ZUR LAGE DER MENSCHHEIT … Ausgangspunkt im Alltag

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 2.August 2020
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

PROLOG I: GENERVT IM ALLTAG

Sind Sie genervt von den vielen — aus ihrer Sicht — Halbwahrheiten, Unsinnigkeiten, Lügen, die ihren Alltag durchtränken? Von all den Leuten, die scheinbar nur sich selbst sehen, sich als erstes, und die versuchen, ‚ihr Ding‘ zu machen, egal zu welchem Preis? Haben Sie nicht auch schon diese Gefühle gehabt, diese Verzweiflung über das — in ihren Augen — Versagen anderer Menschen, über den Betrug einzelner an der Gemeinschaft, die vielen ‚Deals im Hintergrund‘, die manchmal bekannt werden und breites Entsetzen auslösen? Sind sie auch manchmal unangenehm berührt, enttäuscht, wenn Sie erfahren wie — in ihren Augen — unsinnig manche Behörden gehandelt haben, wie wenig Durchblick und Weitblick in Verwaltungen herrscht, wie berühmte Firmen plötzlich ins Schleudern geraten, weil ihre Manager ‚die Zeichen der Zeit‘ nicht rechtzeitig erkannt haben?

Wenn Sie diese Enttäuschungen nicht für sich behalten, sondern sie aussprechen, laut, bei anderen, mit anderen, werden sie feststellen, dass Sie nicht alleine sind. Da sind sehr viele Menschen um sie herum, die solche Enttäuschungen teilen. Fast scheint es so zu sein, als ob diese Enttäuschungen zum Alltag gehören, gleichsam wie eine untergründige Melodie, wie ein musikalisches Thema, das alles irgendwie zu durchziehen scheint. … es beschleicht Sie das Gefühl, dass es ja alles noch viel schlimmer ist, als sie gedacht haben. Ihre Ohnmacht, ihre Angst, ihr Ärger erscheinen übermächtig.

Und dann entdecken Sie vielleicht andere, einen Text, ein Video, einen Podcast, eine Veranstaltung, eine Bewegung, die das alles genau so ausspricht, wie sie es ständig empfinden. Da gibt es diese Menschen, die Antworten auf ihre Enttäuschungen haben, die die Ereignisse mit ihren Worten in Zusammenhänge einordnen, die ihnen plausibel erscheinen. Mit einem Mal bekommen ihre diffusen Ängste Namen von Menschen und Gruppen, die die Verursacher sind. Mit einem Mal bekommen Sie Worte angeboten, Slogans, Texte, die ihnen alles ‚erklären‘, ganz einfach, und sie beginnen, sich ‚zu Hause‘ zu fühlen. Da sind welche, die sie ‚verstehen‘. Menschen wie Sie selbst, persönlich, konkret, ganz nah, nicht in den Tiefen des Netzes, nicht verdeckt hinter den Fassaden der Macht….

Sie glauben, jetzt beginnt für Sie etwas Neues, neben den Enttäuschungen glimmt Hoffnung auf. Sie sind nicht alleine. Da sind andere mit ihnen….

PROLOG II: ALLTAG AUFBRECHEN

Wenn wir in unseren Alltag eingetaucht sind, dann können wir die Welt um uns herum, unsere Welt, unseren Alltag, genauso erleben, wie eingangs beschrieben, und es ist tatsächlich so, dass sehr viele Menschen heute es genau so erleben.

Wir kennen aber auch die Metapher, von dem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. Wenn wir uns im Wald befinden, sehen wir nur viele Bäume, aber nicht den Wald als Ganzes. So ist es vielfach auch mit unserem Alltag: wir sind eingebettet in viele Abläufe, Verpflichtungen, Gewohnheiten, wen wir treffen, was wir arbeiten, was wir bei verschiedenen Gelegenheiten so sagen, mit wem wir was besprechen, welchen Informationsquellen wir folgen, was wir so essen und dementsprechend einkaufen …. ein Außenstehender könnte uns vielleicht sogar ziemlich gut beschreiben in allem, was wir tun. Google-Algorithmen, Handy-Algorithmen, und viele andere, tun dies rund um die Uhr, Woche um Woche. Deswegen können sie auch vieles sehr gut vorhersagen, oder Auftraggeber können wissen, was sie tun müssen, um uns zu bestimmten Verhaltensweisen anzuregen …

Wenn wir dies alles so tun, jeden Tag, Woche um Woche, heißt dies nicht unbedingt, dass wir selber genau wissen, was wir da tun; ja, wir tun es, aber warum genau? Welchen Zweck befolgen wir? Haben wir ein Ziel, was uns wie ein Licht vorausleuchtet über das Jetzt hinweg, für einen Punkt in der Zukunft, wo wir hinwollen? Oder treiben wir eher so dahin, fühlen wir uns gezwungen und dirigiert von den Umständen, die uns übermächtig erscheinen? Sind wir täglich von unserer Arbeit so ausgelaugt, dass uns schlicht die Kraft fehlt, am Abend, zwischendurch, an Alternativen zu denken, an irgendetwas anderes, an Freundschaften, an eine andere Form zu leben? Nehmen wir es also einfach so hin, was passiert, wie es passiert, ohne wirklich zu verstehen, warum dies geschieht, wer da im Hintergrund die Fäden spinnt?

MIT ANDEREN AUGEN

Manchmal gibt es sie dann doch, diese seltenen Momente, wo Sie irgendwie zur Ruhe kommen, wo Sie ein Buch lesen, dessen Worte sie gefangen nehmen, einen Film sehen, der Sie anspricht, einen Song hören, der sie berührt, oder mit einem anderen Menschen reden, der Ihnen zuhört, und der Ihnen dann Worte sagt, die ihnen helfen, sich selbst mal mit anderen Augen zu sehen, ihr Leben, ihr Tun; eine Freundin, ein Freund, oder jemand Fremdes,….

Jeder von uns hat seinen eigenen Blick, den wir uns in vielen Jahren angeeignet haben, die eigene Sprache, die eigenen Vorlieben, und dann sehen wir andere Menschen, die es anders machen, und irgendwie haben wir das Gefühl, das fühlt sich gut an… oder unser Gegenüber hört uns zu und fragt dann zurück, warum wir dies und jenes überhaupt so machen. Warum machen wir ständig A, warum nicht auch einmal B? Und im Moment, wo wir gefragt werden, schrecken wir vielleicht zurück und fangen sofort an, uns zu verteidigen, oder, wir zögern einen Moment, merken vielleicht, da wird ein Punkt berührt, der einen schon lange irgendwie beschäftigt, aber man hatte noch nie die Muße, den Mut, ihn ernsthaft ins Auge zu fassen, ihn wirklich an sich heran kommen zu lassen…

Entscheidend ist, dass es meistens irgendwelche Ereignisse braucht, die uns dazu bringen, im gewöhnlichen Ablauf inne zu halten, etwas zu merken, aufmerksam zu werden auf etwas in unserem Leben, an uns, von dem wir spüren, das könnte auch anders sein. Hier können sehr viele Emotionen im Spiel sein, Ängste wie auch Hoffnungen, Schmerzen wie auch Lustgefühle, Erinnerungen, die uns lähmen und solche, die uns ermutigen…

Die Gefühle, die Emotionen alleine sind es aber nicht, auch wenn sie uns vielleicht lähmen, fesseln können. Es braucht schon auch ein Bild, eine Vision, eine Vorstellung, eine Idee die uns Zusammenhänge sichtbar macht, mögliche alternative Zustände, die so sind, dass wir daraus mögliche Handlungen ableiten können, eine mögliche neue Richtung, was man mit anderen konkret tun könnte: andere Menschen, andere Orte, andere Bewegungsformen, anderes sehen, anderes ….

Mit dem neuen Tun ändert sich die eigene Wahrnehmung, ändert sich die eigene Erfahrung, kann sich das Bild von der Welt, von den anderen, von sich selbst ändern; dadurch können sich Gefühle ändern. Was vorher so aussichtslos, fern erschien, erscheint plötzlich vielleicht erreichbar… so ein bisschen kann man dann erahnen, dass man selbst vielleicht mehr ist als nur ein Bündel von Gewohnheiten, die feststehen …. dass man irgendetwas in sich hat, was die Abläufe ändern kann, etwas, das das ganze Gefüge in Bewegung setzt. Ich muss nicht immer das Gleiche machen, ich kann anders … die Welt ist mehr als ds Bild, was ich gerade noch im Kopf hatte, mein Bild, das mich eingesperrt hat in mich selbst …

EREIGNIS BEI MIR: Vor 33 Jahren …

Ereignisse, die einem helfen können, für einen Moment inne zu halten, aufzumerken, zu ahnen, zu spüren, dass da etwas ist, was anders ist, sind vielfältiger Art. Jeder kann davon bestimmt mindestens eine Geschichte erzählen. Bei mir war es die Tage ein Gespräch mit Freunden, bei dem einer (MF) das Wort autopoiesis erwähnte, ein Wort, das einem ja nicht alle Tage über den Weg läuft. Und ja, dieses Wort spiel eine zentrale Rolle in einem Buch, das den vielsagenden Titel trägt Baum der Erkenntnis. Dies ruft gleich Assoziationen an esoterisches Gedankengut wach, an Mythen und Sagen, oder auch an den berühmten Sündenfall von Eva und Adam, als sie im Paradies vom ‚Baum der Erkenntnis‘ aßen und daraufhin aus dem Paradies vertrieben wurden. Wer versteht die Botschaft in dieser Geschichte nicht: Wehe, wenn Du Dich zu sehr mit Erkenntnis beschäftigst, dann verlierst Du deine Unschuld und es wird Dir Zeit deines Lebens schlecht ergehen.

Ja, und vielleicht stimmt diese Mahnung auch, wird so mancher denken, denn das Buch, um das es hier geht, erschien 1987 erstmals und wurde von zwei Wissenschaftlern verfasst, die aufgrund ihrer jahrzehntelangen Arbeit in der Erforschung der Natur, insbesondere des biologischen Lebens, ein Bild von der Welt und uns als Menschen erarbeitet hatten, das die Geschichten aus der Bibel — und viele anderen — nicht besonders gut aussehen lassen.

Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass ich dieses Buch noch in meinem Bücherregal hatte, ich hatte es sogar vor 33 Jahren gelesen, wovon viele Markierungen im Text Zeugnis geben, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es damals tatsächlich in seiner Tragweite verstanden hatte. Jetzt, 33 Jahre später, als ich als erstes das Schlusskapitel nochmals las, hatte ich das Gefühl, dass ich fast jeden Satz mehrfach unterstreichen konnte. Ich merkte, dass meine ganzen Arbeiten der letzten 33 Jahre (!) letztlich dazu gedient haben, die Vision in diesem Buch — ohne mir dessen vielleicht immer bewusst gewesen zu sein — durch eigenes Forschen, Experimentieren, Probieren, Schreiben, Verwerfen usw. für mich neu zu erarbeiten. Während man sicher viele Details aus dem Buch von Maturana und Varela aktualisieren muss, erscheint mir die Grundperspektive weiterhin voll gültig zu sein und es könnte uns heute, uns allen, die wir von unseren alltäglichen Abläufen oft wie ‚Gefangen genommen‘ erscheinen, vielleicht eine deutliche Hilfe sein, aus unseren — tendenziell unfertigen und falschen — Bildern auszubrechen.

AUFTRAG, NICHT SCHICKSAL

Wie eingangs angedeutet, leidet unser Alltag stark an der Unvollständigkeit unserer Bilder von uns selbst, von den anderen, von der Gesellschaft, der Welt. Und ja, man kann dadurch entmutigt werden, vielleicht sogar daran verzweifeln. Aber vielleicht hilft es, wenn man weiß, dass der fragmentarische Charakter unseres Welterlebens und Weltwissens eigentlich unsere Versicherung ist, dass wir als Menschen, als Leben auf der Erde nicht zwangsläufig zugrunde gehen müssen! Wären wir als Lebewesen von Anfang an mit einem kompletten Bild ausgestattet, dann kämen wir vielleicht eine gewisse Zeit klar mit den Gegebenheiten; da aber die Erde hochdynamisch ist, sich permanent verändert, z.T. dramatisch (Vulkane, Erdbeben, Verschiebung der Erdplatten, Klima mit vielen Eiszeiten…), würden wir bald scheitern, weil wir auf diese Veränderungen nicht vorbereitet wären. Überleben auf einer hochdynamischen Erde heißt, sein Bild von der Erde ständig weiter entwickeln, ständig korrigieren, ständig erneuern. Wichtig ist also nicht, wie viel Wissen man zu Beginn hat, sondern, ob man das Wissen verändern, weiter entwickeln kann. Wissen ist ganz klar ein Werkzeug zum Überleben! Und — was man in diesem Zusammenhang vielleicht schnell verstehen kann — Wissensfragmente benötigen zum Verändern jede Menge Kooperationen.

Die ersten Lebensformen auf der Erde waren Zellen, die unterschiedlich spezialisiert waren. Eine Zelle alleine war nicht überlebensfähig, aber alle Zellen zusammen haben u.a. die gesamte Atmosphäre der Erde verändert, sie haben unfassbar komplexe hoch organiserte Zellverbände entstehen lassen, die wir als Pflanzen, Tiere und Menschen — Wir! — kennen. Diese Winzlinge, diese Mikroben, haben dies geschafft, weil sie ihr minimales Wissen im großen Stile nicht nur immer wieder verändert haben, sondern weil sie es auch beständig ausgetauscht haben. Die Anzahl dieser Mikroben auf der Erde übersteigt die Anzahl der heute bekannten Sterne im bekannten Universum um ein Mehrfaches. Zugleich bilden sie zusammen einen Superrechner — ich nenne ihn BIOM I –, der alle heutigen Superrechner einfach nur schlecht aussehen lässt. Denn der BIOM I Supercomputer ist so, dass jedes Element von ihm beständig eigenständig dazu lernt und alle Elemente ihr Erlerntes untereinander austauschen. Davon können heutige Supercomputer nur träumen, falls sie träumen könnten.

Also, der fragmentarische Charakter unseres Wissens ist gerade kein negatives Schicksal, sondern gibt uns die Chance, unser Wissen gemeinsam weiter zu entwickeln, um so den jeweils neuen Herausforderungen gerecht werden zu können.

Anmerkung: In dem Maße, wie biologische Lebensformen die Erde bevölkern — nicht zuletzt auch der Mensch selbst — erzeugen diese aufgrund ihrer Freiheitsgrade auch Veränderungen, und zwar schwer vorausberechenbare Veränderungen. Um diesen gerecht zu werden, bedarf es um so mehr der Fähigkeit, sich dynamisch ein Bild möglicher Prozesse zu machen. Die Tendenz von Regierungen zu allen Zeiten, diese implizite Dynamik des Lebens durch autoritäre Regelsysteme einzugrenzen, zu ‚zähmen‘, hat noch nie wirklich funktioniert und wird auch niemals funktionieren, will man nicht das Leben selbst zerstören.

MONADE + MONADE = ?

Jahrtausende lang haben Menschen darum gerungen, zu verstehen, wie sie ihr Verstehen, ihr Wissen bewerten sollen: Was ist wahr? Wann denken wir richtig? Wo kommt unser Wissen her? Wie entsteht unser Wissen? Wieweit können wir unserem Wissen vertrauen? Und so ähnlich.

Aber, selbst die besten Philosophen und Wissenschaftler blieben immer im Gestrüpp ihres Selbstbewusstseins hängen. Im Nachhinein betrachtet glichen die Philosophen den berühmten Mücken, die immer um das Licht kreisen, an dem sie dann verbrennen. Und war nicht Eva auch so eine ‚Mücke‘, die um das ‚Licht der Erkenntnis‘ kreiste, um dann daran zu zerschellen?

Es ist schwer zu sagen, wann genau wer jetzt diese Form der Selbstbezüglichkeit durchbrach. Vermutlich war es wie immer, dass es die vielen Versuche einzelner waren, von denen man sich dann untereinander erzählt hatte, die so langsam eine Atmosphäre, ein Ahnen, einen Sack voller Experimente mit sich brachten, die dann zu einem Durchbruch geführt haben, der — so erscheint es von heute aus — in vielen Disziplinen gleichzeitig stattgefunden hat, jeweils speziell und anders, aber dann doch so, dass sich mit den vielen Puzzlesteinen langsam ein Gesamtbild andeutete, das zu einem bisher nie dagewesenen Durchbruch im Verstehen unserer selbst als Teil der Natur, des Universums geführt hat.

