KULTUR ALS ECHOKAMMER: Wo ist der Ausgang? Nachbemerkung zum CAES-Symposium Frankfurt 13.Juni 2018

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
14.Juni 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Aufhänger

Nachhall zu einer Veranstaltung gestern mit dem Titel ’Populismus! Gefahr für die Demokratie in Europa?’, veranstaltet vom ’Center for Applied European Studies (CAES)’ der Frankfurt University of Applied Sciences.

Populismus ist wieder da…

Nach den obligatorischen Begrüßungs- und Einleitungsworten entwickelte Prof.Heinisch von der Universität Salzburg in markigen Strichen ein Bild von der Entstehung des Populismus in den letzten Jahren, wie dieser von den Rändern mittlerweile in das Zentrum der Macht gewandert ist. In manchen Ländern Europas (aus unterschiedlichen Gründen) schon sehr weit, in anderen noch eher am Rande. Der Populismus nutzt für sich eine weit verbreitete Unzufriedenheit, die sich naturgemäß in jedem gesellschaftlichen System findet. Mit einer ’ad-hoc-Programmatik’, mit stark vereinfachenden Formulierungen, durch Ausnutzung moderner Kommunikationstechniken infiltrieren populistische Gruppierungen den öffentlichen Bewusstseinsraum, den Alltag der Menschen, in einer Weise, dass schleichend immer mehr diese vereinfachenden Weltsichten über die Medien in sich aufnehmen, selbst wenn sie es gar nicht wollen.

Verstärker, auch ungewollt …

Wer sich bei den Worten von Prof. Heinisch gewundert haben mag, wie das alles so rasch und scheinbar ohne jeden Widerstand vonstatten gehen konnte und auch heute, in unserer Gegenwart, stattfindet,dem lieferte direkt im Anschluss Prof.Dr. Harald Welzer sozialpsychologische Deutungsmodelle, denen man eine gewisse Suggestivkraft nicht absprechen kann. Nach Welzer wirken fast alle Medien und bürgerliche Parteien – gerade auch in ihrer Rhetorik, diese populistischen Strömungen ’kritisch’ die Stirnbieten zu wollen – als überproportionale Verstärker der vereinfachenden sprachlichen Formulierungen dieser Gruppierungen. Die komplizierten Motive und Begründungen der angeblichen kritischen Positionen vergessen fast alle sofort wieder, aber die zu kritisierenden vereinfachenden Floskeln bleiben im Gedächtnis haften. Auf diese Weise sind die vorgeblichen Kritiker paradoxerweise jene, die die anfänglich kleine Gruppe der Populisten täglich verstärken, stark machen, und die ganze Gesellschaft mit den unsinnigen Formulierungen ’falsch programmieren’.

Da war doch was …

Welzer erinnerte an die Zeit der Machtergreifung durch die Nazis. In den ersten Jahren konnte sich keiner vorstellen, dass die Mehrheit der Deutschen die radikalen Positionen der Nationalsozialisten übernehmen würden (z.B. dass man jüdische Mitbürger bei Tage durch die Straßen hochbürgerlicher Wohnviertel unter Beifall eben dieser zu ihrem ’Abtransport’ trieb), aber nach Jahren der Infiltration des Alltags mit einer Wolke entsprechender vereinfachender Gedankenbilder hatten selbst die, die sich nicht wirklich interessierten, die mit ’Wichtigerem’ beschäftigt waren, ’über Nacht’ in bestimmender Weise nur noch diese Floskeln ’im Kopf’ … und plötzlich war denkbar, was vorher undenkbar erschien. Und ausgerechnet die sogenannten ’Akademiker’ waren jene, die sich der neuen Bewegung am schnellsten und am intensivsten ’hingaben’. Ein Wunder?

Es geschieht gerade wieder …

In der aktuellen Situation erleben wir all dies wieder, selbst (oder gerade?) in den sogenannten demokratischen Gesellschaften. Die Infiltration von kleinen und kleinsten Gruppen über die Medien, über provozierende Aktionen, die dann ja doch keine gewesen sein sollen, finden in den Medien und den etablierten Parteien ein überproportionales Echo, so dass schon jetzt viele Menschen genau diese Vereinfachungen inhaliert haben, nicht aber die angeblichen kritischen Motive der Verstärker. Die ganze Fake-News Debatte krankt daran – was Welzer auch eindrücklich darstellte –, dass es den Verbreitern von Fake-News nirgendwo um ’Wahrheit’ und ’Fakten’ geht, sondern nur um Aufmerksamkeit, um Infiltration des Bewusstseins der Menschen in ihrem Alltag, was die Populisten auch bestens erreichen, während die Medien in ihrer naiven Aufgeklärtheit unterm Strich letztlich nur Werbung machen für diese Gruppen.

Die aktive Gleichgültigkeit gegenüber möglicher ’Wahrheit’ findet – wieder einmal – wenig Widerstand durch die akademische Welt, durch die Wissenschaften. Die moderne Hochleistungswissenschaft ist in eine Vielzahl von spezialisierten – und darin fragmentierten – Weltbildern zerfallen; ein allgemein geteiltes Menschenbild gibt es aktuell nicht. Ansätze, eines aus all den Mosaiksteinen zusammen zu setzen, sind kaum erkennbar. Die Wissenschaft selbst ist sich des Leitbegriffs ’Wissenschaft’ nicht mehr sicher; kaum ein Wissenschaftler ist mehr in der Lage, zu formulieren, was Wissenschaft eigentlich ist, wie sie sich (wissenschaftsphilosophisch) in das Gesamt von Weltwissen und Weltgesellschaft einordnet; eine Kommunikation zwischen den Disziplinen findet kaum statt und auch die wenigen Ansätze, die es gibt, leiden an erheblichen ’Sprachstörungen’. Diese Form von Wissenschaft ist schon jetzt ’verloren’. Sie hat aufgrund ihres defizitären Selbstverständnisses schon jetzt jeder Form von Populismus nichts entgegen zu setzen. Auch ’Esoterik’ ist eine Form von Populismus, und die Zahl von Akademikern (auch solche mit Doktortiteln), die keine Probleme haben, völlig haltlose Anschauungen über die Welt, über die Wirklichkeit zu vertreten, ist nicht gering. Ihr Studium hat sie nicht dazu befähigt, auch nur ansatzweise ’Wahres’ von ’Falschem’ zu unterscheiden.

Betriebssystem Demokratie …

Das ’Betriebssystem’ demokratische Gesellschaft hat – zumindest nach dem Buchstaben der Verfassung und den vielen ungeschrieben Erfahrungen, die zur demokratischen Verfassung geführt haben – sehr viele Voraussetzungen, damit es funktionieren kann. Neben der schon erwähnten Öffentlichkeit sind z.B. die Parteien vorgesehen als wichtiger Vermittler, als Transformator zwischen der Vielfalt des Alltags eines jeden und den exekutiven Prozessen der Machtausübung. Doch die etablierten Parteien mit ihrer komplexen und umfassenden Programmatik, ihren schwerfälligen hierarchischen Strukturen, ihrer mittlerweile hohen Verzahnung mit diversen Machtzirkeln, die unabhängig von der Öffentlichkeit massiv Einfluss nehmen, diese Parteien wirken auf die Bürger zunehmend unbefriedigend, fern, korrupt, selbstvergessen; ein Eindruck, der falsch sein kann, vielen Politikern vielleicht Unrecht tut, aber die Prozesse der Partizipation stottern. Massive Defizite im konkreten Alltag der Mehrheit der Menschen schwächen täglich die notwendige Vertrauensbasis. Klare, überzeugende, effektive politische Maßnahmen fehlen; sie zerbröseln in den Kämpfen um Macht, Anerkennung, Geld, Angst um Wiederwahl; auch mangelnde Kompetenz bei vielen Politikern kommt dazu. Die hier täglich genährte Unzufriedenheit, lange Zeit unsichtbar, ist ein guter Nährboden für die vereinfachenden Parolen der Populisten, für ihr programm-freies ad hoc Taktieren im Alltag, sie haben nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen.

