WAHRHEIT CONTRA WAHRHEIT. Notiz

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Worum es geht

Im Zeitalter von Fake News (manche sprechen schon vom postfaktischen Zeitalter ) scheint der Begriff der Wahrheit abhanden gekommen zu sein. Dies trifft aber nicht zu. Die folgenden Zeilen kann man als Fortsetzung des vorausgehenden Beitrags lesen.

I. ARBEITSDEFINITION VON WAHRHEIT

1) In dem vorausgehenden Beitrag wurde angenommen, dass Wahrheit zunächst einmal die Gesamtheit des Wissens, der Erfahrungen und der Emotionen ist, die einer einzelnen Person zum aktuellen Zeitpunkt zur Verfügung steht. Was immer geschrieben, gedacht, gesagt usw. wird, jeder einzelne versteht und handelt auf
der Basis dessen, was er zu diesem Zeitpunkt in sich angesammelt hat.

2) Eine zentrale Einsicht ist dabei, dass unser Gehirn die aktuellen sensorischen Daten – externe wie interne– sofort, und automatisch, mit dem abgleicht, was bisher zu diesem Zeitpunkt im Gedächtnis verfügbar ist. Dadurch erleben wir alles, was uns begegnet, im Lichte des bislang Bekannten. Unsere Wahrnehmung ist eine unausweichlich interpretierte Wahrnehmung.

3) Ein Beispiel: Wenn jemand gefragt wird, ’ist dies dein Kugelschreiber?’, und dieser jemand antwortet mit ’Ja’, dann nimmt er einen Gegenstand wahr (als Ereignis seines Bewusstseins) und dieser jemand stellt zugleich fest, dass sein Gedächtnis in ihm eine Konzept aktiviert hat, bezogen auf das er diesen Gegenstand als seinen Kugelschreiber interpretieren kann. Für diesen jemand ist Wahrheit dann die Übereinstimmung zwischen (i) einer Wahrnehmung als einem Ereignis ’Kugelschreiber’ in seinem Bewusstsein, (ii) einem zugleich aktivierten Konstrukt aus dem Gedächtnis  ’mein Kugelschreiber’, sowie (iii) der Fähigkeit, erkennen zu können, dass das Wahrnehmungsereignis ’Kugelschreiber’ eine mögliche Instanz des Erinnerungsereignisses ’mein Kugelschreiber’ ist. Das Erinnerungsereignis ’mein Kugelschreiber’ repräsentiert (iv) zudem den Bedeutungsanteil des sprachlichen Ausdrucks ’dein Kugelschreiber’. Letzteres setzt voraus, dass der Frager und der Antwortende (v) beide die gleiche Sprache  gelernt haben und der Ausdruck ’dein Kugelschreiber’ aus Sicht des Fragenden und ’mein Kugelschreiber’ aus Sicht des Antwortenden von beiden (vi) in gleicher Weise interpretiert wird.

4) Anzumerken ist hier, dass jene Ereignisse, die ihm Bewusstsein als Wahrnehmungen aufschlagen können, unterschiedlich leicht zwischen zwei Teilnehmern des Gesprächs identifiziert werden können. Einmal können Aussagen über die empirische Welt sehr viele komplizierte Zusammenhänge implizieren, die nicht sofort erkennbar sind (wie funktioniert ein Fernseher, ein Computer, ein Smartphone…), zum anderen kann es
sein, dass die beiden Gesprächsteilnehmer die benutzte Sprache sehr unterschiedlich gelernt haben können (Fachausdrücke, spezielle Redewendungen, Art der Bedeutungszuschreibung, usw). Obwohl der Sachverhalt vielleicht im Prinzip erklärbar wäre, kann es sein, dass beide Gesprächsteilnehmer im Moment des Gesprächs
damit überfordert sind.

5) Ferner kann man sich durch dieses Beispiel nochmals deutlich machen, dass die Bezeichnung der Gesamtheit des Wissens, der Erfahrung und der Emotionen eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt als der subjektiven Wahrheit dieses Menschen ihren Sinn darin besitzt, dass dieser Mensch in dem Moment, wo er gefragt wird, ob es sich SO verhält, nur dann ’Ja’ sagen wird, wenn der gefragte Mensch in seiner subjektiven Wahrheit Elemente findet, die diesem So-sein entsprechen. Das ’So-sein’ aus der Frage muss ein Bestandteil der subjektiven Wahrheit sein und nur dann kann ein Mensch auf eine Anfrage hin sagen, ja, das wahrgenommene So-sein findet in der subjektiven Wahrheit eine Entsprechung. Die Fähigkeit zur Wahrheit erscheint somit primär in der subjektiven Wahrheit eines Menschen begründet zu sein.

II. WAHRHEIT UND LEBENSFORM

1) Ergänzend zu diesem geschilderten grundsätzlichem Zusammenhang wissen wir, dass die subjektive Wahrheit nicht unabhängig ist von dem Lebensprozess des jeweiligen Menschen. Alles, was ein Mensch erlebt, was auf ihn einwirkt, kann in diesem Menschen als Ereignis erlebbar werden, kann ihn beeinflussen, kann ihn
verändern. Dazu gehört natürlich auch das eigene Tun. Wenn jemand durch den Wald läuft und merkt, dass er laufen kann, wie sich das Laufen anfühlt, wie sich dies langfristig auf seinen Körperzustand auswirkt, dann beeinflusst dies auch das individuelle Erkennen von Welt und von sich selbst, als jemand, der laufen und
Fühlen kann. Wenn stattdessen Kinder in Kobaldminen arbeiten müssen statt zu lernen,  sich vielfältig neu entdecken zu können, dann wird diesen Kinder mit der Vorenthaltung einer Lebenspraxis zugleich ihr Inneres zerstört; es kann nur ein verzerrter Aufbau von Persönlichkeit stattfinden. Wir schwärmen derweil von den angeblich umweltfreundlichen Elektroautos, die wir fahren sollen. Oder: wenn Kinder im Dauerhagel von Granaten und Bomben aufwachsen müssen, um sich herum Verwundete und Tote erleben müssen, dann werden sie sich selbst entfremdet, weil verschiedene Machthaber ihre Macht in Stellvertreterkriegen meinen, ausagieren zu müssen.

2) Aufgrund der so unendlich verschiedenen Lebensprozesse auf dieser Erde können sich in den Menschen, die von ihrer Natur aus weitgehend strukturgleich sind,  ganz unterschiedliche subjektive Wahrheiten ansammeln. Derselbe Mensch sieht dann die Welt anders, handelt anders, fühlt anders. Es ist dann nahezu unausweichlich, dass sich bei der Begegnung von zwei Menschen zwei verschiedene Wahrheiten begegnen. Je nachdem, wie ähnlich oder unähnlich die Lebensprozesse dieser Menschen sind, sind auch die subjektiven Wahrheiten eher ähnlich oder unähnlich.

3) Wie man beobachten kann, tendieren Menschen dazu, sich vorzugsweise mit solchen Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden, mit ihnen zusammen etwas tun, die mit ihnen bezüglich ihrer subjektiven Wahrheiten möglichst ähnlich sind. Manche meinen, solche selbstbezügliche Gruppen (’Echokammer’, ’Filterblase’) auch
im Internet, in den sozialen Netzwerken entdecken zu können. Obwohl das Internet im Prinzip die ganze Welt zugänglich macht [Anmerkung: Allerdings nicht in Ländern, in denen der Zugang zum Internet kontrolliert wird, wie z.B. massiv in China.], treffen sich Menschen vorzugsweise mit denen, die sie kennen, und mit denen sie eine ähnliche Meinung teilen. Man muss aber dazu gar nicht ins Internet schauen. Auch im Alltag kann man beobachten, dass jeder einzelne Mitglied unterschiedlicher sozialer Gruppen ist, in denen er sich wohl fühlt, weil man dort zu bestimmten Themen eine gleiche Anschauung vorfindet. An meiner Hochschule, an der Studierende aus mehr als 100 Ländern vertreten sind, kann man beobachten, dass die Studierenden
vorzugsweise unter sich bleiben statt die Vielfalt zu nutzen. Und die vielfältigen Beziehungskonflikte, die sich zwischen Nachbarn, Freunden, Lebenspartnern, Mitarbeitern usw. finden, sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie real  unterschiedlich subjektive Wahrheiten im Alltag sind. [Anmerkung: Allerdings ist diese Aufsplitterung in viele kleine Gruppen von ‚Gleichgesinnten‘ nicht notwendigerweise nur negativ; die Kultivierung von Vielfalt braucht eine natürliche Umgebung, in der Vielfalt möglich ist und geschätzt wird.]

4) Obwohl also der Mechanismus der subjektiven Wahrheitsbildung grob betrachtet einfach erscheint, hat man den Eindruck, dass wir Menschen uns dieses Sachverhaltes im Alltag nicht  wirklich bewusst sind. Wie schnell fühlt sich jemand beleidigt, verletzt, oder gar angegriffen, nur weil jemand sich anders verhält, als man es im Lichte seiner subjektiven Wahrheit erwartet. Wie schnell neigen wir dazu, uns von anderen abzugrenzen, sie abzustempeln als krank, verrückt, oder böse zu erklären, nur weil sie anders sind als wir selbst.

III. GEDANKE UND REALE WELT

1) Bis hierher konnte man den Eindruck gewinnen, als ob die subjektive Wahrheit ein rein gedankliches, theoretisches Etwas ist, das sich allerdings im Handeln bemerkbar machen kann. Doch schon durch die Erwähnung des Lebensprozesses, innerhalb dessen sich die subjektive Wahrheit bildet, konnte man ahnen, dass die konkreten Umstände ein wichtiges Moment an der subjektiven Wahrheit spielen. Dies bedeutet z.B., dass wir die Welt nicht nur in einer bestimmten Weise sehen, sondern wir verhalten uns ganz konkret in dieser Welt aufgrund unserer subjektiven Wahrheit (= Weltsicht), wir leben unseren Alltag mit ganz konkreten Objekten, Besitztümern und Gewohnheiten. Eine andere subjektive Wahrheit (bzw. Weltsicht) ist daher in der
Regel nicht nur ein bloßer abstrakter Gedanke, sondern kann zugleich reale, konkrete Veränderungen des eigenen Alltags implizieren. Da aber schrecken wir alle (verständlicherweise?) sofort zurück, blitzartig, vielleicht sogar unbewusst. Über die Wahrheit reden mag grundsätzlich chic sein, aber wenn die zur Sprache kommenden
Wahrheit anders ist als die eigene Wahrheit, dann zucken wir zurück. Dann wird es unheimlich, ungemütlich; dann können allerlei Ängste aufsteigen: was ist das für eine Welt, die anders wäre als die Welt, die wir kennen? Der verinnerlichten Welt korrespondiert immer auch eine reale Alltagswelt. [Anmerkung: In diesen Kontext passt vielleicht das paradoxe Beispiel, das Jesus von Nazareth in den Mund gelegt wird mit dem Bild, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen würde, als dass ein Reicher in den Himmel gelangen könnte. Eine Deutung wäre, dass jemand der als Reicher
(unterstellt: auf Kosten anderer) in einer Wirklichkeitsblase lebt, die angenehm ist, und er als Reicher wenig Motive hat, dies zu ändern. Allerdings, was man gerne
übersieht, ein solches Verhaftetsein mit der aktuellen Situation, die als angenehm gilt, gilt in vielen Abstufungen für jeden Menschen. In den Apartheitsgefängnissen von Südafrika (heute als Museum zu besichtigen) gab es z.B. unter den Gefangenen eine klare Hierarchie: die Bosse, die Helfer der Bosse, und der Rest. Kein Boss wäre auf die Idee gekommen, seine relativen Vorteile zu Gunsten von allen aufzugeben.]

2) In der Struktur der gesellschaftliche Wirklichkeit kann man den Mechanismus der parzellierten Wahrheiten wiederfinden. Eine Gesellschaft ist mit unzähligen Rollen durchsetzt, mit Ämtern, Amtsbezeichnungen, Institutionen usw.. Dazu kommen in vielen Ländern Abgrenzungen von unterschiedlichen ethnischen Gruppen. Weiter gibt es Nationalstaaten, die ihre eigenen Wahrheiten pflegen. Die Tendenz, das Andere, die Anderen negativ zu belegen, um seinen eigenen Status dadurch indirekt zu sichern, findet sich zwischenstaatlich auch wieder. [Anmerkung: Gut zu erkennen in dem Erstarken von nationalistisch-populistischen Doktrinen in leider immer mehr Ländern der Erde.] Eine unkritische Ausübung gewachsener partieller Wahrheiten kann Unterschiede dann nur zementieren oder gar vergrößern, anstatt sie zu überbrücken und zu allgemeineren Wahrheitsbegriffen zu kommen.

IV. EINE KULTUR DER WAHRHEIT?

1) Wenn man sieht wie unglaublich stark die Tendenz unter uns Menschen ist, aktuelle, partielle Wahrheiten (die aus Sicht des einzelnen nicht partiell, sondern universell sind) mit einer bestimmten Alltagspraxis zu verknüpfen und diese fest zu schreiben, dann könnte man auf die Idee kommen, zu fragen, was wir als Menschen tun können, um dieser starken Tendenz ein natürliches Gegengewicht gegenüber zu stellen, das
dem Trieb zu partiellen Wahrheit entgegenwirken könnte.

2) Innerhalb der Rechtsgeschichte kann man beobachten, wie im Laufe von Jahrtausenden das Recht des Angeklagten häppchenweise soweit gestärkt wurde, dass es in modernen Staaten mit einem funktionieren Rechtssystem üblich geworden ist, jemanden erst dann tatsächlich zu verurteilen, nachdem in nachvollziehbaren, transparenten Verfahren die Schuld bzw. Unschuld objektiv festgestellt worden ist. Dennoch kann man sehen, dass gerade in der Gegenwart in vielen Staaten wieder eine umgekehrte Entwicklung um sich greift: der methodische Respekt vor der Gefahr partieller Wahrheiten wird einfachüber Bord geworfen und Menschen werden allein aufgrund ihrer Andersheit und eines blinden Verdachts vorverurteilt, gefoltert, und
aus ihren gesellschaftlichen Stellungen verjagt.

3) Innerhalb der Welt der Ideen gab es eine ähnliche Entwicklung wie im Rechtssystem: mit dem Aufkommen der empirischen experimentellen Wissenschaften in Kooperation mit Mathematischen Strukturen konnte das Reden über Sachverhalte, über mögliche Entstehungsprozesse und über mögliche Entwicklungen auf ganz neue Weise transparent gemacht werden, nachvollziehbar, überprüfbar, wiederholbar, unabhängig von dem Fühlen und Meinen eines einzelnen [Anmerkung: Allerdings nicht ganz!].  Diese Art von Wissenschaft kann großartige Erfolge aufweisen, ohne die das heutige
Leben gar nicht vorstellbar wäre. Doch auch hier können wir heute beobachten, wie selbst in den Ländern mit einem entwickelten Wissenschaftssystem die wissenschaftlichen Prinzipien zunehmen kurzfristigen politischen
und ökonomischen Interessen geopfert werden, die jeweils auf den partiellen Wahrheiten der Akteure beruhen.

4) Es drängt sich dann die Frage auf, ob der Zustand der vielen (partiellen) Wahrheiten generell vermeidbar wäre bzw. wie man ihn konstruktiv nutzen könnte, um auf der Basis der partiellen Wahrheiten zu einer umfassenderen weniger partiellen Wahrheit zu kommen.

5) Eine beliebte Lösungsstrategie ist ein autoritär-diktatorisches Gesellschaftssystem, das überhaupt nur noch eine partielle Wahrheit zulässt. Dies kennen wir aus der Geschichte und leider auch aus der Gegenwart: Gleichschaltung von Presse, Medien; Zensur; nur noch eine Meinung zählt.

6) Die Alternative ist die berühmte offene Gesellschaft, in der eine Vielfalt von partiellen Wahrheiten möglich ist, verbunden mit dem Vertrauen, dass die Vielfalt zu entsprechend vielen neuen erweiterten partiellen Wahrheiten führen kann (nicht muss!). Hier gibt es – im Idealfall – eine Fülle unterschiedlicher Medien und keine Zensur. Entsprechend wären auch alle Lern- und Erziehungsprozesse nicht an einem Drill, einer
autoritären Abrichtung der Kinder und Jugendlichen orientiert, sondern an offenen, kreativen Lernprozessen, mit viel Austausch, mit vielen Experimenten.

7) Allerdings kann man beobachten kann, dass viele Menschen nicht von vornherein solche offenen, kreativen Lernprozesse gut finden oder unterstützen, weil sie viel anstrengender sind als einfach einer autoritären Vorgabe zu folgen. Und es ist ein historisches Faktum, dass partielle Wahrheitsmodelle bei geeigneter Propaganda und gesellschaftlichen Druck eine große Anhängerschaft finden können.  Dies war und ist eine große Versuchung für alle narzisstischen und machtorientierte Menschen. Das scheinbar Einfachere und Bequemere wird damit sprichwörtlich zum ’highway to hell’.

8) Für eine offene Gesellschaft als natürlicher Entwicklungsumgebung für das Entstehen immer allgemeinerer Wahrheiten sowohl in den Beteiligten wie auch im Alltag scheinen von daher geeignete Bildungsprozesse sowie freie, unzensierte Medien (dazu gehört heute auch das Internet) eine grundlegende Voraussetzung zu
sein. Die Verfügbarkeit solcher Prozesse und Medien kann zwar keine bessere gedachte und gelebte Wahrheit garantieren, sie sind allerdings notwendige Voraussetzungen, für eine umfassendere Kultur der Wahrheit. [Anmerkung: Natürlich braucht es noch mehr Elemente, um einen einigermaßen freien Raum für möglicheübergreifende Wahrheiten zu ermöglichen.]

9) Vor diesem Hintergrund ist die weltweit zu beobachtende Erosion von freien Medien und einer offenen, kreativen Bildung ein deutliches Alarmsignal, das wir Menschen offensichtlich dabei sind, den Weg in ein wahrheitsfähige Zukunft immer mehr zu blockieren. Letztlich blockieren wir uns als Menschen damit nur selbst. Allerdings,
aus der kritischen Beobachtung alleine folgen keine wirkenden konkreten Verbesserungen. Ohne eine bessere Vision von Wahrheit ist auch kein alternatives Handeln möglich. Deswegen versuchen ja autoritäre Regierungen immer, zu zensieren und mit Propaganda und Fake-News die Öffentlichkeit zu verwirren.

