REDUKTIONISMUS, EMERGENZ, KREATIVITÄT, GOTT – S.A.Kauffman – Teil 7

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Letzte Änderungen: 22.April 2013, 08:18h

KAUFFMANS GOTTESBEGRIFF

1. In den folgenden Kapiteln 14-19 spekuliert Kauffman auf der Basis des bislang Gedachten. Das Kapitel ‚Living in Mystery‘ (etwa ‚Leben im Geheimnis‘) SS.230-245 beginnt er mit der zusammenfassenden Feststellung, dass nach den vorausgehenden Untersuchungen die gesamte bisherige – biologische wie auch kulturelle – Geschichte ’selbst-konsistent‘ (’self-consistent‘) sei, ‚ko-konstruierend‘ (‚co-constructing‘), ‚evolvierend‘ (‚evolving‘), ‚emergent‘ und ’nicht voraussagbar‘ (‚unpredictable‘).(vgl. S.231) In allem erkennt er eine fortschreitende ‚Individualisierung‘ (‚individuation‘) von Teilsystemen und Prozessen mit kontinuierlichen Ausprägungen von ’selbst-konsistenten Zusammenfügungen von Gemeinschaften‘. Alle diese Prozesse geschehen ständig, ohne dass wir in der Lage wären, sie mit den bekannten physikalischen Gesetzen hinreichend beschreiben zu können. (vgl. S.231) Für all dieses Geschehen, in dem er eine spezifische ‚Kreativität‘ am Werke sieht, führt er seinen Begriff von ‚Gott‘ (‚god‘) ein als eine Art technischen Begriff für das Ganze. (vgl.S.276) Und unter Voraussetzung dieses seines speziellen Gottesbegriffs führt er dann als weiteren technischen Begriff den Term ‚Heilig(es)‘ (’sacred‘) ein mit der Bemerkung, dass wir mit unserer Entscheidung (‚our choice‘) das ‚Heilige‘ im Universum und seinem Werden hochhalten (‚hold‘). (vgl. S.232,)

