DIE NATUR DER ERKLÄRUNG – Kenneth Craig – Diskussion

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ÜBERBLICK

Craik führt in diesem Buch eine breit angelegte Diskussion im Spannungsfeld von Philosophie, Psychologie, Physiologie, Physik und Technik, die einige Hauptthemen erkennen lässt: ein Plädoyer für ein kausales Verständnis der realen Welt, für die Rekonstruktion von Bewusstsein durch Rückgriff auf das Nervensystem, für die zentrale Rolle mentaler Modelle, sowie für die wichtige Rolle von Sprache in allem Erklären.

I. KONTEXT

Alle Themen, die Craik in seinem Buch ”The Nature of Explanation” [Cra43] anspricht, sind Themen, die in verschiedenen Blogeinträgen schon zur Sprache gekommen sind. Das Buch wird daher etwas intensiver diskutiert, um damit die Position des Blogs weiter zu klären. Dabei ist zu beachten, dass Craik nicht nur eine große Linie verfolgt, sondern im Verlauf des Textes viele andere Themen anspricht, die irgendwie auch mit der großen Linie zusammenhängen. Dies macht die Lektüre manchmal etwas mühsam, wenngleich immer interessant. Dem Interesse des Blogs folgend werden daher nur einige Hauptthemen hier weiter diskutiert. Eine Lektüre dieser Themen ersetzt nicht die eigene Lektüre seines Buches.

II. ERKLÄRUNG DURCH KAUSALITÄT

K.Craik - Stichworte aus Kap.1-4

K.Craik – Stichworte aus Kap.1-4

Das Schaubild 1 enthält nur einige der einschlägigen Stichworte von Craig aus den ersten vier Kapiteln, und auch nur kursorisch.

Aus den vielen Argumenten, die gegen die Möglichkeit einer Erklärung durch Kausalität sprechen, stammt das prominenteste von David Hume (1711 – 1776), für den die Beschaffenheit der sinnlichen Wahrnehmung keinen direkten Schluss auf eine kausaler Beziehung der Art ’B ist da durch A’ zulässt. Zu einem bestimmten Augenblick
haben wir einen Momenteindruck, beim nächsten Augenblick auch. Zwischen verschiedenen Augenblicken kann es zwar Unterschiede geben, aber diese lassen nicht zwingend eine Interpretation in Richtung einer kausalen Beziehung zu.

Neben sehr vielen anderen Positionen bespricht Craik auch die Position der modernen Physik sofern sie quantenmechanische Modelle benutzt. Angesichts einer prinzipiellen Messungenauigkeit (Heisenberg, Unschärferelation) und unbeobachtbaren Objekten soll eine direkte kausale Zuschreibung nicht mehr möglich sein. Es gibt nur noch
Regelmäßigkeiten in Form von statistischen Tendenzen. Craik kritisiert in diesem Zusammenhang, dass man aus den Grenzen der Beobachtbarkeit nicht notwendigerweise darauf schließen kann, dass es deswegen grundsätzlich
keine Kausalität mehr gäbe. Ferner weist er anhand vieler Beispiele darauf hin, dass die Theorien der Wahrscheinlichkeit als Theorien starke implizite Annahmen über die vorausgesetzten Ereignismengen machen, die grundlegende Wechselwirkungen, auch in Form kausaler Beziehungen, voraussetzen.

 

Aus der Sicht Craiks ist die Position Humes nicht ganz korrekt, da das sinnliche Material immer schon in eine Raumstruktur eingebettet ist, die implizite Wechselbeziehungen realisiert (zwei gleichartige Objekte können nicht zugleich auf ein und derselben Raumstelle sein); ferner gehört die Zeitstruktur zur Wahrnehmung (darin über die
rein sinnlichen Anteile hinausgehend), die zumindest potentielle Abfolgen erkennen lassen (B folgt auf A in der Zeit). Dies impliziert zwar nicht unmittelbar eine kausale Beziehung, bietet aber einen Anknüpfungspunkt für eine Hypothese und Experimente. Im Rahmen der Zeitstruktur kann man z.B. allerlei Veränderungen beobachten, z.B.
auch eine Veränderung von Energieleveln. Diese bieten Ansatzpunkte für Hypothesen und Experimente.

Für Craik realisiert sich empirische Wissenschaft durch das Ernst nehmen von vorfindlichen Gegebenheiten, von Fakten, bezogen auf die man Hypothesen bzgl. möglicher Zusammenhänge formulieren kann. Diese Hypothesen kann man dann in Experimenten überprüfen. Sofern sich die Hypothesen bestätigen lassen, soll dies eine gewisse Zufriedenheit auslösen. Geprüfte Zusammenhänge ermöglichen Verstehen, Einsicht, erlauben Voraussagen, mit Voraussagen kann man zukünftige Situationen vorweg nehmen, um sich dadurch auf kommende Situation einzustellen.
Ferner erlaubten geprüfte Zusammenhänge auch unterschiedliche praktische Nutzungen.
Fehlen geprüfte Zusammenhänge, dann kann dies zu Enttäuschungen, ja zu Frustrationen führen. Man kann dann nichts ableiten, nichts voraus sagen, nicht wirklich planen; auch eine praktische Nutzung ist nicht möglich. Man versteht das auslösende Phänomen dann nicht wirklich.

III. DENKEN UND NERVENSYSTEM

K.Craik - Die Erkennungsleistung des Systems Mensch

K.Craik – Die Erkennungsleistung des Systems Mensch

Nach zahlreichen vorausgehenden kritischen Anmerkungen zu unterschiedlichen Positionen in der Philosophie und in den Wissenschaften, geht Craik davon aus, dass der Mensch in einer realen Welt vorkommt. Einige der Ereignisse in dieser Welt können von Sinnesorganen beobachtet werden. Beobachten heißt hier, dass diese Ereignisse sowohl
in interne neuronale Ereignisse übersetzt werden, zusätzlich aber auch in eine symbolischer Sprache  mittels der Bezug genommen werden kann auf viele interne Gegebenheiten, Ereignisse und Prozesse. Das Andere der Symbole ist dann ihre Bedeutung (’meaning’). Was immer auch intern im einzelnen geschieht, es gibt unterschiedliche Prozesse, die abstrakt als Denken, Schlüsse ziehen, Voraussagen machen beschrieben werden. Ein wesentliches Element dieser Prozesse ist das Generieren von internen, mentalen Modellen, deren Analogien mit der realen
Außenwelt so groß sind, dass wichtige Eigenschaften und Prozesse der Außenwelt in ihren kausalen Beziehungen so nachgebildet werden können, dass auf ihrer Basis einigermaßen zuverlässige Voraussagen über die Zukunft gemacht werden können, die sich überprüfen lassen.

