GEMEINSAM DENKEN & PLANEN. Beispiel 1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 2.-4.Februar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

Wenn verschiedene Experten (Bürger, …) beschließen, ihre Erfahrungen, ihr Wissen im Dienste von Zielen auszutauschen und mit Blick auf ein Gelingen dieser Ziele gemeinsam nach Wegen suchen, wie dies gelingen könnte, dann kann dieses Vorhaben recht schnell anspruchsvoll werden, so anspruchsvoll, dass die Beteiligten das Gefühl haben, sie verlieren den Überblick. Dies wäre schade, da wir es als Bürger natürlich schaffen sollten, ein Stück gemeinsamer Zukunft auch tatsächlich soweit klären zu können, dass wir wissen, ob es geht und unter welchen Randbedingungen.

Genau für dieses gemeinsame Gelingen wurde in den letzten Jahren von Philosophen, Informatikern und Sozialwissenschaftler mit Unterstützung von Bürgern einer Stadt mit 15.000 Einwohnern und Studierenden von zwei Universitäten nicht nur ein theoretisches Modell entwickelt, wie man dabei vorgehen könnte bzw. sollte, sondern seit Herbst 2020 auch eine neuartige Software, die solche Experten, die dies konkret versuchen, praktisch unterstützen soll. Die Entwicklung dieser Software steht zwar noch am Anfang, aber das erste Grundmodul kann schon benutzt werden. Die Bedienung dieser Software wirkt auf den ersten Blick noch recht archaisch, bietet aber schon ungewöhnlich innovative Eigenschaften.

In diesem — und in einigen weiteren – Text(en) wird anhand einfacher Beispiele gezeigt, wie diese Software die Überlegungen von realen Experten unterstützen kann.

KOLLEKTIVE INTELLIGENZ

In einer Gruppe von Experten*innen hat jeder einzelne individuelle Erfahrungen, individuelles Wissen, aber — typischerweise — so, dass dieses Wissen sich nicht vollständig überlappt: jeder weiß um Dinge, die der andere nicht notwendigerweise kennt. Dazu kommen noch die unterschiedlichen Fähigkeiten, aus gegebenem Wissen Folgerungen zu ziehen oder gar neue, alternative Konfigurationen zu denken. Zusätzlich gibt es unterschiedliche emotionale Einschätzungen von Situationen, also insgesamt eine Vielfalt Gedanken, Fakten, Einschätzungen und Vorgehensweisen, die sich in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln könnten.

Jede Gruppe hat ihr eigenes Kreativ-Potential. Aus dem Alltag wissen wir, dass dieses Potential in den meisten Fällen nur zu einem geringen Teil genutzt wird. Die Gründe dafür sind vielfältig, entscheidend ist die Wirkung: von — sagen wir — 100% Möglichkeiten der gesamten Gruppe werden geschätzt nur 10-20% genutzt.

In einem ganz anderen gesellschaftlichen Kontext, wo es anscheinend um nichts geht, haben sich seit vielen Jahrhunderten, ja, eher sogar Jahrtausenden, einfache Regeln ausgebildet, wie man einen maximal großen Möglichkeitsraum absichern kann. Gemeint ist der Bereich der Spiele: jene Verhaltensweisen, die im Prinzip freiwillig sind, die Spaß machen sollen, wo es interessanterweise überwiegend ums Gewinnen geht (wenn man von reinen Rollenspielen absieht), und wo klar ist, dass alle Beteiligten die gleichen Chancen haben müssen, sonst wird keiner mitspielen.

Was sich im Bereich der Spiele extrem bewährt hat, findet im übrigen Alltag wenig bis gar nicht statt. Umso mehr Geld es geht, um so mehr versucht man diese Prozesse zu regeln, zu Hierarchisieren,so dass von gleichen Chancen kaum gesprochen werden kann. Dazu kommt, dass in industriellen, in wirtschaftlichen, aber auch in politischen Prozessen so viele Vorgaben zu berücksichtigen sind, dass es vor lauter Vorgaben nicht leicht ist, die wenigen freien Räume für kreative Innovationen zu identifizieren und zu gestalten.

Idealerweise muss man also einen Kompromiss finden zwischen Rahmenbedingungen (= gesetzten Vorgaben) und einem möglichst offenen Prozess.

PROZESSFORM PLANSPIEL

Bei der Entwicklung der Rahmentheorie wie auch bei der Entwicklung der Software für ein gemeinsames kreatives Suchen und Konstruieren einer möglichen Zukunft war neben dem allgemeinen Systems-Engineering und dem Mensch-Maschine Paradigma (siehe dazu [6]) insbesondere das Konzept des Planspiels sehr einflussreich (siehe dazu z.B. [3], [4], [5], [7], [8]). Dieses Konzept ist viele Jahrhunderte alt, findet in immer mehr gesellschaftlichen und Wissens-Bereichen Anwendung, und umfasst typischerweise die folgenden Komponenten:

  1. Experten entwickeln ein Planspiel.
  2. Die Experten selbst oder andere spielen das ausgearbeitete Planspiel.
  3. Die Erfahrungen beim Spielen werden ausgewertet.
  4. Aufgrund der Auswertung wird das Spiel möglicherweise modifiziert.
  5. (1) – (4) kann vollständig oder teilweise wiederholt werden

Der entscheidende kreative Akt findet offensichtlich bei der Konstruktion des Spiels statt. Hier kann die volle Breite der Erfahrungen, des Wissens, der Emotionen der beteiligten Experten samt den akzeptierten Rahmenbedingungen einfließen.

Vereinfachtes Schema zur Software in der Version vom 3.Januar 2021. Zwei weitere Ausbaustufen fehlen in dieser Darstellung noch (Die Software hat den Namen ‚oksimo‘ in Erinnerung an ein Projekt gleichen Namens. [9] Treffender wäre wahrscheinlich, von der oksimo reloaded Software zu sprechen.)

Die aktuelle Version der oksimo Software vom 3.Januar 2021 bietet im Kern vier Komponenten an:

  1. In der Visions [V] Komponente kann man beliebige Ziele und beliebige sonstige Rahmenvorgaben formulieren.
  2. In der Situations [S] Komponente — auch Zustands (= state) Komponente genannt — kann man beliebig viele Ausgangssituationen beschreiben, auch gerne parallel.
  3. Die dritte Maßnahmen [X] Komponente ermöglicht die Erstellung eines Katalogs von Veränderungs-Regeln, die als Aktionen, Handlungen, oder Ereignisse eine gegebene Situation S in mindestens einer Eigenschaft so abändern, dass eine neue Situation als Nachfolge-Situation S‘ entsteht.
  4. Der Simulator [SIM] hat zwei Realisierungsweisen: (i) Im passiven Modus wendet er die Maßnahmen auf die jeweils aktuelle Situation an und wertet dann aus, wie viel Prozent der im Visions-Dokument aufgezählten Ziele und Vorgaben in der jeweils aktuellen Situation schon umgesetzt wurden. Danach arbeitet er weiter, bis 100% Umsetzung erreicht wurden oder ein anderes Stopp-Signal erfüllt wurde. (ii) Im aktiven Modus fragt der Simulator in jeder Runde angemeldete Spieler, welche der vereinbarten Regeln Sie jetzt wie anwenden wollen.

Bis auf weiteres betrachten wir nur Beispiele, die mit dem passiven Simulationsmodus arbeiten.

ALLTAGSSPRACHE – DEUTSCHE SPRACHE

Zu Beginn dieses Blogeintrags heißt es ja zum Kontext, dass „… verschiedene Experten (Bürger, …) beschließen, ihre Erfahrungen, ihr Wissen im Dienste von Zielen auszutauschen …“. Austausch verweist auf Kommunikation, und die mit Abstand wichtigste Form von Kommunikation ist sprachliche Kommunikation. Es gibt bekanntlich viele Sprachen, die auf diesem Planeten benutzt werden.[10] Eine Grundsatzentscheidung für die zu benutzende Software ist, dass die Anwender keine spezielle Programmiersprache lernen müssen, sondern einfach ihre gewohnte Alltagssprache wie gewohnt benutzen können.[11]

ZUR SYSTEMATIK DER BEISPIELE

Da die Anzahl der möglichen Beispiele praktisch unendlich ist, soll hier eine einfache Systematik als Orientierungsrahmen für die ersten Beispiele dienen.

Wie im vorausgehenden Schaubild aufgezeigt wird, sind die wesentlichen Komponenten die V-, S- X- und SIM-Komponenten. Ihr Zusammenspiel ermöglicht die Erarbeitung und den Test von komplexen dynamischen Prozessen, beschrieben in Alltagssprache.

Die nachfolgenden Beispiele folgen folgender Ordnung:

  1. Einfache Zustandsbeschreibungen [S]
  2. Einfache Veränderungsregeln [X]
  3. Die Anwendung von einfachen Veränderungsregeln X auf einfache Zustände S mittels des Simulators X
  4. Die Einbeziehung von einfachen Visionen (Zielen, Vorgaben) [V]
  5. Durch die Einbeziehung von Visionen (und Vorgaben) wird eine Richtung in den Prozess eingeführt und ein Bewertungsmaßstab; dadurch kann der Simulator nach jeder Runde feststellen, wie viel % von der gesetzten Vision schon erreicht wurde.

DIE SOFTWARE: OKSIMO

Wie schon oben erwähnt bekam die Software den Namen ‚oksimo‚ in Erinnerung an ein gleichnamiges Projekt des Autors vor 12 Jahren.[9] Aktuell gibt es eine Internetseite oksimo.com, über die man sich einloggen kann (bislang nur ausgewählte Testpersonen/ -Gruppen).

Aktueller oksimo-login Version vom 3.Januar 2021. Die Weiterentwicklung beginnt Ende Februar und hat Meilensteine im April, im Juli und im August 2021.
Aktuelles Menue, Konsolen basiert … mancher erinnert sich vielleicht an die Anfänge der Personalcomputer bevor die grafischen Oberflächen um sich griffen … Oberflächen sind allerdings nicht alles 🙂

EINFACHE ZUSTANDSBESCHREIBUNG S

Alle folgenden Beispiele benutzen die deutsche Alltagssprache. Man könnte aber genauso gut Englisch, Französisch, Italienisch … benutzen. Der Software ist dies egal …

Das erste Beispiel nehmen wir aus dem Alltag. Was jeder Mensch täglich irgendwie immer wieder mal erlebt, ist ein Hungergefühl. Unsere Beispielperson heißt Gerd und wir nehmen einfach mal an, dass sie sich gerade in dieser Situation befindet: Gerd ist hungrig. Das geben wir ein:

Bildschirmkopie der Eingabe: Gerd ist hungrig.

Wir belassen es erst mal bei dieser lapidaren Feststellung, dass Gerd hungrig ist, und überlegen, was kann Gerd jetzt tun, um sein Hungergefühl zu bedienen. Da Gerd nicht dafür bekannt ist, dass er freiwillig fastet, wird er versuchen, etwas zu Essen zu bekommen. Im Beispiel wird angenommen, Gerd befindet sich auf dem Gelände der FUAS (Frankfurt University of Applied Sciences). Und nehmen wir an — wir sind Optimisten –, dass die Corona Einschränkungen zumindest einen Straßenverkauf zulassen. Es gibt da nämlich direkt bei der FUAS einen sehr beliebten Griechen, der so etwas anbietet.

EINFACHE VERÄNDERUNGSREGEL X

Zusammenfassung der Eingabe für eine Veränderungsregel X

Man muss der Regel einen Namen geben, hier ‚ZumGriechen1‘. Dann muss man eine Bedingung angeben, wann diese Regel aktiv werden soll. In unserem Beispiel heißt es ja ‚Gerd ist hungrig.‘. Also nehmen wir diese Eigenschaft als Bedingung für unsere Regel im Sinne von ‚Wenn Gerd hungrig ist, dann …‘.

Die Sache mit der Wahrscheinlichkeit ist aktuell noch ein ‚Fake‘. Man muss zwar eine Zahl zwischen 0 (= 0 %) und 1 (= 100%) eingeben, aber diese Zahl wird noch nicht ausgewertet. Also kann man irgendeine Zahl eingeben. ‚1‘ ist OK, da die Regel bislang tatsächlich immer angewendet wird, wenn die Bedingung erfüllt ist.

Der Positive Effekt (Eplus) besagt, dass alles, was unter positiver Effekt gelistet wird, durch den Simulator dem aktuellen Zustand S im Übergang zum Nachfolgezustand S‘ hinzugefügt werden wird, also in unserem Fall die Aussage Gerd geht zum Griechen um die Ecke.

Der negative Effekt (Eminus) ist das genaue Gegenteil von Eplus: Alles, was hier aufgelistet wird, wird von dem aktuellen Zustand S im Übergang zum Nachfolgezustand S‘ weggenommen. Im Beispiel wird nichts weggenommen. Man kann dies dadurch ausdrücken, dass man einfach nichts eingibt oder dass man, wie der Autor dies tut, ausdrücklich das Wort ’none‘ eingibt. Dieses (englische) Wort hat in diesem Kontext keinerlei Bedeutung, macht aber kenntlich, dass keine Eingabe vorliegt.

SIMULATION MITTELS SIMULATOR SIM

Ein einzelner Zustand und eine einzige Veränderungsregel sind — für sich genommen — zwei tote Gegenstände. Denkt man sich aber einen Kontext, in dem ein Zustand S im Lichte einer Veränderungsregel X zu einem Nachfolgezustand S‘ umgeändert werden kann, dann haben wir das Fragment eines dynamischen Prozesses vorliegen, durch den der Zustand S und die Veränderungsregel X plötzlich eine Bedeutung innerhalb eines Prozesses bekommen. Probieren wir dies aus.

Mit der Nummer ‚6‘ können wir eine neue Simulation auswählen und auf Nachfrage vom Simulator als Ausgangszustand den Zustand GerdHungrig1 eingeben und als einzige Regel die Regel mit Namen ZumGriechen1.

Selected Vision:
DummyVision
Selected states:
GerdHungrig1
Selected rules:
ZumGriechen1

Wie Sie als Leser sicher bemerken, kommt in der Auflistung der Zutaten für die Simulation auch noch die Vision DummyVision vor, obwohl wir ja bislang noch gar keine Vision verfasst haben. Dieses Phänomen klärt sich dadurch auf, dass (i) der Simulator standardmäßig eine Vision verlangt, da er nur dann eine Bewertung für einen aktuellen Zustand abgeben kann. Für experimentelle Zwecke — wie jetzt hier — wollen wir aber noch gar nicht bewerten. Für diesen Zweck hat der Autor zuvor (ii) ein Visions-Dokument mit dem Namen DummyVision erstellt mit dem Nichtssagenden Inhalt ‚VVVVV‘.

Damit kann man die Simulation starten. Da man im allgemeinen Fall nicht ausschließen kann, dass eine Regelkonstellation vorliegt, die die Simulation länger laufen lässt als man vielleicht wünscht, kann man eine maximale Rundenzahl — hier 3 — eingeben. Spätestens bei Erreichung dieser Rundenzahl wird die Simulation stoppen.

Enter maximum number of simulation rounds
> 3

Your vision:
{'VVVVV'}

Round 1

Set S given: 
{'Gerd ist hungrig.'}
Applied rule: 
[{'Gerd ist hungrig.'}, {'Gerd geht zum Griechen um die Ecke.'}, {'none'}]
Set S after Remove: 
{'Gerd ist hungrig.'}
Set S after Union: 
{'Gerd ist hungrig.', 'Gerd geht zum Griechen um die Ecke.'}

0.00 percent of your vision was achieved by reaching the following states:
NoneRound 2

Set S given: 
{'Gerd ist hungrig.', 'Gerd geht zum Griechen um die Ecke.'}
Applied rule: 
[{'Gerd ist hungrig.'}, {'Gerd geht zum Griechen um die Ecke.'}, {'none'}]
Set S after Remove: 
{'Gerd ist hungrig.', 'Gerd geht zum Griechen um die Ecke.'}
Set S after Union: 
{'Gerd ist hungrig.', 'Gerd geht zum Griechen um die Ecke.'}

0.00 percent of your vision was achieved by reaching the following states:
None

Ausgehend von dem Ausgangszustand

{‚Gerd ist hungrig.‘}

erzeugt die Anwendung der Veränderungsregel in der ersten Runde den neuen Zustand

{‚Gerd ist hungrig.‘, ‚Gerd geht zum Griechen um die Ecke.‘}

In der zweiten Runde verändert sich nichts mehr. Die Simulation stoppt.

FORTSETZUNG MIT VISION

Man könnte jetzt beliebig fortsetzen. Um dem ganzen eine kleine Richtung zu geben, könnten wir jetzt doch eine erste Vision hinzufügen. Da Gerd offensichtlich stark auf seinen Hunger hört (für ‚Vielfraß‘ gibt es den lateinischen Fachausdruck ‚gulo gulo‘) definieren wir als Vision kurzerhand, dass der erwünschte Zustand heißt: Gerd ist nicht hungrig. Also:

Your final vision document is now:
Name: GerdNHungrig1
Expressions:
Gerd ist nicht hungrig.

Damit ist klar, dass der bislang erreichte Zustand

{'Gerd ist hungrig.', 'Gerd geht zum Griechen um die Ecke.'}

Noch nicht das gewünschte Ziel V enthält.

Wie können wir das Ziel erreichen?

Dies — und vieles mehr — wird in der Fortsetzung beschrieben.

QUELLENANGABEN

[1] Kollektiver Intelligenz als Leitbegriff, Wikipedia [DE]: https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektive_Intelligenz

[2] Quantenverschränkung als zentraler Begriff der Quantenmechanik, Wikipedia [DE]: https://de.wikipedia.org/wiki/Quantenverschr%C3%A4nkung

[3] Gerd Doeben-Henisch, 30.November 2019, PLANSPIELE für MEHR BÜRGERBETEILIGUNG. Entwurf. Version 1.2, https://www.cognitiveagent.org/wp-content/uploads/2019/11/planspiel-v1-2.pdf

[4] Dietmar Herz und Andreas Blätte, 2000, Simulation und Planspiel in den Sozialwissenschaften. Eine Bestandsaufnahme der internationalen Diskussion. LIT Verlag, Münster – Hamburg – London

[5] Stefan Rappenglück and Andrea Petrik, 2017, Handbuch Planspiele in der politischen Bildung. Number 81 in Politik und Bildung. Wochenschauverlag, Schwalbach

[6] Gerd Doeben-Henisch, 12.Januar 2021, Ingenieure und das Glück, https://www.cognitiveagent.org/2021/01/14/ingenieure-und-das-glueck-online-vortrag-vom-12-1-2021/

[7] Gerd Doeben-Henisch, 2.Januar 2020, Review of Cathy Stein Greenblat’s book ’Designing Games and Simulations.An Illustrated Handbook’, (1988). A Review from the Point of View of the DAAI Paradigm, https://www.uffmm.org/wp-content/uploads/2019/06/review-greenblat-1988-1-2.pdf

[8] Cathy Stein Greenblat, 1988, DESIGNING GAMES and SIMULATIONS. An Illustrated Handbook. Sage Publication

[9] oksimo Software, älteres Projekt um [2009]. Die Absicht damals war ähnlich, aber das Software-Konzept war völlig verschieden: https://de.wikipedia.org/wiki/Oksimo

[10] Liste der gesprochenen Sprachen, Wikipedia [DE]: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_meistgesprochenen_Sprachen

[11] Gerd Doeben-Henisch, 29.Januar 2021, SPRACHSPIEL und SPRACHLOGIK – Skizze. Teil 1, https://www.cognitiveagent.org/2021/01/29/sprachspiel-und-sprachlogik-skizze-teil-1/

Fortsetzung

Eine Fortsetzung findet sich HIER.

DER AUTOR

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EINE KULTUR DES MINIMALEN IRRTUMS? Ergänzende Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 3.Februar 2021 (Zuletzt: 09:18h)
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

In einem kürzlichen Beitrag in diesem Blog mit dem — für die meisten — nichtssagenden Titel REAL-VIRTUELL. Ein Einschub [1] hatte ich speziell jene beiden Sachverhalte herausgearbeitet, die im Kontext der biologischen Evolution die fundamentalen Innovationen beschreibt, die mit dem homo sapiens — also mit uns — auf diesem Planeten stattgefunden haben. Während der heutige Mainstream von publizierten Ideen sich eher dem Gedanken hinzugeben scheint, dass das mit dem Menschen auf dieser Erde wohl doch keine so gute Idee war, dass dieser homo sapiens eher unendliche Probleme statt lebbare Situationen schafft, dass er gegenüber den — laut Marketinggetöse — sagenumwobenen intelligenten Maschinen schon jetzt ausgedient habe, legt eine nüchterne Betrachtung der strukturellen Eigenschaften des homo sapiens im evolutionären Kontext eine Perspektive frei, die sehr wohl nicht nur eine ganz andere Deutung zulässt, sondern sie letztlich erzwingt.

VIEL LICHT – VIEL SCHATTEN

Die beiden grundlegenden Eigenschaft der homo sapiens Lebensform, (i) Realität in Virtualität zu transformieren, und (ii) Virtualität im Innern des einen Organismus mit der Virtualität in einem anderen Organismus koordinieren zu können, diese Eigenschaften sind fudamental anders als alles, was es bis dahin — immerhin mit einer Vorgeschichte von ca. 3.5 Milliarden (10^9) Jahren — gab und bis heute gibt. Durch die Existenz des homo sapiens kann das gesamte biologische Leben auf der Erde sich selbst auf eine neue Stufe katapultieren, in einer Weise, die die bisher erforschten kognitiven Problemräume um Dimensionen übersteigt.

Wie aber jeder leicht feststellen kann, kommen diese neuen fundamentalen Eigenschaften des Lebens nicht zum Nulltarif. Ein Blick zurück in der Geschichte wie auch in unserer globale Gegenwart zeigt unmissverständlich, dass wir als homo sapiens ein großes Problem haben: wir könnten zwar — im Prinzip — gemeinsam unvorstellbar mehr erkennen als je zuvor; wir könnten unvorstellbare weitreichende Taten vollbringen — bis hin zur Umgestaltung selbst des ganzen Universums — als homo sapiens haben wir begleitend zu diesen unfassbar neuen Handlungsmöglichkeiten aber eine strukturelle Schwachstelle: die Virtualität unserer individuellen Weltbilder begünstigt den individuellen Glauben, nur weil man im eigenen Kopf ein Weltbild hat, kontinuierlich befeuert durch das eigene Gehirn, habe man auch schon ein richtiges und ein vollständiges Bild von der Welt.

Zwar könnte jeder leicht überprüfen, dass dies so nicht stimmen kann, aber de facto wachsen Menschen so auf, dass sie eher glauben, dass das Bild in ihrem Kopf auf jeden Fall das richtige und vollständige Bild ist. Und wie wir leicht sehen können, ist die Geschichte der Menschheit voll davon, dass Menschen alleine und gemeinsam die verrücktesten Ideen zu Leitbildern für ein richtiges Leben erhoben haben und immer noch erheben.