Ein anderes Denken?

Was offensichtlich fehlt, das sind die ’alternativen Bilder’ zur Erklärung der Welt, überzeugende Visionen, wirkende Maßnahmen. Noch haben zumindest in Deutschland und Frankreich (und wo noch?) die Nichtpopulisten die Mehrheit und die Macht. Aber wenn sie (wie insbesondere die CSU) wie das berühmte ’Kaninchen auf die Schlange’ starren, die Schlange sogar noch übertreffen wollen, weil sie selbst kein wirkliches Selbstvertrauen mehr haben (!!!), dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland die Populisten wieder die Mehrheit haben. Waffengewalt oder überhaupt Gewalt ist dazu gar nicht notwendig. Die ’Umprogrammierung der Gehirne’ findet lautlos statt, jeden Tag, im ordinären Alltag, durch die Art, wie wir miteinander reden. Wenn wir jeden Tag immer nur über Fragmente von Flüchtlingen reden und all die wirklich wichtigen Probleme bei Seite lassen, dann glauben irgendwann alle daran, weil sie nichts anderes mehr in ihrem Kopf haben. Irgendjemand sprach von einer notwendigen ’Re-Politisierung’ der Bürger … aber die findet schon längst statt, nur anders, als der Sprecher wohl gemeint hat, durch den täglichen Populistensprech, den viele Medien und Internetportale jeden Tag,stündlich servieren; das ist leichter und billiger als anspruchsvolle Informationen und Gedanken…

Kultur als Echokammer?!

Einige Zeit berauschten sich die Verteidiger der Demokratie an dem Befund, dass die neuen sozialen Netzwerke wie ’Echokammern’ wirken, in denen sich Gleichgesinnte treffen, um ihre Vor-Urteile zu pflegen. Allerdings wusste so recht niemand, wie man die ’Gefangenen der Echokammern’ aus ihren Echokammern ’befreien’ könnte. In dieser Debatte blieb unausgesprochen, dass alle menschlichen Gruppierungen letztlich das ’Prinzip Echokammer’ praktizieren, nur wurde es bislang nicht so benannt.Die berühmten ’Wirtshausstammtische’, jede religiöse Gemeinschaft, jede Partei, die Unterrichtspläne, jede wissenschaftliche Disziplin, jede Firma … letztlich eine ganze Kultur praktiziert nichts anderes als dieses: einen Raum von Anschauungen und Formulierungen aufspannen und diesen dann dazu zu benutzen, um die Zugehörigkeit zu einer bestimmte Gruppierung daran zu knüpfen, dass man genau diese Anschauungen und Formulierungen ’pflegt’.

Im Alltag werden daher ’normalerweise’ genau die am meisten belohnt, die sich dieser Vorgabe am meisten und am besten ’anpassen’. Das Wort von der ’politischen Korrektheit’ hat jeder schon gehört, das Wort von den ’gesellschaftlichen Gepflogenheiten’, von den ’guten Sitten’, ’das macht man nicht’, ’Knigge’, du bist ’CDU-ler/ SPD-ler/ … Du musst X vertreten, das erwartet die Partei von Dir … Dies sitzt so tief in unserem sozialen Leben, ist so allgegenwärtig, dass es uns im Normalbetrieb kaum auffällt. Aber wenn jetzt eine neue Gruppe auftritt, die bislang ’am Rande’ war, die sich mit einer besseren Kommunikationsstrategie ’effektiver’ in das Bewusstsein der Menschen ’hinein arbeitet’, dann regen sich alle anderen auf … allerdings nur am Anfang. Nach einer gewissen Zeit ist die neue Gruppe assimiliert und sie ist eine weitere Variante von spezieller Echokammer im Sammelsurium von Echokammern, die wir Kultur nennen.

Echokammern kommen mit einem Minimum an Wahrheit aus. Wahrheit ist grundsätzlich zu kompliziert, zu anstrengend, und wird immer sehr schnell an ’Spezialisten’ delegiert: die Wissenschaft, die macht das schon, lasst uns damit in Ruhe. Wir wollen leben und regieren.

Es ist kein Zufall, dass Kultur noch nie in ihrer Geschichte am Begriff ihrer ’Wahrheitsfähigkeit’ gemessen wurde. Man weiß viel über Sprachen, Architektur, politische Formate, Formen des Handelns und Produzierens, berauscht sich an Mode … aber ob und wie eine Kultur ’wahrheitsfähig’ sein kann, und zwar nachhaltig wahrheitsfähig, das war bislang nie so recht Thema.

Wenn schon Echokammern das Grundmuster aller Kulturen sind, ihr eigentliches ’Betriebssystem’, welche Vorkehrung müsste dann eine Gesellschaft treffen, um sich selbst immer wieder aus ihren eigenen Echokammern zu befreien?

Die Evolution, die Mutter aller heutigen Gesellschaften, hat das Ausbrechen aus gewohnten Bahnen als substantielles Element in ihre Entwicklungslogik eingebaut: Erinnerung + Freiheit + ein großes Maß an Experimenten mit dem Unbekannten haben bislang in 3.8 Milliarden Jahren dafür gesorgt, dass das Leben auf der Erde nicht nur die größten vorstellbaren Katastrophen überstehen konnte, es hat sich sogar in seiner inneren Komplexität unfassbar weiter entwickelt, soweit, dass wir Menschen als homo sapiens bislang nicht in der Lage sind, unsere eigene Komplexität voll zu durchschauen.  Wir sind uns selbst bislang mehr unbekannt als bekannt.

Wenn Prof. Michel Friedmann, der charismatische Leiter des CAES, während des  Symposiums  mehrfach wie ein Heroe aus alten Zeiten das flammende Schwert der Grundwerte – insbesondere der ’Würde’ des Menschen – hoch hielt, dann könnte man versucht sein, zu lächeln. ’Würde’? Wer weiß noch, was das ist? (Anmerkung:
Es sei hier u.a. an die mehrteilige Diskussion zum Buch von Paul Tiedemann in diesem Blog erinnert. Selbst Justitia hat mit diesem Begriff ein Problem.)  Aber, andererseits hat Prof. Friedmann  natürlich recht: einer kulturellen Echokammer der Nicht-Werte kann man nur entkommen, wenn man sich möglicher Alternativen real aussetzt. Und, so verquer es klingen mag, es ist genau der Mensch selbst, der sich selbst abhanden gekommen ist. … oder haben wir uns vielleicht noch nie ’gehabt’ und wir merken es erst heute,jetzt? Als jemand vor vielen hundert Jahren erzählte, dass sich die Erde um die Sonne bewegt, war es zunächst ’nur‘ ein   ‚Gedanke‘, dann aber mit weitreichenden Folgen.  Welche Sonnen müssen wir  entdecken, um uns heute aus den kulturellen Echokammern falscher Menschenbilder und wahrheitsfreier Meinungen zu befreien?