Craik wirft auch die Frage auf, welche Eigenschaften am Nervensystem es wohl sind, die alle diese Leistungen ermöglichen? Anhand verschiedener Verhaltensphänomene (visueller Reiz, Retina, Adaption, Differenzierung, Ähnlichkeit, bewusst – unbewusst, Reflexe, Zahlen und deren Nutzung, Gedächtnis, Lernen, Gefühle, …) diskutiert er
dann die Anforderungen, die an das System gestellt werden und überlegt, ob und wie diese Anforderungen rein technisch bzw. mittels des Nervensystems eingelöst werden könnten. Diese Überlegungen sind in ihrem grundsätzlichen Charakter interessant, aber der Stand des Wissens in seiner Zeit zum Nervensystem und zu neuronalen Modellen
war nicht ausreichend, um alle diese Phänomene verbindlich diskutieren zu können.
Immer wieder stellt er die zentrale Rolle der symbolischen Sprache heraus, mittels der sich komplexe Strukturen und Modelle generieren lassen, mit denen Erklärungen möglich werden, Voraussagen und auch die Koordinierung zwischen den Gehirnen.

Bei seiner Beschreibung der realen Welt fällt auf, dass er stark fixiert ist auf einfache physikalische Strukturen; die Besonderheit und Komplexität biologischer Systeme tritt wenig hervor. Dies obgleich er ja die komplexen Strukturen von Menschen sehr wohl diskutiert.

Er sieht allerdings schon ein Eigengewicht der mentalen logischen Strukturen gegenüber der ’reinen Maschinerie’ des Nervensystems, insofern das Nervensystem als solches funktioniert unabhängig von Logik und Bedeutung. In wissenschaftlichen Kontexten aber muss auch Logik und Bedeutung stimmen, andernfalls gelingt die Argumentation
nicht. Allerdings, auch hier gilt, dass auch eine Logik und mögliche Bedeutungen im mentalen Bereich ebenfalls Leistungen des Nervensystems sind. Das gerade ist das Besondere. Reine Introspektion kann zwar die phänomenale Seite des Geistes enthüllen, nicht aber seine neuronale Seite. Dazu bedarf es mehr als Introspektion.

Craik postuliert auch den Faktor der Gefühle (’feelings’) und der Emotionen (’emotions’) als grundlegend für das Verhalten. Zufriedenheit und Unglücklich sein sind starke Motive für das gesamte Verhalten. Wissenschaft lebt davon, Kunst, aber auch viele psychische Krankheiten scheinen mit einem Missmanagement der Gefühle zu tun zu haben.
Das Wechselspiel zwischen Gefühlen und dem gesamten Lebensprozess umschließt nach Craik viele Faktoren, viele dabei oft unbewusst, so dass das Erkennen der Zusammenhänge in der Regel nicht einfach ist. Klassische Ethik und Moral dagegen tendieren zu Vereinfachungen, die dann sachlich unangemessen sind.

IV. DISKURS

Die vorgestellten Gedanken von Craik sind, wohlgemerkt, nur eine Art Extrakt, viele interessante Details bleiben ungesagt. Für das Anliegen des Blogs kann dies aber u.U. genügen.

Das Thema empirische Wissenschaft, Messen, Erklären usw. steht in Übereinstimmung mit dem, was bislang angenommen wurde. Craik ist sehr bemüht, die Perspektive der Introspektion zu übersteigen, da er zu Recht erkennt, dass diese allein nicht ausreicht. Zugleich sieht er sehr wohl eine gewisse Eigenständigkeit der introspektiven Dimension. Was er aber nicht leistet, das ist ein Aufweis, wie man methodisch sauber beide Dimensionen kombiniert [Anmerkung: Dass eine empirischer Herangehensweise allein die Gesamtheit des Phänomens aber auch nicht erreichen kann, dies spricht Craik nicht
an. Letztlich haben wir es hier mit einem methodischen Deadlock zu tun: Introspektion benötigt zusätzlich empirische Methoden, empirische Methoden benötigen zusätzlich sehr dringend Introspektion. Dieses methodische Problem ist bis heute nicht befriedigend gelöst.] Im Blog gab es dazu zumindest einige Versuche.

Die gezielte Nachfrage danach, wie man welche der introspektiv und im Verhalten zugänglichen Eigenschaften des Menschen mittels neuronaler Mechanismen modellieren könnte, wurde hier im Blog noch nicht diskutiert. Es gibt dazu einige Skript aus Vorlesungen, die aber bislang keinen Eingang in den Blog gefunden haben [Anmerkung: Dazu findet sich mehr in dem korrespondierenden Blog uffmm.org.4].  Die Frage
ist aber tatsächlich philosophisch relevant. Die Frage wurde vom Autor cagent bislang deswegen in diesem Blog kaum diskutiert, weil er der Frage nachging, ob und wieweit man neuronale Netze durch andere mathematisch äquivalente Mechanismen ersetzen kann um dann die Fragen nach der Substitution dann mit diesen anderen Strukturen zu untersuchen. In den letzten Jahren sind neuronale Netze so populär geworden, dass sich kaum jemand noch dafür interessiert, ob und welche alternativen Formalismen es auch tun würden und möglicherweise einfacher. Grundsätzlich ist seit langem bekannt, dass neuronalen Netze nicht mehr können als im Konzept der Turingmaschine definiert ist. Man muss also aus theoretischen Gründen keine Neuronalen Netze benutzen, wenn
sie denn nicht speziell besondere Vorteile bieten.

Die Lektüre von Craik hat allerdings dazu ermutigt, die Idee der parallelen Analyse von Verhalten, Introspektiv zugänglichem Bewusstseinsraum, sowie Physiologie des Gehirns im Körper weiter Raum zu geben, immer natürlich auch mit Blick auf evolutionäre Entwicklungen unter Einschluss der Kultur. Ferner sollte dabei die parallele Entwicklung intelligenter Maschinen mit reflektiert werden, sehr wohl in Bezugssetzung zu den biologischen Systemen.

