Offenbarung – Der blinde Fleck der Menschheit

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Als Nachhall zur Diskussion des Artikels von Fink hier ein paar Überlegungen, dass der durch die Religionen vereinnahmte Begriff der ‚Offenbarung‘ ein Grundbegriff ist, der wesentlich zum Menschen generell gehört, bevor irgendeine Religion darauf einen Anspruch anmelden kann.

I. KONTEXT

Diesen Beitrag könnte man unter ‚Nachwehen‘ einordnen, Nachwehen zu dem letzten Beitrag. In diesem Beitrag hatte ich versucht, deutlich zu machen, dass die üblichen Vorgehensweisen, in die neuen Erkenntnisse zur Entstehung, Struktur und Dynamik des physikalischen Universums, den Glauben an ein sehr bestimmtes, klassisches Gottesbild zu ‚interpolieren‘, heute nicht mehr überzeugen können, ja, abgelehnt werden müssen als eher wegführend vom wahren Sachverhalt.

Zu dieser kritisch-ablehnenden Sicht tragen viele Argumente bei (siehe einige in dem genannten Artikel). Besonders erwähnen möchte ich hier nochmals das Buch ‚Mysticism and Philosophy‘ von Stace (1960) [ siehe Teil 3 einer Besprechung dieses Buches ]. Stace konzentriert sich bei seinen Analysen an der Struktur der menschlichen Erfahrung, wie sie über Jahrtausende in vielen Kulturen dieser Welt berichtet wird. Während diese Analysen darauf hindeuten, dass der Kern der menschlichen Erfahrungen eher gleich erscheint, erklärt sich die Vielfalt aus der Tatsache, dass — nach Stace — jede Erfahrung unausweichlich Elemente einer ‚Interpretation‘ umfasst, die aus den bisherigen Erfahrungen stammen. Selbst wenn Menschen das Gleiche erleben würden, je nach Zeit, Kultur, Sprache können sie das Gleiche unterschiedlich einordnen und benennen, so dass es über den Prozess des Erkennens etwas ‚anderes‘ wird; es erscheint nicht mehr gleich!

In einem sehr kenntnisreichen Artikel The Myth of the Framework von Karl Popper, veröffentlicht im Jahr 1994 als Kapitel 2 des Buches The Myth of the Framework: In Defence of Science and Rationality [Anmerkung: Der Herausgeber M.A.Notturno weist im Epilog zum Buch darauf hin, dass die Beiträge zum Buch schon in den 1970iger Jahren vorlagen!] hatte sich Popper mit diesem Phänomen auch auseinandergesetzt, allerdings nicht von der ‚Entstehung‘ her (wie kommt es zu diesen Weltbildern), sondern vom ‚Ergebnis‘ her, sie sind jetzt da, sie sind verschieden, was machen wir damit? [Siehe eine Diskussion des Artikels von Popper als Teil des Beitrags].

Angeregt von diesen Fragen und vielen weiteren Ideen aus den vorausgehenden Einträgen in diesem Blog ergeben sich die folgenden Notizen.

II. DER ‚BIG BANG‘ HÖRT NIE AUF …

Die Geschichte beginnt im Alltag. Wenn man in die Gegenwart seines Alltags eingetaucht ist, eingelullt wird von einem Strom von scheinbar selbstverständlichen Ereignissen, dann kann man leicht vergessen, dass die Physik uns darüber belehren kann, dass dieser unser Alltag eine Vorgeschichte hat, die viele Milliarden Jahre zurück reicht zur Entstehung unserer Erde und noch viel mehr Milliarden Jahre bis zum physikalischen Beginn unseres heute bekannten Universums. Obgleich dieses gewaltige Ereignis mitsamt seinen gigantischen Nachwirkungen mehr als 13 Milliarden Jahre zurück liegt und damit — auf einer Zeitachse — längst vorbei ist, passé, gone, … haben wir Menschen erst seit ca.50 – 60 Jahren begonnen, zu begreifen, dass das Universum in einer Art ‚Urknall‘ ins physikalische Dasein getreten ist. Was immer also vor mehr als 13 Milliarden Jahren geschehen ist, wir selbst, wir Menschen als Exemplare der Lebensform homo sapiens, haben erst vor wenigen Jahrzehnten ‚gelernt‘, dass unsere aktuelle Gegenwart bis zu solch einem Ereignis zurück reicht. Das reale physikalische Ereignis ‚Big Bang‘ fand also erst viele Milliarden Jahre später in den Gehirnen und damit im Bewusstsein von uns Menschen (zunächst nur wenige Menschen von vielen Milliarden) statt. Erst im schrittweisen Erkennen durch die vielen tausend Jahre menschlicher Kultur entstand im Bewusstsein von uns Menschen ein virtuelles Wissen von etwas vermutet Realem. Das reale Ereignis war vorbei, das virtuelle Erkennen lies es viel später in einem realen Erkenntnisprozess virtuell wieder entstehen. Vorher gab es dieses Ereignis für uns Menschen nicht. So gesehen war das Ereignis indirekt ‚gespeichert‘ im physikalischen Universum, bis diese Erkenntnisprozesse einsetzten. Welch gigantische Verzögerung!

