusste, was ‚Materie‘ wirklich ist, zudem war es eine Worthülse, die jeder nach Belieben gedeutet hat (und auch heute noch deutet; eine Art begrifflicher ‚Müllschlucker‘ für jede Art von Vorstellungen, seien sie auch noch so absurd).

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