Offenbarung – Der blinde Fleck der Menschheit

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Als Nachhall zur Diskussion des Artikels von Fink hier ein paar Überlegungen, dass der durch die Religionen vereinnahmte Begriff der ‚Offenbarung‘ ein Grundbegriff ist, der wesentlich zum Menschen generell gehört, bevor irgendeine Religion darauf einen Anspruch anmelden kann.

I. KONTEXT

Diesen Beitrag könnte man unter ‚Nachwehen‘ einordnen, Nachwehen zu dem letzten Beitrag. In diesem Beitrag hatte ich versucht, deutlich zu machen, dass die üblichen Vorgehensweisen, in die neuen Erkenntnisse zur Entstehung, Struktur und Dynamik des physikalischen Universums, den Glauben an ein sehr bestimmtes, klassisches Gottesbild zu ‚interpolieren‘, heute nicht mehr überzeugen können, ja, abgelehnt werden müssen als eher wegführend vom wahren Sachverhalt.

Zu dieser kritisch-ablehnenden Sicht tragen viele Argumente bei (siehe einige in dem genannten Artikel). Besonders erwähnen möchte ich hier nochmals das Buch ‚Mysticism and Philosophy‘ von Stace (1960) [ siehe Teil 3 einer Besprechung dieses Buches ]. Stace konzentriert sich bei seinen Analysen an der Struktur der menschlichen Erfahrung, wie sie über Jahrtausende in vielen Kulturen dieser Welt berichtet wird. Während diese Analysen darauf hindeuten, dass der Kern der menschlichen Erfahrungen eher gleich erscheint, erklärt sich die Vielfalt aus der Tatsache, dass — nach Stace — jede Erfahrung unausweichlich Elemente einer ‚Interpretation‘ umfasst, die aus den bisherigen Erfahrungen stammen. Selbst wenn Menschen das Gleiche erleben würden, je nach Zeit, Kultur, Sprache können sie das Gleiche unterschiedlich einordnen und benennen, so dass es über den Prozess des Erkennens etwas ‚anderes‘ wird; es erscheint nicht mehr gleich!

In einem sehr kenntnisreichen Artikel The Myth of the Framework von Karl Popper, veröffentlicht im Jahr 1994 als Kapitel 2 des Buches The Myth of the Framework: In Defence of Science and Rationality [Anmerkung: Der Herausgeber M.A.Notturno weist im Epilog zum Buch darauf hin, dass die Beiträge zum Buch schon in den 1970iger Jahren vorlagen!] hatte sich Popper mit diesem Phänomen auch auseinandergesetzt, allerdings nicht von der ‚Entstehung‘ her (wie kommt es zu diesen Weltbildern), sondern vom ‚Ergebnis‘ her, sie sind jetzt da, sie sind verschieden, was machen wir damit? [Siehe eine Diskussion des Artikels von Popper als Teil des Beitrags].

Angeregt von diesen Fragen und vielen weiteren Ideen aus den vorausgehenden Einträgen in diesem Blog ergeben sich die folgenden Notizen.

II. DER ‚BIG BANG‘ HÖRT NIE AUF …

Die Geschichte beginnt im Alltag. Wenn man in die Gegenwart seines Alltags eingetaucht ist, eingelullt wird von einem Strom von scheinbar selbstverständlichen Ereignissen, dann kann man leicht vergessen, dass die Physik uns darüber belehren kann, dass dieser unser Alltag eine Vorgeschichte hat, die viele Milliarden Jahre zurück reicht zur Entstehung unserer Erde und noch viel mehr Milliarden Jahre bis zum physikalischen Beginn unseres heute bekannten Universums. Obgleich dieses gewaltige Ereignis mitsamt seinen gigantischen Nachwirkungen mehr als 13 Milliarden Jahre zurück liegt und damit — auf einer Zeitachse — längst vorbei ist, passé, gone, … haben wir Menschen erst seit ca.50 – 60 Jahren begonnen, zu begreifen, dass das Universum in einer Art ‚Urknall‘ ins physikalische Dasein getreten ist. Was immer also vor mehr als 13 Milliarden Jahren geschehen ist, wir selbst, wir Menschen als Exemplare der Lebensform homo sapiens, haben erst vor wenigen Jahrzehnten ‚gelernt‘, dass unsere aktuelle Gegenwart bis zu solch einem Ereignis zurück reicht. Das reale physikalische Ereignis ‚Big Bang‘ fand also erst viele Milliarden Jahre später in den Gehirnen und damit im Bewusstsein von uns Menschen (zunächst nur wenige Menschen von vielen Milliarden) statt. Erst im schrittweisen Erkennen durch die vielen tausend Jahre menschlicher Kultur entstand im Bewusstsein von uns Menschen ein virtuelles Wissen von etwas vermutet Realem. Das reale Ereignis war vorbei, das virtuelle Erkennen lies es viel später in einem realen Erkenntnisprozess virtuell wieder entstehen. Vorher gab es dieses Ereignis für uns Menschen nicht. So gesehen war das Ereignis indirekt ‚gespeichert‘ im physikalischen Universum, bis diese Erkenntnisprozesse einsetzten. Welch gigantische Verzögerung!

