Buch: Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab? – Kapitel 3

!!! Dieses Kapitel wurde als Teil des Buches vorläufig wieder gestrichen !!!

VORBEMERKUNG: Der folgende Text ist ein Vorabdruck zu dem Buch Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab?, das im November 2015 erscheinen soll

Formen des Bösen

Im 20.Jahrhundert gebar der homo sapiens in den vielen Kriegen und Demoziden Gestalten des Bösen von unfassbarer Dunkelheit. Zugleich entsprangen seinem Gehirn Bilder, Visionen, und auch institutionelle Ansätze, eines besseren Lebens für alle Menschen, wie es sie in dieser Form und in diesem Ausmaß zuvor noch nie gegeben hatte. Wie ist so etwas möglich? Wie ist dieses möglich angesichts der Tatsache, dass wir in den nachfolgenden 15 Jahren des 21.Jahrhunderts den Eindruck haben können, dass die Hervorbringung des Grausamen bei gleichzeitigen Anzeichen eines ‚menschlicheren‘ Lebens sich fortzusetzen scheint?

Zombies und so

In den Kinos, vor dem Fernseher — oder dem Videobildschirm — gibt es Gattungen von Filmen, die sich konstant großer Beliebtheit erfreuen: Katastrophen- und Horrorfilme.

Man sieht erst ein wenig Alltag, wie man ihn kennt; Menschen wie Du und ich, Familien, Kinder, die Mitgefühl erregen.

Dann bricht etwas Furchtbares herein: aggressive Tiere bedrohen das Leben von Menschen, jene, die man sympathisch findet. Gefährliche Krankheitserreger breiten sich aus und töten Menschen. Oder, viel interessanter, infiziert Menschen töten nicht, sie greifen andere Menschen an und verwandeln diese in furchterregende Wesen, in Monster, die keine Menschen mehr sind, sondern fremdgesteuerte Wesen, die äußerlich nur noch aussehen wie Menschen.

Wenn diese Katastrophen endzeitlich-apokalyptische Ausmaße annehmen, dann tritt — zumindest in US-Amerikanischen Filmen — unweigerlich das Militär auf den Plan. Wenn überall das Leben zerbricht, das öffentliche Leben, der Verkehr im Chaos versinkt, dann erscheint das Militär als letzte Bastion der Ordnung, als letzte Zuflucht. Hier gibt es noch Oben und Unten, hier gibt es noch einen Rest an Wahrheit, hier sammeln sich die Glücklichen, die Auserwählten.

Die Erlösung naht in Form von etwas Materiellem: die Biologie der entarteten Wesen zeigt eine Schwachstelle, man findet ein Gegenmittel, der Spuk kommt zum Stillstand. Alles ist wieder gut.

In diesen Szenarien ist das ‚Böse‘ etwas konkret Fassbares, etwas Materielles. Materielles kann man im Prinzip kontrollieren. Ein endlich Böses ist besiegbar.

Die Anderen von nebenan

Das andere Drehbuch des Grauens spielt vorzugsweise in der Realität.

Soweit das geschichtliche Auge schauen kann findet sich das bizarre Phänomen, dass Menschen im ‚anderen Menschen‘ nicht nur den Freund gesehen haben, sondern auch, sehr oft, manchmal überraschend spontan, das ‚Fremde‘, das ‚Angstauslösende‘, das ‚Bedrohliche‘, den ‚Feind‘.

Der ‚Andere‘ kann in diesem Drehbuch praktisch von jedem gespielt werden: in einer Ansiedlung können es die ‚Zugezogenen‘ sein, die ‚Jenseits des Flusses‘, die ‚im Nebental‘; eine andere Sprache, eine andere Haarfarbe oder andere Hautfarbe können zum Unterscheidungsmerkmal werden; andere Sitten, andere religiöse Rituale … es muss nur irgendwie anders sein, etwas , woran man einen Unterschied festmachen kann.

Gibt es den anderen, ist er die ideale Projektionsfläche für alle Arten von Ängsten, Vorurteilen und Aggressionen. Grausamkeiten, Tötungen, Kriege leben von diesem Anderen. ‚Die da‘ ärgern uns, schränken uns ein, bedrohen uns; sie müssen weg. …

Dieses Böse im Anderen ist nur vordergründig materiell. Tatsächlich ist das Böse hier vielfach eine Projektion unserer Ängste auf die anderen gepaart mit Unwissenheit. Dieses Böse kann nicht sterben, solange unsere Ängste nicht sterben, solange wir in der Unwissenheit verharren.

Verdeckt und Unsichtbar

Wenn wir gegen wilde Tiere in den Krieg ziehen, gegen Monstermenschen und den furchtbaren Anderen, die unser Leben bedrohen, spielt die Frage nach dem ‚Warum‘ gewöhnlich keine Rolle. Das ‚Böse‘ ist für uns, die wir von Ängsten eingehüllt sind, so augenscheinlich, so greifbar, dass sich eine Diskussion zu erübrigen scheint.

Aus der Geschichte der Justizirrtümer sind zahllose Beispiele bekannt, wonach Verurteilte im Nachhinein als Unschuldige erkannt werden konnten. Eine sehr gründliche Untersuchung aus neuester Zeit im Umfeld der Todesurteile in den USA deckte auf, dass mindestens 4% der zum Tode Verurteilten zu Unrecht zum Tode verurteilt sind. Tatsächlich kann der Anteil deutlich höher sein. Dies ist erschreckend.

Nicht weniger erschreckend sind die Zahlen, die das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) in seinem Krankenhaus-Report 2014 mit dem Titel Wege zu mehr Patientensicherheit in der Pressekonferenz vom 21. Januar 2014 in Berlin vorlegte. Danach muss man von ca. 1% Behandlungsfehlern ausgehen, was 2011 ca. 188.000 Menschen betraf, und von ca. 0.1% tödlichen Fehlern, was ca. 18.800 Menschen betraf. Nach Prof. Dr. Max Geraedts sind dies etwa fünfmal so viel Tote wie im Straßenverkehr.

Das ‚Böse‘, was sich hier auswirkt, ist nicht das, was man direkt sieht oder greifen kann, sondern das, was man nicht sieht, weil man es erst gar nicht tut, das Nicht-Augenscheinliche, das im falschen Verhalten der Krankenhausteams gründet, wegen Unwissenheit oder Überlastung oder … Diese Form des Bösen wird nicht aussterben, so lange diese Krankenhausteams sich als Team nicht kritischer selbst betrachten, sich als Team nicht gemeinsam verbessern.