V. KONTEXTE

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RINGEN UM DAS BEWUSSTSEIN. BEISPIEL CHALMERS 1995 – Problem of Consciousness

(Letzte Aktualisierung: Do 28.Juli 2016, 13:06h)

David J.Chalmers, FACING UP THE PROBLEM OF CONSCIOUSNESS, Journal of Consciousness Studies, 2, No. 3, 1995, pp.200-219

KONTEXT

  1. In einem vorausgehenden Blogeintrag mit dem Titel THOMPSON: MIND IN LIFE – Review – Teil 1 hatte ich damit begonnen, eine neue Variante phänomenologischer Forschung zu besprechen, die unter dem Titel Neurophänomenologie begründet worden war. Dieser Ansatz geht zurück auf Varela, der dazu 1996 einen grundlegenden Artikel im JoCS geschrieben hatte, in dem er wiederum auf einen Artikel von Chalmers 1995 geantwortet hatte. Seine Antwort umfasste dann gleich einen kompletten konstruktiven Vorschlag, wie man es anders machen könnte. Bevor der Artikel von Varela hier zur Sprache kommen soll, hier zunächst eine Reflexion auf den Beitrag von Chalmers 1995, der seitdem in zahllosen weiteren Artikeln intensiv diskutiert worden ist.

OBJEKTIV – SUBJEKTIV

Rekonstruktion der theoretischen Begriffe von Chalmers (1995) Kap.1-2

Rekonstruktion der theoretischen Begriffe von Chalmers (1995) Kap.1-2

  1. Im Kapitel 2 (siehe Bild) startet Chalmers seine Überlegungen zum Bewusstsein mit einer Fallunterscheidung in objektive Aspekte des Problems und in subjektive Aspekte.

  2. Die objektiven Aspekte lassen sich nach Chalmers – im Prinzip – im Rahmen der bekannten wissenschaftlichen Disziplinen relativ einfach aufklären. Als wissenschaftliche Disziplinen führt er nur eine einzige an, nämlich die Kognitionswissenschaft (‚cognitive science‘), innerhalb deren er drei methodische Ansätze unterscheidet: computerhaft (‚computational‘), neurophysiologisch und neuronal (’neural‘).

  3. Als Phänomene, die er für die Methoden der Kognitionswissenschaft im Prinzip als einfach (‚easy‘) erklärbar einstuft, zählt er auf: Umgebungsreize, verbale Äußerungen, Aufmerksamkeit, Verhaltenskontrolle, Wachheit und Schlaf, Verhaltenskontrolle und diverse interne Zustände.

  4. Daneben erkennt er aber auch noch eine subjektive Dimension im Wirklichkeitszugang. Diese erschließt sich im Darin sein (‚to be in them‘) in inneren, mentalen Zuständen. Hier trifft man auf Phänomene, Qualia, befindet man sich im Raum des Bewusstseins, im Bewusstsein.

  5. Die subjektive Dimension befindet sich außerhalb des Zugriffs der objektiven Methoden. Insofern nennt er die Fragen des Bewusstseins, die sich im subjektivne Zugang erschließen, als harte (‚hard‘) Fragen. Er spricht hier vom harten Problem (‚hard problem‘) des Bewusstseins.

FUNKTIONALE ERKLÄRUNG MIT GRENZEN

Chalmers (1995) Kap.3 Behauptungen zur begrifflichen Kluft zwischen funktionaler Erklärung und Bewusstseinserfahrung

Chalmers (1995) Kap.3 Behauptungen zur begrifflichen Kluft zwischen funktionaler Erklärung und Bewusstseinserfahrung

  1. Das 3.Kapitel läuft auf die These von der begrifflichen Kluft (‚explanatory gap‘) zwischen funktionaler Erklärung objektiver Phänomene einerseits und der korrelierenden Existenz des subjektiven Phänomens des Bewusstseins hinaus (vgl. Bild 2).

  2. Dies setzt voraus, dass die Wissenschaften, die objektive Phänomene im Umfeld des Bewusstseins erklären, dies mit Hilfe von funktionalen Erklärungen tun können. In einer funktionalen Erklärung F werden die beobachtbaren (zu erklärenden) Phänomene X in Beziehung gesetzt zu anderen beobachtbaren Phänomenen Y, und zwar so, dass der Zusammenhang einen Mechanismus (‚mechanism‘) erkennen lässt, aufgrund dessen das Auftreten von X in Abhängigkeit von Y akzeptiert werden kann. Entsprechend den zuvor angeführten Methoden der Kognitionswissenschaft(en) sieht Chalmers drei Arten von möglichen Mechanismen: (i) Computermodelle, (ii) kognitive Modelle und (iii) neuronale Modelle.

  3. Chalmers sieht keine Möglichkeit, das korrelierende Auftreten einer Bewusstseinserfahrung B im Kontext von beobachtbaren Phänomenen X und Y ebenfalls durch eine funktionale Erklärung G so zu erklären, dass sich zwischen X und Y einerseits und B andererseits ein Mechanismus angeben lässt, der als Erklärung akzeptierbar sei.

  4. Diese Unmöglichkeit der Angabe einer weiteren funktionalen Erklärung versteht Chalmers als Erklärungslücke (‚explanatory gap‘).

BEISPIELE (REDUKTIVER ERKLÄRUNG) (Kap.4)

Chalmers 1995 kap.4 illustrierende Beispiele

Chalmers 1995 kap.4 illustrierende Beispiele

  1. Im Kap.4 stellt Chalmers verschiedene Autoren vor, mittels deren er seine zuvor eingeführte Klassifikation illustrieren möchte. (vgl. Bild 3)

  2. Diese Beispiele sind aber so karg beschrieben, dass man sie kaum verwerten kann. Als Beleg soll das Zitat von Edelman dienen. Im Buch von Edelman (1989) wird ein sehr ausführliches Bild von den Forschungen zum Bewusstsein vermittelt. Das Stichwort vom ’neuronalen Darwinismus‘ greift hier viel zu kurz (das Buch Edelmans von 1992 Bright Air, Brilliant Fire: On the Matter of thre Mind, das noch umfassender ist, wird erst gar nicht erwähnt)(Anmerkung: In seinem Buch The Conscious Mind (1996) ist Chalmers hier genauer und hilfreicher. Die Bemerkungen hier im Artikel erscheinen da eher nutzlos).

  3. Die Stichworte zu Koch/ Crick und Baars lassen noch am ehesten deren Ideen erkennen. Nach Koch/Crick sind es synchronisierende Oszillationen im Gehirn (Bindungstheorie), die unterschiedliche Aktivitäten bündeln und so komplexe Zustände möglich machen, die eventuell als Korrelate des Bewusstseins (‚correlates of experience‘) angesehen werden können. Ähnlich und doch weitergehender (spekulativer) argumentiert Baars. Er sieht einen Zusammenhang zwischen den Inhalten des Bewusstseins (‚contens of consciousness‘) und dem, was er den globalen Arbeitsbereich (‚global workspace‘) des Gehirns nennt: dies soll jener Bereich sein, in den viele andere Bereiche des Gehirns wichtige Informationen abbilden, über die alle spezialisierten Bereiche kommunizieren. Er nennt dies ein gemeinsames schwarzes Brett (‚communal blackboard‘).

  4. Was immer such die einzelnen Beispiele im einzelnen – nach Chalmers – sagen bzw. sagen wollen, für Chalmers bietet keines der Beispiele (also: keiner der Autoren) eine wirkliche Antwort auf die Frage, warum (‚why‘) es das Phänomen des Bewusstseins parallel zu diesen vielen Prozessen gibt und wie (‚how‘) der Zusammenhang zwischen den physiologischen und den phänomenalen Phänomenen genau zu denken ist.

WEITERE BEISPIELE (REDUKTIVER ERKLÄRUNG) (Kap.5)

  1. In Kap.5 wir die kursorische Aufzählung weiterer Beispiele fortgesetzt, in der Erklärungsansätze genannt werden, die mit dem Phänomen des Bewusstseins Berührungen aufweisen, aber nichts wirklich erklären sollen.

  2. So wird wird das Konzept nicht-algorithmischer Prozesse von Penrose (1989, 1994) erwähnt. Ein Zusammenhang mit dem Phänomen des Bewusstseins sieht Chalmers nicht.(p.207)

  3. Ähnlich stellt Chalmers auch einen Erklärungszusammenhang zwischen chaotischen und nichtlinearen Prozessen ebenso wenig mit quantentheoretischen Modellen (Hameroff 1994) in Frage. Was erklären diese? (vgl. p.207f)

  4. Chalmers wiederholt hier sein Axiom, dass jede Art von Erklärung physikalischer Prozesse alleine nicht ausreichend sein kann, das Phänomen des Bewusstseins als solches zu erklären. Die Emergenz von Bewusstseinserfahrung entzieht sich einer rein physikalischen Erklärung. Phänomene des Bewusstseins können sich im Kontext von physikalischen Prozessen zeigen, sie müssen es aber nicht.(p.208)

NEUE FUNDAMENTALE ENTITÄTEN

Chalmers 1995 Kap.5 Nicht-reduzierende Theorien

Chalmers 1995 Kap.5 Nicht-reduzierende Theorien

  1. Nachdem Chalmers – aus seiner Sicht – herausgearbeitet hat, dass eine Erklärung der Phänomene des Bewusstseins mittels physikalischer Gesetze nicht möglich erscheint, folgt er der Strategie der Physik aus der Vergangenheit, indem man für nicht-reduzierbare Phänomene dann postuliert, dass sie fundamentale Phänomene seien, die ihre eigenen Gesetze benötigen.(vgl. Bild 5)

  2. Insofern diese neuen fundamentale Phänomene nicht isoliert von den physikalischen Phänomenen auftreten, nennt er sie emergente Phänomene, deren korrelierendes Auftreten im Kontext physikalischer Phänomene sich gegebenenfalls mit zusätzlichen überbrückenden Prinzipien (Brückenprinzipien, ‚bridging principles‘) beschreiben lassen.

  3. Die Betrachtung von Phänomenen führt meist auch zur Frage von damit zusammenhängenden möglichen Existenzen (Ontologien, ‚ontologies‘).

  4. Fall sich mit den Phänomenen des Bewusstseins Existenzen ganz eigener Art verknüpfen würden, dann läge eine neue Art von Dualismus (im Stile von Descartes und anderen) vor. Soweit will Chalmers aber nicht gehen. Obwohl es sich bei den Phänomenen des Bewusstseins um nicht-reduzierbare, und damit fundamentale Phänomene handelt, will er sie nicht gänzlich von der natürlichen Ontologie getrennt sehen, wie sie von der Physik beschrieben wird.

  5. Interessanterweise sieht Chalmers eine Theorie des Bewusstseins näher bei der Physik als bei der Biologie, der er jegliche fundamentale Prinzipien im Sinne des Bewusstseins abspricht.(p.211)

AUSBLICK AUF EINE THEORIE DES BEWUSSTSEINS

Chalmers 1995 - Elemente einer neuen Theorie des Bewusstseins

Chalmers 1995 – Elemente einer neuen Theorie des Bewusstseins

  1. Unabhängig davon, was Chalmers über andere Autoren gesagt hat (treffend oder nicht treffend), hat er seine eigene Meinung zu einer möglichen Theorie des Bewusstseins.

  2. Zu Beginn des Kap.7 skizziert er einige grundlegende Annahmen, auf deren Basis er dann weiter voranschreitet.

  3. Wie in Bild 7 angedeutet, soll eine mögliche Theorie des Bewusstseins einfach und kohärent sein und soll Aussagen über reproduzierbare Fakten möglich machen.

  4. Als Basis für die Theorie gibt es einerseits die Eigenschaften der bewusstseinsbasierten Erfahrung, zu denen jeder einzeln, für sich einen direkten Zugang hat, und andererseits empirische Phänomene, wie Umwelt, Körper und Gehirn, speziell auch sprachliche Äußerungen, über die man indirekt auf Eigenschaften des Bewusstseins schließen kann.

  5. Ferner postuliert Chalmers spezielle psycho-physische Brückenprinzipien, die einen Zusammenhang zwischen korrelierenden physikalischen und bewusstseinsbezogenen Phänomenen herstellen.

PRINZIP DER STRUKTURELLEN KOHÄRENZ

  1. Als eine mögliche Richtschnur für die Formulierung der Inhalte einer möglichen Theorie des Bewusstseins beschreibt Chalmers das Prinzip der strukturellen Kohärenz.

  2. Diese Kohärenz sieht er gegeben zwischen dem empirischen Phänomen der Aufmerksamkeit (‚attention‘) und den den subjektiven Phänomenen des Bewusstseins.

  3. Der Begriff der ‚Aufmerksamkeit‘ wird definiert über empirische Phänomene und deren funktionalen Beziehungen.

  4. Ohne eine weitere Analyse der subjektiven Phänomene vorgelegt zu haben behauptet Chalmers nun, dass die Phänomene im Kontext der empirischen Aufmerksamkeit eine bestimmte Struktur erkennen lassen, die sich auch im Bereich der subjektiven Phänomene finde. Er geht sogar soweit, die Ähnlichkeit zwischen beiden Strukturen (Struktur der Aufmerksamkeit, Struktur des Bewusstseins) als isomorph zu bezeichnen (p.213).

  5. Zugleich schränkt er diese Ähnlichkeit dahingehend ein, dass subjektive Phänomene Eigenschaften haben, die sich nicht in der strukturellen Ähnlichkeit erschöpfen. Die kohärente Strukturen beschränken das beobachtbare Verhalten subjektiver Phänomene, aber erschöpfen sie nicht. (vgl.p.213)

  6. Sofern man solch eine strukturelle Kohärenz feststellen kann, macht es nach Chalmers Sinn, die empirischen Phänomene der Aufmerksamkeit als Korrelate bewusster Erfahrung zu bezeichnen.

PRINZIP DER ORGANISATORISCHEN INVARIANZ

  1. Chalmers formulierte noch ein weiteres Prinzip, das von der organisatorischen Invarianz. Es ist kein mathematisches Prinzip, sondern eher ein Postulat über empirische Strukturen.

  2. Ausgangspunkt sind zwei Systeme S1 und S2. Beide haben eine funktionale Organisation, d.h. Es gibt jeweils irgendwelche Mengen von Elementen M1 und M2 und jeweils irgendwelche Funktionen F1 und F2, die über den Mengen M1 und M2 definiert sind, also S1(x) iff x=<M1,F1> bzw. S2(x) iff x=<M2,F2>.

  3. Chalmers postuliert nun, dass, wenn beide Systeme S1 und S2 die gleiche funktionale Organisation haben (‚functional organization‘), dass sie (?) dann auch die qualitativ gleiche Erfahrung (‚qualitatively identical experience‘) haben.

  4. Diese Formulierung wirft einige Fragen auf.

  5. Nimmt man an, dass er mit Erfahrung wie zuvor im Text immer die Erfahrung des Bewusstseins meint, dann stellt sich die Frage, in welchem Sinne ein System S1 oder S2 eine bewusste Erfahrung haben sollen? Nach allem zuvor Gesagtem haben empirische Systeme nicht notwendigerweise eine bewusste Erfahrung.

  6. Wenn Chalmers aber meint, dass die Systeme S1 und S2 für empirische Systeme stehen, die Korrelate von bewussten Erfahrungen sind, dann würde das Prinzip besagen wollen, dass zwei verschiedene empirische Systeme S1 und S2, die Korrelate von jeweils einem Bewusstsein B1 bzw. B2 sind, diesen korrelierenden Bewusstseinen B1 und B2 jeweils identische Erfahrungen übermitteln.

  7. Direkt beweisbar ist dieses Prinzip nicht, da der direkte Zugriff auf bewusste Erfahrungen von den beiden Bewusstseinen fehlt, aber es ist eine sehr plausible Arbeitshypothese. (vgl. p.215) Diese Arbeitshypothese würde es zumindest ansatzweise verständlich machen, warum zwei verschiedene Menschen ansatzweise über ähnliche Erfahrungen verfügen können.

DIE THEORIE DES DOPPELTEN ASPEKTS DER INFORMATION

  1. Chalmers klassifiziert die beiden vorausgehenden Prinzipien als nicht basale Prinzipien. Nichts desto Trotz sind sie für ihn hilfreiche Beschränkungen (‚constraints‘).

  2. Jetzt will er ein erstes basales Prinzip mit Hilfe des Begriffs der Information einführen.

  3. Bei dieser Einführung des Begriffs Information bezieht er sich zwar ausdrücklich auf Shannon (1948), ersetzt aber die Begrifflichkeit von Shannon sogleich durch die Begrifflichkeit von Bateson (1972), indem er die einzelnen physikalischen Informationen als Differenzen bezeichnet, die eine Differenz konstituieren (Originalzitat Bateson: A „bit“ of information is definable as a difference which makes a difference. Such a difference, as it travels and undergoes successive transformation in a circuit, is an elementary idea. (Bateson 1972, p.335)

  4. Dann überträgt er diese Begrifflichkeit auf die empirischen und auf die subjektiven Phänomene, indem er für die Menge der korrelierenden empirischen Phänomene einen Informationsraum Ie postuliert und für die Menge der subjektiven Phänomene auch einen Informationsraum Is. Ferner postuliert er, dass die Elemente in jedem dieser Räume durch eine Menge von Differenzen charakterisiert werden – also <Ie,De> sowie <Is, Ds> –, dass jedem dieser Räume mit diesen Differenzen dann eine Struktur Ste(x) iff x= <Ie,De> sowie Sts(x) iff x=<Is, Ds> zukomme, die sich direkt korrespondieren (‚directly correspond‘), also CORR(STe, Sts).

  5. Aus den Postulaten werden dann sogleich Behauptungen der Art, dass man sowohl in den empirischen Prozessen wie auch in den subjektiven Erfahrungen die gleichen abstrakten Informationsräume finde.

  6. Nachdem Chalmers die Begriffe Information und Differenz für die theoretische Beschreibung eingeführt hat (niemand hat ihn dazu gezwungen!), folgert er dann aus seinen eigenen Annahmen, als Hypothese, dass Information zwei Aspekte habe: einen physikalischen und einen phänomenalen (:= subjektiven).