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WAHRHEIT ALS UNABDINGBARER ROHSTOFF EINER KULTUR DER ZUKUNFT

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 20.Nov. 2017
URL: cognitiveagent.org
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Autor: cagent
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ÜBERSICHT


I Zukunft als Politischer Zankapfel 1
II Wahrheit als Chance 2
III Wahrheit als Betriebssystem einer Kultur  2
III-A Überwindung des Augenblicks . . . .2
III-B Das ’Äußere’ als ’Inneres’ . . . . . .2
III-C Das ’Innere’ als ’Außen’ und als ’Innen’ 3
III-D Fähigkeit zur Wahrheit . . . . . . . . 3
III-E Bindeglied Sprache . . . . . . . . . . 4
IV Wahrheit durch Sprache? 4
V Wahrheit in Freiheit 5
VI Energie 5
VII Wahrheit durch Spiritualität 6
VIII Intelligente Maschinen 7
IX Der homo sapiens im Stress-Test 8
X ’Heilige’ Roboter 8
XI Singularität(en) 9
XII Vollendung der Wissenschaften 10
Quellen: 11

 

ZUSAMMENFASSUNG

Nachdem es in diesem Blog schon zahlreiche
Blogbeiträge zum Thema Wahrheit gab, geht es in diesem
Beitrag um die wichtige Ergänzung, wie Wahrheit mit einer
Kultur der Zukunft zusammenspielt. Hier wird aufgezeigt,
dass eine Kultur der Zukunft ohne Wahrheit unmöglich
ist. Wahrheit ist der entscheidende, absolut unabdingbare
Rohstoff für eine Kultur der Zukunft.

Für den vollständigen Text siehe das PDF-Dokument.

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U.ACKERMANN: DIE DIGITALE REVOLUTION – Eine Herausforderung für die Freiheit – Kurzbesprechung

U.Ackermann (2014), DIE DIGITALE REVOLUTION – Eine Herausforderung für die Freiheit, in: U.Ackermann (Hg.), Freiheitsindex Deutschland 2014 des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung, Frankfurt am Main: Humanities online

KONTEXT

1. In diesem Blog wurde schon mehrfach das Thema Neue Technologien und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft angesprochen. Das kleine Büchlein vom John Start Mill Institut unter der Leitung von Ulrike Ackermann passt sehr gut in diese Thematik.

ACKERMANN – FREIHEIT

2. Insbesondere der Beitrag der Herausgeberin Ulricke Ackermann fällt – im Vergleich zu vielen anderen Publikationen zu diesem Thema – sehr positiv auf. Das Freiheitsthema wird sehr differenziert heruntergebrochen auf die großen Dimensionen Individuum, Alltag und Politik, und das Ineinanderspiel von realer und virtueller (digitaler) Welt wird sachkundig an vielen Beispielen vorgestellt und kritisch gewürdigt.

3. Fernab einer einfachen Schwarz-Weiß-Malerei findet sie sowohl Worte für die unbestreitbaren neuen Möglichkeiten und Vorzüge, die die neue digitale Welt auf allen Ebenen eröffnet, deutet aber zugleich auch hin auf die unübersehbaren Risiken und schleichenden Tendenzen zu einer immer größeren Vereinnahmung des einzelnen auf allen Ebenen.

4. In der europäischen Aufklärungstradition und im Kontext von Menschenrechten und Demokratien wurde die konstitutive Bedeutung einer realen Privatheit für das Leben einer Demokratie, zwar nur sehr langsam, aber dann doch mit großer Entschiedenheit erkannt und in der Gesetzgebung verankert. Durch den immer leichteren Zugang auf private Daten durch die modernen Technologien und durch neue globale digitale Geschäftskonzepte, in denen die kostenlose Nutzung gegen höchst intime Datenausbeutung getauscht werden, gekoppelt mit der als ‚Fürsorge‘ getarnte Datensammlung von Behörden, geraten wir aber in eine Situation, in der die hochgeschätzte Privatheit mit ihren speziellen Freiheitsrechten sich mehr und mehr buchstäblich in Luft auflöst. Während die europäischen Institutionen den Eindruck erwecken, die Idee der Privat hochhalten zu wollen, verursachen die deutschen Regierungsvertreter einen Eindruck, als ob sie – entgegen offiziellen politischen Verlautbarungen – real eher eine starke Liberalisierungsformel (sprich: eine Auflösung der Privatheit) vertreten.

5. Die Fülle der Details im Artikel zeugen von großer Sachkenntnis und können hier nur erwähnt werden.

DISKUSSION

6. Eigentlich kann man dem Artikel nur Positives abgewinnen. Dennoch bleiben wichtige Fragen offen, denen im Rahmen dieses Blogs versucht wird, nach zu gehen.

7. Die Diskussion im Beitrag von Ulrike Ackermann folgt den großen Linien der europäischen Aufklärung und den aktuellen Werten der Menschenrechte und den grundlegenden Verfassungstexten in Deutschland und Europa. In diesem Rahmen ist die Argumentation schlüssig.

8. Einem aufmerksamen Betrachter der Menschenrechts- und Grundgesetzdiskussion (vgl. die 11-teilig Diskussion zum Begriff ‚Menschenwürde‘ im Kontext des gleichnamigen Buches von Paul Tiedemann in diesem Blog) wird aber nicht entgangen sein, dass sich die aktuellen Interpretationen dieser Werte im Bereich der Rechtsexperten eher in die Richtung bewegt, dass eine klare Begründung mindestens schwierig, wenn nicht gar unmöglich wird. Selbst ein Paul Tiedemann, dem die Bewahrung der Menschenwürde ein großes Anliegen ist, muss für die Begründung seines Standpunktes zu Argumentationen greifen, die alles andere als selbsterklärend sind.

9. Erweitert man den Blick auf die Entwicklung des Menschenbildes in den Naturwissenschaften und den technologienahen Bereichen, dann muss man konstatieren, dass die Naturwissenschaften, sofern sie überhaupt einen Bezug zum Menschenbild nehmen, den Menschen in keinster Weise so sehen, wie Grundgesetz und Menschenrechte dies voraussetzen. In den Naturwissenschaften ist der Mensch der Aufklärung praktisch verschwunden: eine Ansammlung von Molekülen, Atomen, Teilchen ohne jegliche spezifische Bedeutung und damit ohne jegliche Werte.

10. Bedenkt man, dass diese Verschiebungen im Weltbild zusätzlich einhergehen mit einem dramatischen Abbau von geistes- und sozialwissenschaftlichen Lehrstühlen und Standards, dann werden hier auch mögliche Quellen alternativer kritischer Betrachtungsweisen schlichtweg ausgelöscht.

11. Ein weiteres Moment ist die ‚Form‘ der Technologie. Mit dem Aufkommen von ‚intelligenten‘ Maschinen erleben wir nicht nur eine weitere industrielle Revolution, die bisherige Industrien und Arbeitswelten bedrohen, sondern wir erleben einen Frontalangriff auf alsbald scheinbar alle Fähigkeiten, die bislang als ‚typisch Menschlich‘ galten. Was dies für die bisherigen Gesellschaften bedeuten, ist schwer voraussagbar. Auf keinen Fall kann es ein einfaches ‚weiter so‘ wie bisher geben.

12. Sieht man diese neuen technologisches Möglichkeiten mit der simultanen Erosion des aufklärerischen Menschenbildes (repräsentiert in den Menschenrechten) und der Tendenz selbst demokratischer Regierungen, die Besonderheit des Menschen ‚zu opfern‘, dann kann man erahnen, dass die bisherige (‚klassische‘) Freiheitsdiskussion erheblich ausgeweitet und radikalisiert werden muss. Der Mensch selbst steht zur Debatte in einer Weise, wie wir es noch nie erlebt haben.

13. Genuine ‚Anwälte‘ des Menschen sind aktuell schwer identifizierbar. Die klassischen Offenbarungsreligionen taugen hier – wie schon in der Vergangenheit – nur sehr begrenzt. Ihre Menschenbilder sind bis heute zu stark mit vorwissenschaftlichen Bildern durchsetzt.