Fairerweise muss man sagen, dass frühere Generationen tatsächlich auch keine reale Chance hatten, diesen Durchbruch vorweg zu nehmen, da wir Menschen einige Jahrtausende und dann speziell die letzten Jahrhunderte gebraucht haben, unser Wissen über die Welt, die Natur, das Leben so weit auszudehnen, dass wir letztlich verstehen konnten, dass und wie unser Körper aus einer großen Anzahl von Galaxien an Zellen besteht, dass diese Zellen, jede für sich, autonom sind, dass sie es aber schaffen, so miteinander zu kooperieren, dass es eine Vielzahl von Organen in unserem Körper gibt, die die unglaublichsten Dinge vollbringen, ohne dass wir bis heute dieses Geschehen vollständig verstehen. Speziell das Gehirn versetzt uns mehr und mehr in Erstaunen, wenn wir langsam begreifen, was es alles leistet. Ein zentraler Punkt — wie vielfach schon in diesem Blog dargelegt — ist der, dass das Gehirn im Körper aus all den verfügbaren Körpersignalen ein Bild von der Welt errechnet, das für den ganzen Organismus zur Orientierung dient. Konkret, alles, was wir von der Welt sehen ist nicht die Welt selbst, sondern das, wie sich unser Gehirn die Welt vorstellt!

Vieles, was Leibniz damals 1714 unter der Idee einer Monadologie beschrieben hatte, könnte man auf das Gehirn anwenden, das vollständig auf sich selbst bezogen damit beschäftigt ist, ein Bild von sich selbst und der Umgebung zu entwickeln mit dem wichtigen Zweck, zu überleben. Entscheidend dabei ist der dynamische Charakter des Gehirns und seiner Berechnungen. Es kann zwar einerseits Strukturen bilden, die ihm zur Orientierung dienen, es kann aber auch, diese Strukturen ständig wieder abändern, um sie den veränderten Erfahrungen anzupassen.

Im Unterschied zu einer reinen Monade haben Gehirne die Fähigkeit ausgebildet, viele ihrer inneren Zustände mit beliebigen sprachlichen Ausdrücken zu assoziieren, zu korrelieren, so dass Manifestationen von sprachlichen Ausdrücken außerhalb des Körpers von anderen Gehirnen wahrgenommen werden können. Wie immer die Gehirne dies irgendwie und irgendwo geschafft haben, sie haben es geschafft, mit Hilfe solcher Manifestationen gemeinsame Bedeutungen zu vereinbaren und dann auch gemeinsam, synchron zu nutzen. Damit war symbolische Kommunikation grundgelegt.

Während zwei Monaden nach dem Modell von Leibniz strikt Monaden bleiben, können zwei biologische Monaden, die über ein Gehirn mit Sprache verfügen, durch Kommunikation zu Kooperationen zusammen finden, aus denen eine nahezu unendliche Menge neuer Zustände entstehen kann. Letztlich können biologische Monaden das gesamte Universum umbauen!

VERTRAUEN ALS NATURGEWALT ? !

Wenn wir von Naturgewalten sprechen, denken wir sicher erst mal an Unwetter, Erdbeben, Vulkane und dergleichen. In den Wissenschaften hat man Worte wie z.B. die Gravitation, um eine Eigenschaft zu beschreiben, die wir überall im heute bekannten Universum beobachten können als eine Kraft, die sich indirekt zeigt: auf der Erde fallen alle Gegenstände ’nach unten‘ und alle Körper haben ein ‚Gewicht‘.

Das biologische Leben gehört aber auch zur Natur, es ist Natur durch und durch. Allerdings, biologische Strukturen haben eine Komplexität angenommen, die weit über alles hinausgeht, was wir aus dem physikalisch erforschten Universum kennen. Und so wie es die Gravitation als eine Kraft gibt, die die Strukturbildung im physikalischen Universum stark prägt, so gibt es im Bereich biologischer Systeme die Kraft der Kooperation, die schier Unvorstellbares möglich macht (wer kann sich bei Betrachtung einfacher Zellen von vor 3.5 Milliarden Jahren ernsthaft vorstellen, wie sich von diesem Ausgangspunkt aus Zellformationen bilden können, die zusammen ca. 240 Billionen (10^12) Zellen umfassen, und dann als homo sapiens auftreten?) Aber nicht nur das. Je größer der Grad der Komplexität wird, um so mehr zeigt sich in diesen biologischen Lebensformen ein immer höherer Grad an Freiheitsgraden! Verglichen mit den anderen Lebensformen hat der Homo sapiens eine bislang besonders hohes Ausmaß an Freiheitsgraden erreicht. Dies eröffnet eine schier unendliche Menge an Möglichkeiten, stellt aber den Akteur auch vor entsprechend große Herausforderungen. Alleine hat er nahezu keine Chance. Zusammen mit anderen erhöht sich die Chance. Allerdings — und dies zeigt unser Alltag nahezu stündlich — Kooperationen verlangen einen ‚Grundstoff‘, ohne den überhaupt nichts geht: Vertrauen! Da wir uns permanent in unvollständigen Situationen bewegen, die unsere Gehirne durch geeignetes Wissen partiell ‚ausfüllen‘ können, können wir Unbekanntheiten partiell überbrücken, partiell mit Möglichkeiten ausfüllen, aber wir brauchen als ‚Vorschuss‘ jede Menge Vertrauen, um uns überhaupt gemeinsam in diese Richtung zu bewegen. Es ist eine qualitative Besonderheit des Homo sapiens, dass er über diese seltene Gabe als eine besondere Kraft der Natur verfügt.

Vertrauen ist lebensnotwendig, Voraussetzung für jede Form von Zukunftsgestaltung.

WISSEN ALS ZUKUNFTSTECHNOLOGIE

Das Verhältnis von uns Menschen zum Wissen ist durchwachsen. Einerseits wissen wir es zu schätzen, weil es uns vielfach hilft, unsere Lebensbedingungen zu verbessern. Andererseits wird es aber gerade auch von denen, die primär an Macht und monadischen Selbstinteressen orientiert sind, vielfach missbraucht zum Schaden vieler anderer. Und als einzelner, als Kind, als Jugendlicher wird das Abenteuer des Wissens vielfach schlecht oder — in vielen Ländern dieser Welt — so gut wie gar nicht vermittelt. Damit schaden wir uns selbst in hohem Maße!

Man kann über die uns verfügbaren Freiheitsgrade schimpfen, über sie lamentieren, sie verleugnen … aber es ist eine Eigenschaft, die wir als Homo sapiens jetzt haben und die uns prinzipiell die Möglichkeit gibt, in vertrauensvoller Kooperation mit allen anderen Wissen zu erarbeiten, das helfen kann, den fragmentarischen Charakter unserer einzelnen partiellen Bilder zu ergänzen und dadurch zu überwinden. Unser Ziel kann es nicht sein, den beschämenden gegenwärtigen Zustand der Weltbevölkerung fest zu schreiben. Was wir als Menschen zur Zeit veranstalten, das ist in hohem Maße dumm, grausam, lebensverachtend, zukunftsunwillig, welt-zerstörerisch.

Wissen ist kein Luxus! Wissen ist neben Kooperation und Vertrauen der wichtigste Rohstoff, die wichtigste Technologie, um uns ein Minimum an Zukunft zu sichern, einer Zukunft, die das ganze Universum in den Blick nehmen muss, nicht nur unsere eigene Haustür!

WAS IST DER MENSCH?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062 20.Juli 2020
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

AKTUALISIERUNGEN: Letzte Aktualisierung 21.7.2020 (Korrekturen; neue Links)

KONTEXT

In den vielen vorausgehenden Beiträgen in diesem Blog wurde die Frage nach dem Menschen, was das angemessene Bild vom Menschen sein könnte, schon oft gestellt. Möglicherweise wird diese Frage auch in der Zukunft sich immer wieder neu stellen, weil wir immer wieder auf neue Aspekte unseres Menschseins stoßen. Ich bin diese Tage auf einen Zusammenhang gestoßen, der mir persönlich in dieser Konkretheit neu ist (was nicht ausschließt, dass andere dies schon ganz lange so sehen). Hier einige weitere Gedanken dazu.

DER MENSCH IN FRAGMENTEN

In der evolutionsbiologischen Perspektive taucht der homo sapiens — also wir — sehr, sehr spät auf. Vom Jahr 2020 aus betrachtet, bilden wir den aktuellen Endpunkt der bisherigen Entwicklung wohl wissend, dass es nur ein Durchgangspunkt ist in einem Prozess, dessen Logik und mögliche Zielrichtung wir bislang nur bedingt verstehen.

Während man bei der Betrachtung der letzten Jahrtausende Menschheitsgeschichte bisweilen den Eindruck haben könnte, dass die Menschen sich als Menschen als etwas irgendwie Besonderes angesehen haben (was die Menschen aber nicht davon abgehalten hat, sich gegenseitig zu bekämpfen, sich zu bekriegen, sich regelrecht abzuschlachten), könnte man bei der Betrachtung der letzten 100 Jahre den Eindruck gewinnen, als ob die Wissenschaft die Besonderheit des Menschen — so es sie überhaupt gab — weitgehend aufgelöst hat: einmal durch die Einbettung in das größere Ganze der Evolution, dann durch einen vertieften Blick in die Details der Anatomie, des Gehirns, der Organe, der Mikro- und Zellbiologie, der Genetik, und schließlich heute durch das Aufkommen digitaler Technologien, der Computer, der sogenannten künstlichen Intelligenz (KI); dies alles lässt den Menschen auf den ersten Blick nicht mehr als etwas Besonders erscheinen.

Diese fortschreitende Fragmentierung des Menschen, des homo sapiens, findet aber nicht nur speziell beim Menschen statt. Die ganze Betrachtungsweise der Erde, des Universums, der realen Welt, ist stark durch die empirischen Wissenschaften der Gegenwart geprägt. In diesen empirischen Wissenschaften gibt es — schon von ihrem methodischen Ansatz her — keine Geheimnisse. Wenn ich nach vereinbarten Messmethoden Daten sammle, diese in ein — idealerweise — mathematisches Modell einbaue, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, dann kann ich möglicherweise Ausschnitte der realen Welt als abgeschlossene Systeme beschreiben, bei denen der beschreibende Wissenschaftler außen vor bleibt. Diese partiellen Modelle bleiben notgedrungen Fragmente. Selbst die Physik, die für sich in Anspruch nimmt, das Ganze des Universums zu betrachten, fragmentiert die reale Welt, da sich die Wissenschaftler selbst, auch nicht die Besonderheiten biologischen Lebens generell, in die Analyse einbeziehen. Bislang interessiert das die meisten wenig. Je nach Betrachtungsweise kann dies aber ein fataler Fehler sein.

DER BEOBACHTER ALS BLINDE FLECK

Die Ausklammerung des Beobachters aus der Beschreibung des Beobachtungsgegenstands ist in den empirischen Wissenschaften Standard, da ja das Messverfahren idealerweise invariant sein soll bezüglich demjenigen, der misst. Bei Beobachtungen, in denen der Beobachter selbst das Messinstrument ist, geht dies natürlich nicht, da die Eigenschaften des Beobachters in den Messprozess eingehen (z.B. überall dort, wo wir Menschen unser eigenes Verhalten verstehen wollen, unser Fühlen und Denken, unser Verstehen, unser Entscheiden, usw.). Während es lange Zeit eine strenge Trennung gab zwischen echten (= harten) Wissenschaften, die strikt mit dem empirischen Messideal arbeiten, und jenen quasi (=weichen) Wissenschaften, bei denen irgendwie der Beobachter selbst Teil des Messprozesses ist und demzufolge das Messen mehr oder weniger intransparent erscheint, können wir in den letzten Jahrzehnten den Trend beobachten, dass die harten empirischen Messmethoden immer mehr ausgedehnt werden auch auf Untersuchungen des Verhaltens von Menschen, allerdings nur als Einbahnstraße: man macht Menschen zwar zu Beobachtungsgegenständen partieller empirischer Methoden, die untersuchenden Wissenschaftler bleiben aber weiterhin außen vor. Dieses Vorgehen ist per se nicht schlecht, liefert es doch partiell neue, interessante Einsichten. Aber es ist gefährlich in dem Moment, wo man von diesem — immer noch radikal fragmentiertem — Vorgehen auf das Ganze extrapoliert. Es entstehen dann beispielsweise Bücher mit vielen hundert Seiten zu einzelnen Aspekten der Zelle, der Organe, des Gehirns, aber diese Bücher versammeln nur Details, Fragmente, eine irgendwie geartete Zusammenschau bleibt aus.

Für diese anhaltende Fragmentierung gibt es sicher mehr als einen Grund. Einer liegt aber an der Wurzel des Theoriebegriffs, der Theoriebildung selbst. Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Anschauung entstehen Theorien, Modelle, also jene begrifflichen Gebilde, mit denen wir einzelne Daten deuten, nicht aus einem Automatismus, sondern sie beruhen auf gedanklichen Entscheidungen in den Köpfen der Wissenschaftler selbst: grundsätzlich gibt es immer mehr als eine Option, wie ich etwas angehen will. Jede Option verlangt also eine Entscheidung, eine Wahl aus einem großen Bereich von Möglichkeiten. Die Generierung einer Theorie ist von daher immer ein komplexer Prozess. Interessanterweise gibt es in kaum einer der heutigen empirischen Disziplinen das Thema Wie generieren wir eine Theorie? als eigene Themenstellung. Obwohl hier viele Grundentscheidungen fallen, obwohl hier viel Komplexität rational aufgehellt werden müsste, betreiben die sogenannten harten Wissenschaften hier ein weitgehend irrationales Geschäft. Das Harte an den empirischen Wissenschaften gründet sich in diesem Sinne nicht einmal in einer weichen Reflexion; es gibt schlicht gar keine offizielle Reflexion. Die empirischen Wissenschaften sind in dieser Hinsicht fundamental irrational. Dass sie trotz ihrer fundamentalen Irrationalität interessante Detailergebnisse liefern kann diesen fundamentalen Fehler in der Wurzel nur bedingt ausgleichen. Die interessante Frage ist doch, was könnten die empirischen Wissenschaften noch viel mehr leisten, wenn sie ihre grundlegende Irrationalität an der Wurzel der Theoriebildung schrittweise mit Rationalität auffüllen würden?

HOMO SAPIENS – DER TRANSFORMER

(Ein kleiner Versuch, zu zeigen, was man sehen kann, wenn man die Grenzen der Disziplinen versuchsweise (und skizzenhaft) überschreitet)

Trotz ihrer Irrationalität an der Wurzel hat die Evolutionsbiologie viele interessante Tatbestände zum homo sapiens sichtbar gemacht, und andere Wissenschaften wie z.B. Psychologie, Sprachwissenschaften, und Gehirnwissenschaft haben weitere Details beigesteuert, die quasi ‚auf der Straße‘ herumliegen; jeder produziert für sich fleißig partielle Modelle, aber niemand ist zuständig dafür, diese zusammen zu bauen, sie versuchsweise zu integrieren, mutig und kreativ eine Synthese zu versuchen, die vielleicht neue Aspekte liefern kann, mittels deren wir viele andere Details auch neu deuten könnten. Was Not tut ist eine Wissenschaft der Wissenschaften, nicht als Privatvergnügen eines einzelnen Forschers, sondern als verpflichtender Standard für alle. In einer Wissenschaft der Wissenschaften wäre der Beobachter, der Forscher, die Forschergruppe, selbst Teil des Untersuchungsgegenstandes und damit in der zugehörigen Meta-Theorie aufzuhellen.

Anmerkung: Im Rahmen der Theorie des Engineering gibt es solche Ansätze schon länger, da das Scheitern eines Engineeringprozesses ziemlich direkt auf die Ingenieure zurück schlägt; von daher sind sie äußerst interessiert daran, auf welche Weise der Faktor Mensch — also auch sie selbst — zum Scheitern beigetragen hat. Hier könnte die Wissenschaft eine Menge von den Ingenieuren lernen.

Neben den vielen Eigenschaften, die man am homo sapiens entdecken kann, erscheinen mir drei von herausragender Bedeutung zu sein, was sich allerdings erst so richtig zeigt, wenn man sie im Zusammenspiel betrachtet.

Faktor 1: Dass ein homo sapiens einen Körper [B, body] mit eingebautem Gehirn [b, brain] hat, unterscheidet ihn nicht unbedingt von anderen Lebensformen, da es viele Lebensformen im Format Körper mit eingebautem Gehirn gibt. Dennoch ist schon mal festzuhalten, dass der Gehirn-Körper [b_B] eines homo sapiens einen Teil der Eigenschaften seiner Realwelt-Umgebung [RW] — und der eigene Körper gehört aus Sicht des Gehirns auch zu dieser Realwelt-Umgebung — ausnahmslos in neuronale Zustände [NN] im Gehirn verwandelt/ transformiert/ konvertiert und diese neuronale Zustände auf vielfältige Weise Prozesshaft bearbeitet (Wahrnehmen, Speichern, Erinnern, Abstrahieren, Assoziieren, bewerten, …). In dieser Hinsicht kann man den Gehirn-Körper als eine Abbildung, eine Funktion verstehen, die u.a. dieses leistet: b_B : RW —–> RW_NN. Will man berücksichtigen, dass diese Abbildung durch aktuell verfügbare Erfahrungen aus der Vergangenheit modifiziert werden kann, dann könnte man schreiben: b_B : RW x RW_NN —–> RW_NN. Dies trägt dem Sachverhalt Rechnung, dass wir das, was wir aktuell neu erleben, automatisch mit schon vorhandenen Erfahrungen abgleichen und automatisch interpretieren und bewerten.

