PRAKTISCHE KOLLEKTIVE MENSCH-MASCHINE INTELLIGENZ by design. MMI Analyse. Teil 1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 16.Februar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

Letzte Änerung: 26.2.2021 (Anmerkung zum Begriff ‚Alltagssprache‘ ergänzt)

KONTEXT

In diesem Beitrag soll das Konzept einer praktischen kollektiven Mensch-Maschine Intelligenz by design weiter entwickelt werden. Im unmittelbar vorher gehenden Beitrag wurde die grundlegende Problemstellung sowie die gewählte (Zukunfts-)Vision in einer ersten Annäherung umrissen. In diesem Text geht es jetzt darum, etwas konkreter zu skizzieren, wie diese (Zukunfts-)Vision aussehen könnte bzw. sollte.

Bisher zum Thema veröffentlicht:

MMI ANALYSE – AUSGANGSPUNKT

Der Ausgangspunkt der MMI-Analyse ist gegeben durch die ersten Angaben zur Zukunfts-Vision (Siehe Schlussabschnitt in [1]). Diese Vision umschreibt mit wenigen Worten, welcher Zustand in der Zukunft angezielt wird. Die Vision selbst sagt nichts zur Begründung, nichts zu den Motiven; diese werden vorausgesetzt. Die Vision beschreibt nur, was sein soll.

Beliebige Menschen spielen Zukunft

Zentraler Gedanke ist, dass eine beliebige Gruppe von Menschen auf eine eher spielerische Weise dabei unterstützt werden soll, für eine selbst gewählte Problemstellung und ein selbst gewähltes Ziel schrittweise einen Lösungsweg zu konstruieren.

Ein Drehbuch schreiben

Diese Konstruktion eines Lösungsweges ist vergleichbar mit dem Schreiben eines Drehbuchs in einer Alltagssprache, die alle Beteiligten hinreichend beherrschen.[2] Dies setzt voraus, dass der Prozess der Wirklichkeit — vereinfachend — gedacht wird als eine Folge von Situationen (oder auch Zuständen), in der eine Nachfolgesituation S‘ aus einer vorausgehenden Situation S durch das Stattfinden von mindestens einer beobachtbaren Veränderung hervorgegangen ist. Im Grenzfall ist es nur die Veränderung einer Uhr, deren Zeitanzeigen in der Nachfolgesituation S‘ ‚größer‘ sind als in der Situation S.[3] Im Kontext einer Folge von beschreibbaren Situationen kann man die Veränderungen in der Form von Veränderungs-Regeln fassen: Man sagt: wenn die Bedingung C in einer aktuellen Situation S erfüllt ist, dann sollen mit der Wahrscheinlichkeit π die Aussagen Eplus der Situation S hinzugefügt werden, um die Nachfolgesituation S‘ zu generieren, und die Aussagen Eminus sollen von S weggenommen werden, um die Nachfolgesituation S‘ zu generieren.

Bezug zu einer Situation

Diese Redeweise setzt voraus, dass davon ausgegangen wird, dass der Text des Drehbuchs sich auf eine reale Situation S bezieht, und die einzelnen Ausdrücke des Textes Eigenschaften der realen Situation beschreiben. Die Menge der Ausdrücke in einem Drehbuch, die sich auf eine bestimmte Situation S beziehen, bilden also Repräsentanten von realen Eigenschaften der vorausgesetzten realen Situation. Verändert sich die vorausgesetzte Situation in ihren beobachtbaren Eigenschaften, dann drückt sich dies darin aus, dass sich auch die Ausdrücke im Drehbuch verändern müssen: kommen neue Eigenschaften hinzu, müssen neue Ausdrücke hinzu kommen. Verschwinden Eigenschaften, dann müssen die entsprechenden Ausdrücke verschwinden. Wechselt also z.B. die Verkehrsampel von Rot auf Orange, dann muss z.B. der Ausdruck ‚Die Ampel ist rot‘ ersetzt werden durch die Aussage ‚Die Ampel ist orange‘. Dann wäre die Menge Eminus = {Die Ampel ist rot}, und die Menge Eplus = {Die Ampel ist orange}.

Das Drehbuch hat zwei Teile …

Das Drehbuch für die gemeinsame spielerische Planung einer gewünschten Zukunft besteht also mindestens aus zwei Teilen:

  1. Einer Ausgangssituation S, von der aus man starten will, und
  2. einer Menge von Veränderungsregeln X, die sagen, wann man eine gegebene Situation in welcher Weise abändern darf.

Vergleich mit einem Spiel

Diese Konstellation kann man ohne weiteres mit einem Spiel vergleichen:

  1. Es gibt die Startsituation (z.B. ein bestimmtes Spielbrett oder eine Spielfeld mit Spielobjekten und Spielern)
  2. Es gibt vereinbarte Spielregeln, anhand deren man in einer gegebenen Situation etwas tun darf.

Regeln jederzeit abändern

In dem hier angenommenen Szenario eines Drehbuchs für die gemeinsame spielerische Planung einer gewünschten Zukunft gibt es allerdings zwei Besonderheiten: Die eine besteht darin, dass die Ausgangslage und die Spielregeln von den Spielern selbst aufgestellt werden und jederzeit nach Absprache geändert werden können.

Leitbild Zukunft als Maßstab

Die andere Besonderheit resultiert aus der Tatsache, dass die Teilnehmer hier zu Beginn auch explizit ein Leitbild für die Zukunft formulieren. Dieses kann zwar auch jederzeit nach Absprache wieder abgeändert werden, so lange es aber gilt, dient dieses Leitbild als Maßstab für die Beurteilung, ob und in welchem Umfang der Prozess der fortschreitenden Veränderung ( = der Spielprozess!) das zuvor vereinbarte Leitbild erreicht hat.

In gewisser Weise entspricht die Bewertung einer Situation anhand eines vereinbarten Leitbildes dem Konzept des ‚Gewinnens‘ in normalen Spielen: beim Gewinnen wird in einem Spiel ein Zustand erreicht, der sich anhand zuvor vereinbarter Kriterien als ‚Gewinnsituation‚ für mindestens einen beteiligten Spieler klassifizieren lässt. Man sagt dann, dass dieser Spieler ‚gewonnen‘ hat.

Bei der Verwendung des Konzepts einer Zukunftsvision als Leitbild kann man das Leitbild dazu benutzen, um eine beliebige Situation dahingehend zu klassifizieren, ob und wenn ja in welchem Umfang diese Situation dem Leitbild ‚entspricht‘. Explizite Zukunftsbilder ermöglichen also die ‚Bewertung‘ einer Situation. Ohne solch eine Möglichkeit wäre jede Situation gleichwertig mit jeder anderen Situation. Es wäre dann nicht möglich, eine ‚Richtung‘ für einen Prozess zu definieren.

ALLTAGSSPRACHE

Diejenige Sprache, die jeder Mensch von Kindheit an lernt und benutzt, das ist die Alltagssprache, also die Sprache, die jeder in seinem Alltag spricht und die — normalerweise — auch von den Mitmenschen benutzt wird. [5a] Durch das Voranschreiten einer Globalisierung und der damit einhergehenden Vermischung von Alltagswelten, vermengen sich verschiedene Sprachen, was bei einzelnen zur Mehrsprachigkeit führt, auf der anderen Seite zur Zunahme von Übersetzungen. Übersetzungen durch Menschen können vergleichsweise ‚gut‘ sein (wer kann dies eigentlich überprüfen?), die heute zunehmenden Angebote von computerbasierten Übersetzungen sind aber dennoch auf dem Vormarsch, weil man ihren Einsatz sehr leicht ’skalieren‘ kann: ein Programm kann viele Millionen Menschen gleichzeitig ‚bedienen‘, dazu eher ‚einheitlich‘, und solch ein maschinelles Übersetzungsprogramm kann — wie salopp gesagt wird — ‚lernen‘.[4] Die Gesamtheit dieser maschinellen Verfahren hat aber dennoch keinen Zugang zu den eigentlichen Bedeutungsfunktionen von Alltagssprache, die in den Gehirnen der Sprecher-Hörer verortet sind. [5]

Aufgrund dieser Sachlage soll das neue Verfahren die Vorteile und Nachteile der verschiedenen Möglichkeiten auf neue Weise optimal verknüpfen. Primär soll der Anwender seine Alltagssprache — und zwar jede — voll benutzen können.

Zur Alltagssprache gehören mehrere ‚Mechanismen‘ [6], die es zulassen, dass man sie beliebig erweitern kann, und auch, dass man in der Alltagssprache über die Alltagssprache sprechen kann.[7] Diese Eigenschaften machen die Alltagssprache zu den stärksten Ausdruckssystemen, die wir kennen.[8]

Zu den möglichen — und vorgesehenen — Erweiterungen der Alltagssprache gehören z.B. beliebige Parametermengen mit zugehörigen Operationen auf diesen Parametern. Ein ‚Parameter‘ wird hier verstanden als ein Name, dem irgendein Wert (z.B. ein numerischer Wert) zugeordnet sein kann (z.B. eine Einwohnerzahl, ein finanzieller Betrag, ein Temperaturwert …). Parameter mit numerischen Werten kann man z.B. Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren usw.

Zum Sprechen über andere Ausdrücke gehört die Möglichkeit, dass man beliebige Abstraktionen bilden kann. Schon wenn wir über sogenannte normale Gegenstände sprechen wie ‚Stuhl‘, ‚Tasse‘, ‚Tisch‘, ‚Hund‘ usw. benutzen wir sprachliche Ausdrücke, die nicht für ein einzelnes Objekt stehen, sondern für ganze Mengen von konkreten Dingen, die wir alle gelernt haben, als ‚Stuhl‘, ‚Tasse‘, ‚Tisch‘, ‚Hund‘ usw. zu bezeichnen. Auf einem Tisch können bei mehreren Personen beim Frühstück ganz viele Gegenstände stehen, die wir alle als ‚Tasse‘ bezeichnen würden, obwohl sie sich u.a. durch Form, Farbe und Material unterscheiden.[9]

SIMULATION

Normale Formen von Drehbüchern bestimmen das Geschehen auf der Bühne oder in einem Film. Auf der Bühne beginnt man mit einer Eingangsszene, in der unterschiedliche Akteure in einer bestimmten Umgebung (Situation) anfangen, zu handeln, und durch das Handeln werden Veränderungen bewirkt: in den Akteuren (meist nicht so fort direkt sichtbar, aber dann in den Reaktionen), in der räumlichen Anordnung der Dinge, in der Beleuchtung, in Begleitgeräuschen, … Im Film ist es die Abfolge der Bilder und deren Füllungen.

Im Fall von Brettspielen fangen die beteiligten Spieler an, mit Blick auf erlaubte Regeln, den aktuellen Spielstand und die möglichen Gewinnsituationen in der Zukunft zu handeln. Dieses Handeln bewirkt eine schrittweise Änderung der jeweils aktuellen Spielsituation.

In abgewandelter Form passiert in einem Krimi oder in einem Roman nichts anderes: literarisch begabte Menschen benutzen das Mittel der Alltagssprache um Situationen zu beschreiben, die sich schrittweise durch Ereignisse oder das Verhalten von Menschen ändern. Noch eine Variante stellt die Gattung Hörspiel dar: statt eine Geschichte zu lesen hört man beim Hörspiel zu und lässt sich mit hinein nehmen in ein Geschehen, das sich von Situation zu Situation fortbewegt und den Hörer — wenn er sich angesprochen fühlt — geradezu mitreißen kann.

In der vorliegenden Anwendung gibt es alle Zutaten — Gegenwart, Zukunft, mögliche Maßnahmen –, aber wie kommt es hier zu einer Abfolge von Situationen?

Im einfachsten Fall setzten sich die Autoren der Texte zusammen und prüfen durch eigene Lektüre der Texte und Regeln, welche der Regeln aktuell angewendet werden könnten und sie wenden die Regeln an. Auch so würde eine Folge von Texten entstehen, wobei jeder Text eine Situation beschreibt. Erst die Start-Situation, dann die Anwendung von passenden Regeln, die zu einer Veränderung des Textes führt und damit zu einer neuen Situation.

Wir wissen von uns Menschen, dass wir dies im Alltag können (z.B. jeder Heimwerker — oder auch Hobby-Bastler — benutzt eine Bauanleitung, um aus den Einzelteilen des Bausatzes schrittweise ein komplexes Gebilde zusammen zu bauen). Wenn die Texte umfangreicher werden und wenn die Zahl der Regeln deutlich zunimmt, dann kommt man mit dieser händischen (manuellen) Methode bald an praktische Grenzen. In diesem Moment wäre es sehr schön, man könnte sich helfen lassen.

Viele Menschen benutzen heutzutage zum Schreiben von Texten, zum Rechnen, zum Malen, zum Komponieren, den Computer, obwohl es ja eigentlich auch ohne den Computer gehen würde. Aber mit einem Rechenblatt viele Rechnungen miteinander zu verknüpfen und dann ausrechnen zu lassen ist einfach bequemer und — in den komplexen Fällen — sogar die einzige Möglichkeit, die Arbeit überhaupt zu verrichten. Computer müssen nichts verstehen, um Zeichenketten bearbeiten zu können.

Diese formale Fähigkeit eines Computers soll für diese Anwendung genutzt werden: wenn ich die Text-Version einer Situation habe wie z.B. S1 = {Das Feuer ist fast erloschen.} und ich habe eine Veränderungsregel der Art: X1 = {Wenn C1 zutrifft dann füge Eplus1 dazu und nehme Eminus1 weg}, konkret C1 = {Das Feuer ist fast erloschen.}, Eplus1 = {Lege Holz nach.}, Eminus1 = {Leer}, dann ist es für einen Computer ein leichtes festzustellen, dass die Bedingung C1 in der aktuellen Situation S1 erfüllt ist und dass daher die Aussage Lege Holz nach. hinzugefügt werden soll zu S1, was zur neuen Situation S2 führt: S2 = {Das Feuer ist fast erloschen. Lege Holz nach.} Wenn es jetzt noch die Regel geben würde X2 mit C2 = {Lege Holz nach.}, Eplus2 ={Das Feuer brennt.}, Eminus2={Das Feuer ist fast erloschen.}, dann könnte der Computer ‚ohne Nachzudenken‘ die nächste Situation S3 erzeugen mit S3 = {Das Feuer brennt.}

Dieses einfache Beispiel demonstriert das Prinzip einer Simulation: man hat eine Ausgangssituation S0, man hat eine Menge von Veränderungsregeln im oben angedeuteten Format X= Wenn C in S erfüllt ist, dann füge Epluszu S dazu und nimm Eminus von S weg, und man hat einen Akteur, der die Veränderungsregeln auf eine gegebene Situation anwenden kann. Und diese Anwendung von Regeln erfolgt so oft, bis entweder keine Regeln mehr anwendbar sind oder irgendein Stopp-Kriterium erfüllt wird.

Schreibt man für den Ausdruck Die Menge der Veränderungsregeln X wird auf eine Situation S angewendet, was zur Nachfolgesituation S‘ führt verkürzend als: X(S)=S‘, ergibt die wiederholte Anwendung von X eine Serie der Art: X(S)= S‘, X(S‘)= S“, …, X(Sn-1)= Sn. Dies bedeutet, dass die Folge der Text-Zustände <S‘, S“, …, Sn> einen Simulationsverlauf repräsentieren. Man kann dann sehr gut erkennen, was passiert, wenn man bestimmte Regeln immer wieder anwendet.

In der vorliegenden Anwendung sollen solche durch Computer unterstützte Simulationen möglich sein, tatsächlich sogar noch mit einigen weiteren Feinheiten, die später näher beschrieben werden.

SIMULATION MIT BEWERTUNG

Wie zuvor schon im Text beschrieben wurde, kann man eine gegebene Situation S immer dann klassifizieren als erfüllt Eigenschaft K, wenn man über geeignete Kriterien K verfügt. In der vorliegenden Anwendung kann der Anwender eine Vision formulieren, eine Beschreibung, welcher Zustand in der Zukunft eintreten sollte.

Im Rahmen der Simulation soll es daher möglich sein, dass nach jeder Anwendung von Veränderungsregeln X mitgeteilt wird, in welchem Ausmaß die vorgegebene Vision V im aktuellen Zustand S eines Simulationsverlaufs schon enthalten ist. Die Aussagekraft einer solchen Klassifikation, die eine Form von Bewertung darstellt, hängt direkt von der Differenziertheit der Vision ab: je umfangreicher und detaillierter der Text der Vision ist, um so konkreter und spezifischer kann die Bewertung vorgenommen werden.

LERNFÄHIGE ALGORITHMEN (KI)

So, wie im Fall der Simulation der Computer dem Menschen bei ausufernden manuellen Tätigkeiten helfen kann, diese zu übernehmen, so ergibt sich auch für die Frage der Auswertung eines Simulationsverlaufs sehr schnell die Frage: könnte man auch ganz andere Simulationsverläufe bekommen, und welche von den vielen anderen sind eigentlich im Sinne eines vorgegebenen Zielkriteriums besser?

Tatsächlich haben wir es mit dem Ensemble einer Anfangssituation, einer Zukunftsvision und einer Menge von Veränderungsregeln mit einem Problemraum zu tun, der sehr schnell sehr umfangreich sein kann. Eine einzelne Simulation liefert immer nur einen einzigen Simulationsverlauf. Tatsächlich lässt der Problemraum aber viele verschiedene Simulationsverläufe zu. In den meisten Fällen ist eine Erkundung des Problemraumes und das Auffinden von interessanten Simulationsverläufen von großem Interesse. Der Übergang von einem Suchprozess zu einem lernenden Prozess ist fließend.

In der vorliegenden Anwendung soll von der Möglichkeit einer computergestützten lernende Suche Gebrauch gemacht werden.

QUELLENANGABEN und ANMERKUNGEN

[1] Siehe dazu den Schluss des Textes von Gerd Doeben-Henisch, 15.2.2021, PRAKTISCHE KOLLEKTIVE MENSCH-MASCHINE INTELLIGENZ by design. Problem und Vision, https://www.cognitiveagent.org/2021/02/15/praktische-kollektive-mensch-maschine-intelligenz-by-design-problem-und-vision/https://www.cognitiveagent.org/2021/02/15/praktische-kollektive-mensch-maschine-intelligenz-by-design-problem-und-vision/

[2] Denkbar ist natürlich, dass partiell mit Übersetzungen gearbeitet werden muss.

[3] Dieses Modell der Zerlegung der Wirklichkeit in Zeitscheiben entspricht der Arbeitsweise, wie das menschliche Gehirn die jeweils aktuellen sensorischen Signale für ein bestimmtes Zeitintervall ‚zwischen-puffert‘, um die Gesamtheit der Signale aus diesem Zeitintervall dann nach bestimmten Kriterien als eine Form von Gegenwart abzuspeichern und daraus dann Vergangenheit zu machen.

[4] Damit dies möglich ist, landen alle Texte auf einem zentralen Server, der mit statistischen Methoden ganze Texte nach Methoden des sogenannten ‚maschinellen Lernens‘ analysiert, statistische Verwendungskontexte von Ausdrücken erstellt, angereichert durch diverse sekundäre Zusatzinformationen.

[5] Was diese bedingt lernfähigen Algorithmen an Übersetzungsleistungen ermöglichen, ist sehr wohl erstaunlich, aber es ist prinzipiell begrenzt. Eine vertiefte Analyse dieser prinzipiellen Begrenzungen führt in die Entstehungszeit der modernen formalen Logik, der modernen Mathematik sowie in die theoretischen Grundlagen der Informatik, die letztlich ein Abfallprodukt der Meta-logischen Diskussion in der Zeit von ca. 1900 bis 1940 ist. Wenn also die angezielte Anwendung die volle Breite der Alltagssprache nutzen können soll, dann reicht es nicht, die prinzipiell Bedeutungsfernen Verfahren der Informatik wie bisher einzusetzen.

[5a] Das Phänomen ‚Alltagssprache‘ ist bei näherer Betrachtung äußerst komplex. In einem anderen Beitrag habe ich einige der grundlegenden Aspekte versucht, deutlich zu machen: Gerd Doeben-Henisch, 29.Januar 2021, SPRACHSPIEL und SPRACHLOGIK – Skizze. Teil 1, https://www.cognitiveagent.org/2021/01/29/sprachspiel-und-sprachlogik-skizze-teil-1/

[6] … von denen die formale Logik nicht einmal träumen kann.

[7] In der formalen Logik sind Spracherweiterungen im vollen Sinne nicht möglich, da jede echte Erweiterung das System ändern würde. Möglich sind nur definitorische Erweiterungen, die letztlich Abkürzungen für schon Vorhandenes darstellen. Das Sprechen in einer gegebenen Sprache L über Elemente der Sprache L — also meta-sprachliches Sprechen –, ist nicht erlaubt. Aufgrund dieser Einschränkung konnte Goedel seinen berühmten Beweis von der Unmöglichkeit führen, dass ein formales System sowohl Vollständig als auch Widerspruchsfrei ist. Dies ist der Preis, den formale Systeme dafür zahlen, dass ’nichts falsch machen können‘ (abgesehen davon, dass sie von sich aus sowieso über keine Bedeutungsdimension verfügen)).

[8] Während formale Systeme — und Computer, die nach diesen Prinzipien arbeiten — durch diese Elemente inkonsistent und un-berechenbar werden, kann das menschliche Gehirn damit fast mühelos umgehen!

[9] Unser Gehirn arbeitet schon immer mit beliebigen Abstraktionen auf beliebigen Ebenen.

FORTSETZUNG

Eine Fortsetzung findet sich HIER.

DER AUTOR

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

PRAKTISCHE KOLLEKTIVE MENSCH-MASCHINE INTELLIGENZ by design. Problem und Vision

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 13.-15.Februar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

Letzte Korrekturen: 16.Februar 2021, 14:40h

KONTEXT

In diesem Beitrag soll das Konzept einer praktischen kollektiven Mensch-Maschine Intelligenz by design, das im vorausgehenden Beitrag grob vorgestellt worden ist, weiter konkretisiert werden. In diesem Text geht es um eine erste Beschreibung der auslösenden Problemstellung und einem möglichen Zukunftskonzept.

Bisher zum Thema veröffentlicht:

PROBLEMSTELLUNG

Die Problemstellung, die hier beschrieben wird, wird so knapp wie möglich gehalten.

Eine ausführliche Beschreibung könnte sehr schnell viele hundert Seiten umfassen, da es bei dem Problem um nichts weniger als um uns selbst geht, um unsere Situation als Menschen in einem Alltag; hier primär um einen Alltag in der Bundesrepublik Deutschland. Doch da es um das generelle Problem geht, wie beliebige Menschen weltweit — wenn sie denn wollen — gemeinsam ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Motive so austauschen, dass dabei ihre Gegenwart mit identifizierten Problemen vorkommt, mögliche Zielvorstellungen, wie es denn besser sein könnte, mögliche Maßnahmen, wie man die Gegenwart schrittweise ändern könnte, geht es nicht nur um Deutschland, nicht nur um Europa, sondern um die ganze Menschheit. Auf diesem Planet Erde zu überleben ist schon jetzt nur noch möglich, wenn alles positiv-konstruktiv zusammenspielt; Nachhaltigkeit ist hier keine ‚Modewort‘ sondern knallharte Realität: entweder wir lösen das Problem gemeinsam oder wir werden gemeinsam untergehen.