III. OFFENBARUNG

Der Begriff ‚Offenbarung‘ ist durch seine Verwendung in der zurückliegenden Geschichte sehr belastet. Vor allem die großen Religionen wie Judentum, Christentum und Islam haben durch ihre Verwendung des Begriffs ‚Offenbarung‘ den Eindruck erweckt, dass Offenbarung etwas sehr Besonderes sei, die Eröffnung von einem Wissen, das wir Menschen nicht aus uns selbst gewinnen können, sondern nur direkt von einem etwas, das mit der Wortmarke ‚Gott‘ [die in jeder Sprache anders lautet] gemeint sei. Nur weil sich dieses etwas ‚Gott‘ bestimmten, konkreten Menschen direkt zugewandt habe, konnten diese ein spezielles Wissen erlangen, das diese dann wiederum ‚wortwörtlich‘ in Texten festgehalten haben, die seitdem als ‚heilige‘ Texte gelten.

Im Fall der sogenannten heiligen Schriften des Judentums und des Christentums hat intensive wissenschaftliche Forschung seit mehr als 100 Jahren gezeigt, dass dies natürlich nicht so einfach ist. Die Schriften sind alle zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, bisweilen Jahrhunderte auseinander, wurden mehrfach überarbeitet, und was auch immer ein bestimmter Mensch irgendwann einmal tatsächlich gesagt hat, das wurde eingewoben in vielfältige Interpretationen und Überarbeitungen. Im Nachhinein — von heute aus gesehen also nach 2000 und mehr Jahren — zu entscheiden, was ein bestimmter Satz in hebräischer oder griechischer Sprache geschrieben, tatsächlich meint, ist nur noch annäherungsweise möglich. Dazu kommt, dass die christliche Kirche über tausend Jahre lang nicht mit den Originaltexten gearbeitet hat, sondern mit lateinischen Übersetzungen der hebräischen und griechischen Texte. Jeder, der mal Übersetzungen vorgenommen hat, weiß, was dies bedeutet. Es wundert daher auch nicht, dass die letzten 2000 Jahre sehr unterschiedliche Interpretationen des christlichen Glaubens hervorgebracht haben.

Im Fall der islamischen Texte ist die Lage bis heute schwierig, da die bisher gefundenen alten Manuskripte offiziell nicht wissenschaftlich untersucht werden dürfen [Anmerkung: Siehe dazu das Buch von Pohlmann (2015) zur Entstehung des Korans; eine Besprechung dazu findet sich  hier: ]. Die bisherigen Forschungen deuten genau in die gleiche Richtung wie die Ergebnisse der Forschung im Fall der jüdisch-christlichen Tradition.

Die Befunde zu den Überlieferungen der sogenannten ‚heiligen‘ Schriften bilden natürlich nicht wirklich eine Überraschung. Dies liegt eben an uns selbst, an uns Menschen, an der Art und Weise, wie wir als Menschen erkennen, wie wir erkennen können. Das Beispiel der empirischen Wissenschaften, und hier die oben erwähnte Physik des Universums, zeigt, dass alles Wissen, über das wir verfügen, im Durchgang durch unseren Körper (Sinnesorgane, Körperzustände, Wechselwirkung des Körpers mit der umgebenden Welt, dann Verarbeitung Gehirn, dann Teile davon im Bewusstsein) zu virtuellen Strukturen in unserem Gehirn werden, die partiell bewusst sind, und die uns Teile der unterstellten realen Welt genau so zeigen, wie sie im bewussten Gehirn gedacht werden, und zwar nur so. Die Tatsache, dass es drei große Offenbarungsreligionen gibt, die sich alle auf das gleiche Etwas ‚Gott‘ berufen, diesem Gott dann aber ganz unterschiedliche Aussagen in den Mund legen [Anmerkung: seit wann schreiben Menschen vor, was Gott sagen soll?], widerspricht entweder dem Glauben an den einen Gott, der direkt spricht, oder diese Vielfalt hat schlicht damit zu tun, dass man übersieht, dass jeder Mensch ‚Gefangener seines Erkenntnisprozesses‘ ist, der nun einmal ist, wie er ist, und der nur ein Erkennen von X möglich macht im Lichte der bislang bekannten Erfahrungen/ Erkenntnisse Y. Wenn jüdische Menschen im Jahr -800 ein X erfahren mit Wissen Y1, christliche Menschen in der Zeit +100 mit Wissen Y2 und muslimische Menschen um +700 mit Wissen Y3, dann ist das Ausgangswissen jeweils völlig verschieden; was immer sie an X erfahren, es ist ein Y1(X), ein Y2(X) und ein Y3(X). Dazu die ganz anderen Sprachen. Akzeptiert man die historische Vielfalt, dann könnte man — bei gutem Willen aller Beteiligten — möglicherweise entdecken, dass man irgendwie das ‚Gleiche X‘ meint; vielleicht. Solange man die Vielfalt aber jeweils isoliert und verabsolutiert, so lange entstehen Bilder, die mit Blick auf den realen Menschen und seine Geschichte im realen Universum kaum bis gar nicht zu verstehen sind.