Faktor 2: Allein schon dieser Transformationsprozess ist hochinteressant, und er funktioniert bis zu einem gewissen Grad auch ganz ohne Sprache (was alle Kinder demonstrieren, wenn sie sich in der Welt bewegen, bevor sie sprechen können). Ein homo sapiens ohne Sprache ist aber letztlich nicht überlebensfähig. Zum Überleben braucht ein homo sapiens das Zusammenwirken mit anderen; dies verlangt ein Minimum an Kommunikation, an sprachlicher Kommunikation, und dies verlangt die Verfügbarkeit einer Sprache [L].

Wir wir heute wissen, ist die konkrete Form einer Sprache nicht angeboren, wohl aber die Fähigkeit, eine auszubilden. Davon zeugen die vielen tausend Sprachen, die auf dieser Erde gesprochen werden und das Phänomen, dass alle Kinder irgendwann anfangen, Sprachen zu lernen, aus sich heraus.

Was viele als unangenehm empfinden, das ist, wenn man als einzelner als Fremder, als Tourist in eine Situation gerät, wo alle Menschen um einen herum eine Sprache sprechen, die man selbst nicht versteht. Dem Laut der Worte oder dem Schriftzug eines Textes kann man nicht direkt entnehmen, was sie bedeuten. Dies liegt daran, dass die sogenannten natürlichen Sprachen (oft auch Alltagssprachen genannt), ihre Bedeutungszuweisungen im Gehirn bekommen, im Bereich der neuronalen Korrelate der realen Welt RW_NN. Dies ist auch der Grund, warum Kinder nicht von Geburt an eine Sprache lernen können: erst wenn sie minimale Strukturen in ihren neuronalen Korrelaten der Außenwelt ausbilden konnten, können die Ausdrücke der Sprache ihrer Umgebung solchen Strukturen zugeordnet werden. Und so beginnt dann ein paralleler Prozess der Ausdifferenzierung der nicht-sprachlichen Strukturen, die auf unterschiedliche Weise mit den sprachlichen Strukturen verknüpft werden. Vereinfachend kann man sagen, dass die Bedeutungsfunktion [M] eine Abbildung herstellt zwischen diesen beiden Bereichen: M : L <–?–> RW_NN, wobei die sprachlichen Ausdrücke letztlich ja auch Teil der neuronalen Korrelate der Außenwelt RW_NN sind, also eher M: RW_NN_L <–?–>RW_NN.

Während die grundsätzliche Fähigkeit zur Ausbildung einer bedeutungshaltigen Sprache [L_M] (L :_ Ausrucksseite, M := Bedeutungsanteil) nach heutigem Kenntnisstand angeboren zu sein scheint, muss die Bedeutungsrelation M individuell in einem langen, oft mühsamen Prozess, erlernt werden. Und das Erlernen der einen Sprache L_M hilft kaum bis gar nicht für das Erlernen einer anderen Sprache L’_M‘.

Faktor 3: Neben sehr vielen Eigenschaften im Kontext der menschlichen Sprachfähigkeit ist einer — in meiner Sicht — zusätzlich bemerkenswert. Im einfachen Fall kann man unterscheiden zwischen den sprachlichen Ausdrücken und jenen neuronalen Korrelaten, die mit Objekten der Außenwelt korrespondieren, also solche Objekte, die andere Menschen zeitgleich auch wahrnehmen können. So z.B. ‚die weiße Tasse dort auf dem Tisch‘, ‚die rote Blume neben deiner Treppe‘, ‚die Sonne am Himmel‘, usw. In diesen Beispielen haben wir auf der einen Seite sprachliche Ausdrücke, und auf der anderen Seite nicht-sprachliche Dinge. Ich kann mit meiner Sprache aber auch sagen „In dem Satz ‚die Sonne am Himmel‘ ist das zweite Wort dieses Satzes grammatisch ein Substantiv‘. In diesem Beispiel benutze ich Ausdrücke der Sprache um mich auf andere Ausdrücke einer Sprache zu beziehen. Dies bedeutet, dass ich Ausdrücke der Sprache zu Objekten für andere Ausdrücke der Sprache machen kann, die über (meta) diese Objekte sprechen. In der Wissenschaftsphilosophie spricht man hier von Objekt-Sprache und von Meta-Sprache. Letztlich sind es zwei verschiedenen Sprachebenen. Bei einer weiteren Analyse wird man feststellen können, dass eine natürliche/ normale Sprache L_M scheinbar unendlich viele Sprachebenen ausbilden kann, einfach so. Ein Wort wie Demokratie z.B. hat direkt kaum einen direkten Bezug zu einem Objekt der realen Welt, wohl aber sehr viele Beziehungen zu anderen Ausdrücken, die wiederum auf andere Ausdrücke verweisen können, bis irgendwann vielleicht ein Ausdruck dabei ist, der Objekte der realen Welt betrifft (z.B. der Stuhl, auf dem der Parlamentspräsident sitzt, oder eben dieser Parlamentspräsident, der zur Institution des Bundestages gehört, der wiederum … hier wird es schon schwierig).

Die Tatsache, dass also das Sprachvermögen eine potentiell unendlich erscheinende Hierarchie von Sprachebenen erlaubt, ist eine ungewöhnlich starke Eigenschaft, die bislang nur beim homo sapiens beobachtet werden kann. Im positiven Fall erlaubt eine solche Sprachhierarchie die Ausbildung von beliebig komplexen Strukturen, um damit beliebig viele Eigenschaften und Zusammenhänge der realen Welt sichtbar zu machen, aber nicht nur in Bezug auf die Gegenwart oder die Vergangenheit, sondern der homo sapiens kann dadurch auch Zustände in einer möglichen Zukunft andenken. Dies wiederum ermöglicht ein innovatives, gestalterisches Handeln, in dem Aspekte der gegenwärtigen Situation verändert werden. Damit kann dann real der Prozess der Evolution und des ganzen Universums verändert werden. Im negativen Fall kann der homo sapiens wilde Netzwerke von Ausdrücken produzieren, die auf den ersten Blick schön klingen, deren Bezug zur aktuellen, vergangenen oder möglichen zukünftigen realen Welt nur schwer bis gar nicht herstellbar ist.

Hat also ein entwickeltes Sprachsystem schon für das Denken selbst eine gewisse Relevanz, spielt es natürlich auch für die Kommunikation eine Rolle. Der Gehirn-Körper transformiert ja nicht nur reale Welt in neuronale Korrelate b_B : RW x RW_NN —–> RW_NN (mit der Sprache L_B_NN als Teil von RW_NN), sondern der Gehirn-Körper produziert auch sprachliche Ausdrücke nach außen b_B : RW_NN —–> L. Die sprachlichen Ausdrücke L bilden von daher die Schnittstelle zwischen den Gehirnen. Was nicht gesagt werden kann, das existiert zwischen Gehirnen nicht, obgleich es möglicherweise neuronale Korrelate gibt, die wichtig sind. Nennt man die Gesamtheit der nutzbaren neuronalen Korrelate Wissen dann benötigt es nicht nur eine angemessene Kultur des Wissens sondern auch eine angemessene Kultur der Sprache. Eine Wissenschaft, eine empirische Wissenschaft ohne eine angemessene (Meta-)Sprache ist z.B. schon im Ansatz unfähig, mit sich selbst rational umzugehen; sie ist schlicht sprachlos.

EIN NEUES UNIVERSUM ? !

Betrachtet man die kontinuierlichen Umformungen der Energie-Materie vom Big Bang über Gasnebel, Sterne, Sternenhaufen, Galaxien und vielem mehr bis hin zur Entstehung von biologischem Leben auf der Erde (ob auch woanders ist komplexitätstheoretisch extrem unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich), dort dann die Entwicklung zu Mehrzellern, zu komplexen Organismen, bis hin zum homo sapiens, dann kommt dem homo sapiens eine einzigartig, herausragende Rolle zu, der er sich bislang offensichtlich nicht richtig bewusst ist, u.a. möglicherweise auch, weil die Wissenschaften sich weigern, sich professionell mit ihrer eigenen Irrationalität zu beschäftigen.

Der homo sapiens ist bislang das einzig bekannte System im gesamten Universum, das in er Lage ist, die Energie-Materie Struktur in symbolische Konstrukte zu transformieren, in denen sich Teile der Strukturen des Universums repräsentieren lassen, die dann wiederum in einem Raum hoher Freiheitsgrade zu neue Zuständen transformiert werden können, und diese neuen — noch nicht realen — Strukturen können zum Orientierungspunkt für ein Verhalten werden, das die reale Welt real transformiert, sprich verändert. Dies bedeutet, dass die Energie-Materie, von der der homo sapiens ein Teil ist, ihr eigenes Universum auf neue Weise modifizieren kann, möglicherweise über die aktuellen sogenannten Naturgesetze hinaus.

Hier stellen sich viele weitere Fragen, auch alleine schon deswegen, weil der Wissens- und Sprachaspekt nur einen kleinen Teil des Potentials des homo sapiens thematisiert.

MASLOW UND DIE NEUE WISSENSCHAFT. Nachbemerkung zu Maslow (1966)

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Datum: 21.Juni 2020 (Korrekturen: 24.Juni 2020)

KONTEXT

Wenn man sich nicht nur wundern will, warum das Phänomen von ‚Fake News‘ oder ‚Verschwörungstheorien‘ so verbreitet ist und selbst vor akademischer Bildung nicht Halt macht, dann muss man versuchen, den Mechanismus zu verstehen, der diesem Phänomen zugrunde liegt. Von den vielen Zugängen zu dieser Frage finde ich das Buch von Maslow (1966) The Psychology of Science besonders aufschlussreich.

VERLUST DES PHÄNOMENS

Maslow erlebte seine Arbeit als Psychotherapeut im Spannungsfeld zur damaligen experimentellen verhaltensorientierten Psychologie im Stil von Watson. Während er als Psychotherapeut versuchte, die ganze Bandbreite der Phänomene ernst zu nehmen, die sich in der Begegnung mit konkreten Menschen ereignet, gehörte es zum damaligen Programm einer empirischen Verhaltens-Psychologie, die Phänomene im Kontext von Menschen auf beobachtbares Verhalten zu beschränken, und hier auch nur auf solche Phänomene, die sich in (damals sehr einfachen) experimentellen Anordnungen reproduzieren lassen. Außerdem galt das Erkenntnisinteresse nicht den individuellen Besonderheiten, sondern allgemeinen Strukturen, die sich zwischen allen Menschen zeigen.

Maslow verallgemeinert die Betrachtung dahingehend, dass er die Einschränkung der Phänomene aus Sicht einer bestimmten Disziplin als Charakteristisch für die Wissenschaft seiner Zeit diagnostiziert. Er meinte in dieser Ausklammerung von Phänomenen eine tiefer liegende Tendenz zu erkennen, in der letztlich die Methode über das Phänomen gestellt wird: wehe dem Phänomen, wenn es nicht zu den vereinbarten Methoden passt; es hat hier nichts zu suchen. In dem Moment, in dem die Wissenschaft von sich aus entscheiden darf, was als Phänomen gelten darf und was nicht, gerät sie in Gefahr, ein Spielball von psychologischen und anderen Dynamiken und Interessen zu werden, die sich hinter der scheinbaren Rationalität von Wissenschaft leicht verstecken können. Aus der scheinbar so rationalen Wissenschaft wird verdeckt eine irrationale Unternehmung, die sich selbst immunisiert, weil sie ja alle Phänomene ausklammern kann, die ihr nicht passen.

VERLUST DER EINHEIT

Zu der verdeckten Selbstimmunisierung von wissenschaftlichen Disziplinen kommt erschwerend hinzu, dass die vielen einzelnen Wissenschaften weder begrifflich noch prozedural auf eine Integration, auf eine potentielle Einheit hin ausgelegt sind. Dies hier nicht verstanden als eine weitere Immunisierungsstrategie, sondern als notwendiger Prozess der Integration vieler Einzelaspekte zu einem möglichen hypothetischen Ganzen. Ohne solche übergreifenden Perspektiven können viele Phänomene und daran anknüpfende einzelwissenschaftliche Erkenntnisse keine weiterreichende Deutung erfahren. Sie sind wie einzelne Findlinge, deren Fremdheit zu ihrem Erkennungszeichen wird.

SUBJEKTIV – OBJEKTIV

In der orthodoxen Wissenschaft, wie Maslow die rigorosen empirischen Wissensschaften nennt, wird ein Begriff von empirisch, von objektiv vorausgesetzt, der den Anspruch erhebt, die reale Welt unabhängig von den internen Zuständen eines Menschen zu vermessen. Dies geht einher mit der Ausklammerung der Subjektivität, weil diese als Quelle allen Übels in den früheren Erkenntnistätigkeiten des Menschen diagnostiziert wurde. Mit der Ausklammerung der Subjektivität verschwindet aber tatsächlich auch der Mensch als entscheidender Akteur. Zwar bleibt der Mensch Beobachter, Experimentator und Theoriemacher, aber nur in einem sehr abstrakten Sinne. Die inneren Zustände eines Menschen bleiben in diesem Schema außen vor, sind quasi geächtet und verboten.

Diese Sehweise ist selbst im eingeschränkten Bild der empirischen Wissenschaften heute durch die empirischen Wissenschaften selbst grundlegend in Frage gestellt. Gerade die empirischen Wissenschaften machen deutlich, dass unser Bewusstsein, unser Wissen, unser Fühlen funktional an das Gehirn gebunden sind. Dieses Gehirn sitzt aber im Körper. Es hat keinen direkten Kontakt mit der Welt außerhalb des Körpers. Dies gilt auch für die Gehirne von Beobachtern, Experimentatoren und Theoriekonstrukteuren. Keiner von ihnen sieht die Welt außerhalb des Körpers, wie sie ist! Sie alle leben von dem, was das Gehirn aufgrund zahlloser Signalwege von Sensoren an der Körperoberfläche oder im Körper einsammelt und daraus quasi in Echtzeit ein dreidimensionales Bild der unterstellten Welt da draußen mit dem eigenen Körper als Teil dieser Welt errechnet. Dies bedeutet, dass alles, was wir bewusst wahrnehmen, ein internes, subjektives Modell ist, eine Menge von subjektiven Ereignissen (oft Phänomene genannt, oder Qualia), von denen einige über Wahrnehmungsprozesse mit externen Ursachen verknüpft sind, die dann bei allen Menschen in der gleichen Situation sehr ähnliche interne Wahrnehmungsereignisse erzeugen. Diese Wahrnehmungen nennen wir objektiv, sie sind aber nur sekundär objektiv; primär sind sie interne, subjektive Wahrnehmungen. Die Selbstbeschränkung der sogenannten empirischen Wissenschaften auf solche subjektiven Phänomene, die zeitgleich mit Gegebenheiten außerhalb des Körpers korrelieren, hat zwar einen gewissen praktischen Vorteil, aber der Preis, den die sogenannten empirischen Wissenschaften dafür zahlen, ist schlicht zu hoch. Sie opfern die interessantesten Phänomene im heute bekannten Universum nur, um damit ihre einfachen, schlichten Theorien formulieren zu können.

In ihrer Entstehungszeit — so im Umfeld der Zeit von Galilelo Galilei — war es eine der Motivationen der empirischen Wissenschaften gewesen, sich gegen die schwer kontrollierbaren Thesen einer metaphysischen Philosophie als Überbau der Wissenschaften zu wehren. Die Kritik an der damaligen Metaphysik war sicher gerechtfertigt. Aber In der Gegenbewegung hat die empirische Wissenschaft gleichsam — um ein Bild zu benutzen — das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: durch die extreme Reduktion der Phänomene auf jene, die besonders einfach sind und durch das Fehlen eines klaren Kriteriums, wie man der Gefahr entgeht, wichtige Phänomene schon im Vorfeld auszugrenzen, wurde die moderne empirische Wissenschaft selbst zu einer irrationalen dogmatischen Veranstaltung.

Es ist bezeichnend, dass die modernen empirischen Wissenschaften über keinerlei methodischen Überbau verfügen, ihre eigene Position, ihr eigenes Vorgehen rational und transparent zu diskutieren. Durch die vollständige Absage an Philosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftsphilosophie — oder wie man die Disziplinen nennen will, die sich genau mit diesen Fragen beschäftigen — hat sich die empirische Wissenschaft der Neuzeit einer nachhaltigen Rationalität beraubt. Eine falsche Metaphysik zu kritisieren ist eines, aber sich selbst angemessen zu reflektieren, ein anderes. Und hier muss man ein Komplettversagen der modernen empirischen Wissenschaften konstatieren, was Maslow in seinem Buch über viele Kapitel, mit vielen Detailbeobachtungen aufzeigt.