KRITISCHE ANMERKUNGEN ZU KAUFFMANS GOTTESBEGRIFF

2. [Anmerkung: Dieses Vorgehen ist schon etwas merkwürdig. Einerseits beteuert Kauffman dass er mit Glauben und Religion nichts zu schaffen habe, andererseits versucht er hier den historisch gewaltig aufgeladenen Begriff ‚Gott‘ in diesem neuen Kontext mit seiner Bedeutung zu etablieren, zusätzlich ergänzt um den nicht weniger aufgeladenen Begriff ‚heilig’/ ‚Heiligkeit‘. Warum tut er das? Wenn ihm die bisherigen Glaubenstraditionen egal wären, gäbe es eigentlich keine Motivation, Begriffe wie ‚Gott‘ bzw. ‚heilig‘ in diesen Kontexten zu erwähnen. Wenn er es aber dennoch tut, scheinen ihm diese Begriffe wichtig zu sein. Irgendwie verbindet sich für ihn mit den Begriffen ‚Gott‘ und ‚heilig‘ etwas, was er mit den für ihn spannendsten Eigenschaften dieser Welt verknüpft sehen will. Ich selbst bin 1990 aus der katholischen Kirche ausgetreten, da ich mit ihrer Art den Glauben an das Ganze zu vermitteln, einfach nicht mehr einhergehen konnte. Andererseits sind für mich die verschiedenen religiösen Traditionen (jüdisch, jüdisch-christlich, jüdisch-christlich-islamisch,…) trotz all ihrer Unvollkommenheiten nicht grundsätzlich etwas ‚Schlechtes‘, transportieren sie doch in ihrer geschichtlichen Konkretheit wertvolle menschliche Erfahrungen, von denen wir alle lernen können, sofern wir unser kritisches Denken dabei nicht ausschalten. Und mit Blick auf diese Traditionen muss man sagen, dass es hier Bilder und Überlegungen zu dem Begriff ‚Gott‘ gibt, die mit den Überlegungen von Kauffman vollständig kompatibel sein können; man könnte die Überlegungen von Kauffman ohne weiteres als eine Art weiterführenden Beitrag zum Thema sehen. Ein christlicher Theologe wie Teilhard de Chardin (1881 – 1955) war – trotz seiner beständigen Unterdrückung durch das kirchliche Lehramt – sehr nahe bei den Sichten, die Kauffman propagiert; in gewisser Weise vielleicht sogar weiter, wenngleich im technischen Detail natürlich – zeitbedingt – nicht so weit wie Kauffman. Kurzum, mir scheint dass Kauffman entweder das Thema ‚Gott‘ aus seinen Überlegungen heraushalten sollte (wenn Religion doch so unwichtig ist) oder aber, wenn er doch historisch so aufgeladene Begriffe wie ‚Gott‘ und ‚heilig‘ benutzt, sich die Mühe machen müsste, seine Art der Verwendung dieser Begriffe mit den in diesen gewachsenen Traditionen gebräuchlichen Verwendungen abzugleichen. Die wissenschaftliche Redlichkeit, um die er sich ansonsten immer bemüht, gebietet dies. Seine seltsam ‚verdrängende‘ Vorgehensweise im Gebrauch der Begriffe ‚Gott‘ und ‚heilig‘ erscheint mir von daher – so stimulierend diese Gedanken sind – wissenschaftlich unredlich und damit der schwächste Teil seines ganzen Buches. Nicht nur das, indem er diese Dimension seines Buches nahezu vollständig ausklammert beraubt er sein Buch einer wichtigen möglichen Wirkkomponente: die große Schwäche der religiösen Traditionen Judentum, jüdisches Christentum, jüdisch-christlicher Islam heute besteht nach meiner Wahrnehmung darin, dass sie die gesamten modernen Entwicklungen mehr oder weniger vollständig ausgeklammert haben. Ein konstruktiver Brückenschlag zwischen Erkenntnissen, wie sie Kauffman kommuniziert und diesen Positionen könnte ‚belebend‘ sein für beide Seiten. Dies setzt allerdings voraus, dass man die religiösen Traditionen nicht als vollständigen Unsinn abtut sondern in ihrem ‚Kern‘ eine empirisch vollziehbare Gottesbeziehung erkennt und für möglich hält, die jedem Lebewesen, ja dem ganzen Universum ‚innewohnt‘. Es ist für mich eine offene Frage, ob es irgend einen offiziellen religiösen Repräsentanten gibt, der in diesem radikalen Sinne ‚an Gott glaubt‘ – oder verbirgt sich hinter der ‚religiösen Fassade‘ letztlich ein abgrundtiefer Unglaube? Wirklich entscheiden werden wir diese Frage nie können. Es bleibt uns letztlich nur eine ‚Vertrauen‘ in den anderen, eine Art von ‚Glauben‘, der natürlich enttäuscht werden kann. Jede Art von Radikalismus ist hier fehl am Platz.]

PRINZIPIELL UNVOLLSTÄNDIGES WISSEN

3. Auf den SS.232-235 folgen dann verschiedene Überlegungen, in denen er unterschiedlichste Autoren zitiert (u.a. T.S.Eliot, Plato, Aristoteles, Newton, Carl Jung, Paul Dirac, Nietzsche) und das ‚Deep Blue‘ Computerprogramm von IBM, das den damaligen Schachweltmeister Gary Kasparow schlagen konnte. Alle diese Stellen sollen illustrieren, dass und wie wir mit einem begrenzten Wissen in einer offenen, sich beständig wandelnden Situation agieren.
4. Es folgt dann ein etwas systematischerer Abschnitt SS.236-245, in dem er anhand einer spieltheoretischen Situation illustriert, wie zwei Spieler sich wechselseitig hochschaukeln können, indem sie nach und nach jeweils ein ‚Modell des Anderen‘ konstruieren, das sie in ihren Entscheidungen leitet. Jede Ereigniskette, die solche Akteure als Produzenten enthält, verliert damit auf Dauer ihren ‚zufälligen‘ Charakter. Andererseits ist es so, dass die Verhaltensweisen solcher ‚lernfähiger‘ Akteure nicht ‚konstant‘ ist, sondern sich aufgrund ihrer aktiven Modellbildungen beständig verändert. D.h. adaptive Rationalität selbst ändert die erfahrbare Rationalität der Wirklichkeit. Und folgerichtig stellt Kauffman die Frage, was es denn heißt, ‚vernünftig‘ (‚wisely‘) zu handeln, wenn wir nicht nur das Ganze noch nicht kennen, sondern durch unser eigenes Verhalten das Ganze beständig verändern? (vgl. S.244) Und er kommt aufgrund wissenschaftlicher Überlegungen zu dem bedenkenswerten Schluss: „Das, was wir brauchen, um unser Leben zu leben, ist Glauben (‚faith‘); bei weitem wichtiger als Wissen (‚knowing‘) oder Erkennen (‚reckoning‘).“ (S.244) Und diese Art zu glauben ist ein biologisches Phänomen, eine inhärente Eigenschaft biologischer Lebensformen, die auf dieser Erde entstanden sind. (vgl. S.245)

