SUCHT UND FREIHEIT. PSYCHOLOGISCH, PSYCHOTHERAPEUTISCH, PHILOSOPHISCH. Zu einem Artikel von Prof.Kiefer in der FAZ vom 18.Okt.2017

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
21.Okt. 2017
URL: https://www.cognitiveagent.org
Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

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ÜBERSICHT

Ausgehend von dem Artikel von Prof. Kiefer zum Phänomen der Sucht und den Suchtauslösern wird sein Erklärungsmodell aufgegriffen, diskutiert und in einigen Aspekten philosophisch übergeleitet zu einem grundsätzlichen Modell eines freiheits-basierten Wissens-, Welt- und Lebensmodells. Sucht erscheint dann nicht mehr als etwas sehr Spezielles, sondern als eine systemisch naheliegende Fehlform einer freiheitsbasierten Lebensform, der die Wissenschaft den Namen homo sapiens gegeben hat.

SUCHT

In einem Artikel in der FAZ vom 18.Oktober beschreibt Prof. Dr. Falk Kiefer vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit (Mannheim) auf Seite N1 das Phänomen der Sucht. Ausgehend von den Befunden des neuesten Suchtberichts der Regierung vom Juli 2017 beginnt er bei den typischen Verhaltensmerkmalen, anhand deren sich das, was man wissenschaftlich als ‚Sucht‘ bezeichnet, manifestiert (siehe dazu Bild 1).

Grafische Interpretation Artikel von Prof.Kiefer, FAZ 18.Okt.2017

Entsprechend der Tradition der experimentellen Psychologie seit dem Beginn des 20.Jh gilt das beobachtbare Verhalten als Ausgangspunkt einer empirischen psychologischen Untersuchung. So macht Prof. Kiefer darauf aufmerksam, dass Menschen mit einem Suchtverhalten dazu tendieren, den Raum ihres möglichen Verhaltens zunehmend einzuschränken. Aufgrund der als positiv erlebten Wirkungen eines Suchtmittels beginnen Menschen die Weltwahrnehmung einseitig zu interpretieren, so dass nach und nach immer stärker nur noch die Dinge wahrgenommen (und erinnert) werden, die sich mit den erlebten positiven Wirkungen des Suchtmittels verknüpfen. Daraus entsteht ein Tunnelblick, der die möglichen Alternativen immer weiter abschwächt und die sucht-bezogenen Inhalte einseitig verstärkt.

Zu Beginn halten sich die möglichen negativen Auswirkungen auf den Körper, die Psyche und das soziale Umfeld noch im unauffälligen Bereich, aber im Laufe der Zeit kann es hier zu massiven ‚Abweichungen von der Norm‘ kommen, die zu vielfältigen negativen Gefühlen für den Süchtigen führen können (‚Problemdruck‘). Bisweilen hilft dieser erlebte Problemdruck, das Verhalten entsprechend zu ändern, aber in vielen Fällen — und offensichtlich in jenen Fällen, in denen Sucht kontinuierlich manifest wird — schaffen es die Betroffenen nicht, diesen Wahrnehmungs- und Erlebens- und Handlungskreislauf zu durchbrechen. Als Süchtiger ist man Teil dieser inneren Bewertungsschleife, ist man in ihr drin. Gerade darin besteht ja die Krankheit: die zunehmende Blindheit für den ‚größeren Zusammenhang‘ und die subjektiv erscheinende Unfähigkeit, sich da wieder heraus zu lösen.

Mit einer Referenz an die Neurowissenschaften berichtet Prof. Kiefer von den neuesten Erkenntnissen zu den neuronalen Mechanismen der Belohnung und der Verhaltenskontrolle. Im Kern schält sich heraus, dass es ein Belohnungssystem im Gehirn gibt, das vorzugsweise mit dem Botenstoff Dopamin arbeitet und ein Verhaltenskontrollsystem, das vorzugsweise mit dem Botenstoff Glutamat arbeitet. Die genauen Details dieser Systeme sind bislang noch nicht klar. Allerdings gibt es eine auffällige Häufung von Dopaminvorkommen im Kontext der Suchtmittel sowie eine Veränderungen von Synapsen von Nervenzellen in der Kontrolle des Verhaltens. Diese beobachtbare Korrelationen erklären im eigentlichen Sinne nicht viel, aber sie können helfen, Arbeitshypothesen zu entwickeln und zu präzisieren.

THERAPIE

Sofern die bisherige Interpretation stimmt — und davon geht Prof. Kiefer aus –, stellt sich natürlich aus Sicht einer Psychotherapie die Frage, wie man diese selbstzerstörerische Tendenz des Gehirns aufbrechen kann. Denn, wie alle Daten zeigen, stoppt man das Gehirn nicht, mit solch einem stark selektiven System der Wahrnehmung und des Handelns zu arbeiten, führt dies zu einer körperlichen, sozialen und psychischen Zerstörung des Betroffenen.

Die Arbeitshypothese von Prof. Kiefer geht in die Richtung, dass die Suchtmittel an bestimmte auslösende Reize (alles, was mit der Verfügbarkeit und Einnahme des Suchtmittels zu tun hat) gekoppelt sind, die dann, wenn sie zur Einnahme des Genussmittels führen (auch ein Reiz), zu Suchtmittel-spezifischen Empfindungen führen können, die als positiv erlebt werden (zunächst). Diese Verknüpfung ist nicht angeboren, sondern sie wird ‚gelernt‘. In dem Maße, wie immer mehr Reize in den Kontext der Suchtmittel-spezifischen Empfindungen gelangen, und dadurch andere, alternative Reize immer mehr zurücktreten, abgeschwächt werden, entsteht dieses ‚innere Gefängnis‘, eine quasi neuronal-psychologische Fußfessel‘, die festbindet.

Es liegt nahe, zu fragen, ob und wie man solch eine Kopplung von Reiz und positiver Verstärkung schwächen oder gar aufbrechen kann.

Was schon die Lebenserfahrung durch viele Jahrhunderte und Jahrtausende gezeigt hat, wird durch die moderne Psychotherapieforschung erneut bestätigt und partiell präzisiert (siehe Bild 2).

Grafische Interpretation eines Artikels von Prof. Kiefer, FAZ 18.Okt.2017, Teil 2

Die allgemeine Lebenserfahrung hat schon immer gewusst, dass man Einseitigkeiten in der Welterfahrung nur aufbrechen kann, wenn man der betreffenden Person hilft, zu alternativen Erfahrungen zu kommen. Neben Abstinenz (Entzug) von den als schädlich erkannten Reizen gehörte dazu auch schon immer der berühmte ‚Tapetenwechsel‘ (andere soziale Kontexte, andere Orte,…), andere Lernerfahrungen, anderes und intensiveres Freizeitverhalten, der — zumindest ein einigen Kulturen — verstärkte Einsatz von Meditationstechniken zum Unterlaufen falscher Wahrnehmungsmuster, oder auch — rabiat und doch wirksam — Umerziehungslager.

Die moderne Psychotherapie sagt nichts wirklich Neues, wenn sie solche — oder ähnliche — therapeutischen Maßnahmen empfiehlt. Die Grundidee besteht in allem darin, durch ein verändertes Lernverhalten die alten Reiz-Belohnungsschemata abzuschwächen, aufzulösen bei und durch gleichzeitigem Aufbau neuer alternativer Reiz-Reaktionsschemata neue Handlungsansätze zu ermöglichen.

Prof.Kiefer berichtet von Experimenten, deren Daten (ergänzt durch bildgebende Verfahren) darauf hindeuten, dass schon wenige alternative Lernerfahrungen (er spricht von 9 Sitzungen) zu nachweisbaren Veränderungen in den Aktivitätsmustern des Gehirns führen können, was auch von den Betroffenen entsprechend berichtet wird.

Prof. Kiefer sieht dies als Beleg dafür, dass die allgemeine Lernfähigkeit des Menschen in der Lage ist (bei hinreichender sozialer Unterstützung) , ‚falsch gelernte Verhaltensmuster‘ aufzubrechen, abzuschwächen und sie simultan durch ’neue, alternative‘ zu ersetzen.

FREIHEIT

In diesem Zusammenhang spricht Prof. Kiefer auch von der ‚Selbstreflexion‘ des Menschen und seiner ‚Freiheit‘, die den Menschen in besonderer Weise befähigen, solch ein Um-Lernen in Gang zu setzen. Es bleibt im Artikel aber unklar, was genau mit diesen Begriffen gemeint ist und wie sie funktionieren.

Der Definitionsvorschlag von Prof. Kiefer für den Begriff ‚Freiheit‘ z.B. als der Fähigkeit, „Handlungsoptionen … wahrnehmen“ und sich „Handlungsoptionen bewusst zuwenden zu können“ ist sehr abstrakt. Dies muss allerdings kein wirklicher Gegeneinwand sein, da ja (formal, mathematisch) ‚Freiheit‘ offensichtlich nicht ein einzelner Gegenstand ist, sondern eher — im alltäglichen Bild von ‚die Summe ist mehr als ihre Teile‘ — einen Funktionszusammenhang manifestiert, in dem Verhaltensmuster entstehen können, die sich aus den einzelnen identifizierbaren ‚Komponenten‘ des beobachtbaren Verhaltens alleine nicht zufriedenstellend ableiten lassen. In Verhaltensmustern zeigt sich — wenn man die Arbeitshypothese ‚Freiheit‘ zulässt — dann eine ‚Dynamik‘, die über die jeweils bekannten Mustern hinaus in der Lage ist, immer wieder neue Muster hervor zu bringen. ‚Freiheit‘ in diesem Sinne würde damit eine grundlegende Form von ‚Kreativität‘ markieren, die endliche Muster, die offensichtlich schädlich sein können, ‚in der Wurzel‘ aushebeln kann.

Allerdings, das zeigt die Kulturerfahrung seit Jahrtausenden, können sich Menschen in eine individuelle ‚interne Interpretationsschleife‘ festfahren, aus der sie nur mit massiver Hilfe von außen wieder heraus kommen können. Es scheint daher so zu sein, dass die grundlegende Fähigkeit zu ‚Freiheit‘ und ‚Kreativität‘ ‚verschüttet‘ werden kann.

Wenn man allerdings nüchtern sieht, wie die Menschen, die Menschheit in vielen Jahrtausenden massiv demonstriert, dass sie neben der klassischen Form der Sucht auch andere interpretationsbedingte Verhaltenseinstellungen (Fundamentalismus, Fanatismus, Dogmatismus, …) in großer Breite praktizieren kann und praktiziert hat, nicht selten bis zum bitteren Ende eines sozialen, politischen und/ oder wirtschaftlichen Zusammenbruchs, dann wird man nicht zu optimistisch sein, was die ‚Selbstheiligungskräfte‘ von Menschen und Gesellschaften bzgl. einer nachhaltig realistischen, weltangemessenen, und pluralistischen Lebenseinstellung betrifft. Das Phänomen der Sucht erscheint vor diesem Hintergrund nicht so außergewöhnlich, nicht so sonderbar als das es oft dargestellt wird. Sucht scheint eher jene Form alltäglicher Welteinschränkung zu sein, die sich in einer ‚Erfahrungsnische‘ verfangen hat, aus die das individuelle System mit eigener Kraft kaum noch herauskommt. Die Tatsache, dass bei vielen Suchtformen chemische Prozesse im Gehirn beteiligt sind, ist dabei keineswegs notwendig, betrachtet man die vielfältigen Formen von manifester Spielsucht.

FREIHEIT, SUCHT UND ROBOTER

Die Naturwissenschaften unserer Tage tendieren dazu, in der Zersplitterung der Sichten und der Überbetonung der Details den Blick für das Ganze eines Systems, speziell des Menschen, des homo sapiens, zu verlieren. Vielleicht noch der nachhallende Reflex zur Haltung der Geisteswissenschaft in den Jahrhunderten zuvor, die den Menschen völlig kritiklos als ein Wesen des Geiste über alles und jedes gehoben hatten. Psychologie und Psychotherapie nehmen hier eine eigentümliche Zwitterstellung ein. Als empirische Wissenschaften unterwerfen sie sich den Spielregeln empirischer Wissenschaften, denen ganzheitliche Systembildungen biologischer Systeme bislang eher fremd sind. Insofern sie sich aber dem Phänomen Mensch in seiner ganzen Breite und empirischen Realität stellen, sind sie mit Phänomenen konfrontiert, die sich nicht so einfach mit den üblichen Klassifizierungsreflexen verrechnen lassen.

So wird zwar aufgrund der Tradition und alltäglicher Phänomene im Fall von Menschen von der ‚Freiheit des Menschen‘ gesprochen und in allen juristischen Konzepten als gegeben unterstellt, aber im Lichte der empirischen Wissenschaften tut man sich schwer, dieser Rede von der Freiheit eine befriedigende theoretische Begründung zu geben.

Die Formulierung von Prof.Kiefer erscheint mir in diesem Zusammenhang sehr symptomatisch: Ja, ‚Freiheit‘ beim Menschen ist ‚mehr‘ als nur die beteiligten chemischen Substanzen; aber, was ist dieses ‚Mehr‘? Für einen Neurowissenschaftler, der nur in Kategorien von Neuronen, Synapsen, chemischen Botenstoffen, elektro-chemischen Potentialen, genetischen Kodierungen zu denken gewohnt ist, fällt es naturgemäß schwer, jenseits dieser Mikrostrukturen größere Konzepte zu denken. Die Komplexität des Gehirns erzwingt zwar letztlich dann doch die Formulierung größerer Strukturen, in denen sich Millionen bis Milliarden Neuronen zu unterschiedlichen ‚funktionellen Zusammenhängen‘ zusammen finden, aber was sind diese ‚Funktionen‘ ‚für sich genommen, ohne die beteiligten Neuronen? Kommt einer komplexen Funktionen von vielen Neuronen eine ‚eigenständige Wirklichkeit‘ zu, eine eigene ‚Ontologie‘, wie es die traditionellen Philosophen sagen würden, oder auch die modernen Wissenschaftsphilosophen, die diese Aussage allerdings in mathematische Sprechweisen kleiden, die sich anders ‚lesen‘, aber letztlich das Gleiche ‚meinen‘?

Diese sehr grundlegende und offensichtlich nicht leichte Fragestellung erscheint in einem zusätzlichen Licht, wenn man die Forschungen zu den sogenannten intelligenten selbstlernenden Maschinen bzw. zu den sogenannten intelligenten selbstlernenden Programmen in die Diskussion einbezieht.