DAS GANZE IST EIN DYNAMISCHES ETWAS

Würden die empirischen Wissenschaften irgendwann doch zur Besinnung kommen und ihren Blick nicht vor der ganzen Breite und Vielfalt der Phänomene verschließen, dann würden sie feststellen können, dass jeder Beobachter, Experimentator, Theoriemacher — und natürlich alle Menschen um sie herum — über ein reiches Innenleben mit einer spezifischen Dynamik verfügen, die kontinuierlich darauf einwirkt, was und wie wir denken, warum, wozu usw. Man würde feststellen, dass das Bewusstsein nur ein winziger Teil eines Wissens ist, das weitgehend in dem um ein Vielfaches größeren Unbewusstsein verortet ist, das unabhängig von unserem Bewusstsein funktioniert, kontinuierlich arbeitet, all unsere Wahrnehmung, unser Erinnern, unser Denken usw. prägt, das angereichert ist mit einer ganzen Bandbreite von Bedürfnissen und Emotionen, über deren Status und deren funktionale Bedeutung für den Menschen wir bislang noch kaum etwas wissen (zum Glück gab und gibt es Wissenschaften, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigen, wenngleich mit großen Einschränkungen).

Und dann zeigt sich immer mehr, dass wir Menschen vollständig Teil eines größeren BIOMs sind, das eine dynamische Geschichte hinter sich hat in einem Universum, das auch eine Geschichte hinter sich hat. Alle diese Phänomene hängen unmittelbar untereinander zusammen, was bislang aber noch kaum thematisiert wird.

Das Erarbeiten einer Theorie wird zu einem dynamischen Prozess mit vielen Faktoren. Bei diesem Prozess kann man weder die primäre Wahrnehmung gegen konzeptuelle Modelle ausspielen, noch konzeptuelle Modelle gegen primäre Wahrnehmung, noch kann man die unterschiedlichen internen Dynamiken völlig ausklammern. Außerdem muss der Theoriebildungsprozess als gesellschaftlicher Prozess gesehen werden. Was nützt eine elitäre Wissenschaft, wenn der allgemeine Bildungsstand derart ist, dass Verschwörungstheorien als ’normal‘ gelten und ‚wissenschaftliche Theorien‘ als solche gar nicht mehr erkannt werden können? Wie soll Wissenschaft einer Gesellschaft helfen, wenn die Gesellschaft Wissenschaft nicht versteht, Angst vor Wissenschaft hat und die Wissenschaft ihrer eigenen Gesellschaft entfremdet ist?

BOTSCHAFT AN SICH SELBST?

Das biologische Leben ist das komplexeste Phänomen, das im bislang bekannten Universum vorkommt (daran ändert zunächst auch nicht, dass man mathematisch mit Wahrscheinlichkeiten herumspielt, dass es doch irgendwo im Universum etwas Ähnliches geben sollte). Es ist ein dynamischer Prozess, dessen Manifestationen man zwar beobachten kann, dessen treibende Dynamik hinter den Manifestationen aber — wie generell mit Naturgesetzen — nicht direkt beobachtet werden kann. Fasst man die Gesamtheit der beobachtbaren Manifestationen als Elemente einer Sprache auf, dann kann diese Sprache möglicherweise eine Botschaft enthalten. Mit dem Auftreten des homo sapiens als Teil des BIOMs ist der frühest mögliche Zeitpunkt erreicht, an dem das Leben ‚mit sich selbst‘ sprechen kann. Möglicherweise geht es gerade nicht um den einzelnen, wenngleich der einzelne im Ganzen eine ungewöhnlich prominente Stellung einnimmt. Vielleicht fängt die neue Wissenschaft gerade erst an. In der neuen Wissenschaft haben alle Phänomene ihre Rechte und es gibt keine Einzelwissenschaften mehr; es gibt nur noch die Wissenschaft von allen für alles ….

KONTEXT ARTIKEL

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DAS EIGENE WISSEN. Was soll ich davon halten?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Datum: 14.Juni 2020

KONTEXT

In einem vorausgehenden Blogeintrag (Menschen im Dunklen Zimmer) hatte ich über das neue Zeitalter der Datenüberflutung gesprochen, über das starke Aufkommen von sogenannten Fake-News, von Weltverschwörungs-Bildern, von Privat-Theorien jeglicher Art. … und wie die Menschen, die solchen Bildern anhängen, schwer zugänglich erscheinen, wie abgeschottet, wie ferngesteuert, falsch programmiert. In einem spontanen Folgebeitrag (Realität Wahrnehmen) habe ich dann den Aspekt der Alltagswahrnehmung aufgegriffen, unser alltägliches, spontanes In-der-Welt-sein, dabei sein, darin sein; wie wir durch unsere Wahrnehmung die Realität quasi einatmen, jeden Moment…. und habe dabei auf zwei Punkte hingewiesen: (i) die Welt, die wir da wahrnehmen, kann nicht die Welt sein, wie sie real ist, sondern es sind die Bilder, die unser Gehirn für uns berechnet, das in unserem Körper sitzt, ohne direkten Kontakt zur Welt; (ii) wenn wir unseren Blick zurück wandern lassen in der Zeit (ermöglicht durch die Arbeit von hundertausenden von Wissenschaftlern in den letzt ca. 300 Jahren (siehe beispielsweise die Geschichte der Geologie als einer von vielen Wissenschaften, die hierzu beigetragen haben)), dann kommen wir nach vielen Mrd. Jahren zurück an den Zeitpunkt, an dem das biologische Leben zum ersten Mal im bekannten Universum in Erscheinung tritt (ungefähr von ca. 3.5 Mrd. Jahren). Und von den vielen neuen Eigenschaften, die eine biologische Zelle auszeichnet, ist eine jene, die wir heute oft salopp als Bauplan umschreiben: eine Zelle enthält tote Moleküle, die von anderen toten Molekülen so behandelt werden, als ob sie ein Informationspeicher seien, deren Elemente wie Befehle wirken, etwas bestimmtes zu tun. So populär diese Betrachtungsweise ist, so wenig ist bis heute geklärt, wie es zu solch einem komplexen Phänomen kommen kann? Ein totes Molekül für sich genommen verhält sich gegenüber einem anderen toten Molekül niemals so, als ob dieses ein ‚Bauplan mit Informationen sei, denen man folgen sollte‘. Damit sind wir bei dem Thema dieses Blogeintrags.

SELBSTVERSTÄNDLICHES HINTERFRAGT MAN NICHT

Natürlich gab und gibt es einzelne Wissenschaftler, die das komplexe Phänomen im Verhalten der toten Moleküle in einer Zelle zum Anlass genommen haben, der Frage nach zu gehen, wie es zu solch einem Gesamtverhalten von toten Molekülen kommen konnte und immer noch kann. Genauso wie es immer schon Philosophen gegeben hat und immer noch gibt, die sich die Frage gestellt haben, wie wir unsere eigene Weltwahrnehmung einzuschätzen haben: können wir ihr blindlings vertrauen oder sollten wir uns selbst gegenüber achtsam sein, unter welchen Bedingungen wir was und wie wahrnehmen, denken, vorstellen ….

Aber, obwohl es diese Menschen gab und gibt, obwohl dazu viel gedacht und geschrieben wurde, verhalten wir uns im Alltag normalerweise so, als ob es zum Thema keine Frage gibt, keine tiefschürfenden Untersuchungen. Im Alltag erleben wir uns ganz spontan, ganz selbstverständlich, ganz ohne Anstrengung in einer Form der Wahrnehmung von Welt, in der die Welt ‚unsere‘ ist: sie ist da, sie ist vor uns, sie ist in uns, wir sind dabei, wir kommen darin vor, alles passt, alles stimmt; schwerelos, geräuschlos, es ist einfach so. Warum also hier eine Frage stellen? Warum hier Zweifel hegen? Warum hier Mühe aufwenden, wo doch alles so stimmig ist? Nur Querköpfe, Querulanten, Spinner können hier Fragen aufwerfen. Ich selbst doch nicht, wozu?

STOLPERSTEINE … WENN MAN SIE WAHRNIMMT

Angesichts der soeben geschilderten Ausgangslage im normalen Alltag erscheint es ‚irgendwie unmöglich‘, dass man zu einer anderen Sicht der Dinge kommen könnte. Andererseits, wenn man erlebt, wie heute mit einer großen Beharrlichkeit Menschen Ansichten vertreten, die von den eigenen Weltbildern stark abweichen, und man — warum auch immer — eine andere Sicht der Dinge hat, vielleicht sogar stark abweichend, dann kann dies irritieren. Gut, eine Zeit lang kann man so tun, als ob es diese anderen Ansichten nicht gibt, aber irgendwann, wenn sie dann in den Medien immer wieder aufpoppen, wenn im Alltag immer mehr Menschen diese anderen Sichten äußern, sich sogar danach verhalten (‚kein Fleisch essen‘, ‚vegan leben‘, ‚Müll trennen‘, ‚Gleichberechtigung der Frauen‘, ‚Islamischer Staat‘, ‚Wir sind das Volk‘, ‚Klimakrise‘, ….), dann kann dies unangenehm werden, lästig, ärgerlich, oder sogar bedrohlich: die einen wollen sich vor einem bestimmten Virus schützen, andere lachen darüber, halten dies für einen ‚Fake’…

Also, auch wenn man kein Wissenschaftler oder Philosoph*in ist, kann man im Alltag mit der Realität der anderen Weltsicht im Kopf der anderen konfrontiert werden. Das kann lustig sein (Du bis ‚Fan‘ von Idol A und sie ist Fan von Idol B), oder es kann tödlicher Ernst werden (Du siehst das Verhalten der Regierung ‚kritisch‘, die Regierung ist aber quasi diktatorisch und verfolgt, verhaftet dich, sperrt dich ein, foltert dich …).

Die Bilder im Kopf können lustig sein, sie können hart sein wie Beton und sie können dein Leben, das Leben von vielen Menschen bedrohen. Also, auch wenn Du selbst wenig Anlass haben magst, darüber nachzudenken, wie Du die Welt wahrnimmst, wenn keiner darüber nachdenkt, und jeder sich seinen spontanen, so selbstverständlich erscheinen Bildern einfach so überlässt, dann kann es nicht nur zu stark unterschiedlichen Bildern kommen, sondern diese Bilder können immer mehr von der Realität der Welt da draußen abweichen, und Menschen können an einen Punkt kommen, wo sie unfähig erscheinen, ihre falschen Bilder im Kopf als falsch zu erkennen. Und wenn Du dein Kind z.B. von einem hochgefährlichen Virus schützen möchtest, die anderen aber keine Gefahr zu sehen meinen, … was tust Du dann? Wenn Dich jemand anderes als unerwünschte Person betrachtet, als gefährlich, nur weil Du eine andere Sprache sprichst, eine andere Hautfarbe hast, eine andere Wertvorstellung, Du auf der Flucht bist vor Krieg, Du … was tust Du dann? Sind die Gedanken der anderen dann egal? Ist es dann egal, wie wir die Welt wahrnehmen und denken? Wenn es da Menschen gibt, die die Manipulation der großen internationalen Finanzströme als Sport ansehen, als ihr persönliches Recht, auch wenn sie dadurch eine ganze Volkswirtschaft, ja, sogar die Weltwirtschaft ruinieren können … ist es dann egal, was sie denken? Wenn die Regierung eines Landes alle ihre Bürger überwacht, kontrolliert, bewertet, gegen ihren Willen, und daraus Strafmaßnahmen ableitet bis hin zu Gefängnis, Umerziehung, Folter, Tod … ist es dann egal, welche Bilder die Verantwortlichen im Kopf haben?

DEINE GEDANKEN SIND WICHTIG

Diese Hinweise auf Beispiele sollten eigentlich ausreichen, um uns bewusst zu machen, dass die Art, wie wir wahrnehmen, was wir wahrnehmen, wie wir denken, vielleicht nicht ganz so beliebig sein sollte, wie wir in einer ersten spontanen Reaktion vielleicht meinen. Im kleinen Kreis der Familie, von Freunden, von Arbeitskollegen*innen wird oft schnell mal eine Meinung in den Raum gestellt ohne sie groß zu überprüfen, aber wenn wir die Gesamtsituation betrachten, eine ganze Firma, ein ganzes Land, unsere globale Weltgesellschaft, dann sollte jedem klar werden, dass die einzelne, individuelle Meinung keinesfalls so unwichtig, unbedeutend ist, wie sie einem selbst erscheinen mag. Die Gegenwart wie die Geschichte zeigen uns, dass die einzelne, individuelle Meinung, deine Meinung, wenn sie sich vervielfacht, wenn sie zu einer Mehrheit wird, dann kann sie ein Land zu einer freien, demokratischen Gesellschaft führen, oder eben nicht. Und wenn eine Mehrheit es zulässt, dass unsinnige Meinungen praktiziert werden können, dann kann dies Leid und Zerstörung für ganz viele bedeuten, bis hin zum Untergang eines ganzen Landes, zu anhaltendem Bürgerkrieg, zur Zerstörung der Wirtschaft, zur Ausbeutung von von vielen durch wenige.

GLAUBWÜRDIGKEIT

So gesehen sind die Fake-News Bewegungen, die sogenannten Verschwörungstheorien immer auch ein Bild von uns selbst: wenn die führenden Zeitungen dieses Landes große Artikel schreiben, in denen sie eine bestimmte Sicht der Welt vertreten, ohne dass sie jeweils die Quellen ihrer Meinung genau angeben (nur selten tun sie dies explizit), dann ist die Grenze zu einer Verschwörungstheorie fliessend. Ich werde mit einer Sicht der Welt konfrontiert, die mit einem Anspruch auftritt, ich kann aber nicht wirklich — wenn ich denn wollte — die Grundlagen dieser Sicht überprüfen. Genauso kann kann ein Leser mich als Autor dieses Blogs fragen, warum ich nicht immer Quellen für meine Meinung angebe? Fantasiert der cagent nur so vor sich hin, macht er hier Meinungsmache für bestimmte Interessen? Warum soll man ihm glauben?

SICH TRANSPARENT MACHEN … NICHT EINFACH

Wenn wir anfangen, uns ehrlich zu machen gegenüber uns selbst und allen anderen, dann merken wir schnell, dass es gar nicht so einfach ist, ‚ehrlich‘ zu sein, ‚transparent‘, ’nachvollziehbar‘. Warum?

Unsere Sicht der Welt ist im Alltag nicht so einfach, wie wir vielleicht geneigt sind, anzunehmen. Angenommen, Sie benötigen zum in die Ferne sehen eine Brille. Machen Sie einen Speziergang oder gehen Sie Walken/ Joggen ohne ihre Brille. Während der ganzen Zeit da draußen werden Sie beständig alle Dinge in gewisser Entfernung nur unscharf sehen, Farbflecken, komische Formen und Gestalten. Und ihr Gehirn wird beständig Interpretationen anbieten. Je nach Gemütslage (entspannt, ärgerlich, ängstlich, vertrauensvoll …) liefert das Gehirn Ihnen unterschiedliche Interpretationen, was das da vorne sein könnte. Ich habe noch nie bewusst gezählt, wie oft ich daneben lag, aber ‚gefühlt‘ 80-90%…. daneben!

Es ist für viele Zwecke gut, dass unser Gehirn unsere bisherigen Erfahrungen partiell speichert. Ohne diese gespeicherten Erfahrungen wären wir im Alltag praktisch nicht lebensfähig. Wenn wir beständig jede Kleinigkeit wieder von vorne lernen müssten, wir kämen zu nichts mehr. Also, das Lernen in Form von automatischen Speicherungen und Interpretationen des Gehirns ist eine Grundfähigkeit, um überhaupt im Alltag lebensfähig zu bleiben. Der Punkt ist nur — und das haben viele psychologische Arbeiten gezeigt — dass unser Gehirn diese Speicherungen nicht 1-zu-1 vornimmt, sondern dass es auswählt (unbewusst), dass es assoziiert und strukturiert (unbewusst), dass es diese Strukturierung mit Emotionen verknüpft (unbewusst); und vieles mehr. Wenn wir also dann in einer bestimmten Alltagssituation von unserem Gehirn (unbewusst) mit Erinnerungen beliefert werden, um die aktuelle Situation zu deuten, dann können diese Erinnerungen Verzerrungen beinhalten, Assoziationen mit Dingen, die gar nicht relevant sind, und Emotionen, die unpassend sind. Und wenn wir dann diesen spontanen Eingebungen unseres Gehirns genau so spontan folgen, dann können wir ganz spontan große Fehler machen, obgleich wir dabei ein sehr gutes Gefühl haben.

Und wie wir heute aus der Alltagserfahrung wissen können, unterstützt durch viele psychologische Untersuchungen, tun sich alle Menschen schwer bis sehr schwer, ihre Erfahrungen, ihr unbewusstes Wissen im Rahmen eines Dialogs oder bei Schreibversuchen mit Worten angemessen wieder zu geben. Im Falle von psychologischen Experimenten oder bei sogenannten Usability-Tests (Benutzbarkeitstests, wenn man die Brauchbarkeit von Geräten oder Diensten aus Sicht der Benutzer testet) zeigt sich sehr klar, dass Menschen auf Befragungen (Interviews, Fragebogen), was Sie denn in einer bestimmten Situation tun würden bzw. was sie von einer Sache halten, in ganz vielen Fällen etwas ganz anderes antworten, als das, was sie unter Beobachtung im Test tatsächlich getan haben. Dies bedeutet, wir besitzen die Fähigkeit, bewusst ein anderes Bild von uns selbst zu haben als das, was wir tatsächlich tun, und dies, ohne es zu merken!

