MEDITATION ALS UNIVERSELLE SCHNITTSTELLE des Lebens zu sich selbst? Erste Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

23.-25.Februar 2020

KONTEXT

Der Verfasser dieses Textes hat sei dem Sommersemester 2017 zusammen mit anderen Kollegen*innen sechs reguläre Lehrveranstaltungen mit dem Thema Meditation als kulturelle Praxis an einer deutschen Hochschule ausprobieren können. Zusätzlich konnten an der Hochschule zwei Kongresse durchgeführt werden, und ein erstes Büchlein zum Thema — zusammen mit zwei anderen Autoren — erschien 2018. Diese Erfahrungs- und Denkprozesse eröffnen, langsam aber doch, einen neuen Blick auf das Thema Meditation in der Gesellschaft, einen Blick, in dem alte wie neue Positionen in einem neuen Licht erscheinen.

MEDITATION IM HISTORISCHEN KONTEXT

Meditation im Geflecht der Gesellschaft

Das Phänomen Meditation hat eine lange und vielffältige Geschichte. Weit gefasst ist Meditation Teil der allgemeinen Kulturgeschichte des Menschen und reicht soweit zurück, soweit es Zeugnisse von Menschen gibt. Will man Meditation enger fassen und es nur auf jene kulturellen Kontexte beschränken, in denen man explizit von Religion spricht, dann hat man dennoch viele Jahrtausende zu berücksichtigen bis hin zu den Anfängen der verschiedenen Religionen, und diese reichen mindestens 7000 Jahre zurück, von heute aus (2020) gerechnet.

MEDITATION EIN EIGENSTÄNDIGER FAKTOR?

Doch solche Zuweisungen des Phänomens Meditation zu bestitmmten kulturellen Mustern, speziell zu den klassischen Formen von Religion, können zufälliger Natur sein. Zufällig in dem Sinne, dass das Phänomen Meditation als solches zwar auch ohne eine explizite Religion praktiziert werden kann, dass es aber in der Vergangenheit aufgrund der starken Dominanz von religiösen Anschauungen und Mustern kaum vorstellbar war, Meditation ohne direkten Bezug zu einer der existierenden und sozial wirksamen Religion zu praktizieren. So kann es sein, dass die überlieferte enge Beziehung zwischen Meditation und Religion uns einen Zusammenhang vorspielt, der so möglicherweise gar nicht notwendigerweise bestehen muss.

Wenn die Arbeitshypothese stimmen würde, dass das Phänomen Meditation als solches nicht notwendigerweise eine bestimmte Religion voraussetzt, dann wäre es interessant zu untersuchen, wie das Verhältnis zwischen beiden, zwischen Religion und Meditation, in der Vergangenheit tatsächlich war. Schon erste Analysen liefern viele Indizien dafür, dass alle Religionen sich mit dem Phänomen Meditation schwer getan haben! In positiven Fällen konnte die Meditation das religiöse Grundgefühl, die Spiritualität, beleben, intensivieren, anregen. In negativen Fällen — und die gab es zahlreich — konnte die persönliche Meditation eines Menchen den Meditierenden aufgrund seiner Selbsterfahrung in vielfältige Spannungen mit den offiziellen religiösen Praktiken und religiösen Lehren führen. So kann man anhand vieler historisch belegter Erneuerungsbewegungen sehen, dass diese Bewegungen, angetrieben von starken individuellen inneren Ereignissen, nicht nur zu positiven Bereicherungen in der eigenen Lebenserfahrung geführt haben, sondern allzuoft auch zu Spannungen, Verurteilungen, Verfolgungen und Kriegen.

Dort, wo solche Erneuerungsbewegungen den Kampf mit den bestehenden Religionen überlebt haben, finden sich dann neue Varianten von Religionen, die bis in unsere Zeit hinein reichen. Man betrachte nur die vielen Varianten die sich beispielsweise unter den großen Überschriften Hinduismus, Judentum, Buddhsmus, Christentum und Islam ausgebildet haben, und deren Miteinander bis heute nicht spannungsfrei ist.

Aus diesen historischen Gegebenheiten kann sich die Arbeitshypothese ermutigt fühlen, anzunehmen, dass das Phänomen der Meditation offensichtlich nicht so neutral gegenüber Weltinterpretationen — auch religiösen — ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

MEDITATION ALS EREIGNISHORIZONT

Es gibt bis heute keine allgemein akzeptierte Definition von Meditation. In diesem Text wird angenommen, dass beim Meditieren ein Mensch sich an einem bestimmten Ort befindet, für sich ein wenig Zeit hat, in der er nach außen nichts leisten muss, und er eine bestimmte körperliche Haltung einnimmt, die für die Dauer des Meditierens günstig ist (Anmerkung: für eine von vielen mögliche Experimentieranordnung siehe diesen Blogeintrag).

Entscheidend beim Meditieren ist aber nicht die Körperhaltung und nicht der physikalische Ort, sondern das innere Geschehen im Meditierenden.