Schon von Beginn der Forschungen zur künstlichen Intelligenz war bekannt, dass die Frage der ‚Bewertung‘, der ‚Präferenz‘ eine wichtige Rolle zukommt. In den letzten Jahren hat sich diese Problemstellung zugespitzt und verschärft. Bei dem Versuch, Roboter zu entwickeln, die den Status von dummen Industrierobotern überwinden und eher wie menschliche Kinder ‚von sich aus‘ ‚in der ganzen Breite‘ lernen, schälte sich heraus, dass die Frage der geeigneten Präferenzen für ein ‚weltoffenes Lernen‘ eine absolut nicht-triviale Problemstellung ist.(Siehe den Überblickartikel von Merrick (2017))

Woher kann ein Roboter, der selbständig lernen können soll, wissen, was für ihn in irgendeinem Sinne ‚zu bevorzugen ist‘? Zwar lernen auch junge Menschen vielfach durch Feedback von ihrer sozialen Umwelt, aber sie besitzen — ’normalerweise‘ — auch die Fähigkeit, aus der Vielfalt der Präferenz-Angebote auf Dauer ’selbständig‘ jene auszuwählen, die sie ‚für sich‘ für ‚am besten‘ finden (was nicht ausschließt, dass sie sich im Nachhinein als ‚weniger optimal ‚ erweisen). Diese grundlegende Fähigkeit, vorgegebene Muster in ’neuer‘ Weise ‚kreativ‘ zu überwinden, bewusst in ein ‚Risiko‘ hinein gehen zu können, dies können ansatzweise Tiere und in noch stärkerem Umfang Menschen. Neben dem möglichen realen Scheitern eröffnen sich durch dieses Verhalten auch mögliche reale Chancen, die für das Überleben wesentlich sein können. Während vergangene Erfahrung und ihre Erfolge helfen können, Dinge zu ‚bewahren‘, die sich bewährt haben, bildensie zugleich eine dauernde Gefahr. Der ‚alltägliche Tunnelblick‘ ist dem Tunnelblick des Suchtkranken nicht unähnlich. In einer dynamischen, sich rasch entwickelnden Welt kann das Bewahren eine riskante Strategie sein.

Eine grundsätzliche Analyse dieser Situation zeigt, dass wir es hier mit einem fundamentalen Problem zu tun haben, das ‚in sich‘ keine vollständige Lösung bieten kann. Da biologischen Systeme ‚offene‘ Systeme sind, kann eine ‚gute‘ Lösung immer nur im Zusammenspiel von individuellem System und Umwelt gefunden werden. Jede Form von Abschottung ist im Ansatz ein Todesurteil. Da aber grundsätzlich das verfügbare Wissen unvollständig ist, trägt diese offene Lernsituation den ‚Keim des Risikos‘ von vornherein ‚in sich‘. Wer dieses leugnet, begeht schon im Ansatz ‚Weltflucht‘. Eine lebenszugewandte Kultur übt also, ‚Freiheit‘, ‚Umgang mit Risiko‘ und ‚Kreativität‘ als Grundeigenschaften des Daseins wahrzunehmen, anzuerkennen und zu praktizieren. Die Populisten, Dogmatiker, Fundamentalsten, Propagandisten aller Jahrhunderte waren von daher immer schon im Ansatz Boten eines kommenden Scheiterns. Leider, viel zu oft, kam es dann auch dazu. Es stellt sich die Frage, wie kann sich die Menschheit auf Dauer von diesem ‚internen Weltvernichtungs-Mechanismus‘ besser bewahren?

TYPEN VON FREIHEIT

Mit Blick auf den Alltag und seinen vielen Spielarten, das Geschenk der Freiheit zu kaschieren, es zu vertuschen, es zu lähmen usw. bietet sich rein pragmatisch folgende Fallunterscheidung an:

  1. Blockierte Freiheit: verschiedene objektive Faktoren verhindern ein Ausleben der Freiheit.
  2. Manipulierte Freiheit: verschiedene Kräfte versuchen, so auf eine Freiheit einzuwirken, dass diese aufgrund von falschen Informationen und/ oder falschen Gefühlen nicht das tut, was ‚eigentlich‘ das ‚Bessere‘ wäre.
  3. Inspirierte Freiheit: die gesellschaftliche Wirklichkeit erlaubt jedem, seine Freiheit weitestgehend auszuleben, bietet vielfältige Anregungen, viel ‚gutes‘ Wissen, ausreichende ‚Freiräume‘, um ausreichend Lernen zu können.

Systemtheoretisch haben alle jene Gesellschaften die größten ‚Erfolgsaussichten‘ in der Zukunft, die ein Maximum an inspirierten Freiheiten zulassen. Dies verlangt allerdings auch von jedem einzelnen, seine Freiheit real und konkret in dem Sinne ‚auszuleben‘, dass er die umgebende Welt und sich selbst intensiv weiter erforscht und entwickelt. Philosophie, Kunst und Wissenschaften bilden hier einen mehrdimensionalen Raum, der sich nicht — wie heute meistens — gegeneinander abschottet, sondern sich wechselseitig herausfordert, inspiriert.

Die Dimension ‚Gott‘ ist in der Variante einer ‚inspirierten Freiheit‘ nicht ausgeschlossen sondern letztlich konstitutiv, aber anders, als die Religionen unserer Tage dies propagieren und praktizieren. Die Religionen unserer Tage (ich meine mindestens den Hinduismus, den Buddhismus, das Judentum, das Christentum und den Islam) gehören — zumindest so, wie sie sich heute zur Erfahrung bringen — eher zur manipulierten oder gar zur blockierten Form von Freiheit. Damit verdunkeln sie das Bild Gottes in einer Weise, die Gott eher unkenntlich macht. Gott selbst schadet dies nur insofern, als es den Menschen schadet, die Gott in diese grundlegende Form von Freiheit hineingesetzt hat.

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ROUNDUP ALS ÖKOZID?… es betrifft uns alle, weltweit, und ist nachhaltig gefährlich

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 7.Okt. 2017
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ÜBERSICHT

Eine außergewöhnlich gut recherchierte — und beeindruckende — Dokumentation zu den umfassend negativen Wirkungen von Glyphosat und Roundup (vertrieben von Monsanto) und wie die politischen Instanzen sich bislang einem klarenVerbot verweigern. Die Ausmaße des Problems wird von immer mehr Fachleuten als ‚Ökozid‘ klassifiziert, weltweit!

SENDEDATEN

Sendetermine war: Dienstag, 17. Oktober um 20.15 Uhr

Online verfügbar vom 17. Oktober bis zum 16. Dezember 2017

Aktualisierung 22.10.2017: der Link zu diesem Film wurde von arte stillschweigend abgesetzt!!! Welche Gedanken kommen einem dann. Die Abstimmung im EU Parlament findet am 25.10.2017 statt. Die deutsche Kanzlerin ist für Monsanto (soll von Bayer gekauft werden. Bayer ist ein deutscher Großkonzern …)???

Falscher Alarm? Link funktioniert wieder.

Regie: Marie-Monique Robin
Land: Frankreich
Jahr: 2017
Herkunft: ARTE F

AUF DER WEBSEITE VON ARTE

Roundup^{R} ist unter diesem und anderen Markennamen das weltweit am meisten gespritzte Pflanzenschutzmittel. Vierzig Jahre nach dessen Markteinführung wurde sein Wirkstoff Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen eingestuft. Vor dem Hintergrund der in der Europäischen Union anstehenden Entscheidung über ein Glyphosat-Verbot geht die Doku dem Skandal auf den Grund.

Allein 2014 wurden 825.000 Tonnen des starken Unkrautvernichters Glyphosat auf Feldern und in Gärten ausgebracht. Die Besorgnis hinsichtlich der Gefahren, die von dem weltweit meistgespritzten Pflanzenschutzmittel ausgehen, ist groß. Zumal die Internationale Agentur für Krebsforschung Glyphosat im März 2015 als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen einstufte und damit zu einem ganz anderen Schluss kam als die großen amerikanischen und europäischen Gesundheitsbehörden, die Monsantos Roundup^{R} und dessen Wirkstoff Glyphosat als ungefährlich bezeichneten.

Anknüpfend an ihren investigativen Dokumentarfilm ‚Monsanto, mit Gift und Genen‘ aus dem Jahr 2008, zeigt die Autorin Marie-Monique Robin in ihrem neuen Film, dass Roundup^{R} noch gefährlicher ist als bisher befürchtet: Der ‚Allestöter‘ – so der Beiname des Produkts im Spanischen – macht krank und vergiftet Böden, Pflanzen, Tiere und Menschen, denn er ist überall anzutreffen: im Wasser, in der Luft, im Regen, in der Erde und in Lebensmitteln. Außerdem ist Glyphosat nicht nur krebserregend, sondern auch eine hormonaktive Substanz, ein starkes Antibiotikum und ein Chelatbildner, der Spurenelemente bindet.

Der Film enthüllt die katastrophalen Folgen dieser Eigenschaften und zeigt aufwühlende Bilder von Opfern in den USA, Argentinien, Frankreich und Sri Lanka; auch zahlreiche Wissenschaftler kommen zu Wort. Roter Faden des Dokumentarfilms ist der symbolische Prozess vom Oktober 2016 in Den Haag: Beim internationalen Monsanto-Tribunal klagte eine Bürgerinitiative den Saatgut-Multi in dessen Abwesenheit auf Ökozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Ergebnis des Prozesses ist ein hieb- und stichfestes Rechtsgutachten, das möglicherweise dazu führen wird, dass ‚Ökozid‘ als Tatbestand im internationalen Recht Anerkennung findet.

Die Wirkungsweise von Roundup wird vor allem in der zweiten Hälfte erläutert. Nach diesen Wirkprinzipien wird klar, warum die chemische Struktur von Roundup nachhaltig ganze Ökosysteme zerstören kann: die Welt der Bakterien, die Welt der Pflanzen, die fressenden Tiere, die Menschen, die diese Tiere essen (und das Gift auch sonst über die Umwelt aufnehmen können). Die Wirkungen sind maximal katastrophal. Die Menge der Betroffenen weltweit ist unfassbar konkret und umfassend.

Menschen haben die ungewöhnliche Fähigkeit, Fakten sowohl verleugnen zu können wie  auch sie aufzugreifen…

Song zum Film

EINE BUCHMESSE FÜR PROGRAMMIERER?

eJournal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 15.Okt. 2017
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THEMA

Im Fieberzustand der Frankfurter Buchmesse geht leicht verloren, worum es wirklich geht: Mit Worten die Welt zu verändern. Zwischen Mythos, Wunsch und Wirklichkeit.

ES IST BUCHMESSE

Wenn die Frankfurter Zeitungen mit dicken Zusatzbeilagen erscheinen, Hotels und Restaurants tagelang ausgebucht sind, in den Messehallen Lärm und Getriebe die Grenze zum Unerträglichen erreichen, dann findet Buchmesse statt, in Frankfurt. Die, die Geld verdienen wollen, die, die Öffentlichkeit suchen, die, …. ein kleiner Kosmos versammelt sich in den Hallen und Umgebung. Erregung liegt in der Luft, in den Gesichtern….

VERUSACHER: WORTE

Der Anlass für all dies sind Worte, schwarze Zeichen auf weißem Papier, auf Bildschirmen, als Smartphone-Textereignisse… Menschen, die so etwas wahrnehmen, lesen, aufnehmen, sich angeregt fühlen, nachdenken, Gefühle entwickeln, Erinnern, Fantasieren, betroffen sind, die dafür Geld ausgeben, um es sehen zu können.

Worte, aneinandergereiht, zusammengefügt, aus hunderten verschiedener Sprachen dieser Welt, manche kaum noch verstehbar, von gestern, von vor-vorgestern, von …

MENSCHEN MACHEN DAS

In die Welt gebracht von Menschen, die sich hingesetzt haben, stunden-, tage-, wochen-, monatelang, und länger, um irgend etwas aus ihrem Inneren nach Außen zu schaffen, auszudrücken, zu artikulieren, zu äußern, lesbar zu denken, zu manifestieren, zu bekennen, zu dokumentieren… oder vielleicht einfach, um mit Worten so zu spielen, dass sie Menschen mit ihren Ängsten, Sehnsüchten, Fantasien, ihrem Unterhaltungsbedürfnis in den Bann ziehen wollen, zu jedem Preis, zum Preis von Wahrheit?, für persönlichen Ruhm und Ehre … und Geld?

ROBOTER-AUTOREN

Heute muss man allerdings aufpassen. In Zeiten der Digitalisierung gibt es schon Computerprogramme, die Worte aufsammeln, Sprachfetzen, diese unter bestimmten Kriterien neu zusammensetzen und als Meldungen, kurze Artikel in die Welt setzen. Eine neue Art von Mimikry, die kaum als solche zu erkennen ist, nicht auf den ersten Blick. Und dies greift um sich. Viele der Texte, die Menschen in die Sprache bringen sind so, dass sie sich von Maschinen imitieren lassen, ohne dass es auffällt. Es entsteht eine Grauzone, eine Übergangsphase, ein Mensch-Maschine Waberland. Wer sind wir, wenn uns Maschinen imitieren können?

DIE WAHRE GELDBRINGER

Aus der Sicht der Wirtschaft sind es auch nicht unbedingt die Romane, die Lyrik, die Poesie, die das große Geld bringen. Es sind die schnellen und die praktischen Bücher: Bücher mit schönen Fotos, Kochbücher, Reiseberichte, Adressbücher, praktische Anleitungen, …. Dinge zum schnellen schenken oder die man braucht. Dann die vielen Unterhaltungsbücher einschließlich Krimis; das Bedienen von Emotionen, Spannungen, Ablenkungen… Sachbücher, Schulbücher, Lehrbücher, technische Standards …. irgendwo dann die, die sich Schriftsteller nennen, Dichter…. sie stehen für das Große, das Unaussprechliche, das Mystische, das Erhabene, für … für Sprache, Sprachkunst? Wer definiert dies eigentlich? Die Sprache gehört ja bekanntlich niemandem, sie schwebt über allem, sie ist in allem, findet in jedem und überall gleichzeitig statt…

SCHMUDDELKINDER

Die Schreibenden, sie alle benutzen Worte, Wortreihen, Wortmuster, Wortgebilde, mit so unterschiedlichen Interessen, so unterschiedlichen Situationen, so unterschiedlichen Themen…

Und dann gibt es die sprachlichen Schmuddelkinder, die Grenzgänger, die nicht so ins erhabenen Schema passen, die auch reden, die auch schreiben, die Sprache mit Bildern verknüpfen, die die Bedeutung durch Bilder voranstellen, und die Worte nur noch wie Anhängsel benutzen, minimalistische Kommentare eines Geschehens, das sich vor den Augen bildhaft abspielt. Das Grauen aller Sprachkünstler, der Abscheu aller Wortgewaltigen, der Schrecken der Wortmeister und Sprachmagier…

WELCHE MASS-STÄBE?

Aber, was reden wir hier über Literatur, wenn wir über Wortkunst reden?

Wonach bemessen wir die Bedeutung von aneinander gefügten Worten in einer Gesellschaft?

Sprechen wir nicht über die Digitalisierung der Gesellschaft, die alles überrollt, durchdringt, bis in die kleinsten und tiefsten Poren unseres Alltags eindringt, eingedrungen ist? Ist es denn nicht wahr, dass die digitalen Technologien uns nahezu vollständig umrundet und umzingelt haben? Benutzen nicht auch die klassischen Verlage mittlerweile alle Computer, Datenbanken, Netzwerke, Drucken-On-Demand, ebooks, eReader …. ?