Dies ist ein Baustein von vielen, die in ihrer Gesamtheit darauf hindeuten, dass das Wissen, das wir im Laufe des Lebens in uns ansammeln, das unsere Wahrnehmung und Tun begleitet, nicht nur sehr komplex zu sein scheint, sondern zusätzlich durch den starken unbewussten Anteil für uns selbst wenig transparent ist. Wenn wir also unsere Meinung zu äußern versuchen, im Gespräch, im Schreiben eines Textes (so wie ich jetzt hier), dann ist dem Sprecher, Schreiber im Moment des Sprechens, Schreibens nicht unbedingt vollständig bewusst, nicht vollständig klar, was er da alles sagt bzw. sagen wird. Andererseits, wenn wir es erst gar nicht versuchen, das auszusprechen oder zu schreiben, was sich da in uns — weitgehend unbewusst — befindet, uns bewegt, uns leitet, dann bleibt dies alles im Dunkeln. Sprechen wir, schreiben wir es auf, wird etwas sichtbar, und wenn es dann sichtbar geworden ist, dann können wir in einem weiteren Durchgang — wenn wir uns die Zeit nehmen — versuchen, das, was sichtbar geworden ist zu bedenken, mit anderen darüber sprechen, wie sie das erleben und einschätzen, und so können wir versuchsweise herausfinden, welchen Wahrheitsgehalt diese Worte haben. Ein bleibend schwieriges Unterfangen, und nur bei sehr einfachen Sachverhalten kann man die Frage nach dem Realitäts-Check eventuell beantworten. Sobald die Dinge komplexer werden — und das ist in unserem Alltag der Normalfall — kann es schwer bis unmöglich werden, sich in überschaubarer Zeit eine umfassende Meinung zu bilden. Dies bedeutet, dass wir die meiste Zeit mit sehr viel Glauben operieren — wir glauben an das, was wir äußern, obwohl wir nicht alle impliziten Annahmen erschöpfend selbst überprüfen können –, und dass wir darauf angewiesen sind, dass andere Menschen uns Feedbacks geben, um aus den Feedbacks Hinweise zu gewinnen, wo man seine eigene Meinung vielleicht überprüfen sollte.

Ich lese oft Bücher von Menschen, die einen sehr kompetenten Eindruck in der Wissenschaft oder der Philosophie erweckt haben (was nicht notwendigerweise besagt, dass das stimmt, was in diesen Büchern steht) und zwinge mich dann, diese Texte in Form von Buchbesprechungen mit meinen Ansichten zu vergleichen. Dies kann helfen, ist aber auch keine vollständige Überprüfung, weil die Meinungen, um dies es geht, in der Regel so umfassend und komplex sind, dass es in kurzer Zeit (dies können sehr wohl viele Wohen sein) nicht möglich ist, alle Positionen zu überprüfen. Genauso lese ich regelmäßig wissenschaftliche Artikel und versuche sie ebenso zu analysieren. Früher war ich auch als Reviewer bei internationalen Zeitschriften aktiv. Oder ich musste meine Meinungen mit den Meinungen von vielen hundert verschiedenen Studierenden konfrontieren, Auge in Auge, bis ins Detail.

Ich leite aus all dem die Einsicht ab, dass das Projekt des eigenen Wissens extrem komplex ist, letztlich niemals abgeschlossen ist, niemals den Anspruch haben kann, jetzt alles richtig zu wissen. Man bleibt in einer fragmentarischen Gesamtsicht mit unterschiedlich gut geprüften Teilaspekten, und man bleibt darauf angewiesen, von anderen zu hören, zu lesen, miteinander zu reden.

Was das Angeben von Quellen angeht, so gibt es Kontexte, in denen man dies auf jeden Fall tun muss, aber dann auch Kontexte — wie solch ein Blogeintrag jetzt, hier — wo der Versuch, alle Gedanken mit Zitaten zu belegen, quasi zum Scheitern verurteilt ist, weil es beim ursprünglichen Schreiben darum geht, einen allerersten Zugriff auf das weitgehend unbewusste eigene Denken zu bekommen. Es wäre dann die zweite Reflexionswelle, in der dann eher Quellen, Querverweise zum Tragen kommen, strukturelle Analysen, logische Analysen usw. Dazu ist dieser Blog aber nur teilweise gedacht. (in einem meiner anderen Blogs uffmm.org, geht es eher um formalisierte Theorien, unterstützende Computerprogramme, reale soziale politische Experimente).

KONTEXT ARTIKEL

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REALITÄT WAHRNEHMEN … ist doch so einfach.

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Datum: 13.Juni 2020

KONTEXT

In dem vorausgehenden — leicht allegorischen — Beitrag von den Menschen im dunklen Zimmer habe ich ein Phänomen unseres Alltags im Jahr 2020 beschrieben. Fake News und Weltverschwörungstheorien bilden den Aufhänger, aber — bei näherer Betrachtung — kann man den Eindruck gewinnen, wir haben es hier nicht mit Ausnahmen zu tun, nicht mit ‚Verzerrungen von uns selbst‘, nein, wir haben es mit uns zu tun, mit uns selbst, so wie wir real sind, so, wie wir funktionieren, wenn wir überhaupt funktionieren.

UREREIGNIS WAHRNEHMUNG

Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir etwas Wahrnehmen, Dinge, Farben, Gerüche, Geräusche, Getstalten, Formen, Konstellationen von Objekten, Zusammenhänge, Veränderungen, … dass wir uns darüber eigentlich nicht mehr wundern. Es ist einfach so. Wir nehmen wahr. Und das, was wir wahrnehmen, das ist für uns wirklich, real, es ist das, was ist, und nichts anderes.

ZWEITE WAHRNEHMUNG

Und doch sollten wir gelegentlich darüber nachdenken, was da gerade passiert, wenn wir wahrnehmen. Es ist eine zweite Wahrheit, die uns quasi mitgegeben ist, als Grundausstattung, als Besonderheit: während wir wahrnehmen, können wir irgendwie wissen, dass wir wahrnehmen. Wir können ansatzweise unterscheiden, ob wir aktuell etwas Reales wahrnehmen, oder ob wir uns an etwas erinnern, was wir schon mal wahrgenommen haben. Oder, sogar das funktioniert, wir können wissen, ob wir gerade herum fantasieren oder — noch radikaler — ob wir im Schlaf träumen. Ansatzweise können wir das.

ES WAR MAL ANDERS

Während wir also da vor uns hin Wahrnehmen, Erinnern, Fantasieren oder Träumen könnte es bisweilen hilfreich sein, dass wir uns darüber bewusst werden, dass es mindestens ca. 10 + 3 Mrd. Jahre gebraucht hat, bis sogenanne unbelebte Materie in Form von Atomen und Molekülen es geschafft hatte, sich so zu formieren, dass angebliche tote Materie in der Lage war, andere tote Materie wahr zu nehmen. Tatsächlich gibt es keine tote Materie, Materie ist von Grund auf extrem ’nicht tot‘, aber es gefällt uns, von der Materie als ‚tot‘ zu sprechen und von uns als ‚lebendig‘. Das entscheidende Ereignis nach den ersten ca. 10 Mrd. Jahren Universum war die Entstehung der allerersten Strukturen, die wir gewöhnlich biologische Zellen nennen.

BIOLOGISCHE ZELLEN

In einer biologischen Zelle sind angeblich tote Moleküle so angeordnet, dass bei der Reproduktion einer Zelle einige tote Moleküle andere tote Moleküle als Bauanleitung benutzen, andere, neue tote Moleküle zu konstruieren. Die Wissenschaft hat früh begonnen, hier von Information zu sprechen, dass die einen toten Moleküle einen Informationsspeicher bilden, einen Bauplan, anhand dessen andere tote Moleküle ein komplexes Gebilde von vielen toten Molekülen konstruieren, die miteinander auf komplexe Weisse kooperieren.

SÜNDENFALL INFORMATION

Die Einführung des Wortes Information an dieser Stelle sollte wohl etwas Besonderes markieren, darauf hinweisen, dass hier etwas Außergewöhnliches im Gang ist, da der Begriff ‚Information‘ kein Begriff ist, der sich einfach so im Bereich der Molekularbiologie ergibt, aber mit der Einführung des Begriffs ‚Infomation‘ in diesem Kontext wurde nur ein Marker gesetzt, ein Ausrufezeichen, ein Hinweis für andere; das Entscheidende aber ist nicht passiert. Niemand hat — nicht bis heute — erklärt, warum ein totes Molekül plötzlich ein anderes totes Molekül behandelt als ob es ein Informationsträger sei. Dies ist keine normale Verhaltensweise eines toten Moleküls. Tote Moleküle wechselwirken zwar mit anderen toten Molekülen auf physikalisch-chemische Weise, aber dass ein totes Molekül auf ein anderes explizit so reagiert, als ob es ein Informationsträger sei, und dass aus dem weiteren Verhalten eines toten Moleküls ein Prozess entsteht, der zur Bildung von anderen toten Molekülen führt, die ein hochkomplexes Gebilde ergeben, das wir heute biologische Zelle nennen, das ist weder selbstverständlich noch folgt es aus der Beschaffenheit toter Moleküle. Einem einzelnen Molekül kann man nicht ansehen, dass es andere tote Moleküle als Informationsträger behandeln kann.

Die Benutzung der Wortmarke Information in diesem Kontext ist — so wie es bislang gehandhabt wird — eher irreführend. Das Wort ‚Information‘ ist im biologischen Kontext bis heute nur ansatzweise definiert ist. Die bislang beste Definition des Begriffs ‚Information‘ findet sich in Publikationen von Claude Shannon 1948/1949, weil er dort ein geschlossenes formales Konzept vorstellt, in dem der Begriff ‚Information‘ eine klare Bedeutung hat. Allerdings, die Verwendung des Begriffs ‚Information‘ bei Shannon und der Begriff ‚Information‘ im Kontext von toten Zellen, die sich so verhalten, als ob eine tote Zelle einen Bauplan enthalte, haben so gut wie nichts miteinander zu tun. Die Verwendung des Begriffs ‚Information‘ bei Shannon ist eine völlig andere als jene im Kontext einer biologischen Zelle bei der Reproduktion. Womit sich die Frage stellt, wie man den Begriff der Zellen-Information von dem Begriff der Shannon-Information abgrenzen kann. Was ist hier anderes? Was — und das ist die entscheidende Frage — ist der formale Zusammenhang im Fall der biologischen Zelle, durch den verständlich wird, warum die einen toten Zellen unter bestimmten Bedingungen sich so verhalten, als ob die anderen toten Zellen eine Bauanleitung darstellen?

Shannon hatte eine klare Theorie von Sender und Empfänger, verbunden durch einen Kanal, und er konnte durch entsprechende formale Annahmen einen Rahmen definieren, innerhalb dessen man dann weiter Wahrscheinlichkeiten definieren konnte, ob und wie bestimmte formale Ereignisse in dem Kanal stattfinden. Im Fall des Phänomens des Bauplans geht es aber in erster Linie nicht um irgendwelche Wahrscheinlichkeiten (indirekt natürlich auch, irgendwie, sekundär), sondern um die Etablierung einer Abbildungsbeziehung zwischen einem toten Molekül auf der einen Seite und dem Verhalten von vielen anderen toten Molekülen auf der anderen! Die beteiligten toten Moleküle blieben das, was sie immer waren und sind, tote Moleküle, aber es gibt das Phänomen, dass an sich tote Moleküle sich unter bestimmten Bedingungen so verhalten, als ob sie ein totes Molekül als Bauplan erkennen und darauf hin viele tote Moleküle sich so verhalten, als ob sie diesen Bauplan umsetzen.

… WENN ES KOMPLEX WIRD

Die entscheidende Eigenschaft kann man also nicht erkennen, wenn man die beteiligten toten Moleküle einzeln betrachtet, sondern nur, wenn man sie als Gesamtheit betrachtet und darauf achtet, wie sie sich im Verlauf der Zeit zueinander verhalten. Für Eigenschaften, die sich an einer Gesamtheit zeigen, ohne dass diese aus den Eigenschaften der Elemente einzeln ableitbar wären, gibt es die beiden Begriffe Komplexität und Emergenz: Gesamtheiten von Elementen, die als Gesamtheit Eigenschaften zeigen, die sich von den Elementen einzeln so nicht behaupten lassen, nennt man (nach einer Definition von Weaver) komplex, und das Auftreten solcher Eigenschhaften von komplexen Systemen, nennt man emergent. Das Auftreten der Eigenschaft Zell-Informationen im Kontext von biologischen Zellen ist daher ein emergentes Phänomen weil biologische Zellen als besondere Ansammlungen toter Moleküle komplexe Systeme sind. Die Existenz von dicken Büchern mit über tausend Seiten Umfang zur Erklärung der biologischen Zelle kann nicht darüber hinweg täuschen, dass das entscheidende emergente Phänomen der Zell-Informationen damit noch nicht hinreichend erklärt ist. Wir wissen jetzt Vieles mehr, aber das Entscheidende wissen wir immer noch nicht.

ZURÜCK ZUR ALLTAGSWAHRNEHMUNG

Das Phänomen der Wahrnehmung von Welt ohne dass man sich unbedingt bewusst macht, dass und wie man wahrnimmt, ist also nicht wirklich neu. Schon zum Beginn des biologischen Lebens gibt es dieses Wunder der Information als Basis jeglichen weiteren Lebens, ohne dass wir darüber bis heute wirklich Rechenschaft abgelegt haben, wie dies möglich ist, was das bedeutet.

Und, seien wir ehrlich: wie viele von Ihnen haben schon mal länger als nur für einen kurzen Moment Gedanken daran verschwendet, wie es denn überhaupt möglich ist, dass wir die Welt wahrnehmen, wo doch unser Gehirn im Körper eingeschlossen ist, und von der Welt ‚da draußen‘ direkt nichts weiß? Wer von Ihnen hat denn schon mal länger darüber nachgedacht, was man von den schönen bunten Bildern von der Welt halten soll, wo wir doch auf Schritt und Tritt feststellen, dass so viele andere Menschen ganz andere Meinungen entwickeln wie wir selbst? Warum können wir so sicher sein, dass im Zweifelsfall immer die anderen die ‚Idioten‘ sind, wir aber auf jeden Fall Recht haben?

BENUTZTE QUELLEN

Warren Weaver, A quarter century in the natural sciences. In Rockefeller Foundation Annual Report,1958, pages 7–15, Publisher: Rockefeller Foundation,1958 (Achtung: der ursprünliche Link mit dem Dokument funktioniert leider nicht mehr). Eine Diskussion der Begriffe Komplexität und Emergenz mit besonderer Berücksichtigung von Weaver findet sich HIER.

KONTEXT ARTIKEL

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MENSCHEN IM DUNKLEN ZIMMER. Eine Allegorie

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Datum: 30.Mai 2020 (4.Juni 2020, 11.Juni 2020)

KONTEXT

Im neuen Zeitalter der Datenüberflutung erleben wir ein starkes Aufkommen von sogenannten Fake-News, von Weltverschwörungs-Bildern, von Privat-Theorien jeglicher Art.

IM GESPRÄCH

Wenn man viele Menchen kennt, dann kann man auch mit vielen sprechen … wenn man will … und wenn diese wollen. Und, ja, man trifft auf jene, die die allerneuesten Wahrheiten kundtun, die die aktuelle Situation in den Händen von bösen Mächten sehen, und die daraus das Recht ableiten, traurig zu sein, böse, aggressiv, beleidigend, und was es so alles gibt. Die Existenz des postulierten Bösen wird übersetzt in die persönliche Freiheit, alles tun zu dürfen, selbst wenn man dadurch viele gute Gewohnheiten, viele erprobte Regeln oder gar offizielle Gesetze schwächt, übertritt, verletzt.

WAHRHEIT?

Als Philosoph und Wissenschaftler bin ich trainiert, bei allen Phänomenen nach Kontexten zu fragen, Voraussetzungen, Entstehungsgeschichten, Beteiligten, Motiven, nach der Tragfähigkeit von Messmethoden, nach der Qualität von begrifflichen Rahmen, innerhalb der man einzelne Ereignisse diskutert, und vielem mehr. Ich musste dann aber feststellen, dass Mitbürger, die begeistert von Fake-News oder Verschwörungsvisionen erzählen (oder gar damit aktiv öffentlich handeln), gar nicht an Fragen interessiert sind. Sie wollen keine alternativen-Fakten zu ihren hören oder lesen. Es geht irgendwie gar nicht um Fakten, um Tatsachen, sondern es geht um mehr, um etwas ‚Größeres’…

WELTSICHT

Alle, mit denen ich sprechen konnte, haben eine bestimmte Sicht von der Welt, und diese Sicht bedient sich zwar gewisser Fakten, insofern sie diese Weltsicht bestätigen, aber tatsächlich geht es nicht um Fakten, da alle anderen Fakten, die diese Weltsicht in-Frage stellen könnten, schlicht ausgeblendet werden. Man will sie nicht hören, man will sie nicht lesen, man bezweifelt grundsätzlich die Korrektheit und/ oder Rechtmäßigkeit der Quelle dieser anderen Fakten oder, falls man die Fakten nominell anerkennt, hat man eine alternative Erklärung, die diese Fakten passend machen für die eigene Weltsicht. Es geht also um eine bestimmte Weltsicht, um jene, die im Innern des anderen da ist, wirksam ist, und alle Wahrnehmungen und Erinnerungen und andere Erklärungsmodelle dominiert, sie beherrscht, und damit keine Chance bietet, dass irgendetwas anderes diese eine Weltsicht schwächen, gefährden könnte. Ein klarer Fall von Alleinherrschaft einer einzigen Sicht, die auch jede mögliche Änderung von vornherein paralysiert.