Schaut man sich den Menschen und sein Erkennen an, dann geschieht im menschlichen Erkennen, bei jedem Menschen, in jedem Augenblick fundamental ‚Offenbarung‘.

Das menschliche Erkennen hat die Besonderheit, dass es sich bis zu einem gewissen Grad aus der Gefangenschaft der Gegenwart befreien kann. Dies gründet in der Fähigkeit, die aktuelle Gegenwart in begrenzter Weise erinnern zu können, das Jetzt und das Vorher zu vergleichen, von Konkretem zu abstrahieren, Beziehungen in das Erkannte ‚hinein zu denken‘ (!), die als solche nicht direkt als Objekte vorkommen, und vieles mehr. Nur durch dieses Denken werden Beziehungen, Strukturen, Dynamiken sichtbar (im virtuellen Denken!), die sich so in der konkreten Gegenwart nicht zeigen; in der Gegenwart ist dies alles unsichtbar.

In dieser grundlegenden Fähigkeit zu erkennen erlebt der Mensch kontinuierlich etwas Anderes, das er weder selbst geschaffen hat noch zu Beginn versteht. Er selbst mit seinem Körper, seinem Erkennen, gehört genauso dazu: wir wurden geboren, ohne dass wir es wollten; wir erleben uns in Körpern, die wir so nicht gemacht haben. Alles, was wir auf diese Weise erleben ist ’neu‘, kommt von ‚außen auf uns zu‘, können wir ‚aus uns selbst heraus‘ nicht ansatzweise denken. Wenn irgendetwas den Namen ‚Offenbarung‘ verdient, dann dieser fundamentale Prozess des Sichtbarwerdens von Etwas (zu dem wir selbst gehören), das wir vollständig nicht gemacht haben, das uns zu Beginn vollständig unbekannt ist.

Die Geschichte des menschlichen Erkennens zeigt, dass die Menschen erst nur sehr langsam, aber dann immer schneller immer mehr von der umgebenden Welt und dann auch seit kurzem über sich selbst erkennen. Nach mehr als 13 Milliarden Jahren erkennen zu können, dass tatsächlich vor mehr als 13 Milliarden Jahren etwas stattgefunden hat, das ist keine Trivialität, das ist beeindruckend. Genauso ist es beeindruckend, dass unsere Gehirne mit dem Bewusstsein überhaupt in der Lage sind, virtuelle Modelle im Kopf zu generieren, die Ereignisse in der umgebenden Welt beschreiben und erklären können. Bis heute hat weder die Philosophie noch haben die empirischen Wissenschaften dieses Phänomen vollständig erklären können (obgleich wir heute viel mehr über unser Erkennen wissen als noch vor 100 Jahren).

Zu den wichtigen Erkenntnissen aus der Geschichte des Erkennens gehört auch, dass das Wissen ‚kumulierend‘ ist, d.h. es gibt tiefere Einsichten, die nur möglich sind, wenn man zuvor andere, einfachere Einsichten gemacht hat. Bei der Erkenntnis des großen Ganzen gibt es keine ‚Abkürzungen‘. In der Geschichte war es immer eine Versuchung, fehlendes Wissen durch vereinfachende Geschichten (Mythen) zu ersetzen. Dies macht zwar oft ein ‚gutes Gefühl‘, aber es geht an der Realität vorbei. Sowohl das kumulierende Wissen selbst wie auch die davon abhängigen alltäglichen Abläufe, die Technologien, die komplexen institutionellen Regelungen, die Bildungsprozesse usw. sie alle sind kumulierend.

Aus diesem kumulierenden Charakter von Wissen entsteht immer auch ein Problem der individuellen Verarbeitung: während dokumentiertes und technisch realisiertes Wissen als Objekt durch die Zeiten existieren kann, sind Menschen biologische Systeme, die bei Geburt nur mit einer — wenngleich sehr komplexen — Grundausstattung ihren Lebensweg beginnen. Was immer die Generationen vorher gedacht und erarbeitet haben, der jeweils neue individuelle Mensch muss schrittweise lernen, was bislang gedacht wurde, um irgendwann in der Lage zu sein, das bisher Erreichte überhaupt verstehen zu können. Menschen, die an solchen Bildungsprozessen nicht teilhaben können, sind ‚Fremde‘ in der Gegenwart; im Kopf leben sie in einer Welt, die anders ist als die umgebende reale Welt. Es sind wissensmäßig Zombies, ‚Unwissende‘ in einem Meer von geronnenem Wissen.

Sollte also das mit der Wortmarke ‚Gott‘ Gemeinte eine Realität besitzen, dann ist der Prozess der natürlichen Offenbarung, die jeden Tag, in jedem Augenblick ein wenig mehr die Erkenntnis Y über das uns vorgegebene Andere ermöglicht, die beste Voraussetzung, sich diesem Etwas ‚X = Gott‘ zu nähern. Jede Zeit hat ihr Y, mit dem sie das Ganze betrachtet. Und so sollte es uns nicht wundern, dass die Geschichte uns viele Y(X) als Deutungen des Etwas ‚X = Gott‘ anbietet.