  7. Nach diesen begrifflichen Verschiebungen erklärt er dann diese letzte Hypothese zu einem basalen Prinzip, aus dem hervorgehe, dass sich immer dann Erfahrung eines Bewusstseins vorfindet, wenn ein entsprechender physikalischer Prozessraum gegeben ist.(vgl. p.216)

DISKURS

KEINE DOPPEL-ASPEKT THEORIE DER INFORMATION

  1. Chalmers selbst klassifiziert seine Doppel-Aspekt Überlegungen als eher eine Idee denn eine Theorie (vgl. p.217) bzw. weiter vorne als extrem spekulativ und unterbestimmt.

  2. Dies würde ich hier unterschreiben. Denn die Verwendung des Wortes Information durch Chalmers erscheint sehr fragwürdig.

  3. Der Informationsbegriff bei Shannon (1948) setzt einen sehr speziellen Kontext voraus, auf den Shannon klar und deutlich hinweist. Es geht bei der Verwendung des Begriffs der Information bei Shannon NICHT um den Begriff von Information, wie er im Alltag oder bei wichtigen biologischen Kontexten vorkommt, wo unterschiedliche bedeutungsvolle/ semantische Kontexte eine Rolle spielen, sondern AUSSCHLIESSLICH um die jeweiligen Signalereignisse und deren Wahrscheinlichkeiten. Diese Signalereignisse als solche haben weder irgendeinen Informationswert noch eine irgendwie geartete Bedeutung. Es sind einfach Eigenschaften aus einem Eigenschaftsraum, die sich natürlich qua Eigenschaften durch Unterschiede/ Differenzen indirekt charakterisieren lassen. Aber der Begriff der Differenz setzt ein X und Y voraus, die minimale Eigenschaften Px und Py besitzen, aufgrund deren sie sich unterscheiden lassen. Nur unter Voraussetzung von solchen Elementen samt Eigenschaften lässt sich eine Differenz definieren. Ein System von Differenzrelationen setzt mathematisch eine Menge von Elementen voraus, aufgrund deren sich die Relationen definieren lassen.

  4. Der Sprachgebrauch von Bateson (1972) mit seinen Differenzen mag irgendwie interessant klingen, ist aber mathematisch irreführend. Eine Differenz ist abgeleitet von dem X, das sich von anderem Nicht-X unterscheiden lässt. Die Unterscheidbarkeit von Ereignissen X in der Wahrnehmung ist biologisch natürlich bedeutsam, aber das Ereignis als solches keinesfalls, nur die Relationen zu einem Y, das sich biologisch als ‚relevant‘ erweist.

  5. Streichen wir also den Begriff der Differenz im Kontext von Information, da redundant, bleibt der Informationsbegriff, angeblich nach Shannon.

  6. Bei Shannon aber ging es nur um Signalereignisse und deren wahrscheinliches Auftreten, ohne jeglichen Bedeutungsbezug.

  7. Natürlich kann man sowohl die empirischen wie auch die subjektiven Phänomene abstrakt als Ereignisse betrachten, die mit gewissen Wahrscheinlichkeiten auftreten. Das würde aber genau jene Qualitäten an diesen Ereignissen verdecken, die sie für ein biologisches System interessant machen. Biologisch interessant sind ausschließlich Ereignisse, sofern sie Bezug haben zum Überleben generell und innerhalb dessen zu speziellen Kontexten des Überleben. Es sind gerade diese Kontexte, die sich mit Ereignissen assoziieren lassen, durch die Ereignisse mit Bedeutung aufgeladen werden, sodass diese Ereignisse im biologischen Sinn informativ sind.

  8. Dieser fundamentale Aspekt von Information wurde von Shannon ganz bewusst ausgeklammert, da er dies für seinen Anwendungsfall nicht benötigt hat. Bateson und Chalmers brauchen es eigentlich, folgen hier aber – blindlings? – Shannon, obgleich dieser sogar ein großes Warnschild gleich zu Beginn seines Textes aufgestellt hat. DIES IST NICHT INFORMATION IM ÜBLICHEN SINNE!!!

STRUKTURELLE KOHÄRENZ VON WAS?

  1. Nach dieser Entmystifizierung des Differenz- und Informationsbegriffs bleibt von der Doppel-Aspekt Theorie der Information nur noch das übrig, was Chalmers schon zuvor mit dem nicht-basalen Prinzip der strukturalen Kohärenz ausgedrückt hat, dass nämlich die korrelierenden empirischen Phänomene und die subjektiven Phänomene strukturell ähnlich seien. Chalmers bleibt eine Definition jener Strukturen schuldig, die er als gegeben voraussetzt, von denen er immerhin sagt, dass sie isomorph seien, und doch wiederum nicht so, dass alle subjektiven Phänomene durch die empirischen Phänomene dadurch voll bestimmt wären. Eigentlich impliziert Isomorphie eine 1-zu-1 Abbildung; aber dann doch nicht ganz? Was meint er dann?

  2. Wenn man von einer Strukturähnlichkeit zwischen zwei Strukturen S1 und S2 spricht, geht man normalerweise davon aus, dass die beiden Strukturen S1 und S2 nicht nur einfach gegeben sind, sondern auch in ihrer Beschaffenheit genau beschrieben/ definiert sind. Kann man das von den subjektiven Phänomenen des Bewusstseins sagen? Außer von Husserl sind mir keine ausführlichen Untersuchungen zu den Phänomenen des Bewusstseins bekannt, und von Husserls Untersuchungen kann man weder sagen, sie seien vollständig noch liegen sie in einer Form vor, die man als formal befriedigend bezeichnen könnte (obwohl Husserl von der Ausbildung her auch Mathematiker war und von daher das Rüstzeug haben konnte). Diskutabel wäre hier vielleicht Carnaps logischer Stufenbau (1928), der der Struktur von Husserl – soweit bekannt – sehr eng folgen soll. Wovon also spricht Chalmers, wenn er die Strukturähnlichkeit zwischen empirischen und subjektiven Phänomenen behauptet?

WAS BLEIBT VON CHALMERS KRITIK?

NICHTREDUZIERBARKEIT

  1. Der zentrale Punkt von Chalmers Kritik dürfte wohl die Nichtreduzierbarkeit des Subjektiven auf Empirisches sein. Im subjektiv zugänglichen Erfahrungsraum des Bewusstseins erschließen sich Phänomene, die über die rein objektiv-empirischen Phänomene hinausgehen.

  2. In seiner ablehnenden Kritik empirischer Ansätze kommt immer wieder auch der Begriff der Funktion vor; funktionale-empirische Erklärungsansätze sollen nicht reichen. Diese Formulierung kann missverständlich sein. Denn der Versuch, den Raum der subjektiven Phänomene als Phänomene sui generis zu beschreiben, wird – wie auch im Fall empirischer Phänomene – Elementarereignisse einführen, über diese Elementarereignisse diverse Relationen und Funktionen,  und damit letztendlich eine Struktur des subjektiven Phänomenraumes definieren, mittels der man dann möglicherweise Vergleiche, Abbildungen auf andere Strukturen vornehmen kann, z.B. auch, wie von Chalmers praktiziert, auf die Struktur der mit dem Bewusstsein korrelierenden empirischen Phänomene.

  3. Hier stellt sich allerdings das spezielle Problem einer simultanen Abhängigkeit von korrelierenden empirischen und subjektiven Phänomenen: man kann ja nur in dem Maße davon sprechen, dass ein empirisches Phänomen Pe mit einem subjektiven Phänomen Ps korreliert, wenn es ein subjektives Phänomen Ps gibt, das als Ausgangspunkt dient! Ein empirisches Phänomen Pe als solches lässt keinerlei Rückschluss auf ein irgendwie geartetes subjektives Phänomen Ps zu. Die Brückenprinzipien, von denen Chalmers in seinem Artikel spricht, sind induktiv simultan zu definieren. Sie sind nicht einfach da. Es sind nicht die Brückenprinzipien, mittels deren man aus den empirischen Phänomenen Pe die subjektiven Phänomene Ps ableitet, sondern es sind die subjektiven Phänomenen Ps, die sich mit empirischen Phänomenen Pe korrelieren lassen, und aufgrund solcher realisierten Korrelationen kann man vielleicht Brückenprinzipien definieren.

  4. Dies gilt insbesondere auch am Beispiel der sprachlichen Äußerungen, die Chalmers explizit als Indikatoren möglicher subjektiver Erfahrung nennt. Der Sprachschall als solcher bildet ein empirisches Phänomen Pe, dem möglicherweise subjektive Bedeutungsinhalte Ps korrelieren können. Ob dies der Fall ist, kann nur der Sprechende selbst entscheiden, sofern er einen direkten Zugang zu seinen subjektiven Phänomenen hat und von daher weiß, ob sich mit einem bestimmten Sprachschall tatsächlich ein bestimmter subjektiver Sachverhalt verknüpft. Von daher sind sprachliche Äußerungen niemals ein Ersatz für die damit hypothetisch unterstellten subjektiven Phänomene.

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Philosophie im Kontext – Teil2 – Irrtum!

Das Diagramm im letzten Beitrag über Philosophie im Kontext ist falsch, nicht so sehr in den Details, sondern in der grundlegenden Logik.

Philosophie im Kontext - FalschBild 1

Eine korigierte Version könnte wie folgt aussehen:

Philosophie im Kontext - NeuBild 2

 

(1) In dem vorausgehenden Beitrag hatte ich versucht, auf der Basis der philosophischen Überlegungen seit Januar (letztlich natürlich noch Monate und Jahre weiter zurück) in einem Diagramm die grundsätzlichen Verhältnisse zu skizzieren, die man berücksichtigen muss, will man über das Zusammenspiel all der verschiedenen möglichen wissenschaftlichen und philosophischen Theorien sprechen, einschließlich des alltäglichen Denkens.

 

(2) Dabei ist mir ein gravierender Fehler unterlaufen, der natürlich nicht zufällig ist, sondern aus der Art und Weise resultiert, wie unser Denken funktioniert.

 

 

(3) Das Bild, so wie es jetzt ist (siehe Bild 1), zeigt — wie in einer Landkarte — das erkennende Individuum aus einer ‚Draufsicht‘ (3.Person) mit seinem Körper, darin enthalten sein Gehirn, und innerhalb des Gehirns irgendwo die subjektiven Erlebnisse als ‚Phänomene [PH]‘.

 

(4) Der Fehler liegt darin begründet, dass das subjektive Erkennen niemals als ‚Objekt einer dritten Person-Perspektive‘ auftreten kann. Das ist ja gerade das Besondere der subjektiven Erkenntnis, dass sie die ‚Innenansicht‘ eines Gehirns ist, das subjektive Erleben eines bestimmten Menschen (oder auch mit Abwandlungen eines Tieres), ’seines‘ Erlebens, bei Husserl dem ‚transzendentalen ego‘ zugeordnet. D.h. das ‚primäre Erkennen‘ ist in einem subjektiven Erleben verortet, das als solches kein Objekt einer dritten Person sein kann.

 

(5) Diesem Sachverhalt trägt Bild 2 Rechnung. Das Erkennen startet dort bei der Menge der Phänomene. Wie Husserl – und auch viele andere – zurecht herausgestellt hat, sind die Phänomene aber nicht nur ‚in sich geschlossene Objekte‘, sondern ‚phänomenologische Tatbestände‘ in dem Sinne, dass ihr ‚Vorkommen/ Auftreten‘ begleitet ist von einem ‚Wissen über sie‘; jemand, der ‚etwas erkennt‘, ‚weiß‘ dass er erkennt. Das wird im Diagramm durch den Pfeil mit dem Label ‚Reflexion‘ ausgedrückt: Im ‚Wissen um etwas‘ – Husserl nennt dies ‚Intentionalität‘ des Erkennens – können wir alles, was der Inhalt dieses primären Wissens ist, hinsichtlich möglicher unterscheidbarer Eigenschaften ‚explizit unterscheiden‘ und ‚bezugnehmende Konzepte‘ bilden.

 

 

(6) Und da der Mensch – in Ansätzen auch einige Tierarten – die wundersame Fähigkeit besitzt, ‚Gewusstes‘ [PH_Non-L] in Beziehung zu setzen (assoziieren, Assoziation) zu anderem Gewussten, das als ‚verweisenden Etwas‘ (Zeichen) [PH_L] dienen soll, kann der erkennende Mensch die ‚Inhalte seines Bewusstseins‘ – die Phänomene [PH] – mit Hilfe solcher verweisender Zeichen ‚kodieren‘ und dann unter Verwendung solcher kodierender Zeichen ‚Netzwerke solcher Zeichen‘ bilden, die – je nach ‚Ordnungsgrad‘ – mehr oder weniger ‚Modelle‘ oder gar ‚Theorien‘ bilden können.

 

(7) Da das begleitende Wissen, die Reflexion, in der Lage ist, auch ‚dynamische Eigenschaften‘ der Phänomene zu erfassen (‚Erinnern‘, ‚Vorher – nachher‘,…) kann diese Reflexion auch – nach sehr vielen Reflexionsschritten – unterscheiden zwischen jenen Phänomenen, die geschehen ‚ohne eigenes Zutun‘ (ohne eigenes ‚Wollen‘) und den anderen. Das ‚ohne eigenes Zutun‘ kann aus jenen Bereichen des ‚eigenen Körpers‘ herrühren, die die Reflexion ’nicht unter Kontrolle‘ hat oder aus Bereichen ‚außerhalb des Körpers‘, den wir dann auch ‚intersubjektiv‘ nennen bzw. neuzeitlich ‚empirisch‘ [PH_emp].

 

 

(9) In einer phänomenologischen Theorie [TH_ph], deren Gegenstandsbereich die subjektiven Erlebnisse [PH] sind, kann man daher die charakteristische Teilmenge der empirischen Phänomene [PH_emp] identifizieren. Daneben – und zugleich – kann man all die anderen Eigenschaften der Phänomene samt ihrer ‚Dynamik‘ unterscheiden und begrifflich ausdrücklich machen. Eine genaue Beschreibung aller möglicher Unterscheidung ist sehr komplex und ich habe nicht den Eindruck, dass irgend jemand dies bis heute erschöpfend und befriedigend zugleich geleistet hat. Möglicherweise kann dies auch nur als ein ‚Gemeinschaftswerk‘ geschehen. Dazu müsste man eine geeignete Methodik finden, die dies ermöglicht (vielleicht sind wir Menschen technologisch erst jetzt (2012, ca. 13.7 Milliarden Jahre nach dem Big Bang, ca. 3.7 Milliarden Jahre nach dem ersten Auftreten von lebensrelevanten Molekülen auf der Erde…) langsam in der Lage, eine solche Unternehmung einer ‚gemeinsamen Theorie des menschlichen phänomenalen Bewusstseins‘ in Angriff zu nehmen).

 

(10) Vieles spricht dafür, dass die unterschiedlichen Versuche von Philosophen, die Vielfalt der Reflexionsdynamik (und deren ‚Wirkungen‘ auf den Bewusstseinsinhalt) mit Hilfe von sogenannten ‚Kategorientafeln‘ zu strukturieren (keine gleicht wirklich völlig der anderen), in diesen Kontext der Bildung einer ‚phänomenologischen Theorie‘ [TH_ph] gehört. Idealerweise würde man – zumindest einige der bekanntesten (Aristoteles, Kant, Peirce, Husserl,…) – vor dem aktuellen Hintergrund neu vergleichen und analysieren. Sofern diese die Struktur der Dynamik des ’sich ereignenden Denkens‘ beschreiben, müssten diese Kategorientafeln letztlich alle ’strukturell gleich‘ sein. Dabei unterstellen wir, dass die Dynamik des Denkens der einzelnen Menschen aufgrund der Gehirnstruktur ‚hinreichend ähnlich‘ ist. Dies ist aber streng genommen bis heute nicht erwiesen. Die vielen neuen Erkenntnisse zur Gehirnentwicklung und zum individuellen Lernen (einschließlich der emotionalen Strukturen) legen eher die Vermutung nahe, dass es sehr wohl individuelle Unterschiede geben kann in der Art und Weise, wie einzelne Menschen die Welt ‚verarbeiten‘. Träfe dies zu, hätte dies natürlich weitreichende Folgen für die Alltagspraxis und die Ethik (und die Moral und die Gesetze…).

 

 

(11) Hat man sich dies alles klar gemacht, dann wundert es nicht mehr, dass die Bildung wissenschaftlicher empirischer Theorien [TH_emp] nicht ‚außerhalb‘ einer phänomenologischen Theoriebildung stattfinden kann, sondern nur ‚innerhalb‘, und zwar aus mindestens zwei Gründen: (i) die Menge der empirischen Phänomene [PH_emp] ist eindeutig eine echte Teilmenge aller Phänomene [PH], also PH_emp subset PH. (ii) Die empirische Theorie TH_emp entsteht im Rahmen und unter Voraussetzung der allgemeinen Reflexion, die unser primäres Denken ermöglicht und ausmacht; wir haben kein ‚zweites‘ Denken daneben oder ‚jenseits‘ im ‚Irgendwo‘. Dies erklärt auch sehr einfach das häufig bemerkte Paradox der Metatheorie: Theorien sind nur möglich, weil wir ‚über‘ (Alt-Griechisch: ‚meta‘) sie ’nachdenken‘ können. Dieses ‚Nachdenken über‘ (Metareflexion‘) ist unter Annahme der allem Denken vorausgehenden und begleitenden primären Reflexion keine Überraschung. Was immer wie uns ‚ausdenken‘, es geschieht im Rahmen der primären Reflexion und von daher kann auch alles und jedes, was wir jemals gedacht haben oder uns gerade denken beliebig miteinander in Beziehung gesetzt werden. Bezogen auf diese vorausgehende und begleitende Reflexion ist jeder ‚Denkinhalt‘ grundsätzlich ‚unabgeschlossen‘; die primäre Reflexion ermöglicht eine ‚endliche Unendlichkeit‘, d.h. der prinzipiell nicht abgeschlossene Denkprozess kann – als ‚Prozess‘ – jede endliche Struktur immer wieder und immer weiter ‚erweitern‘, ‚ausdehnen‘, usf.

