PLANET DER AFFEN: SURVIVAL – Nahe an einer Bankrotterklärung? – Andere Sichten

Übersicht

Eigentlich nur ein Film, aber wenn man den aktuellen kulturellen Kontext bedenkt, vielschichtig, nicht nur negativ. (Anmerkung: der englische Titel des Films lautet: War for the Planet of the Apes)

I. DIE GESCHICHTE

1) Wie man in Wikipedia-DE nachlesen kann gründet die dreiteilige Verfilmung auf einem Roman, dessen Ausgangsszenario darin besteht, dass ein an Affen getestetes virales Medikament gegen Alzheimer diese so intelligent gemacht hatte, dass sie ausbrechen und ihre eigene Zivilisation gründen konnten. Unter Menschen führte das Medikament zu der meist tödlich verlaufenden ’Affengrippe’, die hoch ansteckend war und die sich rasant verbreitete.

2) Mikrobiologisch ist dieser Plot in seiner spezifischen Doppelwirkung ziemlich unsinnig, aber er liefert ein interessantes Szenario, um Menschheit und veränderte Tierwelt in ungewöhnlichen Konstellationen zu konfrontieren.

3) Im dritten Teil gibt es nur noch wenige Menschen, die als zwei verfeindete Militäreinheiten vorkommen. Die eine Einheit genannt Alpha-Omega, die die Affen bekämpft und auszurotten versucht, die andere, die lange Zeit nur in Anspielungen auftaucht, in Andeutungen, die möglicherweise die Alpha-Omega Einheit besiegen will.

4) Die Darstellung der Soldaten selbst mit all ihren Waffen kommt sehr realistisch daher (sogar als 3D-Ereignis), ist aber in nahezu jeder Hinsicht bizarr unrealistisch.

5) Dazu gibt es als Gegenspieler die intelligenten Affen unter ihrem legendären Anführer Cäsar. Diese werden im Kontrast zu den rein militärischen Menschen als ein soziales Gebilde dargestellt mit Jung und Alt, Frauen und Männer, mit normalem gesellschaftlichen Leben, und manifestieren darin das, was man von menschlichen Gesellschaften her kennen kann (nicht muss, da es in den aktuellen menschlichen Gesellschaftsformen viele soziale Formen gibt, die kaum noch ’traditionelle’ Muster erkennen lassen).

6) Das Verhältnis zwischen den Soldaten-Menschen und den intelligenten Affen ist aus der Vergangenheit heraus sehr belastet, kommt aber im dritten Teil immer nur indirekt vor (Andeutungen, Erinnerungen, Handlungsreflexe…). Und damit der Zuschauer gleich weiß, wo hier die Guten und Bösen sind, beginnt der dritte Teil mit einem Überraschungsangriff auf das Lager der Affen. Während der Anführer der Affen, Cäsar, nach dem Sieg einige Gefangene wieder großzügig ziehen lässt mit der Hoffnung auf Besinnung, folgt ziemlich bald der nächste Überraschungsangriff als Kommandounternehmen, durch das Cäsar Frau und Sohn verliert.

7) Dies führt zu einer Expedition von Cäsar und wenigen Getreuen, die letztlich zur Entdeckung des Hauptlagers der Alpha-Omega Einheit führt, die dort eine Art Affen-Konzentrationlager betreiben. Wofür die Arbeit der Affen gut sein soll, erschließt sich nicht wirklich. Das Konzentrationslager mit seinen grausamen Methoden liefert allerdings genügend Anlässe, um die Emotionen gegen die Soldaten-Menschen und für die fühlenden intelligenten Affen weiter anzufachen.

8) Wie in jedem klassischen Schurkenstück gibt es aber ein Happy-End für die Unterdrückten. In einem Endgefecht greifen die bis dahin nur in Zitaten existierenden anderen Soldaten-Menschen die Einheit Alpha-Omega an und können diese (mit Unterstützung der Affen) vollständig vernichten (Feuer, Explosionen, das große Inferno). Als die Sieger plötzlich Cäsar entdecken, der sich noch in der Nähe des Lagers befindet, und sie auf ihn schießen wollen, donnert eine gigantische Schneelawine aus den Bergen ins Tal herab und begräbt das Lager mit allen Soldaten-Menschen unter sich.

9) Nachdem sich der Schneestaub verzogen hat sieht man in den Baumkronen der stehen gebliebenen Bäumen überall die Affen, die zuvor hatten fliehen können. Der Film endet in wunderschönen Naturbildern, die Affen habenüberlebt, und Cäsar stirbt friedlich als großer Retter seiner Volkes.

II. ALS WAHRNEHMUNGSERLEBNIS

1) Der Film kommt als 3D-Film daher. Die im Kino erhältlichen 3D-Brillen vermitteln weitgehend 3D-Eindrücke, allerdings nicht wirklich perfekt. Irgendwo ist diese ganze 3D-Idee auch unsinnig: das menschliche Gehirn wurde im Laufe von Millionen von Jahren darauf ausgelegt, aus den 2D-Pixeln der Netzhaut 3D-Asichten einer Welt zu generieren. Dies macht das Gehirn so perfekt, dass jeder Mensch spontan immer eine räumliche Welt sieht, obgleich die Netzhaut nur Lichtpunkte einer 2D-Oberfläche besitzt, dazu noch auf den Kopf gestellt, auf zwei Augen verteilt, mit unterschiedlichen Schärferegionen. Niemand nimmt aber diese Netzhautwirklichkeit wahr; jeder sieht eine perfekte 3D-Welt. Und das Gehirn ist trainiert, aus 2D-Bildern und Filmen ein 3D-Erlebnis zu machen; im Falle von Bildern ’weiß’ dann jeder auch, dass es ’Bilder’ sind und noch nicht die ’reale Welt’. Vielfach eine sehr nützliche Information.

2) Wohltuend in der Wahrnehmung dieses Films war die gewollte Dauer von vielen Einstellungen; das Verweilen in Situationen, länger als in vielen neuen Filmen üblich. Als Zuschauer hatte man Zeit zum ’Verarbeiten’, zum ’Fühlen’, zum ’denkenden Sehen’.

III. KULTURELLE VOREINSTELLUNGEN

1) Man kann den Film nach kurzer Betrachtung wieder vergessen, wie es so viele Filme gibt, die heute über die Leinwand und den Computerbildschirm rauschen, das Gemüt ein wenig kitzeln, das Gehirn ein wenig in Richtung Markenfixierung programmieren, und im Rausch der bunten Bilder die Alltagsbilder vergessen machen.

2) Man kann den Film aber auch zum Anlass nehmen, ein wenig darüber nachzudenken, welche Botschaften er aussendet, direkte Botschaften, aber auch indirekte Botschaften.

3) Die direkten Botschaften sind eher langweilig, konventionell und erschöpfen sich weitgehend im zuvor geschilderten Plot.

4) Die indirekten Botschaften sind eher interessant.

5) Bedenkt man, dass die meisten Menschen heute ihre Welt aus einer Alltagsperspektive erleben, in der sie selbst kaum noch brauchbares Weltwissen besitzen: Täglich vollgedröhnt mit fragmentierten Nachrichten, einer Fülle von Marketing-Informationen über mehr oder weniger sinnlose Produkte, einer spezialisierten – oft sinnfreien – Arbeitswelt, einem gestressten Alltag, einer erlebnisorientierten Freizeitwelt ohne weiterführende Kontexte, ein Menschenbild, das zwischen blassen Erinnerungen einer religiös eingefärbten Humanität (selbst das bei vielen nicht mehr), und Fragmenten wissenschaftlicher Erkenntnisse, die keinerlei schlüssiges Gesamtbild liefern, …. dann kann man den Film auch sehen als ein Ausdruck eben dieses Verlustes an einer grundlegenden und umfassenden Perspektive.

6) Im Film erscheinen die Menschen nur noch als verzerrte, gefühllose Wesen, umfassend zerstörerisch, nichts aufbauend, blind für das wahre Leben. Und die einzige Quelle von Hoffnung sind jene Lebewesen, die wir bislang als ’Tiere’ kennen, die wir als Menschen (obgleich selbst biologisch Tiere) vielfach brutal ausrotten oder nur zum Verzehr unter unwürdigsten Bedingungen züchten. Und die Hoffnung auf eine Zukunft des Lebens wird in diese Tiere, in diese Affen, projiziert, in Gestalt einer genetischen Veränderung, die dann quasi automatisch, über Nacht, zu einem psychologischen Profil führt, das Affen ermöglicht, intelligent, gefühlvoll, sozial miteinander und der Natur umzugehen.

