MASLOW UND DIE NEUE WISSENSCHAFT. Nachbemerkung zu Maslow (1966)

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Datum: 21.Juni 2020 (Korrekturen: 24.Juni 2020)

KONTEXT

Wenn man sich nicht nur wundern will, warum das Phänomen von ‚Fake News‘ oder ‚Verschwörungstheorien‘ so verbreitet ist und selbst vor akademischer Bildung nicht Halt macht, dann muss man versuchen, den Mechanismus zu verstehen, der diesem Phänomen zugrunde liegt. Von den vielen Zugängen zu dieser Frage finde ich das Buch von Maslow (1966) The Psychology of Science besonders aufschlussreich.

VERLUST DES PHÄNOMENS

Maslow erlebte seine Arbeit als Psychotherapeut im Spannungsfeld zur damaligen experimentellen verhaltensorientierten Psychologie im Stil von Watson. Während er als Psychotherapeut versuchte, die ganze Bandbreite der Phänomene ernst zu nehmen, die sich in der Begegnung mit konkreten Menschen ereignet, gehörte es zum damaligen Programm einer empirischen Verhaltens-Psychologie, die Phänomene im Kontext von Menschen auf beobachtbares Verhalten zu beschränken, und hier auch nur auf solche Phänomene, die sich in (damals sehr einfachen) experimentellen Anordnungen reproduzieren lassen. Außerdem galt das Erkenntnisinteresse nicht den individuellen Besonderheiten, sondern allgemeinen Strukturen, die sich zwischen allen Menschen zeigen.

Maslow verallgemeinert die Betrachtung dahingehend, dass er die Einschränkung der Phänomene aus Sicht einer bestimmten Disziplin als Charakteristisch für die Wissenschaft seiner Zeit diagnostiziert. Er meinte in dieser Ausklammerung von Phänomenen eine tiefer liegende Tendenz zu erkennen, in der letztlich die Methode über das Phänomen gestellt wird: wehe dem Phänomen, wenn es nicht zu den vereinbarten Methoden passt; es hat hier nichts zu suchen. In dem Moment, in dem die Wissenschaft von sich aus entscheiden darf, was als Phänomen gelten darf und was nicht, gerät sie in Gefahr, ein Spielball von psychologischen und anderen Dynamiken und Interessen zu werden, die sich hinter der scheinbaren Rationalität von Wissenschaft leicht verstecken können. Aus der scheinbar so rationalen Wissenschaft wird verdeckt eine irrationale Unternehmung, die sich selbst immunisiert, weil sie ja alle Phänomene ausklammern kann, die ihr nicht passen.

VERLUST DER EINHEIT

Zu der verdeckten Selbstimmunisierung von wissenschaftlichen Disziplinen kommt erschwerend hinzu, dass die vielen einzelnen Wissenschaften weder begrifflich noch prozedural auf eine Integration, auf eine potentielle Einheit hin ausgelegt sind. Dies hier nicht verstanden als eine weitere Immunisierungsstrategie, sondern als notwendiger Prozess der Integration vieler Einzelaspekte zu einem möglichen hypothetischen Ganzen. Ohne solche übergreifenden Perspektiven können viele Phänomene und daran anknüpfende einzelwissenschaftliche Erkenntnisse keine weiterreichende Deutung erfahren. Sie sind wie einzelne Findlinge, deren Fremdheit zu ihrem Erkennungszeichen wird.

SUBJEKTIV – OBJEKTIV

In der orthodoxen Wissenschaft, wie Maslow die rigorosen empirischen Wissensschaften nennt, wird ein Begriff von empirisch, von objektiv vorausgesetzt, der den Anspruch erhebt, die reale Welt unabhängig von den internen Zuständen eines Menschen zu vermessen. Dies geht einher mit der Ausklammerung der Subjektivität, weil diese als Quelle allen Übels in den früheren Erkenntnistätigkeiten des Menschen diagnostiziert wurde. Mit der Ausklammerung der Subjektivität verschwindet aber tatsächlich auch der Mensch als entscheidender Akteur. Zwar bleibt der Mensch Beobachter, Experimentator und Theoriemacher, aber nur in einem sehr abstrakten Sinne. Die inneren Zustände eines Menschen bleiben in diesem Schema außen vor, sind quasi geächtet und verboten.

Diese Sehweise ist selbst im eingeschränkten Bild der empirischen Wissenschaften heute durch die empirischen Wissenschaften selbst grundlegend in Frage gestellt. Gerade die empirischen Wissenschaften machen deutlich, dass unser Bewusstsein, unser Wissen, unser Fühlen funktional an das Gehirn gebunden sind. Dieses Gehirn sitzt aber im Körper. Es hat keinen direkten Kontakt mit der Welt außerhalb des Körpers. Dies gilt auch für die Gehirne von Beobachtern, Experimentatoren und Theoriekonstrukteuren. Keiner von ihnen sieht die Welt außerhalb des Körpers, wie sie ist! Sie alle leben von dem, was das Gehirn aufgrund zahlloser Signalwege von Sensoren an der Körperoberfläche oder im Körper einsammelt und daraus quasi in Echtzeit ein dreidimensionales Bild der unterstellten Welt da draußen mit dem eigenen Körper als Teil dieser Welt errechnet. Dies bedeutet, dass alles, was wir bewusst wahrnehmen, ein internes, subjektives Modell ist, eine Menge von subjektiven Ereignissen (oft Phänomene genannt, oder Qualia), von denen einige über Wahrnehmungsprozesse mit externen Ursachen verknüpft sind, die dann bei allen Menschen in der gleichen Situation sehr ähnliche interne Wahrnehmungsereignisse erzeugen. Diese Wahrnehmungen nennen wir objektiv, sie sind aber nur sekundär objektiv; primär sind sie interne, subjektive Wahrnehmungen. Die Selbstbeschränkung der sogenannten empirischen Wissenschaften auf solche subjektiven Phänomene, die zeitgleich mit Gegebenheiten außerhalb des Körpers korrelieren, hat zwar einen gewissen praktischen Vorteil, aber der Preis, den die sogenannten empirischen Wissenschaften dafür zahlen, ist schlicht zu hoch. Sie opfern die interessantesten Phänomene im heute bekannten Universum nur, um damit ihre einfachen, schlichten Theorien formulieren zu können.

In ihrer Entstehungszeit — so im Umfeld der Zeit von Galilelo Galilei — war es eine der Motivationen der empirischen Wissenschaften gewesen, sich gegen die schwer kontrollierbaren Thesen einer metaphysischen Philosophie als Überbau der Wissenschaften zu wehren. Die Kritik an der damaligen Metaphysik war sicher gerechtfertigt. Aber In der Gegenbewegung hat die empirische Wissenschaft gleichsam — um ein Bild zu benutzen — das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: durch die extreme Reduktion der Phänomene auf jene, die besonders einfach sind und durch das Fehlen eines klaren Kriteriums, wie man der Gefahr entgeht, wichtige Phänomene schon im Vorfeld auszugrenzen, wurde die moderne empirische Wissenschaft selbst zu einer irrationalen dogmatischen Veranstaltung.

Es ist bezeichnend, dass die modernen empirischen Wissenschaften über keinerlei methodischen Überbau verfügen, ihre eigene Position, ihr eigenes Vorgehen rational und transparent zu diskutieren. Durch die vollständige Absage an Philosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftsphilosophie — oder wie man die Disziplinen nennen will, die sich genau mit diesen Fragen beschäftigen — hat sich die empirische Wissenschaft der Neuzeit einer nachhaltigen Rationalität beraubt. Eine falsche Metaphysik zu kritisieren ist eines, aber sich selbst angemessen zu reflektieren, ein anderes. Und hier muss man ein Komplettversagen der modernen empirischen Wissenschaften konstatieren, was Maslow in seinem Buch über viele Kapitel, mit vielen Detailbeobachtungen aufzeigt.

DAS GANZE IST EIN DYNAMISCHES ETWAS

Würden die empirischen Wissenschaften irgendwann doch zur Besinnung kommen und ihren Blick nicht vor der ganzen Breite und Vielfalt der Phänomene verschließen, dann würden sie feststellen können, dass jeder Beobachter, Experimentator, Theoriemacher — und natürlich alle Menschen um sie herum — über ein reiches Innenleben mit einer spezifischen Dynamik verfügen, die kontinuierlich darauf einwirkt, was und wie wir denken, warum, wozu usw. Man würde feststellen, dass das Bewusstsein nur ein winziger Teil eines Wissens ist, das weitgehend in dem um ein Vielfaches größeren Unbewusstsein verortet ist, das unabhängig von unserem Bewusstsein funktioniert, kontinuierlich arbeitet, all unsere Wahrnehmung, unser Erinnern, unser Denken usw. prägt, das angereichert ist mit einer ganzen Bandbreite von Bedürfnissen und Emotionen, über deren Status und deren funktionale Bedeutung für den Menschen wir bislang noch kaum etwas wissen (zum Glück gab und gibt es Wissenschaften, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigen, wenngleich mit großen Einschränkungen).

Und dann zeigt sich immer mehr, dass wir Menschen vollständig Teil eines größeren BIOMs sind, das eine dynamische Geschichte hinter sich hat in einem Universum, das auch eine Geschichte hinter sich hat. Alle diese Phänomene hängen unmittelbar untereinander zusammen, was bislang aber noch kaum thematisiert wird.

Das Erarbeiten einer Theorie wird zu einem dynamischen Prozess mit vielen Faktoren. Bei diesem Prozess kann man weder die primäre Wahrnehmung gegen konzeptuelle Modelle ausspielen, noch konzeptuelle Modelle gegen primäre Wahrnehmung, noch kann man die unterschiedlichen internen Dynamiken völlig ausklammern. Außerdem muss der Theoriebildungsprozess als gesellschaftlicher Prozess gesehen werden. Was nützt eine elitäre Wissenschaft, wenn der allgemeine Bildungsstand derart ist, dass Verschwörungstheorien als ’normal‘ gelten und ‚wissenschaftliche Theorien‘ als solche gar nicht mehr erkannt werden können? Wie soll Wissenschaft einer Gesellschaft helfen, wenn die Gesellschaft Wissenschaft nicht versteht, Angst vor Wissenschaft hat und die Wissenschaft ihrer eigenen Gesellschaft entfremdet ist?

BOTSCHAFT AN SICH SELBST?

Das biologische Leben ist das komplexeste Phänomen, das im bislang bekannten Universum vorkommt (daran ändert zunächst auch nicht, dass man mathematisch mit Wahrscheinlichkeiten herumspielt, dass es doch irgendwo im Universum etwas Ähnliches geben sollte). Es ist ein dynamischer Prozess, dessen Manifestationen man zwar beobachten kann, dessen treibende Dynamik hinter den Manifestationen aber — wie generell mit Naturgesetzen — nicht direkt beobachtet werden kann. Fasst man die Gesamtheit der beobachtbaren Manifestationen als Elemente einer Sprache auf, dann kann diese Sprache möglicherweise eine Botschaft enthalten. Mit dem Auftreten des homo sapiens als Teil des BIOMs ist der frühest mögliche Zeitpunkt erreicht, an dem das Leben ‚mit sich selbst‘ sprechen kann. Möglicherweise geht es gerade nicht um den einzelnen, wenngleich der einzelne im Ganzen eine ungewöhnlich prominente Stellung einnimmt. Vielleicht fängt die neue Wissenschaft gerade erst an. In der neuen Wissenschaft haben alle Phänomene ihre Rechte und es gibt keine Einzelwissenschaften mehr; es gibt nur noch die Wissenschaft von allen für alles ….

KONTEXT ARTIKEL

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DAS EIGENE WISSEN. Was soll ich davon halten?

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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Datum: 14.Juni 2020

KONTEXT

In einem vorausgehenden Blogeintrag (Menschen im Dunklen Zimmer) hatte ich über das neue Zeitalter der Datenüberflutung gesprochen, über das starke Aufkommen von sogenannten Fake-News, von Weltverschwörungs-Bildern, von Privat-Theorien jeglicher Art. … und wie die Menschen, die solchen Bildern anhängen, schwer zugänglich erscheinen, wie abgeschottet, wie ferngesteuert, falsch programmiert. In einem spontanen Folgebeitrag (Realität Wahrnehmen) habe ich dann den Aspekt der Alltagswahrnehmung aufgegriffen, unser alltägliches, spontanes In-der-Welt-sein, dabei sein, darin sein; wie wir durch unsere Wahrnehmung die Realität quasi einatmen, jeden Moment…. und habe dabei auf zwei Punkte hingewiesen: (i) die Welt, die wir da wahrnehmen, kann nicht die Welt sein, wie sie real ist, sondern es sind die Bilder, die unser Gehirn für uns berechnet, das in unserem Körper sitzt, ohne direkten Kontakt zur Welt; (ii) wenn wir unseren Blick zurück wandern lassen in der Zeit (ermöglicht durch die Arbeit von hundertausenden von Wissenschaftlern in den letzt ca. 300 Jahren (siehe beispielsweise die Geschichte der Geologie als einer von vielen Wissenschaften, die hierzu beigetragen haben)), dann kommen wir nach vielen Mrd. Jahren zurück an den Zeitpunkt, an dem das biologische Leben zum ersten Mal im bekannten Universum in Erscheinung tritt (ungefähr von ca. 3.5 Mrd. Jahren). Und von den vielen neuen Eigenschaften, die eine biologische Zelle auszeichnet, ist eine jene, die wir heute oft salopp als Bauplan umschreiben: eine Zelle enthält tote Moleküle, die von anderen toten Molekülen so behandelt werden, als ob sie ein Informationspeicher seien, deren Elemente wie Befehle wirken, etwas bestimmtes zu tun. So populär diese Betrachtungsweise ist, so wenig ist bis heute geklärt, wie es zu solch einem komplexen Phänomen kommen kann? Ein totes Molekül für sich genommen verhält sich gegenüber einem anderen toten Molekül niemals so, als ob dieses ein ‚Bauplan mit Informationen sei, denen man folgen sollte‘. Damit sind wir bei dem Thema dieses Blogeintrags.

SELBSTVERSTÄNDLICHES HINTERFRAGT MAN NICHT

Natürlich gab und gibt es einzelne Wissenschaftler, die das komplexe Phänomen im Verhalten der toten Moleküle in einer Zelle zum Anlass genommen haben, der Frage nach zu gehen, wie es zu solch einem Gesamtverhalten von toten Molekülen kommen konnte und immer noch kann. Genauso wie es immer schon Philosophen gegeben hat und immer noch gibt, die sich die Frage gestellt haben, wie wir unsere eigene Weltwahrnehmung einzuschätzen haben: können wir ihr blindlings vertrauen oder sollten wir uns selbst gegenüber achtsam sein, unter welchen Bedingungen wir was und wie wahrnehmen, denken, vorstellen ….

