OBJEKTIVE WERTE? Diskussion von Stace’s ’Religion and the Modern Mind’ Kap.5, Teil 4

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
2.Juli 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

ÜBERSICHT

In Fortsetzung der vorausgehenden Teile 1   sowie 2  und 3  wird in diesem vierten Teil das Kap.5 von Stace besprochen. Im Kapitel 5 beschreibt Stace die direkten Auswirkungen des neuzeitlichen wissenschaftlichen Weltbildes auf den bisherigen christlichen Gottesglauben. Dazu die verschiedenen Versuche, diesen Gottesglauben gegenüber dem modernen Weltbild zu bewahren samt jenen Argumenten, die das alte Bild des christlichen Gottesglaubens vor dem 18.Jahrhundert zu entkräften versuchen.

KAPITEL 5

Stace (1952) Kap.5 - Gedankenskizze

Stace (1952) Kap.5 – Gedankenskizze

 

Das Christliche Weltbild

Um die allmählich eintretende Wirkung des neuzeitlichen Wissenschaftsbegriffs zu verdeutlichen benutzt Stace eine kompakte Formel (vgl. S.84), um die Gestalt des christlichen Weltbildes zu umreißen:

1) Ein göttliches Wesen hat das Universum erschaffen.

2) Es gibt eine umfassende Absicht im ganzen Universum.

3) Die Welt repräsentiert eine moralische Ordnung.

4) Gott ist den Menschen nah.

Dieses grundsätzliche Bild wurde noch ergänzt um spezielle kosmologische Annahmen wie (vgl. S.83):

1) Die Sonne bewegt sich um die Erde

2) Die Planetenbahnen sind kreisförmig

3) Die Bewegung der Körper kommt mit der Zeit zur Ruhe

4) Eine Anziehungskraft (Gravitation) war nicht bekannt.

Obwohl die speziellen kosmologischen Annahmen nicht direkt aus den christlichen Glaubenssätzen folgten, waren sie zu jener Zeit eine derart starke Verbindung mit dem christlichen Kernglauben eingegangen, dass sie für die damaligen Menschen wie ’natürliche Bestandteile’ des christlichen Glaubens erschienen, deren Infragestellung mit einer Infragestellung des christlichen Glaubens selbst gleichgesetzt werden konnte.

Das Neue wissenschaftliche Weltbild

Mit der Entstehung des neuen wissenschaftlichen Weltbildes (siehe die Besprechung in Teil 3) kam es zunächst zu einer direkten Entgegensetzung von christlichen Annahmen über den Kosmos und dem neuen wissenschaftlichen Weltbild (vgl. S.83):

1) Die Sonne bewegt sich um die Erde < −− > Die Erde bewegt sich um die Sonne.

2) Die Planetenbahnen sind kreisförmig < −− > Die Planetenbahnen sind ellipsenförmig.

3) Die Bewegung der Körper kommt mit der Zeit zur Ruhe < −− > Die Bewegung der Körper setzt sich unverändert fort solange keine zusätzliche Kraft einwirkt.

4) Eine Anziehungskraft (Gravitation) war nicht bekannt. < −− > Neue Gravitationsgesetze.

Diese letztlich nicht-theologischen Erkenntnisse wurde von der Kirche dennoch zunächst als bedrohlich für den Glauben empfunden, als ketzerisch eingestuft und dementsprechend bekämpft. Zugleich provozierten diese Einsichten den Gottesglauben auch der Wissenschaftler und Philosophen. Während Denker wie Newton und Berkeley meinten, den Gottesglauben auf unterschiedliche Weise verteidigen zu müssen, gab es andere Denker wie z.B. Laplace, die versuchten, weitere Argumente zu finden, warum man die Annahme Gottes im Verständnis der natürlichen Welt nicht brauchen würde.

Rettungsversuch Mit Design-Begriff

Eine beliebte Denkfigur (bis in unsere Gegenwart hinein), um die Begrenztheit der naturwissenschaftlichen Erklärungsansätze mit einem expliziten Gottesbegriff für die Natur zu retten, ist der sogenannte Design Ansatz: der Aufweis der großen Komplexität der bedingenden Faktoren sowie die daraus resultierende immense Unwahrscheinlichkeit, dass in solch einer Situation die bekannten Lösungen ’einfach so’ entstehen konnten, wird als Argument dafür benutzt, dass es hinter allem einen planenden, absichtsvollen Geist geben muss, eben einen Schöpfer, den christlichen Gott (vgl. SS.74ff).

Diese Argumentation erweist sich als schwierig und wenig plausibel. Einmal zeigt der Gang der Wissenschaftsgeschichte, dass der Begriff der Komplexität sehr relativ ist: was in einer bestimmten Zeit als ’komplex’ und ’unerklärbar’ erscheint, findet zu anderen Zeiten einfache und elegante Erklärungen. Zum anderen erklären die Designansätze in der Regel zwar die ’schönen’ Fälle, in denen es für die beteiligten Geschöpfe ’gut’ ausgeht, sie könne aber nicht mit den unzähligen Fällen des Scheiterns und des Elends umgehen. Ein Zufalls-basierter Ansatz mag zwar vielfach ’unwahrscheinlich’ erscheinen, aber das Auftreten von Varianten, von Scheitern, von Übel ist im Rahmen einer vom Zufall bestimmten Entwicklung eingeschlossen. (Anmerkung: Im weiteren Gang der modernen Wissenschaften  wurde die Annahme einer Zufalls-basierten Entwicklung um weitere Faktoren ergänzt. So sind bei der Entwicklung von biologischen Systemen begrenzende Faktoren unterschiedlicher Art anzunehmen, die die Zufallsräume deutlich einschränken!)

Rettungsversuch mit Bewusstseins-Ansatz

Einen für seine Zeit sehr originellen Rettungsversuch startete George Berkeley (1685 – 1753) mit seiner Schrift ”A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge” (1910) [1], [2]. Zunächst arbeitete er heraus, dass unser gesamtes aktuelles Weltwissen primär im Bewusstsein stattfindet (was heute die Neurowissenschaften umfassend bestätigen konnten), was Berkeley dann zum Anlass nahm, anzunehmen, dass all das, was man gemeinhin materielle Objekte nennt, aus Sicht des Bewusstseins nicht wirklich existiert. Berkeley leitete aus dieser Situation die Hypothese ab, dass man für die Existenz der materiellen Welt außerhalb des Bewusstseins generell die Hypothese eines Schöpfers benötigt, der all dies bereitstellt und verwaltet.

Die modernen Naturwissenschaften konnten daher nach Berkeley die Existenz Gottes gar nicht in Frage stellen, da sie sich sowieso nur auf die Phänomene des Bewusstseins und ihre impliziten Gesetzen berufen.

Das Problem der Wissensgrenze

Was sich hier am Beispiel des Design-Begriffs oder der neuen Erkenntnistheorie von Berkeley andeutet, das sind Beispiele für das allgemeine Problem, wenn Menschen mit ihrem Wissen W auf Phänomene stoßen, die nicht so recht oder überhaupt nicht mit dem bisherige Wissen W übereinzustimmen scheinen.

In der Tat ist es ein grundlegendes und ungelöstes Problem, was Wissensgrenzen grundsätzlich bedeuten. Im Normalfall benutzt man sein eigenes Wissen W wie eine Art ’Werkzeug’, um die Wahrnehmung der Welt und von sich selbst ’im Lichte dieses Wissens W’ zu ’deuten’. In diesem Fall ist man ’in’ diesem Wissen drin, man setzt das Wissen W voraus.

Auf der anderen Seite verfügen wir – zumindest ansatzweise, in bestimmten Situationen – über die Fähigkeit, die ’Übereinstimmung’ unseres Wissens W mit wahrnehmbaren Phänomenen zu überprüfen. In diesem speziellen Fall verhalten wir uns zu unserem Wissen W als ob dieses Wissen W für uns ein ’Gegenstand’ ist, ’über’ den wir urteilen können. Und wir wissen aus der Wissenschaftsphilosophie, dass man jedes Wissen W, das in Form einer expliziten formalen symbolischen Theorie T W vorliegt, beschreiben und abändern können.

Letzteres folgt auch alleine schon aus dem Umstand, dass alles Wissen bzw. dann auch alle Theorien von den Autoren ’geschaffen’ werden, indem angesichts von Phänomenen (Daten) nach’ möglichen Beziehungen’ und ’Regeln’ gesucht wird, die diese Daten ’in einen Zusammenhang’ bringen können. In diesen Such- und Konstruktionsprozess können viele logische und nicht-logische Faktoren einfließen. Und es sollte von daher klar sein, dass Wissen bzw. strukturierte Formen von Wissen in Form von symbolischen Theorien grundsätzlich ’dynamische Größen’ darstellen, die im ’Fluss der Zeit’ unterschiedliche Formen annehmen können.

Wenn also im historischen Prozess bestimmte Wissensformen plötzlich Probleme haben, dann ist dies von der Natur des Wissens her eigentlich kein Problem, wohl aber für solche Menschen, die offensichtlich glauben, dass ein bestimmtes Wissen W zu einem bestimmten Zeitpunkt für immer ’fest’ sei, quasi ’absolut’. In diesen Fällen wäre es sehr irreführend, von den Erklärungsproblemen dieser Theorien auf ein Problem in der Welt der Phänomene zu schließen; viel mehr sollten diese Menschen ihr eigenes Verhältnis zu ihrem Wissen problematisieren und überprüfen. Dies ist im Kern die Aufgabe der Philosophie, heute zusätzlich unterstützt von vielen Spezialdisziplinen wie z.B. Psychologie und Neuropsychologie.

Wissenschaftliche Theorie und Glaube

Ein anderer Aspekt, der oft übersehen wird, den Stace aber explizit benennt (siehe z.B. p.96), das ist das Moment des ’Glaubens’ im Kontext von wissenschaftlichen Theorien.

Die Wurzel für diese Form von ’wissenschaftlichem Glauben’ liegt einmal in der Art, wie wissenschaftliche Theorien entstehen (siehe Abschnitt zuvor), zum anderen in der Art ihrer Nutzung.

Bei der Konstruktion von wissenschaftlichen Theorien müssen Forscher grundsätzlich über die endliche Menge von isolierten Datenpunkten ’hinaus’ gehen und explizit ’Vermutungen über Zusammenhänge’ äußern, d.h. was ’glauben’ sie, welche Art von Zusammenhängen ’da draußen’ existieren, aufgrund deren Wirken die beobachteten Phänomene (gemessene Daten) auftreten. Und wenn sie dann ihre Vermutungen, ihren Glauben, niedergeschrieben haben, dann stehen die benutzen theoretischen Terme für genau diese Vermutungen, für den so artikulierten Glauben als mögliche Zusammenhänge.

In der normalen Physik gibt es viele Beispiele für solche Terme, deren ’Bedeutung’, deren ’Extension’ nicht direkt beobachtet werde kann, sondern nur ihre ’Wirkung’, die als ’Hinweis auf ihre Existenz’ angenommen (geglaubt) wird.

So kann man das ’Gewicht’ eines Körpers nicht direkt sehen, sondern nur die Auswirkung des Gewichts im Rahmen eines Messvorgangs, entsprechend mit der Anziehungskraft von Körpern aufgrund der postulierten Gravitation. Wenn also — das wäre der Analogieschluss — das mit der Wortmarke ’Gott’ Gemeine nicht direkt mit normalen Sinnesorganen punktuell beobachtet werden kann, so würde daraus nicht notwendigerweise der Schluss folgen, dass diese Wortmarke keine Extension besitzt. Tausende von menschlichen Zeugnissen deuten in die Richtung, dass ’das mit Gott Gemeinte’ sich auf vielfache Weise in Form von Zeitreihen zeigen kann, die unterschiedliche Randbedingungen aufweisen können. Darauf aufbauende ’Überzeugungen= Wissensformen’ gehen dann über den Augenblick hinaus (analog zu empirischen Theorien) und ermöglichen ein  ’erfahrungsbasiertes Handeln’, das entweder weitere ’Bestätigungen’ zulässt oder nicht. Abänderungen solcher Überzeugungen im Kontext von Erfahrungen ist möglich und üblich.

QUELLEN

[1] G. Berkeley, A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge, 1st ed. Skinner Row (Dublin): Jeremy Pepyat, Bookseller, 1710.

[2] ——, A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge. Three Dialogues, 1st ed., R. Woolhouse, Ed. London:Penguin Books, 1988.

KONTEXT BLOG

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DAS NEUE ALS PROBLEM DER WAHRHEIT – Zwischenbemerkung

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Überblick

Im Spannungsfeld zwischen intelligenten Maschinen und dem Menschen entwickelt sich das Bild vom Menschen in jede Richtung als atemberaubend. Hier eine kurze Werkstattnotiz beim Versuch, dies alles weiter zu denken. Hier der Punkt ’Wahrheit und Neues’.

           II. KONTEXT

Seit einiger Zeit fokussieren sich die Themen bei cagent ja auf die beiden Pole intelligente Maschinen einerseits und Menschenbild andererseits. Beides beeinflusst sich im täglichen Leben gegenseitig.

Während die Position der ’intelligenten Maschinen’ trotz aller methodischen Probleme der aktuellen Künstlichen Intelligenz Forschung – letztlich leicht abgrenzbar und überschaubar ist [(1) Anmerkung: Im Grundsätzlichen, nicht was die schier unübersehbare Fülle der Publikationen betrifft, einschließlich der Software.], erweist sich dasThema Menschenbild als umso differenzierter und komplexer, je mehr man hinschaut.

Das eine Segment des Menschenbildes repräsentieren die neuen empirischen Erkenntnisse innerhalb der Disziplinen Psychologie, Biologie (inklusive Gehirnforschung), Molekularbiologie, und Astrobiologie. Ein anderes Segment repräsentieren die Wissenschaften zum Verhalten des Menschen in historisch-kultureller Sicht. Zur Kultur rechne ich hier auch Formen des Wirtschaftens (Ökonomie), Formen der Technologie, Formen politischer Strukturen, Formen des Rechts, usw.

Sowohl die empirischen Disziplinen haben unser Wissen um den Menschen als Teil des biologischen Lebens explodieren lassen, aber auch die historisch-kulturellen Erkenntnisse. Das Eigenschaftswort atemberaubend’ ist eigentlich noch eine Untertreibung für das Gesamtbild, das sich hier andeutet.

Was bislang aber nicht – noch nicht – stattfindet, das ist eine Verknüpfung der empirischen Erkenntnisse mit den historisch-kulturellen Einsichten. Für diese Trennung gibt es sicher viele Gründe, aber letztlich kann es keine wirkliche Rechtfertigung für diese anhaltende Spaltung des Denkens geben. Das historisch-kulturelle Phänomen mit dem homo sapiens als Kernakteur ist letztlich nur möglich und verstehbar unter Voraussetzung  der empirisch erkannten Strukturen und – das wird mit dem Wort von der ’Koevolution’ bislang nur sehr schwach thematisiert – die im Historisch-Kulturellen auftretenden Phänomene sind nicht nur irgendwie Teile der biologischen Evolution’, sondern sie sind wesentliches Moment an dieser. Von daher erscheint jeder Versuch, von biologischer Evolution zu sprechen, ohne das Historisch-Kulturelle einzubeziehen, im Ansatz als  ein methodischer Fehler.