IV. DAS WAHRE DRAMA

Vieles an dem zuvor angesprochenen Klischee ist richtig und die Umsetzung dieses Klischees in die Handlung des Films hat eine gewisse Logik und Folgerichtigkeit. Dennoch kann – und muss? – man die Frage stellen, ob es die ’richtige’ Folgerung ist.

A. Künstlerisch

1) Bei künstlerischen Ereignissen – und Filme werten wir schon noch als Kunst, bei allem realem Kommerz – sollte man eigentlich die Frage nach der ’Richtigkeit’ nicht stellen, da Kunst sich ja gerade über einen spielerisch-kreativen Umgang mit der Wirklichkeit definiert und uns darin, möglicherweise, Aspekte unserer Wirklichkeit sichtbar machen kann, die uns anregen können, das Leben ’besser’ zu verstehen.

2) Und doch, selbst im Spielerisch-Kreativen der Kunst kann und muss man die Frage erlauben, ob es irgendetwas zeigt, sichtbar, erlebbar macht, was uns weiter führen könnte, ansonsten verliert auch die Kunst ihre Lebensfunktion.

B. Wissen

1) Und hier spielt jetzt das ’Wissen’ eine wichtige Rolle. Wissen ist jener spezielle Zustand im Gehirn eines Menschen, in dem die erlebten und denkbaren Aspekte unserer Welt sich zu Mustern, Bildern, Modellen zusammenfinden können, die Zusammenhänge sichtbar machen, Abläufe, mögliche Entwicklungen. Im ’Lichte unseres Wissens’ können wir dann – nicht notwendigerweise – unsere aktuellen Alltagseindrücke einordnen, relativieren, gewichten, und Zusammenhänge sichtbar machen, die uns weiterführende Bewertungen und dann Handlungen ermöglichen.

2) Und es sind gerade die vielfältigen Erkenntnisse aus den Wissenschaften der letzten 10-20 Jahren, die ein Bild des Universums, unseres Sonnensystems, des biologischen Lebens samt seiner kulturellen Ausprägungen ermöglicht haben, die den Menschen (uns selbst als homo sapiens) im Kontext des gesamten biologischen Lebens völlig neu betrachten lassen.

C. Leben und seine Grenzen

1) Vor diesem möglichen Gesamthintergrund (viele Beiträge in diesem Blog haben versucht, Teile davon zu artikulieren) werden mindestens zwei Botschaften sichtbar: das eine ist eine vertiefte Sicht auf die ungeheuerlich komplexen Zusammenhänge des biologischen Lebens, das als das größte Wunder im bekannten Universum bezeichnet werden muss. Das andere ist die Erfahrung der Letzten paar tausend Jahre, speziell auch der letzten 100 Jahre, dass wir Menschen zwar einerseits eine immer komplexere Welt schaffen konnten, dass wir aber mit unseren individuellen Körpern (Gehirn, Gefühlen, Denkfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, soziale Interaktionen, Vorausschau,…) an Grenzen angekommen sind, um mit dieser komplexen Welt weiterhin konstruktiv positiv, nachhaltig umzugehen.

2) Ein klein wenig können wir mittlerweile eine ganz neue, fantastische Welt erahnen und fühlen, aber zugleich erleben wir konkrete Grenzen, Endlichkeiten, Bedürfnis-Gefühls-Chaos, destruktive Kräfte, die uns daran hindern, die ganz neue Vision voll zu verstehen, sie voll im Alltag umzusetzen.

3) Diese Hilflosigkeit empfinden viele stark, bis hin zur Ohnmacht. Für die große Mehrheit der Menschheit gibt es kaum wirksame Mechanismen der konstruktiven Verarbeitung; für den Rest erscheinen die Mittel auch schwach, zu schwach?

4) Und in dieser Situation gibt es einen gewissen Trend, selbst in den Wissenschaften (!), die Sache des Menschen als hoffnungslos einzustufen. Die einen schreiben Bücher über die Welt nach dem Aussterben des homo sapiens, die anderen ergehen sich in filmische Untergangsszenarien, andere werfen ihren ganzen Glauben auf die kommenden (super-)intelligenten Maschinen, die all das richten können sollen, was wir Menschen bislang anscheinend nicht können. Wieder andere suchen ihr Heil in populistisch-autoritären

Bewegungen, die kurzfristig einzelnen Gruppen Vorteile verschaffen sollen auf Kosten aller anderen.

D. Leben als Vision

1) Was aber not täte, das wäre das ruhige, besonnene, sachliche Aufsammeln aller Fakten, die nüchterne Analyse der bislang bekannten Prozesse, um damit – vielleicht – ein neues, breiteres Bild der Ereignisse gewinnen zu können. Ein zentrales Thema ist dabei die Einsicht, dass man die lange bestehende Abgrenzung zwischen einer Welt da draußen’ (Physik, Chemie ..), der Welt der Zellen (Biologie, Mikrobiologie, Genetik…), dem inneren Erleben (Phänomenologie, Spiritualität,…), dem Sozialen (zwischen Menschen, aber auch zwischen Menschen und Umwelt) beendet, und begreift, dass dies alles eine Einheit bildet, und dass der Mensch als homo sapiens nur verstehbar ist, als Teil (!) des gesamten biologischen Lebens, mit all der weitreichenden Verantwortung, die dem Menschen dadurch für das Gesamte erwächst. Dass intelligente Maschinen dem Menschen dabei helfen könnten, die wachsende Komplexität zu managen, liegt nahe und ist als Teil der biologischen Evolution verstehbar, allerdings eben nicht als Anti-Bewegung gegen den Menschen und das übrige Leben sondern als konstruktives Moment am Gesamtphänomen Leben!

2) Es ist sicher kein Zufall in der Evolution des Lebens, dass der Übergang von den ersten Zellen zu kooperativen Zellverbänden fast 2 Milliarden Jahre gebraucht hat (bei einer bisherigen Gesamtdauer der biologischen Evolution von 3.5 Milliarden Jahren). Die Integration vieler komplexer Einheiten auf einer noch höheren Integrationsstufe ist immer eine Herausforderung. Dass es überhaupt soweit kommen konnte, dass sich das Leben im Universum durch den homo sapiens gleichsam ’selbst anschauen’ kann und darin ’seine eigene Zukunft vorwegnehmen’ kann, ist ein bis heute schwer fassbares Phänomen. Was ansteht, ist eine konstruktive Integration von biologischem Leben als Ganzem inklusive dem homo sapiens inklusive der biologisch ermöglichten Kultur (inklusive Technologie) als Phänomen IM physikalischen Universum, als TEIL des physikalischen Universums, als jenes Moments, das sämtliche bekannten physikalischen Gesetze nachhaltig beeinflussen kann. Wenn wir irgendetwas über das physikalische Universum gelernt haben, dann dieses, dass es keine festen, starren ’Naturgesetze’ gibt. Die Physik ist ganz am Anfang, dies zu verstehen, und es wäre sicher nicht uninteressant, Physik und Biologie ein bisschen mehr zu verzahnen; die Physik könnte eine Menge lernen.

V. KONTEXTE

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FOLGT AUS DER ANNAHME VON EMERGENZ DIE FUNKTION-IN-MATERIE HYPOTHESE? Anmerkungen zu Monod, Dawkins, Wilson und speziell Kauffman

Here You can find an audio-version in English, which is not a direct translation of the German text below. Rather it is
an unplugged version of the ideas without a given English Text.
Please excuse my bad English. I did it as a special tribute for Stuart Kauffman, who did such a great Job with his ‚Reinventing the Sacred‚.