Empirisches Wissen, Philosophisches Wissen, religiöses Wissen kreisen letztlich um ein und dieselbe Wirklichkeit; sie alle benutzen die gleichen Voraussetzungen, nämlich unsere menschlicher Existenzweise mit den vorgegebenen Erkenntnisstrukturen. Niemand hat hier einen wesentlichen Vorteil. Unterschiede ergeben sich nur dadurch, dass verschiedenen Kulturen unterschiedlich geschickt darin sind, wie sie Wissen kumulieren und wie sie dafür Sorge tragen, dass alle Menschen geeignete Bildungsprozesse durchlaufen.

IV. VEREINIGTE MENSCHHEIT

Schaut man sich an, wie die Menschen sich auch nach den beiden furchtbaren Weltkriegen und der kurzen Blüte der Idee einer Völkergemeinschaft, die Ungerechtigkeit verhindern sollte, immer wieder — und man hat den Eindruck, wieder mehr — in gegenseitige Abgrenzungen und Verteufelungen verfallen, vor grausamen lokalen Kriegen nicht zurück schrecken, die Kultur eines wirklichkeitsbewussten Wissens mutwillig schwächen oder gar zerstören, dann kann man schon mutlos werden oder gar verzweifeln.

Andererseits, schaut man die bisherige Geschichte des Universums an, die Geschichte des Lebens auf der Erde, die Geschichte des homo sapiens, die letzten 10.000 Jahre, dann kommt man nicht umhin, festzustellen, dass es eine dynamische Bewegung hin zu mehr Erkenntnis und mehr Komplexität gegeben hat und noch immer gibt. Und wenn man sieht, wie wir alle gleich gestrickt und auf intensive Kooperation angewiesen sind — und vermutlich immer mehr –, dann erscheinen die Menschen eher wie eine Schicksalsgemeinschaft, wie ‚earth children‘, wie eine ‚Gemeinschaft von Heiligen kraft Geburt‘!

Das Wort ‚Heilige‘ mag alle irritieren, die mit Religion nichts verbinden, aber die ‚Heiligen‘ sind in den Religionen alle jene Menschen, die sich der Wahrheit des Ganzen stellen und die versuchen, aus dieser Wahrheit heraus — ohne Kompromisse — zu leben. Die Wahrheit des Ganzen ist für uns Menschen primär diese Grundsituation, dass wir alle mit unseren Körpern, mit unserem Erkennen, Teil eines Offenbarungsprozesses sind, der für alle gleich ist, der alle betrifft, und aus dem wir nicht aussteigen können. Wir sind aufeinander angewiesen. Anstatt uns gegenseitig zu bekriegen und abzuschlachten, also die ‚Bösen‘ zu spielen, wäre es näherliegender und konstruktiver, uns als ‚Heilige‘ zu verhalten, die bereit sind zum Erkennen, die bereit sind aus der Erkenntnis heraus zu handeln. Das alles ist — wie wir wissen können — nicht ganz einfach, aber es hat ja auch niemand gesagt, dass es einfach sei. Das Leben auf der Erde gleicht eher einem Expeditionschor, das im Universum an einer bestimmten Stelle gelandet ist, und jetzt den Weg zum Ziel finden muss. Wir brauchen keine TV-Reality-Shows, wir selbst sind die radikalste Reality-Show, die man sich denken kann. Und sie tritt gerade in eine sehr heiße Phase ein [Anmerkung: … nicht nur wegen des Klimas 🙂 ].

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KURZNOTIZ: POHLMANN – ENTSTEHUNG DES KORANS – Teil 1

Karl-Friedrich Pohlmann (3.komplett überarbeitete und erweiterte Aufl., 2015), Die Entstehung des Korans. Neue Erkenntnisse aus der Sicht der historisch-kritischen Biblwissenschaft, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG)

 

VORBEMERKUNG

  1.  Der folgend Text ist nicht einfach nur eine Kurzdarstellung der Aussagen von Pohlmann (schon auch), sondern nimmt die Aussagen von Pohlmann an verschiedenen Stellen zum Anlass, verschiedene Überlegungen und Fragen einzuschieben.
  2. Während die Vorbereitungen für die offizielle Gründung des Emerging-Mind Projektes auf Hochtouren laufen (Eröffnungsveranstaltung am 10.Nov.2015 um INM Frankfurt) lese ich weiter in verschiedenen Büchern. Besonders interessant finde ich die neue, 3.Aufl. des Buches von Pohlmann.
  3. KORAN UNANTASTBAR

  4. Wie bekannt tut sich die muslimische Welt bislang eher schwer, den Text des Korans historisch-kritisch zu betrachten, da man in der Haltung des Glaubens meint, dass der Koran nur dann ein heiliges Buch sei, wenn alle Worte mehr oder weniger direkt auf Mohammed zurückgeführt werden können, der wiederum alles direkt von Gott gehört haben soll.
  5. BIBEL, THORA UNANTASTBAR

  6. Im Christentum war dies bis mindestens ins 18.Jahrhundert nicht anders. Der Text der Bibel – altes wie neues Testament – galt auch als von Gott inspiriert und am aktuellen Wortlaut zu rütteln galt als Unglaube, der je nach Zeit und Umständen mit Folter und Tod enden konnte.
  7. Auch im Judentum, insbesondere bei den orthodoxen Juden, war (und ist?) dies so.
  8. HALTUNG DES GLAUBENS

