Überlegungen zum Thema „Zeit“

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Peter Gottwald
Email: pjgottwald@web.de
Mi 1.Januar 2020

KONTEXT

Aufgrund eines Gedankenaustausches zwischen Prof. Peter Gotttwald und mir kam es zur Idee, den Gedankenaustausch direkt in diesen Blog zu verlagern. Das hilft nicht nur uns beiden bei der wechselseitigen Bezugnahme, sondern eröffnet es auch potentiellen Lesern, daran teilzunehmen.

DAS GANZE ALS PROZESS

Dieser Beitrag von Peter Gottwald gibt mir als Blog-Moderator nochmals die Gelegenheit, auf die Besonderheit des Blog-Schreibens hinzuweisen. Während man bei einer normalen wissenschaftlichen Publikation — sei es Artikel oder insbesondere Buch — kaum umhin kommt, von einem vorweggenommenen Ganzen her zu denken und man auf Vollständigkeit achten sollte, eröffnet das Schreiben in einem Blog die Möglichkeit, das Ganze in einzelne Schritte zu zerlegen, es als einen Prozess zu sehen, der im Fortschreiten erst seine ganze Aussagekraft entfaltet. Im Falle von aktiven Lesern — als Autor darf man davon träumen 🙂 — kann deren Interaktion dann Aspekte ansprechen, anregen, die im Thema ’schlummern‘, die aber nicht angesprochen worden wären, hätte man das Thema von vornherein monolithisch als Ganzes abgehandelt. Durch solche Interaktionen kann nicht nur der Autor dazu lernen, sondern das Thema kann an Vielfalt gewinnen, oder bildhaft: das Thema selbst kann durch das ineinander Spielen von Gedanken lernen.

TEXT VON PETER GOTTWALD

Motto:

Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion. Albert Einstein

Motto:

Wer seiner Zeit nur voraus ist, den holt sie einmal ein. Ludwig Wittgenstein

1

„Die Zeit gibt es nicht…“ Mit dieser Aussage überraschte ich die Teilnehmer meines Gebser-Seminars am Ende der letzten Sitzung des Jahres. Und auf das erstaunte Blicken fügte ich hinzu: „Alles, was wir wahrnehmen können, ist Bewegung!“ Es entstand eine längere Pause, dann begann ich zu erläutern: Die Sonne bewege sich am Himmel, und dabei sei eine Wiederkehr zu beobachten, nämlich ihr höchster Stand am Himmel. Früh sei der Mensch auf den Gedanken gekommen, nun von einem „Tag“ zu sprechen, diesen in 24 Stunden einzuteilen, jede dieser Stunden in 60 Minuten, diese wiederum in 60 Sekunden. Danach habe man von der ZEIT gesprochen als etwas, das „abliefe“. „Zeit“ sei somit ein Begriff, also eine Errungenschaft des Menschen, gleichsam seine „Zutat“ zum Phänomen der Bewegung – eine Zutat mit weitreichenden und ungeahnten Folgen.

In der „Zeit zwischen den Jahren“ entstand der folgende Text.

Denn dieser Begriff einer „Zeit“, die aus der Unendlichkeit kommt und in die Unendlichkeit verschwindet auf ihrem „Weg“, damit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entstehen lässt, hat sich im Verlaufe mehrerer tausend Jahre mit anderen Begriffen aus Philosophie und Wissenschaft zu einem riesigen „System“ verbunden, das unser heutiges Leben beherrscht, aber auch zu ersticken droht. Dieses System nämlich bestimmt, was „wirklich“ ist und lehnt alles ab, ja bekämpft alles, was nicht in dieses System hineinpasst. Alles „Neue“

2

wird wie auf einem Prokrustes-Bett1 entweder gestreckt oder verkürzt, bis es „passt“. Was dabei verlorengeht, erscheint dem Systematiker irrelevant.

1 Dieser gemeine „Gastgeber“ pflegte seine Gäste an sein Bett anzupassen; wer zu lang war, wurde „verkürzt“, wer zu kurz war, „gestreckt“. Was mit den „Passenden“ geschah, verrät der Mythos nicht. Vermutlich hat er dann das Bett verändert.

Die „Findung“ des Zeitbegriffs muss den Früheren so bedeutsam erschienen sein, dass sie ihm eine Gottheit zuordneten, die sie Chronos nannten; nach ihm sind bis heute die Uhren benannt, auch die Zeitmessung – die Chronometrie. Auch dieser Gott war so wirksam und furchtbar zugleich wie viele andere: Er pflegte nämlich seine Kinder zu fressen, und sein Sohn Zeus entkam diesem Schicksal nur, weil seine Mutter dem Gott einen in eine Windel gewickelten Stein gab…So sagt uns der Mythos noch heute etwas: Die Zeit frisst ihre Kinder, also uns, die wir Kinder der Zeit sind…

Wann diese Handlung geschah, darüber herrscht zwischen Karl Jaspers und Jean Gebser die Übereinstimmung, dass es im „Abendland“ zu einer „Achsenzeit“ gewesen sein muss, die etwa in das 7. „vorchristliche Jahrhundert“ zu legen ist. Was aber war dann „vorher“ für eine Vorstellung dessen lebendig, was an Bewegungen schon wahrnehmbar war am Himmel und auf der Erde? Die Mythen geben davon Kunde, sie berichten vom „ewigen Kreisen“, der „Wiederkehr“. Gebser nannte diese Struktur ein „Mythisches Bewusstsein“.

Das „Mentale Bewusstsein“, entstanden während der „Achsenzeit“, manifestiert sich erst danach, es übernimmt gleichsam die Führung für das weitere kulturelle Geschehen. Fortan ist unsere Sprache durchdrungen von Begriffen, die mit dieser nun so genannten „Zeit“ in Verbindung stehen: früher und später, vorher, nachher, bald, jetzt, Zukunft und Vergangenheit, gleichzeitig, Freizeit, Auszeit …und so endlos weiter. Die Vorstellung eines „Ablaufs“ ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir nicht darüber nachdenken (selbst in diesem „nach“denken schwingt noch das Zeitliche mit).

Überlegungen wie diese schaffen nun, und das ist überaus wichtig, eine Transparenz, nämlich ein Durchsichtig-Werden für das, was wir Menschen tun und getan haben auf unserem langen Weg durch das, was wir „kulturelle Entwicklung“ (auch so ein verdeckter Zeitbezug) nennen.

3

Nebenbei gesagt ist ja auch der Begriff „Bewegung“ mit einem weiteren Begriff, nämlich des eines „Raumes“, verbunden, in dem es einen „Weg“ von „Ort zu Ort“ gibt. Allgemeiner gesprochen, haben wir es mit der Wahrnehmung von „Veränderungen“ zu tun – wir sehen, hören oder fühlen, dass sich „etwas“ verändert hat, in einen neuen „Zustand“ geraten ist1. So etwas nehmen wir „auf Erden“ wie „am Himmel“ wahr: Der Mond liefert uns ein gutes Beispiel – er verändert nicht nur seine Gestalt, er bewegt sich auch, und zwar nicht nur mit dem „Sternenhimmel“, sondern auch von West nach Ost2! Ein weiteres liefern die „Wandelsterne“, die sich im Gegensatz zu den „Fixsternen“ auf komplizierten Bahnen am „Himmelsgewölbe“ bewegen. Bedenkt man, welcher ausdauernden und nächtlichen Beobachtungen es bedarf, um solches „festzustellen“, so kann man schließen, dass erst auf einer hohen Kulturstufe, also vermutlich erst im mythischen Bewusstsein, einzelne Menschen freigestellt waren, um Nacht für Nacht wach zu bleiben. Vermutlich aber waren das die Priester, die so, neben Opfer- und anderen Ritualen, ihren Göttern

1 In diesem Zusammenhang hat I.Prigogine von einer „tau-Zeit“ gesprochen.

2 Daraus haben die Nordmenschen, wie Chr.Bornewasser nachwies, einen Mythos gemacht, der in der Edda nachzulesen ist. Ein Ase (Mond) verliebt sich in eine Schöne (Sonne) und verzehrt sich nach ihr.

dienen. Noch allerdings hatten sie keinen Zeit-Begriff! Der wurde erst auf der nächsten Kulturstufe gefunden!

Unsere ganze Wissenschaft und die darauf aufbauende Technik ist nun ohne diesen Zeitbegriff nicht denkbar; die Physik arbeitet ja mit einem cgs-System, wobei „Zentimeter“ und „Sekunde“ die menschlichen Zutaten, das „Gramm“ als Teil eines „Gewichtes“ oder auch einer „Masse“ als „Wirkung“ einer kosmischen „Schwerkraft“ betrachtet und als „Schwere“ empfunden wird.

Wir haben uns sogar daran gewöhnt, die Zeit zu „messen“ und zu diesem Zweck die verschiedenartigsten „Uhren“ gebaut. Doch sind das „nur“ sehr feine Geräte, in denen die Bewegungen von Zeigern und neuerdings auch Ziffern mit der (scheinbaren) Bewegung der Sonne übereinstimmen. Steht die Sonne am höchsten, zeigen beide Zeiger auf eine 12.

Hoffmeisters „Wörterbuch der philosophischen Begriffe1“ beschreibt dies so: „Diese „objektive Zeit“ ist messbar. Gemessen wird sie allerdings nicht an sich selbst, sondern an der gleichmäßigen Fortbewegung von Körpern, deren Bahn in gleiche Abschnitte zerlegt wird, sodass die Gliederung der räumlichen Bewegung zugleich eine Zerlegung der Zeit in Zeit-Abschnitte ermöglicht.

1 Zweite Auflage 1955, im Verlag von Felix Meiner, Hamburg.

4

Hierauf beruht das Prinzip der Uhr, deren Gang nach der großen Weltenuhr, der Bewegung der Gestirne, geregelt wird. Diese Zeitmessung ermöglicht die exakte Naturwissenschaft, die Wissenschaft von der berechenbaren Natur.“ Dem folgt ein philosophischer Hinweis: „Von dieser objektiven Zeit nun hat Kant gelehrt, dass ihr in Wahrheit nicht objektive Realität zukomme: Sie sei eine im menschlichen Subjekt liegende „reine Form der Anschauung.“ (678)

Diese Beschreibung verleugnet aber, so meine ich, den Handlungsaspekt – es ist schließlich so, dass dieses „Subjekt“ nun tatsächlich handelt, indem es (als uns immer noch unbegreifliche Folge der Anschauung) ein neues Wort, damit aber einen neuen Begriff hervorbringt, und das ist eine „Handlung“, auch wenn sie mit Kehlkopf und Zunge vollzogen wird, und nicht mir der Hand.

Bezugnahme auf Jean Gebsers Werk „Ursprung und Gegenwart“.

Wenn man nach diesen Überlegungen zu Gebsers Werk greift und dort über „Zeit“ liest, dann stößt man sofort auf Überschriften wie „Der Einbruch der Zeit“, auf Sätze wie „Der Einbruch der Zeit in unser Bewusstsein: Dieses Ereignis ist das große und einzigartige Thema unserer Weltstunde. (III/379) Wie sind sie von Gebser in einen großen Zusammenhang gestellt worden? Das ist die erste Frage, der ich hier nachgehen will. Die zweite ist dann: Wie kam Gebser zu dieser neuen Sicht auf die Welt und auf die Zeit?