Aber, obwohl es diese Menschen gab und gibt, obwohl dazu viel gedacht und geschrieben wurde, verhalten wir uns im Alltag normalerweise so, als ob es zum Thema keine Frage gibt, keine tiefschürfenden Untersuchungen. Im Alltag erleben wir uns ganz spontan, ganz selbstverständlich, ganz ohne Anstrengung in einer Form der Wahrnehmung von Welt, in der die Welt ‚unsere‘ ist: sie ist da, sie ist vor uns, sie ist in uns, wir sind dabei, wir kommen darin vor, alles passt, alles stimmt; schwerelos, geräuschlos, es ist einfach so. Warum also hier eine Frage stellen? Warum hier Zweifel hegen? Warum hier Mühe aufwenden, wo doch alles so stimmig ist? Nur Querköpfe, Querulanten, Spinner können hier Fragen aufwerfen. Ich selbst doch nicht, wozu?

STOLPERSTEINE … WENN MAN SIE WAHRNIMMT

Angesichts der soeben geschilderten Ausgangslage im normalen Alltag erscheint es ‚irgendwie unmöglich‘, dass man zu einer anderen Sicht der Dinge kommen könnte. Andererseits, wenn man erlebt, wie heute mit einer großen Beharrlichkeit Menschen Ansichten vertreten, die von den eigenen Weltbildern stark abweichen, und man — warum auch immer — eine andere Sicht der Dinge hat, vielleicht sogar stark abweichend, dann kann dies irritieren. Gut, eine Zeit lang kann man so tun, als ob es diese anderen Ansichten nicht gibt, aber irgendwann, wenn sie dann in den Medien immer wieder aufpoppen, wenn im Alltag immer mehr Menschen diese anderen Sichten äußern, sich sogar danach verhalten (‚kein Fleisch essen‘, ‚vegan leben‘, ‚Müll trennen‘, ‚Gleichberechtigung der Frauen‘, ‚Islamischer Staat‘, ‚Wir sind das Volk‘, ‚Klimakrise‘, ….), dann kann dies unangenehm werden, lästig, ärgerlich, oder sogar bedrohlich: die einen wollen sich vor einem bestimmten Virus schützen, andere lachen darüber, halten dies für einen ‚Fake’…

Also, auch wenn man kein Wissenschaftler oder Philosoph*in ist, kann man im Alltag mit der Realität der anderen Weltsicht im Kopf der anderen konfrontiert werden. Das kann lustig sein (Du bis ‚Fan‘ von Idol A und sie ist Fan von Idol B), oder es kann tödlicher Ernst werden (Du siehst das Verhalten der Regierung ‚kritisch‘, die Regierung ist aber quasi diktatorisch und verfolgt, verhaftet dich, sperrt dich ein, foltert dich …).

Die Bilder im Kopf können lustig sein, sie können hart sein wie Beton und sie können dein Leben, das Leben von vielen Menschen bedrohen. Also, auch wenn Du selbst wenig Anlass haben magst, darüber nachzudenken, wie Du die Welt wahrnimmst, wenn keiner darüber nachdenkt, und jeder sich seinen spontanen, so selbstverständlich erscheinen Bildern einfach so überlässt, dann kann es nicht nur zu stark unterschiedlichen Bildern kommen, sondern diese Bilder können immer mehr von der Realität der Welt da draußen abweichen, und Menschen können an einen Punkt kommen, wo sie unfähig erscheinen, ihre falschen Bilder im Kopf als falsch zu erkennen. Und wenn Du dein Kind z.B. von einem hochgefährlichen Virus schützen möchtest, die anderen aber keine Gefahr zu sehen meinen, … was tust Du dann? Wenn Dich jemand anderes als unerwünschte Person betrachtet, als gefährlich, nur weil Du eine andere Sprache sprichst, eine andere Hautfarbe hast, eine andere Wertvorstellung, Du auf der Flucht bist vor Krieg, Du … was tust Du dann? Sind die Gedanken der anderen dann egal? Ist es dann egal, wie wir die Welt wahrnehmen und denken? Wenn es da Menschen gibt, die die Manipulation der großen internationalen Finanzströme als Sport ansehen, als ihr persönliches Recht, auch wenn sie dadurch eine ganze Volkswirtschaft, ja, sogar die Weltwirtschaft ruinieren können … ist es dann egal, was sie denken? Wenn die Regierung eines Landes alle ihre Bürger überwacht, kontrolliert, bewertet, gegen ihren Willen, und daraus Strafmaßnahmen ableitet bis hin zu Gefängnis, Umerziehung, Folter, Tod … ist es dann egal, welche Bilder die Verantwortlichen im Kopf haben?

DEINE GEDANKEN SIND WICHTIG

Diese Hinweise auf Beispiele sollten eigentlich ausreichen, um uns bewusst zu machen, dass die Art, wie wir wahrnehmen, was wir wahrnehmen, wie wir denken, vielleicht nicht ganz so beliebig sein sollte, wie wir in einer ersten spontanen Reaktion vielleicht meinen. Im kleinen Kreis der Familie, von Freunden, von Arbeitskollegen*innen wird oft schnell mal eine Meinung in den Raum gestellt ohne sie groß zu überprüfen, aber wenn wir die Gesamtsituation betrachten, eine ganze Firma, ein ganzes Land, unsere globale Weltgesellschaft, dann sollte jedem klar werden, dass die einzelne, individuelle Meinung keinesfalls so unwichtig, unbedeutend ist, wie sie einem selbst erscheinen mag. Die Gegenwart wie die Geschichte zeigen uns, dass die einzelne, individuelle Meinung, deine Meinung, wenn sie sich vervielfacht, wenn sie zu einer Mehrheit wird, dann kann sie ein Land zu einer freien, demokratischen Gesellschaft führen, oder eben nicht. Und wenn eine Mehrheit es zulässt, dass unsinnige Meinungen praktiziert werden können, dann kann dies Leid und Zerstörung für ganz viele bedeuten, bis hin zum Untergang eines ganzen Landes, zu anhaltendem Bürgerkrieg, zur Zerstörung der Wirtschaft, zur Ausbeutung von von vielen durch wenige.

GLAUBWÜRDIGKEIT

So gesehen sind die Fake-News Bewegungen, die sogenannten Verschwörungstheorien immer auch ein Bild von uns selbst: wenn die führenden Zeitungen dieses Landes große Artikel schreiben, in denen sie eine bestimmte Sicht der Welt vertreten, ohne dass sie jeweils die Quellen ihrer Meinung genau angeben (nur selten tun sie dies explizit), dann ist die Grenze zu einer Verschwörungstheorie fliessend. Ich werde mit einer Sicht der Welt konfrontiert, die mit einem Anspruch auftritt, ich kann aber nicht wirklich — wenn ich denn wollte — die Grundlagen dieser Sicht überprüfen. Genauso kann kann ein Leser mich als Autor dieses Blogs fragen, warum ich nicht immer Quellen für meine Meinung angebe? Fantasiert der cagent nur so vor sich hin, macht er hier Meinungsmache für bestimmte Interessen? Warum soll man ihm glauben?

SICH TRANSPARENT MACHEN … NICHT EINFACH

Wenn wir anfangen, uns ehrlich zu machen gegenüber uns selbst und allen anderen, dann merken wir schnell, dass es gar nicht so einfach ist, ‚ehrlich‘ zu sein, ‚transparent‘, ’nachvollziehbar‘. Warum?

Unsere Sicht der Welt ist im Alltag nicht so einfach, wie wir vielleicht geneigt sind, anzunehmen. Angenommen, Sie benötigen zum in die Ferne sehen eine Brille. Machen Sie einen Speziergang oder gehen Sie Walken/ Joggen ohne ihre Brille. Während der ganzen Zeit da draußen werden Sie beständig alle Dinge in gewisser Entfernung nur unscharf sehen, Farbflecken, komische Formen und Gestalten. Und ihr Gehirn wird beständig Interpretationen anbieten. Je nach Gemütslage (entspannt, ärgerlich, ängstlich, vertrauensvoll …) liefert das Gehirn Ihnen unterschiedliche Interpretationen, was das da vorne sein könnte. Ich habe noch nie bewusst gezählt, wie oft ich daneben lag, aber ‚gefühlt‘ 80-90%…. daneben!

Es ist für viele Zwecke gut, dass unser Gehirn unsere bisherigen Erfahrungen partiell speichert. Ohne diese gespeicherten Erfahrungen wären wir im Alltag praktisch nicht lebensfähig. Wenn wir beständig jede Kleinigkeit wieder von vorne lernen müssten, wir kämen zu nichts mehr. Also, das Lernen in Form von automatischen Speicherungen und Interpretationen des Gehirns ist eine Grundfähigkeit, um überhaupt im Alltag lebensfähig zu bleiben. Der Punkt ist nur — und das haben viele psychologische Arbeiten gezeigt — dass unser Gehirn diese Speicherungen nicht 1-zu-1 vornimmt, sondern dass es auswählt (unbewusst), dass es assoziiert und strukturiert (unbewusst), dass es diese Strukturierung mit Emotionen verknüpft (unbewusst); und vieles mehr. Wenn wir also dann in einer bestimmten Alltagssituation von unserem Gehirn (unbewusst) mit Erinnerungen beliefert werden, um die aktuelle Situation zu deuten, dann können diese Erinnerungen Verzerrungen beinhalten, Assoziationen mit Dingen, die gar nicht relevant sind, und Emotionen, die unpassend sind. Und wenn wir dann diesen spontanen Eingebungen unseres Gehirns genau so spontan folgen, dann können wir ganz spontan große Fehler machen, obgleich wir dabei ein sehr gutes Gefühl haben.

Und wie wir heute aus der Alltagserfahrung wissen können, unterstützt durch viele psychologische Untersuchungen, tun sich alle Menschen schwer bis sehr schwer, ihre Erfahrungen, ihr unbewusstes Wissen im Rahmen eines Dialogs oder bei Schreibversuchen mit Worten angemessen wieder zu geben. Im Falle von psychologischen Experimenten oder bei sogenannten Usability-Tests (Benutzbarkeitstests, wenn man die Brauchbarkeit von Geräten oder Diensten aus Sicht der Benutzer testet) zeigt sich sehr klar, dass Menschen auf Befragungen (Interviews, Fragebogen), was Sie denn in einer bestimmten Situation tun würden bzw. was sie von einer Sache halten, in ganz vielen Fällen etwas ganz anderes antworten, als das, was sie unter Beobachtung im Test tatsächlich getan haben. Dies bedeutet, wir besitzen die Fähigkeit, bewusst ein anderes Bild von uns selbst zu haben als das, was wir tatsächlich tun, und dies, ohne es zu merken!

Dies ist ein Baustein von vielen, die in ihrer Gesamtheit darauf hindeuten, dass das Wissen, das wir im Laufe des Lebens in uns ansammeln, das unsere Wahrnehmung und Tun begleitet, nicht nur sehr komplex zu sein scheint, sondern zusätzlich durch den starken unbewussten Anteil für uns selbst wenig transparent ist. Wenn wir also unsere Meinung zu äußern versuchen, im Gespräch, im Schreiben eines Textes (so wie ich jetzt hier), dann ist dem Sprecher, Schreiber im Moment des Sprechens, Schreibens nicht unbedingt vollständig bewusst, nicht vollständig klar, was er da alles sagt bzw. sagen wird. Andererseits, wenn wir es erst gar nicht versuchen, das auszusprechen oder zu schreiben, was sich da in uns — weitgehend unbewusst — befindet, uns bewegt, uns leitet, dann bleibt dies alles im Dunkeln. Sprechen wir, schreiben wir es auf, wird etwas sichtbar, und wenn es dann sichtbar geworden ist, dann können wir in einem weiteren Durchgang — wenn wir uns die Zeit nehmen — versuchen, das, was sichtbar geworden ist zu bedenken, mit anderen darüber sprechen, wie sie das erleben und einschätzen, und so können wir versuchsweise herausfinden, welchen Wahrheitsgehalt diese Worte haben. Ein bleibend schwieriges Unterfangen, und nur bei sehr einfachen Sachverhalten kann man die Frage nach dem Realitäts-Check eventuell beantworten. Sobald die Dinge komplexer werden — und das ist in unserem Alltag der Normalfall — kann es schwer bis unmöglich werden, sich in überschaubarer Zeit eine umfassende Meinung zu bilden. Dies bedeutet, dass wir die meiste Zeit mit sehr viel Glauben operieren — wir glauben an das, was wir äußern, obwohl wir nicht alle impliziten Annahmen erschöpfend selbst überprüfen können –, und dass wir darauf angewiesen sind, dass andere Menschen uns Feedbacks geben, um aus den Feedbacks Hinweise zu gewinnen, wo man seine eigene Meinung vielleicht überprüfen sollte.

Ich lese oft Bücher von Menschen, die einen sehr kompetenten Eindruck in der Wissenschaft oder der Philosophie erweckt haben (was nicht notwendigerweise besagt, dass das stimmt, was in diesen Büchern steht) und zwinge mich dann, diese Texte in Form von Buchbesprechungen mit meinen Ansichten zu vergleichen. Dies kann helfen, ist aber auch keine vollständige Überprüfung, weil die Meinungen, um dies es geht, in der Regel so umfassend und komplex sind, dass es in kurzer Zeit (dies können sehr wohl viele Wohen sein) nicht möglich ist, alle Positionen zu überprüfen. Genauso lese ich regelmäßig wissenschaftliche Artikel und versuche sie ebenso zu analysieren. Früher war ich auch als Reviewer bei internationalen Zeitschriften aktiv. Oder ich musste meine Meinungen mit den Meinungen von vielen hundert verschiedenen Studierenden konfrontieren, Auge in Auge, bis ins Detail.

Ich leite aus all dem die Einsicht ab, dass das Projekt des eigenen Wissens extrem komplex ist, letztlich niemals abgeschlossen ist, niemals den Anspruch haben kann, jetzt alles richtig zu wissen. Man bleibt in einer fragmentarischen Gesamtsicht mit unterschiedlich gut geprüften Teilaspekten, und man bleibt darauf angewiesen, von anderen zu hören, zu lesen, miteinander zu reden.

Was das Angeben von Quellen angeht, so gibt es Kontexte, in denen man dies auf jeden Fall tun muss, aber dann auch Kontexte — wie solch ein Blogeintrag jetzt, hier — wo der Versuch, alle Gedanken mit Zitaten zu belegen, quasi zum Scheitern verurteilt ist, weil es beim ursprünglichen Schreiben darum geht, einen allerersten Zugriff auf das weitgehend unbewusste eigene Denken zu bekommen. Es wäre dann die zweite Reflexionswelle, in der dann eher Quellen, Querverweise zum Tragen kommen, strukturelle Analysen, logische Analysen usw. Dazu ist dieser Blog aber nur teilweise gedacht. (in einem meiner anderen Blogs uffmm.org, geht es eher um formalisierte Theorien, unterstützende Computerprogramme, reale soziale politische Experimente).

KONTEXT ARTIKEL

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REALITÄT WAHRNEHMEN … ist doch so einfach.