Im Auge des Betrachters

Etwas nicht zu sehen, etwas zu übersehen, oder es ganz anders zu sehen als es tatsächlich ist, dies sind Phänomene, die uns zum Thema Wahrnehmung führen.

Von der visuellen Wahrnehmung wissen wir, dass jedes einzelne Auge (linkes Auge, rechtes Auge) aufgrund seiner Bauweise einen sogenannten Blinden Fleck aufweist. Dies bedeutet, dass jedes Auge für sich einen bestimmten Bereich in seinem Sehfeld nicht abbilden kann; er ist quasi unsichtbar. Dass wir dennoch keine ‚Löcher‘ sehen, liegt daran, dass der blinde Fleck in jedem Auge in einem anderen Bereich des Sehfeldes liegt. Das linke Auge sieht dort etwas, wo das rechte Auge seinen blinden Fleck hat, und umgekehrt. Dass aus beiden Einzelbildern ein Gesamtbild ohne Flecken wird, das ist dann der Beitrag des Gehirns; dieses rechnet beide Bilder zu einem Bild zusammen.

Direkter erfahrbar ist diese erstaunliche Kompositionsleistung des Gehirns, wenn man sich eines der vielen Bücher zur PEP-Art nimmt, in denen nach der P.E.P.S.I.P-Methode (Periodic Pattern Stereo IllusionPicture) zweidimensionale Bilder so abgedruckt sind, dass man beim Betrachten mit dem bloßen Auge plötzlich dreidimensionale Bilder sehen kann (Quelle: PEP-ART. 3-D-Bilder der neuen Art, Südwest Verlag GmbH & Co.KG, München, 1994, ISBN 3-517-01632-2. Vgl. dazu auch den Eintrag Stereoskopie in der deutschen Wikipedia.).

Schlägt man ein beliebiges Bild aus solch einem Buch mit stereoskopischen Bildern auf, dann sieht man zunächst nur zweidimensionale Figuren auf einem Blatt. Fixiert man das Bild auf die richtige Weise, verwandelt sich das Bild ‚im Auge des Betrachters‘ plötzlich zu einem dreidimensionalen Bild, in dem dreidimensionale Objekte sichtbar werden, die man im zweidimensionalen Bild noch nicht sehen kann. Es ist nicht das gedruckte Bild im Buch, das sich ändert, sondern die Verarbeitung des Bildes im Gehirn. Das Gehirn ist dafür ausgelegt, die zweidimensionalen Informationen auf der Netzhaut in dreidimensionale Strukturen umzurechnen.

Unser Gehirn lässt uns also ganz realistisch Objekte und Räume in einer räumlichen Struktur sehen, die es ‚draußen in der Außenwelt‘ gar nicht gibt.

Analog kann man auch im Bereich des Hörens Phänomene entdecken, bei denen wir subjektiv einen realistischen Eindruck haben, die aber Eigenleistungen unseres Gehirns darstellen und denen nichts in der Außenwelt korrespondiert . Am bekanntesten ist wohl der Stereoeffekt, bei dem wir hören können, wie ein Ton im Raum hin- und herwandert, obgleich wir im einfachsten Fall nur zwei Lautsprecher haben, die fest an ihrem Ort stehen. Für viele — leidvoll — bekannt ist der Tinnitus-Effekt: Menschen hören in ihrem Ohr Töne, z.T. sehr laut, denen aber außerhalb des Ohres nichts entspricht; wieder eine Eigenleistung des Gehirns.

Die Liste von Beispielen der sogenannten Sinnestäuschungen könne man noch erheblich verlängern. Die Grundbotschaft ist die, dass unsere sinnliche Wahrnehmung der Außenwelt keine 1-zu-1 Abbildung ist und dass sie durchgehend auf einer Aktivität unseres Gehirns beruht, das dabei sehr wohl auch eigene Wege geht. Es lässt uns Dinge wahrnehmen, die es so als sinnliches Ereignis gar nicht gibt, die sich im Zusammenhang aber oft als nützlich erwiesen haben.

Das ‚wirkliche‘ Bild des Bösen wahrzunehmen, ist schon in der sinnlichen Wahrnehmung keine Selbstverständlichkeit. Die Dominanz unseres Gehirns in der Berechnung der Wirklichkeit ist immer da; unser Gehirn erzählt uns permanent eine Geschichte von einer Welt ‚da draußen‘, weil es besorgt ist, uns einen ’sinnvollen Gesamteindruck‘ zu vermitteln. Unser Gehirn trägt ‚in sich‘ ein Konzept von ‚Sinn‘, bevor wir darüber nachdenken können, was ’sinnvoll‘ ist. Und wer zweifelt schon an seinem eigenen Gehirn?

Chemischer Handlungsdruck

Hunger

Wir alle kennen das ungegenständliche, gleichwohl deutlich spürbare Gefühl von ‚Hunger‘. Ab einem bestimmten Punkt kann es uns unruhig machen, kann es uns in Bewegung setzen, um etwas zum Essen zu finden. Hält dieser Zustand länger an, wird er zum Begleiter über Tage oder gar Wochen, beginnt er die Existenz zu bedrohen; der Handlungsdruck kann übermächtig werden; man wird alles tun, um etwas zum Essen zu finden.

In glücklichen Fällen trifft man auf andere Menschen, die einem helfen, die ihr Essen mit uns teilen; der mögliche Beginn einer Freundschaft. Doch wenn diese andere Menschen nicht ans Teilen denken, wenn Sie uns Hungrige verstoßen, dann kann aus solcher einer Situation ein Konflikt entstehen: wir sind dann die Anderen, die Fremden, die Bedrohlichen, die man bekämpfen muss, und wir selbst werden — möglicherweise — zu Kämpfern für unsere eigene Existenz. Für uns sind dann die ‚Besitzenden‘ die Anderen, die Fremden, die, die man angreifen darf.

Tödliches Verhalten entsteht dann aus einer Bedürfnissituation von Menschen, die aus ihrem Innern aufsteigt, die als innerer Konflikt gefühlt wird, der die eigene Existenz bedroht.