  1. Die letzten beiden Blogeinträge standen unter dem Eindruck des evolutionär ungeheuerlichen Phänomens der neuen Geistigkeit eines homo sapiens sapiens (hss, Mensch), der in der Lage ist, die Gegenwart eines Jetzt zu überwinden, indem er über Gedächtnis, Abstraktion, Vergleich, Schlussfolgern und weiteren kognitiven Eigenschaften verfügt, die es ihm ermöglichen, das jeweilige Jetzt einzureihen in eine Folge von Jetzten, in Veränderungen, in Prozesse, in darin waltenden Beziehungen/ Relationen/ Regeln.
  2. Diese Beobachtungen sind nicht singulär. Angeregt durch Gespräche mit meinem Freund MaFa wurde ich ausdrücklich aufmerksam auf jene soziobiologische Diskussion, die sich im Kontext von Personen wie Jacques Monod, Richard Dawkins und Edward O.Wilson findet.
Monod-Dawkins-Wilson

Monod-Dawkins-Wilson

  1. Das Leitthema von Monod, Dawkins und Wilson lässt sich vielleicht zusammenfassen in der These, dass die beobachtbaren Phänotypen und Verhaltensweisen von biologischen Systemen grundlegend und primär von ihren Genen bestimmt wird. Was immer die verschiedenen biologischen Systeme tun (einschließlich des hss), sie folgen in ihrem Tun den grundlegenden Interessen der Gene.
  2. Diese Gedanken sind primär stimuliert durch die Erkenntnisse der modernen Evolutionsbiologie, Molekulabiologie und Genetik. Ein Blick in die mikrobiologischen chemischen Prozesse von Selbstreproduktion lässt wenig Raum für andere Gedanken. Was wir dort sehen sind Moleküle, die miteinander wechselwirken und in diesen Wechselwirkungen neue Moleküle, ganze Zellen generieren, die wieder das Gleiche tun. In dieser Perspektive ist kein Raum für irgend etwas anderes.
  3. Schon stark abstrahierend könnte man die Struktur des DNA-Moleküls (das von anderen Molekülen als Informationsträger interpretiert wird) als Speicher vergangener Erfolgsrezepte deuten und die nicht voraussagbare Variabilität innerhalb des Reproduktionsprozesses als zufälliges Geschehen, das keinerlei außen geleitete Beeinflussungen (Monod) erkennen lässt.
  4. Auffällig ist, dass alle Autoren, insbesondere aber Monod und Dawkins, diese Beobachtungen und Überlegungen zum Anlass nehmen, neben den biologischen Sachverhalten noch kulturelle Interpretationsmuster und -praktiken zu kritisieren, die sich als Religionen darstellen und die das Wort Gott dazu benutzt haben/ benutzen, um dem grundlegend biologischen Geschehen eine spezielle religiöse Deutung unter zu legen: diese beobachtbaren biologischen Prozesse seien letztlich in einem größeren Kontext zu sehen, nämlich dass es einen umfassenden schaffenden Gott gibt (Creator, Schöpfer), der dies alles angestoßen hat und ermöglicht.
Stuart Kauffman - Benutze Texte

Stuart Kauffman – Benutze Texte

  1. Stuart Kauffman, der sich Jahrzehnte mit den physikalischen, biochemischen und molekularbiologischen Grundlagen des Lebens auseinander gesetzt hat, der aber zugleich komplexe mathematische Modellbildungen und Simulationen einbezogen hat, kommt bei den Themen der vorgenannten Autoren zu anderen Schlussfolgerungen.
Abrahamitiche Religionen nd moderner Reduktionismus

Abrahamitiche Religionen nd moderner Reduktionismus

  1. Zunächst einmal macht er darauf aufmerksam, dass in der Tat historisch die abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) das Wort Gott sowohl für die letzten umfassenden Erklärungen benutzt haben (Gott als Schöpfer) wie auch als letzte Quelle jeglicher Moralität. Und es war die moderne empirische Wissenschaft, die mit ihrem neuen methodischen Zugang zur Erforschung der Welt zwar neue, starke, belastbare Fakten geschaffen hat, aber keinen Raum mehr lässt für Werte oder spirituelles Erleben. Mit der Kritik an einer problematischen Verwendung des Wortes Gott wurden gleich viele einschlägige Phänomene mit beerdigt. Der modernen Gesellschaft mangelt es daher an jeglicher Basis, um solche Wertsysteme zu schaffen, die jede moderne – und globale – Gesellschaft benötigt, um zu funktionieren.
  2. Kauffman sieht hier eine Art Überreaktion der modernen Wissenschaft, die vor lauter Bemühen, unberechtigte Deutungsansprüche seitens der etablierten Religionen abzuwehren, dabei auch Aspekte ausklammert, die eigentlich zum legitimen Phänomenbereich der Wissenschaften gehören sollten. Diese Überreaktion macht sich fest an einer Denkhaltung, die er Reduktionismus nennt.
  3. Die Diskussion über Reduktionismus ist nicht neu und hat schon zu vielen theoretischen Diskursen vor Kauffman Anlass gegeben. Kauffman greift diese Debatte aber wieder auf und macht anhand zahlreicher Beispiele deutlich, dass die Rückführung komplexer Phänomene auf einfache Bestandteile vielfach zu absurden Rekonstruktionen führt, die im Endeffekt das auslösende komplexe Phänomen praktisch zum Verschwinden bringen, nicht aber wirklich erklären.
  4. Anders gesagt, sei KP ein komplexes Phänomen mit Verhaltenseigenschaft f_kp, das man in Beziehung setzt zu einfacheren Bestandteilen E={e1, …, en}. Dann müsste man Gesetzmäßigkeiten f_e für die Bestandteile E finden, die so sind, dass sich ihre Funktionalität f_e direkt parallelisieren lässt mit der komplexen Funktionalität f_kp. Also ein Zustand S1_e mit Elementen E geht mittels f_e über in einen anderen Zustand S2_e, und parallel, synchron geht ein Zustand S1_kp über in einen anderen Zustand S2-Kp mittels der Funktion f_kp.
  5. Beispiel: ich tippe (komplexes Phänomen KP) bei meinem Computer die Taste ‚A‘ und auf dem Bildschirm erscheint ein ‚A‘. Tief unten im Computer, sagen wir auf der Ebene der logischen Gattern (elementare Bestandteile ) , realisiert in der Hardware, gibt es tausende, hunderttausende oder mehr elektrische Potentiale, wild verteilt im Mehr von vielen Milliarden elektrischen Potentialen, die ihren Zustand ändern, ohne dass man an den vielen logischen Gattern irgend eine Eigenschaft erkennen könnte, warum gerade diese nun ihr Potential ändern und nicht andere. Eine Beschreibung von Potentialänderungen auf der Gatterebene ist zwar möglich, wäre aber wenig hilfreich, um die vielen hunderttausend unterschiedlichen Phänomene auf der Nutzerebene zu unterscheiden. Dies wäre noch schwieriger, würde man noch tiefer steigen und auf die Ebene der Atome zurückgehen, die letztlich jedem logischen Gatter in der Hardware zugrunde liegen. Damit würde jeder Versuch einer systematischen Zuordnung zu komplexen Phänomenen sinnlos.
  6. Analog wäre dies, wenn man die Vielfalt biologischer Phänotypen auf das Verhalten zugrunde liegender Atome zurückführen würde. Man würde alle jene Phänomene verlieren, die gerade das Besondere ausmachen.
  7. Damit stellt sich die Frage, wie man denn komplexe Phänomene anders betrachten kann als im Stil eines Phänomen-vernichtenden Reduktionismus ohne dabei Wissenschaftlichkeit einzubüßen?