Die einzige Möglichkeit, sich gegen diese strukturelle Schwäche zu wappnen, den Irrtum der Massen so klein wie möglich zu halten, geht nur über eine Kultur des minimalen Irrtums. Damit ist der Sachverhalt angesprochen, dass die individuelle Schwäche in der Struktur eines homo sapiens Organismus nur dadurch überwunden werden kann, dass man die neue Stärke des Schwarms, der Population aktiviert, dass man durch spezifische Formen einer gemeinsamen Koordinierung gemeinsame Kommunikations- und Handlungsformen kultiviert, die einen kontinuierlichen gemeinsamen Abgleich der individuellen Virtualität mit der umgebenden Realität und der Realitäten der eigenen Virtualität ermöglicht.

KULTUR DES MINIMALEN IRRTUMS

Ziel müsste es sein, eine Kultur des minimalen Irrtums aufzubauen, zu praktizieren, die den individuellen Schwächen einen konstruktiven Gegenpart bieten kann.

Die bisherigen Ansätze einer empirische Wissenschaft und von demokratischen Gesellschaftsformen deuten in die richtige Richtung, aber die reale Praxis weltweit zeigt unmissverstänlich gravierende Schwächen auf. Im Alltag wirken diese Mechanismen noch viel zu wenig. Ideale Bilder erzeugen nicht automatisch eine entsprechend reale Praxis. Wenn jeder beliebige Schwachsinn flächendeckend mehr Anerkennung finden kann als mühsam erarbeitete Wahrheiten ist klar, dass wir noch in einem sehr labilen Zustand leben.

FUNDAMENTAL FREI

Für die Gestaltung einer Kultur des minimalen Irrtums ist allerdings zu berücksichtigen, dass wir es — wie in dem Beitrag Gedanken und Realität. Das Nichts konstruieren. Leben Schmecken. Notiz [2] dargelegt — im Falle des biologischen Lebens mit einem fundamentalen Freiheitsprozess zu tun haben. Die politischen und geisteswissenchaftlichen Konzepte von Freiheit sind nur schwache Abbilder dieser grundlegenden Freiheit, die dem Phänomen des Biologischen voraus geht: wie die Quantenmechanik zeigen kann (nicht muss, da Interpretationsabhängig und die wiederumn ruht in der Freiheit…), ist die Grundverfasstheit aller bekannten Realität ihre grundlegende Unbestimmbarkeit durch ihre Potentialität. Dieser grundsätzliche Sachverhalt schlägt auf allen Komplexitätsebenen durch, also auch in allen Formen biologischer Komplexität. Über Atome, Moleküle, Zellen, Zellverbände, Organismen konkretisieren sich zwar die Randbedingungen dieser Freiheit immer mehr, aber die grundlegende Freiheit ist fundamental für alle jemals denkbare Randbedingungen.

Wenn also das biologische Lebens als Ganzes und die Lebensform des homo sapiens als Teil davon grundsätzlich über eine Fundamental-Freiheit verfügen, dann gibt es zu jeder positiven Handlungsmöglichkeit immer auch eine negative Handlugsmöglichkeit. Potentiell können wir Wunder vollbringen, aber auch das schlimmste Grauen verbreiten. Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif.

Zur aktuellen Lage könnte man sehr wohl sagen, wir stehen — wie immer — ganz am Anfang von …. man wird sehen.

INTERESSANTE KOINZIDENZ

Das im obigen Text beschrieben generelle Schema einer Kultur des minimalen Irrtums hat nahezu unendliche viele mögliche konkrete Ausformungen. Ein Grundsatzartikel von Prof. Vardi, dem vormaligen Chefradakteur der Communications of the ACM (die ACM ist die größte Vereinigung von Informatikern weltweit) in der aktuellen Ausgabe der Communications [3] scheint mir aber erwähnenswert. Er analysiert in diesem Beitrag die offensichtlichen Unzulänglichkeiten des bisherigen wissenschaftlichen Publikationssystems der Informatik (wobei sich diese Beobachtungen sicher bei vielen anderen Disziplinen in gleicher Weise bestätigen lassen würden) und stellt heraus, dass dieses systemische Versagen sich nicht durch heroisches Verhalten einzelner Individuen beheben lässt — er kritisiert dabei ein verbreitetes kulturelles Muster in der US-Amerikanischen Kultur –, sondern nur durch eine kollektive Anstrengung, wie sie gerade durch die gesamte ACM möglich wäre. Und in der Tat, die Leitung der ACM bereitet eine entsprechende Arbeitsgruppe vor.

QUELLENNACHWEISE

[1] Gerd Doeben-Henisch, 1.Februar 2021, https://www.cognitiveagent.org/2021/02/01/real-virtuell-ein-einschub/

[2] Gerd Doeben-Henisch, 25.Januar 2021, https://www.cognitiveagent.org/2021/01/23/gedanken-und-realitaet-das-nichts-konstruieren-leben-schmecken-notiz/

[3] Moshe Y.Vardi, Reboot the Computing-Research Publication System, Communications of the ACM, Januar 2021, Vol.64, Nr.1, S.7: https://cacm.acm.org/magazines/2021/1/249441-reboot-the-computing-research-publication-systems/fulltext

DER AUTOR

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REAL-VIRTUELL. Ein Einschub

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 1.Februar 2021 (Zuletzt 1.2.2021, 13:45h)
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

Den wenigsten Menschen ist bewusst, dass das Bild von der Welt, das sie haben, nicht tatsächlich die Welt ist, wie sie unabhängig vom Gehirn (=real) ist, sondern die Welt, die das Gehirn von der Welt da draußen aus all den sensorischen und bislang gespeicherten Daten (Gedächtnis) zusammen rechnet (=virtuell). Dies erklärt, warum die gleiche Welt (da draußen) von verschiedenen Menschen so total verschieden wahrgenommen werden kann.

AUSSEN – INNEN

Übersichtsbild zu Außen-Innen. Zur Erläuterung siehe Text.

Der Begriff Außen ist letztlich nur sinnvoll im Gegensatz zu einem aufzeigbaren Innen. Beispiel für solch ein aufzeigbares Innen ist das menschliche Bewusstsein, das wiederum verweist auf kognitive Zustände unseres Gehirns, das sich in unserem Körper befindet.

Für uns als Menschen ist zunächst das subjektive Erleben unserer Bewusstseinsinhalte wie das Erleben selbst (einschließlich Denken, Vorstellen, Erinnern usw.) primär real. Im Laufe des Lebens kann man aber erkennen, dass diese primäre Realität eindeutig nicht die Welt selbst ist, da sie an unser Bewusstsein gebunden ist, das über das Gehirn in unserem Körper verankert ist. Die subjektive Realität ist eine abgeleitete Realität; unser Gehirn produziert eine virtuelle Realität, die sich für uns als subjektives Erlebende wie eine Realität darstellt!

KONVERSION: REALITÄT ZU VIRTUALITÄT

Hat man diesen Erkenntnispunkt erreicht, dass die subjektive Realität eine abgeleitete Realität ist, ein Rechenergebnis des Gehirns, das sensorische Fragmente einer Welt da draußen (=real) in neuronale Strukturen und Prozesse übersetzt/ konvertiert, die als neuronale Prozesse zwar real sind, aber in den erzeugten internen Informationsstrukturen innerhalb der neuronalen Prozesse als Repräsentanten der mit-verursachenden externen Realität ein Abbildungsprodukt, sind, erzeugt durch Abbildungsprozesse, und so gesehen nur als bildhaft, als virtuell bezeichnete werden können, dann kann man begreifen, dass ein biologischer Organismus wie der des homo sapiens — neben vielen anderen Funktionen — eine Funktion ganz speziell erkennen lässt: der gesamte Organismus ist ein Konverter von Realität in Virtualität!

Der Aufwand, der getrieben werden muss (musste), um dies zu ermöglichen ist extrem hoch und man fragt sich unwillkürlich, wofür das gut sein soll?

Bevor man eine Antwort zu geben versucht, sollte man sich noch eine weitere bemerkenswerten Funktion von homo sapiens Organismen vor Augen führen.

AUSTAUSCH: INNEN ZU INNEN

Von Bakterien und Viren ist bekannt, dass sie als Gesamtheiten schon immer einen intensiven Informationsaustausch pflegen (was mich dazu inspiriert hatte von diesen Gesamtheiten als BIOM zu sprechen und das gesamte BIOM als biologischen Super-Computer zu sehen, der die unfassbaren Formenproduktionen der Evolution in Interaktion mit den jeweiligen Umgebungen ermöglicht hat).

Durch die biologische Ermöglichung einer Konversion von Realität in neuronal ermöglichte Virtualität eröffnete sich nicht nur die Möglichkeit, im Bereich der Virtualität verschiedene kreative Prozesse zu gestalten, die abgeleitete Formen von Realität generieren können, für die es aktuell so noch keine Vorgaben in der umgebenden Realität gibt. Dies neuen Formen können indirekt zu Änderungen in der realen Welt führen, die ohne diese kreativen virtuellen Prozesse entweder gar nicht oder erst sehr viel später möglich gewesen wären. Da Änderungen nicht per se von irgendeinem Vorteil sein müssen — sie können schädlich bis zerstörerisch sein –, ist diese neuartige Befähigung zu inneren kreativen Prozessen somit zwar eine neue Chance, zugleich aber auch ein neues Risiko.

Um nun sowohl die Chance — als auch das Risiko — zu erhöhen, gibt es noch eine weitere speziell Funktion von biologischen Lebensformen — am extremsten ausgeprägt beim homo sapiens –: die zusätzliche Abbildung von kognitiven Strukturen auf andere kognitive Strukturen, bei denen die kognitiven Strukturen auf der einen Seite der Abbildung in Form eines Ausdruckssystems [E] organisiert sind. Betrachtet man kognitive Strukturen generell als kognitive Objekte [KOGOBJ], dann kann man diejenigen kognitiven Objekte, die zusätzlich speziell als kognitive Objekte innerhalb eines Ausdruckssystems E organisiert sind, als KOGOBJ-E abkürzen. Die Abbildungsbeziehung zwischen der speziellen Menge von kognitiven Objekten, die als Ausdrücke KOGOBJ-E fungieren, und allen anderen kognitiven Objekten KOGOBJ (mit KOGOBJ-E als Teilmenge!) wird normalerweise Bedeutungsbeziehung [Π] genannt, geschrieben: Π: KOGOBJ <—–> KOGOBJ-E.

Warum wieder dieser enorme zusätzliche Aufwand?

Wie wir am Verhalten des homo sapiens — Wir — sehen können, kann aufgrund der Bedeutungsbeziehung ein biologischer Organismus A die Ausdruckselemente benutzen, um auf bestimmte virtuelle Aspekte in sich Bezug zu nehmen, und diese internen Ausdruckselemente können dann in Form von Sprachlauten — oder später in der kulturellen Entwicklung auch durch Schriftzeichen — dazu genutzt werden, auf einen anderen Organismus B einzuwirken, so dass dieser — falls man die gleichen Ausdruckselemente mit der gleichen Bedeutungsbeziehung gemeinsam gelernt hat — ‚in sich selbst‘ möglicherweise ähnliche kognitiven Objekte aktiviert wie der andere biologische Organismus A möglicherweise intendiert hat.

Dieser hochkomplexe Vorgang einer zwischen-biologischen Kommunikation ermöglicht es — wie wir aus unserem Alltag wissen können — dass sich auf diese Weise — bis zu einem gewissen Grad — nicht nur das Verhalten generell koordinieren lässt, sondern dass dabei auch — wiederum nur bis zu einem gewissen Grad — inhaltliche Informationen über die Welt ausgetauscht werden können, die eine kognitive erweiterte Koordination möglich machen.

WELTBILDER: WISSENSCHAFT ODER MYTHEN?

Diese ineinander verschränkten Abbildungen von Realität in Virtualität einerseits bzw. Virtualität 1 nach Virtualität 2 andererseits stellen im Kontext der biologischen Evolution mehr als eine Revolution dar. Dies soll jetzt hier gar nicht weiter diskutiert werden. Wohl aber sei der Hinweis gestattet auf das Alltagsphänomen, dass ganze Populationen von Menschen ein virtuelles Bild von der Welt erzeugen, pflegen und danach handeln können, das teilweise oder gar überwiegend falsch ist, mit den entsprechend verheerenden Folgern für alle.

Vor diesem Hintergrund der Massen-Verirrungen — in allen Zeiten der Menschheit gegeben, auch im Jahr 2021 — stellt sich die kritische Frage, was kann eine Gesellschaft als Ganze tun, um durch ihre Kultur Massen-Verirrungen zu verhindern.

Wie Blicke zurück in die Geschichte und hinweg über alle nationale Grenzen heute andeuten, ist ein gemeinsamer Schutz vor Verirrungen alles andere als einfach. Intelligenz alleine ist offensichtlich kein ausreichender Schutz…

So zeigt ein Blick in die Geschichte der Wissenschaften, dass es selbst in der Wissenschaft trotz all der vereinbarten Qualitätssicherungen immer wieder zu strittigen Meinungen kommen kann, die ganze Schulen ausbilden, um die anderen Meinungen ‚zu bekämpfen‘ statt aus den Unterschieden konstruktiv zu lernen.

Die Aufgabe der Gestaltung einer gemeinsamen Kultur der minimalen Verirrungen ist für uns alle real, sie ist hart, sie ist schwierig, und die scheinbar einfachen und griffigen Lösungen sollten eigentlich routinemäßig schon mal eine besondere Aufmerksamkeit erregen, ob das überhaupt so stimmen kann …

DER AUTOR

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SPRACHSPIEL und SPRACHLOGIK – Skizze. Teil 1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 26.-29.Januar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

Im vorausgehenden Beitrag Ingenieure und das Glück wird ab dem Abschnitt KOMMUNALE PLANUNG UND BÜRGER? das Problem der Kommunikation zwischen vielen Menschen angesprochen, speziell in dem Kontext, dass diese Menschen — z.B. Bürger einer Kommune — sich auch gemeinsam ein Bild ihrer möglichen Zukunft bzw. ihrer möglichen Zukünfte machen wollen, ist doch Zukunft grundsätzlich unbekannt und der Versuch einer Klärung, welche Ereignisse in der Zukunft planerisch vorweg genommen werden sollten, kann wichtig bis lebenswichtig sein. In diesem Zusammenhang wird das Konzept einer neuen Software [SW] eingeführt, die Menschen bei diesen Kommunikationen und Planungen unterstützend zur Seite stehen soll. Diese Software hat als eine — von mehreren — Besonderheit die, dass sie ausschließlich mit Alltagssprache funktioniert. Dies soll in diesem Text zum Anlass genommen werden, die menschliche Intelligenz am Beispiel von alltäglichen Sprachspielen und der darin waltenden Sprachlogik anhand von Beispielen etwas näher zu betrachten.

ALLTAG UND SPRACHSPIEL(E)

Nimmt man den Begriff Sprachspiel(e) in den Mund, dann ruft dies im modernen philosophischen Denken unweigerlich die Assoziation mit Ludwig Wittgenstein hervor, der im Zeitraum 1936 bis 1946 in Cambridge, in England, dabei war, ein weit verbreitetes Bild vom Funktionieren der Sprache zu zertrümmern. Seine posthum veröffentlichten Philosophischen Untersuchungen [1] sind wie Mahlsteine für jegliches naives Sprachdenken. Aufs Ganze können sie geradezu nihilistisch wirken, da sie zwar alles Gewohnte niederreißen, aber keinerlei Anstalten treffen, zu schauen, wie man denn aus diesem Trümmerfeld einer naiven Sprachauffassung wieder herauskommen kann. Dazu muss man wissen, dass Wittgenstein mit seinem Frühwerk, dem tractatus logico-philosophicus von 1921 [2] selbst dazu beigetragen hatte, unter Voraussetzung des Konzepts der modernen formalen Logik, ein extrem naives Bild von Sprache zu zeichnen. Man darf zumindest die Frage stellen, ob Wittgenstein bei seiner Zertrümmerungsaktion eigentlich weniger die Alltagssprache zertrümmert hat, sondern nur dieses sehr einseitige Bild von Sprache, wie es die moderne formale Logik propagiert.Während die moderne sprach-analytische Philosophie sich in vielfacher Weise abgemüht hat, unter dem Einfluss von Wittgenstein die Alltagssprache neu zu sezieren, hat die moderne formale Logik bis heute in keiner aufweisbaren Weise auf die sprach-kritischen Überlegungen Wittgensteins reagiert.

Anstatt hier jetzt die vielen hundert Artikeln und Bücher in der Nachfolge Wittgensteins zu referieren gehen wir hier zurück auf Start und betrachten verschiedene Alltagssituation, so wie Wittgenstein es getan hat, allerdings mit anderen philosophischen Prämissen als er es tat.

Situation 1: Einfache Alltagssituation mit zwei Personen A und B und einem Tisch.

SITUATION … nach von Uexküll

Über eine Alltagssituation als Situation zu sprechen ist nur so lange trivial, als man nicht darüber nachdenkt.

Im Fall des obigen Bildes fängt es schon mit der Frage an, ob man die Situation von außen, von der Position eines externen Beobachters beschreiben will mit der Fiktion, man könne etwas beobachten ohne Teil der Situation zu sein, oder ob wir uns entscheiden, eine der abgebildeten Personen A oder B als unseren Beobachtungspunkt zu wählen. Ich wähle hier für den Start Person B als unseren Beobachter.

Wie wir spätestens seit von Uexkülls Buch Umwelt und Innenwelt der Tiere, veröffentlicht 1909 [3b], wissen, gibt es für ein biologisches System nicht die Umwelt, sondern nur jene spezifische Umwelt, die diesem biologischen System — hier also A oder B — aufgrund seiner Sensorik, seinen inneren Zuständen, und seiner Handlungsmöglichkeiten zugänglich sind. Aufgrund moderner Messgeräte, anspruchsvoller empirischen Theorien und einem vergleichsweise reich ausgestatteten körperlichen Organismus sind wir als homo sapiens in der Lage, die Fiktion einer objektiven Umwelt aufzubauen, die unabhängig von uns besteht und die weit mehr Eigenschaften umfasst, als wir mit unseren angeborenen Sinnesorganen und Nervenleistungen erfassen können.

Von Uexküll untersucht in seinem Buch sehr viele Lebensformen aus dem Bereich der Wirbellosen, die — verglichen mit einem menschlichen Körper — als ‚einfach‘ oder sogar ’sehr einfach‘ klassifiziert werden könnten. Er betont immer wieder, dass solche Kategorien letztlich am Phänomen vorbeigehen. Entscheidend ist nicht, wie quantitativ komplexer ein Organismus A verglichen mit einem Organismus B ist, sondern ob der Bauplan von z.B. Organismus A zu seiner Umwelt passt. Ein Organismus mag noch so einfach sein — er beschreibt viele schöne Beispiele –, wenn der Organismus mit seiner jeweiligen individuellen Ausstattung (Bauplan) in der jeweiligen Umgebung genügend Nahrung finden kann, sich fortpflanzen kann, dann hat er zunächst mal den Hauptzweck eines biologischen Systems erfüllt. In der Sicht von Uexkülls — die einflussreich war und ist — können also 10 verschiedene biologische Systeme die gleiche äußere Umgebung U teilen und jeder dieser Organismen hat eine komplett anderes inneres Bild B(U)=U* in seinem Inneren und reagiert daher in der Regel anders als einer der anderen Organismen. Für Naturforscher ist es daher immer eine ziemliche Herausforderung, zu ermitteln, was denn die spezifische Umwelt B(U)=U* eines bestimmten Organismus ist.

REALE WELT … als Artefakt

Von der Biologie können wir also lernen, dass die sogenannte reale Welt [RW] aus Sicht eines biologischen System zunächst eine konstruierte Fiktion ist, ein Artefakt des Denkens, ermöglicht durch die neuronalen Aktivitäten im Innern eines Organismus und dass die neuronal kodierte Welt nur so viele Eigenschaften umfasst, wie diese neuronale Kodierung ermöglicht. Anders formuliert: die neuronalen Strukturen fungieren als Repräsentanten von jenen korrespondierenden verursachenden Reizquellen, die von außerhalb des Nervensystems zu neuronalen Erregungsleistungen führen. Die spontan unterstellte Welt da draußen existiert also für den Organismus primär als die Menge der Repräsentationen in unserem Innern (Für eine etwas ausführlichere Erläuterung siehe [8]).

SPRACHLICHE ÄUSSERUNG … Ein Signal von ganz innen

Übernehmen wir diese theoretischen Postulate, dann müssen wir annehmen, dass die Person A nicht weiß, welche inneren Zustände die Person B gerade als ‚die Welt da draußen‘ ansieht, und umgekehrt. Insofern es in der angenommenen Situation aber ein Objekt gibt, das aussieht wie ein Objekt, das wir im Deutschen als Tisch bezeichnen würden, und wir annehmen, dass beide Personen als Menschen über einigermaßen ähnliche Wahrnehmungsstrukturen verfügen und hinreichend viel Deutsch gelernt haben, dann könnte es passieren, dass das Tisch-ähnliche Objekt als Reizquelle genügend korrespondierende neuronale Reizenergie im Innern von Person A aufbaut, die dann möglicherweise die die von A gelernte Bedeutungsfunktion für die Deutsche Sprache aktiviert, die dann wiederum den Sprachapparat aktiviert, was zu der sprachlichen Äußerung führen könnte: Da ist ein Tisch.

Situation 2: Person A macht eine Äußerung über einen Teilaspekt von Situation 1.

Unter den angenommenen Bedingungen besteht dann eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Person B aufgrund der Schallwellen, erzeugt von A, einen Schallreiz empfängt, den B aufgrund seiner gelernten Bedeutungsfunktion des Deutschen mit jenen internen neuronalen Repräsentanten assoziiert, die von dem Tischobjekt durch die visuelle Wahrnehmung erfasst und ins Innere geleitet werden. Falls dies so geschehen würde, dann könnte sich die Person B denken, dass die Person A ein externes Objekt wahrnimmt, das seiner aktuellen Wahrnehmung entspricht. Ansonsten wüsste Person B nicht wirklich, was Person A gerade wahrnimmt bzw. wofür sie sich interessiert.

Dies ist eine — zugegeben — stark vereinfachende Darstellung des Sachverhalts, dass interne Strukturen in uns Menschen uns zu bestimmten Formen von Wahrnehmungen und internen Verarbeitungsprozessen befähigen. Eine etwas ausführlichere Darstellung — wenngleich immer noch vereinfachend — findet sich bei Gage und Baars (2018). [4] Die für unseren Zusammenhang wichtige Botschaft ist allerdings, dass auch wir Menschen keine beliebige Umgebung wahrnehmen und keine beliebigen geistigen Prozesse ausführen können, sondern nur solche, die unser Körperbau und unser zentrales Nervensystem zulassen.

THEORETISCHE ANNAHMEN – Vereinfacht …

Das folgende Schaubild deutet die wirksamen Strukturen an, durch die wir sprachlich kommunizieren.

Schaubild zu internen kognitiven Strukturen. Siehe zusätzlich auch [8].