Es macht daher Sinn, mit möglichst wenig, möglichst einfach, anzufangen, um die Problembeschreibung dann schrittweise auszuweiten.

DER MENSCH SELBST

Der primäre Ansatzpunkt der Problemstellung ist der Mensch selbst, Wir, die Lebensform des homo sapiens. Die biologische Evolution hat dem homo sapiens mindestens zwei Eigenschaften mitgegeben, die ihm eine besondere Rolle — und damit auch eine besondere Verantwortung ? — zukommen lässt (für weitere Erläuterungen zu den folgenden Gedanken siehe z.B. [1] und [2]):

Außen nach Innen

(i) Ein einzelner homo sapiens ist so gebaut, dass er automatisch die Realität der Außenwelt in die Realität seiner Gehirnzustände verwandelt, und innerhalb dieser realen Gehirnzustände real-virtuelle Signalzustände erzeugt, die speziell und partiell Eigenschaften der realen Welt außerhalb des Gehirns (einschließlich des Gehirns selbst) in real-virtuelle Zustände innerhalb des Gehirns verwandelt. Diese internen virtuellen Zustände sind partiell das, was wir subjektiv als Welt erleben (der größte Teil der neuronalen Zustände ist unbewusst). Zwischen der auslösenden realen Welt und der internen virtuellen Welt kann es große Unterschiede geben.

Ausdruckssysteme

(ii) Zusätzlich verfügt der homo sapiens über die Eigenschaft und Fähigkeit, auch intern, virtuell, ein eigenes Ausdruckssystem zu entwickeln, das über Lernprozesse mit sehr vielen (wie vielen?) Aspekten der internen virtuellen Welt verknüpft werden kann. Durch eine Übersetzung des internen Ausdruckssystem in äußerliche, reale Ereignisse (Laute, Gesten, Schriftzeichen,…) kann das eine Gehirn unter bestimmten Bedingungen mit einem anderen Gehirn eine Interaktion aufbauen, die zu einer Kommunikation führen kann: Laute erzeugt von einem Gehirn A können Bezug nehmen auf interne Zustände des Gehirns A und — unter speziellen Bedingungen — können diese Laute in einem anderen Gehirn B auf seine eigenen internen Zustände bezogen werden. Es fragt sich nur: auf welche? Die Koordinierung der Zuordnung in zwei verschiedenen Gehirnen ist eine spezifische Lernleistung und Teil einer Lebenswelt, einer Kultur. Erfahrungsgemäß ist eine Koordinierung am einfachsten und stabilsten, wenn verschiedene Gehirne sich auf ein Ereignis in der realen Außenwelt beziehen (‚es regnet‘), das bei allen Beteiligten interne Prozesse auslöst. Ähnlich gut, wenngleich nicht ganz so eindeutig, sind Ereignisse im realen Körper, sofern die Körper eine hinreichend ähnliche Struktur untereinander aufweisen (‚Ich sehe dort ein Licht‘, ‚Zahnschmerzen‘, ‚Ellbogen gestoßen‘, …). Schwieriger bis ganz schwierig wird es bei subjektiven Ereignissen und Prozessen wie verschiedene Emotionen, Gefühle, Stimmungen, Ängste, Überlegungen usw. Diese sind einem anderen Gehirn prinzipiell verschlossen, es sei denn …

Als einzige Lebensform auf dem Planet Erde — und vielleicht im gesamten bekannten Universum — verfügt die Lebensform des homo sapiens über diese einzigartige Fähigkeiten.[4] Die Geschichte des homo sapiens zeigt — soweit sie anhand von Artefakten rekonstruierbar ist –, dass der homo sapiens zu Kooperationsleistungen fähig war, die schrittweise zu hochkomplexen Siedlungsformen, Technologien, kulturellen Mustern und Wissensformen geführt haben, wie wir sie heute kennen.

ÜBER-INDIVIDUELLE KOMPLEXITÄT

Kooperation durch Kommunikation verweist aus sich heraus aber auch auf einen Umstand, der für die Lebensform des homo sapiens heute zu einem eigenen Problem geworden zu sein scheint. Kooperation kann reale und gedachte Zusammenhänge hervorbringen, die die Perspektive des einzelnen soweit übersteigen, dass der einzelne sich angesichts der gemeinsam hervorgebrachten Leistung nicht nur stolz über die gemeinsam erbrachte Leistung fühlen kann (‚Ja, zusammen können wir ganz viel.‘), sondern ihn auch überfordert. Ich habe diese Form der Überforderung früher als Negative Komplexität bezeichnet [5a,b]: Wenn die für eine bestimmte Lebensform typischen Signale seiner spezifischen Umwelt [6] zahlenmäßig die Verarbeitungskapazitäten des Gehirns wesentlich übersteigen, dann wird die Menge der Lebensform-typischen Informationen in einer Weise größer, dass diese überschießende Menge nicht mehr positiv zur Lebensführung beiträgt, sondern mehr und mehr unbewältigt ist und die Lebensführung dadurch stark negativ beeinflusst werden kann.

Viele einzelne Menschen können zusammen, im Verbund, Landwirtschaft betreiben, große Häuser bauen, Verkehrssystem ermöglichen, viele Hunderttausend Bücher schreiben, aber der einzelne versteht heute immer weniger von dem Zusammenhang, wie das Ganze genau funktioniert [7], und bei vielen Hunderttausend Büchern ist völlig klar, dass das kumulierte Wissen von einem einzelnen nicht mehr rezipiert werden kann. Durch Computer, Internet, und Datenbanken ist die Ereignismenge weiter angeschwollen und macht jeden Experten zu einem Dummkopf, der nichts mehr versteht, weil das individuelle Gehirn, diese Wunderwerk der Evolution, mit seinen endlichen Möglichkeiten, mit diesen Quantitäten einfach nicht mithalten kann.[3] Ein einzelnes menschliches Gehirn ist ein unfassbarer Hotspot von Freiheit und potentieller Zukunft, aber für eine Kommunikation und Koordination mit vielen Milliarden Menschen, in der es real um Verstehen geht, nicht einfach nur Dabei sein, ist es nicht geschaffen. Die hervorgebrachte Komplexität überfordert aktuell ihre Hervorbringer.

Diese Situation markiert den Kern des Problems, um das es hier gehen soll.

VISION: MÖGLICHE LÖSUNG?

Wenn man in der Gegenwart eine Konstellation von Sachverhalten erkennt, die man als ein Problem klassifiziert, dann ist dies natürlich abhängig vom Wissensstand des Sprechers/ Schreibers. Wissen ist notorisch unvollständig und kann mehr oder weniger falsch sein. Nichts desto Trotz: solange der Sprecher zu diesem Zeitpunkt kein anderes Wissen zur Verfügung hat, wird er — will er denn überhaupt handeln — dieses aktuelle Wissen zum Maßstab für sein Handeln nehmen müssen. Dieses Handeln kann in die Irre führen, es kann Schäden anrichten, aber für den Handelnden ist es vielleicht die einzige Chance, heraus zu finden, dass sein aktuelles Wissen nicht gut ist, dass es falsch ist. ‚Durch Fehler lernen‘ ist eine alte Alltagsweisheit.

Diese grundsätzliche Fehler-Behaftetheit eines aktuellen Wissens resultiert aus der Tatsache, dass uns die Zukunft grundsätzlich nicht bekannt ist.[8] Unser Körper mit seinem Gehirn transformiert zwar kontinuierlich — ohne dass wir dies explizit wollen — aktuelle Gegenwart in stark veränderte innere Zustände, die dann durch verschiedene Speichervorgänge das werden, was wir erinnerbare Gegenwart nennen, unsere Vergangenheit, aber die Zukunft im engeren Sinne, das, was im zeitlichen Anschluss an das Gegenwärtige die neue aktuelle Gegenwart sein wird, diese Zunft kennen wir nicht. Zukunft als solche kommt in unserem Erfahrungsbereich nirgendwo vor; sie ist kein Objekt der Wahrnehmung.

Klassifizieren wir also einige Sachverhalte der Gegenwart als ein Problem, und wir möchten dazu beitragen, dass dieses Problem mindestens abgeschwächt wird, vielleicht sogar ganz gelöst wird, dann müssen wir für uns irgendwie das Bild einer möglichen Zukunft entwickeln, in der die angedachte Lösung (= die Vision), kein bloßer Gedanke ist, sondern die neue Realität, die neue Gegenwart.

Damit stellt sich die grundsätzliche — letztlich philosophische — Frage, in welcher Form wir überhaupt über die Zukunft nachdenken können, wenn wir nur Fragmente einer Gegenwart und unterschiedlich neuronal abgewandelte Fragmente unserer Vergangenheit zur Verfügung haben? Was nützt es mir, zu wissen, dass es gestern in London geregnet hat, in Paris die Sonne schien, und es in Moskau kühl war? Was nützt es mir, zu wissen, dass im 20.Jahrhundert zwei große Kriege stattgefunden haben? Was nützt es mir, zu wissen, dass es in den vergangenen 5000 Jahren viele Großreiche gab, mit hochkomplexen Organisationsformen, die heute aber völlig verschwunden sind? Was nützt es mir, zu wissen, dass sich die heutigen biologischen Lebensformen im Rahmen dessen, was wir biologische Evolution nennen, im Laufe von 3.5 Milliarden Jahren schrittweise heraus gebildet haben? Was nützt es mir, zu wissen, dass das heute bekannte Universum vor ca. 13.7 Milliarden (10^9) entstanden ist? [9]

Von den modernen empirischen Wissenschaften (entwickelt seit ca. 400 Jahren, nimmt man Galilei Galileo als einen groben Bezugspunkt [13])) wissen wir, dass wissenschaftliche Erkenntnis im größeren Stil erst möglich wurde, nachdem man nicht nur das Konzept von standardisierten und reproduzierbaren Messverfahren entwickelt hatte, sondern man auch explizite begriffliche Zusammenhänge (=Theorien) formulieren konnte, so dass es möglich wurde, Beziehungen zwischen den einzelnen Messwerten zu beschreiben. Für sich alleine sind Messwerte (= empirische Daten) zwar individuell, punktuell bedeutungsvoll (‚Die Laborratte im Labyrinth X zum Zeitpunkt T gemessen mit Verfahren V öffnete die weiße Tür und nicht die schwarze.‘), aber man kann daraus zunächst nichts weiter ableiten. Wenn man aber weiß, dass die Forscher ein Verhaltensexperiment durchführen, bei dem eine Laborratte zwischen zwei Türen mit unterschiedlicher Farbe wählen kann und hinter der weißen Tür gelegentlich Futter zu finden ist, nicht aber hinter der schwarzen, und man dann feststellt, dass die Laborrate nach anfänglichem zufälligen Entscheiden ab dem ersten Fund von Futter hinter der weißen Tür die weiße Tür eindeutig bevorzugt, dann kann ein empirisches Datum im Kontext einer zeitlichen Folge von Daten im weiteren Kontext des Experiments von theoretischer Bedeutung sein: man kann einen Zusammenhang formulieren, der besagt, dass die Laborratte (meistens hat man mehrere), wenn sie sich in einer unübersichtlichen Umgebung bewegt, sich Wege in solch einer Umgebung so einprägen kann, dass sie bei Erfolg (Hunger und Futter) aufgrund der Gedächtnisleistung genau jenen Weg finden und wählen kann, der zum Futter geführt hat.(Das klassische Experiment dazu stammt von Tolman [11]).

Im Falle der empirischen Verhaltensforschung (siehe auch [12]) sind Aussagen über das Verhalten von Organismen natürlich in ihrem zeitlichen Horizont sehr begrenzt, da nicht nur die Lebensdauer eines biologischen Organismus sehr begrenzt ist, sondern auch, weil biologische Organismen grundlegend lernende Systeme sind, die ihr Verhalten z.T. dramatisch ändern können. Dennoch lassen sich mit verhaltensbasierten Theorien Voraussagen über ein mögliches Verhalten in der Zukunft ableiten, die begrenzt hilfreich sein können.

Im Falle von nicht-biologischen Systemen wie Planeten, Sonnensystemen, Galaxien usw. kann man aufgrund der Stabilität der Systeme eher belastbare Voraussagen in die Zukunft machen. So kann man mit den heutigen physikalischen Theorien z.B. die Voraussage ableiten, dass der Lebensraum Erde spätestens in 1.4 Milliarden Jahren aufgrund der Ausdehnung der Sonne für die heutigen biologischen Lebensformen unbewohnbar sein wird. Zusätzlich kann man ableiten, dass in spätestens 2.7 Milliarden Jahren von heute aus unsere Milchstraßen Galaxie mit der Andromeda Galaxie kollidieren wird.[10] Im ‚Nahbereich‘ der nächsten Jahrzehnte gibt es Hochrechnungen zur Entwicklung des Erdklimas und der damit zusammenhängenden Lebensbedingungen auf der Erde.

Das Verlassen einer als Problem klassifizierten Situation hin zu einer im Denken als möglich erscheinenden zukünftigen Situation, in der das Problem zumindest minimiert, wenn nicht gar aufgelöst, worden ist, kann nur erfolgen, wenn es (i) mindestens ansatzweise eine Vorstellung von solch einer zukünftigen Situation (= Vision) gibt, und (ii) man sich einen Weg vorstellen kann, wie man von der problematisierten Gegenwart zu einer gewünschten Zukunft als einer neuen Gegenwart kommen kann.

Ein Weg bedeutet hier eine Folge von einzelnen Situationen, in der jede Situation das Ergebnis von vorausgehenden Veränderungen ist. Änderungen werden durch Ereignisse hervorgebracht, die auf unterschiedliche Ursachen zurückgeführt werden können. Zum Teil liegen diese Ursachen in der Eigengesetzlichkeit der jeweiligen Umgebung, zum Teil aber auch im absichtlichen Verhalten von Akteuren, z.B. auch bei uns Menschen.

VISION

Die Herausforderung besteht also darin,

  1. eine Form zu finden,
  2. wie beliebige Menschen
  3. zu beliebigen Problemsituationen
  4. gemeinsam
  5. Wege konstruieren können, auf die man — so wird gehofft — in der Zukunft eine neue Gegenwart erreichen kann,
  6. in der das Problem zumindest minimiert ist.
  7. Für die notwendige Kommunikation zwischen den beteiligten Menschen sollte primär die Alltagssprache genügen,
  8. nach Bedarf erweiterbar um spezielle Ausdruckssysteme.
  9. Die gemeinsamen Denkversuche sollten ferner durch automatisierte Simulationen
  10. und Bewertungen unterstützt werden können.
  11. Sofern verfügbar, sollten auch lernfähige Algorithmen eingesetzt werden können.

QUELLENNACHWEISE

[1] Gerd Doeben-Henisch, 1.Februar 2021, REAL-VIRTUELL. Ein Einschub, https://www.cognitiveagent.org/2021/02/01/real-virtuell-ein-einschub/ (Dieser Text setzt viele andere Texte voraus)

[2] Gerd Doeben-Henisch, 3.Februar 2021, EINE KULTUR DES MINIMALEN IRRTUMS? Ergänzende Notiz, https://www.cognitiveagent.org/2021/02/03/eine-kultur-des-minimalen-irrtums-ergaenzende-notiz/ (Dieser Text setzt viele andere Texte voraus)

[3] Diese Problematik zeigt sich in vielen Bereichen, u.a. auch im wissenschaftlichen Publikationssystem selbst, etwa: Moshe Y.Vardi, Reboot the Computing-Research Publication System, Communications of the ACM, Januar 2021, Vol.64, Nr.1, S.7: https://cacm.acm.org/magazines/2021/1/249441-reboot-the-computing-research-publication-systems/fulltext

[4] In der biologischen Verhaltensforschung hat man mittlerweile bei sehr vielen Lebensformen verschieden vom homo sapiens aufzeigen können, dass diese auch über Ausdruckssysteme verfügen, die zur Kommunikation über Eigenschaften der Außenwelt wie auch über die partielle Eigenschaften der Innenwelt geeignet sind. Es scheint sich also bei der Fähigkeit der Kommunikation mittels eines Ausdruckssystems um eine graduelle Fähigkeit zu handeln: beim homo sapiens ist diese Eigenschaft bislang am stärksten ausgeprägt, aber es gibt ähnliche, wenngleich einfachere Formen, auch bei anderen Lebensformen. Sieh z.B. Stichwort ‚animal language‘ in Wikipedia [EN]: https://en.wikipedia.org/wiki/Animal_language

[5a] Döben-Henisch, G.[2006] Reinforcing the global heartbeat: Introducing the planet earth simulator project In M. Faßler & C. Terkowsky (Eds.), URBAND FICTIONS. Die Zukunft des Städtischen. München, Germany: Wilhelm Fink Verlag, 2006, pp.251-263

[5b] Doeben-Henisch, G.[2006] Reducing Negative Complexity by a Semiotic System In: Gudwin, R., & Queiroz, J., (Eds). Semiotics and Intelligent Systems Development. Hershey et al: Idea Group Publishing, 2006, pp.330-342

[6] Jakob von Uexküll, 1909, Umwelt und Innenwelt der Tiere. Berlin: J. Springer. (Download: https://ia802708.us.archive.org/13/items/umweltundinnenwe00uexk/umweltundinnenwe00uexk.pdf )(Zuletzt: 26.Jan 2021)

[7] Beispiel, eines von vielen: Ein älterer Ingenieur erzählte mir am Beispiel des Abwassersystems einer großen Deutschen Stadt, dass es kaum noch Experten gibt, die das ganze System kennen, und die wenigen, die es gibt, stehen vor dem Berufsende …

[8] Gerd Doeben-Henisch, 25.Januar 2021, Gedanken und Realität. Das Nichts konstruieren. Leben Schmecken. Notiz, https://www.cognitiveagent.org/2021/01/23/gedanken-und-realitaet-das-nichts-konstruieren-leben-schmecken-notiz/

[9] Stichwort ‚age of the universe‘ in der englischen Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Age_of_the_universe

[10] Unter dem Stichwort ‚Formation and Evolution of the Solar System‘ findet sich in der Englischen Wikipedia ein Eintrag: https://en.wikipedia.org/wiki/Formation_and_evolution_of_the_Solar_System#Timeline_of_Solar_System_evolution

[11] Edward Tolman, 1948, COGNITIVE MAPS IN RATS AND MEN, The Psychological Review, 55(4), 189-208, online auch hier: http://psychclassics.yorku.ca/Tolman/Maps/maps

[12] Charles R. Gallistel.The Organization of Learning. MIT Press, 1990.

[13] Stichwort ‚Galileo Galilei‘ in der Englischen Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei

FORTSETZUNG

Eine Fortsetzung gibt es HIER.

DER AUTOR

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

SPRACHSPIEL und SPRACHLOGIK – Skizze. Teil 1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 26.-29.Januar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

Im vorausgehenden Beitrag Ingenieure und das Glück wird ab dem Abschnitt KOMMUNALE PLANUNG UND BÜRGER? das Problem der Kommunikation zwischen vielen Menschen angesprochen, speziell in dem Kontext, dass diese Menschen — z.B. Bürger einer Kommune — sich auch gemeinsam ein Bild ihrer möglichen Zukunft bzw. ihrer möglichen Zukünfte machen wollen, ist doch Zukunft grundsätzlich unbekannt und der Versuch einer Klärung, welche Ereignisse in der Zukunft planerisch vorweg genommen werden sollten, kann wichtig bis lebenswichtig sein. In diesem Zusammenhang wird das Konzept einer neuen Software [SW] eingeführt, die Menschen bei diesen Kommunikationen und Planungen unterstützend zur Seite stehen soll. Diese Software hat als eine — von mehreren — Besonderheit die, dass sie ausschließlich mit Alltagssprache funktioniert. Dies soll in diesem Text zum Anlass genommen werden, die menschliche Intelligenz am Beispiel von alltäglichen Sprachspielen und der darin waltenden Sprachlogik anhand von Beispielen etwas näher zu betrachten.

ALLTAG UND SPRACHSPIEL(E)

Nimmt man den Begriff Sprachspiel(e) in den Mund, dann ruft dies im modernen philosophischen Denken unweigerlich die Assoziation mit Ludwig Wittgenstein hervor, der im Zeitraum 1936 bis 1946 in Cambridge, in England, dabei war, ein weit verbreitetes Bild vom Funktionieren der Sprache zu zertrümmern. Seine posthum veröffentlichten Philosophischen Untersuchungen [1] sind wie Mahlsteine für jegliches naives Sprachdenken. Aufs Ganze können sie geradezu nihilistisch wirken, da sie zwar alles Gewohnte niederreißen, aber keinerlei Anstalten treffen, zu schauen, wie man denn aus diesem Trümmerfeld einer naiven Sprachauffassung wieder herauskommen kann. Dazu muss man wissen, dass Wittgenstein mit seinem Frühwerk, dem tractatus logico-philosophicus von 1921 [2] selbst dazu beigetragen hatte, unter Voraussetzung des Konzepts der modernen formalen Logik, ein extrem naives Bild von Sprache zu zeichnen. Man darf zumindest die Frage stellen, ob Wittgenstein bei seiner Zertrümmerungsaktion eigentlich weniger die Alltagssprache zertrümmert hat, sondern nur dieses sehr einseitige Bild von Sprache, wie es die moderne formale Logik propagiert.Während die moderne sprach-analytische Philosophie sich in vielfacher Weise abgemüht hat, unter dem Einfluss von Wittgenstein die Alltagssprache neu zu sezieren, hat die moderne formale Logik bis heute in keiner aufweisbaren Weise auf die sprach-kritischen Überlegungen Wittgensteins reagiert.

Anstatt hier jetzt die vielen hundert Artikeln und Bücher in der Nachfolge Wittgensteins zu referieren gehen wir hier zurück auf Start und betrachten verschiedene Alltagssituation, so wie Wittgenstein es getan hat, allerdings mit anderen philosophischen Prämissen als er es tat.

Situation 1: Einfache Alltagssituation mit zwei Personen A und B und einem Tisch.

SITUATION … nach von Uexküll

Über eine Alltagssituation als Situation zu sprechen ist nur so lange trivial, als man nicht darüber nachdenkt.

Im Fall des obigen Bildes fängt es schon mit der Frage an, ob man die Situation von außen, von der Position eines externen Beobachters beschreiben will mit der Fiktion, man könne etwas beobachten ohne Teil der Situation zu sein, oder ob wir uns entscheiden, eine der abgebildeten Personen A oder B als unseren Beobachtungspunkt zu wählen. Ich wähle hier für den Start Person B als unseren Beobachter.

Wie wir spätestens seit von Uexkülls Buch Umwelt und Innenwelt der Tiere, veröffentlicht 1909 [3b], wissen, gibt es für ein biologisches System nicht die Umwelt, sondern nur jene spezifische Umwelt, die diesem biologischen System — hier also A oder B — aufgrund seiner Sensorik, seinen inneren Zuständen, und seiner Handlungsmöglichkeiten zugänglich sind. Aufgrund moderner Messgeräte, anspruchsvoller empirischen Theorien und einem vergleichsweise reich ausgestatteten körperlichen Organismus sind wir als homo sapiens in der Lage, die Fiktion einer objektiven Umwelt aufzubauen, die unabhängig von uns besteht und die weit mehr Eigenschaften umfasst, als wir mit unseren angeborenen Sinnesorganen und Nervenleistungen erfassen können.