Gebser spricht von der „Komplexität des Zeit-Themas“ und entfaltet diese unter Bezug auf die Stufen der kulturellen Entwicklung, die mit einer „archaischen“ beginnt, auf die eine „magischen“, dann eine „mythische“ und zuletzt eine „mentale“ folgte (s.o.), die uns noch heute formt. Ob nun tatsächlich Anzeichen für eine weitere Stufe bestehen, die Gebser eine „integrale“ nennt, das ist der Inhalt des genannten Werkes. Dabei werde, so Gebser, auch eine neue Zeit-Qualität wahrnehmbar, die er „Zeitfreiheit“ nannte. Schon hier sei angedeutet, dass es für mich sinnvoll erscheint, allein vom Erleben einer neuartigen „Freiheit“ zu sprechen, also von einer Bewusstseins-Struktur, die aus der Integration von Bewusstseins-Zuständen erwachsen kann, in denen etwas wahrnehmbar wurde, was als „Erleuchtung“ bezeichnet worden ist.

Wie also beschreibt Gebser „Zeit“? Er spricht von einer „mental-rationalen Zeit“ (als einer Errungenschaft des „mentalen Bewusstseins“) die ein teilendes Prinzip und ein Begriff sei. Solange er gelte, gelte noch das Teilende,

5

Zerstörerische, Auflösende, das aber teilend, zerstörend und auflösend den Weg für eine neue Wirklichkeit freilege. Was aber freigelegt werde, das sei mehr als der bloße Begriff „Zeit“: Es ist das Achronon, also das Frei- und Befreitsein von jeder Zeitform, es ist die Zeitfreiheit.(III/380)

Gebser fragt dann: Was ist aber nun die „Zeit“? und er antwortet, „sie ist mehr als bloße Uhrenzeit“, ja sogar, Zeit müsse als „Qualität und Intensität“ berücksichtigt werden (III/381).

„Aus der aperspektivischen Weltsicht heraus betrachtet, erscheint (die Zeit) geradezu als die grundlegende Funktion und von vielfältigster Art. Sie äußert sich, ihrer jeweiligen Manifestationsmöglichkeit und der jeweiligen Bewusstseinsstruktur entsprechend, unter den verschiedensten Aspekten als: Uhrenzeit, Naturzeit, kosmische Zeit oder Sternenzeit, als biologische Dauer, Rhythmus, Metrik; als Mutation, Diskontinuität, Relativität; als vitale Dynamik, psychische Energie (und demzufolge in einem gewissen Sinne als das, was wir „Seele“ und „Unbewusstes“ nennen), mentales Teilen; sie äußert sich als Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; als das Schöpferische, als Einbildungskraft, als Arbeit, selbst als Motorik. Nicht zuletzt aber muss, nach den vitalen, psychischen, biologischen, kosmischen, rationalen, kreativen, soziologischen und technischen Aspekten der Zeit auch ihres physikalisch-geometrischen Aspektes gedacht sein, der die Bezeichnung „vierte Dimension“ trägt. (III/381)

Zeit wird damit zu einem Synonym für das Schöpferische schlechthin. Damit aber scheint mir „Zeit“ zu einer Art von Mysterium geworden zu sein, zu dem ich Abstand gewinnen möchte. Ohne Frage gibt es in allen eben genannten Bereichen (von „vital“ bis „technisch“) eine „Dynamik“, d.h. aber unendlich vielfältige Veränderungen und Bewegungen – aber diese sind auch für den jeweiligen Bereich spezifisch, nicht auf andere übertragbar. Mit Wittgenstein könnte man sagen, es handele sich um ganz unterschiedliche „Sprachspiele“ mit speziellen Regeln, die nicht vermischt werden dürfen, da sonst eine heillose Verwirrung entsteht. Bleibe ich bei dem Begriff „Bewegungen“ in deren unendlich verschiedenen Formen, die zu immer neuen Gestalten führen, sodass man mit Goethe sagen könnte: Gestaltung, Umgestaltung, des ewigen Sinns ewige Unterhaltung – dann gestehe ich mir nicht nur mein sehr begrenztes Wissen ein, sondern erlebe auch immer wieder ein grenzenloses Verwundern angesichts eines „All“, das all dies und uns hervorgebracht hat.

6

Gebsers starke Betonung der Zeit, sein Bemühen, sie zugleich aber auch zu überwinden, was mit Wortschöpfungen wie „das Achronon“ ausgedrückt wird, steht im Zentrum seines Werkes1. Einem Integralen Bewusstsein ist „Zeit“ nicht mehr nur ein Begriff (der zu wahren sei), sondern eine neue Qualität, die Geber als „Intensität“ bezeichnete. Was aber meinte Gebser, als er von „Zeitfreiheit“

1 Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart. Chronos (sic!)Verlag, Zürich,2012

sprach? Damit möchte ich mich der zweiten Frage zuwenden: Was veranlasste Gebser, so von „Zeit“ zu sprechen?

Gebsers persönliche Erfahrungen und die Folgen.

Im Alter von 27 Jahren machte Gebser in einer krisenhaften Situation eine Erfahrung, die ihn, wie er schreibt, mit dem „Gedanken“ zurückließ „Überwindung von Raum und Zeit“. Sie war es, die es vermochte, seine jahrzehntelange Suchbewegung nach ähnlichen Aussagen in den Wissenschaften, später in allen Bereichen der Kultur, zu unterhalten. Ich habe dargelegt, dass ich diese Erfahrung als eine spontan auftretende Erleuchtung zu verstehen suche, so wie ich auch seine weitere einschlägige Erfahrung während seiner Asienreise auffasse1.

In der Zentradition nämlich, auf die sich auch Gebser in der 2. Auflage von „Ursprung und Gegenwart“ ausführlich bezieht, werden solche Erfahrungen als satori oder auch kensho (Wesensschau) bezeichnet. Es ist typisch für sie, dass für Augenblicke alle Dualitäten schwinden, dass weder ein Raum- noch ein Zeitgefühl existiert. Solche Erfahrungen können einen tiefen Frieden und große Freude hinterlassen, die das ganze weitere Leben umzugestalten vermögen. Wie darüber zu sprechen sei, wird jeder und jede mit eigenen Mitteln versuchen. Gebser hat eine Form gewählt, die offen für ganz unterschiedliche Adressaten war: So konnte er Christen, Buddhisten, aber auch Esoteriker ansprechen, ohne auf fundamentale Differenzen aufmerksam zu machen. Dass er das Thema „Zeit“ in den Mittelpunkt stellte, muss man respektieren – wie er jedoch darüber spricht, darf man auch kritisch betrachten.

„Zeitfreiheit“ ist nach meiner Auffassung etwas, das Menschen für sich selbst wahrnehmen können, sie ist damit nichts „Objektives“, das „dingfest“ gemacht werden könnte. Die Auswirkungen auf ein „Subjekt“ können so dramatisch sein,

1 P. Gottwald: Zen und Integraes Bewusstsein. In: Integrale Weltsicht. Vol. XXV, 2019 herausgegeben von der Jean Gebser Gesellschaft, Bern.

7

wie dies R. M. Pirsig1 erfuhr, oder sie können als „kleine Erleuchtung“ geschehen, wie der Zenlehrer Enomiya-Lassalle sie seinen Schülern und Schülerinnen zu wünschen pflegte.

Nach alledem zeigt sich mir nun ein neues, ein eher beunruhigendes „Prinzip“, nämlich das unserer „Verantwortung2“ für unser Tun und Lassen. Ihm hat bekanntlich Hans Jonas eine eingehende Untersuchung gewidmet. Ihr müssen wir uns heute stellen, wenn es nicht mit uns, wie Jonas, sagte „…böse enden soll“. Welche inneren Widerstände dadurch wachgerufen werden, darauf hat Kafka3 auf seine unnachahmliche Weise hingewiesen. In seinen „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“ schreibt er (Nr.92):

Die erste Götzenanbetung war gewiss Angst vor den Dingen, aber damit zusammenhängend Angst vor der Notwendigkeit der Dinge und damit zusammenhängend Angst vor der Verantwortung für die Dinge.

1 Vgl. dazu R.M.Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warte. Fischer Taschenbuch.

2 Ludwig Wittgenstein: Die Verantwortung leugnen heißt, den Menschen nicht zur Verantwortung ziehen (Vermischte Bemerkungen, S. 121)

3 Franz Kafka: ER. Bibliothek Suhrkamp, 1968

So ungeheuer erschien diese Verantwortung, dass man sie nicht einmal einem einzelnen Außermenschlichen aufzuerlegen wagte, denn auch durch Vermittlung eines Wesens wäre die menschliche Verantwortung noch nicht genügend erleichtert worden, der Verkehr mit nur einem Wesen wäre noch zu sehr von Verantwortung befleckt gewesen, deshalb gab man jedem Ding die Verantwortung für sich selbst, mehr noch, man gab diesen Dingen auch noch eine verhältnismäßige Verantwortung für den Menschen.

Wie gut passt dies zu der Beschreibung, die Gebser von der Bewusstseinsstruktur des magisch gestimmten Menschen gab!

Seine Wahrnehmung der Keime einer neuen und vielleicht kulturstiftenden Bewusstseinsstruktur, eben eines Integralen Bewusstseins, hat Viele ermutigt, nicht zuletzt den Jesuiten und Zenlehrer Enomiya-Lassalle1, der mich sieben Jahre lang auf dem Zenweg begleitete und dem ich die Begegnung mit dem Werk Jean Gebsers verdanke. Wie weit dieses valide ist und weiteren Suchbewegungen standhält, muss offen bleiben. Aus ihm eine Hoffnung in dieser von Krisen geschüttelten Zeit abzuleiten, wäre vermessen. Dass uns Menschen Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung zur Verfügung stehen,

1 Vgl. Enomiya-Lassalle: Wohin geht der Mensch? Aurum Verlag, 1983.

8

kann nicht bestritten werden. Ob und welcher „kritischen Masse“ es bedarf, ehe politische Wirkungen sichtbar werden, bleibt ebenfalls offen…

Anhang

Ludwig Wittgenstein über den Begriff „Fortschritt“.

„Man hört immer wieder die Bemerkung, dass die Philosophie eigentlich keinen Fortschritt mache, dass die gleichen philosophischen Probleme, die schon die Griechen beschäftigten, uns noch beschäftigen. Die das aber sagen, verstehen nicht den Grund, warum es so sein muss. Der ist aber, dass unsere Sprache sich gleich geblieben ist und uns immer wieder zu denselben Fragen verführt. Solange es ein Verbum „sein“ geben wird, das zu funktionieren scheint wie „essen“ und „trinken“, so lange es Adjektive „identisch“, „wahr“, „falsch“, „möglich“ geben wird, solange von einem Fluss der Zeit und einer Ausdehnung des Raumes die Rede sein wird, usw., solange werden die Menschen immer wieder an die gleichen rätselhaften Schwierigkeiten stoßen, und auf etwas starren, was keine Erklärung scheint wegheben zu können.“ (36)

„…Es ist nicht unsinnig zu glauben, dass das wissenschaftliche und technische Zeitalter der Anfang vom Ende der Menschheit ist; dass die Idee vom großen Fortschritt eine Verblendung ist, wie auch von der endlichen Erkenntnis der Wahrheit; dass an der wissenschaftlichen Erkenntnis nichts Gutes oder Wünschenswertes ist und dass die Menschheit, die nach ihr strebt, in eine Falle läuft. Es ist durchaus nicht klar, dass dies nicht so ist.“ (107)

„Es könnte sein, dass die Wissenschaft und Industrie, und der Fortschritt, das Bleibendste der heutigen Welt ist. Dass jede Mutmaßung eines Zusammenbruchs der Wissenschaft und Industrie einstweilen, und auf lange Zeit, ein bloßer Traum sei, und dass Wissenschaft und Industrie auch und mit unendlichem Jammer die Welt einigen werden, ich meine, sie zu einem zusammenfassen werden, in welchem dann freilich alles eher als der Friede wohnen wird…“ (120)

Aus: L. Wittgenstein: Vermischte Bemerkungen. Suhrkamp.