 

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INFORMATIK & GESELLSCHAFT – Kurzbericht

Änerung: 19.März 2015 (Die Künslergruppe Reul & Härtel hat das Foto mit Ihnen durch ein Bild aus ihr Performance (‚visualexploration‘) ersetzen lassen)
Änderung: 20.Nov.2014 (Einfügung Videoschnappschuss von der Uraufführung des Eingangereignisses)

Wie schon zuvor in diesem Blog darauf hingewiesen gab es am 8.November 2014 in der Frankfurt University of Applied Sciences eine recht interessante Veranstaltung INFORMATIK & GESELLSCHAFT. Computer und Geist. Aspekte einer Standortbestimmung. Im Folgenden ein kurzer Bericht mit einigen Schnappschüssen. Alle Bilder sind von Dominik Wolf, dem es gelungen ist, unter schwierigen Lichtverhältnissen doch das eine oder andere Bild zu schiessen. Die beiden ersten Bilder sind allerdings von Anita Henisch, die dann wegen der schwierigen Lichtverhältnisse aufgegeben hatte. Von Dominik Wolf selbst gibt es leider kein Foto, was schade ist, da er die Hauptlast der Organisation getragen hat.

13.20 Uhr Eingangsereignis Computermediated Sound/Images 1
(cagentArtist & Guido May)

cagentartist im Gespräch mit Guido May vor der Uraufführung von 'Little CRUNCS symphony No.1'

cagentartist im Gespräch mit Guido May vor der Uraufführung von ‚Little CRUNCS symphony No.1‘

Jazz-Schlagzeuger Guido May während der Uraufführung von 'Little CRUNCS symphony No.1'

Jazz-Schlagzeuger Guido May während der Uraufführung von ‚Little CRUNCS symphony No.1‘

Hier ein Video Schnappschuss von Dominik Wolf. Dies war nicht als Dokumentation geplant; aber da der geplante Tonmitschnitt leider nicht verfügbar ist, ist dies nun das einzige Zeugnis der 20 Minuten-Uraufführung.

Das Stück ‚Little CRUNCS symphony No.1‘ wirkte auf den ersten Blick wie sinfonische Musik, war aber vollständig im Computer generiert worden. Sieben verschiedene Eingangsklänge wurden auf unterschiedliche Weise algorithmisch bearbeitet und miteinander verzahnt. Viele Zuhörer sagten anschliessend, dass für sie das Schlagzeugspiel sehr wichtig gewesen sei. Ohne dieses hätten sie sich mit dem reinen Soundtrack schwer getan. So aber war es ein Erlebnis. Auch für den erfahrenen Jazz-Schlagzeuger Guido May war das Stück, wie er sagte, eine besondere Herausforderung. Alle ihm bekannten Muster passten bei diresdem Stück nicht. Er musster sich die Rolle des Schlagzeugs hier speziell erarbeiten.

13.45 Uhr Begrüßungen
(Moderator Prof. Doeben-Henisch, Sprecher ForschungsCampus FC3 & Informatik Cluster Fb2 Prof. Schäfer, Dekan Fb2 Prof. Morkramer, Vizepräsident Wissenschaft Infrastruktur Forschungstransfer der Frankfurt University of Applied Sciences Prof. Schrader)

Begrüssung und Moderation von Prof.Dr.Gerd Doeben-Henisch

Begrüssung und Moderation von Prof.Dr.Gerd Doeben-Henisch

Prof.Doeben-Henisch bei der Begrüßung. Es war die erste Veranstaltung dieser Art für die Informatik an der Hochschule. So war es sehr erfreulich, dass so viele sich aktiv und engagiert bei dieser Veranstaltung beteiligt haben.

Sehr persönliche Grußworte vom Dekan des Fb2 Prof. Achim Morkramer

Sehr persönliche Grußworte vom Dekan des Fb2 Prof. Achim Morkramer

Prof. Morkramer,  der Dekan des Fb2, verstand es, am Beispiel seiner eigenen Familie lebendig werden zu lassen, wie schnell die Computer innerhalb von zwei  Generationen aus dem Nichts aufstiegen und heute alles durchdringen. Erst jetzt beginnen wir Menschen scheinbar zu begreifen, welche große Folgen dies für uns alle haben kann, nicht nur positiv, sondern auch negativ.

Grussworte mit einer Vision: Vizepräsident für Infrastruktur, Weiterbildung  und Forschung, Prof.Dr. Ulrich Schrader

Grussworte mit einer Vision: Vizepräsident für Infrastruktur, Weiterbildung und Forschung, Prof.Dr. Ulrich Schrader

Der Vizepräsident für Weiterbildung, Infrastruktur und Forschung, Prof. Dr. Schrader, griff sich aus den vielfältigen Entwicklungen jenen Bereich heraus, der ihn selbst besonders betrifft, den Bereich neuer Unterrichtstechnologien. So wunderbar diese neue Welt auch erscheint, er machte darauf aufmerksam, dass der Aufwand für eine volle Nutzung dieser neuen technologischen Möglichkeiten, von einer einzelnen Hochschule kaum gestemmt werden kann. Er wagte einen visionären Ausblick dahingehend, ob nicht Hochschule, Behörden und Wirtschaft zusammen ein ‚Leuchtturmprojekt‘ gemeinsamer neuer digitaler interaktiver Lernräume stemmen sollten. Eine Frage, die noch immer weiterhallt, auch nach der Veranstaltung.

14.00 Uhr Geist zum Nulltarif? Philosophische Aspekte zur Herkunft und zur Zukunft der Informatik. Vortrag und Diskussion
(Prof. Dr. phil. Dipl. theol G. Doeben-Henisch)

Eine Folie aus dem Vortrag von Prof. Doeben-Henisch

Eine Folie aus dem Vortrag von Prof. Doeben-Henisch

Unter dem Titel ‚Geist zum Nulltarif‘ ordnete Prof. Doeben-Henisch   den Menschen mit seiner ‚Geistigkeit‘ ein in die Ideengeschichte (‚Geist‘ in der antiken griechischen Philosophie, hier verankert im Phänomen des ‚Atmens‘ (Verb: ‚pneo‘) erweitert zum Lebensprinzip (Substantiv ‚pneuma‘)) und in die Evolution des Lebendigen (‚Geist‘ als eine inhärente Eigenschaft des Biologischen selbst). Die strukturellen Übereinstimmungen zwischen dem Prinzip Computer und biologischen Zellen bis hin zum Gehirn lassen heute nicht erkennen, warum der Computer den Menschen in seinen Fähigkeiten nicht übertreffen können sollte. Die – besonders in den USA – vertretene Hypothese von der kommenden ‚technologischen Singularität‘ geht schon ganz selbstverständlich davon aus, dass die Tage der Menschen gezählt sind; die ‚intelligenten Maschinen‘ werden ‚übernehmen’…

15.00 Uhr Informatik und Gesellschaft Soziologische und kulturanthropologische Aspekte der neuen Informationstechnologien. Vortrag und Diskussion
(Prof. Dr. habil. Dipl. soz. Manfred Faßler)

Reflexion im Vollzug: Prof.Dr.habil Manfred Fassler (Goethe Universität)

Reflexion im Vollzug: Prof.Dr.habil Manfred Fassler (Goethe Universität)

Dass diese ‚Anpassbarkeit‘ des Computers an gesellschaftliche Abläufe und psychischen Bedürfnissen massive Rückwirkungen auf das Verhalten der Menschen und viele soziale Strukturen hat, thematisierte Prof. Fassler. Er identifizierte in den beobachtbaren Veränderungen einen großen Forschungsbedarf: wie können wir verhindern, dass die Menschen zu bloßen ‚Anhängsel‘ eines einzigen großen kybernetischen Systems werden, das  einer ’smarten Humanität‘ zuwider läuft? Und in der Tat, der Reflexionsbedarf der heutigen Informatik gerade mit Blick auf Soziologie und Kulturanthropologie ist drängend; wo aber sind die zugehörigen Forschungsgruppen und Forschungsprogramme?