III. OFFENBARUNG

Der Begriff ‚Offenbarung‘ ist durch seine Verwendung in der zurückliegenden Geschichte sehr belastet. Vor allem die großen Religionen wie Judentum, Christentum und Islam haben durch ihre Verwendung des Begriffs ‚Offenbarung‘ den Eindruck erweckt, dass Offenbarung etwas sehr Besonderes sei, die Eröffnung von einem Wissen, das wir Menschen nicht aus uns selbst gewinnen können, sondern nur direkt von einem etwas, das mit der Wortmarke ‚Gott‘ [die in jeder Sprache anders lautet] gemeint sei. Nur weil sich dieses etwas ‚Gott‘ bestimmten, konkreten Menschen direkt zugewandt habe, konnten diese ein spezielles Wissen erlangen, das diese dann wiederum ‚wortwörtlich‘ in Texten festgehalten haben, die seitdem als ‚heilige‘ Texte gelten.

Im Fall der sogenannten heiligen Schriften des Judentums und des Christentums hat intensive wissenschaftliche Forschung seit mehr als 100 Jahren gezeigt, dass dies natürlich nicht so einfach ist. Die Schriften sind alle zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, bisweilen Jahrhunderte auseinander, wurden mehrfach überarbeitet, und was auch immer ein bestimmter Mensch irgendwann einmal tatsächlich gesagt hat, das wurde eingewoben in vielfältige Interpretationen und Überarbeitungen. Im Nachhinein — von heute aus gesehen also nach 2000 und mehr Jahren — zu entscheiden, was ein bestimmter Satz in hebräischer oder griechischer Sprache geschrieben, tatsächlich meint, ist nur noch annäherungsweise möglich. Dazu kommt, dass die christliche Kirche über tausend Jahre lang nicht mit den Originaltexten gearbeitet hat, sondern mit lateinischen Übersetzungen der hebräischen und griechischen Texte. Jeder, der mal Übersetzungen vorgenommen hat, weiß, was dies bedeutet. Es wundert daher auch nicht, dass die letzten 2000 Jahre sehr unterschiedliche Interpretationen des christlichen Glaubens hervorgebracht haben.

Im Fall der islamischen Texte ist die Lage bis heute schwierig, da die bisher gefundenen alten Manuskripte offiziell nicht wissenschaftlich untersucht werden dürfen [Anmerkung: Siehe dazu das Buch von Pohlmann (2015) zur Entstehung des Korans; eine Besprechung dazu findet sich  hier: ]. Die bisherigen Forschungen deuten genau in die gleiche Richtung wie die Ergebnisse der Forschung im Fall der jüdisch-christlichen Tradition.