WEIHNACHTEN – ALS MANTRA – PACKEN WIR ES NEU AN?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Sa 25.Dezember 2019

Audioversion des Textes. Gesprochen von AH, ‚radically unplugged, direkt gesprochen.

KONTEXT

Na ja, wir haben wieder einmal ‚Weihnachten‘: Feiertage, Erinnerungen, Liturgien, Kauf- und Geschenkorgien, viel Essen, viel Süßes, viel Alkohol, Weihnachtsmusik, Weihnachtslieder, Weihnachtsandachten, Weihnachtsmärkte, Weihnachtsdekorationen, so etwas wie einen Weihnachtslook, Weihnachtsbäume mit entsprechendem Schmuck, Weihnachtsessen — mit einem erhöhten Todesfallaufkommen für bestimmte Tierarten –, Weihnachtsfilme mit besonderem Inhalten (Menschen ändern sich, Wunder werden wahr, …) … Dies, und noch viel mehr geschieht, findet statt, ereignet sich, wenn wir von ‚Weihnachten‘ reden.

MANTRA

Seitdem auch Europa immer mehr weiß von asiatischen — speziell buddhistischen — Traditionen und immer weniger von den jüdisch-christlichen Traditionen, die Europa 2500 Jahre tief geprägt haben, wissen viele irgendwie, was ein Mantra ist: ein Bild, ein Wort, ein kurzer Text, eine Art meditativer Gesang, das alles geeignet sein soll, sich selbst als Mensch eine Art Ruhepunkt zu verschaffen, dem man sich zuwenden kann, um das viele andere, das um einen herum und in einem ‚anklopft‘, ‚um Aufmerksamkeit heischt‘, abzuschwächen, um damit besser zur Ruhe zu kommen. Einige sehen in einem Mantra auch noch mehr: den Lauf der Gedanken quasi zu ‚lähmen‘, indem man das Mandra als gedanklichen Widerspruch konzipiert, oder anders, wenn man das Mantra mit einer Art ‚Bedeutungs-Aura‘ versieht, die auf Gedanken, Bilder, Motive, Erfahrungen hinweist, die uns innerlich ‚positiv beeinflussen‘ sollen.

LITURGIE-RITUALE

In der jüdisch-christlichen Tradition gab — und gibt — es solche Mantra-Praktiken auch. Alle Gottesdienste sind geprägt von bestimmten Formen und Symbolen, die in ihrer regelmäßigen Wiederkehr Haltepunkte für das Erleben schaffen sollten, symbolische Fixpunkte setzen, die Gedanken sammeln, Inhalte anregen, assoziieren, Inhalte, die ‚positiv einstimmen‘ sollen. Gebetsketten — wie im späteren Islam! — waren absoluter Standard, Andachtsbilder, Andachtstexte (Gebete, Psalmen, …), Andachtssymbole, spirituelle Lieder, Chorgesänge, liturgische Kleidung, Ruhezeiten, Einkehrtage, Geistliche Übungen,…. wenn man mit den Augen der vergleichenden Religionswissenschaft schaut, gibt es strukturelle Ähnlichkeiten zwischen allen großen Religionen, weil der Mensch in allen Religionen der gleiche ist. Statt aber diese Gemeinsamkeit zu sehen, heraus zu arbeiten, daran gemeinsam zu arbeiten, gefallen sich die bekannen Religionen eher darin, die Unterschiede zu betonen, das Besondere …Was zu einem Stillstand führt, zur Erstarrung, zur Unbeweglichekit, zu Denkverboten …

WEIHNACHTEN ALS MANTRA

Das Weihnachtsfest als wiederkehrendes Ereignis hat sich von seinen religiösen Wurzeln stark abgelöst: es findet mittlerweile auch dort statt, wo die ‚angeborene Kultur‘ eigentlich nichts mit Weihnachtern zu tun hatte; es findet in ursprünlich jüdisch-christlichen Kulturräumen statt mit immer weniger Bezug zum eigentlich religiösen Thema. Auch wenn man vielleicht nicht mehr ‚offiziell religiös‘ ist, offiziell keiner Kirche mehr angehört, oder doch formal angehört aber nicht mehr wirklich ‚praktiziert‘: kirchliche Weihnachtsfeiern ‚kommen an‘, rühren an das Gemüt. Während man das Krippenspiel den Kindern überlässt, widmen sich die Erwachsenen dem Thema ‚Menschlichkeit‘ in einem meist sterilen Weltkontext, man hört die Musik gerne, man genießt die Gemeinschaft, die für einen Moment entsteht; ein Hauch von ‚etwas anderem‘, nach dem man sich vielleicht sehnt, von dem man aber nicht so recht weiß, wie man es nennen, wie man es praktizieren soll.

BLICKPUNKTE – WIE MAN SCHAUT

Von der Philosophie und den modernen Wissenschaften können wir lernen, dass ein ‚Phänomen‘ — also etwas, was sich uns darbietet — in seiner ‚Bedeutung für uns‘ entscheidend davon abhängig ist, in welche ‚Beziehung‘, in welchen ‚Kontext‘ wir es einordnen. Ein Phänomen als solches hat keinen Kontext ‚aus sich heraus‘; Kontexte entstehen immer nur in unserer Wahrnehmung, in unserem Denken, aufgrund unserer bisherigen Erfahrung. Jemand, der immer nur in einer Wüste gelebt hat, wird in einem Dschungel lange Zeit ein Problem haben, ebenso auf dem Meer, in der Tundra, im ewigen Eis, und umgekehrt. Ein geborener Landmensch wird mit einer Stadtumgebung zunächst nicht klar kommen, wie umgekehrt ein geborener Städter auf dem Land Probleme haben wird. Ein Deutscher kann an der chinesischen Sprache verzweifeln, ein Chinese am Englischen, Ein US-Amerikaner am Russischen, ein Russe am Arabischen , … Beziehungen, Kontexte, Bedeutungswelten müssen mühsam gelernt werden, und das, was man gelernt hat, das ‚hat man‘, wie so schön gesagt wird; aber — das wird nicht so oft gesagt –, das Gelernte ‚hat auch uns‘! Was immer wir sehen, hören, schmecken …. spontan schlägt das bisher Gelernte zu und bevor wir irgend einen neuen Gedanken fassen können, sagt uns die Erfahrung, wie sie das sieht, was wir gerade sehen. Unsere Erfahrung ‚Legt uns die Biler und Wort in den Mund‘, wie wir etwas sehen sollten. Vielfach ist dies wunderbar, weil wir sonst Handlungsunfähig würden. Manchmal ist dies aber ganz und gar ungut, da wir Abweichungen, Neues aufgrund dieser Automatismen nicht wahrnehmen und — noch schlimmer — zu falschen Einschätzungen kommen können, die uns zu falschem Verhalten anstiften können — was wir aber nicht merken. Wir glauben sogar — meistens — das Richtige zu tun, ganz toll zu sein.

GEWOHNHEITEN ÜBERWINDEN

Wir Menschen haben gelernt — vielleicht noch nicht alle, was sich ändern kann –, dass man einen ‚Blinden Fleck‘ in seiner eigenen Weltsicht am schnellsten erkennen kann, wenn man sich der Meinung anderer Menschen aussetzt, möglichst solchen, die ‚verschieden‘ sind von einem selbst. Dazu reichen bisweilen Besuche bei anderen, Reisen in anderer Gegenden, oder — sehr intensiv — das Arbeiten in einem interdisziplinären Team! Interdisziplinäre Teams bringen Menschen mit garantiert unterschiedlichen Ausbildungen, Erfahrungen, und Vorgehensweisen zusammen. Und da Teams in der Regel ein gemeinsames Problem lösen sollen, können sich die Mitglieder nicht einfach voreinander verstecken, sondern sie müssen ‚ihre Karten auf den Tisch legen‘. Und wenn sich hier Unterschiede zeigen — was normal ist –, dann müssen sie sich mit diesen Unterschieden auseinander setzen. Dies kann schwierig sein, schmerzhaft werden, Unruhe bringen, Emotionen auslösen … das aber ist genau der Stoff, aus dem neue Erkenntnisse erwachsen können, vorausgesetzt, man hat gelernt, dass man sein eigenes Weltbild aufgrund von nachvollziehbaren Gründen, verändern kann (die Tatsache, dass viele Projekte scheitern, weil genau diese Verständigung nicht funktioniert, kann ein Indikator dafür sein, dass wir Menschen genau hierin eine Schwachstelle haben).

JÜDISCH-CHRISTLICHE GEWOHNHEITEN ÜBERWINDEN?

Wissenschaftliche Überzeugungen, kulturelle Muster, religiöse Überzeugungen … sie haben alle gemeinsam, dass man sich ein Geflecht von Verhaltensweisen und Blickweisen angeeignet hat, die einem in seinem Tun leiten.

Während es im Bereich Wissenschaft zumindest grundsätzlich Mechanismen gibt, die dafür sorgen sollen, dass man seine wissenschaftlichen Überzeugungen immer wieder qualifiziert überprüfen lässt und selbst überprüft (auch wenn die Geschichte zeigt, dass die Wissenschaft nicht immun ist gegen falsche Hypothesen und Manipulationen aus nicht-wissenschaftkichen Motiven heraus), ist dies bei kulturellen oder gar religiösen Überzeugungen schwer bis unmöglich. Ein sehr krasser Fall sind sogenannte Offenbarungsreligionen, speziell die christlchen Kirchen, und hier die katholische und orthodoxe Kirche(n).