 

(12) Kennzeichen von neuzeitlichen empirischen Theorien ist ihre Fundierung in ‚empirischen Messverfahren‘ [MEAS]. Kennzeichen dieser empirischen Messverfahren ist es, dass sie unabhängig vom Körper eines Menschen und auch unabhängig von seinem individuellen Erkennen, Fühlen und Wollen bei gleicher ‚Durchführung‘ immer wieder die ‚gleichen Messergebnisse‘ [DATA_emp] liefern sollen. Ob und wieweit solche ‚unabhängigen‘ Messungen tatsächlich durchgeführt werden können ist eine ‚praktische‘ und ‚technologische‘ Frage. Die Geschichte zeigt, dass dieses Konzept auf jeden Fall trotz aller Probleme im Detail bislang extrem erfolgreich war.

 

(13) Allerdings ist hier folgender Umstand zu beachten: obwohl die Messergebnisse [DATA_emp] als solche idealerweise ‚unabhängig‘ vom Fühlen, Denken und Wollen eines Menschen erzeugt werden sollen, gelangen dieses Messergebnisse erst dann zu einer ‚theoretischen Wirkung‘, wenn es irgendwelche Menschen gibt, die diese Messergebnisse DATA_emp ‚wahrnehmen‘ (Englisch: perception, abgekürzt hier als ‚perc‘) können, damit sie als ‚auftretende Phänomene‘ – und zwar hier dann als empirische Phänomene [PH_emp] – in den Bereich des ‚Wissens‘ eintreten, also perc: DATA_emp —> PH_emp. Dies bedeutet, der besondere Charakter von empirischen Phänomenen haftet ihnen nicht als ‚gewussten Eigenschaften‘, nicht qua ‚Phänomen‘ an, sondern nur im Bereich ihrer ‚Entstehung‘, ihres ‚Zustandekommens‘ (aus diesem – und nur aus diesem – Grund ist es so wichtig, beim Umgang mit Phänomenen jeweils klar zu kennzeichnen, ‚woher diese stammen), der ihrem ‚Phänomensein‘ ‚vorausliegt‘.

 

 

(14) In dem Masse nun, wie wir mittels empirischer Messungen Daten über das beobachtbare menschliche Verhalten [DATA_sr], über physiologische Eigenschaften des Körpers [DATA_bd] bzw. auch über Eigenschaften des Nervennetzes im Körper (‚Gehirn‘) [DATA_nn] gewonnen haben, können wir versuchen, basierend auf diesen verschiedenen Daten entsprechende wissenschaftliche Theorien TH_sr, TH_bd, TH_nn zu formulieren, die die Gesetzmäßigkeiten explizit machen, die durch die Daten sichtbar werden.

 

(15) Der wichtige Punkt hier ist, dass alle diese Theorien nicht ‚unabhängig‘ oder ‚jenseits von‘ einer phänomenologischen Theorie zu verorten sind, sondern ‚innerhalb‘ von dieser! Jede beliebige Theorie kann immer nur eine Theorie ‚innerhalb‘ der umfassenden und zeitlich wie logisch vorausgehenden phänomenologischen Theorie sein. Eine spezifische empirische Theorie [TH_i] zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie sich auf eine echte Teilmenge [PH_i] aller verfügbarer Phänomene [PH] beschränkt. Gerade in dieser methodischen Beschränkung liegt – wie der Gang der Geschichte uns lehrt – der große Erfolg dieser Art von Theoriebildung. Zugleich wird aber auch deutlich, dass jede dieser speziellen Theorien TH_i aufgrund ihrer speziellen Datenmengen DATA_i (denen die entsprechenden Phänomenmengen PH_emp_i] korrespondieren) zunächst einmal nichts mit einer der vielen anderen speziellen Theorien TH_j TH_i zu tun hat. Es ist eine eigene theoretische Leistung, Querbeziehungen herzustellen, strukturelle Ähnlichkeiten aufzuzeigen, usw. Dies fällt dann in den Bereich ‚interdisziplinärer Theoriebildung‘, ist ‚Metatheorie‘. Diese Art von metatheoretischen Aktivitäten ist aber nur möglich, da die primäre Reflexion alle Arten von speziellen Reflexionen zeitlich und logisch vorausgeht und das entsprechende ‚Instrumentarium‘ zur Verfügung stellt.

 

(16) In diesem Kontext ist unmittelbar einsichtig, dass subjektives Wissen prinzipiell kein Gegenstand empirischer Theoriebildung sein kann. Im Umfeld der modernen Neurowissenschaften (einschließlich Neuropsychologie) sowie im Bereich der Psychologie ist dieser grundsätzliche Tatbestand – so scheint es – bislang methodisch nicht wirklich sauber geklärt. In unzähligen Experimenten mischen sich klare empirische Vorgehensweisen mit der Benutzung von subjektiven Daten, was methodisch ungeklärt ist. Dies durchzieht alle ‚Kreise‘.

 

(17) Will man von der einzigartigen Datenquelle des primären Wissens PH für wissenschaftliche empirische Forschung PH_emp profitieren, bietet sich bislang einzig ein ‚hybrides‘ Vorgehen an, in dem ein Mensch sein eigenes subjektives Wissen PH auf der Basis einer ‚zeitlichen Korrelation‘ (t,t‘) mit empirischen Daten PH_emp, die von anderen Wissenschaftlern mittels Messungen über seinen Körper und sein Nervennetz erhoben werden. Also etwa CORR((t,t‘), PH, PH_emp). Dies ist zwar mühsam und fehleranfällig, aber die einzige methodische Möglichkeit, mit diesen ungleichen Phänomenmengen zurecht zu kommen (Mir ist nicht bekannt, dass irgendjemand diese scharfe methodische Forderung bislang erhebt geschweige denn, dass irgend jemand danach tatsächlich vorgeht).

 

(18) Für die weiteren Überlegungen soll versucht werden, diesen methodologischen Anforderungen gerecht zu werden.

 

(19) Es zeigt sich nun auch sehr klar, dass und wie das philosophische Denken gegenüber allen anderen theoretischen Erklärungsansätzen tatsächlich eine Sonderstellung einnimmt. Das philosophische Denken ist das fundamentale Denken, das jeglichem speziellen Denken zeitlich und logisch voraus liegt, nicht als Gegensatz oder als etwas ganz Anderes, sondern als das primäre Medium innerhalb dessen sich alles andere ‚abspielt‘. Während ich eine spezielle empirische Theorie als ‚Objekt des Wissens‘ klar abgrenzen und beschreiben kann, ist die dazu notwendige Metareflexion als solche kein ‚Objekt des Wissens‘, sondern immer nur ein nicht weiter hintergehbares ‚Medium‘, eben das ‚Denken‘, in dem wir uns immer schon vorfinden, das wir nicht erst ‚machen‘, das wir nur ‚benutzen‘ können. Die ‚Eigenschaften‘ dieses unseres Denkens ‚zeigen‘ sich damit auch nur ‚indirekt‘ durch die ‚Wirkung‘ der Denkaktivität auf die Inhalte des Bewusstseins (Eine Kooperation von empirischer Psychologie TH_emp_psych und phänomenologischer Analyse TH_ph kann hilfreich sein, allerdings sind die Gegenstandsbereiche DATA_emp_psych als PH_emp_psych und PH komplett verschieden und wirklich interessant würde es erst dann, wenn wir eine TH_emp_psych einer TH_ph gegenübersetzen könnten (bislang sehe ich nirgends – nicht einmal in Ansätzen – eine phänomenologische Theorie, die diesen Namen verdienen würde, noch eine wirkliche empirische psychologische Theorie, und das im Jahr 2012).

 

 

Ein Überblick über alle bisherigen Einträge findet sich hier.

 

 

In dem Online-Skript General Computational Learning Theory versuche ich, diese erkenntnisphilosophischen Aspekte zu berücksichtigen. Ich kann in diesem Skript allerdings nur einen Teilbereich behandeln. Aber aus diesen sehr abstrakt wirkenden Überlegungen ist meine ‚Rückkehr zur Philosophie‘ entscheidend mitbeeinflusst worden.

 

 

 

 

 

Ich glaube an Gott, was brauch ich dann die (komplizierten) Wissenschaften?

(1) Während einer Geburtstagsfeier mit vielen Gästen (wo sonst…) nahmen die Gespräche zur fortgeschrittenen Stunde immer intensivere Verläufe. An einer Stelle sagte dann eine engagierte Frau, dass Sie an Gott glaube, an die Welt als Schöpfung; das gäbe ihr Kraft und Sinn; und so lebe sie es auch. Die Wissenschaft brauche sie dazu nicht; die sei eher verwirrend.

 

 

(2) Mit solch einem ‚Bekenntnis‘ ist das Wissen zunächst einmal ’neutralisiert‘; was immer Wissen uns über den Menschen und seine Welt sagen könnte, es findet nicht statt, es gibt kein Wissen mehr. Mögliche Differenzierungen sind wirkungslos, mögliche Gründe unwichtig; mögliche Infragestellungen, gedankliche Herausforderungen können nicht greifen; damit verbundene mögliche Spannungen, Erregungen können nicht stattfinden. Die Welt ist ‚wie sie ist‘, d.h. wie das aktuelle Wissen des so Glaubenden sie zeichnet. Alles hat seine Ordnung, eine Ordnung die sich nicht beeinflussen lässt durch Wissenschaft.

 

 

(3) In gewisser Weise hört nach einem solchen Bekenntnis jedes Gespräch auf. Man kann zwar noch weiter Reden, aber inhaltlich kann man sich nur noch auf wechselseitige Bestätigungen beschränken: Ja, ich sehe das auch so; ja, ich glaube das auch; ja, ich finde das gut;…. abweichende Meinungen haben streng genommen keinen Platz in diesem Gefüge…weil sie einfach ausgeblendet werden (Menschen mit mehr Aggressionspotential gehen dann allerdings zum ‚Angriff‘ über und versuchen, die ‚abweichende‘ Meinung nieder zu machen). Aber auch das ‚einfache Ausblenden‘ einer anderen Meinung, zu sagen, dass man abweichende Meinungen nicht hören will, ist eine Form der ‚Entmündigung‘ und damit eine Form von ‚Missachtung‘. Wahrheit ist dann nicht mehr möglich.

 

 

(4) Mich hat diese Einstellung geschockt. Wenn man weiß, auf welch schwankendem Boden jegliche Form von Wissen über uns, die Welt und Gott steht und wenn man weiß, wie viel Unheil über Menschen im Namen des Glaubens gekommen ist, weil die Gläubigen zu wissen glaubten, was wahr ist und in diesem Glauben tausende andere unterdrückt, verfolgt, gefoltert und getötet haben, weil sie auch glaubten, dass ihre Form des Glaubens über alle anderen Erkenntnisse und Wahrheiten ‚erhaben‘ sei, dann ist jegliche Form der Ablehnung von Wissen (ob durch Verweis auf Gott (Wer kennt ihn wirklich), durch Verweis auf eine politische Ideologie, durch Verweis auf ethnische Besonderheiten, durch Verweis auf ‚besonderes Blut‘, usw.) letztlich in einem identisch: die bewusste willentliche Entscheidung, sein eigenes Bild von der Welt auf keinen Fall zu verändern; was immer die Wissenschaften über uns und die Welt herausfinden, das wird als ‚irrelevant‘ neutralisiert.

 

 

(5) Allerdings zeigt sich am Beispiel solcher ‚alltäglicher‘ Konflikte auch sehr unmittelbar, dass entwickelte (wissenschaftliche) Formen von Wissen alles andere als selbstverständlich sind. Es hat nicht nur viele tausend Jahre gebraucht, bis die Menschen mit komplexeren Wissensformen umgehen konnten, es ist heute, in unserer Gegenwart so, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass nicht nur viele derjenigen, die nicht studiert haben, ein gebrochenes Verhältnis zu wissenschaftlichem Wissen haben, sondern dass ebenso viele derjenigen, die akademische Abschlüsse vorweisen können (mehr als 50%?), das ‚Wesen von wissenschaftlichem Wissen‘   nicht verstanden zu haben scheinen und Anschauungen über uns Menschen und die Welt für ‚wahr‘ halten, die — nach meinem Kenntnisstand — ziemlich abstrus und willkürlich sind (so eine Art ‚Voodoo‘ unter dem Deckmantel von Wissenschaft und Aufklärung).

 

 

(6) Es macht wenig Sinn, über diesen Sachverhalt zu ‚moralisieren‘. Es ist die Realität, in der wir leben. Da unser Handeln von unserem Wissen — oder von der Meinung anderer, denen wir einfach folgen — geleitet ist, haben solche Auffassungen ihre alltäglichen Wirkungen.

 

 

(7) Wenn man also versucht Wissen ernst zu nehmen; wenn man Fragen zulässt und sie versucht ernsthaft zu beantworten; wenn man sogenannte Selbstverständlichkeiten immer wieder mal hinterfragt, um sich zu vergewissern, dass man keine falschen Voraussetzungen mit sich herum trägt; wenn man versucht, aus den vielen Detailerkenntnissen größere Zusammenhänge zu konstruieren und auch wieder zu verwerfen; wenn man versucht, Sachverhalte zu Ende zu denken, obgleich wenig Zeit ist, man erschöpft ist, und keiner davon etwas hören will, dann darf man dafür kein Lob erwarten, keine Ermutigung, kaum Zustimmung, sondern eher Ablehnung, Angst, Abwehr oder Bemerkungen wie ‚Was Du da wieder denkst‘, ‚Das braucht doch kein Mensch‘, ‚Hast Du nichts Besseres zu tun‘, ‚Das nervt einfach‘, ‚Mir ist das alles zu kompliziert‘,….

 

 

(8) Sich auf Dauer ernsthaft mit ‚wahrem‘ Wissen zu beschäftigen (nicht mit Modetrends, Buzz Words, usw.) liegt quer im Alltag, darf auf keine Unterstützung hoffen. Die meisten Menschen suchen nicht die ‚Wahrheit‘, sondern eher Bestätigungen für ihre aktuelle Unwahrheit; Bestätigungen fühlen sich einfach besser an als Infragestellungen durch Erkenntnisse, die dazu zwingen, das eigene Bild von der Welt zu verändern.

 

 

(9) Jedes Wissen hat ‚Ränder des Wissens‘, jene Bereiche, die vom bisherigen Wissen noch nicht erschlossen sind bzw. die durch aktuelles Wissen ‚verstellt‘ werden, d.h. ich werde im Wissen erst weiter kommen, wenn ich dieses ‚verstellende‘ Wissen als ‚falsch‘ bzw. ‚unzureichend‘ erkannt habe. Wie soll dies geschehen? Menschen, die hauptsächlich nur Bestätigungen suchen, haben praktisch keine Chance, die ‚Falschheit‘ ihres Wissens zu entdecken. Sie sind in ihrem aktuellen Wissen quasi gefangen wie in einem Käfig. Da sie ihren Käfig nicht sehen, ihn ja sogar für ‚richtig‘ halten, wird sich der Käfig im Normalfall immer nur noch weiter verfestigen.

 

 

(10) Das biologische Leben, von dem wir Menschen ein winziger Teil sind, hat die Jahrmilliarden dadurch gemeistert, dass es nicht einer bestimmten vorgegebenen Ideologie gefolgt ist, sondern dass es ‚alles, was möglich wahr, einfach probiert hat‘. Man kann dies ‚Zufall‘ nennen oder ‚Kreativität‘ oder ‚Spiel‘; letztlich ist es so, dass Zufall/ Kreativität/ Spontaneität/ Spiel jeglicher fester Form auf Dauer haushoch überlegen ist, da feste Formen von Wissen Spezialisierungen darstellen für bestimmte Aspekte von Welt, meistens dazu sehr statisch, und solche Formen sind sehr schnell sehr falsch. Besser zu sein als ‚zufallsgesteuertes Wissen‘ ist eine sehr hohe Messlatte, und biologische Systeme wirken nur deshalb gegenüber reinem Zufall überlegen, weil sie die Erfahrungswerte von 3 Milliarden Jahren ’spielerischer Evolution‘ in sich angesammelt haben. Mehr als drei Milliarden Jahre Experimente mit hunderten Milliarden Beteiligten pro Jahr sind eine Erfahrungsbasis, die in sich ein Wunder darstellt, das zu begreifen nicht leicht fällt. Wir, die wir von diesem ‚angesammelten Wissen‘ profitieren können, ohne dass wir auch nur irgendetwas selbst dazu beigetragen haben, haben meistens kein gutes Gefühl dafür, welch ungeheure Leistung es bedeutet, das bisherige Weltwissen auch nur ein kleines Stück zu erweitern. Wer sich die Mühe machen würde, beispielhaft  — von vielen möglichen spannenden Geschichten — die Geschichte des mathematischen Denkens zu verfolgen, das zum Herzstück von jeglichem komplexen Wissen gehört, kann sehen, wie sich die besten Köpfe über 3000 und mehr Jahre bemühen mussten, bis die Mathematik eine ‚Reife‘ erlangt hat, die erste einfache Wissenschaft möglich macht. Zugleich gilt, dass in unseren Zeiten, die mehr denn je von Technologie abhängen, das Wissen um Mathematik bei den meisten Menschen schlechter ist als bei den Denkern der Antike. Es ist eben nicht so, dass ein Wissensbereich, der über Jahrtausende mühsam aufgebaut wurde, dann automatisch in der gesamten nachfolgenden Kultur verfügbar ist; ein solches Wissen kann auch wieder verfallen; ganze Generationen können in der ‚Aneignung von Wissen‘ so versagen, dass ‚errungenes Wissen‘ auch wieder ‚verschwindet‘. Wissen in einer Datenbank nützt nichts, wenn es nicht reale Menschen mit realen Gehirnen gibt, die dieses Wissen auch tatsächliche ‚denken‘ und damit anwenden können. Immer größere Datenbanken und immer schnellere Netze nützen nichts, wenn das reale Wissen in den realen Köpfen wegen biologischer Kapazitätsgrenzen einfach nicht ‚mithalten‘ kann…

 

 