  9. Von außen betrachtet erscheint es merkwürdig, warum Menschen eine Haltung einnehmen, die sie ‚Glauben‘ nennen, die dann dazu führt, dass sie sich weigern, die Realitäten der Welt, dazu zählen auch die historischen Umstände der Textentstehung, anzuerkennen, wie sie sind. Stattdessen blenden sie diese bewusst und willentlich aus. Als man 1972 in Sanaa (Jemen) alte Koranfragmente gefunden hatte, wurden diese zwar restauriert und mikroverfilmt, aber bis heute gibt es keine internationale textkritische Ausgabe unter Berücksichtigung dieser Fragmente, da die Behörden dies nicht zulassen. (vgl. S.24f) Das wenige, was die Forscher trotz der behördlichen Einschränkungen schon jetzt sehen konnten, waren viele Hinweise auf sehr alte Texte, auf Varianten, auf mehrere Textschichten, die auf einen Entstehungsprozess hindeuten. (vgl. S.25)
  10. Eine häufig zu beobachtende Tendenz von Menschen, die etwas Bestimmtes fest glauben (auch jenseits der großen Offenbarungsreligionen gibt es eine große Vielzahl von kleinen Religionen, Heilsgemeinschaften aller Arten, auch im Alltag die unzählig vielen ‚Spieler‘, die an ihr Glück glauben, viele politische Parteigänger, usw.), besteht darin, dass sie diesen ihren Glauben dazu benutzen, um eine ernsthafte und offene Beschäftigung mit dem, was außerhalb ihres Glaubens liegt schlichtweg auszuklammern bzw. nur Argumente zu sammeln, die dagegen sprechen, aber keine dafür. Diese Argumente können sehr abstrus sein.
  11. Man kann sich fragen, warum Menschen dies tun? Warum verleugnen sie den größten Teil der Welt, um ihr kleines Stück Glauben zu bewahren? Viele Äußerungen deuten darauf hin, dass sie in dem, was sie glauben, alle ihre Hoffnungen beheimatet sehen, während sie im Rest der Welt (der eigentlich überwältigend viel größer und reicher ist), nichts zu erkennen vermögen, was ihnen hilft. Obwohl diese Menschen mit ihren realen Augen offensichtlich sehen können, machen ihr inneren Einstellungen sie für den Rest der Welt geistig blind.
  12. Jetzt ist die Frage nach der Wahrheit natürlich eine durch alle Zeiten schwierige Frage, aber die Basis für alle mögliche Wahrheit ist die Wahrnehmung der Welt, wie sie tatsächlich ist und eine geistige (psychische, kognitive,..) Deutung, die die Strukturen und Dynamiken der Welt erkennen lässt, wie sie wirklich ist. Wenn Menschen sich über Gegebenheiten des Alltag nicht mehr einigen können, wird es schwer. Ob man etwas sieht und wie man etwas sieht ist bei Menschen weitgehend abhängig von der inneren Einstellung. Vorausgesetzt, das Wahrnehmungssystem ist intakt, können Menschen jede Wahrnehmung trotzdem verweigern. Sie können sie bewusst ausblenden, können wegsehen, können sie uminterpretieren. So wunderbar diese Fähigkeit einerseits ist, so verheerend können die Folgen sein, wenn man nur um bestimmte liebgewordenen Ideen zu retten, den Rest der Welt mehr oder weniger verleugnet.
  13. Dabei sollte man wissen, dass solche Verleugnungsphänomene vor niemandem halt machen. Selbst in den empirischen Wissenschaften gab es zu allen Zeiten und gibt es auch heute noch viele Beispiele, wie Forscher, die sich dem Ideal des objektiven wissenschaftlichen Wissens verschrieben haben, lange Zeit an Auffassungen festgehalten haben, gegen die viele Fakten sprachen. Dies kann man als Hinweis darauf deuten, dass das Phänomen des Glaubens offensichtlich sehr tief in uns drin sitzt und dass es eine permanente Herausforderung ist, sich selbst immer wieder ernsthaft in Frage zu stellen oder in Frage stellen zu lassen.
  14. SOUVERÄNITÄT GOTTES

  15. Schon mehrfach habe ich in diesem Blog die Auffassung geäußert, dass die Existenz Gottes – sollte es tatsächlich so etwas wie Gott geben – in keinem Fall in irgendeiner Weise davon abhängen würde, ob und wie Menschen über Gott reden oder Menschen leben. Als die ersten Menschen auftraten bestand das heute bekannte Universum schon seit ca. 13.5 Milliarden Jahren.
  16. KORAN ENTSTEHUNG ISLAMISCH