Die Befunde zu den Überlieferungen der sogenannten ‚heiligen‘ Schriften bilden natürlich nicht wirklich eine Überraschung. Dies liegt eben an uns selbst, an uns Menschen, an der Art und Weise, wie wir als Menschen erkennen, wie wir erkennen können. Das Beispiel der empirischen Wissenschaften, und hier die oben erwähnte Physik des Universums, zeigt, dass alles Wissen, über das wir verfügen, im Durchgang durch unseren Körper (Sinnesorgane, Körperzustände, Wechselwirkung des Körpers mit der umgebenden Welt, dann Verarbeitung Gehirn, dann Teile davon im Bewusstsein) zu virtuellen Strukturen in unserem Gehirn werden, die partiell bewusst sind, und die uns Teile der unterstellten realen Welt genau so zeigen, wie sie im bewussten Gehirn gedacht werden, und zwar nur so. Die Tatsache, dass es drei große Offenbarungsreligionen gibt, die sich alle auf das gleiche Etwas ‚Gott‘ berufen, diesem Gott dann aber ganz unterschiedliche Aussagen in den Mund legen [Anmerkung: seit wann schreiben Menschen vor, was Gott sagen soll?], widerspricht entweder dem Glauben an den einen Gott, der direkt spricht, oder diese Vielfalt hat schlicht damit zu tun, dass man übersieht, dass jeder Mensch ‚Gefangener seines Erkenntnisprozesses‘ ist, der nun einmal ist, wie er ist, und der nur ein Erkennen von X möglich macht im Lichte der bislang bekannten Erfahrungen/ Erkenntnisse Y. Wenn jüdische Menschen im Jahr -800 ein X erfahren mit Wissen Y1, christliche Menschen in der Zeit +100 mit Wissen Y2 und muslimische Menschen um +700 mit Wissen Y3, dann ist das Ausgangswissen jeweils völlig verschieden; was immer sie an X erfahren, es ist ein Y1(X), ein Y2(X) und ein Y3(X). Dazu die ganz anderen Sprachen. Akzeptiert man die historische Vielfalt, dann könnte man — bei gutem Willen aller Beteiligten — möglicherweise entdecken, dass man irgendwie das ‚Gleiche X‘ meint; vielleicht. Solange man die Vielfalt aber jeweils isoliert und verabsolutiert, so lange entstehen Bilder, die mit Blick auf den realen Menschen und seine Geschichte im realen Universum kaum bis gar nicht zu verstehen sind.

Schaut man sich den Menschen und sein Erkennen an, dann geschieht im menschlichen Erkennen, bei jedem Menschen, in jedem Augenblick fundamental ‚Offenbarung‘.

Das menschliche Erkennen hat die Besonderheit, dass es sich bis zu einem gewissen Grad aus der Gefangenschaft der Gegenwart befreien kann. Dies gründet in der Fähigkeit, die aktuelle Gegenwart in begrenzter Weise erinnern zu können, das Jetzt und das Vorher zu vergleichen, von Konkretem zu abstrahieren, Beziehungen in das Erkannte ‚hinein zu denken‘ (!), die als solche nicht direkt als Objekte vorkommen, und vieles mehr. Nur durch dieses Denken werden Beziehungen, Strukturen, Dynamiken sichtbar (im virtuellen Denken!), die sich so in der konkreten Gegenwart nicht zeigen; in der Gegenwart ist dies alles unsichtbar.

In dieser grundlegenden Fähigkeit zu erkennen erlebt der Mensch kontinuierlich etwas Anderes, das er weder selbst geschaffen hat noch zu Beginn versteht. Er selbst mit seinem Körper, seinem Erkennen, gehört genauso dazu: wir wurden geboren, ohne dass wir es wollten; wir erleben uns in Körpern, die wir so nicht gemacht haben. Alles, was wir auf diese Weise erleben ist ’neu‘, kommt von ‚außen auf uns zu‘, können wir ‚aus uns selbst heraus‘ nicht ansatzweise denken. Wenn irgendetwas den Namen ‚Offenbarung‘ verdient, dann dieser fundamentale Prozess des Sichtbarwerdens von Etwas (zu dem wir selbst gehören), das wir vollständig nicht gemacht haben, das uns zu Beginn vollständig unbekannt ist.

Die Geschichte des menschlichen Erkennens zeigt, dass die Menschen erst nur sehr langsam, aber dann immer schneller immer mehr von der umgebenden Welt und dann auch seit kurzem über sich selbst erkennen. Nach mehr als 13 Milliarden Jahren erkennen zu können, dass tatsächlich vor mehr als 13 Milliarden Jahren etwas stattgefunden hat, das ist keine Trivialität, das ist beeindruckend. Genauso ist es beeindruckend, dass unsere Gehirne mit dem Bewusstsein überhaupt in der Lage sind, virtuelle Modelle im Kopf zu generieren, die Ereignisse in der umgebenden Welt beschreiben und erklären können. Bis heute hat weder die Philosophie noch haben die empirischen Wissenschaften dieses Phänomen vollständig erklären können (obgleich wir heute viel mehr über unser Erkennen wissen als noch vor 100 Jahren).