Für die, die von uns angegriffen werden, werden wir zu den ‚Bösen‘, die ihr Leben bedrohen. Wir selbst sehen uns im Recht, da wir unser Leben erhalten wollen. Das ‚Böse‘ der anderen ist für uns das ‚Gute‘. Das Böse wie das Gute wohnt im Lebensnotwendigen; es entspringt der Art, wie Leben für uns funktioniert, wie es sich uns im Körpergefühl mitteilt.

Durst

Die Verfügbarkeit von Süßwasser bzw. das Fehlen von diesem wird seit Jahren von immer mehr Organisationen dokumentiert. Der Mangel ist schon heute sehr groß und eine Quelle von deutlichen Menschenrechtsverletzungen und von großen potentiellen Konflikten

Die Bedrohung des Lebens für die einen, kann zur Bedrohung des Lebens für die anderen werden, wenn sie nicht freundschaftlich teilen. Die wechselseitige Anerkennung der Existenz verbindet, gibt Kraft für eine gemeinsame Zukunft.

Drogen

Während Hunger und Durst zurückgehen auf Stoffwechselprozesse des Körpers, die für die Lebenserhaltung wichtig sind, kann der Mensch durch Zufuhr von unterschiedlichen Drogen im Körper einen chemischen Kreislauf in Gang setzen, der sich bis zu einem gewissen Grade verselbständigen kann. Wir sprechen dann von Sucht: der/ die Betroffene hat dann ‚in sich‘ einen chemischen Prozess ‚geboren‘, der immer neu nach ‚Nachschub‘ verlangt, nach bestimmten chemischen Stoffen, die das ‚innere Verlangen‘ stillen sollen. Wie wir wissen, führt dies bei vielen Drogen körperlich zu einer voranschreitenden Zerstörung, psychisch zu einer Abhängigkeit und sozial zu immer mehr Ausfällen in normalen Abläufen, zu Ausgrenzungen und zu Stigmatisierungen. Ohne Hilfe von außen ist ein einzelner meist kaum in der Lage, diesen chemischen Kreislauf in sich zu stoppen. Der Handlungsdruck ist so groß, dass es zur sogenannten Beschaffungskriminalität kommt oder zu Menschen erniedrigenden Abhängigkeiten. Der Zerfall, das Böse, das als Existenz zerstörend im Verhalten Ausdruck findet, ist nicht ‚in der Welt‘ verursacht, sondern ‚im Menschen selbst‘, in der Art und Weise, wie seine inneren chemischen Prozesse aus dem Gleichgewicht geraten sind.

In der Sucht verliert der Mensch die Kontrolle über die chemischen Prozesse in sich. In der Sucht zeigt sich die innere Chemie des Körpers als ein ‚wildes Tier‘, als ein ‚inneres Monster‘, das einen Menschen von innen steuert, ihn zu einem ‚Zombie‘ macht, ihn von innen auffrisst.

Sexualität

Ein anderer ‚innerer Faktor‘ ist die Sexualität. So wie Hunger und Durst angeborene Bedürfnisstrukturen sind, die sich im Verhalten auswirken, so ist auch die Sexualität eine angeborene Verhaltensstruktur, die im Normalfall kaum zu übersehen und für viele kaum zu unterdrücken ist. In der angeborenen Sexualität manifestiert sich die ‚Strategie des Lebens‘ für das ‚Überleben‘ durch variierende Reproduktion. Die Auslegung als komplementäre Verhaltensweisen in einem genetisch markierten weiblichen und männlichen Menschen sollte die genetische Variabilität unterstützen, und führte zu einer asymmetrischen Spezialisierung: nur die weiblichen Menschen können einen Embryo austragen.

Die Sexualität realisiert sich über chemische Prozesse, die das Verhalten beeinflussen können. Ausgelöst werden sie einerseits intern über periodische chemische Prozesse oder über externe ‚Auslöser‘, die über die Wahrnehmung zum Gehirn gelangen und dann chemische Prozesse auslösen kann. Die interne Ausschüttung von speziellen chemischen Molekülen (Hormone) kann – speziell bei Männern — zu einem als sehr stark erlebtem Handlungsdruck führen.

In den vergangenen Jahrtausenden haben die verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Verhaltensregeln ausgeprägt, innerhalb deren Menschen ihre Sexualität ’sozial verträglich‘ ausleben sollen. Unterm Strich entsteht der Eindruck, dass in von männlichen Menschen dominierten Gesellschaften die Privilegien einseitig auf Seiten der männlichen Menschen lagen bzw. auch heute noch liegen. Dies bedeutet, dass viele Gesellschaften ein Handlungsgefüge zeigen, das aufgrund des chemischen Faktors der Sexualität die weiblichen Menschen vielfach unterdrückt, benachteiligt, erniedrigt, verachtet, quält und damit auch eine Form von ‚Bosheit‘ in diese Welt hinein trägt. Statt über die inneren Ursachen eines solchen Verhaltens zu reden, wird über den inneren Faktor Sexualität geschwiegen und im Verhalten ‚Böses‘ gelebt. Noch heute gibt es Gesellschaften, in denen sich (junge) männliche Menschen über Gewalt, Machtausübung und der Vergewaltigung von weiblichen Menschen definieren ( Siehe einige Blogeinträge dazu unter cognitiveagent.org).

Auch hier finden wir das Muster, dass eine im Innern des Menschen chemisch erzeugte Verhaltenstendenz, die subjektiv als Verhaltensdruck empfunden wird, bei dem, der den Druck abbaut, als ‚gut‘ empfunden wird. Bei dem, an dem dieser Verhaltensdruck gewaltsam und darin verachtend ausgelebt wird, wird solch ein Verhalten als ‚böse‘ empfunden. Ein von der Sexualität ohne Kontrolle angetriebener Mensch (genetisch bedingt meist ein männlicher Mensch) erscheint dann phasenweise wie ein ‚Zombie‘, der alles niederreißt und darin für andere eine Form des ‚Bösen‘ verkörpert.

Fortsetzung mit Kapitel 4

Einen Überblick über alle Blogbeiträge des Autors cagent nach Titeln findet sich HIER.