  17. Kehre wir zurück zur Entstehung des Koran.
  18. Auf Seiten der islamischen Koranforschung geht man bislang davon aus, dass (i) Mohammed in der Zeit 610 – 632 n.Chr. Gott direkt gehört und arabisch kommuniziert habe, und dass (ii) seine Anhänger bald nach seinem Tod alles zuverlässig gesammelt, rezensiert, und zu einem Kodex zusammen gestellt haben (beim Tode Mohammeds soll es noch keinen abgeschlossenen Text gegeben haben (vgl. S.21)). Diskutiert wird allenfalls (iii) ob Mohammed selbst überhaupt etwas aufgeschrieben habe, und falls ja, ab wann; ferner (iv) ob frühere Offenbarungen durch spätere Offenbarungen nachträglich abgeändert worden sind, und schließlich (v) ab wann der Koran dann überhaupt als geschlossenes Buch vorlag. (vgl. S.16) Die verbreitetste Auffassung ist die, dass der caliph Abu Bakr bald nach dem Tode Mohammeds eine erste Sammlung von allem angeordnet habe, geschrieben auf Blätter. Zu dieser Zeit waren schon viele der Gefährten aufgrund der vielen Kriege nicht mehr am Leben. Nach dem Tode von Abu Bakr ging das Material an seinen Nachfolger ‚Umar; nach ‚Umars Tod an dessen Tochter Hafsa, eine der Frauen Mohammeds. 20 Jahre nach der Kollektion von Abu Bakr gab es unterschiedliche Strömungen und Versionen, die dazu führten, dass der caliph ‚Utman (644 – 656 n.Chr) unter Leitung des ehemaligen Schreibers von Mohammed, Zhayd b.Thabit, eine neue Kollektion beauftragte, die dann zum allgemein akzeptierten Text unter den Muslimen wurde.(vgl. S.21) Diese äußerliche Kette verbindet sich mit der Überzeugung, dass die Offenbarungsinhalte, die Mohammed direkt von Gott empfangen haben soll, angemessen über all die Jahre, Umstände und verschiedenen Personen hinweg überliefert worden ist.
  19. Bislang gilt heute als beste Textausgabe des Korans der Kairiner Koran, der auf Veranlassung von König Fuad und einem Gremium von Azhar-Gelehrten 1923 erstmals in Kairo gedruckt wurde. (vgl. S.22) Dennoch handelt es sich bei diesem Text nicht um eine wissenschaftlich editierte kritisch-historische Textausgabe.(vgl. S.23) Die Funde von sehr alten Koranfragmenten in Sanaa (Jemen) wurden jedenfalls bislang offiziell nicht berücksichtigt. (vgl.SS.24-28)
  20. KORAN ENTSTEHUNG WESTLICH

  21. In der westlichen Islamwissenschaft gibt es zwei Strömungen: die einen übernehmen mehr oder weniger die Grundeinstellung der islamischen Koranwissenschaft, dass es trotz aller Schwankungen eine zuverlässige Überlieferungskette gibt und dass weitere historisch-kritische Forschungen nicht notwendig sind. Die andere Strömung sieht sehr wohl viele offene Fragen, die geklärt werden müssten, aber bislang konnte diese Forschung nur begrenzte Erfolge erzielen.(ausführlicher siehe SS.29-43)
  22. 100 JAHRE ERFAHRUNG TEXTANALYSE

  23. Berücksichtigt man die über 100 Jahre Erfahrungen, die im Bereich der wissenschaftlichen Untersuchungen von christlichen Offenbarungstexten gemacht werden konnten, dann verstärkt sich eigentlich der Verdacht, dass sehr Ähnliches auch für den Korantext gilt.
  24. Der Umbruch und Fortschritt in der wissenschaftlichen Untersuchung der christlichen Bibel (die in ihrem alttestamentlichen Teil weitgehend auch mit den jüdischen Texten übereinstimmt) begann erst, als man (i) bereit war, viele liebgewordene Unterstellungen mal in Frage zu stellen, und (ii) als man tatsächlich die realen Texte einer genaueren historisch-kritischen und redaktionellen Untersuchung unterzog.
  25. Am Beispiel der Texte, die den Propheten Jesaja, Ezechiel und Jeremia zugesprochen wurden (vgl. SS.45-55), denen alle eine direkte göttliche Inspiration zuerkannt worden war, zeigt Pohlmann auf, wie Schritt für Schritt aufgedeckt werden konnte, dass alle diese Texte Entstehungsgeschichten haben, vielfache Überarbeitungen aufweisen, die in unterschiedliche Zeiten mit unterschiedlichen Aussageabsichten verweisen. Für die einen erschien dies wie ein Verlust (ihres Idealbildes), für die anderen fingen die Texte damit erstmalig an zu sprechen, enthüllten sie ihre inneren Strukturen, die dahinter liegenden historischen Prozesse, die Sorgen und Hoffnungen der beteiligten Menschen.
  26. PERSÖNLICHES

  27. Als ich selbst, erst als Schüler, dann später als Student, erstmalig anhand der hebräischen Texte des alten Testaments mit all den wunderbaren neuen historisch-kritischen Erkenntnissen über die Entstehung der Texte konfrontiert wurde, war dies für mich wie eine Erlösung; erstmalig konnte ich mit diesen Texten tatsächlich etwas anfangen, sie kamen ganz nah, man konnte die realen Menschen dahinter spüren. Vorher wirkten die Texte fremd, abstrakt, unverständlich.
  28. Die voranschreitende ‚Vergöttlichung‘ in allen Texten sagte dann mehr über uns Menschen aus als über den unbekannten Gott. Offensichtlich tendieren wir Menschen dazu, in allem etwas Besonderes zu sehen. Wir neigen dazu, etwas Normales zu Überhöhen. Was zuvor menschliche Worte waren, normale Ereignisse, wird plötzlich zum Wort Gottes oder zu einer göttlich verursachten Tat hochstilisiert.
  29. ISLAMISCHE THEOLOGIE UNBERÜHRT