Sind es nicht die Software-Firmen dieser Welt, die zu den wirtschaftlichen Giganten zählen, zu den internationalen Geldmonstern? Deren Datenpaläste alles in sich versammelt haben, was irgendwie gesagt wurde, gesagt wird, gesagt werden kann?

Und womit haben sie dies alles ermöglicht?

WORT-MASCHINEN

Irreführender Weise sprechen wir hier von ‚Software‘, von ‚Programmen‘, von ‚Sourcecode‘, von ‚Algorithmen‘, die auf den Computern Arbeit verrichten und all dies möglich machen. ‚Programme‘ sagen wir beiläufig, alltäglich verniedlichend, sehr abstrakt, dabei kaschieren wir einen Umstand, der wesentlich ist, der uns — je nach Gemütslage — begeistern oder schwer beunruhigen kann.

Diese sogenannten Computerprogramme sind letztlich auch Texte, Aneinanderreihungen von Wortmustern, nach bestimmten grammatischen und semantischen Regeln.

Wenn ich einen Kriminalroman lese, dann erzeugen die aneinandergereihten Worte Bilder von Menschen in bestimmten Situationen, die Verhalten zeigen, Gefühle haben, die ein Geschehen am Laufen halten.

Ein Programm-Text tut nichts anderes. Er lässt Bilder von Welten entstehen, mit Objekten, Eigenschaften, Akteuren. Diese haben Wünsche, Pläne, Erinnerungen, handeln konkret, verändern die Welt, die Objekte in der Welt, sich selbst. Die Worte eines Programmtextes beschreiben Wort-Maschinen, Wort-Welten, ganze Universen, die passieren können, die sich ereignen können, die sich mit uns lebenden realen Menschen zusammen ereignen können, die mit uns reden, die Geräusche, Sounds erzeugen können, Lieder, bewegte Bilder, super-realistisch, die Menschen als Sexroboterinnen in deren männlichen Einsamkeiten beglücken, als Pflege-Haustier-Roboter einsamen, älteren Menschen einen Hauch von sozialer Realität verschaffen, die als Operationsroboter und genetische Superrechner unseren Krankheiten zu Leibe rücken, die ….

WORTMEISTER ALS DUNKELMÄNNER

Während wir die klassischen Wortmeister feiern (für was?) führen die modernen Wortmeister der Wort-Maschinen ein Schattendasein. Diese sind es, die unsere Flugzeuge fliegen lassen, die unsere Städte am Leben erhalten, die eine Tourismusbranche möglich machen, die …

Wer kennt diese? Auf welcher Buchmesse werden sie gefeiert? Wer versteht überhaupt ihre Sprache? An den Schulen unseres Landes wird dies weitgehend nicht unterrichtet. An den Universitäten sind es höchsten die Informatiker, die sich damit beschäftigen, aber auch diese tun es nur sehr begrenzt, eher altmodisch, technisch verkürzt. Dabei sind sie die Wortmeister der Zukunft, die Wortmeister der digitalen Kultur, die Wortmeister unseres Alltags … es sagt ihnen aber niemand, sie bekommen keine Kulturpreise … von welcher Kultur eigentlich? Sind die Feuilletons der Zeitungen, die Spielstätten der Theater und Opern nicht letztlich Reflexe einer Minderheit, die sich von der Welt partiell verabschieden und sich einer Ereigniszone hingeben, die nurmehr noch entrückt und vergessen macht, aber vor der stattfindenden digitalen Kultur kapituliert hat, schon von Anfang an?

NEUE SPRACHEN FÜR NEUES DENKEN?

Das Bild zeigt die ersten Zeilen eines sehr einfachen Programm-Textes, tatsächlich eine erste Schreibübung, in der eine Ereigniswelt beschrieben (und damit erschaffen!) wird, die real stattfinden kann, die real eine Welt entstehen lassen kann mit Akteuren, Bedürfnissen, Nahrungsangeboten, Geboren werden und Sterben … die mit realen Menschen interagieren kann, die sich darin wiederfinden können …Die Sprache dieses Programms heißt nicht Englisch, Deutsch, oder Französisch, sondern ‚python‘, eine Kunstsprache, speziell geschaffen um Wort-Maschinen bauen zu können, ablaufbare Wort-Universen, die neuen Bücher, Filme, und Theaterstücke zugleich.

PTextfragment aus einer Wortmachine für künstliche Welten mit Akteuren

Textfragment aus einer Wortmachine für künstliche Welten mit Akteuren

Man muss sich fragen, wie weit die sogenannte ‚Wahrheit‘ der alten, sprich ‚vor-digitalen‘, Kunst letztlich nur in ihrer Selbstbezüglichkeit findet, in ihrer hermetischen Abwiegelung von real stattfindender Welt, eingesperrt in ihren klassischen Sprachkäfigen, in denen nur bestimmte Werte gelten, nur bestimmte Menschen- und Handlungsmuster vorkommen, nicht die unfassbaren Potentiale des Lebens, nicht das universale Lebensgeschehen, sondern das, was sich in alten Sprachgespinsten sagen lässt, idealistisch-romantisch, hart am Abgrund menschlicher Tragödien, die endlichen Selbstbezüglichkeit, die vielen Fixierungen auf den menschlichen Körper, Klassengesellschaften der Vorzeit, ohne mögliche kosmischen ….

HOMO SAPIENS ALLEIN ZU HAUS

Das alles sind wir, der homo sapiens, der seit ca. 200.000 bis 300.000 tausend Jahren seine Weg sucht auf diesem Planeten… nicht zufällig da, sondern Gewordener von Milliarden Jahren stattfindenden Prozessen von einer Komplexität, die unser Denken bis heute überfordert…

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PHILOSOPHIEWERKSTATT – WAHRE AUSSAGEN – Memo vom 8.Okt.2017

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ÜBERSICHT

Kurzer Bericht zur Philosophiewerkstatt vom 8.Okt.2017 im INM (Frankfurt). Die Einladung zur Sitzung findet sich HIER

ARBEITSWEISE DER PHILOSOPHIEWERKSTATT

Die Philosophiewerkstatt folgt nicht dem klassischen Schema, dass einer viel erzählt und andere zuhören, sondern stellt eine Aufgabenstellung an den Anfang und alle Teilnehmer sind eingeladen, zusammen die Aufgabenstellung durch ihre Beiträge zu erhellen. Da die Teilnehmergruppe in der Regel sehr bunt gemischt ist, führt dies zu sehr vielen interessanten Aspekten, die ein Thema vielseitig zum Leuchten bringen können. Ferner zeigt jede Sitzung immer wieder, wie wenig wir im Alltag gewohnt sind, zusammen mit anderen (jeder ist gleichberechtigt!) eine gemeinsame Sicht zu erarbeiten. Je profilierter die Teilnehmer sind, um so herausfordernder wird die Erarbeitung einer gemeinsamen Sicht. Das gemeinsame Ringen um ein Verständnis wird aber belohnt durch die Bereicherung des eigenen Standpunktes durch Sichten, die einem vorher unbekannt waren. Niemand geht nach Hause, ohne nicht viel dazu gelernt zu haben (das gilt auch für den Moderator der Sitzungen!).

AUFGABENSTELLUNG AM 8.OKT.2017

Die Anregung zu diesem Thema kam dieses Mal aus dem Blog selbst, und zwar von dem Teil 1 des Essays ‚Die Wiederentdeckung …‘. Der Teil 1 beschäftigt sich mit der Frage der Wahrheit. Da das Thema ‚Wahrheit‘ sowohl in der Philosophie wie auch in der gesamten Kulturgeschichte seit mehr als 2000 Jahren sehr prominent ist, gibt es dazu eine große Menge an Anschauungen und Texten. Um sich hier nicht schon gleich zu Beginn zu verzetteln bestand die Aufgabe darin, im eigenen Erfahrungsbereich nach solchen Situationen Ausschau zu halten, in denen jemand eine sprachliche Äußerung macht, und alle Beteiligten diese sprachliche Äußerung ’normalerweise‘ als ‚wahr‘ zu klassifizieren. Nachdem einige Beispiele gefunden wurden, sollten diese gemeinsam weiter untersucht werden (Warum klassifiziert man diese als ‚wahr‘? Was sind die Bedingungen dafür? usw.).

Gedankenskizze von der Philosophiewerkstatt am 8.Okt.2017 im INM

Bild Nr.1: Gedankenskizze von der Philosophiewerkstatt am 8.Okt.2017 im INM

ZITATE

Überraschenderweise fiel es allen schwer, überhaupt solche Beispiele vorzustellen. Als erstes poppten allerlei Zitate auf, die dem einen oder der anderen in den Sinn kamen (siehe das Schaubild Nr.1).

Erst die beharrlichen Erinnerungen des Moderators an die Aufgabenstellung förderte dann langsam, häppchenweise, Beispiele zutage. Dieser Prozess zog sich fast über die gesamte Sitzung hin.

BEISPIELE

Folgende Beispiele erblickten das Licht der Welt (Reihenfolge nicht unbedingt chronologisch):

  • Äußerungssituation Arzt mit Patient; Äußerung Arzt sagt „Dieses Medikament ist wirksam (für Problem X), weil es in einer randomisierten Doppelblind-Studie signifikant war.“
  • Äußerungssituation FreundeInnen untereinander; einer hat ein Problem X; eine spricht zum anderen Äußerung „Du must Wadenwickeln nehmen.“
  • Äußerungssituation Küche mit Herdplatte; jemand berührt  eine heiße Platte, ruft: Äußerung „Oh Scheiße, das Ding ist heiß“ (und zieht blitzartig seine Hand zurück)
  • Äußerungssituation Biblischer Text, fiktive Situation, Pilatus und Jesus von Nazareth. Pilatus fragt „Bist du der König der Juden“, und Jesus antwortet: Äußerung „Du sagst es“.
  • Äußerungssituation Jemand verkauft einen sächsischen Thaler heute als echt an einen Sammler und sagt: Äußerung „Dies ist ein echter sächsischer Thaler (aus dem Jahr X)“.
  • Äußerungssituation Jemand gibt als Pfand für eine Geldschuld heute ein Bild an eine Bank und sagt: Äußerung „Dies ist ein echter XYZ“.
  • Äußerungssituation Im Gespräch zwischen Freunden sagt jemand: Äußerung „Die Erde ist rund“.
  • Äußerungssituation Das Lehramt der katholischen Kirche hat in der Vergangenheit verkündet: Äußerung Maria, die Mutter Jesu, war bei ihrer Empfängnis Jungfrau.

KONZEPTUALISIERUNG ÄUSSERUNG

Die Frage, wann man denn eine einzelne Äußerung als ‚wahr‘ klassifizieren würde, wurde erst nach und nach schrittweise beantwortet. Diese Erklärung führte mehrere Begriffe, Konzepte zueinander, die einen Zusammenhang aufleuchten ließen. Diesen Vorgang kann man ‚Konzeptualisierung‘ nennen oder ‚Modellbildung‘ oder ‚Theoriebildung‘.

Ansatz zur Konzeptualisierung (Theoriebildung) einer Äußerungsstuation mit Wahrheitsanspruch

Bild Nr.2: Ansatz zur Konzeptualisierung (Theoriebildung) einer Äußerungssituation mit Wahrheitsanspruch

Am Beispiel mit der heißen Herdplatte sei die Konzeptualisierung zum Begriff der ‚wahren einzelnen Äußerung‘ erläutert (siehe Schaubild Nr.2):

Vorausgesetzt wird, dass es mindestens zwei Sprecher-Hörer einer Sprache L gibt, die eine reale Situation S teilen.

Im konkreten Fall sind die beiden Sprecher-Hörer in einem Raum mit einer Herdplatte.

Der eine — nennen wir ihn A — berührt die Herdplatte und zieht blitzartig die Hand wieder zurück und äußert dabei „Oh Scheiße, das Ding ist heiß“.

Der andere — nennen wir ihn B — sieht die Bewegung und hört die Äußerung.

Nehmen wir an, dass B in seiner visuellen Wahrnehmung gesehen hat, wie A die Herdplatte berührt und die Hand schnell wieder zurückzieht (Perception_B.vis(visuelle-Reize) = ‚Handbewegung-A‘), und in seiner akustischen Wahrnehmung hat er die Äußerung gehört (Perception_B.akust(akustische-Reize) = ‚Oh Scheiße, das Ding ist heiß‘).

Es wird ferner angenommen, dass eine Person, die eine Sprache L ‚gelernt‘ hat, mit einer sprachlichen Äußerung in dieser Sprache L (z.B. mit Deutsch, nicht aber mit Chinesisch) bestimmte ‚Bedeutungen‘ verbindet, die sich im Gehirn als spezifische Erregungsmuster nachweisen lassen. Also, wenn jemand eine Äußerung e hört, dann ist die akustische Wahrnehmung Perception_X.akust(e) = ‚Oh Scheiße, das Ding ist heiß‘) verknüpft mit internen, subjektiven Bedeutungsstrukturen (Meaning(‚Oh Scheiße, das Ding ist heiß‘) = InternVon(‚Oh Scheiße, das Ding ist heiß‘)), die beim Hören ‚aktiviert‘ werden.

Insofern diese internen Bedeutungen in realen Situationen gelernt wurden, gibt es eine Korrespondenz/ Ähnlichkeit zwischen diesen internen Bedeutungsstrukturen und bestimmten Formen der aktuellen Wahrnehmung. Also SIMILARITY(P_X.akust(e), Meaning(P_X.akust))).

Unter Voraussetzung solch einer Ähnlichkeit, die in der Wahrnehmung von B verfügbar ist, kann B feststellen, dass für ihn die Äußerung von A ‚Oh Scheiße, das Ding ist heiß‘ in dieser Situation für ihn B ‚wahr‘ ist. Die Aussage von A ‚Oh Scheiße, das Ding ist heiß‘ (die B wahrgenommen hat) und die bei B eine bestimmte Bedeutung InternVon(‚Oh Scheiße, das Ding ist heiß‘) assoziiert hat, korreliert bei B mit der visuellen Wahrnehmung der Situation in hinreichender Weise.

Schon an diesem einfachen Beispiel kann man sehen, wie viele Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit man von einer ‚wahren Äußerung im Alltag‘ sprechen kann.

KONZEPTUALISIERUNG KOMPLEXE ÄUSSERUNGSMENGEN (THEORIEN)

Im Alltag haben wir es oft mit komplexen Sachverhalten zu tun. Genannt wurden Börsengeschäfte, medizinische Prognosen, physikalische Theorien, wirtschaftliche Vorgänge, biologische Phänomene am Beispiel von Insektenstaaten, und Wetterprognosen.

In all diesen Fällen geht es um einzelne Äußerungen (z.B. „In zwei Tagen wird es am Ort X mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 % regnen“, oder „Der Kurs der Aktie X wird in den nächsten Monaten um Y% steigen“, oder „Diese Ameise reagiert in dieser Situation so, weil Y“, usw.), die einen unterstellten ‚kausalen Zusammenhang‘ voraussetzen

Kausale Zusammenhänge treten als explizite ‚Modelle‘ und ‚Theorien‘ auf (siehe Bild Nr.3).