Von Uexküll untersucht in seinem Buch sehr viele Lebensformen aus dem Bereich der Wirbellosen, die — verglichen mit einem menschlichen Körper — als ‚einfach‘ oder sogar ’sehr einfach‘ klassifiziert werden könnten. Er betont immer wieder, dass solche Kategorien letztlich am Phänomen vorbeigehen. Entscheidend ist nicht, wie quantitativ komplexer ein Organismus A verglichen mit einem Organismus B ist, sondern ob der Bauplan von z.B. Organismus A zu seiner Umwelt passt. Ein Organismus mag noch so einfach sein — er beschreibt viele schöne Beispiele –, wenn der Organismus mit seiner jeweiligen individuellen Ausstattung (Bauplan) in der jeweiligen Umgebung genügend Nahrung finden kann, sich fortpflanzen kann, dann hat er zunächst mal den Hauptzweck eines biologischen Systems erfüllt. In der Sicht von Uexkülls — die einflussreich war und ist — können also 10 verschiedene biologische Systeme die gleiche äußere Umgebung U teilen und jeder dieser Organismen hat eine komplett anderes inneres Bild B(U)=U* in seinem Inneren und reagiert daher in der Regel anders als einer der anderen Organismen. Für Naturforscher ist es daher immer eine ziemliche Herausforderung, zu ermitteln, was denn die spezifische Umwelt B(U)=U* eines bestimmten Organismus ist.

REALE WELT … als Artefakt

Von der Biologie können wir also lernen, dass die sogenannte reale Welt [RW] aus Sicht eines biologischen System zunächst eine konstruierte Fiktion ist, ein Artefakt des Denkens, ermöglicht durch die neuronalen Aktivitäten im Innern eines Organismus und dass die neuronal kodierte Welt nur so viele Eigenschaften umfasst, wie diese neuronale Kodierung ermöglicht. Anders formuliert: die neuronalen Strukturen fungieren als Repräsentanten von jenen korrespondierenden verursachenden Reizquellen, die von außerhalb des Nervensystems zu neuronalen Erregungsleistungen führen. Die spontan unterstellte Welt da draußen existiert also für den Organismus primär als die Menge der Repräsentationen in unserem Innern (Für eine etwas ausführlichere Erläuterung siehe [8]).

SPRACHLICHE ÄUSSERUNG … Ein Signal von ganz innen

Übernehmen wir diese theoretischen Postulate, dann müssen wir annehmen, dass die Person A nicht weiß, welche inneren Zustände die Person B gerade als ‚die Welt da draußen‘ ansieht, und umgekehrt. Insofern es in der angenommenen Situation aber ein Objekt gibt, das aussieht wie ein Objekt, das wir im Deutschen als Tisch bezeichnen würden, und wir annehmen, dass beide Personen als Menschen über einigermaßen ähnliche Wahrnehmungsstrukturen verfügen und hinreichend viel Deutsch gelernt haben, dann könnte es passieren, dass das Tisch-ähnliche Objekt als Reizquelle genügend korrespondierende neuronale Reizenergie im Innern von Person A aufbaut, die dann möglicherweise die die von A gelernte Bedeutungsfunktion für die Deutsche Sprache aktiviert, die dann wiederum den Sprachapparat aktiviert, was zu der sprachlichen Äußerung führen könnte: Da ist ein Tisch.

Situation 2: Person A macht eine Äußerung über einen Teilaspekt von Situation 1.

Unter den angenommenen Bedingungen besteht dann eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Person B aufgrund der Schallwellen, erzeugt von A, einen Schallreiz empfängt, den B aufgrund seiner gelernten Bedeutungsfunktion des Deutschen mit jenen internen neuronalen Repräsentanten assoziiert, die von dem Tischobjekt durch die visuelle Wahrnehmung erfasst und ins Innere geleitet werden. Falls dies so geschehen würde, dann könnte sich die Person B denken, dass die Person A ein externes Objekt wahrnimmt, das seiner aktuellen Wahrnehmung entspricht. Ansonsten wüsste Person B nicht wirklich, was Person A gerade wahrnimmt bzw. wofür sie sich interessiert.

Dies ist eine — zugegeben — stark vereinfachende Darstellung des Sachverhalts, dass interne Strukturen in uns Menschen uns zu bestimmten Formen von Wahrnehmungen und internen Verarbeitungsprozessen befähigen. Eine etwas ausführlichere Darstellung — wenngleich immer noch vereinfachend — findet sich bei Gage und Baars (2018). [4] Die für unseren Zusammenhang wichtige Botschaft ist allerdings, dass auch wir Menschen keine beliebige Umgebung wahrnehmen und keine beliebigen geistigen Prozesse ausführen können, sondern nur solche, die unser Körperbau und unser zentrales Nervensystem zulassen.

THEORETISCHE ANNAHMEN – Vereinfacht …

Das folgende Schaubild deutet die wirksamen Strukturen an, durch die wir sprachlich kommunizieren.

Schaubild zu internen kognitiven Strukturen. Siehe zusätzlich auch [8].

Es gibt die angenommene reale Welt [RW], in der es einen aktuellen Ort gibt, der für die vorkommenden Organismen eine aktuelle Umwelt [U], eine Situation [S] bildet. Ein wahrnehmender Organismus — hier die Personen A und B — zerlegen diese Situation in jene Grundeinheiten, die sie aufgrund ihrer körperlichen Ausstattung wahrnehmen können. Diese Grundeinheiten werden hier Fakten [F] (eine Kombination von Eigenschaften (Qualitäten), die einen Sachverhalt ergeben) genannt. Während die Phase der Wahrnehmung — das Stattfinden von neuronalen Erregungen als Reizenergie in verschiedenen Verarbeitungsstufen — teilweise bewusst (mit Bewusstsein [BEW]) stattfinden kann, sind die neuronalen Prozesse standardmäßig unbewusst [UBW]. (Das genaue Verhältnis zwischen Bewusstem und Unbewusstem ist bis heute nicht klar bestimmbar. Am Beispiel des Gedächtnisses kann man nur ahnen, dass nahezu alles unbewusst ist, und nur bei Vorliegen von Reizen, werden davon unter bestimmten Bedingungen einige Fragmente bewusst).

Es wird heute davon ausgegangen, dass die Menge des verfügbaren Wissens (hier vereinfacht angenommen als die Menge der möglichen Fakten) zumindest im homo sapiens ergänzt wird um eine zeitlich versetzte Sprachstruktur. Eine Sprachstruktur umfasst sowohl Ausdrücke (Expressions) [E] als auch einen Abbildungsmechanismus [Π], hier auch Bedeutungsfunktion genannt. Der Abbildungsmechanismus ordnet den verfügbaren Ausdrücken E einer Sprache L Wissenselemente F zu und umgekehrt. Dabei ist zu beachten, dass Ausdrücke einer Sprache ein Doppelleben führen: als Ereignis — gesprochen oder geschrieben — sind sie erst einmal Objekte der Wahrnehmung wie alle anderen Objekte auch. Als Objekte, die intern im Einflussbereich einer Bedeutungsfunktion verortet sind, stellt die Bedeutungsfunktion eine Beziehung zu anderen neuronalen Strukturen her; im Grenzfall kann sich ein sprachliches Objekt dadurch sogar auf ein anderes Sprachobjekt beziehen, z.B. Deine Äußerung ‚Da ist ein Tisch‘ trifft zu.

Der Aspekt der zeitlichen Versetzung von Sprache gegenüber allgemeinem Erkennen und Wissen (Kognition) wurde von der Entwicklungspsychologie im Laufe der Jahrzehnte herausgefunden, da das Erlernen von Sprache zeitlich verzögert zur übrigen Entwicklung von Wissen auftritt. Dies erklärt sich daraus, dass die sprachlichen Ausdrücke, die auf Wissen Bezug nehmen, erst dann wirken können, wenn es erste innere Wissensbestände gibt.

Wenn also zwei Personen alt genug sind, dass sie sowohl über Wissen als auch über hinreichend viele gelernte Ausdruckselemente zusammen mit einer Bedeutungsfunktion verfügen, dann kann es zu solchen Sprachereignissen kommen wie jenes, dass Person A äußert Da ist ein Tisch.

Natürlich haben die einschlägigen Disziplinen (wie Psychologie, Sprachpsychologie, Gedächtnispsychologie, Entwicklungspsychologie, Neurolinguistik, Neuropsychologie, usw.) ungeheuer viel mehr Details zu diesem Thema gefunden. Für das grundlegende Verständnis der neuen Software können diese vereinfachenden Annahmen aber vielleicht ausreichen.

SPRACHLICHE FAKTEN

Bevor zum nächsten Aspekt der Veränderung weiter gegangen wird, wird hier noch eine Zwischenreflexion zur besonderen Rolle von Fakten, die sprachliche Ausdrücke sind, eingefügt.

Wenn in Situation 2 Person A die Äußerung Da ist ein Tisch macht, dann hat diese Äußerung einen doppelten Charakter (wie oben schon mal festgestellt): (i) als Äußerung ist sie ein reales Ereignis in der Situation und ist damit ein normales Faktum, so wie der Tisch oder die beiden Personen A und B. (ii) Das Faktum der Äußerung ist aber zugleich auch ein Ausdruck einer Sprache L, die — laut Annahme — A und B beide kennen. D.h. sowohl A und B können aufgrund ihrer erworbenen (= gelernten) Bedeutungsfunktion dieser Sprache L das Faktum der Äußerung mit neuronalen Repräsentationen in ihrem jeweiligen Inneren, als Teil ihres individuellen Weltbildes UA* und UB*, verknüpfen, so dass das Faktum der Äußerung für sie eine Bedeutung bekommt, die sich in diesem Fall auf etwas in der aktuellen Situation bezieht, nämlich auf das Objekt, das beide als Tisch zu bezeichnen gelernt haben.

Ein sprachliches Objekt wie die Äußerung Da ist ein Tisch ist als ein reales Ereignis, ein Faktum, das als solches ’neu‘ ist und als Faktum die bisherige Situation 1 zur neuen Situation 2 ‚verändert‘ — zu Veränderung siehe den nachfolgenden Abschnitt –. Zugleich nimmt die Äußerung Da ist ein Tisch Bezug auf Teilaspekte der aktuellen Situation. Dadurch kann B — falls seine individuelle Welt UB* hinreichend weit mit der individuellen Welt von UA* übereinstimmt — diese Äußerung als eine Botschaft aus dem Innern von A auffassen, die anklingen lässt, was Person A aktuell beschäftigt, und dass Person A etwas wahrnimmt, was er B auch wahrnimmt. Dabei ist zu beachten, dass eine Person keinerlei Zwang hat, alles in Sprache zu fassen, was sie wahrnimmt oder denkt. Innerhalb von konkreten Situationen werden normalerweise nur jene Aspekte (Fakten) der Situation sprachlich thematisiert, die besonders hervorgehoben werden sollen, weil ja ansonsten angenommen wird, dass die konkrete Situation allen Beteiligten gleicherweise zugänglich ist.

Da gesprochene Äußerungen die Eigenschaft haben, nur für die Zeitdauer des Sprechens real in der gemeinsam geteilten realen Situation vorzukommen, und dann nur — vielleicht — als gespeicherte Erinnerung in den Personen, die die gesprochene Äußerung gehört haben, ist die zeitliche Erstreckung von Situation 2 sehr kurz. Sobald der Schall verklungen ist, gibt es wieder nur eine Situation 3, die äußerlich wie Situation 1 aussieht, die aber dennoch anders ist: diese Situation 3 ist eine Folgesituation von Situation 2. Neben diesem zeitlichen Aspekt können sich aber auch die inneren Zustände der beteiligten Personen verändert haben und ’normalerweise‘ haben sie sich verändert.

Situation 3: Nach der Äußerung des gesprochenen Ausdrucks ‚Da ist ein Tisch‘. Äußerlich ähnelt diese Situation 3 der Situation 1, aber sie ist zeitlich später und kann Änderungen in den inneren Zuständen der Beteiligten beinhalten.

Diese inneren Veränderungen können sich z.B. dadurch manifestieren, dass die Person B antworten könnte: Ja, Du hast Recht. Ein Konflikt könnte entstehen, wenn Person B stattdessen sagen würde: Nein, ich sehe keinen Tisch.

Dank der Erfindung von Schrift [7] könnte z.B. Person B sich auch schriftlich notieren, was Person A gesagt hat. Dann gäbe es eine schriftliche Aufzeichnung, die auch dann noch als reales Faktum existieren würde, wenn das Ereignis des Sprechens bzw. dann auch des Schreibens zeitlich vorbei ist. Würden wir die Abkürzungen Fwritten (geschriebenes Faktum) einführen für eine geschriebene Äußerung und Fspoken (gesprochenes Faktum) für eine gesprochene Äußerung, dann könnten wir notieren Fspoken(Da ist ein Tisch) und Fwritten(Da ist ein Tisch). Im gesprochenen Fall dauert das Ereignis nur kurz, im geschriebenen Fall dauert es so lange an, wie das Geschriebene erhalten bleibt.

Hier deutet sich eine weitere Besonderheit sprachlicher Fakten an: (i) gesprochene Fakten Fspoken dauern zwar kurz, aber der Sachverhalt, auf den sie sich aktuell beziehen, kann mit dem Moment des Sprechens korrespondieren. Ein typischer Fall, wo wir sagen könnten: Du hast Recht oder Das stimmt nicht. (ii) Geschriebene Fakten Fwritten können sehr lange andauern, aber das, worauf sie sich beziehen, kann sich zwischenzeitlich geändert haben. Obwohl man ‚zu Beginn‘ der schriftlichen Fixierung vielleicht sagen konnte Das stimmt, wird man irgendwann später vielleicht sagen müssen Das stimmt nicht, etwa wenn es um 12:00 regnet und um 12:15 nicht mehr.

VERÄNDERUNG

Für den weiteren Vorgang nehmen wir an,dass Person A zu Beginn unserer Betrachtungen tatsächlich eine erste schriftliche Fixierung zur Situation 1 vorgenommen hat, die als Faktum Teil der Situation ist und sich auch in einer entsprechenden Beschreibung der Situation manifestiert.

Situation 1*: Wie Situation 1, nur ergänzt um eine schriftliche Aufzeichnung.

Eine Grunderfahrung von uns Menschen ist, dass sich etwas ändern kann. Dies erscheint uns so selbstverständlich, so natürlich, dass wir darüber normalerweise gar nicht nachdenken. Mit den Worten von v.Uexküll im Ohr, kann man sich aber leicht vorstellen, dass es Organismen gibt, deren neuronalen Repräsentationen zwar aktuelle Reize zur Wirkung bringen können (ist das schon Bewusstsein?), die aber nicht in der Lage sind, aktuelle Reize so speichern zu können, dass sie diese bei Bedarf wieder aktivieren und mit anderen gespeicherten oder aktuell wahrgenommenen Reizenergien irgendwie vergleichen können. Für Organismen, die über keine Speicherung (Gedächtnis!) verfügen, gibt es keine Vergangenheit. Anders gesagt, der homo sapiens — wir — verfügt über ausgeklügelte Mechanismen der Speicherung von wahrgenommenen Reizen und zusätzlich über ausgeklügelten neuronalen Prozessen und Strukturen, um diese gespeicherten Reize anzuordnen, in Beziehung zu setzen, zu abstrahieren, zu bündeln und vieles mehr.

Die funktionellen Wirkungen dieser neuronalen Mechanismen werden in der Psychologie, speziell der Gedächtnispsychologie, untersucht und dargestellt. Als Begründer der modernen Gedächtnispsychologie gilt Hermann Ebbinghaus (1850 – 1909), der in jahrelangen Selbstversuchen grundlegende Erkenntnisse über das beobachtbare Funktionieren jener neuronalen Strukturen gewann [5], [5b], die in seinem Gefolge dann von zahllosen Forschern*innen immer weiter verfeinert wurden, und die heute zusätzlich durch neurolinguistische Untersuchungen ergänzt werden.

In diesem Zusammenhang ist die Tatsache wichtig, dass die neuronalen Strukturen des homo sapiens — also unsere — die Reizenergien aus den verschiedenen Sensoren in reizspezifischen Puffern (Buffer) zwischenspeichern, so dass die aktuelle Inhalte der Puffer für einen bestimmten Zeitraum — zwischen 50 bis vielen hundert Millisekunden — bestehen bleiben, um dann mit neuen Reizenergien überschrieben zu werden. Einige dieser Reizenergien aus einem Puffer werden vorher — weitgehend unbewusst — vom Gehirn auf unterschiedliche Weise mit dem bisher gespeicherten Material auf unterschiedliche Weise ‚verarbeitet‘. Eine sehr anschauliche Darstellung dieser Sachverhalte — wenngleich nicht mit den aller neuesten Daten — findet sich in dem Buch von Card, Moran und Newell (1983), die grundlegende Untersuchungen im Bereich Mensch-Maschine Interaktion angestellt und dabei u.a. diese Sachverhalte untersucht haben.[6]( Für neuere Modelle siehe auch [4])

Die entscheidende Erkenntnis aus diesem Komplex der Pufferung von Reizenergie mit partieller anschließender Speicherung besteht darin, dass unser Nervensystem die wahrnehmbare Wirklichkeit — unsere spezielle Umwelt B(U)=U* — letztlich in Zeitscheiben zerlegt, und aus diesen Zeitscheiben Grundeigenschaften (Qualitäten) extrahiert, die in unterschiedlichen Kombinationen dann unsere Fakten über die Umwelt bilden, einschließlich der Differenzierung in Gegenwart und Vergangenheit.

Betrachtet man das Bild von Situation 1 und das Bild von Situation 2, dann werden wir als Betrachter beider Bilder sofort spontan sagen, dass zwischen beiden Situationen eine Veränderung festgestellt werden kann: In Bild zwei gibt es das neue Symbol für eine Äußerung ‚Da ist ein Tisch‘. Die Person B im Bild wird — angenommen sie sei ein ‚normaler‚ Mensch — ebenfalls eine Veränderung wahrnehmen, da sie aktuell, gegenwärtig, jetzt etwas hört, was sie zuvor nicht gehört hat, d.h. in ihrem Gedächtnis der vorausgehenden Zeit (wie lange vorausgehend?) kann sie sich nicht an eine vergleichbare Äußerung ‚erinnern‘. Wäre die Person B schwerhörig oder gar taub, würde sich für Person B aber dennoch nichts ändern, da diesem Fall die persönliche Umwelt BB(U)=UB* von Person B grundsätzlich keine Schallereignisse enthält.

Nimmt man die Bilder von Situation 1 und 2 als Darstellungen der realen Situation S, wie sie von dem jeweiligen Organismus — hier A oder B — als S* wahrgenommen werden, also z.B. BB(S)=SB*, dann könnte die Menge der Ausdrücke der deutschen Sprache zu Situation 1, die eine Beschreibung der Situation 1 darstellen, vielleicht so aussehen (umgesetzt in Situation 1*):

Beschreibung zu S1*:

{Es gibt eine Person A., Es gibt eine Person B.}

Person A empfindet diese Beschreibung als unvollständig und ergänzt die Beschreibung durch die Äußerung: ‚Da ist ein Tisch‘.

Dies ist eine Veränderung in der Beschreibung (!), die aber mit der Situation 1* korrespondiert.

Situation 2*: Neben der schriftlichen Aufzeichnung gibt es jetzt auch eine gesprochene Äußerung.

Wir erhalten:

Beschreibung zu 2*:

{Fwritten(Es gibt eine Person A.), Fwritten(Es gibt eine Person B.) , Fspoken(Da ist ein Tisch.)}

Eine Veränderung drückt sich also dadurch aus, dass man den vorhandenen Ausdrücken einen neuen Ausdruck hinzufügt. Während im Bild Situation 2* die reale Situation sich nicht geändert hat, nur die Intention des Sprechers, mehr zu sagen als bislang, kann sich die Situation 2* ja auch real durch ein neues Ereignis zu Situation 3 ändern, was Sprecher B zu einer neuen Aussage veranlasst.

Situation 3: Ein neues Ereignis führt zur Veränderung der Situation 2*.

Damit ändert sich auch die Beschreibung der Situation 2* zu der Äusserungsmenge:

Beschreibung zu 3:

{Es gibt eine Person A., Es gibt eine Person B. , Unsere Katze ist da.}

Katzen haben die Angewohnheit, dass sie genauso plötzlich auch wieder verschwinden, wie sie gekommen sind.

Situation 4: Die Katze ist wieder weg

Während die Frage der Vollständigkeit einer Beschreibung zu einer realen wahrgenommenen Situation in das Belieben der beteiligten Personen gestellt ist — man kann, man muss aber nicht notwendigerweise etwas sagen –, soll für die Korrektheit einer Beschreibung gelten, dass nichts gesagt werden soll, was nicht auch in der Situation zutrifft. Wenn also die Katze plötzlich wieder verschwunden ist, dann sollte die Beschreibung der Situation S4 entsprechend angepasst werden. Dies bedeutet: Veränderungen können je nach Gegebenheiten entweder (i) durch Hinzufügung einer Aussage angezeigt werden oder (ii) durch Entfernen einer Aussage. Dies führt zu dem Ergebnis:

Beschreibung von S4:

{Es gibt eine Person A., Es gibt eine Person B. }

VERÄNDERUNGSREGELN

Wenn man eine Beschreibung einer aktuellen Situation S vorliegt, dann kann man eine gewünschte oder eine stattgefundenen Veränderung durch folgende Veränderungsregel beschreiben:

Bedingung —> +Eplus -Eminus

  • Die Bedingung beinhaltet eine Menge von Ausdrücken, die in S vorkommen müssen
  • Eplus umfasst Ausdrücke, die zu S hinzugefügt werden sollen
  • Eminus umfasst Ausdrücke, die von S entfernt werden sollen

Beispiele:

(1) {Es gibt eine Person A.} —> {Da ist ein Tisch}, {}

Wenn die Bedingung ‚Es gibt eine Person A.‘ in einer aktuellen Situation S zutrifft, dann soll für die Nachfolgesituation S‘ die Äußerung ‚Da ist ein Tisch‘ hinzugefügt werden. Zum Entfernen wird nichts gesagt.

(2) {Es gibt eine Person A., Es gibt eine Person B.} —> {Unsere Katze ist da.}{}

Wenn die Bedingung ‚Es gibt eine Person A. Es gibt eine Person B.‘ in einer aktuellen Situation S zutrifft, dann soll für die Nachfolgesituation S‘ die Äußerung ‚Unsere Katze ist da‘ hinzugefügt werden. Zum Entfernen wird nichts gesagt.

(3) {Unsere Katze ist da.} —> {}{Unsere Katze ist da.}

Wenn die Bedingung ‚Unsere Katze ist da.‘ in einer aktuellen Situation S zutrifft, dann soll für die Nachfolgesituation S‘ die Äußerung ‚Unsere Katze ist da.‘ entfernt werden. Zum Hinzufügen wird nichts gesagt.

FORTSETZUNG

Im zweiten Teil wird ein konkretes Beispiel mit der Software gezeigt.