Es gibt die angenommene reale Welt [RW], in der es einen aktuellen Ort gibt, der für die vorkommenden Organismen eine aktuelle Umwelt [U], eine Situation [S] bildet. Ein wahrnehmender Organismus — hier die Personen A und B — zerlegen diese Situation in jene Grundeinheiten, die sie aufgrund ihrer körperlichen Ausstattung wahrnehmen können. Diese Grundeinheiten werden hier Fakten [F] (eine Kombination von Eigenschaften (Qualitäten), die einen Sachverhalt ergeben) genannt. Während die Phase der Wahrnehmung — das Stattfinden von neuronalen Erregungen als Reizenergie in verschiedenen Verarbeitungsstufen — teilweise bewusst (mit Bewusstsein [BEW]) stattfinden kann, sind die neuronalen Prozesse standardmäßig unbewusst [UBW]. (Das genaue Verhältnis zwischen Bewusstem und Unbewusstem ist bis heute nicht klar bestimmbar. Am Beispiel des Gedächtnisses kann man nur ahnen, dass nahezu alles unbewusst ist, und nur bei Vorliegen von Reizen, werden davon unter bestimmten Bedingungen einige Fragmente bewusst).

Es wird heute davon ausgegangen, dass die Menge des verfügbaren Wissens (hier vereinfacht angenommen als die Menge der möglichen Fakten) zumindest im homo sapiens ergänzt wird um eine zeitlich versetzte Sprachstruktur. Eine Sprachstruktur umfasst sowohl Ausdrücke (Expressions) [E] als auch einen Abbildungsmechanismus [Π], hier auch Bedeutungsfunktion genannt. Der Abbildungsmechanismus ordnet den verfügbaren Ausdrücken E einer Sprache L Wissenselemente F zu und umgekehrt. Dabei ist zu beachten, dass Ausdrücke einer Sprache ein Doppelleben führen: als Ereignis — gesprochen oder geschrieben — sind sie erst einmal Objekte der Wahrnehmung wie alle anderen Objekte auch. Als Objekte, die intern im Einflussbereich einer Bedeutungsfunktion verortet sind, stellt die Bedeutungsfunktion eine Beziehung zu anderen neuronalen Strukturen her; im Grenzfall kann sich ein sprachliches Objekt dadurch sogar auf ein anderes Sprachobjekt beziehen, z.B. Deine Äußerung ‚Da ist ein Tisch‘ trifft zu.

Der Aspekt der zeitlichen Versetzung von Sprache gegenüber allgemeinem Erkennen und Wissen (Kognition) wurde von der Entwicklungspsychologie im Laufe der Jahrzehnte herausgefunden, da das Erlernen von Sprache zeitlich verzögert zur übrigen Entwicklung von Wissen auftritt. Dies erklärt sich daraus, dass die sprachlichen Ausdrücke, die auf Wissen Bezug nehmen, erst dann wirken können, wenn es erste innere Wissensbestände gibt.

Wenn also zwei Personen alt genug sind, dass sie sowohl über Wissen als auch über hinreichend viele gelernte Ausdruckselemente zusammen mit einer Bedeutungsfunktion verfügen, dann kann es zu solchen Sprachereignissen kommen wie jenes, dass Person A äußert Da ist ein Tisch.

Natürlich haben die einschlägigen Disziplinen (wie Psychologie, Sprachpsychologie, Gedächtnispsychologie, Entwicklungspsychologie, Neurolinguistik, Neuropsychologie, usw.) ungeheuer viel mehr Details zu diesem Thema gefunden. Für das grundlegende Verständnis der neuen Software können diese vereinfachenden Annahmen aber vielleicht ausreichen.

SPRACHLICHE FAKTEN

Bevor zum nächsten Aspekt der Veränderung weiter gegangen wird, wird hier noch eine Zwischenreflexion zur besonderen Rolle von Fakten, die sprachliche Ausdrücke sind, eingefügt.

Wenn in Situation 2 Person A die Äußerung Da ist ein Tisch macht, dann hat diese Äußerung einen doppelten Charakter (wie oben schon mal festgestellt): (i) als Äußerung ist sie ein reales Ereignis in der Situation und ist damit ein normales Faktum, so wie der Tisch oder die beiden Personen A und B. (ii) Das Faktum der Äußerung ist aber zugleich auch ein Ausdruck einer Sprache L, die — laut Annahme — A und B beide kennen. D.h. sowohl A und B können aufgrund ihrer erworbenen (= gelernten) Bedeutungsfunktion dieser Sprache L das Faktum der Äußerung mit neuronalen Repräsentationen in ihrem jeweiligen Inneren, als Teil ihres individuellen Weltbildes UA* und UB*, verknüpfen, so dass das Faktum der Äußerung für sie eine Bedeutung bekommt, die sich in diesem Fall auf etwas in der aktuellen Situation bezieht, nämlich auf das Objekt, das beide als Tisch zu bezeichnen gelernt haben.

Ein sprachliches Objekt wie die Äußerung Da ist ein Tisch ist als ein reales Ereignis, ein Faktum, das als solches ’neu‘ ist und als Faktum die bisherige Situation 1 zur neuen Situation 2 ‚verändert‘ — zu Veränderung siehe den nachfolgenden Abschnitt –. Zugleich nimmt die Äußerung Da ist ein Tisch Bezug auf Teilaspekte der aktuellen Situation. Dadurch kann B — falls seine individuelle Welt UB* hinreichend weit mit der individuellen Welt von UA* übereinstimmt — diese Äußerung als eine Botschaft aus dem Innern von A auffassen, die anklingen lässt, was Person A aktuell beschäftigt, und dass Person A etwas wahrnimmt, was er B auch wahrnimmt. Dabei ist zu beachten, dass eine Person keinerlei Zwang hat, alles in Sprache zu fassen, was sie wahrnimmt oder denkt. Innerhalb von konkreten Situationen werden normalerweise nur jene Aspekte (Fakten) der Situation sprachlich thematisiert, die besonders hervorgehoben werden sollen, weil ja ansonsten angenommen wird, dass die konkrete Situation allen Beteiligten gleicherweise zugänglich ist.

Da gesprochene Äußerungen die Eigenschaft haben, nur für die Zeitdauer des Sprechens real in der gemeinsam geteilten realen Situation vorzukommen, und dann nur — vielleicht — als gespeicherte Erinnerung in den Personen, die die gesprochene Äußerung gehört haben, ist die zeitliche Erstreckung von Situation 2 sehr kurz. Sobald der Schall verklungen ist, gibt es wieder nur eine Situation 3, die äußerlich wie Situation 1 aussieht, die aber dennoch anders ist: diese Situation 3 ist eine Folgesituation von Situation 2. Neben diesem zeitlichen Aspekt können sich aber auch die inneren Zustände der beteiligten Personen verändert haben und ’normalerweise‘ haben sie sich verändert.

Situation 3: Nach der Äußerung des gesprochenen Ausdrucks ‚Da ist ein Tisch‘. Äußerlich ähnelt diese Situation 3 der Situation 1, aber sie ist zeitlich später und kann Änderungen in den inneren Zuständen der Beteiligten beinhalten.

Diese inneren Veränderungen können sich z.B. dadurch manifestieren, dass die Person B antworten könnte: Ja, Du hast Recht. Ein Konflikt könnte entstehen, wenn Person B stattdessen sagen würde: Nein, ich sehe keinen Tisch.

Dank der Erfindung von Schrift [7] könnte z.B. Person B sich auch schriftlich notieren, was Person A gesagt hat. Dann gäbe es eine schriftliche Aufzeichnung, die auch dann noch als reales Faktum existieren würde, wenn das Ereignis des Sprechens bzw. dann auch des Schreibens zeitlich vorbei ist. Würden wir die Abkürzungen Fwritten (geschriebenes Faktum) einführen für eine geschriebene Äußerung und Fspoken (gesprochenes Faktum) für eine gesprochene Äußerung, dann könnten wir notieren Fspoken(Da ist ein Tisch) und Fwritten(Da ist ein Tisch). Im gesprochenen Fall dauert das Ereignis nur kurz, im geschriebenen Fall dauert es so lange an, wie das Geschriebene erhalten bleibt.

Hier deutet sich eine weitere Besonderheit sprachlicher Fakten an: (i) gesprochene Fakten Fspoken dauern zwar kurz, aber der Sachverhalt, auf den sie sich aktuell beziehen, kann mit dem Moment des Sprechens korrespondieren. Ein typischer Fall, wo wir sagen könnten: Du hast Recht oder Das stimmt nicht. (ii) Geschriebene Fakten Fwritten können sehr lange andauern, aber das, worauf sie sich beziehen, kann sich zwischenzeitlich geändert haben. Obwohl man ‚zu Beginn‘ der schriftlichen Fixierung vielleicht sagen konnte Das stimmt, wird man irgendwann später vielleicht sagen müssen Das stimmt nicht, etwa wenn es um 12:00 regnet und um 12:15 nicht mehr.

VERÄNDERUNG

Für den weiteren Vorgang nehmen wir an,dass Person A zu Beginn unserer Betrachtungen tatsächlich eine erste schriftliche Fixierung zur Situation 1 vorgenommen hat, die als Faktum Teil der Situation ist und sich auch in einer entsprechenden Beschreibung der Situation manifestiert.

Situation 1*: Wie Situation 1, nur ergänzt um eine schriftliche Aufzeichnung.

Eine Grunderfahrung von uns Menschen ist, dass sich etwas ändern kann. Dies erscheint uns so selbstverständlich, so natürlich, dass wir darüber normalerweise gar nicht nachdenken. Mit den Worten von v.Uexküll im Ohr, kann man sich aber leicht vorstellen, dass es Organismen gibt, deren neuronalen Repräsentationen zwar aktuelle Reize zur Wirkung bringen können (ist das schon Bewusstsein?), die aber nicht in der Lage sind, aktuelle Reize so speichern zu können, dass sie diese bei Bedarf wieder aktivieren und mit anderen gespeicherten oder aktuell wahrgenommenen Reizenergien irgendwie vergleichen können. Für Organismen, die über keine Speicherung (Gedächtnis!) verfügen, gibt es keine Vergangenheit. Anders gesagt, der homo sapiens — wir — verfügt über ausgeklügelte Mechanismen der Speicherung von wahrgenommenen Reizen und zusätzlich über ausgeklügelten neuronalen Prozessen und Strukturen, um diese gespeicherten Reize anzuordnen, in Beziehung zu setzen, zu abstrahieren, zu bündeln und vieles mehr.

Die funktionellen Wirkungen dieser neuronalen Mechanismen werden in der Psychologie, speziell der Gedächtnispsychologie, untersucht und dargestellt. Als Begründer der modernen Gedächtnispsychologie gilt Hermann Ebbinghaus (1850 – 1909), der in jahrelangen Selbstversuchen grundlegende Erkenntnisse über das beobachtbare Funktionieren jener neuronalen Strukturen gewann [5], [5b], die in seinem Gefolge dann von zahllosen Forschern*innen immer weiter verfeinert wurden, und die heute zusätzlich durch neurolinguistische Untersuchungen ergänzt werden.

In diesem Zusammenhang ist die Tatsache wichtig, dass die neuronalen Strukturen des homo sapiens — also unsere — die Reizenergien aus den verschiedenen Sensoren in reizspezifischen Puffern (Buffer) zwischenspeichern, so dass die aktuelle Inhalte der Puffer für einen bestimmten Zeitraum — zwischen 50 bis vielen hundert Millisekunden — bestehen bleiben, um dann mit neuen Reizenergien überschrieben zu werden. Einige dieser Reizenergien aus einem Puffer werden vorher — weitgehend unbewusst — vom Gehirn auf unterschiedliche Weise mit dem bisher gespeicherten Material auf unterschiedliche Weise ‚verarbeitet‘. Eine sehr anschauliche Darstellung dieser Sachverhalte — wenngleich nicht mit den aller neuesten Daten — findet sich in dem Buch von Card, Moran und Newell (1983), die grundlegende Untersuchungen im Bereich Mensch-Maschine Interaktion angestellt und dabei u.a. diese Sachverhalte untersucht haben.[6]( Für neuere Modelle siehe auch [4])

Die entscheidende Erkenntnis aus diesem Komplex der Pufferung von Reizenergie mit partieller anschließender Speicherung besteht darin, dass unser Nervensystem die wahrnehmbare Wirklichkeit — unsere spezielle Umwelt B(U)=U* — letztlich in Zeitscheiben zerlegt, und aus diesen Zeitscheiben Grundeigenschaften (Qualitäten) extrahiert, die in unterschiedlichen Kombinationen dann unsere Fakten über die Umwelt bilden, einschließlich der Differenzierung in Gegenwart und Vergangenheit.

Betrachtet man das Bild von Situation 1 und das Bild von Situation 2, dann werden wir als Betrachter beider Bilder sofort spontan sagen, dass zwischen beiden Situationen eine Veränderung festgestellt werden kann: In Bild zwei gibt es das neue Symbol für eine Äußerung ‚Da ist ein Tisch‘. Die Person B im Bild wird — angenommen sie sei ein ‚normaler‚ Mensch — ebenfalls eine Veränderung wahrnehmen, da sie aktuell, gegenwärtig, jetzt etwas hört, was sie zuvor nicht gehört hat, d.h. in ihrem Gedächtnis der vorausgehenden Zeit (wie lange vorausgehend?) kann sie sich nicht an eine vergleichbare Äußerung ‚erinnern‘. Wäre die Person B schwerhörig oder gar taub, würde sich für Person B aber dennoch nichts ändern, da diesem Fall die persönliche Umwelt BB(U)=UB* von Person B grundsätzlich keine Schallereignisse enthält.

Nimmt man die Bilder von Situation 1 und 2 als Darstellungen der realen Situation S, wie sie von dem jeweiligen Organismus — hier A oder B — als S* wahrgenommen werden, also z.B. BB(S)=SB*, dann könnte die Menge der Ausdrücke der deutschen Sprache zu Situation 1, die eine Beschreibung der Situation 1 darstellen, vielleicht so aussehen (umgesetzt in Situation 1*):

Beschreibung zu S1*:

{Es gibt eine Person A., Es gibt eine Person B.}

Person A empfindet diese Beschreibung als unvollständig und ergänzt die Beschreibung durch die Äußerung: ‚Da ist ein Tisch‘.

Dies ist eine Veränderung in der Beschreibung (!), die aber mit der Situation 1* korrespondiert.

Situation 2*: Neben der schriftlichen Aufzeichnung gibt es jetzt auch eine gesprochene Äußerung.

Wir erhalten:

Beschreibung zu 2*:

{Fwritten(Es gibt eine Person A.), Fwritten(Es gibt eine Person B.) , Fspoken(Da ist ein Tisch.)}

Eine Veränderung drückt sich also dadurch aus, dass man den vorhandenen Ausdrücken einen neuen Ausdruck hinzufügt. Während im Bild Situation 2* die reale Situation sich nicht geändert hat, nur die Intention des Sprechers, mehr zu sagen als bislang, kann sich die Situation 2* ja auch real durch ein neues Ereignis zu Situation 3 ändern, was Sprecher B zu einer neuen Aussage veranlasst.

Situation 3: Ein neues Ereignis führt zur Veränderung der Situation 2*.

Damit ändert sich auch die Beschreibung der Situation 2* zu der Äusserungsmenge:

Beschreibung zu 3:

{Es gibt eine Person A., Es gibt eine Person B. , Unsere Katze ist da.}

Katzen haben die Angewohnheit, dass sie genauso plötzlich auch wieder verschwinden, wie sie gekommen sind.

Situation 4: Die Katze ist wieder weg

Während die Frage der Vollständigkeit einer Beschreibung zu einer realen wahrgenommenen Situation in das Belieben der beteiligten Personen gestellt ist — man kann, man muss aber nicht notwendigerweise etwas sagen –, soll für die Korrektheit einer Beschreibung gelten, dass nichts gesagt werden soll, was nicht auch in der Situation zutrifft. Wenn also die Katze plötzlich wieder verschwunden ist, dann sollte die Beschreibung der Situation S4 entsprechend angepasst werden. Dies bedeutet: Veränderungen können je nach Gegebenheiten entweder (i) durch Hinzufügung einer Aussage angezeigt werden oder (ii) durch Entfernen einer Aussage. Dies führt zu dem Ergebnis:

Beschreibung von S4:

{Es gibt eine Person A., Es gibt eine Person B. }

VERÄNDERUNGSREGELN

Wenn man eine Beschreibung einer aktuellen Situation S vorliegt, dann kann man eine gewünschte oder eine stattgefundenen Veränderung durch folgende Veränderungsregel beschreiben:

Bedingung —> +Eplus -Eminus

  • Die Bedingung beinhaltet eine Menge von Ausdrücken, die in S vorkommen müssen
  • Eplus umfasst Ausdrücke, die zu S hinzugefügt werden sollen
  • Eminus umfasst Ausdrücke, die von S entfernt werden sollen

Beispiele:

(1) {Es gibt eine Person A.} —> {Da ist ein Tisch}, {}

Wenn die Bedingung ‚Es gibt eine Person A.‘ in einer aktuellen Situation S zutrifft, dann soll für die Nachfolgesituation S‘ die Äußerung ‚Da ist ein Tisch‘ hinzugefügt werden. Zum Entfernen wird nichts gesagt.

(2) {Es gibt eine Person A., Es gibt eine Person B.} —> {Unsere Katze ist da.}{}

Wenn die Bedingung ‚Es gibt eine Person A. Es gibt eine Person B.‘ in einer aktuellen Situation S zutrifft, dann soll für die Nachfolgesituation S‘ die Äußerung ‚Unsere Katze ist da‘ hinzugefügt werden. Zum Entfernen wird nichts gesagt.

(3) {Unsere Katze ist da.} —> {}{Unsere Katze ist da.}

Wenn die Bedingung ‚Unsere Katze ist da.‘ in einer aktuellen Situation S zutrifft, dann soll für die Nachfolgesituation S‘ die Äußerung ‚Unsere Katze ist da.‘ entfernt werden. Zum Hinzufügen wird nichts gesagt.

FORTSETZUNG

Im zweiten Teil wird ein konkretes Beispiel mit der Software gezeigt.

QUELLENANGABEN

[1] Ludwig Wittgenstein (1989 – 1951),Entstanden in den Jahren 1936 bis 1946, veröffentlicht 1953, zwei Jahre nach dem Tod des Autors: Philosophische Untersuchungen. Kritisch-genetische Edition. Herausgegeben von Joachim Schulte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Frankfurt 2001

[2] Ludwig Wittgenstein (1989 – 1951), 1918 fertig, 1921 erste Veröffentlichung, 1992 offizielle kritische Ausgabe: Logisch-philosophische Abhandlung. (Tractatus Logico-Philosophicus), bei Kegan Paul, Trench, Trubner & Co. in London in der Reihe International Library of Psychology, Philosophy and Scientific Method

[3] Jakob Johann Baron von Uexküll (1864 – 1944) : https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Johann_von_Uexk%C3%BCll (zuletzt: 11.1.2021)

[3b] Jakob von Uexküll, 1909, Umwelt und Innenwelt der Tiere. Berlin: J. Springer. (Download: https://ia802708.us.archive.org/13/items/umweltundinnenwe00uexk/umweltundinnenwe00uexk.pdf )(Zuletzt: 26.Jan 2021)

[4] Gage, Nicole M. und Baars, Bernard J., 2018, Fundamentals of Cognitive Neuroscience: A Beginner’s Guide, 2.Aufl., Academic Press – Elsevier, London – Oxford – San Diego – Cambridge (MA), ISBN = {ISBN-10: 0128038136, ISBN-13: 978-0128038130}

[5] Hermann Ebbinghaus (1850 – 1909): Er gilt als Pionier der kognitiv-psychologischen Forschung. Ebbinghaus begründete die experimentelle Gedächtnisforschung mit seinen Arbeiten zur Lern- und Vergessenskurve und bereitete den Weg für die empirische Lehr-, Lern- und Bildungsforschung: https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Ebbinghaus (zuletzt: 27.Jan 2021)

[5b] Hermann ‚Ebbinghaus (1885), Über das Gedächtnis. Leipzig: https://www.deutschestextarchiv.de/book/show/ebbinghaus_gedaechtnis_1885

[6] Stuart K.Card, Thomas P.Moran, Allen Newell [1983], The Psychology of Human-Computer Interaction, Lawrence ERlbaum Associates, Inc.; Mahwah, New Jersey

[7] Zur Entstehung der Schrift, ein erster Ansatz: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schrift (zuletzt: 28.Jan 2021)

[8] Gerd Doeben-Henisch, (1.Febr.2021), REAL-VIRTUELL. Ein Einschub, https://www.cognitiveagent.org/2021/02/01/real-virtuell-ein-einschub/

DER AUTOR

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Gedanken und Realität. Das Nichts konstruieren. Leben Schmecken. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 22.-25.Januar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

Im vorausgehenden Beitrag Ingenieure und das Glück klingen Themen an, die viele (die meisten?) normalerweise so nicht miteinander verknüpfen würden. Aber, wenn man — wie der Autor — durch den Gang des Lebens — Gelegenheit hatte, sich mit diesen Themen über Jahre intensiv beschäftigen zu können, dann kann man auf diese Zusammenhänge stoßen. Wichtig ist das Wort Kann.

GEDANKEN UND REALITÄT

Wann immer wir uns wo befinden, wir tragen immer die Erfahrungen, das Wissen mit uns herum, das sich in unserem Gehirn bis zu diesem Zeitpunkt angesammelt hat, eingebettet in eine Wolke von Emotionen und Bedürfnissen, alles mehr oder weniger unbewusst. Tatsächlich bewusst werden uns diese Dinge immer nur dann, wenn irgendwelche Ereignisse von außen oder von innen unser Gehirn in einer Weise stimulieren, dass das Gehirn Verbindungen zu diesem unbewusst Vorhandenen aufbaut. Wie das Gehirn diese Verknüpfungen aufbaut, ist selbst weitgehend unbewusst, automatisch. Allerdings haben viele Experimente gezeigt, dass die aktuellen Umstände eine Rolle spielen, insbesondere Emotionen und Bedürfnsse. In Situationen, in denen wir negative Emotionen erfahren haben, verbindet unser Gehirn z.B. unsere Wahrnehmung von Aspekten der Situation automatisch auch mit diesen negativen Emotionen, obgleich die Emotionen sachlich gar nichts mit den wahrgenommenen Aspekten der Situation zu tun haben müssen. Das Gehirn reagiert hier automatisch, weil es so gebaut ist. In Zukunft werden die wahrgenommenen Aspekte dieser vergangenen Situation dann für uns immer verbunden sein mit diesen speziellen Emotionen.