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Datum: 13.Juni 2020

KONTEXT

In dem vorausgehenden — leicht allegorischen — Beitrag von den Menschen im dunklen Zimmer habe ich ein Phänomen unseres Alltags im Jahr 2020 beschrieben. Fake News und Weltverschwörungstheorien bilden den Aufhänger, aber — bei näherer Betrachtung — kann man den Eindruck gewinnen, wir haben es hier nicht mit Ausnahmen zu tun, nicht mit ‚Verzerrungen von uns selbst‘, nein, wir haben es mit uns zu tun, mit uns selbst, so wie wir real sind, so, wie wir funktionieren, wenn wir überhaupt funktionieren.

UREREIGNIS WAHRNEHMUNG

Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir etwas Wahrnehmen, Dinge, Farben, Gerüche, Geräusche, Getstalten, Formen, Konstellationen von Objekten, Zusammenhänge, Veränderungen, … dass wir uns darüber eigentlich nicht mehr wundern. Es ist einfach so. Wir nehmen wahr. Und das, was wir wahrnehmen, das ist für uns wirklich, real, es ist das, was ist, und nichts anderes.

ZWEITE WAHRNEHMUNG

Und doch sollten wir gelegentlich darüber nachdenken, was da gerade passiert, wenn wir wahrnehmen. Es ist eine zweite Wahrheit, die uns quasi mitgegeben ist, als Grundausstattung, als Besonderheit: während wir wahrnehmen, können wir irgendwie wissen, dass wir wahrnehmen. Wir können ansatzweise unterscheiden, ob wir aktuell etwas Reales wahrnehmen, oder ob wir uns an etwas erinnern, was wir schon mal wahrgenommen haben. Oder, sogar das funktioniert, wir können wissen, ob wir gerade herum fantasieren oder — noch radikaler — ob wir im Schlaf träumen. Ansatzweise können wir das.

ES WAR MAL ANDERS

Während wir also da vor uns hin Wahrnehmen, Erinnern, Fantasieren oder Träumen könnte es bisweilen hilfreich sein, dass wir uns darüber bewusst werden, dass es mindestens ca. 10 + 3 Mrd. Jahre gebraucht hat, bis sogenanne unbelebte Materie in Form von Atomen und Molekülen es geschafft hatte, sich so zu formieren, dass angebliche tote Materie in der Lage war, andere tote Materie wahr zu nehmen. Tatsächlich gibt es keine tote Materie, Materie ist von Grund auf extrem ’nicht tot‘, aber es gefällt uns, von der Materie als ‚tot‘ zu sprechen und von uns als ‚lebendig‘. Das entscheidende Ereignis nach den ersten ca. 10 Mrd. Jahren Universum war die Entstehung der allerersten Strukturen, die wir gewöhnlich biologische Zellen nennen.

BIOLOGISCHE ZELLEN

In einer biologischen Zelle sind angeblich tote Moleküle so angeordnet, dass bei der Reproduktion einer Zelle einige tote Moleküle andere tote Moleküle als Bauanleitung benutzen, andere, neue tote Moleküle zu konstruieren. Die Wissenschaft hat früh begonnen, hier von Information zu sprechen, dass die einen toten Moleküle einen Informationsspeicher bilden, einen Bauplan, anhand dessen andere tote Moleküle ein komplexes Gebilde von vielen toten Molekülen konstruieren, die miteinander auf komplexe Weisse kooperieren.

SÜNDENFALL INFORMATION

Die Einführung des Wortes Information an dieser Stelle sollte wohl etwas Besonderes markieren, darauf hinweisen, dass hier etwas Außergewöhnliches im Gang ist, da der Begriff ‚Information‘ kein Begriff ist, der sich einfach so im Bereich der Molekularbiologie ergibt, aber mit der Einführung des Begriffs ‚Infomation‘ in diesem Kontext wurde nur ein Marker gesetzt, ein Ausrufezeichen, ein Hinweis für andere; das Entscheidende aber ist nicht passiert. Niemand hat — nicht bis heute — erklärt, warum ein totes Molekül plötzlich ein anderes totes Molekül behandelt als ob es ein Informationsträger sei. Dies ist keine normale Verhaltensweise eines toten Moleküls. Tote Moleküle wechselwirken zwar mit anderen toten Molekülen auf physikalisch-chemische Weise, aber dass ein totes Molekül auf ein anderes explizit so reagiert, als ob es ein Informationsträger sei, und dass aus dem weiteren Verhalten eines toten Moleküls ein Prozess entsteht, der zur Bildung von anderen toten Molekülen führt, die ein hochkomplexes Gebilde ergeben, das wir heute biologische Zelle nennen, das ist weder selbstverständlich noch folgt es aus der Beschaffenheit toter Moleküle. Einem einzelnen Molekül kann man nicht ansehen, dass es andere tote Moleküle als Informationsträger behandeln kann.

Die Benutzung der Wortmarke Information in diesem Kontext ist — so wie es bislang gehandhabt wird — eher irreführend. Das Wort ‚Information‘ ist im biologischen Kontext bis heute nur ansatzweise definiert ist. Die bislang beste Definition des Begriffs ‚Information‘ findet sich in Publikationen von Claude Shannon 1948/1949, weil er dort ein geschlossenes formales Konzept vorstellt, in dem der Begriff ‚Information‘ eine klare Bedeutung hat. Allerdings, die Verwendung des Begriffs ‚Information‘ bei Shannon und der Begriff ‚Information‘ im Kontext von toten Zellen, die sich so verhalten, als ob eine tote Zelle einen Bauplan enthalte, haben so gut wie nichts miteinander zu tun. Die Verwendung des Begriffs ‚Information‘ bei Shannon ist eine völlig andere als jene im Kontext einer biologischen Zelle bei der Reproduktion. Womit sich die Frage stellt, wie man den Begriff der Zellen-Information von dem Begriff der Shannon-Information abgrenzen kann. Was ist hier anderes? Was — und das ist die entscheidende Frage — ist der formale Zusammenhang im Fall der biologischen Zelle, durch den verständlich wird, warum die einen toten Zellen unter bestimmten Bedingungen sich so verhalten, als ob die anderen toten Zellen eine Bauanleitung darstellen?

Shannon hatte eine klare Theorie von Sender und Empfänger, verbunden durch einen Kanal, und er konnte durch entsprechende formale Annahmen einen Rahmen definieren, innerhalb dessen man dann weiter Wahrscheinlichkeiten definieren konnte, ob und wie bestimmte formale Ereignisse in dem Kanal stattfinden. Im Fall des Phänomens des Bauplans geht es aber in erster Linie nicht um irgendwelche Wahrscheinlichkeiten (indirekt natürlich auch, irgendwie, sekundär), sondern um die Etablierung einer Abbildungsbeziehung zwischen einem toten Molekül auf der einen Seite und dem Verhalten von vielen anderen toten Molekülen auf der anderen! Die beteiligten toten Moleküle blieben das, was sie immer waren und sind, tote Moleküle, aber es gibt das Phänomen, dass an sich tote Moleküle sich unter bestimmten Bedingungen so verhalten, als ob sie ein totes Molekül als Bauplan erkennen und darauf hin viele tote Moleküle sich so verhalten, als ob sie diesen Bauplan umsetzen.

… WENN ES KOMPLEX WIRD

Die entscheidende Eigenschaft kann man also nicht erkennen, wenn man die beteiligten toten Moleküle einzeln betrachtet, sondern nur, wenn man sie als Gesamtheit betrachtet und darauf achtet, wie sie sich im Verlauf der Zeit zueinander verhalten. Für Eigenschaften, die sich an einer Gesamtheit zeigen, ohne dass diese aus den Eigenschaften der Elemente einzeln ableitbar wären, gibt es die beiden Begriffe Komplexität und Emergenz: Gesamtheiten von Elementen, die als Gesamtheit Eigenschaften zeigen, die sich von den Elementen einzeln so nicht behaupten lassen, nennt man (nach einer Definition von Weaver) komplex, und das Auftreten solcher Eigenschhaften von komplexen Systemen, nennt man emergent. Das Auftreten der Eigenschaft Zell-Informationen im Kontext von biologischen Zellen ist daher ein emergentes Phänomen weil biologische Zellen als besondere Ansammlungen toter Moleküle komplexe Systeme sind. Die Existenz von dicken Büchern mit über tausend Seiten Umfang zur Erklärung der biologischen Zelle kann nicht darüber hinweg täuschen, dass das entscheidende emergente Phänomen der Zell-Informationen damit noch nicht hinreichend erklärt ist. Wir wissen jetzt Vieles mehr, aber das Entscheidende wissen wir immer noch nicht.

ZURÜCK ZUR ALLTAGSWAHRNEHMUNG

Das Phänomen der Wahrnehmung von Welt ohne dass man sich unbedingt bewusst macht, dass und wie man wahrnimmt, ist also nicht wirklich neu. Schon zum Beginn des biologischen Lebens gibt es dieses Wunder der Information als Basis jeglichen weiteren Lebens, ohne dass wir darüber bis heute wirklich Rechenschaft abgelegt haben, wie dies möglich ist, was das bedeutet.

Und, seien wir ehrlich: wie viele von Ihnen haben schon mal länger als nur für einen kurzen Moment Gedanken daran verschwendet, wie es denn überhaupt möglich ist, dass wir die Welt wahrnehmen, wo doch unser Gehirn im Körper eingeschlossen ist, und von der Welt ‚da draußen‘ direkt nichts weiß? Wer von Ihnen hat denn schon mal länger darüber nachgedacht, was man von den schönen bunten Bildern von der Welt halten soll, wo wir doch auf Schritt und Tritt feststellen, dass so viele andere Menschen ganz andere Meinungen entwickeln wie wir selbst? Warum können wir so sicher sein, dass im Zweifelsfall immer die anderen die ‚Idioten‘ sind, wir aber auf jeden Fall Recht haben?

BENUTZTE QUELLEN

Warren Weaver, A quarter century in the natural sciences. In Rockefeller Foundation Annual Report,1958, pages 7–15, Publisher: Rockefeller Foundation,1958 (Achtung: der ursprünliche Link mit dem Dokument funktioniert leider nicht mehr). Eine Diskussion der Begriffe Komplexität und Emergenz mit besonderer Berücksichtigung von Weaver findet sich HIER.

KONTEXT ARTIKEL

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MENSCHEN IM DUNKLEN ZIMMER. Eine Allegorie

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ISSN 2365-5062
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Datum: 30.Mai 2020 (4.Juni 2020, 11.Juni 2020)

KONTEXT

Im neuen Zeitalter der Datenüberflutung erleben wir ein starkes Aufkommen von sogenannten Fake-News, von Weltverschwörungs-Bildern, von Privat-Theorien jeglicher Art.

IM GESPRÄCH

Wenn man viele Menchen kennt, dann kann man auch mit vielen sprechen … wenn man will … und wenn diese wollen. Und, ja, man trifft auf jene, die die allerneuesten Wahrheiten kundtun, die die aktuelle Situation in den Händen von bösen Mächten sehen, und die daraus das Recht ableiten, traurig zu sein, böse, aggressiv, beleidigend, und was es so alles gibt. Die Existenz des postulierten Bösen wird übersetzt in die persönliche Freiheit, alles tun zu dürfen, selbst wenn man dadurch viele gute Gewohnheiten, viele erprobte Regeln oder gar offizielle Gesetze schwächt, übertritt, verletzt.

WAHRHEIT?

Als Philosoph und Wissenschaftler bin ich trainiert, bei allen Phänomenen nach Kontexten zu fragen, Voraussetzungen, Entstehungsgeschichten, Beteiligten, Motiven, nach der Tragfähigkeit von Messmethoden, nach der Qualität von begrifflichen Rahmen, innerhalb der man einzelne Ereignisse diskutert, und vielem mehr. Ich musste dann aber feststellen, dass Mitbürger, die begeistert von Fake-News oder Verschwörungsvisionen erzählen (oder gar damit aktiv öffentlich handeln), gar nicht an Fragen interessiert sind. Sie wollen keine alternativen-Fakten zu ihren hören oder lesen. Es geht irgendwie gar nicht um Fakten, um Tatsachen, sondern es geht um mehr, um etwas ‚Größeres’…

WELTSICHT

Alle, mit denen ich sprechen konnte, haben eine bestimmte Sicht von der Welt, und diese Sicht bedient sich zwar gewisser Fakten, insofern sie diese Weltsicht bestätigen, aber tatsächlich geht es nicht um Fakten, da alle anderen Fakten, die diese Weltsicht in-Frage stellen könnten, schlicht ausgeblendet werden. Man will sie nicht hören, man will sie nicht lesen, man bezweifelt grundsätzlich die Korrektheit und/ oder Rechtmäßigkeit der Quelle dieser anderen Fakten oder, falls man die Fakten nominell anerkennt, hat man eine alternative Erklärung, die diese Fakten passend machen für die eigene Weltsicht. Es geht also um eine bestimmte Weltsicht, um jene, die im Innern des anderen da ist, wirksam ist, und alle Wahrnehmungen und Erinnerungen und andere Erklärungsmodelle dominiert, sie beherrscht, und damit keine Chance bietet, dass irgendetwas anderes diese eine Weltsicht schwächen, gefährden könnte. Ein klarer Fall von Alleinherrschaft einer einzigen Sicht, die auch jede mögliche Änderung von vornherein paralysiert.

ALLEGORIE VOM DUNKLEN ZIMMER

Heute morgen kam mir dazu das Bild eines Menschen, der in einem dunklen Zimmer sitzt, alleine. Wenn man ihn fragt, warum er denn in diesem dunklen Zimmer sitze, warum er nicht Licht anmache, die Fenster öffne oder, noch besser, auch mal vor die Tür gehe, dann kommt ein Schwall von Erklärungen, warum das alles nicht gehe, warum dieses dunkle Zimmer die beste aller Welten sei, und überhaupt, ob ich (der Frager) nicht merken würde, dass ich ja schon längst manipuliert sei; dass ich (der Frager) nicht merken würde, dass ich schon ‚für das System‘ arbeiten würde ….

EINER VON UNS – WIR

So sehr man sich über den Menschen im dunklen Zimmer vielleicht wundern mag, über die Vehemenz, wie eine Änderung von vornherein nieder geredet wird, so ist es ein Mensch, ein Mitbürger, einer von uns, die wir zur Lebensform des homo sapiens gehören. Und es sind ja nicht einzelne, sondern es sind zwischen 10 – 30% (geschätzt), vielleicht sogar mehr, die diese Präferenz für das dunkle Zimmer entwickeln. Und es sind keinesfalls nur solche Menschen, denen man ‚geringe Bildung‘ nachsagt (was immer das genau ist), sondern es sind sehr wohl — und nicht wenige — auch solche, die studiert haben, sogar mit Doktortitel oder gar mit einer Professur, die hohe Leitungsfunktionen inne haben. Es muss also etwas damit zu tun haben, wie wir als Menschen grundsätzlich funktionieren, wie wir Wahrnehmen, Erinnern, Denken, …. damit, wie sich ‚in uns‘, in unserem ‚Inneren‘, in dieser genialen Mischung aus wenig Bewusstsein und sehr viel Unbewusstheit, Eindrücke ansammeln, Bilder, Wertungen, Erklärungen, die dann ‚von innen heraus‘ unser Erleben steuern. Und, ja, natürlich, auch mit der Art, wie wir andere Menschen erleben, erlebt haben, wie wir mit anderen Menschen umgehen, mit den Dingen dieser Welt. Der berühmte Pessimist, der immer nur das halb volle Glas sieht, ist eine Realität und seine pessimistische Wahrnehmung färbt ihn kontinuierlich ein; genauso wie den Optimisten, der immer eher die Chancen sieht, die er dann auch ergreift und dabei viele Erfolgserlebnisse hat.