EMERGENZ

Emergenz - Enige Thesen von Kauffman

Emergenz – Enige Thesen von Kauffman

  1. Kauffman bringt an dieser Stelle den Begriff Emergenz ins Spiel und erklärt ihn in dem Sinne, dass er sagt, dass erkenntnistheoretisch (epistemologisch) die Rückführung eines Komplexen auf seine Bestandteile dann sinnlos wird, wenn man von den Bestandteilen selbst aus das Komplexe nicht konstruieren könnte. In diesem Fall kommt dem Phänomen eine ontologische Geltung zu, d.h. das Phänomen ist empirisch real, existierend und damit ein mögliches Objekt der empirischen Wissenschaft. Statt es also weg zu interpretieren durch einen sachfremden Reduktionismus muss man stattdessen nach neuen wissenschaftlichen Erklärungen suchen, die dem Phänomen gerecht werden.
  2. So sind es ja auch nicht die Gene selbst, die dem Selektionsprinzip der Natur unterworfen werden, sondern nur jene emergenten Eigenschaften der Phänotypen (Körper), die als reale Phänomene in der empirischen Welt real wechselwirken und darin entweder Leben erhalten oder Leben verlieren können. Die Gene profitieren nur indirekt von diesem Geschehen, insofern sie Teile eines größeren Ganzen sind, das als dieses Ganze eine funktionale Rolle spielt und nur insofern das Ganze überlebt dann auch mit überleben. Die Gene als solche sind nicht überlebensfähig, wohl aber als Teil eines Ganzen, das mehr ist als seine Teile!
  3. Insofern müsste man sagen, dass emergente Phänomene solche sind, die als Ganzes eine Funktionalität, ein Verhalten zeigen, das möglich ist in dieser umfassenden Konstellation. Die Rückführung auf die einzelnen Teile des komplexen Phänomens würde dieser komplexen Verhaltensweise die materielle Basis nehmen. (Etwas Ähnliches haben wir ja auch bei vielen physikalischen Phänomenen. So ist das Phänomen der Gravitation zwar als Wirkung (Verhalten, Funktionalität) zwischen Körpern beobachtbar, aber bei Betrachtung eines einzelnen Körpers alleine wäre sie nicht vorhanden.)
  4. Dies führt – über Kauffman hinausgehend – zu der Überlegung, dass komplexe (emergente) Phänomene nur möglich sind, weil ihre Funktionalität (Verhaltensweise) grundsätzlich in den beteiligten materiellen Komponenten angelegt ist. Diese Verhaltensweisen können sich aber nur zeigen, wenn eine entsprechende Anordnung/ Konstellation der beteiligten materiellen Komponenten vorliegt. Ich nenne dies die Funktion-in-Materie Hypothese. D.h. das, was wir Materie nennen, das ist ein Material, das implizit potentiell nahezu unendlich viele Funktionalitäten (Verhaltensweisen) erlaubt, je nachdem , wie man das Material anordnet.
  5. So wissen wir aus der Chemie, dass sich mit den bekannten Atomen als Bausteinen je nach Kontext nahezu unendlich viele Atomkombinationen (Moleküle) erzeugen lassen, die jeweils ganz andere Verhaltensweisen (Funktionalitäten) zeigen. Diese Funktionalitäten sind real, sie sind nicht zufällig, sondern sie sind die realen Manifestationen von realen Eigenschaften der beteiligten materiellen Komponenten. Sie müssen nicht erfunden werden, sondern sie sind implizit schon immer fester Bestandteil der materiellen Komponenten.
  6. So ist auch die Frage nach dem Ursprung des biologischen Lebens, die sich erst seit kurzem einer möglichen Antwort nähert, letztlich keine Frage nach einem unerklärbaren Wunder, sondern nur die Frage nach jener Konstellation von Materie (Atomen, Molekülen, Kontextbedingungen), durch die genau jene Funktionalitäten zum Zuge kommen konnten, die einerseits implizit zur Verfügung sehen, die sich aber andererseits erst bei entsprechender (auch komplexer) Anordnung zeigt.

BEWUSSTSEIN

  1. Dies lässt möglicherweise auch das Phänomen des (menschlichen) Bewusstseins bzw. die Phänomene des Geistigen in einem neuen Licht erscheinen. Für viele (auch für mich) ist das Phänomen des menschlichen Bewusstseins auf jeden Fall ein emergentes Phänomen im vollen Sinne (nicht erklärbar durch seine Teile, sprich hier die neuronale Zellen).
  2. Für manche (Kauffman, Edelman, …) impliziert die Besonderheit dieses Bewusstseins u.a., dass es von der physikalischen Kausalität seiner Bestandteile abgekoppelt ist, und man versucht diese spezielle Autonomie des Denkens und Wollens durch Rückgriff auf quantenphysikalische Überlegungen zu erklären. Möglicherweise sind diese akrobatischen Denküberlegungen nicht notwendig.
  3. Einmal gibt es seit der Einführung des philosophisch-mathematischen Konzepts der Turingmaschine den logisch-mathematischen Beweis, dass selbst das Verhalten einer voll deterministischen endlichen Turingmaschine, deren Beschaffenheit vollständig bekannt ist, prinzipiell nicht in allen Fällen vorausgesagt werden kan; es ist nicht entscheidbar,  was diese Machine im nächsten Schritt tun wird (das berühmte Halteproblem). Wäre also unser Gehirn formal einer Turingmaschine äquivalent (was manche bezweifeln, weil sie glauben, das Gehirn sei komplexer als eine Turingmaschine), dann wäre das Verhalten des Gehirns nicht in allen Fällen voraussagbar. Wäre das Gehirn noch komplexer, würde sich jede Aussage über ein mögliches Verhalten erübrigen; wir wüssten nicht einmal, wie wir die Frage formulieren sollten.
  4. Zum anderen impliziert ja der Begriff der Emergenz, dass sich das komplexe Phänomen gerade nicht aus seinen Bestandteilen ableiten lässt, sonst hätten wir gar kein emergentes Phänomen. Genauso wenig, wie man aus den logischen Gattern eines Computers irgendeine der komplexen Verhaltensweisen ableiten könnte, die die Programmierung für die Benutzer zur Verfügung stellen, genauso (und noch viel weniger) kann man aus den Neuronen des Gehirns seine erfahrbare komplexe Funktionalität ableiten. Es ist eben so, dass bei einem emergenten Phänomen die simultane Koexistenz der Bestandteile eine Funktionalität sichtbar und möglich macht, die originär ist, nicht herleitbar und erklärbar aus seinen Bestandteilen. Die vielen Diskussionen um Willensfreiheit und deren Infragestellung durch Messungen elektrischer Potentiale einzelner Neuronen ist in diesem Kontext theoretisch absurd und lächerlich.
  5. Dieses hier unterstellte Verständnis von Emergenz wirft allerdings ein neues Licht auf die ganze Frage von Bewusstsein und Geist im philosophischen Sinne.
  6. Generell ist es zwar schwierig, überhaupt über Geist zu reden, da die vielen philosophischen Texte mit so unterschiedlichen Begriffen, Methoden und Blickweisen operieren, aber jeder kann ja sein eigenes Bewusstsein betrachten, seine eigene Geistigkeit, und an dieser ablesen, dass alle unsere Vorstellungs- und Denkinhalte so sind, dass man von diesen in keiner Weise auf die Art ihrer Hervorbringung, nämlich durch eine komplexe neuronale Maschinerie, schließen kann. Das Bewusstsein bildet ein geschlossenes System von Phänomenen, die einer eigenen Logik folgen, die sich zwar eines Körpers und einer unterstellten Außenwelt bedienen kann, aber zugleich in einer speziellen Weise autonom ist: prinzipiell kann alles gedacht werden, alles kann abgeändert werden, alles kann gewollt werden. Im Bewusstsein, im menschlichen Geist, erscheint alles beliebig klein oder groß, alles erscheint möglich. Man kann sogar die ermöglichende materielle Welt als solche untersuchen, beschreiben, neu denken, abändern. Jeder Versuch, diese Phänomene des Bewusstseins, des menschlichen Geistes, auf die ermöglichenden materiellen Bestandteile, zu reduzieren, ist vollständig unsinnig, geradezu absurd.

AGENCY, WERTE

  1. Es ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich, dass Kauffman in all den emergenten Phänomenen des Lebens – beginnend bei der einfachsten Zelle – eine neue Qualität von Realität am Werke sieht, die er Agentenschaft (‚agency‘) nennt, eine Struktur des autonomen Handelns, die sich in diesem Handeln in keiner Weise mit physikalischen Gesetzen voraussagen lässt. Im Lichte dieser neuen universellen biologischen Agentenschaft werden die bloßen Fakten eingebettet in Verhaltensdynamiken, die nicht mehr nur und alleine von den beschreibbaren Fakten bestimmt/ determiniert sind, sondern die aufgrund ihrer jeweiligen Autonomie neue Zusammenhänge, neue Bewertungen der Fakten sichtbar machen, die die Bedeutung von Fakten für mögliche Lebensprozesse generieren, die als Anhaltspunkte für eine universelle Bewertung von Leben auf der Erde bzw. im ganzen Universum dienen können. Diese neue Form von Bewertungen jenseits bloßer Fakten kann man Werte nennen.
  2. In der bekannten Kulturgeschichte des hss finden sich immer und überall unterschiedliche Bewertungen (Werte) von Verhaltensweisen. Zum Teil kann man ihre Verwurzelung in konkreten Lebensabläufen nach vollziehen, z.T wurden sie aber daraus losgelöst und mit speziellen Autoritäten (oft mit den Namen von Göttern) verknüpft, um ihnen eine über die momentane Situation hinausgehende Geltung zu verschaffen. So verständlich diese Überhöhung von Geltungen für manche Interessengruppen sein mag, auf lange Sicht sind sie lebensfeindlich, da sie die konkreten Bedingungen ihrer Geltung verwischen und sie damit einer notwendigen Transparenz und Kritisierbarkeit entziehen. Emergente Lebensprozesse brauchen Erkenntnisse über lebensfördernde oder lebensfeindliche Wirkungen von Verhalten. Entzieht man diese Erkenntnisse der direkten Kontrolle (durch unhinterfragbare Autoritäten), dann macht man emergente Lebensprozesse blind. Alle bekannten Religionen haben sich dieser Werteverschleierung schuldig gemacht. Alle bekannten Diktaturen benutzen die Methode der Werteverschleierung, um ihren speziellen, letztlich lebensfeindlichen, Prozesse zu begründen. Leider muss man die Wissenschaft, sofern sie reduktiv argumentiert, hier einbeziehen. Durch reduktive Denkstrategien werden nahezu alle lebenswichtigen emergente Phänomene verbal, denkerisch (zum Glück nicht ontologisch) vernichtet.