 

Vor lauter Faszination durch die moderne Technik geht vielfach unter, dass die Naturwissenschaften in den letzten 10 Jahren ungeheuerlich interessante Aspekte des biologischen Lebens (und der umgebenden Welt) zutage gefördert haben, die das Bild vom Menschen im Universum eigentlich radikal verändern könnten. Obwohl die Roboter und die KI-Programme vergleichsweise simple Strukturen darstellen, die jeder intelligente Schüler verstehen könnte, wenn man es ihm denn erzählen würde, stoßen wir im biologischen Leben auf immer unfassbare Komplexitäten und Verschiebungen von Perspektiven, die eigentlich alle Aufmerksamkeit erfordern würden.

QUELLEN
[Cra43] Kenneth Craik. The Nature of Explanation. Cambridge University Press, Cambridge (UK), 1 edition, 1943.

 KONTEXTE

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PHILOSOPHIEWERKSTATT 23.Okt.2016 – JETZT ALS PHILOSOPHISCHES LABOR FÜR PHILOSOPHISCHE SELBSTVERSUCHE – Memo

AUSGANGSPUNKT

  1. Wie in der Vorschau zur Philosophiewerkstatt vom 23.Okt.2016 nachlesbar, ist das Thema Denken und Fühlen ein zwar sehr anregendes, aber zugleich auch in der bisherigen Geistesgeschichte (speziell in den Wissenschaften) eher ungelöstes Thema. Tatsächlich findet sich der einzelne heute eher ortlos vor zwischen Denken und Fühlen, nicht harmonisch, entspannt, wohlig, zufrieden, glücklich. Vielleicht sollte man hier sogar von einer Art Entfremdung des Menschen von sich selbst sprechen.
  2. Im eben zitierten Beitrag findet man den Abschnitt: Wenn man also als Philosoph die vorfindliche Wirklichkeit ernst nehmen will, dann darf man die eigene Körpererfahrung nicht von vornherein ausblenden, man muss sie akzeptieren, man muss sie zulassen, sie anschauen, und versuchen, daraus zu lernen, was es zu lernen gibt. Das Fühlen (im weitesten Sinne) ist ein Grundbestandteil philosophischer Weltwahrnehmung. Ob und was ein nachfolgendes Reflektieren mit solch einem Fühlen anfangen kann, das kann man vorab nicht abschätzen.
  3. Und weiter: Für einen Philosophen kann es nur um das GANZE Fühlen gehen, d.h. alles, was ein Denken vorfinden kann. Und da dieses Fühlen an unseren Körper gebunden ist, geht es darum, was ein Körper in unterschiedlichsten Situationen fühlen kann und wie man solch ein stattfindendes Fühlen dann beschreiben kann, nicht nur punktuell, sondern auch in seiner prozesshaften Erstreckung in dem, was wir Zeit nennen.
  4. Als Grundform des philosophischen Fühlens erscheint daher das bewusste Dasein ohne ein fokussiertes Denken. Sofern das philosophische Fühlen als das primär Vorgegebenes für jedes Erkennen angesehen wird, also auch für das explizite Denken, muss man sagen, dass das Denken im Fühlen gründet.
  5. In einem weiteren vorbereitenden Blogbeitrag  wurd aber auch herausgestellt, dass die Tatsache, dass das Denken im Fühlen gründet, … nicht [heißt], dass das Fühlen das Denken ersetzt. Keinesfalls. Das Denken ist zwar evolutionsgeschichtlich sehr viel später als das Fühlen, das eine Begleiterscheinung des Körpers ist, und das Denken kann das Fühlen nicht ersetzen, aber es eröffnet Zustandsweisen, die radikal und fundamental über das Fühlen hinaus gehen.
  6. Aufgrund all dieser Gedanken entstehen sehr viele Fragen. Fragen nach der Beschaffenheit und Funktion des philosophischen Fühlens, des Denkens, und speziell auch Fragen nach der Wechselwirkung zwischen philosophischem Fühlen und Denken. Um diesen Fragen nach zu gehen wurde zur ersten Sitzung der Philosophiewerkstatt am 223.Okt.2016 eingeladen.
Hinweis auf die Komplexität menschlicher Systeme als Teil der biologischen Evolution

Hinweis auf die Komplexität menschlicher Systeme als Teil der biologischen Evolution

WERKSTATT – EINSTIMMUNG

  1. Nach dem Ankommen an den neuen Ort (INM) wurde nochmals daran erinnert, was das Grundanliegen der Philosophiewerkstatt ist: nicht der Monolog eines Experten sondern die Verschränkung der Erfahrungen der anwesenden Teilnehmer im Austausch und in der versuchsweisen Zusammenschau.
  2. In einem kurzen Impulsreferat wurde anhand der Zeichnung zur Komplexität menschlicher Systeme angedeutet, wie das System Mensch in sich ganz unterschiedliche Systeme vereinigt, die untereinander wechselwirken. Das Bewusstsein in Interaktion mit dem Gehirn, und das Gehirn in Wechselwirkung mit dem Körper. Der gesamte Körper ist aber zugleich eine gigantische Ansammlung von individuellen hochkomplexen Zellen, die intensiv miteinander interagieren. Insofern sie aus Molekülen bestehen, diese aus Atomen, Atome aus subatomaren Partikeln, die physikalisch frei zugänglich sind über alle körperlichen Grenzen hinweg, bildet der Körper entgegen der bewussten Anschauung kein abgegrenztes, endliches Objekt, sondern ein prinzipiell offenes System, dessen Grenzen physikalisch kaum angebbar sind.
  3. Wenn wir also philosophisch vom Fühlen sprechen, dann ist damit die Gesamtheit der möglichen Wirkungen dieses komplexen offenen und dynamischen Systems in die Phänomenmenge des Bewusstseins gemeint. Das Bewusstsein ist aber als Bewusstsein nur dem individuell erlebenden System zugänglich als subjektzentrierte Phänomenmenge, deren Quelle das ganze Universum ist, dessen Ereignismenge durch den Körper und das Gehirn gefiltert wird. Der subjektive Phänomenraum erscheint somit wie ein Transformator, wie eine Übersetzungsmaschine, die die schwer fassbare universelle Ereignismenge in einen bestimmten Kode, den Körper-Gehirn-Bewusstseins-Kode übersetzt.
  4. Das philosophische Fühlen erscheint daher als die Fähigkeit des Menschen, sich selbst in großer Bandbreite ‚fühlen‘ zu können. ‚Fühlen‘ ist dabei alles, was irgendwie wahrgenommen/ erlebt/ empfunden/ … werden kann als möglicher Gegenstand des Denkens. Das Fühlen wäre damit unsere direkte Verbindung zur Realität, modulierbar durch Denken. Das Fühlen erscheint unserem Denken vorgelagert und darin unabhängig von ihm. Das Fühlen ist darin das für das Denken Andere, Widerständige, im grundlegenden Sinne Empirische. Dennoch können sich Fühlen und Denken gegenseitig beeinflussen, aber unterschiedlich. Fühlen erscheint formlos; das Denken ermöglicht Verbindung mit Strukturen. Fühlen ist gegenwärtig; Denken ermöglicht Vergangenheit und mögliche Zukunft.
  5. Eine philosophische Übung des Fühlens (was von anderen oft Meditation genannt wird, mit zahllosen Spielarten) besteht im einfachsten Fall darin, sich für eine gewisse Zeitdauer (guter Start: 20 Min) in einer Weise zu positionieren, dass man sich selbst dabei wenig behindert und man auch von der Umgebung wahrscheinlich nicht gestört wird (Dies ist allerdings individuell sehr verschieden: es gibt Menschen, die können im größten Trubel so etwas tun, andere werden schon bei kleinsten Geräuschen abgelenkt). Und dann ist man einfach nur da. In dieser Zeit kann unglaublich viel passieren – oder scheinbar nichts. Eine kleine Nachreflexion mit Notizen kann helfen, das Gefühlte zu sortieren und zu bewahren.
Historischer Kontext zu Schopenhauer - Auswahl