Zu den wichtigen Erkenntnissen aus der Geschichte des Erkennens gehört auch, dass das Wissen ‚kumulierend‘ ist, d.h. es gibt tiefere Einsichten, die nur möglich sind, wenn man zuvor andere, einfachere Einsichten gemacht hat. Bei der Erkenntnis des großen Ganzen gibt es keine ‚Abkürzungen‘. In der Geschichte war es immer eine Versuchung, fehlendes Wissen durch vereinfachende Geschichten (Mythen) zu ersetzen. Dies macht zwar oft ein ‚gutes Gefühl‘, aber es geht an der Realität vorbei. Sowohl das kumulierende Wissen selbst wie auch die davon abhängigen alltäglichen Abläufe, die Technologien, die komplexen institutionellen Regelungen, die Bildungsprozesse usw. sie alle sind kumulierend.

Aus diesem kumulierenden Charakter von Wissen entsteht immer auch ein Problem der individuellen Verarbeitung: während dokumentiertes und technisch realisiertes Wissen als Objekt durch die Zeiten existieren kann, sind Menschen biologische Systeme, die bei Geburt nur mit einer — wenngleich sehr komplexen — Grundausstattung ihren Lebensweg beginnen. Was immer die Generationen vorher gedacht und erarbeitet haben, der jeweils neue individuelle Mensch muss schrittweise lernen, was bislang gedacht wurde, um irgendwann in der Lage zu sein, das bisher Erreichte überhaupt verstehen zu können. Menschen, die an solchen Bildungsprozessen nicht teilhaben können, sind ‚Fremde‘ in der Gegenwart; im Kopf leben sie in einer Welt, die anders ist als die umgebende reale Welt. Es sind wissensmäßig Zombies, ‚Unwissende‘ in einem Meer von geronnenem Wissen.

Sollte also das mit der Wortmarke ‚Gott‘ Gemeinte eine Realität besitzen, dann ist der Prozess der natürlichen Offenbarung, die jeden Tag, in jedem Augenblick ein wenig mehr die Erkenntnis Y über das uns vorgegebene Andere ermöglicht, die beste Voraussetzung, sich diesem Etwas ‚X = Gott‘ zu nähern. Jede Zeit hat ihr Y, mit dem sie das Ganze betrachtet. Und so sollte es uns nicht wundern, dass die Geschichte uns viele Y(X) als Deutungen des Etwas ‚X = Gott‘ anbietet.

Empirisches Wissen, Philosophisches Wissen, religiöses Wissen kreisen letztlich um ein und dieselbe Wirklichkeit; sie alle benutzen die gleichen Voraussetzungen, nämlich unsere menschlicher Existenzweise mit den vorgegebenen Erkenntnisstrukturen. Niemand hat hier einen wesentlichen Vorteil. Unterschiede ergeben sich nur dadurch, dass verschiedenen Kulturen unterschiedlich geschickt darin sind, wie sie Wissen kumulieren und wie sie dafür Sorge tragen, dass alle Menschen geeignete Bildungsprozesse durchlaufen.

IV. VEREINIGTE MENSCHHEIT

Schaut man sich an, wie die Menschen sich auch nach den beiden furchtbaren Weltkriegen und der kurzen Blüte der Idee einer Völkergemeinschaft, die Ungerechtigkeit verhindern sollte, immer wieder — und man hat den Eindruck, wieder mehr — in gegenseitige Abgrenzungen und Verteufelungen verfallen, vor grausamen lokalen Kriegen nicht zurück schrecken, die Kultur eines wirklichkeitsbewussten Wissens mutwillig schwächen oder gar zerstören, dann kann man schon mutlos werden oder gar verzweifeln.