HEILIGER STUART KAUFFMAN 🙂

  1. Wenn man bedenkt, welch harten Denkweg Start Kauffman von der Physik, Molekularbiologie, Komplexitätstheorie – um nur die wichtigsten Felder zu nennen – hin zu den emergenten Phänomenen zurückgelegt hat, und dann sieht, wie er viele wichtigen emergenten Phänomene (auch Bewusstsein, auch Spiritualität) dem wissenschaftlichen Denken wieder zugeführt hat, dann kommt ihm – aus meiner Sicht – eine große Ehrung zu. Es dürfte nicht all zu viele geben, die ihm in dieser Rolle, in diesem umfassend komplexen Denken mit Offenheit für die emergenten Phänomene, gleich tun. Das eben gehört zum Wunder von Agency, von lebensbasierter Spiritualität, von Emergenz, von menschlicher Geistigkeit.

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EIN EVOLUTIONSSPRUNG PASSIERT – JETZT – UND NIEMAND BEMERKT ES?

FANTASIE ALLÜBERALL

  1. Die Geschichte der Menschheit ist voll von Fantasien, Träumen, Mythen, Utopien, Science Fiction. Heutzutage wird die Bilderflut noch verstärkt durch die vielen medialen Kanälen, in denen das Gehirn überschwemmt wird mit Bildern, die sich kaum noch einordnen lassen lassen als real, oder als fantastisch oder was genau?

WUNDERBARES GEHIRN

  1. Diese Bilderflut ist möglich durch ein Gehirn, das in der Lage ist, aktuell Gegebenes, das Jetzt, durch Erinnerungen, Abstraktionen, freie Kombinationen hinter sich zu lassen. Das Jetzt kann darin zu einem Moment in einer Folge werden, und die Folge wird zu einem Ist, das zwar passiert, aber beeinflussbar ist. Der hss lernt, dass er selbst kein rein passives Etwas ist, sondern auf vielfältige Weise Einfluss nehmen kann auf das Jetzt, auf die Folgen von Momenten. Er lernt, dass er den Gang der Dinge verändern kann.

JENSEITS DES JETZT

  1. Dieses Wissen um das Mehr jenseits des Jetzt ist uns vertraut, ist uns so vertraut, dass es uns gar nicht mehr auffällt. Aber es sollte uns auffallen, es sollte uns geradezu elektrisieren, denn fast 13.8 Mrd Jahre lang gab es – nach aktuellem Wissen – keine aktuelle Lebensform im gesamten Universum, die über diese Fähigkeit verfügte.
Evolution durchbricht mit dem hss den objektivn Gang der Dinge: hss kann auch ohne Tod Innovationen herbeiführen. Der Prozess hat ein 'Selbst' bekommen

Evolution durchbricht mit dem hss den objektivn Gang der Dinge: hss kann auch ohne Tod Innovationen herbeiführen. Der Prozess hat ein ‚Selbst‘ bekommen

DAS LEBEN VOR DEM MENSCHEN

EINE KETTE AN INNOVATIVEN EXPLOSIONEN

  1. Das Leben vor dem hss war ein Getriebenes: nach ca. 10 Mrd Jahren universalem kosmischen Geschehen, das u.a. unser Sonnensystem mit unserer Erde hervorgebracht hatte, entstanden auf der Erde, in den Tiefen der Ozeane, jene chemischen Strukturen, die wir heute als erste Zellen bezeichnen. Schon diese erste – einfache – Zellen sind ein Wunderwerk molekularer Strukturen und chemischer Prozessketten. Mit diesen ersten Zellen war es erstmalig möglich, selbständig Energie in Form von freien Ladungen aus der Umgebung über eine Membranoberfläche in das Innere der Zelle zu transportieren und diese Energie für unterschiedliche chemische Prozesse zu nutzen. Dies war eine Sensation. Entgegen der allgemeinen Entropie gab es hier physikalische Prozesse, die freie Energie aus der Umgebung abzapften und sie – entgegen der Entropie – für den Aufbau lokaler Strukturen, also lokaler Ordnungen, nutzten. In der allgemeinen Physik sind solche Prozesse nicht vorgesehen und bis heute nicht erklärbar.
  2. Diese ersten Wunderwerke des Lebens konnten sich auch schon selbst reproduzieren. Schon da gab es spezielle Moleküle – heute DNA Moleküle genannt –, die von anderen Molekülen so benutzt wurden, als ob sie eine Bauanleitung darstellten. Die einzelnen Elemente dieser Bauanleitungsmoleküle wurden als Elemente eines Kodes interpretiert, aus dem man entnehmen konnte, wie man eine neue Zelle bauen kann. Wie es zu dieser originellen Arbeitsteilung – von Informationsspeicher hier und Informationen lesen und übersetzen dort — kam ist bis heute noch eher im Dunkeln. Mit dem heutigen Wissen können wir aber in dieser Struktur der Interpretation eines Kodes und darauf aufbauend die Aktivität einer Konstruktion als strukturidentisch mit dem Konzept einer Turingmaschine erkennen. Die Turingmaschine, das zentrale philosophisch-mathematische Konzept unserer Tage für das, was ein Computer sein kann, ist in diesen ersten einfachen Zellen schon realisiert. Jede Zelle ist in dem Sinne ein Computer! Mit dem Computer haben wir so gesehen nichts Neues erfunden, nur etwas sehr, sehr Altes auf neuer Ebene wieder endeckt.
  3. Und noch etwas Grundlegendes ist zu beachten: der Reproduktionsprozess war nie ein 1-zu-1 Prozess. Die neuen Strukturen wichen von den vorausgehenden immer irgendwie ab, mal weniger, mal mehr. Dies hatte zur Folge, dass die nachfolgenden Generationen neue Formen (Phänotypen) ausbildeten, die darin über neue Fähigkeiten verfügten, die andere Organismen nicht besaßen. Wenn diese neuen Fähigkeiten das Überleben verbesserten, erhöhten sich die Chancen auf Nachkommen; andernfalls wurden sie geringer. Der stillschweigende Maßstab für Erfolg/ Misserfolg war jeweils die Passung zur vorhandenen Erde samt ihren Gegebenheiten. Einem Lebewesen vor dem hss war es nicht möglich, ein eigenes Wertesystem unabhängig von den Vorgaben der Erde zu entwickeln. Dies bedeutet, dass es in der Zeit von ca. -3.8 Mrd Jahren bis ca. -200.000 (oder etwas früher, wenn man die früheren menschenähnlichen Wesen mit einbeziehen will) einem Lebewesen nicht möglich war, ein eigenständiges Ziel-/ Wertesystem über die realen Lebenserfordernisse hinaus auszubilden.
  4. Verschärft wird diese Situation auch noch dadurch, dass bei dieser beschränkten Innovationsfähigkeit der Lebewesen (nur bei Reproduktion) die Notwendigkeit eines Todes, also einer beschränkten Lebenszeit, unausweichlich war. Durch die beständige Veränderung der Erde sowie durch die parallele dynamische Entwicklung aller Lebensformen bestand zwischen allen Lebensformen und der Lebenssituation eine kontinuierliche Konkurrenzsituation. Ohne häufige Reproduktionen und durch Sterben wäre jene Innovationsrate gefährdet gewesen, die zum Überleben notwendig war.
  5. Bis zur Lebensform eines hss waren aber aus Sicht er ersten einfachen Zellen noch viele Hürden zu nehmen. So waren die ersten Zellen in ihrer potentiellen Größe massiv beschränkt: solange Energie nur über die Membranen in den Zellkörper kam war durch das Missverhältnis zwischen Oberflächenzunahme (quadratisch) und Volumenzunahmen (kubisch) eine Wachstumsgrenze eingebaut. Es hat etwa 1.7 Mrd Jahre gedauert, bis das Leben einen Weg gefunden hat, durch Einbau vieler einzelner Zellen – später Mitochondrien genannt – in eine Gastzelle die Membranoberfläche zu vervielfachen.
  6. Viele weitere Details sind hier wichtig (sehr schön erklärt u.a. in dem Buch von Nick Lane (2009) Life Ascending).
  7. Im Endeffekt führte die Fähigkeit zu immer komplexeren Prozessen mit immer komplexeren Kooperationen dazu, dass (nach dem großen Sauerstoffereignis) Lebensformen auf dem Land Fuß fassen konnten und nach einer weiter langen Zeit von fast 500 Mio Jahren dann jene Lebensform möglich wurde, die wir als hss kennen.