WARUM IST DUNKELHEIT SO BELIEBT?

Es gibt einen Grundsatz bei der Erklärung des biologischen Lebens auf dem Planet Erde, der besagt, dass das Leben zwar grundsätzlich weiter und mehr leben will, dass es aber kostensensitiv ist, d.h. wenn ich zwei Weg zu einem erstrebenswerten Ziel habe, dann wähle ich normalerweise den mit dem geringsten Aufwand.

Wer in einem dunklen Zimmer sitzt, über das er nahezu volle Kontrolle hat, der hat auch Vorteile (scheinbar). Er kennt seine Situation (meint er), er kennt sich (meint der Betreffende immer, dass er sich kennt), er kann mögliche Änderungen in seinem dunklen Zimmer weitgehend selbst bestimmen, ohne irgendein ‚Risiko‘. Jede Art von Änderung in Richtung mehr Licht, mehr Kontakte, mehr neue Erlebnisse da draußen, gelten als Risiko, als Gefahr, gelten als möglicher Kontrollverlust, könnten das Bild von der Welt möglicherweise so verändern, dass nicht mehr klar ist, wohin die Reise geht. Ein Mensch, der angefüllt ist mit Ängsten und einer unrealistischen Selbstliebe, für den sind solche Perspektiven reinstes Gift. Er wird alles tun, um mögliche Veränderungen zu verhindern.

BEFREIUNG

Die grundsätzliche Tatsache, dass es in einem scheinbar unbelebtem Universum biologisches Leben gibt — zugegeben, nach einer extrem langen Anlaufzeit von ca. 10.1 Mrd. Jahren — und dieses Leben seit 3.5 Mrd. Jahren demonstriert, dass es die unfassbarsten Situation gemeinsam, als BIOM, meistern kann, gibt Hoffnung, dass diese individuellen ‚Lock-Ins‘ zwar Schwachstellen erkennen lassen, aber ganz sicher nicht das letzte Wort dazu sind, wie sich das Leben auf der Erde — und letztlich dann im Universum — weiter ausbreiten wird. Sicher nicht einfach so wie bisher, sondern anders, ‚besser‘ ….. Wir Menschen im Jahr 2020 sind schwerlich der Maßstab für das, was noch kommen wird, aber wir gehören zum Prozess, wir beeinflussen ihn, und wir haben alle Zutaten, die notwendig sind für die nächste Phase, auch wenn die in ihren dunklen Zimmern davon nicht viel mitbekommen. Aber auch sie sind Teil vom Ganzen und ihr Dunkles-Zimmer-Lock-In Syndrom kann uns vielleicht viele neue Erkenntnisse darüber liefern, was wir falsch machen, dass es zu so etwas kommt. Einfaches Dunkles-Zimmer Bashing hilft niemandem, weder denen, die da drin sitzen, noch denen, die davor sitzen und sich vielleicht morgen auch in ihrem dunklen Zimmer wiederfinden. Das Dunkle-Zimmer-Locked-In Syndrom ist eine objektive Schwachstelle in der Art und Weise, wie wir Menschen mit uns selbst, mit den anderen, mit der Welt umgehen. Jeder kann Opfer werden; wie kommen wir gemeinsam da wieder raus????

KONTEXT ARTIKEL

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LITERATURHINWEIS (11.Juni 2020)

1999 haben Kruger und Dunning einen Artikel veröffentlicht Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments (Journal of Personality and Social Psychology,1999, Vol. 77, No. 6.,1121-1134). In diesem beschreiben Sie einen Effekt, der von vielen anderen bestätigt worden ist (siehe z.B. die Übersicht in Wikipedia) und der im Alltag von jedem überprüft werden kann, nicht zuletzt am Beispiel des ‚Dunklen-Zimmer-Effekts‘. Sie identifizieren für das Phänomen der gravierenden falschen Selbsteinschätzung bei Menschen einen Mangel an eben dem, was man Selbstreflexion nennt. Es gibt Menschen, die stark auf sich selbst fixiert sind und kaum bis gar nicht in der Lage sind, den Kontext mit zu reflektieren. Nach 18 Jahren Unterrichtspraxis muss ich leider bestätigen, dass es die beiden großen Verhaltensweisen gibt: jene Studierenden, die beständig auf der Suche sind, sich von sich aus zu verbessern, die beständig Grenzen und Lücken in ihrem Wissen erkennen, und jene, die meinen, schon alles zu wissen, dass Sie sich nicht einsetzen müssen, da sie sowieso schon alles wissen, deren Übungsverhalten gegen Null geht, und die sich dann noch wundern und aufregen, wieso sie in Prüfungen schlechter sind als die anderen, die doch nicht besser seien…

ANMERKUNG 1 (4.Juni 2020)

Wer sich von der Idee angesprochen fühlt, die dieser eher literarisch formulierten Text transportiert, und wer Mehr verstehen will, welche konkreten Mechanismen dafür verantwortlich sind, dass wir Menschen uns so verhalten, und zwar generell, unabhängig vom Geschlecht, von der Herkunft, von religiösen Überzeugungen, von beruflicher Profession usw., wer aber auch nicht die vielen hundert Beiträge durchforsten möchte, die vom Autor cagent erwähnt werden, der findet auf wenigen Seiten eine wissenschaftsphilosophische Analyse des Buches von A.Maslow Psychology of Science (1966), die alle wichtigen Zutaten enthält, die man braucht, dieses Phänomen im Kontext der modernen Wissenschaft und der modernen westlichen Kultur zu verstehen. Die ‚Lösung‘ ist in diesem Fall keine einfache Zahl wie im Roman The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy von Douglas Adams, sondern eine Arbeitsformel für uns Menschen, wie wir uns im Umgang mit der Wirklichkeit (zu der Menschen gehören, ein ganzes BIOM) verhalten sollten, um ihrer vollen Dynamik gerecht zu werden. Gemessen an der Komplexität, mit der uns Wirklichkeit gegenübertritt, verhalten wir uns bislang eher wie Steinzeitmenschen, auch wenn wir einen Computer als Arbeitsgerät benutzen können…

SOUND

Keine Musik, aber Sound, RUM (radically unplugged music); Experiment vom 6.Juni 2020

Philosophie für Dummies [Ph4Ds]

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Datum: 24.April 2020

Letzte Änderung: zweite Audio-Datei, 2.Mai 2020 (Neuer Sound 23.Mai 2020)

KONTEXT

In den vielen hundert Beiträgen dieses Blogs blitzen viele Aspekte des philosophischen Denkens auf, teilweise werden Verbindungen sichtbar, bisweilen Umrisse von übergreifenden Strukturen, aber für einen Einsteiger ist es schwer bis unmöglich, sich aus dieser Vielfalt — auch angesichts der schieren Menge — ein klares Bild des philosophischen Denkens zu bilden. Für eine zusammenhänge systematische Darstellung war der Blog auch nie gedacht. Jetzt verstärkt sich aber der Bedarf, aus der Vielfalt doch ein zusammenhängendes Bild zu formen. Wie soll dies gehen?

Es gibt viele Strategien, wie man dies angehen kann. Aufgrund eines Anlasses in der Lehre ergab sich die Idee, mit einem kleinen Text anzufangen, der sehr wohl versucht, das Ganze im Blick zu haben, obgleich er selbst — aufgrund seiner Kürze — doch nur erste Fragmente bieten kann. Aber, es liegt in der Natur einer zusammenhängenden Vision, dass sie in der Lage ist, auch schon mit wenigen Fragmenten eine Perspektive aufblitzen zu lassen, die sich dann — quasi von selbst — in nachfolgenden Formulierungen ’selbst ergänzt‘.

Eine erste Skizze wurde im Stil einer Präsentation abgefasst (nicht Powerpoint, sondern LaTex mit der Beamer Klasse) mit 16 Seiten Inhalt plus Quellennachweisen.

Parallel dazu habe ich einen Text gesprochen, der ausgehend von der Präsentation die damit zusammenhängenden Ideen im unplugged Stil ‚laut gedacht‘ habe.

Natürlich schreit diese erste Skizze nach Weiterführung, fragt sich nur, wann sich dafür Zeit finden lässt.

Ph4Ds – PRÄSENTATION

Ph4Ds – AUDIO

(2.Mai 2020) Kürzere Fassung, erster Einstieg (17.5 Min)
Längere Fassung vom 24.April 2020 (75 Min)

BITTE UM FEEDBACK

Generell kann man ja in diesem Blog Rückmeldungen geben (was in der Vergangenheit auch immer wieder einige getan haben). Im Falle dieser beginnenden ‚Gesamtperspektive‘ fände ich es schön Rückmeldungen zu bekommen. Ob und wieweit ich dann auf die Rückmeldungen eingehe, weiß ich jetzt natürlich nicht. Aber meistens bildet jede Bemerkung, mag sie auch noch so klein sein, ein Echo das nachwirkt, ja, auch mit zeitlicher Verzögerung. Manchmal kommt es vor, dass ich einem Gedanken nachhänge, und dann poppen Erinnerungen an Gespräche, Artikel und Bücher auf, die ich viele Jahre vorher geführt oder gelesen habe …. und genau dann sind sie plötzlich von großer Bedeutung…

Soundexperiment: mehrere Drumkits, eine Melodie-Impression…

MEDITATION ALS UNIVERSELLE SCHNITTSTELLE des Lebens zu sich selbst? Erste Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

23.-25.Februar 2020

KONTEXT

Der Verfasser dieses Textes hat sei dem Sommersemester 2017 zusammen mit anderen Kollegen*innen sechs reguläre Lehrveranstaltungen mit dem Thema Meditation als kulturelle Praxis an einer deutschen Hochschule ausprobieren können. Zusätzlich konnten an der Hochschule zwei Kongresse durchgeführt werden, und ein erstes Büchlein zum Thema — zusammen mit zwei anderen Autoren — erschien 2018. Diese Erfahrungs- und Denkprozesse eröffnen, langsam aber doch, einen neuen Blick auf das Thema Meditation in der Gesellschaft, einen Blick, in dem alte wie neue Positionen in einem neuen Licht erscheinen.

MEDITATION IM HISTORISCHEN KONTEXT

Meditation im Geflecht der Gesellschaft

Das Phänomen Meditation hat eine lange und vielffältige Geschichte. Weit gefasst ist Meditation Teil der allgemeinen Kulturgeschichte des Menschen und reicht soweit zurück, soweit es Zeugnisse von Menschen gibt. Will man Meditation enger fassen und es nur auf jene kulturellen Kontexte beschränken, in denen man explizit von Religion spricht, dann hat man dennoch viele Jahrtausende zu berücksichtigen bis hin zu den Anfängen der verschiedenen Religionen, und diese reichen mindestens 7000 Jahre zurück, von heute aus (2020) gerechnet.

MEDITATION EIN EIGENSTÄNDIGER FAKTOR?

Doch solche Zuweisungen des Phänomens Meditation zu bestitmmten kulturellen Mustern, speziell zu den klassischen Formen von Religion, können zufälliger Natur sein. Zufällig in dem Sinne, dass das Phänomen Meditation als solches zwar auch ohne eine explizite Religion praktiziert werden kann, dass es aber in der Vergangenheit aufgrund der starken Dominanz von religiösen Anschauungen und Mustern kaum vorstellbar war, Meditation ohne direkten Bezug zu einer der existierenden und sozial wirksamen Religion zu praktizieren. So kann es sein, dass die überlieferte enge Beziehung zwischen Meditation und Religion uns einen Zusammenhang vorspielt, der so möglicherweise gar nicht notwendigerweise bestehen muss.

Wenn die Arbeitshypothese stimmen würde, dass das Phänomen Meditation als solches nicht notwendigerweise eine bestimmte Religion voraussetzt, dann wäre es interessant zu untersuchen, wie das Verhältnis zwischen beiden, zwischen Religion und Meditation, in der Vergangenheit tatsächlich war. Schon erste Analysen liefern viele Indizien dafür, dass alle Religionen sich mit dem Phänomen Meditation schwer getan haben! In positiven Fällen konnte die Meditation das religiöse Grundgefühl, die Spiritualität, beleben, intensivieren, anregen. In negativen Fällen — und die gab es zahlreich — konnte die persönliche Meditation eines Menchen den Meditierenden aufgrund seiner Selbsterfahrung in vielfältige Spannungen mit den offiziellen religiösen Praktiken und religiösen Lehren führen. So kann man anhand vieler historisch belegter Erneuerungsbewegungen sehen, dass diese Bewegungen, angetrieben von starken individuellen inneren Ereignissen, nicht nur zu positiven Bereicherungen in der eigenen Lebenserfahrung geführt haben, sondern allzuoft auch zu Spannungen, Verurteilungen, Verfolgungen und Kriegen.

Dort, wo solche Erneuerungsbewegungen den Kampf mit den bestehenden Religionen überlebt haben, finden sich dann neue Varianten von Religionen, die bis in unsere Zeit hinein reichen. Man betrachte nur die vielen Varianten die sich beispielsweise unter den großen Überschriften Hinduismus, Judentum, Buddhsmus, Christentum und Islam ausgebildet haben, und deren Miteinander bis heute nicht spannungsfrei ist.

Aus diesen historischen Gegebenheiten kann sich die Arbeitshypothese ermutigt fühlen, anzunehmen, dass das Phänomen der Meditation offensichtlich nicht so neutral gegenüber Weltinterpretationen — auch religiösen — ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

MEDITATION ALS EREIGNISHORIZONT

Es gibt bis heute keine allgemein akzeptierte Definition von Meditation. In diesem Text wird angenommen, dass beim Meditieren ein Mensch sich an einem bestimmten Ort befindet, für sich ein wenig Zeit hat, in der er nach außen nichts leisten muss, und er eine bestimmte körperliche Haltung einnimmt, die für die Dauer des Meditierens günstig ist (Anmerkung: für eine von vielen mögliche Experimentieranordnung siehe diesen Blogeintrag).

Entscheidend beim Meditieren ist aber nicht die Körperhaltung und nicht der physikalische Ort, sondern das innere Geschehen im Meditierenden.