QUELLENANGABEN

[1] Ludwig Wittgenstein (1989 – 1951),Entstanden in den Jahren 1936 bis 1946, veröffentlicht 1953, zwei Jahre nach dem Tod des Autors: Philosophische Untersuchungen. Kritisch-genetische Edition. Herausgegeben von Joachim Schulte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Frankfurt 2001

[2] Ludwig Wittgenstein (1989 – 1951), 1918 fertig, 1921 erste Veröffentlichung, 1992 offizielle kritische Ausgabe: Logisch-philosophische Abhandlung. (Tractatus Logico-Philosophicus), bei Kegan Paul, Trench, Trubner & Co. in London in der Reihe International Library of Psychology, Philosophy and Scientific Method

[3] Jakob Johann Baron von Uexküll (1864 – 1944) : https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Johann_von_Uexk%C3%BCll (zuletzt: 11.1.2021)

[3b] Jakob von Uexküll, 1909, Umwelt und Innenwelt der Tiere. Berlin: J. Springer. (Download: https://ia802708.us.archive.org/13/items/umweltundinnenwe00uexk/umweltundinnenwe00uexk.pdf )(Zuletzt: 26.Jan 2021)

[4] Gage, Nicole M. und Baars, Bernard J., 2018, Fundamentals of Cognitive Neuroscience: A Beginner’s Guide, 2.Aufl., Academic Press – Elsevier, London – Oxford – San Diego – Cambridge (MA), ISBN = {ISBN-10: 0128038136, ISBN-13: 978-0128038130}

[5] Hermann Ebbinghaus (1850 – 1909): Er gilt als Pionier der kognitiv-psychologischen Forschung. Ebbinghaus begründete die experimentelle Gedächtnisforschung mit seinen Arbeiten zur Lern- und Vergessenskurve und bereitete den Weg für die empirische Lehr-, Lern- und Bildungsforschung: https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Ebbinghaus (zuletzt: 27.Jan 2021)

[5b] Hermann ‚Ebbinghaus (1885), Über das Gedächtnis. Leipzig: https://www.deutschestextarchiv.de/book/show/ebbinghaus_gedaechtnis_1885

[6] Stuart K.Card, Thomas P.Moran, Allen Newell [1983], The Psychology of Human-Computer Interaction, Lawrence ERlbaum Associates, Inc.; Mahwah, New Jersey

[7] Zur Entstehung der Schrift, ein erster Ansatz: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schrift (zuletzt: 28.Jan 2021)

[8] Gerd Doeben-Henisch, (1.Febr.2021), REAL-VIRTUELL. Ein Einschub, https://www.cognitiveagent.org/2021/02/01/real-virtuell-ein-einschub/

DER AUTOR

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Gedanken und Realität. Das Nichts konstruieren. Leben Schmecken. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 22.-25.Januar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

Im vorausgehenden Beitrag Ingenieure und das Glück klingen Themen an, die viele (die meisten?) normalerweise so nicht miteinander verknüpfen würden. Aber, wenn man — wie der Autor — durch den Gang des Lebens — Gelegenheit hatte, sich mit diesen Themen über Jahre intensiv beschäftigen zu können, dann kann man auf diese Zusammenhänge stoßen. Wichtig ist das Wort Kann.

GEDANKEN UND REALITÄT

Wann immer wir uns wo befinden, wir tragen immer die Erfahrungen, das Wissen mit uns herum, das sich in unserem Gehirn bis zu diesem Zeitpunkt angesammelt hat, eingebettet in eine Wolke von Emotionen und Bedürfnissen, alles mehr oder weniger unbewusst. Tatsächlich bewusst werden uns diese Dinge immer nur dann, wenn irgendwelche Ereignisse von außen oder von innen unser Gehirn in einer Weise stimulieren, dass das Gehirn Verbindungen zu diesem unbewusst Vorhandenen aufbaut. Wie das Gehirn diese Verknüpfungen aufbaut, ist selbst weitgehend unbewusst, automatisch. Allerdings haben viele Experimente gezeigt, dass die aktuellen Umstände eine Rolle spielen, insbesondere Emotionen und Bedürfnsse. In Situationen, in denen wir negative Emotionen erfahren haben, verbindet unser Gehirn z.B. unsere Wahrnehmung von Aspekten der Situation automatisch auch mit diesen negativen Emotionen, obgleich die Emotionen sachlich gar nichts mit den wahrgenommenen Aspekten der Situation zu tun haben müssen. Das Gehirn reagiert hier automatisch, weil es so gebaut ist. In Zukunft werden die wahrgenommenen Aspekte dieser vergangenen Situation dann für uns immer verbunden sein mit diesen speziellen Emotionen.

Ein anderer Aspekt — in diesem Blog schon oft angesprochen — ist das Eigenleben unserer Gedanken im Gehirn, unabhängig von der Welt da draußen außerhalb des Gehirns. Was immer wir irgendwie empfinden, erleben, wahrnehmen, uns vorstellen, denken, …. all dies findet in unserem Gehirn statt; dieses Gehirn sitzt in unserem Körper und hat keinen direkten Kontakt mit der Welt außerhalb dieses Körpers, nur direkt mit dem Körper, der selbst auch außerhalb des Gehirns ist. Das Gehirn selbst ist eines der fantastischsten Systeme im gesamten bekannten Universum. Rein zahlenmäßig ist es mit seinen ca. 80 Milliarden (10^9) Zellen zwar nicht einmal halb so groß wie unsere Heimat-Galaxie die Milchstrasse Sterne hat, aber die Intensität der Verbindungen untereinander (eine Zelle bis zu 100.000 andere Zellen) und die Dynamik dieser Zellen übersteigt alles, was wir uns bislang vorstellen können.

Dennoch, unser fantastisches Gehirn mit seinen fantastischen Eigenschaften, wie es aus Gegenwart Vergangenheit produziert, aufgrund der produzierten Vergangenheiten Erwartungen für eine prinzipiell unbekannte Zukunft errechnet, und dann sogar mittels einer inneren Sprache die Vielfalt der Eigenchaften der wahrgenommenen Welt in nahezu beliebigen Konfigurationen zu bedeutungsvollen Gegenständen versammeln kann, zu bedeutungsvollen Verbindungen, zu bedeutungsvollen Mustern, dieses unser Gehirn verbleibt mit diesen seinen kreativ-schöpferischen Aktivitäten letztlich in sich selbst. In gewisser Weise kann man sagen, es redet mit sich selbst. Es schafft seine eigene Realität, die für uns die primäre Realität ist. Von außen betrachtet — ein Gedankenkonstrukt — muss man die primäre Realität des Gehirns im Vergleich zur umgebenden Realität des Körpers und dann der Welt jenseits des Körpers als virtuelle Realität bezeichnen.

Wer sich all dieser Dinge nicht bewusst ist — fragen Sie sich selbst, fragen Sie ihre Freunde und Bekannten, wie diese es sehen — für den ist diese wundersame Welt des eigenen Gehirns weniger eine Chance zu einer vertieften Welterkenntnis als vielmehr eine Gefahr zu einem Weltbild, das durch und durch schräg, ja falsch sein kann.

Wenn ein Ereignis im Körper vom Gehirn wahrgenommen wird (z.B. eine Schmerzempfinung, ein Hungergefühl, eine sexuelle Erregung, …), dann weiß das Gehirn in der Regel wenig bis gar nichts darüber, wo es herkommt, warum. Das Gehirn sucht aber automatisch für sich nach einem Zusammenhang, nach einer Erklärung. Es fängt automatisch an, zu konstruieren. So ist es gebaut.

Bei Ereignissen außerhalb des Körpers ist es nicht anders. Wenn Kleinkinder in ihren ersten Monaten — und dann Jahren — von Sinneseindrücken aller Art überschwemmt werden, dann ist das Gehirn voll damit beschäftigt, all diese neuen Ereignisse zu sortieren und zu verknüpfen. Im Gehirn entstehen die Grundlinien eines Modells, wie all dies zusammenhängen kann. Dies geschieht unbewusst! Die Welt, die wir sehen, die wir erleben, an der wir unsere künftigen Überlegungen ausrichten, diese Welt ist die Welt in unserem Gehirn, so wie sie das Gehirn sich zurecht gelegt hat, um sich in dem unaufhaltsamen Strom der Sinnesereignisse zurecht zu finden.

Gemeinsam Erkennntnisse über die Welt da draußen zu bekommen, die subjektiven Eindrücke untereinander durch Handlungen und Sprache abzugleichen, ist eine große Chance. Nur so können wir letztlich herausfinden, ob ein Bild, das wir in unserem Gehirn von der Welt haben, ähnlich ist, wie das, das ein anderer hat. Ohne die Rückbindung durch andere ist die Gefahr einer Innensicht, die mit der realen Welt jenseits des Gehirns nur schlecht bis garnicht verknüpft ist, sehr hoch. Wenn allerdings eine Gruppe von Menschen die gleichen falschen Bilder in sich mit sich herumtragen, dann nützt auch ein gemeinsames Reden nichts. Wenn z.B. das Wort Demokratie in den Gehirnen der Beteiligten jeweils ganz andere Eigenschaften wach ruft, dann nützt dieses Wort nicht viel: jeder stellt sich etwas anderes darunter vor und jeder leitet von diesen unterschiedlichen Bedeutungen ganz verschiedene Einschätzungen und Handlungen ab. Eine Einheit im Verstehen und Handeln ist dann nicht möglich…

Seitdem die Bilder im Umfeld der Präsidentschaftswahlen in den USA 2021 um die Welt gehen, die krasse Gegensätze in der Sicht der Ereignisse bei den unterschiedlich Beteiligten offenbaren, sollte jedem klar geworden sein, dass die Unterscheidung von der Realität in unseren Gehirnen und der Realität da draußen im Land real ist: die Parole von der gestohlenen Wahl wird von den einen als Bild übernommen, das sie für wahr halten, und die anderen halten die intendierte Bedeutung dieser Parole nicht für wahr. Die realen Umstände dieser Wahlen, soweit sie dokumentiert sind, sind für beide Gruppierungen die gleichen, sie werden jedoch aufgrund der herrschenden Bilder im Gehirn von beiden Gruppierungen unterschiedlich gedeutet. Bislang scheint es keine Mechanismus der Wahrheitsfeststellung zu geben, der von beiden Gruppierungen in gleicher Weise anerkannt wird. Solange dies so ist, so lange werden die beiden konkurrierenden Bilder existieren und die Weltwahrnehmung und das davon abhängende Handeln beeinflussen.

DAS NICHTS KONSTRUIEREN/ PLANEN

Wie im vorausgehenden Abschnitt festgestellt, kann das Gehirn aus den Wahrnehmungen der Gegenwart Fragmente der Vergangenheit produzieren, es kann aber die noch ausstehende Zukunft nicht direkt vorweg nehmen. Die Zukunft als solche existiert nicht direkt fassbar. Sofern wir in der Lage sind, die Fragmente der Vergangenheit so zu arrangieren und zu deuten, dass wir aus diesen Fragmenten Hinweise auf wahrscheinliche Ereignisse in der möglichen Zukunft ableiten können, haben wir Arbeitshypothesen zu einzelnen Aspekten, aber nicht mehr.

Angesichts dieser erkenntnistheoretischen Tatsache ist es erstaunlich, wie unbeschwert menschliche Gesellschaften mit einer unbekannten Zukunft umgehen, die sehr wohl gewohnte Lebensverhältnisse in Frage stellen, ihnen ihre Grundlage entziehen kann. Die heute allseits bekannten Themen wie Klimaveränderung, Artensterben, Umweltzerstörung, Ressourcenmangel, Bevölkerugngsentwicklung, Mangel an Trinkwasser, soziale Desintegration, Mobilitäts- und Transporteinschränkungen, Pandemien, Nationalismus und Rassismus, Destruktive Weltbilder, … sind alle von einer Wucht und Komplexität, dass schon eines alleine davon ausreichen kann, um menschliche Populationen mindestens schwer zu schädigen. Aber wir haben mehr als ein solches Schwergewicht-Thema. ..

Die Auseinandersetzung mit diesen Themen im Kontext von Zukunft fällt unter das allgemeine Oberthema Einen Problemraum klären, und, spezieller: Zukunft planen. Im Vorfeld geschieht dies durch allgemeine gesellschaftliche Klärungsprozesse (in Demokratien), die dann durch das politische System verdichtet werden, und es sind dann die Ingenieure, die in engem Verbund mit den Wissenschaften konkrete Lösungsansätze erarbeiten und umsetzen.

Im klassischen Poblemraum — der auch bei den heutigen schwachen Formen von Künstlicher Intelligenz [KI] bzw. Maschinellem Lernen [ML] zugrunde liegt — , sind die Rahmenbedingungen klar: Ausgangspunkt, Ziel (liefert die Bewertungskriterien), mögliche Maßnahmen. In einem modernen, empirischen Problemraum sind die Rahmenbedingungen hingegen weitgehend offen. Es gibt keine klare Kriterien, weil es keine klaren Ziele gibt! Ein mögliches Ziel könnte es z.B. sein, zu sagen, es geht um den Erhalt des biologischen Lebens auf dem Planet Erde. Abgesehen davon, dass nicht zu sehen ist, dass die verschiedenen Nationalstaaten sich auf solch ein Ziel ernsthaft einlassen, wäre solch ein Ziel maximal komplex und unterbestimmt, weil wir die zugehörigen Teilprozesse und Wechselwirkungen bislang weder genügend kennen noch aktuell in der Lage sind, diese alle auf eine unbekannte Zukunft hin hoch zu rechnen.

Nahezu unbeeindruckt von diesen Überlegungen wird in allen Ländern dieser Erde auf jeden Fall täglich gehandelt, ansatzweise geplant, und die realen alltäglichen Probleme nehmen überall zu. Das Versagen von Planung in einem sogenannten hochindustriealisierten Land wie Deutschland ist massiv und niederschmetternd, auf nahezu allen Ebenen. Nahezu alle Parameter sind negativ. Andere Länder sind noch viel schlechter. Ob es auch Länder gibt, die aktuell wirklich besser sind, ist schwer zu beantworten. In manchen Teilbereichen sieht es zumindest so aus.

Die Zukunft zu planen, das reale Nichts, bildet eigentlich die größte Herausforderung an das biologische Leben auf dem Planet Erde, irgendwo in er Milchstrasse, irgendwo in diesem Universum, aber bislang ist professionalle Zukunftsforschung, sind die konkreten Planungsmethoden und -Instrumente für eine ernsthafte Meisterung einer unbestimmten, wenngleich maximal komplexen Zukunft alle sehr speziell, partikulär, extrem gruppen-egoistisch, kryptisch, unkoordiniert. Ein hochkomplexes Land wie Deutschland macht den Eindruck, dass es ziemlich kopflos einfach nur von einem Tag in den anderen, in das Morgen, hinein stolpert. Das Verhalten der Bundesregierung mit samt den Länderregerungen am Beispiel der Corona-Epidemie erscheint grandios amateurhaft und kann nur erschrecken.[1]

LEBEN SCHMECKEN

Eigentlich kann der Text hier enden. Das, was man klar sagen kann, das wurde hier gesagt. Es gibt aber andere Texte von Ingenieuren (!), die im Laufe der letzten Jahre immer mehr gelernt haben, dass einer der Hauptfaktoren für die Unplanbarkeit eines Systems in der Zeit der Faktor Mensch ist. Diese Aussagen haben ein besonderes Gewicht — verglichen mit unzähligen Aussagen von Menschen in ‚weichen‘ Disziplinen — , weil Ingenieure schon immer gezwungen sind, ihre Projekte buchstäblich bis ins letze Detail durchzurechnen und durchzutesten, da sie im Fall des Misslingens direkt haftbar gemacht werden. Und in Grenzbereichen wie sogenannten Echtzeit Systemen (auch Realzeit Systeme genannt) oder Sicherheitskritischen Systemen, muss die Analyse der zu bauenden Systeme tatsächlich bis zur letzten Schraube, bis hin zum verwendeten Material, vollständig berechnet und durchgetestet werden (hier geht es z.B. um Betriebssysteme für Computer, spezielle Computer, Flugzeuge, Raketen, Atomreaktoren, Wolkenkratzern, medizinisches Gerät, …). Und, ja, natürlich geht es auch um den Human Factor, um den Menschen, der mit diesen Systemen arbeitet (Fahrer, Piloten, Kontrollpersonal, Ärzte, …). Und allen Beteiligten ist heute klar: der Mensch unterscheidet sich von technischen Systemen grundlegend!

Aus Sicht der Ingenieure geht es um das Verhalten von Menschen, eine Blickrichtung, die die Ingenieure mit der allgemeinen experimentellen Psychologie teilen. Für das beobachtbare Verhalten von Menschen gibt es viele Beschreibungskategorien, z.B. ob das Verhalten auf eine Lernfähigkeit hindeutet, auf Intelligenz, auf Freiheitsgrade, auf Motivationen, auf Gedächtnisleistungen, auf Wahrnehmungsstrukturen, und sehr vieles mehr. Naturgemäß sind solche verhaltensbasierten Modellierungen nicht ganz scharf. Für die alltägliche Praxis können sie dennoch eine wertvolle Heuristik sein, um das Verhalten von Menchen einzuschätzen.

Will man noch mehr verstehen, dann kann man die Biologie einbeziehen. Die liefert Erkenntnisse über die Feinstruktur von Körpern, von Organen, von Funktionskreisläufen, ja , sie liefert sogar Erkenntnisse über die Entwicklungsgeschichte der heutigen Körper: welche früheren Körperformen gab es; wie unterschieden sich die dazu gehörigen Funktionen von den heutigen Körpern. Speziell interessant sind auch die Wechselwirkungen von Organismen einer Lebensform und ihrer Population(en) mit der jeweiligen Umgebung. Wie wir heute wissen, können Populationen ihre jeweilige Umgebung so beeinflussen, dass diese im Laufe der Zeit zu den Populationen immer besser passen, so dass diese Populationen sich über viele Millionen Jahre nicht ändern müssen, obgleich ihre Struktur denkbar primitiv ist (berühmtes Beispiel sind die europäischen Regenwürmer).

Man kann diese Betrachtungsweise um immer mehr Betrachtungsweisen ergänzen, z.B. um die Mikrobiologie, um die Chemie, und man wird immer elementarere Prozesse feststellen von den Zellen zu den Molekülen, zu den Atomen bis hin zu den Quanten: Sie alle spielen beim Phänomen des Lebens auf dem Planeten Erde eine Rolle. Abrunden kann man das Ganze noch durch die Astrobiologie. Sie liefert Erkenntniss über astrophysikalische Rahmenbedingungen, unter denen das Leben auf dem Planeten Erde stattfindet.

Verweilt man nun nicht in den Einzelperspektiven, sondern versucht alle diese Einzelbilder als Teil eines Gesamtbildes zu sehen, dann kann man den verhaltensnahen Begriffen wie Lernfähig, Intelligent, Motiviert, Freiheitsgrade eine systemische Interpretation zuordnen, die diese Makrophänomene mit einer alle Systemebenen durchziehende Eigenschaft in Verbindung bringt: primär gründend in der Welt der Quanten kommt allen Systemebenen die Qualität einer grundlegenden Freiheit zu: die zeitlich nachfolgenden Systemzustände sind grundsätzlich nicht determiniert. Je komplexer die Systemebenen werden, um so konkreter und vielfältiger werden die Faktoren, die den Übergang vom Jetzt zum Nachher beeinflussen können. Aber die quantenmechanisch fundierte Nicht-Determiniertheit wird auf keiner Systemebene aufgehoben, sondern immer nur mehr und anders moduliert. Ein besonders wunderbares Exemplar einer hochkomplexen Freiheit bildet die Lebensform des homo sapiens. Die ca. 140 Billionen (10^12) Zellen eines einzelnen menschlichen Körpers mitsamt den lebenswichtigen Bakterien entsprechen den Sternen von ca. 120 Galaxien im Format unserer Milchstrasse. Jede dieser Zellen ist ein autonomes Wesen, das in Kommunikation mit vielen Tausenden bzw. Millionen anderer Zellen die unfassbaren vielen Funktionen aufrecht erhalten, die den menschlichen Körper auszeichnen, im Millisekunden Takt. Wir brauchen garnicht erst versuchen, diese Komplexität zu verstehen. Unser Gehirn ist dafür nicht geschaffen. Verglichen mit einem einzelnen menschlichen Körper sind 120 Galaxien verglichen damit langweilig…

Versucht ein Mensch im Lichte des Bewusstseins zu planen, dann verfügt er ohne externen Hilfsmittel nur über einen Bruchteil seines weitgehend unbewussten Wissens. Jeder Versuch einer Rationalisierung seines Daseins oder seinens Planens ist vom Ansatz her zum Scheitern verurteilt. Dies bedeutet nicht, dass man sein Denken, seine Rationalität nicht benutzen soll; man sollte sie unbedingt benutzen. Man sollte sich aber bewusst sein — und sich immer wieder ins Bewusstsein rufen –, dass die Rationalisierungsfragmente, deren wir fähig sind, kein wirkliches Gesamtbild liefern können. Bezieht man die kulturellen Techniken der letzten ca. 5000 Jahre mit ein (Schrift, Bücher, Bibliotheken, Computer, Netzwerke, Forschungsgemeinschaften, …), dann kann man das Ausmaß der Rationalisierung im Vergleich zu einem einzelnen Gehirn deutlich verbessern, man verbleibt dennoch in einer kleinen Blase von Wissen, die sowohl den Menschen selbst wie das Gesamte nur sehr unzulänglich annähern kann. Für den Fall, dass alle Menschen sich in ihrem Wissen irgendwann doch vereinen würden, ist das Ausmaß der möglichen Verbesserung schwer zu bestimmen.

Rationale Formen des Wissens bilden nur einen Teilaspekt in der Existenzerfahrung des Menschen. Dies ergibt sich schon alleine daraus, dass das bewusste begriffliche, sprachliche Wissen im Bewusstsein selbst nur ein Teilmoment darstellt. Wir als Menschen erleben uns selbst u.a. mit explizitem Wissen und daneben mit vielen anderen Empfindungen, Gefühlen, Emotionen, die genauso real sind wie das explizite Wissen. Was aber ist dieses Andere in uns, an uns? Auf jeden Fall hat es mit unserer realen Existenz zu tun, mit uns als Teilhaber an einem umfassenden Lebensprozess auf dem Planet Erde, mit uns, die wir uns vorfinden als das größte Wunder, welches das bekannte Universum zu bieten hat, nicht alleine, schon immer zusammen mit. Ich nenne dieses schwer Sagbare, und doch Reale, unser Rationalität bei weitem Übersteigende, ein echtes Mehr, Das Leben Schmecken.