Der primäre Zugang des einzelnen zu seinem eigenen Erleben ist die Perspektive seines eigenen Bewusstseins, mit der sich die erste-Person Perspektive begründet. Zu unterscheiden davon ist die dritte-Person Perspektive, jene des Alltags und der empirischen Wissenschaften. Die erste-Person Perspektive ist aus Sicht der dritten-Person Perspektive prinzipiell unzugänglich.

DEUTUNGSHOHEIT

Bei der Frage, wie man den Ereignisraum, der sich in der ersten-Person Perspektive eröffnet, deuten will bzw. kann, sind eigentlich alle existierenden Deutungs-Paradigmen gefordert. Sowohl die bekannten überlieferten Religionen mit ihren verschiedenen historischen Ausprägungen, wie auch alle neueren Entwicklungen wie die empirischen Wissenschaften; dazu aber auch die klassische Perspektive der Philosophie, die als geistiges Hintergrundrauschen jegliches Denken des Menschen begleitet, und auch für die modernen empirischen Wissenschaften weiterhin konstitutiv ist, auch wenn diese selbst dies nicht so sehen bzw. nicht so sehen wollen. Aber schon einfache Analysen zeigen, dass empirische Disziplinen spezielle Sichten mit massiven Voraussetzungen sind, die sie selbst nicht reflektieren. Außerdem fehlt den empirischen Disziplinen das Instrumentarium, ihre eigene Integration zu denken. Analoges gilt für das Verhältnis der Philosophie zu den verschiedenen religiösen Deutungsmodellen. Auch eine einzelne Religion kann die allgemeinen Bedingungen des Lebens und Denkens nicht einfach auflösen oder willkürlich hin und her definieren. Wer will kann anhand der Geistesgeschichte betrachten, wie die ganz großen religiösen Strömungen, die 1500 Jahre oder älter sind, im Laufe der Zeit sich mit ganz unterschiedlichen Denkkonzepten verbunden haben, Denkkonzeten, die nicht immer miteinander kompatibel waren; die zu Neuinterpretationen der religiösen Inhalte geführt haben bis dahin, dass sich neue Varianten des Religiösen bildeten.

Schließlich ist zu berücksichtigen, dass es viele — zumindest partiell — post-religiöse Gesellschaften gibt, in denen Erkenntnisse und Erfahrungen aus allen Dimensionen in neue Formen des Zusammenlebens und Weltdeutens eingeflossen sind. So ist es eine interessante Hypothese, dass die modernen Demokratie-Konzepte letztlich eine Weiterentwicklung der großen religiösen, der wissenschaftlichen und der vielen anderen Dimensionen darstellt, in der z.B. Meditation nicht nur möglich, sondern möglicherweise sogar fundamental ist für eine fundierte menschenfreundliche demokratische Gesellschaft. Die überlieferten Formen von Religion haben naurgemäß ein Problem mit Demokratien als einer modernen Form von Religion. Während sich moderne demokratische Gesellschaften aus intensiven historischen Prozessen von vielen Jahrhunderten Dauer herausgearbeitet haben, sind die klassischen Religionen einfach stehen geblieben. Sie haben sich geistig einen Stillstand verordnet und verharren in einer Verweigerungshaltung in der Hoffnung, dass sie irgendwann wieder genug Macht haben, die Dinge in ihrem Sinne zu ordnen. Während Demokratien eine Toleranzregel erschaffen haben, die den alten Religionen Lebensraum gewährt, tun sich die alten Religionen mit echter Toleranz schwer.

KONZIL DER WAHRHEIT

Die Gegenwart lehrt uns, dass eine mögliche Zukunft bei den heutigen Gegebenheiten ohne ein intensives, konstruktives Miteinander nicht möglich sein wird.

Bislang leisten sich die vielen Weltdeutungsperspektiven (Religionen, Wissenschaften, Alltagsparadigmen, …) den Luxus, nebeneinander zu koexistieren ohne die Fähigkeit und ohne die ernsthafte Bereitschaft, den gemeinsamen Wahrheitskern aktiv zu klären.

Eine Folge dieser Abschottung ist die Existenz von Abgrenzungen, und daraus resultierenden Feindbildern.

Eine Auflösung der Frontenbildung bei gleichzeitig wachsendem gemeinsamen Verständnis eines gemeinsamen Wahrheitskerns kann nur über einen kontinuierlichen offenen Dialog gelingen, an dem sich alle beteiligen können, aber nicht als Ideologen mit einer festen vorgefassten Meinung, sondern als Menschen mit einem offenen Ereignishorizont, dessen Deutung gemeinschaftlich erfolgt basierend auf primären Erfahrungen. Da Deutungen nicht denknotwendig sind, sondern immer experimentell, versuchsweise sind, ist weder klar, wie lange solch ein Prozess dauern wird, noch ob er tatsächlich zu einem für alle befriedigenden Ergebnis führen kann.