  30. Trotz der überwältigenden Erkenntnisse von mehr als 100 Jahren westlicher wissenschaftlicher Analyse biblischer Texte ist nach Pohlmann immer noch nicht zu erkennen, dass islamische Theologen einen ähnlichen Weg wissenschaftlicher Analyse der Korantexte beschreiten. (vgl. S.57) Wovor haben Muslime Angst bei einer intensiveren Begegnung mit den Korantexten (gilt natürlich gleichermaßen auch für Juden und Christen, die die Texte ähnlich fundamentalistisch sehen)? (siehe ausführlicher SS.45-58)
  31. EIN GOTT – VIELE MENSCHEN

  32. Egal wie Juden ihre Thora interpretieren, Christen ihre Bibel und die Muslime ihren Koran, die Welt ist entstanden, wie sie entstanden ist, und sie findet statt, unabhängig von diesem Glauben, und wenn die Sonne sich in etwa 1 Mrd. Jahren aufgrund ihrer Kernfusionsprozesse soweit ausgedehnt haben wird, dass ein Leben auf der Erde nicht mehr möglich sein wird, dann wird sie dies auch tun, egal wie bestimmte Menschengruppen bestimmte Texte interpretieren. Außerdem müssen sich alle Offenbarungsreligionen die Frage stellen, warum der eine Gott sich jeweils so unterschiedlich mitgeteilt haben soll. Dass auch so viele Menschen außerhalb des Judentums, des Christentums und des Islams Gott erfahren haben wollen und auch heute noch erfahren, ist damit auch noch nicht befriedigend geklärt. Dass ein Gott sich allen Menschen in gleicher Weise mitteilt wäre eigentlich naheliegend; dass dann einzelne Menschen für sich einen privilegierten Zugang zu Gott beanspruchen spricht vielleicht eher gegen diese Menschen und nicht für Gott. Schließlich müssen sich die Religionen fragen, warum sie noch nie ernsthaft überprüft haben, ob nicht die anderen den gleichen Gott erfahren. Wer hat dies jemals ernsthaft untersucht? Liegt dies nicht schlicht daran, dass viele, die sich in ihrem Glauben auf Gott beziehen, noch niemals wirklich selbst Gott erfahren haben? Dass sie letztlich gar nicht selbst wissen, wie Gott ‚wirklich‘ ist? Dass sie gar keine objektiven Kriterien haben, um zu unterscheiden, ob der andere tatsächlich Gott erfahren hat oder nicht? Wenn Gott tatsächlich der Schöpfer von allem sein soll, wie behauptet wird, dann würde er in allem und jedem stecken. Dies zu verleugnen wäre dann der eigentliche Unglaube.

Eine Fortsetzung folgt HIER.

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AVICENNAS ABHANDLUNG ZUR LOGIK – Teil 1

VORGESCHICHTE

1. In einem vorausgehenden Beitrag Avicennas Metaphysik hatte ich meine erste Begegnung mit der Person und dem Werk Avicennas (Ibn Sina (980 – 1038)) geschildert. Nach einer ersten begeisterten Lektüre der ersten 100 Seiten gab es aber dann eine lange Unterbrechung; andere Dinge mussten getan werden und forderten meine ganze Kraft.

TEXT ÜBER LOGIK

2. Immerhin ist es mir in dieser Zeit gelungen, die englische Übersetzung eines Werkes von Avicenna über die Logik zu bekommen, eingeleitet und kommentiert von Faran Zabeeh (siehe Quellenangabe unten). Dieser Text lag seitdem die ganze Zeit auf meinem Nachttisch, um gelesen zu werden. Heute habe ich beschlossen, es mit der Lektüre zu versuchen.

GLAUBE UND WISSEN

3. In der vierseitigen Einleitung zum Text über die Logik ordnet Zabeeh Avicenna der Gruppe der islamischen Philosophen zu, die sich aus vielen verschiedenen Nationen rekrutieren. Ein gemeinsames Charakteristikum dieser islamischen Philosophen war es (hierin vergleichbar auch den christlichen Philosophen), die griechische Philosophie – vornehmlich Aristoteles (384-322 v. Chr.) – mit den Grundaussagen ihrer Religion entweder zu ‚harmonisieren‘ oder zu ‚verurteilen‘.