ALLEGORIE VOM DUNKLEN ZIMMER

Heute morgen kam mir dazu das Bild eines Menschen, der in einem dunklen Zimmer sitzt, alleine. Wenn man ihn fragt, warum er denn in diesem dunklen Zimmer sitze, warum er nicht Licht anmache, die Fenster öffne oder, noch besser, auch mal vor die Tür gehe, dann kommt ein Schwall von Erklärungen, warum das alles nicht gehe, warum dieses dunkle Zimmer die beste aller Welten sei, und überhaupt, ob ich (der Frager) nicht merken würde, dass ich ja schon längst manipuliert sei; dass ich (der Frager) nicht merken würde, dass ich schon ‚für das System‘ arbeiten würde ….

EINER VON UNS – WIR

So sehr man sich über den Menschen im dunklen Zimmer vielleicht wundern mag, über die Vehemenz, wie eine Änderung von vornherein nieder geredet wird, so ist es ein Mensch, ein Mitbürger, einer von uns, die wir zur Lebensform des homo sapiens gehören. Und es sind ja nicht einzelne, sondern es sind zwischen 10 – 30% (geschätzt), vielleicht sogar mehr, die diese Präferenz für das dunkle Zimmer entwickeln. Und es sind keinesfalls nur solche Menschen, denen man ‚geringe Bildung‘ nachsagt (was immer das genau ist), sondern es sind sehr wohl — und nicht wenige — auch solche, die studiert haben, sogar mit Doktortitel oder gar mit einer Professur, die hohe Leitungsfunktionen inne haben. Es muss also etwas damit zu tun haben, wie wir als Menschen grundsätzlich funktionieren, wie wir Wahrnehmen, Erinnern, Denken, …. damit, wie sich ‚in uns‘, in unserem ‚Inneren‘, in dieser genialen Mischung aus wenig Bewusstsein und sehr viel Unbewusstheit, Eindrücke ansammeln, Bilder, Wertungen, Erklärungen, die dann ‚von innen heraus‘ unser Erleben steuern. Und, ja, natürlich, auch mit der Art, wie wir andere Menschen erleben, erlebt haben, wie wir mit anderen Menschen umgehen, mit den Dingen dieser Welt. Der berühmte Pessimist, der immer nur das halb volle Glas sieht, ist eine Realität und seine pessimistische Wahrnehmung färbt ihn kontinuierlich ein; genauso wie den Optimisten, der immer eher die Chancen sieht, die er dann auch ergreift und dabei viele Erfolgserlebnisse hat.

WARUM IST DUNKELHEIT SO BELIEBT?

Es gibt einen Grundsatz bei der Erklärung des biologischen Lebens auf dem Planet Erde, der besagt, dass das Leben zwar grundsätzlich weiter und mehr leben will, dass es aber kostensensitiv ist, d.h. wenn ich zwei Weg zu einem erstrebenswerten Ziel habe, dann wähle ich normalerweise den mit dem geringsten Aufwand.

Wer in einem dunklen Zimmer sitzt, über das er nahezu volle Kontrolle hat, der hat auch Vorteile (scheinbar). Er kennt seine Situation (meint er), er kennt sich (meint der Betreffende immer, dass er sich kennt), er kann mögliche Änderungen in seinem dunklen Zimmer weitgehend selbst bestimmen, ohne irgendein ‚Risiko‘. Jede Art von Änderung in Richtung mehr Licht, mehr Kontakte, mehr neue Erlebnisse da draußen, gelten als Risiko, als Gefahr, gelten als möglicher Kontrollverlust, könnten das Bild von der Welt möglicherweise so verändern, dass nicht mehr klar ist, wohin die Reise geht. Ein Mensch, der angefüllt ist mit Ängsten und einer unrealistischen Selbstliebe, für den sind solche Perspektiven reinstes Gift. Er wird alles tun, um mögliche Veränderungen zu verhindern.

BEFREIUNG

Die grundsätzliche Tatsache, dass es in einem scheinbar unbelebtem Universum biologisches Leben gibt — zugegeben, nach einer extrem langen Anlaufzeit von ca. 10.1 Mrd. Jahren — und dieses Leben seit 3.5 Mrd. Jahren demonstriert, dass es die unfassbarsten Situation gemeinsam, als BIOM, meistern kann, gibt Hoffnung, dass diese individuellen ‚Lock-Ins‘ zwar Schwachstellen erkennen lassen, aber ganz sicher nicht das letzte Wort dazu sind, wie sich das Leben auf der Erde — und letztlich dann im Universum — weiter ausbreiten wird. Sicher nicht einfach so wie bisher, sondern anders, ‚besser‘ ….. Wir Menschen im Jahr 2020 sind schwerlich der Maßstab für das, was noch kommen wird, aber wir gehören zum Prozess, wir beeinflussen ihn, und wir haben alle Zutaten, die notwendig sind für die nächste Phase, auch wenn die in ihren dunklen Zimmern davon nicht viel mitbekommen. Aber auch sie sind Teil vom Ganzen und ihr Dunkles-Zimmer-Lock-In Syndrom kann uns vielleicht viele neue Erkenntnisse darüber liefern, was wir falsch machen, dass es zu so etwas kommt. Einfaches Dunkles-Zimmer Bashing hilft niemandem, weder denen, die da drin sitzen, noch denen, die davor sitzen und sich vielleicht morgen auch in ihrem dunklen Zimmer wiederfinden. Das Dunkle-Zimmer-Locked-In Syndrom ist eine objektive Schwachstelle in der Art und Weise, wie wir Menschen mit uns selbst, mit den anderen, mit der Welt umgehen. Jeder kann Opfer werden; wie kommen wir gemeinsam da wieder raus????

KONTEXT ARTIKEL

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LITERATURHINWEIS (11.Juni 2020)

1999 haben Kruger und Dunning einen Artikel veröffentlicht Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments (Journal of Personality and Social Psychology,1999, Vol. 77, No. 6.,1121-1134). In diesem beschreiben Sie einen Effekt, der von vielen anderen bestätigt worden ist (siehe z.B. die Übersicht in Wikipedia) und der im Alltag von jedem überprüft werden kann, nicht zuletzt am Beispiel des ‚Dunklen-Zimmer-Effekts‘. Sie identifizieren für das Phänomen der gravierenden falschen Selbsteinschätzung bei Menschen einen Mangel an eben dem, was man Selbstreflexion nennt. Es gibt Menschen, die stark auf sich selbst fixiert sind und kaum bis gar nicht in der Lage sind, den Kontext mit zu reflektieren. Nach 18 Jahren Unterrichtspraxis muss ich leider bestätigen, dass es die beiden großen Verhaltensweisen gibt: jene Studierenden, die beständig auf der Suche sind, sich von sich aus zu verbessern, die beständig Grenzen und Lücken in ihrem Wissen erkennen, und jene, die meinen, schon alles zu wissen, dass Sie sich nicht einsetzen müssen, da sie sowieso schon alles wissen, deren Übungsverhalten gegen Null geht, und die sich dann noch wundern und aufregen, wieso sie in Prüfungen schlechter sind als die anderen, die doch nicht besser seien…

ANMERKUNG 1 (4.Juni 2020)

Wer sich von der Idee angesprochen fühlt, die dieser eher literarisch formulierten Text transportiert, und wer Mehr verstehen will, welche konkreten Mechanismen dafür verantwortlich sind, dass wir Menschen uns so verhalten, und zwar generell, unabhängig vom Geschlecht, von der Herkunft, von religiösen Überzeugungen, von beruflicher Profession usw., wer aber auch nicht die vielen hundert Beiträge durchforsten möchte, die vom Autor cagent erwähnt werden, der findet auf wenigen Seiten eine wissenschaftsphilosophische Analyse des Buches von A.Maslow Psychology of Science (1966), die alle wichtigen Zutaten enthält, die man braucht, dieses Phänomen im Kontext der modernen Wissenschaft und der modernen westlichen Kultur zu verstehen. Die ‚Lösung‘ ist in diesem Fall keine einfache Zahl wie im Roman The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy von Douglas Adams, sondern eine Arbeitsformel für uns Menschen, wie wir uns im Umgang mit der Wirklichkeit (zu der Menschen gehören, ein ganzes BIOM) verhalten sollten, um ihrer vollen Dynamik gerecht zu werden. Gemessen an der Komplexität, mit der uns Wirklichkeit gegenübertritt, verhalten wir uns bislang eher wie Steinzeitmenschen, auch wenn wir einen Computer als Arbeitsgerät benutzen können…

SOUND

Keine Musik, aber Sound, RUM (radically unplugged music); Experiment vom 6.Juni 2020

Philosophie für Dummies [Ph4Ds]

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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Datum: 24.April 2020

Letzte Änderung: zweite Audio-Datei, 2.Mai 2020 (Neuer Sound 23.Mai 2020)

KONTEXT

In den vielen hundert Beiträgen dieses Blogs blitzen viele Aspekte des philosophischen Denkens auf, teilweise werden Verbindungen sichtbar, bisweilen Umrisse von übergreifenden Strukturen, aber für einen Einsteiger ist es schwer bis unmöglich, sich aus dieser Vielfalt — auch angesichts der schieren Menge — ein klares Bild des philosophischen Denkens zu bilden. Für eine zusammenhänge systematische Darstellung war der Blog auch nie gedacht. Jetzt verstärkt sich aber der Bedarf, aus der Vielfalt doch ein zusammenhängendes Bild zu formen. Wie soll dies gehen?

Es gibt viele Strategien, wie man dies angehen kann. Aufgrund eines Anlasses in der Lehre ergab sich die Idee, mit einem kleinen Text anzufangen, der sehr wohl versucht, das Ganze im Blick zu haben, obgleich er selbst — aufgrund seiner Kürze — doch nur erste Fragmente bieten kann. Aber, es liegt in der Natur einer zusammenhängenden Vision, dass sie in der Lage ist, auch schon mit wenigen Fragmenten eine Perspektive aufblitzen zu lassen, die sich dann — quasi von selbst — in nachfolgenden Formulierungen ’selbst ergänzt‘.

Eine erste Skizze wurde im Stil einer Präsentation abgefasst (nicht Powerpoint, sondern LaTex mit der Beamer Klasse) mit 16 Seiten Inhalt plus Quellennachweisen.

Parallel dazu habe ich einen Text gesprochen, der ausgehend von der Präsentation die damit zusammenhängenden Ideen im unplugged Stil ‚laut gedacht‘ habe.

Natürlich schreit diese erste Skizze nach Weiterführung, fragt sich nur, wann sich dafür Zeit finden lässt.

Ph4Ds – PRÄSENTATION

Ph4Ds – AUDIO

(2.Mai 2020) Kürzere Fassung, erster Einstieg (17.5 Min)
Längere Fassung vom 24.April 2020 (75 Min)

BITTE UM FEEDBACK

Generell kann man ja in diesem Blog Rückmeldungen geben (was in der Vergangenheit auch immer wieder einige getan haben). Im Falle dieser beginnenden ‚Gesamtperspektive‘ fände ich es schön Rückmeldungen zu bekommen. Ob und wieweit ich dann auf die Rückmeldungen eingehe, weiß ich jetzt natürlich nicht. Aber meistens bildet jede Bemerkung, mag sie auch noch so klein sein, ein Echo das nachwirkt, ja, auch mit zeitlicher Verzögerung. Manchmal kommt es vor, dass ich einem Gedanken nachhänge, und dann poppen Erinnerungen an Gespräche, Artikel und Bücher auf, die ich viele Jahre vorher geführt oder gelesen habe …. und genau dann sind sie plötzlich von großer Bedeutung…

Soundexperiment: mehrere Drumkits, eine Melodie-Impression…

MEDITATION ALS UNIVERSELLE SCHNITTSTELLE des Lebens zu sich selbst? Erste Notiz

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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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23.-25.Februar 2020

KONTEXT

Der Verfasser dieses Textes hat sei dem Sommersemester 2017 zusammen mit anderen Kollegen*innen sechs reguläre Lehrveranstaltungen mit dem Thema Meditation als kulturelle Praxis an einer deutschen Hochschule ausprobieren können. Zusätzlich konnten an der Hochschule zwei Kongresse durchgeführt werden, und ein erstes Büchlein zum Thema — zusammen mit zwei anderen Autoren — erschien 2018. Diese Erfahrungs- und Denkprozesse eröffnen, langsam aber doch, einen neuen Blick auf das Thema Meditation in der Gesellschaft, einen Blick, in dem alte wie neue Positionen in einem neuen Licht erscheinen.

MEDITATION IM HISTORISCHEN KONTEXT

Meditation im Geflecht der Gesellschaft

Das Phänomen Meditation hat eine lange und vielffältige Geschichte. Weit gefasst ist Meditation Teil der allgemeinen Kulturgeschichte des Menschen und reicht soweit zurück, soweit es Zeugnisse von Menschen gibt. Will man Meditation enger fassen und es nur auf jene kulturellen Kontexte beschränken, in denen man explizit von Religion spricht, dann hat man dennoch viele Jahrtausende zu berücksichtigen bis hin zu den Anfängen der verschiedenen Religionen, und diese reichen mindestens 7000 Jahre zurück, von heute aus (2020) gerechnet.

MEDITATION EIN EIGENSTÄNDIGER FAKTOR?

Doch solche Zuweisungen des Phänomens Meditation zu bestitmmten kulturellen Mustern, speziell zu den klassischen Formen von Religion, können zufälliger Natur sein. Zufällig in dem Sinne, dass das Phänomen Meditation als solches zwar auch ohne eine explizite Religion praktiziert werden kann, dass es aber in der Vergangenheit aufgrund der starken Dominanz von religiösen Anschauungen und Mustern kaum vorstellbar war, Meditation ohne direkten Bezug zu einer der existierenden und sozial wirksamen Religion zu praktizieren. So kann es sein, dass die überlieferte enge Beziehung zwischen Meditation und Religion uns einen Zusammenhang vorspielt, der so möglicherweise gar nicht notwendigerweise bestehen muss.

Wenn die Arbeitshypothese stimmen würde, dass das Phänomen Meditation als solches nicht notwendigerweise eine bestimmte Religion voraussetzt, dann wäre es interessant zu untersuchen, wie das Verhältnis zwischen beiden, zwischen Religion und Meditation, in der Vergangenheit tatsächlich war. Schon erste Analysen liefern viele Indizien dafür, dass alle Religionen sich mit dem Phänomen Meditation schwer getan haben! In positiven Fällen konnte die Meditation das religiöse Grundgefühl, die Spiritualität, beleben, intensivieren, anregen. In negativen Fällen — und die gab es zahlreich — konnte die persönliche Meditation eines Menchen den Meditierenden aufgrund seiner Selbsterfahrung in vielfältige Spannungen mit den offiziellen religiösen Praktiken und religiösen Lehren führen. So kann man anhand vieler historisch belegter Erneuerungsbewegungen sehen, dass diese Bewegungen, angetrieben von starken individuellen inneren Ereignissen, nicht nur zu positiven Bereicherungen in der eigenen Lebenserfahrung geführt haben, sondern allzuoft auch zu Spannungen, Verurteilungen, Verfolgungen und Kriegen.

Dort, wo solche Erneuerungsbewegungen den Kampf mit den bestehenden Religionen überlebt haben, finden sich dann neue Varianten von Religionen, die bis in unsere Zeit hinein reichen. Man betrachte nur die vielen Varianten die sich beispielsweise unter den großen Überschriften Hinduismus, Judentum, Buddhsmus, Christentum und Islam ausgebildet haben, und deren Miteinander bis heute nicht spannungsfrei ist.

Aus diesen historischen Gegebenheiten kann sich die Arbeitshypothese ermutigt fühlen, anzunehmen, dass das Phänomen der Meditation offensichtlich nicht so neutral gegenüber Weltinterpretationen — auch religiösen — ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

MEDITATION ALS EREIGNISHORIZONT

Es gibt bis heute keine allgemein akzeptierte Definition von Meditation. In diesem Text wird angenommen, dass beim Meditieren ein Mensch sich an einem bestimmten Ort befindet, für sich ein wenig Zeit hat, in der er nach außen nichts leisten muss, und er eine bestimmte körperliche Haltung einnimmt, die für die Dauer des Meditierens günstig ist (Anmerkung: für eine von vielen mögliche Experimentieranordnung siehe diesen Blogeintrag).

Entscheidend beim Meditieren ist aber nicht die Körperhaltung und nicht der physikalische Ort, sondern das innere Geschehen im Meditierenden.