Irgendwo muss der Prozess anfangen. Irgendwo muss es Menschen geben, die sich zugestehen, dass sie Menschen sind mit einer tiefsitzenden Freiheit. Und es muss klar sein, dass es um uns alle geht, dass jeder qua Mensch dazu gehört, und dass Wahrheit etwas ist, was nicht wir dekretieren, sondern etas, das wir vorfinden, verbindlich für alle. Insofern die Freiheit selbst ein Teil der Wahrheit ist, ist Wahrheit kein toter Gegenstand, sondern ein möglicher Prozess, dessen grundlegende Schnittstelle unsere Selbsterfahrung ist, zu der Meditation einen Zugang (als Schnitstelle) liefern kann, aber nicht die fertige Lösung. Zukunft ist nicht irgend ein Objekt. Zukunft ist ein in Freiheit möglicher neuer emergenter Zustand, den vorab zu kennen prinzipiell unmöglich ist. Vor allem, Zukunft ist nicht nur Kognition; Zukunft ist von allem etwas und darin noch einmal mehr. Das klassische Wort vom Himmel deutet in diese Richtung, ist aber im bisherigen Gebrauch in einer Weise dumm, die schwerlich weiter zu unterbieten ist.

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HANAU – WAHRHEIT, ANGSTHEIT, WUTHEIT, …Warum wir so schwer zueinander finden

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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Sa 22.Februar 2020

In diesen Tagen ist wieder einmal das passiert, was in den letzten Jahren immer wieder passiert ist: Nachbarn, Freunde, Väter, Schwestern, Mütter, Brüder, …. werden aus dem Nichts von einem anderen Menschen ohne Vorwarnung einfach niedergeschossen. Das ist eine Form von Sinnlosigkeit, eine Form von Schmerz, von Trauer, für die es eigentlich keine Worte gibt.

Worte sind eigentlich dazu da, dass sie uns untereinander verbinden, dass sie uns helfen, einander zu verstehen, Vertrauen zu schaffen, gemeinsames Erleben, gemeinsames Wollen, gemeinsames Leben besser zu ermöglichen, Freunde sein zu können, Partner*innen…

Solche Todesereignisse sind schlicht furchtbar; sie werden noch furchtbarer, wenn man den Blick hebt, um sich schaut, und feststellen muss, dass zur gleichen Zeit wo hier die einen Menschen sinnlos sterben, an anderen Orten viele Tausend, ja Tausende an Kindern, Frauen und Männer von anderen Menschen — Männern !!! — gnadenlos in den Tod und ins Elend geschossen und gebombt werden (Syrien …), dass …. die Liste der Schrecken würde sehr lang, wollte man alle aufzählen.

Im Fall von Hanau wissen wir mittlerweile, dass es ein einzelner Mensch war, ein Mann, der in seinem Kopf, in sich, in seinem Innern, ein Bild von der Welt, von den anderen Menschen, von sich selbst mit sich herum trug, das düster war, voller Gegensätze und Hass, Bilder, die wie eine Brille wirkten, durch die er eine Welt sah, seine Welt, die in ihm Gefühle angezogen hat, die durch diese Brille gelenkt wurden.

In seiner Welt da drin, in ihm, in seinem Kopf, gab es offensichtlich keine wirklichen Freunde, keine Liebe zu Menschen, keine Hoffnung, keine klugen Idee, wie man sein eigenes Leben in dieser Welt zusammen mit anderen sinnvoll gestalten kann. Es gab scheinbar nur Gegensätze, Bosheiten, bedrohliche Andere, Menschen (z.B. Frauen), die er verachtete… in seiner Welt in seinem Kopf war er alleine, verloren, einsam, voller Enttäuschungen und Schmerzen …

Das Wort WAHRHEIT, das Menschen schon seit Jahrtausenden benutzen, bringt zum Ausdruck, dass es zwischen den Bildern in unserem Kopf und der Welt ‚da draußen‘ eine Korrespondenz geben kann, eine Ähnlichkeit, eine Übereinstimmung. In diesem Fall wissen wir, dass unsere inneren Bilder mit der Welt da draußen harmonieren. In unserem Kopf sehen wir einen Baum, und da draußen gibt es auch einen Baum.

Hier, bei dieser Übereinstimmung, gibt es aber eine Besonderheit: der Baum ‚da draußen‘ … zeigt sich uns nur in der Form von sinnlichen Wahrnehmungen! Unsere Augen produzieren Signale an das Gehirn, und das Gehirn fügt diese Signale zu einem Muster zusammen, zu einem neuronalen Konstrukt, das für uns das repräsentiert, das wir mit dem Wort ‚Baum‘ dann verknüpfen. Wir sehen also nicht den Baum selbst, sondern wir haben nur seine ‚Wirkung auf unsere Sinnesorgane‘ und durch ‚die Art und Weise, wie das Gehirn Sinneseindrücke verarbeitet‘! Den Baum selbst — oder die vielen anderen Objekte unsere umgebenden Welt — sehen wir nicht! Auch wenn dieser Gedanke für viele Menschen befremdlich wirken kann, letztlich muss es kein Problem sein. Unser Gehirn hatte viele Millionen Jahre — sogar mehrere hunderte von Millionen Jahren — Zeit, sich so zu entwickeln, dass es die Sinneseindrücke so ‚deutet‘, dass unser Verhalten in der realen Welt so gut funktioniert, als ob der Baum — oder die anderen Gegenstände — tatsächlich in unserem Kopf, in unserem Innern sind.