SEXUALITÄT – REKONSTRUKTION – DER GEIST BEGINNT DURCHZUSCHIMMERN oder: Memo zur Philosophiewerkstatt vom 10.Mai 2014

TERMIN: die nächste Philosophiewerkstatt findet am Sa, 14.Juni 2014, 19:00h im Gewölbekeller des Confetti statt (letzte Philosophiewerkstatt vor der Sommerpause)

PRÄLUDIUM

1. Der Tag war bewölkt, regnerisch, kühl, und dann an einem Samstagabend sich aufzuraffen … aber das Confetti-Gewölbe empfing alle angenehm warm, in einer Mischung aus Atelier, Kleinkunstbühne und Wohnzimmer.

2. Da ich es geschafft hatte, meine Materialien nicht richtig abzuspeichern, waren sie irgendwie weg und es verlief trotzdem sehr spannend ….

3. Nach der üblichen Begrüßung und kurzen Einstimmung auf die gemeinsame Suche nach der Wahrheit haben wir uns zunächst das ‚Soundgemälde‘ angehört, das ich von den Tonaufnahmen der spontanen Wortspielen zum Schluss der letzten Sitzung gemacht hatte. Ich habe dem Stück spontan den Titel Die Wucht der einzelnen Momente gegeben. Es entstand – wie gesagt – zunächst als relativ schlechte Aufnahme von mehreren spontanen Äußerungen im Rahmen der Philosophiewerkstatt vom 12.April 2014. Ich hatte dann einzelne Momente aus diesen Aufnahmen extrahiert (dabei gab es Probleme mit der SW; es funktionierte nicht so wie im Handbuch beschrieben). Stoppte dann auch bald mit dem Extrahieren, da dies eine riesige Aufgabe ist; habe dann mit den Fragmenten herumgespielt, die ich hatte. Auffallend war, wie rhythmisch diese Stimmschnipsel wirkten. Ich habe dann ein Mosaik von solchen Stimmschnipseln erstellt, einzelne Worte oder Wortteile, in Wiederholung, wie in einem Gespräch; das Ganze umrahmt von etwas Orgel (mit viel Hall) und einem Streichbass. Es ist jetzt wie es ist. Wenn man die Personen kennt, die zu den Stimmen gehören, dann sind diese Personen in diesen Stimmen ‚wie sie wirklich sind‘; selbst im Fragment leuchtet das ‚Ganze‘ durch…

5. Die Reaktion auf dieses ‚Klangbild‘ war überraschend positiv.

SEXUALITÄT ALS SUBJEKTIVES PHÄNOMEN

Vom 'Bewusstsein' zu 'Modellen', die helfen, die Einzelphänomene zu deuten

Vom ‚Bewusstsein‘ zu ‚Modellen‘, die helfen, die Einzelphänomene zu deuten

6. Entsprechend der aktuellen Diskussion benutze ich das Schema Bewusstsein – Nichtbewusstsein (mit individuellem Unterbewusstsein) als roten Faden bei der Analyse des Phänomens ‚Sexualität‘.

7. Der primäre Ausgangspunkt für alle Menschen ist ihr eigenes subjektives Erleben, ihr individuelles Bewusstsein, mit dem sie sich als Kind und junger Mensch vorfinden, das sich im Laufe des Lebens weiterentwickeln kann. Zum Einstieg sprachen wir kurz über das folgende Bild, das ich für einen früheren Blogeintrag mal entwickelt hatte.

Augen der Begierde 1

Augen der Begierde 1

8. Im subjektiven Erleben zeigt sich neben vielem anderen auch die ‚Sexualität‘ in verschiedenen Gefühlsäußerungen, Spannungen, Erregungen, Ekstasen, Abfall von Erregungen, …. ein breites Spektrum. Das Ganze aber eingeflochten in die unterschiedlichen individuellen Situationsgeflechte, mit anderen Menschen. Diese anderen Menschen können nah – fern sein, können freundlich – unfreundlich – gewalttätig sein, anerkennend oder verachtend, liebevoll oder gemein, kalt; zustimmend oder ablehnend; positiv oder negativ Angst machend. Die individuelle Sexualität wird also immer verflochten sein mit all diesem und so wird jeder sein individuelles Bild haben.

9. Solange man im individuellen Erleben verharrt, erlebt man zwar all dieses, aber oft, meistens, wird man nicht verstehen, warum dies so passiert. Warum hat man diese Bedürfnisse, Spannungen, Erregungen, usw.? Warum hat man sie so? Muss das so sein? Auch wenn man nicht will, können sexuell bezogene Bwusstseinszustände auftreten, eintreten, stattfinden; sie haben eine gewisse ‚Autonomie‘ unserem Wollen gegenüber; sie sind unserer Subjektivität gegenüber ein ‚Etwas‘, oder ein ‚Es‘, wie Freud es mal sagte. Es ist zwar ‚Teil von uns‘, aber aus Sicht des individuellen Erlebens ist es ’selbständig‘, ‚fremd‘, kann ‚bedrohlich‘ wirken, wenn man es nicht ‚im Einklang mt geltenden gesellschaftlichen Normen‘ auflösen kann; es kann punktuell schön und berauschend wirken, wenn es gelingt.

10. Eine Teilnehmerin M.S-J. zeigte ein weiteres Bild, das sie zum Thema Sexualität gemalt hatte und wir sprachen darüber.

SOZIALE ROLLEN, DEUTUNGEN, NORMEN

11. Solange es keine moderne empirische Wissenschaft gab, waren die Menschen dem Phänomen ausgeliefert, so wie einem ‚Naturereignis‘, einer ‚Naturgewalt‘, und sie haben von Anfang an versucht, sich mit dem Phänomen zu arrangieren. In allen Kulturen, zu allen Zeiten finden sich ‚Rollenzuweisungen‘, was eine Frau bzw. was ein Mann zu tun hat, Verhaltensregeln in sozialen Gruppen mit z.T. drastischen Sanktionen, wenn man die Regeln nicht einhält. Von Anfang an gab es neben den ’schönen‘ Aspekten von Sexualität immer auch viel Aggressivität und Gewalt von Seiten der Männer gegenüber Frauen.