DAS AUFTRETEN DES MENSCHEN IST EINE ZÄSUR

  1. Der hss verkörperte dann genau diese Lebensform die zum ersten Mal Erstaunliches vermochte.
  2. Der hss konnte durch sein Gedächtnis, seine Abstraktionsfähigkeiten, seine gedanklichen Kombinationen mit einem Male — nach ca. 13.8 Mrd Jahren – als erste Lebensform auf der Erde aus dem Jetzt ausbrechen und mögliche Zukünfte versuchsweise denken.
  3. Der hss konnte durch sein Denken, Kommunizieren, seine Technologie, seine Organisationsformen, seine Wissenskulturen erstmalig die Fähigkeit erlangen, die Baupläne des Lebens zu lesen, sie Anfangshaft zu verstehen. Prinzipiell könnte er jetzt strukturelle Innovationen während des Lebens einer Generation einleiten, ohne dafür zuerst sterben zu müssen. Der Tod des Körpers wäre nicht mehr notwendig.
  4. Durch diese neue Autonomie des Erkennens, Handelns und Gestaltens hat der hss aber ein ganz neuartiges Problem: zum ersten Mal steht er selbst vor der Frage, wohin die Reise eigentlich gehen soll? Zuvor wurde die Frage indirekt durch das Faktum des Überlebens beantwortet. Jetzt muss er sich selbst die Frage stellen, welche der vielen möglichen erkennbaren Zukünfte sind Lebenswert?

ZWISCHENSPIEL: RELIGIONEN

  1. Viele Jahrtausende haben Menschen in Gestalt sogenannter Religionen Antworten hergeleitet, die heutigen Erkenntnisansprüchen nicht mehr genügen, die aber die Menschen in diesen Zeiten benutzt haben, um sich das Unerklärliche zu erklären. Und auch heute scheint es so zu sein, dass eine sehr große Anzahl der Menschen diese alten Religionen immer noch als Hilfsmittel benutzen, um Antworten auf Fragen zu finden, die die Wissenschaften bislang nicht gegeben haben.
  2. Im Kern von Religionen – nicht allen: der Buddhismus kann anders interpretiert werden – steht gewöhnlich ein zentraler Begriff Gott. Aber, was man leicht übersieht, alles, was über Gott bislang gesagt wurde, haben letztlich Menschen gesagt, die von sich behaupten, sie haben mit Gott geredet bzw. er mit ihnen. Da alle diese Menschen unterschiedliche Sprachen sprechen, dann noch zu Zeiten, die tausende Jahre her sind, haben wir nicht nur ein Sprachproblem (Sanskrit, Hebräisch, Griechisch, Arabisch, …), sondern auch ein Verstehensproblem (wer weiß schon, welche Vorstellungen Menschen vor tausenden von Jahren mit bestimmten Ausdrücken verbunden haben). Dazu haben wir ein Überlieferungproblem: wer hat eigentlich wann was von wem aufgeschrieben? Welche Texte sind überhaupt original erhalten? Wie oft wurden Texte aus einer Zeit von Menschen in einer nachfolgenden Zeit überarbeitet und dabei verändert?
  3. Schon allein der Versuch, aus der Vielfalt dieser Texte (und dazu noch aus der ungeheuren Fülle nachfolgender Kommentare und Interpretationen) heute ein zuverlässiges und einheitliches Bild von Gott zu gewinnen, muss scheitern. Es ist vollständig unmöglich, nicht nur rein faktisch aufgrund der Vielzahl und Fülle, aber auch inhaltlich methodisch: die geistigen und begrifflichen Voraussetzungen der vielen Texte sind derart verschieden, dass Worte, die gleich klingen, von ihrem begrifflich-methodischen Kontext her etwas vollständig Verschiedenes bedeuten können.
  4. Angesichts dieser Sachlage mutet es merkwürdig an, wie manchmal Naturwissenschaftler sich berufen fühlen, die Erkenntnisse der Naturwissenschaften gegen ein falsches Gottesbild zu verteidigen und dabei selber bizarre Gottesvorstellungen als Feindbilder benutzen, wo man sich nur fragen kann, wo sie die hergezaubert haben. Natürlich gab es Zeiten (und sie sind noch nicht überwunden), da unterschiedlichste Religionsvertreter versucht haben (und versuchen) neueste Erkenntnisse der Naturwissenschaften mit ihrem spezifischen religiösen Weltbild zu versöhnen. Ein Beispiel sind die sogenannten kreationistischen Deutungen der Evolution. Aber die Ausgangslage einer religiös motivierten Argumentation ist in sich so verworren und schwammig, dass jeglicher Gesprächsversuch hier im Ansatz sinnlos ist. Die Vertreter der Religionen sind ja nicht einmal in der Lage, sich untereinander zu verständigen; warum sollte man sich mit diesen Positionen dann überhaupt auseinandersetzen? Worin besteht diese Position überhaupt? Es ist ein bisschen wie mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: jeder tut so, als ob die Sache mit Gott doch klar sei, aber keiner will zugeben, dass er eigentlich nichts Genaues weiß…

ZURÜCK IN DIE REALE ZUKUNFT

  1. Kommen wir zurück zur realen Welt, in der wir uns mit unseren Körpern vorfinden. Von dieser Welt haben wir gelernt, wie sie eine unfassbare Fülle an Lebensformen hervorgebracht hat bis zu jener, dem hss, der über erstaunlich neue Fähigkeiten verfügt. Bricht schon das Phänomen der Evolution bis zum hss die bekannten Denkmodelle der Physik, so ist dies neue Phänomen hss mit seinem Gedächtnis, seinem Denken, seiner Zukunftsfähigkeit, seiner Veränderungsfähigkeit, seiner autonomen Frage nach der richtigen Zukunft ein radikaler Systembruch. Das Erscheinen des hss markiert das Ende der klassischen empirischen Wissenschaften. Alles, was die empirischen Wissenschaften bislang entdeckt haben, ist richtig, aber das, was die Physik bislang gedacht hat, ist schlicht zu wenig (auch schon für den engeren Bereich der unbelebten Materie (dunkle Materie, dunkle Energie), wie wir lernen durften).
  2. Sollte es tatsächlich so etwas wie einen Gott geben (was niemand letztlich ganz ausschließen kann, genauso wenig wie man es beweisen kann), dann wäre er in allem anwesend und würde sich darin zeigen. Wir müssten ihn nicht erfinden. Egal was wir tun, er wäre da. Wäre er hingegen nicht da, wäre es auch egal, was wir tun. Wir könnten ihn nicht herbei zaubern.
  3. Schon eine christliche Theologie hat ja (wenngleich rein spekulativ) angenommen, dass Gott sich aus der Transzendenz in die Immanenz bewegen könne (Inkarnation), und dass es in der Immanenz (also in unserer Körperwelt) eine erfahrbare Gegenwart Gottes geben könne. Nahezu alle christlichen Ordensgründer und Ordensgründerinnen berichten von ihren persönlichen Erfahrungen mit Gott, bis dahin, dass ein Ignatius von Loyola, der Mitbegründer des Jesuitenordens, geradezu lehrt, dass Gott sine causa in den Menschen direkt wirken könne. Entsprechende Berichte finden sich auch bei Mitgliedern von anderen Religionen. Zur Überzeugung der Religionen gehört auch, dass die Menschen die Welt gestalten sollen. Die Überzeugungen aller Religionen ist auch, dass das Leben nach dem körperlichen Tod nicht endet, sondern irgendwo (man nennt es Himmel) weiter geht, dann sogar viel besser und schöner.
  4. Wie gesagt, gäbe es so etwas wie Gott, dann müssten wir ihn nicht erfinden, allerdings müssten wir ihn entdecken, so wie wir alle Wirklichkeit, in der wir uns vorfinden, vermittelt durch unseren Körper entdecken, sortieren, verbinden, interpretieren müssen, um zu wissen, wer wir tatsächlich sind, die anderen, die Erde, das Leben, wie sich alles bewegt. So gesehen wäre Alles Theologie, aber nur, wenn wir Gott voraussetzen. Tun wir dies nicht (und es ist methodisch erlaubt, dies nicht zu tun), ist das Gleiche, was vorher Theologie heißt, einfach Wissenschaft vom Leben im Universum, und möglicherweise darüber hinaus. Die Worte mögen verschieden sein, die Sache ist die gleiche.
  5. Ein möglicher Gott stellt für eine radikale Wissenschaft keine Bedrohung dar, wohl aber pseudoreligiöse Ansprüche, die im Namen eines unbekannten Gottes vorgebracht werden, die aber letztlich nur jene Wahrheit verweigern wollen, die uns alle frei macht, die die unfassbare neue Autonomie des hss freilegt.