Obwohl man einerseits einen sehr hohen, ja geradezu absoluten, Wahrheitsanspruch hat, sind alle typischen Mechanismen der Überprüng ausgespart worden. Im Fall der katholischen Kirche hat man den ‚Offenbarungsprozess‘, der an die historische Person Jesu geknüpft war, mit seinem Tod als für ‚beendet‘ erklärt, und dann die ‚Verwaltung dieser Wahrheiten‘ im Laufe der Jahrhunderte ausschliesslich an einen einzelnen Menschen gebunden, und zwar an jenen, der die ‚Rolle des Papstes‘ innehat. Dieser Vorgang widerspricht allen Erkenntnissen, die die Menschheit bislang über Prozesse der Erfahrung, des Wissens usw. sammeln konnte, und die Geschichte der Institution Kaholische Kirche ist eine schier unfassbare Geschichte von Verbrechen, Missbrauch, Ausbeutung, Unterdrückung, und falschen Weltbildern. Und in den letzten Jahrzehnten, in denen die Katholische Kirche auch in sogenannten demokratischen Gesellschaften existiert, und neben der massiven Benachteiligung von Frauen mit zahlreiche Missbrauchsfälle mit vielen tausend vor allem jungen Menschen in vielen Ländern aufgefallen ist (von anderen Ländern sind durch persönliche Berichte ähnliche Missbrauchsfälle in großem Maßstab bekannt; sie werden aber bislang ‚unter der Decke‘ gehalten), hat sich gezeigt, dass dieses absurde Machtmonopol beim Papst und seiner Verwaltungsorganisation, der Kurie in Rom, bisher alles getan hat, um die Dinge zu vertuschen, klein zu halten, statt aufzuklären, zu heilen. Diese Unfähigkeit zur ‚Selbstheilung‘ erstreckt sich auch auf die eigentliche Glaubenslehre. Obwohl seit gut 150 Jahren eine große Zahl von exzellenten Historikern und Bibelwissenschaftlern die Entstehung der Texte des alten und neuen Testaments (volkstümlich: der Bibel) sowohl kulturgeschichtlich, archäologisch, literaturwissenschaftlich und vieles mehr untersucht und die Linien der tatsächlich Entstehung immer mehr heraus gearbeitet haben, ist von all diesen Erkenntnissen kaum etwas in die offizielle Lehre der Kirche eingeflossen.

Klar ist, dass die so bekannte und beliebte Weihnachtsgeschichte eine spätere theologische Deutung der Vergangenheit des historischen Jesus ist, über deren realen Verlauf man tatsächlich so gut wie nichts weiß. Das Gleiche gilt für die Leidensgeschichte Jesu, insbesondere die Teile, die mit der Auferstehung zu tun haben und der Kirchenbildung. Das sind keine Fakten, sondern das ist pure Spekulation. Während man die Geschichte der Offenbarung mit dem Tode Jesu für beendet erklärt hat (im Nachhinein), wird aber die wunderbare Bekehrung des ungläubigen Saulus zum missionierenden Paulus (aufgrund eines persönlichen Erweckungserlebnisses) als offizielles Ereignis in die kirchliche Lehre übernommen. Viele weitere wichtige Fakten — wie z.B. die wichtige Rollen von Frauen in der frühen Gemeindebildung — , werden großzügig ausgeklammert. Die Frage der Interpretation Jesu — wahrer Mensch, und doch auch irgendwie Gott? — hat mehrere Jahrhunderte die Gemüter bewegt, war mit viel realer Gewalt verknüpft, und war tief geprägt von damaligen philosophischen und auch weniger philosophischen Weltbildern, die von heute aus gesehen, kaum noch haltbar sind. Diese geistigen und militärischen Auseinanersetzungen produzierten das offizielle theologische Mantra: Jesus war ganz und gar Mensch und zugleich Sohn Gottes. Wie man sich dies genau vorzustellen hat, konnte man weder damals noch kann man dies bis heute in irgendeinem Sinne rational aufhellen. Daher musste der Glaube herhalten, eingefordert von einer Institution, die sich gegen jegliche Kritik immunisert hatte, dem Papsttum.

Während also sehr viele Argumente gegen diese monopolisierte autoritäre Machtstruktur sprechen, beruft sich dasjenige Argument, das — ich nenne es mal das ‚Mantra der Macht‘ — immer wieder zur Rechtfertigung dieser unsinnigen Struktur bemüht wird, darauf, dass es gerade diese monopolartige Machtstruktur war, die die Kirche über all die Zeiten hin ‚bewahrt‘ hat; und nicht nur das — und das grenzt für mich an Blasphemie — man sieht in dieser Existenz durch alle Zeiten hindurch einen Hinweis auf den ‚göttlichen Charakter‘ dieser Institution.

Es ist eine Aufgabe der wissenschaftlichen Historiker, das Geflecht an Faktoren zu analysieren, die letztlich die bisherige institutionelle Existenz der katholischen Kirche ermöglicht haben (und es gibt nicht wenige Historiker, auch christliche und gar katholische Historiker, die den Gang der Dinge sehr kritisch sehen). Vor allem, sieht man einmal von der reinen Macht ab, widerspricht der theologische Gehalt der offiziellen katholischen Lehre krass ihren eigenen Quellen, widerspricht allen modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, und sowohl die Lehre, wie auch die Institution verhindert täglich massiv, dass sich neue Erkenntnisse und menschenfreundliche Praktiken ausbilden können.

Natürlich kann man Teile der Kritik, die ich hier ansatzweise äußere, auch auf andere Religionen anwenden, aber hier geht es mir darum, die Pseudowahrheit des katholischen Monolithen zumindest anzusprechen, denn, die Nicht-Katholiken kümmern sich nicht darum; ihnen ist das egal, und diejenigen, die sich noch Katholiken nennen, haben eine antrainierte Beißhemmung, weil das Mantra der Macht jedem Gläubigen (wie auch in anderen Religionen!) so tief eingeprägt wurde, dass niemand sich traut, wirklich etwas zu sagen oder zu tun, weil man dann glaubt, man würde gegen ‚Gott‘ handeln. Mit ‚Gott‘ hat aber die Institution katholische Kirche nun wirklich nichts zu tun. Für mich verkörpert diese Institution eine Form von praktischem Atheismus. Die einzelnen Gläubigen mögen vielleicht tatsächlich an Gott glauben (darüber zu urteilen steht niemand anderem zu, mir auch nicht), aber die Institution, so wie sie sich offiziell definiert und so, wie sie offiziell agiert, das hat mit Gott nach meinem Verständnis nichts zu tun; diese Institution verhindert eher einen Zugang zu Gott.

AUFKLÄRUNG UND DEMOKRATIE

Die Entstehung der Aufklärung und der Demokratie verlief lange in erbittertem Widerstand zur katholischen Kirche, da die Kircher als gesellschaftsmächtige Institution nicht nur den innerkirchlichen Glauben zu kontrollieren versuchte, sondern alles, auch die weltliche Gesellschaft. Im Gegensatz zum weitverbreiteten Klischee vom christlichen Abendland, das mit Bildung identifiziert wird, war die historische Realität eine deutlich andere: Heilkunst und Medizin waren durch die Kirche geächtet, Bildung gab es nur für Kleriker und nur mit stark selektierten kirchennahen Themen, Wissenschaft war obsolet. Parallel zeigte die damalige islamische Kultur (nicht zu vergleichen mit dem heutigen Islam!) eine massive breite Unterstützung von Schulen für alle, Krankenhäuser für alle, Bejahung von Medizin(kunst), hatte große Bibliotheken mit hundert Tausenden von Büchern zu allen Themen, die es gab (es war eine Ehre, für einen Muslim, Übersetzungen fremden Wissens zu fördern). Nur durch die breite Übersetzung der griechischen Philosophie und Wissenschaft ins Arabische kamen diese Texte später über den Umweg über (das damalige islamische) Spanien wieder nach Europa, wo sie ins Lateinische übersetzt wurden, und dadurch bei den Theologen eine Art Denkrevolution ausgelöst hat.

Aus der Aufklärung entwickelte sich gegen die damaligen autoritären und menschenverachtenden Strukturen (die katholische Kirche gehörte zu diesen autoritären und menschenverachtenden Strukturen!) neue Konzepte von Macht und Menschenrechten. Durch verschiedene Metamorphosen (Frankreich, Nordamerika, Europa, … Vereinte Nationen nach zwei verheerenden Weltkriegen) entstand die Deutsche Demokratie, in der die neuen Grundwerte die Frucht dieser Kämpfe aus vielen Jahrhunderten waren. Dass eine moderne Demokratie den alten menschenverachtenden autoritären religösen Traditionen Religionsfreiheit gewährt, ist nicht unbedingt selbstverständlich, um so weniger, als diese religiösen Institutionen ihr völlig inakzeptables Wahrheits- und Machtverständnis im Schutze der Demoktatie dazu benutzen dürfen, die Grundlagen von Wissenschaft und Demokratie dadurch in Frage zu stellen, dass ein Weltbild vermittelt wird, das verhindert, dass die ‚Offenbarung des Lebens‘ als solche überhaupt zur Kenntnis genommen werden kann.

Religionsfreiheit ist eine großartige Errungenschaft moderner demokratischer Gesellschaften; sie stellt ein sehr hohes Rechtsgut dar. Es wäre aber fatal, aufgrund der Religionsfreiheit den grundlegenden Wahrheitsanspruch einer menschlichen Gesellschaft abzuschwächen oder gar durch Tabuisierungen in Frage zu stellen. Damit würde sich eine Demokratie über die Hintertreppe selbst entsorgen!

Fragt sich nur, wie die Anforderung der Wahrheit unter Wahrung von Religionsfreiheit praktiziert werden kann bzw. muss?

Folgende Erfahrung hat mich vor einigen Jahren geschockt: ausnahmsweise fuhr ich zu einer bundesweiten Veranstaltung einer bekannten politischen Partei in Deutschland (sie fand statt in einem Landtagsgebäude). Es ging um die Frage der Religionsfreiheit. In der Veranstaltung stellte ich fest, dass alle offiziellen Redner irgendwelchen religiösen Vereinigungen angehörten, während die ’nicht-religiösen‘ Vertreter — die sogenannten Säkularen — keine offiziellen Rederechte hatten! Gefragt, warum dies so sei, kam die prompte Antwort von den religiösen Vertretern, die Säkularen hätten sich halt nicht organisiert…. Demokratie geht eigentlich ein bisschen anders … und, wie weit ist unsere säkularisierte Demokratie, wenn die Überwindung des engen religiösen Denkens ‚unmodern‘ ist, sich rechtfertigen muss, während die religiösen Institutionen (obwohl statistisch mittlerweile Minderheiten) mit dem Geld der Bürger ihre privaten Anschauungen finanzieren?

PACKEN WIR ES NEU AN?

Begründete Kritik zu üben ist zwar nicht ganz einfach, aber da viele, sehr viele Menschen ihre grundlegende Hoffnung auf das Leben, in Richtung eines umfassenden, tieferen Sinns noch immer mit diesen gewordenen Strukturen verknüpfen, kann die eben geäußerte Kritik für manche wie ein Angriff auf ihre persönlichen Sinnhorizonte wirken. Das aber ist nicht Sinn dieser Kritik. Im Gegenteil, gerade unter Bejahung der menschlichen Sinnsuche erweist sich die Notwendigkeit einer kritischen Betrachtungsweise, um dem angeborenen Sinnbedürfnis den Raum, und die Gegenstände zugänglich zu machen, die für ein umfassendes Verständnis des Lebens im bekannten Universum notwendig sind. Leider ist das Bild vom Leben im Universum selbst von den Wissenschaften bislang sehr ungenügend entwickelt. Das alte Bild des Menschen wurde zwar wissenschaftlich weitgehend pulverisiert, aber eine neue Synthese lässt noch auf sich warten … in Ermangelung eines solchen Bildes alte, unangemessene Bilder hoch zuhalten, nur weil ein ‚Vakuum‘ so unbeliebt ist, kann und darf nicht die letzte Antwort sein. Bislang hat Verweigerung von Wahrheit in der Geschichte immer zum Scheitern geführt. 2000, 3000 Jahre spielen da keine Rolle. … nun ja, vielleicht ist eine sich wiederholende Kritik die berühmte Glut in der Asche, die jederzeit zu einem neuen Feuer aufflammen kann.