QUELLENNACHWEISE

[1] Ein Beispiel im kleineren Maßstab, wie gute Planung in der Corona Krise gehen kann, ist die Stadt Rostock: https://www.n-tv.de/politik/Warum-Rostocks-Covid-Strategie-erfolgreich-ist-article22304925.html (Zuletzt: 25.Januar 2021)

DER AUTOR

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

MENSCH-MENSCH COMPUTER. Gemeinsam Planen und Lernen. Erste Notizen

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 2.-9.Oktober 2020
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

ÜBERBLICK

Der folgende Text entstand unter dem Eindruck der theoretischen und
praktischen Arbeiten, wie sie in meinem Engineering-Blog bislang dokumentiert
sind. Letztlich geht es darum, das aktuelle Paradigma der Informatik
und der übergreifenden Digitalisierung der Gesellschaft umzudrehen:
statt den Menschen nur als Datenfutter für anonyme Algorithmen zu benutzen,
ihn als digitalen Sklaven zu behandeln, der weitgehend zu einem
rechtlosen Spielball von internationalen Konzernen geworden ist, deren
Interessen weder die Interessen der Benutzer noch derjenigen von demokratischen
Gesellschaften sind, soll wieder der Mensch in das Zentrum
der Betrachtung gerückt werden und die Frage, was können wir tun, um
den Menschen mehr zu befähigen, gemeinsam mit anderen die mögliche
Zukunft besser zu verstehen und vielleicht besser zu gestalten. Der moderne
Mensch begreift sich als Teil der umfassenden Biosphäre auf diesem
Planeten und trägt eine besondere Verantwortung für diese.

Letzte Änderung: 9.Okt.2020

PDF-Dokument

Änderung 9.Okt.2020: Die Rahmenbedingungen von einer gegebenen Situation (hier als Problem) zu einer möglichen zukünftigen Situation (hier als positive Vision) werden etwas genauer analysiert.

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

ZUR LAGE DER MENSCHHEIT … Ausgangspunkt im Alltag

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 2.August 2020
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

PROLOG I: GENERVT IM ALLTAG

Sind Sie genervt von den vielen — aus ihrer Sicht — Halbwahrheiten, Unsinnigkeiten, Lügen, die ihren Alltag durchtränken? Von all den Leuten, die scheinbar nur sich selbst sehen, sich als erstes, und die versuchen, ‚ihr Ding‘ zu machen, egal zu welchem Preis? Haben Sie nicht auch schon diese Gefühle gehabt, diese Verzweiflung über das — in ihren Augen — Versagen anderer Menschen, über den Betrug einzelner an der Gemeinschaft, die vielen ‚Deals im Hintergrund‘, die manchmal bekannt werden und breites Entsetzen auslösen? Sind sie auch manchmal unangenehm berührt, enttäuscht, wenn Sie erfahren wie — in ihren Augen — unsinnig manche Behörden gehandelt haben, wie wenig Durchblick und Weitblick in Verwaltungen herrscht, wie berühmte Firmen plötzlich ins Schleudern geraten, weil ihre Manager ‚die Zeichen der Zeit‘ nicht rechtzeitig erkannt haben?

Wenn Sie diese Enttäuschungen nicht für sich behalten, sondern sie aussprechen, laut, bei anderen, mit anderen, werden sie feststellen, dass Sie nicht alleine sind. Da sind sehr viele Menschen um sie herum, die solche Enttäuschungen teilen. Fast scheint es so zu sein, als ob diese Enttäuschungen zum Alltag gehören, gleichsam wie eine untergründige Melodie, wie ein musikalisches Thema, das alles irgendwie zu durchziehen scheint. … es beschleicht Sie das Gefühl, dass es ja alles noch viel schlimmer ist, als sie gedacht haben. Ihre Ohnmacht, ihre Angst, ihr Ärger erscheinen übermächtig.

Und dann entdecken Sie vielleicht andere, einen Text, ein Video, einen Podcast, eine Veranstaltung, eine Bewegung, die das alles genau so ausspricht, wie sie es ständig empfinden. Da gibt es diese Menschen, die Antworten auf ihre Enttäuschungen haben, die die Ereignisse mit ihren Worten in Zusammenhänge einordnen, die ihnen plausibel erscheinen. Mit einem Mal bekommen ihre diffusen Ängste Namen von Menschen und Gruppen, die die Verursacher sind. Mit einem Mal bekommen Sie Worte angeboten, Slogans, Texte, die ihnen alles ‚erklären‘, ganz einfach, und sie beginnen, sich ‚zu Hause‘ zu fühlen. Da sind welche, die sie ‚verstehen‘. Menschen wie Sie selbst, persönlich, konkret, ganz nah, nicht in den Tiefen des Netzes, nicht verdeckt hinter den Fassaden der Macht….

Sie glauben, jetzt beginnt für Sie etwas Neues, neben den Enttäuschungen glimmt Hoffnung auf. Sie sind nicht alleine. Da sind andere mit ihnen….

PROLOG II: ALLTAG AUFBRECHEN

Wenn wir in unseren Alltag eingetaucht sind, dann können wir die Welt um uns herum, unsere Welt, unseren Alltag, genauso erleben, wie eingangs beschrieben, und es ist tatsächlich so, dass sehr viele Menschen heute es genau so erleben.

Wir kennen aber auch die Metapher, von dem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. Wenn wir uns im Wald befinden, sehen wir nur viele Bäume, aber nicht den Wald als Ganzes. So ist es vielfach auch mit unserem Alltag: wir sind eingebettet in viele Abläufe, Verpflichtungen, Gewohnheiten, wen wir treffen, was wir arbeiten, was wir bei verschiedenen Gelegenheiten so sagen, mit wem wir was besprechen, welchen Informationsquellen wir folgen, was wir so essen und dementsprechend einkaufen …. ein Außenstehender könnte uns vielleicht sogar ziemlich gut beschreiben in allem, was wir tun. Google-Algorithmen, Handy-Algorithmen, und viele andere, tun dies rund um die Uhr, Woche um Woche. Deswegen können sie auch vieles sehr gut vorhersagen, oder Auftraggeber können wissen, was sie tun müssen, um uns zu bestimmten Verhaltensweisen anzuregen …

Wenn wir dies alles so tun, jeden Tag, Woche um Woche, heißt dies nicht unbedingt, dass wir selber genau wissen, was wir da tun; ja, wir tun es, aber warum genau? Welchen Zweck befolgen wir? Haben wir ein Ziel, was uns wie ein Licht vorausleuchtet über das Jetzt hinweg, für einen Punkt in der Zukunft, wo wir hinwollen? Oder treiben wir eher so dahin, fühlen wir uns gezwungen und dirigiert von den Umständen, die uns übermächtig erscheinen? Sind wir täglich von unserer Arbeit so ausgelaugt, dass uns schlicht die Kraft fehlt, am Abend, zwischendurch, an Alternativen zu denken, an irgendetwas anderes, an Freundschaften, an eine andere Form zu leben? Nehmen wir es also einfach so hin, was passiert, wie es passiert, ohne wirklich zu verstehen, warum dies geschieht, wer da im Hintergrund die Fäden spinnt?

MIT ANDEREN AUGEN

Manchmal gibt es sie dann doch, diese seltenen Momente, wo Sie irgendwie zur Ruhe kommen, wo Sie ein Buch lesen, dessen Worte sie gefangen nehmen, einen Film sehen, der Sie anspricht, einen Song hören, der sie berührt, oder mit einem anderen Menschen reden, der Ihnen zuhört, und der Ihnen dann Worte sagt, die ihnen helfen, sich selbst mal mit anderen Augen zu sehen, ihr Leben, ihr Tun; eine Freundin, ein Freund, oder jemand Fremdes,….

Jeder von uns hat seinen eigenen Blick, den wir uns in vielen Jahren angeeignet haben, die eigene Sprache, die eigenen Vorlieben, und dann sehen wir andere Menschen, die es anders machen, und irgendwie haben wir das Gefühl, das fühlt sich gut an… oder unser Gegenüber hört uns zu und fragt dann zurück, warum wir dies und jenes überhaupt so machen. Warum machen wir ständig A, warum nicht auch einmal B? Und im Moment, wo wir gefragt werden, schrecken wir vielleicht zurück und fangen sofort an, uns zu verteidigen, oder, wir zögern einen Moment, merken vielleicht, da wird ein Punkt berührt, der einen schon lange irgendwie beschäftigt, aber man hatte noch nie die Muße, den Mut, ihn ernsthaft ins Auge zu fassen, ihn wirklich an sich heran kommen zu lassen…

Entscheidend ist, dass es meistens irgendwelche Ereignisse braucht, die uns dazu bringen, im gewöhnlichen Ablauf inne zu halten, etwas zu merken, aufmerksam zu werden auf etwas in unserem Leben, an uns, von dem wir spüren, das könnte auch anders sein. Hier können sehr viele Emotionen im Spiel sein, Ängste wie auch Hoffnungen, Schmerzen wie auch Lustgefühle, Erinnerungen, die uns lähmen und solche, die uns ermutigen…

Die Gefühle, die Emotionen alleine sind es aber nicht, auch wenn sie uns vielleicht lähmen, fesseln können. Es braucht schon auch ein Bild, eine Vision, eine Vorstellung, eine Idee die uns Zusammenhänge sichtbar macht, mögliche alternative Zustände, die so sind, dass wir daraus mögliche Handlungen ableiten können, eine mögliche neue Richtung, was man mit anderen konkret tun könnte: andere Menschen, andere Orte, andere Bewegungsformen, anderes sehen, anderes ….

Mit dem neuen Tun ändert sich die eigene Wahrnehmung, ändert sich die eigene Erfahrung, kann sich das Bild von der Welt, von den anderen, von sich selbst ändern; dadurch können sich Gefühle ändern. Was vorher so aussichtslos, fern erschien, erscheint plötzlich vielleicht erreichbar… so ein bisschen kann man dann erahnen, dass man selbst vielleicht mehr ist als nur ein Bündel von Gewohnheiten, die feststehen …. dass man irgendetwas in sich hat, was die Abläufe ändern kann, etwas, das das ganze Gefüge in Bewegung setzt. Ich muss nicht immer das Gleiche machen, ich kann anders … die Welt ist mehr als ds Bild, was ich gerade noch im Kopf hatte, mein Bild, das mich eingesperrt hat in mich selbst …

EREIGNIS BEI MIR: Vor 33 Jahren …

Ereignisse, die einem helfen können, für einen Moment inne zu halten, aufzumerken, zu ahnen, zu spüren, dass da etwas ist, was anders ist, sind vielfältiger Art. Jeder kann davon bestimmt mindestens eine Geschichte erzählen. Bei mir war es die Tage ein Gespräch mit Freunden, bei dem einer (MF) das Wort autopoiesis erwähnte, ein Wort, das einem ja nicht alle Tage über den Weg läuft. Und ja, dieses Wort spiel eine zentrale Rolle in einem Buch, das den vielsagenden Titel trägt Baum der Erkenntnis. Dies ruft gleich Assoziationen an esoterisches Gedankengut wach, an Mythen und Sagen, oder auch an den berühmten Sündenfall von Eva und Adam, als sie im Paradies vom ‚Baum der Erkenntnis‘ aßen und daraufhin aus dem Paradies vertrieben wurden. Wer versteht die Botschaft in dieser Geschichte nicht: Wehe, wenn Du Dich zu sehr mit Erkenntnis beschäftigst, dann verlierst Du deine Unschuld und es wird Dir Zeit deines Lebens schlecht ergehen.

Ja, und vielleicht stimmt diese Mahnung auch, wird so mancher denken, denn das Buch, um das es hier geht, erschien 1987 erstmals und wurde von zwei Wissenschaftlern verfasst, die aufgrund ihrer jahrzehntelangen Arbeit in der Erforschung der Natur, insbesondere des biologischen Lebens, ein Bild von der Welt und uns als Menschen erarbeitet hatten, das die Geschichten aus der Bibel — und viele anderen — nicht besonders gut aussehen lassen.

Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass ich dieses Buch noch in meinem Bücherregal hatte, ich hatte es sogar vor 33 Jahren gelesen, wovon viele Markierungen im Text Zeugnis geben, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es damals tatsächlich in seiner Tragweite verstanden hatte. Jetzt, 33 Jahre später, als ich als erstes das Schlusskapitel nochmals las, hatte ich das Gefühl, dass ich fast jeden Satz mehrfach unterstreichen konnte. Ich merkte, dass meine ganzen Arbeiten der letzten 33 Jahre (!) letztlich dazu gedient haben, die Vision in diesem Buch — ohne mir dessen vielleicht immer bewusst gewesen zu sein — durch eigenes Forschen, Experimentieren, Probieren, Schreiben, Verwerfen usw. für mich neu zu erarbeiten. Während man sicher viele Details aus dem Buch von Maturana und Varela aktualisieren muss, erscheint mir die Grundperspektive weiterhin voll gültig zu sein und es könnte uns heute, uns allen, die wir von unseren alltäglichen Abläufen oft wie ‚Gefangen genommen‘ erscheinen, vielleicht eine deutliche Hilfe sein, aus unseren — tendenziell unfertigen und falschen — Bildern auszubrechen.

AUFTRAG, NICHT SCHICKSAL

Wie eingangs angedeutet, leidet unser Alltag stark an der Unvollständigkeit unserer Bilder von uns selbst, von den anderen, von der Gesellschaft, der Welt. Und ja, man kann dadurch entmutigt werden, vielleicht sogar daran verzweifeln. Aber vielleicht hilft es, wenn man weiß, dass der fragmentarische Charakter unseres Welterlebens und Weltwissens eigentlich unsere Versicherung ist, dass wir als Menschen, als Leben auf der Erde nicht zwangsläufig zugrunde gehen müssen! Wären wir als Lebewesen von Anfang an mit einem kompletten Bild ausgestattet, dann kämen wir vielleicht eine gewisse Zeit klar mit den Gegebenheiten; da aber die Erde hochdynamisch ist, sich permanent verändert, z.T. dramatisch (Vulkane, Erdbeben, Verschiebung der Erdplatten, Klima mit vielen Eiszeiten…), würden wir bald scheitern, weil wir auf diese Veränderungen nicht vorbereitet wären. Überleben auf einer hochdynamischen Erde heißt, sein Bild von der Erde ständig weiter entwickeln, ständig korrigieren, ständig erneuern. Wichtig ist also nicht, wie viel Wissen man zu Beginn hat, sondern, ob man das Wissen verändern, weiter entwickeln kann. Wissen ist ganz klar ein Werkzeug zum Überleben! Und — was man in diesem Zusammenhang vielleicht schnell verstehen kann — Wissensfragmente benötigen zum Verändern jede Menge Kooperationen.

Die ersten Lebensformen auf der Erde waren Zellen, die unterschiedlich spezialisiert waren. Eine Zelle alleine war nicht überlebensfähig, aber alle Zellen zusammen haben u.a. die gesamte Atmosphäre der Erde verändert, sie haben unfassbar komplexe hoch organiserte Zellverbände entstehen lassen, die wir als Pflanzen, Tiere und Menschen — Wir! — kennen. Diese Winzlinge, diese Mikroben, haben dies geschafft, weil sie ihr minimales Wissen im großen Stile nicht nur immer wieder verändert haben, sondern weil sie es auch beständig ausgetauscht haben. Die Anzahl dieser Mikroben auf der Erde übersteigt die Anzahl der heute bekannten Sterne im bekannten Universum um ein Mehrfaches. Zugleich bilden sie zusammen einen Superrechner — ich nenne ihn BIOM I –, der alle heutigen Superrechner einfach nur schlecht aussehen lässt. Denn der BIOM I Supercomputer ist so, dass jedes Element von ihm beständig eigenständig dazu lernt und alle Elemente ihr Erlerntes untereinander austauschen. Davon können heutige Supercomputer nur träumen, falls sie träumen könnten.

Also, der fragmentarische Charakter unseres Wissens ist gerade kein negatives Schicksal, sondern gibt uns die Chance, unser Wissen gemeinsam weiter zu entwickeln, um so den jeweils neuen Herausforderungen gerecht werden zu können.

Anmerkung: In dem Maße, wie biologische Lebensformen die Erde bevölkern — nicht zuletzt auch der Mensch selbst — erzeugen diese aufgrund ihrer Freiheitsgrade auch Veränderungen, und zwar schwer vorausberechenbare Veränderungen. Um diesen gerecht zu werden, bedarf es um so mehr der Fähigkeit, sich dynamisch ein Bild möglicher Prozesse zu machen. Die Tendenz von Regierungen zu allen Zeiten, diese implizite Dynamik des Lebens durch autoritäre Regelsysteme einzugrenzen, zu ‚zähmen‘, hat noch nie wirklich funktioniert und wird auch niemals funktionieren, will man nicht das Leben selbst zerstören.

MONADE + MONADE = ?

Jahrtausende lang haben Menschen darum gerungen, zu verstehen, wie sie ihr Verstehen, ihr Wissen bewerten sollen: Was ist wahr? Wann denken wir richtig? Wo kommt unser Wissen her? Wie entsteht unser Wissen? Wieweit können wir unserem Wissen vertrauen? Und so ähnlich.

Aber, selbst die besten Philosophen und Wissenschaftler blieben immer im Gestrüpp ihres Selbstbewusstseins hängen. Im Nachhinein betrachtet glichen die Philosophen den berühmten Mücken, die immer um das Licht kreisen, an dem sie dann verbrennen. Und war nicht Eva auch so eine ‚Mücke‘, die um das ‚Licht der Erkenntnis‘ kreiste, um dann daran zu zerschellen?

Es ist schwer zu sagen, wann genau wer jetzt diese Form der Selbstbezüglichkeit durchbrach. Vermutlich war es wie immer, dass es die vielen Versuche einzelner waren, von denen man sich dann untereinander erzählt hatte, die so langsam eine Atmosphäre, ein Ahnen, einen Sack voller Experimente mit sich brachten, die dann zu einem Durchbruch geführt haben, der — so erscheint es von heute aus — in vielen Disziplinen gleichzeitig stattgefunden hat, jeweils speziell und anders, aber dann doch so, dass sich mit den vielen Puzzlesteinen langsam ein Gesamtbild andeutete, das zu einem bisher nie dagewesenen Durchbruch im Verstehen unserer selbst als Teil der Natur, des Universums geführt hat.

Fairerweise muss man sagen, dass frühere Generationen tatsächlich auch keine reale Chance hatten, diesen Durchbruch vorweg zu nehmen, da wir Menschen einige Jahrtausende und dann speziell die letzten Jahrhunderte gebraucht haben, unser Wissen über die Welt, die Natur, das Leben so weit auszudehnen, dass wir letztlich verstehen konnten, dass und wie unser Körper aus einer großen Anzahl von Galaxien an Zellen besteht, dass diese Zellen, jede für sich, autonom sind, dass sie es aber schaffen, so miteinander zu kooperieren, dass es eine Vielzahl von Organen in unserem Körper gibt, die die unglaublichsten Dinge vollbringen, ohne dass wir bis heute dieses Geschehen vollständig verstehen. Speziell das Gehirn versetzt uns mehr und mehr in Erstaunen, wenn wir langsam begreifen, was es alles leistet. Ein zentraler Punkt — wie vielfach schon in diesem Blog dargelegt — ist der, dass das Gehirn im Körper aus all den verfügbaren Körpersignalen ein Bild von der Welt errechnet, das für den ganzen Organismus zur Orientierung dient. Konkret, alles, was wir von der Welt sehen ist nicht die Welt selbst, sondern das, wie sich unser Gehirn die Welt vorstellt!

Vieles, was Leibniz damals 1714 unter der Idee einer Monadologie beschrieben hatte, könnte man auf das Gehirn anwenden, das vollständig auf sich selbst bezogen damit beschäftigt ist, ein Bild von sich selbst und der Umgebung zu entwickeln mit dem wichtigen Zweck, zu überleben. Entscheidend dabei ist der dynamische Charakter des Gehirns und seiner Berechnungen. Es kann zwar einerseits Strukturen bilden, die ihm zur Orientierung dienen, es kann aber auch, diese Strukturen ständig wieder abändern, um sie den veränderten Erfahrungen anzupassen.

Im Unterschied zu einer reinen Monade haben Gehirne die Fähigkeit ausgebildet, viele ihrer inneren Zustände mit beliebigen sprachlichen Ausdrücken zu assoziieren, zu korrelieren, so dass Manifestationen von sprachlichen Ausdrücken außerhalb des Körpers von anderen Gehirnen wahrgenommen werden können. Wie immer die Gehirne dies irgendwie und irgendwo geschafft haben, sie haben es geschafft, mit Hilfe solcher Manifestationen gemeinsame Bedeutungen zu vereinbaren und dann auch gemeinsam, synchron zu nutzen. Damit war symbolische Kommunikation grundgelegt.

Während zwei Monaden nach dem Modell von Leibniz strikt Monaden bleiben, können zwei biologische Monaden, die über ein Gehirn mit Sprache verfügen, durch Kommunikation zu Kooperationen zusammen finden, aus denen eine nahezu unendliche Menge neuer Zustände entstehen kann. Letztlich können biologische Monaden das gesamte Universum umbauen!

VERTRAUEN ALS NATURGEWALT ? !

Wenn wir von Naturgewalten sprechen, denken wir sicher erst mal an Unwetter, Erdbeben, Vulkane und dergleichen. In den Wissenschaften hat man Worte wie z.B. die Gravitation, um eine Eigenschaft zu beschreiben, die wir überall im heute bekannten Universum beobachten können als eine Kraft, die sich indirekt zeigt: auf der Erde fallen alle Gegenstände ’nach unten‘ und alle Körper haben ein ‚Gewicht‘.

Das biologische Leben gehört aber auch zur Natur, es ist Natur durch und durch. Allerdings, biologische Strukturen haben eine Komplexität angenommen, die weit über alles hinausgeht, was wir aus dem physikalisch erforschten Universum kennen. Und so wie es die Gravitation als eine Kraft gibt, die die Strukturbildung im physikalischen Universum stark prägt, so gibt es im Bereich biologischer Systeme die Kraft der Kooperation, die schier Unvorstellbares möglich macht (wer kann sich bei Betrachtung einfacher Zellen von vor 3.5 Milliarden Jahren ernsthaft vorstellen, wie sich von diesem Ausgangspunkt aus Zellformationen bilden können, die zusammen ca. 240 Billionen (10^12) Zellen umfassen, und dann als homo sapiens auftreten?) Aber nicht nur das. Je größer der Grad der Komplexität wird, um so mehr zeigt sich in diesen biologischen Lebensformen ein immer höherer Grad an Freiheitsgraden! Verglichen mit den anderen Lebensformen hat der Homo sapiens eine bislang besonders hohes Ausmaß an Freiheitsgraden erreicht. Dies eröffnet eine schier unendliche Menge an Möglichkeiten, stellt aber den Akteur auch vor entsprechend große Herausforderungen. Alleine hat er nahezu keine Chance. Zusammen mit anderen erhöht sich die Chance. Allerdings — und dies zeigt unser Alltag nahezu stündlich — Kooperationen verlangen einen ‚Grundstoff‘, ohne den überhaupt nichts geht: Vertrauen! Da wir uns permanent in unvollständigen Situationen bewegen, die unsere Gehirne durch geeignetes Wissen partiell ‚ausfüllen‘ können, können wir Unbekanntheiten partiell überbrücken, partiell mit Möglichkeiten ausfüllen, aber wir brauchen als ‚Vorschuss‘ jede Menge Vertrauen, um uns überhaupt gemeinsam in diese Richtung zu bewegen. Es ist eine qualitative Besonderheit des Homo sapiens, dass er über diese seltene Gabe als eine besondere Kraft der Natur verfügt.