Der primäre Zugang des einzelnen zu seinem eigenen Erleben ist die Perspektive seines eigenen Bewusstseins, mit der sich die erste-Person Perspektive begründet. Zu unterscheiden davon ist die dritte-Person Perspektive, jene des Alltags und der empirischen Wissenschaften. Die erste-Person Perspektive ist aus Sicht der dritten-Person Perspektive prinzipiell unzugänglich.

DEUTUNGSHOHEIT

Bei der Frage, wie man den Ereignisraum, der sich in der ersten-Person Perspektive eröffnet, deuten will bzw. kann, sind eigentlich alle existierenden Deutungs-Paradigmen gefordert. Sowohl die bekannten überlieferten Religionen mit ihren verschiedenen historischen Ausprägungen, wie auch alle neueren Entwicklungen wie die empirischen Wissenschaften; dazu aber auch die klassische Perspektive der Philosophie, die als geistiges Hintergrundrauschen jegliches Denken des Menschen begleitet, und auch für die modernen empirischen Wissenschaften weiterhin konstitutiv ist, auch wenn diese selbst dies nicht so sehen bzw. nicht so sehen wollen. Aber schon einfache Analysen zeigen, dass empirische Disziplinen spezielle Sichten mit massiven Voraussetzungen sind, die sie selbst nicht reflektieren. Außerdem fehlt den empirischen Disziplinen das Instrumentarium, ihre eigene Integration zu denken. Analoges gilt für das Verhältnis der Philosophie zu den verschiedenen religiösen Deutungsmodellen. Auch eine einzelne Religion kann die allgemeinen Bedingungen des Lebens und Denkens nicht einfach auflösen oder willkürlich hin und her definieren. Wer will kann anhand der Geistesgeschichte betrachten, wie die ganz großen religiösen Strömungen, die 1500 Jahre oder älter sind, im Laufe der Zeit sich mit ganz unterschiedlichen Denkkonzepten verbunden haben, Denkkonzeten, die nicht immer miteinander kompatibel waren; die zu Neuinterpretationen der religiösen Inhalte geführt haben bis dahin, dass sich neue Varianten des Religiösen bildeten.

Schließlich ist zu berücksichtigen, dass es viele — zumindest partiell — post-religiöse Gesellschaften gibt, in denen Erkenntnisse und Erfahrungen aus allen Dimensionen in neue Formen des Zusammenlebens und Weltdeutens eingeflossen sind. So ist es eine interessante Hypothese, dass die modernen Demokratie-Konzepte letztlich eine Weiterentwicklung der großen religiösen, der wissenschaftlichen und der vielen anderen Dimensionen darstellt, in der z.B. Meditation nicht nur möglich, sondern möglicherweise sogar fundamental ist für eine fundierte menschenfreundliche demokratische Gesellschaft. Die überlieferten Formen von Religion haben naurgemäß ein Problem mit Demokratien als einer modernen Form von Religion. Während sich moderne demokratische Gesellschaften aus intensiven historischen Prozessen von vielen Jahrhunderten Dauer herausgearbeitet haben, sind die klassischen Religionen einfach stehen geblieben. Sie haben sich geistig einen Stillstand verordnet und verharren in einer Verweigerungshaltung in der Hoffnung, dass sie irgendwann wieder genug Macht haben, die Dinge in ihrem Sinne zu ordnen. Während Demokratien eine Toleranzregel erschaffen haben, die den alten Religionen Lebensraum gewährt, tun sich die alten Religionen mit echter Toleranz schwer.

KONZIL DER WAHRHEIT

Die Gegenwart lehrt uns, dass eine mögliche Zukunft bei den heutigen Gegebenheiten ohne ein intensives, konstruktives Miteinander nicht möglich sein wird.

Bislang leisten sich die vielen Weltdeutungsperspektiven (Religionen, Wissenschaften, Alltagsparadigmen, …) den Luxus, nebeneinander zu koexistieren ohne die Fähigkeit und ohne die ernsthafte Bereitschaft, den gemeinsamen Wahrheitskern aktiv zu klären.

Eine Folge dieser Abschottung ist die Existenz von Abgrenzungen, und daraus resultierenden Feindbildern.

Eine Auflösung der Frontenbildung bei gleichzeitig wachsendem gemeinsamen Verständnis eines gemeinsamen Wahrheitskerns kann nur über einen kontinuierlichen offenen Dialog gelingen, an dem sich alle beteiligen können, aber nicht als Ideologen mit einer festen vorgefassten Meinung, sondern als Menschen mit einem offenen Ereignishorizont, dessen Deutung gemeinschaftlich erfolgt basierend auf primären Erfahrungen. Da Deutungen nicht denknotwendig sind, sondern immer experimentell, versuchsweise sind, ist weder klar, wie lange solch ein Prozess dauern wird, noch ob er tatsächlich zu einem für alle befriedigenden Ergebnis führen kann.

Irgendwo muss der Prozess anfangen. Irgendwo muss es Menschen geben, die sich zugestehen, dass sie Menschen sind mit einer tiefsitzenden Freiheit. Und es muss klar sein, dass es um uns alle geht, dass jeder qua Mensch dazu gehört, und dass Wahrheit etwas ist, was nicht wir dekretieren, sondern etas, das wir vorfinden, verbindlich für alle. Insofern die Freiheit selbst ein Teil der Wahrheit ist, ist Wahrheit kein toter Gegenstand, sondern ein möglicher Prozess, dessen grundlegende Schnittstelle unsere Selbsterfahrung ist, zu der Meditation einen Zugang (als Schnitstelle) liefern kann, aber nicht die fertige Lösung. Zukunft ist nicht irgend ein Objekt. Zukunft ist ein in Freiheit möglicher neuer emergenter Zustand, den vorab zu kennen prinzipiell unmöglich ist. Vor allem, Zukunft ist nicht nur Kognition; Zukunft ist von allem etwas und darin noch einmal mehr. Das klassische Wort vom Himmel deutet in diese Richtung, ist aber im bisherigen Gebrauch in einer Weise dumm, die schwerlich weiter zu unterbieten ist.

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HANAU – WAHRHEIT, ANGSTHEIT, WUTHEIT, …Warum wir so schwer zueinander finden

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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Sa 22.Februar 2020

In diesen Tagen ist wieder einmal das passiert, was in den letzten Jahren immer wieder passiert ist: Nachbarn, Freunde, Väter, Schwestern, Mütter, Brüder, …. werden aus dem Nichts von einem anderen Menschen ohne Vorwarnung einfach niedergeschossen. Das ist eine Form von Sinnlosigkeit, eine Form von Schmerz, von Trauer, für die es eigentlich keine Worte gibt.

Worte sind eigentlich dazu da, dass sie uns untereinander verbinden, dass sie uns helfen, einander zu verstehen, Vertrauen zu schaffen, gemeinsames Erleben, gemeinsames Wollen, gemeinsames Leben besser zu ermöglichen, Freunde sein zu können, Partner*innen…

Solche Todesereignisse sind schlicht furchtbar; sie werden noch furchtbarer, wenn man den Blick hebt, um sich schaut, und feststellen muss, dass zur gleichen Zeit wo hier die einen Menschen sinnlos sterben, an anderen Orten viele Tausend, ja Tausende an Kindern, Frauen und Männer von anderen Menschen — Männern !!! — gnadenlos in den Tod und ins Elend geschossen und gebombt werden (Syrien …), dass …. die Liste der Schrecken würde sehr lang, wollte man alle aufzählen.

Im Fall von Hanau wissen wir mittlerweile, dass es ein einzelner Mensch war, ein Mann, der in seinem Kopf, in sich, in seinem Innern, ein Bild von der Welt, von den anderen Menschen, von sich selbst mit sich herum trug, das düster war, voller Gegensätze und Hass, Bilder, die wie eine Brille wirkten, durch die er eine Welt sah, seine Welt, die in ihm Gefühle angezogen hat, die durch diese Brille gelenkt wurden.

In seiner Welt da drin, in ihm, in seinem Kopf, gab es offensichtlich keine wirklichen Freunde, keine Liebe zu Menschen, keine Hoffnung, keine klugen Idee, wie man sein eigenes Leben in dieser Welt zusammen mit anderen sinnvoll gestalten kann. Es gab scheinbar nur Gegensätze, Bosheiten, bedrohliche Andere, Menschen (z.B. Frauen), die er verachtete… in seiner Welt in seinem Kopf war er alleine, verloren, einsam, voller Enttäuschungen und Schmerzen …

Das Wort WAHRHEIT, das Menschen schon seit Jahrtausenden benutzen, bringt zum Ausdruck, dass es zwischen den Bildern in unserem Kopf und der Welt ‚da draußen‘ eine Korrespondenz geben kann, eine Ähnlichkeit, eine Übereinstimmung. In diesem Fall wissen wir, dass unsere inneren Bilder mit der Welt da draußen harmonieren. In unserem Kopf sehen wir einen Baum, und da draußen gibt es auch einen Baum.

Hier, bei dieser Übereinstimmung, gibt es aber eine Besonderheit: der Baum ‚da draußen‘ … zeigt sich uns nur in der Form von sinnlichen Wahrnehmungen! Unsere Augen produzieren Signale an das Gehirn, und das Gehirn fügt diese Signale zu einem Muster zusammen, zu einem neuronalen Konstrukt, das für uns das repräsentiert, das wir mit dem Wort ‚Baum‘ dann verknüpfen. Wir sehen also nicht den Baum selbst, sondern wir haben nur seine ‚Wirkung auf unsere Sinnesorgane‘ und durch ‚die Art und Weise, wie das Gehirn Sinneseindrücke verarbeitet‘! Den Baum selbst — oder die vielen anderen Objekte unsere umgebenden Welt — sehen wir nicht! Auch wenn dieser Gedanke für viele Menschen befremdlich wirken kann, letztlich muss es kein Problem sein. Unser Gehirn hatte viele Millionen Jahre — sogar mehrere hunderte von Millionen Jahren — Zeit, sich so zu entwickeln, dass es die Sinneseindrücke so ‚deutet‘, dass unser Verhalten in der realen Welt so gut funktioniert, als ob der Baum — oder die anderen Gegenstände — tatsächlich in unserem Kopf, in unserem Innern sind.

Im Alltag können wir den Unterschied zwischen einem ‚Objekt im Kopf‘ und dem unterstellten ‚Objekt da draußen‘ leicht bemerken. Wenn ich an den Kühlschrank gehe, um die Butter zu holen, und da ist keine Butter mehr. Ich bin erstaunt, weil in meinem Kopf noch eine Butter im Kühlschrank ist. Aber dann erinnere ich mich — nicht immer 🙂 –, dass ich ja vergessen hatte, neue Butter zu kaufen, weil ich mit etwas anderem beschäftigt war. Die Welt in unserem Kopf und die Welt ‚da draußen‘ sind nicht identisch, sie können sich unterscheiden.

Und, die Sache kann kompliziert werden: wenn das, was ich sinnlich wahrnehmen kann, z.B. ein bestimmtes Geräusch, nicht eindeutig ist, d.h. das Geräusch könnte von verschiedenen Situationen herrühren, z.B. von einem Tier, das sich da bewegt, von irgendwelchen Materialien, von einem Menschen … mein Gedächtnis fängt dann fieberhaft an zu arbeiten, und versucht heraus zu finden, mit welcher Erinnerung dieses Geräusch am besten passt. Man hört eine Melodie und denkt dann, dass es der Song X von Künstler Y ist. Und seiner Freundin am Telefon sagt man dann vielleicht spontan, Ah, ich habe gerade Song X von Künstler Y gehört … und dann war es vielleicht doch ein anderer Song … und man merkt es gar nicht … aber als Erinnerung bleibt, dass man Song X gehört hat…

Oder man liest von einem furchtbaren Ereignis im Internet; man ist aufgewühlt, vielleicht traurig und zornig. Es werden Orte und Personen genannt; die Personen werden mit bestimmten Geschlechtern, Rollen in Verbindung gebracht; den Personen werden weitere Eigenschaften zugeschrieben, und dann entstehen im Kopf die Bilder von ‚Rechten‘, ‚Linken‘, ‚Republikanern‘, ‚Demokraten‘, ‚Gotteskriegern‘, ‚Konservativen‘, ‚Fundamentalisten‘, ‚Orthodoxen‘, …. man hat sie noch nie selbst gesehen, man hat noch nie mit ihnen gesprochen, letztlich weiß man gar nicht, ob die, die das getan haben, tatsächlich diese waren, aber der Text im Internet erweckt den Eindruck, und dann sind sie da, in mir, in meinem Kopf, die Bösen, die das alles tun, die die Welt bevölkern,… Diese Bösen sind in meinem Kopf, und möglicherweise ist es falsch, möglicherweise ereignet sich jetzt FALSCHHEIT: meine Bilder in meinem Kopf stimmen nicht überein mit der Welt da draußen, aber für mich sind diese Bilder real. Ich fange an, an meine eigenen falschen Bilder zu glauben. Niemand hilft mir, den Irrtum zu entdecken.

Vielleicht will ich auch gar nicht, dass mir jemand hilft; vielleicht habe ich so starke ÄNGSTE in mir, dass ich nach Bildern suche, die meinen Ängsten eine Heimat geben? Wenn alles so unübersichtlich erscheint, so fremd, ich mir alleine vorkomme, und dann gibt es andere, die sich auch alleine und hilflos fühlen, dann stiftet schon alleine das Erlebnis der anderen etwas Gemeinschaft, Solidarität, Verbundenheit, was Ängste mildert. Und dann gibt es die einen, die etwas erzählen, und die anderen, und dann werden Bilder in den Raum gestellt von möglichen Ursachen, von möglichen Tätern, von möglichen Bedrohungen, und schon kann es passieren, dass die eigenen Ängste in diesen Bildern eine Heimat finden. Mit einem Mal haben meine Ängste Bilder in meinem Kopf, in denen sie sich verstanden fühlen. Das ist dann nicht Wahrheit — weil die Welt tatsächlich gar nicht so ist, wie die Bilder es nahelegen –, sondern das ist ANGSTHEIT: die Bilder sind so, wie meine Ängste sind!

Und, ja, wir kennen dies alle: man kann sich ärgern über etwas, manche Menschen geraten regelrecht in Wutzustände, sie werden aggressiv und können hassen. Damit verlieren sie stückweise die Kontrolle über sich, über ihr Denken. Und ähnlich wie im Fall der Angst sucht die Wut ihre Heimat, sucht sie die Bilder von der Welt, an denen sie sich fest machen kann, die ihr Bestätigung liefert, eine Berechtigung, wütend zu sein. Und wenn man dann andere findet, die auch wütend sind, die auch nach Bildern suchen, dann kann es schnell passieren, dass man sich in bestimmten Bildern vereint. Man teilt dann bestimmte Bilder im Kopf, die so vielleicht gar keine Entsprechung in der Welt ‚da draußen‘ haben, sie sind also nicht wahr, es gibt keine Wahrheit, aber es gibt dann WUTHEIT: es gibt Bilder, die der eigenen Wut eine Heimat geben.