Aussagenmengen als Theorien

Bild Nr.3: Aussagenmenge als Theorie (stark vereinfacht)

So können Wettervoraussagen gemacht werden, weil es eine Computersimulation gibt, die auf einem mathematischen Modell beruht, in dem aktuelle Messwerte zum Zeitpunkt t und zu vielen Zeitpunkten ‚vor t‘ (historische Daten) so verrechnet werden können, dass eine ‚Voraussage’/ ‚Prognose‘ für einen späteren Zeitpunkt t+c gemacht werden kann.

Modelle in Form von Computerprogrammen repräsentieren Funktionen. Eine Funktion als solche ist weder wahr noch falsch. Wenn aber jemand sagt, dass die Funktion f bei einem bestimmten Eingabewert X, der einem realen Sachverhalt X-real in der realen Welt entspricht, den Ausgabewert Y berechnen wird, und dieser Ausgabewert Y entspricht dem Sachverhalt Y-real in der realen Welt, dann entsteht eine Aussage, die man überprüfen kann. Dann kann die Aussage ‚wahr‘ werden, weil bei Auftreten des Sacherhalts X-real nach Voraussage der Sachverhalt Y-real auftreten wird. Falls nicht, ist die Aussage nicht wahr.

Eine Theorie unterscheidet sich von einem Modell, da eine Theorie eine Menge von Aussagen repräsentiert, die als Aussagen wahr oder falsch werden können. Funktionen können Elemente innerhalb von Aussagen sein. Im Prinzip kann man jedes Modell in eine Theorie umschreiben.

Im Fall des Börsengeschehens kann man die verschiedenen Einzelaussagen über Firmen und Märkte in einen Zusammenhang einordnen, aufgrund dessen dann Beobachtungen (einzelne Aussagen) mit einer Prognose verknüpft werden können (einzelne Aussage). Wenn z.B. eine Firma A im letzten halben Jahr nur Verluste produziert hat (einzelne Aussagen), und kein Faktor bekannt ist, der diesen Verlusten gegensteuern könnte (einzelne Aussagen), dann könnte man mit Bezug auf einen erkannten ‚Zusammenhang‘ (Regel, Axiom, Gesetz) ‚folgern‘, dass diese Firma ein Kandidat für eine Übernahme oder gar für eine  Insolvenz ist.

Im Falle von Modellen und Theorien benötigt man also neben den ganzen Rahmenbedingungen für wahre einzelne Äußerungen zusätzlich ein Konzept, wie man (i) allgemeine Zusammenhänge zwischen Aussagen formulieren kann (‚Axiome‘, ‚Regeln‘ …) und (ii) wie man angenommene Zusammenhänge dazu benutzen kann, bei Vorliegen von einzelnen Aussagen zur Gegenwart auf Aussagen in der Zukunft schließen kann. Dies ist das Gebiet der ‚Logik‘.

NACHWORT

Wenn man sieht, wie heute Begriffe wie ‚künstliche Intelligenz‘ und in diesem Zusammenhang ‚Intelligenz‘ geradezu inflationär gebraucht werden, andererseits aber das Allgemeinwissen zu Theorien und Logik eher gegen Null tendiert, dann kann man sich fragen, wer hier eigentlich noch was versteht.

Statt in bundesweiten Initiativen allen Schülern Computer hinstellen zu wollen (sie haben alle ihre Smartphones), wäre es möglicherweise eine bessere Strategie, ihnen zu erklären was Funktionen, Modelle, Theorien und Logik sind, damit sie verstehen würden, was sie in diese Computer rein stecken müssen, damit diese dann vielleicht irgend etwas Sinnvolles tun. Dabei würden sie (wie furchtbar) vielleicht sogar verstehen lernen, wie sie selber denken (welch Katastrophe, sie könnten ja dann möglicherweise die überhitzten Marketingblasen durchschauen…).

KONTEXTE

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Die Wiederentdeckung Gottes auf dem Planeten Erde für alle denkbaren Universen. Essay. Teil 3

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ÜBERBLICK

Voraus ging ein anderer  Beitrag, siehe HIER.

Im Folgenden weitere Aspekte zur Wiederentdeckung Gottes auf dem Planet Erde … Wir sind da. Die Dinge sind da. Wir selbst sind ein ‚Ding‘. Raum und Zeit. Konservierte Zeit.

WAS DA IST

Naturgesetz im Alltag

  1. Wenn etwas, was da ist, so da ist, weil es nach unserem Verständnis einem ‚Naturgesetz‘ folgt, dann ist es nach unserem alltäglichen Verständnis erzwungener Maßen da, notwendigerweise, deterministisch. Bei gleichen Voraussetzungen würde es immer genau so sich wiederholen. Der berühmte Apfel löst sich aus dem Baum, fällt ’nach unten‘ und bleibt liegen.

Gegenstand im Raum

  1. Und es ist auch wahr, dass in unserem alltäglichem Erleben der Apfel nicht isoliert vorkommt sondern als abgrenzbares Etwas in dem, was wir ‚Raum‘ nennen; an derselben Stelle, an der sich der Apfel befindet, kann kein zweiter Apfel sein, und der Apfel hat eine ‚Umgebung‘, die wir hemdsärmelig mit ‚Oben‘, ‚Unten‘, ‚links‘, ‚rechts‘, ‚vorne‘ und ‚hinten‘ usw. beschreiben. In unserem alltäglichen Raum fällt der Apfel immer nach ‚unten‘, nie nach ‚oben‘.
  2. Auf den Apfel können wir als Gegenstand, als Objekt hinweisen, ihn abgrenzen von seiner Umgebung; auf den Raum können wir nicht direkt hinweisen; der Raum ist kein Objekt wie der Apfel. Der Raum ist wie eine Art ‚Behälter‘ aber ohne Begrenzung. Für uns erscheint der Raum in der alltäglichen Erfahrung quasi ‚unendlich‘. Wir sprechen über den Raum relativ durch Bezug über das, was ‚in dem Raum‘ vorkommt. Wir kennen ‚Objekte‘ nur als ‚in einem Raum vorkommend‘. Die Erfahrung von Objekten und Raum ist simultan.
  3. Was ist, wenn jemand blind ist, absolut nichts sieht? Ist der Raum dann weg?
  4. Wenn wir unsere Augen schließen können wir (im Normalfall (was ist ’normal?)) mit unseren Händen Oberflächen spüren, denen wir durch Bewegung unserer Finger, Hände, Arme, eventuell auch des Körpers, folgen können. Die Bewegung unseres Körpers verändern die jeweilige ‚Stellung‘ von Körperteilen, Muskeln, Knochen… Diese ‚Stellungen‘ sind subjektiv, sie spiegeln sich ‚in uns selbst‘ wieder; wir können sie im Erleben unterscheiden. ‚In uns‘ versammeln wir alle diese Erlebnisse unterschiedlicher Stellungen und können sie ‚in Beziehung‘ setzen: wenn das Objekt selbst sich nicht verändert, dann sind diese Stellungen nicht beliebig. Das Verhältnis der verschiedenen erlebbaren Stellungen bildet ein Beziehungsgeflecht, das man auch als ‚räumlich‘ interpretieren kann, das dann auch ein ‚oben‘, ‚unten‘, ‚links‘ und ‚rechts‘ usw. zulässt. Die unterschiedlichen Stellungen markieren dann in diesem Beziehungsgeflecht eine ‚Position‘. Mit anderen Worten: auch ohne Sehen, nur mit unseren körperlichen Bewegungen zusammen mit den Tastempfindungen ist unser Erleben von etwas anderem, von Gegenständen, von Objekten, mit der ‚Vorstellung eines Raumes‘ verbunden.
  5. Wenn wir ‚Sehen‘ und ‚Tasten‘ können, dann lässt sich der ‚Seh-Raum‘ und der ‚Tast-Raum‘ miteinander in Beziehung setzen.

Wir sind auch ein Objekt

  1. Eine Besonderheit ist, dass wir in beiden Räumen ‚uns selbst‘, ‚unseren Körper‘ als Teil des Raumes, als Gegenstand neben anderen Gegenständen erleben können. Wir erleben uns als Gegenstand, als Objekt in einem ‚Raum‘ von vielen Objekten. Die Gegenstände erscheinen als ‚endlich‘, der Raum als ‚unendlich‘.

Sprache kann verbinden

  1. Wenn wir weder sehen noch tasten können, wird es schwierig. Mir persönlich versagt da die Vorstellung, und unsere Sprache verliert den Weltbezug, den sie braucht, um zwischen verschiedenen Menschen zu funktionieren. Was immer ein einzelner Mensch ‚in sich‘ erlebt, sofern jeder Mensch als Objekt in einem Raum von Objekten vorkommt, den er mit einem anderen Menschen teilt, so lange kann er mittels der Sprache ein gemeinsames Bezugssystem aufspannen, innerhalb dessen er sich selbst und sein Erleben ‚verorten‘ kann.

Zeit subjektiv

  1. Die Situation des fallenden Apfels lässt aber noch mehr erkennen. Es ist nicht nur ein ‚Raum‘, der sich mit dem Apfel zum Erleben bringt, es ist auch etwas, das wir ‚Zeit‘ nennen.
  2. Wie selbstverständlich sagen wir im Alltag, dass der Apfel ‚zuerst‘ am Baum war, und ‚dann‘, ’später‘ auf dem Boden lag. Wir verfügen (als Menschen) über die Fähigkeit, nicht nur den ‚jeweiligen Augenblick‘ erleben zu können, sondern wir können auch ‚vergangene Augenblicke erinnern‘, weil wir uns Erlebnisse ‚merken‘ können (nicht unbedingt 1-zu-1), und weil wir ‚vergangene Augenblicke‘ erinnern können, können wir zwischen einem ‚aktuellen Augenblick‘ und einem ‚erinnerten Augenblick‘ vergleichen. Im aktuellen Augenblick liegt der Apfel z.B. auf dem Boden, wir können aber erinnern, dass es einen Augenblick gab, da war der Apfel noch am Baum, also ‚vorher‘ an einer anderen Position im Raum als ‚jetzt‘.

Konservierte Zeit

  1. Diese Unterscheidung von ‚vorher‘ und ’nachher‘ relativ zu einem ‚jetzt‘ können wir erleben, weil wir erinnern können. In der Welt des Raumes für sich, ohne das menschliche Erleben, gibt es nur ein Jetzt! Die Raumwelt ist reine Gegenwart, allerdings, wenn man die Gegenwart der Raumwelt ‚lesen‘ kann, dann kann man in der Gegenwart der Raumwelt ‚Hinweise‘ finden, ‚Indizien‘, die auf eine ‚andere (vorausgehende) Gegenwart‘ hindeuten können. In der Gegenwart des Raumes ist die Zeit des Entstehens quasi ‚konserviert‘, ‚eingefroren‘, ‚eingebrannt‘ in die Welt. Die Raumwelt enthält ihre ‚Geschichte‘ quasi ‚in sich selbst‘, ‚an sich‘.
  2. Am Beispiel des fallenden Apfels ‚lernt‘ schon jedes Kind, dass Äpfel, die am Boden liegen, vorher am Baum hingen und dann irgendwann herunter fallen. Wenn also ein Kind einen Apfel liegen sieht, erinnert es sich an die ‚Regel‘ die es gelernt hat, und schließt vom Apfel am Boden mittels dieser Regel darauf, dass es ‚vorher‘ einen Zustand gegeben hat, bei dem der Apfel am Baum war. Mit der gelernten Regel wird der Apfel am Boden zu einem Anzeichen, einem Hinweis, einem Indiz, dass es vorher einen anderen Zustand gegeben hat.
  3. Es war eine große Sternstunde der menschlichen Wissenschaft, als die Geologen — wie jedes Kind — lernten, in der Gegenwart der Erde ‚Spuren‘, ‚Hinweise‘, ‚Indizien‘ zu entdecken, die darauf hindeuteten, dass aktuelle Erdschichten ‚Ablagerungen‘ sind aus vorausgehenden Zeiten, und dass diese Ablagerungen mit ihren spezifischen Eigenschaften Hinweise enthalten auf die Besonderheiten dieser vorausgehenden Zeiten.
  4. So konnten die Geologen durch Vulkane der Gegenwart lernen, wie ihre Ablagerungen aussehen, und dadurch auf Vulkane der Vergangenheit schließen. Durch die Meere der Gegenwart konnte man auf Meere der Vergangenheit schließen, die oft da waren, wo heute Land ist oder gar Wüste. Und sie entdeckten, dass die heutigen Kontinente in Bewegung sind; dass sie vor vielen Millionen Jahren anders angeordnet waren. Dass sich das Klima im Laufe von vielen Milliarden Jahren mehrfach dramatisch geändert hatte; es gab allein in den letzten 2.5 Millionen Jahren abwechselnd 50 Kalt- und Warmzeiten, und insgesamt gab es viele große Eiszeiten mit Dauern von Millionen von Jahren. Dabei schwankte die ‚Höhe‘ des Meeresspiegels um viele hundert Meter. Und vieles mehr.
  5. Parallel zu den Geologen konnten dann auch die Biologen die Funde aus den verschiedenen Ablagerungen verschiedenen Zeiten zuordnen und so schrittweise entdecken, dass die Formen des Lebens sich seit mindestens 3.5 Milliarden Jahre beständig verändert haben. Von unfassbar klein und vielfältig bis immer komplexer, mit großen dramatischen Einbrüchen bedingt durch dramatische Veränderungen der Geologie und des Klimas (Supervulkanausbrüche, Asteroideneinfall auf der Erdoberfläche, lange Eiszeiten, Trockenheiten, …). Seit kurzem können die Biologen auch über die Struktur der Zellen und Moleküle Beziehungen zwischen den verschiedenen Lebensformen über ihre direkte biologische Abstammung aufgrund ihrer ‚Baupläne‘ untersuchen; vorher waren sie allein auf den Körperbau und das Aussehen (den Phänotyp) angewiesen.
  6. Und noch mehr. Parallel zu Geologie und Biologie haben auch die Physiker entdeckt, dass es in der Gegenwart des physikalischen Universums Hinweise auf eine mögliche Vergangenheit gibt. Und, wie so oft, wenn erst einmal eine Entdeckung gemacht wird, zieht diese viele weitere nach sich. Schrittweise konnte man rekonstruieren, dass das Universum sich immer noch ausdehnt, von daher zurück verweist auf einen physikalischen Anfangspunkt, den man ‚Big Bang‘ nannte, von dem aus sich Energie in Teilchen verwandelte, Atome, Moleküle, dazu gigantische Gaswolken, Sternenbildung, Bildung von Galaxien und Superclustern, Neuwerdung von Sternen, aber auch das Sterben von Sternen, Verschmelzung von Galaxien, und vieles mehr.
  7. Zu beachten ist hier, dass die subjektive Zeit des Erlebens und die Zeit der Physik zwei verschiedene Sachverhalte bezeichnen.

