MEDITATION UND MYSTIK. Boxenstop im May 2019

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 13.Juni 2019
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

Anlässlich einer Lehrveranstaltung (5.Auflage des Moduls ‚Meditation als kulturelle Praxis‘ (zusammen mit anderen KollegenInnen)) habe ich aus verschiedenen Beiträgen dieses Blogs einen leicht synthetisierenden Text geschrieben, der einige der vielen Aspekte aufgreift, die in diesen Beiträgen thematisiert wurden. Dieser Text bleibt aber auch nur eine Momentaufnahme. Für den Vortrag auf dem nächsten Kongress im Oktober versuche ich, eine weitere Klärung und Synthetisierung. Den Kern des Erlebens – Interpretierens im einzelnen Individuum betrachte ich dort im Rahmen von drei verschiedenen Phasen der Aufklärung. Die dritte Phase der Aufklärung ist jene, in der wir uns gerade befinden und die bislang noch nicht so recht thematisiert wurde.

TEXT ALS PDF

Da der Text für einen Blogeintrag zu lang ist verlinke ich hier auf die PDF-Version: MEDITATION IM BLICKFELD VON PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT. Version 1.2, 15.Mai 2019. Die Struktur des Textes ist wie folgt:

Vorwort ……………………………………………………7
1 Einführung ……………………………………………9
2 Selbsterfahrung und Gehirn …………………….11
3 Technische Superintelligenz, menschliche
Kognition, Meditation und Mystik …………………13
4 Außen, Innen, Gehirn, Sprache, Meditation ..17
5 Unbewusstes und Freiheit ………………………21
6 Radikales Selbstexperiment ……………………25
7 Verstehensfragen …………………………………27
8 ANHANG: Titelsuche ……………………………31
Bibliographie …………………………………………33
Index …………………………………………………..35

EPILOG

Wenn man davon ausgeht, dass individuelle menschliche Kognition ein fortlaufender Prozess des Wahrnehmens, Interpretierens, Arrangierens ist, durchsetzt von einer Vielzahl von Einflussgrößen, das dann nochmals eingebettet ist in ein gesellschaftliches Netzwerk, das seinen eigenen Einflüssen und Regeln folgt, dann kann man ahnen, dass aktuelle kognitive Zustände nur eine bedingte Geltung haben können. Dennoch brauchen wir Anhaltspunkte, an denen wir unser Verhalten orientieren. Die neuen digitalen Technologien können helfen und sie helfen auch schon massiv, sie alleine aber reichen nicht … trotz aller anders lautender Visionen von der allmächtigen künstlichen Intelligenz … ohne sie wird es nicht gehen, aber nicht so einfach, wie dies zur Zeit vermarktet wird.

MARC ELSBERG – GIER. Wirtschaftstheorie verkappt als Thriller. Kurzbesprechung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 27.Mai 2019
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Marc Elsberg (2019), Gier. Wie weit würdest Du gehen? Blanvalet Verlag (gehört zu Random House), München. Rezipiert in der leicht gekürzten Hörbuchfassung, hg. von Random-House Audio, München

GESPALTENES PUBLIKUM

Wie die bisherigen Rezensionen bei amazon.de deutlich machen, hinterlässt der Versuch, schwer erzählbare Theorien – in diesem Fall Wirtschaftstheorien – spannend zu verpacken, ein gespaltenes Publikum. Nach den vorliegenden Rezensionen bei Amazon (25.Mai 2016, insgesamt 114) äußern sich mehr als 50% stark bis weitgehend kritisch. Dies ist nichts Neues. Wer vorwiegend Unterhaltung und Spannung sucht ohne zu viel ‚Wissenschaft‘, dem wird normalerweise kein Buch gefallen, das als Thriller daherkommt und dann im Text, eingeschmuggelt, theoretische Gedanken zu gesellschaftlichen, speziell wirtschaftlichen, Themen vorfindet.

ROMAN IM KOORDINATENSYTEM DER GESELLSCHAFT

So gesehen ist ein Buch (in meinem Fall die Hörfassung) kein isoliertes Ereignis sondern immer auch zu sehen als Teil eines Publikums, einer Gesellschaft, in der bestimmte Weltbilder in den Köpfen der Leser bereitliegen, um auf die stimulierenden Worte eines Textes zu reagieren.

Soweit ersichtlich leben wir in einer fast schizophrenen Gegenwart: einerseits sind wir Teil einer komplexen Gesellschaft, durch und durch getragen und getrieben von hochkomplexen Technologien, ohne die nahezu nichts mehr möglich wäre; andererseits sind die Ausbildungssysteme dieser Gesellschaften weitgehend unzureichend, veraltet, werden an Leitbildern ausgerichtet, die mit der realen Welt immer weniger zu tun haben. Neben vielen wichtigen Themen ist das mathematische Denken so ein Beispiel. Nahezu jede Technologie, die heute unser Leben bestimmt, ist ohne die Entwicklung der modernen Mathematik undenkbar, doch ist gerade die mathematische Bildung des normalen Bürgers unterirdisch schlecht. Und da die heutigen Politiker weitgehend Kinder dieses schwächelnden Bildungssystems sind, wundert es nicht, dass im politischen Leben mathematisch-gestärktes Denken Mangelware ist.

SITUATION DES AUTORS

Was will ein engagierter Autor in solch einer gesellschaftlichen Situation machen? Will er einen maximalen Publikumserfolg landen, dann wird er alles vermeiden müssen, was das Denken zu sehr ‚belastet‘; damit wird er aber kaum tiefgreifende Probleme behandeln können, die unsere aktuelle Situation und die daraus erwachsenden möglichen Zukünfte ernsthaft betreffen. Ist er aber intelligent, hat er sich über den alltäglichen Mainstream hinweg in einige der realen Problemstellungen hineingelesen, hineingeredet, hineingedacht, alles sehr mühevoll, da der Mainstream Abweichungen wenig unterstützt, und er fühlt sich als Mensch herausgefordert, sich den neuen Erkenntnissen zu stellen, dann hat dieser Mensch ein Problem, insbesondere dann, wenn er sich als Autor versteht, als ernsthafter Autor.

POSITION DES ROMANS

Den vorliegenden Roman ‚Gier‘ von Elsberg deute ich so: er versteht sich als Autor, der nicht nur aus Gefälligkeit schreibt, nicht nur dem Mainstream gedankenlos folgen will, sondern der sich mit wichtigen, grundlegenden Fragen unseres globalen Wirtschaftssystems ernsthaft auseinandersetzen will. Ein Wirtschaftssystem, das uns seit Jahrzehnten demonstriert, dass es zunehmend von elitären geld- und machthungrigen Gruppierungen gesteuert wird, denen der große Zusammenhang egal ist, und die mittlerweile so mächtig geworden sind, dass fast alle bekannten nationalen Regierungen diesen kaum noch eine eigene, begründete Sicht entgegen setzen können (bzw. wollen). Die nächsten Katastrophen sind vorprogrammiert; das Leiden vieler wird billigend in Kauf genommen. Obwohl es in den Wissenschaften hier und da schwache Ansätze gibt, diesem scheinbaren Automatismus der globalen Abläufe etwas entgegen zu setzen, haben diese Ansätze kaum eine Wirkung. Die herrschenden Kräfte von Markt und Politik sind für solche Meinungen weitgehend unempfindlich. Dies ist die Realität.

Vor diesem Hintergrund verstehe ich den Roman ‚Gier‘ von Elsberg als einen ernsthaften – und angesichts dieser Rezeptionssituation – sehr gewagten Versuch, das ‚Unsagbare‘ doch irgendwie zu sagen.

WIE ERZÄHLEN

Wie in den Ingenieurwissenschaften seit Jahrzehnten bekannt ist, kann man komplexe Sachverhalte nur schlecht bis gar nicht einfach nur durch einen Text oder ein paar tote Formeln verständlich machen. Ingenieure benutzen daher schon immer das Mittel der Simulation, um komplexe Sachverhalte in ihrer Dynamik und in ihren Auswirkungen sichtbar zu machen. Selbst die Intelligentesten müssen sich dieses Instruments bedienen, da unser Gehirn nicht so gebaut ist, dass es komplexe Sachverhalte ‚einfach so‘ denken kann.

Eine uralte Form der Simulation ist die Erzählung, oder dann modern der Roman, später das Hörspiel oder der Film. Hier entwickelt man, ausgehend von einer Startsituation mittels des Verhaltens der Akteure (auch unter Einbeziehung von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten) einen Ablauf von Situationen, eine Geschichte, die mit ihrem Verlauf allen Lesern und Hörern in ihren inneren Vorstellungen augenscheinlich macht, was alles passieren kann, wenn man sich in dieser oder jener Situation befindet und so oder so handelt.

Elsberg unternimmt also den wagemutigen Versuch, eine der schwierigsten Problemstellungen – den möglichen Gang unserer menschlichen Gesellschaft – in Form seiner Roman-Simulation an einigen ausgewählten Punkten deutlich zu machen.

Für mich als Philosoph und Wissenschaftler war die Wahl der Darstellungsmittel (globale Konferenz, Massendemonstrationen, Bessere Welt Aktivisten, der Sicherheitsapparat zwischen allen Fronten usw.) nicht unpassend gewählt. Ist es doch so, dass wir seit Jahren das öffentliche Auftreten des Politikapparates und vieler Finanzgrößen so oder ähnlich erleben. Auch die angedeuteten Verhaltensmuster, offiziellen Normen, Klischees in den Köpfen, entsprechend weitgehend dem, was wir real erleben. Die Zusammensetzung der Hauptpersonen war vielfältig, könnte so sein, wenngleich die Personen im Detail vielleicht nicht immer ganz überzeugend waren. Aber, ins Reale gedreht: wie weit sind Personen, die wir kennen ‚überzeugend‘? Wieweit sind wir selbst für andere überzeugend?

Dennoch war ich fasziniert davon, wie Elsberg versuchte, bei diesem gewählten Rahmen seine eigentliche Kernbotschaft von der besseren Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie zusammen mit einer Fundamentalkritik am aktuellen Prozess rüber zubringen.

Lange war nicht ganz klar, was eigentlich seine Botschaft sein sollte, und die abgefahrene Story mit dem getöteten Redner für den Weltwirtschaftsgipfel und seinem Begleiter wirkte etwas bizarr. Aber so langsam, häppchenweise, rückte er mit seiner Idee heraus eingebettet in einen Plot, der ebenfalls ziemlich abgefahren –wenngleich nicht völlig unrealistisch – war, so dass die Neugierde auf mehr Aufklärung seiner Botschaft einerseits und diese bizarre Story von den agierenden Profikillern als verlängerter Arm einen globalen Finanzakteurs kontinuierlich stieg (bei mir; bei anderen offensichtlich nicht :-)).

Da ich die zitierten Theorien ein wenig kenne, ich Mathematik eher spannend als langweilig empfinde, und ich an ähnlichen Theorien arbeite, blieb bei mir unterm Strich hängen, wie man einen komplexen Sachverhalt menschlichen Zusammenlebens auf globaler Ebene letztlich mit einfachen, spielerischen Modellen verdeutlichen kann.

BEDEUTUNG DES ROMANS

Trotz der z.T. enttäuschenden oder gar ablehnenden Rezeption des Romans halte ich den Roman für sehr gut, mutig und sehr wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass der Roman wichtige Kommunikationsprozesse auslösen kann. Vor allem sehe ich in dem Ansatz der Erschließung dieser komplexen Thematik in Form von mehr kritisch-realistischen Gesellschaftsspielen – als Brettspiele, als Planspiele, als Computerspiele, als Lernumgebungen … – eine große Chance ergänzend zu einer reinen Textfassung.

BEZUG ZU DIESEM BLOG

Wie schon im vorausgehenden Blogeintrag zum Thema Computerspiele deutlich werden kann, vertrete ich die Auffassung, dass unser kulturelles Denken mehr gemeinsame, leistungsfähige Denk- und Kommunikationsformen benötigt, um die aktuelle gesellschaftliche Komplexität noch gemeinsam meistern zu können. An der zugehörigen Theorie (und Praxis) arbeite ich vielen seit Jahren. In dem zu diesem Blog parallelen eJournal kann man unter dem etwas kryptischen Titel AAI V3 Frontpage dazu einiges nachlesen.

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Computerspiele, eSports, Clash of Cultures … geht es dabei möglicherweise um mehr?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 7.Mai 2019
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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KONTEXT

Ich hatte gestern Gelegenheit an der Veranstaltung #GAMESPLACES teilzunehmen, die von der Krativabteilung der Wirtschaftsförderung Frankfurt organisiert worden ist. Diese Abteilung unter Leitung von Manuela Schiffner zeichnet für viele ähnliche Veranstaltungen verantwortlich, auf der Akteure der Szene aus allen Lagern (Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kommunen,…) zusammenkommen und sich wechselseitig informieren und austauschen können. Gestern ging es um die Dimension eSport, vornehmlich illustriert am Beispiel der Praxis und Strategie von Eintracht Frankfurt, der AG sowohl als auch dem Verein. Hier ein paar Gedanken meinerseits zum Ereignis. Diese sind rein privat.

WUCHT DER ZAHLEN

Wenn man den Zahlen des Statistik-Portals Statista.com trauen kann, dann bewegt sich die Zahl der Computerspiele in Deutschland seit 5 Jahren in der Größenordnung von 32 – 34 Mio Spieler. Die Gesamtbevölkerungszahl bewegt sich in der gleichen Zeit etwa zwischen 81 – 83 Mio. Damit liegt der Prozentsatz der Spielenden bei ca. 40%. Da das Computerspielen bislang eher noch auf die Altersgruppen unter 60 beschränkt ist, ist der Prozentsatz der aktiven Spieler eher noch höher anzusetzen. Dies sind mächtige Zahlen. Und wenn man dann vom Frankfurter Wirtschaftsdezernent Frank hört, dass allein die Kreativwirtschaft in Frankfurt 2016 4 Mrd Euro umgesetzt hat, dann schärft sich das Bild weiter, dass der Computerspielbereich eine sehr reale Größe ist. Und es passt ins Bild, dass allein der Mediencampus der Hochschule Darmstadt (Aussage des Dekans Wilhelm Weber) in Dieburg ca. 3000 Studierende zählt, Tendenz wachsend.

eSPORT

Arne Peters als unabhängiger Berater gab auf der Veranstaltung einen knappen, sachlichen Bericht zur Entwicklung und zum Stand des Phänomens eSport. Er stellte heraus, dass in diesem Bereich die Community von besonderer Bedeutung sei: was in der Community keine Anerkennung findet, fällt gnadenlos durch. Und er vertrat die Ansicht, dass die typischen Spieler in diesem Bereich grundlegend sozial orientiert seien, das gemeinsame Erleben stehe im Vordergrund.

Zu negativen Begleiterscheinungen des eSports sagte er nichts, weder bezüglich der möglichen individuellen Auswirkungen, noch auf die marktpolitischen Tendenzen zur Monopolisierung, noch auf die möglichen gesellschaftlichen Wirkungen.

Hier wurde Timm Jäger, der Referent des Vorstands von Eintracht Frankfurt für digitale Technologien und Strategien etwas konkreter. Zunächst überbrückte er den Spagat zwischen eSports als Sport oder nicht dadurch, dass er — wie viele andere aus der Szene (auch Eintracht-Vorstandsmitglied Axel Hellmann) — die Position bezog, dass diese Frage innerhalb der Szene selbst nicht diskutiert würde. Denen, die eSports machen, ist es egal. Sie machen eSport. Und nach Timm Jäger sieht Eintracht Frankfurt eSport als Teil der Arbeit mit Menschen (alle Altersgruppen, für jedes Mitglied), die von der Breite ausgeht, und dazu gezielte Schulungen, Trainings und Beratung durch zertifizierte Trainer anbietet. Mit diesem breiten Ansatz könnte Timm Jäher auch viele kritische Anfragen aus dem Publikum konstruktiv beantworten, da im Kontext von Eintracht Frankfurt Kinder, Jugendliche und Erwachsene nicht nur durch den Bezug zu jeweiligen sozialen Gruppen, sondern auch durch professionelle zertifizierte Schulungsleiter und Trainer nicht nur auf die Möglichkeiten vorbereitet werden, sondern sich auch mit allerlei Formen von Risiken auseinander setzen können. Nicht ganz befriedigen konnte die Frage nach den offiziell eingesetzten Computerspielen, die von globalen Konzernen produziert und gemanagt werden, die eine relativ abgeschottete Politik verfolgen, die sich u.a. darin ausdrückt, dass sie nach Belieben immer wieder die Spielregeln ändern, was Teilnehmer monierten.