Ein anderer Aspekt — in diesem Blog schon oft angesprochen — ist das Eigenleben unserer Gedanken im Gehirn, unabhängig von der Welt da draußen außerhalb des Gehirns. Was immer wir irgendwie empfinden, erleben, wahrnehmen, uns vorstellen, denken, …. all dies findet in unserem Gehirn statt; dieses Gehirn sitzt in unserem Körper und hat keinen direkten Kontakt mit der Welt außerhalb dieses Körpers, nur direkt mit dem Körper, der selbst auch außerhalb des Gehirns ist. Das Gehirn selbst ist eines der fantastischsten Systeme im gesamten bekannten Universum. Rein zahlenmäßig ist es mit seinen ca. 80 Milliarden (10^9) Zellen zwar nicht einmal halb so groß wie unsere Heimat-Galaxie die Milchstrasse Sterne hat, aber die Intensität der Verbindungen untereinander (eine Zelle bis zu 100.000 andere Zellen) und die Dynamik dieser Zellen übersteigt alles, was wir uns bislang vorstellen können.

Dennoch, unser fantastisches Gehirn mit seinen fantastischen Eigenschaften, wie es aus Gegenwart Vergangenheit produziert, aufgrund der produzierten Vergangenheiten Erwartungen für eine prinzipiell unbekannte Zukunft errechnet, und dann sogar mittels einer inneren Sprache die Vielfalt der Eigenchaften der wahrgenommenen Welt in nahezu beliebigen Konfigurationen zu bedeutungsvollen Gegenständen versammeln kann, zu bedeutungsvollen Verbindungen, zu bedeutungsvollen Mustern, dieses unser Gehirn verbleibt mit diesen seinen kreativ-schöpferischen Aktivitäten letztlich in sich selbst. In gewisser Weise kann man sagen, es redet mit sich selbst. Es schafft seine eigene Realität, die für uns die primäre Realität ist. Von außen betrachtet — ein Gedankenkonstrukt — muss man die primäre Realität des Gehirns im Vergleich zur umgebenden Realität des Körpers und dann der Welt jenseits des Körpers als virtuelle Realität bezeichnen.

Wer sich all dieser Dinge nicht bewusst ist — fragen Sie sich selbst, fragen Sie ihre Freunde und Bekannten, wie diese es sehen — für den ist diese wundersame Welt des eigenen Gehirns weniger eine Chance zu einer vertieften Welterkenntnis als vielmehr eine Gefahr zu einem Weltbild, das durch und durch schräg, ja falsch sein kann.

Wenn ein Ereignis im Körper vom Gehirn wahrgenommen wird (z.B. eine Schmerzempfinung, ein Hungergefühl, eine sexuelle Erregung, …), dann weiß das Gehirn in der Regel wenig bis gar nichts darüber, wo es herkommt, warum. Das Gehirn sucht aber automatisch für sich nach einem Zusammenhang, nach einer Erklärung. Es fängt automatisch an, zu konstruieren. So ist es gebaut.

Bei Ereignissen außerhalb des Körpers ist es nicht anders. Wenn Kleinkinder in ihren ersten Monaten — und dann Jahren — von Sinneseindrücken aller Art überschwemmt werden, dann ist das Gehirn voll damit beschäftigt, all diese neuen Ereignisse zu sortieren und zu verknüpfen. Im Gehirn entstehen die Grundlinien eines Modells, wie all dies zusammenhängen kann. Dies geschieht unbewusst! Die Welt, die wir sehen, die wir erleben, an der wir unsere künftigen Überlegungen ausrichten, diese Welt ist die Welt in unserem Gehirn, so wie sie das Gehirn sich zurecht gelegt hat, um sich in dem unaufhaltsamen Strom der Sinnesereignisse zurecht zu finden.

Gemeinsam Erkennntnisse über die Welt da draußen zu bekommen, die subjektiven Eindrücke untereinander durch Handlungen und Sprache abzugleichen, ist eine große Chance. Nur so können wir letztlich herausfinden, ob ein Bild, das wir in unserem Gehirn von der Welt haben, ähnlich ist, wie das, das ein anderer hat. Ohne die Rückbindung durch andere ist die Gefahr einer Innensicht, die mit der realen Welt jenseits des Gehirns nur schlecht bis garnicht verknüpft ist, sehr hoch. Wenn allerdings eine Gruppe von Menschen die gleichen falschen Bilder in sich mit sich herumtragen, dann nützt auch ein gemeinsames Reden nichts. Wenn z.B. das Wort Demokratie in den Gehirnen der Beteiligten jeweils ganz andere Eigenschaften wach ruft, dann nützt dieses Wort nicht viel: jeder stellt sich etwas anderes darunter vor und jeder leitet von diesen unterschiedlichen Bedeutungen ganz verschiedene Einschätzungen und Handlungen ab. Eine Einheit im Verstehen und Handeln ist dann nicht möglich…

Seitdem die Bilder im Umfeld der Präsidentschaftswahlen in den USA 2021 um die Welt gehen, die krasse Gegensätze in der Sicht der Ereignisse bei den unterschiedlich Beteiligten offenbaren, sollte jedem klar geworden sein, dass die Unterscheidung von der Realität in unseren Gehirnen und der Realität da draußen im Land real ist: die Parole von der gestohlenen Wahl wird von den einen als Bild übernommen, das sie für wahr halten, und die anderen halten die intendierte Bedeutung dieser Parole nicht für wahr. Die realen Umstände dieser Wahlen, soweit sie dokumentiert sind, sind für beide Gruppierungen die gleichen, sie werden jedoch aufgrund der herrschenden Bilder im Gehirn von beiden Gruppierungen unterschiedlich gedeutet. Bislang scheint es keine Mechanismus der Wahrheitsfeststellung zu geben, der von beiden Gruppierungen in gleicher Weise anerkannt wird. Solange dies so ist, so lange werden die beiden konkurrierenden Bilder existieren und die Weltwahrnehmung und das davon abhängende Handeln beeinflussen.

DAS NICHTS KONSTRUIEREN/ PLANEN

Wie im vorausgehenden Abschnitt festgestellt, kann das Gehirn aus den Wahrnehmungen der Gegenwart Fragmente der Vergangenheit produzieren, es kann aber die noch ausstehende Zukunft nicht direkt vorweg nehmen. Die Zukunft als solche existiert nicht direkt fassbar. Sofern wir in der Lage sind, die Fragmente der Vergangenheit so zu arrangieren und zu deuten, dass wir aus diesen Fragmenten Hinweise auf wahrscheinliche Ereignisse in der möglichen Zukunft ableiten können, haben wir Arbeitshypothesen zu einzelnen Aspekten, aber nicht mehr.

Angesichts dieser erkenntnistheoretischen Tatsache ist es erstaunlich, wie unbeschwert menschliche Gesellschaften mit einer unbekannten Zukunft umgehen, die sehr wohl gewohnte Lebensverhältnisse in Frage stellen, ihnen ihre Grundlage entziehen kann. Die heute allseits bekannten Themen wie Klimaveränderung, Artensterben, Umweltzerstörung, Ressourcenmangel, Bevölkerugngsentwicklung, Mangel an Trinkwasser, soziale Desintegration, Mobilitäts- und Transporteinschränkungen, Pandemien, Nationalismus und Rassismus, Destruktive Weltbilder, … sind alle von einer Wucht und Komplexität, dass schon eines alleine davon ausreichen kann, um menschliche Populationen mindestens schwer zu schädigen. Aber wir haben mehr als ein solches Schwergewicht-Thema. ..

Die Auseinandersetzung mit diesen Themen im Kontext von Zukunft fällt unter das allgemeine Oberthema Einen Problemraum klären, und, spezieller: Zukunft planen. Im Vorfeld geschieht dies durch allgemeine gesellschaftliche Klärungsprozesse (in Demokratien), die dann durch das politische System verdichtet werden, und es sind dann die Ingenieure, die in engem Verbund mit den Wissenschaften konkrete Lösungsansätze erarbeiten und umsetzen.

Im klassischen Poblemraum — der auch bei den heutigen schwachen Formen von Künstlicher Intelligenz [KI] bzw. Maschinellem Lernen [ML] zugrunde liegt — , sind die Rahmenbedingungen klar: Ausgangspunkt, Ziel (liefert die Bewertungskriterien), mögliche Maßnahmen. In einem modernen, empirischen Problemraum sind die Rahmenbedingungen hingegen weitgehend offen. Es gibt keine klare Kriterien, weil es keine klaren Ziele gibt! Ein mögliches Ziel könnte es z.B. sein, zu sagen, es geht um den Erhalt des biologischen Lebens auf dem Planet Erde. Abgesehen davon, dass nicht zu sehen ist, dass die verschiedenen Nationalstaaten sich auf solch ein Ziel ernsthaft einlassen, wäre solch ein Ziel maximal komplex und unterbestimmt, weil wir die zugehörigen Teilprozesse und Wechselwirkungen bislang weder genügend kennen noch aktuell in der Lage sind, diese alle auf eine unbekannte Zukunft hin hoch zu rechnen.

Nahezu unbeeindruckt von diesen Überlegungen wird in allen Ländern dieser Erde auf jeden Fall täglich gehandelt, ansatzweise geplant, und die realen alltäglichen Probleme nehmen überall zu. Das Versagen von Planung in einem sogenannten hochindustriealisierten Land wie Deutschland ist massiv und niederschmetternd, auf nahezu allen Ebenen. Nahezu alle Parameter sind negativ. Andere Länder sind noch viel schlechter. Ob es auch Länder gibt, die aktuell wirklich besser sind, ist schwer zu beantworten. In manchen Teilbereichen sieht es zumindest so aus.

Die Zukunft zu planen, das reale Nichts, bildet eigentlich die größte Herausforderung an das biologische Leben auf dem Planet Erde, irgendwo in er Milchstrasse, irgendwo in diesem Universum, aber bislang ist professionalle Zukunftsforschung, sind die konkreten Planungsmethoden und -Instrumente für eine ernsthafte Meisterung einer unbestimmten, wenngleich maximal komplexen Zukunft alle sehr speziell, partikulär, extrem gruppen-egoistisch, kryptisch, unkoordiniert. Ein hochkomplexes Land wie Deutschland macht den Eindruck, dass es ziemlich kopflos einfach nur von einem Tag in den anderen, in das Morgen, hinein stolpert. Das Verhalten der Bundesregierung mit samt den Länderregerungen am Beispiel der Corona-Epidemie erscheint grandios amateurhaft und kann nur erschrecken.[1]

LEBEN SCHMECKEN

Eigentlich kann der Text hier enden. Das, was man klar sagen kann, das wurde hier gesagt. Es gibt aber andere Texte von Ingenieuren (!), die im Laufe der letzten Jahre immer mehr gelernt haben, dass einer der Hauptfaktoren für die Unplanbarkeit eines Systems in der Zeit der Faktor Mensch ist. Diese Aussagen haben ein besonderes Gewicht — verglichen mit unzähligen Aussagen von Menschen in ‚weichen‘ Disziplinen — , weil Ingenieure schon immer gezwungen sind, ihre Projekte buchstäblich bis ins letze Detail durchzurechnen und durchzutesten, da sie im Fall des Misslingens direkt haftbar gemacht werden. Und in Grenzbereichen wie sogenannten Echtzeit Systemen (auch Realzeit Systeme genannt) oder Sicherheitskritischen Systemen, muss die Analyse der zu bauenden Systeme tatsächlich bis zur letzten Schraube, bis hin zum verwendeten Material, vollständig berechnet und durchgetestet werden (hier geht es z.B. um Betriebssysteme für Computer, spezielle Computer, Flugzeuge, Raketen, Atomreaktoren, Wolkenkratzern, medizinisches Gerät, …). Und, ja, natürlich geht es auch um den Human Factor, um den Menschen, der mit diesen Systemen arbeitet (Fahrer, Piloten, Kontrollpersonal, Ärzte, …). Und allen Beteiligten ist heute klar: der Mensch unterscheidet sich von technischen Systemen grundlegend!

Aus Sicht der Ingenieure geht es um das Verhalten von Menschen, eine Blickrichtung, die die Ingenieure mit der allgemeinen experimentellen Psychologie teilen. Für das beobachtbare Verhalten von Menschen gibt es viele Beschreibungskategorien, z.B. ob das Verhalten auf eine Lernfähigkeit hindeutet, auf Intelligenz, auf Freiheitsgrade, auf Motivationen, auf Gedächtnisleistungen, auf Wahrnehmungsstrukturen, und sehr vieles mehr. Naturgemäß sind solche verhaltensbasierten Modellierungen nicht ganz scharf. Für die alltägliche Praxis können sie dennoch eine wertvolle Heuristik sein, um das Verhalten von Menchen einzuschätzen.

Will man noch mehr verstehen, dann kann man die Biologie einbeziehen. Die liefert Erkenntnisse über die Feinstruktur von Körpern, von Organen, von Funktionskreisläufen, ja , sie liefert sogar Erkenntnisse über die Entwicklungsgeschichte der heutigen Körper: welche früheren Körperformen gab es; wie unterschieden sich die dazu gehörigen Funktionen von den heutigen Körpern. Speziell interessant sind auch die Wechselwirkungen von Organismen einer Lebensform und ihrer Population(en) mit der jeweiligen Umgebung. Wie wir heute wissen, können Populationen ihre jeweilige Umgebung so beeinflussen, dass diese im Laufe der Zeit zu den Populationen immer besser passen, so dass diese Populationen sich über viele Millionen Jahre nicht ändern müssen, obgleich ihre Struktur denkbar primitiv ist (berühmtes Beispiel sind die europäischen Regenwürmer).

Man kann diese Betrachtungsweise um immer mehr Betrachtungsweisen ergänzen, z.B. um die Mikrobiologie, um die Chemie, und man wird immer elementarere Prozesse feststellen von den Zellen zu den Molekülen, zu den Atomen bis hin zu den Quanten: Sie alle spielen beim Phänomen des Lebens auf dem Planeten Erde eine Rolle. Abrunden kann man das Ganze noch durch die Astrobiologie. Sie liefert Erkenntniss über astrophysikalische Rahmenbedingungen, unter denen das Leben auf dem Planeten Erde stattfindet.

Verweilt man nun nicht in den Einzelperspektiven, sondern versucht alle diese Einzelbilder als Teil eines Gesamtbildes zu sehen, dann kann man den verhaltensnahen Begriffen wie Lernfähig, Intelligent, Motiviert, Freiheitsgrade eine systemische Interpretation zuordnen, die diese Makrophänomene mit einer alle Systemebenen durchziehende Eigenschaft in Verbindung bringt: primär gründend in der Welt der Quanten kommt allen Systemebenen die Qualität einer grundlegenden Freiheit zu: die zeitlich nachfolgenden Systemzustände sind grundsätzlich nicht determiniert. Je komplexer die Systemebenen werden, um so konkreter und vielfältiger werden die Faktoren, die den Übergang vom Jetzt zum Nachher beeinflussen können. Aber die quantenmechanisch fundierte Nicht-Determiniertheit wird auf keiner Systemebene aufgehoben, sondern immer nur mehr und anders moduliert. Ein besonders wunderbares Exemplar einer hochkomplexen Freiheit bildet die Lebensform des homo sapiens. Die ca. 140 Billionen (10^12) Zellen eines einzelnen menschlichen Körpers mitsamt den lebenswichtigen Bakterien entsprechen den Sternen von ca. 120 Galaxien im Format unserer Milchstrasse. Jede dieser Zellen ist ein autonomes Wesen, das in Kommunikation mit vielen Tausenden bzw. Millionen anderer Zellen die unfassbaren vielen Funktionen aufrecht erhalten, die den menschlichen Körper auszeichnen, im Millisekunden Takt. Wir brauchen garnicht erst versuchen, diese Komplexität zu verstehen. Unser Gehirn ist dafür nicht geschaffen. Verglichen mit einem einzelnen menschlichen Körper sind 120 Galaxien verglichen damit langweilig…

Versucht ein Mensch im Lichte des Bewusstseins zu planen, dann verfügt er ohne externen Hilfsmittel nur über einen Bruchteil seines weitgehend unbewussten Wissens. Jeder Versuch einer Rationalisierung seines Daseins oder seinens Planens ist vom Ansatz her zum Scheitern verurteilt. Dies bedeutet nicht, dass man sein Denken, seine Rationalität nicht benutzen soll; man sollte sie unbedingt benutzen. Man sollte sich aber bewusst sein — und sich immer wieder ins Bewusstsein rufen –, dass die Rationalisierungsfragmente, deren wir fähig sind, kein wirkliches Gesamtbild liefern können. Bezieht man die kulturellen Techniken der letzten ca. 5000 Jahre mit ein (Schrift, Bücher, Bibliotheken, Computer, Netzwerke, Forschungsgemeinschaften, …), dann kann man das Ausmaß der Rationalisierung im Vergleich zu einem einzelnen Gehirn deutlich verbessern, man verbleibt dennoch in einer kleinen Blase von Wissen, die sowohl den Menschen selbst wie das Gesamte nur sehr unzulänglich annähern kann. Für den Fall, dass alle Menschen sich in ihrem Wissen irgendwann doch vereinen würden, ist das Ausmaß der möglichen Verbesserung schwer zu bestimmen.

Rationale Formen des Wissens bilden nur einen Teilaspekt in der Existenzerfahrung des Menschen. Dies ergibt sich schon alleine daraus, dass das bewusste begriffliche, sprachliche Wissen im Bewusstsein selbst nur ein Teilmoment darstellt. Wir als Menschen erleben uns selbst u.a. mit explizitem Wissen und daneben mit vielen anderen Empfindungen, Gefühlen, Emotionen, die genauso real sind wie das explizite Wissen. Was aber ist dieses Andere in uns, an uns? Auf jeden Fall hat es mit unserer realen Existenz zu tun, mit uns als Teilhaber an einem umfassenden Lebensprozess auf dem Planet Erde, mit uns, die wir uns vorfinden als das größte Wunder, welches das bekannte Universum zu bieten hat, nicht alleine, schon immer zusammen mit. Ich nenne dieses schwer Sagbare, und doch Reale, unser Rationalität bei weitem Übersteigende, ein echtes Mehr, Das Leben Schmecken.

QUELLENNACHWEISE

[1] Ein Beispiel im kleineren Maßstab, wie gute Planung in der Corona Krise gehen kann, ist die Stadt Rostock: https://www.n-tv.de/politik/Warum-Rostocks-Covid-Strategie-erfolgreich-ist-article22304925.html (Zuletzt: 25.Januar 2021)

DER AUTOR

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

INGENIEURE UND DAS GLÜCK? Online-Vortrag vom 12.1.2021

— Dieser Text ist keine 1-zu-1 Wiedergabe des Live-Vortrages. Er wird noch weiter ergänzt werden, da das Thema für den Autor auch unabhängig von dem Vortrag wichtig ist —

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 12.-18.Januar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

Dieser Text ist die schriftliche Fassung eines Vortrags, den ich am 12.Januar 2021 17:00 – 19:30h im Rahmen einer Vortragsreihe von Studierenden der Universität Leipzig gehalten habe. Ich persönlich halte es für wichtig, Initiativen von Studierenden zu unterstützen. Der volle Titel des Vortrags lautet:

INGENIEURE UND DAS GLÜCK

Wie können Ingenieure im Rahmen der Disziplin
Mensch-Maschine-Interaktion dazu beitragen, die Möglichkeiten der
Technik für ein gutes, glückliches Leben der Menschen zu nutzen?

(Der Video-Mitschnitt dieses Vortrags findet sich HIER. Achtung: mehr als 2 Stunden! In der Musik würde man von einem ‚unplugged‘ Vortrag sprechen :-))

POSITION DES AUTORS

Jeder Zuhörer — und dann auch vielleicht Leser — dieses Vortrags mag sich spontan fragen, was den Autor dazu antreibt, über ein Thema wie Ingenieure und das Glück zu sprechen? Zumal der Autor — wie aus den beiden Blogs cognitiveagent.org [DE] und uffmm.org [DE] ersichtlich — nicht dem klassischen Bild des Ingenieurs entspricht. [1] Er begann als Theologe und klassisches Philosoph, migrierte zur Wissenschaftsphilosophie und promovierte mit einem Thema zur Beweistheorie (Teil der formalen Logik). Er war dann jahrelang wissenschaftlich tätig im Bereich Kognitionswissenschaft und ist seit 2002 Professor für Informatik. Neben unterschiedlichen Disziplinen waren seine Hauptgebiete Mensch-Maschine Interaktion [HMI], Künstliche Intelligenz [KI] und Simulation. Nach seiner Emeritierung arbeitet er — neben einzelnen Lehrveranstaltungen — noch weiter an wissenschaftsphilosophischen Themen und an einer Theorie des Integrierten Engineering mit den Teilaspekten Human-Maschine Intelligence [HMInt] als Teilaspekt des Themas Human-Machine Interaction [HMI]. Hier entwickelt er auch seit September 2020 (zusammen mit Tobias Schmitt) eine neue Software, die die Umsetzung dieser Theorien im Alltag unterstützen soll.

Die meisten Zuhörer — oder Leser — dieses Beitrags werden sich vermutlich fragen, was hat ausgerechnet ein Ingenieur mit dem Thema Glück zu tun? Einen Ingenieur assoziiert man eher mit dem Thema Technik und Technik gilt für viele nicht als besonders ‚Glück affin‘.

Es ist das Ziel dieses Beitrags, sichtbar zu machen, dass Ingenieure sehr wohl etwas mit dem Thema Glück zu tun haben, vielleicht sogar viel mehr als die meisten, die für sich in Anspruch nehmen, Experten*innen für das Thema Glück zu sein.

DAS WORT GLÜCK

Das Wort Glück ist vermutlich das viel-schillerndste Wort, was wir in der deutschen Sprache haben.[2] Und ein kurzer Blick in den Alltag und die Geschichte zeigt, dass man im Zusammenhang mit dem Begriff Glück nicht gerade alles finden kann, was es gibt, aber doch so Vieles und Unterschiedliches, dass man vorsichtig sein sollte, zu schnell mit einer einfachen Definition zur Hand zu sein.

…IN DER GESCHICHTE

Das Thema Glück gibt es — traut man den vielfältigen Zeugnissen — solange es Menschen gibt, die davon auf irgend eine Weise Zeugnis abgelegt haben. Wir können die großen Mythen durchwandern, Kunst allgemein, Theater und Literatur speziell, kulturelle Großereignisse, die europäische und indische Philosophie, Spiritualität und Mystik …. heute auch moderne Erzählformen wie Comics, Filme, Computerspiele, die von hunderten von Millionen Menschen konsumiert werden. Die Vielzahl an Ansichten, Sichten, Formen, Szenarien ist überwältigend. Wenn wir spielerisch die Ansicht des Aristoteles in seiner Schrift Hermeneia folgen [15], dann sind die vielfältigen Zeugnisse Ausdruck der Seele des Menschen, das, was sie innerlich betrifft, beschäftigt. Und wir tun wahrscheinlich gut daran, zuzuhören, zuzusehen, wie sich die Seele des Menschen, sein Inneres in diesem anschwellenden Strom der Zeiten ausdrückt.

… IM ALLTAG

Im eigenen Alltag wirkt alles oft viel banaler; die Aura des besonderen Ausdrucks, die künstlerisch veranlagten Menschen eigen ist, ist im Alltag eher stumm; und doch sind es immer noch wir Menschen, die da handeln und erleben.