Technische Zeit: Uhren

  1. Die subjektive Zeit des Erlebens basiert auf der Erinnerung von vorausgehenden Augenblicken und erlaubt durch Vergleich von aktuellem Jetzt und erinnertem Jetzt eine ‚relative‘ Bestimmung von ‚Vorher‘ und ‚Nachher‘. Dieses ‚Vorher-Nachher‘ lässt sich mit konkreten Objekten und deren Eigenschaften verknüpfen, z.B. auch mit periodischen Vorgängen in unserem Erlebnisraum wie ‚Wachen – Schlafen‘, ‚Tag und Nacht‘, ‚Jahreszeiten‘ oder auch Vorrichtungen zur künstlichen Erzeugung von periodischen Ereignissen, die wir ‚Uhren‘ nennen.
  2. In der Physik gibt es kein ’subjektives Erleben‘ (nur indirekt, über das Erleben der Physiker, das aber ausgeklammert werden soll). Wenn die Physik von ‚Zeit‘ spricht, dann nur als ein theoretischer Begriff innerhalb einer formalen Theorie, die sich mit einer definierten Messprozedur zur empirischen Welt in Beziehung setzen lässt. Und hier gibt es in der Physik mindestens zwei Szenarien.
  3. In dem einen Szenario hat die Physik z.B. die Zeitdauer von ‚1 Sekunde‘ an Eigenschaften einer technischen Vorrichtung gekoppelt, die man ‚Atomuhr‘ nennt. Innerhalb eines bestimmten Genauigkeitsgrades sind alle Atomuhren ‚gleich‘ (andererseits, wenn eine Atomuhr in Nordamerika steht, eine andere in Europa, wieder eine andere in Asien, usw., dann erfordert die Abstimmung der ‚Gleichzeitigkeit‘ eine Kommunikation zwischen den Betreibern der Atomuhren. Diese Kommunikation erfolgt mittels elektromagnetischer Wellen durch die Atmosphäre. Diese Kommunikation ist um Dimensionen langsamer und ungenauer als die Atomuhren selbst. Dennoch sprechen die zuständigen ‚Behörden für die Zeit‘ (meistens die nationalen metrologischen Institute) von einer gleichen Zeit. (Es ist eine interessante Aufgabe, zu verstehen, wie dies möglich ist). Ferner ist zu beachten, dass der Alltag der Menschen primär natürlich nicht von den Atomuhren bestimmt wird, sondern von den Tag-Nacht Perioden und den Jahreszeiten, auf die auch alle Kalender aufbauen. Die Physik muss also ihre Atomuhren-Zeit mit den Erdzeiten abgleichen. Da die Erdzeiten nicht vollständig exakt zu der Atomzeit passen, müssen immer wieder ‚Zeit-Ausgleiche‘ vorgenommen werden. Im Alltag haben wir die Kalender und unsere ‚Normaluhren‘, hinter der Oberfläche haben wir aber eine exakte Atomzeit, die den Physikern hilft, die Zeit des Alltags immer wieder auszutarieren.

Die Zeit des Lichts

  1. Mitten in einem schier unendlich erscheinenden Universums wird das Beobachten zu einem Problem: wenn alles in Bewegung ist, wo ist der gemeinsame, stabile Bezugspunkt? Im Alltag setzen wir voraus, dass die Situation, das Land, die Erde ’stabil‘ genug ist, so dass wir diese Umgebung als gemeinsamen Bezugspunkt benutzen können (Landkarten, Navis, …). Im Universum gibt es aber keinen festen Punkt; alles bewegt sich, auch der Beobachter auf der Erde, die sich um sich selbst dreht, die sich zur Sonne hin unterschiedlich neigt, die sich um die Sonne bewegt, und der Beobachter bewegt sich auf der Erde, vielleicht fliegt er mit einem Flugzeug, einem Raumschiff … Woran soll man sich hier noch festmachen?
  2. Glücklicherweise konnten die Physiker herausfinden, dass das Licht eine konstante Geschwindigkeit c hat (siehe: \url{https://de.wikipedia.org/wiki/Lichtgeschwindigkeit}). Je nach dem umgebenden Medium kann sich diese zwar verringern, aber man kann für jedes Medium ermitteln, wie stark das Licht verlangsamt wird, so dass man am Ende heraus rechnen kann, wie schnell das Licht unterwegs war und ist. Mit diesem Wissen kann man unter Berücksichtigung der verschiedenen Beobachter dann Entfernungen fixieren und eine Gleichzeitigkeit ermitteln. Im mathematischen Konzept der Raum-Zeit hat Einstein diesen Überlegungen mit seiner speziellen Relativitätstheorie (SRT) einen konzeptuellen Rahmen gegeben.
  3. Wie schon angemerkt, kann die Umgebung des Lichts dessen Geschwindigkeit verändern. Eine besondere Beeinflussung geschieht auch durch die sogenannte ‚Gravitation‘, die durch die Masse der Körper aufeinander stattfindet. Die Gravitation kann den Weg des Lichts im Raum beeinflussen, indem es dieses ‚ablenkt‘. Das Licht breitet sich dann nicht ‚gerade‘ aus, sondern wird ‚gebogen‘. Für einen Beobachter bewirkt dies, dass er die Lichtquelle (ein Stern) mit einer anderen Form/ Gestalt wahrnimmt, als sie tatsächlich hat. Um diese besondere Wirkung der Gravitation berücksichtigen zu können hat Einstein dann den begrifflichen Rahmen der speziellen Relativitätstheorie zur allgemeinen Relativitätstheorie (ART) erweitert.  Das Konzept der Raum-Zeit wurde durch den Aspekt der Raum-Zeit-Krümmung erweitert, d.h. man gab dem physikalischen Phänomen der Beeinflussung der Lichtbahn durch die Gravitation eine mathematische Deutung als ‚Krümmung‘ in einem geometrischen Modell.
  4. Obwohl mit der speziellen wie mit der allgemeinen Relativitätstheorie bislang sehr viele physikalische Phänomene ‚erklärt‘ werden konnten, indem man sagen konnte, dass das B, was man im aktuellen Augenblick beobachten kann, von einem vorausgehenden A kommt, und der Weg von A nach B durch die spezielle oder der allgemeinen Relativitätstheorie beschrieben werden kann, herrscht in der Physik die Überzeugung, dass man noch nicht am Ende der theoretischen Erklärungen angekommen sei, da eine Vereinigung der Quantenphysik und der allgemeinen Relativitätstheorie noch ausstehe.

UND WIR?

  1. Wenn man den Gesprächen der Physiker lauscht, dann kann man ergriffen werden von einem großen Wundern und Staunen über dieses Universum, seinen unfassbaren Dimensionen, die uns umgeben. Zugleich kann es auch nieder schmettern, das Gefühl einer tiefen Verlorenheit erzeugen, wir, auf dieser Erde, so winzig in einer Galaxie, diese so winzig in einem Meer von Galaxien, alles auseinander fliegend … und man selbst so klein, so endlich in der Zeit. Was sind schon 100 Jahre Lebenszeit angesichts dieser Millionen, ja Milliarden von Jahren?

Fortsetzung folgt.

Pausenmusik 🙂

KONTEXT BLOG

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EINLADUNG zur PHILOSOPHIEWERKSTATT: Kann es eine gemeinsame Wahrheit geben? So, 8.Okt.2017, 15:00h, im INM (Frankfurt)

THEMA

Zwischen dem Anspruch der experimentellen Wissenschaften, objektive Tatsachenbehauptungen aufstellen zu können, und den vielfältigen Formen von fantastischen, gefakten, erfundenen, poetischen, literarischen, religiösen, philosophischen und sonstigen Texten, deren Weltbezug sich nicht notwendigerweise direkt erschließt, kann man dahin taumeln im Alltag, hingerissen von dem organisierten Getriebe und die Frage nach Wahrheit offen lassen …. so dass jeder sich bedienen kann wie er will … oder man kann mal für einen Moment innehalten, und sich der Frage überlassen. Was passiert mit mir, wenn ich mal zulasse, darüber nachzudenken, zusammen mit anderen?

Zu dieser Frage gibt es unendliche viele Einstiegspunkte. Einige kann man sich in einem Blogbeitrag holen mit der schlichten Überschrift ‚Wahrheit‘. Dieser Text ist Teil 1 eines mehrteiligen Essays mit der leicht wahnwitzigen Formulierung ‚Die Wiederentdeckung Gottes auf dem Planeten Erde für alle denkbaren Universen‘. … Kann man über ‚Gott‘ reden ohne jemals das Wort ‚Gott‘ zu benutzen (in jeder Sprache natürlich ein anderes Wort :-))?

Für das Gespräch zur Möglichkeit einer gemeinsamen Wahrheit spielt der Kontext des Essays aber keine Rolle.

Wer also mal innehalten will im vertrauten Ablauf ist herzlichst eingeladen mal vorbei zu schauen.

WO

INM – Institut für Neue Medien, Schmickstrasse 18, 60314 Frankfurt am Main (siehe Anfahrtsskizze). Parken: Vor und hinter dem Haus sowie im Umfeld gut möglich.

WER

Einleitung und Moderation: Prof.Dr.phil Dipl.theol Gerd Doeben-Henisch (Prof.emeritus Frankfurt University of Applied Sciences, Mitglied im Vorstand des Instituts für Neue Medien)

ZEIT

Beginn 15:00h, Ende 18:00h. Bitte unbedingt pünktlich, da nach 15:00h kein Einlass.

ESSEN & TRINKEN

Es gibt im INM keine eigene Bewirtung. Bitte Getränke und Essbares nach Bedarf selbst mitbringen (a la Brown-Bag Seminaren)

EREIGNISSTRUKTUR

Bis 15:00h: ANKOMMEN

15:00 – 15:30h GEDANKEN ZUM EINSTIEG

15:30 – 16:00h: REINKOMMEN: Erste Fragen, Kommentare, um in das Thema hinein zu kommen.

16:00– 16:20h: Zeit zum INDIVIDUELLEN FÜHLEN (manche nennen es Meditation)

16:20 – 16:30h: ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL (privat)

16:30 – 17:15h: Erste GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:15 – 17:25h: BEWEGUNG, GETRÄNKE, REDEN

17:25– 17:55h: Zweite GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:55 – 18:00h:: AUSBLICK, wie weiter

Ab 18:00h VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

KONTEXTE

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Hier ein MEMO der Sitzung.

Die Wiederentdeckung Gottes auf dem Planeten Erde für alle denkbaren Universen. Essay. Teil 2

Wahrheit ist nicht Alles

  1. Im vorausgehenden Teil  ist anhand einfacher Sprachbeispiele aus dem Alltag verdeutlicht worden, was alles zu einer ‚wahren‘ Äußerung gehört, und wie schwierig es ist, dass zwei Menschen die Voraussetzungen zu einer wahren Aussage erfüllen.
  2. In diesem Abschnitt wird aufgezeigt, wie das sprachliche Geschehen eingebettet ist in einen Kontext von Bewusstsein, Gehirn, Körper vielstufiger (hypothetisch angenommener) Außenwelt, die durch vielfältige soziale Strukturen zusätzlich angereichert sein kann und meistens ist. Alle diese Strukturen sind zugleich wirksam und spielen auf je spezifische Weise ineinander. Je mehr man dieses komplexen Netzwerke von Interaktionen versteht, um so mehr erscheint es einerseits fast unmöglich, dass überhaupt sogenannte ‚wahre‘ Aussagen zwischen Menschen zustande kommen können, auf der anderen Seite grenzt es an ein Wunder, wenn sie denn zustande kommen.
  3. Die folgenden Überlegungen erheben nicht (!) den Anspruch auf eine vollständige Erläuterungen aller Details (das müssen standardmäßig die Einzelwissenschaften leisten), sondern bilden den Versuch, die übergreifenden Zusammenhänge sichtbar zu machen, die man verstehen sollte (dazu als Hilfe das Schaubild Nr.1).
    Wissen und das Andere des Wissens

    Bild Nr.1 Wissen und das Andere des Wissens

     

    Wissen

  4. Die Sprachbeispiele aus dem vorausgehenden Abschnitt hatten schon gezeigt, dass man unterscheiden muss zwischen den sprachlichen Ausdrücken E als solchen und dem Sachverhalt Xe in der unterstellten Außenwelt. Dabei wurde ferner deutlich, dass es neben dem eigentlichen Sachverhalt, der in der Außenwelt vorliegen kann oder nicht, eine subjektive Bedeutung Y zum Ausdrucks E geben muss, die der einzelne Sprecher/Hörer für sich gelernt hat. Nur unter Voraussetzung dieser subjektiven Bedeutung Y kann ein Sprecher/ Hörer entscheiden, ob ein wahrgenommener Sachverhalt Xe mit der Bedeutung Y korrespondiert oder nicht. Und da diese Operationen sich nur im Gehirn abspielen können, wird die subjektive Bedeutung Y nicht direkt mit der Außenwelt verglichen, sondern mit der subjektiven Wahrnehmung Xs des unterstellten Sachverhalts Xe. Dass einer subjektive Wahrnehmung Xs tatsächlich ein Xe in der Außenwelt entspricht wird durch die Reaktion anderer Sprecher/ Hörer bestätigt, wenn diese den unterstellten Sachverhalt Xe auch wahrnehmen können.
  5. Diese Überlegungen führten zur Annahme der Menge der Phänomene PH, die jeder Sprecher/ Hörer in seinem Gehirn hat; sie werden entweder von sensorischen Ereignissen gespeist oder von internen Vorgängen im Gehirn (z.B. erinnern). Diese Phänomene sind subjektiv bewusst und konstituieren im Kern das, was man gewöhnlich Bewusstsein nennt. Phänomene können ‚konkret‘ sein, oder verallgemeinerte, abstrahierte ‚Strukturen‘ darstellen oder gar komplexe ‚Modelle‘ sein, innerhalb deren vielerlei Elemente in Beziehung gesetzt werden.
  6. Sofern die Strukturen des Bewusstseins gegenständlich sind, objekthaft, dazu noch verknüpft mit sprachlichen Strukturen, handelt es sich um Strukturen, die Wissen repräsentieren. Man kann z.B. Gegenstände und Eigenschaften benennen, Beziehungen zwischen Objekten, Muster, Abläufe; man kann alternative Szenarien denken oder aktuelle Zustände im Hinblick auf die vorausgehenden Zustände rekonstruieren. Dies alles ergibt aber keinerlei Präferenzen für irgend eine Bevorzugung, für irgend eine Wahl, welche Aspekte des wißbaren Möglichkeitsraumes man ‚bevorzugen‘ sollte. Wissen als solches kann aufzeigen was war oder was möglich ist, es reicht aber nicht aus, eine ‚Richtung‘ für den zukünftigen Prozess anzugeben.
  7. Dazu kommt noch ein limitierender Faktor im Zugriff auf das Wissen. Im Bewusstsein finden sich aktuelle Phänomene, die in diesem Augenblick bewusst sind. Am Beispiel des Phänomens ‚Erinnern‘ wissen wir aber, dass wir aktuell immer nur einen kleinen Bruchteil von all dem bewusst haben, was wir potentiell bewusst haben könnten. Ob wir tatsächlich etwas erinnern können, wissen wir erst, wenn wir wirklich etwas erinnern. Wie groß das tatsächlich abrufbare potentielle Wissen eines Menschen letztlich ist, wissen wir nicht wirklich. Man kann nur Schätzungen berechnen.