Abschließend gab es eine live Demonstration zwischen der eSports Bundesligamannschaft von Mainz 05 und Eintracht Frankfurt. Zu Beginn der Verlängerung stand es 1:1 (ja, ich habe die letzten Minuten nicht mehr gesehen 🙂 Mainz attackierte sehr stark …

CLASH OF CULTURES

Die positive Grundstimmung der Veranstaltung mit vorwiegend am eSport oder zumindest am Computerspiel Interessierten kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Digitalisierung der Gesellschaft, hier in Form von Computerspiel Interessierten, die offiziellen Bereiche der Gesellschaft wie z.B. das gesamte Bildungssystem, den offizielle Kulturbetrieb, oder die offizielle Politik noch nicht erreicht hat.

In diesem Zusammenhang ist ein aktueller Gastbeitrag von Leander Haußmann in der Zeit online (ZEIT Wissen Nr. 3/2019, 16. April 2019) von Interesse. Haußmann, Jahrgang 1959, Theater und Filmregisseur, Schauspieler outet sich in diesem Beitrag als passionierter Gamer. Er schildert eindrücklich seine erlebnisstarken Jugend in der ehemaligen DDR; die Welt der Freunde als Gegenentwurf zur bürgerlichen Staatstheorie und deren Indoktrinationsritualen in Schule und Gesellschaft. Als erlebnisoffener Mensch und Literaturkundiger sieht er in den modernen Computerspielen eine neue Form von Weltbeschreibung, die sehr wohl dem Erlebnishunger, dem Abenteuerstreben, dem individuellen Ausagieren von Bedürfnissen und Emotionen dienen kann, vorbei am Alltagseinerlei und an Pseudomoral, die Gutes zu tun vorgibt aber faktisch Negatives befördert.

Zu diesem Beitrag gab es 348 Kommentare, die ich mir angeschaut habe. Sie sind fast genauso wichtig wie der Beitrag selbst; signalisieren sie doch einen realen Resonanzraum in den Gefühlen und Gedanken von Menschen, der vieles von der Zerrissenheit verrät, in der wir uns alle zur Zeit bewegen.

Da gibt es natürlich die große Gruppe jener, die sich in den Worten von Haußmann positiv wiederfinden; sie fühlen sich verstanden und in ihrer Lust am Spielen gestärkt. Dann gibt es die ebenso große Gruppe, die auf jeden Fall gegen Computerspiele ist; die Argumente sind unterschiedlich. Und dann gibt es eine kleine Gruppe von ‚Geläuterten‘; das sind Menschen, die intensive Computerspieljahre (auch Jahrzehnte) hinter sich haben und dann irgendwann in einen Zustand kamen, dass sie das Gefühl hatten, der Rausch des unmittelbaren Erlebens im Computerspielen ist unterm Strich nicht sehr nachhaltig, oder gar psychisch und sozial zerstörerisch. Der Ersatz des Realen durch das Virtuelle führt irgendwie zur Auflösung der realen Existenz und verhindert all jene Formen des Erlebens, die anders sind, möglicherweise nachhaltiger.

Zwischen diesen drei Positionen scheint es wenig Vermittelndes zu geben: Entweder man spielt, oder man ist dagegen, oder man gehört zum Kreis der ‚Geläuterten‘, die für die anderen einer anderen Sphäre angehören. Und in den offiziellen Bereichen der Gesellschaft, speziell Schulen und Hochschulen (von wenigen Ausnahmen abgesehen wie z.B. dem Mediencampus Hochschule Darmstadt), findet das Thema praktisch nicht statt.

FALSCH PROGRAMMIERT?

Nimmt man einen soziologischen Standpunkt ein und sieht die Computerspielenden als Teilpopulation einer offenen Gesellschaft, deren Zukunft nicht zuletzt auch von den Erlebnis- und Wissensstrukturen ihrer Bürger abhängig ist, dann kann man die Frage stellen, ob die intensive Einwirkung von Computerspielen (es geht nicht nur um Gewalt) letztlich die Wahrnehmung der realen Welt, der politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge, in einer Weise beeinflusst, die die Bürger unfähig macht, ihre Verantwortung als Bürger eines demokratischen Landes in einer technologischen und global-wirtschaftlichen und -politischen Umbruchphase hinreichend wahrnehmen zu können? Diese Frage ist weitgehend rhetorisch, da die deutsche empirische Sozialforschung zu dieser Frage mehr oder weniger ’sprachlos‘ ist. Empirische begründete Aussagen sind nicht verfügbar.

Blickt man auf das offensichtliche Versagen vieler Bundesministerien und staatlicher Behörden in den letzten Jahren und aktuell, denen man — zumindest offiziell — keine intensive Computerspieltätigkeit nachweisen kann (aufgrund der Selbstbeschreibung von Haußmann kann man diese Möglichkeit aber nicht ganz ausschließen :-)), dann scheint es noch ganz andere Faktoren zu geben, die eine ‚Demokratiefähigkeit‘ von Politik gefährden können (Lobbyismus, Dummheit, narzisstische Persönlichkeitsstrukturen, Machthunger, …).

Statt also mangels klarem Wissen in der unappetitlichen Suppe von Verschwörungstheorien zu versinken, stellt sich die grundsätzliche Frage, ob sich die offensichtlich attraktiven Faktoren moderner Computerspiele nicht doch irgendwie mit dem real-weltlich Nützlichem auf neue Weise verknüpfen liesen?

SERIOUS GAME/ APPLIED GAME

Es ist möglicherweise bezeichnend, dass im Deutschen eher die englischen Ausdrücke benutzt werden als deutsche Ausdrücke wie ernsthaftes Spiel, Spiel mit praktischem Nutzen, Lehrspiel, Lernspiel oder so ähnlich. Irgendwie, intuitiv, gefühlsmäßig sträubt man sich im Deutschen, Lernen und Spielen zu verknüpfen.

Dies ist eigentlich verwunderlich, weil spieleähnliche Methoden wie z.B. Simulation, Planspiele, Spieltheorie seit Jahrzehnten in vielen Bereichen wie z.B. Ingenieurswissenschaften, Militär und Wirtschaft gang und gäbe sind. Ohne diese Methoden wären viele wichtigen Erkenntnis-, Verstehens- und Lernprozesse gar nicht möglich.

Das menschliche Gehirn ist trotz vieler phantastischer Eigenschaften nicht in der Lage, Sachverhalte mit vielen verbundenen Größen, die sich zudem in der Zeit unterschiedlich verändern können, umfassend und schnell genug mit hinreichender Präzision zu denken. Ohne Einbeziehung entsprechender Methoden, und das sind heute weitgehend computergestützte Verfahren, kann das menschliche Gehirn daher viele heute benötigten Prozessmodelle gar nicht mehr selber denken, was bedeutet, dass die moderne Wissenschaft und moderne Technologie ohne diese Methoden schlicht undenkbar geworden sind.

Macht man sich dies klar, dann verwundert es vielleicht umso mehr, warum sich Schulen und Hochschulen so schwer tun, simulationsähnliche Methoden als Standardmethoden in Lehre, Lernen und Forschen einzuführen.

Der einzige Unterschied zwischen einer interaktiven Simulation und einen Computerspiel besteht darin, dass neben dem Simulationskontext im Computerspiel bestimmte mögliche Zustände als Gewinnzustände ausgezeichnet sind. Bei geeignetem Verlauf der interaktiven Simulation kann also ein Simulationsteilnehmer bei Erreichen eines Gewinnzustandes als Gewinner bezeichnet werden. Und da ein Simulationsteilnehmer in einer interaktiven Simulation durch sein Verhalten den Gesamtverlauf zumindest Anteilhaft mit beeinflussen kann, kann ein Gewinner sich am Schluss dann den Erfolg anteilsmäßig zurechnen.

Gegenüber einer normalen interaktiven Simulation mag dieser kleine Unterschied mit den ausgezeichneten Gewinnzuständen als unscheinbar erscheinen, aber aus Sicht eines systematischen Engineeringsprozesses wie auch aus Sicht der Motivationslage eines Mitwirkenden ist dieser Unterschied weitreichend:

  1. Angesichts der wertmäßig neutralen möglichen Alternativen in einem Simulationsprozess ist die einzige Möglichkeit, interessante Zustände auszuzeichnen und gezielt zu testen, jene, durch explizite Angabe von Gewinnzuständen sogenannte Präferenzen sichtbar zu machen, an denen die Organisatoren der Simulation interessiert sind.
  2. Durch Vorgabe solcher Präferenzen besteht dann die Möglichkeit, die Auswirkungen dieser Präferenzen auf den Möglichkeitsraum zu testen.
  3. Dadurch dass möglichst viele der möglicherweise Betroffenen (z.B. die Bürger einer Stadt) selbst am Spiel teilnehmen und mit ihren eigenen Sinnen erleben können, was passiert, wenn man Handlungen einer bestimmten Art in dem angenommenen Kontext ausübt, teilen alle ähnliche Erfahrungen, können darüber besser gemeinsam kommunizieren, und müssen nicht zusätzlich überzeugt werden.
  4. In wissenschaftlichen Simulationen sind zudem alle Regeln allen zugänglich und auch jederzeit in gemeinsamer Übereinkunft änderbar. Dies schafft Vertrauen in den Prozess und stärkt die Argumentationskraft der Verläufe.
  5. Die formale Auszeichnung eines Simulationsteilnehmers als Gewinner mag formal-mathematisch unbedeutend sein, für die Motivationslage eines Menschen kann dies aber (empirisch überprüfbar) einen starken Antrieb geben, sich intensiv mit der Materie zu beschäftigen und Schwierigkeiten eher zu trotzen.

In einer Zeit, wo interdisziplinäre Teams komplexe Projekte zu realisieren haben, würde ein konsequenter Spieleansatz die Qualität und die psychologische Temperierung der Teams möglicherweise auch positiv beeinflussen.

Soundtrack, ohne Stimme
… with voice: spheres – Kugelwesen

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Magie der Worte – Kein Fake. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 26.April 2019
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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KONTEXT

In diesem Fall ist es die letzte der vielen spontanen Produktionen aus meinem seit Jahren andauerndem RUM- Experiment (radically unplugged music), die als Anlass für einen Eintrag dient. Das Experiment ereignete sich gestern Abend. Im Nachhinein, heute Morgen, trafen sich die Wirkungen mit vielen grundlegenden Überlegungen der letzten Zeit zu der Art und Weise, wie unterschiedliche Menschen ihr Wissen, ihre Erfahrungen, aus dem Dunkel ihres Unbewussten hervor holen können, um sich in gemeinsamen Resonanzereignissen wechselseitig anregen — stimulieren — zu können, im Rauschen der Worte das scheinbar Unsagbare doch irgendwie zu sagen. Was als merkwürdiges Geplapper anfangen kann, als Stammeln von Worten, als lyrische Wortfetzen, als poetisch reguliertes ‚Irgendwie‘, als Strom von Klängen mit innewohnenden Worten, das kann sehr wohl in noch mehr regulierte Wortstrukturen übergehen, in Texte, die mehr Konkretheit, mehr Klarheit an sich tragen, die im engeren Sinne wahrheitsfähig erscheinen und als solche dann auch funktionieren. Die sich so entbergende Wahrheiten werden dann zu jenen Kletterhaken unseres Geistes, an denen wir steile Wände erklimmen können, die ansonsten nur ferne, eher ungewiss zu erahnen sind.

THE FLYING DANCER – Soundereignis

Wie gesagt, ich führe seit Jahren ein Experiment durch, das sich Radically Unplugged Music (RUM) nennt. Es geht darum, welche Klänge, Sounds, Musikstücke entstehen, wenn man selbst weder richtig ein Instrument spielen kann, noch singen, noch Zeit hat, zu üben, keine Noten benutzt, keine fertigen Texte, sondern sich einfach nur hinsetzt, die Aufnahmegeräte einschaltet, und dann anfängt zu spielen bzw. zu sprechen… und dies mehrfach in dem Sinne, dass z.B. im Stück genannt The Flying Dancer erst Schlagzeug gespielt wird, dann ein Elektro-Bass, dann ein Elektro-Klavier, und schließlich dazu gesprochen wird.

Die Stimme beginnt mit einer Entschuldigung, weil der Sprecher gerade die Distanz zum Hörer unterbricht, möglicherweise störend, weil er bei seiner Betrachtung der Welt, von seinem speziellen Standpunkt aus, etwas wahrnimmt, das er mitteilen möchte.

Die Stimme spricht vom Staub der Zeit, vielleicht meint er auch so etwas wie Nebel, worin er die Schatten von Lichtern zu erkennen meint, die das Auge durchdringen. Und in diesen Schatten von Lichtern im Staub der Zeit scheint er viele wahrzunehmen, die gehört werden wollen, und es stellt sich die Frage, ob das, was da zu Gehör kommen soll, wichtig ist? Hilfreich? Und in all dem sieht er dann den fliegenden Tänzer, zwischen allem, mit sich ändernden Farben, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, auf- und absteigend im Gewoge der Ereignisse; wie auf einer Welle reitend. Die Stimme wiederholt diese bisherigen Eindrücke, und bemerkt dann zum fliegenden Tänzer noch, dass dieser schaue als ob er etwas weiß von hinter den Oberflächen der Dinge, die sich zeigen, und er schaut Dich an… und der Klang schwebt dahin, entschwebt, als ob nichts war.

LYRIK – POESIE – MAGIE DER WORTE …

In der Hetze des Alltags, können solche Worte leicht überhört werden, selbst, wenn Sie in Klänge eingehüllt daher kommen. Wir hören — und sehen — heute so Vieles, dass das Erklingen von Etwas weit weniger Aufmerksamkeit erzeugt als das Nicht-Erklingen, das Schweigen, die Stille. In der Stille, in der vermeintlichen, oft beschworenen, ist es dann aber real, tatsächlich, gar nicht still … es ist anders. Wir nehmen anders wahr, Anderes, was sonst im Getöse des Alltags schlicht untergeht, weil die anderen, lauteren Klänge die leisen übertönen, kaschieren, oder maskieren, wie die Tontechniker sagen.

Und einzelne Klänge, Töne, einzelne Worte entfalten plötzlich eine eigene Resonanz mit unserem Inneren… und wie von Zauberhand steigen Bilder, Erlebnisse, andere Töne und andere Worte aus dem Dunkel des Unbewussten auf, wie von Geisterhand, und beginnen die scheinbare Stille zu füllen mit ihrem eigenen Geschmack, ihrem eigenen Anfühlen, und diese aufsteigenden Ereignisse rufen weitere, andere wach, und so entsteht ein bunter Strom an Farben, Gestalten, Tönen, Gerüchen, Geschmäckern, Worten, aus dem scheinbaren Nichts des Unbewussten, das sich als gar nicht so unbestimmt, leer erweist, als das es im ersten Moment erscheinen mag.

Fokussieren wir uns in diesen aufsteigenden Gestalten auf die Worte, Wortfetzen, Satzfragmenten, dann haben diese eine eigentümliche Zwitterstellung: ja, es sind Fragmente, herausgerissen aus etwas möglichem Größeren, lassen — noch unbewusst, unsichtbar — ein schwer Bestimmbares und doch irgend ein angefühltes Anderes in einem anklingen, das aus diesen Wortfetzen gefühlt mehr macht als sie als Worte darstellen. Dies kann die Wurzel, der Ur-Grund von Lyrik sein, von Poesie, wenngleich der eine oder die andere möglicherweise Worte wie Lyrik und Poesie noch mit weiteren Eigenschaften aufladen möchte, z.B. mit noch mehr Eigenschaften des rein Sprachlichen.

Ich bevorzuge bei solchen sprachlichen Ereignissen im Kontext von Lyrik, Poesie und RUM die Fokussierung auf den Charakter der Gratwanderung, des Ambivalenten, des Fragmentarischen, das davon lebt, dass Worte jeglicher Art diese besonderen Boten des Zwischen sind, zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, die möglichen Brücken zwischen bloßem Schall und möglicher Bedeutung. Es ist genau diese Mittlerrolle die unseren Worten eine Magie verleihen, weil sie quasi aus dem Nichts, aus der völligen Bedeutungslosigkeit, auferstehen können mit einer möglichen Botschaft zunächst zwischen dem eigenen Unbewussten und dem eigenen Bewusstsein, dann aber auch, vielleicht, im glücklichen Fall, zwischen verschiedenen Gehirnen, die in verschiedenen Körpern wohnen und sich nur über die Magie der Worte miteinander koordinieren können (ein Thema, das in diesem Blog schon mehrfach behandelt wurde, und das beliebig komplex gedacht werden kann).