12. In den beiden Blogbeiträgen SEXARBEITERiNNEN – SIND WIR WEITER? und SEXARBEITERiNNEN – Teil 2 – GESCHICHTE UND GEGENWART habe ich von einigen Beispielen aus der Gegenwart und er Geschichte berichtet; Auffällig ist, dass die Verbindung von Sexualität und Gewalt von Männern gegenüber Frauen dominant ist. Hier nur zur Erinnerung: Aus dem ersten Weltkrieg gibt es Berichte, dass Zwangsprostitution im großen Stil durch die Regierung eingeführt werden musste, um die Gesundheit, Kampfkraft und Moral der Soldaten zu erhalten. Aus dem zweiten Weltkrieg und aus vielen lokalen Kriegen wird dies ebenfalls berichtet. Vergewaltigungen gehören fast überall dazu. Selbst in den deutschen KZs wurden Bordelle eingerichtet, um die Arbeitsleistung zu steigern, und die Frauen, die darin arbeiten mussten, waren KZ-Insassinnen gewesen, die dazu zwangsverpflichtet worden sind. Nach offiziellen Zahlen des US-Militärs kam es allein im Jahr 2010 zu rund 20.000 Vergewaltigungen von Soldatinnen innerhalb des US-Militärs. Schätzungen gehen von eine viel höheren Dunkelziffer aus,da das Militär sein eigener Richter ist, d.h. die Täter sind hier z.T. die Richter. Das ZDF berichtete im Rahmen einer Heute-Sendung (siehe: Vergewaltigungen in Kenia (im Rahmen des Oberthemas ‘Gewalt gegen Frauen’) von Kenia, wonach jede dritte Frau in ihrem Leben mindestens einmal vergewaltigt worden ist. Im Rahmen der großen europäischen Auswanderungswelle in der Zeit 1850 – 1930 nach Süd- und Nordamerika (65 Millionen Europäer) wurden viele junge Frauen gegen ihren Willen über entsprechende Schlepperbanden in die Bordelle Südamerikas (besonders in Buenos Aires) vermittelt; der größte Anteil sind junge jüdische Frauen, weil deren Situation in den osteuropäischen Ländern und Russland aufgrund von Diskriminierung und wirtschaftlicher Not katastrophal war. Das Schema einer Verschleppung von jungen Frauen durch Vorspielung falscher Tatsachen, findet sich heute in Europa, insbesondere Deutschland, wieder. Viele zehntausend junge Frauen werden aus anderen Ländern unter Vortäuschung falscher Tatsachen nach Deutschland gelockt und dort zur Zwangsprostitution vermittelt. Während junge Frauen in Thailand aus freien Stücken in Bordellen arbeiten können (als einem Beruf neben anderen), sind die Frauen in Bangladesch aufgrund ihrer gesellschaftlichen Lage dazu quasi verurteilt. Sie haben praktisch keine andere Wahl. usw.

13. Interessant wäre hier eine ausführlich Analyse der verschiedenen Deutungen und Normensysteme, mit denen Gesellschaften auf das Phänomen Sexualität reagiert haben, speziell auch die Religionen wie Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam. Eine ‚Erklärung‘ hat keine der großen Religionen geliefert (was ihnen zu ihren Zeiten auch nicht möglich war). Sie haben letztlich das Phänomen ‚benannt‘ und sie haben es mit ‚Bewertungen‘ versehen und einigen ‚Verhaltensregeln‘. Die Grundrichtung geht dahin, Sexualität als Bedürfnis, Trieb und sexuelle Handlungen möglichst zu ‚kanalisieren‘: Ausübung nur in einer gesellschaftlich regulierten Form des Zusammenlebens (‚Ehe‘) mit minimalen Pflichten der Beteiligten bei eindeutiger Bevorzugung des Mannes und Benachteiligung der Frauen (entsprechend den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen). Ausübung von Sexualität außerhalb der ‚regulierten Verhältnisse‘ wurde stark negativ gesehen und wurde massiv sanktioniert (schwere Sünde, Ausschluss aus der Gemeinschaft, bis hin zu Steinigung und Todesstrafe). Andere Formen der Sexualität als zwischen Mann und Frau wurden grundsätzlich als widernatürlich ausgeschlossen. Die Radikalität dieser Verhaltensregeln kann man eventuell als Gradmesser sehen für die ‚Stärke des Sexualtriebs‘, zumindest in der Wahrnehmung dieser alten Gesellschaften. Auffällig ist aber die Asymmetrie in der Bewertung und Sanktionierung. Bei Übertretungen wird in der Regel weniger der Mann als Täter bestraft, sondern die Frau als ‚Auslöser‘ für die Tat des Mannes. Diese Tradition findet heute in vielen islamischen Ländern noch ihre Fortsetzung in der frauenfeindlichen Tradition, dass nicht die Männer bestraft werden, wenn sie Frauen vergewaltigt haben, sondern die Frauen werden geächtet und ausgeschlossen oder gar zusätzlich bestraft (Afghanistan, Bangladesch, Indien, Irak, …). Eine Verantwortung der Männer wird quasi von vornherein ausgeschlossen.

WISSENSCHAFTLICHE REKONSTRUKTION

14. Seit dem Aufkommen der modernen empirischen Wissenschaften, insbesondere seit den großen Fortschritten in der Physik, Chemie, Molekularbiologie, Biologie, Neurowissenschaften und Psychologie – um nur die wichtigsten zu nennen – wurde es möglich, die Frage nach dem Woher, Wie und Warum des subjektiven Erlebens mehr und mehr aufzuhellen. Zwar gibt es noch genügend viele ungeklärte Fragen, was aber die Sexualität angeht, so konnte man dort vieles klären (siehe auch den Blogbeitrag BEWUSSTSEIN – NICHTBEWUSSTSEIN AM BEISPIEL VON SEXUALITÄT UND GESCHLECHT). So wissen wir seit den letzten ca. 50 Jahren (! Leben gibt es seit mindestens ca. 3.8 Milliarden Jahren auf der Erde!), dass es das menschliche Genom ist, ein Molekül, das als Informationsspeicher die Anleitung für die Konstruktion möglicher Körper liefert. Diese Körper haben Strukturen, zu denen geschlechtsspezifische Sexualorgane gehören, die über das Gehirn gesteuert werden. Das Gehirn wiederum reagiert auf Körperzustände und auf Signale aus der Außenwelt und kann dadurch unterschiedliche Erregungszustände im Körper und dann auch im Bewusstsein auslösen. Dies geschieht ‚automatisch‘.