In einem längeren Artikel für ein deutschlandweites Presseorgan hatte cagent versuchsweise das Verhältnis zwischen dem Konzept der ’Künstlichen Intelligenz’ und dem ’Glauben an Gott’ ausgelotet [(2) Anmerkung: Demnächst auch hier im Blog in einer erweiterten Fassung.]  Der Begriff Glaube an Gott’ ist natürlich vom Ansatz her vieldeutig, vielschichtig, abhängig vom jeweiligen Betrachter, seinem Ort, seiner Zeit. In dem Beitrag hat cagent das Thema ’Glauben an Gott’ am Beispiel der jüdisch-christlichen Überlieferungsbasis, der Bibel, diskutiert [(3) Anmerkung: Beispiele für Übersetzungen sind einmal die deutsche ökumenische Einheitsübersetzung [BB81], die griechische Version des Alten Testamentes bekannt als Septuaginta (LXX) [Rah35], sowie eine Ausgabe in hebräischer Sprache [KKAE66]. Es gibt auch noch die berühmte lateinische Ausgabe bekannt als ’Vulgata’ [Tvv05] (Als online-Ausgabe hier http://www.wilbourhall.org/pdfs/vulgate.pdf).]

Da die Bibel selbst eine Art ’Überlieferungsmonster’ darstellt, das sich aus einer viele Jahrhunderte andauernden mündlichen Überlieferungsphase speist, die dann ca. zwischen -700 und +200 verschriftlicht wurde, um dann weitere Jahrhunderte zu brauchen, um zu fixierten Textsammlungen zu führen [(4) Anmerkung: Siehe dazu z.B. [ZO98].]  konnte die Diskussion natürlich nur exemplarisch geführt werden. Dazu bot sich das erste Buch des alten Testaments an, das als Buch ’Genesis’ bekannt ist. In den ersten 11 Kapiteln trifft der Leser auf eine Textfolge, die offensichtlich vorschriftliche Traditionsquellen verarbeitet haben. Das Besondere an den Stoffen ist ihre globale Sicht: es geht um die Welt als ganze, um die Menschheit, um ein sehr ursprüngliches Verhältnis der Menschen zu einem X genannt ’Gott’, und diese Stoffe finden sich in ganz vielen Kulturen des mittleren Ostens, Afrikas, und Indiens. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird weitere Forschung noch mehr Parallelen in noch vielen anderen Kulturen finden (oder hat sie bereits gefunden; cagent ist kein Spezialist für vergleichende Kulturgeschichte).

Was sich unter dem Strich in all diesen wunderbaren Zeugnissen menschlichen Handelns, Verstehens und Schreibens zeigt, das ist das Ringen des Menschen, seine jeweils aktuelle Sichten der Welt mit all der aufbrechenden Vielfalt des Lebens irgendwie zu versöhnen’. Dies führt zu der angekündigten Zwischenbemerkung.

II. WAHRHEIT UND NEUES

Im Zeitalter der Fake-News kann man den Eindruck gewinnen, dass ein Begriff wie Wahrheit sehr ausgehöhlt wirkt und von daher weder die Rolle von Wahrheit noch die mit der Wahrheit einhergehende Dramatik  überhaupt wahrgenommen,  geschweige denn erkannt wird.

Es gibt viele Gründe in der Gegenwart, warum selbst angestammte Bereiche der Wahrheit wie die empirischen Wissenschaften Erosionserscheinungen aufweisen; von anderen Bereichen ganz zu schweigen. Dennoch können all diese Verformungen und Entartungen nicht gänzlich darüber hinwegtäuschen, dass – selbst wenn traditionelle Wahrheits-Begriffe möglicherweise korrigiert, adjustiert werden müssen (im öffentlichen Bewusstsein) die grundlegenden Sachverhalte der Übereinstimmung unseres virtuellen Denkens mit einer jenseits dieses Denkens unterstellten objektiven Wirklichkeit weiterhin von grundlegender Bedeutung und lebenswichtig sind.

Jenseits aller allgemein philosophischen und speziell wissenschaftsphilosophischen Überlegungen zu Wahrheit’ weiß jeder einzelne, dass er in seinem Alltag nicht weit kommt, wenn das, was er persönlich von der Welt zu wissen glaubt, nicht zutrifft. Nach dem Aufwachen folgen viele, viele Stunden von Verhaltensweisen, die sich beständig dadurch speisen, dass man Wissen über eine Welt hat, die sich in den konkreten Handlungen dann auch bestätigen. Das ist unser primärer, alltäglicher Wahrheitsbegriff: Es verhält sich im Handeln so, wie wir in unserem Denken annehmen.

Zu dieser Alltagserfahrung gehört auch, dass wir uns manchmal irren: wir haben im Kopf einen Termin, der aber z.B. Tage, Zeiten, Orte verwechselt. Wir wollen einen Gegenstand mitnehmen, und er ist nicht dort, wo wir ihn erinnern. Wir fahren einen Weg, und stellen plötzlich fest, wir sind an einem Ort, der nicht wirklich zu unserer Zielvorstellung passt; usw.

Alle diese Irrtumserfahrungen lassen uns aber nicht grundsätzlich an unserer Fähigkeit zweifeln, dass wir ein handlungstaugliches Bild von der Welt haben können. Dieses Bild, sofern es funktioniert, nennen wir wahr.

Von anderen Menschen erfahren wir gelegentlich, dass sie die Orientierung im Alltag verloren haben. Ärzte sagen uns, dass diese Menschen ’krank’ seien, dass ihre Psyche oder/ und ihr Gehirn beschädigt sei. Das haken wir dann ab als mögliche Störungen, die vorkommen können; das tangiert dann aber nicht unbedingt unsere eigene Überzeugung, dass wir Wahrheitsfähig sind.

Hier gibt es nun einen (natürlich gäbe es sehr viele) interessanten Punkt: wenn wir die Wahrheit über die Handlungstauglichkeit definieren, die eine Art von Übereinstimmung zwischen Wissen/ Denken und der erfahrbaren Welt (einschließlich des eigenen Körpers) beinhaltet, wie gehen wir dann mit Neuem um?

Neues’ definiert sich ja gerade dadurch, dass es mit dem bisher Bekannten nichts oder nur wenig zu tun hat. Wirklich ’Neues’ lässt ein Stück Wirklichkeit aufbrechen, das wir so bislang nicht kennen.

Historisch und psychologisch können wir bei uns Menschen eine gewisse Tendenz erkennen, uns eher im Bekannten einzurichten, da dies überschaubar und berechenbar ist. Je mehr Vorteile ein Mensch aus einer bestimmten gegebenen Situation zieht, je mehr Sicherheit er mit ihr verbindet, umso weniger ist der Mensch geneigt, die Situation zu verändern oder sie zu verlassen. Je schlechter es Menschen geht, umso eher sind sie bereit, das Bekannte zu verlassen, denn es kann möglicherweise nur noch besser werden. Aber auch die Wissenschaft kennt solche Beharrungstendenzen. In allen Bereichen findet man eine große Zähigkeit, erworbene Anschauungen über Jahrhunderte zu tradieren, auch wenn schon längst klar ist, dass diese Anschauungen ’vorne und hinten’ nicht so wirklich passen. Im Grunde genommen ist die gesamte Geschichte eine Geschichte des Kampfes zwischen den beharrenden Anschauungen und den Abweichlern’ (politisch, moralisch, religiös, künstlerisch, )

Wenn man sich dann klar macht, dass das biologische Leben (soweit wir es heute verstehen können) im innersten Kern einen Generator für Neues fest eingebaut hat, wenn wir wissen, wie jedes einzelne Lebewesen über Zeugung, Geburt, älter werden, Sterben kontinuierlichen Wandlungsprozessen unterworfen ist; wenn wir wissen, dass die Erde, auf der wir leben, beständig massiven Veränderungen unterliegt, dazu das Sonnensystem, unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße, das ganze bekannte Universum, … dann müsste eigentlich klar sein, dass das Neue eigentlich der wichtigste Rohstoff des Wissens und des Handelns und aller kulturellen Systeme sein müsste. Genau das Gegenteil scheint aber bislang der Fall zu sein. Firmen kennen zwar das Problem der Innovation, um am Markt überleben zu können; im militärischen Bereich gibt es einen Innovationsdruck aufgrund unterstellter (oder auch realer) Konkurrenz um die Macht; die Unterhaltungsindustrie kommt nicht ohne Innovationen aus; und dennoch, die offizielle Kultur, die offiziellen Erziehungsprozesse sind nicht auf eine Kultur des Neuen ausgerichtet. Offizielle Literatur verdaut Vergangenheit, Gegenwart und Unmengen an subjektiven Gefühlen, nur in den kulturell eher immer noch geächteten Science- Fiction Werken blitzt Neues auf, Verarbeitung möglicher Zukunft, Auseinandersetzung zwischen Heute und Morgen, Auseinandersetzung zwischen Natur, Technik und Geist.

In einem vorausgehenden Eintrag   hatte cagent über Offenbarung geschrieben, nicht als Kategorie der Religionen, sondern vorab zu allen Religionen als Grundkategorie des menschlichen In-Der-Welt-Seins. Das hier angesprochene Neue ist ein Aspekt dieser grundlegenden Kategorie der Offenbarung als Weise, wie wir Menschen uns in dieser Welt vorfinden. Wir sind in jedem Moment vollständig in jeder Hinsicht einer Wirklichkeit ausgesetzt, die uns in jeder Hinsicht übersteigt in ihren Möglichkeiten. Unser Körper ist Teil dieser vorfindlichen Wirklichkeit und wer kann behaupten, dass wir die 5-10 Billionen (10^12) Zellen eines einzelnen homo-sapiens-Körpers wirklich verstehen? Unser Gehirn ist Teil davon und wer kann schon behaupten, er verstehe sein eigenes Gehirn, geschweige denn sein eigenes Denken? Und dies ist ja nur ein winziger Bruchteil jener Wirklichkeit, in der wir uns vorfinden.

Wer das Neue scheut, ist im realen Leben noch nicht angekommen. Was aus all dem folgt, ist natürlich entsprechend offen. Das mag niemand, es sei denn …

QUELLEN

  • [BB81] Katholisches Bibelwerk and Deutsche Bibelgesellschaft. Die Heilige Schrift. Einheitsübersetzung. Verlag Katholisches Bibelwerk & Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, 1981.
  • [KKAE66] Rudolg Kittel, P. Kahle, A. Alt, and O. Eissfeldt. Biblia Hebraica. Würthembergische Bibelanstalt, Stuttgart, 7.Aufl., 1966.
  • [Rah35] Alfred Rahlfs. Septuaginta. Würthembergische Bibelanstalt, Stuttgart, 9.Aufl., 1935.
  • [Tvv05] Michaele Tvveedale, editor. BIBLIA SACRA JUXTA VULGATAM CLEMENTINAM. Bishops’ Conference of England and Wales, London (UK), Elektronische Ausgabe, 2005.
  • [ZO98] Erich Zenger et.al.. Einleitung in das Alte Testament. W.Kohlhammer, Stuttgart, 3.Aufl., 1998.

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DAS KOPFTUCH – DIE EMOTIONEN – GLAUBEN, POLITIK UND DIE GEWOHNHEITEN. Ein Reflex zu einem Gespräch unter FreundenInnen

EIN ARTIKEL

  1. Vor fast drei Wochen gab es im Freundeskreis ein Gespräch, zu dem ein Artikel von Simon Jacob im Heft 8 (2016) der Zeitschrift CICERO Anlass gab.
  2. Aus meiner Sicht würde ich die Gedanken des Artikels zu folgenden Arbeitshypothesen umformulieren: (i) Angesichts der historischen Entwicklung und der heutigen Vielfalt gibt es nicht DEN Islam, sondern eine VIELFALT von Interpretationen des Islam. (ii) Für viele Menschen, die sich Muslime nennen, ist die Hauptquelle für ihr VERHALTEN nicht der Koran selbst, sondern es sind bestimmte KULTURELLE MUSTER, in denen sie leben. Sie glauben, dass die konkrete Art und Weise, wie sie leben, der Lehre des Korans entspricht. Dazu zählt nach Jacob das PATRIARCHAT. Ferner (iii) gibt es nach Jacob neben den kulturellen Muster MACHTINTERESSEN, die sich der Religion und der kulturellen Muster bemächtigen, sie instrumentalisieren, um sie für die eigenen politischen Ziele nutzbar zu machen. Und (iv) in Europa haben die Gesellschaften die direkte Bindung an die Lehren der Religionen aufgehoben, um dadurch quer zu ALLEN Religionen und für ALLE Menschen (auch die nichtreligiösen) einen gemeinsamen WERTERAUM zu ermöglichen, in dem ALLE ohne Gewalt friedlich und respektvoll miteinander leben können.
  3. Daraus folgert Jacob, dass eine Diskussion um die Rolle der Frauen in Deutschland NICHT so sehr mit Argumenten der islamischen Religion geführt werden sollte (was auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung mit ihrem Grundgesetz in Frage stellen würde), sondern mit Bezug auf das kulkturell-soziologische Muster eines Patriarchats, das dem Deutschen Werteraum widerspricht.
  4. In dem lebhaften, streckenweise sehr emotional-intensivem Gespräch, flammte all dies und noch viel mehr auf.

ZUSAMMENSTOSS UNTERSCHIEDLICHER KULTURELLER MUSTER

  1. Auf der einen Seite zeigte sich immer wieder, dass das allgemeine Wissen um den Islam (aber auch der christlichen und jüdischen Traditionen) kaum vorhanden ist (was bei Muslimen nicht unbedingt viel anders ist), auf der anderen Seite standen sich unterschiedliche deutsche (und westliche) Verhaltensmodelle und eben sehr patriarchalisch oder salafistisch anmutende Verhaltensweisen gegenüber. Ganz klar, für eine Frau, die in Deutschland aufgewachsen ist, wo der Einfluss eines (tendenziell) fundamentalistischen Christentums aus der Vergangenheit stark rückläufig ist, wo die Rechte der Frauen sowohl per Gesetz als auch im Alltag enorm zugenommen haben, wirken patriarchalische Verhaltensmuster und Werteüberzeugungen, wie sie von außen nach Deutschland hineingetragen werden, mindestens befremdlich, wenn nicht angsteinflößend, provozierend und rückwärtsgewandt.
  2. Wenn nun im deutschen Alltag Verhaltensmuster und Symbole aus eher muslimischen Kontexten auftreten (die christlichen sind seit Jahrzehnten verblasst und verschlissen; das Christentum der letzten 150 Jahre hatte viele Ähnlichkeiten mit dem heutigen Islam im gesellschaftlichen Auftreten, was gerne vergessen wird), so wird dies zusätzlich dadurch verkompliziert, weil diejenigen Menschen, die solche Verhaltensmuster haben, sehr oft keine klare Zuordnung zulassen.