Der primäre Zugang des einzelnen zu seinem eigenen Erleben ist die Perspektive seines eigenen Bewusstseins, mit der sich die erste-Person Perspektive begründet. Zu unterscheiden davon ist die dritte-Person Perspektive, jene des Alltags und der empirischen Wissenschaften. Die erste-Person Perspektive ist aus Sicht der dritten-Person Perspektive prinzipiell unzugänglich.

DEUTUNGSHOHEIT

Bei der Frage, wie man den Ereignisraum, der sich in der ersten-Person Perspektive eröffnet, deuten will bzw. kann, sind eigentlich alle existierenden Deutungs-Paradigmen gefordert. Sowohl die bekannten überlieferten Religionen mit ihren verschiedenen historischen Ausprägungen, wie auch alle neueren Entwicklungen wie die empirischen Wissenschaften; dazu aber auch die klassische Perspektive der Philosophie, die als geistiges Hintergrundrauschen jegliches Denken des Menschen begleitet, und auch für die modernen empirischen Wissenschaften weiterhin konstitutiv ist, auch wenn diese selbst dies nicht so sehen bzw. nicht so sehen wollen. Aber schon einfache Analysen zeigen, dass empirische Disziplinen spezielle Sichten mit massiven Voraussetzungen sind, die sie selbst nicht reflektieren. Außerdem fehlt den empirischen Disziplinen das Instrumentarium, ihre eigene Integration zu denken. Analoges gilt für das Verhältnis der Philosophie zu den verschiedenen religiösen Deutungsmodellen. Auch eine einzelne Religion kann die allgemeinen Bedingungen des Lebens und Denkens nicht einfach auflösen oder willkürlich hin und her definieren. Wer will kann anhand der Geistesgeschichte betrachten, wie die ganz großen religiösen Strömungen, die 1500 Jahre oder älter sind, im Laufe der Zeit sich mit ganz unterschiedlichen Denkkonzepten verbunden haben, Denkkonzeten, die nicht immer miteinander kompatibel waren; die zu Neuinterpretationen der religiösen Inhalte geführt haben bis dahin, dass sich neue Varianten des Religiösen bildeten.

Schließlich ist zu berücksichtigen, dass es viele — zumindest partiell — post-religiöse Gesellschaften gibt, in denen Erkenntnisse und Erfahrungen aus allen Dimensionen in neue Formen des Zusammenlebens und Weltdeutens eingeflossen sind. So ist es eine interessante Hypothese, dass die modernen Demokratie-Konzepte letztlich eine Weiterentwicklung der großen religiösen, der wissenschaftlichen und der vielen anderen Dimensionen darstellt, in der z.B. Meditation nicht nur möglich, sondern möglicherweise sogar fundamental ist für eine fundierte menschenfreundliche demokratische Gesellschaft. Die überlieferten Formen von Religion haben naurgemäß ein Problem mit Demokratien als einer modernen Form von Religion. Während sich moderne demokratische Gesellschaften aus intensiven historischen Prozessen von vielen Jahrhunderten Dauer herausgearbeitet haben, sind die klassischen Religionen einfach stehen geblieben. Sie haben sich geistig einen Stillstand verordnet und verharren in einer Verweigerungshaltung in der Hoffnung, dass sie irgendwann wieder genug Macht haben, die Dinge in ihrem Sinne zu ordnen. Während Demokratien eine Toleranzregel erschaffen haben, die den alten Religionen Lebensraum gewährt, tun sich die alten Religionen mit echter Toleranz schwer.

KONZIL DER WAHRHEIT

Die Gegenwart lehrt uns, dass eine mögliche Zukunft bei den heutigen Gegebenheiten ohne ein intensives, konstruktives Miteinander nicht möglich sein wird.

Bislang leisten sich die vielen Weltdeutungsperspektiven (Religionen, Wissenschaften, Alltagsparadigmen, …) den Luxus, nebeneinander zu koexistieren ohne die Fähigkeit und ohne die ernsthafte Bereitschaft, den gemeinsamen Wahrheitskern aktiv zu klären.

Eine Folge dieser Abschottung ist die Existenz von Abgrenzungen, und daraus resultierenden Feindbildern.

Eine Auflösung der Frontenbildung bei gleichzeitig wachsendem gemeinsamen Verständnis eines gemeinsamen Wahrheitskerns kann nur über einen kontinuierlichen offenen Dialog gelingen, an dem sich alle beteiligen können, aber nicht als Ideologen mit einer festen vorgefassten Meinung, sondern als Menschen mit einem offenen Ereignishorizont, dessen Deutung gemeinschaftlich erfolgt basierend auf primären Erfahrungen. Da Deutungen nicht denknotwendig sind, sondern immer experimentell, versuchsweise sind, ist weder klar, wie lange solch ein Prozess dauern wird, noch ob er tatsächlich zu einem für alle befriedigenden Ergebnis führen kann.

Irgendwo muss der Prozess anfangen. Irgendwo muss es Menschen geben, die sich zugestehen, dass sie Menschen sind mit einer tiefsitzenden Freiheit. Und es muss klar sein, dass es um uns alle geht, dass jeder qua Mensch dazu gehört, und dass Wahrheit etwas ist, was nicht wir dekretieren, sondern etas, das wir vorfinden, verbindlich für alle. Insofern die Freiheit selbst ein Teil der Wahrheit ist, ist Wahrheit kein toter Gegenstand, sondern ein möglicher Prozess, dessen grundlegende Schnittstelle unsere Selbsterfahrung ist, zu der Meditation einen Zugang (als Schnitstelle) liefern kann, aber nicht die fertige Lösung. Zukunft ist nicht irgend ein Objekt. Zukunft ist ein in Freiheit möglicher neuer emergenter Zustand, den vorab zu kennen prinzipiell unmöglich ist. Vor allem, Zukunft ist nicht nur Kognition; Zukunft ist von allem etwas und darin noch einmal mehr. Das klassische Wort vom Himmel deutet in diese Richtung, ist aber im bisherigen Gebrauch in einer Weise dumm, die schwerlich weiter zu unterbieten ist.

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HANAU – WAHRHEIT, ANGSTHEIT, WUTHEIT, …Warum wir so schwer zueinander finden

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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Sa 22.Februar 2020

In diesen Tagen ist wieder einmal das passiert, was in den letzten Jahren immer wieder passiert ist: Nachbarn, Freunde, Väter, Schwestern, Mütter, Brüder, …. werden aus dem Nichts von einem anderen Menschen ohne Vorwarnung einfach niedergeschossen. Das ist eine Form von Sinnlosigkeit, eine Form von Schmerz, von Trauer, für die es eigentlich keine Worte gibt.

Worte sind eigentlich dazu da, dass sie uns untereinander verbinden, dass sie uns helfen, einander zu verstehen, Vertrauen zu schaffen, gemeinsames Erleben, gemeinsames Wollen, gemeinsames Leben besser zu ermöglichen, Freunde sein zu können, Partner*innen…

Solche Todesereignisse sind schlicht furchtbar; sie werden noch furchtbarer, wenn man den Blick hebt, um sich schaut, und feststellen muss, dass zur gleichen Zeit wo hier die einen Menschen sinnlos sterben, an anderen Orten viele Tausend, ja Tausende an Kindern, Frauen und Männer von anderen Menschen — Männern !!! — gnadenlos in den Tod und ins Elend geschossen und gebombt werden (Syrien …), dass …. die Liste der Schrecken würde sehr lang, wollte man alle aufzählen.

Im Fall von Hanau wissen wir mittlerweile, dass es ein einzelner Mensch war, ein Mann, der in seinem Kopf, in sich, in seinem Innern, ein Bild von der Welt, von den anderen Menschen, von sich selbst mit sich herum trug, das düster war, voller Gegensätze und Hass, Bilder, die wie eine Brille wirkten, durch die er eine Welt sah, seine Welt, die in ihm Gefühle angezogen hat, die durch diese Brille gelenkt wurden.

In seiner Welt da drin, in ihm, in seinem Kopf, gab es offensichtlich keine wirklichen Freunde, keine Liebe zu Menschen, keine Hoffnung, keine klugen Idee, wie man sein eigenes Leben in dieser Welt zusammen mit anderen sinnvoll gestalten kann. Es gab scheinbar nur Gegensätze, Bosheiten, bedrohliche Andere, Menschen (z.B. Frauen), die er verachtete… in seiner Welt in seinem Kopf war er alleine, verloren, einsam, voller Enttäuschungen und Schmerzen …

Das Wort WAHRHEIT, das Menschen schon seit Jahrtausenden benutzen, bringt zum Ausdruck, dass es zwischen den Bildern in unserem Kopf und der Welt ‚da draußen‘ eine Korrespondenz geben kann, eine Ähnlichkeit, eine Übereinstimmung. In diesem Fall wissen wir, dass unsere inneren Bilder mit der Welt da draußen harmonieren. In unserem Kopf sehen wir einen Baum, und da draußen gibt es auch einen Baum.

Hier, bei dieser Übereinstimmung, gibt es aber eine Besonderheit: der Baum ‚da draußen‘ … zeigt sich uns nur in der Form von sinnlichen Wahrnehmungen! Unsere Augen produzieren Signale an das Gehirn, und das Gehirn fügt diese Signale zu einem Muster zusammen, zu einem neuronalen Konstrukt, das für uns das repräsentiert, das wir mit dem Wort ‚Baum‘ dann verknüpfen. Wir sehen also nicht den Baum selbst, sondern wir haben nur seine ‚Wirkung auf unsere Sinnesorgane‘ und durch ‚die Art und Weise, wie das Gehirn Sinneseindrücke verarbeitet‘! Den Baum selbst — oder die vielen anderen Objekte unsere umgebenden Welt — sehen wir nicht! Auch wenn dieser Gedanke für viele Menschen befremdlich wirken kann, letztlich muss es kein Problem sein. Unser Gehirn hatte viele Millionen Jahre — sogar mehrere hunderte von Millionen Jahren — Zeit, sich so zu entwickeln, dass es die Sinneseindrücke so ‚deutet‘, dass unser Verhalten in der realen Welt so gut funktioniert, als ob der Baum — oder die anderen Gegenstände — tatsächlich in unserem Kopf, in unserem Innern sind.

Im Alltag können wir den Unterschied zwischen einem ‚Objekt im Kopf‘ und dem unterstellten ‚Objekt da draußen‘ leicht bemerken. Wenn ich an den Kühlschrank gehe, um die Butter zu holen, und da ist keine Butter mehr. Ich bin erstaunt, weil in meinem Kopf noch eine Butter im Kühlschrank ist. Aber dann erinnere ich mich — nicht immer 🙂 –, dass ich ja vergessen hatte, neue Butter zu kaufen, weil ich mit etwas anderem beschäftigt war. Die Welt in unserem Kopf und die Welt ‚da draußen‘ sind nicht identisch, sie können sich unterscheiden.

Und, die Sache kann kompliziert werden: wenn das, was ich sinnlich wahrnehmen kann, z.B. ein bestimmtes Geräusch, nicht eindeutig ist, d.h. das Geräusch könnte von verschiedenen Situationen herrühren, z.B. von einem Tier, das sich da bewegt, von irgendwelchen Materialien, von einem Menschen … mein Gedächtnis fängt dann fieberhaft an zu arbeiten, und versucht heraus zu finden, mit welcher Erinnerung dieses Geräusch am besten passt. Man hört eine Melodie und denkt dann, dass es der Song X von Künstler Y ist. Und seiner Freundin am Telefon sagt man dann vielleicht spontan, Ah, ich habe gerade Song X von Künstler Y gehört … und dann war es vielleicht doch ein anderer Song … und man merkt es gar nicht … aber als Erinnerung bleibt, dass man Song X gehört hat…

Oder man liest von einem furchtbaren Ereignis im Internet; man ist aufgewühlt, vielleicht traurig und zornig. Es werden Orte und Personen genannt; die Personen werden mit bestimmten Geschlechtern, Rollen in Verbindung gebracht; den Personen werden weitere Eigenschaften zugeschrieben, und dann entstehen im Kopf die Bilder von ‚Rechten‘, ‚Linken‘, ‚Republikanern‘, ‚Demokraten‘, ‚Gotteskriegern‘, ‚Konservativen‘, ‚Fundamentalisten‘, ‚Orthodoxen‘, …. man hat sie noch nie selbst gesehen, man hat noch nie mit ihnen gesprochen, letztlich weiß man gar nicht, ob die, die das getan haben, tatsächlich diese waren, aber der Text im Internet erweckt den Eindruck, und dann sind sie da, in mir, in meinem Kopf, die Bösen, die das alles tun, die die Welt bevölkern,… Diese Bösen sind in meinem Kopf, und möglicherweise ist es falsch, möglicherweise ereignet sich jetzt FALSCHHEIT: meine Bilder in meinem Kopf stimmen nicht überein mit der Welt da draußen, aber für mich sind diese Bilder real. Ich fange an, an meine eigenen falschen Bilder zu glauben. Niemand hilft mir, den Irrtum zu entdecken.

Vielleicht will ich auch gar nicht, dass mir jemand hilft; vielleicht habe ich so starke ÄNGSTE in mir, dass ich nach Bildern suche, die meinen Ängsten eine Heimat geben? Wenn alles so unübersichtlich erscheint, so fremd, ich mir alleine vorkomme, und dann gibt es andere, die sich auch alleine und hilflos fühlen, dann stiftet schon alleine das Erlebnis der anderen etwas Gemeinschaft, Solidarität, Verbundenheit, was Ängste mildert. Und dann gibt es die einen, die etwas erzählen, und die anderen, und dann werden Bilder in den Raum gestellt von möglichen Ursachen, von möglichen Tätern, von möglichen Bedrohungen, und schon kann es passieren, dass die eigenen Ängste in diesen Bildern eine Heimat finden. Mit einem Mal haben meine Ängste Bilder in meinem Kopf, in denen sie sich verstanden fühlen. Das ist dann nicht Wahrheit — weil die Welt tatsächlich gar nicht so ist, wie die Bilder es nahelegen –, sondern das ist ANGSTHEIT: die Bilder sind so, wie meine Ängste sind!

Und, ja, wir kennen dies alle: man kann sich ärgern über etwas, manche Menschen geraten regelrecht in Wutzustände, sie werden aggressiv und können hassen. Damit verlieren sie stückweise die Kontrolle über sich, über ihr Denken. Und ähnlich wie im Fall der Angst sucht die Wut ihre Heimat, sucht sie die Bilder von der Welt, an denen sie sich fest machen kann, die ihr Bestätigung liefert, eine Berechtigung, wütend zu sein. Und wenn man dann andere findet, die auch wütend sind, die auch nach Bildern suchen, dann kann es schnell passieren, dass man sich in bestimmten Bildern vereint. Man teilt dann bestimmte Bilder im Kopf, die so vielleicht gar keine Entsprechung in der Welt ‚da draußen‘ haben, sie sind also nicht wahr, es gibt keine Wahrheit, aber es gibt dann WUTHEIT: es gibt Bilder, die der eigenen Wut eine Heimat geben.

Und man ahnt schon, dass dieses Prinzip, dass unsere dominanten Gefühle, Emotionen darüber entscheiden, welche Bilder im Kopf willkommen sind, sehr stark, sehr verbreitet ist. ‚Fundamentalisten‘ sind Menschen, die bestimmten Glaubensformen anhängen, obwohl die eigenen Texte und die Welt eigentlich etwas ganz anderes sagen. ‚Orthodoxe‘ sind Menschen, die bestimmte Anschauungen hoch halten, obwohl bei näherer Betrachtung, die Welt ‚da draußen‘ sich ganz anders verhält, usw.

Diese ‚Bilder im Kopf‘ — bei wem auch immer — können also sehr gefährlich sein, sie sind gefährlich, und sie haben in der Vergangenheit unendlich viel Unheil, Elend, und Schmerzen über die Menschheit gebracht. Die meisten Menschen merken nicht, dass ihre Bilder im Kopf falsch sind, Angst getrieben, durch Wut motiviert; die Bilder sind da, in ihrem Kopf, und sie glauben, nur weil die Bilder in ihrem Kopf sind, sind sie WAHR, obwohl sie FALSCH sind.

Wir sprechen heute viel über Bakterien und Viren, die man mit normalem Auge nicht sehen kann, die in unseren Körper eindringen können und dort die Zellen unseres Körpers überlisten, sie sich dort einnisten, vermehren, und letztlich den Körper schwer schädigen oder gar zu Tode bringen können.