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

WENN ZUKUNFT ANDERS IST ALS DU WILLST, DASS SIE IST. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Sa 21.Dezember 2019 (Leichte Korrekturen: 13:50h)

KONTEXT: Zukunft wo?

In diesem Blog gab es schon viele Beiträge, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob und wie wir überhaupt so etwas wie ‚Zukunft‘ erkennen können. Grundsätzlich können wir Zukunft überhaupt nicht erkennen, da Zukunft — anders als Gegenwart und Vergangenheit — nicht als etwas Reales vorkommt. Zukunft existiert nicht als ein reales Objekt; man kann nicht auf sie zeigen, man kann sie nicht ‚riechen‘, ’nicht schmecken‘ …. Zukunft fristet ein verborgenes Dasein in unserem Denken, das da irgendwo in unserem Gehirn stattfindet, das wiederum in unserem Körper eingebettet ist, verborgen von der Außenwelt, damit geschützt. Der Körper bildet ein Ökosystem für das Gehirn. Ohne diesen Körper wäre es nicht lebensfähig. Und darin irgendwie, irgendwo findet das statt, was wir Bewusstsein nennen. Ein schwieriger Begriff. Bis heute weder von Philosophen noch Psychologen noch Neurowissenschaftlern ausreichend definiert, beschrieben, vermessen. Hier, im Bewusstsein, dem schwer Fassbaren, zeigt sich ein Fragment unserer körperlichen Wirklichkeit, zeigen sich die Fragmente unseres Wissens von der Körperwelt.

LEUCHTSPUR DES LEBENS

Wie schon mehrfach im Blog beschrieben, war Kant einer der ersten Philosophen, der das Eingebettet sein des Bewusstseins in übergreifende Strukturen deutlich thematisiert hat (andere Texte, wie z.B. Platons Höhlengleichnis, kann man irgendwie auch so interpretieren, aber doch eher sehr metaphorisch), und es waren Konrad Lorenz und dann viele andere moderne Erkenntnistheoretiker, die den Zusammenhang von Bewusstsein – Gehirn – Körper weiter gedacht haben bis dahin, dass man das Phänomen homo sapiens = Mensch eingereiht hat in den Gestaltenwandel aller Lebensformen, vom vermessbaren Anfangspunkt vor ca. 3.5 Mrd. Jahren bis heute.

BASTELWERKSTATT GEHIRN

Einerseits ist das Gehirn trotz einer Wissenschaft vom Gehirn (meist ‚Neurowissenschaft‘ genannt) weiterhin mehr unbekannt als bekannt. Aus den mittlerweile sicher mehr als viele tausend Artikeln und Büchern zum Gehirn und Bewusstsein gibt es ein paar Themen, die sich durchhalten, ohne dass man sagen kann, sie erklären die Phänomene vollständig. Dazu gehört die Fähigkeit, die Wahrnehmungen der jeweiligen Gegenwart auf spezifische Weise zu ’speichern‘, sie mit späteren Wahrnehmungen ‚zu verrechnen‘, und im Raum dieser Wahrnehmungen und ‚Erinnerungen‘ Muster, Regelmäßigkeiten entdecken zu können. Mittels dieser entdeckten Muster kann unser ‚Denken‘ — das wir bis heute kaum verstehen — dann diese Muster in mögliche andere gedachte ‚Muster‘ verwandeln, in viel komplexere ‚Modelle‘ zusammenbauen, die wir dann als ‚gedachte Suchmuster‘ in die erkennbare Gegenwart zurück ‚projizieren‘ können. Diese ‚gedachten Modelle‘ stellen relativ zur gegebenen Realität der Körper ‚mögliche alternative Zustände‘ dar, die — falls die gedachten Modelle die Wirklichkeit repräsentieren — das repräsentieren, was wir Zukunft nennen.

Die Geschichte des Denkens und dann der späteren modernen empirischen Wissenschaften zeigt, dass praktisch niemand, nicht einmal die empirischen Wissenschaften, bislang in der Lage war und ist, die tatsächlich sich ereignende Realität auch nur annähernd voraus zu sagen. Selbst die physikalische Zukunft des Universums ist gedanklich nicht völlig geklärt.

ENTDECKEN DURCH HERUMPROBIEREN

Bei der Rekonstruktion der Lebensspur aus dem Dunkel der Vergangenheit konzentrieren sich die beteiligten empirischen Wissenschaften verständlicherweise zunächst mal auf das Greifbare, Messbare. Aus einer Unsumme an Einzelaspekten versuchen sie dann, ein Gesamtbild zusammen zu setzen, das ‚für uns‘ einen gewissen ‚Sinn‘ ergibt. Durch die Aufsplittung in viele einzelne wissenschaftliche Perspektiven kommt eine Vielzahl von Aspekten ans Licht, die nicht notwendigerweise harmonieren oder gar von vornherein eine alles übergreifende Linie erkennen lassen. Dies ist in gewisser Weise unvermeidbar und notwendig. Im wissenschaftlichen Rekonstruktionsprozess sollte man nicht zu schnell im Vornherein festlegen, was ‚erkannt werden soll‘, sondern erst einmal darauf einlassen, ‚was sich zeigt‘ (ein Grundsatz auch der phänomenologischen Philosophie bzw. letztlich aller wahren Philosophie). Andererseits können wir aber nur ‚erkennen‘, wenn wir die vielen Details in mögliche Beziehungen einordnen. Das Denken kann nur durch ‚Gedankenspiele‘ im ‚Raum möglicher Beziehungen‘ jene ‚Teilmengen‘ entdecken, die nicht nur ‚denkbar‘ sind, sondern darüber hinaus auch mit der Eigengesetzlichkeit der Körperwelt ‚harmonieren‘, sie ‚widerspiegeln‘, die Eigengesetzlichkeit der Welt repräsentieren, zumindest minimal, soweit, dass man damit ansatzweise Prognosen erstellen kann, Voraussagen über die möglichen Ereignisse in der Körperwelt.

EVOLUTIONÄRE LOGIK

Wie schon öfters in diesem Blog beschrieben, ist diese innere Logik unseres menschlichen Denkens in dieser spezifischen Ausprägung zwar neu, aber nicht ganz neu. Das Leben auf dieser Erde, das BIOM, wie ich es nenne, arbeitet seit 3.5 Mrd. Jahren nach diesem Muster. Seitdem die ersten Zellen auf diesem Planeten existieren — Milliardenfach, Billionenfach –, repräsentieren sie mehrere Prinzipien gleichzeitig, das, was wir evolutionäre Logik nennen können: (i) grundsätzlich können sie sich reproduzieren; (ii) durch die Fähigkeit Moleküle zu bauen, die andere Moleküle als Handlungsanweisung interpretieren können, können sie partiell bisher erfolgreiche Strukturen in die Reproduktion einfließen lassen; (iii) durch die Tatsache, dass die Reproduktion nicht 1:1 stattfindet, sondern sich auf vielfache Weise verändert, erscheint der Fortgang des Prozesses als ein innovativer, kreativer Prozess. In diesem nicht-deterministischem Charakter der Reproduktion werden in jeder Generation von neuen Zellen Teilräume aus dem Gesamtraum der möglichen Zustände aktiviert, deren Überlebenswert im Moment der Auswahl unklar ist, unbekannt. Die nachträgliche Rekonstruktion des Lebens im Rahmen der Evolutionsbiologie und vieler kooperierender Disziplinen enthüllt uns, dass es genau diese Fähigkeit zur Innovation unter Unwissenheit war — und ist? — die das Leben mitten in einer hochdynamischen Umgebung des Planeten Erde mit immer wieder absolut lebensfeindlichen, chaotischen Zuständen im Spiel gehalten hat. Es gibt aber noch zwei weitere Eigenschaften, die fundamental sind: (iv) die Fähigkeit, zu kommunizieren, und (v) die Fähigkeit, zu kooperieren bis hin zur Fähigkeit einer Integration vieler selbständiger Elemente zu einer neuen, symbiotischen Funktionseinheit, die ’nach außen‘ als ein System auftritt, nach innen aber geradezu galaktische Dimension an beteiligten autonomen Akteuren aufweist.

Alle fünf Eigenschaften sind fundamental, aber die vierte und fünfte erweisen sich als jene Faktoren, die zu einer geradezu unfassbaren Komplexitätssteigerung auf dem Planeten Erde geführt haben. Zur Erinnerung: ein menschlicher Körper repräsentiert etwa 120 Galaxien im Format der Milchstraße an Zellen. Zugleich legen Schätzungen nahe, dass es auf der Erde um ein Vielfaches mehr einzellige Lebewesen gibt als Sterne im bekannten Universum. Dies bedeutet, die Erde als scheinbares Nichts in den unendlichen Weiten des Universums ist dennoch der Ort, an dem sich eine Komplexität gebildet hat, die um ein Vielfaches größer ist als das umgebende Universum.

Kennen Sie irgendeinen Menschen in ihrer Umgebung, dem dies bewusst ist?

Kennen Sie irgendeine Publikation, in der diese Sachverhalte ernsthaft diskutiert werden?

Irgendwie haben wir Menschen eine Art ‚blinden Fleck‘, was die Besonderheit von uns selbst betrifft. Zwar hatten die Menschen Jahrtausende ein Gefühl der Besonderheit des Menschen, aber diese Besonderheit hat den Menschen vom Rest der Welt, der Wirklichkeit ‚abgesondert‘ und damit eine wahre, tiefere Erkenntnis verhindert. Als Teil des ganzen BIOMs kommt den Menschen eine besondere Rolle zu, nicht aber als abgesondertes Monster.

… ANDERS ALS WIR DENKEN

Betrachtet man die Kulturgeschichte der letzten ca. 10.000 Jahre, dann ist kaum zu übersehen, dass die Menschen nicht nur dazu tendieren, sich zu vermehren, sondern zugleich auch ihre Lebensweise zu verdichten. Immer wieder brechen sogenannte Großreiche, weil sie es nicht schaffen, die Anforderungen der selbst geschaffenen Komplexität konstant und ausreichend zu bedienen, oder weil die umgebenden Natur durch außergewöhnliche Ereignisse (Vulkanausbruch, Asteroidenabsturz, …) oder durch das Klima die Lebensbedingungen dramatisch verändert bzw. verschlechtert hat. Ganze Reiche, damals ‚Weltreiche‘, sind plötzlich in sich zusammen gebrochen, implodiert; andere haben ihre Stelle eingenommen. Zu keiner Zeit hatten die jeweils Verantwortlichen vorausgesehen, was kommen würde.