Körperliche Bedürfnisse die beunruhigen und quälen können, kennt wohl jeder, auch das angenehme Gefühl, wenn man bei Durst, Hunger, Schlaflosigkeit usw. entsprechende Entspannung beim Trinken, Essen oder im Schlafen finden kann.

Es gibt aber auch Gefühle wie Angst, Wut, Enttäuschung, Hoffnung, denen unterschiedliche Ereignisse korrespondieren können: Angst kann man vor Tieren, Menschen, Situationen oder einfach Gegenständen haben. Wut kann sich gegen einen selbst richten, gegen andere, gegen die Verhältnisse schlechthin, … Enttäuschungen können Kinder empfinden, Erwachsene, Ältere bei nahezu unendlich vielen Dingen. Enttäuschungen gehen meist Hoffnungen, Erwartungen voraus. usw.

Ein Sammler von Uhren freut sich über eine seltene Uhr, ein Briefmarkensammler nicht. Ein Fußballfan lebt mit seiner Mannschaft, der Fan eines Sängers, einer Sängerin nicht. Er/Sie leidet mit den Ereignissen um das Idol.

Die Anhänger einer bestimmten politischen Richtung können furchtbar enttäuscht werden, wenn bei einer Wahl die andere politische Richtung gewinnt; es kann zu Aggressionen und Ausschreitungen kommen. Der Anhänger einer bestimmten religiösen Glaubensrichtung kann für seinen Glauben leiden, dienen, aber auch Glücksmomente erleben, selbst bei Verfolgung und Tod; Berichte von Märtyrern gibt es genug.

Es gibt Menschen, die leiden grundsätzlich an ihrer Situation (klischeehaft: die Pessimisten), andere (klischeehaft: die Optimisten) sehen überall Chancen und partielles Glück. Als junger Theologiestudent konnte ich im Rahmen eines Praktikums mal 6 Monate lang kranke Menschen über 65 in einem bestimmten Stadtteil in einer großen Deutschen Stadt besuchen. Eine Erfahrung hat mich damals sehr beeindruckt: es gab Menschen, die nicht unbedingt sehr krank waren, diese Menschen hatten aber eine dermaßen nieder ziehende Wirkung auf meine Gefühle, dass ich danach stundenlang ziemlich fertig war. Dann gab es andere Menschen, die tatsächlich schwer krank waren, bisweilen todkrank, die hatten aber eine Ausstrahlung, dass ich mich anschließend fast glücklich fühlte. Vielleicht haben Sie dies in ihrem Leben auch schon Ähnliches erlebt. Wir Menschen können für andere Quelle von guten Gefühlen sein, von Glücksgefühlen, oder auch das Gegenteil.

Dann gibt es dort die alten Bilder von Menschen die Macht und Reichtum anhäufen und zugleich alles andere als glücklich erscheinen, und jene, die fast nichts zu haben scheinen, und doch glücklich zu sein scheinen. Gewiss, dies ist eine gefährliche Metapher dann, wenn sie dazu benutzt wird, die Existenz von Armut zu rechtfertigen, aber hier, in diesem Kontext geht es zunächst einmal darum festzuhalten, dass das Vorhandensein von äußeren Gegebenheiten nicht notwendigerweise Glück garantieren muss.

Die einen lieben das Meer, andere die Berge. Die einen suchen das Land jenseits der Städte, andere wollen unbedingt in die Stadt. Die einen … die anderen …

In all diesen Alltagsfragmenten deutet sich an, dass wir in der Regel mindestens zwei Komponenten haben: (i) auf der einen Seite innere Gefühlszustände eines Menschen und (ii) sehr oft, vielleicht meistens auch, äußere Gegebenheiten, die irgendwie als zusammenhängend mit den inneren Zuständen gesehen werden.

Gibt es in dieser Alltags-Weltlichen Vielfalt irgendwelche Koordinaten, einer allgemeineren Struktur? Was können hier die Ingenieure leisten?

INGENIEURE

Mein Heimatfachbereich an der Frankfurt University of Applied Sciences [FUAS] [4] war der Fachbereich 2 für Informatik und Ingenieurwissenschaften.[5] Obgleich sich hier schon viele Themen aus dem Bereich Informatik und Ingenieurswissenschaften finden [6] ist dies nur ein winziger Ausschnitt aus dem schier unfassbaren großem Spektrum an Themen, die Ingenieure heute bearbeiten. Und wenn wir jetzt gemeinsam anfangen würden, unsere alltägliche Lebenswelt durchzumustern, dann würden wir feststellen, dass es fast nichts gibt, wo nicht irgendwelche Ingenieure ihre Hand mit ihm Spiel haben. Dabei sind viele Produkte oder Verfahren gar nicht mal direkt sichtbar, da sie sich hinter alltäglich gewohnten Oberflächen verbergen.

Wenn uns auch hier, im Fall der Ingenieure, eine solche Vielfalt wie beim Phänomen Glück begegnet, kommen wir hier dann nicht buchstäblich ‚vom Regen in die Traufe‘, wie ein altes Sprichwort sagt: tauschen wir also das Universum der alltäglich möglichen Glücksphänomene auf Seiten der Ingenieure nur ein mit einem neuen Universum von möglichen Produkten, Verfahren und Dienstleistungen ohne eine klare erkennbare Struktur zu finden, die irgendwelchen Halt für Erkenntnisse geben könnte?

Offen ist auch noch die Frage, wie wir Ingenieure abgrenzen können oder gare müssen gegenüber Wissenschaftlern, gegenüber Philosophen oder gar gegenüber Künstlern? Kann man sie überhaupt abgrenzen?

DER FAKTOR MENSCH: HCI, HMI

Ein erster Anhaltspunkt für den weiteren Gedankengang bietet der Untertitel meines Vortrags der da lautet: Wie können Ingenieure im Rahmen der Disziplin Mensch-Maschine-Interaktion dazu beitragen, die Möglichkeiten der Technik für ein gutes, glückliches Leben der Menschen zu nutzen?

Alle Ingenieurtätigkeiten fallen unter ein großes Thema: Wie komme ich von einem gestellten Problem zu dessen Lösung? Das zentrale Werkzeug jeder Ingenieurlösung ist zuallererst der Ingenieur selbst! Sein Wissen, seine Erfahrungen, seine Emotionen, seine Sprachfähigkeit usw. bilden das Medium, das seine Kommunikation mit anderen ermöglicht, gemeinsame Analysen, Planungen und Implementierungen. Ohne Ingenieure passiert gar nichts. Richtig ist natürlich auch, dass der beste Ingenieur nichts nützt, wenn es keine passende Umgebung gibt. Der Biologe und Philosoph von Uexküll hatte 1909 das Konzept der komplementären Umgebung zu einem biologischen System eingeführt [7][7b], und dies gilt für alle biologischen System, auch für den homo sapiens, auch für solche Menschen, die über spezielle Fähigkeiten verfügen wie z.B. für einen Ingenieur. Ein erfahrener Ingenieur kann in der richtigen Umgebung in 20 – 30 Jahren so viel Erfahrungen, so viel Wissen, so viele Fähigkeiten erwerben, dass er — falls er in einer geeigneten Umgebung lebt –, damit großartige Dinge erschaffen kann, noch mehr in Zusammenarbeit mit anderen, wenn diese Zusammenarbeit funktioniert.

Es verwundert jetzt vielleicht nicht, wenn ich sage, dass die Ingenieure seit ca. 80 Jahren begonnen haben, die Gesamtheit ihres Wissens zum Problemlösen zu systematisieren. Die Überschrift über diese Aktivitäten lautet Systems Engineering.[8], [8b], [10] Ein stark vereinfachtes Schema des Systems Engineering Prozesses zeigt das folgende Schaubild.

Bild zum stark vereinfachten Schema des Systems Engineering Prozesses [SEP]. Das Akronym ‚AAI‘ steht hier für Actor-Actor Interaction, eine andere verallgemeinernde Bezeichnung für HCI/ HMI. Das klassische Schema hier Mench, hier Maschine wird hier zu Akteur-Akteur verallgemeinert, da Maschinen hier als (lernfähige) Input-Outputsysteme gesehen werden, die im Kontext von Mensch-Maschine genauso Akteure sind wie Menschen. Mit dieser neuen Begrifflichkeit kann man das HCI/ HMI Paradigma auf der theoretischen Ebene verallgemeinern.

Während das Bild den Eindruck erweckt, dass der Weg vom Problem zur Lösung linear verläuft, sind aber alle Prozesse stark repetitiv, zyklisch, iterativ. Dies liegt daran, dass komplexe Problemstellungen sich nicht sofort auf einen Schlag analysieren und synthetisieren lassen. In der Regel erfolgt eine approximierende Analyse vom Einfachen zum Komplexen.

Während das Thema Handhabung von Werkzeugen/ Maschinen/ Verfahren schon immer ein Thema war verbunden mit entsprechenden Schulungen, führte die Einführung des Computers ab ca. 1945 dazu, sich verstärkt Gedanken über den benutzenden Menschen zu machen. Und je mehr der Computer als Gerät in den vielfältigen Alltag mit seinen bisweilen komplexen Verhaltensabläufen vordrang, um so mehr wurde plötzlich der Mensch als Benutzer/ Anwender (‚user‘) zu einem eigenständigen Thema. Die Disziplin Human-Computer Interaction [HCI] oder auch Human-Machine Interaction [HMI] war geboren.[9], [9b], [9c]

Während die Disziplin HMI/ HCI nicht notwendigerweise als Teil des Systems Engineerings behandelt werden muss, spricht vieles dafür, es so zu handhaben. Ich selbst habe dies Strategie von ca. 2005 bis 2018 verfolgt.[10]

Das folgende Schaubild lässt ein wenig erkennen, was es heißt, dass der Mensch immer mehr in den Fokus der planenden Ingenieure gerät:

Vereinfachtes Schema zur Interaktion von Menschen (handelnder Akteur, executive actor) und technischen Systemen (unterstützender Akteur/ assisting actor). In diesem Schaubild steht ‚HS Society‘ für eine Gesellschaft, die durch die Lebensform homo sapiens [HS] gebildet wird. Eine Problemstellung umfasst einen aktuelle Ausgangslage und eine Vision, wo es hingehen soll. Die Vision des zukünftigen Zustands wird in Form einer Geschichte, einer Actor Story, dargelegt. Letztlich beschreibt die Actor Story das Verhalten aller beteiligten Akteure mit Bezug auf ihre Schnittstelle zum Prozess: Der Anwender (executing actor) erlebt ja nicht das System direkt, sondern nur die Oberfläche/ Schnittstelle/ das Interface (system interface [SI]), über die/das der Anwender mit dem System (assisting actor) durch Interaktionen kommuniziert. Umgekehrt beschreibt die Actor Story auch nicht den ausführenden Akteur/ den Anwender direkt als System sondern auch hier nur seine Oberfläche/ sein Interface (user interface [UI]) , mit der er mit anderen Akteuren interagiert/ kommuniziert. Die hier angesprochene Actor Story ist zu unterscheiden von jenem Prozess, den die Experten selbst durchlaufen, um die Actor Story konstruieren zu können. Dieser andere Prozess wird weiter unten beschrieben.

USABILITY – BENUTZBARKEIT – IMPLIZITE WERTE

Was immer Ingenieure entwickeln, sie müssen es soweit testen/ evaluieren/ bewerten, dass aus diesem Bewerten hervorgeht, ob das Ziel der Problemstellung erreicht wurde oder nicht. Dabei bezieht sich der Ingenieur auf zwei unterschiedliche Kriterienkataloge: (i) jene, die sich aus der Actor Story als konkrete Anforderungen ergeben, und (ii) jene, die sich aus gesellschaftlichen Vorgaben ergeben. Um die Anforderungen zu testen, die sich aus der Actor Story ergeben, müssen diese symbolischen Beschreibungen der intendierten Akteure und ihrer Handlungen in der realen Welt mittels realer Mock-ups und realer Testpersonen quasi nachgestellt werden. Im Rahmen eines Benutzbarkeitstests (usability test) versuchen Testpersonen unter Aufsicht eines Versuchsleiters (facilitator) und unter den Augen von zusätzlichen Beobachtern (observer) Aufgaben aus der Actor Story auszuführen. Abweichungen von der Actor Story gelten als Fehler.

Struktur von Benutzbarkeits-Tests und implizite Normen. Wenn man unterstellt, dass die impliziten Normen mit Dingen/ Dienstleistungen zu tun haben, die Menschen für sich als positiv bewerten, dann können diese positiv bewerteten Normen mindestens in die Richtung von möglichem Glück deuten.

In den meisten Fällen wird heute immer nur ein Test gemacht und berichtet. Der Mensch ist aber grundlegend lernfähig. Stößt ein Mensch auf ein Problem, macht er einen Fehler, dann wird er diesen Fehler beim nächsten Mal normalerweise nicht mehr machen oder zumindest nach wenigen Wiederholungen nicht mehr. Und da anspruchsvolle, komplexe Systeme viele Aspekte umfassen, können diese normalerweise nicht durch einen einzigen Durchlauf gelernt werden; es bedarf vieler Lerndurchläufe. Bei einem Usability-Test geht es also nicht darum, ob eine bestimmte Person ein bestimmtes System einmal testet, sondern die interessante Frage ist die Folgende: (i) Lässt sich die Benutzung eines Systems überhaupt lernen und wie schnell? (ii) Wie lernfähig ist eine bestimmte Person? Das beste System nützt nichts, wenn der Anwender eine zu geringe Lernfähigkeit aufweist, und umgekehrt, die beste Lernfähigkeit auf Seiten des Anwenders nützt nichts, wenn das System einfach zu unübersichtlich, zu komplex ist, bis man es erlernen kann. Für diesen dynamischen Charakter des Actor-Actor Interaction (Mensch-Maschine, HCI/HMI) Paradigmas gibt es bislang so gut wie keine Standards (außer dem, was Psychologen standardmäßig in ihren Lern-Experimenten machen)

Die implizite Logik von Benutzbarkeits-Tests. TAS := Text-Version einer Actor Story, MAS := Mathematische Version, PAS := Pictorial = Bildhafte Version.

BENUTZBARKEIT UND GESELLSCHAFT

Wie schon zuvor angedeutet, muss der Ingenieur im Rahmen der Disziplin HCI/ HMI nicht nur die Anforderungen der Actor Story für eine Bewertung berücksichtigen, sondern zugleich — eher sogar zuerst (!)– gesellschaftliche Anforderungen, die z.B. in Form von rechtliche bindenden Verordnungen vorliegen können oder z.B. als ethische Anforderungen seines Berufsverbands.[21], [22], [23] Damit deutet sich an, dass es bei der Zielsetzung einer technischen Entwicklung nicht darum gehen kann, diese Aufgabe isoliert von der umgebenden gesellschaftlichen Situation zu sehen. In den letzten Jahren erweitert sich daher die Perspektive von HCI/ HMI zu dem erweiterten Kontext der umgebenden Gesellschaft.[11] , [11b] Für eine Arbeitsgruppe hatte ich mal folgende Skizze angefertigt:

Skizze zur Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Technik ‚by design‘ innerhalb des Rückkopplungssystems Technik – Gesellschaft/ Natur und produzierenden Firmen.

In der Mitte der Skizze sieht man den Systems-Engineering Prozesspfeil. Sein Input kommt aus den Anforderungen (‚Requirements‘) der eigenen Firma aber auch von den Anforderungen der umgebenden Gesellschaft, speziell auch durch verabschiedete Gesetze. Die Ingenieure müssen versuchen, aus der Summe dieser Anforderungen (‚by design‘) technische Lösungen zu generieren, deren Wirkungen auf die Märkte wie auch auf die umgebende Natur und Gesellschaft möglichst nachhaltig sein sollten und möglichst wenig Schäden hervorrufen sollten. Ein offenes Problem ist es, welche Mechanismen in einer Gesellschaft existieren, welche möglichen negativen Auswirkungen festgestellt werden können und wie solche Feststellungen dann in eine entsprechende gesellschaftliche Willensbildung so umgeformt werden können, dass die durch Ingenieure verantworteten Entwicklungsprozesse möglichst nachhaltige Produkte erzeugen können.

DIGITALE SKLAVEREI vs. DIGITALES EMPOWERMENT

Struktur der digitalen Sklaverei entsprechend der Definition der UN — die u.a. von Deutschland unterschrieben wurde [24], [24b],[25] — am Beispiel globaler Internetplattformen, die man im Rahmen des Alltags eigentlich nutzen muss, aber die man nur nutzen darf, wenn man persönliche Rechte abtritt.
Überwindung der digitalen Sklaverei durch digitales Empowerment, indem die persönlichen Daten auf digitalen Plattformen nur so behandelt werden, wie es der Anwender möchte (Idee: die Plattform gehört den Bürgern)

KOMMUNALE PLANUNG UND BÜRGER?

Mit der Ausdehnung des gesellschaftlichen Einflussbereichs auf potentielle Entwicklungsprozesse stellt sich irgendwann die Frage, wie sich die HMI-Expertengruppe eigentlich zusammen setzen soll? Schon in den 70iger und 80iger Jahren des 20. Jh waren die HMI-Experten vielfach und sogar überwiegend nicht mehr nur Ingenieure im klassischen Sinne sondern arbeiteten in Teams mit Psychologen in unterschiedlicher Ausprägung. Eines der einflussreichsten Bücher aus dieser Zeit heißt daher auch nicht zufällig The Psychology of Human-Computer Interaction. [12] Heutige HMI-Teams sind ebenfalls sehr gemischt.

Mit der immer stärker werdenden Verflechtung der Technologie mit der Gesellschaft stellt sich die Frage umso dringlicher und vielleicht noch radikaler..

Ich selbst wurde im Frühjahr 2018 als Informatiker (und für diese Veranstaltung speziell als KI Experte) von Städteplanern zu einer Konferenz eingeladen, in der es um die Planung resilienter Städten ging.[27] Auf den ersten Blick hat dies mit Computern nicht direkt etwas zu tun. Auf den zweiten Blick aber sehr wohl. Städte bilden eine aufregende Mischung aus einer Unzahl technischer Systeme (ein Haus ist heute ein hochkomplexes System, Verkehrsmittel, Versorgungseinrichtungen, usw.), die von einer immer größeren Zahl von Menschen alle gleichzeitig auf vielfache Weise genutzt werden. Es geht also um verteilte technisch Systeme mit verteilten Benutzern. Zusätzlich herrscht eine hohe Veränderungsdynamik, und alle Phänomene zusammen sind so komplex, dass heute weder ein einzelner Mensch noch eine beliebige Gruppe von Menschen — dazu zählen auch die vielen Behörden — realistischerweise all dies noch angemessen verstehen und planen kann.

Die lebhaften Diskussionen während dieser Konferenz führten zur spontanen Gründung einer Fachgruppe Kommunalplanung und eGaming am Forschungsinstitut der Architekten FFin an der FUAS.[13] Dies führte im Sommersemester 2019 zur Einführung eines neuen Moduls Kommunalplanung und Gamification. Labor für mehr Bürgerbeteiligung im Rahmen des interdisziplinären Studium Generale [ISG] der FUAS.[14]

Ziel der Arbeitsgruppe war und ist es, die Methode des Systems Engineering mit den Ingenieur-Experten als Handelnden so weit zu verallgemeinern, dass jeder Bürger als Experte gesehen werden kann, der zusammen mit anderen Bürgern auf neue Weise seine Zukunft mehr als bisher selbst gestalten kann.

Ein solches Ziel erscheint äußerst sinnvoll bedenkt man, wie wenig bislang die Bürger einer Kommune am tatsächlichen Planungsgeschehen beteiligt sind. Zugleich sind aber die bisherigen Gremien aufgrund ihrer begrenzten Ressourcen und Kompetenzen permanent überfordert. Und die junge Generation, für die die Fragen der Zukunft von höchster Bedeutung sind, die ist überall mehr oder weniger vollständig abseits des kommunalen politischen Geschehens.

DIGITALES EMPOWERMENT – EINE ANNÄHERUNG

Wiederholung des Bildes eines Digital Empowerments von Bürgern

Die ersten zwei Semester unseres forschenden interdisziplinären Lehrexperiments haben gezeigt, dass unsere Vermutung nicht ganz falsch waren. Wir benutzten dabei als Lernform die Form des Planspiels. [28]

Lernform Planspiel [28]

Das Auftreten der Corona-Epidemie kurz vor Beginn unseres 3.Semesters erwies sich im Nachhinein als eine starke Beschleunigung unseres Experimentes, da wir dadurch gezwungen wurden, kommunale Planungsprozesse als verteilte Planungsprozesse zu behandeln, die sich online praktizieren lassen.

Idee vom Mai 2020 für eine digitale Umgebung wie Studierende ihre Ideen gemeinsam teilen und ausprobieren können

Allerdings wurde uns klar, dass eine normale online-Konferenz, obwohl sie im Prinzip alle Möglichkeiten bot, die man für ein Planspiel benötigt, letztlich für das Konzept einer umfassenderen Bürgerbeteiligung — auch im Lichte der Engineering-Prozesse — unbefriedigend ist. Die Idee einer eigenen unterstützenden Software — die auch als Teil der Theorie zu einem integrierten Engineering schon immer als Forderung existiert hatte — wurde stärker und konkreter. Im September 2020, noch im Vorfeld des kommenden 4.Semesters, begann die Arbeit an einer speziellen Software (Doeben-Henisch, Tobias Schmitt).[29]

OKSIMO RELOADED – EINE SOFTWARE IST VERFÜGBAR

Der Name der neuen Software ist oksimo, aber da es vom Autor vor vielen Jahren ein Softwareprojekt gleichen Namens [20], allerdings mit einer vollständig anderer Architektur, gab, ist es korrekter von der aktuellen Software als oksimo reloaded Software zu sprechen.

Erste einfache Version der oksimo-reloaded Software vom 3.Januar 2021 [16]. Zwei weitere Ausbaustufen sind fest vorgesehen: (i) Parameterraum und (ii) starke (!) KI.

Für die Studierenden wurde eine erste Version von oksimo reloaded am 4.Januar 2021 verfügbar. Ab dann konnten sie ihre Konzepte auf dem Server direkt ausprobieren. Parallel gab es eine Arbeitsgruppe des zevedi mit Standort im INM Frankfurt, die am Konzept einer Bürgerbeteiligung unter Zuhilfenahme der oksimo Software mit Bürgern aus einer hessischen Kleinstadt arbeitet.