Historischer Kontext zu Schopenhauer – Auswahl

  1. Innerhalb des großen Themas Denken im Fühlen (Okt-2016 bis Juni-2017) soll auch der Philosoph Schopenhauer als historischer Gesprächspartner einbezogen werden. Zu Lebzeiten wenig beachtet, erweist sich sein Ansatz mit Thematisierung der Vorstellungen im Körper und des Willens als Ermöglichung einer subjektübergreifenden Wirklichkeit aus heutiger Sicht als modern. In der Sitzung am 23.Okt.2016 wurde nurmehr ein erster Hinweis auf Schopenhauer gegeben.

INDIVIDUELLES FÜHLEN

  1. Es war jedem freigestellt, ob er sich dem Selbstversuch des philosophischen Fühlens aussetzen wollte oder nicht, auch wo und wie. Wie sich herausstellte hatte niemand außer dem Autor das zuvor probiert. Alle probierten es aus. 20 Min. Einige gaben blitzlichtartig anschließend ihre Eindrücke wieder (siehe Bild).
Blitzlichter zum Selbstfühlen

Blitzlichter zum Selbstfühlen

  1. Eine Übung, nur 20 Min, ist natürlich bei einem so komplexen Thema wie das eigene Fühlen nur eine kleine Momentaufnahme aus einem permanent gewaltigen Geschehen. Dennoch zeigen schon die wenigen Berichte, wie wir, ausgespannt zwischen Fühlen und Denken, in einem Spannungsfeld leben, in dem einerseits unser Fühlen uns unterschiedliche Ereignisse liefert, andererseits unser bisherige Erfahrung und unser Denken, dadurch angeregt, alle möglichen Reaktionen zeigen. So, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft und er Wellen und Geräusche erzeugt, so erzeugen die unterschiedlichen Gefühlsanstöße unterschiedliche Reaktionen unseres Erinnerns und Denkens.

DISKURS ZU DENKEN IM FÜHLEN

  1. Im nachfolgenden Diskurs (siehe Bild) kamen viele Aspekte zur Sprache.
Stichworte aus dem Gespräch

Stichworte aus dem Gespräch

BEWUSSTSEIN UND FÜHLEN

  1. Grundlegend war sicher die Klärung, wie wir den Begriff Bewusstsein im Gespräch verwenden wollten: (i) quasi von außen, als Dritter, auf einen Menschen drauf schauend, seinen Körper, sein Gehirn, und damit verbunden Verhaltensweisen, die auf etwas hindeuten, das man Bewusstsein nennt, oder (ii) aus der Innenperspektive des einzelnen, seine subjektive Wahrnehmung, die sich einer Vielzahl von Eindrücken (Phänomenen, Qualia,…) ausgesetzt erfährt. Wir stellten fest, dass wir die Bedeutung (ii) benutzen, die auch der Betrachtungsweise der Phänomenologie im Sinne Husserls entspricht.
  2. Das philosophische Fühlen entspräche dann der Gesamtheit aller Phänomene, die sich im Bewusstsein zeigen können, sofern sie im Körper fundiert wären. Insofern das Bewusstsein im Gehirn fundiert ist und dieses im Körper, sind alle möglichen Phänomene im Körper fundiert, d.h. Das Bewusstsein ist der real-virtuelle Ort des Aufscheinens aller möglichen Phänomene und steckt damit auch den Bereich des potentiellen philosophischen Fühlens ab.

ZWISCHEN MENSCHEN

  1. In der Interaktion zwischen Menschen spielt der Austausch von Gefühlen auch eine Rolle. Es gibt offensichtlich vor-sprachliche Formen der Kommunikation und dann sprachliche. Mit der Sprache lassen sich sehr feine und sehr verwobene Strukturen konstruieren, die dann als sprachlich vermittelte Bilder der gemeinten Sache die vorkommende Wirklichkeit deuten.

FÜHLEN UND SPRACHE

  1. Freud ist ein beeindruckendes Beispiel, wie er Sprach- und Denkwelt der Neurowissenschaften überstieg und die Psyche – aufscheinend in den Phänomenen des Bewusstseins – mit eigenen Beschreibungsmodellen versah. Zugleich reflektierte er diese seine Modellbildungen auf mögliche Voraussetzungen und mögliche Konsequenzen hin.
  2. Dies ist möglicherweise eine Auswirkung der Formwandlungsprozesse des 18.Jahrhunderts, in denen zwischen der Logik der Psyche (Psychologie) und der Logik des Denkens unterschieden wurde. Erste Umrisse einer Abgrenzung von erlebbarer Psyche und erlebbarem Denken?
  3. Erwin Walter Maximilian Straus (1891 – 1975)  wurde als jemand genannt, der die Eigenständigkeit des Psychischen gegenüber dem Physiologischen verteidigt hat. Motto: Der Mensch denkt – nicht das Gehirn. Hier stellen sich allerdings einige Fragen vor dem Hintergrund der bisherigen systemischen Annahmen. Wurde nicht ausdiskutiert.