MYSTIK

Im Kontext von Lyrik und Poesie muss man die Mystik nicht erwähnen. Mystik lebt primär nicht vom Wort, von Wortfragmenten, Sätzen. Mystik nährt sich vom Ereignis, das aus den Weiten des Unbewussten, des nicht direkt Wahrnehmbaren, auf uns zukommt, uns packt, uns auf vielerlei Weise berührt, anrührt, bewegt, erfüllt, aufregt, bewegt, erleuchtet, … das Vielerlei der Worte, das Menschen (Mystiker) bemühen, um das irgendwie Unsagbare doch irgendwie zu sagen, deutet an, lässt anklingen, dass wir es hier mit Urereignissen des Erlebens zu tun haben, für die Worte zu finden, die diesem Urerleben gerecht werden und sich dann irgendwie mit anderen bekannten Erlebnissen verknüpfen lassen, schwer bis unmöglich ist. Letztlich bleibt einem nur Worte zu benutzen, die irgendwie aus anderen Kontexten schon eine gewisse Bedeutung und Bekanntheit haben, und man dann diese geliehene Bedeutung benutzt, um etwas von dem neuen Erleben anzudeuten, das sich da zur Erfahrung gibt. In diesem sehr speziellen Sinne hat die Sprache der Mystik Ähnlichkeiten mit der Sprache der Lyrik und Poesie bzw. zeigt sich im Grenzfall des mystischen Erlebens die Magie der Worte in ihrem absoluten Grenzfall: man möchte etwas sagen, was eigentlich nicht sagbar ist, und benutzt dazu Worte aus anderen Zusammenhängen, die, je für sich zu ernst genommen, falsch sind, aber doch, gerade in ihren verschiedenen Verschränkungen zwischen den Zeilen, indirekt, etwas anklingen lassen können, was derjenige, der dann Ähnliches erleben kann, möglicherweise wiedererkennt.

Ist es schon in der offiziellen Wissenschaft heute nicht ganz einfach, ja, sogar schwer, zwischen wahrer Wissenschaft und Fake-Wissen zu unterscheiden, so geraten wir im Bereich der Mystik, der mystischen Sprache, in einen Bereich, wo eine Bewertung des Wahrheits- und Sinngehaltes letztlich — und auch dann nur ansatzweise, versuchsweise — gelingt, wenn man selbst hinreichend ähnliche Erlebnisse, Erfahrungen machen konnte, die sich über viele Zeitpunkte in verschiedenen Kontexten erstrecken. Trotz dieses schwer fassbaren Gehalts an Wirklichkeit sind solche Erfahrungen dennoch von großem Wert, da sie etwas über uns, unsere Wirklichkeit erkennen lassen, das deutlich über die grobkörnigen Alltagsereignisse hinausreicht (auch eine moderne Physik lebt von zahllosen grenzwertigen Phänomenen, die sich in keiner Alltagserfahrung erfassen lassen, nur mit aufwendigsten Messvorrichtungen, die jede für sich eine Vielzahl komplexer Theorien voraussetzen, um sie zu interpretieren). Und die mystische Erfahrung in dieser Form ist in keiner Weise beliebig! Ihr Charakter gleicht jener der härtesten empirischen Erfahrung, ist nicht manipulierbar, und macht ausdrücklich, was eine Quantenphysik nur sehr indirekt vermitteln kann: der Grundcharakter aller Wirklichkeit ist nicht deterministisch sondern Freiheit. Die mystische Erfahrung enthüllt in der Art und Weise, wie sie in jedem von uns stattfinden kann, neben ihrer Ur-Realität eine Nicht-Erzwingbarkeit. Es kann stattfinden, es muss aber nicht. Dies ist schwer verstehbar; aber der Grundcharakter der quantenmechanisch enthüllten empirischen Wirklichkeit als solcher ist auch nicht wirklich verstehbar. Wie denn auch? Wir kennen nichts Vergleichbares.

Wenn man bedenkt, dass die Menschen aus allen Zeiten, aus denen wir Zeugnisse haben, den mystischen Charakter ihres Grunderlebens schon immer entdeckt und genutzt haben (nicht zu verwechseln mit den vielfältigen Ideologien unterschiedlichster Religionen, die wenig mit Mystik zu tun haben), dann könnte man sagen, dass die moderne Physik die späte Rekonstruktion dieser Ur-Phänomene mit empirisch-formalen Mitteln ist. Leider hat die offizielle Physik den Kontakt mit ihren eigenen humanen Wurzeln weitgehend verloren; selbst der unverzichtbare Beobachter wird aus theoretischen Betrachtungen weitgehend eliminiert, was die physikalischen Theorien in gewisser Weise in die Sphären von irrationalen Wortgebilden entrückt. Aber diese Blickrichtungen sind grundsätzlich korrigierbar.

KEIN FAKE

Unsere Zeiten erleben die Praxis von Propaganda, Desinformationen und Fake-News mit einer neuen, bislang kaum gekannten Wucht, vor allem nicht in der Art, dass Regierungen und Öffentlichkeiten selbst in sogenannten demokratischen Staaten meinen, dass dies doch kein Problem sei. Dass wir als Menschen uns auf diese Weise großflächig, ja, man könnte sagen, in einem industriellem Maße, den Zugang zur Wirklichkeit, zur Wahrheit verschütten, verbauen, unkenntlich machen, und uns als Gesellschaften damit die Basis für eine rationale Zukunftsgestaltung entziehen, scheint aktuell immer weniger Menschen zu kümmern.

Der bewusste Umgang mit der realen Welt im Lichte des eigenen Erlebens, und gerade auch im Grenzbereich der Magie der Worte und der mystischen Erfahrung, ist dagegen keine Flucht aus der Wirklichkeit, ist kein Fake, sondern die einzige Möglichkeit, den instrumentalisierten Fakes eines global ferngesteuerten Alltags ein kleines Stück echter Wirklichkeit entgegen zu setzen. Einzelne Elementarteilchen scheinen bedeutungslos zu sein, aber im Verbund von Atomen, Molekülen und Zellen entwickeln sie eine Kraft, die dabei ist, das gesamte Universum zu verändern. Fake News sind dagegen eine kognitive Krankheit, eine Art kognitiver Krebs, der daherkommt wie Wahrheit aber tatsächlich mögliche Wahrheit im falschen Gewand der Wahrheit zersetzt, zerstört, und damit unsere Brücken zur realen Welt und zueinander zerstört.

THE FLYING DANCER

Ist der fliegende Tänzer nur ein unwirkliches Fantasiegebilde oder irgendwie mehr?…

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KONTEXT

In den letzten Beiträgen dieses Blogs ging es oft um das Thema Freiheit und die Werte = Präferenzen, die man benötigt, um mit seiner Freiheit eine Richtung einzuschlagen, die dann — vielleicht — Zustände ermöglicht/ erreicht, die im Sinne der Präferenzen gut sind. Zugleich ging es auch um Rahmenbedingungen, die eine Umsetzung der Freiheit ermöglichen oder behindern. Dies mag auf den ersten Blick abstrakt klingen. Hier eines von vielen Beispielen, wie diese Überlegungen sehr schnell sehr konkret werden können. In den letzten Tagen hatte ich zu Übungszwecken (ganz anderer Zusammenhang) ein kleines Computerprogramm geschrieben, das sich auf den ersten Blick mit etwas völlig Unbedeutendem beschäftigt, was sich mit nur drei Zahlen beschreiben lässt. Während ich das tat, merkte ich, dass diese drei Zahlen alles andere als unbedeutend sind, ja, dass sie sogar geradezu eine ‚philosophische Aura‘ besitzen, die viele der Grundfragen, die in diesem Blog schon diskutiert wurden, in einem anderen Licht erscheinen lassen. Diese Eindrücke führten zu diesem Blogeintrag.

PYTHON – Nur Python

Die Programmiersprache des kleinen Computerprogramms war python und das Übungsproblem war die Bevölkerungsentwicklung, allerdings fokussiert auf den minimalen Kern, der nur drei Größen (letztlich Zahlen) berücksichtigte: die aktuelle Bevölkerungsanzahl (p), die jährliche Geburtenrate (br, birthrate) umgelegt auf die Gesamtbevölkerung, und die jährliche Sterberate (dr, deathrate). Diese drei Größen wurden verbunden durch den einfachen Zusammenhang p’=p+(p*br)-(p*dr). (Für die Beschreibung des Programms sowie den Quellkode des Programms selbst siehe die Seite hier mit den ersten fünf Einträgen).(Anmerkung: es geht natürlich noch einfacher, nur die aktuelle Bevölkerungszahl p sowie die gemittelte Wachstumszahl g).

WELTBEZUG?

Was in der Computersprache nur drei verschiedene Zeichenketten sind {‚p‘, ‚br‘, ‚dr‘}, die als Namen für Speicherbereiche dienen, in die man irgendwelche Werte hineinschreiben kann, kann man in Beziehung setzen zur Ausschnitten der realen Welt (RW). Durch diese In-Beziehung-Setzung gibt man den neutralen Zeichenketten eine Interpretation. Im vorliegenden Fall wurde die Zeichenkette ‚p‘ betrachtet als Ausdruck, der die Anzahl der aktuell auf der Welt lebenden Menschen repräsentieren soll. Entsprechend die Zeichenkette ‚br‘ die jährliche Geburtenrate und die Zeichenkette ‚dr‘ die jährliche Sterberate.

Wenn man die entsprechenden Zahlen hat, ist einen Rechnen damit einfach. Wenn man im Computerprogramm — ein ganz normaler Text — den Zusammenhang p’=p+(p*br)-(p*dr) notiert hat, dann kann der Computer mit diesen Zeichenketten ganz einfach rechnen. Sei P=1000, br=1.9 und dr=0.77, dann liefert der Zusammenhang p‘ = 1000 + (1000 * 0.019) – (1000 * 0.0077) = 1000 + 19 – 7.7 = 1011.3, und da es keine Drittel-Menschen gibt wird man abrunden auf 1011. Dies bedeutet, im nachfolgenden Jahr wächst die Bevölkerungszahl um 11 Mitglieder von 1000 auf 1011.

DATENGEWINNUNG

Eine Institution, die seit 1948 begonnen hat, systematisch die demographischen Daten der Weltbevölkerung zu erheben, sind die Vereinigten Nationen (UN). Eine wichtige Seite zur Bevölkerungsentwicklung findet sich hier: http://data.un.org/Default.aspx Für jedes Jahr gibt es dann eine Aktualisierung mit einer Vielzahl von Tabellen, die sehr viele wichtige Parameter beleuchten: https://population.un.org/wpp/Download/Standard/Population/

Beschränkt man sich auf die drei Größen {p, br, dr}, dann kann man anhand dieser Tabellen z.B. folgenden Ausgangsgrößen für die absoluten Bevölkerungszahlen p der Welt von 2010 bis 2015 bekommen:

201020112012201320142015
6 958 169 7 043 009 7 128 177 7 213 426 7 298 4537.383.009

Dazu gibt es als allgemeine Geburtsrate (BR) und Sterberate (DR) für die Zeit 2010 – 2015: BR = 1.9% und BR = 0.77%.

Vertieft man sich in diese Tabellen und die vielen Anmerkungen und Kommentare, wird sehr schnell klar, dass es bis heute ein großes Problem ist, überhaupt verlässliche Zahlen zu bekommen und dass das endgültige Zahlenmaterial daher mit Unwägbarkeiten behaftet ist und nicht ohne diverse Schätzungen auskommt.

DATEN HOCH RECHNEN

Tut man aber für einen Moment mal so, als ob diese Zahlen die Weltwirklichkeit einigermaßen widerspiegeln, dann würde unser kleines Computerprogramm (Version: pop0e.py) folgende Zahlenreihen durch schlichtes Rechnen generieren:

  • Population number ? 6958169

  • Birthrate in % ? 1.9

  • Deathrate in % ? 0.77

  • How many cycles ? 15

  • What is your Base Year ? 2010

  • Year 2010 = Citizens. 6958169

  • Year 2011 = Citizens. 7036796

  • Year 2012 = Citizens. 7116312

  • Year 2013 = Citizens. 7196726

  • Year 2014 = Citizens. 7278049

  • Year 2015 = Citizens. 7360291

  • Year 2016 = Citizens. 7443462

  • Year 2017 = Citizens. 7527573

  • Year 2018 = Citizens. 7612635

  • Year 2019 = Citizens. 7698658

  • Year 2020 = Citizens. 7785653

  • Year 2021 = Citizens. 7873630

  • Year 2022 = Citizens. 7962602

  • Year 2023 = Citizens. 8052580

  • Year 2024 = Citizens. 8143574

  • Year 2025 = Citizens. 8235596

Bild 1: Einfacher Plot der Bevölkerungszahlen von Jahr 1 = 2010 bis Jahr 16 = 2025 (man könnte natürlich die Beschriftung der Achsen erheblich verbessern; zur Übung empfohlen :-))

MÖGLICHE FRAGEN

An dieser Stelle sind viele Fragen denkbar. Mit Blick auf das Freiheitsthema bietet es sich an, den Begriff der Geburtenrate näher zu betrachten.

Geburtenrate und Frauen

Die Geburtenrate hängt (aktuell) von jenen Frauen ab, die Kinder gebären können und dies — unter den unterschiedlichsten Umständen — auch tun. Wie aber die Zahlen aus der Vergangenheit zeigen und wie man aufgrund seiner eigenen Lebenserfahrung weiß, schwanken die Zahlen der Geburten von Gegend zu Gegend, innerhalb des Zeitverlaufs. Es gibt vielfältige Faktoren, die die Anzahl der Geburten beeinflussen.

Dynamik der Evolution

Der grundlegende Faktor ist sicher, dass die biologische Evolution im Laufe von 3.8 Mrd. Jahren bis vor kurzem noch keine andere Lösung für die menschliche Fortpflanzung gefunden hatte als eben die heute bekannte: Befruchtung der Frau und Austragen des befruchteten Eis durch eben die Frau.

Biologisch induzierte gesellschaftliche Rollen

In der Vergangenheit bedeutete dies, dass die weiblichen Exemplare des Homo sapiens generell eine besondere gesellschaftliche Funktion innehatten, da ihre Gebärfähigkeit unabdingbar für das Überleben der jeweiligen Population war. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass diese überlebenswichtige Funktion gesellschaftlich mit einer Fülle von gesellschaftlichen Normen und Verhaltensmustern abgesichert wurde. Letztlich waren die Frauen dadurch Gefangene der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse und der hohe Anteil an frauenunterdrückenden Elementen in allen Kulturen dieser Welt ist von daher kein Zufall. Dass die Religionen in allen Zeiten und in allen Kulturen dazu instrumentalisiert wurden, die gesellschaftliche Reglementierung der Frauen zu unterstützen, spricht nicht für diese sogenannten Religionen.

Evolutionäres Befreiungspotential

Seit den letzten Jahrzehnten hat die Evolution einen Punkt erreicht, an dem partiell neue Techniken existieren bzw. sich immer mehr als mögliche neue Techniken andeuten, durch die die Fortpflanzung von den Frauen immer mehr losgelöst werden kann, so dass die anhaltende Gefangenschaft der Frauen durch das Gebärprivileg sich lockern oder ganz auflösen könnte. Durch moderne demokratische, säkularisierte und industrialisierte Gesellschaftsformen hat die Befreiung der Frauen aus den klassischen engen Lebensmustern zwar schon begonnen, aber durch die nach hinkende Gebärtechnologie ist die moderne Frau einerseits noch eingebunden in die Gebärverantwortung, andererseits in ein modernes Berufsleben, und die gesellschaftliche Unterstützung für diese Doppelbelastung ist noch vielfach unzureichend.

Veraltete Ethiken

Bislang sind es fragwürdige alte Ethiken, die sich der evolutionären Entwicklung entgegen stellen. Bilder einer statischen Welt werden zum Maßstab genommen für eine Welt, die es so weder jemals gab noch jemals geben wird. Die Welt ist grundlegend anders als die bekannten Ethiken es uns einreden wollen. Neue allgemein akzeptierte Ethiken sind aber aktuell nirgends in Sicht. Die alten Weltbilder haben sich tief in die Gehirne eingenistet. Wo sollen die neuen Sichten herkommen?

Solange die Loslösung der menschlichen Fortpflanzung noch nicht von den Frauen gelöst werden kann, werden sehr viele konkrete Umstände das Entscheiden und Verhalten von Frauen beeinflussen. Je freier eine Gesellschaft wird, je selbstbestimmter eine Frau in solch einer Gesellschaft leben kann, und je mehr einer Frau auch reale materielle Ressourcen zur Verfügung stehen, um so eher wird sie mit entscheiden, ob sie Kinder haben will, wie viele, welche Erziehung, und vieles mehr.

Verunmöglichung von Freiheit

Dass heute Kinder in Situationen geboren werden, wo Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit und vieles mehr unausweichliche Folgen eines unkontrollierten Geborenwerdens sind, ist wohl kaum ethisch zu verantworten. Andererseits verbietet der grundlegende Respekt vor dem Leben, dass Dritte das Leben von anderen ohne deren Zustimmung wegnehmen.