4. Zabeeh erwähnt beispielsweise einen Landsmann von Avicenna, den Theologen Ghazali (1058 – 1111), der sich z.B. die Frage stellte, wie man die religiöse Lehre der ‚Schöpfung aus dem Nichts‘ mit der griechischen Auffassung versöhnen könnte, das ‚Aus Nichts nichts entstehen kann‘. Ein anderer Punkt war die Verträglichkeit des Glaubens an ‚Wunder‘ mit dem Anspruch ‚wissenschaftlicher Erklärung aus Gründen‘, also ganz allgemein: das Verhältnis von ‚Glauben‘ und ‚rationale Vernunft‘ (Englisch: ‚reason‘). Ghazali selbst vertrat die Auffassung, dass eine Versöhnung zwischen Glauben und rationaler Vernunft letztlich nicht möglich sei, was schlecht sei für den Glauben.

5. Eine Gegenposition zu Ghazali wurde von dem spanischen (islamischen) Philosophen Averroes (Ibn Ruschd (1126 – 1198)) repräsentiert. Er sah eine Vereinbarkeit zwischen Aristoteles und dem Glauben dadurch, dass er die religiösen Texte nicht ‚wortwörtlich‘ interpretierte, sondern in ihnen auch eine ‚allegorisierende‘ Darstellungsweise sah, die einen breiteren Interpretationsspielraum bietet.

6. [Anmerkung: Averroes nimmt mit dieser Position eine spätere Entwicklung in der christlichen Bibelwissenschaft vorweg, die ca. 750 Jahre später damit begonnen hatte, die biblischen Texte von ihrer historischen Entstehung her kritisch zu lesen, und dann, auf dieser neu gewonnenen kritischen Basis, neu interpretieren zu können. Mit dieser ‚kritischen‘ Bibelwissenschaften wurde der Blick frei für das größere Ganze und viel weitreichenderen Interpretationen, als sie bis dahin möglich waren. Damit begann eine neue Theologie und eine Versöhnung von Glauben und Wissen wurde unbeschränkt möglich. Allerdings kam diese Entwicklung dann irgendwie wieder zum Stillstand, da ab ca. 1970 die gesellschaftliche Bedeutung der Religionen in den westlichen Ländern kontinuierlich abnahm und es immer weniger Wissenschaftler gab, die sich dieser Aufgabe auf hohem Niveau widmeten.]

WELTANSCHAULICH NEUTRAL: LOGIK

7. Neben den verschiedenen philosophischen Disziplinen Erkenntnistheorie, Metaphysik, Politik und Ethik, die alle irgendwie direkt in Wechselwirkung zu religiösen Auffassungen treten konnten, gab es eine Disziplin, von der selbst ein philosophie-kritischer Theologe wie Ghazali sagte, sie sei weltanschauungsmäßig neutral: die Logik.

8. Zur antiken Logik (Lateinisch: ‚logica vetus‘) gibt es in der deutschen Wikipedia einen sehr guten ersten Überblick.

9. Während die meisten islamischen Philosophen und Wissenschaftler sich – wie auch die christlichen – im Kommentieren und Interpretieren der aristotelischen Texte erschöpften, soll Avicenna streckenweise eine eigenständige Position bezogen haben (vgl. Zabeeh, S.3). Die vorliegende Abhandlung ‚Danesh-Name Alai‘ ist einer von vier Texten, in denen Avicenna über Logik schreibt; sie alle ähneln sich sehr. Der vollständige Text von ‚Danesh-Name Alai‘ ist eine komplette Enzyklopädie mit den Themenbereichen ‚Logik‘, ‚Metaphysik‘, ‚Naturphilosophie‘, ‚Geometrie‘, ‚Astronomie‘ und ‚Musik‘. Im vorliegenden Text geht es nur um den Teil der Logik.

AVICENNA (AUTO-)BIOGRAPHIE

10. Es folgt dann eine Übersetzung der Autobiographie von Avicenna, vollendet von seinem langjährigen Schüler Abu-Abid Gorgani. Lässt man die Details weg, dann zeigen sich folgende große Linien. (i) Aufgrund der herausgehobenen Position seines Vaters konnte Avicenna sich von ’sehr frühen Jugendjahren an‘ bis zu seinem 21.Lebensjahr vollständig dem Lernen und Experimentieren widmen, dies unterstützt durch sehr kundige Lehrer und fürstlichen Bibliotheken. So kam es, dass er (ii) schon mit 18 Jahren von sich sagen konnte, er habe alle Wissenschaften vollständig gelernt, hatte in dieser Zeit auch schon mehrere Bücher verfasst und begann dann (iii) ein Leben als hoher Beamter und Mediziner an verschiedenen Fürstenhäusern. Obgleich er immer sehr belastet war, setzte er seine Studien kontinuierlich (meist Nachts) fort und schrieb eine Unzahl von Büchern, oft mehrbändig.

Zur Fortsetzung HIER klicken.

QUELLEN

Avicenny, ‚Avicennas Treatise on Logic‘. Part One of ‚Danesh-Name Alai‘ (A Concise Philosophical Encyclopedia) and Autobiography, edited and translated by Farang Zabeeh, The Hague (Netherlands): Martinus Nijhoff, 1971. Diese Übersetzung basiert auf dem Buch ‚Treatise of Logic‘, veröffentlicht von der Gesellschaft für Nationale Monumente, Serie12, Teheran, 1952, herausgegeben von M.Moien. Diese Ausgabe wiederum geht zurück auf eine frühere Ausgabe, herausgegeben von Khurasani.

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