DIE ZWEI KULTUREN (und Religion)

5. Auf den folgenden Seiten SS.246-254 variiert Kauffman diese Gedanken weiter anhand der kulturellen Aufspaltung in Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft, wie sie Europa – und dann auch andere Teile der Erde – seit dem Aufkommen der modernen empirischen Wissenschaften charakterisiert und prägt. Angesichts der von ihm herausgearbeiteten grundsätzlichen ‚Kreativität‘ des ganzen Universums und des evolutionären Geschehens auf der Erde, hält er diese Aufspaltung für nicht mehr gerechtfertigt. Mit zahlreichen Zitaten von diversen Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern versucht er zu unterstreichen, dass die ‚Kunst‘ letztlich zum inneren Prinzip des kreativ-evolutionären Geschehens gehört. Wie zuvor aufgezeigt stößt die menschliche Vernunft beständig an ihre Grenzen, die sie nur überwinden kann, wenn sie diese Grenzen akzeptiert und sie durch ein geeignetes kreativ-koevolutionäres Verhalten ‚erweitert‘ und so dem Werden des je Unbekannten Raum gibt.
6. Verräterisch ist, wenn Kauffman zu Beginn dieses Kapitels hervorhebt, dass man jetzt mit einem Gottesbegriff leben kann, den ‚wir selber erfunden haben‘ (‚our own invention‘).(S.246) Damit bestätigt er indirekt die oben von mir geäußerte Vermutung, dass er die ‚älteren Verwendungsweisen des Begriffes ‚Gott“ als unangemessen ablehnt. [Anmerkung: Hier baut Kauffman einen Gegensatz auf, der so meines Erachtens nicht nur unnötig, sondern sogar falsch ist. Noch mehr, er vergibt sich die Chance, zu zeigen, dass auch die traditionellen jüdisch-christlich-islamischen Verwendungsweisen des Wortes ‚Gott‘ historisch gewachsen sind, dass sie sich kreativ-koevolutiv im Wechselspiel von menschlichem Leben und umgebender sich ereignender Geschichte ‚entwickelt‘ haben. Und dass gerade diese Entwicklung der verschiedenen Verwendungsweisen des Begriffs ‚Gott‘ in dramatisch wissenschaflich-künstlerischer Weise dokumentieren, wie hier der menschliche Geist damit ringt, trotz seiner konkreten und historischen Begrenztheiten das je Größere zu ahnen, irgendwie doch zu fassen, irgendwie doch das je Größere Absolute Transzendente in die endliche Konkretheiten einer historisch bedingten Körperlichkeit zu ‚übersetzen‘. Wer in den Wörtern der ‚heiligen‘ Texte immer nur die historischen Bedingtheiten, die zeitlich bezogenen Konkretheiten sieht, der verweigert diesen Texten genau die Ehrfurcht, die Weite, die Tiefe, die Großzügigkeit, den Mut, die transzendierende Mystik, die in ihnen ‚lebt‘, sich Ausdruck gesucht hat. Natürlich ist dieser ‚weitere, tiefere‘ Blick nicht logisch zwingend, nicht deduktiv absolut herleitbar (was manche immer wieder glauben), aber Kraft der transzendenten Wahrheit, die in jedem menschlichen Erkennen lebt, kann sie jeder ’sehen‘, wenn er will, und, vor allem, er kann sie mit seinem eigenen Leben ‚ausprobieren‘; dies nennt man dann entweder ‚Künstlersein‘ oder ‚religiös sein‘, gespeist von Kreativität und Glauben, oder beides in einem. Es ist sehr schade, dass Kauffman diesen tieferen und umfassenderen Zusammenhang offensichtlich nicht sieht. Dies kann u.a. daran liegen, dass die offiziellen religiösen Gemeinschaften den tieferen ‚Schatz ihrer eigenen Überlieferung‘ oft nicht voll verstehen und dass die sogenannten ‚geistlichen Führer‘ weniger ‚geistliche‘ Führer sind sondern Machtmenschen und Geschäftsleute, die ihre sehr persönlichen Vorteile in allem suchen. Die innere Freiheit des Geschehens kann solchen Missbrauch nicht verhindern und kann dann zur Abkehr von sehr vielen Menschen von den religiösen Traditionen führen. Schon ein Jesus von Nazareth hatte den Unterschied zwischen ’sich religiös geben‘ und ‚tatsächlich religiös sein‘ sehr klar erkannt und benannt.]