Im Alltag können wir den Unterschied zwischen einem ‚Objekt im Kopf‘ und dem unterstellten ‚Objekt da draußen‘ leicht bemerken. Wenn ich an den Kühlschrank gehe, um die Butter zu holen, und da ist keine Butter mehr. Ich bin erstaunt, weil in meinem Kopf noch eine Butter im Kühlschrank ist. Aber dann erinnere ich mich — nicht immer 🙂 –, dass ich ja vergessen hatte, neue Butter zu kaufen, weil ich mit etwas anderem beschäftigt war. Die Welt in unserem Kopf und die Welt ‚da draußen‘ sind nicht identisch, sie können sich unterscheiden.

Und, die Sache kann kompliziert werden: wenn das, was ich sinnlich wahrnehmen kann, z.B. ein bestimmtes Geräusch, nicht eindeutig ist, d.h. das Geräusch könnte von verschiedenen Situationen herrühren, z.B. von einem Tier, das sich da bewegt, von irgendwelchen Materialien, von einem Menschen … mein Gedächtnis fängt dann fieberhaft an zu arbeiten, und versucht heraus zu finden, mit welcher Erinnerung dieses Geräusch am besten passt. Man hört eine Melodie und denkt dann, dass es der Song X von Künstler Y ist. Und seiner Freundin am Telefon sagt man dann vielleicht spontan, Ah, ich habe gerade Song X von Künstler Y gehört … und dann war es vielleicht doch ein anderer Song … und man merkt es gar nicht … aber als Erinnerung bleibt, dass man Song X gehört hat…

Oder man liest von einem furchtbaren Ereignis im Internet; man ist aufgewühlt, vielleicht traurig und zornig. Es werden Orte und Personen genannt; die Personen werden mit bestimmten Geschlechtern, Rollen in Verbindung gebracht; den Personen werden weitere Eigenschaften zugeschrieben, und dann entstehen im Kopf die Bilder von ‚Rechten‘, ‚Linken‘, ‚Republikanern‘, ‚Demokraten‘, ‚Gotteskriegern‘, ‚Konservativen‘, ‚Fundamentalisten‘, ‚Orthodoxen‘, …. man hat sie noch nie selbst gesehen, man hat noch nie mit ihnen gesprochen, letztlich weiß man gar nicht, ob die, die das getan haben, tatsächlich diese waren, aber der Text im Internet erweckt den Eindruck, und dann sind sie da, in mir, in meinem Kopf, die Bösen, die das alles tun, die die Welt bevölkern,… Diese Bösen sind in meinem Kopf, und möglicherweise ist es falsch, möglicherweise ereignet sich jetzt FALSCHHEIT: meine Bilder in meinem Kopf stimmen nicht überein mit der Welt da draußen, aber für mich sind diese Bilder real. Ich fange an, an meine eigenen falschen Bilder zu glauben. Niemand hilft mir, den Irrtum zu entdecken.

Vielleicht will ich auch gar nicht, dass mir jemand hilft; vielleicht habe ich so starke ÄNGSTE in mir, dass ich nach Bildern suche, die meinen Ängsten eine Heimat geben? Wenn alles so unübersichtlich erscheint, so fremd, ich mir alleine vorkomme, und dann gibt es andere, die sich auch alleine und hilflos fühlen, dann stiftet schon alleine das Erlebnis der anderen etwas Gemeinschaft, Solidarität, Verbundenheit, was Ängste mildert. Und dann gibt es die einen, die etwas erzählen, und die anderen, und dann werden Bilder in den Raum gestellt von möglichen Ursachen, von möglichen Tätern, von möglichen Bedrohungen, und schon kann es passieren, dass die eigenen Ängste in diesen Bildern eine Heimat finden. Mit einem Mal haben meine Ängste Bilder in meinem Kopf, in denen sie sich verstanden fühlen. Das ist dann nicht Wahrheit — weil die Welt tatsächlich gar nicht so ist, wie die Bilder es nahelegen –, sondern das ist ANGSTHEIT: die Bilder sind so, wie meine Ängste sind!

Und, ja, wir kennen dies alle: man kann sich ärgern über etwas, manche Menschen geraten regelrecht in Wutzustände, sie werden aggressiv und können hassen. Damit verlieren sie stückweise die Kontrolle über sich, über ihr Denken. Und ähnlich wie im Fall der Angst sucht die Wut ihre Heimat, sucht sie die Bilder von der Welt, an denen sie sich fest machen kann, die ihr Bestätigung liefert, eine Berechtigung, wütend zu sein. Und wenn man dann andere findet, die auch wütend sind, die auch nach Bildern suchen, dann kann es schnell passieren, dass man sich in bestimmten Bildern vereint. Man teilt dann bestimmte Bilder im Kopf, die so vielleicht gar keine Entsprechung in der Welt ‚da draußen‘ haben, sie sind also nicht wahr, es gibt keine Wahrheit, aber es gibt dann WUTHEIT: es gibt Bilder, die der eigenen Wut eine Heimat geben.