(11) Unsere heutige Kultur ist in der Tat an einer Art Scheideweg: unsere Technologie entwickelt sich immer schneller, aber die biologischen Strukturen unserer Körper sind bislang annähernd konstant. Bedeutet dies, dass (i) die Ära der Menschen vorbei ist und jetzt die Zeit der Supercomputer kommt, die den weiteren Gang der Dinge übernehmen? oder (ii) haben wir einen Wendepunkt der Entwicklung erreicht, so dass ab jetzt aufgrund der biologischen Begrenztheit der Menschen es nicht mehr nur um ’schneller‘ und ‚mehr‘ geht sondern um ‚menschengemäßere künstliche Intelligenz‘, die ein Bindeglied darstellt zwischen dem kapazitätsmäßig begrenztem menschlichem Denken einerseits und einer immer leistungsfähigeren Technologie? oder (iii) Beginnt jetzt die Ära der angewandten Gentechnologie, die uns in die Lage versetzt, unseren Körper schrittweise so umzubauen, dass wir die Erfordernisse eines biologischen Lebens auf der Erde besser meistern könne als bisher? Die Alltagserfahrung legt vielleicht (i) nahe, die bisherige historische Entwicklung deutet aber auf (ii) und (iii) hin. Denn — und das übersieht man leicht — der Weg des Lebens in den letzten ca. 3.2 Milliarden Jahren hat permanent Probleme lösen müssen, die verglichen mit den uns bekannten Problemen um ein vielfaches größer waren. Und das Prinzip des Lebens hat dies alles gemeistert, ohne dass wir auch nur einen Millimeter dazu beigetragen haben. Wenn wir uns also weniger an unsere vielfältigen kleinkarierten Ideologien klammern würden und stattdessen stärker auf die ‚innere Logik des Lebens‘ achten, dann sind die potentiellen Lösungen in gewisser Weise ’schon immer da‘. Dies ist nicht als ‚Determinismus‘ oder ‚Vorsehung‘ misszuverstehen. Nein, die Struktur der Materie enthält als solche alle diese Strukturen als Potential. Unsere gesamtes heutiges Wissen (von dem unsere Körper mit ihren Gehirnen ein kleiner Teil sind) ist letztlich nichts anderes als das versammelte Echo der Milliarden von Experimenten, in denen wachsende biologische Strukturen in einem permanenten Dialog mit dem vorfindlichen Universum Aspekte dieses Universums ’sichtbar‘ gemacht haben; wahres Wissen zeigt in dem Sinne nichts ‚Neues‘ sondern macht ’sichtbar‘, was schon immer da war bevor es dieses Wissen explizit gab. ‚Wissen schaffen‘ heißt im Wesentlichen ‚in Dialog treten‘, d.h. ‚Interagieren‘, d.h. ‚ein Experiment durchführen‘ und die Ereignisse im Umfeld der Dialoge ‚geeignet zusammenführen‘ (Bilder, Modelle, Theorien…). Was ‚Denken‘ wirklich ist wissen wir bislang eigentlich immer noch nicht wirklich, was unsere Gehirne aber nicht daran hindert, kontinuierlich Denkarbeit zu leisten. Unsere Gehirne denken für uns. Wir sind quasi ‚Konsumenten‘ dieser wundersamen Gebilde. Dass unsere Gehirne nicht ‚beliebig gut‘ denken sondern so ihren ‚eigenen Stil‘ pflegen, das merkt man erst nach vielen Jahren, wenn man sich intensiv mit der Arbeitsweise des Gehirns beschäftigt. Wenn wir über die ‚Welt‘ reden dann reden wir nicht über die Welt ‚wie sie um uns herum ohne uns ist‘, sondern über die Welt, ‚wie sie unsere Gehirne für uns aufbereiten‘. Unsere Gehirne arbeiten so perfekt, dass uns dieser fundamentale Unterschied lange Zeit — vielen Menschen vielleicht zeit ihres Lebens nie — nicht auffällt.

 

 

(12) Wir sind Teil dieses gigantischen Geschehens. Wir finden uns darin vor. Leben ist mehr als die Worte, die man darüber formulieren kann. Einen Sinn gibt es natürlich; er hängt nicht davon ab, ob wir ihn sehen oder nicht sehen, glauben oder nicht glauben. Der wahre Sinn durchdringt alles von Anbeginn. Wir können versuchen, uns ihm gegenüber zu verschließen, aber wir selbst mit unserem Körper als Teil des Ganzen, enthalten so viel von diesem Sinn, dass wir geradezu ‚voll gepumpt‘ sind mit diesem Sinn. Vor allem Erkennen kann man es auch fühlen.

 

 

(13) Was ‚Gott‘ mit allem zu tun hat? Ich bin mir nicht sicher, ob wir als Menschen diese Frage überhaupt verstehen können.

 

 

Hoffmanns Erzählungen

  1. Nach Jahren war ich wieder mal in der Oper (Frankfurt); ‚Hoffmanns Erzählungen‘ in der Vertonung von Jaques Offenbach. Zum ersten Mal aufgeführt in Paris am 10.Februar 1881. Der Komponist selbst starb vor der Uraufführung am 5.Okt.1880 in Paris. Er hinterlässt eine vollständige Klavierpartitur für die ersten drei Akte und Skizzen für die restlichen zwei.

  2. Von den vielen Dingen, die man über den Text und die Musik schreiben könnte (und so viel wurde auch schon geschrieben) hier jetzt nur dieses: im Handlungsteil erleben wir einen Hauptdarsteller Hoffmann (gleichnamig mit dem Autor des Textes), der drei Beziehungsgeschichten durchlebt, die alle in der Enttäuschung enden.

  3. Die erste Frau, in die er sich verliebt, wird irgendwann ‚enttarnt‘ als ein ‚Automat‘ (heute würden wir vielleicht sagen ‚Roboter‘); gar kein Mensch. Ob die Liebe trotz allem bis zu einem gewissen Grade vielleicht doch Bestand gehabt hätte, erfahren wir nicht, weil der Automat von einem anderen Enttäuschten zerstört wird.

  4. Die zweite Frau, in die er sich verliebt, ist todkrank, ohne es zu wissen. Der schöne Körper als Projektionsfläche der Erwartungen, ’stirbt‘ sehr bald. Die wunderschöne Stimme des Körpers erklingt zuvor, erweckt schöne Gefühle, bewirkt aber die Beschleunigung des körperlichen Todes. Die Frau selbst, Antonia, erlebt unterschiedlichste starke Gefühle in sich, die sie hin und her reißen, weil sie nicht weiß, wie sie diese Gefühle deuten soll. Welches Gefühl ist ‚richtig‘?

  5. Die dritte Frau wird als ‚Kurtisane‘ bezeichnet (Prostituierte, Hure, erotische Dienstleisterin,…). Obgleich als solche dem Hauptdarsteller bekannt und abgelehnt, gelingt es ihr, seine Zuneigung durch eine Verführung der anderen Art zu gewinnen: sie präsentiert sich als ‚Opfer‘ und bietet sich ihm als ‚Belohnung‘ an, wenn er sie aus ihrer Gefangenschaft befreit. Als die Verführung gelingt, entlockt sie ihm sein ‚Spiegelbild‘ und bringt ihn dazu, den Mann zu erschießen, von dem sie behauptet, dass er sie gefangen halte.

  6. Man kann diese bisherige Handlung als ‚billige‘ Geschichten abtun, als ’seichte‘ Unterhaltung, als Boulevardstoff (als der er zu seiner Zeit sicher auch gehandelt wurde; E.T.A. Hoffmann war seinerzeit mit seinen skurrilen Geschichten sehr populär), aber man muss nicht. Je nach Standpunkt bieten Sie Ansatzpunkte für weiterreichende Betrachtungen.

  7. In der Frankfurter Aufführung folgt den drei verunglückten Beziehungsgeschichten noch ein Epilog, in dem die ‚wahre‘ Freundin den Hauptdarsteller in seinem Leid und Suff ‚bespricht‘; sie sieht in seinem ‚Leid‘ eine Chance zu Läuterung, zur tieferen Erkenntnis. Details bleiben im Dunkel. Möglicherweise erhofft Sie sich als konkrete Person durch die Befreiung des Hauptdarstellers von ‚falschen‘ Liebesbildern eine stärkere Öffnung und Zuwendung für sie als Freundin. Aber dies bleibt im Ungewissen.

  8. Das ist das Bizarre an diesem Stück: der Weg ins ‚Unglück‘ in Form selbstzerstörerischen Leidens und begleitendem Suff wird breit und lustvoll inszeniert (eine gewisse Parallele zum Lebensstil und Leben von Jacques Offenbach und E.T.A.Hoffmann selbst), ein Ausweg aber nur angedeutet. Die treibenden Kräfte der Handlung sind ein buntes Gemisch, aus Sehnsüchten, Leidenschaft, der viel bemühten ‚Liebe‘, Drogen, Ruhmsucht, die aufgrund ihrer fragilen und zeitlich beschränkten Natur auf Scheitern programmiert sind. Und dann der Absturz, das Versagen, das Scheitern, das Zerbrechen, das Entschwinden des begehrten Objektes, das zu einem ebenso schmerzenden Gemisch aus enttäuschten Gefühlen führt, die das innere Erleben überschwemmen und zu ersticken drohen.

  9. So fantastisch die Struktur von uns Menschen vor dem Hintergrund einer langen evolutionären Entwicklungsgeschichte auch erscheinen mag, im alltäglichen Leben des vielfältigen komplexen Miteinanders erweisen sich die emotionalen Komponenten der Bewertung und Steuerung als ‚primitiv‘ und vielfältig überfordert. So mag man z.B. die hormonale Programmierung des männlichen Gehirns auf spezifische weibliche Attribute gattungstechnisch als ‚überlebensnotwendig‘ klassifizieren oder sie subjektiv bisweilen als ‚angenehme‘ empfinden, in den meisten Fällen ist diese Programmierung aber unangepasst, störend, quälend bis hin zu zerstörend und Enttäuschungen produzierend. Das hormonale Programm als solches ist sehr dumm, es ist ‚blind‘. Ähnlich sind viele tief sitzende primitiven Bedürfnisse wie z.B. an ‚Kontrolle‘, an ‚Macht‘ und an ‚Ruhm‘ Fixierungen, die den betreffenden ‚von innen fesseln‘, ihn an bestimmte Ereignisse, Situationen ‚binden‘. Enttäuschungen hier, Zerstörungen dort sind unausweichlich; eine vergiftete Atmosphäre ist das begleitende ‚Parfüm‘ dieser Verhaltensprogramme.

  10. Wenn am Ende von Hoffmanns Erzählungen das ‚Leiden‘ als mögliches Tor zur Läuterung, zur Erlösung bemüht wird, dann fragt man sich: wieso? Warum und wie kann das Leiden die Situation verbessern, und , warum erst Leiden? Warum nicht gleich den ‚besseren‘ Weg wählen, wenn es denn einen gibt. Warum soviel Zeit mit ‚Schrott‘ verbringen, wenn es doch etwas ‚Besseres‘ gibt?

  11. Das Leiden wird gerne und oft bemüht als der ‚Preis‘ für ein falsches Leben oder eben als möglicher ‚Einstieg‘ in ein Besseres. Doch erscheint dies zu billig. Denn weder muss das Leben immer und überall zum ‚Leiden‘ führen noch ist gesagt, dass Menschen durch Leiden tatsächlich zu einem ‚besseren‘ Zustand finden. Viele (die meisten?), die durch den Gang ihres konkreten Lebens in den inneren Zustand des ‚Leidens‘ kommen, finden dadurch nicht zu einem besseren Leben. Sie verfangen sich in diesen Gefühlen und finden keinen Ausgang. Es ist wie ein Strudel, der alles weg zu reißen scheint, was vielleicht Hoffnung geben könnte. Die Betroffenen wirken wie Ertrinkende, bei denen nicht klar ist, welcher ‚Rettungsring‘ noch greift.

  12. Der Verweis auf das Leiden erscheint daher eher als hilflose Geste gespeist von einem Funken Hoffnung, dass es trotz all des erlebten Scheiterns irgendwie doch noch irgendwo etwas gibt, was da heraus führt.

  13. Im Buddhismus hat man hier eine sehr einfache Antwort: ‚Man muss sich von all dem lösen, was Leiden erzeugen kann‘. Im radikalen Sinn würde dies bedeuten, dass man seinem aktuellen Leben ein Ende bereitet, da unsere aktuelle Lebensform sich genau durch diese implizite ‚Spannung‘ definiert. Im Gegensatz zur ‚unbelebten‘ Materie definiert sich Leben ja gerade dadurch, daß durch Zusammenführung von freier Energie aus der Umgebung Potentialunterschiede aufgebaut werden, die durch die daraus resultierenden Differenzen/ Spannungen zu jenen Informationsflüssen fähig sind, die das Geschehen in den Zellen, in den Zellverbänden, in den Organen, im Körper ermöglichen. Wir sind körperlich nur das, was wir sind, weil hunderte von Milliarden Potentialunterschiede sich gegenseitig, wechselwirkend anregen, anstoßen, und zwischen Spannung und Entspannung hin und her oszillieren. Und dies alles nicht ‚ungeordnet‘, sondern in – fast möchte ich sagen ‚geheimnisvollen‘ – Rhythmen, deren Ungleichzeitigkeit und Gleichzeitigkeit die Symphonie eines bewussten Gehirns ermöglichen. Aus dieser Perspektive erscheint das Motto des Buddhisus als lebensfeindliche Ideologie, die genau das, was Leben ausmacht, verteufelt. Das erscheint mir nicht zielführend.

  14. Unsere aktuelle körperliche Lebensform, die ein Durchgangsstadium repräsentiert von ungefähr -3.6 Milliarden beginnend bis zu einem unbekannten Enddatum, enthält neben sehr vielen ‚eingebauten‘ (‚angeborenen, genetisch bedingten,….) Mechanismen, die sowohl hilfreich als auch störend, belastend sein können, auch verschiedene Möglichkeiten, sich ‚zusätzliche‘ Erkenntnis- Erlebens- und Handlungsebenen zu verschaffen, die über die eingebauten Tendenzen hinausführen können. Die Antonia aus Hoffmanns Erzählungen wird zwischen verschiedenen erlebten Zuständen (Gefühlen) hin und her gerissen, weil sie nicht weiß, wie sie die verschiedenen Gefühle ‚bewerten‘, ‚deuten‘ soll. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir heute in der Kunst der Gefühlsdeutung im Alltag nennenswert weiter gekommen sind. Die Literatur über Gefühle ist zwar uferlos, aber ihr ‚Wahrheitsgehalt‘ erscheint mir gering, da meistens sehr beliebig. Die wissenschaftliche Psychologie hilft partiell weiter, sehr partiell. Das größte Hindernis für einen substantiellen Fortschritt in Sachen besseres Verständnis der menschlichen Emotionen und ihre konstruktive Einbindung in den Alltag sehe ich darin, das wir bislang nicht zugeben können, dass wir fast nichts Brauchbares wissen. Wissenschaft wird zur Pseudowissenschaft, wenn sie vorgibt, mehr zu können als sie wirklich kann.

  15. Eine Oper besteht natürlich nicht nur aus Handlungen und Text, sondern auch aus Klängen, die Handlung und Text ‚umhüllen‘. Sie dringen ins Ohr und bewegen unsere Emotionen (und den Verstand?). Aber, es ist bekannt, dass das visuelle System des Menschen das auditive ‚dominiert‘: erste ’sehen‘ wir und dann ‚hören‘ wir. So entsteht in einer Oper eine diffuse Parallelität zwischen Zuschauer und Zuhörer, zwischen Bild und Klang, eine Parallelität, die naturgemäß nicht ‚aufgeschlüsselt‘ ist. Wer nicht vorher den Text, die Handlung und die Partitur intensiv analysiert hat, der wird nahezu nichts von den Details der Musik ‚mitbekommen‘. Es bleiben im Gesamteindruck Höhen und Tiefen, Laut Leise, diverse Klangfarben, emotionale Schwingungen, anrührende Stimmen, blasse Abschnitte, usw. im ‚Kontext‘ einer Handlung, die anspricht oder nicht. Ist dies eine ‚Versklavung‘ der Musik durch das Auge? Nur, wenn man es so sehen will. Im ‚reinen‘ Konzert wird das Auge weitgehend neutralisiert. Es gibt viele Formen der Einwirkung auf das Gehirn.

GOTT MISSBRAUCHEN

(1) Insofern es ‚Gott‘ als ‚Erstes‘, ‚Höchstes‘, ‚Lebenswertestes‘ usw. gibt, ist die Art und Weise, wie Menschen über dieses ‚Erste‘, ‚Höchste‘ usw. reden, nicht ganz egal. Es ist eine reale Möglichkeit, dass Menschen über ‚Gott‘ in einer Art und Weise reden, die die Sache ‚Gottes‘  ‚falsch‘ darstellt. Es ist eine reale Möglichkeit, dass Menschen ihre individuellen Bilder  und Interessen haben, die NICHT die Sache Gottes sind, und dass diese Menschen etwas ganz und gar Falsches und Schlechtes als die Sache Gottes vorgeben.

(2) Insofern ‚Gott‘ der ‚Schöpfer‘ von allem ist, kann man das ‚Ganze‘, zu dem zwangsläufig auch das Universum gehört, nicht gegen Gott ausspielen! Wer sich für den REALEN Gott interessiert, der muss sich auch für das REALE Universum interessieren. Das Wissen um das Universum, das Wissen um die REALE Welt, kann in keiner Weise gegen Gott gerichtet sein, sondern ist ein solches Wissen, das das ‚wahre Wesen‘ Gottes in diesem Bereich (der möglicherweise nur ein Teil ist) ‚enthüllt‘.

(3) Wer ‚Gott‘ suchen will, muss sich davor hüten, den ‚falschen‘ Bildern hinterher zu laufen, muss sich vor den ‚falschen‘ (natürlicherweise ’selbsternannten‘) Propheten hüten. Nur weil einer behauptet, ‚über Gott‘ zu sprechen, muss er nicht wirklich ‚im Namen Gottes‘ sprechen; nur weil jemand besonders ‚laut‘ und ‚radikal‘ auftritt, ist er nicht automatisch ein ‚wahrer‘ Verkünder. Salbungsvolle Worte, das Drücken auf die Tränendrüsen, stimmungsvolle Inszenierungen, das Einfordern von Hab und Gut, die Einschränkungen von persönlichen Freiheiten, das Verbieten anderer Denkweisen, der Appell an eine formale Autorität, das Schlecht-Reden anderer Menschen, all dies sind Gegebenheiten, die mehr als nur besondere Aufmerksamkeit fordern.