FÄHIG ZUM BÖSEN

7. Auf den SS.255-258 verweist Kauffman auf das Faktum, dass wir Menschen als konkreter Teil einer konkreten Evolution aufgrund unserer limitierten Ausstattung sehr vieles falsch machen können und auch schon falsch gemacht haben. zusätzlich haben wir Bedürfnisse, Emotionen, Motivationen die sehr partikulär sein können, sehr egoistisch und sehr, sehr grausam. Die Technologien der Zerstörung (und des Tötens) gehören immer mit zu den am weitesten entwickelten. Ob und wie wir diese destruktiven limitierenden Kräfte auf Dauer hinreichend konstruktiv einbinden können muss die Zukunft zeigen.

ETHIK

8. Ein Hauptthema des Buches von Kauffman war und ist der Versuch, aufzuzeigen, dass der sogenannte ‚Reduktionismus‘ aller Phänomene auf einen ‚Physikalismus‘ nicht haltbar ist. Ein zentrales Argument innerhalb dieses Aufweises ist die Behauptung, dass die meisten für uns Menschen interessante Phänomene der Evolution ‚emergenter‘ Natur sind, d.h. sich in ihrer Komplexität nicht aus den physikalischen Bestandteilen als solchen erschließen. Innerhalb dieser emergenter Phänomene gibt es das, was Kauffman ‚Agentenschaft‘ (‚agency‘) nennt, und verbunden mit der Agentenschaft, die Fähigkeit, bestimmten Vorkommnissen nicht nur allgemein eine ‚Bedeutung‘ zuzuweisen, sondern sogar eine ausgezeichnete Bedeutung im Sinne eines ‚Wertes‘: ein Vorkommnis x hat einen bestimmten ‚Wert‘ v mit Bezug auf einen ‚lebensrelevanten‘ Faktor L. D.h. innerhalb der biologischen Evolution haben sich Strukturen entwickelt, für die die wahrnehmbare Welt nicht ’neutral‘ ist, sondern ‚wertig‘; es gibt Ereignisse die mit Bezug auf das ‚Überleben‘ der Art ‚relevant‘ sind, ‚bedeutungsvoll‘, ‚wichtig‘.(vgl. S.259)
9. [Anmerkung: Man muss also sagen, dass es zum ‚Auftreten‘ des ‚Lebens‘ auf dieser Erde gehört, dass das Leben ‚als Teil von sich‘ bestimmte Ereignisse/ Eigenschaften dieser Welt als ‚wertvoll‘ erlebt. Oder, anders ausgedrückt, das Leben definiert sich wesentlich dadurch, dass es selbst einen ‚Wert‘ darstellt, der ‚von sich aus‘ ‚erhalten‘ sein will. Das Leben muss nicht künstlich irgendwelche Werte finden, derentwillen es sich lohnt zu leben, sondern das Leben als biologisches Phänomen ‚ist selbst der primäre Wert‘, um den es geht. Es existiert nur, weil es in dieser Form vom ‚Kosmischen Gesamtzusammenhang‘ Erde – Sonnensystem – Milchstraße – Universum in dieser Besonderheit ‚induziert‘ wurde und sich in Form dieser Besonderheit entwickeln konnte. Eine Alternative ist praktisch nicht möglich, da die Alternative vom kosmischen Gesamtzusammenhang her nicht unterstützt wird! Alle Atome, Moleküle, die sich nicht ‚in der Weise verhalten‘, wie es vom kosmischen Gesamtzusammenhang ‚belohnt‘ wird, haben keine Existenzmöglichkeit!!! Damit erscheint das Leben, so, wie es sich im kosmischen Gesamtzusammenhang entwickelt hat, als der einzige ‚fundamentale Wert‘, den wir bis heute kennen!!! Und natürlich liegt der Schluss nahe, dass sich aus diesem fundamentalen Wert (der sich aber nur den ‚im Leben befindlichen Akteuren‘ erschließt) alle anderen Werte ableiten lassen müssen.]