Es obliegt der Gesellschaft als Ganzer, dafür zu sorgen, dass jeder einzelne in die Lage versetzt wird, die richtigen Entscheidungen fällen zu können. Ohne entsprechenden materiellen Aufwand ist eine verantwortlich gelebte Freiheit nicht möglich.

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Populismus – Kultur der Freiheit – Ein Rezept?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 24.März 2019
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

In einem Beitrag vom 7.Februar 2019 hatte ich mir die Frage gestellt, warum sich das alltägliche Phänomen des Populismus nahezu überall in allen Kulturen, in allen Bildungsschichten — eigentlich auch zu allen Zeiten — mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit findet, die einem Angst und Bange machen kann. Und gerade in der Gegenwart scheinen wir geradezu wieder eine Hochblüte zu erleben. In diesem ersten Beitrag hatte ich einige Faktoren angesprochen, die unser normales menschliches Lern- und Sozialverhalten charakterisieren und die genügend Anhaltspunkte liefern, um eine erste ‚Erklärung‘ dafür zu geben, warum das Auftreten populistischer Tendenzen keine Überraschung ist, sondern eben genau in den Strukturen unserer personalen Strukturen als grundlegende Überlebensstrategie angelegt sind. In einem Folgebeitrag am 11.Februar 2019 habe ich diese Gedanken ein wenig weiter verfolgt. Auf die Frage, wie man der starken Verhaltenstendenz des Populismus gegensteuern könnte, habe ich versucht, anhand der Hauptfaktoren des alltäglichen Lernens und der Gruppenbildungen Ansatzpunkte zu identifizieren, die normalerweise die Bildung populistischer Meinungsbilder begünstigen bzw. deren Modifikation dem möglicherweise entgegen wirken könnte. Durch zahlreiche Gespräche und Veranstaltungen der letzten Wochen haben sich die Themen für mich weiter entwickelt bis dahin, dass auch erste Ideen erkennbar sind, wie man den starken Verhaltenstendenzen in jedem von uns möglicherweise entgegen wirken könnte. Gegen Verhaltenstendenzen zu arbeiten war und ist immer sehr herausfordernd.

POPULISMUS – Eine Nachbemerkung

Bislang wird das Thema ‚Populismus‘ in der Öffentlichkeit tendenziell immer noch wie eine ‚religiöse‘ Frage behandelt, stark versetzt mit ‚moralischen Kategorien‘ von ‚gut‘ und ‚böse‘, mit starken Abgrenzungen untereinander, vielfach fanatisch mit der Bereitschaft, diejenigen mit der ‚anderen Meinung‘ zu bekämpfen bis hin zur ‚Ausrottung‘. Diese Meinungen verknüpfen sich mit Ansprüchen auf politische Macht, oft mit autoritären Führungsstrukturen. Die Frage nach Transparenz und Wahrheit spielt keine zentrale Rolle. Und, falls man zu einer Meinungsgruppe gehört, die ‚anders‘ ist, versteht man selten, warum die einen jetzt so unbedingt von Meinung A überzeugt sind, weil man selbst doch eher B oder C favorisiert. Das verbal aufeinander Einschlagen und das Demonstrieren mit Gegenparolen ändert an den grundlegenden Meinungsunterschieden wenig; es fördert möglicherweise eher die Abgrenzung, verhärtet die Fronten.

Dies alles ist nicht neu; die vielen blutigen Religionskriege in der Vergangenheit sind nur ein Beispiel für das Phänomen gewalttätiger Populismen; viele weitere Beispiele liesen sich anführen.

Die Tatsache, dass wir heute, im Jahr 2019, nach vielen tausend Jahren Geschichte mit einer unfassbaren Blutspur hervorgebracht durch Meinungsunterschiede, verteufelnden Abgrenzungen, Schlechtreden ‚der Anderen‘, immer noch, und zwar weltweit (!), in diese Muster zurückfallen, ist ein sehr starkes Indiz dafür, dass die Ursachen für diese Verhaltensmuster tief in der menschlichen Verhaltensdynamik angelegt sein müssen. Bei aller Freiheit, die jedem biologischen System zukommt und dem Menschen insbesondere, scheint es genügend Faktoren zu geben, die die Weltbilder in den Köpfen der Menschen in einer Weise beeinflussen, dass sie im großen Maßstab Bilder von der Welt — und darin auch von den anderen und sich selbst — in ihren Köpfen mit sich herumtragen, die sie in maschinenhafte Zombies verwandeln, die sie daran hindern, die Differenziertheit der Welt wahr zu nehmen, komplexe dynamische Prozesse zu denken, mit der Vielfalt und der Dynamik von biologischem Leben, ökologischen und technischen Systemen nutzbringend für das Ganze umzugehen.

Viele kluge Leute haben dazu viele dicke Bücher geschrieben und es kann hier nicht alles ausgerollt werden.

Dennoch wäre eine sachliche Analyse des Populismus als einer starken Verhaltenstendenz äußerst wichtig als Referenzpunkt für Strategien, wie sich die Menschen quasi ‚vor sich selbst‘, nämlich vor ihrer eigenen, tief sitzenden Tendenz zum Populismus, schützen könnten.

Eine Antwort kann nur in der Richtung liegen, dass die jeweilige Gesellschaft, innerhalb deren die Menschen ihr Leben organisieren, in einer Weise gestaltet sein muss, dass sie die Tendenzen zur Vereinfachung und zur überdimensionierten Emotionalisierung im Umgang miteinander im alltäglichen Leben gegen steuern. Für eine angemessene Entwicklung der grundlegenden Freiheit, über die jeder Mensch in einer faszinierenden Weise verfügt, müssten maximale Anstrengungen unternommen werden, da die Freiheit die kostbarste Eigenschaft ist, die die Evolution des Lebens als Teil der Evolution des ganzen bekannten Universums bis heute hervorgebracht hat. Ohne die Nutzung dieser Freiheit ist eine konstruktive Gestaltung der Zukunft im Ansatz unmöglich.

KULTUR DER FREIHEIT – Eine Nachbemerkung

In dem erwähnten Beitrag vom 11.Februar 2019 hatte ich erste Gedanken vorgestellt, welche Faktoren sich aus dem Geschehen der biologischen Evolution heraus andeuten, die man berücksichtigen müsste, wollte man das Geschenk der Freiheit gemeinsam weiter zum Nutzen aller gestalten.

Neben der Dimension der Kommunikation, ohne die gar nichts geht, gibt es die fundamentale Dimension der jeweiligen Präferenzen, der ‚Bevorzugung von Zuständen/ Dingen/ Handlungen …, weil man sich von ihnen mehr verspricht als von möglichen Alternativen.

KOMMUNIKATION

Obwohl die Menschen allein in den letzten 100 Jahren viele neue Technologien entwickelt haben, die den Austausch, den Transport von Kommunikationsmaterial hinsichtlich Menge und Geschwindigkeit dramatisch gesteigert haben, ist damit das zugehörige Verstehen in den Menschen selbst nicht schneller und tiefer geworden. Die Biologie des menschlichen Körpers hat sich nicht parallel zu den verfügbaren Technologien mit entwickelt. Auf diese Weise entstehen völlig neue Belastungsphänomene: zwar kann der Mensch noch wahrnehmen, dass es immer schneller immer mehr gibt, aber diese Überflutung führt nur begrenzt zu mehr Verstehen; überwiegend macht sich heute in dieser Situation ein wachsendes Ohnmachtsgefühl breit, eine Hilflosigkeit, in der nicht erkennbar ist, wie man als einzelner damit klar kommen soll. Die gleichzeitige Zunahme von ‚falschen Nachrichten‘, ‚massenhaften Manipulationen‘ und ähnlichen Phänomenen tut ihr Übriges, um in den Menschen das Gefühl zu verstärken, dass ihnen der Boden unter den Füßen gleichsam weggezogen wird. Wenn sich dann selbst in offiziellen demokratischen Gesellschaften Politiker (und Teile der Verwaltung oder Staatstragenden Institutionen) diesem Stil des Verbergens, Mauerns, geheimer Absprachen und dergleichen mehr anzuschließen scheinen, dann gerät das gesellschaftliche Referenzsystem ganz gefährlich ins Schwimmen. Was kann der einzelne dann noch tun?


PRÄFERENZEN (WERTE)

Der andere Faktor neben der aktuell mangelhaften Kommunikation sind die Präferenzen, nach denen Menschen ihr Lernen und Handeln ordnen. Ohne irgendwelche Präferenzen geht gar nichts, steht jedes System auf der Stelle, dreht sich im Kreis.

Ein Teil unserer Präferenzen ist in unserem Verhalten angelegt als unterschiedliche starke Tendenz eher A als B zu tun. Andere Präferenzen werden innerhalb gesellschaftlicher Systeme durch Mehrheiten, privilegierten Gruppen oder irgendwelche andere Mechanismen ausgezeichnet als das, was in der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppierung gelten soll (im Freundeskreis, in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Strafgesetz, in einer religiösen Vereinigung, …). Zwischen den gesellschaftlich induzierten Normen und den individuellen Verhaltenstendenzen gibt es unterschiedlich viele und unterschiedliche starke Konflikte. Ebenso wissen wir durch die Geschichte und die Gegenwart, dass es zwischen den verschiedenen gesellschaftlich induzierten Präferenzsystemen immer mehr oder weniger starke Konflikte gab, die alle Formen von möglichen Auseinandersetzungen befeuert haben: zwischen kriegerischer Totalausrottung und wirtschaftlich-kultureller Vereinnahmung findet sich alles.

Der Sinn von Präferenzen ist schlicht, dass sich Gruppen von Menschen einigen müssen, wie sie ihre Fähigkeiten am besten ordnen, um für alle einen möglichst großen Nutzen in der jeweiligen Lebenswelt zu sichern.

Der eine Bezugspunkt für diese Regeln ist die Lebenswelt selbst, die sogenannte Natur, die heute mehr und mehr von technologischen Entwicklungen zu einer Art Techno-Natur mutiert ist und — das wird gerne übersehen — zu der der Mensch gehört! Der Mensch ist nicht etwas Verschiedenes oder Getrenntes von der Natur, sondern der Mensch ist vollständig Teil der Natur. Im Menschen werden Eigenschaften der Natur sichtbar, die ein besonderes Licht auf das ‚Wesen‘ der Natur werfen können, wenn man es denn überhaupt wissen will. Der andere Bezugspunkt ist die Welt der Bilder in den Köpfen der Beteiligten. Denn was immer man in einer Lebenswelt tun will, es hängt entscheidend davon ab, was jeder der Beteiligte in seinem Kopf als Bild von der Welt, von sich selbst und von den anderen mit sich herum trägt.

An diesem Punkt vermischt sich die Präferenz-/Werte-Frage mit der Wissensfrage. Man kann beide nicht wirklich auseinander dividieren, und doch repräsentieren die Präferenzen und das Weltwissen zwei unterschiedliche Dimensionen in der Innendynamik eines jeden Menschen.

EIN EPOCHALER WENDEPUNKT?

Fasst man die bisherigen ‚Befunde‘ zusammen, dann zeichnet sich ein Bild ab, dem man eine gewisse Dramatik nicht absprechen kann:

  1. In der Kommunikationsdimension hat sich eine Asymmetrie aufgebaut, in der die Technologie die Menge und die Geschwindigkeit des Informationsmaterials in einer Weise intensiviert hat, die die biologischen Strukturen des Menschen vollständig überfordern.
  2. In der Präferenzdimension haben wir eine mehrfache Explosion im Bereich Komplexität der Lebenswelt, Komplexität der Präferenzsysteme, Komplexität der Weltbilder.
  3. Die Anforderungen an mögliche ‚praktische Lösungen‘ steigen ins ‚gefühlt Unermessliche‘, während die Kommunikationsprozesse, die verfügbaren Weltbilder und die verfügbaren Präferenzen sich immer mehr zu einem ‚gefühlten unendlichen Komplexitätsknäuel‘ verdichten
  4. Alle bekannten Wissenstechnologien aus der ‚Vergangenheit (Schulen, Bücher, Bibliotheken, empirische Wissenschaften, …) scheinen nicht mehr auszureichen. Die Defizite sind täglich immer mehr spürbar.

WAS BEDEUTET DIES FÜR EINE MÖGLICHE NEUE STRATEGIE?

Obwohl die soeben aufgelisteten Punkte nur als eine sehr grobe Charakterisierung der Problemlage aufgefasst werden können, bieten sie doch Anhaltspunkte, in welcher Richtung man suchen sollte.

Ich deute die Asymmetrie zwischen der technologisch ermöglichten Turbo-Daten-Welt und dem individuellen Gehirn mit seiner nenschentypischen Arbeitsweise als eine Aufforderung, dass man die Verstehensprozesse auf Seiten des Menschen deutlich verbessern muss. Wenn jemand über ein — bildhaft gesprochen — ‚Schwarz-Weiß‘ Bild der Welt verfügt, wo er doch ein ‚Vielfarbiges‘ Bild benötigen würde, um überhaupt wichtige Dinge erkennen zu können, dann muss man bei den Bildern selbst ansetzen. Wie kommen sie zustande? Was können wir dazu beitragen, dass jeder von uns die Bilder in den Kopf bekommt, die benötigt werden, wollen wir gemeinsame eine komplexe Aufgabe erfolgreich bewältigen? Einzelne Spezialisten reichen nicht. Ein solcher würde als Einzelgänger ‚veröden‘ oder — viel wahrscheinlicher — auf lange Sicht von der Mehrheit der anderen als ‚Verrückter‘ und ‚Unruhestifter‘ ‚ausgestoßen‘ werden.

Vom Ende her gedacht, von der praktisch erwarteten Lösung, muss es möglich sein, dass die jeweilige gesellschaftliche Gruppe in der Lage ist, gemeinsam ein Bild der Welt zu erarbeiten, das die Gruppe in die Lage versetzt, aktuelle Herausforderungen so zu lösen, dass diese Lösung noch in einem überschaubaren Zeitabschnitt (wie viele Jahre? Auch noch für die Enkel?) funktionieren. Dies schließt eine sachliche Funktion genauso ein wie die Übereinstimmung mit jenen Präferenzen, auf sich die Gruppierung zu Beginn geeinigt hat.

Die Ermöglichung hinreichend leistungsfähiger Bilder von der Welt in allen Beteiligten verlangt auf jeden Fall einen Kommunikationsprozess, bei dem alle Beteiligten aktiv mitwirken können. Nun kennen wir in demokratischen Gesellschaften heute die Forderung nach mehr Bürgerbeteiligungen aus vielen politischen Bekundungen und auch von zahllosen realen Initiativen. Die reale Auswirkung auf die Politik wie auch die Qualität dieser Beteiligungen ist bislang — in meiner Wahrnehmung — nicht sehr groß, meistens sehr schlecht, und auch eher folgenlos. Diese Situation kann auch die gefühlte Ohnmacht weiter verstärken.

EINE PARALLELWELT – Bislang ungenutzt

Bei der Frage, was kann man in dieser Situation tun, kann es hilfreich sein, den Blick vom ‚alltäglichen politischen Normalgeschehen‘ mal in jene Bereiche der Gesellschaft zu lenken, in denen es — unbeachtet von der öffentlichen Aufmerksamkeit und den Mainstream-Medien — weltweit eine Gruppe von Menschen gelingt, täglich die kompliziertesten Aufgaben erfolgreich zu lösen. Diese Menschen arbeiten in Gruppen von 10 bis 10.000 (oder gar mehr), sprechen viele verschiedene Sprachen, haben ganz unterschiedliches Wissen, arbeiten parallel in verschiedenen Ländern und gar auf verschiedenen Kontinenten in unterschiedlichen Zeitzonen, und errichten riesige Bauwerke, bauen riesige Flugzeuge, Raketen, ermöglichen die Arbeit von riesigen Fabriken, bauen eine Vielzahl von Autos, bauen tausende von Kraftwerken, immer komplexere Datennetzwerke mit Rechenzentren und Kontrollstrukturen, Roboter, und vieles, vieles mehr …

Was von außen vielleicht wie Magie wirken kann, wie ein Wunder aus einer anderen Welt, entpuppt sich bei näherem Zusehen als ein organisiertes Vorgehen nach transparenten Regeln, nach eingeübten und bewährten Methoden, in denen alle Beteiligten ihr Wissen nach vereinbarten Regeln gemeinsam ‚auf den Tisch‘ legen, es in einer gemeinsamen Sprache tun, die alle verstehen; wo alles ausführlich dokumentiert ist; wo man die Sachverhalte als transparente Modelle aufbaut, die alle sehen können, die alle ausprobieren können, und wo diese Modelle — schon seit vielen Jahren — immer auch Simulierbar sind, testbar und auch ausführlich getestet werden. Das, was am Ende eines solche Prozesses der Öffentlichkeit übergeben wird, funktioniert dann genauso, wie geplant (wenn nicht Manager und Politiker aus sachfremden Motiven heraus, Druck ausüben, wichtige Regel zu verletzten, damit es schneller fertig wird und/ oder billiger wird. Unfälle mit Todesfolgen sind dann nicht auszuschließen).