WER DENKT IM GEHIRN?

  1. Selbst wenn man von den neurologischen Verschaltungen ausgeht, muss man sagen, dass rein deterministische Schaltereignisse eigentlich nirgendwo vorkommen, nicht einmal auf der Ebene eines einzigen Neurons. Und die scheinbar deterministischen Reflexbahnen sind meist modifizierbar und bilden nur eine kleine Teilmenge der Schaltereignisse. In der Mehrzahl der Fälle finden sich wischen möglichen Signaleingängen und Ausgängen komplexe Verschaltungen, die mathematisch betrachtet nicht-lineare adaptive Funktionen repräsentieren, die von einer großen Zahl von Bedingungen abhängen, die selbst wiederum von nicht-linearen adaptiven Funktionen abhängen. Selbst wenn man die Betrachtung auf diese komplexen Schaltnetzwerke beschränken würde, wäre es nahezu unmöglich zu sagen, wer hier ‚denkt‘. Mathematisch gibt es hier keinen ‚Fixpunkt‘; alles ist hoch parallel, verteilt, nicht-linear und adaptiv.
  2. Bislang erscheint es auch müßig, in diesem Dschungel an vernetzter, adaptiver nichtlinearer Parallelität ein Areal zu identifizieren, das man dem subjektiven Erleben im Bewusstsein zuordnen könnte. Die Erfahrung des Bewusstseins erscheint originär im Subjektiven verankert, als dieses Phänomen nicht rückführbar.
  3. Wohl scheint es möglich zu sein, einzelnen Aspekten des Bewusstseins, einzelnen Phänomenen und ihrer Dynamik ansatzweise Aktivitätsmuster im messbaren Gehirn zuzuordnen. Von einer wirklichen eindeutigen Abbildung der Erfahrung des Bewusstseins auf neuronale Gegebenheiten sind wir aber noch weit entfernt. Dies liegt u.a. an dem Messproblem: das Bewusstsein als Korrelat eines subjektive Empfindens lässt sich nicht direkt messen.

WAS IST DENKEN?

WAS IST DIE FUNKTION DES BEWUSSTSEINS?

  1. Während es im Gespräch erste Einkreisungen dessen gab, was mit philosophischem Fühlen gemeint sein könnte, blieb der Begriff des Denkens und daraus resultierend die Interaktion zwischen Fühlen und Denken schwierig.
  2. Eine erste Arbeitshypothese ging in die Richtung, dass das Bewusstsein eine späte Errungenschaft der Evolution ist.
  3. Innerhalb eines hochkomplexen Systems (beim homo sapiens (sapiens) ca. 120 Milchstraßen-Galaxien an Zellen, die jeweils hochkomplex miteinander interagieren, zusätzlich mit einer Dynamik des Wachsens und Sterbens und Lernens) führte die Entstehung eines Bewusstseins als zusätzlicher Steuerungsebene auf einem hohen Abstraktionsniveau dazu, dass die ungeheuer komplexen Prozesse im Körper auf ‚handliche‘ Weise dem Bewusstsein übermittelt werden mussten. Dies geschieht über vielfältige Ereignisse des Fühlens (Hunger, Durst, Müdigkeit, Sexualität, Angst,…), die dem Bewusstsein signalisieren, dass bestimmte Systemzustände Anforderungen haben.
  4. Ereignisse des Fühlens, vom Körper verursacht, sind als Ereignisse zwar unterscheidbar und haben eine zeitliche Erstreckung mit unterschiedlicher Intensität, sie besitzen aber von sich aus keine Umsetzungsanweisung für ein Verhalten.
  5. Die Zuordnung von Fühlens-Ereignisse des Körpers zu möglichen Gegebenheiten der Außenwelt (z.B. Nahrungsmittel) zusammen mit möglichen Verhaltensweisen (Nahrungsmittel besorgen, zubereiten, essen, …) muss explizit gelernt werden. Dies hängt ab von Umständen und anderen Personen. So kann ein und dasselbe Fühlens-Ereignis in einem Menschen je nach Zeit, Ort, Kultur, Umständen ganz unterschiedlich benannt und ‚versorgt‘ werden.
  6. Verschiedene Theorien zur Entstehung des Denkens (wie z.B. von Wilfred Ruprecht Bion (1897 1979) können im Lichte der Arbeitshypothese in der Philosophiewerkstatt neu interpretiert werden. Alle auftretenden Strukturen im Bewusstsein gehen zurück auf Lernprozesse. Der Ankerpunkt ist das Fühlen des Körpers, das mit der Realität verbindet, und die Strukturierung der Einbettung des Fühlens in den Rest der Wirklichkeit leistet das strukturierende Denken.
  7. Hier muss weiter gedacht werden.

COMPUTER UND FÜHLEN UND …

  1. Gegen Ende wurde auch nochmals das Thema Computer mit Denken und Fühlen aufgegriffen. Können Computer Fühlen und Denken wie Menschen? Die körperlichen Ausdrucksweise von Gefühlen können Roboter heute schon ziemlich gut imitieren. Haben Sie deshalb auch Gefühle? Brauchen sie überhaupt Gefühle, um Menschen helfen zu können?

Einen Überblick über alle Einträge zur Philosophiewerkstatt bisher findet sich HIER.

Eine Übersicht über alle Themenfelder dieses Blogs findet sich HIER.

BUCHPROJEKT 2015 – Zwischenreflexion 23.August 2015 – INFORMATION – Jenseits von Shannon

Der folgende Beitrag bezieht sich auf das Buchprojekt 2015.