10. Im Lichte dieser fundamentalen Werteposition wundert es nicht, dass Kauffman zwei wichtige Positionen der heutigen Ethik kritisiert: den ‚Deontologismus‘ und den ‚Konsequentialismus‘. (vgl. S.259).
11. Sein Hauptargument besteht darin, dass unser moralisches Empfinden und unser Wertesystem sich erst in der Evolution und der zugehörigen Kultur ‚entwickelt‘ hat und dass von daher die Bezugnahme auf eine höheres, absolutes moralisches Fühlen im Sinne eines Deontologismus (sich verpflichtet fühlen) bzw. eines die Folgen des Handelns Bedenkens im Sinne eines Konsequentialismus ohne die Berücksichtigung der Entstehung und ihres jeweiligen Kontexts keinen Sinn macht. (vgl.S.259f)
12. Kauffman illustriert diese Kernthese mit vielen Zitaten (vgl. SS.260-266) und ergänzt den Entwicklungscharakter der Ethik noch um den Aspekt er formalen Unabgeschlossenheit (Gödels Theorem) jeglichen möglichen ethischen Systems. (vgl. S.266) [Anmerkung: Diese formale Unabgechlossenheit ergibt sich u.a. aus der evolutiven Entstehung des Wertesystems bzw. aus der inneren Struktur des Lebens. Diese innere Struktur besteht prinzipiell im beständig über das Gegebene Hinausgehen mit einem – zum Zeitpunkt des Darüberhinausgehens – unvollständigen Wissen! D.h. das ‚Innovative‘ am Leben ist seine ‚Kreativität‘ und die Fähigkeit, sich selbst permanent ‚transzendieren‘ zu können. Die Struktur des Lebens ist – was viele Philosophen früher auch schon erkannt hatten, ohne den Mechanismus der Evolution zu verstehen – in sich so, dass die ‚Erfüllung‘ des Lebensprozesses nur möglich ist, indem sich die bestehenden Strukturen mit etwas ‚außerhalb ihrer selbst‘ ‚verbinden‘!! Zum Zeitpunkt des Lebens ist dem jeweiligen lebenden System aber nicht vollständig klar, was dies genau ist; es erlebt sich selbst allerdings in einer ‚prinzipiellen Unabgeschlossenheit‘ (eine mögliche Version von ‚Transzendentalität‘), durch die es ‚angetrieben‘ ist, das ’noch Fehlende‘ zu ‚finden‘!!!]
13. Aus diesen Überlegungen folgert Kauffman, dass es nicht ein einzelnes höchstes Gut gibt, sondern eher – entsprechend der Idee eines ‚Pareto Optimums‘ im Kontext der Pareto Effizienz (nicht zu verwechseln mit dem Pareto Prinzip) – viele verschiedene Dinge, die alle zugleich wichtig sein können, damit bestimmte Lebensprozesse funktionieren. Nicht die Luftreinheit alleine oder die Wasserqualität oder die Ressourcenschonung oder …. bilden biologisch relevante Werte, sondern das Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren in einem bestimmten Gleichgewicht. (vgl. S.266f). Es kann also nicht darum gehen einige wenige absolute Werte zu identifizieren und zu isolieren. Nein, die biologische Evolution wird kontinuierlich neue Werteensembles ’sichtbar‘ machen, deren Einhaltung und Zusammenspiel wichtig sind; diese Werte können und werden sich im Laufe der Zeit ändern. (vgl. S.271f)