VIELFALT IM ALLTAG

  1. Ich arbeite an einer Universität, an der junge Menschen aus über 100 Nationen studieren. Junge Frauen mit Hintergründen im Hinduismus, Buddhismus, Islam, Judentum, Christentum, dazu mit sehr vielen Spielarten in jeder Richtung, aus unterschiedlichen Ländern, in unterschiedlichen familiären Zusammenhängen, meist noch berufstätig, um das Geld für ihr Studium zu verdienen, in ganz verschiedenen Berufen, in allen Varianten von Kleidung, auch viele mit Kopftüchern; z.T. als Gaststudierende, meistens aber als Deutsche mit Eltern aus verschiedenen Ländern. Warum trägt die eine ein Kopftuch, die andere nicht? Warum bilden Deutsche im Ausland ‚Deutsche Kolonien‘ in denen man deutsches Brauchtum pflegt und primär Deutsch spricht? Aus religiöser Überzeugung oder vielleicht eher, weil man etwas soziale Nähe in einer fremden Kultur sucht? Warum laufen Fußballfans mit ihren Schals herum? Warum müssen Mitglieder christlicher Orden (heute weniger, bis vor wenigen Jahrzehnten immer und überall) eine Ordenskleidung tragen? Warum tragen Frauen fast zwanghaft das, was die jeweilige Mode gerade diktiert? Was ist, wenn man dem Trend nicht folgt? Warum kreieren mittlerweile immer mehr muslimische Frauen (aus vielen verschiedenen Ländern) eine eigene Mode? Mit Religion und Politik hat dies in der Regel nichts zu tun. Wäre das nicht auch eine eigene Form von Revolution und Emanzipation, dass junge muslimische Frauen die Insignien des Patriarchats und des fundamentalistischen-politischen Islams durch eigene Modepraktiken schlicht unterlaufen, umwerten, verändern, dieser Tradition ihren eigenen Stempel aufdrücken? Vielleicht sollten sich eingefleischte Feministen mal direkt mit den jungen muslimischen Frauen auseinandersetzen; möglicherweise könnten alle etwas lernen.

VERSCHIEDENE GENERATIONEN

  1. Interessant waren in unserem Gespräch auch die Unterschiede zwischen jüngeren Frauen (23-28) und älteren (über 50). Während die älteren Frauen zuerst die Abweichungen und möglichen Bedrohungen sahen, erlebten die jüngeren Frauen die muslimischen Frauen in ihrem Alltag als jene, die sich bemühen, in ihrem Alltag mit Kindern, Familie und Arbeit klar zu kommen, und die Schwierigkeiten weniger im Umgang mit der Deutschen Gesellschaft erleben, sondern mit den vielen Unterschieden innerhalb der anderen Kulturen und ihren z.T. rigorosen Wertesystemen.

VERÄNDERUNGSPROZESSE BRAUCHEN ZEIT

  1. Mit Blick auf die Veränderungsprozesse in Deutschland und Europa in den letzten Jahrhunderten wurde auch darauf aufmerksam gemacht, dass man möglicherweise die aktuellen Anpassungsprozesse als langatmige Prozesse sehen muss, als eine Angelegenheit von Generationen. Die Gastarbeiter von vor ca. 50 Jahren sind heute normaler Teil der Deutschen Gesellschaft; in weiteren 50 Jahren wird es vermutlich eine weitere Normalisierung geben.

MEHRHEITSGESELLSCHAFT IM WANDEL

  1. Allerdings, dies wurde auch bemerkt, erfordern solche Anpassungsprozesse Engagement auf allen Seiten. Auch die, die zur Zeit die Mehrheiten in Deutschland bilden, müssen sich immer wieder neu selbst die Frage stellen, was sind da genau die Werte, die im Gesetz, in der Verfassung stehen? Was heißt Menschenwürde und Religionsfreiheit heute? Dies ist eine Chance, die Verfassung in den Köpfen und Herzen lebendig zu halten. Der leichthändige Rückzug einer CSU auf die sogenannte Leitkultur mit christlichen Werten ist so, wie er bislang propagiert wird, historisch und inhaltlich schlicht falsch. Statt einfach Parolen in die Welt zu setzen sollte die CSU die historische Gelegenheit ergreifen, und einen entsprechenden gesellschaftlichen Diskurs beflügeln, in dem die Werte des Grundgesetzes neu erlebt und verstanden werden, statt eine kaum verstandene Leitkultur mit christlichem Standards einfach roboterhaft zu deklamieren. Das hilft niemandem.
  2. Auch unabhängig von religiösen Einflüssen befindet sich die industrialisierten Länder in einem dramatischen Struktur- und Wertewandel, der NICHT von den Religionen kommt, sondern von den empirischen Wissenschaften und den aktuellen Technologietrends. Während die Religionen sich oft bizarre Wortwechsel über Nebensächlichkeiten leisten, gibt es in der modernen Wissenschaft momentan weit und breit überhaupt keine Werte mehr, weil die Rolle des Menschen als möglichem Träger von Werten sich völlig aufgelöst hat. Der Mensch kommt wissenschaftlich so gut wie nicht mehr vor (und Religionen damit automatisch auch nicht). Zugleich lösen sich die demokratischen Strukturen von innen her auf, da technologische Entwicklungen viele klassische Grundwerte (z.B. Privatheit, individuelle Freiheit)  weitgehendschon  aufgelöst haben, und die Politik unter dem Motto ‚Sicherheit‘ dabei ist, mehr und mehr Freiheiten zu opfern. Zugleich grassiert ein Lobbyismus, der die normalen demokratischen Prozesse ab absurdum führt. Das ist ein Wertewandel, der an die Substanz geht; ob Religion hier eine Rolle spielen  könnte, ist fraglich; sicher nicht in jener Form der Vergangenheit, die sich durch Machtintrigen und fundamentalistisches Denken unglaubwürdig gemacht hat…. (ein gewisser Jesus von Nazareth starb damals (so heißt es) freiwillig am Kreuz, ohne Rekurs auf Machtmittel …)

DEN BLICK ETWAS AUSWEITEN

Vereinfachter Überblick zur Entstehungszeit der großen Religionen der Welt mit wichtigsten Aufspaltungen

Vereinfachter Überblick zur Entstehungszeit der großen Religionen der Welt mit wichtigsten Aufspaltungen

  1. Vielleicht könnte es in solch einer Situation auch hilfreich sein, nicht immer nur über Details einer Religion zu sprechen, ohne historische Kontexte. Stattdessen könnte man mal die Gesamtheit der Religionen in den Blick nehmen (siehe vereinfachendes Schaubild), ihre Entstehungen, die Vielzahl an Motiven, die bei der Gründung und den vielen Aufspaltungen eine Rolle gespielt haben. Auffällig ist auf jeden Fall, dass alle diese vielen Formen und Regeln kaum etwas mit Gott zu tun haben scheinen, dafür aber sehr viel mit menschlichen Ängsten, Wünschen, Fantasien, Bedürfnissen, vor allem mit blanker Macht.
  2. Falls Religion irgendwie für die Menschen (und das Leben überhaupt wichtig sein sollte), dann wäre heute ein guter Zeitpunkt, sich dieser Frage unvoreingenommen zu widmen, quer zu ALLEN Religionen, unter Einbeziehung ALLER wissenschaftlicher und kultureller Erkenntnisse. Dass die aktuellen Religionen möglicherweise NICHT authentisch sind, kann man daran ablesen, wie wenig sie bereit und fähig sind, eine friedliche Zukunft für ALLE Menschen zu denken und zu praktizieren, in der der Respekt vor JEDEM Menschen grundlegend ist. Es gibt keinen Automatismus für eine gelungene Zukunft. Aber ohne eine gemeinsame Lösung jenseits von Diktaturen, Gewalt und dogmatischem Wissen wird die Zukunft nicht gelingen.
  3. Was ist mit jenen gesellschaftlichen Systemen mit selbsternannten großen Anführern, wenn diese (in absehbarer Zeit) sterben? Eine Gesellschaft, die auf der Vergöttlichung einzelner sterblicher Individuen setzt hat keine wirklich nachhaltige Lebenskraft, und Sicherheit ohne Freiheit gleicht einer Todeszelle; das Ende ist sehr absehbar.

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KURZNOTIZ: POHLMANN – ENTSTEHUNG DES KORANS – Teil 1

Karl-Friedrich Pohlmann (3.komplett überarbeitete und erweiterte Aufl., 2015), Die Entstehung des Korans. Neue Erkenntnisse aus der Sicht der historisch-kritischen Biblwissenschaft, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG)

 

VORBEMERKUNG

  1.  Der folgend Text ist nicht einfach nur eine Kurzdarstellung der Aussagen von Pohlmann (schon auch), sondern nimmt die Aussagen von Pohlmann an verschiedenen Stellen zum Anlass, verschiedene Überlegungen und Fragen einzuschieben.
  2. Während die Vorbereitungen für die offizielle Gründung des Emerging-Mind Projektes auf Hochtouren laufen (Eröffnungsveranstaltung am 10.Nov.2015 um INM Frankfurt) lese ich weiter in verschiedenen Büchern. Besonders interessant finde ich die neue, 3.Aufl. des Buches von Pohlmann.
  3. KORAN UNANTASTBAR

  4. Wie bekannt tut sich die muslimische Welt bislang eher schwer, den Text des Korans historisch-kritisch zu betrachten, da man in der Haltung des Glaubens meint, dass der Koran nur dann ein heiliges Buch sei, wenn alle Worte mehr oder weniger direkt auf Mohammed zurückgeführt werden können, der wiederum alles direkt von Gott gehört haben soll.
  5. BIBEL, THORA UNANTASTBAR

  6. Im Christentum war dies bis mindestens ins 18.Jahrhundert nicht anders. Der Text der Bibel – altes wie neues Testament – galt auch als von Gott inspiriert und am aktuellen Wortlaut zu rütteln galt als Unglaube, der je nach Zeit und Umständen mit Folter und Tod enden konnte.
  7. Auch im Judentum, insbesondere bei den orthodoxen Juden, war (und ist?) dies so.
  8. HALTUNG DES GLAUBENS

  9. Von außen betrachtet erscheint es merkwürdig, warum Menschen eine Haltung einnehmen, die sie ‚Glauben‘ nennen, die dann dazu führt, dass sie sich weigern, die Realitäten der Welt, dazu zählen auch die historischen Umstände der Textentstehung, anzuerkennen, wie sie sind. Stattdessen blenden sie diese bewusst und willentlich aus. Als man 1972 in Sanaa (Jemen) alte Koranfragmente gefunden hatte, wurden diese zwar restauriert und mikroverfilmt, aber bis heute gibt es keine internationale textkritische Ausgabe unter Berücksichtigung dieser Fragmente, da die Behörden dies nicht zulassen. (vgl. S.24f) Das wenige, was die Forscher trotz der behördlichen Einschränkungen schon jetzt sehen konnten, waren viele Hinweise auf sehr alte Texte, auf Varianten, auf mehrere Textschichten, die auf einen Entstehungsprozess hindeuten. (vgl. S.25)
  10. Eine häufig zu beobachtende Tendenz von Menschen, die etwas Bestimmtes fest glauben (auch jenseits der großen Offenbarungsreligionen gibt es eine große Vielzahl von kleinen Religionen, Heilsgemeinschaften aller Arten, auch im Alltag die unzählig vielen ‚Spieler‘, die an ihr Glück glauben, viele politische Parteigänger, usw.), besteht darin, dass sie diesen ihren Glauben dazu benutzen, um eine ernsthafte und offene Beschäftigung mit dem, was außerhalb ihres Glaubens liegt schlichtweg auszuklammern bzw. nur Argumente zu sammeln, die dagegen sprechen, aber keine dafür. Diese Argumente können sehr abstrus sein.
  11. Man kann sich fragen, warum Menschen dies tun? Warum verleugnen sie den größten Teil der Welt, um ihr kleines Stück Glauben zu bewahren? Viele Äußerungen deuten darauf hin, dass sie in dem, was sie glauben, alle ihre Hoffnungen beheimatet sehen, während sie im Rest der Welt (der eigentlich überwältigend viel größer und reicher ist), nichts zu erkennen vermögen, was ihnen hilft. Obwohl diese Menschen mit ihren realen Augen offensichtlich sehen können, machen ihr inneren Einstellungen sie für den Rest der Welt geistig blind.
  12. Jetzt ist die Frage nach der Wahrheit natürlich eine durch alle Zeiten schwierige Frage, aber die Basis für alle mögliche Wahrheit ist die Wahrnehmung der Welt, wie sie tatsächlich ist und eine geistige (psychische, kognitive,..) Deutung, die die Strukturen und Dynamiken der Welt erkennen lässt, wie sie wirklich ist. Wenn Menschen sich über Gegebenheiten des Alltag nicht mehr einigen können, wird es schwer. Ob man etwas sieht und wie man etwas sieht ist bei Menschen weitgehend abhängig von der inneren Einstellung. Vorausgesetzt, das Wahrnehmungssystem ist intakt, können Menschen jede Wahrnehmung trotzdem verweigern. Sie können sie bewusst ausblenden, können wegsehen, können sie uminterpretieren. So wunderbar diese Fähigkeit einerseits ist, so verheerend können die Folgen sein, wenn man nur um bestimmte liebgewordenen Ideen zu retten, den Rest der Welt mehr oder weniger verleugnet.
  13. Dabei sollte man wissen, dass solche Verleugnungsphänomene vor niemandem halt machen. Selbst in den empirischen Wissenschaften gab es zu allen Zeiten und gibt es auch heute noch viele Beispiele, wie Forscher, die sich dem Ideal des objektiven wissenschaftlichen Wissens verschrieben haben, lange Zeit an Auffassungen festgehalten haben, gegen die viele Fakten sprachen. Dies kann man als Hinweis darauf deuten, dass das Phänomen des Glaubens offensichtlich sehr tief in uns drin sitzt und dass es eine permanente Herausforderung ist, sich selbst immer wieder ernsthaft in Frage zu stellen oder in Frage stellen zu lassen.
  14. SOUVERÄNITÄT GOTTES

  15. Schon mehrfach habe ich in diesem Blog die Auffassung geäußert, dass die Existenz Gottes – sollte es tatsächlich so etwas wie Gott geben – in keinem Fall in irgendeiner Weise davon abhängen würde, ob und wie Menschen über Gott reden oder Menschen leben. Als die ersten Menschen auftraten bestand das heute bekannte Universum schon seit ca. 13.5 Milliarden Jahren.
  16. KORAN ENTSTEHUNG ISLAMISCH