    Das Andere zum Wissen

  8. Im Phänomenraum haben wir neben dem ‚Wissen‘ noch andere Phänomene, die hier global als das ‚Andere zum Wissen‚ bezeichnet werden. Es ist eine Vielzahl unterschiedlicher Phänomene, die alle die Eigenschaft haben, dass sie unsere grundlegende Befindlichkeit konstituieren.
  9. Wir können uns eher ‚positiv‘, ‚hoffnungsvoll‘, ‚glücklich‘, ‚freudig‘ usw. erleben oder aber ’negativ‘, hoffnungslos‘, ‚unglücklich‘, ‚freudlos‘ usw.
  10. Zum Teil haben wir den Eindruck, dass das aktuelle Wissen um die Situation und um uns selbst ein Auslöser für die positiven oder negativen Stimmungen sein kann. Dies kann uns zusätzlich anfeuern, inspirieren, unternehmungslustig machen, neugierig, usw. bzw. umgekehrt uns ‚runter ziehen‘, uns ‚lähmen‘, ‚demotivieren‘, usw.
  11. In anderen Fällen sind es körperliche Zustände (‚Schmerzen‘) oder körperliche Vorgänge (‚Hunger‘, ‚Durst‘, ‚Müdigkeit‘, ..), die uns beeinflussen.
  12. In wieder anderen Fällen ist uns möglicherweise nicht direkt klar, was eine bestimmte Stimmungslage in uns auslöst. Der Körper bietet eine Vielzahl von Prozessen, die sich auf unsere Stimmungslage auswirken können, ohne das wir sie unmittelbar in dieser Funktion erkennen könne.
  13. Generell kann man beobachten, dass diese internen Stimmungslagen (mit ihrer riesigen Bandbreite an Varianten) sich grundsätzlich dahingehend auswirken können, ob man überhaupt Wissen entwickelt bzw. was man innerhalb des verfügbaren Wissensraumes präferiert. Diese Einwirkung auf den Wissensraum kann dem Betreffenden weitgehend bewusst sein, oder aber eher nicht, fast unbewusst; die berühmten ‚Bauchentscheidungen‘. Ob eine Entscheidung eher ‚mit Bewusstsein‘ erfolgt oder eher ‚kaum bewusst‘ muss nichts über die Qualität der Entscheidung aussagen.
  14. Dies hat damit zu tun, dass die Einwirkung des bewussten Wissens von Welt und Selbst auch auf die vielfältigen Stimmungsformen einwirken kann und in einer Art ‚emotionalen Speicher‘ abgelegt werden. Wenn es dann um bestimmte bewusste Vorstellungen geht, was man tun sollte, und ähnliche Situationen im emotionalen Speicher vorhanden sind, dann kann sich jemand daran erinnern und auf dieser Basis eine Präferenz entwickeln, die nicht sehr bewusst sein muss, aber verfügbar und wirksam ist.
  15. Die Schwierigkeit bei solchen eher ‚unklaren emotionalen Einwirkungen‘ ist, dass jegliche Form von Wissen automatisch gespeichert wird, also ohne bewusste Entscheidungen. Dies schließt mit ein, dass auch eher zufällige Konstellation abgespeichert werden, obgleich sie vielleicht ’sinnlos‘ oder gar ‚irreführend‘ sind. Wenn man sich dann ‚kritiklos‘, d.h. eher ’spontan‘ auf solche diffusen emotionalen Erinnerungen einlässt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man Präferenzen zulässt, die wenig konstruktiv sind.
  16. Auf der anderen Seite spielt natürlich die Qualität des verfügbaren Wissens eine Rolle. Wenn jemand nur wenig Wissen zur Verfügung hat, das zudem noch sehr einfach, wenig differenziert ist, dann kann diese Person die Welt in ihrer Vielfalt, in ihren tiefen Verflechtungen, kaum oder gar nicht wahrnehmen; kann nicht angemessen verstehen. Dies kann zu groben Vereinfachungen, Entstellungen, Falschurteilen führen, die im eigenen Fühlen sehr schlechte, negative, zerstörerische Stimmungen erzeugen können, die dann das Ganze noch weiter verstärken. Es kann aber auch sein, dass die ‚einfache‘ Sicht einer komplizierten Situation auch positiv wirkt, weil der/ die Betreffende viele Bedrohungen und Gefahren erst gar nicht wahrnimmt.
  17. Interessant ist noch die Variante, dass sich ein schwaches, einfaches Wissen durch zugleich positive Gefühle dennoch in eine gute Richtung entwickeln könnte. Setzt aber voraus, dass die ‚positiven Stimmung‘ im verfügbaren Wissensraum jene Bereiche und Richtungen favorisieren, die grundsätzlich für den/ die Betreffende(n) vorteilhaft sind.
  18. Damit stellt sich die grundlegende Frage, woher unsere Stimmungen kommen? Beim Wissen haben wir gelernt, dass neben körperlich bedingten Besonderheiten, eigene, aktive Lernprozesse den Erwerb und den Aufbau von Wissen ermöglichen. Dies ist kein einliniger Prozess, da er von einer Vielzahl von Faktoren (und ‚Zufällen‘) bestimmt sein kann.
  19. Bei den Stimmungen, Emotionen ist dies weniger klar. Einiges (Bedürfnisse, Triebe) ist durch Körperprozesse gesteuert; anderes hängt von bio-chemischen Prozessen im Gehirn ab; anderes sind angeborene Instinktmuster, die zu Angst, Lachen, Aggression, Wut, Freue usw. führen. Doch lässt sich nicht immer für alle bekannten Stimmungsphänomene eines der bekannten Erklärungsmuster haftbar machen. Im übrigen wäre es natürlich fatal, wenn der Mensch trotz seines elaborierten Wissens über solche angeborenen Muster hinaus keine weiteren Möglichkeiten besitzen würde, wie im Falle des Wissens auch emotional-stimmungsmäßig im echten Sinne ‚lernen‘ zu können. Bei dem engen Wechselspiel von Wissen und Stimmungen im Gesamt des Handelns wäre es eher merkwürdig, wenn dem offenen Wissensprozess nicht auch irgendwo eine ‚Offenheit im Fühlen‘ entsprechen würde. Bislang gibt es in diese Richtung allerdings noch keinerlei Forschung.

    Gehirn im Körper

  20. Was immer wir über das Bewusstsein und den Raum der Phänomene sagen können, gegenüber den Philosophen der vorausgehenden Jahrhunderte und Jahrtausende wissen wir heute, dass das Bewusstsein eine Leistung des Gehirns ist und dieses Gehirn wiederum ist eingebettet in einen komplexen Körper, der wiederum Teil einer (unterstellten) intersubjektiven Außenwelt ist.
  21. Die modernen Forschungen zum Gehirn und zum Körper haben in diesem Feld auch immer mehr Funktionalitäten am Gehirn aufgedeckt und das Zusammenspiel von Bewusstsein und Gehirn sowie Gehirn und Körper in ersten Ansätzen sichtbar gemacht. Durch die prinzipielle Nicht-Messbarkeit von Bewusstseinsphänomenen ist eine Forschung zum Zusammenhang von Bewusstsein einerseits und Gehirn/ Körper andererseits (Neuropsychologie, Neurophänomenologie) zwar notorisch schwierig, aber immerhin mehren sich Hinweise auf allerlei Wechselwirkungen.
  22. Die wichtigste Einsicht ist wohl jene, dass die bewussten Bilder von der Welt, die wir haben, nicht die Welt selbst sind, sondern jene Bilder/ Modelle, die das Gehirn aufgrund der vielen sensorischen und propriozeptiven (sensorische Daten aus dem Körper) Daten eigenständig interpretiert und zusammenbaut. Dass der einzelne im Alltag weitgehend mit der Illusion leben kann, dass er die ‚reale‘ Welt sieht und nicht nur ein virtuelles Gehirn-Modell der Welt demonstriert, wie gut die Gehirne im Laufe von vielen Millionen Jahren sich entwickelt haben.
  23. Für das praktische Überleben in dieser Welt ist diese Fähigkeit des Gehirns von einer kaum zu überschätzenden positiven Bedeutung. Der Nachteil an dieser Funktionsweise ist, dass all das Wissen, das Menschen sich aufbauen, sich ebenfalls an den virtuellen Bildern des Bewusstseins orientiert und eine Diskrepanz mit der realen Welt nicht so ohne weiteres auffallen muss.
  24. Dass Menschen sich ganz eigenwillige Modelle der Welt in ihrem Kopf zurecht legen, die sie für ‚wahr‘ halten, können wir in allen Jahrhunderten und heute in der ganzen Welt beobachten. Diese Weltbilder können ziemlich verschroben sein, aber Menschen schaffen es, mit solchen verschrobenen Bildern ihre Welt zu sehen, danach zu handeln, und andere Menschen nach diesen falschen Bildern zu be- oder dann auch zu verurteilen.

    Evolution Total

  25. So viel schon ein einzelner Körper, ein einzelner Organismus über die Welt erzählen kann, so richtig spannend wird es erst, wenn man die Dimension der Zeit hinzu nimmt.
  26. Als die Geologen entdeckten, dass die verschiedenen Ablagerungsschichten des Erdreichs aus unterschiedlichen Zeiträumen stammen, dass diese nicht nur ein paar tausend, sondern viele Millionen oder gar Milliarden Jahre auseinander lagen, da eröffnete sich für die Wissenschaft eine grandiose neue Perspektive.
  27. Mit dem immer besseren Verstehen der Erdentwicklung, der Plattenverschiebungen, der unterschiedlichen Erdteile, der z.B. rabiaten Klimaschwankungen zwischen Eiszeiten (bis zu vielen Millionen Jahren) und Warmzeiten, Meerespiegel Abfällen und Aufstiegen, Erdbeben, Vulkanismus eröffnete sich auch für die Wissenschaften vom Leben (Biologie, …) neue Ansatzpunkte, auch die Entwicklung des Lebens selbst in den verschiedenen Phasen besser untersuchen zu können.
  28. Parallel deckte auch die Physik auf, dass das ganze Universum zu sehen ist als ein gigantischer Prozess mit einem messbaren Anfang genannt ‚Big Bang‘, der dann über die Entstehung der Atome und Moleküle zu Staubwolken führte, Sternentstehungen, Planeten, Galaxien, die sich voneinander immer mehr entfernen. Außerdem lernte man, dass der Prozess der Sternentstehung und des Sternesterbens nach bestimmten Regeln abläuft, die bis heute wirksam sind. So wird unsere Heimatsonne in ca. 0.9 Mrd Jahren ab heute die kritische Temperaturgrenze für höhere Lebewesen von +30o erreichen, was ein Leben auf der Erde schwer bis unmöglich machen wird (Siehe: Wikipedia-DE, Sonne, 2017).
  29. Eine wichtige Botschaft aus all diesen neuen Erkenntnissen ist, dass das biologische Leben zu einer Steigerung der Komplexität auf der Erde geführt hat, die nahezu unvorstellbar ist. Die Komplexität eines einzelnen menschlichen Körpers entspricht in etwa 120 Galaxien im Format der Milchstraße. In jeder Sekunde redet eine Zelle im Gehirn mit bis zu 100.000 anderen Zellen im Gehirn bei einer geschätzen Gesamtzahl von ca. 80 – 100 Milliarden Gehirnzellen. Gleichzeitig kommuniziert eine einzelne Körperzelle (geschätzte Anzahl ca. 34 Billionen (= 34 x 1012) mit bis zu mehreren Millarden anderen Zellen über chemische Botenstoffe. Ein vollständiges Verständnis all dieser Vorgänge entzieht sich bislang dem wissenschaftlichen Verständnis.
  30. Innerhalb dieser allgemeinen Komplexitätszunahme gibt es ferner das Phänomen des sprachlichen Denkens bei homo sapiens. Diese extrem späte Lebensform kann die ‚Gegenwart im Wahrnehmen und Denken‘ dadurch überwinden, dass er mittels eines ‚Gedächtnisses‘ aktuelle Gegenwarte abspeichern und diese dann mit der jeweils neuen Gegenwart vergleichen kann. Dadurch lassen sich Veränderungen erfassen, Muster, Strukturen, Beziehungen, Regeln und vieles mehr. Auf diese Weise kann der homo sapiens die biologische Veränderungsgeschwindigkeit durch Vererbung über Generationen extrem beschleunigen. Im Prinzip kann er sofort Änderungen bewirken.
  31. Zugleich hat homo sapiens neue Technologien entwickelt, die Prinzipien biologischer Strukturen in Form von künstlichen Maschinen in neuer Form verfügbar macht. Dazu gehören Computer, Datenspeicher und Datennetzwerke. Damit konnte er die Veränderungsgeschwindigkeit nochmals erheblich steigern, so stark, dass er selber jetzt ein Bewältigungsproblem hat. Im Wissen des homo sapiens kann sich quasi das ganze Universum wie in einem Spiegel selbst anschauen und bei vollem Bewusstsein sich selbst umbauen. Fragt sich, wohin dies führen wird.

Für eine Fortsetzung siehe HIER.

Pausenmusik 🙂

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Künstliche Intelligenz sogar in der Psychotherapie – Wohin soll das noch führen? Prof. Humm -Darmstadt. Memo

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KURZFASSUNG

Bericht zum VORTRAG „Künstliche Intelligenz sogar in der Psychotherapie — Wohin soll das noch führen?“ von Prof. Dr. Bernhard Humm (FB Informatik, Hochschule Darmstadt), Moderation: Prof. Doeben-Henisch, im Institut für Neue Medien (INM), Frankfurt, Schmickstraße 18, Donnerstag 28. September 2017, 19:30 Uhr (Fotos: Zeynep Tuncer)

KONTEXT

Bernhard Humm hatte am 5.Mai 2017 im eJournal Philosophie Jetzt- Menschenbild (ISSN 2365-5062) einen Beitrag veröffentlicht mit dem Titel „Technische Superintelligenzen werden die Menschheit bedrohen“ – Wie kann man eine so absurde Behauptung aufstellen?, der viele positive Reaktionen ausgelöst hatte. Wir hatten daraufhin einen öffentlichen Vortrag im Institut für Neue Medien (INM, Frankfurt) im Rahmen einer neuen Reihe ‚Philosophie Jetzt im Gespräch‘ vereinbart. Sein Vortrag fand dann am 28.September 2017 im INM statt. Und, wie sich zeigte, fand sich ein sehr interessantes Publikum zusammen, was das Gespräch sehr bereicherte.