Heute erleben wir mehrere Megatrends parallel. (i) Die Vermehrung des homo sapiens schreitet voran und beansprucht den gesamten Planeten; (ii) Die Versuche einer globalen politischen Versöhnung im Konstrukt der Vereinten Nationen wird mehr denn je wieder von separatistischen, nationalistischen Strömungen konterkariert; (iii) die wirtschaftlich getriebene Globalisierung macht die Starken stärker und die Schwachen schwächer; außerdem erodiert sie nationale politische Strukturen; die Faktoren (i) – (iii) zusammen verursachen einen mehr und mehr selbstzerstörerischen Resourcenverbrauch, der begleitet wird von einer globalen Zerstörung des Leben-ermöglichenden BIOMS; zugleich wird die Natur selbst, insbesondere das komplexe und sensible Klimasystem, nachweisbar so gestört, dass die Veränderungen das gewohnte Leben schon jetzt dramatisch bedrohen, und das sind nur die Vorboten von viel dramatischeren Wirkungen. Anschauliche Beispiele gibt es dazu aus der Vergangenheit zur Genüge. Diese kommenden Klimaereignisse werden nicht nur — wie die UN schon vorgerechnet hat — Migrationswellen von 25 und mehr Prozent der Weltbevölkerung annehmen, es wird uns alle betreffen, egal wo, und es wird um das nackte Überleben gehen. Darauf ist niemand vorbereitet.

ZWITTER DIGITALISIERUNG

Was wir erleben ist, dass die Digitalisierung schon jetzt alle Lebensbereiche durchdrungen hat und durch unser alltägliches Handeln über unsere Wahrnehmung schon lange in unser Bewusstsein, in unser Denken eingewandert ist. Die junge Generation kennt schon gar nichts anderes mehr. Sie kann gar nicht anders als zu fühlen und zu denken, dass die Welt so ist, wie sie sich ihr darbietet.

Darüber kann man viel diskutieren, lamentieren, beschwören oder — was die Industrie und Politik zur Zeit bevorzugen — zu Lobpreisen, Hoffnungen zu schüren, goldene Zukünfte zu versprechen. Beides führt uns nicht weiter. Für das Überleben auf diesem Planeten brauchen wir radikale Wahrheiten und — ja, tatsächlich — globale Lösungen.

In diesem Zusammenhang gibt es einen potentiellen Verbündeten für die Zukunft, den so bislang — scheint mir — niemand auf der Rechnung hat.

Der enorme Druck, der wirtschaftlich — und auch politische — ausgeübt wird, immer mehr zu vernetzen, zeigt mittlerweile ein Phänomen, das bislang keiner so recht will: aus rein technischen Gründen ist kein einziges technisches System, das in ein Netzwerk eingebunden ist, wirklich ’sicher‘. Auch ohne Quantencomputer können alle heute benutzen Codes schon mit normalen Rechner in einer praktikablen Zeit entschlüsselt werden und dies wird auch in der Zukunft so sein, da jedes Verschlüsselungsverfahren, das technisch möglich ist, mit der gleichen Technologie auch entschlüsselt werden kann … und dabei ist die Verschlüsselung ja nur ein Moment der Abschottung, die durch viele andere Faktoren verletzt werden kann.

Aus diesem Sachverhalt folgt die Einsicht, dass die Technologie der Zukunft eine Technologie sein muss, die von allen gemeinsam genutzt wird. Separatismus, Nationalismus sind altertümliche Konzepte, die in der Zukunft nicht mehr funktionieren werden. Damit zeigt sich in der technologischen Entwicklung — die Teil der Evolution ist! –, das, was das BIOM schon längst vorlebt: lebensfähig sind nur jene Systeme, die sich in einem trans-galaktischen Maßstab vernetzen können und darin als eine Einheit auftreten.

Die Aufblähung der Sonne ist zwar für unsere menschliche Zeiterfahrung noch ein bisschen weit in der Zukunft (wobei aber auch andere Ereignisse eintreten können, die das Leben auf der Erde kurzerhand auslöschen würden), aber klar ist, dass das Leben auf der Erde nicht dazu gedacht ist, die Eitelkeiten von narzisstischen Machtpolitikern oder die abstrusen Weltbilder von Fundamentalisten zu bedienen, sondern das Leben als ganzes, eben als BIOM, muss seinen Ort im Universum neu bestimmen. Auch wenn wir uns heute das überhaupt nicht vorzustellen vermögen, die gesamte Evolutionslogik hat nur eine Botschaft: das gesamte BIOM mit dem homo sapiens als zentralem Akteur muss als Einheit sich im Universum neu positionieren. Die sogenannten regenerierbaren Energien sind mit Blick auf die Beeinflussung des CO2-Faktors in unserer planetarischen Klimamaschine zwar bis zu einem gewissen Grade sinnvoll, aber nur bis zu einem gewissen Grade. Sobald der Klimawandel anfängt, in seine kritische Phase überzugehen — was faktisch passieren wird — werden Wasser und Luft nicht mehr funktionieren, Sonne unter Vorbehalt. Die Bedingungen auf der Oberfläche des Planeten Erde werden so ungemütlich werden, dass viele heute vertraute Versorgungsstrukturen einfach nicht mehr funktionieren können.

WAHRHEIT IST MEHR ALS MAINSTREAM

Ich bin mir bewusst, dass solche Gedanken aktuell nichts bewirken werden. Der nationale Egoismus der aktuellen Staaten ist zu groß, als dass ein wirklich nachhaltiges Denken und Handeln stattfinden wird. Wir sind für ein Denken über die Zukunft nicht wirklich geschaffen, obwohl der homo sapiens bislang die einzige Lebensform ist, die grundsätzlich über diese Fähigkeit verfügt. Aus meiner Sicht haben wir deswegen für das gesamte BIOM eine Verantwortung… narzisstische Machtpolitiker (und viele Kapitaleigner) wissen aber nicht, was das ist. Sie sehen nur sich selbst …

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

BRAUCHT VIRTUALITÄT REALITÄT? Selbstvernichtung kennt viele Gesichter … Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

So 15.Dezember 2019

Änderung: 15.12.2019, 14:30h im Text.

Alte Version hier als PDF:

KONTEXT

Das Thema in diesem Beitrag kam in der einen oder anderen Weise auch in vorausgehenden Beiträgen schon mehrfach zur Sprache. In diesem Beitrag versucht der Autor dieses Textes eine thematische Zuspitzung am Beispiel der empirischen Wissenschaften, die in dieser Weise in diesem Blog so noch nicht vorkam. Zwischen den heutigen Extremen von allgemeinem Wissenschafts-Bashing auf der einen, und einer eher kritiklose Überhöhung der Wissenschaften auf der anderen Seite möchte dieser Beitrag verdeutlichen, dass der modernen empirischen Wissenschaft eine evolutionäre Schlüsselrolle zukommt. Aus dieser postulierten Notwendigkeit folgt aber kein Automatismus für eine gesellschaftlich angemessene Umsetzung von empirischer Wissenschaft.

VIRTUELLE WELTEN ALS INNOVATION

Mit der Verbreitung der Computertechnologie seit den 1950iger Jahren wurde es zunehmend möglich, mit Computern erzeugte Bilder und Sounds so gut zu berechnen, dass es für das sinnliche Wahrnehmungsvermögen des Menschen immer schwerer wird, die so künstlich erzeugten computerbasierten Ereignisse von der realen Körperwelt zu unterscheiden. Nach einem 3/4 Jahrhundert Entwicklung muss man feststellen, dass die junge Generation diese computergestützten virtuellen Ereignisse schon so ’normal‘ ansieht wie die reale Welt ihrer Körper. Es entsteht der Eindruck, dass die reale Welt der Körper und die Interaktion dieser Körper mit der ‚realen‘ Welt im heutigen Weltbild immer weniger Bedeutung einnimmt bis dahin, dass die reale Welt eher als ‚das Fremde‘ erscheint und die computergestützte ‚virtuelle Welt‘ als das primär Vertraute, und damit scheinbar zur ’neuen Realität‘ wird.

VERKEHRTE WELT

Macht man sich bewusst, dass es seit der Existenz erster biologischer Zellen vor ca. 3.5 Mrd. Jahren mindestens 2.9 Mrd. Jahre gebraucht hat, bis vielzellige Tiere aufgetreten sind, und von da ab hat es bis ca. vor 600.000 Jahren gebraucht, bis die Lebensform des homo sapiens ins Geschehen eingriff. Der homo sapiens — der moderne Mensch, wir — zeigt erstmals nicht nur Bewusstsein, sondern im weiteren Verlauf auch ein symbolisches Sprachvermögen.

Innerhalb der Entwicklung des homo sapiens ist es erst innerhalb der letzten 100 Jahre gelungen, durch moderne Evolutionsbiologie, Psychologie und Physiologie herauszufinden, dass es das Gehirn des Menschen ist, das alle Signale von den Sinnesorganen — sowohl der äußeren wie der inneren — einsammelt und daraus in Zeitintervallen von ca. 50 – 500 Millisekunden jeweils ein aktuelles Lagebild zu errechnen, das uns Menschen dann über unser Bewusstsein als ein virtuelles Bild der uns umgebenden realen Körperwelt zur Verfügung steht. Der Clou an dieser Konstruktion ist, dass wir dieses virtuelle Bild der realen Welt als ‚reales Bild‘ nehmen. Außer einige Philosophen in den letzten ca. 3000 Jahren kommt kein Mensch — nicht einmal in der Gegenwart — auf die Idee, sein vermeintlich reales Bild der Welt als ein virtuelles Bild der realen Welt anzusehen.

WISSENSCHAFT ALS EVOLUTIONÄRES EREIGNIS

Wer sich auf eine Reise in die Geschichte der Ideen begibt kann feststellen, dass die Menschen in der Vergangenheit sehr wohl einen Sinn für Realität ausprägen konnten. In allen Bereichen, in denen es ums Überleben geht (Reisen in unbekanntem Gelände, Landwirtschaft, Kriege, technische Konstruktionen, …) bildeten sich Verhaltensweisen und Anschauungen heraus, in denen der Bezug zu bestimmten Eigenschaften der realen Körperwelt charakteristisch waren: Sternbilder für die Reise, Jahreszeiten für die Planung in der Landwirtschaft, Materialeigenschaften für Waffen im Krieg und für Bauten, …

Aber erst vor ca. 400 Jahren begann mit Galileo Galilei und einigen seiner Zeitgenossen das, was wir heute moderne empirische Wissenschaft nennen. Es dauerte mehr als ca. 200 Jahre bis sich das Paradigma ‚moderne empirische Wissenschaft‘ sowohl in den Bildungseinrichtungen wie auch in der ganzen Gesellschaft einigermaßen verankern konnte. Doch ist die Verbreitung von empirischer Wissenschaft bis heute nicht umfassend und vollständig, ja, es gibt Anzeichen, die den Eindruck erwecken, als ob die moderne empirische Wissenschaft in vielen Bereichen wieder zurück gedrängt wird. Der Ausdruck ‚fake news‘ ist in der digitalisierten Welt zu einem Massenphänomen geworden, das sich immer weiter ausbreitet; eine Art mentaler Virus, der immer weiter um sich greift.

Diese Entwicklung ist bizarr und gefährlich. Es hat die gesamte bisherige Entwicklungszeit des biologischen Lebens auf der Erde gebraucht hat, bis das Leben auf dieser Erde die Fähigkeit zur empirischen Wissenschaft erreicht hat, um damit den ‚Bann‘ der körperinneren Virtualität zu durchbrechen um das Innere am Äußeren zu orientieren.