Vertrauen ist lebensnotwendig, Voraussetzung für jede Form von Zukunftsgestaltung.

WISSEN ALS ZUKUNFTSTECHNOLOGIE

Das Verhältnis von uns Menschen zum Wissen ist durchwachsen. Einerseits wissen wir es zu schätzen, weil es uns vielfach hilft, unsere Lebensbedingungen zu verbessern. Andererseits wird es aber gerade auch von denen, die primär an Macht und monadischen Selbstinteressen orientiert sind, vielfach missbraucht zum Schaden vieler anderer. Und als einzelner, als Kind, als Jugendlicher wird das Abenteuer des Wissens vielfach schlecht oder — in vielen Ländern dieser Welt — so gut wie gar nicht vermittelt. Damit schaden wir uns selbst in hohem Maße!

Man kann über die uns verfügbaren Freiheitsgrade schimpfen, über sie lamentieren, sie verleugnen … aber es ist eine Eigenschaft, die wir als Homo sapiens jetzt haben und die uns prinzipiell die Möglichkeit gibt, in vertrauensvoller Kooperation mit allen anderen Wissen zu erarbeiten, das helfen kann, den fragmentarischen Charakter unserer einzelnen partiellen Bilder zu ergänzen und dadurch zu überwinden. Unser Ziel kann es nicht sein, den beschämenden gegenwärtigen Zustand der Weltbevölkerung fest zu schreiben. Was wir als Menschen zur Zeit veranstalten, das ist in hohem Maße dumm, grausam, lebensverachtend, zukunftsunwillig, welt-zerstörerisch.

Wissen ist kein Luxus! Wissen ist neben Kooperation und Vertrauen der wichtigste Rohstoff, die wichtigste Technologie, um uns ein Minimum an Zukunft zu sichern, einer Zukunft, die das ganze Universum in den Blick nehmen muss, nicht nur unsere eigene Haustür!

VERANTWORTUNGSBEWUSSTE DIGITALISIERUNG: Fortsezung 1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

So 16.Februar 2020

KONTEXT DEMOKRATIE

In einem vorausgehenden Beitrag hatte ich am Beispiel der Demokratie aufgezeigt, welche zentrale Rolle eine gemeinsame funktionierende Öffentlichkeit spielt. Ohne eine solche ist Demokratie nicht möglich. Entspechend der Komplexität einer Gesellschaft muss die große Mehrheit der Bürger daher über ein hinreichendes Wissen verfügen, um sich qualifiziert am Diskurs beteiligen und auf dieser Basis am Geschehen verantwortungsvoll partizipieren zu können. Eine solche Öffentlichkeit samt notwendigem Bildungsstand scheint in den noch existierenden Demokratien stark gefährdet zu sein. Nicht ausdrücklich erwähnt wurde in diesem Beitrag die Notwendigkeit von solchen Emotionen und Motivationen, die für das Erkennen, Kommunizieren und Handeln gebraucht werden; ohne diese nützt das beste Wissen nichts.

KONTEXT DIGITALISIERUNG

In einem Folgebeitrag hatte ich das Phänomen der Digitalisierung aus der Sicht des Benutzers skizziert, wie eine neue Technologie immer mehr eine Symbiose mit dem Leben der Gesellschaft eingeht, einer Symbiose, der man sich kaum oder gar nicht mehr entziehen kann. Wo wird dies hinführen? Löst sich unsere demokratische Gesellschaft als Demokratie schleichend auf? Haben wir überhaupt noch eine funktionierende Demokratie?

PARTIZIPATION OHNE DEMOKRATIE?

Mitten in den Diskussionen zu diesen Fragen erreichte mich das neue Buch von Manfred Faßler Partizipation ohne Demokratie (2020), Fink Verlag, Paderborn (DE). Bislang konnte ich Kap.1 lesen. In großer Intensität, mit einem in Jahrzehnten erarbeiteten Verständnis des Phänomens Digitalisierung und Demokratie, entwirft Manfred Faßler in diesem Kapitel eine packende Analyse der Auswirkungen des Phänomens Digitalisierung auf die Gesellschaft, speziell auch auf eine demokratische Gesellschaft. Als Grundidee entnehme ich diesem Kapitel, dass der Benutzer (User) in Interaktion mit den neuen digitalen Räumen subjektiv zwar viele Aspekte seiner realweltlichen sozialen Interaktionen wiederfindet, aber tatsächlich ist dies eine gefährliche Illusion: während jeder User im realweltlichen Leben als Bürger in einer realen demokratischen Gesellschaft lebt, wo es der Intention der Verfassung nach klare Rechte gibt, Verantwortlichkeiten, Transparenz, Kontrolle von Macht, ist der Bürger in den aktuellen digitalen Räumen kein Bürger, sondern ein User, der nahezu keine Rechte hat. Als User glaubt man zwar, dass man weiter ein Bürger ist, aber die individuellen Interaktionen mit dem digitalen Raum bewegen sich in einem weitgehend rechtlosen und demokratiefreiem Raum. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen kaschieren diesen Zustand durch unendliche lange Texte, die kaum einer versteht; sprechen dem User nahezu alle Rechte ab, und lassen sich kaum bis gar nicht einklagen, jedenfalls nicht in einem Format, das der User praktisch einlösen könnte. Dazu kommt, dass der digitale Raum des Users ein geliehener Raum ist; die realen Maschinen und Verfügungsgewalten liegen bei Eignern, die jenseits der gewohnten politischen Strukturen angesiedelt sind, die sich eher keiner demokratischen Ordnung verpflichtet fühlen, und die diese Verfügungsgewalt — so zeigt es die jüngste Geschichte — skrupellos an jeden verkaufen, der dafür Geld bezahlt, egal, was er damit macht.

Das bisherige politische System scheint die Urgewalt dieser Prozesse noch kaum realisiert zu haben. Es denkt noch immer in den klassischen Kategorien von Gesellschaft und Demokratie und merkt nicht, wie Grundpfeiler der Demokratie täglich immer mehr erodieren. Kapitel 1 von Faßlers Buch ist hier schonungslos konkret und klar.

LAGEPLAN DEMOKRATISCHE DIGITALISIERUNG

Möglicher Lageplan zur Auseinandersetzung zwischen nicht-demokratischer und demokratischer Digitalisierung

Erschreckend ist, wie einfach die Strategie funktioniert, den einzelnen bei seinen individuellen privaten Bedürfnissen abzuholen, ihm vorzugaukeln, er lebe in den aktuellen digitalen Räumen so wie er auch sonst als Bürger lebe, nur schneller, leichter, sogar freier von üblichen analogen Zwängen, obwohl er im Netz vieler wichtiger realer Recht beraubt wird, bis hin zu Sachverhalten und Aktionen, die nicht nur nicht demokratisch sind, sondern sogar in ihrer Wirkung eine reale Demokratie auflösen können; alles ohne Kanonendonner.

Es mag daher hilfreich sein, sich mindestens die folgenden Sachverhalte zu vergegenwärtigen:

  • Verankerung in der realen Welt
  • Zukunft gibt es nicht einfach so
  • Gesellschaft als emergentes Phänomen
  • Freie Kommunikation als Lebensader

REALE KÖRPERWELT

Fasziniert von den neuen digitalen Räumen kann man schnell vergessen, dass diese digitalen Räume als physikalische Zustände von realen Maschinen existieren, die reale Energie verbrauchen, reale Ressourcen, und die darin nicht nur unseren realen Lebensraum beschneiden, sondern auch verändern.

Diese physikalische Dimension interagiert nicht nur mit der übrigen Natur sehr real, sie unterliegt auch den bisherigen alten politischen Strukturen mit den jeweiligen nationalen und internationalen Gesetzen. Wenn die physikalischen Eigentümer nach alter Gesetzgebung in realen Ländern lokalisiert sind, die sich von den Nutzern in demokratischen Gesellschaften unterscheiden, und diese Eigentümer nicht-demokratische Ziele verfolgen, dann sind die neuen digitalen Räume nicht einfach nur neutral, nein sie sind hochpolitisch. Diese Sachverhalte scheinen in der europäischen Politik bislang kaum ernsthaft beachtet zu werden; eher erwecken viele Indizien den Eindruck, dass viele politische Akteure so handeln, als ob sie Angestellte jener Eigner sind, die sich keiner Demokratie verpflichtet fühlen (Ein Beispiel von vielen: die neue Datenschutz-Verordnung DSGVO versucht erste zaghafte Schritte zu unternehmen, um der Rechtlosigkeit der Bürger als User entgegen zu wirken, gleichzeitig wird diese DSGVO von einem Bundesministerium beständig schlecht geredet …).

ZUKUNFT IST KEIN GEGENSTAND

Wie ich in diesem Blog schon mehrfach diskutiert habe, ist Zukunft kein übliches Objekt. Weil wir über ein Gedächtnis verfügen, können wir Aspekte der jeweiligen Gegenwart speichern, wieder erinnern, unsere Wahrnehmung interpretieren, und durch unsere Denkfähigkeit Muster, Regelhaftigkeiten identifizieren, denken, und neue mögliche Kombinationen ausmalen. Diese neuen Möglichkeiten sind aber nicht die Zukunft, sondern Zustände unseres Gehirns, die auf der Basis der Vergangenheit Spekulationen über eine mögliche Zukunft bilden. Die Physik und die Biologie samt den vielen Begleitdisziplinen haben eindrucksvoll gezeigt, was ein systematischer Blick zurück zu den Anfängen des Universums (BigBang) und den Anfängen des Lebens (Entstehung von Zellen aus Molekülen) an Erkenntnissen hervor bringen kann. Sie zeigen aber auch, dass die Erde selbst wie das gesamt biologische Leben ein hochkomplexes System ist, das sich nur sehr begrenzt voraus sagen lässt. Spekulationen über mögliche zukünftige Zustände sind daher nur sehr begrenzt möglich.

Ferner ist zu berücksichtigen, dass das Denken selbst kein Automatismus ist. Neben den vielen gesellschaftlichen Faktoren und Umweltfaktoren, die auf unser Denken einwirken, hängt unser Denken in seiner Ausrichtung entscheidend auch von unseren Bedürfnissen, Emotionen, Motiven und Zielvorstellungen ab. Wirkliche Innovationen, wirkliche Durchbrüche sind keine Automatismen. Sie brauchen Menschen, die resistent sind gegen jeweilige ‚Mainstreams‘, die mutig sind, sich mit Unbekanntem und Riskantem auseinander zu setzen, und vieles mehr. Solche Menschen sind keine ‚Massenware’…

GESELLSCHAFT ALS EMERGENTES PHÄNOMEN

Das Wort ‚Emergenz‘ hat vielfach eine unscharfe Bedeutung. In einer Diskussion des Buches von Miller und Page (2007) Complex Adaptive Systems. An Introduction to Computational Models of Social Life habe ich für meinen Theoriezusammenhang eine Definition vorgeschlagen, die die Position von Miller und Page berücksichtigt, aber auch die Position von Warren Weaver (1958), A quarter century in then natural sciences. Rockefeller Foundation. Annual Report,1958, pages 7–15, der von Miller und Page zitiert wird.

Die Grundidee ist die, dass ein System, das wiederum aus vielen einzelnen Systemen besteht, dann als ein organisiertes System verstanden wird, wenn das Wegnehmen eines einzelnen Systems das Gesamtverhalten des Systems verändert. Andererseits soll man aber durch die Analyse eines einzelnen Mitgliedssystems auch nicht in der Lage sein, auf das Gesamtverhalten schließen zu können. Unter diesen Voraussetzungen soll das Gesamtverhalten als emergent bezeichnet werden: es existiert nur, wenn alle einzelnen Mitgliedssysteme zusammenwirken und es ist nicht aus dem Verhalten einzelner Systeme alleine ableitbar. Wenn einige der Mitgliedssysteme zudem zufällige oder lernfähige Systeme sind, dann ist das Gesamtverhalten zusätzlich begründbar nicht voraussagbar.

Das Verhalten sozialer Systeme ist nach dieser Definition grundsätzlich emergent und wird noch dadurch verschärft, dass seine Mitgliedssysteme — individuelle Personen wie alle möglichen Arten von Vereinigungen von Personen — grundsätzlich lernende Systeme sind (was nicht impliziert, dass sie ihre Lernfähigkeit ’sinnvoll‘ nutzen). Jeder Versuch, die Zukunft sozialer Systeme voraus zu sagen, ist von daher grundsätzlich unmöglich (auch wenn wir uns alle gerne der Illusion hingeben, wir könnten es). Die einzige Möglichkeit, in einer freien Gesellschaft, Zukunft ansatzweise zu erarbeiten, wären Systeme einer umfassenden Partizipation und Rückkopplung aller Akteure. Diese Systeme gibt es bislang nicht, wären aber mit den neuen digitalen Technologien eher möglich.

FREIE KOMMUNIKATION UND BILDUNG

Die kulturellen Errungenschaften der Menschheit — ich zähle Technologie, Bildungssysteme, Wirtschaft usw. dazu — waren in der Vergangenheit möglich, weil die Menschen gelernt hatten, ihre kognitiven Fähigkeiten zusammen mit ihrer Sprache immer mehr so zu nutzen, dass sie zu Kooperationen zusammen gefunden haben: Die Verbindung von vielen Fähigkeiten und Ressourcen, auch über längere Zeiträume. Alle diese Kooperationen waren entweder möglich durch schiere Gewalt (autoritäre Gesellschaften) oder durch Einsicht in die Sachverhalte, durch Vertrauen, dass man das Ziel zusammen schon irgendwie erreichen würde, und durch konkrete Vorteile für das eigene Leben oder für das Leben der anderen, in der Gegenwart oder in der möglichen Zukunft.

Bei aller Dringlichkeit dieser Prozesse hingen sie zentral von der möglichen Kommunikation ab, vom Austausch von Gedanken und Zielen. Ohne diesen Austausch würde nichts passieren, wäre nichts möglich. Nicht umsonst diagnostizieren viele Historiker und Sozialwissenschaftler den Übergang von der alten zur neuen empirischen Wissenschaft in der Veränderung der Kommunikation, erst Recht im Übergang von vor-demokratischen Gesellschaften zu demokratischen Gesellschaften.

Was aber oft zu kurz kommt, das ist die mangelnde Einsicht in den engen Zusammenhang zwischen einer verantwortlichen Kommunikation in einer funktionierenden Demokratie und dem dazu notwendigen Wissen! Wenn ich eine freie Kommunikation in einer noch funktionierenden Demokratie haben würde, und innerhalb dieser Diskussion würden nur schwachsinnige Inhalte transportiert, dann nützt solch eine Kommunikation natürlich nichts. Eine funktionierende freie Kommunikation ist eine notwendige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie, aber die Verfügbarkeit von angemessenen Weltbildern, qualitativ hochwertigem Wissen bei der Mehrheit der Bürger (nicht nur bei gesellschaftlichen Teilgruppen, die sich selbst als ‚Eliten‘ verstehen) ist genauso wichtig. Beides gehört zusammen. Bei der aktuellen Zersplitterung aller Wissenschaften, der ungeheuren Menge an neuem Wissen, bei den immer schneller werdenden Innovationszyklen und bei der zunehmenden ‚Fragmementierung der Öffentlichkeit‘ verbunden mit einem wachsenden Misstrauen untereinander, ist das bisherige Wissenssystem mehr und mehr nicht nur im Stress, sondern möglicherweise kurz vor einem Kollaps. Ob es mit den neuen digitalen Technologien hierfür eine spürbare Unterstützung geben könnte, ist aktuell völlig unklar, da das Problem als solches — so scheint mir — noch nicht genügend gesellschaftlich erkannt ist und diskutiert wird. Außerdem, ein Problem erkennen ist eines, eine brauchbare Lösung zu finden etwas anderes. In der Regel sind die eingefahrenen Institutionen wenig geeignet, radikal neue Ansätzen zu denken und umzusetzen. Alte Denkgewohnheiten und das berühmte ‚Besitzstanddenken‘ sind wirkungsvolle Faktoren der Verhinderung.

AUSBLICK

Die vorangehenden Gedanken mögen auf manche Leser vielleicht negativ wirken, beunruhigend, oder gar deprimierend. Bis zum gewissen Grad wäre dies eine natürliche Reaktion und vielleicht ist dies auch notwendig, damit wir alle zusammen uns wechselseitig mehr helfen, diese Herausforderungen in den Blick zu nehmen. Der Verfasser dieses Textes ist trotz all dieser Schwierigkeiten, die sich andeuten, grundlegend optimistisch, dass es Lösungen geben kann, und dass es auch — wie immer in der bisherigen Geschichte des Lebens auf der Erde — genügend Menschen geben wird, die die richtigen Ideen haben werden, und es Menschen gibt, die sie umsetzen. Diese Fähigkeit zum Finden von neuen Lösungen ist eine grundlegende Eigenschaft des biologischen Lebens. Dennoch haben Kulturen immer die starke Tendenzen, Ängste und Kontrollen auszubilden statt Vertrauen und Experimentierfreude zu kultivieren.

Wer sich das Geschehen nüchtern betrachtet, der kann auf Anhieb eine Vielzahl von interessanten Optionen erkennen, sich eine Vielzahl von möglichen Prozessen vorstellen, die uns weiter führen könnten. Vielleicht kann dies Gegenstand von weiteren Beiträgen sein.

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Verantwortungsbewusste Digitalisierung. Ein erster Versuch

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Do 25.Januar 2020

KONTEXT

Am 3.Dezember 2019 fand die Gründungssitzung des hessischen Zentrums für ‚Verantwortungsbewusste Digitalisierung‘ [HZVD] statt. Natürlich stellen sich in diesem Zusammenhang viele Fragen. Der Autor dieses Textes fragt sich z.B., wie er selber die Frage beantworten würde, was denn der Ausdruck ‚Verantwortungsbewusste Digitalisierung‘ meinen könnte bzw. sollte. Im folgenden einige erste Gedanken. Es ist sicher kein Zufall, dass der vorausgehende Beitrag ‚Philosopie der Demokratie‚ (und natürlich viele andere Beiträge aus diesem Blog) mit diesen Gedanken mehrfache Bezüge aufweisen.

KEINER IST DRAUSSEN

Wenn irgendjemand anfängt, über Digitalisierung zu reden, dann ist er heute damit nicht alleine, weil es sich hier um ein wirklich globales Phänomen handelt, das in allen Ländern dieses Planeten auftritt. In einigen mehr, in anderen weniger, aber es ist da, überall: diese Technologie hat sich buchstäblich ‚hineingefressen‘ in alle Bereiche der Gesellschaft. Früher habe ich noch versucht, an dieser Stelle aufzuzählen, wo überall in der Gesellschaft sich Digitalisierung zeigt. Mittlerweile wäre es eher interessant, zu fragen wo eigentlich noch nicht? Wenn selbst schon kleinste Kinder mit digitalisierten Geräten umgehen, als ob es ein eigenes Körperteil ist. Wenn natürliche Verhaltensweisen, Bewegungsmuster, die noch vor ca. 30 Jahren ’normal‘ erschienen, heute schon garnicht mehr bekannt sind, dann ist dies ein sehr tiefgreifendes Anzeichen — und sogar nur eines unter vielen — für Veränderung, die den einzenen erreicht haben, aber in der Summe dann natürlich uns alle betreffen.

JENSEITS VON TECHNOLOGIE

Dieses einfache Beispiel als Indikator für Prozesse, die uns alle betreffen, kann verdeutlichen, dass die sogenannte Digitalisierung auf eine Technologie verweist, die wie keine andere eben nicht einfach nur eine Technologie ist, wie wir sie von ‚früher‘ kennen (vor 70 Jahren von heute rückwärts war die Welt noch ‚in Ordnung‘). Diese Technologie ist anders, sie ist radikal anders. Sie geht mit Menschen, mit ganzen gesellschaftlichen Systemen eine Symbiose ein, durch die sich diese Gesellschaft grundlegend ändert. Digitale Technologien können sich an die Schnittstellen des Menschen anschmiegen, können alle Äußerungen eines Menschen quasi aufsaugen, sie sich einverleiben, und dann irgendwo und irgendwann wieder ausspucken in einer Weise, die mit dem Ursprung nichts mehr zu tun haben muss. Lebensäußerungen eines Menschen können durch die Symbiose mit der digitalen Technologie beliebig verwandelt werden, und kommen dann als etwas Verwandeltes wieder zurück, zu anderen, die von dieser Verwandlung garnichts merken müssen, oder sogar zum Absender, der es vielleicht auch garnicht merkt, weil es so stark verwandelt hat.

Ich drücke Tasten auf einem Keyboard, und im Kopfhörer höre ich die Klänge eines Orchesters. Ich male ein paar Striche auf einem leeren Bildschirm, und es entstehen wie von Zauberhand Figuren, Landschaften, dreidimensional, sehr natürlich. Ich spreche in ein Mikrofon und ich höre eine Stimme, die die eines anderen sein könnte. Ich setze eine Brille auf und sehe nicht einfach die normale Strasse, sondern zusätzlich Namen von Gegenständen, Namen von Menschen, die an mir vorbei laufen, Namen, die vielleicht falsch sind, Bezeichnungen, die in die Irre führen können. Ich schreibe eine Nachricht an eine Bekannte, und diese Nachricht wird von vielen anderen mitgelesen, während sie als Datenstrom ihren Weg durch das unsichtbare Datennetzwerk nimmt bis hin zum Empfänger. Mein Smartphone liegt auf dem Tisch, ich unterhalte mich mit anderen, und die Mikrophone des Smartphones sind eingeschaltet, nicht von mir, und alles was wir erzählen, geht irgendwohin, von dem wir nichts wissen. Die Sekretärin im Büro schreibt einen Brief, und während sie schreibt wird der gesamte Text mehrfach — unbemerkt — ins Internet verschickt… Kleine Beispiele aus einem Alltag, der uns schon alle ‚hat‘. Die Organisatoren dieses Alltags sind nicht unsere Freunde, sondern Menschen die irgendwo auf diesem Planeten sitzen, und sich beständig überlegen, was sie jetzt am gewinnbringendsten mit diesen Daten machen. Zwischen lupenreiner Diktatur und radikalem Kommerz gibt es hier alles, was wir uns denken können.

TREIBENDE KRÄFTE

Als Bürger eines — noch — demokratischen Staates sind wir gewohnt in Kategorien der Kontrolle von Macht, von Transparenz zu denken, von Grundwerten, von einer sozialen Gesellschaft, in der versucht wird, zwischen den verschiedenen Kräften einen Ausgleich dergestalt herzustellen, dass nicht einzelne Interessengruppen alle anderen dominieren und in undemokratischer Weise beherrschen.