15. Die Wissenschaft weiß mittlerweile, dass der einzelne durch sein Verhalten und sein ‚Denken‘ auf diese körperbedingten Abläufe bis zum gewissen Grad einwirken kann, das genaue Ausmaß, die Stärke dieser Einwirkung, und die möglichen Randbedingungen sind noch nicht endgültig geklärt.

16. Was die Wissenschaft aber klären konnte, ist, dass der Weg vom Informationsspeicher Genom bis zum endgültigen Körper mit seinem Gehirn sehr komplex ist und die Ausformung von geschlechtsspezifischen Organen und das zugehörige Verhalten nicht vollständig deterministisch ist. Zunächst gilt, dass die männlichen geschlechtsspezifischen Merkmal die sind, die im Nachhinein (!) eingeführt werden. Das sogenannte ‚Weibliche‘ ist der normale Grundzustand, und dieser wird bedingt durch die Steuerung durch spezielle Hormone (= Moleküle) geringfügig abgeändert, so dass dann die männlichen Sexualorgane und die spezifischen männlichen Gehirnstrukturen entstehen. Kommt es bei diesem Prozess zu Störungen (die bei solchen komplexen Prozessen unausweichlich sind), dann können diese sehr vielfältig sein (zwar sind die Sexualorgane vielleicht da, aber die Gehirnstrukturen stimmen nicht oder sie sind zwar da aber die steuernden Hormone funktionieren anders oder oder oder).

17. Für Menschen, die sich selbst und die Umwelt zunächst über ihr individuelles Erleben kennen lernen, können solche ‚Störungen‘ erheblich irritierend sein; speziell dann, wenn die Umgebung darauf negativ, ausgrenzend, verächtlich, aggressiv reagiert. Der/ die Betreffende kann ja nichts dafür, das der biologische Entwicklungsprozess bei ihm ‚kreativ‘ war. Die moderne Medizin kann solche Entwicklungsvariationen immer besser erkennen und kann z.T. durch chirurgische eingriffe oder durch entsprechende Hormonpräparate hier ‚gestaltend‘ eingreifen. Nur, solche wissenschaftliche ‚Gestaltungsmöglichkeiten‘ nützen dem einzelnen nur dann etwas, wenn die ‚Öffentlichkeit‘, d.h. alle anderen Mitmenschen, sich klar machen, dass Abweichungen von der statistischen Mehrheit nichts ‚Böses‘ sind, sondern Variationen unserer biologischen Struktur, die systemimmanent sind.

18. Bezüglich der heute immer mehr um sich greifenden Verhaltensweise von ‚gleichgeschlechtlichen‘ Partnerschaften konnte die Wissenschaft zwar einerseits feststellen, dass sich bei solche Menschen Änderungen in der Biochemie der Gehirne finden, man konnte aber nicht eindeutig klären, ob dies nun von den Genen her ‚erzwungen‘ ist oder ob diese Veränderungen schlicht und einfach durch ein verändertes Verhalten induziert wurden.

19. Sollten die neuesten Erkenntnisse einer verhaltensinduzierten Variabilität stimmen, wirft dies ein zusätzliches Licht auf die menschliche Sexualität: sie ist nicht nur im Rahmen der Embryogenese und Ontogenese genetisch gerichtet, sondern sie ist auch verhaltens- (und damit umwelt-) bedingt modifizierbar.

20. Befreit man sich von den unsachlichen Denkverboten der alten Religionen, dann kann man diese Sachverhalte auch so deuten, dass es ein Stück unsere ‚Verantwortung‘ ist, immer wieder neu zu klären, wie wir als Menschheit in der Zukunft leben wollen bzw. sollten. Seit hundert Jahren verzeichnet die menschliche Gesellschaft Veränderungen in der Lebensform, die es so vorher noch nie gegeben hat. viele der biologisch vorprogrammierten Verhaltensweisen (einschliesslich der Sexualität) passen immer schlechter oder sind sogar störend und gefährlich. D.h. der Gang der Dinge erzwingt von uns Kurskorrekturen, Anpassungen. Darüber muss man offen reden, müssen wir uns Austauschen. es geht nicht um irgendwelche ‚Lust‘, es geht um das gemeinsame Leben in einer möglichst gemeinsamen Zukunft.

PHILOSOPHISCHES UND THEOLOGISCHES

21. Neben der Perspektive des individuellen Erlebens in einem individuellen (alternden, durch Verletzungen oder genetisch bedingt verändertem) Körper und der sozialen Dimension des Miteinanders durch Rollenzuweisungen gibt es auch noch die evolutionäre Dimension des ‚Werdens‘ des Lebens auf der Erde.

22. Der Kern des evolutionären Prozesses besteht aus dem Wechselspiel zwischen den Informationsspeichern und den daraus resultierenden Körpern. Die Veränderung der Informationsspeicher geschieht in der Regel über Austauschprozesse, wobei es natürlicherweise zu ‚Veränderungen‘ (‚Mutationen‘) kommt. Dieser Veränderungsprozess ist lokal und als solcher ‚blind‘ für den Kontext und eine mögliche Zukunft. Es ist wie ein gigantischer Würfelprozess, bei dem ein Teil der resultierenden Körper ganz gut ‚zurecht kommt‘, ein kleiner Teil ‚weniger gut‘ bis ‚gar nicht‘, und ein anderer kleiner Teil ‚gut‘ bis ’sehr gut‘. Auf diese Weise hat es ca. 3.8 Mrd Jahre von den ersten biologischen Zellen bis zum homo sapiens sapiens gebraucht.

23. Zwar kann man praktisch bei allen Tieren irgendwelche Formen von Intelligenz konstatieren, aber nur beim homo sapiens sapiens können wir bislang solche Formen von Intelligenz feststellen, die zu komplexen Theorien geführt haben, mit Hilfe von Theorien zu Technologien und komplex organisierten Regelsystemen, Abläufen und Megastädten.
24. Die auffälligste Errungenschaft aber ist, dass der homo sapiens sapiens durch seine geistigen Fähigkeiten in der Lage ist, seinen eigenen Körper, seine eigene Herkunft bis auf die Ebene der Moleküle und Atome so zu rekonstruieren, dass er (als Population) in der Lage ist, das ‚blinde Würfeln der Gene‘ mit Hilfe seiner theoretischen Fähigkeiten aktiv zu verändern und damit evtl. zu ‚beschleunigen‘.