Normalerweise existiert die Welt des Engineerings und die soziale und politische Alltagswelt eher getrennt nebeneinander her, wenn man sie aber miteinander verknüpft, kann sich Erstaunliches ereignen.

KOMMUNALPLANUNG UND eGAMING

Bei einem Kongress im April 2018 kam es zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen Städteplanern und einem Informatiker der UAS Frankfurt. Aus dem Kongress ergab sich eine erste Einsicht in das Planungsproblem von Kommunen, das schon bei ‚kleinen‘ Kommunen mit ca. 15.000 Einwohner eigentlich alle bekannten Planungsmethoden überfordert. Von größeren Gebilden, geschweige denn ‚Mega-Cities‘, gar nicht zu reden.

Mehrere Gespräche, Workshops und Vorträge mit Bürgern aus verschiedenen Kommunen und Planungseinheiten von zwei größeren Städten ermöglichten dann die Formulierung eines umfassenden Projektes, das von Mai – August 2019 einen realen Testlauf dieser Ideen ermöglicht.

Aus nachfolgenden Diskussionen entstand eine erste Vision unter dem Titel Kommunalplanung und eGaming , in der versuchsweise die Methoden der Ingenieure auf das Feld der Kommunalplanung und der Beteiligung der Bürger angedacht wurde. Es entstand eine zwar noch sehr grobe, aber doch vielseitig elektrisierende Vision eines neuen Formates, wie die Weisheit der Ingenieure für die Interessen der Bürger einer Kommune nutzbar gemacht werden könnte.

REALWELT EXPERIMENT SOMMER 2019

Im Rahmen einer alle Fachbereiche übergreifenden Lehrveranstaltung haben Teams von Studierenden die Möglichkeit (i) die ingenieurmäßigen Methoden kennen zu lernen, mit denen man Fragestellungen in einer Kommune ausgehend von den Bürgern (!) analysieren kann; (ii) mit diesen Fragestellungen können dann — immer auch in Absprache mit den Bürgern — Analysemodelle erarbeitet werden, die dann — unter Klärung möglicher Veränderbarkeit — zu (interaktiven) Simulationsmodellen erweitert werden. Diese lassen sich dann (iii) mit allen Beteiligten durchspielen. Dadurch eröffnen sich Möglichkeiten des direkten ‚Erfahrungsaustausches zwischen Studierenden und Bürgern und ein gemeinsames Lernen, was die Wirklichkeit einer Stadt ist und welche Potentiale eine solche Kommune hat. Insbesondere eröffnet solch ein Vorgehen auch Einsichten in vielfältige Wechselwirkungen zwischen allen Faktoren, die ohne diese Methoden völlig unsichtbar blieben. In nachfolgenden Semestern soll noch die wichtige Orakelfunktion hinzugefügt werden.

Parallel zum Vorlesungsgeschehen bereitet ein eigenes Software-Team eine erste Demonstrationssoftware vor, mit der man erste Analysemodelle und Simulationsmodelle erstellen kann, um — auch interaktive — Simulationen vornehmen zu können. Wenn alles klappt, würde diese Juni/ Juli zur Verfügung stehen.

AUSBLICK

Vereinfachend — und vielleicht auch ein wenig überspitzt polemisch — ausgedrückt, kann man sagen, dass in diesem Projekt (vorläufige Abkürzung: KOMeGA) das Verhältnis zwischen Menschen und digitaler Technologie umgekehrt wird: während bislang die Menschen mehr und mehr nur dazu missbraucht werden, anonyme Algorithmen zu füttern, die globalen Interessen dienen, die nicht die des einzelnen Bürgers sind, wird hier die Technik den Interessen der Bürger vollständig untergeordnet. Die Technologie hat einzig die Aufgabe, den Bürgern zu helfen ihr gemeinsames Wissen über die Kommune :

  • zu klären
  • sichtbar zu machen
  • auszuarbeiten
  • durch zuspielen
  • zu verbessern
  • nach Regeln, die die Bürger selbst formulieren
  • für alle transparent
  • jederzeit änderbar
  • rund um die Uhr über das Smartphone abrufbar
The power of the future is your freedom … breaking the chains of the colonization of your mind …

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WAS {IST/ KANN/ SOLL} KI (KÜNSTLICHE INTELLIGENZ)? Partieller Nachhall zu einem Gespräch am 15.März 2019

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 16.März 2019
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

Am 15.März 2019 war ich zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion beim Regionaltreffen des ‚VDI Verein Deutscher Ingenieure Bezirksverein Frankfurt-Darmstadt e.V.‚ eingeladen. Das offizielle Thema war ‚Brauchen wir eine soziale KI?‘ Am Beispiel des Projektes ‚Kommunalpolitik und eGaming‚ entwickelte ich die mögliche und heute dringend gebotene Erweiterung der Blickrichtung der Informatik und Ingenieurwissenschaften über das rein Ingenieurmäßige hinaus auf die möglichen Wechselwirkungen der Methoden der Ingenieurwissenschaften mit der realen Gesellschaft vor Ort. Während des lebhaften folgenden Gesprächs tauchte auch immer wieder das Thema ‚Künstliche Intelligenz (KI)‘ für sich auf, unabhängig von diesem Kontext. Einzelne Diskussionsteilnehmer beschäftigte dieses Thema sehr, artikuliert in Fragen wie „Was ist überhaupt KI?“ oder “ Kann die KI uns Menschen überwinden (Stichwort ‚Superintelligenz‘ usw.)“. Klickt man in diesem Blog die Stichworte ‚KI‘ oder ‚KI – Künstliche Intelligenz‘ an, dann findet man mindestens 17 Blogeinträge zu diesem Thema, ein Anzeichen, dass das Thema in diesem Blog nicht neu ist. An diesem Abend aber kannte niemand diese Blogeinträge und die Fragen standen im Raum. Ich habe dann versucht, aus dem Stand, ad hoc, auf diese Fragen kurz — und damit notgedrungen informell — zu antworten. Da ich auch aus vielen anderen Gesprächen weiß, dass diese Fragen viele Menschen beschäftigen, hier also eine Liste von kurzen Thesen zu wichtigen Fragen in diesem Umfeld (eigentlich wollte ich dazu schon immer ein kleines Büchlein veröffentlichen, aber die spannenden Themen und Aufgaben des Alltags halten mich bislang davon ab….).

DEFINITION VON KI

Bis heute gibt es keine allgemein akzeptierte, gültige und brauchbare Definition von ‚Künstlicher Intelligenz‘. Die Meinung in der Öffentlichkeit wird beherrscht von den Marketingabteilungen der großen Firmen, deren Formulierungen selbst von sogenannten kritischen Medien vielfach einfach 1-zu-1 übernommen werden.

INTELLIGENZ

Die Formulierung ‚KI = Künstliche Intelligenz‘ enthält den Begriff ‚Intelligenz‚. Unabhängig von der Technik wurde dieser Begriff ‚vor-wissenschaftlich‘ nur im Kontext von biologischen Systemen benutzt. Ursprünglich primär für Menschen (Lebensform homo sapiens), in der Neuzeit im Bereich Biologie und Psychologie auch für nicht-menschliche biologische Systeme (alltagssprachlich: Tiere).

Seit dem Beginn des 20.Jahrhunderts hat die experimentelle Psychologie Verfahren entwickelt, wie man ‚Intelligenz‘ messen kann, ohne dass man weiß, was ‚Intelligenz als solche‘ ist. Vereinfacht formuliert: wenn man davon ausgeht, dass das vor-wissenschaftliche Phänomen der ‚Intelligenz‘ Menschen zukommt, dann kann man z.B. schauen, über welche beobachtbaren und messbaren Verhaltenseigenschaften verfügen z.B. alle 10-jährigen Kinder in einer bestimmten Zeitspanne (z.B. 2019) ‚im Normalfall‘. Dann kann man einen Katalog dieser Verhaltenseigenschaften aufstellen (Problem der Auswahl) und anschließend kann man experimentell feststellen, ob ein Kind diese Eigenschaften vollständig und ohne Fehler in einer bestimmten Zeit ‚reproduzieren‘ kann oder eben nicht (schneller oder länger, ohne oder mit ‚Fehlern‘ (= Abweichungen von der Vorgabe)). Dieses Verfahren hat viele Ungenauigkeiten, umschließt viele Fehler, hat sich aber dennoch in der Praxis in vielfachem Sinne als ‚Ordnungs-‚ und ‚Prognosekriterium‘ bewährt (heute meist in Verbindung mit dem Begriff des ‚Intelligenzquotienten (IQ)‘ bekannt).

Dieser psychologische Intelligenzbegriff sagt direkt nichts aus über die physiologischen Strukturen (Körper, Gehirn), die dem beobachtbaren Verhalten zugrunde liegen. Auch ist dieses Intelligenzkonzept viel zu grob, um wichtige Details, Dynamiken und Interaktionen innerhalb der unterstellten menschlichen Intelligenz zu erfassen. Immerhin gab es viele beeindruckende theoretische Ansätze, über statistische Auswertungen Hinweise auf ‚verborgene, innere‘ Strukturen der unterstellten Intelligenz zu finden.

Etwas Hilfe kam durch die moderne Gehirnforschung insoweit man mehr Wissen erlangte über Grundstrukturen und Grundfunktionsweisen des Gehirns (speziell auch seiner evolutionären wie auch ontogenetischen Entwicklung), aber die Messbarkeit von physiologischen Gehirnparametern lässt weder direkte Schlüsse zu bewussten Phänomenen zu noch kann man über diese irgendwelche Schlüsse auf die unterstellte ‚Intelligenz‘ ziehen. Was sich allerdings andeutet, ist, dass das Gehirn und die sich in der Gehirntätigkeit zeigenden Dynamiken, von einer Komplexität sind, die vorschnelle, vereinfachende Modelle eher verbieten. Die für ein Gesamtverständnis notwendige Kooperation zwischen Biologie, Psychologie, Phänomenologie und Gehirnforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Es gibt nicht einmal einen allgemein akzeptierten theoretischen Rahmen, innerhalb dessen solch eine Kooperation stattfinden könnte. Ein direkter Vergleich der verhaltensbasierten ‚Intelligenz‘ zwischen verschiedenen biologischen Systemen (z.B. Bienen und Ratten, oder Nilpferd und Wal, oder Hund und Affe usw.) ist bislang schwierig, aber im Prinzip anhand von Verhaltenseigenschaften möglich. Nach diesem Muster kann man auch Menschen mit Maschinen vergleichen. Der berühmte ‚Turing-Test‚ ließe sich in dieses Schema einordnen. Wie aber schon die umfangreiche Diskussion zum Turing-Test zeigt, ist ein solcher Vergleich sehr grob. Kann es schon beim Vergleich einzelner Menschen riesige Unterschiede geben bis dahin, dass man — wie zu früheren Zeiten geschehen — bestimmten Menschen abgesprochen hat, dass sie Menschen seien, weil sie in ihrem Verhalten ‚von der bekannten Norm‘ abweichen (‚Hexen‘, ‚Verrückte‘, ‚die anderen‘, …), so kann es auch beim Vergleich des Verhaltens zwischen Menschen und Maschinen erhebliche Differenzen geben. Im Extremfall würde möglicherweise ein Computer als ‚menschlicher‘ eingestuft werden als ein realer Mensch. Reale Menschen verfügen über eine ungeheure Bandbreite an möglichem Verhalten bis dahin, dass Menschen von anderen Menschen sagen, das seien ‚Unmenschen‘, ‚Tiere‘ und dergleichen mehr.

Wenn dann der Begriff ‚Künstliche Intelligenz‘ geprägt und in Umlauf gesetzt wird, dann ‚erbt‘ dieser neue Begriff die Vagheiten und Begrenztheiten des alten Begriffs ‚Intelligenz‘. Ist beim bisherigen Begriff ‚Intelligenz nicht klar, welche Erzeugungsstrukturen ‚dahinter‘ stecken, so macht der Begriff ‚Künstliche Intelligenz‘ klar, dass es um ‚nicht-biologische Systeme‘ gehen soll, also um technische Systeme, die ein Verhalten zeigen, das man dann irgendwie ‚intelligent‘ nennt. Solange die Informatik und die Ingenieurwissenschaften sich weigern, ihren Begriff der ‚KI‘ explizit mit dem psychologischen, am Verhalten orientierten, Intelligenzbegriff zusammen zu bringen, hängt der technische Intelligenzbegriff buchstäblich in der Luft. In welchem Sinne ein als ‚intelligent‘ bezeichnetes technisches System irgend etwas mit der Intelligenz eines biologischen Systems zu tun haben kann/ soll ist völlig unbestimmt. Wissenschaftsphilosophisch könnte man beide Begriffe einfach in einen gemeinsamen Theorierahmen einordnen, aber sowohl die Psychologie wie auch die Ingenieurwissenschaften verzichten bislang darauf, ihr eigenes Tun von einem Metastandpunkt aus zu reflektieren. Ist ja auch einfacher …


LERNEN (UND INTELLIGENZ)

Der Begriff des ‚Lernens‚ ist grundsätzlich unabhängig vom Begriff der Intelligenz (wenn man den verhaltensbasierten psychologischen Begriff benutzt). Bei biologischen Systemen kann man rein praktisch ‚Intelligenz‘ und ‚Lernen‘ nicht voneinander isolieren, da biologische Systeme von Grund auf ‚lernende Systeme‘ sind, d.h. kontinuierlich lernen. Die ‚messbare Intelligenz‘ eines biologischen Systems zu einem bestimmten Zeitpunkt wird daher — meistens — nie ganz getrennt gesehen von der grundsätzlichen Lernfähigkeit.

Wenn ich aber eine Maschine programmiere, dann kann ich ich diese Maschine mit einem Programm ausstatten, das viele der messbaren Verhaltenseigenschaften eines Menschen reproduzieren kann — oder sogar mehr –, ohne (!) dass sie lernt. Es handelt sich dann um eine ‚Übertragung‘ von verfügbarem Wissen (die ersten großen regelbasierten technischen KI-Systeme waren so).

Da jedes biologische System mit dem Zustand einer einzigen Zelle beginnt, die sich im Wachstumsprozess zu einem Verbund von vielen Billionen (10^12) Zellen erweitert, und das System neben ‚angeborenen Wissensstrukturen‘ die aktuelle Umgebung jeweils neu ‚lernen‘ muss, gibt es bei biologischen Systemen (insbesondere dem homo sapiens, also uns) jeweils nur eine ‚temporäre Intelligenz‘, d.h. eine Gesamtheit von Verhalten, die sich im Laufe der körperlichen und ‚kognitiven‘ Entwicklung beständig verändert. So gesehen ist die beobachtbare, messbare Intelligenz eine Funktion der dynamischen physiologischen Basis die sich in kontinuierlicher Interaktion mit der Umgebung ‚entwickelt‘ und darin ‚lernt‘.

Der verhaltensbasierte Begriff des ‚Lernens‚ nimmt die Veränderung des Verhaltens in der Zeit zum Ausgangspunkt, um zu postulieren, dass ein lernendes System ein solches ist, das seine ‚internen Zustände (IS)‘ so ‚abändern‘ kann dass es auf einen Umgebungsreiz S nicht nur mit einer Reaktion R reagieren kann, sondern ab einen bestimmten Zeitpunkt auch mit einer ‚anderen/ neuen‘ Reaktion R‘, die für eine ‚längere Zeit‘ ’stabil bleibt (Beispiel: jemand, der sich am offenen Feuer mal verbrannt hat, wird künftig einen direkten Kontakt vermeiden — wenn er ‚lernen‘ kann).

So einfach und abstrakt diese Definition eines lernenden Systems erscheinen mag, sie deckt alles ab, was wir heute kennen. Setzt man für ‚interne Zustände (IS)‘ das ‚Gehirn‘ mit dem umgebenden ‚Körper‘, dann kann z.B. ein ‚Durstreiz‘ dazu führen, dass das System ‚ irgendwann durch Probieren herausfindet, was es ‚trinken‘ kann, und dass dadurch dieser Durstreiz verschwindet (wobei bei solchen elementaren Bedürfnissen ‚angeborene‘ Verhaltenstendenzen ein ‚Lernen‘ stark unterstützen). Wenn diese Erfahrungen ‚gespeichert‘ werden können (Veränderung interner Zustände), dann kann das System beim nächsten ‚Auftreten des Durstreizes‘ sich an diese Erfahrungen ‚erinnern‘ und statt ‚planlos herum zu suchen‘ sehr ‚gezielt‘ mit einem geeigneten Verhalten reagieren. Diese Verhaltensänderungen können Verhaltensforscher beobachten und daraus die Arbeitshypothese ableiten, dass das System grundsätzlich ‚lernfähig ist

PRÄFERENZEN – ZIELE

Was in der heutigen Diskussion um Intelligenz und künstliche Intelligenz weitgehend ‚unter den Tisch fällt‘, das ist der Aspekt der Präferenzen (eng verwandt mit Begriffen wie ‚Werte‘ und ‚Ziele‘).