  17. Kehre wir zurück zur Entstehung des Koran.
  18. Auf Seiten der islamischen Koranforschung geht man bislang davon aus, dass (i) Mohammed in der Zeit 610 – 632 n.Chr. Gott direkt gehört und arabisch kommuniziert habe, und dass (ii) seine Anhänger bald nach seinem Tod alles zuverlässig gesammelt, rezensiert, und zu einem Kodex zusammen gestellt haben (beim Tode Mohammeds soll es noch keinen abgeschlossenen Text gegeben haben (vgl. S.21)). Diskutiert wird allenfalls (iii) ob Mohammed selbst überhaupt etwas aufgeschrieben habe, und falls ja, ab wann; ferner (iv) ob frühere Offenbarungen durch spätere Offenbarungen nachträglich abgeändert worden sind, und schließlich (v) ab wann der Koran dann überhaupt als geschlossenes Buch vorlag. (vgl. S.16) Die verbreitetste Auffassung ist die, dass der caliph Abu Bakr bald nach dem Tode Mohammeds eine erste Sammlung von allem angeordnet habe, geschrieben auf Blätter. Zu dieser Zeit waren schon viele der Gefährten aufgrund der vielen Kriege nicht mehr am Leben. Nach dem Tode von Abu Bakr ging das Material an seinen Nachfolger ‚Umar; nach ‚Umars Tod an dessen Tochter Hafsa, eine der Frauen Mohammeds. 20 Jahre nach der Kollektion von Abu Bakr gab es unterschiedliche Strömungen und Versionen, die dazu führten, dass der caliph ‚Utman (644 – 656 n.Chr) unter Leitung des ehemaligen Schreibers von Mohammed, Zhayd b.Thabit, eine neue Kollektion beauftragte, die dann zum allgemein akzeptierten Text unter den Muslimen wurde.(vgl. S.21) Diese äußerliche Kette verbindet sich mit der Überzeugung, dass die Offenbarungsinhalte, die Mohammed direkt von Gott empfangen haben soll, angemessen über all die Jahre, Umstände und verschiedenen Personen hinweg überliefert worden ist.
  19. Bislang gilt heute als beste Textausgabe des Korans der Kairiner Koran, der auf Veranlassung von König Fuad und einem Gremium von Azhar-Gelehrten 1923 erstmals in Kairo gedruckt wurde. (vgl. S.22) Dennoch handelt es sich bei diesem Text nicht um eine wissenschaftlich editierte kritisch-historische Textausgabe.(vgl. S.23) Die Funde von sehr alten Koranfragmenten in Sanaa (Jemen) wurden jedenfalls bislang offiziell nicht berücksichtigt. (vgl.SS.24-28)
  20. KORAN ENTSTEHUNG WESTLICH

  21. In der westlichen Islamwissenschaft gibt es zwei Strömungen: die einen übernehmen mehr oder weniger die Grundeinstellung der islamischen Koranwissenschaft, dass es trotz aller Schwankungen eine zuverlässige Überlieferungskette gibt und dass weitere historisch-kritische Forschungen nicht notwendig sind. Die andere Strömung sieht sehr wohl viele offene Fragen, die geklärt werden müssten, aber bislang konnte diese Forschung nur begrenzte Erfolge erzielen.(ausführlicher siehe SS.29-43)
  22. 100 JAHRE ERFAHRUNG TEXTANALYSE

  23. Berücksichtigt man die über 100 Jahre Erfahrungen, die im Bereich der wissenschaftlichen Untersuchungen von christlichen Offenbarungstexten gemacht werden konnten, dann verstärkt sich eigentlich der Verdacht, dass sehr Ähnliches auch für den Korantext gilt.
  24. Der Umbruch und Fortschritt in der wissenschaftlichen Untersuchung der christlichen Bibel (die in ihrem alttestamentlichen Teil weitgehend auch mit den jüdischen Texten übereinstimmt) begann erst, als man (i) bereit war, viele liebgewordene Unterstellungen mal in Frage zu stellen, und (ii) als man tatsächlich die realen Texte einer genaueren historisch-kritischen und redaktionellen Untersuchung unterzog.
  25. Am Beispiel der Texte, die den Propheten Jesaja, Ezechiel und Jeremia zugesprochen wurden (vgl. SS.45-55), denen alle eine direkte göttliche Inspiration zuerkannt worden war, zeigt Pohlmann auf, wie Schritt für Schritt aufgedeckt werden konnte, dass alle diese Texte Entstehungsgeschichten haben, vielfache Überarbeitungen aufweisen, die in unterschiedliche Zeiten mit unterschiedlichen Aussageabsichten verweisen. Für die einen erschien dies wie ein Verlust (ihres Idealbildes), für die anderen fingen die Texte damit erstmalig an zu sprechen, enthüllten sie ihre inneren Strukturen, die dahinter liegenden historischen Prozesse, die Sorgen und Hoffnungen der beteiligten Menschen.
  26. PERSÖNLICHES

  27. Als ich selbst, erst als Schüler, dann später als Student, erstmalig anhand der hebräischen Texte des alten Testaments mit all den wunderbaren neuen historisch-kritischen Erkenntnissen über die Entstehung der Texte konfrontiert wurde, war dies für mich wie eine Erlösung; erstmalig konnte ich mit diesen Texten tatsächlich etwas anfangen, sie kamen ganz nah, man konnte die realen Menschen dahinter spüren. Vorher wirkten die Texte fremd, abstrakt, unverständlich.
  28. Die voranschreitende ‚Vergöttlichung‘ in allen Texten sagte dann mehr über uns Menschen aus als über den unbekannten Gott. Offensichtlich tendieren wir Menschen dazu, in allem etwas Besonderes zu sehen. Wir neigen dazu, etwas Normales zu Überhöhen. Was zuvor menschliche Worte waren, normale Ereignisse, wird plötzlich zum Wort Gottes oder zu einer göttlich verursachten Tat hochstilisiert.
  29. ISLAMISCHE THEOLOGIE UNBERÜHRT

  30. Trotz der überwältigenden Erkenntnisse von mehr als 100 Jahren westlicher wissenschaftlicher Analyse biblischer Texte ist nach Pohlmann immer noch nicht zu erkennen, dass islamische Theologen einen ähnlichen Weg wissenschaftlicher Analyse der Korantexte beschreiten. (vgl. S.57) Wovor haben Muslime Angst bei einer intensiveren Begegnung mit den Korantexten (gilt natürlich gleichermaßen auch für Juden und Christen, die die Texte ähnlich fundamentalistisch sehen)? (siehe ausführlicher SS.45-58)
  31. EIN GOTT – VIELE MENSCHEN

  32. Egal wie Juden ihre Thora interpretieren, Christen ihre Bibel und die Muslime ihren Koran, die Welt ist entstanden, wie sie entstanden ist, und sie findet statt, unabhängig von diesem Glauben, und wenn die Sonne sich in etwa 1 Mrd. Jahren aufgrund ihrer Kernfusionsprozesse soweit ausgedehnt haben wird, dass ein Leben auf der Erde nicht mehr möglich sein wird, dann wird sie dies auch tun, egal wie bestimmte Menschengruppen bestimmte Texte interpretieren. Außerdem müssen sich alle Offenbarungsreligionen die Frage stellen, warum der eine Gott sich jeweils so unterschiedlich mitgeteilt haben soll. Dass auch so viele Menschen außerhalb des Judentums, des Christentums und des Islams Gott erfahren haben wollen und auch heute noch erfahren, ist damit auch noch nicht befriedigend geklärt. Dass ein Gott sich allen Menschen in gleicher Weise mitteilt wäre eigentlich naheliegend; dass dann einzelne Menschen für sich einen privilegierten Zugang zu Gott beanspruchen spricht vielleicht eher gegen diese Menschen und nicht für Gott. Schließlich müssen sich die Religionen fragen, warum sie noch nie ernsthaft überprüft haben, ob nicht die anderen den gleichen Gott erfahren. Wer hat dies jemals ernsthaft untersucht? Liegt dies nicht schlicht daran, dass viele, die sich in ihrem Glauben auf Gott beziehen, noch niemals wirklich selbst Gott erfahren haben? Dass sie letztlich gar nicht selbst wissen, wie Gott ‚wirklich‘ ist? Dass sie gar keine objektiven Kriterien haben, um zu unterscheiden, ob der andere tatsächlich Gott erfahren hat oder nicht? Wenn Gott tatsächlich der Schöpfer von allem sein soll, wie behauptet wird, dann würde er in allem und jedem stecken. Dies zu verleugnen wäre dann der eigentliche Unglaube.

Eine Fortsetzung folgt HIER.

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DIE UNIVERSELLE KONFERENZ DER GOTTSUCHER – Oder die, die …. — Kurznotiz

1. Manchmal fragt mich jemand: ‚Glaubst Du an Gott?‘, und ich sage dann: ‚Wenn du mir erklären kannst, was Du unter ‚Gott‘ verstehst, kann ich Dir vielleicht sagen, ob ich an das glaube, was Du unter Gott verstehst oder nicht‘.

2. Nimmt man ernst, was man um sich herum sieht, dann gibt es ganz viele verschiedene Religionsgemeinschaften: viele Spielarten von Christen, viele Spielarten von Muslimen, viele Spielarten von Juden, viele Spielarten von Buddhisten, viele Spielarten von Hinduisten, viele Spielarten von ….

3. Ernsthafte Mitglieder dieser religiösen Gemeinschaften behaupten alle, an ‚Gott‘ zu glauben und sie versuchen ihr tägliches Lebens mehr oder weniger so zu gestalten, wie ihr Glaube an das, was sie selbst sich unter ‚Gott‘ vorstellen, es nahelegt.

4. Diese Religionen gibt es z.T. schon 2.500 bis 3.000 — oder mehr – Jahre. Das ist nicht ganz kurz …. Was auffällt ist, dass die offiziellen Vertreter dieser religiösen Gemeinschaften in der Vergangenheit noch niemals ernsthaft versucht haben, sich alle an einem Ort zu versammeln, um herauszufinden, worin denn möglicherweise die Gemeinsamkeit ihres Gottesglaubens besteht. Alle verhalten sich so, dass nur gerade sie selbst das ‚wahr Wissen‘ von Gott hätten und alle anderen unterschiedlich stark ‚verirrt‘ sind. In der menschenfreundlichen Variante ‚verzeiht‘ man den anderen ihren Irrtum und hofft darauf, dass die anderen ihren Irrtum eines Tages ‚einsehen‘ und sich dem ‚wahren Glauben‘ zuwenden. In der menschenunfreundlichen Variante erklärt man die ‚Anderen‘ zu ‚Verrätern‘, zu ‚Gefallenen‘, zu ‚Feinden‘, zu ‚Ungläubigen‘, die man bestrafen muss bis hin zur körperlichen Ausrottung.

5. Wenn das mit ‚Gott‘ Gemeinte wirklich so wichtig ist, wie die verschiedenen Vertretern der Religionen offiziell behaupten, dann verwundert es, warum keiner ernsthaft und aufrichtig die Frage stellt, wie Menschen denn überhaupt feststellen können, ob ein bestimmter Glaube an einen Gott ‚zutreffend’/ ‚wahr‘ ist oder nicht. Wenn man sieht, mit wie viel wissenschaftlichem Aufwand die Menschheit seit ca. 500 Jahren das innere der Natur und die Tiefen des Weltalls erforscht (mit atemberaubenden neuen Einsichten), dann überrascht es doch sehr, wie wenig die offiziellen Vertreter der vielen Religionen tun, um die Einsichtigkeit, die Verstehbarkeit, das Zutreffen ihren jeweiligen Gottesglaubens aufzuhellen.

6. Was tun die verschiedenen Vertreter der verschiedenen Religionen, wenn sie für ‚ihren Glauben‘ ‚werben’/ ‚missionieren‘? Wieweit hat der einzelne Umworbene eine reelle Chance, sich selbständig ein Urteil, eine Meinung zu bilden, frei, ohne psychologische Manipulationen?

7. Warum ist es so unmöglich, dass alle Religionen gemeinsam der Frage nachgehen, was an ihrem jeweiligen Glauben an Gott ‚gemeinsam‘ ist, ‚allen Menschen zugänglich‘, von ‚allen Menschen erfahrbar‘, von ‚allen Menschen verstehbar‘?

8. Die vielen sogenannten religiösen Konflikte in der Vergangenheit hatten sehr oft (meistens? immer) auch mit ‚Macht‘ zu tun, mit ‚Vorherrschaften‘, ‚Gebietsansprüchen‘, ‚wirtschaftlichen Vorteilen‘ und dafür war es wichtig, dass Religion nicht zu ‚empirisch‘, nicht zu ‚individuell‘, nicht zu ‚wahr‘ war, sondern zu Ritualen erstarrt waren, leicht indoktrinierbar und manipulierbar, so dass die Menschen nicht aus eigenem Urteil handelten, sondern als gelenkte Masse, die den steuernden Eliten Macht, Reichtum und (zweifelhafte) Ehre verschafften.

9. Im Kontrast dazu waren religiöse Menschen wie Buddha oder Jesus von Nazareth friedlich, menschenliebend, ohne einen Machtapparat, ohne Aufbau einer Organisation, ohne Unterwerfungsrituale, ohne Bevorzugung bestimmter Menschen, ohne Verurteilung anderer usw.

10. Nochmals, es fällt auf, wie extrem unkritisch offizielle Vertreter von Religionen sich selbst gegenüber sind. Obwohl wir seit Jahrhunderten immer besser verstehen, wie unser Wissen funktioniert, wie leicht und vielfältig jeder Mensch irren kann, wie oft große Irrtümer in die Welt kamen, weil bestimmte Meinungen lange nicht richtig überprüft wurden, ist nicht zu erkennen, dass die offiziellen Repräsentanten der großen Religionen ernsthaft vorstellen können, dass sie ‚irren‘ könnten. Diese Möglichkeit wird von vornherein kategorisch ausgeschlossen, obwohl nichts sicherer ist als dieses, dass jeder Mensch irren kann und sich auch im Laufe seines Lebens sehr oft irrt. In gewisser Weise ist ’sich Irren‘ auch eine Voraussetzung, um zu einem tieferen Verständnis zu kommen, vorausgesetzt, man erkennt seinen Irrtum.

11. Würden die offiziellen Vertreter von Religionen grundsätzlich einräumen, dass auch sie irren können, dann müssten sie ein großes Interesse daran haben, sich mit den anderen Religionen darüber auszutauschen, was denn die gemeinsamen Glaubensinhalte sind, wie sie erkennbar sind, wie sie verstehbar sind, wie sie gegen Missdeutungen geschützt werden können, und wie man sie heute in einer veränderten und sich beständig weiter veränderten Welt leben sollte. Und die religiösen Vertreter würden nicht nur ‚unter sich‘ darüber reden, sondern ‚mit allen‘, da jeder Mensch dazu wertvolle Beiträge liefern könnte.