GLOBALE ETHIK

14. Es liegt nahe, den Gedanken der Ethik in einem globalen Rahmen weiter zu denken. Viele Gedanken aus den vorausgehenden Kapiteln wiederholen sich hier (vgl. SS.273-280). Ausdrücklich genannt wird das Thema Vielfalt und Vermischung von Kulturen, globale Ressourcenknappheit, die Problematik verzerrter (fundamentalistischer) religiöser Richtungen und unser Missbrauch anderer Lebewesen für unsere Ernährung. Und er wiederholt auch das Problem der prinzipiellen Wissensgrenzen zu jedem Zeitpunkt bei gleichzeitiger Notwendigkeit, handeln zu müssen. Dieses wissens-unvollständige Handeln verlangt nach Werten, die nicht ‚partikulär‘ sein können. Wo sollen diese neuen Werte herkommen? Er hofft, dass seine Deutung der natürlichen Entwicklung mit seinem Begriff der ‚Kreativität‘ als ‚Heiligkeit‘ eine Art ’natürlichen Gottesbegriff‘ begründet, der als gemeinsamer Grund für alle dienen kann. (vgl. S.276, 280)
15. [Anmerkung: Hier wird unmissverständlich deutlich, dass Kauffman einen bestimmten globalen Zusammenhang voraussetzt, ganz bestimmte kulturelle Gegebenheiten, die in seinem Verständnis eine neue Weltsicht einschließlich einer neuen Ethik verlangen. Während er glaubt, dass dies möglicherweise durch bloße Einführung eines neuen Begriffs (‚God‘, ‚Sacred‘) gelingt, beschreibt er indirekt, dass sehr viele Menschen noch unter dem Eindruck der ‚alten Bilder und Interpretationen‘ stehen, die durch ihre Begrenztheiten ein ‚angemesseneres‘ Verhalten verhindern. Angesichts des Beharrungsvermögens, das psychische und kognitive Muster an den Tag legen, ist es eher unwahrscheinlich, dass die bloße Einführung einer neuen Deutung von ‚Gott‘ die Gewohnheiten von 2000 – 3000 Jahren einfach so ändern; sie sind im Alltag eingebettet und leben dort u.a. in Form von Gewohnheiten, Gebräuchen, Schriftstücken, und Gesetzen, die sich von alleine nicht ändern. Ihre ‚Faktizität‘ prägt aber täglich das Verhalten und damit das Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung. Durch diese Rückkopplung des subjektiven Erlebens und Denkens an objektive, soziale Tatbestände kann eine einschneidende Veränderung des Denkens von Dauer immer nur über eine entsprechende Änderung der realen Lebensverhältnisse führen. Die Geschichte hat Beispiele parat, wann und wie solche Prozesse stattgefunden haben.]

NOCHMALS GOTT

16. Auf den abschließenden Seiten SS.281-288 kulminiert nochmals das Denken von Kauffman in der Verwendung und Motivierung der Begriffe ‚Gott‘ und ‚Heilig‘, wie er sie eingeführt hat. Er nimmt ausdrücklich Bezug auf die jüdisch-christliche Traditionen, auch den Buddhismus, nicht aber auf den jüdisch-christlichen Islam. Er unterstreicht, dass eigentlich nur der Begriff ‚Gott‘ die kulturelle Kraft hat, die tiefsten und wichtigsten Überzeugungen der Menschheit zu repräsentieren. Er spricht von der Notwendigkeit von ‚Spiritualität‘ und auch von ‚Riten‘.
17. [Mit diesen vielfachen Wiederholung immer des gleichen Themas in den letzten Kapiteln manifestiert sich sowohl die Bedeutung, die Kauffman diesen Begriffen beimisst wie auch die Schwierigkeit, dieser Bedeutungschwere den angemessenen Ausdruck zu verleihen. Wenn man Kaufman auf all den Seiten seines Buches gefolgt ist, und schrittweise miterlebt hat, wie er sich seine eigene, neue Sichtweise mühsam gegen vielseitig gewohnte Sehweisen erkämpft hat, dann kann man ansatzweise nachempfinden, wie das Neue nachhallt und sich zugleich immer mehr Perspektiven auftun, neue Ansatzpunkte greifbar werden, wo und wie man diese stimulierenden Gedanken weiterführen und möglicherweise sogar umsetzen kann. Jeder erlebt die Lektüre eines Buches notgedrungen im Lichte seiner eigenen Fragen und seines eigenen Wissens. Für mich war dies Buch eine Art ‚Katalysator‘ für sehr viele wichtige Gedanken und Perspektiven. In der nächsten Zeit werde ich mit Sicherheit darauf zurückkommen. ]

Ende der besprechenden Lektüre von Kauffman’s Buch ‚Reinventing the Sacred‘.