Dies hängt — wie oben geschildert — zu einem Teil an der Tatsache, dass der Begriff der ‚Intelligenz‘ isoliert vom Begriff des Lernens betrachtet wird.

Akzeptiert man, dass messbare ‚Intelligenz‘ bei biologischen Systemen das Ergebnis von zugrunde liegenden Lernprozessen ist und unterstellt man ferner, dass technische Systeme, die man als ‚lernfähig‘, als ‚lernend‚ bezeichnet, auch in diesem Sinne aus einer Menge möglicher Reiz-Reaktions-Muster jene ‚herausfinden‘ müssen, die ‚besser‘ sind als ‚andere‘, dann hat man automatisch diesen Begriff des ‚besser‚ im Konzept. ‚Besser‘ heißt salopp, dass man ein A einem anderen B ‚vorzieht‚, A vor B ‚präferiert‚. Das genau ist mit ‚Präferenz‘ hier gemeint. Wenn ein sogenanntes lernendes System nicht über ‚hinreichend viele‘ Präferenzen verfügt, dann kann es keine Teilmengen von Reiz-Reaktions-Mustern selektieren, d.h. dann ist ein System nicht in der Lage, zu lernen.

Während biologische Systeme quasi ‚von Anbeginn an‘ die ‚eingeborene Tendenz‚ (nicht ‚angeboren‘!) zeigen, die Ausbildung von komplexen Strukturen für die ‚Nutzung von freier Energie‘ zu erhalten und sogar beständig weiter zu entwickeln (mit einer mittlerweile ungeheuren Vielfalt von sich daraus ergebenden ’nachgeordneten Präferenzen‘), so ist bei technischen Systemen keine vergleichbare ‚eingeborene Tendenz‘ verfügbar. Um technischen Systemen das ‚Lernen‘ quasi ‚einzuhauchen‘ bedarf es der Ingenieure, die den technischen Systemen nach Bedarf unterschiedliche Präferenzen (= Ziele, Werte) ‚einprogrammieren‘ (entweder direkt oder über gezielte Interaktionen (= Training)).

Während diese Methode der expliziten Programmierung von Präferenzen z.B. im Bereich der Industrierobotik weitgehend funktioniert, zeigt sich in jenen Forschungsbereichen, in denen es nicht um klar vorgegebene Ziele geht, sondern um eine ‚offene Lernfähigkeit‘ für nahezu ‚beliebige Teilmengen‘ von Reiz-Reaktions-Mustern, dass nicht klar ist, welche Präferenzen man denn vorgeben soll.

Im Fall des homo sapiens (und auch vielen anderen biologischen Systemen) wissen wir, dass Präferenzen nicht isoliert entstehen, sondern als Interaktionsmuster in sozialen Systemen (Regeln, Gebote, Gesetze, Gewohnheiten, Überlieferung, …). Im historischen Vergleich kann man feststellen, dass sich diese kulturellen Präferenzsysteme häufig geändert haben. Zugleich wissen wir, dass unterschiedliche Präferenzsysteme gleichzeitig in unterschiedlichen Populationen bestehen können wie auch sogar in der gleichen Populationen, sofern die einzelnen Mitglieder in individuell verschiedenen Teilnetzwerken leben (Familie, Beruf, Freunde, Verein, …), in denen jeweils andere Präferenzen gelten.

Zusätzlich kann man beobachten, dass geltende Präferenzsysteme ungern in Frage gestellt werden. Menschen, soziale Gruppen, Institutionen zeigen eine starke Tendenz, einmal eingeführte Präferenzen gegen alles ‚Neue‘, gegen alle möglichen ‚Veränderungen‘ zu verteidigen. Während Präferenzen einerseits eine Voraussetzung dafür sind, dass überhaupt gelernt werden kann und dadurch eine bestimmte ‚lernabhängige Intelligenz‘ entstehen kann, kann die Fixierung von Präferenzen ein Lernen auch zum Erliegen bringen. Es reicht also u.U. nicht, einige wenige Präferenzen zu haben, sondern möglicherweise eine ‚offene Menge von Präferenzen‘.

Damit stellt sich die grundlegende Frage nach den ‚richtigen Präferenzen‘: welche Präferenzen brauchen wir? Wann, wo, wie, wie lange … ?

Obwohl die Frage der Präferenzen so fundamental erscheint für das Lernen, für die lernabhängigen Intelligenzen, für mögliche Zukünfte, besteht der starke Eindruck, dass über diese grundlegenden Fragen heute kaum bis gar nicht diskutiert wird. Dies erscheint fatal.

Klar sollte in diesem Zusammenhang sein, dass jedwede Art von ‚künstlicher Intelligenz‘ Lernprozesse voraussetzt, die eben solche Präferenzen benötigen, ohne dass klar ist, wo diese Präferenzen herkommen sollen. Bei biologischen Systemen ist sie ‚eingeboren‘, bei technischen Systeme muss sie ‚irgendwo herkommen‘.


PRINZIP COMPUTER

Im Rahmen der Diskussion um ‚künstliche Intelligenz‘ spielt auch der Begriff des Computers eine zentrale Rolle, und es ist erstaunlich wie unklar auch dieser zentrale Begriff ist.

Im Normalfall denken Menschen beim Begriff ‚Computer‚ an konkrete Maschinen (Smartphones, Laptops, PCs, Roboter, Server, …).

Was den wenigsten bewusst ist, ist die Tatsache dass der grundlegende Begriff des Computers ein rein theoretisches Konzept ist, der ‚Automat‘, historisch ‚die Turingmaschine‘. Die ‚Turingmaschine‘ ist ein rein mathematisches Konzept, das Alan Matthew Turing 1936/7 eingeführt hatte, um im Grundlagenstreit der Mathematik zu Beginn des 20.Jahrhunderts zu zeigen, dass der Metamathematische Beweis von Kurt Gödel 1931 zur Unentscheidbarkeit von mathematischen Theorien auch anders als mit der Arithmetisierung der Arithmetik mittels Goedelzahlen geführt werden kann (Goedel selbst war mit seinem eigenen Beweis nicht zufrieden gewesen und zu Turings Beweis hat er in einer Vorlesung in Princeton angemerkt, dass dies jetzt eine Form des Beweises sei, mit der er auch zufrieden sei).

Wohlgemerkt, es ging hier um die letztlich philosophische (!!!) Frage, welche ‚Beweismittel‘ denn erlaubt sein dürfen, damit ein logischer Beweis zu Eigenschaften mathematischer Theorien als ‚echter Beweis‘ anerkannt werden kann, und ob solch ein echter Beweis von einer ‚Maschine‘ automatisch ausgeführt werden könne (Frage von David Hilbert).

Goedel, Turing — und auch viele andere — haben gezeigt, dass sich für mathematische Theorien ab der Arithmetik aufwärts nicht mit endlichen Mitteln beweisen lässt, dass sie sowohl vollständig wie konsistent sind.

Auf diese Weise war — und ist — das mathematische Konzept der Turingmaschine als ein ‚theoretischer Standard‘ definiert worden, mit Bezug auf den bis heute entschieden wird, ob irgendein Prozess als ‚mit endlichen Mitteln entscheidbar‘ gelten kann oder nicht.

Was viele Menschen im Alltag übersehen ist, dass jeder physikalisch reale Computer ’schwächer‘ ist als das theoretische Konzept der Turingmaschine, da diese ein ‚unendliches‘ Schreib-Lese-Band besitzt, was sowohl für den möglichen Input und Output steht wie auch für einen möglichen Speicher. Während reale Computer angenähert auch über einen quasi-unendlichen Input und Output verfügen können, sind alle Speicher in realen Computern notgedrungen endlich.

So mancher sieht heute im sogenannten ‚Quantencomputer‘ eine Überwindung des ‚begrenzten Konzepts‘ der Turingmaschine. Diese Diskussion hat aber zwei Schwachstellen. (i) Theoretisch wird übersehen, dass das theoretische Konzept der Turingmaschine als Standard eingeführt wurde, um ‚endlich berechenbare Prozesse‘ zu definieren und es wenig Sinn macht, theoretisch als unendlich postulierte Prozesse — wie im Fall des Quantencomputers — dagegen auszuspielen; ferner ist es mehr als unklar, was der Begriff der ‚Berechenbarkeit‘ im Kontext von Quantencomputern bedeuten soll, da der Begriff der ‚Berechenbarkeit‘ bislang ja gerade nur als ‚endlicher Prozess‘ definiert wurde. (ii) Die reale Machbarkeit von Quantencomputern ist auch im Jahr 2019 alles andere als klar.


MENSCH-COMPUTER SYMBIOSE

Zwischen den Propheten der KI als Lösung für alle Probleme und den Untergangsbeschwörern, dass die KI die Menschen letztlich vernichten wird, gibt es viel Raum für eine interessante Realität und mögliche Zukunft.

Klar ist — bei angemessener Betrachtung der Entwicklung des Universums und speziell der biologischen Evolution –, dass mit dem homo sapiens eine Komplexitätsexplosion unfassbaren Ausmaßes begonnen hat. Ein Teilaspekt dieser Explosion ist die Transformation des Prinzips Turingmaschine — die in jeder biologischen Zelle bei der Reproduktion gegeben ist! — über die Formalisierung in reale programmierbare Maschinen.

Schon heute können Großteile der menschlichen Zivilisation ohne diese programmierbaren Maschinen nicht mehr funktionieren. Sie ergänzen auf vielfache Weise den Menschen mit seinen endlichen kognitiven Kapazitäten.

So wie schon das Prinzip Turingmaschine jeder biologischen Zelle erlaubt, sich zu reproduzieren, so erlauben die modernen Computernetzwerke den Menschen, die Komplexität der modernen Lebenswelt täglich neu zu reproduzieren und beständig zu erweitern (u.a. auch in der Genforschung und der Gentechnik, wodurch es im Prinzip möglich ist, die evolutionäre Weiterentwicklung des homo sapiens zu beschleunigen). Computer sind von daher kein Gegensatz der Evolution sondern genuiner Teil von ihr und schon heute für die weitere Entwicklung unabdingbar.

Bedenkt man das zuvor gesagte zur Präferenz-Problematik, dann wird die Technologie des Computers — und auch nicht der sogenannten KI — diese in irgendeiner Weise aus sich heraus lösen können. Und, obwohl Computer für das tägliche Überleben der Menschen als zentral wichtig erscheinen, kann die Computertechnologie dem Menschen das Präferenzproblem nicht abnehmen. Noch mehr Geschwindigkeit, noch mehr Datenmengen in noch kürzerer Zeit, liefern keine einzige Präferenz. Dass Spielprogramme (Schach, Go, …) ‚von alleine‘ sehr schnell Schach und Go so gut lernen können, dass sie danach alle menschlichen Spieler schlagen können, zeigt vor allem, dass Computer, angesetzt auf definierte Problem, dem Menschen real helfen können. Dies funktioniert aber immer nur dann, wenn die Kriterien für ‚Erfolg‘ vorgegeben werden (= Präferenzen). Ohne diese Gewinn-Kriterien könnte kein Computer auch nur das einfachste Spiel lernen.


ETHIK IST NICHT ETHIK

Im Zusammenhang mit der modernen Technik wird auch gerne und viel über sogenannte ‚Ethik‘ geredet. Abgesehen davon, dass es keine allgemein brauchbare Definition von Ethik gibt (wir haben es mit vielen ’selbsternannten‘ Ethikern zu tun), könnten man sich minimal vielleicht darauf einigen, dass Ethik sich mit eben den Präferenzen beschäftigt, anhand deren Menschen, Gruppen von Menschen, Institutionen usw. ihr Lernen ausrichten. Nun haben wir aber offensichtlich eine ‚offene, plurale Präferenzsituation‘, in der wir viele Präferenzsysteme gleichzeitig, nebeneinander vorfinden, deren Begründungen oftmals weitgehend unklar sind. Aufgrund dieser Unklarheit tun wir Menschen uns heute auch schwer, noch mehr gemeinsame Präferenzen zu finden, die uns ein ‚Erlernen der möglichen Zukunft‘ ermöglichen. In China legen einige wenige Menschen fest, was die Partei als Präferenzen erlaubt, und alle anderen müssen folgen. Dieses Modell erscheint im Lichte der Evolution als extrem fragwürdig und widerspricht auch sonst vielen elementaren Erkenntnissen.

Eine Ethik, die bestimmen soll, was das ‚Sollen‘ für alle sein soll, ist in sich im vollen Widerspruch zu den Prinzipien des biologischen Lebens und zudem philosophisch unhaltbar. Leben definiert sich u.a. eher als ‚das Andere zu dem, was gerade ist‘, ein anderer Name für ‚Zukunft‘; um die geht es, nicht um Vergangenheit; die ist vorbei.

DIE ZUKUNFT IST OFFEN

Wenn es irgendetwas gibt, was wir von der Evolution lernen können, dann, dass die Zukunft grundsätzlich offen ist; die Zukunft aus der Vergangenheit nur begrenzt hergeleitet werden kann; dass alles Wissen lernabhängig ist; dass Lernen ein Prozess ist, der nur über Versuch und Irrtum funktionieren kann; dass Experimentieren ohne Bereitschaft zu Fehlern und Verlust nicht geht; dass …

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Soundtrack (without voice)


Soundtrack with voice (… zum Thema: Leben ist das Andere zum Jetzt …)

WO GEHT ES ZU GOTT, BITTE? Nachhall zu einem Gespräch unter FreundenInnen

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 18.Februar 2019
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

Der folgende Text gibt nicht das Gespräch als solches wieder, sondern beschreibt eher das Echo, das dieses Gespräch in mir gefunden hat (das letzte Gespräch dieser Art findet sich hier). Dieses Mal hatten wir einen Experten der evangelischen Theologie zu Gast, einen Pfarrer und Verantwortlichen für eine evangelische Akademie. Dazu muss man wissen, dass die einzelnen Mitglieder des Freundeskreises entweder keiner offiziellen Kirche (oder Religion) angehören, oder z.T. der Katholischen Kirche neben der Evangelischen Kirche. Auch war uns der Experte nicht ganz unbekannt.

FREIHEIT BEI LUTHER UND ERASMUS

Ausgangspunkt des Gesprächs an diesem Nachmittag war der berühmte Streit zwischen Erasmus von Rotterdam und Martin Luther, ausgelöst durch die Schrift von Erasmus ‚De libero arbitrio‘ (Über den freien Willen) von 1524 und der Antwort von Luther ‚De servo arbitrio‘ (Vom geknechteten/unfreien Willen) von 1525.

Erasmus nimmt in seinem Buch Stellung gegen Luthers These, dass allein die göttliche Gnade (sola gratia) über das Schicksal des Menschen nach seinem Tod entscheide und nicht seine eigenen Taten.

Der Kern der Position Luthers präsentiert sich in dem Gedanken, dass der Mensch bezüglich des Willens Gottes keinen freien Willen habe. Über ewiges Heil oder ewige Verdammnis entscheide allein der souveräne Wille Gottes. Dazu ein Zitat aus seiner Schrift (aus einer unkritischen deutschen Ausgabe): „Wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann er in seinem Vorherwissen und in seiner Vorherbestimmung weder getäuscht noch gehindert werden, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will. Das ist die Vernunft selbst gezwungen zuzugeben, die zugleich selbst bezeugt, dass es einen freien Willen weder im Menschen noch im Engel, noch in sonst einer Kreatur geben kann.“

Beide Autoren hatten — jeder für sich — Zweifel an ihren eigenen Thesen, sahen sich aber nicht in der Lage, diese zu Lebzeiten mit ihrem eigenen Denken aufzulösen.

EINE EVANGELISCHE DEUTUNG

Der anwesende Experte lieferte eine Reihe interessanter Kommentierungen, Deutungen, zu beiden Positionen, vor allem aber zu Luther, warum seine Position ‚Sinn‘ macht. Einmal im damaligen Kontext gegen ein falsches Leistungsdenken, dass man sich das Heil, die Erlösung ‚erkaufen‘ könne, womit auch immer; zum anderen im heutigen Kontext, wo wir die Bedingtheiten des individuellen Entscheidens in konkreten Kontexten immer besser verstehen, die es wenig verständlich erscheinen lassen, wie ein Heil angesichts der vielen Unfertigkeiten, des vielfachen Scheiterns und Begrenztseins möglich sein soll. Auch die Erbsünde musste noch herhalten als eine Art ‚theologische Hintergrundstrahlung‘, die zwar fern und wenig wirklich, doch nachhaltig nachwirkt und gegen die der einzelne mit seinem Stückwerk letztlich machtlos ist.