VORHERIGE BEITRÄGE

1. Im Beitrag von John Maynard Smith hatte dieser Kritik geübt an der Informationstheorie von Shannon. Dabei fokussierte er im wesentlichen auf die direkte Anwendung des Shannonschen Begriffs auf die informationsvermittelnden Prozesse bei der Selbstreproduktion der Zelle, und er konnte deutlich machen, dass viele informationsrelevanten Eigenschaften bei dem Reproduktionsprozess mit dem Shannonschen Informationsbegriff nicht erfasst werden. Anschließend wurde ein Beitrag von Terrence W.Deacon diskutiert, der den Shannonschen Informationsbegriff als Ausgangspunkt nutzte, den er it dem Entropiebegriff von Boltzmann verknüpfte, von dort die Begriffe thermodynamisches Ungleichgewicht, Arbeit und Evolution nach Darwin benutzte, um die Idee anzudeuten, dass jene Zustände in einem System, die bedeutungsrelevant sein könnten (und von Shannon selbst nicht analysiert werden) in Interaktion mit der Umwelt entstanden sind und entstehen.

ZWISCHENSTAND
2. Was sowohl bei Maynard Smih wie auch bei Deakon auffällt, ist, dass sie sich wenig um den möglichen Kontext des Begriffs ‚Information‘ bemühen. Wie wurde der Begriff der Information im Laufe der Ideengeschichte verstanden? Welche Besonderheiten gibt es in den verschiedenen Disziplinen?

HISTORISCH-SYSTEMATISCHE PERSPEKTIVE

3. In einem umfangreichen und detailliertem Überblick von Pieter Adriaans (2012) in der Standford Encyclopedia of Philosophy findet man ein paar mehr Zusammenhänge.

4. Zwar heißt es auch hier mehrfach, dass ein erschöpfender Überblick und eine alles umfassende Theorie noch aussteht, aber ausgehend von der antiken Philosophie über das Mittelalter, die Renaissance bis hin zu einigen modernen Entwicklungen findet man wichtige Themen und Autoren.

5. Zusammenfassend sei hier nur festgestellt, dass Aspekte des Informationsbegriffs auf unterschiedlich Weise bis zum Ende des 19.Jahrhunderts feststellbar sind, ohne dass man von einer eigentlich Philosophie der Information oder einer Informationstheorie im modernen Sinne sprechen kann. Als grobe Koordinaten, die den Ausgangspunkt für die neuere Entwicklung einer Informationstheorie markieren, nennt Adriaans (i) Information als ein Prozess, der Systeme prägen/ formieren/ informieren kann; (ii) Information als ein Zustand, der sich bei einem System einstellt, nachdem es informiert wurde; (iii) Information als die Fähigkeit eines Systems, seine Umgebung zu prägen/ formen/ informieren.

6. Weiterhin identifiziert er zusammenfassend einige Bausteine der modernen Informationstheorie: (i) Information ist ‚extensiv‘ insofern die Bestandteile in das übergreifende Ganze eingehen und sie vermindert Unsicherheit; (ii) man benötigt eine formale Sprache zu ihrer Darstellung; (iii) ein ‚optimaler‘ Kode ist wichtig; (iv) die Verfügbarkeit eines optimierten Zahlensystems (binär, Stellen, Logarithmus) spielte eine Rolle; ausgehend von konstituierenden Elementen die Idee der Entropie in Kombination mit der Wahrscheinlichkeit; (v) die Entwicklung einer formalen Logik für Begriffe wie ‚Extension/ Intension‘, ‚Folgerung‘, ‚Notwendigkeit‘, ‚mögliche Welten‘, ‚Zustandsbeschreibungen‘ und ‚algorithmische Informationstheorie‘.

7. Andere wichtige Themen sind (i) Information als Grad der Widerlegbarkeit (Popper); (ii) Information in Begriffen der Wahrscheinlichkeit (Shannon); (iii) Information als Länge des Programms (Solomonoff, Kolmogorov, Chaitin).

SHANNON ERSCHEINT ÜBERMÄCHTIG

8. Was man bei Adriaans vermisst, das ist der Bezug zur semantischen Dimension. Hierzu gibt es einen anderen sehr umfangreichen Beitrag von Floridi (2015), auf den auch Adriaans verweist. Floridi behandelt die Frage der Semantischen Information quantitativ sehr ausführlich, inhaltlich aber beschränkt er sich weitgehend auf eine formale Semantik im Umfeld einer mathematischen Informationstheorie auf der Basis von Shannon 1948. Dies verwundert. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die ‚konzeptuelle Gravitation‘ des Shannonschen Modells jede Art von begrifflicher Alternative im Keim erstickt.

BEFREIUNG DURCH BIOLOGIE

9. Bringt man die Informationstheorie in das begriffliche Gravitationsfeld der Biologie, insbesondere der Molekularbiologie, dann findet man in der Tat auch andere begrifflich Ansätze. Peter Godfrey-Smith und Kim Sterelny (2009) zeigen am Beispiel der Biologie und vieler molekularbiologischer Sachverhalte auf, dass man das enge Modell von Shannon durch weitere Faktoren nicht nur ergänzen kann, sondern muss, will man den besonderen biologischen Sachverhalten Rechnung tragen. Allerdings führen sie ein solches Modell nicht allgemein aus. Kritiker weisen darauf hin, dass solche zusätzlichen Abstraktionen die Gefahr bieten – wie in jeder anderen wissenschaftlichen Disziplin auch –, dass sich Abstraktionen ‚ontologisch verselbständigen‘; ohne erweiternde Begrifflichkeit kann man allerdings auch gar nichts sagen.

THEORIE A LA BOLTZMANN VOR MEHR ALS 100 JAHREN

10. Diese ganze moderne Diskussion um die ‚richtigen formalen Modelle‘ zur Erklärung der empirischen Wirklichkeit haben starke Ähnlichkeiten mit der Situation zu Zeiten von Ludwig Boltzmann. In einer lesenswerten Rede von 1899 zur Lage der theoretischen Physik ist er konfrontiert mit der stürmischen Entwicklung der Naturwissenschaften in seiner Zeit, speziell auch der Physik, und es ist keinesfalls ausgemacht, welches der vielen Modelle sich in der Zukunft letztlich als das ‚richtigere‘ erweisen wird.

11. Boltzmann sieht in dieser Situation die Erkenntnistheorie gefragt, die mithelfen soll, zu klären, welche Methoden in welcher Anordnung einen geeigneten Rahmen hergeben für eine erfolgreiche Modellbildung, die man auch als theoretische Systeme bezeichnen kann, die miteinander konkurrieren.