(4) Natürlich kann es passieren, dass Menschen ‚über Gott‘ sprechen und diese sind subjektiv sogar der Meinung, dass das, was sie sagen, auch ‚wirklich wahr‘ sei (obwohl es tatsächlich falsch ist). Dies ist ein schwieriger Fall. Woran können diese Menschen ‚erkennen‘, dass ihr ‚Bild von Gott‘ falsch ist? Sind Sie sich selbst bewusst, dass Sie sich selbst ‚irren‘ können?

(5) Wir als Menschen sind zwar einerseits ein unauflöslicher Teil des umspannenden Phänomen des Lebens auf dem Planeten Erde, wir weisen aber auch die Besonderheit auf, dass unsere Körper ein Gehirn besitzen, das uns in die Lage versetzt, kontinuierlich (und ‚vollautomatisch‘) ‚Bilder‘ von uns selbst und der umgebenden Welt zu haben. Diese Bilder –soviel wissen wir heute– sind nicht die Welt selbst, sondern –wie das Wort schon sagt– sind ‚Bilder‘, ‚Konstruktionen‘ unseres Gehirns auf der Basis der Ereignisse, die unsere Sinnesorgane von den Ereignissen ‚außerhalb‘   und ‚innerhalb‘ unseres eigenen Körpers liefern. Für einfache Verhaltensweisen (wie z.B. sich richtig bewegen) sind diese Bilder ausreichend geeignet. Für kompliziertere Sachverhalte sind diese Bilder schnell ‚unscharf‘, ‚missverständlich‘, ‚falsch‘.  Wer ernsthaft daran interessiert ist, dass diese seine eigenen Bilder von der Welt (und sich selbst) möglichst wenig ‚falsch‘ sind, ist herausgefordert, sich darum zu kümmern, wie er sich selbst vor der ‚Falschheit seiner eigenen Bilder‘ ’schützt‘.

(6) Die grundlegende Herausforderung besteht darin, dass jeder die ‚automatisch erstellten Bilder‘ ‚in seinem eigenen Kopf‘ auf auch für andere nachvollziebare, transparente Weise mit den Gegebenheiten seines eigenen Körpers und den Gegebenheiten außerhalb seines Körpers  ‚vergleicht‘. In manchen Fällen ist dies einfach (z.B. bei der Frage, ob das Geld für alle eingekauften Lebensmittel ausreichend ist), in anderen Fällen kann dies beliebig schwierig werden (dreht sich die Erde um die Sonne oder die Sonne um die Erde; ist das Elektron eine Welle oder ein Teilchen….). Von daher ist es vielleicht kein Zufall, dass sich das, was wir neuzeitliche Wissenschaft nennen, erst mit dem Jahrhundert Galileis so langsam zu entwickeln begann und es mehrere hundert Jahre gebraucht hat, bis die sogenannten Methoden der empirischen Wissenschaften ansatzweise ‚global‘ bekannt sind und auch angewendet werden. Dass aber selbst mehr als 400 Jahre nach Galilei  mindestens die Hälfte aller Menschen diese Methoden immer noch nicht wirklich kennt und verstanden hat und diese sogar als ‚Bedrohung‘ der eigenen Bilder von der ‚Welt‘ und von ‚Gott‘ empfindet, zeigt, wie schwer wir Menschen uns tun, die Besonderheiten unseres menschlichen Wissens soweit zu verstehen, dass wir verstehen, warum und wie unser aktuelles Wissen immerwährend gefährdet und vom Ansatz her eher falsch als richtig ist (und zwar gerade da und dort, wo es ‚interessant‘ wird).

(7) Dass jemand ‚falsche‘ Bilder in seinem Kopf mit sich herum trägt ist von daher wahrscheinlicher als dass er ‚richtige‘ Bilder hat. Den ‚wahrheitsliebenden‘ Menschen (Philosoph = philos, sophia = Freund der Weisheit) kann man vor diesem Hintergrund daran erkennen, dass er um seine grundsätzliche und andauernde ‚Bedrohung‘ durch ‚falsche‘ Bilder weiß und er grundsätzlich offen dafür ist, sich von anderen ‚Rat‘ zu holen, sich mit anderen abzustimmen, seinen Wissen immer und immer wieder neu bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu überprüfen. Ein wahrer Philosoph würde NIEMALS behaupten, er sei im Besitz der Wahrheit!!!, weil er weiß, dass ‚wahre Wahrheit ein kontinuierlicher Prozess der Annäherung der subjektiven Bilder an die Gegebenheiten jenseits des Gehirns ist, und dieser Prozess ist solange unvollendet, als wir Erkenntnissuchende in diesem konkreten Körper mit diesem konkreten Gehirn sind.

(8) Solange Menschen um diese ihre ‚ihnen innewohnende‘ Unvollkommenheit wissen, sich aber gegenseitig wert schätzen und sich wechselseitig helfen, die individuellen Unvollkommenheiten durch gemeinsame Verständigung ‚auszugleichen‘, sind Menschen zu erstaunlichen Erkenntnissen und darauf aufbauenden (komplexen) Handlungen fähig. Das Gebäude der neuzeitlichen Wissenschaft mit der damit verwobenen Technologie und vielfältigsten ökonomischen, sozialen, politischen, kulturellen und sonstigen Leistungen ist atemberaubend (insbesondere, wenn man dies auf einer Zeitachse betrachtet und sieht, wie viele tausende, zehntausende und gar hundert tausende Jahre nichts Vergleichbares stattgefunden hat). Verkennen wir Menschen  aber unsere individuellen Grenzen und Unvollkommenheiten, dann verfestigen sich Fehler, Unvollkommenheiten, Falschheiten, verstärken sich sogar und führend zwangsläufig zu falschen Bildern, nicht selten dann sogar zu Unheil.

(9) Die ‚Liebe zur Wahrheit‘ (wahre Philosophie) verlangt also aufgrund der Art und Weise, wie wir Menschen ‚gebaut‘ sind, dass wir nicht nur um unsere eingebauten Grenzen und Unvollkommenheiten wissen, sondern dass wir auch  mit diesen Grenzen und Unvollkommenheiten in der rechten Weise umgehen. Es gibt KEIN EINZIGES BILD (kein einziger Gedanke) in unserem Kopf, der einfach AUS SICH HERAUS ‚wahr‘ ist. ALLE unsere Bilder (Gedanken) sind Konstruktionen unseres Gehirns, die letztlich (am besten mehrfach, und immer wieder) überprüft werden sollten. In diesem Zusammenhang führt ‚Selbstverliebtheit‘, ‚Eitelkeit‘, ‚Hochmut‘ und dergleichen mehr direkt und unweigerlich in die ‚Nacht der falschen Bilder‘.

(10) Es gab –und gibt– immer wieder Menschen, die an das ‚Wunder der direkten umfassenden Wahrheit‘ glauben. Sie glauben (‚Intuition‘, ‚Genie‘, ‚Offenbarung‘,…), sie könnten den langen beschwerlichen Weg der Erkenntnis, bei dem jeder allen anderen ‚dient‘ (und damit umgekehrt von allen anderen sehr viel bekommt) durch etwas ‚Wundersames‘ umgehen; durch den ‚großen Trick‘, durch das ‚Wunder schlechthin‘, durch ‚Magie‘, durch ‚Zauber‘, usw. Dies alles scheint –nach heutigem Wissen–  falsch zu sein.

(11) ALLE Menschen sind ‚Blüten‘ am ‚Baum‘ des Lebens auf dem Planeten Erde, wo schon die materielle Struktur dieses Lebens das bisherige menschliche Begreifen überfordert und bislang nur Raum für grenzenloses Staunen und Wundern läßt. Das Durchdringen der erkennbaren materiellen Strukturen und ihrer atemberaubenden Dynamik von ’scheinbarer Planlosigkeit‘ hin zu immer komplexeren Strukturen, die jeder mathematischen  ‚Zufälligkeit‘  ‚zuwiderlaufen‘, dieses ‚geistige Durchdringen‘ in Richtung eines ‚tieferen‘ und ‚umfassenderen‘ Verstehens hat bislang kaum begonnen. Viele (die meisten?) Menschen sind noch so sehr mit den ‚alten‘ und ‚falschen‘ Bildern in ihrem Kopf beschäftigt, dass sie die atemberaubende Perspektive eines umfassenden Lebensprozesses noch nicht einmal ansatzweise wahrgenommen haben. Manche reden von ‚Gott‘ als dem ‚Schöpfer‘ von allem, haben sich aber noch nie mit der Schöpfung so beschäftigt, dass Sie zu ahnen beginnen könnten, wie ‚in‘ und ‚hinter‘ dem Allem die ewige Präsenz des wahren Schöpfers spürbar wird, der soweit all unseren kleinlichen und unvollkommenen Bilder des Lebens übersteigt, dass das Reden eines einzelnen Menschen über ‚den‘ Schöpfer zwangsläufig zu einer Karikatur zu werden droht, die mehr ‚falsch‘ als ‚wahr‘ ist.

(12) Es gehört zum Geheimnis des Lebens, dass der einzelne angesichts des großen Ganzen wie ‚Nichts‘ erscheint, dass aber das große Ganze ohne jeden einzelnen tatsächlich Nichts ist…..

(13) Ein weiteres Geheimnis ist, dass niemand gezwungen ist, die Wahrheit zu suchen (eine Form von ‚Freiheit zur Unwahrheit’…); ohne die Wahrheit kann das Leben auf dem Planeten Erde allerdings untergehen….

ZUR GRAMMATIK DES SINNS (1)

(1) In dem Blogeintrag „Wir  sind nicht Nichts“ wird sichtbar, dass wir allein durch die Tatsache, dass wir aktuell leben,
an einem  Geschehen teilhaben, das dessen Tragweite und Tiefe alles übersteigt, was wir normalerweise denken und
 kommunizieren.

(2) Der mögliche ‚Sinn‘ dieses Geschehens, also ein möglicher ‚Zusammenhang‘ zwischen all den vielen ‚Aspekten‘ dieses
geradezu kosmischen Prozesses, enthüllt sich für uns Menschen –wenn überhaupt– zunächst nur als individuelles Erleben
 und Verstehen, d.h. als Erleben und Verstehen in einem einzelnen Menschen. Dies heisst NICHT, dass das Erleben und
Verstehen eines einzelnen Menschen die ’sinnbegründenden‘ Sachverhalte allererst ’schafft‘, sondern nur, dass diese
 ’sinnbegründenden‘ Sachverhalte in dem Moment des Erkennens in diesem jeweiligen Erkennen ‚bewusst‘ werden. ‚Bewusst‘
werden kann nur etwas, was schon ‚da‘ ist und in seinem Dasein ’so wirksam‘ ist, dass es ein ‚Bewusstwerden‘ bewirken kann.

(3) Darüberhinaus kann ein Sachverhalt, der eine ‚Bewusstwerdung‘ auslösen kann, diese Bewusstwerdung in mehr als einem
einzelnen Menschen zugleich auslösen; ein Sonnenaufgang (oder Untergang) kann von vielen Menschen ‚gleichzeitig‘
wahrgenommen werden, wenn Sie sich ‚im Moment des Geschehens‘ an einem ‚geeigneten Ort‘ befinden.

(4) Schon diese wenigen Gedanken lassem nebenbei erkennen, dass sich Bewusstwerdung bei Menschen mit ‚Körperlichkeit‘ paart: unser Erleben setzt eine irgenwie geartete Körperlichkeit voraus, dazu eine ‚Raumstruktur‘, und eine ‚Gerichtetheit‘ von Ereignissen als
‚Jetzt‘ und ‚Vor dem Jetzt‘ (‚vorher‘, ‚vergangen‘ als ‚Erinnerbares‘).

(5) Aufgrund unserer ‚Lebenserfahrung‘ wissen wir,  wie ‚unterschiedlich‘ einzelne Menschen das allgemeine Leben trotz
der vielen strukturellen Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen erfahren können. Jeder ‚einzelne‘ Mensch nimmt in der
Raumstruktur des Erlebens einen charakteristischen individuellen ‚Ort‘ ein, von dem aus er die ‚umgebende Welt‘ in
einer Weise erfährt, die sich absolut von der ‚Erlebnisspur‘ eines anderen Menschen unterscheidet.

(6) Eine ‚individuelle Erlebnisspur‘ enthält ‚externe‘  und ‚interne‘ Anteile: ‚extern‘ insofern ‚etwas‘ auf das
individuelle Erleben einwirkt, und ‚intern‘, insofern diese Einwirkungen ‚Wirkungen hervorrufen‘, die den einzelnen
Menschen in seinem ‚Erinnern‘ und ‚Fühlen‘ prägen.

(7) ‚Im‘ Erleben des einzelnen Menschen ‚mischen‘ sich die internen und externen Anteile kontinuierlich; je mehr
‚Erfahrung‘ jemand hat, umso mehr beeinflussen die ‚vorhandenen‘  internen Anteile die aktuell einwirkenden Anteile.
 Dies kann ‚hilfreich‘ sein, wenn ‚bisherige Erfahrung‘ das ‚aktuell Erlebte‘ in ‚geeigneter‘ Weise ‚einordnet‘; dies
kann ‚hinderlich‘ sein wenn die bisherigen Erfahrungen irgendwie ‚verzerrt‘ sind und altuelles Erleben ‚falsch‘
‚interpretiert‘.

(8) Aufgrund unserer ‚Lebenserfahrung‘ wissen wir ferner, dass es zwischen dem Erleben verschiedener einzelner Menschen
eine Art ‚Austausch‘ durch ‚Kommunikation‘ geben kann.

(9) Kommunikation besagt, dass verschiedene Menschen über ein ‚Zeichensystem‘ (‚Sprache‘ L)verfügen, das in der Lage ist, Aspekte des individuellen Erlebens mittels ‚intersubjektivem (= externen) Zeichenmaterial‘ so zu ‚repräsentieren‘, dass ein individuelles Erleben A bestimmte Erlebnisse von A mit einer ‚Zeichenfolge‘ Z so ‚enkodieren‘ kann (enkodieren: A –> Z), dass ein anderes individuelles
Erleben B diese Zeichenfolge Z so ‚dekodieren‘ kann (dekodieren: Z –> B), dass das Erleben in B eine ‚hinreichende Ähnlichkeit‘ mit dem Erleben von A aufweist  SIMILARITY(Z(A),Z(B)).

(10)  Das grösste Problem in der zeichenbasierten (= ’sprachlichen‘) Kommunikation ist die Herstellung dieser Ähnlichkeit SIMILARITY() sowie die ’subjektive Vergewisserung‘, dass solch eine Ähnlichkeit in ‚hinreichendem Masse vorliegt.

(11) Da kein einzelner Mensch (unter ’normalen‘ Umständen),  in das Erleben eines anderen Menschen ‚direkt hineinschauen‘ kann, kann sich kein einzelner Mensch so ohne weiteres ’sicher‘ sein, dass der andere Mensch beim Gebrauch eines bestimmten Zeichenmaterials Z  (als Teil einer Sprache L) tatsächlich das ‚Gleiche‘ ‚meint‘ wie ‚er selbst‘.

(12) Zu solch einer ‚Vergewisserung‘ der ‚gemeinsamen Ähnlichkeit‘ SIMILARITY() bedarf es ‚Formen von Interaktion‘,
die ‚unabhängig‘ von dem Zeicensystem (von der Sprache L) sind, die aber zugleich  geeignet sind, die ‚Vermutung einer Ähnlichkeit‘ zu ‚unterstützen‘. Dies berührt das Problem der ‚Entstehung von Sprache‘: wie ist es möglich, dass Menschen neues Zeichenmaterial Z als Teil von L so ‚einführen‘, dass sie ’sicher‘ sein können, dass ‚alle Benutzer von L‘ ‚das Gleiche‘ ‚meinen‘?

(13) Im Falle von ‚externen Ereignissen‘, die ‚wiederholbar‘ sind und die von allen Beteiligten ‚hinreichend ähnlich wahrgenommen werden können‘, erscheint die Einführung einer ‚Verbindung‘ von ‚erlebnisauslösendem Ereignis E‘, ‚korrespondierendem Erleben Ph‘ sowie ‚repräsentierendem Zeichen Z‘ ansatzweise ’nachvollziehbar‘. Ein ‚Zeichen‘ SYMB wäre dann diese komplexe Beziehung als ganzer, d.h. ein repräsentierendes Zeichen SYMB(E,Z,Ph) ist eine Beziehung zwischen E und Z und Ph, die als diese Beziehung ‚bewusst‘ ist und als solche ‚erinnert‘ werden kann (diese Überlegungen finden sich u.a. bei den grossen Semiotikern Charles S.Peirce und Charles Morris, aber auch schon bei früheren Philosphen der Scholastik und zumindest auch bei griechischen Philosophen).

(14) Man kann ahnen, dass die Realisierung eines solchen Zeichenbegriffs in der Praxis eine sehr komplexe ‚Maschinerie‘ voraussetzt, dier hier vorläufig kein Thema sein soll (hier wären all die schönen Dinge einschlägig, die wir aus den Sprachwissenschaften kennen, der Psychologie, der Ethologie, den Neurowissenschaften, der Phonetik, der Anthropologie, der Automatentheorie usw.).

(15) Nehmen wir also an, dass Menschen in der Lage sind, repräsentierende Zeichen SYMB_i(E,Z,Ph) einzuführen, denen jeweils korrespondierende ‚erinnerbare interne Strukturen‘ SYMB_i()_x entsprechen (‚SYMB_i()_x‘ wäre dann das repräsentierende Symbol i, das von dem Individuum x erinnert werden kann). Dann wäre ein Menschen A in der Lage, internes Erleben Ph, zu dem es ein erinnerbares repräsentierendes Symbol SYMB_i(_,Z,Ph)_A gibt, mittels eines kodierenden Zeichenmaterials Z zu ‚äussern‘, und ein anderer Mensch B könnte mittels des Zeichenmaterials Z sein erinnerbares Zeichen SYMB_i(_,Z,Ph)_B ‚erinnern‘. Er würde dann ‚annehmen‘, dass das bei B durch Z induzierte Erleben Ph dem entspricht, was den A veranlasst hat, Z zu äussern.

(16) Schwieriger –bis unmöglich– wird es, wenn Menschen repräsentierende Zeichen für solches Erleben einführen wollen, dem keine direkten ‚intersubjektiven‘ Ereignisse korrespondieren (was aber sehr umfangreich geschieht).