Es hatte dann etwas Verführerisches zu denken, dass die Gnade Gottes all unserem Tun voraus liegt und uns liebt, egal wo und wie wir sind, und dass wir aufgrund dieser zuhandenen Gnade Glauben und Lieben können. Die ‚Liebe‘ macht uns frei, und dann spielt das Konkrete nur noch bedingt eine Rolle. Die ‚Beziehung zu Gott‘ kann man daher nicht in ‚moralischen Kategorien‘ fassen, sie ist sui generis, sie folgt einer eigenen Logik. Die Beziehung zu Gott, die von ihm gnadenhaft ausgeht ist so, dass man sich auf die ‚verlassen‘ kann, immer und überall, auch und gerade im Angesicht des Todes. Die Ausführungen des Experten tendierten zum Schluss hin zu einer ‚pastoralen Tonart‘; was irgendwie auch in der Natur der Sache liegt, da das Reden über Gott, soll es nicht ganz abstrakt bleiben, seine Verortung im konkreten Alltag finden muss.

ANSATZPUNKTE ZU ANDEREN DEUTUNGEN

Der Experte war sehr wohl geschult in Fragen der Hermeneutik, der Lehre vom Verstehen und Interpretieren, und er gab auch zu, dass er die modernen Entwicklungen der Wissenschaften nicht so gut kenne; auch blieb die Frage offen, wie sich in dieses evangelisch-lutherische Bild der Welt die Deutungen der anderen großen religiösen Traditionen (Hinduismus, Judentum, Buddhismus, Islam, …) einordnen lassen.

Im Nachgespräch der Gruppe wurde deutlich, dass die Frage nach Gott eigentlich von allen als ein roter Faden in allen Kulturen dieser Welt gesehen wird.

ZUSAMMENLEBEN UND HÖHERE MACHT

Bei einem historischen Rückblick sticht ins Auge, dass ‚Verhaltensregeln‘ überall durch die Notwendigkeit des gemeinsamen Lebens unter bestimmten Bedingungen geprägt sind, und dass sich auch überall in den frühen Kulturen die Tendenz findet, die konkreten Verhaltensegeln, die man sich auferlegt hat, mit dem Glauben der jeweiligen Zeit zu verknüpfen, quasi als ‚höhere Instanz‘, die darüber wacht, ob man dies Regeln auch wirklich befolgt, und in diesem Kontext kam jenen Menschen eine besondere Rolle zu, denen eine besondere Verbindung zu dieser ‚höheren Macht‘ unterstellt wurde (Schaman, Priester, Propheten, …). Mit dieser Konstellation war die enge Verknüpfung von Glauben an etwas Höheres und konkrete Verhaltensregeln mit der jeweiligen politischen Macht angelegt. Zum Teil stand politische Macht und religiöse Führer in Konkurrenz, aber in den großen Königreichen und Staaten machten sich die staatlichen Führer sehr schnell selbst zum höchsten Priester, um eine mögliche Konkurrenz und damit Schwächung der Macht durch die religiösen Führer auszuschalten, oder die religiösen Führer ernannten sich zu den obersten staatlichen Lenkern. Das Judentum, das Christentum und der Islam bieten dafür Paradebeispiele, und auch der Buddhismus geriet über die mächtigen Klöster in das gleiche Fahrwasser.

RELIGION UND MACHT

Historisch betrachtet erscheint das Thema Religion daher im Normalfall als ‚vergiftet‘ durch die Instrumentalisierung von Religion durch die jeweiligen politischen Mächte bis heute, oder dadurch, dass sich Religion selber als eine Machtorganisation inszeniert.

EMANZIPATION DER ‚WAHRHEIT‘ UND DER ‚MACHT‘

Während das ‚Geschäft mit der Wahrheit‘ durch die modernen empirischen Wissenschaften seit ca. 500 Jahren zumindest ansatzweise von den jeweiligen gesellschaftlichen und religiösen Verhältnissen emanzipiert werden konnte, und das ‚Geschäft mit der Macht‘ mit dem Aufkommen von demokratischen Staatsformen seit ca. 300 Jahren ansatzweise von irrationalen und und unfreien Machtbegründungen befreit werden konnte, ist das ‚Geschäft mit dem Glauben‘ bis heute noch überwiegend in den Händen von religiösen Organisationen, die den Eindruck erwecken, dass der ‚Zugang zu Gott‘ nur über eine Mitgliedschaft in ihren Organisationen möglich sei. Da es viele verschiedene Religionen gibt, die sich als ‚privilegierten Zugang zu Gott‘ anbieten, haben wir also eine Vielzahl von Marketingagenturen für eine Vielzahl von Göttern; sehr merkwürdig.

EMANZIPATION DES ZUGANGS ZU GOTT?

Ein häufig gehörtes Argument, warum Religionen auch heute noch wichtig seien, betont, dass der einzelne Mensch ‚zu schwach sei, alleine den Weg zu Gott zu finden‘, von daher braucht es Organisationen, die ihm dabei helfen. Das der Mensch ’schwach‘ ist als einzelner, dass der ‚Alltag‘ für viele (für die meisten? für alle?) zu schwierig sei, sich als einzelner darin seinen Weg zu finden, ist auch nicht völlig falsch. Aber ist das die einzig mögliche Sehweise?

In demokratischen Gesellschaften muss der einzelne Mensch sich grundsätzlich seinen Weg selbst suchen, allerdings in vielen Bereichen unterstützt von staatlich organisierten Hilfestellungen (Kindergarten, Schulen, Hochschulen, Gesundheitssystem, …) wie auch freien politischen Strukturen sowie freien wirtschaftlichen Strukturen, ergänzt um eine große Vielfalt von privaten Vereinen, Freundeskreisen, usw.

Betrachtet man das Phänomen des Meditierens, das ursprünglich im direkten Kontext der Religionen verortet war, und sieht, wie sich dieses in einer weltweiten Bewegung quasi verselbständigt hat in einer großen Vielzahl von Initiativen, in denen Menschen in freien Entscheidungen anderen Menschen in Form von ‚Dienstleistungen‘ Hilfen anbieten, wie und wo und wann sie meditieren können, dann deutet sich hier — bei aller Problematik im Detail — an, dass sich Menschen in Fragen ‚der Besonderheit des Lebens‘ sehr wohl selbständig, religionsfrei, organisieren können. Bei den vielen hundert Apps zum Meditieren, die von Menschen rund um die Uhr genutzt werden, gibt es einige, deren Benutzerzahlen gehen in die Millionen (ähnlich kann man auch bei Beerdigungsfeiern beobachten, dass der Anteil der privaten religionsfreien Dienstleister erheblich wächst).

Natürlich lassen sich zu diesem globalen Meditationstrend viele Fragen stellen, gerade dann, wenn diese mit buddhistischen Deutungsmodellen gekoppelt werden, die in sich auch viele Fragen aufwerfen; auch erscheint die Engführung auf medizinische Aspekte zum Zwecke der Therapie nicht weniger fragwürdig (obwohl der medizinische Ansatz als solcher sehr wohl Sinn macht). Dem staatlich subventionierten Lehr- und Wissenschaftsbetrieb ist es allerdings frei gestellt, sich diesen Phänomen unvoreingenommen zuzuwenden. Es ist mehr als fragwürdig, warum ein aufgeklärter demokratischer Staat Fragen der Religion von vornherein an Organisationen delegiert, die in ihrem Selbstverständnis und in ihrer organisatorischen Verfasstheit dem Standards von aufgeklärter ‚Wahrheit‘ und ‚Freiheit‘ im Ansatz widersprechen.

SCHLUSSBEMERKUNG

In dem vorausgehenden Blogeintrag zur Kosmologie 7.0 wird deutlich, dass der Versuch, rein intellektuell, eine abschließende Antwort zum ‚Gesamtsinn‘ zu geben, bis auf Weiteres zum Scheitern verurteilt ist, obgleich es für uns keine Alternative gibt, es weiterhin beharrlich zu versuchen.

Während der ‚Mainstream‘ des globalen Meditationstrends heute sich überwiegend an asiatischen Methoden und Deutungsmodellen ausrichtet, gibt es ‚hinter den Fassaden‘ der sogenannten Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam) sehr wohl eine starke meditative Tradition (wenngleich von den Machtstrukturen dieser Religionen immer argwöhnisch beäugt und im Zweifelsfall unterdrückt), die neben den rein methodischen Aspekten (was soll man tun,wenn man meditieren will) und neben den rein körperlichen Phänomenen sehr wohl mit der Arbeitshypothese gearbeitet haben (und arbeiten), dass das, was ‚Gott‘ bezeichnet wird (je nach Sprache und Kultur mit anderen Namen und Vorstellungen verknüpft), sehr wohl auch direkt mit einem einzelnen Menschen auf der Erlebnisebene ‚interagieren‘ kann, und diese Interaktion ist begleitet von ‚gefühlten Zuständen‘, die sich als solche deutlich von allem abheben, was man als Mensch sonst so fühlen kann.

Wie u.a. die umfangreichen Untersuchungen von William James zu Zeugnissen von Menschen über ihre ’subjektiven Erlebnisse von Gott‘ zeigen, garantieren solche Erlebnisse weder ‚Wahrheit‘ noch den rechten Gebrauch von ‚Freiheit‘, aber sie scheinen dazu beitragen zu können, eine Art von ‚Angstfreiheit‘ zu bekommen, die den einzelnen dazu befähigen, seine Lebensmöglichkeiten in einer Art und Weise zu gestalten, die deutlich von dem abweichen, was Menschen tun, die von innen her durch allerlei Bedenken und Ängste in ihrem Wollen und Tun beeinträchtigt sind.

Hier eröffnet sich der Raum zu vielen neuen Betrachtungsweisen über ‚Gott‘, das ‚Universum‘ und das ‚biologische Leben‘ in diesem.

QUELLENHINWEISE

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KOSMOLOGIE 7.0 – Möglicher universeller Sinn

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 16.Februar 2019
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

Zum Thema ‚Sinn‘ gab es   vorausgehende Beiträge, von denen hier vier explizit erwähnt werden:  Einen mit dem Titel „Zur Grammatik des Sinns„ (welche Rolle die Sprache bei der ‚Sichtbarmachung‘ von Sinn spielt), einen anderen mit dem Titel „Weil es Sinn gibt, kann sich Wissen akkumulieren, das Sinn sichtbar macht. Oder: warum die Frage ‚Warum gerade ich?‘ in die Irre führen kann„ (welche Rolle der individuelle Standpunkt, das individuelle Erleben spielt; Teil eines größeren Ganzen; Akkumulation von Ordnung), sowie „SINN, SINN, und nochmals SINN„ (Sinn innerhalb eines Konstruktionsprozesses; Medien können Wahrheit kaschieren), „SINN-FREIHEIT-LIEBE. Viele Level. Zwischenbemerkung“ (die Gleichzeitigkeit von vielen verschiedenen Sinnkontexten in einer Person; innerer Zusammenhang von Sinn mit Freiheit, Liebe, Wahrheit und anderen Faktoren; Sinnerfahrung setzt das voraus, was Sinn schenkt).  Alle diese  Beiträge sind ziemlich  grundsätzlich und können den vorliegenden Text weiter vertiefen.

DER KONTEXT VON MÖGLICHEM SINN

Wie die zuvor erwähnten Blogeinträge sehr deutlich machen, kann es zur gleichen Zeit in ein und derselben Person verschiedene Sinn- und Unsinnserfahrungen gleichzeitig geben, und es gilt, dass die einzelne Person nie isoliert ist sondern immer Teil eines größeren Ganzen, mit dem sie in Wechselwirkung steht.

Es stellt sich dann die Frage, ‚wie groß‘ ist der Kontext, den wir bei diesen Überlegungen berücksichtigen sollten?

Seien wir mal nicht ‚kleinlich‘ sondern gehen wir gleich in die ‚Vollen‘: der größte uns heute bekannte Zusammenhang ist das bekannte physikalische Universum, dessen physikalisch fassbarer Beginn an einem Ereignis festgemacht wird, das salopp ‚Big-Bang‘ genannt wird. Dass es vor diesem Big-Bang schon etwas anderes gegeben hat, ist nicht auszuschließen, und dass unser bekanntes Universum nur eine von vielen Varianten ist, ist auch nicht auszuschließen. Für uns gilt aber vorläufig, dass wir nur dieses ‚unser Universum‘ real kennen, und das nenne ich hier ‚U‘.

Traditionellerweise beansprucht die Physik den vornehmlichen Deutungsanspruch für die Deutung dieses Phänomens U und die Disziplin innerhalb der Physik, die sich damit beschäftigt, nennt sich ‚Kosmologie‘. Wenn also von ‚dem Universum‘ gesprochen wird, dann sprechen wir nicht über das reale Universum, wie es als zu deutbares Phänomen der Deutung vorausgeht, sondern wir sprechen dann immer über das Universum, U0, wie es die kosmologischen Theorien mit ihren formalen theoretischen Beschreibungen beschreiben und darin deuten.

DER BEKANNTE EREIGNISPFAD VON U0

Die physikalische Kosmologie bestimmt den Zeitraum von heute bis zum Beginn des bekannten Universums U0 vor ca. 13.8 Milliarden (10^9) Jahren. Die Gesamtheit des Universums U0 zu diesem Zeitpunkt bildete einen ‚Zustand‘ S0 und könnte im Prinzip viele verschiedene Fortsetzungen nehmen. Vom Nachhinein her betrachtet, also aus unserer Sicht von heute im Jahr 2019, gibt es von diesem physikalisch berechneten Anfang S0 bis heute nur einen einzigen ‚Ereignispfad‘, d.h. von den zahllosen möglichen Fortsetzungen, die zu jedem Zeitpunkt möglich waren, hat in unserem Universum jeweils genau eine ganz bestimmte Fortsetzung stattgefunden — also S0 -> S1 -> S2 -> … -> S_2019 — so dass alle diese verschiedene Zustände aneinandergereiht einen einzigen ‚Pfad‘ ergeben, einen Pfad der Ereignisse, einen Ereignispfad.

Welche Zeitdauer man einem Zustand in diesem Ereignispfad zuordnet, ist ein bisschen beliebig; letztlich hängt es von der Fragestellung ab: will ich Ereignisse im subatomaren Bereich berücksichtigen oder welche auf atomarer Ebene oder noch gröber. Je nach Wahl des Zeitmaßes bekommt man natürlich mehr oder weniger Zustände für den Pfad.

KOSMOLOGIE 7.0

Wie schon angemerkt, betrachtet sich die Physik als erste Instanz für Fragen der Kosmologie. Dies erscheint bis zu einem gewissen Grad plausibel. Mit Blick auf den Gang der Wissenschaften muss man aber feststellen, dass es im Laufe der Zeit zur Entdeckung und Beschreibung von Teilsystemen des physikalischen Universums U0 gekommen ist, die sich mit den bekannten Gesetzen der Physik direkt nicht beschreiben lassen. Diese neuen Beschreibungsweisen setzen zwar die Physik voraus, identifizieren aber Phänomene und Dynamiken, die eigene Strukturen und Dynamiken adressieren.

Ein solches Beispiel ist die Entstehung des biologischen Lebens vor ca. 3.8 Milliarden (10^9) Jahren. Für die Gesamtheit des biologischen Lebens benutze ich hier den Begriff ‚Biom (B)‘, dabei deutlich hinausgehend über die klassische Verwendung, die unter einem Biom einen konkreten Großlebensraum versteht. Biologische Strukturen stellen hier ein Teilsystem des physikalischen Universums U0 dar und ich unterscheide daher hier zwischen jenem Teil U* des Universums U0, das keine biologische Strukturen enthält, und jenem Teil der aus biologischen Strukturen UB besteht. Es wird also hier angenommen, dass U = U* u UB.

Die Entstehung des Bioms UB innerhalb des physikalischen Universums U0 stellt einen außerordentlichen Vorgang dar, da es sich hier um eine Art ‚Bootstrapping‘ des Bioms von einem Zustand U0 ohne Biom UB in einen Zustand mit Biom UB handelt. Ein solches Auftreten von etwas Neuem als ‚Emergenz‘ zu bezeichnen, erklärt so gut wie nichts. Fakt ist nur, dass es sich bei dem Biom UB um etwas qualitativ Neues handelt, dessen ‚Hervorgehen‘ aus dem biomfreien U0 immerhin die Arbeitshypothese nahelegt, dass das biomfreie physikalische Universum U0 offensichtlich alle ‚Zutaten‘ enthalten muss, deren Existenz erst durch die Wirkung indirekt sichtbar wurden.