12. Mit Bezugnahme auf Hertz bringt er seinen Zuhörern zu Bewusstsein, „dass keine Theorie etwas Objektives, mit der Natur wirklich sich Deckendes sein kann, dass vielmehr jede nur ein geistiges Bild der Erscheinungen ist, das sich zu diesen verhält wie das Zeichen zum Bezeichneten.“ (Boltzmann 1899:215f) Und er erläutert weiter, dass es nur darum gehen kann, „ein möglichst einfaches, die Erscheinungen möglichst gut darstellendes Abbild zu finden.“ (Boltzmann 1899:216) So schließt er nicht aus, dass es zum gleichen empirischen Sachverhalt zwei unterschiedliche Theorien geben mag, die in der Erklärungsleistung übereinstimmen.

13. Als Beispiel für zwei typische theoretische Vorgehensweisen nennt er die ‚Allgemeinen Phänomenologen‘ und die ‚Mathematischen Phänomenologen‘. Im ersteren Fall sieht man die theoretische Aufgabe darin gegeben, alle empirischen Tatsachen zu sammeln und in ihrem historischen Zusammenhang darzustellen. Im zweiten Fall gibt man mathematische Modelle an, mit denen man die Daten in allgemeine Zusammenhänge einordnen, berechnen und Voraussagen machen kann. Durch die Einordnung in verallgemeinernde mathematische Modelle geht natürlich die Theorie über das bis dahin erfasste Empirische hinaus und läuft natürlich Gefahr, Dinge zu behaupten die empirisch nicht gedeckt sind, aber ohne diese Verallgemeinerungen kann ein Theorie nichts sagen. Es kann also nicht darum gehen, ’nichts‘ zu sagen, sondern das, was man theoretisch sagen kann, hinreichend auf Zutreffen bzw. Nicht-Zutreffen zu kontrollieren (Poppers Falsifizierbarkeit). Boltzmann bringt seitenweise interessante Beispiele aus der damals aktuellen Wissenschaftsdiskussion, auf die ich hier jetzt aber nicht eingehe.

WIE SHANNON ERWEITERN?

14. Stattdessen möchte ich nochmals auf die Fragestellung zurück kommen, wie man denn vorgehen sollte, wenn man erkannt hat, dass das Modell von Shannon – so großartig es für die ihm gestellten Aufgaben zu sein scheint –, bzgl. bestimmter Fragen als ‚zu eng‘ erscheint. Hier insbesondere für die Frage der Bedeutung.

15. Im Beitrag von Deacon konnte man eine Erweiterungsvariante in der Weise erkennen, dass Deacon versucht hatte, über die begriffliche Brücke (Shannon-Entropie –> Boltzmann-Entropie –>Thermodynamik → Ungleichgewicht → Aufrechterhaltung durch externe Arbeit) zu der Idee zu kommen, dass es in einem biologischen System Eigenschaften/ Größen/ Differenzen geben kann, die durch die Umwelt verursacht worden sind und die wiederum das Verhalten des Systems beeinflussen können. In diesem Zusammenhang könnte man dann sagen, dass diesen Größen ‚Bedeutung‘ zukommt, die zwischen Systemen über Kommunikationsereignisse manifestiert werden können. Ein genaueres Modell hatte Deacon dazu aber nicht angegeben.

16. Wenn Deacon allerdings versuchen wollte, diese seine Idee weiter zu konkretisieren, dann käme er um ein konkreteres Modell nicht herum. Es soll hier zunächst kurz skizziert werden, wie solch ein Shannon-Semantik-System aussehen könnte. An anderer Stelle werde ich dies Modell dann formal komplett hinschreiben.

SHANNON-SEMANTIK MODELL SKIZZE

17. Als Ausgangspunkt nehme ich das Modell von Shannon 1948. (S.381) Eine Quelle Q bietet als Sender Nachrichten M an, die ein Übermittler T in Kommunikationsereignisse S in einem Kommunikationskanal C verwandelt (kodiert). In C mischen sich die Signale S mit Rauschelementen N. Diese treffen auf einen Empfänger R, der die Signale von den Rauschanteilen trennt und in eine Nachricht M* verwandelt (dekodiert), die ein Empfänger D dann benutzen kann.

18. Da Shannon sich nur für die Wahrscheinlichkeit bestimmter Signalfolgen interessiert hat und die Kapazitätsanforderungen an den Kanal C, benötigt sein Modell nicht mehr. Wenn man aber jetzt davon ausgeht, dass der Sender nur deshalb Kommunikationsereignisse S erzeugt, weil er einem Empfänger bestimmte ‚Bedeutungen‘ übermitteln will, die den Empfänger in die Lage versetzen, etwas zu ‚tun‘, was der übermittelten Bedeutung entspricht, dann muss man sich überlegen, wie man das Shannon Modell erweitern kann, damit dies möglich ist.

19. Das erweiterte Shannon-Semantik Modell soll ein formales Modell sein, das geeignet ist, das Verhalten von Sendern und Empfängern zu beschreiben, die über reine Signale hinaus mittels dieser Signale ‚Bedeutungen‘ austauschen können. Zunächst wird nur der Fall betrachtet, dass die Kommunikation nur vom Sender zum Empfänger läuft.

20. Ein erster Einwand für die Idee einer Erweiterung könnte darin bestehen, dass jemand sagt, dass die Signale ja doch ‚für sich‘ stehen; wozu braucht man die Annahme weiterer Größen genannt ‚Bedeutung‘?

21. Eine informelle Erläuterung ist sehr einfach. Angenommen der Empfänger ist Chinese und kann kein Deutsch. Er besucht Deutschland. Er begegnet dort Menschen, die kein Chinesisch können und nur Deutsch reden. Der chinesische Besucher kann zwar sehr wohl rein akustisch die Kommunikationsereignisse in Form der Laute der deutschen Sprache hören, aber er weiß zunächst nichts damit anzufangen. In der Regel wird er auch nicht in der Lage sein, die einzelnen Laute separat und geordnet aufzuschreiben, obgleich er sie hören kann. Wie wir wissen, braucht es ein eigenes Training, die Sprachlaute einer anderen Sprache zweifelsfrei zu erkennen, um sie korrekt notieren zu können. Alle Deutschen, die bei einer solchen Kommunikation teilnehmen, können die Kommunikationsereignisse wahrnehmen und sie können – normalerweise – ‚verstehen‘, welche ‚anderen Sachverhalte‘ mit diesen Kommunikationsereignissen ‚verknüpft werde sollen‘. Würde der Chinese irgendwann Deutsch oder die Deutschen Chinesisch gelernt haben, dann könnten die Deutschen Kommunikationsereignisse in Chinesische übersetzt werden und dann könnten – möglicherweise, eventuell nicht 1-zu-1 –, mittels der chinesischen Kommunikationsereignisse hinreichend ähnliche ‚adere Sachverhalte‘ angesprochen werden.