16.00 Uhr Pause Computermediated Sound/Images 2
(Philip Reul & Markus Härtel)

Momentaufnahme von der Performance Haertel-Reul

Momentaufnahme von der Performance Haertel-Reul

Die wunderbaren Bilder von Härtel/ Reul, die auf der digitalen Verarbeitung von analogen Prozessen in verschiedenen Flüssigkeiten beruhten, ließen in der ersten Pause  dann etwas Leichtigkeit aufblitzen, einen Hauch von Schönheit. Zu erwähnen ist, dass Philip Reul auch Absolvent des Bachelor-Studiengangs Informatik der Hochschule ist sowie des interdisziplinären Masterstudiengangs ‚Barrierefreie Systeme‘ (BaSys).

visualexploration-8nov2014

visualexploration-8nov2014 von Härtel & Reul

16.30 Uhr Verkehr von morgen. Total umsorgt, total verkauft? Über Uber, Überwachung, und die neue Mobilität. Vortrag und Diskussion
(Prof. Dr. Jörg Schäfer)

Klar und direkt: Prof.Dr. Jörg Schäfer zur Missachtung der Privatsphäre

Klar und direkt: Prof.Dr. Jörg Schäfer zur Missachtung der Privatsphäre

Prof. Schäfer demonstrierte dann am Beispiel der Mauterfassung, wie das vorhandene Knowhow der Informatik von der Politik nicht genutzt wird, um  die Privatsphäre bei der Mauterfassung zu wahren. Stattdessen wird direkt auf die Privatheit zugegriffen. Am Beispiel des neuen  Fahrgastvermittlungssystem Uber illustrierte Schäfer, wie einige wenige Kapitalgeber mit einer einfachen, billigen Software weltweit hohe Vermittlungsgebühren einziehen können, ohne juristische Verantwortung für das Fahrgastgeschäft selbst zu übernehmen. Er fragte, warum die Bürger dies nicht selbst organisieren, z.B. mit einer  ‚genossenschaftlichen Bürgerplattform‘. Noch weiter gedacht: warum sollten Studierende, Professoren und Bürger nicht solch eine Genossenschaft gründen?

17.30 Uhr Robot-Fabriken. Erhöhung der Produktivität; wo bleibt die Arbeit? Vortrag und Diskussion
( Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke)

Konnte begeistern: Prof.Dr. Oliver Schocke (Fb3) zur Notwendigkeit der Automatisierung

Konnte begeistern: Prof.Dr. Oliver Schocke (Fb3) zur Notwendigkeit der Automatisierung

Das Thema ‚Automatisierung‘ bzw. ‚Roboter-Fabriken‘ ist in der Öffentlichkeit wegen unterstelltem Arbeitsplatzverlust schon mit Vorbehalten verhaftet. Prof. Schocke verstand es aber, in einem sehr engagierten Vortrag zunächst einmal die Notwenigkeit einer Produktivitätssteigerung durch weiter automatisierte Fabriken zu klären. Der internationale Konkurrenzdruck zwingt Deutschland, hier an vorderster Stelle mit zu halten. Allerdings zeigte die lebhafte Diskussion, dass damit das Problem der oft zitierten Arbeitsplatzvernichtung möglicherweise noch nicht völlig beantwortet ist. In der Diskussion wurde klar, dass hier alle betroffenen gesellschaftlichen Kräfte herausgefordert sind nach Lösungen zu suchen. den Unternehmen alleine kann man dies nicht anlasten.

18.30 Uhr Pause Computermediated Sound/Images 3
(acrylnimbus)

Tobias Schmitt nach seiner Performance im Gespräch mit einer Teilnehmerin

Tobias Schmitt nach seiner Performance im Gespräch mit einer Teilnehmerin

Tobias Schmitt, ehemaliger Absolvent der Informatik – noch mit dem klassischen Diplom –, der zugleich seit gut 20 Jahren auch experimentelle Musik produziert, komponiert, performed, zeigte ein eigens Kunstvideo parallel zu einem eigenen Soundtrack, den er live spielte.

19.30 Uhr Video Slam zum Thema Informatik und Gesellschaft (Länge eines Videos maximal 7-Min, künstlerisch oder wissenschaftlich, Publikumspreise für die zwei besten Beiträge)

 Video--Slam Preisverleihung: Wie man sieht, herrschte eine gute Stimmung. Von links nach rechts: die Professoren Schäfer und Doeben-Henisch mit den Preisträgern Siegfried Kärcher und Tom Pluemmer

Video–Slam Preisverleihung: Wie man sieht, herrschte eine gute Stimmung. Von links nach rechts: die Professoren Schäfer und Doeben-Henisch mit den Preisträgern Siegfried Kärcher und Tom Pluemmer

Obgleich die Vorlaufzeit für den Videowettbewerb vergleichsweise sehr kurz war hatte es Einsendungen gegeben und es war möglich, den vom Förderkreis der Hochschule gestifteten Preis an zwei Preisträger zu überreichen. Sowohl Siegfried Härtel wie auch Tom Pluemmer sind profiliert Kunstschaffende. Während Tom Pluemmer seinen Schwerpunkt im Bereich Film hat, hat Siegfried Kärcher in seinem Leben schon eine ganze Bandbreite von künstlerische Aktivitäten aufzuweisen. Darin kommt eine intensive Auseinandersetzung mit Computern in ihren vielschichtigen Einsatzmöglichkeiten ebenso vor wie Lichttechnik, Sounddesign und Videokunst, um nur einiges zu nennen.

Das Cafe1 während der Pausen - Essen, Trinken, Kommunizieren

Das Cafe1 während der Pausen – Essen, Trinken, Kommunizieren

21.30-23.00 Uhr Ausgangsereignis Computermediated Sound/Images 4
(Werkstattgespräch mit den Künstlern; Digital Jam-Session)

Digitale Jam-Session: Tobias Schmitt und Guido May nach dem Video-Slam

Digitale Jam-Session: Tobias Schmitt und Guido May nach dem Video-Slam

Hier eine Momentaufnahme von der inspirierenden Improvisation Tobias Schmitt & Guido May. Leider viel zu kurz …

Weitere Berichte, Kommentare können möglicherweise noch folgen. Insbesondere sollen noch Links auf die beiden prämierten Videos folgen.

Eine erste Nachreflexion von cagent zur Tagungfindet sich HIER.

Einen Überblick über alle Einträge in diesem Blog nach Titeln findet sich HIER.

KULTURELLE AUTOIMMUNREAKTIONEN? oder: KONTROLLWAHN UND DIE ANGST UM SICH SELBST


(Unter twitter bei ‚cagentartist‘))