Die FALSCHEN BILDER im Kopf sind nicht weniger gefährlich: sie stinken nicht, sie tun nicht weh, man kann ihnen selbst nicht ansehen, dass sie falsch sind. Man braucht sehr viel Aufmerksamkeit, man braucht ein intensives Training, um sie überhaupt erkenne zu können, und vor allem braucht man auch andere Menschen, die das auch sehen, die mit einem zusammen um die Wahrheit ringen. In er menschlichen Kulturgeschichte nennt man die RICHTIGEN WAHREN BILDER Wissen, Wissenschaft, Bildung. Die Menschen haben Jahrtausende, viele Jahrtausende gebraucht, bis sie gelernt haben, wie man gemeinsam WAHRES WISSEN erarbeiten und nutzen kann. Im Moment erleben wir, wie die Menschheit an einem historischen Höhepunkt ihrer Technologie dabei ist, die Grundlagen ihrer Erfolge, ihr WAHRES WISSEN zu Tiefstpreisen zu verschleudern. …

Es ist unübersehbar, dass die WAHRE DEMOKRATISCHE BILDUNG in allen Schichten der Gesellschaft zu schwach ist. Es ist unübersehbar, dass unser politisches System deutliche Spuren des ‚Unterbelichtetseins‘ zeigt. Während die noch herrschenden Parteien und Minister auf die anderen zeigen, als die Bösen, versagen sie selbst in elementaren demokratischen Aufgaben … sind sie selbst ‚böse‘? Sind sie einfach nur ‚unfähig‘ weil sie auch falsche Bilder im Kopf haben? Letztlich kommt es auf das Gleiche heraus: Sie tun nicht das, was in der aktuellen Situation zu tun wäre. Diese Unfähigkeit spüren alle, und dies erzeugt Unsicherheit, untergräbt das Vertrauen in das politische System, und erzeugt Ängste…

Eine einfache Lösung gibt es in solchen Situationen nicht. Sie sind auch nicht neu. In der Geschichte gab es solche Situationen immer wieder, überall. Patentlösungen gibt es nicht. Gefragt sind mutige Menschen, kreative innovative Menschen, Menschen die über den Tellerrand schauen können, Menschen, die sich nicht von blinden Emotionen leiten lassen sondern durch Klugheit, Besonnenheit, hilfreichen Erfahrungen, durch Wertschätzung für andere Menschen …. Falschheit, Angstheit, Wutheit … dies alles macht es nur noch schlimmer.

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VERANTWORTUNGSBEWUSSTE DIGITALISIERUNG: Fortsezung 1

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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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So 16.Februar 2020

KONTEXT DEMOKRATIE

In einem vorausgehenden Beitrag hatte ich am Beispiel der Demokratie aufgezeigt, welche zentrale Rolle eine gemeinsame funktionierende Öffentlichkeit spielt. Ohne eine solche ist Demokratie nicht möglich. Entspechend der Komplexität einer Gesellschaft muss die große Mehrheit der Bürger daher über ein hinreichendes Wissen verfügen, um sich qualifiziert am Diskurs beteiligen und auf dieser Basis am Geschehen verantwortungsvoll partizipieren zu können. Eine solche Öffentlichkeit samt notwendigem Bildungsstand scheint in den noch existierenden Demokratien stark gefährdet zu sein. Nicht ausdrücklich erwähnt wurde in diesem Beitrag die Notwendigkeit von solchen Emotionen und Motivationen, die für das Erkennen, Kommunizieren und Handeln gebraucht werden; ohne diese nützt das beste Wissen nichts.

KONTEXT DIGITALISIERUNG

In einem Folgebeitrag hatte ich das Phänomen der Digitalisierung aus der Sicht des Benutzers skizziert, wie eine neue Technologie immer mehr eine Symbiose mit dem Leben der Gesellschaft eingeht, einer Symbiose, der man sich kaum oder gar nicht mehr entziehen kann. Wo wird dies hinführen? Löst sich unsere demokratische Gesellschaft als Demokratie schleichend auf? Haben wir überhaupt noch eine funktionierende Demokratie?

PARTIZIPATION OHNE DEMOKRATIE?

Mitten in den Diskussionen zu diesen Fragen erreichte mich das neue Buch von Manfred Faßler Partizipation ohne Demokratie (2020), Fink Verlag, Paderborn (DE). Bislang konnte ich Kap.1 lesen. In großer Intensität, mit einem in Jahrzehnten erarbeiteten Verständnis des Phänomens Digitalisierung und Demokratie, entwirft Manfred Faßler in diesem Kapitel eine packende Analyse der Auswirkungen des Phänomens Digitalisierung auf die Gesellschaft, speziell auch auf eine demokratische Gesellschaft. Als Grundidee entnehme ich diesem Kapitel, dass der Benutzer (User) in Interaktion mit den neuen digitalen Räumen subjektiv zwar viele Aspekte seiner realweltlichen sozialen Interaktionen wiederfindet, aber tatsächlich ist dies eine gefährliche Illusion: während jeder User im realweltlichen Leben als Bürger in einer realen demokratischen Gesellschaft lebt, wo es der Intention der Verfassung nach klare Rechte gibt, Verantwortlichkeiten, Transparenz, Kontrolle von Macht, ist der Bürger in den aktuellen digitalen Räumen kein Bürger, sondern ein User, der nahezu keine Rechte hat. Als User glaubt man zwar, dass man weiter ein Bürger ist, aber die individuellen Interaktionen mit dem digitalen Raum bewegen sich in einem weitgehend rechtlosen und demokratiefreiem Raum. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen kaschieren diesen Zustand durch unendliche lange Texte, die kaum einer versteht; sprechen dem User nahezu alle Rechte ab, und lassen sich kaum bis gar nicht einklagen, jedenfalls nicht in einem Format, das der User praktisch einlösen könnte. Dazu kommt, dass der digitale Raum des Users ein geliehener Raum ist; die realen Maschinen und Verfügungsgewalten liegen bei Eignern, die jenseits der gewohnten politischen Strukturen angesiedelt sind, die sich eher keiner demokratischen Ordnung verpflichtet fühlen, und die diese Verfügungsgewalt — so zeigt es die jüngste Geschichte — skrupellos an jeden verkaufen, der dafür Geld bezahlt, egal, was er damit macht.

Das bisherige politische System scheint die Urgewalt dieser Prozesse noch kaum realisiert zu haben. Es denkt noch immer in den klassischen Kategorien von Gesellschaft und Demokratie und merkt nicht, wie Grundpfeiler der Demokratie täglich immer mehr erodieren. Kapitel 1 von Faßlers Buch ist hier schonungslos konkret und klar.

LAGEPLAN DEMOKRATISCHE DIGITALISIERUNG

Möglicher Lageplan zur Auseinandersetzung zwischen nicht-demokratischer und demokratischer Digitalisierung

Erschreckend ist, wie einfach die Strategie funktioniert, den einzelnen bei seinen individuellen privaten Bedürfnissen abzuholen, ihm vorzugaukeln, er lebe in den aktuellen digitalen Räumen so wie er auch sonst als Bürger lebe, nur schneller, leichter, sogar freier von üblichen analogen Zwängen, obwohl er im Netz vieler wichtiger realer Recht beraubt wird, bis hin zu Sachverhalten und Aktionen, die nicht nur nicht demokratisch sind, sondern sogar in ihrer Wirkung eine reale Demokratie auflösen können; alles ohne Kanonendonner.

Es mag daher hilfreich sein, sich mindestens die folgenden Sachverhalte zu vergegenwärtigen:

  • Verankerung in der realen Welt
  • Zukunft gibt es nicht einfach so
  • Gesellschaft als emergentes Phänomen
  • Freie Kommunikation als Lebensader

REALE KÖRPERWELT

Fasziniert von den neuen digitalen Räumen kann man schnell vergessen, dass diese digitalen Räume als physikalische Zustände von realen Maschinen existieren, die reale Energie verbrauchen, reale Ressourcen, und die darin nicht nur unseren realen Lebensraum beschneiden, sondern auch verändern.

Diese physikalische Dimension interagiert nicht nur mit der übrigen Natur sehr real, sie unterliegt auch den bisherigen alten politischen Strukturen mit den jeweiligen nationalen und internationalen Gesetzen. Wenn die physikalischen Eigentümer nach alter Gesetzgebung in realen Ländern lokalisiert sind, die sich von den Nutzern in demokratischen Gesellschaften unterscheiden, und diese Eigentümer nicht-demokratische Ziele verfolgen, dann sind die neuen digitalen Räume nicht einfach nur neutral, nein sie sind hochpolitisch. Diese Sachverhalte scheinen in der europäischen Politik bislang kaum ernsthaft beachtet zu werden; eher erwecken viele Indizien den Eindruck, dass viele politische Akteure so handeln, als ob sie Angestellte jener Eigner sind, die sich keiner Demokratie verpflichtet fühlen (Ein Beispiel von vielen: die neue Datenschutz-Verordnung DSGVO versucht erste zaghafte Schritte zu unternehmen, um der Rechtlosigkeit der Bürger als User entgegen zu wirken, gleichzeitig wird diese DSGVO von einem Bundesministerium beständig schlecht geredet …).

ZUKUNFT IST KEIN GEGENSTAND

Wie ich in diesem Blog schon mehrfach diskutiert habe, ist Zukunft kein übliches Objekt. Weil wir über ein Gedächtnis verfügen, können wir Aspekte der jeweiligen Gegenwart speichern, wieder erinnern, unsere Wahrnehmung interpretieren, und durch unsere Denkfähigkeit Muster, Regelhaftigkeiten identifizieren, denken, und neue mögliche Kombinationen ausmalen. Diese neuen Möglichkeiten sind aber nicht die Zukunft, sondern Zustände unseres Gehirns, die auf der Basis der Vergangenheit Spekulationen über eine mögliche Zukunft bilden. Die Physik und die Biologie samt den vielen Begleitdisziplinen haben eindrucksvoll gezeigt, was ein systematischer Blick zurück zu den Anfängen des Universums (BigBang) und den Anfängen des Lebens (Entstehung von Zellen aus Molekülen) an Erkenntnissen hervor bringen kann. Sie zeigen aber auch, dass die Erde selbst wie das gesamt biologische Leben ein hochkomplexes System ist, das sich nur sehr begrenzt voraus sagen lässt. Spekulationen über mögliche zukünftige Zustände sind daher nur sehr begrenzt möglich.

Ferner ist zu berücksichtigen, dass das Denken selbst kein Automatismus ist. Neben den vielen gesellschaftlichen Faktoren und Umweltfaktoren, die auf unser Denken einwirken, hängt unser Denken in seiner Ausrichtung entscheidend auch von unseren Bedürfnissen, Emotionen, Motiven und Zielvorstellungen ab. Wirkliche Innovationen, wirkliche Durchbrüche sind keine Automatismen. Sie brauchen Menschen, die resistent sind gegen jeweilige ‚Mainstreams‘, die mutig sind, sich mit Unbekanntem und Riskantem auseinander zu setzen, und vieles mehr. Solche Menschen sind keine ‚Massenware’…

GESELLSCHAFT ALS EMERGENTES PHÄNOMEN

Das Wort ‚Emergenz‘ hat vielfach eine unscharfe Bedeutung. In einer Diskussion des Buches von Miller und Page (2007) Complex Adaptive Systems. An Introduction to Computational Models of Social Life habe ich für meinen Theoriezusammenhang eine Definition vorgeschlagen, die die Position von Miller und Page berücksichtigt, aber auch die Position von Warren Weaver (1958), A quarter century in then natural sciences. Rockefeller Foundation. Annual Report,1958, pages 7–15, der von Miller und Page zitiert wird.

Die Grundidee ist die, dass ein System, das wiederum aus vielen einzelnen Systemen besteht, dann als ein organisiertes System verstanden wird, wenn das Wegnehmen eines einzelnen Systems das Gesamtverhalten des Systems verändert. Andererseits soll man aber durch die Analyse eines einzelnen Mitgliedssystems auch nicht in der Lage sein, auf das Gesamtverhalten schließen zu können. Unter diesen Voraussetzungen soll das Gesamtverhalten als emergent bezeichnet werden: es existiert nur, wenn alle einzelnen Mitgliedssysteme zusammenwirken und es ist nicht aus dem Verhalten einzelner Systeme alleine ableitbar. Wenn einige der Mitgliedssysteme zudem zufällige oder lernfähige Systeme sind, dann ist das Gesamtverhalten zusätzlich begründbar nicht voraussagbar.

Das Verhalten sozialer Systeme ist nach dieser Definition grundsätzlich emergent und wird noch dadurch verschärft, dass seine Mitgliedssysteme — individuelle Personen wie alle möglichen Arten von Vereinigungen von Personen — grundsätzlich lernende Systeme sind (was nicht impliziert, dass sie ihre Lernfähigkeit ’sinnvoll‘ nutzen). Jeder Versuch, die Zukunft sozialer Systeme voraus zu sagen, ist von daher grundsätzlich unmöglich (auch wenn wir uns alle gerne der Illusion hingeben, wir könnten es). Die einzige Möglichkeit, in einer freien Gesellschaft, Zukunft ansatzweise zu erarbeiten, wären Systeme einer umfassenden Partizipation und Rückkopplung aller Akteure. Diese Systeme gibt es bislang nicht, wären aber mit den neuen digitalen Technologien eher möglich.

FREIE KOMMUNIKATION UND BILDUNG

Die kulturellen Errungenschaften der Menschheit — ich zähle Technologie, Bildungssysteme, Wirtschaft usw. dazu — waren in der Vergangenheit möglich, weil die Menschen gelernt hatten, ihre kognitiven Fähigkeiten zusammen mit ihrer Sprache immer mehr so zu nutzen, dass sie zu Kooperationen zusammen gefunden haben: Die Verbindung von vielen Fähigkeiten und Ressourcen, auch über längere Zeiträume. Alle diese Kooperationen waren entweder möglich durch schiere Gewalt (autoritäre Gesellschaften) oder durch Einsicht in die Sachverhalte, durch Vertrauen, dass man das Ziel zusammen schon irgendwie erreichen würde, und durch konkrete Vorteile für das eigene Leben oder für das Leben der anderen, in der Gegenwart oder in der möglichen Zukunft.

Bei aller Dringlichkeit dieser Prozesse hingen sie zentral von der möglichen Kommunikation ab, vom Austausch von Gedanken und Zielen. Ohne diesen Austausch würde nichts passieren, wäre nichts möglich. Nicht umsonst diagnostizieren viele Historiker und Sozialwissenschaftler den Übergang von der alten zur neuen empirischen Wissenschaft in der Veränderung der Kommunikation, erst Recht im Übergang von vor-demokratischen Gesellschaften zu demokratischen Gesellschaften.

Was aber oft zu kurz kommt, das ist die mangelnde Einsicht in den engen Zusammenhang zwischen einer verantwortlichen Kommunikation in einer funktionierenden Demokratie und dem dazu notwendigen Wissen! Wenn ich eine freie Kommunikation in einer noch funktionierenden Demokratie haben würde, und innerhalb dieser Diskussion würden nur schwachsinnige Inhalte transportiert, dann nützt solch eine Kommunikation natürlich nichts. Eine funktionierende freie Kommunikation ist eine notwendige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie, aber die Verfügbarkeit von angemessenen Weltbildern, qualitativ hochwertigem Wissen bei der Mehrheit der Bürger (nicht nur bei gesellschaftlichen Teilgruppen, die sich selbst als ‚Eliten‘ verstehen) ist genauso wichtig. Beides gehört zusammen. Bei der aktuellen Zersplitterung aller Wissenschaften, der ungeheuren Menge an neuem Wissen, bei den immer schneller werdenden Innovationszyklen und bei der zunehmenden ‚Fragmementierung der Öffentlichkeit‘ verbunden mit einem wachsenden Misstrauen untereinander, ist das bisherige Wissenssystem mehr und mehr nicht nur im Stress, sondern möglicherweise kurz vor einem Kollaps. Ob es mit den neuen digitalen Technologien hierfür eine spürbare Unterstützung geben könnte, ist aktuell völlig unklar, da das Problem als solches — so scheint mir — noch nicht genügend gesellschaftlich erkannt ist und diskutiert wird. Außerdem, ein Problem erkennen ist eines, eine brauchbare Lösung zu finden etwas anderes. In der Regel sind die eingefahrenen Institutionen wenig geeignet, radikal neue Ansätzen zu denken und umzusetzen. Alte Denkgewohnheiten und das berühmte ‚Besitzstanddenken‘ sind wirkungsvolle Faktoren der Verhinderung.

AUSBLICK

Die vorangehenden Gedanken mögen auf manche Leser vielleicht negativ wirken, beunruhigend, oder gar deprimierend. Bis zum gewissen Grad wäre dies eine natürliche Reaktion und vielleicht ist dies auch notwendig, damit wir alle zusammen uns wechselseitig mehr helfen, diese Herausforderungen in den Blick zu nehmen. Der Verfasser dieses Textes ist trotz all dieser Schwierigkeiten, die sich andeuten, grundlegend optimistisch, dass es Lösungen geben kann, und dass es auch — wie immer in der bisherigen Geschichte des Lebens auf der Erde — genügend Menschen geben wird, die die richtigen Ideen haben werden, und es Menschen gibt, die sie umsetzen. Diese Fähigkeit zum Finden von neuen Lösungen ist eine grundlegende Eigenschaft des biologischen Lebens. Dennoch haben Kulturen immer die starke Tendenzen, Ängste und Kontrollen auszubilden statt Vertrauen und Experimentierfreude zu kultivieren.

Wer sich das Geschehen nüchtern betrachtet, der kann auf Anhieb eine Vielzahl von interessanten Optionen erkennen, sich eine Vielzahl von möglichen Prozessen vorstellen, die uns weiter führen könnten. Vielleicht kann dies Gegenstand von weiteren Beiträgen sein.

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