ERKENNTISTHEORETISCHES

Da die neue Software in mehrfacher Weise einen radikalen Paradigmenwechsel vollzieht, gibt es verständlicherweise eine Reihe von Fragen, über die am Anfang viele stolpern. Eine Frage bezieht sich auf die Eigenschaft, dass der Benutzer dieser neuen Software keinerlei Programmiersprache benötigt, sondern nur seine Alltagssprache, und zwar nicht eine einzige, sondern jede ist möglich! Ob Deutsch, Englisch, Russisch, Chinesisch, Arabisch, das geht alles ohne irgend eine Änderung. Eine andere Frage bezieht sich darauf, was denn genau die Software beiträgt; wie kann sie normale Sprache verarbeiten? Die Antwort ist einfach: die Software muss überhaupt keine normale Sprache verarbeiten (was ja bekanntlich die besten Programme dieser Welt bisher nur sehr eingeschränkt können; letztlich gibt es noch kein einziges Programm weltweit, was tatsächlich normale Sprache unter voller Einbeziehung der Bedeutung verarbeiten kann. Es gibt bislang nicht einmal eine Idee, wie das gehen sollte, trotz vielen Hunderten von Artikel und Bücher zum Thema Sprachverarbeitung.). Die Faustregel lautet: Alles, was Anwender mit dem Programm machen können, können Sie auch ohne dieses Programm machen. Warum also überhaupt diese Software? Die Antwort ist einfach: sobald die Menge der benutzten Aussagen zunimmt (was schnell geschehen kann), dann ist eine rein manuelle Verarbeitung rein praktisch immer schwieriger bis praktisch unmöglich. In diesen Fällen kann man sich ganz entspannt zurück lehnen und den Computer für sich arbeiten lassen. Im übrigen ist das Ziel eines Einsatzes dieser Software gerade nicht, den Menschen zu ersetzen, sondern ganze Gruppen von Menschen anzuregen und zu befähigen, mehr als bisher miteinander ihr Wissen zu teilen, um damit ein Stück mehr mögliche gemeinsame Zukünfte sichtbar zu machen.

Grobe Skizze der erkenntnistheoretischen Annahmen der oksimo Software. Für eine weitere Erläuterung siehe den Beitrag MENSCH-MENSCH COMPUTER. Gemeinsam Planen und Lernen. Erste Notizen. von Gerd Doeben-Henisch.[26]

Für ein grundsätzliches Verständnis ist es wichtig, dass man sich klar machen, dass die gesprochenen Schallwellen von Sprache oder die geschriebenen Zeichenketten als solche keinerlei Bedeutung besitzen! Einzig und alleine aufgrund der Korrespondenz der externen Laute oder Zeichen mit internen Sprachrepräsentationen, die wiederum über interne Bedeutungsbeziehungen mit internen Wissensbeständen assoziiert sind, können die externen Vorkommnisse eine Bedeutung im Gehirn der Sprecher/ Hörer besitzen. Obwohl die internen Lernprozesse individuell verschieden sind, ermöglichen die gemeinsamen Gehirnstrukturen, die gemeinsamen Sprachstrukturen sowie ähnliche externe Erfahrungsräume für viele Fälle hinreichend ähnliche Bedeutungsstrukturen, die als Grundlage für ein gemeinsames Verstehen dienen können. Während also Menschen aufgrund ihrer erworbenen Sprachkompetenzen die Laute und Zeichen der ihnen vertrauten Sprache einfach so verstehen können, müsste man die — weitgehend unbewussten — Wissens- und Sprachstrukturen von Menschen erst in Computer hinein programmieren; ein bis heute ungelöstes Problem und in sich auch völlig unsinnig, besitzen doch die Menschen schon eine exzellente Sprachkompetenz (eine erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem Thema, ob und wie Computer lernen können wie Menschen, findet sich von Alan M.Turing selbst 1948 in einem Bericht an das Nationale Physik Labor (NPL) von England, seinem damaligen Arbeitgeber. [30])

GROSSES POTENTIAL – KI ALS HILFSDIENST

Obwohl der Begriff Künstliche Intelligenz [KI] (Englisch: Artificial Intelligence [AI] — oft auch unter dem abschwächenden Begriff Maschinelles Lernen [ML] (Englisch: machine learning) — heute ein Mainstream-Begriff geworden ist, kann man nicht behaupten, dass es eine einheitliche Definition dieses wichtigen Begriffs gibt. Die EU Kommission hat sich 2019 für ihr Verständnis von KI — speziell auch im Kontext von Ethik-Fragen — auf eine Expertengruppe verlassen [17], die wiederum ein häufig verwendetes Lehrbuch zur KI [18] zitiert.

Ohne auf eine Diskussion dieser komplexen und unübersichtlichen begrifflichen Lage hier einzugehen, stelle ich hier einen Kerngedanken von KI vor, wie er auf alle Arten von sogenannten ‚intelligenten (smarten) Algorithmen‘ zutrifft und ordne dies in den Kontext dieses Beitrags ein.

Wie vorausgehend in der Diskussion des Themas Digitales Empowerment der Bürger verbunden mit dem Beispiel des Planspielkonzepts und der oksimo Software sichtbar wurde, bildet das Welt-Wissen aller Bürger einen offenen, dynamischen Raum, den man zwar durch immer wieder neue Beschreibungsversuche annähern kann, der aber sowohl durch das Verhalten der Bürger selbst wie auch der Dynamik der um gebenden Welt niemals in einem abgeschlossenen Zustand fixiert werden kann. Daraus ergibt sich notwendigerweise für die Kommunikation und Planung ein unabschließbares Prozessmodell. Dazu kommt noch ein weiteres: die Bürger müssen jederzeit ihre Ziele in diesem Prozess neu kalibrieren, gegebenenfalls abändern. In Abhängigkeit von diesen Zielen fallen die Bewertungen zur gegebenen Situation und zu möglichen Maßnahmen anders aus als bei den vorausgehenden Zielen.

Intelligente Algorithmen — sehr prominent z.B. AlphaGO von google [19] — sind in der Lage innerhalb eines definierten Suchraumes mit definierten Erfolgskriterien (oft auch fitness Werte genannt) aus den vielen möglichen Wegen von einem Start- zu einem Zielzustand diejenigen herauszufinden, die den größten Erfolg versprechen. Solange der Gegner — z.B. ein Mensch – langsamer ist in der Berechnung großer Datenmengen, wird solch ein Algorithmus ‚besser‘ sein. Viele Menschen — und speziell das Marketing großer Firmen, die verkaufen wollen oder die Propaganda-Organe autoritärer Staaten — ziehen daraus den Schluss, dass die Zeit des Menschen abgelaufen ist. Dies ist ein arger Fehlschluss. Würde man den intelligenten Algorithmen die Erfolgskriterien wegnehmen, währen sie mehr oder weniger nutzlos. Geschwindigkeit ersetzt nicht den Mangel an Zielen.

Das oksimo reloaded Programm sieht einfach aus, es besitzt aber eine dreifache Intelligenz-Dimension: (i) Die volle (kreative) Intelligenz der Menschen kann in das Programm eingehen, in natürlicher Sprache! (ii) Teil der menschlichen Intelligenz ist die Fähigkeit, Ziele zu formulieren und danach zu handeln, diese Ziele aber auch zu modifizieren; (iii) Dort, wo die Komplexität des Problems für menschliche Gehirne rein quantitativ zu mühsam wird, kann man intelligente Algorithmen aktivieren, die diese mühsame Arbeit im vorgegebenen Rahmen leisten. In diesem Kontext können diese Algorithmen so schnell wie möglich sein. Sie sind dann nur nützlich. Diese Algorithmen können aber das Problem der gewollten Ziele nicht lösen. KI im Kontext der oksimo Software könnte man daher mit dem Slogan beschreiben: Paradigmenwechsel: KI für Alle! Mehr Leistung – Null Risiko.

Wissenschaftsphilosophisch kann man den oksimo-Ansatz in folgende Teil-Paradigmen aufspalten:

  1. Human-Machine Intelligence [HMInt] (Mensch-Maschine Intelligenz): Primär dient der Mensch selbst mit seiner menschlichen Intelligenz als Wissensquelle und Handlungsinspiration. Die volle Breite der künstlichen Intelligenz kann aber genutzt werden.
  2. Human-Machine Interaction [HMI] (Mensch-Maschine Interaktion): Die Intelligenz- bzw. Wissens- bzw. Zielfrage wird analysiert im größeren Kontext der generellen Mensch-Maschine Interaktion, die in Richtung der umgebenden Gesellschaft offen ist; keine festen Limits.
  3. HMI als Teil des Systems Engineering [HMI-SE]: Der Teilaspekt der Mensch-Maschine Interaktion wird innerhalb des größeren, allgemeineren Rahmens Systems Engineering gesehen.
  4. Innerhalb des Alltags gibt es als allgemeinste Reflexionsform das philosophische Denken, das in offenem Austausch steht mit Kunst, mit Engineering und Wissenschaft. Alle diese drei Bereiche haben Voraussetzungen, die nicht Teil ihrer eigenen Gegenstandsbereiche sind, zugleich sind sie originär, nicht auflösbar in die anderen Teilbereiche.

RESUMÉ: INGENIEURE UND DAS GLÜCK

Nachdem wir nach all diesen — nicht ganz leichten — Überlegungen bis zu diesem Punkt der Überlegungen gekommen sind, werden Sie vielleicht ahnen können, auf welchen Punkt ich hinaus möchte.

Ist es schon nicht ganz einfach, in einer gegenwärtigen Situation problematische Sachverhalte zu identifizieren — ich erinnere an die heftigen Diskussion um die Frage Klimakrise: Ja oder Nein? bzw. Corona: Gefährlich oder nicht? — so ist der Übergang von einer Problemwahrnehmung zur Formulierung einer Lösungsidee, eines möglichen Zieles in der Zukunft, kein Selbstläufer. Und selbst dann, wenn wir endlich Ziele haben sollten, dann beginnt die eigentliche Arbeit nach der Zielformulierung: wie kommen wir vom Jetzt zum Morgen? Was müssen wir tun? Die anhaltenden kontroversen Diskussionen um eine mögliche Energiewende, wie die genau aussehen soll usw. beschäftigt uns seit vielen Jahren und eine wirkliche Einhelligkeit ist nicht wirklich in Sicht.

Nehmen wir mal versuchsweise und positiv denkend an, dass wir nur solche Ziele formulieren, von denen wir mehrheitlich annehmen, dass sie unser gemeinsames Glück fördern — in der US-Amerikanischen Verfassung ist das Erstreben von Glück als unveräußerliches Recht von jedem verankert [3] — dann wird hoffentlich augenscheinlich klar, dass viele Formen des Glücks ohne die tatkräftige und kundige Mitwirkung von Ingenieuren nicht einlösbar sind.

Ein Großteil der der drängenden Probleme in Deutschland resultieren nicht aus falschem Verhalten von Ingenieuren, sondern aus einem z.T. gravierenden Unverständnis der Politischen Gremien. Was natürlich die Frage aufwirft, warum sind so wenig Ingenieure in der Politik?

QUELLENANGABEN

(Wenn nicht anders angegeben sind alle Links am 12.1.2021 zuletzt überprüft worden)

[0] Videomitschnitt vom Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=fN-ZrIqd2Lk&feature=youtu.be. Die Vortragsreihe der Studierenden findet sich hier: http://studiumfuturale.000webhostapp.com/ (zuletzt: 18.1.2021)

[1] Zum Begriff des ‚Ingenieurs‘: https://de.wikipedia.org/wiki/Ingenieur (zuletzt: 11.1.2021)

[2] Zum Begriff des Glücks: https://de.wikipedia.org/wiki/Gl%C3%BCck (zuletzt: 11.1.2021)

[3] Erreichung von Glück in der US-Amerikanischen Verfassung: https://en.wikipedia.org/wiki/Life,_Liberty_and_the_pursuit_of_Happiness (zuletzt: 11.1.12021)

[4] FUAS: https://www.frankfurt-university.de/ (zuletzt: 11.1.2021)

[5] FUAS Fb2: Informatik und Ingenieurwissenschaften: https://www.frankfurt-university.de/de/hochschule/fachbereich-2-informatik-und-ingenieurwissenschaften/willkommen-am-fb-2/ (zuletzt: 11.1.2021)

[6] FUAS Fb2 Themengebiete: https://www.frankfurt-university.de/de/hochschule/fachbereich-2-informatik-und-ingenieurwissenschaften/studienangebot-am-fb-2/ (zuletzt: 11.1.2021)

[7] Jakob Johann Baron von Uexküll (1864 – 1944) : https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Johann_von_Uexk%C3%BCll (zuletzt: 11.1.2021)

[7b] Jakob von Uexküll, 1909, Umwelt und Innenwelt der Tiere. Berlin: J. Springer.

[8] Systems Engineering: https://en.wikipedia.org/wiki/Systems_engineering (Zuletzt: 11.1.2021)

[8b] L. D. Erasmus and G. Doeben-Henisch, A Theory of the System Engineering Process in 9th IEEE AFRICON Conference in Africa, Sept. 12-15, 2011 (This paper has won a paper award)

[9] HCI History: http://www.hcibib.org/hci-sites/history

[9b] Jonathan Grudin. A Moving Target: The Evolution of HCI.In A. Sears and J.A. Jacko, editors,The Human-ComputerInteraction Handbook. Fundamentals, Evolving Technologies,and emerging Applications. 2nd edition, 2008.

[9c] Joseph S. Dumas and Jean E. Fox. Usability testing: Currentpractice and future directions. In J.A. Jacko and A. Sears, editors, The Human-Computer Interaction Handbook. Fundamentals, Evolving Technologies, and Emerging Applications. 2nd edition,2008

[10] HCI als Teil des Systems Engineering praktiziert vom Autor: https://www.uffmm.org/wp-content/uploads/2019/05/aaicourse-15-06-07.pdf

[11] Doeben-Henisch (2020), Review of Tsu and Nourbakhsh (2020), When Human-Computer Interaction Meets Community Citizen Science. Empowering communities through citizen science. In the Proceedings of the 2017 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems, ACM 2017: https://www.uffmm.org/wp-content/uploads/2019/06/review-Tsu-et-2020-acm-CommunitySciences.pdf

[11b] Randy Conolly, 2020, Why Computing Belongs Within the Social Sciences, COMMUNICATIONS OF THE ACM, AUGUST 2020, VOL. 63, NO. 8, pp. 54 – 59

[12] Stuart K.Card, Thomas P.Moran, Allen Newell [1983], The Psychology of Human-Computer Interaction, Lawrence ERlbaum Associates, Inc., Mahwah, New Jersey

[13] FFin an der FUAS: https://www.frankfurt-university.de/de/hochschule/fachbereich-1-architektur-bauingenieurwesen-geomatik/forschungsinstitut-ffin/

[14] ISG-Modul Kommunalplanung und Gamification… : https://www.frankfurt-university.de/de/studium/interdisziplinares-studium-generale/interdiszplinares-studium-generale-modulpool-wise-202021/kommunalplanung-und-gamification-labor-fuer-direkte-buergerbeteiligung/

[15] Aristoteles. Peri Hermeneias. Aristoteles Werke in Deutscher Übersetzung. Akademie Verlag, 1994. Bd.1, Teil 2

[16] oksimo simple basic version vom 3.Januar 2021: https://www.uffmm.org/2021/01/08/oksimo-sw-minimal-basic-requirements/

[17] Stuart Russel and Peter Norvig. Artificial Intelligence. A Modern Approach.
Pearson Education, Inc. publishing as Prentice Hall, 3 edition, 2010

[18] INDEPENDENT HIGH -LEVEL EXPERT GROUP ON ARTIFICIAL INTELLIGENCE SET UP BY THE EUROPEAN COMMISSION. Definition developed for the purpose of
the AI HLEG’s deliverables. The AI HLEG is an independent expert group that was set up by the European Commission in June 2018. Contact E-mail Nathalie Smuha – AI HLEG Coordinator
CNECT-HLG-AI@ec.europa .eu
European Commission
B-1049 Brussels
Document made public on 8 April 2019 URL: https://ec.europa.eu/newsroom/dae/document.cfm?doc_id=56341 (Zuletzt: 12.1.2021)

[19] Googles AlphaGo Programm: https://en.wikipedia.org/wiki/AlphaGo

[20] Ursprüngliches oksimo-Projekt: https://de.wikipedia.org/wiki/Oksimo

[21] Ethischer Verhaltenskodex des Berufsverbands der IEEE: https://www.ieee.org/about/ethics/index.html

[22] Ethischer Verhaltenskodex des Berufsverbands der ACM: https://www.acm.org/code-of-ethics

[23] Ethischer Verhaltenskodex des Berufsverbandes der GI: https://gi.de/ueber-uns/organisation/unsere-ethischen-leitlinien/

[24] Übersichtsartikel zu Sklaverei: https://de.wikipedia.org/wiki/Sklaverei

[24b] Doeben-Henisch, Zum Thema Freiheit, Menschenrechte und Sklaverei: https://www.cognitiveagent.org/2018/11/19/freiheit-die-ich-meine-nachhall-zu-einem-gespraech/

[25] UN 4. Supplementary Convention on the Abolition of Slavery, the Slave Trade, and Institutions and Practices Similar to Slavery. Geneva, 7 September 1956: https://treaties.un.org/doc/Treaties/1957/04/19570430%2001-00%20AM/Ch_XVIII_4p.pdf

[26] Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de), MENSCH-MENSCH COMPUTER. Gemeinsam Planen und Lernen. Erste Notizen. Abfassungszeit: 23.September – 9.Oktober 2020, Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, URL: https://www.cognitiveagent.org/wp-content/uploads/2020/10/blog-welt-mensch-theorie-23sept-9Okt2020.pdf

[27] Gerd Doeben-Henisch, 2018, Ballungsraum 2117 und technische Superintelligenz. Welche Rolle verbleibt uns Menschen?, Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 14.April 2018, URL: https://www.cognitiveagent.org/2018/04/14/ballungsraum-2117-und-technische-superintelligenz-welche-rolle-verbleibt-uns-menschen/

[28] Gerd Doeben-Henisch, 2019, GRENZEN IM KOPF VERFLÜSSIGEN? Eine unterschätzte Methode, Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 5.November 2019, URL: https://www.cognitiveagent.org/2019/11/05/grenzen-im-kopf-verfluessigen-eine-unterschaetzte-methode/

[29] Beginn der Arbeiten an der neuen Software für das Modul Kommunalplanung und Gamification. Labor für mehr Bürgerbeteiligung: URL: https://www.uffmm.org/2019/04/01/co-learning-with-python-3/ (In der späteren Phase fanden die Programmierarbeit ausschließlich auf dem Server statt unter Benutzung eines github Accounts).

[30] Alan M. Turin schrieb 1948 den ersten grundlegenden Bericht darüber, wie Computer eventuell wie Menschen lernen können. Auf der Webseite der NPL (National Physics Laboratory, England) zu Turing ( https://www.npl.co.uk/famous-faces/alan-turing ) finden sich dieser Artikel und zusätzliche Texte: https://www.npl.co.uk/getattachment/about-us/History/Famous-faces/Alan-Turing/80916595-Intelligent-Machinery.pdf?lang=en-GB. Eine bessere lesbare Form findet sich hier: https://weightagnostic.github.io/papers/turing1948.pdf

NACHWIRKUNGEN

Dieser Vortrag war die Initialzündung zu sehr vielen Beiträgen in diesem Blog. Eine sehr spezielle — und vermutlich sehr nachhaltige — Wirkung kann man ab dem Beitrag hier verfolgen: https://www.cognitiveagent.org/2021/02/12/praktische-kollektive-mensch-maschine-intelligenz-by-design/

DER AUTOR

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Philosophie, Wissenschaft, Mystik. Eine Baustelle

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 20. Dezember 2020 – 1.Januar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

(Letzte Änderung: 20.12.2020)

Die Themen Philosophie, Wissenschaft und Mystik kommen in diesem Blog sehr häufig vor; letztlich markieren sie die wesentlichen Koordinaten des Denkraums, der in diesem Blog aufgespannt wurde. Nicht so häufig, eher selten, sehr selten, kam es in der Vergangenheit zu direkten Verschränkungen aller drei Koordinaten. Zuletzt und am intensivsten vielleicht in dem Kongressbeitrag Kann Mystik rational sein? vom 26.Oktober 2019. Dass diese spezielle Themenverschränkung seit den Anfängen des Blogs im Dezember 2009 andauerte verweist einmal auf den Autor selbst, auf mich, andererseits aber auch auf Kontexte des Autors. In den letzten vier Jahren spielte hier eine besondere Lehrveranstaltung eine wichtige Rolle. Ihr Titel war Meditation als kulturelle Praxis. Angeregt durch den damaligen Präsidenten der Frankfurt University of Applied Sciences [FUAS] Frank Dievernich sowie dem Kanzler Reiner Frey durfte ich zusammen mit Ihnen ein Team bilden, um diese Lehrveranstaltung im Rahmen des Studium Generale im Sommersemester 2017 zu starten. Als langjährig Lehrender an der FUAS mit vielen interdisziplinären Lehrveranstaltungen konnte ich das Lehr-Konzept mit einbringen und durfte es dann im weiteren Verlauf bis zum Wintersemester 2020/1 einschlieslich begleiten. Aus Zeitgründen musste Frank Dievernich seinen Part zum Ende des SS2017 leider wieder abgeben. Glücklicherweise konnte wir im WS2017/18 Nicole Küchler-Stahn für das Modul gewinnen und ab SS2018 kam Julia Lademann zum Team. Zu diesem Zeitpunkt war dieses Modul das einzige seiner Art an Deutschen Universitäten. Im Gegensatz zu einer großen Zahl von Veranstaltungen im Umfeld des Mainstream-Themas Meditation legten wir nicht nur Wert auf die praktische Gestaltung sondern auch auf die Theoretische Dimension des Themas Meditation und es war uns wichtig, dass dies ein normales Lehrmodul war wie alle anderen Module.

Konzept des Lehrmoduls Meditation als Kulturelle Praxis an der FUAS von SS2017 – WS2021. Im SS2017 Gab es statt des Themas Gesndheitswissenschaften, Yoga und Meditation das Thema Wirtschaft und Meditation.

Ohne auf die Details dieses Lehrmoduls weiter einzugehen (für mehr Informationen siehe [1]) möchte ich hier nur hervorheben, dass es nicht zuletzt auch die kontinuierliche Herausforderung dieses Moduls war, insbesonere die Konkretheit im Gegenüber zu den Studierenden, aber auch zu meinem Kollegen Reiner Frey und der Kollegin Julia Lademann, die Fragen aufwarf, die ich sonst, im Alltag, vielleicht nicht so direkt und konkret weiter verfolgt hätte. Dazu kamen zwei Kongresse, die wir in diesem Zusammenhang veranstalten konnten. Es war für mich vor allem der zweite Kongress im Herbst 2019, der mich herausforderte, da ich meinen Beitrag mutig unter das Thema Kann Mystik rational sein? gestellt hatte, ohne zu wissen, wie die Antwort ausfallen würde.(siehe: [2])

BEWUSSTWERDUNG – PHILOSOPHIE

(Letzte Änderung: 1.1.2021)

… Das Ich zeigt sich am Anderen. Festes im Fließenden. Konkretes und Allgemeines. Zufall und Muster. Erinnerung als Befreiung vom Jetzt. Schall mit Bedeutung. Ich denke. Wahrheit. Geist. Bewusstsein als Gefängnis. Wirksame Verschränkungen: strukturell-biologisch, strukturell-semantisch, strukturell-gesellschaftlich, digital, …

DIE GROSSEN TRANSFORMATIONEN

(Letzte Änderung: 1.1.2021)

… Die Erde hat eine Geschichte. Die Erde im Universum. Das Ereignis des Lebens im Nirgendwo. Das Leben als galaktischer Supercomputer. Homo sapiens nach 3.8 Milliarden Jahren Entwicklungsleistung. Verschränkung als Dimension der Entwicklung über Komplexität hinaus, …

HOMO SAPIENS – KIPP-PUNKT DER EVOLUTION

(Letzte Änderung: 1.1.2021)

… Ein Hoffnungsträger ohne Hoffnung. Ein galaktisches Genie in einer Wolke von Dummheit. Eine Freiheit, die vor sich hintaumelt. Chance Vielfalt als Bedrohung. Die Kunst der nachhaltigen Verschränkung: materiell, psychisch, gesellschaftlich, semantisch, wissensmäßig, Leitgedanken, prozesshaft, …

UNIVERSUM DES SINNS

(Letzte Änderung: 1.1.2021)

… Die eine Welt als Sinfonie von vielen Welten. Sinn im Kleinen wie im Großen. Welchem Sinn öffnen wir uns? …

UNBEKANNTE ZUKUNFT?