12. Aktuell erwecken alle größeren Religionen eher den Eindruck, dass Hass, blinde Ideologien, Sprachlosigkeit (und große Unwissenheiten) die Gemüter beherrschen und dass die Sache mit Gott – sollte es ihn geben – irgendwo im Hintergrund vor sich hinwest; niemand scheint ein ernsthaftes Interesse an der ‚Sache Gottes‘ in dieser Welt zu haben. Der Umfang und die Bedenkenlosigkeit, mit der gegenwärtig in so vielen Ländern dieser unserer Welt Menschen gequält, verfolgt, unterdrückt, gegängelt, gefoltert und getötet werden, ist beispiellos. Wenn dies alles aus dem ‚Gottesglauben‘ der aktiven Menschenschänder folgt, dann brauchen wir diesen Gottesglauben eher nicht. Er hat auch nicht im entferntesten irgendetwas mit dem ‚Gott‘ zu tun, an den ich glaube, und von dem ich weiß, dass er alles erfüllt – sofern sich Menschen nicht explizit gegen sich selbst und gegen die Welt stellen, die sie hervorgebracht hat. Darin liegt eine tiefe Paradoxie: an der Stelle, wo das Leben in diesem Kosmos eine Form angenommen hat (homo sapiens), die sich sogar explizit gegen sich selbst wenden kann und sich dadurch – im positiven Fall – in einer bislang nie dagewesenen Eigenständigkeit ‚für etwas‘ entscheiden kann, an dieser Stelle finden wir nicht nur ’neues Licht‘ sondern auch viel ’neuen Schatten‘.

13. Mit der neuen Qualität des ‚eigenen Entscheidens‘ gewinnt das ‚mögliche Böse‘ in dieser unserer Welt eine ganz neue Wirklichkeit: diese neue Form der Freiheit — realisiert im hom sapiens — erlaubt es dem homo sapiens, sich auf der ganzen Breite gegen sich selbst, gegen das Leben im Universum, gegen das ganze Universum, und damit sogar gegen einen möglichen Gott zu wenden. Das ist potentiell das ‚totale Böse‘; die ‚Erfindung des Teufels‘ ist hier nur eine geschickte Ablenkung, eine billige Entschuldigung dafür, dass wir selbst genau das Böse verkörpern können, wenn wir unsere Grenzen, Schwächen und Fehler systematisch verleugnen.

14. Vor diesem Hintergrund ist die scheinbare Zunahme von religiösen Bewegung sehr zwiespältig: solange diese religiösen Bewegungen nicht wirklich wahrheitsfähig sind, ist mit Ihnen Intoleranz und eine ewige Menschen- und Lebens-verachtende Blutspur vorprogrammiert. Wer ernsthaft ‚wahrheitsunfähig‘ ist, der kann nur mit Verdrehungen und Lügen leben.

15. Die Deklaration der Menschenrechte 1948 und Gesellschaftsformen, die auf solchen Menschenrechten gründen, sind ein Lichtblick in der Geschichte des Lebens auf dieser unserer Erde (ohne dass damit schon die ‚perfekte‘ Form menschlicher Gesellschaften gefunden sein muss); die heute existierenden Religionen geben dagegen wenig Anlass, zu glauben, dass sie die tieferen Wahrheiten, die in und hinter den Menschenrechten stehen, auch nur ansatzweise verstanden hätten. Zumindest gibt es genügend offizielle Vertreter sowohl bei den Juden wie auch bei den Muslimen wie auch bei den Christen wie auch bei den …, die die Menschenrechte mit Füßen treten. Wie soll man dies deuten?

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AVICENNAS ABHANDLUNG ZUR LOGIK – Teil 1

VORGESCHICHTE

1. In einem vorausgehenden Beitrag Avicennas Metaphysik hatte ich meine erste Begegnung mit der Person und dem Werk Avicennas (Ibn Sina (980 – 1038)) geschildert. Nach einer ersten begeisterten Lektüre der ersten 100 Seiten gab es aber dann eine lange Unterbrechung; andere Dinge mussten getan werden und forderten meine ganze Kraft.

TEXT ÜBER LOGIK

2. Immerhin ist es mir in dieser Zeit gelungen, die englische Übersetzung eines Werkes von Avicenna über die Logik zu bekommen, eingeleitet und kommentiert von Faran Zabeeh (siehe Quellenangabe unten). Dieser Text lag seitdem die ganze Zeit auf meinem Nachttisch, um gelesen zu werden. Heute habe ich beschlossen, es mit der Lektüre zu versuchen.

GLAUBE UND WISSEN

3. In der vierseitigen Einleitung zum Text über die Logik ordnet Zabeeh Avicenna der Gruppe der islamischen Philosophen zu, die sich aus vielen verschiedenen Nationen rekrutieren. Ein gemeinsames Charakteristikum dieser islamischen Philosophen war es (hierin vergleichbar auch den christlichen Philosophen), die griechische Philosophie – vornehmlich Aristoteles (384-322 v. Chr.) – mit den Grundaussagen ihrer Religion entweder zu ‚harmonisieren‘ oder zu ‚verurteilen‘.

4. Zabeeh erwähnt beispielsweise einen Landsmann von Avicenna, den Theologen Ghazali (1058 – 1111), der sich z.B. die Frage stellte, wie man die religiöse Lehre der ‚Schöpfung aus dem Nichts‘ mit der griechischen Auffassung versöhnen könnte, das ‚Aus Nichts nichts entstehen kann‘. Ein anderer Punkt war die Verträglichkeit des Glaubens an ‚Wunder‘ mit dem Anspruch ‚wissenschaftlicher Erklärung aus Gründen‘, also ganz allgemein: das Verhältnis von ‚Glauben‘ und ‚rationale Vernunft‘ (Englisch: ‚reason‘). Ghazali selbst vertrat die Auffassung, dass eine Versöhnung zwischen Glauben und rationaler Vernunft letztlich nicht möglich sei, was schlecht sei für den Glauben.

5. Eine Gegenposition zu Ghazali wurde von dem spanischen (islamischen) Philosophen Averroes (Ibn Ruschd (1126 – 1198)) repräsentiert. Er sah eine Vereinbarkeit zwischen Aristoteles und dem Glauben dadurch, dass er die religiösen Texte nicht ‚wortwörtlich‘ interpretierte, sondern in ihnen auch eine ‚allegorisierende‘ Darstellungsweise sah, die einen breiteren Interpretationsspielraum bietet.

6. [Anmerkung: Averroes nimmt mit dieser Position eine spätere Entwicklung in der christlichen Bibelwissenschaft vorweg, die ca. 750 Jahre später damit begonnen hatte, die biblischen Texte von ihrer historischen Entstehung her kritisch zu lesen, und dann, auf dieser neu gewonnenen kritischen Basis, neu interpretieren zu können. Mit dieser ‚kritischen‘ Bibelwissenschaften wurde der Blick frei für das größere Ganze und viel weitreichenderen Interpretationen, als sie bis dahin möglich waren. Damit begann eine neue Theologie und eine Versöhnung von Glauben und Wissen wurde unbeschränkt möglich. Allerdings kam diese Entwicklung dann irgendwie wieder zum Stillstand, da ab ca. 1970 die gesellschaftliche Bedeutung der Religionen in den westlichen Ländern kontinuierlich abnahm und es immer weniger Wissenschaftler gab, die sich dieser Aufgabe auf hohem Niveau widmeten.]

WELTANSCHAULICH NEUTRAL: LOGIK

7. Neben den verschiedenen philosophischen Disziplinen Erkenntnistheorie, Metaphysik, Politik und Ethik, die alle irgendwie direkt in Wechselwirkung zu religiösen Auffassungen treten konnten, gab es eine Disziplin, von der selbst ein philosophie-kritischer Theologe wie Ghazali sagte, sie sei weltanschauungsmäßig neutral: die Logik.

8. Zur antiken Logik (Lateinisch: ‚logica vetus‘) gibt es in der deutschen Wikipedia einen sehr guten ersten Überblick.

9. Während die meisten islamischen Philosophen und Wissenschaftler sich – wie auch die christlichen – im Kommentieren und Interpretieren der aristotelischen Texte erschöpften, soll Avicenna streckenweise eine eigenständige Position bezogen haben (vgl. Zabeeh, S.3). Die vorliegende Abhandlung ‚Danesh-Name Alai‘ ist einer von vier Texten, in denen Avicenna über Logik schreibt; sie alle ähneln sich sehr. Der vollständige Text von ‚Danesh-Name Alai‘ ist eine komplette Enzyklopädie mit den Themenbereichen ‚Logik‘, ‚Metaphysik‘, ‚Naturphilosophie‘, ‚Geometrie‘, ‚Astronomie‘ und ‚Musik‘. Im vorliegenden Text geht es nur um den Teil der Logik.

AVICENNA (AUTO-)BIOGRAPHIE

10. Es folgt dann eine Übersetzung der Autobiographie von Avicenna, vollendet von seinem langjährigen Schüler Abu-Abid Gorgani. Lässt man die Details weg, dann zeigen sich folgende große Linien. (i) Aufgrund der herausgehobenen Position seines Vaters konnte Avicenna sich von ’sehr frühen Jugendjahren an‘ bis zu seinem 21.Lebensjahr vollständig dem Lernen und Experimentieren widmen, dies unterstützt durch sehr kundige Lehrer und fürstlichen Bibliotheken. So kam es, dass er (ii) schon mit 18 Jahren von sich sagen konnte, er habe alle Wissenschaften vollständig gelernt, hatte in dieser Zeit auch schon mehrere Bücher verfasst und begann dann (iii) ein Leben als hoher Beamter und Mediziner an verschiedenen Fürstenhäusern. Obgleich er immer sehr belastet war, setzte er seine Studien kontinuierlich (meist Nachts) fort und schrieb eine Unzahl von Büchern, oft mehrbändig.

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QUELLEN

Avicenny, ‚Avicennas Treatise on Logic‘. Part One of ‚Danesh-Name Alai‘ (A Concise Philosophical Encyclopedia) and Autobiography, edited and translated by Farang Zabeeh, The Hague (Netherlands): Martinus Nijhoff, 1971. Diese Übersetzung basiert auf dem Buch ‚Treatise of Logic‘, veröffentlicht von der Gesellschaft für Nationale Monumente, Serie12, Teheran, 1952, herausgegeben von M.Moien. Diese Ausgabe wiederum geht zurück auf eine frühere Ausgabe, herausgegeben von Khurasani.

Digital Averroes Research Environment

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ZUM ‚KERNGESCHÄFT‘ VON WEIHNACHTEN

Letzte Änderung: Korrektur in Nr.8, 26.Dez.2013
Letzte Änderung: Neuer RUM-Song zum Thema am Schluss des Artikels