Und man ahnt schon, dass dieses Prinzip, dass unsere dominanten Gefühle, Emotionen darüber entscheiden, welche Bilder im Kopf willkommen sind, sehr stark, sehr verbreitet ist. ‚Fundamentalisten‘ sind Menschen, die bestimmten Glaubensformen anhängen, obwohl die eigenen Texte und die Welt eigentlich etwas ganz anderes sagen. ‚Orthodoxe‘ sind Menschen, die bestimmte Anschauungen hoch halten, obwohl bei näherer Betrachtung, die Welt ‚da draußen‘ sich ganz anders verhält, usw.

Diese ‚Bilder im Kopf‘ — bei wem auch immer — können also sehr gefährlich sein, sie sind gefährlich, und sie haben in der Vergangenheit unendlich viel Unheil, Elend, und Schmerzen über die Menschheit gebracht. Die meisten Menschen merken nicht, dass ihre Bilder im Kopf falsch sind, Angst getrieben, durch Wut motiviert; die Bilder sind da, in ihrem Kopf, und sie glauben, nur weil die Bilder in ihrem Kopf sind, sind sie WAHR, obwohl sie FALSCH sind.

Wir sprechen heute viel über Bakterien und Viren, die man mit normalem Auge nicht sehen kann, die in unseren Körper eindringen können und dort die Zellen unseres Körpers überlisten, sie sich dort einnisten, vermehren, und letztlich den Körper schwer schädigen oder gar zu Tode bringen können.

Die FALSCHEN BILDER im Kopf sind nicht weniger gefährlich: sie stinken nicht, sie tun nicht weh, man kann ihnen selbst nicht ansehen, dass sie falsch sind. Man braucht sehr viel Aufmerksamkeit, man braucht ein intensives Training, um sie überhaupt erkenne zu können, und vor allem braucht man auch andere Menschen, die das auch sehen, die mit einem zusammen um die Wahrheit ringen. In er menschlichen Kulturgeschichte nennt man die RICHTIGEN WAHREN BILDER Wissen, Wissenschaft, Bildung. Die Menschen haben Jahrtausende, viele Jahrtausende gebraucht, bis sie gelernt haben, wie man gemeinsam WAHRES WISSEN erarbeiten und nutzen kann. Im Moment erleben wir, wie die Menschheit an einem historischen Höhepunkt ihrer Technologie dabei ist, die Grundlagen ihrer Erfolge, ihr WAHRES WISSEN zu Tiefstpreisen zu verschleudern. …

Es ist unübersehbar, dass die WAHRE DEMOKRATISCHE BILDUNG in allen Schichten der Gesellschaft zu schwach ist. Es ist unübersehbar, dass unser politisches System deutliche Spuren des ‚Unterbelichtetseins‘ zeigt. Während die noch herrschenden Parteien und Minister auf die anderen zeigen, als die Bösen, versagen sie selbst in elementaren demokratischen Aufgaben … sind sie selbst ‚böse‘? Sind sie einfach nur ‚unfähig‘ weil sie auch falsche Bilder im Kopf haben? Letztlich kommt es auf das Gleiche heraus: Sie tun nicht das, was in der aktuellen Situation zu tun wäre. Diese Unfähigkeit spüren alle, und dies erzeugt Unsicherheit, untergräbt das Vertrauen in das politische System, und erzeugt Ängste…

Eine einfache Lösung gibt es in solchen Situationen nicht. Sie sind auch nicht neu. In der Geschichte gab es solche Situationen immer wieder, überall. Patentlösungen gibt es nicht. Gefragt sind mutige Menschen, kreative innovative Menschen, Menschen die über den Tellerrand schauen können, Menschen, die sich nicht von blinden Emotionen leiten lassen sondern durch Klugheit, Besonnenheit, hilfreichen Erfahrungen, durch Wertschätzung für andere Menschen …. Falschheit, Angstheit, Wutheit … dies alles macht es nur noch schlimmer.

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VERANTWORTUNGSBEWUSSTE DIGITALISIERUNG: Fortsezung 1

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So 16.Februar 2020

KONTEXT DEMOKRATIE

In einem vorausgehenden Beitrag hatte ich am Beispiel der Demokratie aufgezeigt, welche zentrale Rolle eine gemeinsame funktionierende Öffentlichkeit spielt. Ohne eine solche ist Demokratie nicht möglich. Entspechend der Komplexität einer Gesellschaft muss die große Mehrheit der Bürger daher über ein hinreichendes Wissen verfügen, um sich qualifiziert am Diskurs beteiligen und auf dieser Basis am Geschehen verantwortungsvoll partizipieren zu können. Eine solche Öffentlichkeit samt notwendigem Bildungsstand scheint in den noch existierenden Demokratien stark gefährdet zu sein. Nicht ausdrücklich erwähnt wurde in diesem Beitrag die Notwendigkeit von solchen Emotionen und Motivationen, die für das Erkennen, Kommunizieren und Handeln gebraucht werden; ohne diese nützt das beste Wissen nichts.