Ein Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER

REDUKTIONISMUS, EMERGENZ, KREATIVITÄT, GOTT – S.A.Kauffman – Teil 4

Vorausgehender Teil 3

NICHTVORAUSSAGBARKEIT DER WIRTSCHAFT

1. Im Kapitel ‚The Evolution of the Economy‘ (‚Die Evolution der Wirtschaft‘) (SS.150-176) beschreibt Kauffman, wie sich die bislang aufgefundenen Eigenschaften der Nichtergodizität und der Präadaptation auch im Bereich der Wirtschaft – bei ihm in Anlehnung an die ‚biosphere‘ ‚ecosphere‘ genannt – wiederfinden, mit allerlei Konsequenzen. Z.B. folgt aus der Annahme der Gültigkeit seiner Modellvorstellungen, dass eine Wirtschaft – in der Theorie – am besten gedeihen kann, wenn es eine möglichst große Vielfalt gibt. Denn dann ist die Chance zur Bildung neuer, innovativer – koevolutionärer – Lösungen am höchsten. Das System stimuliert sich dann quasi ’selbst‘, immer mehr. Zugleich folgt aus seinem Modell die prinzipielle Nichtvoraussagbarkeit der diversen Entwicklungen. (vgl.S.150f)
2. Als ein Beispiel für die Schwierigkeit der Voraussagbarkeit des wirtschaftlichen Geschehens und der Nichtreduzierbarkeit dieser Vorgänge auf die Physik führt Kauffman das berühmte Arrow-Debreu Modell des kompetitiven Gleichgewichts an (heute ein Kern der General equilibrium theory). Das Arrow-Debreu Modell wird bisweilen auch Arrow-Debreu-McKenzie Modell genannt, da neben Kenneth Arrow und Gérard Debreu später Lionel W.McKenzie einige Verbesserungen in das Modell eingebracht hatte.
3. Die Nichtreduzierbarkeit auf die Physik sieht Kauffman dadurch gegeben, dass die teilnehmenden Markt-Akteure u.a. auch mit ‚Werten‘ operieren, die sie den verschiedenen handelbaren Gütern zuordnen. Da nach Kauffman physikalische Modelle nur über reale Ereignisse in der realen Welt operieren können, folgt für ihn aus dieser Annahme die Nichtanwendbarkeit der Physik. (vgl. S.155) [Anmerkung: Wie schon früher angemerkt, hängt diese Schlussfolgerung an einer bestimmten Definition von Physik. Wenn man davon ausgeht, dass die Physik sich prinzipiell mit der ‚ganzen‘ Natur beschäftigt, dann würde sich die Physik – mit wachsenden Einsichten in die Besonderheiten der Welt – konzeptuell beständig weiter ausdehnen! Vom Selbstverständnis einer Physik her wären dann auch Akteure mit Werturteilen nicht notwendigerweise aus einer physikalischen Theoriebildung ausgeschlossen. Dann aber wären alle heute bekannten wissenschaftlichen Disziplinen nur ‚Spielarten‘ der einen Disziplin Physik. Das wirkt auch nicht sehr überzeugend. Hier stellt sich die wissenschaftstheoretische Frage nach der Abgrenzbarkeit der verschiedenen Disziplinen voneinander bzw. nach ihrer möglichen inhaltlichen Beziehung. Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Frage bislang irgendwo nennenswert diskutiert wird. Aus ökonomischen und politischen Überlebensinteressen heraus erscheint eine erfolgreiche Abgrenzung meist erfolgversprechender als eine diffuse Vereinigung.]
4. Die Nichtanwendbarkeit der ökonomischen Modelle – und damit die Unmöglichkeit einer seriösen Voraussagbarkeit – sieht Kauffman sowohl in der Nichtvoraussagbarkeit der zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich vorhandenen Güter gegeben wie auch in der Nichtvoraussagbarkeit der zu einem bestimmten Zeitpunkt neu erfundenen Güter.(vgl. S.155) Der tiefere Grund scheint in der Unmöglichkeit zu liegen, den ökonomischen Entwicklungsprozess selbst zu modellieren.(vgl. S.156).
5. Kauffman erwähnt auch die Theorien game theory (‚Spieltheorie‘) und rational expectations (‚Rationale Erwartungen‘). In beiden Fällen sieht er eine Nichtanwendbarkeit in der Realität, da diese Theorien – wie schon im Falle der zuvor erwähnten Gleichgewichtstheorie – die zugrunde liegenden nicht voraussagbaren Entwicklungsprozesse weder beschreiben noch in Rechnung stellen können. (vgl. SS.156-158)
6. [Anmk: In der grundsätzlichen Kritik würde ich Kauffman zwar folgen, aber die Frage ist, ob man damit diesen verschiedenen Theoriebildungen gerecht wird. Insofern die genannten Theorien einen ‚totalen‘ Erklärungsanspruch erheben, muss man sie sicher kritisieren, da sonst falsche Erwartungen geweckt werden. Aber der Wert dieser Theorien liegt in der Praxis meist darin, dass die beteiligten Wissenschaftler mit Hilfe solcher Theorien (= Modellen) versuchen, ihr Verständnis der wirtschaftlichen Vorgänge zu klären und zu schärfen. Ohne solche Modelle gäbe es nur ein Grau-in-Grau von Datenfluten ohne erkennbare Strukturen. Mit solchen Modellen zeigen sich mögliche interessante Strukturen, die Anlass geben können, weiter zu denken. Und in allen drei Fällen kann man beobachten, wie diese Modellbildungen eine anhaltende Diskussion erzeugt haben und erzeugen, die zu immer weiteren Klärungen voranschreitet, einschließlich massiver Kritik, warum das Modell als Ganzes oder Teile davon nicht anwendbar sind. ]