Zwischenergebnis 1:
(i) Individuelles Erleben ist möglich, weil es etwas dem Erleben Externes gibt, was dieses Erleben auslöst
(ii) Sofern die Einführung repräsentierender Zeichen gelingt, können Individuen Teile ihres Erlebens
durch solche Zeichen ‚kommunizieren‘

(17) Was immer es an ’sinnrelevanten‘ Zusammenhängen in dem für uns relevanten Teil des Kosmos geben mag, werden wir davon nur dann und nur soviel ‚erfahren‘, insoweit diese Zusammenhänge unserem individuellen Erleben und unserer symbolischer Kommunikation  zugänglich werden. Sofern wir ein ‚Fehlen‘ von Sinn in unserem Erleben und Kommunizieren konstatieren würden, würde dies zunächst nicht besagen, dass es keinen Sinn gibt, sondern nur, dass derjenige, der dieses Fehlen konstatiert, bislang nicht in der Lage war, sein Erleben  entsprechenden ’sinnstiftenden‘ Sachverhalten in Berührung zu bringen.

(18) Ergänzend wäre anzumerken, dass der ‚Kontakt‘ mit sinnstiftenden Sachverhalten sogar stattgefunden haben kann, dass aber die ‚Art und Weise‘, wie dieses Erleben ‚kognitiv verarbeitet‘ wurde, nicht in der Lage war, die  ’sinnrelevanten Anteile‘ zu ‚erkennen‘. Erkennen ist (man lese die entsprechenden Einträge im Blog) kein völlig automatischer immer gleichförmiger Prozess, sondern ein komplexes dynamisches Geschehen, das bei gleicher Wahrnehmungslage zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, je nachdem, ‚wie‘ jemand ‚aktiv denkt‘.

(19) Eine Feststellung, dass ‚Sinn‘ für uns ’nicht möglich‘ sei, ist unter Voraussetzung dieser Erkenntislage für uns prinzipiell nicht möglich. Wir können entweder nur feststellen, dass wir ’noch nicht‘ in der Lage sind, einen Sinn explizit zu benennen oder eben, dass uns bestimmte Sachverhalte als für uns ’sinnvoll‘ erscheinen.

(20) Hier wäre jetzt zu klären ob und wieweit wir ‚mögliche sinnvollen Sachverhalte‘ konkret, beispielhaft  identifizieren  können.

Körper – Emergenz – Kognition – Kognitiver Müll

(1) Der Mensch ist durch seinen Körper primär ein animalisches Wesen, ein Körper im Prozess der Körperwerdung als Teil des Biologischen.

(2) Dieser Körper zeigt Eigenschaften, Funktionen, die sich nicht aus den Bestandteilen des Körpers als solchen erklären lassen, sondern nur durch ihr Zusammenwirken (Emergenz) sowohl mit anderen Teilen des Körpers wie auch mit der umgebenden Körperwelt.

(3) Dies bedeutet,dass diese emergenten Eigenschaften und Funktionen eine wirkende Wirklichkeitsebene aufspannen, die als solche kein greifbares Objekt ist sondern nur als Veränderungsprozess (induziert Zeit) aufscheint.

(4) Eine Veränderung (Funktion) als solche ist kein Objekt, aber kann von einem intelligenten Wesen wahrgenommen und als bestimmbare Grösse gespeichert werden.

(5) Als erinnerbare Veränderung kann eine emergente Eigenschaft zu einem kognitiven Objekt in einem einzelnen Körper werden.

(6) Über symbolische Kommunikation kann solch ein kognitives Objekt bedingt kognitiv kopiert und damit verteilt werden.

(7) Die Gesamtheit der kognitiven Objekte (und ihre kommunizierten Kopien) können ein Gesamtbild ergeben von dem, was wir als ‚Welt‘ wahrnehmen, erkennen und kommunizieren.

(8) Das biologische System als kognitiver Agent kann einer Vielzahl von körpereigenen Prozessen unterliegen, die die Speicherung und Erinnerung kognitiver Objekte beeinflussen. Das kognitive Objekt hat von daher immer nur eine begrenzte Ähnlichkeit mit denjenigen emergenten Eigenschaften, die zur seiner Entstehung geführt haben (alltagssprachlich: viele Menschen unterliegen psychologischen Einstellungen wie ‚Eitelkeit‘, ‚Hochmut‘, ‚Arroganz‘, ‚Selbstfixierung‘, ‚Ängsten‘, ‚Minderwertigkeitsgefühlen‘, ‚diversen Süchten‘ usw., die in ihrer psychischen Kraft andere kognitive Wirkungsfaktoren so überlagern können, dass sie nahezu ‚blind‘ werden für das, was wirklich ist. Nach und nach, ohne dass die Betreffenden es  merken, generiert ihre kognitive Maschinerie aufgrund dieser anderen Einflüsse ein ‚Bild von der Welt‘, das  zunehmend ‚verzerrt‘, ‚falsch‘ ist. Die Möglichkeit, diese Verzerrungen ‚aus sich heraus‘ zu erkennen sind sehr ungünstig; wenn nicht starke Ereignisse aus der Umgebung diese Systeme aus ihrer negativen Schleife herausreißen (wie?). Die Systeme selbst finden sich ganz ‚toll‘, aber die kognitive Welt ‚in ihrem Kopf‘ ist nicht die Welt, wie sie sich jenseits ’störender psychologischer Tendenzen‘ zeigen kann und zeigt.

(9) Kognitive Agenten, deren Kommunikation stark verzerrenden Faktoren unterliegt und die innerhalb ihrer individuellen kognitiven Prozesse die Transformierung von Körper- und Aussenweltwahrnehmung ebenfalls verzerren, tendieren dazu, ein pathologisches Bild von sich und der umgebenden Welt aufzubauen, was sich immer mehr –und dann auch immer schneller– in einen verzerrten Zustand hineinbewegt, der dann diesem kognitiven Agenten immer weniger ‚hilft‘ und immer mehr ’schadet‘ (Selbstzerstörung durch verzerrtes Wahrnehmen und Denken).

(10) Aus diesem Blickwinkel erscheint die sogenannte moderne Informationsgesellschaft nicht nur als rein positiver Raum sondern auch potentiell sehr gefährlich, da die Verbreitung von verzerrten kognitiven Objekten leicht ist und die kommerzielle Nutzung von von verzerrten kognitiven Objekten  in der Regel einfacher und gewinnbringender ist als umgekehrt. Daraus würde folgen, dass überwiegend ‚geldorientierte‘ Informationsgesellschaften sich im Laufe der Zeit selbst kognitiv so ‚zumüllen‘, dass die wenigen nichtverzerrten kognitiven Objekte immer weniger auffindbar sein werden. Es entsteht ein Raum mit kognitiven Objekte, der als solcher verzerrt ist,  korrespondierend sind aber auch  alle kognitiven Räume in den Körpern der kognitiven Agenten selbst ‚verzerrt‘. Dieser gesellschaftlich organisierten Dunkelheit zu entkommen ist für ein einzelnes kognitives System schwer bis unmöglich. Wohin immer es seine individuelle Wahrnehmung lenken will, es wird dann fast nur noch verzerrte kognitive Objekte vorfinden. Die Produktion von ‚Müll‘ ist halt so unendlich viel einfacher; man muss sich um nichts kümmern und man denkt und redet einfach so drauflos…..es ist doch sowieso egal…..(sagt sich die ‚Ethik des (kognitiven) Mülls‘). In einer ‚verzerrten Infomationsgesellschaft‘ fühlt sich keiner schuldig, aber alle produzieren faktisch den Müll mit, der sich in der Verzerrung selbst legitimiert.

Religion, Erfahrung, Deutung

Religion, Erfahrung, Deutung

(1) Ich werde oft gefragt, wie ich den Beitrag der Religionen zum Erkenntnisprozess sehe, da ich immerhin gut 22 Jahre lang als engagiertes Mitglied einer religiösen katholischen Lebensgemeinschaft gelebt habe. Diese Frage kann vermutlich kein einziger Mensch in vollem Umfang beantworten, da alle großen bekannten Religionen (z.B. Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam) primär von einem bestimmten Erfahrungs- und Deutungshintergrund her zu verstehen sind und kein Mensch kann in seinem einzelnen Leben den ganzen Umfang und die Tiefe einer einzigen religiösen Tradition vollständig erfassen, geschweige denn mehr als eine oder gar alle.

(2) Wenn es also heute schon unmöglich ist, dass ein einzelner Mensch über eine dieser großen Religionen (und es gibt ja noch viele andere Erscheinungsformen) erschöpfend und autoritativ reden kann, dann folgt daraus umso mehr, dass das Reden über die ‚anderen‘ religiösen Traditionen vom Ansatz her ‚respektvoll‘ sein sollte. Denn die Gefahr, dass man der anderen religiösen Tradition aus schlichter Unwissenheit Unrecht tut, ist sehr groß, nahezu unvermeidlich.

(3) Diese ‚prinzipielle Fremdheit‘  gilt auch für allerlei wissenschaftliche Annäherungen, selbst  für sogenannte (vergleichende) Religionswissenschaftler, da ein Wissenschaftler  per se als ‚Wissenschaftler‘ normalerweise nicht selbst religiöse ‚Anhänger‘ sein darf und schon von daher nur einen sehr distanzierten, gefilterten Zugang zum Phänomen hat. Genau das, was für eine ‚volle gelebte‘ Zugehörigkeit zu einer Religion im Verständnis vieler Anhänger ’substantiell‘ ist, nämlich die direkte persönliche existentielle (und daher primär subjektive) erfahrungsbezogene Verbundenheit zu einem ‚Glauben‘ ist das, was sich einer objektivierenden Wissenschaft grundsätzlich entzieht. Dies gehört zur Definition neuzeitlicher Wissenschaft. Und das ‚Schließen‘ von ‚empirisch beobachtbaren Tatbeständen‘ (z.B. beobachtbarem Verhalten) auf ‚innere‘ Strukturen und Motive‘ des Verhaltens ist sehr problematisch. Dies zeigen viele prominente Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte (z.B. das Problem des psychologischen Behaviorismus bei dem Versuch, das Phänomen der menschlichen Sprache zufriedenstellend erklären zu können oder das Problem der Neurobiologie die subjektiven Erlebniszustände methodisch befriedigend mit sowohl beobachtbarem Verhalten wie auch subjektiv erlebbaren Zuständen zu korrelieren).

(4) Gilt diese ‚prinzipielle (methodische) Fremdheit‘ vor allem für das ‚Außenverhältnis‘ eines Menschen, der von ‚außen‘ eine bestimmte religiöse Tradition und zugehöriger ‚Anhänger‘ betrachten will, so gilt dies sogar –in unterschiedlichem Grad– für die Anhänger einer bestimmten religiösen Tradition selbst. Denn, wenn jemand z.B. im Jahr 2010 sagt, er sei ein ‚Christ‘, dann konnotiert damit eine Geschichte von ca. 2000 Jahren mit einer einschlägigen Vorgeschichte von weiteren ca. 1000 oder 1500 Jahren und all den damit  verflochtenen kulturellen Tatbeständen. Allein die dokumentierten Zeugnisse aus diesem Zeitraum, die Teil dieser Tradition sind, umfasst unzählige schriftliche Dokumente und nichtschriftliche Artefakte, ganz zu schweigen von der gelebten Erfahrung, die nie oder nur partiell einen dokumentierten Niederschlag gefunden hat und nur in der gelebten Weitergabe existiert mit allen denkbaren Verformungen und auch Überlieferungsabbrüchen, die hier unvermeidlich sind.

(5) Würde eine ‚geschichtlich wirksame‘ Religion sich nicht von reproduzierbaren Erfahrungen her immer wieder neu ‚justieren‘, ‚ausrichten‘, ‚orientieren‘ können, sie wäre zwangsläufig nach ein paar Generationen entweder ausgelöscht oder zu formalen Ritualen erstarrt, denen jegliche ‚Personalität‘, jegliche ‚Geistigkeit‘  fehlt. Kann man diese reproduzierenden religionsermöglichenden Tatbestände aufweisen, dann kann jede Generation von neuem daran Orientierung und Ausrichtung suchen, die ins konkrete praktische Leben eingreifen können.

(6) Nach meinem Verständnis haben Religionen wie Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam hier eine strukturelle Gemeinsamkeit: (i) sie berufen sich alle auf bestimmte, historisch qualifizierte Texte, die (ii) auf je spezifische Weise Erfahrungen von Menschen zur Sprache bringen sollen. Ferner gehört zu diesen Erfahrungen bestimmter Menschen (die sogenannten ‚Gründer‘), dass sich schon zu Lebzeiten des Gründers ‚Gefährten‘, ‚Schüler‘, ‚Anhänger‘ gefunden haben, die das erfahrungsbasierte Weltverständnis des Gründers ‚auf ihre Weise‘ ‚übernommen‘ und ‚weitergelebt‘ haben. Aufbauend auf diesen ersten Anhängern hat sich dann (iii) in der Regel eine ‚gelebte Tradition‘ herausgebildet, die für sich in Anspruch nimmt, den ‚Geist des Gründers‘ so gut ‚verstanden zu haben‘, dass sie in der Lage und berechtigt waren (sind), den sprachlichen Niederschlag dieser Erfahrungen eigenständig und autoritativ zu ‚bewerten‘. Mit zunehmendem historischen Abstand wurde dann aber (iv) unterschieden zwischen bestimmten ‚heiligen (kanonischen)‘ Schriften, die als solche nicht mehr weiter verändert werden dürfen und solchen, die ’sekundär‘ sind (was nicht heißt, dass sie in der religiösen Tradition eine fundamentale Rolle spielen können).

(7) Der entscheidende Punkt ist, dass die religiösen Traditionen ‚erfahrungsbasiert‘ sind und alle Texte letztlich zu dem Punkt führen, dass bestimmte Menschen angeführt werden, die zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten bestimmte Dinge ‚erlebt‘ und ‚im Lichte dieses Erlebens‘  ‚erkannt‘ haben. Ein klassisches Beispiel aus dem Bereich des Christentums ist die Person des Saulus/Paulus. Zunächst ein überzeugter jüdischer Gelehrter verfolgte er die neu sich formierenden ‚christlichen‘ Anhänger. Durch ein ‚persönliches Erlebnis‘ lange nach dem Tod Jesu kommt er zu einer persönlichen ‚Neuinterpretation‘ seiner bisherigen Anschauungen und im Laufe von mehr als sieben Jahren ändert er seine Ansichten, ändert sein konkretes Leben und tritt plötzlich als ‚Anhänger des christlichen Glaubens‘ auf. Zwar weisen viele seiner christlichen Interpretationen mehr oder weniger auch Elemente seiner jüdischen Tradition auf, aber in der Haupttendenz sieht er die ‚Welt‘ und die ‚Geschichte‘ nun in einem ’neuen Licht‘. Viele andere tausende dokumentierte Beispiele laufen scheinbar nach dem gleichen Muster. Die dem Paulus zugeschriebenen Texte fanden Eingang in den christlichen Kanon der ‚heiligen Schriften‘ obgleich er selber weder Jesus persönlich gekannt hatte noch bzgl. seines persönlichen ‚Bekehrungserlebnisses‘ von jemandem ‚belehrt‘ worden ist. Interessant ist, dass die sich ausbildende  ‚Amtsstruktur‘ in der katholischen Kirche solche ‚erfahrungsbasierten‘ Autorisierungen sehr bald ausgeschlossen hat. Die Offenbarung wurde mit dem Tod Jesu als ‚abgeschlossen‘ erklärt obgleich das Beispiel Saulus/Paulus (und nicht nur  er) dokumentiert, dass dies nicht der Fall ist.

(8) Nach meinem Kennntisstand spricht vieles dafür, dass die ‚Erfahrungsdimension‘, die im Christentum (aber anscheinend auch in den anderen religiösen Traditionen) in all den ‚Überlieferungen‘ ‚durchschimmert‘ zu jeder Zeit für jeden  Menschen grundsätzlich ‚zugänglich‘ bleibt. Diese Erfahrungsdimension scheint ein Teil unserer menschlichen Existenzform zu sein. Allem Anschein nach ist sie nicht an die historisch gewachsenen Überlieferungsstrukturen und den konkreten Gegebenheiten religiöser Gemeinschaften gebunden. Konkrete religiöse Gemeinschaften können dem einzelnen zwar u.U. helfen, sich bestimmten Erfahrungsdimensionen des menschlichen Lebens zuzuwenden bzw. zu ‚lernen‘, wie eine solche Zuwendung und eine erfahrungsbasierte Lebensführung aussehen könnte/ sollte, aber keine religiöse Tradition kann von sich aus garantieren oder erzwingen, dass ein einzelner bestimmte Erfahrungen tatsächlich macht. Umgekehrt gilt, dass bestimmte religiöse Traditionen oder Gemeinschaften für einzelne auch reale Hindernisse sein können, genau die wichtigen religiösen Erfahrungen zu machen. Es scheint so zu sein, dass das, was in religiösen Erfahrungen ‚aufscheint‘ etwas ist, das keinem einzelnen Menschen oder einer Gruppe von Menschen gehört; keine religiöse Gemeinschaft hat letztlich die ‚Kontrolle‘ über das, was sie zu ‚verwalten‘ sucht. Das wäre ein Widerspruch in sich. In dem Moment, wo eine menschliche Gruppierung für sich in Anspruch nehmen würde, ‚das in der religiösen Erfahrung Aufscheinende‘ (oft das ‚Göttliche‘ genannt bzw. ‚Stimme Gottes‘ bzw. ‚Gott‘) vollständig zu kontrollieren, müsste man sich fragen, was das für ein ‚Göttliches‘ ist, das da von Menschen vollständig kontrolliert wird.