Andererseits, schaut man die bisherige Geschichte des Universums an, die Geschichte des Lebens auf der Erde, die Geschichte des homo sapiens, die letzten 10.000 Jahre, dann kommt man nicht umhin, festzustellen, dass es eine dynamische Bewegung hin zu mehr Erkenntnis und mehr Komplexität gegeben hat und noch immer gibt. Und wenn man sieht, wie wir alle gleich gestrickt und auf intensive Kooperation angewiesen sind — und vermutlich immer mehr –, dann erscheinen die Menschen eher wie eine Schicksalsgemeinschaft, wie ‚earth children‘, wie eine ‚Gemeinschaft von Heiligen kraft Geburt‘!

Das Wort ‚Heilige‘ mag alle irritieren, die mit Religion nichts verbinden, aber die ‚Heiligen‘ sind in den Religionen alle jene Menschen, die sich der Wahrheit des Ganzen stellen und die versuchen, aus dieser Wahrheit heraus — ohne Kompromisse — zu leben. Die Wahrheit des Ganzen ist für uns Menschen primär diese Grundsituation, dass wir alle mit unseren Körpern, mit unserem Erkennen, Teil eines Offenbarungsprozesses sind, der für alle gleich ist, der alle betrifft, und aus dem wir nicht aussteigen können. Wir sind aufeinander angewiesen. Anstatt uns gegenseitig zu bekriegen und abzuschlachten, also die ‚Bösen‘ zu spielen, wäre es näherliegender und konstruktiver, uns als ‚Heilige‘ zu verhalten, die bereit sind zum Erkennen, die bereit sind aus der Erkenntnis heraus zu handeln. Das alles ist — wie wir wissen können — nicht ganz einfach, aber es hat ja auch niemand gesagt, dass es einfach sei. Das Leben auf der Erde gleicht eher einem Expeditionschor, das im Universum an einer bestimmten Stelle gelandet ist, und jetzt den Weg zum Ziel finden muss. Wir brauchen keine TV-Reality-Shows, wir selbst sind die radikalste Reality-Show, die man sich denken kann. Und sie tritt gerade in eine sehr heiße Phase ein [Anmerkung: … nicht nur wegen des Klimas 🙂 ].

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3 Gedanken zu „Offenbarung – Der blinde Fleck der Menschheit

  1. Ich möchte nur einige kurze Anmerkungen machen:
    Wie immer Holzschnittartig, und nur in Bezug auf einen Detailausschnitt:

    Aus dem von Cagent geschilderten Prozess (aus erkennen von X als Ursache folgt Y1 + Zeit = Y2 … = Y1(X), Y2(X)…) folgt natürlich das es keine rationale Möglichkeit gibt jemals zu ‚wissen‘ ob X immer das gleiche X ist, In der von Cagent nahegelegte Schlussfolgerung „dann könnte man […] entdecken, dass man irgendwie das ‚Gleiche X‘ meint“ ist das Wort „irgendwie“ Ausdruck einer Verlegenheit.

    Es heist: „Niemand steigt zweimal in den gleichen Fluss“. Ein Spruch der an Heraklit erinnert, und der natürlich wunderbar das anspricht was wir unter einem „lebendigen“ Prozess verstehen. Mit diesem Satz alleine können wir aber genau so wenig leben wie mit dem eleatischen Begriff des mit sich selbst identischen Seins, das die Prozesshaftigkeit, mutwillig wie es manchen scheint, einfriert, festhält aber damit „sag-bar“ macht. (Beispiel: Wenn wir uns über Bäume unterhalten dann ist es auf einer grundsätzlichen Ebene sehr wichtig das diese während unserer Unterhaltung Bäume bleiben und nicht zu Steinen werden. Das schließt nicht aus das man sich nicht auch über die „Versteinerung“ von Bäumen unterhalten kann. 🙂 )

    Cagent scheint da notgedrungen „zweigeteilt“. Auf der einen Seite spricht er von dem Menschen als „Gefangener seines Erkenntnisprozesses“, dem könnte man angesichts der möglichen Unentscheidbarkeit zwischen der Grundannahme einer ‚Welt als Prozess‘ und einer ‚Welt als Ding‘ zustimmen; auf der anderen Seite sagt er das das menschliche Erkennen: „sich bis zu einem gewissen Grad aus der Gefangenschaft der Gegenwart befreien kann“. Mittel der Befreiung nach Cagent ist die Erinnerung. Erinnerung (anamnesis),.. das ist natürlich gut Platonisch und führt unmittelbar zu jener Feststellung des Seins das den Prozess „dialektisch“ auflöst um ihn in unserem „Bewusstsein“ fest zu stellen. So wird aus jeder Erinnerung ein „totes Sein“, ein gewesenes Lebendiges.