BERICHT

KI ein Hype

Prof.Dr.Bernhard Humm (Hochschule Darmstadt) während seines Vortrags

Prof.Dr.Bernhard Humm (Hochschule Darmstadt) während seines Vortrags

Einleitend machte er deutlich, dass das Thema Künstliche Intelligenz (KI) seit einigen Jahren einen Hype-Charakter hat, was allerdings nicht neu ist. Zitate von Marvin Minsky (1967, 1970) und Ray Kurzweil (2005) illustrierten dies. Der Verweis auf das Märchen von des Kaiser’s neuen Kleider mag auf den ersten Blick krass erscheinen, aber wenn man sich die Marketingverlautbarungen vieler Firmen anschaut, ist dies nicht allzu weit weg davon.

KI im Alltag

Offensichtlich ist, dass Anwendungen mit KI-ähnlichen Eigenschaften mittlerweile im Alltag angekommen sind und wie selbstverständlich benutzt werden (z.B. Gesichtserkennung, Sprachschnittstellen für die Steuerung, selbst fahrende Autos).

Bernhard Humm verdeutlichte diese Breite heutiger Anwendungen mit anderen Projekten, bei denen er beteiligt war, so z.B. die Unterstützung der Entwickler bei einer bekannten Roboterfirma, die Unterstützung bei der Findung eines geeigneten Hotels für die Wünsche von Kunden bei einem bekannten Internetportal für die Hotelreservierung, die Unterstützung der Besucher des Städelmuseums im Auffinden ähnlicher Kunstobjekte, die Unterstützung von Bibliotheksbenutzern bei der Suche nach passender Literatur, oder die Unterstützung von Ärzten beim Identifizieren von Krebsrisiken.

KI und Therapie

Jürgen Hardt, ein Experte für Psychoanalyse und Psychotherapie, hört hier aufmerksam zu

Jürgen Hardt, ein Experte für Psychoanalyse und Psychotherapie, hört hier aufmerksam zu

Bernhard Humm berichtete dann von einem neuen Projekt mit dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, bei dem es um den Therapiekontext im Fall von Borderline-Patienten geht. Solche Patienten sind extrem sensibel für Belastungen, was bedeutet, dass in der Interaktion mit Ihnen Stressmomente soweit wie möglich minimiert werden müssen.

Die Aufgabenstellung für die Informatik in diesem Fall ist nicht, den Therapeuten zu ersetzen, sondern die Therapie des Therapeuten zu unterstützen.

Ein Anknüpfungspunkt sind die routinemäßigen schriftlichen Befragungen, die die Patienten mit normalem Schreibgerät ausfüllen müssen. Für die Therapeuten ist dies eine wichtige Rückmeldung. Für die Patienten ist es ein Baustein ihrer aktiven Bewältigung der Borderline-Phänomene.

Eine Maßnahme war die Möglichkeit anzubieten, dass die Patienten diese Fragebogen über ihr Smartphone oder den Computer ausfüllen können. Was auf den ersten Blick banal erscheinen mag, stellte sich als eine große Hilfe für die Patienten heraus. Sie empfanden dies deutlich als Erleichterung.

Ein anderer Ansatzpunkt war motiviert durch die allgegenwärtige Gefahr, dass Patienten (aufgrund ihres geringen Stresspegels) sehr leicht zu einem Abbruch tendieren. Für die Therapeuten ist es daher von hoher Bedeutung, zu erkennen, ob sich ein Abbruch andeutet. Es wurde daher versuchsweise begonnen, mit Methoden der statistischen Datenanalyse (heute oft verbunden mit dem Schlagwort von ‚Big Data‘), über eine Vielzahl von (anonymisierten) Fragebogendaten, Anhaltspunkte zu finden, die auf einen wahrscheinlichen Abbruch hindeuten. Die ersten Experimente mit verschiedenen Auswertungstechniken waren sehr positiv. Damit deutet sich an, dass die Therapeuten auf diese Weise eine zusätzliche Unterstützung bekommen könnten, in ihrer Therapie darauf zu achten.

Matthias Rewald (Armstädter Ontologenkreis) und Gerd Doeben-Henisch (Moderator des Abends) im Gespräch

Matthias Rewald (Darmstädter Ontologenkreis) und Gerd Doeben-Henisch (Moderator des Abends) im Gespräch

KI und Zukunft der Arbeit

Michael Klein, der Direktor des INM, mit einem frfeundlichen Lächeln

Michael Klein, der Direktor des INM, mit einem freundlichen Lächeln

Bernhard Humm betonte einerseits die Normalität und die aktuelle Einfachheit der tatsächlichen KI-Anwendungen, er verwies aber auch auf mögliche weitreichende Herausforderungen, die sich durch die zunehmende Ersetzung von klassischen Arbeitsplätzen durch intelligente Technologien manifestieren.

Im Rahmen der industriellen Revolution hat die Menschheit schon einige Umbrüche erlebt und letztlich überstanden, aber der neue Technologiewandel durch umfassende Digitalisierung greift viel weiter, viel tiefer in das gesellschaftliche Leben ein als alles, was wir bislang kennen.

Die bisherigen Prognosen zur Zukunft der Arbeit sind zudem sehr widersprüchlich; dies deutet an, dass die Materie unübersichtlich ist. Sollte der Wegfall von Arbeitsplätzen deutlich größer sein als das Entstehen neuer Arbeit, dann würde dies große Herausforderung an das bisherige Gesellschaftsmodell stellen: wie an der wirtschaftlichen Produktion beteiligt sein ohne durch Arbeit Geld zu verdienen?

Auch stellen sich viele Fragen, wenn immer mehr Entscheidungsprozesse an Algorithmen ausgelagert werden. Wenn automatisierte Waffen ‚von sich aus‘ angreifen und töten? Wenn im Hochfrequenzhandel an den Börsen die Algorithmen global wirtschaftliche Prozesse ohne Rückkopplung an Menschen steuern? Wenn Verwaltungsabläufe automatisiert werden? Wenn … viele Fragen, auf die wir bislang noch keine Antworten haben.

DISKUSSION

Schon während des Vortrags gab es Ansätze zur Diskussion, die dann nach einer kurzen Pause lebhaft weiter geführt wurde.

Man kann die Beiträge grob in zwei Gruppen einteilen: (i) Der Kontext von Therapie für den Einsatz von KI und (ii) Grundsatzfragen zur Zukunft von Menschen und intelligenten Maschinen.

Therapiekontext

Aufgrund der Einfachheit der Informatikanwendungen am Beispiel der Therapie von Borderline-Patienten und ihrer deutlichen Beschränkung als begrenztes Werkzeug für die Therapeuten gab es hier noch nicht viel Diskussionsbedarf. Jürgen Hardt, erfahrender Psychoanalytiker und Psychotherapeut(*)  lies allerdings in seinen Gesprächsbeiträgen aufblitzen, wie komplex die Sachlage im Fall von psychoanalytischen Therapien ist und welche grundsätzlichen Beschränkungen computergestützte Anwendungen bislang aufweisen, erst Recht, wenn sie als online-Dienst daher kommen.

Andererseits zeigt das Projektbeispiel mit den Borderline-Patienten auch ein wenig, dass ein übergreifender theoretischer Rahmen für diese Art von interdisziplinärem Vorgehen noch fehlt. Es wäre interessant zu sehen, ob und wie solch ein Rahmen die Diskussion beeinflussen könnte.

Bernhard Humm, während der Pause, eingetaucht in virtuelle Beschriftung

Bernhard Humm, während der Pause, eingetaucht in virtuelle Beschriftung

KI als mögliche Bedrohung

Die Tatsache, dass die überwiegende Zahl der Beiträge sich auf die möglichen Bedrohungen der KI bezog, deutet an, wie stark dies doch offensichtlich alle beschäftigt.

Ein Thema war die offensichtliche Faszination, die das Thema KI bei den Menschen auslöst; einmal in dem Sinne, dass man mit der KI eine Fülle von Verheißungen verknüpft, die Lösung aller Probleme, die wir Menschen bislang noch nicht gelöst haben, und dann unendliche Bedrohungsszenarien. Woher kommt dies? Warum reagieren wir Menschen so? Und in der Tat lässt sich dieses Motiv in der Kulturgeschichte viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende zurück verfolgen (Jürgen Hardt).

Einen großen Raum nahm das Thema ‚Digitalisierung der Gesellschaft ein, was von einigen als Teil eines Kulturwandels gedeutet wurde, der grundlegende Muster verändert. Worauf dies alles hinauslaufen wird erschließt sich noch nicht so richtig. Michael Klein machte darauf aufmerksam, dass die großen Internetkonzerne mit Sitz in Silicon Valley schon seit den 90iger Jahren eindeutige Manifest verfasst haben, in denen sie beschreiben, wie sie die Welt verändern wollen. Ein Kern dieser Überzeugungen ist der Glaube an die globale Allheilkraft der Daten mit Daten lassen sich alle Probleme lösen.

Dies erinnert an die Schriften der Aufklärung(Humm), in denen ebenfalls die Verfügbarkeit von Wissen als ein Schlüssel für die Veränderung der Welt (dort vom Absolutismus zu mehr Gleichheit und Brüderlichkeit in allem, zum Abbau von Dogmatismus und Ideologie) angesehen wurde. Wie die Geschichte uns zeigen kann, hat das Wissen alleine bislang offensichtlich nicht diese erhoffte Heilkraft für alle Probleme: Diktaturen, Kriege, Ausbeutung, Hunger, Unterdrückung und vieles mehr sind bis heute de weltumfassenden Begleiter der Menschheit.

Es gab auch verschiedene Stimmen, die jene Position von Bernhard Humm in Frage stellten, in der er den Unterschied zwischen Menschen und intelligenten Maschinen so grundsätzlich darstellte, dass ein Ersatz der Menschen durch solche Maschinen kaum vorstellbar erscheine. Das Ergebnis dieser Argumente war nicht eindeutig. Dass intelligente Maschinen sich in der Zukunft zumindest selbst ‚fortpflanzen‘ könnten, schien den Diskussionsteilnehmern prinzipiell nicht ausgeschlossen.

Doeben-Henisch wies gegen Ende noch auf ein grundlegendes Problem der modernen KI hin, das, sollte es zutreffen, sehr viele Fragezeichen hinter die Zukunft der KI setzen würde, selbst wenn diese Maschinen tausende Male schneller als Menschen würden (was sie ja schon sind) und tausende Male mehr Daten verarbeiten können (was ja auch schon stattfindet). Das Problem findet sich im Bereich des autonomen Lernens. In dem sehr fortschrittlichen Bereich ‚developmental robotics‘, wo es um die Entwicklung von Robotern mit mehr Autonomie geht, die sich ähnlich wie Kindern entwickeln können sollen, ist man seit einigen Jahren auf das Problem gestoßen, mit welchen Präferenzen (= Werte) Roboter lernen sollen, wenn diese nicht nur von den Ingenieuren ‚eingeflüstert‘ werden sollen. Außerdem reicht es nicht, dass ein einzelner Roboter ‚Präferenzen‘ besitzt, sondern eine ganze Population von Robotern muss sich ‚einigen‘, welche Werte sie gemeinsam verfolgen wollen. Aktuell führt die Menschheit vor, wie unfähig sie selbst ist, dieses Problem zu lösen. Es gibt nicht die leiseste Idee, wie Roboter dieses Problem lösen sollen. Wissen als solches ist neutral, es gibt keine Richtung vor. Die chinesische Regierung demonstriert gerade, wie man das aktuelle Werte-Vakuum und die ‚willenlose KI‘ aufgrund von Machtkonstellationen beliebig instrumentalisieren kann (Bericht FAZ vom 25.September 2017).

 

ANMERKUNGEN

(*) Jürgen Hardt ist Psychologischer Psychotherapeut, Lehr- und Kontrollanalytiker (DPV/IPA), Gruppenlehranalytiker (GAS, London), Supervisor und Organisationsberater (DAG) und Gründungspräsident der Psychotherapeutenkammer Hessen. Er hat gemeinsam mit anderen erfolgreich Verfassungsbeschwerde gegen das BKA Gesetz eingelegt, und dabei mit der besonderen Schutzbedürftigkeit des psychotherapeutischen Gespräches argumentiert.

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Die Wiederentdeckung Gottes auf dem Planeten Erde für alle denkbaren Universen. Essay.Teil 1