Mit dem Auftreten einer umfassenden Digitalisierung sind diese Spielregeln mittlerweile immer mehr außer Kraft gesetzt; man kann sich mittlerweile fast schon vorstellen, dass diese Spielregeln bei einer weiteren politisch unkontrollierten Digitalisierung ganz außer Kraft gesetzt werden. Dazu muss man nicht einmal eine klassische Revolution durchführen. Es reicht einfach, die Gehirne aller Menschen, die über die Symbiose im Alltag mit der großen universalen digitalen Maschine verknüpft sind, von allen Inhalten und Kommunikationen fern zu halten, die notwendig sind, um sich gemeinsam ein realistisches Bild der gemeinsamen Gesellschaft zu machen. Wenn die berühmte demokratische Öffentlichkeit nicht mehr stattfindet, wenn alle Gehirne unsichtbar voneinander getrennt wurden, weil sie an Datenräume gekoppelt sind, die von demokratiefernen Gruppierungen betrieben und manipuliert werden, dann gibt es keine demokratische Gesellschaft mehr; dann sind die Politiker digital isoliert, hängen selber in digitalen Subräumen, die voneinander nichts mehr wissen, die selber hochgradig manipuliert sein können. Wer kann denn heute noch unterscheiden, ob er mit einem Menschen oder einer Software redet? Nicht nur die Stimme, nein, sogar das gesamte Äußere lässt sich täuschend echt simulieren.

In vielen Ländern Europas, in vielen gesellschaftlichen Gruppen, ist das, was ich hier schreibe, keine Fiktion mehr. Die Menschen sind real über ihr digitale Symbiose von manipulativen digitalen Subräumen so eingenommen, dass für sie eine realitätsgerechte Meinungsbildung nicht mehr möglich ist … was sich politisch konkret auswirkt.

IN DER DIGITALEN SCHLEIFE

Was früher reine Science Fiction Geschichten waren, das erleben wir mittlerweile als weitreichende Realität. Durch die permanente Ankopplung unserer Gehirne an die große digitale Maschine hängen wir schon jetzt in einer Weise von diesem digitalen Pseudo-Raum ab, dass ein Arbeiten ohne ihn faktisch nur noch für Fast-Einsiedler möglich ist. Immer mehr alltägliche Abläufe sind ohne Benutzung eines Smartphones entweder gar nicht oder nur sehr beschwerlich möglich. Unsere Städte, unsere Firmen brechen sofort zusammen, wenn die große digitale Maschine zu stottern anfängt oder wegen Energiemangel still steht. Den immer umfangreicheren Datenmissbrauch (‚Cybercrime‘) übergehen wir mal großzügig. Den gibt es offiziell ja nicht eigentlich, obwohl er ein Ausmaß annimmt, das die digitale Maschine und damit das Leben, das symbiotisch an ihr hängt, immer stärker bedroht.

GROSSE HILFLOSIGKEIT

Bislang ist es noch wenig üblich, einzuräumen, dass die wunderschöne neue Welt des Digitalen vielleicht nicht nur schön ist, dass hinter alltäglicher Bürosoftware, die in ganz Europa in allen Büros benutzt wird, vielleicht ein gigantischer Datenmissbrauch stattfindet, täglich, stündlich, minütlich … solche Gedanken sind verpönt, weil dann ja plötzlich alle Opfer wären…

So muss man feststellen, dass die gesamte Gesellschaft bislang eher den Eindruck einer ‚Hilflosigkeit‘ erweckt, dass sie mehr ‚getrieben‘ wirkt als tatsäch bewusst, verantwortungsvoll handelnd. Flächendeckend ist kein Bürger auf diese rasante Entwicklung wirklich vorbereitet. Ob Schule, Kommune, Gesundheitssystem, Arbeitswelt, … es finden sich kaum hinreichende Kompetenzen, um auf diese Situation qualifiziert, interdisziplinär, im Verbund, nachhaltig zu reagieren. Auch wenn man es nicht wahrhaben will, diese ‚Opferrolle‘ erzeugt unterschwellig viele Ängste, Belastungen, Unwägbarkeiten. Die Chancen einer umfassenden Manipulation von Menschen waren nie größer als heute.

WAS KANN MAN TUN?

Wenn jemand Durst hat und weiß, wo er/ sie etwas zu trinken bekommt — und er/ sie auch über die Mittel vefügt, das Wissen umzusetzen! –, dann holt er sich einfach etwas zu trinken und trinkt.

Wenn wir symbiotisch mit der großen digitalen Maschine leben und wir wollen nicht, dass wir zu einem reinen Spielball digitaler Prozesse werden, die von uns unbekannten Fremden beliebig manipuliert werden können, dann ist die Antwort ganz klar; (i) wir benötigen so viel Wissen als notwendig, damit wir verstehen, was passiert und was wir selbst real tun können, um unser eigenes Ding machen zu können, und (ii) wir benötigen die Kontrolle über alle Ressourcen, die man benötigt, um die große digitale Maschine nach den eigenen Regeln zu nutzen. Ja, und wir brauchen auch (iii) einen für alle bekannten und genutzen gemeinsamen digitalen Raum, den wir als demokratische Bürger eines digitalen Staates nutzen, um uns gemeinsam eine Meinung darüber bilden zu können, was wir gemeinsam wollen. Gibt es diesen gemeinsamen Raum nicht, nützt uns unser individuelles Wissen nicht viel. Gibt es die Kontrolle über die Ressourcen nicht, bleiben wir ohne Wirkung; wir können uns nicht einmal artikulieren. Fehlt uns das Wissen, wissen wir erst garnicht, was wir tun können oder sollten.

ENDE OFFEN

Ob wir als demokratische Gesellschaft es schaffen, uns gemeinsam ein Bild der Lage zu verschaffen, was angemessen ist, was wir miteinander teilen, ob wir in der Lage sind, genügend Kräfte zu mobilisieren, die Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen, ob wir genügend gute Ideen haben werden, zukünftige Prozesse nachhaltig zu gestalten, das entscheidet sich im Alltag, an dem jeder auf seine Weise mitwirkt. Glücklicherweise ist die Realität in Europa und Deutschland noch nicht ganz so schwarz, wie ich es im vorausgehenden Text gezeichnet habe. Aber die aktuellen Tendenzen lassen alle Optionen real erscheinen: wir können gemeinsam in einen digitalen Nihilismus abdriften, der von wenigen anonymen Kräften genutzt wird, oder wir können alles in einen digitalen Konstruktivismus verwandeln, in dem wir die große digitale Maschine bewusst und kraftvoll für unsere gemeinsam geteilte Zukunftsvision nutzen. Aber die brauchen wir dann auch, eine gemeinsam geteilte Zukunftsvision. Mit Wegschauen, übergroßer Korrektheit, reinem Sicherheitsdenken, und Kontrollwahn wird es keine lebbare Zukunft geben. Den homo sapiens –also uns — gibt es nur, weil das biologische Leben in 3.5 Mrd. Jahren immer auch ein Minimum an Unangepasstheit und Verrücktheit vorgelebt hat, und dadurch ein frühes Aussterben verhindert hat. … für die ewigen Pessimisten ein permanenter Stein des Anstoßes… ein Pessimist empfindet die bloße Tatsache des Lebens als Zumutung: verantwortungsvoll handeln, selbst handeln, mit all den Risiken: Igitt es könnte ja schief gehen …. Ja, es kann schiefgehen, das genau charakterisiert biologisches Leben, das aus Freiheit erwächst… Leben ist niemals fertig, sondern muss sich permanent weiter finden, er-finden! Das ist nichts für Angsthasen oder für die ewigen Weltverschwörer…

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Überlegungen zum Thema „Zeit“

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Peter Gottwald
Email: pjgottwald@web.de
Mi 1.Januar 2020

KONTEXT

Aufgrund eines Gedankenaustausches zwischen Prof. Peter Gotttwald und mir kam es zur Idee, den Gedankenaustausch direkt in diesen Blog zu verlagern. Das hilft nicht nur uns beiden bei der wechselseitigen Bezugnahme, sondern eröffnet es auch potentiellen Lesern, daran teilzunehmen.

DAS GANZE ALS PROZESS

Dieser Beitrag von Peter Gottwald gibt mir als Blog-Moderator nochmals die Gelegenheit, auf die Besonderheit des Blog-Schreibens hinzuweisen. Während man bei einer normalen wissenschaftlichen Publikation — sei es Artikel oder insbesondere Buch — kaum umhin kommt, von einem vorweggenommenen Ganzen her zu denken und man auf Vollständigkeit achten sollte, eröffnet das Schreiben in einem Blog die Möglichkeit, das Ganze in einzelne Schritte zu zerlegen, es als einen Prozess zu sehen, der im Fortschreiten erst seine ganze Aussagekraft entfaltet. Im Falle von aktiven Lesern — als Autor darf man davon träumen 🙂 — kann deren Interaktion dann Aspekte ansprechen, anregen, die im Thema ’schlummern‘, die aber nicht angesprochen worden wären, hätte man das Thema von vornherein monolithisch als Ganzes abgehandelt. Durch solche Interaktionen kann nicht nur der Autor dazu lernen, sondern das Thema kann an Vielfalt gewinnen, oder bildhaft: das Thema selbst kann durch das ineinander Spielen von Gedanken lernen.

TEXT VON PETER GOTTWALD

Peter Gottwald hat eine überarbeitete Version seines Beitrags geschickt. Sie wird hier als PDF-Dokument zugänglich gemacht:

Hier die ursprüngliche Version

Motto:

Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion. Albert Einstein

Motto:

Wer seiner Zeit nur voraus ist, den holt sie einmal ein. Ludwig Wittgenstein

1

„Die Zeit gibt es nicht…“ Mit dieser Aussage überraschte ich die Teilnehmer meines Gebser-Seminars am Ende der letzten Sitzung des Jahres. Und auf das erstaunte Blicken fügte ich hinzu: „Alles, was wir wahrnehmen können, ist Bewegung!“ Es entstand eine längere Pause, dann begann ich zu erläutern: Die Sonne bewege sich am Himmel, und dabei sei eine Wiederkehr zu beobachten, nämlich ihr höchster Stand am Himmel. Früh sei der Mensch auf den Gedanken gekommen, nun von einem „Tag“ zu sprechen, diesen in 24 Stunden einzuteilen, jede dieser Stunden in 60 Minuten, diese wiederum in 60 Sekunden. Danach habe man von der ZEIT gesprochen als etwas, das „abliefe“. „Zeit“ sei somit ein Begriff, also eine Errungenschaft des Menschen, gleichsam seine „Zutat“ zum Phänomen der Bewegung – eine Zutat mit weitreichenden und ungeahnten Folgen.

In der „Zeit zwischen den Jahren“ entstand der folgende Text.

Denn dieser Begriff einer „Zeit“, die aus der Unendlichkeit kommt und in die Unendlichkeit verschwindet auf ihrem „Weg“, damit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entstehen lässt, hat sich im Verlaufe mehrerer tausend Jahre mit anderen Begriffen aus Philosophie und Wissenschaft zu einem riesigen „System“ verbunden, das unser heutiges Leben beherrscht, aber auch zu ersticken droht. Dieses System nämlich bestimmt, was „wirklich“ ist und lehnt alles ab, ja bekämpft alles, was nicht in dieses System hineinpasst. Alles „Neue“

2

wird wie auf einem Prokrustes-Bett1 entweder gestreckt oder verkürzt, bis es „passt“. Was dabei verlorengeht, erscheint dem Systematiker irrelevant.

1 Dieser gemeine „Gastgeber“ pflegte seine Gäste an sein Bett anzupassen; wer zu lang war, wurde „verkürzt“, wer zu kurz war, „gestreckt“. Was mit den „Passenden“ geschah, verrät der Mythos nicht. Vermutlich hat er dann das Bett verändert.

Die „Findung“ des Zeitbegriffs muss den Früheren so bedeutsam erschienen sein, dass sie ihm eine Gottheit zuordneten, die sie Chronos nannten; nach ihm sind bis heute die Uhren benannt, auch die Zeitmessung – die Chronometrie. Auch dieser Gott war so wirksam und furchtbar zugleich wie viele andere: Er pflegte nämlich seine Kinder zu fressen, und sein Sohn Zeus entkam diesem Schicksal nur, weil seine Mutter dem Gott einen in eine Windel gewickelten Stein gab…So sagt uns der Mythos noch heute etwas: Die Zeit frisst ihre Kinder, also uns, die wir Kinder der Zeit sind…

Wann diese Handlung geschah, darüber herrscht zwischen Karl Jaspers und Jean Gebser die Übereinstimmung, dass es im „Abendland“ zu einer „Achsenzeit“ gewesen sein muss, die etwa in das 7. „vorchristliche Jahrhundert“ zu legen ist. Was aber war dann „vorher“ für eine Vorstellung dessen lebendig, was an Bewegungen schon wahrnehmbar war am Himmel und auf der Erde? Die Mythen geben davon Kunde, sie berichten vom „ewigen Kreisen“, der „Wiederkehr“. Gebser nannte diese Struktur ein „Mythisches Bewusstsein“.

Das „Mentale Bewusstsein“, entstanden während der „Achsenzeit“, manifestiert sich erst danach, es übernimmt gleichsam die Führung für das weitere kulturelle Geschehen. Fortan ist unsere Sprache durchdrungen von Begriffen, die mit dieser nun so genannten „Zeit“ in Verbindung stehen: früher und später, vorher, nachher, bald, jetzt, Zukunft und Vergangenheit, gleichzeitig, Freizeit, Auszeit …und so endlos weiter. Die Vorstellung eines „Ablaufs“ ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir nicht darüber nachdenken (selbst in diesem „nach“denken schwingt noch das Zeitliche mit).

Überlegungen wie diese schaffen nun, und das ist überaus wichtig, eine Transparenz, nämlich ein Durchsichtig-Werden für das, was wir Menschen tun und getan haben auf unserem langen Weg durch das, was wir „kulturelle Entwicklung“ (auch so ein verdeckter Zeitbezug) nennen.

3

Nebenbei gesagt ist ja auch der Begriff „Bewegung“ mit einem weiteren Begriff, nämlich des eines „Raumes“, verbunden, in dem es einen „Weg“ von „Ort zu Ort“ gibt. Allgemeiner gesprochen, haben wir es mit der Wahrnehmung von „Veränderungen“ zu tun – wir sehen, hören oder fühlen, dass sich „etwas“ verändert hat, in einen neuen „Zustand“ geraten ist1. So etwas nehmen wir „auf Erden“ wie „am Himmel“ wahr: Der Mond liefert uns ein gutes Beispiel – er verändert nicht nur seine Gestalt, er bewegt sich auch, und zwar nicht nur mit dem „Sternenhimmel“, sondern auch von West nach Ost2! Ein weiteres liefern die „Wandelsterne“, die sich im Gegensatz zu den „Fixsternen“ auf komplizierten Bahnen am „Himmelsgewölbe“ bewegen. Bedenkt man, welcher ausdauernden und nächtlichen Beobachtungen es bedarf, um solches „festzustellen“, so kann man schließen, dass erst auf einer hohen Kulturstufe, also vermutlich erst im mythischen Bewusstsein, einzelne Menschen freigestellt waren, um Nacht für Nacht wach zu bleiben. Vermutlich aber waren das die Priester, die so, neben Opfer- und anderen Ritualen, ihren Göttern

1 In diesem Zusammenhang hat I.Prigogine von einer „tau-Zeit“ gesprochen.

2 Daraus haben die Nordmenschen, wie Chr.Bornewasser nachwies, einen Mythos gemacht, der in der Edda nachzulesen ist. Ein Ase (Mond) verliebt sich in eine Schöne (Sonne) und verzehrt sich nach ihr.

dienen. Noch allerdings hatten sie keinen Zeit-Begriff! Der wurde erst auf der nächsten Kulturstufe gefunden!

Unsere ganze Wissenschaft und die darauf aufbauende Technik ist nun ohne diesen Zeitbegriff nicht denkbar; die Physik arbeitet ja mit einem cgs-System, wobei „Zentimeter“ und „Sekunde“ die menschlichen Zutaten, das „Gramm“ als Teil eines „Gewichtes“ oder auch einer „Masse“ als „Wirkung“ einer kosmischen „Schwerkraft“ betrachtet und als „Schwere“ empfunden wird.

Wir haben uns sogar daran gewöhnt, die Zeit zu „messen“ und zu diesem Zweck die verschiedenartigsten „Uhren“ gebaut. Doch sind das „nur“ sehr feine Geräte, in denen die Bewegungen von Zeigern und neuerdings auch Ziffern mit der (scheinbaren) Bewegung der Sonne übereinstimmen. Steht die Sonne am höchsten, zeigen beide Zeiger auf eine 12.

Hoffmeisters „Wörterbuch der philosophischen Begriffe1“ beschreibt dies so: „Diese „objektive Zeit“ ist messbar. Gemessen wird sie allerdings nicht an sich selbst, sondern an der gleichmäßigen Fortbewegung von Körpern, deren Bahn in gleiche Abschnitte zerlegt wird, sodass die Gliederung der räumlichen Bewegung zugleich eine Zerlegung der Zeit in Zeit-Abschnitte ermöglicht.

1 Zweite Auflage 1955, im Verlag von Felix Meiner, Hamburg.

4

Hierauf beruht das Prinzip der Uhr, deren Gang nach der großen Weltenuhr, der Bewegung der Gestirne, geregelt wird. Diese Zeitmessung ermöglicht die exakte Naturwissenschaft, die Wissenschaft von der berechenbaren Natur.“ Dem folgt ein philosophischer Hinweis: „Von dieser objektiven Zeit nun hat Kant gelehrt, dass ihr in Wahrheit nicht objektive Realität zukomme: Sie sei eine im menschlichen Subjekt liegende „reine Form der Anschauung.“ (678)

Diese Beschreibung verleugnet aber, so meine ich, den Handlungsaspekt – es ist schließlich so, dass dieses „Subjekt“ nun tatsächlich handelt, indem es (als uns immer noch unbegreifliche Folge der Anschauung) ein neues Wort, damit aber einen neuen Begriff hervorbringt, und das ist eine „Handlung“, auch wenn sie mit Kehlkopf und Zunge vollzogen wird, und nicht mir der Hand.

Bezugnahme auf Jean Gebsers Werk „Ursprung und Gegenwart“.

Wenn man nach diesen Überlegungen zu Gebsers Werk greift und dort über „Zeit“ liest, dann stößt man sofort auf Überschriften wie „Der Einbruch der Zeit“, auf Sätze wie „Der Einbruch der Zeit in unser Bewusstsein: Dieses Ereignis ist das große und einzigartige Thema unserer Weltstunde. (III/379) Wie sind sie von Gebser in einen großen Zusammenhang gestellt worden? Das ist die erste Frage, der ich hier nachgehen will. Die zweite ist dann: Wie kam Gebser zu dieser neuen Sicht auf die Welt und auf die Zeit?

Gebser spricht von der „Komplexität des Zeit-Themas“ und entfaltet diese unter Bezug auf die Stufen der kulturellen Entwicklung, die mit einer „archaischen“ beginnt, auf die eine „magischen“, dann eine „mythische“ und zuletzt eine „mentale“ folgte (s.o.), die uns noch heute formt. Ob nun tatsächlich Anzeichen für eine weitere Stufe bestehen, die Gebser eine „integrale“ nennt, das ist der Inhalt des genannten Werkes. Dabei werde, so Gebser, auch eine neue Zeit-Qualität wahrnehmbar, die er „Zeitfreiheit“ nannte. Schon hier sei angedeutet, dass es für mich sinnvoll erscheint, allein vom Erleben einer neuartigen „Freiheit“ zu sprechen, also von einer Bewusstseins-Struktur, die aus der Integration von Bewusstseins-Zuständen erwachsen kann, in denen etwas wahrnehmbar wurde, was als „Erleuchtung“ bezeichnet worden ist.

Wie also beschreibt Gebser „Zeit“? Er spricht von einer „mental-rationalen Zeit“ (als einer Errungenschaft des „mentalen Bewusstseins“) die ein teilendes Prinzip und ein Begriff sei. Solange er gelte, gelte noch das Teilende,

5

Zerstörerische, Auflösende, das aber teilend, zerstörend und auflösend den Weg für eine neue Wirklichkeit freilege. Was aber freigelegt werde, das sei mehr als der bloße Begriff „Zeit“: Es ist das Achronon, also das Frei- und Befreitsein von jeder Zeitform, es ist die Zeitfreiheit.(III/380)

Gebser fragt dann: Was ist aber nun die „Zeit“? und er antwortet, „sie ist mehr als bloße Uhrenzeit“, ja sogar, Zeit müsse als „Qualität und Intensität“ berücksichtigt werden (III/381).

„Aus der aperspektivischen Weltsicht heraus betrachtet, erscheint (die Zeit) geradezu als die grundlegende Funktion und von vielfältigster Art. Sie äußert sich, ihrer jeweiligen Manifestationsmöglichkeit und der jeweiligen Bewusstseinsstruktur entsprechend, unter den verschiedensten Aspekten als: Uhrenzeit, Naturzeit, kosmische Zeit oder Sternenzeit, als biologische Dauer, Rhythmus, Metrik; als Mutation, Diskontinuität, Relativität; als vitale Dynamik, psychische Energie (und demzufolge in einem gewissen Sinne als das, was wir „Seele“ und „Unbewusstes“ nennen), mentales Teilen; sie äußert sich als Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; als das Schöpferische, als Einbildungskraft, als Arbeit, selbst als Motorik. Nicht zuletzt aber muss, nach den vitalen, psychischen, biologischen, kosmischen, rationalen, kreativen, soziologischen und technischen Aspekten der Zeit auch ihres physikalisch-geometrischen Aspektes gedacht sein, der die Bezeichnung „vierte Dimension“ trägt. (III/381)

Zeit wird damit zu einem Synonym für das Schöpferische schlechthin. Damit aber scheint mir „Zeit“ zu einer Art von Mysterium geworden zu sein, zu dem ich Abstand gewinnen möchte. Ohne Frage gibt es in allen eben genannten Bereichen (von „vital“ bis „technisch“) eine „Dynamik“, d.h. aber unendlich vielfältige Veränderungen und Bewegungen – aber diese sind auch für den jeweiligen Bereich spezifisch, nicht auf andere übertragbar. Mit Wittgenstein könnte man sagen, es handele sich um ganz unterschiedliche „Sprachspiele“ mit speziellen Regeln, die nicht vermischt werden dürfen, da sonst eine heillose Verwirrung entsteht. Bleibe ich bei dem Begriff „Bewegungen“ in deren unendlich verschiedenen Formen, die zu immer neuen Gestalten führen, sodass man mit Goethe sagen könnte: Gestaltung, Umgestaltung, des ewigen Sinns ewige Unterhaltung – dann gestehe ich mir nicht nur mein sehr begrenztes Wissen ein, sondern erlebe auch immer wieder ein grenzenloses Verwundern angesichts eines „All“, das all dies und uns hervorgebracht hat.

6

Gebsers starke Betonung der Zeit, sein Bemühen, sie zugleich aber auch zu überwinden, was mit Wortschöpfungen wie „das Achronon“ ausgedrückt wird, steht im Zentrum seines Werkes1. Einem Integralen Bewusstsein ist „Zeit“ nicht mehr nur ein Begriff (der zu wahren sei), sondern eine neue Qualität, die Geber als „Intensität“ bezeichnete. Was aber meinte Gebser, als er von „Zeitfreiheit“

1 Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart. Chronos (sic!)Verlag, Zürich,2012

sprach? Damit möchte ich mich der zweiten Frage zuwenden: Was veranlasste Gebser, so von „Zeit“ zu sprechen?

Gebsers persönliche Erfahrungen und die Folgen.