Einen Überblick über alle Blogeinträge von cagent nach Titeln findet sich HIER.

DIE ZUKUNFT STIRBT ZUERST IN DEN KÖPFEN …

LETZTER BLOGEINTRAG

  1. Angeregt durch die Lektüre von Matt Ridleys Buch sind im vorausgehenden Blogeintrag einige sehr grundlegende Prinzipien herausgearbeitet worden, die allgemein wirken, denen jedes einzelne individuelle System unterworfen ist, auch jeder einzelne Mensch.

DIE BESONDERHEIT DES MENSCHEN IM BIOLOGISCHEN

  1. Unter anderem wurde auf die Besonderheiten der Menschen (der homo sapiens sapiens als Vertreter der hss-Population) hingewiesen, durch die sich die Menschen tatsächlich von der allgemeinen biologischen Umgebung abheben. Nicht in dem Sinne abheben, dass der Mensch jetzt plötzlich etwas anderes wäre als das allgemein Biologische, sondern so, dass der Mensch innerhalb des Biologischen neue, markante Eigenschaften an seinem Körper zeigt, die – verglichen mit allem anderen Biologischen – ihn in die Lage versetzen, seine eigene Struktur, seine eigene Entwicklung, sein Wechselspiel mit der jeweiligen Umgebung und mit der gesamten Umwelt anschauen und bewerten zu können, ja, er kann bis zu einem gewissen Grad mit diesen neuen Verstehensmöglichkeiten sich selbst und die ganze Welt probeweise spielerisch verändern, und sein Verhalten danach neu orientieren.

MENSCH ALS GEWOHNHEITSTIER

  1. Wenn wir den konkreten Alltag von Menschen anschauen, heute und in der Vergangenheit, sofern diese uns noch zugänglich ist, könnten wir den Eindruck gewinnen, dass der Mensch eher ein ‚Gewohnheitstier‘ ist, da er im Zweifelsfall eher das vorzieht, was er schon kennt, was ihm vertraut ist, von dem er glaubt, dass er es zu seinen Gunsten beeinflussen kann, von dem er glaubt, dass es ihm die meisten Vorteile bringt.

GEWOHNHEIT ALS ZUKUNFTSVERHINDERUNG

  1. So kann man im Bereich der Wirtschaft mit schöner Regelmäßigkeit beobachten, wie erfolgreiche Konzepte dazu führen, dass Firmen, ganze Wirtschaftsbereiche, sich in ihren Erfolgen einrichten, sie gegen Konkurrenten und Neuerungen abzusichern versuchen, sich von der Politik alle mögliche Unterstützungen sichern (das berühmte Lobbytum, das aus demokratisch gewählten Volksvertretern verkappte Interessenvertreter solcher zukunftsfeindlichen Industriepolitik macht), und dass diese Firmen dann sehr häufig übersehen, dass es alternative, bessere Ideen, Technologien und Vermarktungsmöglichkeiten gibt, die dann ‚über Nacht‘ auftreten und ganze Industriebereiche – bildlich gesprochen – in Schutt und Asche legen. Neben den vielen Beispielen aus der Vergangenheit erleben wir gerade, wie moderne, flexible, kundennahe Bezahldienst den angestammten Finanzdienstleister die Kunden Millionenweise abspenstig machen, oder wie eine selbst-verliebte Automobilindustrie feststellen muss, dass wichtige Schlüsseltechnologien für die Zukunft schon längst von anderen entwickelt und besetzt wurden.
  2. Sind diese Entwicklungen für die jeweiligen Industrie selbst verheerend, so sind sie natürlich auch für die jeweiligen Standorte, Regionen und Volkswirtschaften verheerend. Ganze Regionen können veröden (Stichworte Stahlindustrie in der Vergangenheit, Textilindustrie, Automatisierung, Schiffbau, Agrarindustrie, usw.). Leider ist es so, dass die lokalen und regionalen kommunalen Vertreter sich in allen Fällen blindlings den aktuellen Erfolgen verschrieben haben, anstatt im aktuellen Erfolg den Blick auch auf mögliche Alternativen zu richten, erweiternde Szenarien, so dass eine Region eben nicht nur von einer einzigen Technologie abhängig ist. Statt dass die Politik das kritische Korrektiv zu herrschenden Industrien bildet, diese zu Erneuerungen, Weiterentwicklungen, Alternativen anregt, haben sie ihr eigenes Denken weitgehend ausgeschaltet und spielen das Spiel der Selbstverliebtheit einfach mit. Der unausweichliche Technologie-Crash wird damit auch zu einem gesellschaftlichen Crash, den man hätte verhindern können, aber nicht verhindert hat (aktuell in Deutschland z.B. die Automobilstandorte, die Braunkohle, die Kohle, … ).

PRINZIP DER EVOLUTION WIRKT

  1. Betrachtet man die vielen Aufstiege und Abstürze verschiedener Technologien und gesellschaftlicher Systeme weltweit und im historischen Maßstab, dann kann man das Prinzip der Evolution am Wirken sehen, das Alternativen, wenn sie möglich sind, auch zum Tragen kommen; nicht immer sofort oder schnell, aber irgendwann dann doch, weil Effizienz sich letztlich durchsetzt. … oder weil das Leid und die Unzufriedenheit von großen Teilen einer Bevölkerung sich gegen ein herrschendes System aufgelehnt hat: einseitige Verteilung von Reichtum, einseitige Verteilung von Macht, unwürdige Lebensverhältnisse für Viele,  haben in der Vergangenheit oft zu  umstürzende Veränderungen geführt. Nicht immer war es danach besser.

NADELÖHR MENSCH

  1. Sofern der Mensch bei diesen Entwicklungen beteiligt ist, können  wir zwei gegensätzliche Tendenzen beobachten.
  2. Einerseits verfügt der Mensch über ein großes Potential im Erkunden neuer Möglichkeiten und deren technologischer und gesellschaftlicher Nutzung. Andererseits ist der Mensch durch sein biologisches Erbe als Individuum vielfach begrenzt und stark bedürfnis- und triebgesteuert; seine kognitiven Fähigkeiten sind einerseits außerordentlich, wenn es darum geht, sich mit seinem Körper in einer realen Umgebung zurecht zu finden, er hat aber Probleme, komplexe Zusammenhänge zu erfassen, und seine Kommunikationsfähigkeit ist primär für den Nahbereich ausgelegt, für einfache, alltägliche Sachverhalte. Zwar haben Erfindungen wie Schrift, Rechtssysteme, Handwerk, Technologie, Landwirtschaft, Städtebau usw. die Fähigkeit erhöht, dass Menschen im Zusammenwirken mit anderen auch komplexere Aufgaben lösen können, aber der einzelne individuelle Mensch hat sich bislang biologisch nicht wesentlich verändert. Der endliche, triebgesteuerte, am Nahbereich orientierte einzelne Mensch findet sich in immer komplexeren gesellschaftlichen und technologischen Zusammenhängen vor, die seine individuellen Fähigkeiten real übersteigen. Diese Differenz ist schwer erträglich und ist ein großer Motor für Entlastungsstrategien vielfältigster Art. Die einen erleben sich als krank; andere blenden ganze Bereiche der Wirklichkeit einfach aus; andere propagieren vereinfachte Modelle von der Wirklichkeit, die schön klingen und ein gutes Gefühl vermitteln, aber letztlich zu kurz greifen; usw. Religiöser Fanatismus, nationalistische Tendenzen, Abbau von Demokratie durch scheinbar starke Männer, Korruption, Lobbyismus, Zunahme von Kontrolle und Überwachung, dies sind Symptome von großen Ängsten, Tendenzen zur Vereinfachung, die in der Regel nur wenigen nutzen und vielen schaden.