1) Kommen wir gleich zur Sache. Was immer wir heute mit ‚Weihnachten‘ verknüpfen (Familienfeste, Geschenke einkaufen, Gänsebraten, Weihnachtsmusik, Christbaum, Weihnachtsmann, Weihnachtspost, Christkind, Christmette, …..) alles geht irgendwie — und nicht immer klar nachvollziehbar — zurück auf die biblischen Texte über die Geburt Jesu.
2) In zwei Texten der sogenannten ‚Evangelien‘ (Lukas- und Matthäusevangelium) finden sich Abschnitte, die wie eine einheitliche ‚Geschichte‘ daherkommen.
3) Nach heutigem Wissenstand (Ausschnitt) wurden diese Texte viele Jahrzehnte NACH dem Tode des Menschen Jesus von Nazareth aufgeschrieben und noch viel später zur Sammlung der Texte des sogenannten ‚Neuen Testaments‘ hinzugefügt.
4) Aus den bisherigen wissenschaftlichen Analysen zu den sogenannten Weihnachtsgeschichten (Eine kleine Zusammenfassung findet sich hier) legt sich die Interpretation nahe, dass „… es sich um literarische Fiktionen handelt, mit denen die Gottessohnschaft Christi und sein Kommen in die Welt historisch und prophetisch glaubhaft gemacht werden sollen. Es solle vermittelt werden, dass es sich bei dem Gottessohn auf Erden ihrer Ansicht nach nicht um eine mythische Gestalt, sondern um eine wahrhaftig historische Gestalt gehandelt habe.“ (Wikipedia (DE)).
5) In den heutigen historisch-wissenschaftlich geschulten Ohren mag dies im ersten Moment ‚abwertend‘ klingen: ’nicht historisch‘, muss es aber nicht. Im Gegenteil, wenn deutlich wird, dass sich in diesen Formulierungen ein ‚Glaube‘ ausspricht, eine ’spezielle Sichtweise‘ auf die (höchst wahrscheinliche) historische Gestalt Jesus von Nazareth, dann wird dieser Glaube ’sichtbar‘, ‚anfaßbar‘, diskutierbar.
6) Dieser Glaube an Jesus als ‚Gottes Sohn‘ resultiert ja zunächst aus dem Leben und Sterben Jesu und den Erlebnissen, die die Menschen nach seinem Tod mit ihm verknüpft haben (Beispiel: das sogenannte ‚Bekehrungserlebnis‘ von Saulus zu Paulus). In den Jahrzehnten nach seinem Tode entstand und verbreitete sich die Überzeugung, dass er nicht nur ein Mensch gewesen ist, sondern zugleich auch der ‚Sohn Gottes‘. Im Lichte dieses entstehenden Glaubens wurden die Geburtstexte den Textsammlungen des Matthäus- und Lukasevangeliums hinzugefügt, quasi als ‚Erklärungen des Glaubens‘ zu den historischen Fakten. Dabei wurde — so erscheint es im Nachhinein — recht freizügig von allen möglichen historischen und alttestamentlichen Überlieferungen Gebrauch gemacht.
7) Dieser Glaube an die Gottesohnschaft Jesu von Nazareth wurde aber nicht nur in den Texten der Evangelien interpretierend eingebracht, sondern prägte die Diskussion in der damaligen Welt bis zum Konzil von Chalcedon 451. Auf diesem Konzil kam es dann zu einer Lehrentscheidung, die bis heute für die katholische, die orthodoxe, die evangelische und die anglikanische Kirche gleichermaßen ein Fundament des offiziellen kirchlichen Glaubens zur Person Jesu von Nazareth darstellt. Es finden sich darin Aussagen wie die, dass Jesus „wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch“ war, „derselbe, aus Vernunftseele und Leib, wesensgleich dem Vater der Gottheit nach, wesensgleich uns derselbe der Menschheit nach, in allem uns gleich außer der Sünde, vor Weltzeiten aus dem Vater geboren der Gottheit nach, in den letzten Tagen derselbe für uns und um unseres Heiles willen [geboren] aus Maria, der jungfräulichen Gottesgebärerin, der Menschheit nach“.(vgl. Wikipedia (DE)).
8) Der einzige Begriff in diesen Formulierungen, dem man eine fassbare Bedeutung geben könnte, wäre der einer ‚Geburt durch eine Jungfrau‘; da aber die sogenannten Geburtsgeschichten im Lichte der heutigen Erkenntnis einen späten, nicht-historischen Eintrag in die Texte über Jesus bilden, der mit starken Symbolen versucht, die Sicht des Glaubens in der realen Welt aufleuchten zu lassen, ist die Aussage über die Jungfräulichkeit der Mutter Jesu tendenziell eher theologisch interpretierend zu sehen und nicht historisch. Denn, ob die Mutter Jesu bei der Geburt tatsächlich Jungfrau war, wissen wir historisch nicht wirklich und würde eigentlich der Annahme des Dogmas, von Jesus als ‚ganzem Menschen (außer der Sünde)‘ eher weniger gerecht (außerdem kann die heutige Medizintechnik eine quasi Jungfrauengeburt vollbringen, so dass die Betonung einer Jungfrauengeburt ein Detail ist, was den Glauben an die Gottessohnschaft Jesu eher behindert als befördert).
9) Alle anderen Begriffe wie z.B. ‚Gott‘, ‚Vernunftseele‘, ‚Vater der Gottheit‘, ‚Sünde‘ haben keinerlei fassbare Bedeutung (was kein Widerspruch zur Tatsache ist, dass es in diesen Jahrhunderte Texte gab, die diese Begriffe verwendet haben). Die ‚Formel von Chalcedon‘ ist daher als Ganze eher nichtssagend, es sei denn, man macht sich die Mühe, darüber nachzudenken und zu prüfen, ob man diesen Worthülsen irgendeinen ‚Sinn‘ verleihen könnte.
10) Für uns Menschen mit einem konkreten Körper bleiben zur Konstruktion möglicher Bedeutungen nur die Mittel, die wir haben. Hier beginnt dann Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Spiritualität.
11) Heute, 2013, wissen wir Anderes und denken wir Anders als in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung, bei aller Konstanz der zugrundeliegenden Prinzipien von Natur, Körper und Denken.
12) Während das Gespräch zur Frage, was der ‚Mensch‘ sei oder wer ‚Gott‘ sein könnte, in den vergangenen Zeiten mangels Wissen schnell zum Stillstand kommen musste, können wir heute deutlich mehr sagen, wenngleich vermutlich auch nur ein ‚Fragment‘, aber ein Fragment was erheblich umfangreicher, detaillierter ist und zudem eingebettet in eine historische Dimension, die vom ‚Beginn‘ der Entstehung des heute bekannten Universums bis in die Gegenwart reicht; aber nicht nur das, wir können sogar in bestimmten Punkten begründet über die Gegenwart hinaus ’schauen‘. Die biblischen Bilder der beiden alttestamentlichen Schöpfungsberichte wirken dagegen blass, naiv, irgendwie ‚kindlich‘, und können ihr ‚Nichtwissen‘ über die Welt, das Leben auf der Erde und ‚Gott‘ in keiner Weise verbergen. Dennoch sind sie Zeugnisse vom Willen der Menschen, in ‚Allem‘ einen möglichen ‚Zusammenhang‘ sehen zu können.
13) Die Summe des heutigen Wissens hat u.a. den eigentümlichen Effekt, dass wir unser eigenes individuelles Wissen, das im Gehirn stattfindet, mittlerweile nicht nur als ’subjektives Erleben‘ anschauen können, sondern mehr und mehr auch in seiner körperlichen Bedingtheit (das Gehirn berechnet aus den Körperdaten ein ‚Modell‘ des eigenen Körpers in einer räumlichen Welt) wie auch in seinem biologischen Gewordensein (biologische Evolution, dazu chemische Evolution, dazu physikalische Evolution…).
14) Wenn wir also heute über ‚Mensch‘ und ‚Gott‘ (und auch ‚Seele‘) sprechen wollen, dann können wir dies innerhalb des überwältigenden zeitlich-materiellen Prozessgeschehens, wo sich immer mehr alle Gegensätze aufzuheben scheinen: Materie ist eine Zustandsform von Energie, Geist ist eine Funktion von energetischen Zuständen, alles kommuniziert mit allem im quantenphysikalischen Raum, usw.
15) Der scheinbare ‚Ausverkauf‘ der alten Begriffe, ihr scheinbarer ‚Bedeutungsverlust‘, ist nur so lange ein Problem, als man sich an die alten Worthülsen wie ein Schiffbrüchiger des Verstehens klammert, anstatt den Blick hinzuwenden zu dem nahen Ufer des überbordenden Wissens eines werdenden Ganzen von unermesslichem Reichtum. Die Begriffe des Konzils von Chalcedon sind ‚leer‘ (Worthülsen), das heutige Wissen ist überbordend an möglichen Bedeutungen, nicht nur rein ‚begrifflich‘, sondern auch als ‚Realität‘, auch im möglichen ‚Erleben‘.
16) Dass es keinen wirklichen ‚Tod‘ geben kann, dass alles Leben Teil des großen Ganzen ist, dass ‚Gott‘ allem jederzeit ’nahe‘ ist, ‚erfahrbar‘ usw., ergibt sich heute aus der modernen Wissenschaft quasi als ‚Abfallprodukt‘; nur, wer will es wissen? Ist es nicht viel einfacher und schöner, seinen eigenen Lieblingsideen zu huldigen? Die kennt man, die sind ‚beherrschbar‘, die kann man nach Belieben manipulieren, die kann man nicht wirklich widerlegen…. Die große Angst, die Sicherheit sucht, scheint bereit zu sein, lieber Un-Sinn zu glauben, als in einer umfassenden Wahrheit die eigene Existenz neu zu finden. Ein Effekt von ‚Spiritualität‘ besteht darin, jenes existentielle Vertrauen in einem Menschen zu ermöglichen, das man benötigt, um aus der eigenen Lüge auszuziehen und in dem Haus der Wahrheit eine neue Wohnung zu finden.

Hier ist ein Song mit dem Titel Jesus and God. Dieser Song entstand auch nach der Methode ‚Radically Unplugged‘.

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REDUKTIONISMUS, EMERGENZ, KREATIVITÄT, GOTT – S.A.Kauffman – Teil 7

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Letzte Änderungen: 22.April 2013, 08:18h

KAUFFMANS GOTTESBEGRIFF

1. In den folgenden Kapiteln 14-19 spekuliert Kauffman auf der Basis des bislang Gedachten. Das Kapitel ‚Living in Mystery‘ (etwa ‚Leben im Geheimnis‘) SS.230-245 beginnt er mit der zusammenfassenden Feststellung, dass nach den vorausgehenden Untersuchungen die gesamte bisherige – biologische wie auch kulturelle – Geschichte ’selbst-konsistent‘ (’self-consistent‘) sei, ‚ko-konstruierend‘ (‚co-constructing‘), ‚evolvierend‘ (‚evolving‘), ‚emergent‘ und ’nicht voraussagbar‘ (‚unpredictable‘).(vgl. S.231) In allem erkennt er eine fortschreitende ‚Individualisierung‘ (‚individuation‘) von Teilsystemen und Prozessen mit kontinuierlichen Ausprägungen von ’selbst-konsistenten Zusammenfügungen von Gemeinschaften‘. Alle diese Prozesse geschehen ständig, ohne dass wir in der Lage wären, sie mit den bekannten physikalischen Gesetzen hinreichend beschreiben zu können. (vgl. S.231) Für all dieses Geschehen, in dem er eine spezifische ‚Kreativität‘ am Werke sieht, führt er seinen Begriff von ‚Gott‘ (‚god‘) ein als eine Art technischen Begriff für das Ganze. (vgl.S.276) Und unter Voraussetzung dieses seines speziellen Gottesbegriffs führt er dann als weiteren technischen Begriff den Term ‚Heilig(es)‘ (’sacred‘) ein mit der Bemerkung, dass wir mit unserer Entscheidung (‚our choice‘) das ‚Heilige‘ im Universum und seinem Werden hochhalten (‚hold‘). (vgl. S.232,)

KRITISCHE ANMERKUNGEN ZU KAUFFMANS GOTTESBEGRIFF

2. [Anmerkung: Dieses Vorgehen ist schon etwas merkwürdig. Einerseits beteuert Kauffman dass er mit Glauben und Religion nichts zu schaffen habe, andererseits versucht er hier den historisch gewaltig aufgeladenen Begriff ‚Gott‘ in diesem neuen Kontext mit seiner Bedeutung zu etablieren, zusätzlich ergänzt um den nicht weniger aufgeladenen Begriff ‚heilig’/ ‚Heiligkeit‘. Warum tut er das? Wenn ihm die bisherigen Glaubenstraditionen egal wären, gäbe es eigentlich keine Motivation, Begriffe wie ‚Gott‘ bzw. ‚heilig‘ in diesen Kontexten zu erwähnen. Wenn er es aber dennoch tut, scheinen ihm diese Begriffe wichtig zu sein. Irgendwie verbindet sich für ihn mit den Begriffen ‚Gott‘ und ‚heilig‘ etwas, was er mit den für ihn spannendsten Eigenschaften dieser Welt verknüpft sehen will. Ich selbst bin 1990 aus der katholischen Kirche ausgetreten, da ich mit ihrer Art den Glauben an das Ganze zu vermitteln, einfach nicht mehr einhergehen konnte. Andererseits sind für mich die verschiedenen religiösen Traditionen (jüdisch, jüdisch-christlich, jüdisch-christlich-islamisch,…) trotz all ihrer Unvollkommenheiten nicht grundsätzlich etwas ‚Schlechtes‘, transportieren sie doch in ihrer geschichtlichen Konkretheit wertvolle menschliche Erfahrungen, von denen wir alle lernen können, sofern wir unser kritisches Denken dabei nicht ausschalten. Und mit Blick auf diese Traditionen muss man sagen, dass es hier Bilder und Überlegungen zu dem Begriff ‚Gott‘ gibt, die mit den Überlegungen von Kauffman vollständig kompatibel sein können; man könnte die Überlegungen von Kauffman ohne weiteres als eine Art weiterführenden Beitrag zum Thema sehen. Ein christlicher Theologe wie Teilhard de Chardin (1881 – 1955) war – trotz seiner beständigen Unterdrückung durch das kirchliche Lehramt – sehr nahe bei den Sichten, die Kauffman propagiert; in gewisser Weise vielleicht sogar weiter, wenngleich im technischen Detail natürlich – zeitbedingt – nicht so weit wie Kauffman. Kurzum, mir scheint dass Kauffman entweder das Thema ‚Gott‘ aus seinen Überlegungen heraushalten sollte (wenn Religion doch so unwichtig ist) oder aber, wenn er doch historisch so aufgeladene Begriffe wie ‚Gott‘ und ‚heilig‘ benutzt, sich die Mühe machen müsste, seine Art der Verwendung dieser Begriffe mit den in diesen gewachsenen Traditionen gebräuchlichen Verwendungen abzugleichen. Die wissenschaftliche Redlichkeit, um die er sich ansonsten immer bemüht, gebietet dies. Seine seltsam ‚verdrängende‘ Vorgehensweise im Gebrauch der Begriffe ‚Gott‘ und ‚heilig‘ erscheint mir von daher – so stimulierend diese Gedanken sind – wissenschaftlich unredlich und damit der schwächste Teil seines ganzen Buches. Nicht nur das, indem er diese Dimension seines Buches nahezu vollständig ausklammert beraubt er sein Buch einer wichtigen möglichen Wirkkomponente: die große Schwäche der religiösen Traditionen Judentum, jüdisches Christentum, jüdisch-christlicher Islam heute besteht nach meiner Wahrnehmung darin, dass sie die gesamten modernen Entwicklungen mehr oder weniger vollständig ausgeklammert haben. Ein konstruktiver Brückenschlag zwischen Erkenntnissen, wie sie Kauffman kommuniziert und diesen Positionen könnte ‚belebend‘ sein für beide Seiten. Dies setzt allerdings voraus, dass man die religiösen Traditionen nicht als vollständigen Unsinn abtut sondern in ihrem ‚Kern‘ eine empirisch vollziehbare Gottesbeziehung erkennt und für möglich hält, die jedem Lebewesen, ja dem ganzen Universum ‚innewohnt‘. Es ist für mich eine offene Frage, ob es irgend einen offiziellen religiösen Repräsentanten gibt, der in diesem radikalen Sinne ‚an Gott glaubt‘ – oder verbirgt sich hinter der ‚religiösen Fassade‘ letztlich ein abgrundtiefer Unglaube? Wirklich entscheiden werden wir diese Frage nie können. Es bleibt uns letztlich nur eine ‚Vertrauen‘ in den anderen, eine Art von ‚Glauben‘, der natürlich enttäuscht werden kann. Jede Art von Radikalismus ist hier fehl am Platz.]

PRINZIPIELL UNVOLLSTÄNDIGES WISSEN

3. Auf den SS.232-235 folgen dann verschiedene Überlegungen, in denen er unterschiedlichste Autoren zitiert (u.a. T.S.Eliot, Plato, Aristoteles, Newton, Carl Jung, Paul Dirac, Nietzsche) und das ‚Deep Blue‘ Computerprogramm von IBM, das den damaligen Schachweltmeister Gary Kasparow schlagen konnte. Alle diese Stellen sollen illustrieren, dass und wie wir mit einem begrenzten Wissen in einer offenen, sich beständig wandelnden Situation agieren.
4. Es folgt dann ein etwas systematischerer Abschnitt SS.236-245, in dem er anhand einer spieltheoretischen Situation illustriert, wie zwei Spieler sich wechselseitig hochschaukeln können, indem sie nach und nach jeweils ein ‚Modell des Anderen‘ konstruieren, das sie in ihren Entscheidungen leitet. Jede Ereigniskette, die solche Akteure als Produzenten enthält, verliert damit auf Dauer ihren ‚zufälligen‘ Charakter. Andererseits ist es so, dass die Verhaltensweisen solcher ‚lernfähiger‘ Akteure nicht ‚konstant‘ ist, sondern sich aufgrund ihrer aktiven Modellbildungen beständig verändert. D.h. adaptive Rationalität selbst ändert die erfahrbare Rationalität der Wirklichkeit. Und folgerichtig stellt Kauffman die Frage, was es denn heißt, ‚vernünftig‘ (‚wisely‘) zu handeln, wenn wir nicht nur das Ganze noch nicht kennen, sondern durch unser eigenes Verhalten das Ganze beständig verändern? (vgl. S.244) Und er kommt aufgrund wissenschaftlicher Überlegungen zu dem bedenkenswerten Schluss: „Das, was wir brauchen, um unser Leben zu leben, ist Glauben (‚faith‘); bei weitem wichtiger als Wissen (‚knowing‘) oder Erkennen (‚reckoning‘).“ (S.244) Und diese Art zu glauben ist ein biologisches Phänomen, eine inhärente Eigenschaft biologischer Lebensformen, die auf dieser Erde entstanden sind. (vgl. S.245)

DIE ZWEI KULTUREN (und Religion)