Im Alter von 27 Jahren machte Gebser in einer krisenhaften Situation eine Erfahrung, die ihn, wie er schreibt, mit dem „Gedanken“ zurückließ „Überwindung von Raum und Zeit“. Sie war es, die es vermochte, seine jahrzehntelange Suchbewegung nach ähnlichen Aussagen in den Wissenschaften, später in allen Bereichen der Kultur, zu unterhalten. Ich habe dargelegt, dass ich diese Erfahrung als eine spontan auftretende Erleuchtung zu verstehen suche, so wie ich auch seine weitere einschlägige Erfahrung während seiner Asienreise auffasse1.

In der Zentradition nämlich, auf die sich auch Gebser in der 2. Auflage von „Ursprung und Gegenwart“ ausführlich bezieht, werden solche Erfahrungen als satori oder auch kensho (Wesensschau) bezeichnet. Es ist typisch für sie, dass für Augenblicke alle Dualitäten schwinden, dass weder ein Raum- noch ein Zeitgefühl existiert. Solche Erfahrungen können einen tiefen Frieden und große Freude hinterlassen, die das ganze weitere Leben umzugestalten vermögen. Wie darüber zu sprechen sei, wird jeder und jede mit eigenen Mitteln versuchen. Gebser hat eine Form gewählt, die offen für ganz unterschiedliche Adressaten war: So konnte er Christen, Buddhisten, aber auch Esoteriker ansprechen, ohne auf fundamentale Differenzen aufmerksam zu machen. Dass er das Thema „Zeit“ in den Mittelpunkt stellte, muss man respektieren – wie er jedoch darüber spricht, darf man auch kritisch betrachten.

„Zeitfreiheit“ ist nach meiner Auffassung etwas, das Menschen für sich selbst wahrnehmen können, sie ist damit nichts „Objektives“, das „dingfest“ gemacht werden könnte. Die Auswirkungen auf ein „Subjekt“ können so dramatisch sein,

1 P. Gottwald: Zen und Integraes Bewusstsein. In: Integrale Weltsicht. Vol. XXV, 2019 herausgegeben von der Jean Gebser Gesellschaft, Bern.

7

wie dies R. M. Pirsig1 erfuhr, oder sie können als „kleine Erleuchtung“ geschehen, wie der Zenlehrer Enomiya-Lassalle sie seinen Schülern und Schülerinnen zu wünschen pflegte.

Nach alledem zeigt sich mir nun ein neues, ein eher beunruhigendes „Prinzip“, nämlich das unserer „Verantwortung2“ für unser Tun und Lassen. Ihm hat bekanntlich Hans Jonas eine eingehende Untersuchung gewidmet. Ihr müssen wir uns heute stellen, wenn es nicht mit uns, wie Jonas, sagte „…böse enden soll“. Welche inneren Widerstände dadurch wachgerufen werden, darauf hat Kafka3 auf seine unnachahmliche Weise hingewiesen. In seinen „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“ schreibt er (Nr.92):

Die erste Götzenanbetung war gewiss Angst vor den Dingen, aber damit zusammenhängend Angst vor der Notwendigkeit der Dinge und damit zusammenhängend Angst vor der Verantwortung für die Dinge.

1 Vgl. dazu R.M.Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warte. Fischer Taschenbuch.

2 Ludwig Wittgenstein: Die Verantwortung leugnen heißt, den Menschen nicht zur Verantwortung ziehen (Vermischte Bemerkungen, S. 121)

3 Franz Kafka: ER. Bibliothek Suhrkamp, 1968

So ungeheuer erschien diese Verantwortung, dass man sie nicht einmal einem einzelnen Außermenschlichen aufzuerlegen wagte, denn auch durch Vermittlung eines Wesens wäre die menschliche Verantwortung noch nicht genügend erleichtert worden, der Verkehr mit nur einem Wesen wäre noch zu sehr von Verantwortung befleckt gewesen, deshalb gab man jedem Ding die Verantwortung für sich selbst, mehr noch, man gab diesen Dingen auch noch eine verhältnismäßige Verantwortung für den Menschen.

Wie gut passt dies zu der Beschreibung, die Gebser von der Bewusstseinsstruktur des magisch gestimmten Menschen gab!

Seine Wahrnehmung der Keime einer neuen und vielleicht kulturstiftenden Bewusstseinsstruktur, eben eines Integralen Bewusstseins, hat Viele ermutigt, nicht zuletzt den Jesuiten und Zenlehrer Enomiya-Lassalle1, der mich sieben Jahre lang auf dem Zenweg begleitete und dem ich die Begegnung mit dem Werk Jean Gebsers verdanke. Wie weit dieses valide ist und weiteren Suchbewegungen standhält, muss offen bleiben. Aus ihm eine Hoffnung in dieser von Krisen geschüttelten Zeit abzuleiten, wäre vermessen. Dass uns Menschen Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung zur Verfügung stehen,

1 Vgl. Enomiya-Lassalle: Wohin geht der Mensch? Aurum Verlag, 1983.

8

kann nicht bestritten werden. Ob und welcher „kritischen Masse“ es bedarf, ehe politische Wirkungen sichtbar werden, bleibt ebenfalls offen…

Anhang

Ludwig Wittgenstein über den Begriff „Fortschritt“.

„Man hört immer wieder die Bemerkung, dass die Philosophie eigentlich keinen Fortschritt mache, dass die gleichen philosophischen Probleme, die schon die Griechen beschäftigten, uns noch beschäftigen. Die das aber sagen, verstehen nicht den Grund, warum es so sein muss. Der ist aber, dass unsere Sprache sich gleich geblieben ist und uns immer wieder zu denselben Fragen verführt. Solange es ein Verbum „sein“ geben wird, das zu funktionieren scheint wie „essen“ und „trinken“, so lange es Adjektive „identisch“, „wahr“, „falsch“, „möglich“ geben wird, solange von einem Fluss der Zeit und einer Ausdehnung des Raumes die Rede sein wird, usw., solange werden die Menschen immer wieder an die gleichen rätselhaften Schwierigkeiten stoßen, und auf etwas starren, was keine Erklärung scheint wegheben zu können.“ (36)

„…Es ist nicht unsinnig zu glauben, dass das wissenschaftliche und technische Zeitalter der Anfang vom Ende der Menschheit ist; dass die Idee vom großen Fortschritt eine Verblendung ist, wie auch von der endlichen Erkenntnis der Wahrheit; dass an der wissenschaftlichen Erkenntnis nichts Gutes oder Wünschenswertes ist und dass die Menschheit, die nach ihr strebt, in eine Falle läuft. Es ist durchaus nicht klar, dass dies nicht so ist.“ (107)

„Es könnte sein, dass die Wissenschaft und Industrie, und der Fortschritt, das Bleibendste der heutigen Welt ist. Dass jede Mutmaßung eines Zusammenbruchs der Wissenschaft und Industrie einstweilen, und auf lange Zeit, ein bloßer Traum sei, und dass Wissenschaft und Industrie auch und mit unendlichem Jammer die Welt einigen werden, ich meine, sie zu einem zusammenfassen werden, in welchem dann freilich alles eher als der Friede wohnen wird…“ (120)

Aus: L. Wittgenstein: Vermischte Bemerkungen. Suhrkamp.

WENN ZUKUNFT ANDERS IST ALS DU WILLST, DASS SIE IST. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Sa 21.Dezember 2019 (Leichte Korrekturen: 13:50h)

KONTEXT: Zukunft wo?

In diesem Blog gab es schon viele Beiträge, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob und wie wir überhaupt so etwas wie ‚Zukunft‘ erkennen können. Grundsätzlich können wir Zukunft überhaupt nicht erkennen, da Zukunft — anders als Gegenwart und Vergangenheit — nicht als etwas Reales vorkommt. Zukunft existiert nicht als ein reales Objekt; man kann nicht auf sie zeigen, man kann sie nicht ‚riechen‘, ’nicht schmecken‘ …. Zukunft fristet ein verborgenes Dasein in unserem Denken, das da irgendwo in unserem Gehirn stattfindet, das wiederum in unserem Körper eingebettet ist, verborgen von der Außenwelt, damit geschützt. Der Körper bildet ein Ökosystem für das Gehirn. Ohne diesen Körper wäre es nicht lebensfähig. Und darin irgendwie, irgendwo findet das statt, was wir Bewusstsein nennen. Ein schwieriger Begriff. Bis heute weder von Philosophen noch Psychologen noch Neurowissenschaftlern ausreichend definiert, beschrieben, vermessen. Hier, im Bewusstsein, dem schwer Fassbaren, zeigt sich ein Fragment unserer körperlichen Wirklichkeit, zeigen sich die Fragmente unseres Wissens von der Körperwelt.

LEUCHTSPUR DES LEBENS

Wie schon mehrfach im Blog beschrieben, war Kant einer der ersten Philosophen, der das Eingebettet sein des Bewusstseins in übergreifende Strukturen deutlich thematisiert hat (andere Texte, wie z.B. Platons Höhlengleichnis, kann man irgendwie auch so interpretieren, aber doch eher sehr metaphorisch), und es waren Konrad Lorenz und dann viele andere moderne Erkenntnistheoretiker, die den Zusammenhang von Bewusstsein – Gehirn – Körper weiter gedacht haben bis dahin, dass man das Phänomen homo sapiens = Mensch eingereiht hat in den Gestaltenwandel aller Lebensformen, vom vermessbaren Anfangspunkt vor ca. 3.5 Mrd. Jahren bis heute.

BASTELWERKSTATT GEHIRN

Einerseits ist das Gehirn trotz einer Wissenschaft vom Gehirn (meist ‚Neurowissenschaft‘ genannt) weiterhin mehr unbekannt als bekannt. Aus den mittlerweile sicher mehr als viele tausend Artikeln und Büchern zum Gehirn und Bewusstsein gibt es ein paar Themen, die sich durchhalten, ohne dass man sagen kann, sie erklären die Phänomene vollständig. Dazu gehört die Fähigkeit, die Wahrnehmungen der jeweiligen Gegenwart auf spezifische Weise zu ’speichern‘, sie mit späteren Wahrnehmungen ‚zu verrechnen‘, und im Raum dieser Wahrnehmungen und ‚Erinnerungen‘ Muster, Regelmäßigkeiten entdecken zu können. Mittels dieser entdeckten Muster kann unser ‚Denken‘ — das wir bis heute kaum verstehen — dann diese Muster in mögliche andere gedachte ‚Muster‘ verwandeln, in viel komplexere ‚Modelle‘ zusammenbauen, die wir dann als ‚gedachte Suchmuster‘ in die erkennbare Gegenwart zurück ‚projizieren‘ können. Diese ‚gedachten Modelle‘ stellen relativ zur gegebenen Realität der Körper ‚mögliche alternative Zustände‘ dar, die — falls die gedachten Modelle die Wirklichkeit repräsentieren — das repräsentieren, was wir Zukunft nennen.

Die Geschichte des Denkens und dann der späteren modernen empirischen Wissenschaften zeigt, dass praktisch niemand, nicht einmal die empirischen Wissenschaften, bislang in der Lage war und ist, die tatsächlich sich ereignende Realität auch nur annähernd voraus zu sagen. Selbst die physikalische Zukunft des Universums ist gedanklich nicht völlig geklärt.

ENTDECKEN DURCH HERUMPROBIEREN

Bei der Rekonstruktion der Lebensspur aus dem Dunkel der Vergangenheit konzentrieren sich die beteiligten empirischen Wissenschaften verständlicherweise zunächst mal auf das Greifbare, Messbare. Aus einer Unsumme an Einzelaspekten versuchen sie dann, ein Gesamtbild zusammen zu setzen, das ‚für uns‘ einen gewissen ‚Sinn‘ ergibt. Durch die Aufsplittung in viele einzelne wissenschaftliche Perspektiven kommt eine Vielzahl von Aspekten ans Licht, die nicht notwendigerweise harmonieren oder gar von vornherein eine alles übergreifende Linie erkennen lassen. Dies ist in gewisser Weise unvermeidbar und notwendig. Im wissenschaftlichen Rekonstruktionsprozess sollte man nicht zu schnell im Vornherein festlegen, was ‚erkannt werden soll‘, sondern erst einmal darauf einlassen, ‚was sich zeigt‘ (ein Grundsatz auch der phänomenologischen Philosophie bzw. letztlich aller wahren Philosophie). Andererseits können wir aber nur ‚erkennen‘, wenn wir die vielen Details in mögliche Beziehungen einordnen. Das Denken kann nur durch ‚Gedankenspiele‘ im ‚Raum möglicher Beziehungen‘ jene ‚Teilmengen‘ entdecken, die nicht nur ‚denkbar‘ sind, sondern darüber hinaus auch mit der Eigengesetzlichkeit der Körperwelt ‚harmonieren‘, sie ‚widerspiegeln‘, die Eigengesetzlichkeit der Welt repräsentieren, zumindest minimal, soweit, dass man damit ansatzweise Prognosen erstellen kann, Voraussagen über die möglichen Ereignisse in der Körperwelt.

EVOLUTIONÄRE LOGIK

Wie schon öfters in diesem Blog beschrieben, ist diese innere Logik unseres menschlichen Denkens in dieser spezifischen Ausprägung zwar neu, aber nicht ganz neu. Das Leben auf dieser Erde, das BIOM, wie ich es nenne, arbeitet seit 3.5 Mrd. Jahren nach diesem Muster. Seitdem die ersten Zellen auf diesem Planeten existieren — Milliardenfach, Billionenfach –, repräsentieren sie mehrere Prinzipien gleichzeitig, das, was wir evolutionäre Logik nennen können: (i) grundsätzlich können sie sich reproduzieren; (ii) durch die Fähigkeit Moleküle zu bauen, die andere Moleküle als Handlungsanweisung interpretieren können, können sie partiell bisher erfolgreiche Strukturen in die Reproduktion einfließen lassen; (iii) durch die Tatsache, dass die Reproduktion nicht 1:1 stattfindet, sondern sich auf vielfache Weise verändert, erscheint der Fortgang des Prozesses als ein innovativer, kreativer Prozess. In diesem nicht-deterministischem Charakter der Reproduktion werden in jeder Generation von neuen Zellen Teilräume aus dem Gesamtraum der möglichen Zustände aktiviert, deren Überlebenswert im Moment der Auswahl unklar ist, unbekannt. Die nachträgliche Rekonstruktion des Lebens im Rahmen der Evolutionsbiologie und vieler kooperierender Disziplinen enthüllt uns, dass es genau diese Fähigkeit zur Innovation unter Unwissenheit war — und ist? — die das Leben mitten in einer hochdynamischen Umgebung des Planeten Erde mit immer wieder absolut lebensfeindlichen, chaotischen Zuständen im Spiel gehalten hat. Es gibt aber noch zwei weitere Eigenschaften, die fundamental sind: (iv) die Fähigkeit, zu kommunizieren, und (v) die Fähigkeit, zu kooperieren bis hin zur Fähigkeit einer Integration vieler selbständiger Elemente zu einer neuen, symbiotischen Funktionseinheit, die ’nach außen‘ als ein System auftritt, nach innen aber geradezu galaktische Dimension an beteiligten autonomen Akteuren aufweist.

Alle fünf Eigenschaften sind fundamental, aber die vierte und fünfte erweisen sich als jene Faktoren, die zu einer geradezu unfassbaren Komplexitätssteigerung auf dem Planeten Erde geführt haben. Zur Erinnerung: ein menschlicher Körper repräsentiert etwa 120 Galaxien im Format der Milchstraße an Zellen. Zugleich legen Schätzungen nahe, dass es auf der Erde um ein Vielfaches mehr einzellige Lebewesen gibt als Sterne im bekannten Universum. Dies bedeutet, die Erde als scheinbares Nichts in den unendlichen Weiten des Universums ist dennoch der Ort, an dem sich eine Komplexität gebildet hat, die um ein Vielfaches größer ist als das umgebende Universum.

Kennen Sie irgendeinen Menschen in ihrer Umgebung, dem dies bewusst ist?

Kennen Sie irgendeine Publikation, in der diese Sachverhalte ernsthaft diskutiert werden?

Irgendwie haben wir Menschen eine Art ‚blinden Fleck‘, was die Besonderheit von uns selbst betrifft. Zwar hatten die Menschen Jahrtausende ein Gefühl der Besonderheit des Menschen, aber diese Besonderheit hat den Menschen vom Rest der Welt, der Wirklichkeit ‚abgesondert‘ und damit eine wahre, tiefere Erkenntnis verhindert. Als Teil des ganzen BIOMs kommt den Menschen eine besondere Rolle zu, nicht aber als abgesondertes Monster.

… ANDERS ALS WIR DENKEN

Betrachtet man die Kulturgeschichte der letzten ca. 10.000 Jahre, dann ist kaum zu übersehen, dass die Menschen nicht nur dazu tendieren, sich zu vermehren, sondern zugleich auch ihre Lebensweise zu verdichten. Immer wieder brechen sogenannte Großreiche, weil sie es nicht schaffen, die Anforderungen der selbst geschaffenen Komplexität konstant und ausreichend zu bedienen, oder weil die umgebenden Natur durch außergewöhnliche Ereignisse (Vulkanausbruch, Asteroidenabsturz, …) oder durch das Klima die Lebensbedingungen dramatisch verändert bzw. verschlechtert hat. Ganze Reiche, damals ‚Weltreiche‘, sind plötzlich in sich zusammen gebrochen, implodiert; andere haben ihre Stelle eingenommen. Zu keiner Zeit hatten die jeweils Verantwortlichen vorausgesehen, was kommen würde.

Heute erleben wir mehrere Megatrends parallel. (i) Die Vermehrung des homo sapiens schreitet voran und beansprucht den gesamten Planeten; (ii) Die Versuche einer globalen politischen Versöhnung im Konstrukt der Vereinten Nationen wird mehr denn je wieder von separatistischen, nationalistischen Strömungen konterkariert; (iii) die wirtschaftlich getriebene Globalisierung macht die Starken stärker und die Schwachen schwächer; außerdem erodiert sie nationale politische Strukturen; die Faktoren (i) – (iii) zusammen verursachen einen mehr und mehr selbstzerstörerischen Resourcenverbrauch, der begleitet wird von einer globalen Zerstörung des Leben-ermöglichenden BIOMS; zugleich wird die Natur selbst, insbesondere das komplexe und sensible Klimasystem, nachweisbar so gestört, dass die Veränderungen das gewohnte Leben schon jetzt dramatisch bedrohen, und das sind nur die Vorboten von viel dramatischeren Wirkungen. Anschauliche Beispiele gibt es dazu aus der Vergangenheit zur Genüge. Diese kommenden Klimaereignisse werden nicht nur — wie die UN schon vorgerechnet hat — Migrationswellen von 25 und mehr Prozent der Weltbevölkerung annehmen, es wird uns alle betreffen, egal wo, und es wird um das nackte Überleben gehen. Darauf ist niemand vorbereitet.

ZWITTER DIGITALISIERUNG

Was wir erleben ist, dass die Digitalisierung schon jetzt alle Lebensbereiche durchdrungen hat und durch unser alltägliches Handeln über unsere Wahrnehmung schon lange in unser Bewusstsein, in unser Denken eingewandert ist. Die junge Generation kennt schon gar nichts anderes mehr. Sie kann gar nicht anders als zu fühlen und zu denken, dass die Welt so ist, wie sie sich ihr darbietet.

Darüber kann man viel diskutieren, lamentieren, beschwören oder — was die Industrie und Politik zur Zeit bevorzugen — zu Lobpreisen, Hoffnungen zu schüren, goldene Zukünfte zu versprechen. Beides führt uns nicht weiter. Für das Überleben auf diesem Planeten brauchen wir radikale Wahrheiten und — ja, tatsächlich — globale Lösungen.

In diesem Zusammenhang gibt es einen potentiellen Verbündeten für die Zukunft, den so bislang — scheint mir — niemand auf der Rechnung hat.

Der enorme Druck, der wirtschaftlich — und auch politische — ausgeübt wird, immer mehr zu vernetzen, zeigt mittlerweile ein Phänomen, das bislang keiner so recht will: aus rein technischen Gründen ist kein einziges technisches System, das in ein Netzwerk eingebunden ist, wirklich ’sicher‘. Auch ohne Quantencomputer können alle heute benutzen Codes schon mit normalen Rechner in einer praktikablen Zeit entschlüsselt werden und dies wird auch in der Zukunft so sein, da jedes Verschlüsselungsverfahren, das technisch möglich ist, mit der gleichen Technologie auch entschlüsselt werden kann … und dabei ist die Verschlüsselung ja nur ein Moment der Abschottung, die durch viele andere Faktoren verletzt werden kann.

Aus diesem Sachverhalt folgt die Einsicht, dass die Technologie der Zukunft eine Technologie sein muss, die von allen gemeinsam genutzt wird. Separatismus, Nationalismus sind altertümliche Konzepte, die in der Zukunft nicht mehr funktionieren werden. Damit zeigt sich in der technologischen Entwicklung — die Teil der Evolution ist! –, das, was das BIOM schon längst vorlebt: lebensfähig sind nur jene Systeme, die sich in einem trans-galaktischen Maßstab vernetzen können und darin als eine Einheit auftreten.

Die Aufblähung der Sonne ist zwar für unsere menschliche Zeiterfahrung noch ein bisschen weit in der Zukunft (wobei aber auch andere Ereignisse eintreten können, die das Leben auf der Erde kurzerhand auslöschen würden), aber klar ist, dass das Leben auf der Erde nicht dazu gedacht ist, die Eitelkeiten von narzisstischen Machtpolitikern oder die abstrusen Weltbilder von Fundamentalisten zu bedienen, sondern das Leben als ganzes, eben als BIOM, muss seinen Ort im Universum neu bestimmen. Auch wenn wir uns heute das überhaupt nicht vorzustellen vermögen, die gesamte Evolutionslogik hat nur eine Botschaft: das gesamte BIOM mit dem homo sapiens als zentralem Akteur muss als Einheit sich im Universum neu positionieren. Die sogenannten regenerierbaren Energien sind mit Blick auf die Beeinflussung des CO2-Faktors in unserer planetarischen Klimamaschine zwar bis zu einem gewissen Grade sinnvoll, aber nur bis zu einem gewissen Grade. Sobald der Klimawandel anfängt, in seine kritische Phase überzugehen — was faktisch passieren wird — werden Wasser und Luft nicht mehr funktionieren, Sonne unter Vorbehalt. Die Bedingungen auf der Oberfläche des Planeten Erde werden so ungemütlich werden, dass viele heute vertraute Versorgungsstrukturen einfach nicht mehr funktionieren können.

WAHRHEIT IST MEHR ALS MAINSTREAM

Ich bin mir bewusst, dass solche Gedanken aktuell nichts bewirken werden. Der nationale Egoismus der aktuellen Staaten ist zu groß, als dass ein wirklich nachhaltiges Denken und Handeln stattfinden wird. Wir sind für ein Denken über die Zukunft nicht wirklich geschaffen, obwohl der homo sapiens bislang die einzige Lebensform ist, die grundsätzlich über diese Fähigkeit verfügt. Aus meiner Sicht haben wir deswegen für das gesamte BIOM eine Verantwortung… narzisstische Machtpolitiker (und viele Kapitaleigner) wissen aber nicht, was das ist. Sie sehen nur sich selbst …

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.