KONTEXT DIGITALISIERUNG

In einem Folgebeitrag hatte ich das Phänomen der Digitalisierung aus der Sicht des Benutzers skizziert, wie eine neue Technologie immer mehr eine Symbiose mit dem Leben der Gesellschaft eingeht, einer Symbiose, der man sich kaum oder gar nicht mehr entziehen kann. Wo wird dies hinführen? Löst sich unsere demokratische Gesellschaft als Demokratie schleichend auf? Haben wir überhaupt noch eine funktionierende Demokratie?

PARTIZIPATION OHNE DEMOKRATIE?

Mitten in den Diskussionen zu diesen Fragen erreichte mich das neue Buch von Manfred Faßler Partizipation ohne Demokratie (2020), Fink Verlag, Paderborn (DE). Bislang konnte ich Kap.1 lesen. In großer Intensität, mit einem in Jahrzehnten erarbeiteten Verständnis des Phänomens Digitalisierung und Demokratie, entwirft Manfred Faßler in diesem Kapitel eine packende Analyse der Auswirkungen des Phänomens Digitalisierung auf die Gesellschaft, speziell auch auf eine demokratische Gesellschaft. Als Grundidee entnehme ich diesem Kapitel, dass der Benutzer (User) in Interaktion mit den neuen digitalen Räumen subjektiv zwar viele Aspekte seiner realweltlichen sozialen Interaktionen wiederfindet, aber tatsächlich ist dies eine gefährliche Illusion: während jeder User im realweltlichen Leben als Bürger in einer realen demokratischen Gesellschaft lebt, wo es der Intention der Verfassung nach klare Rechte gibt, Verantwortlichkeiten, Transparenz, Kontrolle von Macht, ist der Bürger in den aktuellen digitalen Räumen kein Bürger, sondern ein User, der nahezu keine Rechte hat. Als User glaubt man zwar, dass man weiter ein Bürger ist, aber die individuellen Interaktionen mit dem digitalen Raum bewegen sich in einem weitgehend rechtlosen und demokratiefreiem Raum. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen kaschieren diesen Zustand durch unendliche lange Texte, die kaum einer versteht; sprechen dem User nahezu alle Rechte ab, und lassen sich kaum bis gar nicht einklagen, jedenfalls nicht in einem Format, das der User praktisch einlösen könnte. Dazu kommt, dass der digitale Raum des Users ein geliehener Raum ist; die realen Maschinen und Verfügungsgewalten liegen bei Eignern, die jenseits der gewohnten politischen Strukturen angesiedelt sind, die sich eher keiner demokratischen Ordnung verpflichtet fühlen, und die diese Verfügungsgewalt — so zeigt es die jüngste Geschichte — skrupellos an jeden verkaufen, der dafür Geld bezahlt, egal, was er damit macht.

Das bisherige politische System scheint die Urgewalt dieser Prozesse noch kaum realisiert zu haben. Es denkt noch immer in den klassischen Kategorien von Gesellschaft und Demokratie und merkt nicht, wie Grundpfeiler der Demokratie täglich immer mehr erodieren. Kapitel 1 von Faßlers Buch ist hier schonungslos konkret und klar.

LAGEPLAN DEMOKRATISCHE DIGITALISIERUNG

Möglicher Lageplan zur Auseinandersetzung zwischen nicht-demokratischer und demokratischer Digitalisierung

Erschreckend ist, wie einfach die Strategie funktioniert, den einzelnen bei seinen individuellen privaten Bedürfnissen abzuholen, ihm vorzugaukeln, er lebe in den aktuellen digitalen Räumen so wie er auch sonst als Bürger lebe, nur schneller, leichter, sogar freier von üblichen analogen Zwängen, obwohl er im Netz vieler wichtiger realer Recht beraubt wird, bis hin zu Sachverhalten und Aktionen, die nicht nur nicht demokratisch sind, sondern sogar in ihrer Wirkung eine reale Demokratie auflösen können; alles ohne Kanonendonner.

Es mag daher hilfreich sein, sich mindestens die folgenden Sachverhalte zu vergegenwärtigen:

  • Verankerung in der realen Welt
  • Zukunft gibt es nicht einfach so
  • Gesellschaft als emergentes Phänomen
  • Freie Kommunikation als Lebensader

REALE KÖRPERWELT

Fasziniert von den neuen digitalen Räumen kann man schnell vergessen, dass diese digitalen Räume als physikalische Zustände von realen Maschinen existieren, die reale Energie verbrauchen, reale Ressourcen, und die darin nicht nur unseren realen Lebensraum beschneiden, sondern auch verändern.