22. Diese anderen Sachverhalte B, die sich den Kommunikationsereignissen zuordnen lassen, sind zunächst nur im ‚Innern des Systems‘ verfügbar. D.h. Die Kommunikationsereignisse S (vermischt mit Rauschen N) im Kommunikationskanal C werden mittels des Empfängers R in interne Nachrichten M* übersetzt (R: S x N —> M*), dort verfügt der Empfänger über eine weitere Dekodierfunktion I, die den empfangenen Nachrichten M* Bedeutungssachverhalte zuordnet, also I: M* —> B. Insofern ein Dolmetscher weiß, welche Bedeutungen B durch eine deutsche Kommunikationssequenz im Empfänger dekodiert werden soll, kann solch ein Dolmetscher dem chinesischen Besucher mittels chinesischer Kommunikationsereignisse S_chin einen Schlüssel liefern, dass dieser mittels R: S_chin —> M*_chin eine Nachricht empfangen kann, die er dann mit seiner gelernten Interpretationsfunktion I_chin: M*_chin —> B‘ in solche Bedeutungsgrößen B‘ übersetzen kann, die den deutschen Bedeutungsgrößen B ‚hinreichend ähnlich‘ sind, also SIMILAR(B, B‘).

23. Angenommen, der empfangenen Nachricht M* entspricht eine Bedeutung B, die eine bestimmte Antwort seitens des Empfängers nahelegt, dann bräuchte der Empfänger noch eine Sendeoperation der Art Resp: B —> M* und T: M* —> S.

24. Ein Empfänger ist dann eine Struktur mit mindestens den folgenden Elementen: <S,N,M*,B,R,I,resp,T> (verglichen mit dem ursprünglichen Shannon-Modell: <S,N,M*,-,R,I,-,T>). So einfach diese Skizze ist, zeigt sie doch, dass man das Shannon Modell einfach erweitern kann unter Beibehaltung aller bisherigen Eigenschaften.

25. Natürlich ist eine detaillierte Ausführung der obigen Modellskizze sehr aufwendig. Würde man die Biologie einbeziehen wollen (z.B. im Stile von Deacon), dann müsste man die Ontogenese und die Phylogenese integrieren.

26. Die Grundidee der Ontogenese bestünde darin, einen Konstruktionsprozess zu definieren, der aus einem Anfangselement Zmin das endgültige System Sys in SYS erstellen würde. Das Anfangselement wäre ein minimales Element Zmin analog einer befruchteten Zelle, das alle Informationen enthalten würde, die notwendig wären, um diese Konstruktion durchführen zu können, also Ontogenese: Zmin x X —> SYS. Das ‚X‘ stünde für alle die Elemente, die im Rahmen einer Ontogenese aus der Umgebung ENV übernommen werden müssten, um das endgültige system SYS = <S,N,M*,B,R,I,resp,T> zu konstruieren.

27. Für die Phylogenese benötigte man eine Population von Systemen SYS in einer Umgebung ENV, von denen jedes System Sys in SYS mindestens ein minimales Anfangselement Zmin besitzt, das für eine Ontogenese zur Verfügung gestellt werden kann. Bevor die Ontogenese beginnen würde, würden zwei minimale Anfangselemente Zmin1 und Zmin2 im Bereich ihrer Bauanleitungen ‚gemischt‘, um dann der Ontogenese übergeben zu werden.

QUELLEN

  1. John Maynard Smith (2000), „The concept of information in biology“, in: Philosophy of Science 67 (2):177-194
  2. Terrence W.Deacon (2010), „What is missing from theories of information“, in: INFORMATION AND THE NATURE OF REALITY. From Physics to Metaphysics“, ed. By Paul Davies & Niels Henrik Gregersen, Cambridge (UK) et al: Cambridge University Press, pp.146 – 169
  3. Bernd-Olaf Küppers 2010), „Information and communication in living matter“, in: INFORMATION AND THE NATURE OF REALITY. From Physics to Metaphysics“, ed. By Paul Davies & Niels Henrik Gregersen, Cambridge (UK) et al: Cambridge University Press, pp.170-184
  4. Luciano Floridi (2015) Semantic Conceptions of Information, in: Stanford Enyclopedia of Philosophy
  5. Jesper Hoffmeyer (2010), „Semiotic freedom: an emerging force“, in: INFORMATION AND THE NATURE OF REALITY. From Physics to Metaphysics“, ed. By Paul Davies & Niels Henrik Gregersen, Cambridge (UK) et al: Cambridge University Press, pp.185-204
  6. Stichwort Information in der Stanford Enyclopedia of Philosophy von Pieter Adriaans (P.W.Adriaans@uva.nl) (2012)
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  8. Hans Jörg Sandkühler (2010), „Enzyklopädie Philosophie“, Bd.2, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Meiner Verlag, Hamburg 2010, ISBN 978-3-7873-1999-2, (3 Bde., parallel dazu auch als CD erschienen)
  9. Ludwig Boltzmann (1899), „Über die Entwicklung der Methoden der theoretischen Physik in neuerer Zeit“, in: „Populäre Schriften“, Leipzig:Verlag von Johann Ambrosius Barth, 1905, SS.198-227
  10. Lawrence Sklar (2015), Philosophy of Statistical Mechanics in Stanford Encyclopedia of Philosophy
  11. Schroedinger, E. „What is Life?“ zusammen mit „Mind and Matter“ und „Autobiographical Sketches“. Cambridge: Cambridge University Press, 1992 (‚What is Life‘ zuerst veröffentlicht 1944; ‚Mind an Matter‘ zuerst 1958)
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  17. Introduction to Probability von Charles M. Grinstead und J. Laurie Snell, American Mathematical Society; Auflage: 2 Revised (15. Juli 1997)