25. Dies bedeutet, die ‚belebte Natur‘ in Form des biologischen Lebens auf der Erde hat sich selbst kontinuierlich so ‚umgebaut‘, dass sie jetzt ihre eigene Entstehung ‚lenken‘ kann. Ein ungeheuerlicher Vorgang. Nach insgesamt 13.8 Mrd Jahren seit dem ‚Big Bang‘ hat die Materie des Universums im homo sapiens sapiens eine ‚Form‘, eine ‚Gestalt‘ angenommen, die die Materie in die Lage versetzt, ’sich selbst‘ anzuschauen und ’sich selbst‘ bis zu einem gewissen Grad zu ‚manipulieren‘ (Schimmert hier nicht etwas durch, was wir eher ‚Geist‘ nennen sollen anstatt ‚Materie‘?).

26. Sollte jemand an ‚Gott‘ glauben, dann wird es spätestens jetzt Zeit, sich klar zu machen, dass dies bedeutet, dass dieser ‚Gott‘ ihn auf diese Weise unmittelbar auffordert, am weiteren Gang der Dinge mit zu wirken. In Gestalt des homo sapiens sapiens beginnt das Universum ’sich selbst‘ anzuschauen und versetzt den homo sapiens sapiens in die Lage, ansatzweise am weiteren Gang der Dinge mit zu wirken.

27. Bedenkt man, wie dieser homo sapiens sapiens gerade dabei ist, die Ressourcen dieser Erde nachhaltig zu zerstören, sozusagen seine eigene Lebensgrundlage, und bedenkt man, dass dieser homo sapiens sapiens noch immer ganz schnell bereit ist, andere Menschen zu Feinden zu erklären, dass er statt zu Kooperationen zu Konfrontationen neigt, dass er statt Wahrheit zu kultivieren, sich mit Fantasiegeschichten über die Welt abspeist, dass er statt sich im internationalen Miteinander wechselseitig zu stärken, dazu neigt, die aktuell Schwächeren brutal auszubeuten, usw. … bedenkt man dies alles, dann erscheint es einem auf den ersten Blick grotesk, dass dieser unfähige wilde Geselle homo sapiens sapiens ernsthaft an der substantiellen Gestalt dieses Universums mitwirken soll.

28. Fakt ist, dass der Gesamtprozess genau diese Dramaturgie bietet: der homo sapiens sapiens, also auch wir, wurden in die Lage versetzt, substantiell einzugreifen (was keiner wollte, es liegt im Prozess!) und es sind nicht unsere aktuellen ‚Idiotien‘, die uns daran hindern werden, sondern es ist das ungeheuerliche Potential des Universums, was uns in eine Richtung ‚drückt‘, in der wir die ‚Schatten der Vergangenheit‘ ablegen müssen und von dem egoistischen Hordendenken zu einer globalen Ethik finden müssen, zu einer globalen Gesellschaft, mit einem ‚fortgeschritteneren Körper‘, ermöglicht durch eine weiter entwickelten Genetik.

29. Neben den vielen Hausaufgaben, die dabei zu lösen sind, gibt es eine, die zentral und maximal schwierig ist: woher wollen wir besser wissen als die ‚würfelnden‘ Gene, in welche Richtung die Reise gehen soll?

NACHBEMERKUNG

Dieser kurze Bericht gibt nicht alle Aspekte wieder, die wir diskutiert haben, aber er kann einen groben Eindruck vermitteln, worüber wir gesprochen haben.

Einen Überblick über alle Blogbeiträge nach Titeln findet sich HIER

KEINE ABSOLUTE MORAL?

 

(1) In einem Blogeintrag vom 29.Juni 2011 hatte ich über die spezielle Rolle des Sexualtriebes im Kontext der Evolution nachgedacht. Sieht man von der Romantik ab, mit der wir Menschen in den unterschiedlichen kulturellen Kontexten diesen Trieb ’schön zu reden‘ versuchen, handelt es sich bei diesem Trieb um ein genetisches Erbe, das die männlichen Vertreter der Art homo sapiens erheblich unter Druck setzt und für die weiblichen Vertreter zu allen Zeiten viel Erniedrigung und Gewaltakte mit sich gebracht hat und immer noch mit sich bringt.

 

 

(2) Zu allen Zeiten haben menschliche Gemeinschaften versucht, den ‚Umgang‘ mit der Sexualität zu ‚regeln‘: sowohl in Sorge hinreichend vieler geeigneter Nachkommen als auch zur Bewahrung des ’sozialen Friedens‘. Denn – so scheint es – der Sexualtrieb ist beim Menschen begleitet von einer Vielzahl von Emotionen, Gefühlen, die das Erleben und Verhalten von Menschen stark beeinflussen können wie ‚Körperliche Anziehung/ Erotik‘, ‚Sich Hingezogenfühlen‘, ‚Zuneigung’/ Sympathie‘, ‚Liebe‘, ‚Vertrauen/Treue‘, ‚Besitzen wollen‘, ‚Eitelkeit‘, ‚Machtgier‘, ‚Kontrollbedürfnis‘, ‚Neid‘, ‚Aggression‘, ‚Hass‘, ‚Anerkennungsbedürfnis‘, ‚Stolz‘, ‚Soziale Stellung‘, usw.

 

 

(3) Durch diese emotionalen Konnotationen ist eine sexuelle Beziehung im Normalfall nie nur eine sexuelle Beziehung. Je nach Kontext geht es auch darum, den anderen zu besitzen, ihn zu kontrollieren, ihn zu unterwerfen, ihn zu demütigen, sich zu befriedigen, oder, im Kontrast dazu, um Vertrautheit zu erleben, um Nähe zu spüren, um Anerkennung zu finden, um Gleichklang zu erleben, um Treue zu praktizieren (und darin zu erfahren), um soziale Anerkennung zu finden, um Kinder ‚zu haben‘, usw.

 

(4) Wie die Anthropologie uns lehrt, waren die Formen sexueller Beziehungen zu den unterschiedlichen Zeiten und an den unterschiedlichen Orten dieser Welt in Abhängigkeit von den jeweils herrschenden kulturellen Zusammenhängen sehr unterschiedlich. Eine einzige kurze und einfache Regel kann solch einen komplexen Zusammenhang niemals hinreichend beschreiben. Von daher ist ein schlichter Satz wie ‚Du sollst nicht die Ehe brechen‘ isoliert betrachtet nahezu bedeutungslos. Ohne Bezug zur jeweiligen Zeit, zur Region, zu jener Volksgruppe, die sich in einem bestimmten Kontext mit dieser Regel ‚etwas sagen wollte‘, kann man nicht verstehen, was solch eine Regel ’sagen will‘.