Diese physikalische Dimension interagiert nicht nur mit der übrigen Natur sehr real, sie unterliegt auch den bisherigen alten politischen Strukturen mit den jeweiligen nationalen und internationalen Gesetzen. Wenn die physikalischen Eigentümer nach alter Gesetzgebung in realen Ländern lokalisiert sind, die sich von den Nutzern in demokratischen Gesellschaften unterscheiden, und diese Eigentümer nicht-demokratische Ziele verfolgen, dann sind die neuen digitalen Räume nicht einfach nur neutral, nein sie sind hochpolitisch. Diese Sachverhalte scheinen in der europäischen Politik bislang kaum ernsthaft beachtet zu werden; eher erwecken viele Indizien den Eindruck, dass viele politische Akteure so handeln, als ob sie Angestellte jener Eigner sind, die sich keiner Demokratie verpflichtet fühlen (Ein Beispiel von vielen: die neue Datenschutz-Verordnung DSGVO versucht erste zaghafte Schritte zu unternehmen, um der Rechtlosigkeit der Bürger als User entgegen zu wirken, gleichzeitig wird diese DSGVO von einem Bundesministerium beständig schlecht geredet …).

ZUKUNFT IST KEIN GEGENSTAND

Wie ich in diesem Blog schon mehrfach diskutiert habe, ist Zukunft kein übliches Objekt. Weil wir über ein Gedächtnis verfügen, können wir Aspekte der jeweiligen Gegenwart speichern, wieder erinnern, unsere Wahrnehmung interpretieren, und durch unsere Denkfähigkeit Muster, Regelhaftigkeiten identifizieren, denken, und neue mögliche Kombinationen ausmalen. Diese neuen Möglichkeiten sind aber nicht die Zukunft, sondern Zustände unseres Gehirns, die auf der Basis der Vergangenheit Spekulationen über eine mögliche Zukunft bilden. Die Physik und die Biologie samt den vielen Begleitdisziplinen haben eindrucksvoll gezeigt, was ein systematischer Blick zurück zu den Anfängen des Universums (BigBang) und den Anfängen des Lebens (Entstehung von Zellen aus Molekülen) an Erkenntnissen hervor bringen kann. Sie zeigen aber auch, dass die Erde selbst wie das gesamt biologische Leben ein hochkomplexes System ist, das sich nur sehr begrenzt voraus sagen lässt. Spekulationen über mögliche zukünftige Zustände sind daher nur sehr begrenzt möglich.

Ferner ist zu berücksichtigen, dass das Denken selbst kein Automatismus ist. Neben den vielen gesellschaftlichen Faktoren und Umweltfaktoren, die auf unser Denken einwirken, hängt unser Denken in seiner Ausrichtung entscheidend auch von unseren Bedürfnissen, Emotionen, Motiven und Zielvorstellungen ab. Wirkliche Innovationen, wirkliche Durchbrüche sind keine Automatismen. Sie brauchen Menschen, die resistent sind gegen jeweilige ‚Mainstreams‘, die mutig sind, sich mit Unbekanntem und Riskantem auseinander zu setzen, und vieles mehr. Solche Menschen sind keine ‚Massenware’…

GESELLSCHAFT ALS EMERGENTES PHÄNOMEN

Das Wort ‚Emergenz‘ hat vielfach eine unscharfe Bedeutung. In einer Diskussion des Buches von Miller und Page (2007) Complex Adaptive Systems. An Introduction to Computational Models of Social Life habe ich für meinen Theoriezusammenhang eine Definition vorgeschlagen, die die Position von Miller und Page berücksichtigt, aber auch die Position von Warren Weaver (1958), A quarter century in then natural sciences. Rockefeller Foundation. Annual Report,1958, pages 7–15, der von Miller und Page zitiert wird.

Die Grundidee ist die, dass ein System, das wiederum aus vielen einzelnen Systemen besteht, dann als ein organisiertes System verstanden wird, wenn das Wegnehmen eines einzelnen Systems das Gesamtverhalten des Systems verändert. Andererseits soll man aber durch die Analyse eines einzelnen Mitgliedssystems auch nicht in der Lage sein, auf das Gesamtverhalten schließen zu können. Unter diesen Voraussetzungen soll das Gesamtverhalten als emergent bezeichnet werden: es existiert nur, wenn alle einzelnen Mitgliedssysteme zusammenwirken und es ist nicht aus dem Verhalten einzelner Systeme alleine ableitbar. Wenn einige der Mitgliedssysteme zudem zufällige oder lernfähige Systeme sind, dann ist das Gesamtverhalten zusätzlich begründbar nicht voraussagbar.

Das Verhalten sozialer Systeme ist nach dieser Definition grundsätzlich emergent und wird noch dadurch verschärft, dass seine Mitgliedssysteme — individuelle Personen wie alle möglichen Arten von Vereinigungen von Personen — grundsätzlich lernende Systeme sind (was nicht impliziert, dass sie ihre Lernfähigkeit ’sinnvoll‘ nutzen). Jeder Versuch, die Zukunft sozialer Systeme voraus zu sagen, ist von daher grundsätzlich unmöglich (auch wenn wir uns alle gerne der Illusion hingeben, wir könnten es). Die einzige Möglichkeit, in einer freien Gesellschaft, Zukunft ansatzweise zu erarbeiten, wären Systeme einer umfassenden Partizipation und Rückkopplung aller Akteure. Diese Systeme gibt es bislang nicht, wären aber mit den neuen digitalen Technologien eher möglich.