    • GLEICHES IN DER VERSCHIEDENHEIT ERKENNEN

      Der Kommentar von pagan macht mögliche Missverständnisse im Blogeintrag sichtbar. Hier die Stelle, wo sich pagan auf die unterschiedlichen zeitabhängigen Interpretationen bezieht. Die Grundidee hier war folgende: (i) Jede Zeit repräsentiert mit ihren Erfahrungen, ihrem Wissen und ihren Praktiken eine zeitgebundene Gesamtschau Y der Welt, die bei jeweils beobachtbaren Phänomenen X wirksam werden. Genauer: die Gesamtschau Y wird hier als eine Interpretationsvorschrift aufgefasst, die mögliche Phänomene der Erfahrung X in ein Gedachtes XY verwandelt: irgendwie gibt es X Erfahrungs-Anteile, zugleich aber auch Y-Interpretationsanteile, die eine gedankliche Synthese XY hervorbringen (Y: X —> XY, oder Y(X) = XY).

      Im Fall der Religionen ist jetzt die Überlegung die, dass die Bezugnahme auf eine Menge von erfahrbaren Phänomenen X zu den verschiedenen Zeiten -800, +100 bzw. +700 auf eine unterschiedliche Gesamtschau Y1, Y2 und Y3 treffen. Wenn die Interpretationshypothese stimmt, dann liefern die verschiedene Zeiten eine jüdische Interpretation Y1(X) = XY1, eine christliche Y2(X) = Y2X sowie eine islamische Y3(X) = Y3X (wobei sich in Wirklichkeit die jeweiligen Traditionen ja kontinuierlich weiter entwickelt haben). Wie gesagt, dem liegt die Annahme zugrunde, dass die Phänomene X=’GOTT‘ ‚konstant‘ sind, d.h. dass sich die erfahrbaren Phänomene, die man der Wortmarke ‚GOTT‘ zuordnet, nicht ändern. Eine solche Arbeitshypothese liegt dem erwähnten Buch ‚Mysticism and Philosophy‘ von Stace zugrunde. Stace meint ja, dass man bei einer Analyse der unterschiedlichen Interpretationsprodukte Y1X, Y2X und Y3X (wobei er noch Y0aX für den Hinduismus und Y0bX für den Buddhismus hinzunimmt) durch Vergleiche herausarbeiten kann, was das UNTERSCHEIDENDE und was das GEMEINSAME ist. In dem GEMEINSAMEN sieht er dann den gemeinsamen Erfahrungskern X als erfahrbares Etwas, das mit ‚GOTT‘ in Verbindung gebracht wird. Er kommt dann zu dem Schluss, dass es einen gemeinsamen Erfahrungskern X in allen historischen Interpretationen Y0aX, Y0bX, Y1X, Y2X sowie Y3X gibt.

      Die Frage, die Pagan aufwirft, ist natürlich brisant: wie sicher können wir denn sein, dass das mit ‚GOTT‘ Gemeinte tatsächlich etwas ‚Statisches‘ ist, das sich in allen Jahrhunderten gleich zeigt anstatt anzunehmen, dass das mit ‚GOTT‘ Gemeinte eher ‚dynamisch‘ ist. Letzteres würde nicht ausschließen, dass sich das mit ‚GOTT‘ Gemeinte zu unterschiedlichen Zeiten auch unterschiedlich manifestieren könnte. Dann hätten wir nicht nur eine zeitgebundene Verschiedenheit Y, sondern zusätzlich noch eine objektinduzierte Verschiedenheit X1, X2, … Dann würde unser Erkennen nicht unmöglich, aber sehr viel schwerer, vergleichbar der Situation, dass ein Mensch in unterschiedlichen Rollen auftreten kann, bis wir herausfinden, es ist doch die gleiche Person.