(Letzte Änderung: 1.1.2021)

… Die Gegenwart strömt in die Körper, die Gehirne machen daraus Vergangenheit. In der Erinnerung erwächst Differenz, zeigt sich virtuelle Zeit. Virtuelle Zeit erlaubt sowohl die Rekonstruktion der vergangenen Zeit wie auch von Gestalten einer Welt, die es noch nicht gibt: mögliche virtuelle Zukünfte. Die Gehirne und Körper (mit ihren Genen) sind realer Teil eines realen Prozesses. Unsere virtuellen Zukünfte können durch den Körper auf den realen Prozess einwirken. Was entsteht aus allem? Können wir nur zerstören? Welche Zukunft ist möglich? Wann fangen wir an, ernsthaft miteinander zu reden, statt uns gegenseitig zu quälen, uns umzubringen, und das Wunder des Lebens im großen Stil zu zerstören?…

Jede Frage entsteht in ihrem spezifischen Frageraum. Die Antwort kann jenseits dieses Raumes liegen, in den Bedingungen dieses Raumes. In den letzten 100 – 350 Jahren hat die Menschheit angefangen, mehr und mehr Aspekte ihrer eigenen Bedingtheit sichtbar zu machen. Dies verschiebt viele alten vertrauten Bilder. Die meisten alten Werte passen nicht mehr, behindern uns. Die neuen Bilder haben aber noch keine wirklich integrative Kraft entfaltet, wirken aufgesplittert, werden instrumentalisiert für Partikular-Interessen… nachhaltige Verschränkung geht anders …

MYSTIK: DAS ANDERE ANDERE

(Letzte Änderung: 1.1.2021)

… Das Ich und das Andere lernen sich kennen. Außerhalb des Körpers und innerhalb des Körpers. Emergenz durch Komplexität und Verschränkungen. Veränderung durch Energie. Das Andere zum bekannten Anderen: Es passiert, ohne eine Vorleistung von uns, schon immer, auch jetzt, und …. Freiheit, Liebe, Wissen … sind Erscheinungsweisen des Anderen Anderen … das grundlegende Mehr zu Allem … die notwendigen Verschränkungen des möglichen zukünftigen Lebens sind keine Automatismen. Sie verlangen nachhaltige Emotionen, solche die im Anderen Anderen verankert sind ….

LEBENS-MATRIX

(Letzte Änderung: 1.1.2021)

Zukunft braucht gemeinsame Hoffnung; Miteinander braucht Liebe; Wissen braucht Forschung; Handeln braucht Training und reale Welt; Energie-Materie … Ziel ist das Leben, in dem alles nachhaltig seinen Platz hat… im Universum und darüber hinaus … der einzelne alleine vermag dies nicht; es braucht viele neue Formen von Verschränkungen, die alles integrieren und doch maximale Freiheit ermöglichen, … die ca. 137 Billionen (10^12) Zellen, die unseren Körper samt Darmflora bilden, haben ca. 3.5 Milliarden (10^9) Jahre gebraucht, um ihre aktuelle Form der Verschränkung zu finden. Bislang übersteigt dieses biologische Wunder unser Verstehen noch deutlich. Wir als homo sapiens haben ca. 200.000 bis 300.000 Jahre gebraucht, um unsere heutigen Verschränkungen mittels Handeln und Sprache in vielen Bereichen zu entwickeln: Ernährung, Miteinander, Technik, Medizin, Wissen, … Die letzten 100 Jahren wirken wie eine Explosion, aber der Gesamtzustand wirkt nicht überzeugend. Entscheidende Bestandteile scheinen zu fehlen… alleine zu wissen ist wichtig, aber nur miteinander Wissen führt weiter, miteinander Fühlen … Sekten, Verschwörungs-An

Universelles Postskript: Sage mir bitte Bescheid, wenn Du angekommen bist …

QUELLENNACHWEISE

[1] Die Anfänge dieses Moduls samt dem ‚Zeitgeist‘ wurden beschrieben in dem Buch: Frank E.P.Dievernich, Gerd-Dietrich Döben-Henisch, Reiner Frey, Bildung 5.0: Wissenschaft, Hochschulen und Meditation. Das Sebstprojekt, Verlag: Beltz Juventa, Weinheim (DE), 2019

[2] Gerd-Dietrich Döben-Henisch, Kann Mystik rational sein?, in: Reiner Frey (Ed.), Meditation und die Zukunft der Bildung, Verlag: Beltz Juventa, Weinheim (DE), 2020, SS.108-123

DER AUTOR

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MEINE SARS-COV-2/COVID-19 SEITE

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 14.Dezember 2020 – 24.April 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

Letzte Änderung: 24.4.2021

MOTIV FÜR DIESEN BEITRAG

Änderung vom 12.Februar 2021

Wie unten beschrieben, hatte ich diese Seite angelegt, um mir selber eine Meinung bilden zu können, was ich von den verschiedenen Zahlen halten soll.

Eine Erkenntnis war (und ist), dass die verschiedenen Zahlenreihen (Fallzahlen, Intensivfälle, Covid-10 Tote, eine extrem hohe mathematische Korrelation über den gesamten Zeitraum aufweisen, einschliesslich der Berücksichtigung der Zeitverschiebung zwischen gemeldeten Fallzahlen, Intensivbehandlung und Tod. Dies gilt auch, wenn man die Zahlen der Übersterblichkeit der letzten 4 Jahre daneben stellt!

Eine andere Erkenntnis ist, dass ich als Einzelperson und Laie nicht in der Lage bin die Gesamtlage erfassen zu können und auf dem Laufenden zu halten, geschweige denn, den konkreten Umständen der Zahlen im einzelnen nach zu gehen. Dazu gibt es mittlerweile viele sehr professionalle gemanagte Webseiten. Ohne dass ich jetzt alle überprüfen konnte erscheint mir die Spezialseite des Berliner Tagesspiegels [21] eine exzellente Seite zu sein, die kaum Fragen offen lässt. Deswegen werde ich meine eigene Seite nicht weiter moderieren. Die grundsätzlichen mathematischen Korrelations-Sachverhalte ändern sich sowieso nicht täglich.

(Letzte Änderung: 27.Dez.2020)

Ich bin medizinischer Laie und bin weitgehend inkompetent in der Beurteilung des komplexen Phänomens der Covid-19 Erkrankung. Ich vertraue hier den nationalen Gesundheits-Einrichtungen in den verschiedenen Ländern (mit EU und WHO), da wir — selbst wenn diese Mängel aufweisen –, faktisch keine anderen Quellen für die Gesamtlage in einem Land haben. Wer meint, als einzelner, auf eigene Faust Daten gewinnen zu können, die besser sind, als die der nationalen Institute, dem gilt mein Vertrauen zunächst nicht. Für Deutschland ist für mich das Robert Koch Institut [RKI] das Institut der Stunde. Wer sich die Mühe macht, die Webseite des RKI zu erkunden und die einzelnen Dokumentationen anschaut, wird feststellen, dass es dazu keine Alternative gibt. Das RKI ist extrem vernetzt mit allem, was für Fragen der Gesundheit relevant ist.

Dass ich hier also als Laie und bei Existenz des RKI (und all der anderen hervorragenden Institute) jetzt eine eigene Seite anlege, liegt daran, dass ich als Bürger — wie so viele andere auch — im Alltag selber Entscheidungen fällen muss, was nun das richtige Verhalten ist. Ich komme dann nicht umhin, trotz all der vielen Daten für mich zu klären, welche der vielen Daten ich wie übernehmen und danach handeln soll. Außerdem gibt es zahllose Gruppierungen, die Behauptungen aufstellen, die z.T. krass von der Position der Gesundheis-Institute abweichen. Also sehe ich mich — wie so viele andere heutzutage — gezwungen, mir meine eigene Meinung zu bilden.

Ich habe daher beschlossen, hier eine Seite zu organisieren, auf der ich jene Daten zusammentrage, die nach meinem Verständnis zentral sind. Da ich nicht viel Zeit habe, kann ich (i) dies nur gelegentlich tun und (ii) es ist eine Auswahl. Ich selbst habe schon jetzt eine Sammlung von weit über hundert Artikeln (darunter viele wissenschaftliche Fachartikel) und Webseiten, anhand deren ich versuche, mir eine Grundorientierung aufzubauen, aber — wie gesagt –, ich bleibe trotzdem ein Laie und kann dies nur als einen schwachen Versuch verstehen, irgendwo einen Durchblick zu bewahren angesichts der Fülle an Meinungen.

Meine bisherigen Seiten mit Covid-19 relevanten Inhalte werde ich daher nicht weiter aktualisieren; das schaffe ich zeitlich nicht [1].

AUSWAHL DER DATEN

(Letzte Änderung: 14.Dez.2020)

Bei der Auswahl der Quellen gehe ich so vor, dass ich mich einerseits von den Tagesmedien anregen lasse (deren Qualität seit der Corona-Krise deutlich zugenommen hat!), von da aus dann auf die nationalen Gesundheits-Institute gehe wie auch direkt zu fachwissenschaftlichen Artikeln. Letztlich benutze ich dann nur diese beiden letzten Datenquellen.

VORGEHEN

(Letzte Änderung: 14.Dez.2020)

Während ich kontinuierlich — wenngleich sporadisch, zufällig — Daten sammle, führe ich jene Sachverhalte, die ich in meinem laienhaften Verständnis als wichtig erkannt habe, auf dieser Seite zusammen. Ich versuche mich dabei auf wenige Kernpunkte zu beschränken. Da ich dabei immer alle Quellen angebe, auf die ich mich beziehe, kann jeder selbst nachschauen und sich seine eigene Meinung bilden. Wer viel Zeit hat, kann sich direkt die Texte bei den Gesundheits-Instituten (vor allem bei RKI) anschauen. Diese Seite schreibe ich primär für mein eigenes Verständnis. Wenn jemand kommentieren möchte, ist dies jederzeit willkommen.

ES FOLGEN AB HIER UNTERSCHIEDLICHE FAKTEN

DAS VIRUS

(Letzte Änderung: 24.4.2021)

Eine sehr umfassende Darstellung des SARS-CoV-2 Virus [6], der durch ihn hervor gebrachten Covid-19 Erkrankung mit all den vielen Aspekten (Entdeckung, Bezeichnungen, Wirte, Testverfahren (insbesondere auch der verschiedenen PCR-Tests [7]), und vieles mehr) findet sich in einem deutschen Wikipedia-Artikel. Ein sehr knapper Steckbrief des SARS-CoV-2 Virus findet sich auf einer RKI-Seite.[2] Ein anschaulicher Bericht zur Praxis der PCR-Tests findet sich in einem Bericht des MDR [8]. Auf Englisch gibt es eine sehr gute Seit zu SARS-CoV-2 und Covid-19 vom National Center for Biotechnology Information der USA.[9] Eine gute Seite findet sich ebenfalls bei den nationalen Gesundheitsdiensten der USA National Institutes of Health [10] mit dem Schwerpunktthema SARS-CoV-2 und Covid-19.[11] Ein Beispiel, wie Virologen das Thema diskutieren, ist der Blog Virological.[12] Ein anderer interessante Blog ist der Pre-Print Server für biologische Artikel, auch Virologie.[13] Eine fantastische Seite ist die Übersicht zur Verbreitung des Virus, differenziert nach den verschiedenen Mutanten, in nahezu Echtzeit, bereitgestellt von dem Forschungsnetzwewerk Nextstrain [24].

INDIVIDUELLES ANSTECKUNGSRISIKO

Modellrechnungen sind grundsätzlich zwar Idealisierungen und von daher mit Ungenauigkeiten behaftet, aber ganz klar sind gute Modelle alle mal besser als gar keine Modelle. So gesehen finde ich den online-Rechner der Zeit zur Berechnung des individuellen Ansteckungsrisikos eine sehr gute Hilfestellung für den Alltag.[22] In diesem Artikel wird auch gezeigt, wie sich verschiedene R-Werte auf die Ausbreitung des Virus auswirken können. Das Beispiel mit der Englischen Mutante des Virus ist sehr beeindruckend (es gibt aber auch die südafrikanishe und die brasilianische Variante, und tatsächlich hat man mittlerweile auch noch weitere Varianten gefunden).

GESAMTÜBERSICHTEN

(Letzte Änderung: 24.4.2021)

In verschiedenen Publikationen gibt es immer wieder den Versuch, eine Art aktuellen Gesamtüberblick herzustellen. Ab jetzt werde ich auf solche Artikel auch verweisen. Hier ein solcher Überblick aus der Zeitschrift ‚Spektrum der Wissenschaft‘: Wie ist das Virus zu stoppen? [15] Ein anderer interessanter Artikel aus dem Tagesspiegel, der darlegt, wie die Gefahr der neuen Virusvariante aus England völlig unterschätzt wird und ein Vorschlag für eine wirksame Strategie. [17] (Update 16.2.2021 [17b]). Zu diesen Entwicklungen siehe vor allem auch die Übersicht bei dem Forschungskollektiv Nextstrain [24].

INFLUENZA UND SARS-CoV-2

(Letzte Änderung: 14.Januar 2021)

Bei Anti-Corona-Leugnern findet man immer wieder die Behauptung, dass die Zahl der Influenza-Toten in der bislang schlimmsten Influenza-Epidemie 2018/19 erheblich größer gewesen sein soll als die Zahl der Corona-Toten zur Zeit ist. Dabei werden hier zwei völlig verschiedene Zahlen miteinander verglichen (Birnen mit Äpfel): Im Fall der hohen Influenza-Todesfälle werden die Zahlen der sogenannten Übersterblichkeit (Exzess-Totesfälle) benutzt, die auf einem Vergleich der statistisch ’normalen‘ Todesrate mit der ’saisonal abweichenden‘ Todesrate beruhen, ohne dass man dabei genaue Erkenntnisse hat, wer denn da wirklich gestorben ist.

Will man eine Vergleichbarkeit herstellen, dass muss man Äpfel mit Äpfel vergleichen, soll sagen, man muss die klinisch bestätigten Influenza Todesfälle mit den klinisch bestätigten Corona Toten vergleichen. Dann ergibt sich für die Influenza-Saison 2017/2018 die Zahl 722, und für die bislang schwerste Influenza-Saison 2018/2019 die Zahl 1.674. Für Corona ergibt sich von Kalenderwoche 4 bis 51 die Zahl 26.059, das ist das 15.5-fache von Influenza. Dabei ist zu beachten, dass die Corona Epidemie (tatsächlich aber eine Pandemie, da weltweit nachweisbar) noch nicht zu Ende ist und es sich hier um Corona-Todesfälle bei voller klinischer Diagnostik handelt, das sind jene die bei voller Symptomatik in den Intensivstationen sterben.

Korrektur 28.Februar 2021: Ich habe jetzt die Zahlenreihen des statistischen Bundesamtes zu den Jahren 2016 – 2020 gesehen [18]. Danach war die Übersterblichkeit im Frühjahr 2019 tatsächlich erheblich höher als bei Corona im Frühjahr 2020. Andererseits steigt die Übersterblichkeit in 2020 ab KW43 mit Corona deutlich und kontinuierlich an.

Prof. Dr. Walter Krämer vom Harding Zentrum für Risikoabschätzung macht in einem Text vom Februar 2021 darauf aufmerksam, dass gerade die Zahlen zu den Todesfällen nicht einheitlich erfasst und dargestellt werden, mit den daraus resultierenden Unsicherheiten. Eine entsprechend korrigierte Sicht bietet er selbst aber nicht an.[23]

Nicht erfasst sind dabei die Covid-19 Langzeiterkrankten, die aus der Klinik als geheilt entlassen werden und dann viele Monate — wie lange überhaupt kann man noch nicht sagen, da die Zeitspanne noch zu kurz ist — an schweren Symptomen leiden, meist sind diese Bürger nicht arbeitsfähig. Eine erste größere Studie zu Covid-19 Spätfolgen bei 1733 Patienten aus Wuhan zeigt, dass 76% der als geheilt entlassenen Patienten nach 6 Monaten noch — zum Teil schwere — Spätfolgen zeigen. [19]

FALLZAHLEN UND TODESFÄLLE

(Letzte Änderung: 3.Januar 2021)

Viele Menschen bezweifeln sowohl die Stichhaltigkeit der gemeldeten Fallzahlen („die können nicht stimmen, weil die medizinische Erfassung mittels PCR-Tests falsch ist“) wie auch die Stichhaltigkeit der gemeldeten Covid-19 Todesfälle („Es werden auch Todesfälle als Covid-19 Todesfälle erfasst, die gar keine sind“). In der Tat, die jeweiligen Zahlen im einzelnen zu überprüfen samt allen zugehörigen Verfahren ist für einen einzelnen nahezu unmöglich. Man muss hier den Gesundheitsämtern vertrauen — insbesondere zentral dem RKI — oder man steht im Nebel der Beliebigkeit. Dennoch ist die Situation nicht ganz so beliebig, wie es im ersten Augenblick scheinen mag. Die gemeldeten Fallzahlen seit Frühjahr — täglich — und die gemeldeten Zahlen von Covid-19 Erkrankten auf Intensivstationen — täglich — wie auch von Covid-19 Toten bei voller Diagnostik — täglich — liegen vor. Sie werden unabhängig voneinander erhoben. Wären sie rein willkürlich, dann gäbe es zwischen den Verläufen dieser Zahlen keinen wirklich systematischen Zusammenhang. Dies kann man auf mathematische Weise einfach feststellen. Zeigen die mathematischen Vergleiche hingegen einen überdurchschnittlichen Wert an, dann weist dies auf einen Zusammenhang hin, der zwischen diesen Werten bestehen kann.

In den nachfolgenden Diagrammen zeige ich die jeweiligen Zahlen — jeweils über 7 Tage gemittelt, um es überschaubarer zu halten und Meldefehler ein wenig auszugleichen — an und führe einfache Korrelationsrechnungen (Zusammenhangsrechnungen) durch. Die Ergebnisse sind überdeutlich! Siehe unten.

Eine thematisch verwandte, aber noch allgemeinere Betrachtung findet sich in einem Artikel von Markus Pössel in den SciLogs von Spektrum der Wissenschaft. [16]

Positive Corona-Fälle KW 9 – 51, 7-Tage gemittelt [4]
Zeitraum: 20.März – 22.Dezember 2020 [5]
Corona Todesfälle KW 9 – 51 [4]

Neben den Fallzahlen und den Todesfällen werden vielfach auch die Inzidenzwerte als Kennzahlen für die Infektionsdichte benutzt. Dazu gibt es einen sehr informierenden Spiegel-Artikel mit Links auf Quellen. [20]

MINI-THEORIE

(Zuletzt geändert: 27.12.2020)

Folgende Annahmen:

H1: Die Anzahl der Todesfälle [T] hängt kausal zusammen mit der Anzahl der erfassten positiven Fälle [F].

H2: Die Todesfälle T treten gegenüber den positiv erfassten Fällen F zeitlich verzögert um n-viele Wochen auf.

H3: Die Übereinstimmung der F-Zahlen mit den T-Zahlen ist umso schlechter, je mehr die Zahlenreihen gegeneinander (in der Zeit) verschoben sind.

Damit kann man die Zahlenreihen mit dem Korrelationsmaß [14] vergleichen mit den Verschiebungsannahme um 0 – n viele Wochen (Siehe Bild mit Zahlen im technischen Anhang):

n=0: 0.8

n=1: 0.84

n=2: 0.87

n=3: 0.9

n=4: 0.91

n=5: 0.9

Die Berechnungen zeigen, dass die größte Übereinstimmung bei der Verschiebungsannahme von 4 Wochen besteht, wobei die Werte im Intervall 3-5 Wochen alle sehr hoch sind. Mit der Annahme der Verschiebung mit n=4 Wochen ergibt sich folgendes Diagramm des prozentualen Anteils der Todesfälle an den Fallzahlen:

Prozentualer Anteil Todesfälle an Fallzahlen mit der Annahme, dass die Todesfälle den Fällen 4 Wochen hinterher hinken. Berechnung durch den Autor. Die Nr.1 = KW9, Nr.40 = KW47

Was sofort auffällt ist, dass die Zahlen der positiven Fälle in den KWs 9-10 gemessen an den tatsächlich Infizierten eindeutig zu niedrig waren; damals wurde offensichtlich zu wenig getestet. Ab ca. KW 34 stabilisieren sich die prozentualen Anteile auf einen durchschnittlichen Wert von 1.86. In den letzten Wochen ist der Anteil aber wieder bis über 3% angestiegen! Das könnte ein Hinweis sein, dass die tatsächliche Anzahl der positiv Infizierten deutlich höher ist als die gemessenen positiven Fälle.

UNTERSTELLTES PHASENMODELL

(Letzte Änderung: 24.4.2021)

Man kann — man muss! — sich bei all diesen Zahlen fragen, wie all diese Daten zusammenhängen. Als Laie habe ich folgende Hypothese formuliert:

  1. Positiv getestet, ohne Symptome: Quarantäne
  2. Positive getestet, leichte Symptome: Krankenhaus
  3. Positive getestet, schwere Symptome: Krankenhaus-Intensivstation

Ein etwas ausführlicheres Modell findet sich im Covid19-Simulator von Prof. Lehr (Uni Saarland). [25] Aber auch dieses Modell ist letztlich minimal einfach, da es quasi nur ‚die Spitze des Eisbergs‘ modelliert. Das komplexe Bedingungsgefüge für die benutzten Parameter bleibt außerhalb der Betrachtung. Dies ist eine fundamentale Lücke. Einfachheit garantiert nicht ohne weiteres Wahrheit.