Und man ahnt schon, dass dieses Prinzip, dass unsere dominanten Gefühle, Emotionen darüber entscheiden, welche Bilder im Kopf willkommen sind, sehr stark, sehr verbreitet ist. ‚Fundamentalisten‘ sind Menschen, die bestimmten Glaubensformen anhängen, obwohl die eigenen Texte und die Welt eigentlich etwas ganz anderes sagen. ‚Orthodoxe‘ sind Menschen, die bestimmte Anschauungen hoch halten, obwohl bei näherer Betrachtung, die Welt ‚da draußen‘ sich ganz anders verhält, usw.

Diese ‚Bilder im Kopf‘ — bei wem auch immer — können also sehr gefährlich sein, sie sind gefährlich, und sie haben in der Vergangenheit unendlich viel Unheil, Elend, und Schmerzen über die Menschheit gebracht. Die meisten Menschen merken nicht, dass ihre Bilder im Kopf falsch sind, Angst getrieben, durch Wut motiviert; die Bilder sind da, in ihrem Kopf, und sie glauben, nur weil die Bilder in ihrem Kopf sind, sind sie WAHR, obwohl sie FALSCH sind.

Wir sprechen heute viel über Bakterien und Viren, die man mit normalem Auge nicht sehen kann, die in unseren Körper eindringen können und dort die Zellen unseres Körpers überlisten, sie sich dort einnisten, vermehren, und letztlich den Körper schwer schädigen oder gar zu Tode bringen können.

Die FALSCHEN BILDER im Kopf sind nicht weniger gefährlich: sie stinken nicht, sie tun nicht weh, man kann ihnen selbst nicht ansehen, dass sie falsch sind. Man braucht sehr viel Aufmerksamkeit, man braucht ein intensives Training, um sie überhaupt erkenne zu können, und vor allem braucht man auch andere Menschen, die das auch sehen, die mit einem zusammen um die Wahrheit ringen. In er menschlichen Kulturgeschichte nennt man die RICHTIGEN WAHREN BILDER Wissen, Wissenschaft, Bildung. Die Menschen haben Jahrtausende, viele Jahrtausende gebraucht, bis sie gelernt haben, wie man gemeinsam WAHRES WISSEN erarbeiten und nutzen kann. Im Moment erleben wir, wie die Menschheit an einem historischen Höhepunkt ihrer Technologie dabei ist, die Grundlagen ihrer Erfolge, ihr WAHRES WISSEN zu Tiefstpreisen zu verschleudern. …

Es ist unübersehbar, dass die WAHRE DEMOKRATISCHE BILDUNG in allen Schichten der Gesellschaft zu schwach ist. Es ist unübersehbar, dass unser politisches System deutliche Spuren des ‚Unterbelichtetseins‘ zeigt. Während die noch herrschenden Parteien und Minister auf die anderen zeigen, als die Bösen, versagen sie selbst in elementaren demokratischen Aufgaben … sind sie selbst ‚böse‘? Sind sie einfach nur ‚unfähig‘ weil sie auch falsche Bilder im Kopf haben? Letztlich kommt es auf das Gleiche heraus: Sie tun nicht das, was in der aktuellen Situation zu tun wäre. Diese Unfähigkeit spüren alle, und dies erzeugt Unsicherheit, untergräbt das Vertrauen in das politische System, und erzeugt Ängste…

Eine einfache Lösung gibt es in solchen Situationen nicht. Sie sind auch nicht neu. In der Geschichte gab es solche Situationen immer wieder, überall. Patentlösungen gibt es nicht. Gefragt sind mutige Menschen, kreative innovative Menschen, Menschen die über den Tellerrand schauen können, Menschen, die sich nicht von blinden Emotionen leiten lassen sondern durch Klugheit, Besonnenheit, hilfreichen Erfahrungen, durch Wertschätzung für andere Menschen …. Falschheit, Angstheit, Wutheit … dies alles macht es nur noch schlimmer.

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VERANTWORTUNGSBEWUSSTE DIGITALISIERUNG: Fortsezung 1

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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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So 16.Februar 2020

KONTEXT DEMOKRATIE

In einem vorausgehenden Beitrag hatte ich am Beispiel der Demokratie aufgezeigt, welche zentrale Rolle eine gemeinsame funktionierende Öffentlichkeit spielt. Ohne eine solche ist Demokratie nicht möglich. Entspechend der Komplexität einer Gesellschaft muss die große Mehrheit der Bürger daher über ein hinreichendes Wissen verfügen, um sich qualifiziert am Diskurs beteiligen und auf dieser Basis am Geschehen verantwortungsvoll partizipieren zu können. Eine solche Öffentlichkeit samt notwendigem Bildungsstand scheint in den noch existierenden Demokratien stark gefährdet zu sein. Nicht ausdrücklich erwähnt wurde in diesem Beitrag die Notwendigkeit von solchen Emotionen und Motivationen, die für das Erkennen, Kommunizieren und Handeln gebraucht werden; ohne diese nützt das beste Wissen nichts.

KONTEXT DIGITALISIERUNG

In einem Folgebeitrag hatte ich das Phänomen der Digitalisierung aus der Sicht des Benutzers skizziert, wie eine neue Technologie immer mehr eine Symbiose mit dem Leben der Gesellschaft eingeht, einer Symbiose, der man sich kaum oder gar nicht mehr entziehen kann. Wo wird dies hinführen? Löst sich unsere demokratische Gesellschaft als Demokratie schleichend auf? Haben wir überhaupt noch eine funktionierende Demokratie?

PARTIZIPATION OHNE DEMOKRATIE?

Mitten in den Diskussionen zu diesen Fragen erreichte mich das neue Buch von Manfred Faßler Partizipation ohne Demokratie (2020), Fink Verlag, Paderborn (DE). Bislang konnte ich Kap.1 lesen. In großer Intensität, mit einem in Jahrzehnten erarbeiteten Verständnis des Phänomens Digitalisierung und Demokratie, entwirft Manfred Faßler in diesem Kapitel eine packende Analyse der Auswirkungen des Phänomens Digitalisierung auf die Gesellschaft, speziell auch auf eine demokratische Gesellschaft. Als Grundidee entnehme ich diesem Kapitel, dass der Benutzer (User) in Interaktion mit den neuen digitalen Räumen subjektiv zwar viele Aspekte seiner realweltlichen sozialen Interaktionen wiederfindet, aber tatsächlich ist dies eine gefährliche Illusion: während jeder User im realweltlichen Leben als Bürger in einer realen demokratischen Gesellschaft lebt, wo es der Intention der Verfassung nach klare Rechte gibt, Verantwortlichkeiten, Transparenz, Kontrolle von Macht, ist der Bürger in den aktuellen digitalen Räumen kein Bürger, sondern ein User, der nahezu keine Rechte hat. Als User glaubt man zwar, dass man weiter ein Bürger ist, aber die individuellen Interaktionen mit dem digitalen Raum bewegen sich in einem weitgehend rechtlosen und demokratiefreiem Raum. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen kaschieren diesen Zustand durch unendliche lange Texte, die kaum einer versteht; sprechen dem User nahezu alle Rechte ab, und lassen sich kaum bis gar nicht einklagen, jedenfalls nicht in einem Format, das der User praktisch einlösen könnte. Dazu kommt, dass der digitale Raum des Users ein geliehener Raum ist; die realen Maschinen und Verfügungsgewalten liegen bei Eignern, die jenseits der gewohnten politischen Strukturen angesiedelt sind, die sich eher keiner demokratischen Ordnung verpflichtet fühlen, und die diese Verfügungsgewalt — so zeigt es die jüngste Geschichte — skrupellos an jeden verkaufen, der dafür Geld bezahlt, egal, was er damit macht.

Das bisherige politische System scheint die Urgewalt dieser Prozesse noch kaum realisiert zu haben. Es denkt noch immer in den klassischen Kategorien von Gesellschaft und Demokratie und merkt nicht, wie Grundpfeiler der Demokratie täglich immer mehr erodieren. Kapitel 1 von Faßlers Buch ist hier schonungslos konkret und klar.

LAGEPLAN DEMOKRATISCHE DIGITALISIERUNG

Möglicher Lageplan zur Auseinandersetzung zwischen nicht-demokratischer und demokratischer Digitalisierung

Erschreckend ist, wie einfach die Strategie funktioniert, den einzelnen bei seinen individuellen privaten Bedürfnissen abzuholen, ihm vorzugaukeln, er lebe in den aktuellen digitalen Räumen so wie er auch sonst als Bürger lebe, nur schneller, leichter, sogar freier von üblichen analogen Zwängen, obwohl er im Netz vieler wichtiger realer Recht beraubt wird, bis hin zu Sachverhalten und Aktionen, die nicht nur nicht demokratisch sind, sondern sogar in ihrer Wirkung eine reale Demokratie auflösen können; alles ohne Kanonendonner.

Es mag daher hilfreich sein, sich mindestens die folgenden Sachverhalte zu vergegenwärtigen:

  • Verankerung in der realen Welt
  • Zukunft gibt es nicht einfach so
  • Gesellschaft als emergentes Phänomen
  • Freie Kommunikation als Lebensader

REALE KÖRPERWELT

Fasziniert von den neuen digitalen Räumen kann man schnell vergessen, dass diese digitalen Räume als physikalische Zustände von realen Maschinen existieren, die reale Energie verbrauchen, reale Ressourcen, und die darin nicht nur unseren realen Lebensraum beschneiden, sondern auch verändern.

Diese physikalische Dimension interagiert nicht nur mit der übrigen Natur sehr real, sie unterliegt auch den bisherigen alten politischen Strukturen mit den jeweiligen nationalen und internationalen Gesetzen. Wenn die physikalischen Eigentümer nach alter Gesetzgebung in realen Ländern lokalisiert sind, die sich von den Nutzern in demokratischen Gesellschaften unterscheiden, und diese Eigentümer nicht-demokratische Ziele verfolgen, dann sind die neuen digitalen Räume nicht einfach nur neutral, nein sie sind hochpolitisch. Diese Sachverhalte scheinen in der europäischen Politik bislang kaum ernsthaft beachtet zu werden; eher erwecken viele Indizien den Eindruck, dass viele politische Akteure so handeln, als ob sie Angestellte jener Eigner sind, die sich keiner Demokratie verpflichtet fühlen (Ein Beispiel von vielen: die neue Datenschutz-Verordnung DSGVO versucht erste zaghafte Schritte zu unternehmen, um der Rechtlosigkeit der Bürger als User entgegen zu wirken, gleichzeitig wird diese DSGVO von einem Bundesministerium beständig schlecht geredet …).

ZUKUNFT IST KEIN GEGENSTAND

Wie ich in diesem Blog schon mehrfach diskutiert habe, ist Zukunft kein übliches Objekt. Weil wir über ein Gedächtnis verfügen, können wir Aspekte der jeweiligen Gegenwart speichern, wieder erinnern, unsere Wahrnehmung interpretieren, und durch unsere Denkfähigkeit Muster, Regelhaftigkeiten identifizieren, denken, und neue mögliche Kombinationen ausmalen. Diese neuen Möglichkeiten sind aber nicht die Zukunft, sondern Zustände unseres Gehirns, die auf der Basis der Vergangenheit Spekulationen über eine mögliche Zukunft bilden. Die Physik und die Biologie samt den vielen Begleitdisziplinen haben eindrucksvoll gezeigt, was ein systematischer Blick zurück zu den Anfängen des Universums (BigBang) und den Anfängen des Lebens (Entstehung von Zellen aus Molekülen) an Erkenntnissen hervor bringen kann. Sie zeigen aber auch, dass die Erde selbst wie das gesamt biologische Leben ein hochkomplexes System ist, das sich nur sehr begrenzt voraus sagen lässt. Spekulationen über mögliche zukünftige Zustände sind daher nur sehr begrenzt möglich.

Ferner ist zu berücksichtigen, dass das Denken selbst kein Automatismus ist. Neben den vielen gesellschaftlichen Faktoren und Umweltfaktoren, die auf unser Denken einwirken, hängt unser Denken in seiner Ausrichtung entscheidend auch von unseren Bedürfnissen, Emotionen, Motiven und Zielvorstellungen ab. Wirkliche Innovationen, wirkliche Durchbrüche sind keine Automatismen. Sie brauchen Menschen, die resistent sind gegen jeweilige ‚Mainstreams‘, die mutig sind, sich mit Unbekanntem und Riskantem auseinander zu setzen, und vieles mehr. Solche Menschen sind keine ‚Massenware’…

GESELLSCHAFT ALS EMERGENTES PHÄNOMEN

Das Wort ‚Emergenz‘ hat vielfach eine unscharfe Bedeutung. In einer Diskussion des Buches von Miller und Page (2007) Complex Adaptive Systems. An Introduction to Computational Models of Social Life habe ich für meinen Theoriezusammenhang eine Definition vorgeschlagen, die die Position von Miller und Page berücksichtigt, aber auch die Position von Warren Weaver (1958), A quarter century in then natural sciences. Rockefeller Foundation. Annual Report,1958, pages 7–15, der von Miller und Page zitiert wird.

Die Grundidee ist die, dass ein System, das wiederum aus vielen einzelnen Systemen besteht, dann als ein organisiertes System verstanden wird, wenn das Wegnehmen eines einzelnen Systems das Gesamtverhalten des Systems verändert. Andererseits soll man aber durch die Analyse eines einzelnen Mitgliedssystems auch nicht in der Lage sein, auf das Gesamtverhalten schließen zu können. Unter diesen Voraussetzungen soll das Gesamtverhalten als emergent bezeichnet werden: es existiert nur, wenn alle einzelnen Mitgliedssysteme zusammenwirken und es ist nicht aus dem Verhalten einzelner Systeme alleine ableitbar. Wenn einige der Mitgliedssysteme zudem zufällige oder lernfähige Systeme sind, dann ist das Gesamtverhalten zusätzlich begründbar nicht voraussagbar.

Das Verhalten sozialer Systeme ist nach dieser Definition grundsätzlich emergent und wird noch dadurch verschärft, dass seine Mitgliedssysteme — individuelle Personen wie alle möglichen Arten von Vereinigungen von Personen — grundsätzlich lernende Systeme sind (was nicht impliziert, dass sie ihre Lernfähigkeit ’sinnvoll‘ nutzen). Jeder Versuch, die Zukunft sozialer Systeme voraus zu sagen, ist von daher grundsätzlich unmöglich (auch wenn wir uns alle gerne der Illusion hingeben, wir könnten es). Die einzige Möglichkeit, in einer freien Gesellschaft, Zukunft ansatzweise zu erarbeiten, wären Systeme einer umfassenden Partizipation und Rückkopplung aller Akteure. Diese Systeme gibt es bislang nicht, wären aber mit den neuen digitalen Technologien eher möglich.