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Wahrheit

  1. Eine Benutzung des Wortes ‚Wahrheit‘ setzt voraus, dass es etwas gibt, was meinem eigenen Denken und Fühlen vorgelagert ist, von meinem eigenen Wollen unabhängig; egal was ich mir wünsche, vorstelle, phantasiere, denke; es ist etwas — ein X, das Andere –, das vorkommt, weil es ‚aus sich heraus‘ vorkommt.
  2. Im Alltag ist es ein Gegenstand, über den ich im Dunklen stolpere, weil ich an dieser Stelle keinen Gegenstand vermutet habe; die Sonne, die mich blendet, weil sie so tief steht; der Kaffee, den ich trinke; der Stuhl, auf dem ich sitze; mein Gegenüber, das auf mich einredet; der Regen, der mit Macht hernieder prasselt …
  3. Diese Selbstverständlichkeit kann schnell ins Wanken geraten, wenn man anfängt, darüber nachzudenken.
  4. Wir wissen, dass wir Menschen phantasieren können, träumen, wir können Halluzinationen haben, Wahnvorstellungen, … oder denken gerade nach. Diesen Beispielen ist gemeinsam, dass derjenige der phantasiert, träumt usw. ‚für sich‘, ’subjektiv‘, etwas erlebt, empfindet, denkt, was ihm in diesem Moment ‚wie wirklich‘ erscheint, obgleich andere Menschen in der Umgebung einer solchen Person zum Schluss kommen könnten, dass die aktuellen Phantasiebilder, Träume usw. nichts mit der aktuellen äußeren Situation dieser Person zu tun haben.
  5. So stellt sich die Person vor, sie sei eine Königin, obwohl sie nach offiziellen Daten nur eine Büroangestellte ist; oder jemand träumt im Schlaf, schreit, schlägt um sich, und wenn dann der Bettnachbar ihn aufweckt, berichtet der Träumer von irgendwelchen Ungeheuern, vor denen er geflohen sei. Jemand anderes hat Drogen genommen und sieht den aktuellen Raum plötzlich ganz anders, umarmt Anwesende oder beschimpft sie, obwohl es keinen äußerlich bekannten Grund dafür gibt. Andere fühlen sich verfolgt, haben panische Ängste, verstecken sich, schließen sich ein, kaufen Waffen, aber es gibt niemand, der ihnen nachstellt. Und dann der Denker: er sitzt scheinbar tatenlos auf einem Stuhl, stiert vor sich hin auf ein Spielbrett, und in seinem Kopf denkt er intensiv über verschiedene Möglichkeiten nach, welche Züge er im Spiel machen könnte, Züge, die nur in seinem Denken existieren, nicht auf dem Spielbrett.
  6. Das innere Erleben eines Menschen kann offensichtlich für den Betreffenden so ‚wirklich‘ erscheinen, wie das, was sich von der ‚Außenwelt‘ in seiner ‚Wahrnehmung‘ niederschlagen kann. Und offensichtlich gibt es hier Zustände, in denen der Betreffende in seinem Erleben nicht mehr so richtig (oder gar nicht?) entscheiden kann, ob das Erlebte nun ’nur innerlich, subjektiv‘ vorkommt, oder auch ‚zugleich äußerlich, objektiv, intersubjektiv‘, so, dass andere diese Sachverhalte von sich aus bestätigen könnten.
  7. Die Dinge werden noch schwieriger, wenn man die Sprache einbezieht.
  8. Die Sprache — gesprochen wie geschrieben (oder noch anders) — hat die Besonderheit, dass sich sprachliche Äußerungen normalerweise in kleinere Einheiten unterteilen lassen, die teilweise als diese kleineren Einheiten eine ‚Bedeutung‘ haben; im Zusammenhang der Äußerung können diese unterscheidbaren kleineren Einheiten eine ‚über die einzelne Einheit hinausgehende‘ Bedeutung besitzen. Zugleich spielt die Situation eine Rolle: die gleiche sprachliche Äußerung kann je nach der Deutung der Situation eine ganz unterschiedliche Bedeutung besitzen.
  9. Eine Äußerung wie ‚Ich bitte Dich, mir zu helfen, das Haus zu verkaufen‘, enthält kleinere Einheiten, die wir gewöhnlich ‚Worte‘ nennen. Einzelne Worte wie z.B. ‚Haus‘ haben eine Bedeutung durch Bezug auf gedachte und dann möglicherweise objektive Gegenstände mit bestimmten Eigenschaften. Andere Worte wie ‚zu‘ und ‚das‘ haben keinen direkten Gegenstandbezug. Für jemand, der die deutsche Sprache kennt, deutet sich in dieser sprachlichen Äußerung an, dass eine Person A (die mit dem ‚Ich‘) eine andere Person B (die mit dem ‚Dich‘) ‚bittet‘ bei einem Hausverkauf zu helfen. Wenn die beiden Personen A und B voneinander gesellschaftlich unabhängig sind, die Person B dem A in keiner Weise verpflichtet ist, dann ist die ausgesprochene Bitte typisch und der Ausgang offen. Wenn aber B dem A irgendwie verpflichtet ist, von A vielleicht sogar sehr direkt abhängt, dann kann diese Bitte eher als ein Befehl verstanden werden, den B dann aus gesellschaftlichen Gründen nicht wirklich ablehnen kann. Dies setzt voraus, dass man die sprachliche Äußerung als Teil eines größeren sozialen Zusammenhangs erkennt, dessen Eigenschaften die Bedeutung beeinflussen können.
  10. Es gibt aber noch weitere Unwägbarkeiten. Wenn in der Äußerung davon gesprochen wird, ‚das Haus‘ zu verkaufen, dann unterstellt A, dass B ‚weiß‘, welches Haus ‚gemeint‘ ist. Wenn die sprachliche Äußerung aber in ‚Abwesenheit des Hause‘ getätigt wird, dann existiert ‚das Haus‘ nur im ‚Wissen‘ der beiden beteiligten Personen A und B. Zumindest unterstellt A, dass B ‚weiß‘, welches Haus A ‚meint‘. Dies funktioniert, wenn es in der Vergangenheit eine Situation gab, durch die eindeutig genug ein ganz bestimmtes Haus identifiziert worden ist, also ‚das Haus‘ von dieser erinnerbaren Situation. Dies kann funktionieren. Wenn diese erinnerbare Situation aber nicht eindeutig war, wenn schon in dieser Situation zwar von ‚dem Haus‘ geredet wurde, aber schon in der damaligen Situation A an ein anderes Haus gedacht hat als B und beide diesen Unterschied nicht bemerkt haben, dann wird B möglicherweise zustimmen und für sich an ein anderes Haus H1 denken als A, der an das Haus H2 denkt. Irgendwann werden beide vielleicht merken, dass sie mit ‚das Haus‘ zwei verschiedene Objekte meinen, spätestens dann, wenn sie zu dem Haus hinfahren würden. Solange sie dies nicht tun leben Sie mit ihren privaten, subjektiven Vorstellungen von einem Hausobjekt H1 bzw. H2, benutzen die gleichen Worte, und merken nicht, dass sie beide etwas ‚Verschiedenes meinen‘.
  11. Ein Bezug zur Außenwelt unter Zuhilfenahme einer Sprache kann also unterschiedlich missverständlich sein. Die Worte können im Kopf, im ‚Innern‘, im Denken eines Sprecher-Hörers, einen Sachverhalt induzieren, hervorrufen, aktivieren, der für ‚wirklich‘ angenommen wird, obgleich sich diese Vorstellungen in den Köpfen verschiedener Sprecher-Hörer unterscheiden können, trotz gleicher Worte.
  12. Bei sogenannten ‚abstrakten Bedeutungen‘, wie sie sich bei Worten finden wie ‚Freiheit‘, ‚Demokratie‘, ‚Bewusstsein‘, ‚das Dasein‘, ‚Existenz‘, ‚Glauben‘, ‚Gott‘, ‚Paradies‘, ‚Mathematik‘ usw. kann man in der Regel nicht von vornherein von einer allen gleichermaßen bekannten ‚Bedeutung‘ ausgehen. Worte mit solchen Bedeutungen haben einen solch vielschichtigen Verwendungszusammenhang, dass man bei ihrem Gebrauch grundsätzlich vorher mit allen Beteiligten klären sollte, welche Verwendungszusammenhänge sie jeweils voraussetzen.
  13. Sprechen wir im Alltag von ‚Wahrheit‘ dann unterstellen wir einen Zusammenhang zwischen Sprecher und Umwelt derart, dass eine Aussage wie ‚Es regnet‘ sich auf einen realen, objektiven Vorgang in der Umwelt bezieht, der von anderen auch so wahrgenommen wird (oder werden kann), der jetzt stattfindet. Bei der Aussage, ‚Ich war gestern in Frankfurt‘ wird es schwieriger. Ob die Aussage als ‚wahr‘ bezeichnet wird, hängt davon ab, ob sich nachweisen lässt, dass der Sprecher einen Tag früher tatsächlich in der Stadt mit Namen Frankfurt war, und dass der Sprecher mit der Aussage ‚Ich war gestern in Frankfurt‘ diesen Sachverhalt meint. Wenn der Sprecher während der Aussage für sich gedacht hat, dass er sich nur vorgestellt hat, dass er in Frankfurt gewesen sei, dann wäre die Aussage nach üblichem Sprachverständnis ‚falsch‘, da man bei solch einer Aussage unterstellt, dass der Sprecher tatsächlich in Frankfurt war. Wenn eine Sprecherin sagen würde ‚Ich werde morgen nach Frankfurt fahren‘, dann wäre der Wahrheitsgehalt noch offen. Sie kündigt ein Ereignis an, das in der Zukunft stattfinden soll. Ob es tatsächlich stattfinden wird, muss man erst mal ’sehen‘. Es ist eher eine ‚Absichtserklärung‘, allerdings eine mit potentiellem Wahrheitsanspruch. Falls die Sprecherin während der Aussage denkt, dass Sie nicht wirklich nach Frankfurt fahren will, wäre ihr Aussage nach normalem Verständnis eine ‚Lüge‘ oder eine ‚Täuschung‘. Allerdings, wenn die Sprechsituation locker ist, man gerade ‚herum spinnt‘, man Möglichkeiten überlegt, es nicht so ganz ernst zugeht, dann wäre die Aussage eine Meinungsäußerung ohne klaren Wahrheitsstatus.
    Fassen wir zusammen: Das Reden von ‚Wahrheit‘ setzt voraus:

    1. Es gibt mindestens einen Sprecher A und mindestens einen Hörer B
    2. Beide benutzen die gleiche Sprache L in einer gemeinsam geteilten Situation S
    3. A und B können zwischen Innen (subjektiv) und Außen (objektiv) unterscheiden.
    4. Für A und B haben die hörbaren und/ oder lesbaren Ausdrücke E der Sprache L eine subjektive Bedeutung Y, die mit Sachverhalten X in der Umgebung korrespondieren können.
    5. Wenn A einen Ausdruck E mit der subjektiven Bedeutung YA(E) — aus der Sicht von A — äußert, und dieser Äußerung von E ein Sachverhalt X korrespondiert, den B auch wahrnehmen kann, so dass durch den Ausdruck E und dem Sachverhalt X bei B die subjektive Bedeutung YB(E) aktiviert wird, dann würde aus Sicht von B eine ‚wahre Aussage E‘ vorliegen, wenn der Sachverhalt X mit seiner Bedeutung YB(E) ‚korrespondiert‘.
    6. Da die subjektive Bedeutung Y eines Ausdrucks E mit einem Sachverhalt X korrespondieren soll, muss der Sachverhalt X auch als eine wahrnehmbare Größe XSprecher-Hoerer so vorliegen, dass die subjektive Bedeutung YSprecher-Hoerer sich direkt mit dem Sachverhalt vergleichen lässt. Dies bedeutet, es bedarf einer subjektiven Vergleichsoperation XSprecher-Hoerer = YSprecher-Hoerer ?. Dies bedeutet, sowohl die subjektive Bedeutung Y wie auch der wahrgenommene Sachverhalt X stellen subjektive Größen dar; sie unterscheiden sich nur durch die Art der Hervorbringung: YSprecher-Hoerer wird durch subjektive Aktivitäten generiert und XSprecher-Hoerer wird durch Sinnesorgane des Körpers über das Gehirn generiert. Die Menge der subjektiven Gegebenheiten soll hier technisch als ‚Phänomenraum (PH)‘ bezeichnet werden. Es würde dann gelten dass alle Arten von aktuell wahrgenommenen Sachverhalten X eine Teilmenge des Phänomenraums PH sind und ebenso alle aktuell generierten subjektiven Bedeutungen Y, als XNOW ⊆ PH und YNOW ⊆ PH.Ferner würde gelten YNOW ∩ XNOW = 0
    7. Dabei muss man sich klar machen, dass es zwischen der jeweiligen subjektiven Bedeutung YSprecher-Hoerer und einem sprachlichen Ausdruck E auch eine hinreichend klare und stabile Korrespondenz geben muss. Dies setzt wiederum voraus, dass der hörbare oder sichtbare sprachliche Ausdruck E eine interne Repräsentation ESprecher-Hoerer haben muss, die mit der subjektiven Bedeutungsrepräsentation YSprecher-Hoerer assoziiert ist. Dabei ist zu beachten, dass es eine sprachliche Bedeutung im engeren Sinne gibt, nur bezogen auf den Ausdruck, und eine Bedeutung im weiteren Sinne, insofern der situative Kontext C(Sprecher,Hoerer) zu berücksichtigen ist. Es muss also eine Beziehung folgender Art geben: Meaning : CSprecher-Hoerer x ESprecher-Hoerer —> YSprecher-Hoerer. Dies führt zu den Erweiterungen: CNOW ⊆ PH sowie YNOW ∩ XNOW ∩ CNOW = 0.
  14. Schon diese stark vereinfachende Rekonstruktion lässt erkennen, wie schwierig es ist, zu wirklich wahren Aussagen im Kontext einer Kommunikation zu kommen. Haben zwei Personen eine unterschiedliche Wahrnehmung, dann kann dies schon zu Missverständnissen führen. Haben Sie bei der Zuordnung zwischen wahrgenommenem Sachverhalt X und Bedeutungskonzept Y Unterschiede, funktioniert es auch nicht. Ferner muss die Situationszuordnung passen, und, am allerwichtigsten, die Zuordnung von Ausdruck und Bedeutung muss gleich sein. Alle diese Bedingungen herzustellen und zu überprüfen, erfordert viel Aufmerksamkeit und vielen guten Willen.
  15. Die vielen Kommunikationsprobleme im Alltag zeigen, dass es in der Tat schwierig ist; dazu kommen die vielfältigen systematischen Manipulationen von Sprache aus unterschiedlichsten Gründen (Lügen, Werbung, Propaganda, Indoktrination, Fälschung, Unterhaltung, Fiktion,…).

Eine  Fortsetzung findet sich HIER.

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PS: Eine Ergänzung zu diesen Überlegungen könnte das Memo zur Philosophiewerkstatt vom 8.Oktober sein.

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PHILOSOPHIE JETZT (PhJ) im Gespräch – September 2017

Im Folgenden ein Überblick über die verschiedenen Events bei denen Philosophie Jetzt im direkten Kontext außerhalb des Blogs zu erfahren ist.

ARTIKEL

G.Doeben-Henisch, Künstliche Intelligenz und der Glaube an Gott, in: Brennpunkt Gemeinde 70 (Aug./Sept. 2017), Studienbrief R21, 14 S., Hrsg.: AMD Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste im Verbund der Diakonie, Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, 47497 Neukirchen-Vluyn.

DISKUSSIONSABEND

7.Sept.2017, 18:00h, Expertengespräch zum Thema ‚Künstliche Intelligenz‘ im House of Logistics and Mobility (HOLM) GmbH in Frankfurt am Main; Prof. Doeben-Henisch einer von drei SprechernInnen

VORTRÄGE MIT DISKUSSION

14.9.2017, 19:30h: Die Digitale Person – Ein Neuer Evolutionsschub?, Weißer Saal, Conversationshaus, Im Rahmen der Herbstakademie der Insel Norderney und der Sommerakademie des 3.Lebensalters der Goethe-Universität, Frankfurt

23.Sept.2017, 11:15-12:45h, Religion im Zeitalter der Intelligenten Maschinen. Versuch einer Prognose, Beitrag zum Thema HOMO INSTRUMENTALIS. Veranstalter Katholische Akademie Wolfsburg in Kooperation mit der Ruhrtriennale,Falkenweg 6, 45478 Mühlheim an der Ruhr

VORTRÄGE IM INM (Frankfurt)(Neuer Standort von PhJ)

28.Sept.2017, 19:30h, Künstliche Intelligenz sogar in der Psychotherapie – Wohin soll das noch führen? Von Prof.Humm (DA), Moderation: Prof. Doeben-Henisch

Künstliche Intelligenz (KI) ist ein Hype-Thema und wie bei allen Hype-Themen vermischen sich überzogene Erwartungen mit Ängsten. In dem Vortrag werden aktuelle KI-Anwendungen u.A. in der Psychotherapie vorgestellt und ein kurzer Einblick „unter die Motorhaube“ gegeben. Es soll eine breite Diskussion um Chancen und Risiken von KI-Anwendungen angeregt werden.(Anmerkung: Diesen Vortrag kann man auch im Zusammenhang sehen mit einem Blogbeitrag von Prof.Humm vom 5.Mai 2017)

Prof. Dr. Bernhard Humm unterrichtet seit 2005 am Fachbereich Informatik der Hochschule Darmstadt u.A. zu angewandter Künstlicher Intelligenz (KI). In Forschungsprojekten gemeinsam mit Industriepartnern entwickelt er KI-Anwendungen in so unterschiedlichen Branchen wie Tourismus, industrielle Fertigung, Bibliothekswesen, Kultur und Gesundheitswesen. Zuvor arbeitete er 11 Jahre lang für ein großes deutsches Softwarehaus als Software-Architekt, Bereichsleiter und Leiter des Forschungsbereichs.