WIRTSCHAFT UND AUTOKATALYSE

7. Nachdem Kauffman drei sehr prominente Modelle ökonomischen Geschehens in dem Punkt kritisiert hat, dass sie den allem Geschehen zugrunde liegende Prozess der Entwicklung nicht beschreiben, stellt er selbst ein Modell für solch einen Entwicklungsprozess vor. Dazu benutzt er wieder sein schon mehrfach zitiertes ‚autokatalytisches Modell‘. Die Kernidee ist ja, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Menge von Gütern und Akteuren gibt. Zu einem Gut gibt es entweder ein ‚komplimentäres‘ Gut (ein Auto benötigt Reifen, eine Innenausstattung, usw.) oder ein ’substituierendes‘ Gut (z.B. statt Dampfantrieb ein Elektroantrieb). Diese komplimentären und ersetzenden Möglichkeiten stehen ferner in Wechselwirkungen mit einem an Akteure gebundenen Bedarf, der seiner Natur nach in keiner Weise umfassend und erschöpfend beschrieben noch vorweg genommen werden. Man kann leicht sehen, wie diese wechselseitigen ‚Stimulationen‘ umso vielfältiger und intensiver sein können, als die aktuelle Menge an verfügbaren Gütern und erwartenden Akteuren größer und vielfältiger ist. Kauffman spricht hier von Ko-Konstruktionen bzw. Ko-Evolution. Und, so wenig dieser gesamte Prozess des sich wechselseitigen Stimulierens und Hervorbringens in irgend einer Weise voraussagbar ist, so wenig ist auch das erfinderische Verhalten der beteiligten Akteure, der Menschen, als solches voraussagbar. (SS.158-163)
8. Auf den Seiten 163-172 stellt Kauffman dann konkrete Simulationen vor, die mit Computerversionen des Modells gerechnet worden sind. Die Details spielen hier keine Rolle. Allerdings zeigt sich in diesen Simulationen, dass verschiedene Phänomene in diesem Modell einem ‚Potenzgesetz‘ (‚power law‘) folgen. Damit stellt er eine Verbindung her zum Modell der ’selbstorganisierenden Kritikalität‘ Self-organized criticality (SOC), das in der Physik entdeckt worden war zur Beschreibung komplexer Phänomene in der Natur. Er selbst konnte in Experimenten nachweisen, wie sich die Verteilung der Lebenszeit von Individuen oder die Verteilung von Aussterbensereignisse mit solch einem Modell beschreiben lassen.(vgl. S.172f) Das Modell der selbsorganisierenden Kritikalität lies sich auch anhand der Daten der Lebenszeit von Firmen nachweisen. (vgl.S.174)

GRENZEN VON COMPUTERMODELLEN ZUR VORAUSSAGE WIRTSCHAFTLICHER PROZESSE

9. Abschliessend zweifelt er daran, dass man mittels Computersimulationen wirtschaftliche Prozesse so simulieren könne, dass man daraus belastbare Vorhersagen für die Zukunft gewinnen könnte.(vgl.S.174) Nochmals zitiert er Gödel mit seinem Unvollständigkeitsbeweis und stellt mit Blick auf die ökonomischen Modelle fest, dass die Ergebnisse von Gödel im Falle der Ökonomie auf jeden Fall auch zutreffen.
10. [Anmk: Eine detaillierte Diskussion der verschiedenen von Kauffman zitierten Modelle und Theorien ist in dem hier gesetzten Rahmen einer ersten Besprechung nicht geeignet. In anderen Kontexten werde ich verschiedene dieser Modelle noch genauer untersuchen und dann bei Gelegenheit im Blog darüber berichten. Die grundsätzliche Stossrichtung der Argumentation erscheint mir aber plausibel und wichtig. In der Tat ist es die innere Logik des Prozesses selbst, die interessant ist und die daraus sich ergebende Nichtvoraussagbarkeit der nächsten Prozesschritte. Dennoch geschieht das Ganze nicht vollständig ‚planlos‘, was sich aus verschiedenen Voraussetzungen ergibt. Hier zeigt sich eine interessante Paradoxie, die weiter zu ergründen ist.]

Zur Fortsetzung siehe Teil 5

Eine Übersicht über alle bisherigen Einträge in den Blog nach Titeln findet sich HIER.