FREIE KOMMUNIKATION UND BILDUNG

Die kulturellen Errungenschaften der Menschheit — ich zähle Technologie, Bildungssysteme, Wirtschaft usw. dazu — waren in der Vergangenheit möglich, weil die Menschen gelernt hatten, ihre kognitiven Fähigkeiten zusammen mit ihrer Sprache immer mehr so zu nutzen, dass sie zu Kooperationen zusammen gefunden haben: Die Verbindung von vielen Fähigkeiten und Ressourcen, auch über längere Zeiträume. Alle diese Kooperationen waren entweder möglich durch schiere Gewalt (autoritäre Gesellschaften) oder durch Einsicht in die Sachverhalte, durch Vertrauen, dass man das Ziel zusammen schon irgendwie erreichen würde, und durch konkrete Vorteile für das eigene Leben oder für das Leben der anderen, in der Gegenwart oder in der möglichen Zukunft.

Bei aller Dringlichkeit dieser Prozesse hingen sie zentral von der möglichen Kommunikation ab, vom Austausch von Gedanken und Zielen. Ohne diesen Austausch würde nichts passieren, wäre nichts möglich. Nicht umsonst diagnostizieren viele Historiker und Sozialwissenschaftler den Übergang von der alten zur neuen empirischen Wissenschaft in der Veränderung der Kommunikation, erst Recht im Übergang von vor-demokratischen Gesellschaften zu demokratischen Gesellschaften.

Was aber oft zu kurz kommt, das ist die mangelnde Einsicht in den engen Zusammenhang zwischen einer verantwortlichen Kommunikation in einer funktionierenden Demokratie und dem dazu notwendigen Wissen! Wenn ich eine freie Kommunikation in einer noch funktionierenden Demokratie haben würde, und innerhalb dieser Diskussion würden nur schwachsinnige Inhalte transportiert, dann nützt solch eine Kommunikation natürlich nichts. Eine funktionierende freie Kommunikation ist eine notwendige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie, aber die Verfügbarkeit von angemessenen Weltbildern, qualitativ hochwertigem Wissen bei der Mehrheit der Bürger (nicht nur bei gesellschaftlichen Teilgruppen, die sich selbst als ‚Eliten‘ verstehen) ist genauso wichtig. Beides gehört zusammen. Bei der aktuellen Zersplitterung aller Wissenschaften, der ungeheuren Menge an neuem Wissen, bei den immer schneller werdenden Innovationszyklen und bei der zunehmenden ‚Fragmementierung der Öffentlichkeit‘ verbunden mit einem wachsenden Misstrauen untereinander, ist das bisherige Wissenssystem mehr und mehr nicht nur im Stress, sondern möglicherweise kurz vor einem Kollaps. Ob es mit den neuen digitalen Technologien hierfür eine spürbare Unterstützung geben könnte, ist aktuell völlig unklar, da das Problem als solches — so scheint mir — noch nicht genügend gesellschaftlich erkannt ist und diskutiert wird. Außerdem, ein Problem erkennen ist eines, eine brauchbare Lösung zu finden etwas anderes. In der Regel sind die eingefahrenen Institutionen wenig geeignet, radikal neue Ansätzen zu denken und umzusetzen. Alte Denkgewohnheiten und das berühmte ‚Besitzstanddenken‘ sind wirkungsvolle Faktoren der Verhinderung.

AUSBLICK

Die vorangehenden Gedanken mögen auf manche Leser vielleicht negativ wirken, beunruhigend, oder gar deprimierend. Bis zum gewissen Grad wäre dies eine natürliche Reaktion und vielleicht ist dies auch notwendig, damit wir alle zusammen uns wechselseitig mehr helfen, diese Herausforderungen in den Blick zu nehmen. Der Verfasser dieses Textes ist trotz all dieser Schwierigkeiten, die sich andeuten, grundlegend optimistisch, dass es Lösungen geben kann, und dass es auch — wie immer in der bisherigen Geschichte des Lebens auf der Erde — genügend Menschen geben wird, die die richtigen Ideen haben werden, und es Menschen gibt, die sie umsetzen. Diese Fähigkeit zum Finden von neuen Lösungen ist eine grundlegende Eigenschaft des biologischen Lebens. Dennoch haben Kulturen immer die starke Tendenzen, Ängste und Kontrollen auszubilden statt Vertrauen und Experimentierfreude zu kultivieren.

Wer sich das Geschehen nüchtern betrachtet, der kann auf Anhieb eine Vielzahl von interessanten Optionen erkennen, sich eine Vielzahl von möglichen Prozessen vorstellen, die uns weiter führen könnten. Vielleicht kann dies Gegenstand von weiteren Beiträgen sein.

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Verantwortungsbewusste Digitalisierung. Ein erster Versuch

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Do 25.Januar 2020

KONTEXT

Am 3.Dezember 2019 fand die Gründungssitzung des hessischen Zentrums für ‚Verantwortungsbewusste Digitalisierung‘ [HZVD] statt. Natürlich stellen sich in diesem Zusammenhang viele Fragen. Der Autor dieses Textes fragt sich z.B., wie er selber die Frage beantworten würde, was denn der Ausdruck ‚Verantwortungsbewusste Digitalisierung‘ meinen könnte bzw. sollte. Im folgenden einige erste Gedanken. Es ist sicher kein Zufall, dass der vorausgehende Beitrag ‚Philosopie der Demokratie‚ (und natürlich viele andere Beiträge aus diesem Blog) mit diesen Gedanken mehrfache Bezüge aufweisen.

KEINER IST DRAUSSEN

Wenn irgendjemand anfängt, über Digitalisierung zu reden, dann ist er heute damit nicht alleine, weil es sich hier um ein wirklich globales Phänomen handelt, das in allen Ländern dieses Planeten auftritt. In einigen mehr, in anderen weniger, aber es ist da, überall: diese Technologie hat sich buchstäblich ‚hineingefressen‘ in alle Bereiche der Gesellschaft. Früher habe ich noch versucht, an dieser Stelle aufzuzählen, wo überall in der Gesellschaft sich Digitalisierung zeigt. Mittlerweile wäre es eher interessant, zu fragen wo eigentlich noch nicht? Wenn selbst schon kleinste Kinder mit digitalisierten Geräten umgehen, als ob es ein eigenes Körperteil ist. Wenn natürliche Verhaltensweisen, Bewegungsmuster, die noch vor ca. 30 Jahren ’normal‘ erschienen, heute schon garnicht mehr bekannt sind, dann ist dies ein sehr tiefgreifendes Anzeichen — und sogar nur eines unter vielen — für Veränderung, die den einzenen erreicht haben, aber in der Summe dann natürlich uns alle betreffen.

JENSEITS VON TECHNOLOGIE

Dieses einfache Beispiel als Indikator für Prozesse, die uns alle betreffen, kann verdeutlichen, dass die sogenannte Digitalisierung auf eine Technologie verweist, die wie keine andere eben nicht einfach nur eine Technologie ist, wie wir sie von ‚früher‘ kennen (vor 70 Jahren von heute rückwärts war die Welt noch ‚in Ordnung‘). Diese Technologie ist anders, sie ist radikal anders. Sie geht mit Menschen, mit ganzen gesellschaftlichen Systemen eine Symbiose ein, durch die sich diese Gesellschaft grundlegend ändert. Digitale Technologien können sich an die Schnittstellen des Menschen anschmiegen, können alle Äußerungen eines Menschen quasi aufsaugen, sie sich einverleiben, und dann irgendwo und irgendwann wieder ausspucken in einer Weise, die mit dem Ursprung nichts mehr zu tun haben muss. Lebensäußerungen eines Menschen können durch die Symbiose mit der digitalen Technologie beliebig verwandelt werden, und kommen dann als etwas Verwandeltes wieder zurück, zu anderen, die von dieser Verwandlung garnichts merken müssen, oder sogar zum Absender, der es vielleicht auch garnicht merkt, weil es so stark verwandelt hat.

Ich drücke Tasten auf einem Keyboard, und im Kopfhörer höre ich die Klänge eines Orchesters. Ich male ein paar Striche auf einem leeren Bildschirm, und es entstehen wie von Zauberhand Figuren, Landschaften, dreidimensional, sehr natürlich. Ich spreche in ein Mikrofon und ich höre eine Stimme, die die eines anderen sein könnte. Ich setze eine Brille auf und sehe nicht einfach die normale Strasse, sondern zusätzlich Namen von Gegenständen, Namen von Menschen, die an mir vorbei laufen, Namen, die vielleicht falsch sind, Bezeichnungen, die in die Irre führen können. Ich schreibe eine Nachricht an eine Bekannte, und diese Nachricht wird von vielen anderen mitgelesen, während sie als Datenstrom ihren Weg durch das unsichtbare Datennetzwerk nimmt bis hin zum Empfänger. Mein Smartphone liegt auf dem Tisch, ich unterhalte mich mit anderen, und die Mikrophone des Smartphones sind eingeschaltet, nicht von mir, und alles was wir erzählen, geht irgendwohin, von dem wir nichts wissen. Die Sekretärin im Büro schreibt einen Brief, und während sie schreibt wird der gesamte Text mehrfach — unbemerkt — ins Internet verschickt… Kleine Beispiele aus einem Alltag, der uns schon alle ‚hat‘. Die Organisatoren dieses Alltags sind nicht unsere Freunde, sondern Menschen die irgendwo auf diesem Planeten sitzen, und sich beständig überlegen, was sie jetzt am gewinnbringendsten mit diesen Daten machen. Zwischen lupenreiner Diktatur und radikalem Kommerz gibt es hier alles, was wir uns denken können.

TREIBENDE KRÄFTE

Als Bürger eines — noch — demokratischen Staates sind wir gewohnt in Kategorien der Kontrolle von Macht, von Transparenz zu denken, von Grundwerten, von einer sozialen Gesellschaft, in der versucht wird, zwischen den verschiedenen Kräften einen Ausgleich dergestalt herzustellen, dass nicht einzelne Interessengruppen alle anderen dominieren und in undemokratischer Weise beherrschen.

Mit dem Auftreten einer umfassenden Digitalisierung sind diese Spielregeln mittlerweile immer mehr außer Kraft gesetzt; man kann sich mittlerweile fast schon vorstellen, dass diese Spielregeln bei einer weiteren politisch unkontrollierten Digitalisierung ganz außer Kraft gesetzt werden. Dazu muss man nicht einmal eine klassische Revolution durchführen. Es reicht einfach, die Gehirne aller Menschen, die über die Symbiose im Alltag mit der großen universalen digitalen Maschine verknüpft sind, von allen Inhalten und Kommunikationen fern zu halten, die notwendig sind, um sich gemeinsam ein realistisches Bild der gemeinsamen Gesellschaft zu machen. Wenn die berühmte demokratische Öffentlichkeit nicht mehr stattfindet, wenn alle Gehirne unsichtbar voneinander getrennt wurden, weil sie an Datenräume gekoppelt sind, die von demokratiefernen Gruppierungen betrieben und manipuliert werden, dann gibt es keine demokratische Gesellschaft mehr; dann sind die Politiker digital isoliert, hängen selber in digitalen Subräumen, die voneinander nichts mehr wissen, die selber hochgradig manipuliert sein können. Wer kann denn heute noch unterscheiden, ob er mit einem Menschen oder einer Software redet? Nicht nur die Stimme, nein, sogar das gesamte Äußere lässt sich täuschend echt simulieren.

In vielen Ländern Europas, in vielen gesellschaftlichen Gruppen, ist das, was ich hier schreibe, keine Fiktion mehr. Die Menschen sind real über ihr digitale Symbiose von manipulativen digitalen Subräumen so eingenommen, dass für sie eine realitätsgerechte Meinungsbildung nicht mehr möglich ist … was sich politisch konkret auswirkt.

IN DER DIGITALEN SCHLEIFE

Was früher reine Science Fiction Geschichten waren, das erleben wir mittlerweile als weitreichende Realität. Durch die permanente Ankopplung unserer Gehirne an die große digitale Maschine hängen wir schon jetzt in einer Weise von diesem digitalen Pseudo-Raum ab, dass ein Arbeiten ohne ihn faktisch nur noch für Fast-Einsiedler möglich ist. Immer mehr alltägliche Abläufe sind ohne Benutzung eines Smartphones entweder gar nicht oder nur sehr beschwerlich möglich. Unsere Städte, unsere Firmen brechen sofort zusammen, wenn die große digitale Maschine zu stottern anfängt oder wegen Energiemangel still steht. Den immer umfangreicheren Datenmissbrauch (‚Cybercrime‘) übergehen wir mal großzügig. Den gibt es offiziell ja nicht eigentlich, obwohl er ein Ausmaß annimmt, das die digitale Maschine und damit das Leben, das symbiotisch an ihr hängt, immer stärker bedroht.

GROSSE HILFLOSIGKEIT

Bislang ist es noch wenig üblich, einzuräumen, dass die wunderschöne neue Welt des Digitalen vielleicht nicht nur schön ist, dass hinter alltäglicher Bürosoftware, die in ganz Europa in allen Büros benutzt wird, vielleicht ein gigantischer Datenmissbrauch stattfindet, täglich, stündlich, minütlich … solche Gedanken sind verpönt, weil dann ja plötzlich alle Opfer wären…

So muss man feststellen, dass die gesamte Gesellschaft bislang eher den Eindruck einer ‚Hilflosigkeit‘ erweckt, dass sie mehr ‚getrieben‘ wirkt als tatsäch bewusst, verantwortungsvoll handelnd. Flächendeckend ist kein Bürger auf diese rasante Entwicklung wirklich vorbereitet. Ob Schule, Kommune, Gesundheitssystem, Arbeitswelt, … es finden sich kaum hinreichende Kompetenzen, um auf diese Situation qualifiziert, interdisziplinär, im Verbund, nachhaltig zu reagieren. Auch wenn man es nicht wahrhaben will, diese ‚Opferrolle‘ erzeugt unterschwellig viele Ängste, Belastungen, Unwägbarkeiten. Die Chancen einer umfassenden Manipulation von Menschen waren nie größer als heute.

WAS KANN MAN TUN?

Wenn jemand Durst hat und weiß, wo er/ sie etwas zu trinken bekommt — und er/ sie auch über die Mittel vefügt, das Wissen umzusetzen! –, dann holt er sich einfach etwas zu trinken und trinkt.

Wenn wir symbiotisch mit der großen digitalen Maschine leben und wir wollen nicht, dass wir zu einem reinen Spielball digitaler Prozesse werden, die von uns unbekannten Fremden beliebig manipuliert werden können, dann ist die Antwort ganz klar; (i) wir benötigen so viel Wissen als notwendig, damit wir verstehen, was passiert und was wir selbst real tun können, um unser eigenes Ding machen zu können, und (ii) wir benötigen die Kontrolle über alle Ressourcen, die man benötigt, um die große digitale Maschine nach den eigenen Regeln zu nutzen. Ja, und wir brauchen auch (iii) einen für alle bekannten und genutzen gemeinsamen digitalen Raum, den wir als demokratische Bürger eines digitalen Staates nutzen, um uns gemeinsam eine Meinung darüber bilden zu können, was wir gemeinsam wollen. Gibt es diesen gemeinsamen Raum nicht, nützt uns unser individuelles Wissen nicht viel. Gibt es die Kontrolle über die Ressourcen nicht, bleiben wir ohne Wirkung; wir können uns nicht einmal artikulieren. Fehlt uns das Wissen, wissen wir erst garnicht, was wir tun können oder sollten.