1) Treffen die Überlegungen im Blogeintrag ‚EMERGING MIND – Mögliche Konsequenzen‘ zu, dann befinden wir uns im Jahr 2013 an einem Punkt der Entwicklung des Geistes auf der Erde, der einen sich andeutenden umfassenden kulturellen Umbruch markiert.
2) In der Geschichte des Lebens auf der Erde gab es viele solcher Umbruchzonen, wobei der Begriff ‚Umbruchzone‘ nicht unproblematisch ist; schließlich ist jeder Abschnitt in der bisherigen Entwicklung letztlich eine Umbruchphase. Es scheint aber so zu sein, dass man Phasen unterscheiden kann, in denen aus Sicht der Beteiligten anscheinend ‚Weniger‘ oder gar ‚Nichts‘ geschieht gegenüber solchen, wo die Umbrüche durch real stattfindenden Veränderungen offensichtlicher zu sein scheinen.
3) Beispiele für global sichtbar werdende Strukturumbrüche waren die zuvor genannten ’neuen Strukturen S‘, die sich zum Vorausgehenden deutlich abhoben (Von der Anfangs-Energie zu den Quanten, von den Quanten zu den Atomen, …., von den einzelnen Zellen zu organisierten Zellverbänden, … die Sesshaftwerdung mit Ackerbau und Stadtbildung, ….. Motorisierung des Verkehrs, …. Gemeinsame Datenräume durch das Internet….).
4) Neben diesen Änderungen, die sich in realen Strukturänderungen widerspiegeln, gab es aber auch Änderungen, die sich in den semiotischen Räumen, in den deutenden ‚Weltbildern‘ abspielten, die nicht minder ‚real‘ und ‚wirksam‘ waren. So führte das Aufkommen experimenteller und formaler Methoden in der Renaissance nicht nur zu neuen Detailansichten, nein, es entstanden neue Zusammenhänge, neue Deutungsmuster, die sich zu einem kognitiven, wissensmäßigen Gegensatz zu den bisherigen Deutungsmustern aufbauten, weltanschauliche Konflikte hervorriefen, die die damals Mächtigen (die katholische Kirche) meinten, mit ‚Gewalt‘ kontrollieren und unterdrücken zu müssen. Galilei als ein Repräsentant dieser neuen Gedankenwelt sollte sich verleugnen, sollte abschwören, doch ca. 100 Jahre später waren diese neuen, gefährlich erscheinenden Gedanken in vielfältiger Weise in die Öffentlichkeit vorgedrungen. Die Erde bewegt sich um die Sonne und das Weltall ist erheblich größer, als sich jeder zuvor vorstellen konnte.
5) Weitere Umbrüche in der Deutung der Welt folgten (geologisch die Erde als Teil eines größeren Veränderungsprozesses, die biologische Evolution, das Gehirn als Organ des Fühlens und Denkens abhängig von physikalisch-chemischen Prozessen, die alltägliche Wirklichkeit als Artefakt unseres Denkens verglichen mit den zugrunde liegenden molekularen, atomaren, quantenhaften Strukturen, usw.). Allerdings scheint es so zu sein, dass die Ausbildungsprozesse mit der Explosion dieses Wissens über die Welt und uns selbst immer weniger Schritt halten können. In der Alltagswelt heute durchdringen zwar immer mehr technische Produkte als Konsequenz des erweiterten Denkens unseren Lebensraum, aber man hat nicht den Eindruck, dass im gemeinsamen öffentlichen Denken dieses Wissen tatsächlich ‚angekommen‘ ist.
6) Während digital gespeichertes Wissen sich – zumindest im Prinzip – beliebig schnell in beliebigen Mengen überall hin kopieren lässt, sich rasant schnell nahezu beliebigen formalen Operationen unterziehen lässt, haben die menschlichen biologischen Gehirne eine ihnen eingeborene eigene Langsamkeit, Trägheit, Begrenztheit, die dem Entstehen und dem Verwandeln von Wissen im einzelnen einen natürlichen Widerstand entgegen setzen. Was immer ein Individuum A in einer Generation G(t) schon alles erkannt und gedacht haben mag, ein Individuum B aus Generation G(t’>t) weiß dies alles nicht, es sei denn, er durchläuft ähnliche mühsame Lernprozesse. Solche Lernprozesse sind aber nicht notwendig, nicht zwingend, verlaufen nicht automatisch, und sind in ihren möglichen Inhalten nicht wirklich voraussagbar: keine Lernumgebung kann sicher stellen, dass die Inhalte, die die Lernorganisatoren intendieren, auch tatsächlich so in einem lernenden Individuum ‚entstehen‘.
7) Es ist von daher nicht erstaunlich, dass in einer Gesellschaft mit immer ‚mehr‘ und immer ‚komplexeren‘ Wissen immer weniger Menschen in der Lage sind, das bereits schon zuvor errungene Wissen für sich selbst erneut ‚wieder zu entdecken‘ und ‚für sich nutzbar‘ zu machen. Historisch bekannt ist der Untergang der griechischen Denkwelt samt ihren Schriften, der in Europa dann gut 1000 Jahre zu einer ‚Verdunklung‘ des Wissens geführt hatte. Erst über den Umweg vom Griechischen zum Arabischen (das damals das Wissen der Welt in sich aufsog) und dann wieder ins Lateinischen kam das ‚Licht der Erkenntnis‘ wieder nach Mitteleuropa. Ein langwieriger Übersetzungs- und Lernprozess, der nur durch den Aufbau eines neuen Ausbildungssystems (Schulen, erste Universitäten, Abschreiben, Kopieren und Übersetzen vieler Schriften…) über viele Jahrhunderte den Wissensstand von vorher ‚rekonstruierte‘ und durch diese aktive Rekonstruktion dann auch weiter entwickelte.
8) Wir leben heute in einer Welt von bizarren Wissensgegensätzen: während wir einerseits über einen Wissensschatz verfügen, der differenzierter und größer ist als jemals zuvor, erleben wir zugleich, dass viele Menschen, die meisten (?), sich in ihrem Wissen fragmentiert erleben, unvollständig oder, noch schlimmer, dass sie heute Weltbilder pflegen und für wahr halten, die 1000, 2000 Jahre alt sind, die mehrfach widerlegt wurden, aber die sie benutzen, als ob es die aktuellen Wahrheiten sind. Dies betrifft nicht nur solche Menschen, die aufgrund ihrer Lebensumstände keine oder fast keine Ausbildung genießen konnten, sondern sogar solche die Abitur haben, die studiert haben, ja sogar solche, die einen Doktortitel erworben haben. Unsere Wissenslandschaft ist mittlerweile so komplex und zerklüftet, dass Menschen mit Doktortiteln auftreten können und den letzten ‚Unsinn‘ erzählen, ohne dass ihnen bewusst ist, dass dem so ist.
9) In dieser Situation macht es keinen Sinn, die einzelnen dafür haftbar zu machen (obgleich natürlich schon jeder bis zu einem gewissen Grad Verantwortung für sein eigenes Denken trägt), sondern man muss den Kontext berücksichtigen, innerhalb dessen jemand heute Denken kann bzw. muss. Aus Sicht einer modernen Lerntheorie scheint es so zu sein, dass die Rahmenbedingungen für ein individuelles Lernen schwieriger denn je sind. Die Vielfalt der Methoden und die ungeheure Fülle an Fakten sind von einem einzelnen biologischen Gehirn nicht mehr bewältigbar. Eine Situation, die ich vor vielen Jahren schon mal als ’negative Komplexität‘ bezeichnet hatte: Komplexität, die da ist, die aber von uns nicht mehr hinreichend verarbeitet werden kann.
10) In einer solchen Situation wird es für alle Entscheidungsträger – insbesondere auch politisch Verantwortliche – immer schwieriger, das ‚Richtige‘ zu tun. Die Angst, dass alles aus dem Ruder läuft, außer Kontrolle gerät, ist real. Die Versuchung, durch immer mehr ‚Kontrollen‘ dieser ‚Unübersichtlichkeit‘ Herr zu werden ist real gegeben, wird immer stärker. Bedenkt man nun, dass diejenigen Menschen, die in höhere Verwaltungs- und Entscheidungspositionen drängen, tendenziell eher egozentriert sind, machthungrig, ’nicht zimperlich‘, es mit der Wahrheit eher nicht so genau nehmen, usw., dann erstaunt es nicht, zu sehen, wie heute weltweit in immer mehr Staaten die führenden Politiker autokratische Züge entwickeln, Meinungsfreiheit mehr und mehr unterdrücken, Technik dazu benutzen, immer mehr Datenströme und Lebenszuckungen der Menschen zu kontrollieren, einfache (in der Regel falsche) Weltbilder favorisieren, sich auch in sogenannten demokratischen Gesellschaften die Mächtigen von ‚den anderen‘ durch immer mehr Pseudoprivilegien abzusondern trachten, sich die alten absolutistischen Klassen von ‚früher‘ neu bilden.
11) Diese Phänomene stehen in seltsamem Kontrast zur tatsächlichen globalen Entwicklung des Lebens. Sie repräsentieren ‚Rückfälle‘, eine Art von ‚Verweigerung der Zukunft‘, sind ‚Reflexe‘ des ‚alten‘ Menschen vor der anrückenden Zukunft, die von jedem einzelnen Menschen und dann von den Gemeinschaften mehr verlangt als jeder einzelne bislang gewohnt ist, zu geben. Ob diese Reflexe stärker sind als das Neue, ob der Prozess des Lebens auf der Erde durch diese Anti-Reflexe zum Scheitern kommt, ist offen. Die ungeheure Wucht des bisherigen Lebens-Prozesses im Universum und auf der Erde kann den Verdacht nähren, dass die immanenten Faktoren dieses Prozesses stärker sind als die Abwehrreflexe eines Stadiums von Leben, das zu überschreiten ist. Wirklich wissen tut es vermutlich niemand, wie auch.
12) Vom individuellen biologischen Körper kennen wir nicht nur das Immunsystem, das auf geradezu fantastische Weise praktisch in jeder Sekunde gewaltige Abwehrschlachten gegen Millionen und Milliarden von Mikroorganismen führt. Wir haben gelernt, dass dieses Immunsystem sich auch irren kann; dann fängt es an, körpereigene Zellen zu bekämpfen, eine sogenannte Autoimmunreaktion. Wenn man sich den Lebensprozess auf der Erde anschaut, wie sich tatsächlich weltweit momentan in fast allen Ländern die politisch Verantwortlichen gegen den Trend stellen, dann drängt sich unwillkürlich das Bild einer globalen kulturellen Autoimmunreaktion auf: die Verantwortlichen, die für das Wohl ihrer jeweiligen Gesellschaften verantwortlich sind, wenden sich gegen ihre eigenen Gesellschaften, indem sie sich selbst zu ernst nehmen und das kreative Potential der jüngeren Generation mehr oder weniger mit Füssen treten (was nicht heißt, dass es auch viele Jüngere gibt, die sich totalitären Weltbildern zugewandt haben, die nicht besser sind; woher sollen sie es auch wissen?).
13) In diesem Kontext spielen die sogenannten ‚Offenbarungsreligionen‘ (die bekanntesten sind das Judentum, das Christentum, und der Islam) eine zwielichtige Rolle. Insofern sie alle einen ‚heißen Kern‘ haben der auf einen allumfassenden Schöpfergott ausgerichtet ist, haben sie prinzipiell einen ‚Anschluss‘ an den Lebensprozess im Universum; insofern sie aber diesen heißen Kern mit allzu viel historischen Zufälligkeiten, allzu zeitgebundenem Menschlichen aus ihren Entstehungszeiten um diesen Kern herum gesponnen haben, ist die immanente Sprengkraft eines universalen Gottesbildes weitgehend ‚abgedunkelt‘ worden durch Dinge, die irreführend oder falsch sind und die in der Vergangenheit allzu oft für persönliche Machtspielchen missbraucht wurden. Die Unwissenheit von Menschen für persönliche Machtinteressen zu instrumentalisieren ist eines der größten Verbrechen, das ein Mensch begehen kann (ein Gedanke, der sich u.a. im Neuen Testament der Christen findet; dort wird es Jesus von Nazareth als Aussage zugeschrieben (viele der heutigen Zeitungen, Radiostationen und Fernsehsender mit ihren Verantwortlichen haben in dieser Hinsicht möglicherweise schlechte Karten….)).