Dazu kommt die erst kürzliche Nutzung der Computertechnologie, die strukturell in jeder biologischen Zelle seit 3.5 Mrd. Jahren am Werke ist. Die mögliche Symbiose von Mensch und Computertechnologie markiert das größte und wichtigste Ereignis zum möglichen Überleben des Lebens nicht nur auf der Erde, sondern im ganzen bekannten Universum. Denn die Erde wird spätestens mit der fusionsbedingten Aufblähung der Sonne in ca. 0.9 Mrd. Jahren einen Temperaturanstieg erleben, der Leben auf der Erde schrittweise unmöglich machen wird. Nur im Zusammenwirken aller Lebensformen — und hier mit der besonderen Rolle des homo sapiens — kann das Leben im Universum eventuell überleben.

ALLTAG

Bislang hat man aber nicht den Eindruck, dass sich der homo sapiens seiner wichtigen Rolle für das gesamte Leben bewusst ist. Bislang demonstriert der homo sapiens eine große Verachtung für das Leben, verbraucht planlos wichtige Ressourcen, zerstört immer massiver das gesamte Ökosystem, dessen Funktionieren seine eigene Lebensbasis ist, und bekriegt sich untereinander. Die aktuellen politischen Systeme erwecken bislang nicht den Eindruck, als ob sie den aktuellen Herausforderungen gewachsen sind.

Die noch funktionierende Wissenschaft muss feststellen, dass politische Macht nicht automatisch wissenschaftliche Erkenntnisse übernimmt. Die politischen Systeme denken in kurzfristigen Zeiträumen, gewichten Tagesinteressen höher als langfristige Entwicklungen, und lassen weitgehend ein adäquates Verstehen vermissen. Das adäquate Verstehen ist — so scheint es — kein Automatismus.

WISSENSCHAFTS-ÖKOSYSTEM

Es braucht ein Ökosystem der besonderen Art, um gesellschaftliche Erkenntnisprozess kontinuierlich möglich zu machen. Wie lernt man dies, wenn es dafür keine Ausbilder gibt, weil der Sachverhalt neu ist?

Greifbar ist, dass die Förderung ausschließlich von Einzelwissenschaften nicht ausreichend ist, um das mögliche Zusammenwirken von mehreren Einzelwissenschaften in komplexen Problemstellungen zu fördern. Dazu bedarf es begriffliche und methodische Reflexionen in der Breite, kontinuierlich verankert in jeder Disziplin, und dennoch verknüpft in einem übergreifenden Verbund. In früheren Zeiten hatte dies die Philosophie geleistet. Neuer Ansätze wie die Wissenschaftsphilosophie haben bislang nirgends den Eingang in den alltäglichen Wissenschaftsbetrieb gefunden.

So gesehen vermehrt sich ständig die Anzahl der aufspielenden Einzelwissenschaften, aber für eine notwendige Gesamtschau fehlen die begrifflichen Dramaturgen. Wo sollen diese herkommen? Das moderne Wissenschaftssystem hat diese nicht vorgesehen und treibt damit freiwillig in eine Komplexität, die sie mehr und mehr von der sie ermöglichenden Gesellschaft abkoppelt. Eine wunderbare Zeit für ‚fake news‘, da ihnen keine öffentlich vermittelte Rationalität entgegen wirkt.

ÄUSSERES AM INNEREN MESSEN

Neben der gefährlichen Desintegration der vielen Einzelwissenschaften tragen die modernen empirischen Wissenschaften ein weiteres Defizit mit sich herum, das langfristig mindestens genauso gefährlich ist: die Ausklammerung der Innerlichkeit des Menschen. Die Erschließung der empirischen Realität für den Erkenntnisprozess war ein entscheidender Schritt als Gegengewicht zu der extrem schwer zu verstehenden inneren Erfahrung des Menschen in seinem Bewusstsein sowie deren Interaktion mit dem gesamten Gehirn und Körper. Aus der anfänglichen Schwierigkeit der empirischen Wissenschaften, das Innere des Menschen zu vermessen, folgt aber nicht notwendigerweise, dass das Innere deshalb grundsätzlich unwichtig oder unwissenschaftlich sei. Die mehr als 3000 Jahre feststellbaren spirituellen Traditionen quer in allen menschlichen Kulturen bilden starke Indikatoren, dass die vielfältigen inneren Erfahrungen für das Lebensgefühl und den Zustand eines menschlichen Lebens von großer Bedeutung sein können bzw. sind.

Unterstützt von einer neuen Querschnittwissenschaft zur Reflexion auf Wissenschaft und möglichen Integrationen von bislang getrennten einzelnen Disziplinen sollte entsprechend auch der Gegenstandsbereich der empirischen Wissenschaften in Richtung auf die inneren Zustände des Menschen radikal ausgeweitet werden. Im Rahmen der Bedeutungsfelder von Meditation, Spiritualität und Mystik gibt es viele starke Indikatoren für eine den einzelnen Menschen übersteigende Perspektive, die die Vielheit und Vielfalt des biologischen Lebens in möglicherweise in neuer Weise von innen her erschließen kann. Die bisherige Quantenmechanik erscheint in diesem Kontext nicht als ein Endpunkt sondern eher als ein Startpunkt, das Ganze nochmals von vorne neu zu denken.

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

GRENZEN IM KOPF VERFLÜSSIGEN? Eine unterschätzte Methode

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

5.November 2019 (Aktualisierung: 14.Nov.2019, Aktualisierung: 24.Nov.2019)

KONTEXT

In diesem Blog wurde das Thema ‚Grenzen im Kopf‘ schon in vielen Beiträgen angesprochen. Unsere Zeit liefert Beispiele ohne Ende dafür, wie Menschen sich gegenseitig ausgrenzen, verteufeln und sich selbst gedanklich einsperren. Eine These des Blogs war dann, dass diese Phänomene nicht speziell sind, nicht nur in unserer Zeit auftreten, sondern dass der Mensch so gebaut ist, dass er gefasste Meinungen, erreichte Bilder in seinem Kopf tendenziell ‚hoch hält‘ und sie gegen andere Eindrücke und Meinungen erst mal verteidigt (Ein Titel war mal: ‚Populismus ist angeboren‘). Die Mechanismen im Alltag unterstützen eine solche Haltung in vielfacher Weise und sich davon zu befreien ist sehr anstrengend, sehr frustrierend, wird gesellschaftlich eher nicht belohnt.

Gerade vor solch einem Hintergrund kann die Frage spannend sein, welche Mittel es dennoch gibt, geben kann, um dieser Verfestigung der Barrieren im Kopf entgegen zu arbeiten. Der Verfasser dieser Zeilen hat aufgrund verschiedener Umstände zu diesem Thema das alte Instrument des Planspiels neu entdeckt, neu verstehen gelernt.

Nach vielen Jahren von Analysen unterschiedlichster Kontexte und Methoden zeigte sich, dass das zentrale Probleme zwischen verschiedenen Menschen in komplexen Prozessen darin besteht, wie sie gemeinsam diese Prozesse und ihre eigenen Rollen darin verstehen lernen und dadurch auch eine gemeinsame Sprache finden, mit der sie sich darüber austauschen können. Wichtig dabei ist, dass sie nicht nur einfach ein vorgegebenes Spiel spielen — was allerdings nicht ganz wertlos ist –, sondern dass sie anhand einer Fragestellung ihre verschiedenen Erfahrungen ‚auf den Tisch‘ legen, daraus gemeinsam ein Modell mit möglichen Veränderungen (= Planspiel) bauen, und dieses gemeinsam auch durch zuspielen, um zu erleben, was dann passiert, wie es sich anfühlt, wie der einzelne reagiert, und darüber gemeinsam zu reden. Nur so kann eine gemeinsame Sprache zu komplexen Prozessen entstehen, nur so ein neues Verständnis für die Zusammenhänge, nur so das nötige Vertrauen, um hinter der Oberfläche einer Person den Mitmenschen ein wenig entdecken zu können. Dies kann Grenzen niederreißen und neues Handeln ermöglichen.

DOKUMENT (als PDF)

Version v1-2 ist eine Aktualisierung

Version v1-1 ist eine Aktualisierung

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Philosophie des Ganzen. Notiz Version 1.0

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de
3.November 2019

KONTEXT

Im Anschluss an die Überlegungen zum vorausgehenden Post ’Kann
Mystik rational sein?
’ soll hier dieser Gedankengang wieder aufgegriffen
und zu einem umfassenden Konzept einer Philosophie des Lebens ausformuliert werden. Hier eine erste Skizze, im weiteren Verlauf dann mehr.

INHALT

1 Ausgangspunkt nach letztem Post 1
2 Philosophie des Engineering 2
3 Philosophie des Lebens (BIOMs) 5
4 Wirklichkeit als Funktion? 6

DOKUMENT (als PDF)

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Zeit der Synthesen? Vortrag zu ‚Kann Mystik Rational sein?‘

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de
26.Oktober 2019

Korrektur 15.Dez.2019: Das PDF-Dokument vom Vortrag war falsch (5 statt 31 Seiten)

AKTUALISIERUNGEN

Audio-Live-Mitschnitt des Vortrags von Gerd Doeben-Henisch wurde am Ende des Blogeintrags eingefügt. Achtung: der gesprochene Vortrag war frei und gibt den Text unten nur zu 60% wieder.

Ein Radiofeature des Deutschlandfunks vom 31.Oktober 2019 in der Sendung um 20:10h berichtet von dem Kongress. Auf ein erstes Hören ein sehr schöner Bericht von Eva-Maria Götz. Wenn man die Entstehungsgeschichte des Kongresses kennt, dann fällt auf, dass von der Lehrveranstaltung, die seit 6 Semestern an der Hochschule gelebt wird, nichts gesagt wird, obgleich sie es ist, die bislang ein Buch und zwei Kongresse stimuliert hat und in der die Quadratur des Kreises versucht wird: Theoretisch und angewandt zu klären, was sich moderne Wissenchaft und jahrtausende alte Traditionen zu sagen haben. Von der anhaltenden Engführung der Spiritualitäts-Rezeption auf asiatische Traditionen sowie die Klischeehafte Verurteilung von moderner Wissenschaft und modernem wissenchaftlichen Weltbild durch eine spezielle Interpretation von ‚Geist‘ in den geisteswissenchaftlichen Strömungen hört man in dem Beitrag direkt auch nichts. Angesichts der Komplexität der aktuellen philosophischen, wissenschaftlichen und maditations-praktischen Lage sollte man sich aber freuen, dass überhaupt berichtet wurde.

Eine differenziete Auseinandersetzung mit allen Beiträgen des Kongresses kann erst dann stattfinden, wenn alle Beiträge in Buchform (ca. Frühsommer 2020, Beltz-Verlag) vorliegen werden. Dabei ist das Wort ‚Auseinandersetzen‘ als ein Moment an einem begriffichen Prozess zu sehen, der zwar im Denken der Beteiligten einen ‚Anfang‘ hat, aber mit dem Ende der Vorträge und der Diskussion niemals ein klares ‚Ende‘ besitzen wird. Es wird nur ein weiterer Moment in dem laufenden Prozess der begrifflichen Durchdringung von Wirklichkeit sein, an dem wir alle auf je unterschiedliche Weise beteiligt sind. Keiner der Beteiligten hat ‚für sich‘ die ‚wahre Sicht‘; wenn, dann ist die ‚wahre Sicht‘ eingewoben in all die vielen Teilbilder, deren ‚Integration‘ vermutlich noch einige Jahre, Jahrzehnte, …. auf sich wird warten lassen, falls sie überhaupt jemals zu einem ‚Ruhepunkt‘ kommen wird. Es ist eine interessante philosophische Frage, wie man solch einen ‚wahrheitserhaltenden Ruhepunkt‘ im ‚freien Denken‘ aller Beteiligten beschreiben kann. Wie weit kann ein einzelner einen solchen Ruhepunkt überhaupt erkennen, wenn er doch die Kenntnis von allen Standpunkten voraus setzt?