5. Auf den folgenden Seiten SS.246-254 variiert Kauffman diese Gedanken weiter anhand der kulturellen Aufspaltung in Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft, wie sie Europa – und dann auch andere Teile der Erde – seit dem Aufkommen der modernen empirischen Wissenschaften charakterisiert und prägt. Angesichts der von ihm herausgearbeiteten grundsätzlichen ‚Kreativität‘ des ganzen Universums und des evolutionären Geschehens auf der Erde, hält er diese Aufspaltung für nicht mehr gerechtfertigt. Mit zahlreichen Zitaten von diversen Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern versucht er zu unterstreichen, dass die ‚Kunst‘ letztlich zum inneren Prinzip des kreativ-evolutionären Geschehens gehört. Wie zuvor aufgezeigt stößt die menschliche Vernunft beständig an ihre Grenzen, die sie nur überwinden kann, wenn sie diese Grenzen akzeptiert und sie durch ein geeignetes kreativ-koevolutionäres Verhalten ‚erweitert‘ und so dem Werden des je Unbekannten Raum gibt.
6. Verräterisch ist, wenn Kauffman zu Beginn dieses Kapitels hervorhebt, dass man jetzt mit einem Gottesbegriff leben kann, den ‚wir selber erfunden haben‘ (‚our own invention‘).(S.246) Damit bestätigt er indirekt die oben von mir geäußerte Vermutung, dass er die ‚älteren Verwendungsweisen des Begriffes ‚Gott“ als unangemessen ablehnt. [Anmerkung: Hier baut Kauffman einen Gegensatz auf, der so meines Erachtens nicht nur unnötig, sondern sogar falsch ist. Noch mehr, er vergibt sich die Chance, zu zeigen, dass auch die traditionellen jüdisch-christlich-islamischen Verwendungsweisen des Wortes ‚Gott‘ historisch gewachsen sind, dass sie sich kreativ-koevolutiv im Wechselspiel von menschlichem Leben und umgebender sich ereignender Geschichte ‚entwickelt‘ haben. Und dass gerade diese Entwicklung der verschiedenen Verwendungsweisen des Begriffs ‚Gott‘ in dramatisch wissenschaflich-künstlerischer Weise dokumentieren, wie hier der menschliche Geist damit ringt, trotz seiner konkreten und historischen Begrenztheiten das je Größere zu ahnen, irgendwie doch zu fassen, irgendwie doch das je Größere Absolute Transzendente in die endliche Konkretheiten einer historisch bedingten Körperlichkeit zu ‚übersetzen‘. Wer in den Wörtern der ‚heiligen‘ Texte immer nur die historischen Bedingtheiten, die zeitlich bezogenen Konkretheiten sieht, der verweigert diesen Texten genau die Ehrfurcht, die Weite, die Tiefe, die Großzügigkeit, den Mut, die transzendierende Mystik, die in ihnen ‚lebt‘, sich Ausdruck gesucht hat. Natürlich ist dieser ‚weitere, tiefere‘ Blick nicht logisch zwingend, nicht deduktiv absolut herleitbar (was manche immer wieder glauben), aber Kraft der transzendenten Wahrheit, die in jedem menschlichen Erkennen lebt, kann sie jeder ’sehen‘, wenn er will, und, vor allem, er kann sie mit seinem eigenen Leben ‚ausprobieren‘; dies nennt man dann entweder ‚Künstlersein‘ oder ‚religiös sein‘, gespeist von Kreativität und Glauben, oder beides in einem. Es ist sehr schade, dass Kauffman diesen tieferen und umfassenderen Zusammenhang offensichtlich nicht sieht. Dies kann u.a. daran liegen, dass die offiziellen religiösen Gemeinschaften den tieferen ‚Schatz ihrer eigenen Überlieferung‘ oft nicht voll verstehen und dass die sogenannten ‚geistlichen Führer‘ weniger ‚geistliche‘ Führer sind sondern Machtmenschen und Geschäftsleute, die ihre sehr persönlichen Vorteile in allem suchen. Die innere Freiheit des Geschehens kann solchen Missbrauch nicht verhindern und kann dann zur Abkehr von sehr vielen Menschen von den religiösen Traditionen führen. Schon ein Jesus von Nazareth hatte den Unterschied zwischen ’sich religiös geben‘ und ‚tatsächlich religiös sein‘ sehr klar erkannt und benannt.]

FÄHIG ZUM BÖSEN

7. Auf den SS.255-258 verweist Kauffman auf das Faktum, dass wir Menschen als konkreter Teil einer konkreten Evolution aufgrund unserer limitierten Ausstattung sehr vieles falsch machen können und auch schon falsch gemacht haben. zusätzlich haben wir Bedürfnisse, Emotionen, Motivationen die sehr partikulär sein können, sehr egoistisch und sehr, sehr grausam. Die Technologien der Zerstörung (und des Tötens) gehören immer mit zu den am weitesten entwickelten. Ob und wie wir diese destruktiven limitierenden Kräfte auf Dauer hinreichend konstruktiv einbinden können muss die Zukunft zeigen.

ETHIK

8. Ein Hauptthema des Buches von Kauffman war und ist der Versuch, aufzuzeigen, dass der sogenannte ‚Reduktionismus‘ aller Phänomene auf einen ‚Physikalismus‘ nicht haltbar ist. Ein zentrales Argument innerhalb dieses Aufweises ist die Behauptung, dass die meisten für uns Menschen interessante Phänomene der Evolution ‚emergenter‘ Natur sind, d.h. sich in ihrer Komplexität nicht aus den physikalischen Bestandteilen als solchen erschließen. Innerhalb dieser emergenter Phänomene gibt es das, was Kauffman ‚Agentenschaft‘ (‚agency‘) nennt, und verbunden mit der Agentenschaft, die Fähigkeit, bestimmten Vorkommnissen nicht nur allgemein eine ‚Bedeutung‘ zuzuweisen, sondern sogar eine ausgezeichnete Bedeutung im Sinne eines ‚Wertes‘: ein Vorkommnis x hat einen bestimmten ‚Wert‘ v mit Bezug auf einen ‚lebensrelevanten‘ Faktor L. D.h. innerhalb der biologischen Evolution haben sich Strukturen entwickelt, für die die wahrnehmbare Welt nicht ’neutral‘ ist, sondern ‚wertig‘; es gibt Ereignisse die mit Bezug auf das ‚Überleben‘ der Art ‚relevant‘ sind, ‚bedeutungsvoll‘, ‚wichtig‘.(vgl. S.259)
9. [Anmerkung: Man muss also sagen, dass es zum ‚Auftreten‘ des ‚Lebens‘ auf dieser Erde gehört, dass das Leben ‚als Teil von sich‘ bestimmte Ereignisse/ Eigenschaften dieser Welt als ‚wertvoll‘ erlebt. Oder, anders ausgedrückt, das Leben definiert sich wesentlich dadurch, dass es selbst einen ‚Wert‘ darstellt, der ‚von sich aus‘ ‚erhalten‘ sein will. Das Leben muss nicht künstlich irgendwelche Werte finden, derentwillen es sich lohnt zu leben, sondern das Leben als biologisches Phänomen ‚ist selbst der primäre Wert‘, um den es geht. Es existiert nur, weil es in dieser Form vom ‚Kosmischen Gesamtzusammenhang‘ Erde – Sonnensystem – Milchstraße – Universum in dieser Besonderheit ‚induziert‘ wurde und sich in Form dieser Besonderheit entwickeln konnte. Eine Alternative ist praktisch nicht möglich, da die Alternative vom kosmischen Gesamtzusammenhang her nicht unterstützt wird! Alle Atome, Moleküle, die sich nicht ‚in der Weise verhalten‘, wie es vom kosmischen Gesamtzusammenhang ‚belohnt‘ wird, haben keine Existenzmöglichkeit!!! Damit erscheint das Leben, so, wie es sich im kosmischen Gesamtzusammenhang entwickelt hat, als der einzige ‚fundamentale Wert‘, den wir bis heute kennen!!! Und natürlich liegt der Schluss nahe, dass sich aus diesem fundamentalen Wert (der sich aber nur den ‚im Leben befindlichen Akteuren‘ erschließt) alle anderen Werte ableiten lassen müssen.]
10. Im Lichte dieser fundamentalen Werteposition wundert es nicht, dass Kauffman zwei wichtige Positionen der heutigen Ethik kritisiert: den ‚Deontologismus‘ und den ‚Konsequentialismus‘. (vgl. S.259).
11. Sein Hauptargument besteht darin, dass unser moralisches Empfinden und unser Wertesystem sich erst in der Evolution und der zugehörigen Kultur ‚entwickelt‘ hat und dass von daher die Bezugnahme auf eine höheres, absolutes moralisches Fühlen im Sinne eines Deontologismus (sich verpflichtet fühlen) bzw. eines die Folgen des Handelns Bedenkens im Sinne eines Konsequentialismus ohne die Berücksichtigung der Entstehung und ihres jeweiligen Kontexts keinen Sinn macht. (vgl.S.259f)
12. Kauffman illustriert diese Kernthese mit vielen Zitaten (vgl. SS.260-266) und ergänzt den Entwicklungscharakter der Ethik noch um den Aspekt er formalen Unabgeschlossenheit (Gödels Theorem) jeglichen möglichen ethischen Systems. (vgl. S.266) [Anmerkung: Diese formale Unabgechlossenheit ergibt sich u.a. aus der evolutiven Entstehung des Wertesystems bzw. aus der inneren Struktur des Lebens. Diese innere Struktur besteht prinzipiell im beständig über das Gegebene Hinausgehen mit einem – zum Zeitpunkt des Darüberhinausgehens – unvollständigen Wissen! D.h. das ‚Innovative‘ am Leben ist seine ‚Kreativität‘ und die Fähigkeit, sich selbst permanent ‚transzendieren‘ zu können. Die Struktur des Lebens ist – was viele Philosophen früher auch schon erkannt hatten, ohne den Mechanismus der Evolution zu verstehen – in sich so, dass die ‚Erfüllung‘ des Lebensprozesses nur möglich ist, indem sich die bestehenden Strukturen mit etwas ‚außerhalb ihrer selbst‘ ‚verbinden‘!! Zum Zeitpunkt des Lebens ist dem jeweiligen lebenden System aber nicht vollständig klar, was dies genau ist; es erlebt sich selbst allerdings in einer ‚prinzipiellen Unabgeschlossenheit‘ (eine mögliche Version von ‚Transzendentalität‘), durch die es ‚angetrieben‘ ist, das ’noch Fehlende‘ zu ‚finden‘!!!]
13. Aus diesen Überlegungen folgert Kauffman, dass es nicht ein einzelnes höchstes Gut gibt, sondern eher – entsprechend der Idee eines ‚Pareto Optimums‘ im Kontext der Pareto Effizienz (nicht zu verwechseln mit dem Pareto Prinzip) – viele verschiedene Dinge, die alle zugleich wichtig sein können, damit bestimmte Lebensprozesse funktionieren. Nicht die Luftreinheit alleine oder die Wasserqualität oder die Ressourcenschonung oder …. bilden biologisch relevante Werte, sondern das Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren in einem bestimmten Gleichgewicht. (vgl. S.266f). Es kann also nicht darum gehen einige wenige absolute Werte zu identifizieren und zu isolieren. Nein, die biologische Evolution wird kontinuierlich neue Werteensembles ’sichtbar‘ machen, deren Einhaltung und Zusammenspiel wichtig sind; diese Werte können und werden sich im Laufe der Zeit ändern. (vgl. S.271f)

GLOBALE ETHIK

14. Es liegt nahe, den Gedanken der Ethik in einem globalen Rahmen weiter zu denken. Viele Gedanken aus den vorausgehenden Kapiteln wiederholen sich hier (vgl. SS.273-280). Ausdrücklich genannt wird das Thema Vielfalt und Vermischung von Kulturen, globale Ressourcenknappheit, die Problematik verzerrter (fundamentalistischer) religiöser Richtungen und unser Missbrauch anderer Lebewesen für unsere Ernährung. Und er wiederholt auch das Problem der prinzipiellen Wissensgrenzen zu jedem Zeitpunkt bei gleichzeitiger Notwendigkeit, handeln zu müssen. Dieses wissens-unvollständige Handeln verlangt nach Werten, die nicht ‚partikulär‘ sein können. Wo sollen diese neuen Werte herkommen? Er hofft, dass seine Deutung der natürlichen Entwicklung mit seinem Begriff der ‚Kreativität‘ als ‚Heiligkeit‘ eine Art ’natürlichen Gottesbegriff‘ begründet, der als gemeinsamer Grund für alle dienen kann. (vgl. S.276, 280)
15. [Anmerkung: Hier wird unmissverständlich deutlich, dass Kauffman einen bestimmten globalen Zusammenhang voraussetzt, ganz bestimmte kulturelle Gegebenheiten, die in seinem Verständnis eine neue Weltsicht einschließlich einer neuen Ethik verlangen. Während er glaubt, dass dies möglicherweise durch bloße Einführung eines neuen Begriffs (‚God‘, ‚Sacred‘) gelingt, beschreibt er indirekt, dass sehr viele Menschen noch unter dem Eindruck der ‚alten Bilder und Interpretationen‘ stehen, die durch ihre Begrenztheiten ein ‚angemesseneres‘ Verhalten verhindern. Angesichts des Beharrungsvermögens, das psychische und kognitive Muster an den Tag legen, ist es eher unwahrscheinlich, dass die bloße Einführung einer neuen Deutung von ‚Gott‘ die Gewohnheiten von 2000 – 3000 Jahren einfach so ändern; sie sind im Alltag eingebettet und leben dort u.a. in Form von Gewohnheiten, Gebräuchen, Schriftstücken, und Gesetzen, die sich von alleine nicht ändern. Ihre ‚Faktizität‘ prägt aber täglich das Verhalten und damit das Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung. Durch diese Rückkopplung des subjektiven Erlebens und Denkens an objektive, soziale Tatbestände kann eine einschneidende Veränderung des Denkens von Dauer immer nur über eine entsprechende Änderung der realen Lebensverhältnisse führen. Die Geschichte hat Beispiele parat, wann und wie solche Prozesse stattgefunden haben.]

NOCHMALS GOTT

16. Auf den abschließenden Seiten SS.281-288 kulminiert nochmals das Denken von Kauffman in der Verwendung und Motivierung der Begriffe ‚Gott‘ und ‚Heilig‘, wie er sie eingeführt hat. Er nimmt ausdrücklich Bezug auf die jüdisch-christliche Traditionen, auch den Buddhismus, nicht aber auf den jüdisch-christlichen Islam. Er unterstreicht, dass eigentlich nur der Begriff ‚Gott‘ die kulturelle Kraft hat, die tiefsten und wichtigsten Überzeugungen der Menschheit zu repräsentieren. Er spricht von der Notwendigkeit von ‚Spiritualität‘ und auch von ‚Riten‘.
17. [Mit diesen vielfachen Wiederholung immer des gleichen Themas in den letzten Kapiteln manifestiert sich sowohl die Bedeutung, die Kauffman diesen Begriffen beimisst wie auch die Schwierigkeit, dieser Bedeutungschwere den angemessenen Ausdruck zu verleihen. Wenn man Kaufman auf all den Seiten seines Buches gefolgt ist, und schrittweise miterlebt hat, wie er sich seine eigene, neue Sichtweise mühsam gegen vielseitig gewohnte Sehweisen erkämpft hat, dann kann man ansatzweise nachempfinden, wie das Neue nachhallt und sich zugleich immer mehr Perspektiven auftun, neue Ansatzpunkte greifbar werden, wo und wie man diese stimulierenden Gedanken weiterführen und möglicherweise sogar umsetzen kann. Jeder erlebt die Lektüre eines Buches notgedrungen im Lichte seiner eigenen Fragen und seines eigenen Wissens. Für mich war dies Buch eine Art ‚Katalysator‘ für sehr viele wichtige Gedanken und Perspektiven. In der nächsten Zeit werde ich mit Sicherheit darauf zurückkommen. ]

Ende der besprechenden Lektüre von Kauffman’s Buch ‚Reinventing the Sacred‘.