Akzeptiert man die Eigenständigkeit des Biom-Phänomens UB dann ist es sinnvoll, den Begriff der Kosmologie zu differenzieren und statt nur von Kosmologie‘ zu sprechen, den Begriff der Kosmologie 2.0 einzuführen. Dies verweist auf eine neue Theorie, in der die Physik die Grundlage bildet und darauf aufbauend die Biologie (verfeinert um Mikrobiologie und viele andere spezielle Disziplinen) die neuen Phänomene bedient. Man hätte also eine Theoriestruktur der Art <TU0, TUB, …>.

Ob und wie man diese Betrachtungsweise weiter verfeinert, hängt davon ab, was man wie genau erklären will.

Von heute aus betrachtet macht es Sinn, das Biom UB zu differenzieren in jenen Teil, der noch nicht über ein Gehirn und symbolische Kommunikation verfügt, und jenen Teil UB+, der darüber verfügt, also UB+ UB. Diese neuen Phänomene UB+ tauchen erst vor ca. -0.5 Mio Jahren auf.

Diese Unterscheidung macht deswegen Sinn, weil mit der Verfügbarkeit von Gehirnen und symbolischer Sprache völlig neue Dynamiken sichtbar werden,die viele neue eigenständige Phänomene im Gefolge hatten.

Will man diesem neuen Phänomen UB+ Rechnung tragen, kann es sehr wohl Sinn machen, eine weiter Differenzierung in der Kosmologie einzuführen und sie mit Kosmologie 3.0 benennen. Neben der Biologie gibt es nun neue Wissenschaften, die sich mit diesem neuen spezifischen Phänomen UB+ beschäftigen (Sprachwissenschaften, Gehirnwissenschaften, Psychologie, Soziologie, …). Die neue Kosmologie 3.0 wäre dann eine erweiterte Theorie der Art <TU0, TUB, TUB+,…>

Von den vielen interessanten neuen Phänomenen und Dynamiken, die das Phänomen UB+ mit sich bringt, ist ein Phänomen besonders interessant. Gemeint ist das, was wir heute Technologie nennen, oder im Kontext der Kosmologie UT.

Mit Technologie sind jene Strukturen gemeint, die keine biologischen Strukturen sind, die auch keine ’natürlichen‘ Phänomene des physikalischen Universums U0 sind, sondern die von UB+ hervorgebracht werden und die geeignet sind, neuartige Prozesse physikalische Prozesse zu ermöglichen. Hier sollen nur solche Phänomene Technologie UT genannt werden, die zu ihrer Entstehung und Benutzung ein spezielles Gehirn mit symbolischer Kommunikation voraussetzen. Damit würde sich das Universum nicht nur um die Phänomene UB und UB+ erweitern, sondern jetzt auch noch um UT.

Will man wiederum diesem neuen Phänomen UT Rechnung tragen, kann es sehr wohl Sinn machen, eine weiter Differenzierung in der Kosmologie einzuführen und sie mit Kosmologie 4.0 benennen. Die neue Kosmologie 4.0 wäre dann eine erweiterte Theorie wie <TU0, TUB, TUB+, TUT, …>mit neuen Disziplinen der Ingenieurwissenschaften.

Weitere Differenzierungen legen sich nahe, z.B. Technologie, die zwar programmierbar ist, aber nicht selbständig lernfähig ist, als UTP, oder Technologie, die über die Programmierbarkeit hinaus auch noch selbständig lernfähig, abgekürzt als UTS, was zu weiteren Spezialisierungen wie Kosmologie 5.0 und 6.0 führen könnte mit <TU0, TUB, TUB+, TUT, TUTP, TUTS, …>.

Auch im Bereich des Bioms kann man neue Phänomene erkennen: das Biom UB+ fängt an, sich mit Hilfe von UT ‚umzubauen‘, zu ‚erweitern‘. Man erhält UB+T, was wiederum eine Spezialisierung zu Kosmologie 7.0 führen könnte, also <TU0, TUB, TUB+, TUT, TUTP, TUTS, TUB+T …>.

EREIGNISPFAD UND BOOTSTRAPPING

Würde man die vorausgehende Terminologie übernehmen, dann könnte man den kosmologischen Ereignispfad um die Dimension ‚Komplexität der Strukturen‘ erweitern:

  1. KOSMOLOGIE 1.0 (ca. -13.8 Mrd. Jahre): U0
  2. KOSMOLOGIE 2.0 (ca. -3.8 Mrd. Jahre): U0, UB
  3. KOSMOLOGIE 3.0 (ca. -300.000 Jahre): U0, UB, UB+
  4. KOSMOLOGIE 4.0 (ca. -5000 Jahre): U0, UB, UB+, UT
  5. KOSMOLOGIE 5.0(ca. -75 Jahre): U0, UB, UB+, UT, UTP
  6. KOSMOLOGIE 6.0 (ca. -70 Jahre): U0, UB, UB+, UT, UTP, UTS
  7. KOSMOLOGIE 7.0 (ca. -50 Jahre): U0, UB, UB+, UT, UTP, UTS, UB+T

UNIVERSELLER SINN

Unter Voraussetzung der vorausgehenden Terminologie würde die Frage nach dem Sinn ‚des Ganzen‘ (mit sich selbst als ein Teil des Ganzen!) sowohl eine deutliche Erweiterung wie auch eine Präzisierung erfahren.

Aus Sicht eines einzelnen Menschen nimmt das Beziehungsgeflecht, in dem er in seinem Alltag steht, dramatisch zu, wenngleich nicht unbedingt alle Beziehungen gleichzeitig ‚kritisch‘ sein müssen. Dazu kommt indirekte Abhängigkeiten.

Jede dieser Beziehungsdimension hat ihre eigenen typischen ‚Erfolgs-‚ und ‚Misserfolgskriterien‘, die für den einzelnen zusätzlich unterschiedlich gewichtet sein können. Spannungsvoll kann es werden, wenn der Erfolg in Beziehung A bedeuten würde, Abstriche in einer Beziehung B zu machen, was einem Misserfolg gleich käme. Dann müsste man sich entscheiden. Dazu kommen Alter, Geschlecht, Lebensraum, Kultur und vieles mehr, was modifizierend wirken kann.

Was in all dem kann nun dem einzelnen einen ‚Sinn‘ vermitteln und welche ‚Wirkung‘ kann solch ein Sinn haben?

Wir Menschen kennen eine Vielzahl von ‚positiven Zuständen‘ und ebenso eine Vielzahl von ’negativen Zuständen‘. Welche sind wirklich wichtig? Für einen Augenblick, für länger, oder, wie man so schön sagt: welche der möglichen ‚Wirkungen‘ von einer ‚Sinn spendenden Situation‘ sind ’nachhaltig‘? Nachhaltig für was?

Als vor ca. 2.4 Mrd Jahren die Sauerstoffkonzentration in der Erde anstieg (nach vielen hundert Mio Jahren Vorbereitung), um sich dann bis ca. 1 Mrd Jahre vor uns auf das Niveau einzupendeln, was dann vielzelliges Leben ermöglichte, war es für die Mehrheit der damals lebenden Lebensform eine Katastrophe (Siehe nähere Details z.B. hier).

Aus der Sicht eines einzelnen Lebewesens, das Sauerstoff nicht verarbeiten konnte, war ein Leben unter diesen Verhältnissen eine weitgehende Katastrophe. Durch die viele hundert Mio Jahre andauernde ausgelöste Vereisung der Erde waren dann auch alle anderen Lebensformen betroffen. Die individuelle Perspektive in diesen Zeiten vermittelt kaum einen übergreifenden Sinn. Heute, im Nachhinein, mit den stark erweiterten Wissensmöglichkeiten, kann man diese gut 1.5 Mrd Jahre andauernde Vorgänge als ‚positiv‘ bewerten für das vielzellige Leben, was danach möglich wurde.

Es bleiben viele offene Fragen.

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KANN MAN DEN POPULISMUS ÜBERWINDEN? Eine Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 11.Februar 2019
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

Der vorausgehende Eintrag zum Phänomen des Populismus als einer angeborenen Verhaltenstendenz bei jedem Menschen rief bei einigen Lesern eine zwiespältige Reaktion hervor: einerseits würden die Überlegungen einleuchten, andererseits führte dies zu einer gewissen Hilfslosigkeit und Ratlosigkeit; wie kann man sich dagegen wehren? Denn, wenn Populismus gleichsam in den Genen ‚verdrahtet‘ ist, und damit alle betroffen sind, dann müssten sich ja ‚alle gleichzeitig‘ so verhalten, dass Populismus zumindest abgeschwächt wird (also unter 100% bleibt); eine vollständige Heilung (also 0%) scheint dagegen im Ansatz unmöglich. Diese Problemstellung aktivierte folgende Überlegungen.

FREIHEITSFELD

Das folgende Schaubild deutet einige der vielen Faktoren (Parameter) an, die alle zusammen spielen müssen, soll Freiheit gelingen. Daraus folgt, dass eine ‚freie Gesellschaft‘ eine extrem anspruchsvolle Teamleistung erfordert, die nur gelingen kann, wenn ALLE an einem Strang ziehen. Und ‚Alle‘ heißt hier wirklich ‚Alle‘.

Schaubild zum Umfeld der Freiheit; ein Netzwerk von Faktoren, die alle ineinander spielen

DIE GEBURT DER WELT IM KOPF

Ein zentraler Aspekt der These dass der Populismus angeboren sei besteht darin, dass aufgrund der grundlegenden Freiheit eines biologischen Systems und seiner grundlegenden Lernfähigkeit bei Kindern und jungen Menschen (sofern die äußeren Verhältnisse es zulassen!) zwar tatsächlich ‚automatisch‘ vielfältige intensive Lernprozesse stattfinden, mit zunehmendem Wissen, zunehmender Erfahrung, und zunehmenden Fähigkeiten im Alltag dann aber der Eindruck entsteht, dass man ja jetzt ‚alles kennt‘, ‚man Bescheid weiß‘, dass es ’nichts Neues mehr gibt‘. Wenn dieser Zustand eintritt (fließend, schleichend, nicht abrupt), dann beginnt die Welt im Kopf still zu stehen, sie hat eine ‚gewisse feste Form‘ gefunden, die Dinge sind immer mehr ‚wie sie sind (im Kopf)‘. Abweichungen, Änderungen, ‚Neues‘, Anderes werden jetzt nicht mehr als Anregung zum weiteren Lernen empfunden sondern zunehmend als ‚Störungen des Bestehenden‘. Und da diese Prozesse bei jedem ablaufen, bilden sich automatisch Gruppen ‚Gleichgesinnter‘, die in der Statik ihrer Bilder gleich sind, sich aber durch — meist zufallsbedingte Unterschiede in der Biographie — unterscheiden können (Anhänger verschiedener Fußballklubs, Fans verschiedener Popstars, Mitglieder von politischen Richtungen, von verschiedenen Religionen, …),

DIE UMGEBUNG ALS NÄHRBODEN

Der Einfluss der Umgebung auf die Ausbildung der individuellen Weltbilder ist erheblich, nahezu übermächtig. Denn — wie schon im vorausgehenden Beitrag festgestellt — wenn die grundlegende Freiheit und Lernfähigkeit eines biologischen Systems in seiner Umgebung nicht die materiellen Bedingungen findet, die es zum alltäglichen Leben, zu alltäglichen Lernen braucht, dann läuft die Freiheit ins Leere. Sie kann sich nicht ‚auswirken‘, sie kann kein Individuum befördern, dass hinreichend kompetent und lebensfähig ist.

Neben den eher ‚materiellen Bedingungen‘ der Freiheitsausübung gibt es aber noch die vielfältigen gesellschaftlichen Regeln, die das tägliche Verhalten betreffen. Wenn z.B. die Beteiligung am materiellen Warenaustausch nur über Geld läuft, der Erwerb von Geld für die Mehrheit an Arbeit gekoppelt ist, eine Gesellschaft aber nicht für alle genügend Arbeit bereit stellen kann, dann verhindern diese Konventionen, das ALLE hinreichend am materiellen Warenaustausch beteiligt sind. Wenn z.B. die ‚Rechte‘ am Boden und am Wasser von ‚Stammeshäuptern‘ vergeben werden, diese sich aber auf Kosten der eigenen Stammesmitglieder bereichern, indem sie diese Rechte an lokalfremde Kapitalgeber ‚verkaufen‘, so dass die Bewohner eines Gebietes ihrem eigenen Boden und Wasser ‚enteignet‘ werden, dann kann Freiheit nicht funktionieren. Wenn z.B. viele Millionen Kinder keine Ausbildung bekommen, sondern stattdessen unentgeltlich für ihre Eltern oder für Fremde arbeiten müssen, dann wird ihnen die Grundlage für ein freies Leben genommen. usw.

Es gibt auch Varianten des Freiheitsentzugs über Verfremdung der Kognition: wenn z.B. Videoserien im Internet, (online) Computer-Spiele im Internet, oder Fernsehserien — alle jeweils mit vielen Millionen Nutzern — sich viele Stunden am Tag in Erregungszustände versetzen, die keine für den Alltag nutzbaren Inhalte vermitteln, sondern mit Phantasiebildern das Gehirn blockieren, dann ist das eine kognitive Selbstverstümmlung, die als ‚Gehirnwäsche‘ in anderen Zusammenhängen verboten ist.

KULTURELLE GESAMTLEISTUNG

Aus der Geschichte wissen wir, wie mühsam es für die Population der Menschheit war, dem Leben Wissen, Erfahrungen, Werte stückweise abzuringen, um vom Status der Jäger und Sammler zu immer komplexeren Gesellschaften mit immer mehr Handwerk, Technik, sozialen Institutionen, Rechtssystemen, Handels- und Wirtschaftssystemen, Dörfer, Städten, Regionen, lokal, national und international zu werden, mit Kommunikationssystemen, Wissensspeicherungstechniken, Bildungsstrategien usw., dann dürfte klar sein, DASS die Großgesellschaft, ihre politische, soziale, juristische usw. Verfasstheit, weder von eine einzelnen alleine noch innerhalb einer kurzen Zeit ‚aufgebaut‘ werden konnte und auch heute nicht so einfach aufgebaut werden kann. Funktionierende komplexe Gesellschaften erfordern den Einsatz von jedem einzelnen und das in einer aufeinander abgestimmten Weise. So etwas aufzubauen und dann ‚am Leben zu erhalten‘ ist schwer; es zu zerstören vergleichsweise einfach.

Wir erleben heute eine Phase der Menschheit, in der — verglichen mit der Vergangenheit — sehr komplexe Strukturen erreicht worden sind, deren ‚Erhaltung‘ schon schwierig erscheint, erst recht ihre konstruktive und nachhaltige ‚Weiterentwicklung‘.

PRÄFERENZEN (WERTE)

Was im ‚Getöse des Alltags‘ leicht und gerne untergeht, das ist die Tatsache, dass alle die vielen Konventionen, Regeln, Vorschriften und Gesetze, die zur ‚Regulierung des Alltags‘ verabredet worden sind, letztlich auf ‚Wertsetzungen‘ zurück gehen, auf ‚Präferenzen‘: man will eher A als B. So stellen z.B. die Menschenrechte für einige Verfassungen von Staaten einen ‚Wertekanon‘ dar, auf den die Staatsverfassung und alle davon abhängigen Regeln aufbauen. Bei anderen sind es Überzeugungen aus bestimmten religiösen Traditionen. Gemeinsam ist allem das Faktum der ‚primären Präferenzen‘, ohne die keine Regelung auskommt.

Und es ist sehr seltsam: über die Grundlagen der staatlichen Verfassungen wird nirgendwo diskutiert; in den meisten Staaten ist dies sogar verboten.

Dies mag vielleicht aus einem ‚Schutzbedürfnis‘ heraus motiviert sein. Wenn aber z.B. im Deutschen Grundgesetz bestimmte Werte vorausgesetzt werden, für die z.B. die empirischen Wissenschaften keine Motivation mehr liefern können, und in der täglichen Massenkommunikation die einzelnen Bürgern mit Inhalten zugedröhnt werden, die mit diesen Grundwerten ebenfalls kaum noch etwas zu tun haben, und viele alte Wertelieferanten heute eher unglaubwürdig erscheinen, dann kann man sich fragen, wie lange eine Gesellschaft noch zukunftsfähig ist, die ihre eigenen Grundlagen täglich erodieren lässt und wenig dazu zu tun scheint, sie zu erneuern. Die Freiheit dazu ist grundsätzlich gegeben, aber die Nutzung dieser Freiheit erweckt viele Fragen zum Leben …

Eine gewisse Fortsetzung des Themas findet sich HIER.

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