KONTEXT

Der folgende Text diente als Grundlage für einen Vortrag im Rahmen des Kongresses „Meditation und die Zukunft der Bildung 2019: Spiritualität und Wissenschaft“ der Frankfurt University of Applied Sciences (FRA-UAS). Es war der zweite Kongress dieser Art im Zusammenhang mit verschiedenen Aktivitäten der FRA-UAS, unter anderem einer Lehrveranstaltung ‚Meditation als kulturelle Praxis‘, die mittlerweile zum 6. Mal in Folge stattfindet.

FRAGESTELLUNG

In der aktuellen Welt kann man zwei divergierende Entwicklungen beobachten, die eigentlich zusammen gehören sollten: einerseits eine explodierende Technologie, in deren Kontext der Mensch immer mehr zu einem Anhängsel mutiert, das vielfach sogar ganz überflüssig erscheint: die Technologie wirkt haushoch übermächtig gegenüber den begrenzten, fehlerhaften, schwächelnden Menschen. Andererseits ein Erstarken von Stömungen im Umfeld von meditativen Verhaltensmustern mit einer klaren Dominanz von asiatischen Traditionen. Die meditativen Verhaltensmustern definieren sich neben körperlichen Kriterien vor allem auch über die Innenwahrnehmung des Meditierenden. Die Welt der Innenwahrnehmung und die Welt der empirischen Naturwissenchaften und der Technik mit deren methodisch gesetzter Außenwahrnehmung scheinen auf den ersten Blick nicht miteinander integrierbar zu sein.

Vor diesem Hintergrund versucht der Verfasser dieser Zeilen aufzuzeigen, dass Innen und Außen nicht notwendigerweise getrennt sein müssen. Zudem erinnert er unter der Bezeichnung Mystik neben den aktuell dominanten meditativen Verhaltensmuster an eine Form von Innerlichkeit, die deutlich andere Akzente setzt und die besonders in der erweiterten Europäischen Tradition eine breite und tiefe Geschichte hat, die aber heute fast vollständig im kulturellen Vergessen unterzugehen droht.

Letztlich ist dies ein Plädoyer für eine neue tiefgreifende Symbiose von empirischen Wissenschaften und Philosophie, von Technologie und einer menschlichen Gesellschaft, von Innen und Außen, von Meditation und Mystik. Mystik ohne Rationalität ist partiell blind und Rationalität ohne Mystik ist richtungslos.

ARTIKEL (PDF-Dokument)

FORTSETZUNG

Der Gedankengang aus diesem Blogeintrag findet eine Fortsetzung HIER.

Mitschnitt des Vortrags. War frei gesprochen, folgt dem Text in den Ideen, nicht im genauen Wortlaut. Enthält ca. 60% des Originaltextes. Ist lebendig, aber natürlich in der Wortwahl nicht so präzise. … so wird an einer Stelle z.B. von der ‚Galaxie‘ gesprochen, wo es ‚Universum‘ heißen müsste. Im weiteren Verlauf ist es dann korrekt.

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Brexit – Computerinterface – Zukunft. Wie hängt dies zusammen?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de
19.-20.Oktober 2019

Aktualisierung: 3.Nov.2019 auf dieser Seite

LEITGEDANKE

Wenn das, was wir nicht sehen, darüber entscheidet, was wir sehen,
dann lohnt es sich, für einen Moment inne zu halten, und sich darüber klar
zu werden, was wir tun, wenn wir versuchen, die Welt zu verstehen.

INHALT

1 Der Brexit als Lehrstück … 1
2 Das Unsichtbare in Allem 3
3 Computer-Interface als ein Stück Alltag 4
4 Wir als Teil von BIOM I und II 6
5 Homo Sapiens im Blindflug? 9
6 Epilog 11

DOKUMENT (PDF)

KURZKOMMENTAR

Der Text des Dokuments ist das Ergebnis von all den vorausgegangenen Blogeinträgen bis jetzt! Es ist die erste Zusammenschließung von verschiedenen großen Themen, die bislang im Blog getrennt diskutiert wurden. Es ist die große ‚Vereinheitlichung‘ von nahezu allem, was der Autor bislang kennt. Vielleicht gelingt es, dieser Grundintention folgend, diesen Ansatz weiter auszuarbeiten.

KURZKOMMENTAR II

Der Text ist aus philosophischer Perspektive geschrieben, scheut nicht die Politik, nimmt den Alltag ernst, nimmt sich die Digitalisierung vor, bringt die Evolutionbiologie zentral ins Spiel, und diagnostiziert, dass die aktuellen smarten Technologien, insbesondere die neuen Smart City Ansätze, schlicht zu wenig sind. Die ganzen nicht-rationalen Faktoren am Menchen werden nicht als lästiges Beiwerk abgeschüttelt, sondern sie werden als ein zentraler Faktor anerkannt, den wir bislang zu wenig im Griff haben.

ERGÄNZUNG 3.Nov.2019

In dem PDF-Dokument wird erwähnt, dass die Brexit-Entscheidung in England im Vorfeld massiv aus dubiosen Quellen beeinflusst worden ist. Im PDF-Dokument selbst habe ich keine weiteren Quellenangaben gemacht. Dies möcte ich hier nachholen, da es sich um einen explosiven Sachverhalt handelt, der alle noch bestehenden demokratischen Gesellschaft bedroht. Da ds ZDF und Phoenix die Angaben zu immer wieder neuen Terminen machen, sind die zugehörigen Links möglicherweise immer nur zeitlich begrenzt verfügbar.

Der Film „Angriff auf die Demokratie. Wurde der Brexit gekauft?“ von Dirk Laabs wird einmal in einem Text kurz beschrieben, und es wird ein Link auf youtube angegeben, wo man den Film als Video abrufen kann.

Hier aus dem Worlaut der Ankündigung:

„Die britische Wahlkommission ist überzeugt: Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass große Teile der Gelder für eine Kampagne vor dem Brexit-Referendum aus dubiosen Quellen stammen.

„Im Fokus steht der britische Geschäftsmann Arron Banks, Strippenzieher und enger Freund des ehemaligen Ukip-Anführers Nigel Farage. Über seine Offshore-Konten sollen fast neun Millionen Pfund Spenden geflossen sein.“

Die Recherchen des ZDF legen nahe, „dass Wähler verdeckt und so effektiv wie möglich beeinflusst werden sollten.“ Es werden nicht nur die Geldströme vefolgt, sondern der ZDFzoom-Autor Dirk Laabs „redet mit Insidern aus der Kampagne und konfrontiert ihren Kopf, den ehemaligen Chef der Ukip, Nigel Farage. Farage redet im Interview mit dem ZDF auch darüber, welchen Einfluss US-amerikanische Berater für die Kampagne hatten. Steve Bannon, früherer Berater von US-Präsident Trump, war einer der wichtigen Berater in diesem Spiel.“

„Konkret geht es um millionenschwere Kredite, die die Pro-Brexit-Kampagne von Banks erhalten haben soll. Demnach stammte das Geld möglicherweise nicht von ihm selbst, sondern von Firmen mit Sitz auf der Isle of Man und in Gibraltar, die sich damit in den Wahlkampf eingemischt hätten. Mittlerweile ermittelt die National Crime Agency. Sie soll die bislang verschleierte Kampagnen-Finanzierung offenlegen.“

„Nigel Farage spricht im Interview mit dem „ZDFzoom“-Autor Dirk Laabs ganz offen darüber, wie eng die Lager zusammengearbeitet haben und wie wichtig auch der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon für die Kampagne in Großbritannien war“ … Ein Whistleblower, der für die Leave-Kampagne gearbeitet hat, ist überzeugt: „Die verschiedenen Brexit-Kampagnen brachen die Gesetze, griffen dabei auf ein ganzes Netzwerk von Firmen zurück, um mehr Geld ausgeben zu können. Ohne diese Betrügereien wäre das EU-Referendum anders ausgegangen.“

„ZDFzoom“-Autor Dirk Laabs geht in der Dokumentation den Fragen nach: „Mit welchen fragwürdigen Methoden wurde die Mehrheit der Briten vom Brexit überzeugt? Welche Interessen und Profiteure stecken dahinter? Und Laabs fragt bei Akteuren in Brüssel nach, welche Maßnahmen mit Blick auf die Europawahl ergriffen werden sollten und überhaupt könnten, um den Digital-Wahlkampf der Zukunft zu regulieren oder kontrollierbarer zu machen.“

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Planspielkonzepte für das KOMeGA Projekt. Für mehr Bürgerbeteiligung in Demokratien. Smart Citizens for Smart Democracies (SC4SD). Teil 4 V1.0

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

In den vorausgehenden Texten wurde (1) ein Zusammenhang zwischen einigen globalen Problemen und der konkreten Entscheidungssituation der Bürger hergestellt, (2) dann ein allgemeines Prozessmodell skizziert, mittels dessen Bürger ihr Wissen austauschen und als Modell spielbar machen können; (3) anschließend wurde nach den konkreten Umsetzungsbedingungen gefragt, die erfüllt sein müssen, damit man gemeinsam ein Modell unter Einbeziehung eines Computers durchspielen kann.
Im neuen Text (4) soll ein konkretes Beispiel durchgespielt werden, um
die konkreten Mechanismen dieses Vorgehens noch besser verstehen zu
können.

TEXT (PDF Dokument)

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Planspielkonzepte für das KOMeGA Projekt. Für mehr Bürgerbeteiligung in Demokratien. Teil 3: Noch konkreter …

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

Dieser Beitrag versteht sich als eine Fortsetzung der beiden vorausgehenden Blog-Einträge. Während im ersten Beitrag die allgemeine Problemstellung skizziert wurde, wie die großen Weltprobleme mit uns Bürgern zusammen hängen können, vor allem was wir konkret in unserem Alltag tun können, beschrieb der zweite Beitrag etwas konkreter ein Prozessmodell, wie wir es anstellen können, zusammen unser Wissen so auszutauschen, dass wir daraus ein gemeinsames Modell bauen könne, dass wir auch ’spielen‘ können, um so die gemeinsame Erfahrung — und nebenbei unser Wissen — zu vertiefen. Dieses Prozessmodell ist aber noch viel zu allgemein, als dass man daraus eine konkrete Handlungsanweisung ableiten zu können, vor allem dann auch nicht, wenn der gemeinsame Prozess von einem Computer unterstützt werden sollte. Dieser Beitrag versucht diese Lücke weiter zu schließen.

TEXT (PDF-Dokument)

Fortsetzung

Eine direkte Fortsetzung zu diesem Beitrag findet sich HIER.

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Einen Überblick über alle Themenbereiche des Blogs findet sich HIER.