ENDE OFFEN

Ob wir als demokratische Gesellschaft es schaffen, uns gemeinsam ein Bild der Lage zu verschaffen, was angemessen ist, was wir miteinander teilen, ob wir in der Lage sind, genügend Kräfte zu mobilisieren, die Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen, ob wir genügend gute Ideen haben werden, zukünftige Prozesse nachhaltig zu gestalten, das entscheidet sich im Alltag, an dem jeder auf seine Weise mitwirkt. Glücklicherweise ist die Realität in Europa und Deutschland noch nicht ganz so schwarz, wie ich es im vorausgehenden Text gezeichnet habe. Aber die aktuellen Tendenzen lassen alle Optionen real erscheinen: wir können gemeinsam in einen digitalen Nihilismus abdriften, der von wenigen anonymen Kräften genutzt wird, oder wir können alles in einen digitalen Konstruktivismus verwandeln, in dem wir die große digitale Maschine bewusst und kraftvoll für unsere gemeinsam geteilte Zukunftsvision nutzen. Aber die brauchen wir dann auch, eine gemeinsam geteilte Zukunftsvision. Mit Wegschauen, übergroßer Korrektheit, reinem Sicherheitsdenken, und Kontrollwahn wird es keine lebbare Zukunft geben. Den homo sapiens –also uns — gibt es nur, weil das biologische Leben in 3.5 Mrd. Jahren immer auch ein Minimum an Unangepasstheit und Verrücktheit vorgelebt hat, und dadurch ein frühes Aussterben verhindert hat. … für die ewigen Pessimisten ein permanenter Stein des Anstoßes… ein Pessimist empfindet die bloße Tatsache des Lebens als Zumutung: verantwortungsvoll handeln, selbst handeln, mit all den Risiken: Igitt es könnte ja schief gehen …. Ja, es kann schiefgehen, das genau charakterisiert biologisches Leben, das aus Freiheit erwächst… Leben ist niemals fertig, sondern muss sich permanent weiter finden, er-finden! Das ist nichts für Angsthasen oder für die ewigen Weltverschwörer…

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PHILOSOPHIE DER DEMOKRATIE. Blitzkurs

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Do 23.Januar 2020

PROBLEMSTELLUNG

In der aktuellen Gegenwart treffen zwei große Strömungen zusammen: (i) Das Gefühl der meisten Menschen, der scheinbaren Komplexität des Alltags nicht mehr gewachsen zu sein, nicht mehr durchzublicken; ein Gefühl der Ohnmacht und Hilfslosigkeit. (ii) Zugleich der Eindruck, dass unser politisches System dieser Aufgabe auch nicht mehr gewachsen zu sein scheint. Fehler häufen sich, ein Ausmaß an intransparentem Lobbyismus, der beunruhigt. Dazu eine zunehmende Verweigerung von Politikern, sich der allgemeinen Presse, den öffentlichen Medien zu stellen.

EINE BRILLE AUFSETZEN

Arbeitshypothese zur Struktur der Demokratie, V1

Verallgemeinert man den Allgemeinplatz, dass der Pessimist das halb volle Glas als halb leer ansieht und der Optimist als halbvoll, dann hängt das Bild, das wir von der Wirklichkeit haben, schon im Ansatz davon ab, wie wir mit unserem bisherigen Wissen und mit unserer Grundeinstellung die Welt sehen wollen bzw. sehen können.

Im Fall unserer Gesellschaft, die sich als Demokratie versteht, hinterlegt im Grundgesetz, ist natürlich nicht ganz unwichtig, wie wir auf das Gebilde drauf schauen. Speziell dann nicht, wenn Menschen an allem zu zweifeln beginnen und einige sich die Frage stellen, was können bzw. was müssen wir tun, um unsere Demokratie zukunftsfähig zu machen.

Im obigen Schaubild sind einige Kernelemente hervorgehoben, die nach Ansicht des Autors fundamental sind. Ohne die ist Demokratie prinzipiell unmöglich.

DEMOKRATIE IST ANSPRUCHSVOLL

Schon auf den ersten Blick erscheint die Gesellschaftsform der Demokratie als sehr anspruchsvoll ist. Und es ist von daher vielleicht kein Zufall, dass es seit den Griechen — je nach Zeiteinteilung — an die 2000 Jahre gedauert hat, bis es moderne Gesellschaften gab, die das ansatzweise hinbekommen haben (wobei wir die ca. 600.000 Jahre Vorgeschichte des homo sapiens mal großzügig ausklammern).

KOGNITIVER FAKTOR

Und da wir uns hier im Kontext eines Philosophie-Wissenschaftsblogs befinden, sollte es auch nicht wundern, dass wir uns hier auf die kognitiven Aspekte der Demokratie konzentrieren und Faktoren wie materielle Prozesse, Macht, Besitz usw. ausklammern (aber nicht vergessen).

Die Betonung der sogenannten kognitiven Faktoren hängt damit zusammen, dass der Mensch als Lebensform homo sapiens über die Besonderheit verfügt, dass er die umgebende reale Körperwelt über seine Sinnesorgane im Innern seines Körpers durch das Gehirn in einer Weise verarbeiten kann, dass er erlebte Gegenwart nicht nur partiell abspeichern und auf vielfache Weise — weitgehend unbewusst, vollautomatisch — verarbeiten kann, sondern er kann zudem auf der Basis seiner inneren Zustände über mögliche alternative Zustände nachdenken und sein Handeln daran versuchsweise ausrichten. Dank der Sprache kann ein einzelnes Gehirn mit anderen Gehirnen Kontakt aufnehmen und sich im beschränkten Umfang über seine inneren Zustände austauschen und sich mit anderen koordinieren.

Was immer also ein Mensch tun will, er hängt von diesen seinen inneren Bildern ab.

Jetzt wird natürlich jeder sofort einwerfen, dass der Mensch doch ein soziales Wesen sei und sich untereinander austauscht und dadurch mehr weiß als er nur für sich alleine wissen könnte.

Dies ist nicht ganz falsch. Aufgrund seiner Fähigkeit zur Wahrnehmung der Umwelt — und auch seiner inneren Umwelt wie seine inneren Körperzustände (Hunger, Durst, Müdigkeit, sexuelle Erregung, Angst, …) — kann er natürlich auf seine Umgebung reagieren. Und es ist ja gerade die Umwelt, die ihre Spuren im Innern hinterlässt. Aber dennoch sind es dann die individuellen inneren Zustände zu einem bestimmten Zeitpunkt, die darüber entscheiden, wie man Dinge wahrnimmt und was man für möglich hält. Und wie jeder aus seiner eigenen Alltagserfahrung verifizieren kann, Menschen tendieren mit wachsendem Alter dazu, bestimmte Bilder in sich zu verfestigen und die Bereitschaft, etwas von außen, von anderen aufzunehmen, nimmt ab. Dieses sich kontinuierlich verfestigende Wissen im einzelnen ist notgedrungen unvollständig und wird im Laufe der Zeit nicht wirklich besser, eher schlechter. Die Übereinstimmung mit der realen Umgebung wird dadurch immer schwieriger. Die Momente der Irritation und Fremdheit nehmen zu. In der darin aufkommenden Unsicherheit fühlt man sich wohl, wenn es auch andere gibt, die die eigenen Bilder von der Welt — mögen sie auch noch so unpassend (‚falsch‘) sein — teilen.

ÖFFENTLICHKEIT

Eine der Möglichkeiten, gegen eine innere kognitiven Vergreisung vorzubeugen, ist die aktive Teilnahme an einer funktionierenden Öffentlichkeit, in der eine Vielzahl von Journalisten und Experten in Zusammenarbeit mit allen Bürgern versuchen, die aktuell wichtigen Faktoren und Prozesse der aktuellen Gesellschaft vorzustellen und zu erläutern. Sofern es eine solche Öffentlichkeit gibt, die von einer hinreichend großen Zahl von Bürgern aktiv wahrgenommen wird, besteht zumindest im Ansatz die Chance, dass eine hinreichende Mehrheit von Bürgern kontinuierlich qualitativ mit einem aktuellen Weltbild ausgestattet sein könnte.

Es gibt allerdings viele Anzeichen dafür, dass genau diese Öffentlichkeit in Deutschland immer weniger existiert (übrigens nicht nur nicht in Deutschland; Deutschland ist aber trotz aller Schwächen möglicherweise noch eines der Länder mit der besten funktionierenden Öffentlichkeit). Die Beschreibung dieser Schwachstellen würde ein eigenes Buch benötigen. Hier soll nur darauf aufmerksam gemacht werden, dass eine funktionierende Öffentlichkeit für eine Demokratie lebensnotwendig ist und das im Falle von schwächelnden Momenten alles getan werden müsste, dem abzuhelfen. Ohne eine funktionierende Öffentlichkeit ist eine Demokratie tot bevor sie dann tatsächlich abstirbt.

WISSEN DURCH BILDUNG

Historisch ist klar belegt, dass komplexere Gesellschaften erst dann entstehen konnten, als die Ausbildung der jungen Generation besser wurde, vorbereitet und begleitet durch die Entwicklung von Wissen in immer anspruchsvolleren Wissensprozessen (Hochschulen, Forschung, begleitende Technologien, ..).

Und jeder kann in seinem eigenen Leben direkt nachvollziehen, dass er letztlich nur das sinnvoll tun kann, was er einigermaßen gelernt hat (alle Handwerksberufe, alle Technikerberufe, Landwirtschaft, Straßenbau, Kanalisation, Energieversorgung, …). Die rasant steigende Differenzierung in der heutigen Gesellschaft, das hohe Tempo an Innovationen, die Verlagerung von Knowhow aus dem lokal-regionalen zu überregional-globalen Zentren, dies sind nur einige Faktoren, die das klassische Bildungssystem immer mehr überfordern (und da reden wir noch nicht von der immer größeren Bandbreite der Voraussetzungen bei den Schulkindern, die aus unterschiedlichsten Milieus kommen, die von notgedrungen überforderten Lehrern unterrichtet werden sollen, die von den Kultusbürokratien buchstäblich allein gelassen werden).

Dazu kommt dass die Wissenschaft als quasi Leitsystem in dieser Funktion immer mehr versagt. Die Wissenschaft erstickt an sich selbst, um ein Bild zu gebrauchen. Ein Schnelltest mit einer randomisierten Gruppe von Wissenschaftlern würde zeigen, dass es zur Zeit gar keinen Konsens mehr gibt, was Wissenschaft überhaupt ist. Folgende Faktoren sind besonders auffällig: (i) die immer größere Zahl an spezialisierten Feldern und Subfeldern zusammen mit einer ansteigende Flut an Publikationen macht es mehr oder weniger unmöglich, ernsthaft zu bewerten, ob ein Beitrag wirklich ‚gut‘ ist. Wo sollen die Gutachter herkommen, die den größeren Überblick haben? (ii) Dem Ruf nach Interdisziplinarität steht entgegen, dass es keine fach-übergreifende, allgemein akzeptierte Methodik gibt, wie man Teilfragmente zu einer größeren, höher integrierten Theorie zusammen setzt; es fehlt schon schlicht an einer geeigneten Sprache dafür. (iii) Überall nehmen nicht-wissenschaftliche Kräfte (speziell auch die Politik) Einfluss auf die Wissenschaft, was zur Folge hat, dass immer weniger das geforscht wird, was man eigentlich erforschen müsste, sondern immer mehr nur das, was der Politik in ihrem kurzfristigen Tagesgeschäft passt. (iv) Ein negativer Begleiteffekt ist, dass Wissenschaftler gezwungen werden, sich immer mehr als Konkurrenten zu betrachten anstatt als jene Gruppe in der Gesellschaft, die versucht vorbildhaft gemeinsam die großen Probleme anzugehen, die man schlicht nicht alleine oder als kleine Gruppe lösen kann.

Im Kontext einer Demokratie ist dieses wissenschaftsinterne Problem letztlich eine Bedrohung für die Demokratie, weil die Wissenschaft eine der wichtigsten Quellen für eine Weltorientierung darstellt (wenn sie denn funktioniert), die über alle Bildungssysteme und über die Öffentlichkeit dem Bürger helfen soll, sein eigenes Weltbild aktuell zu halten, um den Anforderungen der Welt — und der nahenden Zukunft — zu genügen. Wissenschaft ist nichts für den elitären Elfenbeinturm, sondern ist der Wissensgrundstoff, den eine Demokratie in den Köpfen aller Bürger notwendig braucht! Dass es heute fast zum alltäglichen Ritual politischer Gremien zu gehören scheint, wissenschaftliche Gutachten großzügig beiseite zu schieben, wenn es den eigenen (woher inspirierten) Interessen zuwider läuft, ist ein wichtiger Faktor für den Verfall von Demokratie.

ALLTAG

Im Idealfall funktionieren unsere Bildungsprozesse, die Öffentlichkeit ergänzt dieses täglich, und die Bürger sind hinreichend im Bilde. In diesem Fall wären die politischen Entscheidungen ‚auf der Höhe der Zeit‘, wären in ihrer Begründung transparent, und jeder wüsste, warum was geschehen soll. Die Möglichkeit, dann Schwachstellen zu erkennen, Unzulänglichkeiten oder gar schwerwiegendere Probleme, wäre relativ hoch. In einer konsequent wissensbasierten Demokratie könnte der Bürger jederzeit auch die verantwortlichen Akteure und die wichtigen Informationen abfragen, rund um die Uhr. Und wenn dies nicht reicht, dann gäbe es kompetente und bürgerfreundliche Informationsstellen, und wenn das nicht reicht, dann gibt es direkten Zugang zu den politisch Handelnden.

KOMPLEXITÄT NEU DENKEN

Es sei hier angemerkt, dass es für eine wissensbasierte Demokratie allerdings nicht ausreichen wird, alles smart zu machen in dem Sinne, dass man Prozesse, die bislang analog waren, nun digitalisiert. Das genau wird nicht reichen. Man wird real neue, leistungsfähigere Wissenstechniken benötigen, die nicht nur eine Datenflut liefern, sondern dem Bürger helfen, sich selbst in seinem Wissen qualitativ zu verbessern. Einen Tipp, wie das geht, findet sich in einem vorausgehenden Blogeintrag.(Anmerkung: dazu gibt es eine ziemlich komplexe Theorie im Hintergrund und ein größeres Anwendungs-Forschungsprojekt des Autors an anderer Stelle).

Der folgende Beitrag beleuchtet die Rolle der Digitalisierung für einen Demokratie kritisch, aber nicht einfach nur ablehnend.

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.