TECHNISCHER ANHANG – KORRELATION VON DATENREIHEN

(Letzte Änderung: 27.Dezember 2020)

Hier vier Diagramme, die typische Korrelationsfälle darstellen. Für die Diskussion der Kurven der Corona-Fallzahlen und Corona Todesfälle ist der Fall der auf der Zeitachse verschobenen Werte interessant. Man sieht, wenn man die gleichen Werte auf der Zeitachse verschiebt, dann verringert sich der Zusammenhangswert von 1 auf 0,8. Im Fall der Corona-Fallzahlen und den Corona-Todesfällen wird angenommen, dass die Todesfälle auf Fallzahlen verweisen, die zeitlich vor den Todesfällen liegen. Dies bedeutet, dass sich die Korrelation der Datenreihen erhöhen müsste, wenn man die Zahl der Todesfälle auf der Zeitachse nach links verschiebt. Siehe dazu den Haupttext.(Benutze Werkzeuge: Tabellenprogramm von LibreOffice [14])

Zeitskala und Werte gleich
Zeitskala gleich, Werte ungleich
Zeitskala und Werte gleich
Zeitskala verschoben und Werte gleich
Anwendung der Korrelationsberechung auf F und T mit den Verschiebungen 0 – 5 Wochen. Darauf aufbauen die Berechnung des prozentualen Anteils der Todesfälle T an positiven Fällen F mit der Verschiebungsannahme von 4 Wochen. Berechnung durch den Autor

FORTSETZUNG FOLGT …

QUELLEN

(Letzte Änderung: 24.4.2021)

[1] Es handelt sich vor allem um die Seiten Der/Die Verschwörungstheoretiker*in neben dir. Emo-Meme haben wir alle … Corona – die große Gelegenheit und BEFREIUNGSTECHNOLOGIE – Warum befreien wir uns nicht?

[2] RKI Steckbrief SARS-CoV-2 Virus: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Virologische_Basisdaten.html;jsessionid=F24A58BC02F53B0281ADC04303935590.internet082

[3] RKI AG Influenza allgemein: URL: https://influenza.rki.de/; Saisonberichte URL: https://influenza.rki.de/Saisonbericht.aspx; dort jede Epidemie gesondert mit ausführlicher Darstellung!

[4] RKI Tabelle Fallzahlen und Todeszahlen KW1-KW47: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Fallzahlen_Kum_Tab.html

[5] Betreiber des Intensivregisters ist das RKI URL: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Intensivregister.html. Das Intensivregister selbst findet sich hier: URL: https://www.intensivregister.de/#/intensivregister. Dort auch weitere Diagramme, z.B. der Anteil der von Covit19 Patienten belegten Intensivbetten: https://www.intensivregister.de/#/aktuelle-lage/zeitreihen.

[6] Wikipedia-DE zu SARS-CoV-2: https://de.wikipedia.org/wiki/SARS-CoV-2 (17.Dez.2020)

[7] Wikipedia-DE zu PCR-Tests: https://de.wikipedia.org/wiki/SARS-CoV-2#Nachweismethoden (17.Dez.2020)

[8] Anschaulicher Bericht zur Praxis des PCR-Testens vom MDR: https://www.mdr.de/wissen/wie-zuverlaessig-sind-corona-tests-100.html (17.Dez.2020)

[9] Das National Center for Biotechnology Information: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/ (19.Dez.2020)

[10] Die nationalen Gesundheitsinstitute der USA: National Institutes of Health: https://www.nih.gov/ (19.Dez.2020)

[11] Die nationalen Gesundheitsinstitute der USA mit dem Schwerpunkt Corona: https://www.nih.gov/coronavirus (19.Dez.2020)

[12] Diskussions-Blog von Virologen: https://virological.org/ (Zuletzt: 22.Dez.2020)

[13] Pre-Prints aus dem Bereich Biologie (auch mit Virologie): https://www.biorxiv.org/ (zuletzt: 22.Dez.2020). Wegen der Aktualität gibt es eine eigene Sektion für SARS-CoV-2/Covi9-19: https://connect.biorxiv.org/relate/content/181 (zuletzt: 22.Dez.2020)

[14] Ich habe meine Korrelationsrechnungen mit dem Kalkulationsprogramm des freien Programms ‚LibreOffice‘ vorgenommen. Dieses Programm kann sich jeder kostenlos herunterladen und kann dadurch alle Rechnungen selber nachvollziehen (URL: https://de.libreoffice.org/). Leider konnte ich bei LibreOffice keine Dokumentation darüber finden, welche mathematische Formeln der Funktion ‚correl()‘ bzw. ‚KORREL()‘ unterlegt sind. Die beigefügten kleinen Tests (im technischen Anhang) zeigen, dass die Funktion sensitiv ist für Positionsverschiebungen und indifferent für die absoluten Werte auf einer Position ist. Die Frage der ‚genauen Definition‘ von Zusammenhangs-Koeffizienten ist allerdings keinesfalls trivial, da die Bedeutung von ‚Korrelation‘ je nach Kontext mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Annahmen differenziert werden kann, die jeweils — bei gleichen Zahlen — zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Sobald ich Zeit finde, werde ich für die Rechnungen in diesem Blogbeitrag zusätzlich ein kleines Programm in der Sprache python schreiben und dafür Korrelationsbegriffe samt den angegebenen mathematischen Formeln aus der Literatur benutzen. Im vorliegenden Fall der beiden Zahlenreihen zu ‚positiv gemeldeten Fällen‘ F und ‚Covid-19 Todesfällen‘ T wird sich aber an den Zusammenhangzahlen — aktuelle Arbeitshypothese — schwerlich etwas ändern.

[15] Spektrum der Wissenschaft, 30.12.2020: https://www.spektrum.de/wissen/corona-wie-ist-das-virus-zu-stoppen/1700384 (Zuletzt gesichtet: 1.1.2021)

[16] Spektrum der Wissenschaft . SciLogs. 30.Dez.2020: https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/covid19-den-worst-case-im-auge-behalten/?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

[17] Tagesspiegel, 6.Januar 2021: https://www.tagesspiegel.de/wissen/beginn-einer-neuen-pandemie-die-gefahr-der-virusmutante-wird-straeflich-unterschaetzt/26769788.html (zuletzt: 8.Januar 2021)

[17b] Tagesspiegel, 19.2.2021, So stark könnte die Zahl der Neuinfektionen wieder steigen, https://www.tagesspiegel.de/wissen/dritte-corona-welle-durch-b117-mutante-so-stark-koennte-die-zahl-der-neuinfektionen-wieder-steigen/26929162.html

[18] Statistisches Bundesamt, Sterbefälle – Übersterblichkeiit: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/sterbefallzahlen.html, Dazu die Tabellen der Jahre 2016 – 2020 parallel: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/Tabellen/sonderauswertung-sterbefaelle.html?nn=209016

[19] Chaolin Huang, MD Lixue Huang, MD , Yeming Wang, MD Xia Li, MD, Lili Ren, PhD, Xiaoying Gu, PhD, et.al., 6-month consequences of COVID-19 in patients discharged from hospital: a cohort study, Published:January 08, 2021, DOI:https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)32656-8, URL: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)32656-8/fulltext

[20] Marcel Pauly, Sieben-Tage-Inzidenz Welche Landkreise über dem Corona-Grenzwert liegenInzidenzzahlen. Hintergrundbericht des Spiegels vom 7.Dez. 2020: https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/corona-zahlen-welche-landkreise-ueber-dem-grenzwert-der-sieben-tage-inzidenz-liegen-a-e48c758d-d52a-4389-b881-f3ed78a4dab9

[21] Tagespsiegel, Berlin, Coronavirus-Karte Live Alle Corona-Fälle in den Landkreisen, Bundesländern und weltweit: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/karte-sars-cov-2-in-deutschland-landkreise/ (Dies ist eine extrem dataillierte Webseite mit sehr vielen Links zu weiteren speziellen Artikeln zur Erläuterungen. Hier eine Selbstbeschreibung der Quellen für diese Webseite: Damit das schneller geht, nutzt das Tagesspiegel Innovation Lab neben eigener Recherche das Prinzip des Crowdsourcing. Unter der Leitung der Firma Risklayer und des Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology am Karlsruher Institut für Technology (KIT) werden die Meldungen von knapp 400 einzelnen Websites der Kreisämter gesammelt und mehrfach verifiziert. Zweifelhafte Angaben werden von der Redaktion durch Anfragen bei den Behörden geprüft. Zusätzlich werden Daten des Robert Koch-Instituts und der Bundesländer herangezogen. So können wir lokale Entwicklungen und Ausbrüche meist schneller zeigen als andere.)

[22] Zeit, So ansteckend ist die Variante B.1.1.7 in Innenräumen, 12.Fbr. 2021, https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2021-02/corona-infektion-ansteckungsgefahr-coronavirus-mutation-b117-aerosole

[23] Prof.Dr. Walter Krämer, Febr.2021, Unstatistik des Monats Februar: Verwirrende Zahlen zur Coronasterblichkeit, https://www.hardingcenter.de/de/unstatistik/unstatistik-des-monats-februar-verwirrende-zahlen-zur-coronasterblichkeit

[24] https://nextstrain.org/: Nextstrain is an open-source project to harness the scientific and public health potential of pathogen genome data. We provide a continually-updated view of publicly available data alongside powerful analytic and visualization tools for use by the community. Our goal is to aid epidemiological understanding and improve outbreak response. If you have any questions, or simply want to say hi, please give us a shout at hello@nextstrain.org. (Zuletzt: 24.4.2021)

[25] Klinische Pharmazie, Universität des Saarlandes, Professor Dr. Thorsten Lehr, Universität des Saarlandes, Campus C2 2, 66123 Saarbrücken, Covid19-Simulator, Das Modell: https://covid-simulator.com/model/

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Stöcker: Das Experiment sind wir. Leseeindruck Teil 1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 10.Dezember 2020
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

Christian Stöcker, Das Experiment sind wir: Unsere Welt verändert sich so atemberaubend schnell, dass wir von Krise zu Krise taumeln. Wir müssen lernen, diese enorme Beschleunigung zu lenken, 2020, Herausgeber : Karl Blessing Verlag

VORWORT

Im Vorwort kündigt der Autor an, dass es in seinem Buch um die große Beschleunigung geht, die unsere Welt charakterisiert, die aber im Alltag kaum bemerkbar ist, weil wir Menschen uns aufgrund unserer großen Lernfähigkeit schnell an Veränderungen gewöhnen. Damit fallen uns viele Veränderungen nicht wirklich auf, obwohl sie stattfinden. Und fallen sie uns dann doch irgendwie auf, reagieren wir Menschen oft mit nostalgischen Attitüden, die uns unsere Vergangenheit verklären lassen, um den Druck des Neuen zu mindern, oder aber – die etwas radikalere Version – wir werden zu „Akzelerationalisten“, jene, die einen kommenden Zusammenbruch kommen sehen, ihn gar herbeisehnen und sogar durch Gewaltaktionen aktiv herbei zu führen suchen.

Patentrezepte will der Autor nicht anbieten, aber einige Themen, von denen er glaubt, dass sie in diesem Kontext wichtig sind. So verweist er auf „lernende Maschinen“, auf „unsere Vorstellung von Bildung, Biotechnologie und das Weltklima“, auf „Suchmaschinen, soziale Netzwerke und Psychologie“, „Informationstheorie und Achtsamkeit“. Weitere Themen, die er für zentral hält sind „neuronale Netze“, „DNA – Manipulation“, „kognitive Verzerrungen“ oder „Klima – Kipp – Punkte“.

Für den Autor hängen all diese Themen letztlich untereinander zusammen und er erhofft sich, dass daraus ein neues „Gesamtbild“ möglich wird, das es uns ermöglicht, unseren Platz als Menschen darin besser zu verstehen.

NACHWORT

Im Nachwort stellt er zunächst heraus, dass wir alle ein Produkt der Evolution sind, einem mittlerweile fast vier Milliarden Jahre andauerndem Prozess, der dem Universum – zumindest vorübergehend – eine wachsende Ordnung, eine wachsende Komplexität abringt. Für den Autor sind wir die einzige Spezies, die weiß, dass sie ein Produkt der Evolution ist, und die weiß wie klein und verletzlich der Planet Erde in dem gewaltigen, einsamen Universum ist. Wir sind aber auch die einzige Spezies, die mit der Kraft ihres Gehirns Technologien schaffen konnte, die in den letzten 200 Jahren, den Planeten nachhaltig ins Ungleichgewicht gebracht hat (Ozeane, Klima, …).

Die ungewöhnlich hoch ausgeprägte Lernfähigkeit paart sich mit der Fähigkeit zur sozialen Kooperation, die Erfahrung und Wissen über einzelne Gruppen und Generationen hinweg weiter geben und wirken lassen kann. Die strukturellen Prinzipien der Evolution wurden in neue Entwicklungsprinzipien übersetzt wie freier Wettbewerb und weltweite Bildung, Forschung und Medizin.

Der Autor hofft, dass diese Fähigkeiten ausreichen werden, dass wir als Menschen die aktuellen Herausforderungen meistern werden.

REFLEXION 1

Die Evolution als primäres Referenzsystem zu wählen, innerhalb deren sich die Phänomene des Lebens ereignen, erscheint angemessen. Dass die biologisch-strukturelle Evolutionsmechanismen vom Menschen – wie auch in einfacheren Formen von einigen anderen biologischen Lebensformen – durch eine Vielzahl immer komplexerer sozialer Kooperationsformen erweitert wurden, das erwähnt der Autor, aber es ist nicht erkennbar, dass er diese Dimension in seinen Überlegungen systematisch einbezogen hat.

Die von ihm angeschnittenen Themen heben stark ab auf neue Technologien, speziell auf neue Technologien der sogenannten künstlichen Intelligenz in der abgeschwächten Form des maschinellen Lernens. Prominent hier sind künstliche neuronale Netze wie jene von der google Firma Deepmind, die selbständig das Go-Spiel in wenigen Tagen so gut gelernt haben, dass sie die besten Spieler der Welt schlagen konnten (‚AlphaGo‘), oder das Programm ‚AlphaFold‘, das Proteinstrukturen und Antibiotika finden kann.

Betrachtet man die ungeheure Vielfalt menschlicher Aktivitäten, menschlichen Wissens, menschlicher Technologien, und berücksichtigt zugleich die wachsende Schwierigkeit des Menschen, mit seinen eigenen Produkten, mit der Vielfalt dieses Wissens so umzugehen, dass es allen Menschen gut geht, dass alle Menschen glücklich sein können, dass alle genügend ernährt sind, dass wir keine Ausgrenzungen und Kriege mehr haben, keine Umweltzerstörung usw. Dann kann – oder muss – man die Frage aufwerfen, ob einzelne spezielle Technologien ausreichen, eine ganze Lebensform, ja letztlich auch alle anderen Lebensformen (!) in einen Lebenszustand zu versetzen, der die reale Komplexität des Ganzen sowohl kognitiv wie auch physisch und emotional zu integrieren vermag.

Die heutigen neuen Technologien begrenzter künstlicher Intelligenz sind mit Sicherheit extrem wichtig, um das menschliche Denken zu ergänzen, aber die Frage, wie wir Menschen miteinander, gemeinsam Wissen erwerben, miteinander teilen und für alle nutzbringend anwenden liegt auf einem ganz anderen Komplexitätsniveau. Die Betonung der Geschwindigkeit durch den Autor — die alles betreffende exponentielle Beschleunigung — verweist auf einen wichtigen Aspekt, aber dieser Hinweis nützt wenig, wenn wir nicht in die Lage versetzt werden, damit gemeinsam und nachhaltig umzugehen. Ein kurzer Blick auf unsere täglichen Kommunikationssysteme wie auch unsere aktuelles Bildungssysteme (und unsere aktuellen politischen Prozesse, und …) zeigen unmissverständlich, dass wir aktuell in keiner Weise so aufgestellt sind, dass wir mit den anstehenden Problemen angemessen umgehen können. Die Wissenschaft selbst – irgendwie der heiße Kern unserer Rationalität – wird zur Zeit substantiell von ihrer eigenen Vielfalt gebeutelt. Immer mehr Spezialisierung, aber immer weniger Integration. An den Universitäten gibt es eine Vielzahl von Themen, aber keine Integration. Es gibt aktuell ja nicht einmal die leiseste Idee, wie eine Integration von Vielfalt konkret gelebt werden kann, ohne die Vielfalt dabei zu zerstören. Gewiss, wir haben viele Parolen – Interdisziplinarität, Diversität, Nachhaltigkeit, … – aber wir haben keinerlei methodischen Ansätze, wie dies im großen Maßstab bei der Vielfalt der Sprachen, Kulturen und sonstigen Systeme konkret funktionieren soll? AlphaGo, AlphaFold, und noch mehr spezielle Algorithmen könnten helfen, wenn wir gemeinsam wüssten, was wir zusammen denn wollen.

Für spezielle Aspekte unserer Gegenwart erscheint mir das Buch des Autors für alle die, die sich da noch nicht auskennen, sehr hilfreich. Für die zentrale Frage nach einer neuen Kultur des integrierten Handelns bei Vielfalt sehe ich in diesem Buch auf den ersten Blick aber keine Ansätze. Der ganze Komplex humaner Kognition mit Emotion, weitgehend eingebettet in unbewusste Gehirnprozesse, kooperativ nur über Kommunikation, fehlt für mich auf den ersten Blick weitgehend.

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SW. Software? Müssen wir umdenken? Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 5.Dezember 2020
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KLASSISCH: MENSCH – TECHNIK DICHOTOMIE

Im Alltag wie in der Wissenschaft findet sich immer noch eine starke Tendenz, die Technik dem Menschen, der Gesellschaft gegenüber zu stellen. Stattdessen Technik gar als Teil der Kultur zu sehen ist für viele — speziell für die Feuilletons gewisser Zeitungen — eher fern. Technik wird assoziiert mit Werkzeugen, mit Maschinen und die sind im Gewohnheitsdenken artfremd, nicht biologisch, haben nichts mit dem Menschen zu tun.

ARTFREMDE MASCHINEN?

Unter dem Eindruck der rapide voranschreitenden Digitalisierung könnte man aber ins Grübeln kommen: in mittlerweile fast allen Lebensbereichen verändert sich das Verhalten von uns Menschen. Mehr und mehr zeigen wir Verhaltensweisen, die wir früher — wer kennt das Früher noch? — ohne digitale Technologien vollzogen haben (dann natürlich leicht anders), die wir jetzt aber mit Hilfe von digitalen Technologien vollziehen. Das ‚Technische‘, die sogenannten ‚Maschinen‘, nehmen wir als solche gar nicht mehr wahr; wir schreiben einen Text (wenn wir den Computer benutzen), wir erstellen eine 3D-Zeichnung eines Gebäudes (wenn wir einen Computer benutzen), wir führen einen Workshop durch (wenn wir eine Web-Konferenz-Software benutzen), wir machen Musik (wenn wir eine Musik-Software benutzen), ….

Das Technisch hat sich gewandelt. Die alten, klassischen Maschinen treten mehr und mehr in den Hintergrund. Da ist etwas Neues, das nennen wir Software [SW]. Was ist Software? Die Informatiker, die zuständigen Experten für Software, sprechen zwar unter sich auch im Fall von Software von Automaten, die Befehle verarbeiten, den Programmen, die die Automaten steuern, aber für den potentiellen Anwender, den Benutzer, den Bürger, spielt der Automat kaum eine Rolle. Es sind diese Befehlslisten, die Programme, die die Automaten dazu bringen, in ihren Interaktionen mit den Anwendern für diese Anwender eine Menge von möglichen Handlungen anzubieten, die — zusammengenommen — eine Art von Verhaltensraum aufspannen. Dieser Verhaltensraum wird realisiert, indem Menschen — WIR! — genau die Handlungen ausführen, die ein Programm (die Software) ermöglicht.

Die Maschine, die als Hardware die Ausführung von Programmen möglich macht (der Computer) tritt dadurch zurück ins zweite Glied. Irgendwie ist er noch da, aber aus Sicht der Anwender (Bürger, WIR), spielt er keine wirkliche Rolle mehr. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das Verhalten, das WIR dadurch vollziehen können. Je besser die Schnittstelle (das Interface) zur Hardware (zum Computer), desto weniger fällt der Computer als Medium noch auf.

DIGITAL VERSCHRÄNKTE MENSCHEN

Von den Quantentheoretikern wissen wir, dass sie von verschränkten Teilchen reden. Aber, warum so weit schweifen: in unserem Alltag praktizieren wir schon seit langem digital verschränkte Zustände: wenn wir an verschiedenen Orten dieser Welt zur gleichen Zeit miteinander — ermöglicht durch digitale Technologien — kommunizieren, gemeinsam denken, gemeinsam Entscheidungen fällen, dann handeln wir schon lange nicht mehr als Individuen, nicht als einzelne, sondern wir sind faktisch verschränkte Einzelne und darin bilden wir eine neuartige verschränkte Persönlichkeit. Verschränkte Persönlichkeiten verhalten sich völlig anders als es die einzelnen Personen tun würden, wenn sie eben nicht verschränkt sind. Vermutlich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Mitglieder einer verschränkten Persönlichkeit und spezifischen Verhaltensweisen, möglicherweise auch abhängig von anderen Parametern, z.B. die Art und Weise, wie kommuniziert wird, aber der grundsätzliche Unterschied wird dadurch nicht verwischt.

Übrigens: auch ohne Digitalisierung gab und gibt es quasi verschränkte Persönlichkeiten dadurch, dass wir als einzelne Menschen in hohem Maße Verhaltensmuster verinnerlicht haben, denen wir im Alltag folgen. Beim Einkaufen, als Busfahrer, als Fahrgast , als Abteilungsleiter, als Manager, als … unser Alltag ist durchtränkt von sogenannten Konventionen, von Rollen — die Informatiker bezeichnen solche Muster als Skripte, als Protokolle, ja als Programme — , denen wir in unserem Verhalten folgen. Die Verschränkung ist in unserem Kopf abgelegt (beim Computer würden wir davon sprechen, dass er programmiert sei). Ohne diese verinnerlichten Verschränkungen würde unser Alltag zusammenbrechen. Wir sind darauf angewiesen, dass jeder bestimmten Protokollen in seinem Kopf folgt, ansonsten würde unser Alltag weitgehend unberechenbar, unplanbar, wir selber könnten nichts mehr tun, weil all das, was wir für unser Verhalten brauchen, ja weitgehend davon abhängt, dass die anderen ihren Part erfüllen.

Die Die digital ermöglichten Verschränkungen sind insofern nur ein anderer Modus für unsere menschliche Fähigkeit, mit verschränkten Gehirnen handeln zu können. Das ist das Wesentliche Menschlicher Kultur: dass sich Gehirne aus ihrer Isolation im Körper befreien können, indem sie koordiniert handeln können. Die sogenannte Feuilleton-Kultur erscheint mir eher wie ein merkwürdiger Artefakt eines verirrten Bürgertums, das es so sowieso nicht mehr gibt. Eine Kultur von ortlosen Gefühlen, die sich einer willkürlichen Sprache bedienen, klammert sich an sich selbst, ohne wirkliche Ziele zu haben. Das Leben selbst ist aber nicht ziellos, es ist auch nicht ortlos, es ist nicht beliebig. Es verdichtet sich in Verschränkungen, zu denen Technik genuin beiträgt, indem neue Formen von Leben entstehen, dichter, intensiver, weitreichender. Unsere Verantwortung ist hier in höchstem Maße gefragt, auf eine Weise, die wir immer wieder neu erst noch lernen müssen.

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