 

 

(5) Die Nutzung von sprachlichen Ausdrücken um soziale Verhaltensweisen zu beschreiben, auch im Sinne von Verhaltensgeboten oder – verboten, nimmt normalerweise Bezug auf einen erlebbaren Sachverhalt (z.B. den Sexualtrieb) und beschreibt den möglichen Umgang damit (z.B. wann ihn wer wo und wie ‚ausleben‘ darf oder soll oder eben nicht). In der Regel werden ‚Normen‘ (Gebote oder Verbote) nur formuliert, um entweder vor einem möglichen ‚Schaden‘ zu schützen oder aber um etwas zu unterstützen, was als ‚Gut‘ eingeschätzt wird. Solange es um die Machtinteressen der – auf Kosten aller anderen – Herrschenden geht, ist es nicht notwendig, Normen zu ‚motivieren‘ oder gar zu ‚erklären‘. Normen werden dann einfach aufgestellt und ihre Einhaltung befohlen. Missachtungen werden sanktioniert. Solche unmotivierten – sprich: apodiktischen – Normen können sachlich falsch sein, solange sie aber den Herrschenden nützen, werden sie mit Machtmitteln ‚hochgehalten‘. Eine leicht schwächere Form von apodiktischen Normen sind jene, in denen eine Volksgruppe bzgl. des Umgangs mit sexuellen Beziehungen ihre spezifischen Erfahrungen gemacht hat (die mehr oder weniger alle Erwachsenen kennen) und man sich aufgrund dieser Erfahrungen ‚einigt‘, bestimmte Verhaltensweisen mit einem Gebot oder Verbot zu belegen. Die Regel selbst – wie z.B. ‚Du sollst nicht die Ehe brechen‘ – erscheint völlig apodiktisch, für die Beteiligten gibt es aber einen ‚gewussten‘ – und zumeist ‚tradierten‘ – Zusammenhang, der motiviert/ erklärt, warum diese Regel gelten soll. Geht solch ein Motivationszusammenhang verloren, dann wird aus einer ‚anscheinend‘ apodiktischen Regel eine reale apodiktische Regel.

 

 

(6) Der ‚Wahrheitsgehalt‘ von Normen verbunden mit einer möglichen ‚Sinnhaftigkeit‘ hängt direkt ab von ihrer Verstehbarkeit. Eine Norm, die nicht verstehbar ist, also nicht beziehbar auf konkrete Umstände und den handlungsmäßigen Umgang mit den Umständen, kann nicht ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sein, da kein überprüfbarer Weltbezug vorliegt. Sollte ein Weltbezug aufweisbar sein, dann stellt sich aber immer noch die Frage nach der ‚Sinnhaftigkeit‘: bewirkt man durch ein bestimmtes Verhalten in bestimmten Umständen etwas ‚Gutes‘ oder etwas ‚Schlechtes‘?

 

 

(7) Eine Norm, die einen ‚allgemeinen moralischen‘ Anspruch erhebt, setzt voraus, dass es eine ‚prinzipielle Einsicht‘ in das gibt, was ‚Gut oder Schlecht‘ ist, und zwar für jeden Menschen zu jeder Zeit an jedem Ort. Am Beispiel der Medizin wissen wir, dass das Erkennen von Krankheiten und deren Behandlung stark ‚wissensabhängig‘ war und ist. Solange bestimmte Erkenntnisse über den Körper und die verschiedenen Krankheitserreger nicht verfügbar waren, gab es ‚medizinische Normen‘, die man befolgen sollte, obgleich diese – vom heutigen Kenntnisstand aus – ‚falsch‘ waren. Entsprechendes gilt übertragen auch von der Sexualität. Die Einsichten in die inneren (biologischen und genetischen) Mechanismen der menschlichen Sexualität sind erst kürzlich differenzierter zur Kenntnis gekommen und manche Regeln aus der Vergangenheit (z.B. solche, die die Frau als Frau verteufelt haben, weil sie bei Männern zu Erregungszuständen führen können) sind sachlich verkürzend und bewirken vielfach reales Unheil.

 

 

(8) Nach heutigem Wissensstand müssen wir davon ausgehen, dass jegliche sprachliche Formulierung einer Norm generell wissensabhängig ist und dass es grundsätzlich für individuelle Menschen kein ‚absolutes‘ Wissen gibt. Menschliches Wissen ist immer ‚konkret‘, ‚endlich‘, historisch geworden‘, ’situativ vermittelt‘ und kann sich immer nur ‚relativ zu den verfügbaren Voraussetzungen‘ entwickeln. Trotz dieser fundamentalen Relativität ist es ‚wahrheitsfähig‘, es läßt sich in großen Teilen mit Bezug auf die vorfindliche Umgebung Welt als ‚zutreffened erweisen‘.

 

 

(9) Vor diesem Hintergrund müssen wir festhalten, dass es für Menschen – beim aktuellen Wissensstand — zu keiner Zeit ‚absolute‘ – sprich: apodiktische – Normen geben kann. Kommen sie dennoch vor dann spiegeln sie entweder nicht akzeptable Machtverhältnisse wieder oder eine gefährliche Form von Unwissenheit. In solchen Zusammenhängen das Wort ‚Gott‘ zu bemühen – was in der Geschichte oft geschah – ist eigentlich eine Beleidigung Gottes und sagt weniger etwas über Gott aus als über die Menschen, die ihre Machtinteressen oder ihr mangelndes Wissen mit dem Namen Gottes kaschieren wollen. Das ist eine der schlimmsten Formen von Atheismus und Gotteslästerung, die es geben kann (dass Gott zu einem einzelnen Menschen auf besondere Weise ’sprechen‘ kann, das ist eine Sache, dass ein Mensch über Gott zu anderen Menschen spricht, ist etwas ganz anderes; sofern Letzteres überhaupt geht, wird es niemals in der Form allgemeiner absoluter Gebote gehen. Wer so etwas sagt, weiss nicht, wovon er redet, oder — schlimmer — will es nicht wissen).