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NOTIZ: WARUM WIR SIND WER WIR SIND UND WAS DAS BEDEUTET

1) Nach unserem heutigen Wissensstand beginnt die Existenz des Körpers eines Exemplars des homo sapiens sapiens auf der heutigen Erde durch die Befruchtung einer bestimmten Zelle im Körper einer Frau durch eine bestimmte Zelle aus dem Körper eines Mannes. Eine von 10 Billionen (10^12) Zellen wird befruchtet, und – unter bestimmten Randbedingungen – beginnt diese Zelle dann zu ‚wachsen‘, d.h. es beginnt ein Teilungs- und Vervielfältigungsprozess, der im Laufe von Monaten und dann Jahren von dieser einen befruchteten Zelle zu einem Körper führt, der ca. 10 Billionen (10^12) Zellen umfassen wird, darin eingebettet ca. eine Billionen (10^12) Bakterien im Körper und etwa die gleiche Zahl auf der Oberfläche des Körpers.
2) Diese Zellen leben nicht ewig sondern werden innerhalb von Tagen/ Wochen/ Monaten – je nachdem, welche Funktion diese Zellen im Körper innehaben – immer wieder durch neue Zellen ersetzt. Der Körper als Körper bleibt gleich, aber seine Bestandteile, die Zellen, werden kontinuierlich ‚ausgetauscht‘, ‚ersetzt‘.
3) Hier gäbe es sehr viele interessante Dinge zu betrachten. Unter anderem stellt sich die Frage, wie diese ca. 10 Billionen Zellen ‚wissen‘ können, was sie jeweils ‚zu tun haben‘; wie kommt es überhaupt zu dieser ‚Selbstorganisation‘ der vielen Zellen aufgegliedert nach unterschiedlichen ‚Körperorganen‘ mit ganz unterschiedlichen, schwindelerregend komplexen Funktionen?
4) In Megastädten mit 20-30 Millionen – oder mehr – Einwohnern wissen wir, dass dies nur funktioniert, weil alle Bewohner bestimmte ‚Regeln‘ einhalten, die zuvor vereinbart worden sind (ausdrücklich oder ’stillschweigend‘). Dabei weiß normalerweise ein einzelner Bewohner nur einen kleinen ‚Teil‘ vom gesamten Räderwerk; es gibt unterschiedliche Verwaltungsebenen, unterschiedliche Arten von Institutionen, unterschiedlichste Rollen…
5) Die ‚Kultur der Städte‘ hat sich über viele tausend Jahre entwickelt, weil alle Beteiligten ‚gelernt‘ haben, was man wie tun kann; weil man dieses Wissen ‚weitergegeben‘ hat, ‚weiterentwickelt‘. Und jeder neue Bewohner muss ‚lernen‘, was er in einer Megastadt zu tun hat.
6) Der menschliche Körper hat ca. 50.000 mal mehr Zellen als eine 20 Mio Stadt. Woher aber wissen die einzelnen Zellen im Körper was sie jeweils zu tun haben? Vor allem, woher wissen sie, wie sie all diese unfassbar komplexen Funktionen in der Leber, in der Niere, in der Lunge, im Gehirn, im Blutsystem mit dem eingebetteten Immunsystem usw. ‚organisieren‘ sollen? Sobald die befruchteten Zelle ihr ‚Wachstum‘ beginnt, wissen alle beteiligten Zellen, ‚was zu tun‘ ist. Woher?
7) Die Biologie hat komplexe Antworten auf diese schwierigen Fragen erarbeitet. Im Kern läuft es darauf hinaus, dass sowohl die Struktureigenschaften wie auch das ‚Verhalten‘ einer einzelnen Zelle in ‚Abstimmung mit ihrer jeweiligen Umgebung‘ vom Zellkern, dem ‚Genom‘ gesteuert wird, einem Molekül, das als ‚Informationsträger‘ dient. Alle Details dieser Informationsverarbeitung sind zwar noch nicht bekannt, wohl aber der grundsätzliche Sachverhalt als solcher und einige wenige Teilprozesse.
8) Damit verlagert sich die Frage nach dem erstaunlichen ‚Wissen einer Zelle‘ auf die der ‚Entstehung dieses Wissens‘ im Genom. Und hier laufen alle bisherigen Antworten darauf hinaus, dass sich das ‚Wissen im Genom‘ samt der zugehörigen ‚Wissensverarbeitungsstrukturen‘ offensichtlich in einem speziellen Lernprozess entwickelt hat, den wir ‚chemische Evolution‘ nennen gefolgt von der ‚biologischen‘ Evolution (geschätzte Dauer ca. 4 Mrd Jahre vor heute bis ca. 200.000 Jahre vor heute (dem geschätzten ersten Auftreten des homo sapiens sapiens in Afrika).
9) Irgendwann in den letzten 200.000 Jahren begann dann das, was wir ‚kulturelle Evolution‘ nennen können. Ein Prozess der sich zusehends zu ‚beschleunigen‘ scheint, wenngleich die aktuelle körperliche Verfasstheit des Menschen aktuelle ‚Begrenztheiten‘ erkennen lässt, die sowohl durch die wachsende Komplexität wie auch durch die Beschleunigung ’sichtbar werden‘.
10) Wenn man all dies weiß, dann ist die Frage, wo und wie man zu einem bestimmten Zeitpunkt t ‚geboren‘ wird, abhängig von der Frage, was dieser Geburt vorausging: die Auswanderung unserer ‚Vorfahren‘ aus Afrika von ca. 60-70 Tsd Jahren, ihre Ausbreitung nach Asien, Europa, Nord- und Südamerika, ihre unterschiedlichen Entwicklungen, Entdeckung von Handwerk, Sesshaftwerdung, Städtebau, usw. Irgendwann gab es nahezu ‚überall auf dieser Erde‘ Lebewesen der Art homo sapiens sapiens; irgendwann wurden bestimmte Zellen in den Körpern von Frauen überall auf dieser Erde ‚befruchtet‘ und begannen ihr Wachstum. Irgendwann gab es die Zelle, aus der jeder von uns hervorging, gesteuert von dem gleichen unfassbar komplexen Programm, das sich im menschlichen Genom im Laufe von 4 Mrd Jahren ‚angereichert‘ hat.