FREIE KOMMUNIKATION UND BILDUNG

Die kulturellen Errungenschaften der Menschheit — ich zähle Technologie, Bildungssysteme, Wirtschaft usw. dazu — waren in der Vergangenheit möglich, weil die Menschen gelernt hatten, ihre kognitiven Fähigkeiten zusammen mit ihrer Sprache immer mehr so zu nutzen, dass sie zu Kooperationen zusammen gefunden haben: Die Verbindung von vielen Fähigkeiten und Ressourcen, auch über längere Zeiträume. Alle diese Kooperationen waren entweder möglich durch schiere Gewalt (autoritäre Gesellschaften) oder durch Einsicht in die Sachverhalte, durch Vertrauen, dass man das Ziel zusammen schon irgendwie erreichen würde, und durch konkrete Vorteile für das eigene Leben oder für das Leben der anderen, in der Gegenwart oder in der möglichen Zukunft.

Bei aller Dringlichkeit dieser Prozesse hingen sie zentral von der möglichen Kommunikation ab, vom Austausch von Gedanken und Zielen. Ohne diesen Austausch würde nichts passieren, wäre nichts möglich. Nicht umsonst diagnostizieren viele Historiker und Sozialwissenschaftler den Übergang von der alten zur neuen empirischen Wissenschaft in der Veränderung der Kommunikation, erst Recht im Übergang von vor-demokratischen Gesellschaften zu demokratischen Gesellschaften.

Was aber oft zu kurz kommt, das ist die mangelnde Einsicht in den engen Zusammenhang zwischen einer verantwortlichen Kommunikation in einer funktionierenden Demokratie und dem dazu notwendigen Wissen! Wenn ich eine freie Kommunikation in einer noch funktionierenden Demokratie haben würde, und innerhalb dieser Diskussion würden nur schwachsinnige Inhalte transportiert, dann nützt solch eine Kommunikation natürlich nichts. Eine funktionierende freie Kommunikation ist eine notwendige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie, aber die Verfügbarkeit von angemessenen Weltbildern, qualitativ hochwertigem Wissen bei der Mehrheit der Bürger (nicht nur bei gesellschaftlichen Teilgruppen, die sich selbst als ‚Eliten‘ verstehen) ist genauso wichtig. Beides gehört zusammen. Bei der aktuellen Zersplitterung aller Wissenschaften, der ungeheuren Menge an neuem Wissen, bei den immer schneller werdenden Innovationszyklen und bei der zunehmenden ‚Fragmementierung der Öffentlichkeit‘ verbunden mit einem wachsenden Misstrauen untereinander, ist das bisherige Wissenssystem mehr und mehr nicht nur im Stress, sondern möglicherweise kurz vor einem Kollaps. Ob es mit den neuen digitalen Technologien hierfür eine spürbare Unterstützung geben könnte, ist aktuell völlig unklar, da das Problem als solches — so scheint mir — noch nicht genügend gesellschaftlich erkannt ist und diskutiert wird. Außerdem, ein Problem erkennen ist eines, eine brauchbare Lösung zu finden etwas anderes. In der Regel sind die eingefahrenen Institutionen wenig geeignet, radikal neue Ansätzen zu denken und umzusetzen. Alte Denkgewohnheiten und das berühmte ‚Besitzstanddenken‘ sind wirkungsvolle Faktoren der Verhinderung.

AUSBLICK

Die vorangehenden Gedanken mögen auf manche Leser vielleicht negativ wirken, beunruhigend, oder gar deprimierend. Bis zum gewissen Grad wäre dies eine natürliche Reaktion und vielleicht ist dies auch notwendig, damit wir alle zusammen uns wechselseitig mehr helfen, diese Herausforderungen in den Blick zu nehmen. Der Verfasser dieses Textes ist trotz all dieser Schwierigkeiten, die sich andeuten, grundlegend optimistisch, dass es Lösungen geben kann, und dass es auch — wie immer in der bisherigen Geschichte des Lebens auf der Erde — genügend Menschen geben wird, die die richtigen Ideen haben werden, und es Menschen gibt, die sie umsetzen. Diese Fähigkeit zum Finden von neuen Lösungen ist eine grundlegende Eigenschaft des biologischen Lebens. Dennoch haben Kulturen immer die starke Tendenzen, Ängste und Kontrollen auszubilden statt Vertrauen und Experimentierfreude zu kultivieren.

Wer sich das Geschehen nüchtern betrachtet, der kann auf Anhieb eine Vielzahl von interessanten Optionen erkennen, sich eine Vielzahl von möglichen Prozessen vorstellen, die uns weiter führen könnten. Vielleicht kann dies Gegenstand von weiteren Beiträgen sein.

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