(9) Es gibt in der historischen Rückblende immer wieder die Tendenz zu beobachten, dass religiöse Gemeinschaften –oder bestimmte Führungspersonen in diesen– sich einen ‚exklusiven Zugang‘ zu dem ‚in der religiösen Erfahrung Aufscheinendem‘ –wie auch immer gearteten– ‚Göttlichem‘ zu ’sichern‘, doch dürfte dies generell eher ein Anzeichen dafür sein, dass damit die Beziehung zum Erfahrungsinhalt gerade ins Gegenteil verkehrt wird. ‚Das in der religiösen Erfahrung sich Zeigende‘ gehört prinzipiell niemandem und kann von daher auch grundsätzlich nicht von einem Menschen ‚kontrolliert‘ werden (was nicht ausschliesst, dass ‚Führungspersönlichkeiten‘ innerhalb bestimmter Gemeinschaften eine gewisse praktische Bedeutung besitzen können). Machtstrukturen stehen aber prinzipiell im Gegensatz zu der Struktur ‚religiöser Nachfolge‘, wie sie sich aus der gelebten religiösen Erfahrung her begründet. So, wie die religiöse Erfahrung offensichtlich dazu da ist, prinzipiell allen Menschen eine zusätzliche Orientierung zu ermöglichen, die mit einer individuellen Öffnung für ‚das Ganze‘ einhergeht, so scheint eine erfahrungsbasierte religiöse Lebensorientierung darauf ausgerichtet zu sein, Leben  durch den eigenen persönlichen Beitrag zu ermöglichen, aber nicht Leben zu kontrollieren mit gleichzeitiger  persönlicher ‚Herausnahme‘.

(10) Eine erfahrungsbasierte Lebensführung ist aufgrund der Struktur menschlicher Bewusstheit/ Geistigkeit grundsätzlich eingebettet in unterschiedliche Wissensstrukturen. Insofern kann es niemals ‚reine Inhalte‘ geben. Selbst eine direkte Erfahrung des wie auch immer gearteten Göttlichen ist –obgleich in ihrer Besonderheit sicher unmittelbar identifizierbar– dennoch immer ‚vermittelt‘ durch das bis dahin verfügbare Wissen. Es ist daher nicht verwunderlich , dass das Beispiel vieler bekanntgewordener ‚Erfahrener‘ zeigt, dass es viele Jahre, um nicht zu sagen Jahrzehnte braucht, um die erlebten Zustände mit den verfügbaren Wissenstatsbeständen in ein ‚konstruktives‘ Verhältnis zu bringen. Dass dabei sichtbar wird, dass keine menschliche Person vollständig von den historischen Kontexten abstrahieren kann, überrascht nicht wirklich, ist auch kein Argument ‚gegen‘ die kommunizierte Erfahrung. Sie zeigt nur, dass ‚das, was das Innere der Welt zusammenhält‘ sich nicht durch einen einzelnen Menschen allein, auch nicht durch eine ganze Generation alleine, sondern vermutlich nur durch den gesamten Prozess der Lebenwerdung auf der Erde/ im Universum  umrisshaft, mehr und mehr ‚enthüllt‘, ohne dass wir sicher sein können, dass es irgendwann einmal unter den Umständen der biologischen Lebensformen vollständig transparent sein kann. Trotz dieser wesentlichen Einschränkung kann das, was bislang sichtbar geworden ist, einen wesentlichen Beitrag zur Orientierung über das leisten, was ‚Leben‘ in dieser ‚Welt‘ bedeuten kann. ‚Selbsternannte‘ Götter in Menschengestalt sind das sicherste Zeichen, dass sie es nicht sind. Das ‚Göttliche‘ ist prinzipiell mehr als alle Menschen zusammengenommen und ein ‚Prophet‘ ist ein ‚Werkzeug unter vielen‘, das uns anregen kann. Niemandem bleibt es erspart, hier seinen eigenen Weg zu gehen, um durch sein konkretes Leben seinen persönlichen Beitrag zu leisten. Die selbsternannten Führer können keine Entschuldigung dafür sein, seine eigene Verantwortung nicht selbst in die Hand genommen zu haben.

PHÄNOMENOLOGISCHES DENKEN (3)

Diesem Beitrag ging ein Teil 2 voraus.

(1) Es gibt unterschiedliche Perspektiven, wie man das, was wir als ‘Denken’ bezeichnen, betrachten kann. Je nachdem, welche dieser Perspektiven wir wählen, ergibt sich ein ganz unterschiedliches Bild von diesem ‘Denken’.

(2) Neben dem ALLTAGSDENKEN gibt es seit ein paar hundert Jahren auch das sogenannten WISSENSCHAFTLICHE DENKEN. Das wissenschaftliche Denken setzt das alltägliche Denken gewissermaßen als primären Bezugspunkt voraus, hebt sich aber dennoch von ihm ab und widerspricht ihm letztlich in vielen Punkten. Dies liegt daran, dass das ALLTAGSDENKEN eine Reihe von ANNAHMEN macht, die FALSCH sind, aber im Alltag meistens sehr NÜTZLICH. So atemberaubend die Leistungen des wissenschaftlichen Denkens auch sind, es ist eine limitierte, eingeschränkte Form des Denkens, die nicht nur das ALLTAGSDENKEN voraussetzt sondern –aus philosophischer, erkenntnistheoretischer Sicht– auch das  PHÄNOMENOLOGISCHE DENKEN.

(3) Im PHÄNOMENOLOGISCHEN Denken macht man sich die Tatsache zunutze, dass die primäre, erste, nicht weiter hintergehbare WURZEL UNSERES WISSENS das ERLEBEN VON ETWAS ist. Was immer wir ‚inhaltlich‘ auch zu erkennen glauben, zunächst einmal müssen wir ÜBERHAUPT ETWAS erkennen, anhand dessen unser ‚UNS SELBST BEWUSST SEIN‘ ‚aufleuchten‘ kann. Insofern geht es hier um unsere INHALTSVERMITTTELTE BEWUSSTHEIT (neuropsychologisches und meditationsorientiertes Denken unterscheidet gerne noch andere Formen von BEWUSSTSEIN, die an dieser Stelle keine Rolle spielen).

(4) Im Bereich dieses ERLEBENS VON ETWAS sind ALLE ERLEBNISSE zunächst einmal GLEICH: Weder sind sie unterschieden nach ihrer HERKUNFT noch nach irgendwelchen anderen EINTEILUNGSKRITERIEN wie z.B. ‚konkret‘, ‚abstrakt‘, ‚empirisch‘, ‚intersubjektiv‘, ’subjektiv‘ usw. Hier gibt es nur ERLEBTES. Ein ‚ERLEBTES‘ nenne ich hier PHÄNOMEN (das alt-griechische Verb ‚phaino‘ spricht davon, dass etwas ‚erscheint‘, ‚ans Licht kommt‘; im ERLEBEN ‚ERSCHEINT ETWAS‘). Man könnte diese primäre Einstellung technisch einfach LEVEL 0 nennen.

(5) Fakt ist, dass man im Bereich des primären ERLEBENS zwischen den einzelnen PHÄNOMENEN UNTERSCHEIDEN kann. Dies ist möglich, da die verschiedenen Phänomene AN SICH bzw. IN SICH (inhärent) EIGENSCHAFTEN (Qualia) aufweisen, anhand deren sie sich voneinander ABHEBEN. Diese Eigenschaften muss das Denken nicht erfinden sondern FINDET SIE VOR; sie SIND DA. In dem Moment, wo man diese ZUSÄTZLICHEN INFORMATIONEN der PHÄNOMENE BERÜCKSICHTIGT verlässt man LEVEL 0 und beginnt sich auf LEVEL 1.

(6) Es ist nicht von vornherein klar, welche SYSTEMATIK die ‚beste‘ ist, um diese Fülle an Eigenschaften zu ’strukturieren‘. Viele große Philosophen haben sich an dieser Aufgabe versucht. Jeder hat sein eigenes Konzept ausprobiert. Das grundlegende Problem an dieser Stelle der Erklärung ist, dass ich als SCHREIBER mit einem potentiellen LESER nur mittels einer SPRACHE –in diesem Fall deutsche Schriftsprache– kommunizieren kann. Und, wie schon der Abschnitt über das ALLTAGSDENKEN deutlich gemacht hat, kann ich mich mit einem ANDEREN nur in dem Maße über die BEDEUTUNG eines AUSDRUCKS verständigen, wenn diese MITZUTEILENDE BEDEUTUNG sich auf etwas BEZIEHT, das SCHREIBER und LESER GEMEINSAM TEILEN. Im ALLTAGSDENKEN ist das die als gemeinsam unterstellte EXTERNE WELT, mittels der wir unsere BEDEUTUNGEN ABSTIMMEN (Kalibrieren) können. IM FALLE VON SUBJEKTIVEN GEGEBENHEITEN –wie hier im Falle der PHÄNOMENE– ist dies zunächst einmal NICHT so! Angenommen, die PHÄNOMENE wären REIN SUBJEKTIV, dann hätten wir keine Chance, eine SPRACHE einzuführen, die es verschiedenen INHABERN EINES PHÄNOMEN-BEWUSSTSEINS erlauben würde, MITEINANDER DARÜBER zu sprechen. Daraus folgt, dass eine REINE PHÄNOMENOLOGIE, also eine ANALYSE DER PHÄNOMENE NACH DENEN IHNEN INHÄRENTEN EIGENSCHAFTEN, OHNE eine GEEIGNETE SPRACHE UNMÖGLICH ist.

(7) Um also den unbezweifelbar vorhandenen RAUM DER PHÄNOMENE (Level 0 + Level 1) für das VERSTEHEN UNSERES DENKENS nutzbar zu machen, muss man klären, wie wir ÜBERHAUPT DARÜBER SPRECHEN können, ohne in Beliebigkeit oder abgründigen Vagheiten abzugleiten.

(8) Am Beispiel des ALLTAGSDENKENS wurde als GRUNDLEGENDE STRATEGIE der BEDEUTUNGSSICHERUNG sichtbar, dass die potentiellen Kommunikationsteilnehmer von dem ausgehen müssen, was SIE GEMEINSAM haben. Bezogen auf das Gemeinsame kann man dann Begriffe einführen, deren BEDEUTUNG durch dieses GEMEINSAME ‚gedeckt‘ (referenziert) wird. Im Bereich des alltäglichen und wissenschaftlichen Denkens gilt das MESSEN als eine der ‚härtesten‘ Formen von GEMEINSAM FIXIERTER BEDEUTUNG. Bei näherer Betrachtung gilt aber, dass die am Messen BETEILIGTE PERSONEN nicht den MESSVORGANG ‚als solchen‘ wahrnehmen, sondern nur die SUBJEKTIVEN ERLEBNISSE, die dieser Messvorgang IN JEDEM EINZELNEN VERURSACHT/ ERZEUGT! Dies bedeutet, aus der Perspektive des PHÄNOMENRAUMES gibt es solche Phänomene Ph_Pers, die wir GELERNT haben als REPRÄSENTANTEN von ANDEREN PERSONEN zu VERSTEHEN und solche Phänomene Ph_Meas, die wir als REPRÄSENTANTEN VON MESSVORGÄNGEN AUFFASSEN. Im ‚Alltagsmodus‘ sprechen wir verkürzend von ‚den Anderen‘ oder ‚dem Messen‘. ‚Nah‘ betrachtet, aus der Perspektive des TATSÄCHLICHEN Erlebens, haben wir bestimmte ERLEBNISSE (PHÄNOMENE), mit unterscheidenden PHÄNOMEN-EIGENSCHAFTEN, anhand deren wir diese Unterscheidungen vornehmen.

(9) An diesem winzigen Beispiel wird ferner deutlich, dass das REDEN ÜBER PHÄNOMENE nicht nur ein Problem der VERFÜGBAREN SPRACHE ist, sondern offensichtlich auch an den ANDAUERNDEN ERLEBNISSTROM gebunden ist, der sich KONTINUIERLICH VERÄNDERT, und der EINGEBETTET ist in etwas, das wir IMPLIZITES LERNEN nennen. Dies bedeutet, es ist nicht nur so, dass wir PHÄNOMENE erleben, WIE SIE SIND, sondern gleichzeitig mit dem ERLEBNISSTROM können wir ERINNERN, und zwar in ‚verdichteten‘ Formen wie ABSTRAHIERENDEN BEGRIFFEN, in denen verschiedene EINZELN ERLEBBARE Phänomene in einem ABSTRAKTEN BEGRIFF (KONZEPT) ‚zusammengefasst‘ werden. So sehen wir KONKRETE Objekte, die wir ALLE mit dem einen Wort ‚STUHL‘ BEZEICHNEN, obgleich jedes einzelne konkrete Erlebnis sich von dem anderen anhand aufzeigbarer Eigenschaften UNTERSCHEIDET. Das WORT ‚STUHL‘ bezieht sich offensichtlich auf EIGENSCHAFTEN, die in allen diesen einzelnen ‚Stuhl-Erlebnissen‘ irgendwie VORKOMMEN, OHNE aber zugleich ‚zu sagen‘, wie noch ANDERE konkrete ‚Stuhl‘-Ereignisse aussehen könnten.

(10) Aus diesen Beobachtungen legt sich der Schluss nahe, dass das Konzept des PHÄNOMENOLOGISCHEN DENKENS eher NICHT das ALLERERSTE ist, was wir erkennen können, sondern dass es sich hier um ein ABGELEITETES, THEORETISCHES Konzept handelt, das sowohl einen LÄNGEREN ERLEBNISSTROM voraussetzt wie auch eine HINREICHEND ENTWICKELTE SPRACHE. Dies deutet darauf hin, dass PHÄNOMENOLOGIE so etwas ist wie eine PHILOSOPHISCHE THEORIE — auf den ersten Blick eigentlich ein Widerspruch in sich, da PHILOSOPHIE traditionellerweise verstanden wird als letzte Reflexionsinstanz, die alles und jedes ‚hinterfragt‘; eine THEORIE ist aber der Versuch einer SYSTEMATISCHEN STRUKTURBILDUNG. Doch im nächsten Moment macht es doch Sinn: um die STRUKTUR des RAUMS DER PHÄNOMENE darstellen zu können muss in PHILOSOPHISCHER MANIER über die Frage des GEGEBENSEINS von ETWAS reflektiert werden. Und in dem Masse, wie die Fragen ANTWORTEN ermöglichen, kann eine SYSTEMATISCHE STRUKTURBILDUNG im Stile einer THEORIE stattfinden.

(11) Wenn es nun so zu sein scheint, dass die PHÄNOMENOLOGIE an den KONTINUIERLICHEN ERLEBNISSTROM gebunden ist, der IN SICH ‚typische‘ VERÄNDERUNGEN aufweist, die wiederum durch ERLEBBARE EIGENSCHAFTEN und darin IMPLIZIT SICHTBAR WERDENDEN STRUKTUREN charakterisiert sind, sowie an eine dazu BEGLEITEND SICH ENTWICKELNDE SPRACHE, dann muss eine systematisierende PHÄNOMENOLOGISCHE THEORIE in den VERSCHIEDENEN PHASEN eines ERLEBNISSTROMES UNTERSCHIEDLICH aussehen! Der PHÄNOMENOLOGISCHE RAUM eines einjährigen Menschen KANN NICHT der GLEICHE sein wie der einer 35-jährigen Frau oder eines 71-jährigen Mannes.

(12) Wenn wir schon von SPRACHE sprechen als jenem HILFSMITTEL, mittels dessen ein SPRECHER einem HÖRER etwas SAGEN MÖCHTE und wir festgestellt haben, dass die GEMEINTE BEDEUTUNG (normalerweise) ETWAS ANDERES ist als die BENUTZTEN SPRACHLICHEN AUSDRÜCKE, und wir ferner ERFAHREN, dass wir sehr wohl die BEZIEHUNGEN zwischen SPRACHLICHEM AUSDRUCK und damit GEMEINTER BEDEUTUNG ‚herstellen‘ können, dann besagt dies, dass wir BEZIEHUNGEN (RELATIONEN) ZWISCHEN VERSCHIEDENEN PHÄNOMENEN WISSEN (ERKENNEN, ERLEBEN) können. So kann der GESPROCHENE SPRACHLICHE AUSDRUCK ‚Diese Person da‘ als mögliches Beispiel für die ABSTRAKTE REPRÄSENTATION DIES AUSDRUCKS verstanden werden, der wiederum BEZOGEN IST auf eine ABSTRAKTE BEDEUTUNG von ‚Person, diese, da‘ und diese abstrakte Bedeutung wiederum kann bezogen werden auf eine KONKRETE PERSON IM UMFELD DES SPRECHERS. Damit gibt es schon verschiedene ARTEN von ERLEBBAREN (WISSBAREN) BEZIEHUNGEN: (i) KONKRETES Phänomen Ph_Concr als Instanz von einem ABSTRAKTEN Phänomen Ph_Abstr*; (ii) ABSTRAKTES Phänomen Ph_Abstr zu einem anderen ABSTRAKTEM Phänomen Ph_Abstr*. Und das sind nicht die einzigen.

(13) Eine PHÄNOMENOLOGISCHE THEORIE müsste also sowohl die verschiedenen ARTEN VON PHÄNOMENEN unterscheiden, dazu die unterschiedlichen BEZIEHUNGEN (RELATIONEN), in denen die Phänomene auftreten können, sowie die DYNAMIK (VERÄNDERUNGEN), die sich an diesen Phänomenen ‚zeigt‘. Ferner müsste diese Theorie auch deutlich machen, wie sich die Struktur des phänomenologischen Raumes unter Umständen im Laufe des Lebens ändert.

(14) Die ENTWICKLUNG einer PHÄNOMENOLOGISCHEN THEORIE müsste ferner der ENTWICKLUNG  des ALLTAGSDENKENS und der ALLTAGSSPRACHE folgen. Denn nur in dem Maße, wie eine Alltagssprache L_Every verfügbar ist, sind KOMMUNIKATIONSPROZESSE möglich, innerhalb deren sich gemeinsam geteilte phänomenologische Strukturen ’sichtbar‘ machen lassen. Da die ERLEBNISSTRUKTUR bei ‚GLEICHGEBAUTEN‘ biologischen Systemen ‚im Normalfall‘ SEHR ÄHNLICH ist, ist zu erwarten, dass die AUSFORMULIERUNGEN einer phänomenologischen Theorie recht weit kommen könnte. Relativ zum NORMALFALL wären dann alle ABWEICHUNGEN von besonderem Interesse (so zeigen gerade die PATHOLOGISCHEN Fälle aus der Neuropsychologie sehr Vieles über das Funktionieren unseres Gehirns und des davon abhängigen Erlebens was ohne diese pathologischen Fälle niemals so klar geworden wäre). Idealerweise würde eine phänomenologische Theorie auch als FORMALE THEORIE formuliert, die zudem COMPUTERGESTÜTZTE SIMULATIONEN möglich macht.

Eine Fortsetzung findet sich HIER.

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Erste Aspekte zum phänomenologischen Raum