      • ERKENNEN DURCH ERINNERN

        Neben dem oben schon angesprochenen Punkt hat pagan noch auf eine weitere mögliche Unklarheit aufmerksam gemacht. Er schreibt:

        Cagent scheint da notgedrungen „zweigeteilt“. Auf der einen Seite spricht er von dem Menschen als „Gefangener seines Erkenntnisprozesses“, dem könnte man angesichts der möglichen Unentscheidbarkeit zwischen der Grundannahme einer ‚Welt als Prozess‘ und einer ‚Welt als Ding‘ zustimmen; auf der anderen Seite sagt er das das menschliche Erkennen: „sich bis zu einem gewissen Grad aus der Gefangenschaft der Gegenwart befreien kann“. Mittel der Befreiung nach Cagent ist die Erinnerung. Erinnerung (anamnesis),.. das ist natürlich gut Platonisch und führt unmittelbar zu jener Feststellung des Seins das den Prozess „dialektisch“ auflöst um ihn in unserem „Bewusstsein“ fest zu stellen. So wird aus jeder Erinnerung ein „totes Sein“, ein gewesenes Lebendiges.

        Das Erinnern ist für mich jene grundlegende Fähigkeit im Menschen, durch die wir den Augenblick übersteigen. Der Augenblick der sinnlichen Wahrnehmung fokussiert sich im JETZT und schreibt sich als ein Jetzt kontinuierlich fort (unsere ‚Puffer‘ für Sinnesdaten werden nach einem kurzen Zeitintervall im Millisekundenbereich permanent mit neuen Daten überschrieben; hier ereignet sich die Welt als eine Folge von ‚Bildern‘, ‚Frames‘, die von unserem Gehirn so weiterverarbeitet werden, dass wir keine ‚Einzelbilder‘ wahrnehmen, sondern einen scheinbar kontinuierlichen Fluss). Hätten wir nur sinnliche Wahrnehmung, wir werden angekettet an einen ewigen Augenblick, aus dem wir nicht aussteigen könnten. Tatsächlich können wir aber aussteigen, da unser Gehirn über die Fähigkeit verfügt, Aspekte eines Jetzt zu isolieren, zu abstrahieren und zu speichern. Dadurch entsteht in uns selbst eine permanente Differenz zum aktuellen Jetzt, aus der heraus wir Vergleichen können. Das aktuelle Jetzt wird durch ein erinnertes Jetzt relativierbar. In einem komplexen Prozess von Abstrahieren, Beziehungen erkennen, Erinnern, neu kombinieren und vieles mehr erlaubt uns unser Gehirn, mögliche Beziehungen, Regelhaftigkeiten virtuell zu erfassen, die wir zur Deutung des aktuellen Jetzt nutzen können. Es ist ein permanentes Austesten von erfahrbarem Jetzt und gedachtem vergangenem und möglichem (= virtuellem) neuen Jetzt. Manche nennen genau dies Lernen!

        Sofern wir mit dieser Erkenntnisstruktur ausgestattet sind, sie permanent leben, entsteht aus der Aneinanderreihung der vielen Augenblicke eine Serie, eine Sequenz, ein Prozess, der sich mit dieser Struktur reproduziert. Die Gesamtheit unserer Erkenntnisse, Erfahrungen ist darin grundlegend dynamisch, da jedes neue aktuelle Jetzt das bisherige alte und erinnerte Jetzt beeinflussen, ändern kann (man braucht nur mal alte schriftliche Aufzeichnungen von sich selbst lesen, um sich wundern zu können, was man früher so gedacht hat, etwas, das man ‚heute‘ so vielleicht nicht mehr denken würde, weil man sich verändert hat). Die Strukturen (‚Objekte‘) innerhalb dieses Erkenntnisprozesses sind punktuell, im Moment ‚fest‘, ’starr‘, ‚konturiert‘, aber diese Festigkeit des Objektes ist nur relativ in einem Gesamtprozess, der als solcher mit diesen Objekten spielt. Nur im spielerischen Hin und Her zeigen sich die möglichen Eigenschaften des aktuellen Jetzt; wer nicht spielt, nicht probiert, kann nichts über die Welt da draußen erfahren, wer nicht spielt kann nicht wirklich lernen…

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