Ein Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER

Ich glaube an Gott, was brauch ich dann die (komplizierten) Wissenschaften?

(1) Während einer Geburtstagsfeier mit vielen Gästen (wo sonst…) nahmen die Gespräche zur fortgeschrittenen Stunde immer intensivere Verläufe. An einer Stelle sagte dann eine engagierte Frau, dass Sie an Gott glaube, an die Welt als Schöpfung; das gäbe ihr Kraft und Sinn; und so lebe sie es auch. Die Wissenschaft brauche sie dazu nicht; die sei eher verwirrend.

 

 

(2) Mit solch einem ‚Bekenntnis‘ ist das Wissen zunächst einmal ’neutralisiert‘; was immer Wissen uns über den Menschen und seine Welt sagen könnte, es findet nicht statt, es gibt kein Wissen mehr. Mögliche Differenzierungen sind wirkungslos, mögliche Gründe unwichtig; mögliche Infragestellungen, gedankliche Herausforderungen können nicht greifen; damit verbundene mögliche Spannungen, Erregungen können nicht stattfinden. Die Welt ist ‚wie sie ist‘, d.h. wie das aktuelle Wissen des so Glaubenden sie zeichnet. Alles hat seine Ordnung, eine Ordnung die sich nicht beeinflussen lässt durch Wissenschaft.

 

 

(3) In gewisser Weise hört nach einem solchen Bekenntnis jedes Gespräch auf. Man kann zwar noch weiter Reden, aber inhaltlich kann man sich nur noch auf wechselseitige Bestätigungen beschränken: Ja, ich sehe das auch so; ja, ich glaube das auch; ja, ich finde das gut;…. abweichende Meinungen haben streng genommen keinen Platz in diesem Gefüge…weil sie einfach ausgeblendet werden (Menschen mit mehr Aggressionspotential gehen dann allerdings zum ‚Angriff‘ über und versuchen, die ‚abweichende‘ Meinung nieder zu machen). Aber auch das ‚einfache Ausblenden‘ einer anderen Meinung, zu sagen, dass man abweichende Meinungen nicht hören will, ist eine Form der ‚Entmündigung‘ und damit eine Form von ‚Missachtung‘. Wahrheit ist dann nicht mehr möglich.

 

 

(4) Mich hat diese Einstellung geschockt. Wenn man weiß, auf welch schwankendem Boden jegliche Form von Wissen über uns, die Welt und Gott steht und wenn man weiß, wie viel Unheil über Menschen im Namen des Glaubens gekommen ist, weil die Gläubigen zu wissen glaubten, was wahr ist und in diesem Glauben tausende andere unterdrückt, verfolgt, gefoltert und getötet haben, weil sie auch glaubten, dass ihre Form des Glaubens über alle anderen Erkenntnisse und Wahrheiten ‚erhaben‘ sei, dann ist jegliche Form der Ablehnung von Wissen (ob durch Verweis auf Gott (Wer kennt ihn wirklich), durch Verweis auf eine politische Ideologie, durch Verweis auf ethnische Besonderheiten, durch Verweis auf ‚besonderes Blut‘, usw.) letztlich in einem identisch: die bewusste willentliche Entscheidung, sein eigenes Bild von der Welt auf keinen Fall zu verändern; was immer die Wissenschaften über uns und die Welt herausfinden, das wird als ‚irrelevant‘ neutralisiert.

 

 

(5) Allerdings zeigt sich am Beispiel solcher ‚alltäglicher‘ Konflikte auch sehr unmittelbar, dass entwickelte (wissenschaftliche) Formen von Wissen alles andere als selbstverständlich sind. Es hat nicht nur viele tausend Jahre gebraucht, bis die Menschen mit komplexeren Wissensformen umgehen konnten, es ist heute, in unserer Gegenwart so, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass nicht nur viele derjenigen, die nicht studiert haben, ein gebrochenes Verhältnis zu wissenschaftlichem Wissen haben, sondern dass ebenso viele derjenigen, die akademische Abschlüsse vorweisen können (mehr als 50%?), das ‚Wesen von wissenschaftlichem Wissen‘   nicht verstanden zu haben scheinen und Anschauungen über uns Menschen und die Welt für ‚wahr‘ halten, die — nach meinem Kenntnisstand — ziemlich abstrus und willkürlich sind (so eine Art ‚Voodoo‘ unter dem Deckmantel von Wissenschaft und Aufklärung).

 

 

(6) Es macht wenig Sinn, über diesen Sachverhalt zu ‚moralisieren‘. Es ist die Realität, in der wir leben. Da unser Handeln von unserem Wissen — oder von der Meinung anderer, denen wir einfach folgen — geleitet ist, haben solche Auffassungen ihre alltäglichen Wirkungen.

 

 

(7) Wenn man also versucht Wissen ernst zu nehmen; wenn man Fragen zulässt und sie versucht ernsthaft zu beantworten; wenn man sogenannte Selbstverständlichkeiten immer wieder mal hinterfragt, um sich zu vergewissern, dass man keine falschen Voraussetzungen mit sich herum trägt; wenn man versucht, aus den vielen Detailerkenntnissen größere Zusammenhänge zu konstruieren und auch wieder zu verwerfen; wenn man versucht, Sachverhalte zu Ende zu denken, obgleich wenig Zeit ist, man erschöpft ist, und keiner davon etwas hören will, dann darf man dafür kein Lob erwarten, keine Ermutigung, kaum Zustimmung, sondern eher Ablehnung, Angst, Abwehr oder Bemerkungen wie ‚Was Du da wieder denkst‘, ‚Das braucht doch kein Mensch‘, ‚Hast Du nichts Besseres zu tun‘, ‚Das nervt einfach‘, ‚Mir ist das alles zu kompliziert‘,….

 

 

(8) Sich auf Dauer ernsthaft mit ‚wahrem‘ Wissen zu beschäftigen (nicht mit Modetrends, Buzz Words, usw.) liegt quer im Alltag, darf auf keine Unterstützung hoffen. Die meisten Menschen suchen nicht die ‚Wahrheit‘, sondern eher Bestätigungen für ihre aktuelle Unwahrheit; Bestätigungen fühlen sich einfach besser an als Infragestellungen durch Erkenntnisse, die dazu zwingen, das eigene Bild von der Welt zu verändern.

 

 

(9) Jedes Wissen hat ‚Ränder des Wissens‘, jene Bereiche, die vom bisherigen Wissen noch nicht erschlossen sind bzw. die durch aktuelles Wissen ‚verstellt‘ werden, d.h. ich werde im Wissen erst weiter kommen, wenn ich dieses ‚verstellende‘ Wissen als ‚falsch‘ bzw. ‚unzureichend‘ erkannt habe. Wie soll dies geschehen? Menschen, die hauptsächlich nur Bestätigungen suchen, haben praktisch keine Chance, die ‚Falschheit‘ ihres Wissens zu entdecken. Sie sind in ihrem aktuellen Wissen quasi gefangen wie in einem Käfig. Da sie ihren Käfig nicht sehen, ihn ja sogar für ‚richtig‘ halten, wird sich der Käfig im Normalfall immer nur noch weiter verfestigen.

 

 

(10) Das biologische Leben, von dem wir Menschen ein winziger Teil sind, hat die Jahrmilliarden dadurch gemeistert, dass es nicht einer bestimmten vorgegebenen Ideologie gefolgt ist, sondern dass es ‚alles, was möglich wahr, einfach probiert hat‘. Man kann dies ‚Zufall‘ nennen oder ‚Kreativität‘ oder ‚Spiel‘; letztlich ist es so, dass Zufall/ Kreativität/ Spontaneität/ Spiel jeglicher fester Form auf Dauer haushoch überlegen ist, da feste Formen von Wissen Spezialisierungen darstellen für bestimmte Aspekte von Welt, meistens dazu sehr statisch, und solche Formen sind sehr schnell sehr falsch. Besser zu sein als ‚zufallsgesteuertes Wissen‘ ist eine sehr hohe Messlatte, und biologische Systeme wirken nur deshalb gegenüber reinem Zufall überlegen, weil sie die Erfahrungswerte von 3 Milliarden Jahren ’spielerischer Evolution‘ in sich angesammelt haben. Mehr als drei Milliarden Jahre Experimente mit hunderten Milliarden Beteiligten pro Jahr sind eine Erfahrungsbasis, die in sich ein Wunder darstellt, das zu begreifen nicht leicht fällt. Wir, die wir von diesem ‚angesammelten Wissen‘ profitieren können, ohne dass wir auch nur irgendetwas selbst dazu beigetragen haben, haben meistens kein gutes Gefühl dafür, welch ungeheure Leistung es bedeutet, das bisherige Weltwissen auch nur ein kleines Stück zu erweitern. Wer sich die Mühe machen würde, beispielhaft  — von vielen möglichen spannenden Geschichten — die Geschichte des mathematischen Denkens zu verfolgen, das zum Herzstück von jeglichem komplexen Wissen gehört, kann sehen, wie sich die besten Köpfe über 3000 und mehr Jahre bemühen mussten, bis die Mathematik eine ‚Reife‘ erlangt hat, die erste einfache Wissenschaft möglich macht. Zugleich gilt, dass in unseren Zeiten, die mehr denn je von Technologie abhängen, das Wissen um Mathematik bei den meisten Menschen schlechter ist als bei den Denkern der Antike. Es ist eben nicht so, dass ein Wissensbereich, der über Jahrtausende mühsam aufgebaut wurde, dann automatisch in der gesamten nachfolgenden Kultur verfügbar ist; ein solches Wissen kann auch wieder verfallen; ganze Generationen können in der ‚Aneignung von Wissen‘ so versagen, dass ‚errungenes Wissen‘ auch wieder ‚verschwindet‘. Wissen in einer Datenbank nützt nichts, wenn es nicht reale Menschen mit realen Gehirnen gibt, die dieses Wissen auch tatsächliche ‚denken‘ und damit anwenden können. Immer größere Datenbanken und immer schnellere Netze nützen nichts, wenn das reale Wissen in den realen Köpfen wegen biologischer Kapazitätsgrenzen einfach nicht ‚mithalten‘ kann…

 

 

(11) Unsere heutige Kultur ist in der Tat an einer Art Scheideweg: unsere Technologie entwickelt sich immer schneller, aber die biologischen Strukturen unserer Körper sind bislang annähernd konstant. Bedeutet dies, dass (i) die Ära der Menschen vorbei ist und jetzt die Zeit der Supercomputer kommt, die den weiteren Gang der Dinge übernehmen? oder (ii) haben wir einen Wendepunkt der Entwicklung erreicht, so dass ab jetzt aufgrund der biologischen Begrenztheit der Menschen es nicht mehr nur um ’schneller‘ und ‚mehr‘ geht sondern um ‚menschengemäßere künstliche Intelligenz‘, die ein Bindeglied darstellt zwischen dem kapazitätsmäßig begrenztem menschlichem Denken einerseits und einer immer leistungsfähigeren Technologie? oder (iii) Beginnt jetzt die Ära der angewandten Gentechnologie, die uns in die Lage versetzt, unseren Körper schrittweise so umzubauen, dass wir die Erfordernisse eines biologischen Lebens auf der Erde besser meistern könne als bisher? Die Alltagserfahrung legt vielleicht (i) nahe, die bisherige historische Entwicklung deutet aber auf (ii) und (iii) hin. Denn — und das übersieht man leicht — der Weg des Lebens in den letzten ca. 3.2 Milliarden Jahren hat permanent Probleme lösen müssen, die verglichen mit den uns bekannten Problemen um ein vielfaches größer waren. Und das Prinzip des Lebens hat dies alles gemeistert, ohne dass wir auch nur einen Millimeter dazu beigetragen haben. Wenn wir uns also weniger an unsere vielfältigen kleinkarierten Ideologien klammern würden und stattdessen stärker auf die ‚innere Logik des Lebens‘ achten, dann sind die potentiellen Lösungen in gewisser Weise ’schon immer da‘. Dies ist nicht als ‚Determinismus‘ oder ‚Vorsehung‘ misszuverstehen. Nein, die Struktur der Materie enthält als solche alle diese Strukturen als Potential. Unsere gesamtes heutiges Wissen (von dem unsere Körper mit ihren Gehirnen ein kleiner Teil sind) ist letztlich nichts anderes als das versammelte Echo der Milliarden von Experimenten, in denen wachsende biologische Strukturen in einem permanenten Dialog mit dem vorfindlichen Universum Aspekte dieses Universums ’sichtbar‘ gemacht haben; wahres Wissen zeigt in dem Sinne nichts ‚Neues‘ sondern macht ’sichtbar‘, was schon immer da war bevor es dieses Wissen explizit gab. ‚Wissen schaffen‘ heißt im Wesentlichen ‚in Dialog treten‘, d.h. ‚Interagieren‘, d.h. ‚ein Experiment durchführen‘ und die Ereignisse im Umfeld der Dialoge ‚geeignet zusammenführen‘ (Bilder, Modelle, Theorien…). Was ‚Denken‘ wirklich ist wissen wir bislang eigentlich immer noch nicht wirklich, was unsere Gehirne aber nicht daran hindert, kontinuierlich Denkarbeit zu leisten. Unsere Gehirne denken für uns. Wir sind quasi ‚Konsumenten‘ dieser wundersamen Gebilde. Dass unsere Gehirne nicht ‚beliebig gut‘ denken sondern so ihren ‚eigenen Stil‘ pflegen, das merkt man erst nach vielen Jahren, wenn man sich intensiv mit der Arbeitsweise des Gehirns beschäftigt. Wenn wir über die ‚Welt‘ reden dann reden wir nicht über die Welt ‚wie sie um uns herum ohne uns ist‘, sondern über die Welt, ‚wie sie unsere Gehirne für uns aufbereiten‘. Unsere Gehirne arbeiten so perfekt, dass uns dieser fundamentale Unterschied lange Zeit — vielen Menschen vielleicht zeit ihres Lebens nie — nicht auffällt.

 

 

(12) Wir sind Teil dieses gigantischen Geschehens. Wir finden uns darin vor. Leben ist mehr als die Worte, die man darüber formulieren kann. Einen Sinn gibt es natürlich; er hängt nicht davon ab, ob wir ihn sehen oder nicht sehen, glauben oder nicht glauben. Der wahre Sinn durchdringt alles von Anbeginn. Wir können versuchen, uns ihm gegenüber zu verschließen, aber wir selbst mit unserem Körper als Teil des Ganzen, enthalten so viel von diesem Sinn, dass wir geradezu ‚voll gepumpt‘ sind mit diesem Sinn. Vor allem Erkennen kann man es auch fühlen.

 

 

(13) Was ‚Gott‘ mit allem zu tun hat? Ich bin mir nicht sicher, ob wir als Menschen diese Frage überhaupt verstehen können.