11) Jeder von uns ist von daher das Ergebnis einer unfassbaren Geschichte des Lebens auf dieser Erde. WO jeder von uns geboren wurde ist von daher – betrachtet man alle Menschen gleichzeitig – in gewisser Weise ‚zufällig‘; zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 der Erdgeschichte kann man nicht voraussagen, welcher Mann sich mit welcher Frau paaren wird und ob daraus eine Zelle hervorgehen wird, die zu einem Zeitpunkt t1>t0 dann zu ‚wachsen‘ beginnt. Sicher ist nur, wenn es zu solch einem neuen Wachstumsprozess einer Zelle kommt, dann nur deshalb, weil es zu einem Zeitpunkt t0 irgendwo eine Frau und einen Mann gab, die dies tun konnten und auch taten.
12) Mit Fortschreiten der Technologie wird man menschliche Zellen auch ohne die Körper ausgewachsener Frauen und Männer zum Wachstum bewegen können, mehr noch, man wird versuchen, die körperlichen Strukturen von Menschen durch gezielte Eingriffe zu verändern. Die aktuellen Wertvorstellungen verurteilen ein solches Vorgehen. Aber die aktuellen Wertvorstellungen (zu denen auch religiöse Vorstellungen gehören) sind ja auch ‚geworden‘, ein Ergebnis der ‚kulturellen Evolution‘; es ist wenig wahrscheinlich, dass die aktuellen Wertvorstellungen ‚ewig‘ bestehen; im Lichte neuer Erfahrungen und neuer Erkenntnisse werden sie sich ändern. Die Zeit wird kommen, dass der Mensch sich an der Veränderung genetischer Baupläne versuchen wird (unter dem Schlagwort ‚Gentechnologie‘ geschieht des ja schon im großen Stil im Bereich Pflanzen (und Tiere)). Hier werden unausweichlich ‚Fehler‘ gemacht werden; es ist nicht auszuschließen, dass diese ‚irreversibel‘ sind.
13) Das Problem ist dabei nicht in erster Linie die Gentechnologie als solche, sondern ihre wachsende ‚Monopolisierung‘ in wenigen globalen Firmen, die die ’natürlichen‘ Gene ‚ausrotten‘, um so kurzfristig lokal ihre Gewinne zu maximieren. Mit Hilfe von massiver Lobbyarbeit werden hier von wenigen global ‚Rechte‘ geschaffen, die – aufs Ganze gesehen – ein ‚Un-Recht‘ etablieren, das – würde es ungebremst sich weiter entwickeln können – in relativ kurzer Zeit das gesamte Leben ernsthaft bedrohen würde.
14) Der ‚Missbrauch‘ von Gentechnologie ist aber zu unterscheiden von der Gentechnologie selbst. Die Gentechnologie als solche erscheint vor dem Hintergrund der Gesamtentwicklung als ’natürliche Weiterentwicklung‘ der Evolution, als ’notwendig‘, und damit auch die Herausforderung, unser Wertesystem entsprechend weiter zu entwickeln. Zu verhindern ist die Monopolisierung und der Missbrauch von Gentechnologie.
15) Anders betrachtet, würden wir unser aktuelles Wertesystem ‚einfrieren‘ wollen indem wir ‚Denkverbote‘ aufstellen, dann würden wir genauso schnell einen ‚Untergang‘ heraufbeschwören, da der Lebensprozeß auf dieser Erde samt der Erde und ihrer kosmologischen Umgebung hochdynamisch ist (siehe auch unten). Eine ’statische‘ Ethik in einer ‚dynamischen‘ Umgebung ist ein Widerspruch in sich).
16) Der Verweis auf die chemische, die biologische und die kulturelle Evolution erklärt zwar ein wenig, WIE wir entstanden sind, lässt aber letztlich noch offen, WARUM es uns gibt, WER wir damit letztlich sind, WAS das alles zu bedeuten hat?
17) Bei all dem sollte klar sein, dass das Geschlecht (Mann, Frau, diverse genetisch bedingte Mischstrukturen), die Nationalität, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe – und was wir Menschen im Laufe der Zeit sonst noch an sekundären Eigenschaften erfunden haben – keine substantielle Rolle spielen dürfen, wollen wir uns in der Zukunft ‚bewähren‘.
18) Das Leben auf der Erde gibt es nur, weil das Leben es bislang verstanden hat, alle diese Strukturen und Verhaltensweisen zu ‚belohnen‘, die sich den ‚Gegebenheiten der Erde‘ ‚angepaßt‘ haben, die sie ‚geschickt genutzt‘ haben.
19) Da u.a. die Sonne in unserem Sonnensystem in ca. 1 Mrd Jahren das Leben auf der Erde unmöglich machen wird, wird es darauf ankommen, dass das Leben, zu dem wir gehören, ‚lernt‘, sich nicht nur den Eigenschaften der Erde anzupassen, sondern mindestens die nächsten Galaxien einbeziehen muss. Dann gibt es eine kleine ‚Verschnaufspause‘ von ca. 3-4 Mrd Jahren bis die Andromeda Galaxie mit unserer Milchstraßen-Galaxie ‚verschmelzen‘ wird; ein Prozess, dessen Dauer auf ca. 1 Mrd Jahre geschätzt wird.
20) Das tägliche Hickhack um lokale Ressourcen, nationalen Animositäten, Firmenegoismen, Machtgelüsten weniger, religiösen Absolutheitsansprüchen, usw. das unseren Alltag durchzieht und zu dominieren scheint, ist auf jeden Fall nicht geeignet, die Lernprozesse in Gang zu setzen, die ‚zukunftsorientiert‘ sind. Persönlicher Ruhm Macht, Reichtum, Totale Wahrheitsansprüche,… all dies repräsentiert ein Wertesystem, das wenig geeignet ist, das zu unterstützen, was wir tatsächlich brauchen. Aber da das ‚Neue‘ seinem Wesen nach ‚radikal neu‘ ist, weiß man vorher nie genau, wann und wie das Neue sich Bahn brechen wird. In der Regel wird es sich an vielen verschiedenen Stellen mehr oder weniger zeitgleich ‚zeigen‘, ‚zu Worte‘ kommen, ‚getan werden‘. ‚Gewinnen‘ werden die, die es zuerst gesellschaftlich umsetzen können. Lassen wir uns überraschen.

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