WISSEN NICHT ANGEBOREN

WELT ALS MODELL IM KOPF

  1. Damit kommen wir zu einem zentralen Punkt. Sofern ein Mensch als Akteur an einem Prozess beteiligt ist, kann er neben den an sich ‚blinden‘ Bedürfnissen, Trieben und dem Bauchgefühl auch sein aktuell verfügbares Wissen zu Rate ziehen. Das Wissen ist nicht angeboren, sondern muss in lang andauernden Prozessen der Interaktion mit der Umgebung erworben, gelernt werden. Dieses Wissen ist etwas ‚in seinem Kopf‘, ‚in seinem Gehirn‘. Es ist das menschliche Gehirn, das aufgrund seiner Bau- und Funktionsweise in der Lage ist, die Vielzahl der sensorischen Eindrücke von der Umgebung zugleich mit der eigenen Körperwahrnehmung zu einem komplexen Puzzle zusammen zu setzen, das ‚im Kopf‘, ‚im Gehirn‘ als eine Art ‚virtuelle Welt‚ existiert, ein vom Gehirn konstruiertes Modell der Welt, das nicht die Welt selbst ist. Für jeden einzelnen aber, der solch ein Modell der Welt im Kopf hat, erscheint dieses Modell der Welt als die Welt selbst!
  2. Je nachdem, wie gut dieses Modell im Kopf ist, kann es im Alltag helfen, sich schnell zu orientieren. Man weiß in etwa, wo man sich befindet, wer die Person ist, die mit einem im Raum ist, wie die vielen Gegenstände benannt werden, welche Verhaltensweisen man von den Dingen und Menschen erwarten darf (meistens), usw. Und solange die Welt im Kopf mit der realen Situation harmoniert, solange erscheint die Welt im Kopf ganz natürlich als die Welt selbst. Wenn ich aber mein Fahrrad holen will und feststelle, es ist nicht mehr da; oder ich sehe ein Handy, das aussieht wie ein anderes, aber dieses Handy dann doch anders funktioniert, wie ich es gewohnt bin; oder die Landwirte in den USA in weiten Gebieten plötzlich Wildpflanzen nicht mehr bekämpfen können, weil das die Wildpflanzen gelernt haben, sich gegenüber den Umweltgiften der Landwirte zu erwehren; … dann fällt einem auf, dass das Modell im Kopf nicht die reale Welt ist. Wenn ganze Volkswirtschaften nur noch Arbeitslosigkeit und Schulden produzieren, dann fällt auf, dass unser Modell einer Volkswirtschaft in den Köpfen der Akteure vielleicht falsch ist; oder Menschen in meiner Umgebung verhalten sich plötzlich anders, als ich es jahrelang gewohnt war – was war das für ein Modell, das ich im Kopf von diesen Menschen hatte?
  3. Kurzum, den wenigstens Menschen ist bewusst, dass die Welt, die sie täglich voraussetzen, nicht einfach die Welt ist, wie sie ist, sondern auch die Welt, wie sie sich die Welt in ihrem Kopf vorstellen. Die klassische (Griechische) Philosophie konnte das Lebendige nicht erklären, erfand aber ein Wort (Pneuma von pneuein, atmen), um es zumindest zu benennen. Viele Jahrhunderte (eigentlich mehr als 2000 Jahre) war es der Fantasie der Menschen überlassen, sich vorzustellen, was dieses Pneuma, dieses Lebensprinzip, sein konnte. Erst seit ca. 100 Jahre konnte die Wissenschaft genügend Wissen erarbeiten, um ein mögliches empirisch motiviertes Modell dieses Pneuma-Lebensprinzips zu gewinnen. Und selbst heute ist vieles noch offen.
  4. Das Modell im Kopf, die Welt als explizite Hypothese, fällt nicht vom Himmel; das Modell muss mühsam von vielen 100.000enden jeden Tag neu erarbeitet, überprüft, modifiziert werden. Es ist ein unfassbarer Schatz an Wissen ohne den wir weitgehend blind sind und Spielbälle von an sich blinden Bedürfnissen, Trieben und Bauchgefühlen jeglicher Art. Dieser globale Prozess wissenschaftlicher Erkenntnis ist eingebettet in ein gesellschaftliches Umfeld, das in der Regel kaum an wirklichem Wissen interessiert ist. In der Gesellschaft geht es wie eh und je primär um Macht, Reichtum, Kontrolle, Befriedigung der primären Bedürfnisse, und die Wissenschaft, die Wissenschaftler, sind davon nicht abgeschottet: selten dürfen sie einfach forschen, was man erforschen könnte, sondern können nur forschen, wofür sie Geld bekommen oder was ‚politisch gewollt‘ ist. Die Kurzsichtigkeit der Politik ist aber ein aktuelles Problem. Es gäbe Wissenschaften, die uns allen helfen könnten, aktuelle Tendenzen besser zu bewerten, aber für solche Wissenschaften gibt es kein Geld; sie würden ja die Politik in ihrer Kurzsichtigkeit kritisieren. Davor scheut man zurück.

ZUKUNFT IST KEIN NORMALES OBJEKT

  1. Und hier sei nochmals an den fundamentalen Gedanken aus einem vorausgehenden Blogeintrag erinnert , dass die Zukunft ja nicht als ein Objekt existiert wie irgend ein anderes Objekt in unserer Umgebung. In der Wahrnehmung haben wir streng genommen nur ein Jetzt, das wir nur insoweit überwinden, übersteigen können, als die Fähigkeit unseres Gedächtnisses uns durch die Erinnerung von vergangenen Jetzt-Momenten und verschiedenen Abstraktions- und Vergleichsprozessen überhaupt Anhaltspunkte für Veränderungen in der realen Welt liefert, Ansatzpunkte für Beziehungen, Regelhaftigkeiten, anhand deren wir dann in die Lage versetzt werden, Ideen von möglichen Zuständen in der Zukunft zu denken, als Hypothesen, als Vermutungen. Zukunft ist von daher immer ein Konstrukt im Bereich der virtuellen Welt unseres Gehirns. Wer nicht nachdenkt, hat keine gedachte mögliche Zukunft. Wer nachdenkt, kann Hypothesen entwickeln, die die eine oder andere mögliche Entwicklung vorweg nehmen können, aber insgesamt sind dies Variationen von Themen der Vergangenheit. Die echte Zukunft lässt sich nur sehr angenähert denken.

DIE ZUKUNFT STIRB IM KOPF

  1. Ist das Denken, das Wissen also schon grundsätzlich für unser Verhalten, für unser alltägliches Leben, für Politik und Wirtschaft wichtig, so ist es fundamental für eine mögliche Zukunft. In einer wissensfeindlichen Gesellschaft wird also nicht nur ein Alltag in der Gegenwart schwer, sondern die Keime einer möglichen für alle guten Zukunft werden schon im Ansatz erstickt. Die Zukunft stirbt dann schon im Kopf bevor eine mögliche Zukunft überhaupt stattfinden konnte. Real wird die Welt dann zwar trotzdem voranschreiten, es werden sich Dinge ereignen, ob die Menschen wollen oder nicht, aber diese Dinge können verheerend sein, zerstörerisch, viele Menschen mit Leid versorgen, Leid, das man möglicherweise hätte verhindern können. Die Demagogen der Gegenwart werden dann aber nicht mehr da sein oder, sollten sie es erleben, haben die Demagogen selbst selten die Schuld auf sich genommen. Es waren dann ihre dummen Anhänger, die ihre wunderbare (Schrott)Ideen nicht gut genug verstanden haben. Lieben die Menschen die Unwahrheit tatsächlich mehr als die Wahrheit? Falls Ja, was könnte ein Mensch dagegen tun, sich davor zu schützen?

START DES PHILOSOPHIESOMMERS 2016 IN DER DENKBAR FRANKFURT – Nachhall zum 14.Februar 2016

START GELUNGEN

Nach einer Unterbrechung von mittlerweile fast 6 Monaten hat sich die Philosophie in der DENKBAR zurückgemeldet.  Aufgrund der Einladung vom 9.Februar 2016 hatte sich eine sehr interessante Gruppe  zum Re-Start versammelt. Und der gedankliche Austausch nahm seinen Lauf.

EIN HAUCH VON PHILOSOPHY-IN-CONCERT

Wie angekündigt wurde ein kleines Hörstück vom PHILOSOPHY-IN-CONERT Experiment eingespielt, dazu ein Bild von der – noch – leeren virtuellen Insel aus einer virtuellen Welt.

cagent vor leerer PiC-Insel 14.Februar 2016

cagent vor leerer PiC-Insel 14.Februar 2016

PHILOSOPHY-IN-CONCERT versteht sich als Versuch, die Fragestellung von der Zukunft des Menschen in Wechselwirkung mit der neuen Technologie der intelligenten Maschinen aus philosophischer und wissenschaftlicher Sicht künstlerischer erlebbar zu machen. Wie das genau geschehen wird, ist Teil des laufenden Experimentes. Erste Gehversuche fanden in öffentlichen Veranstaltungen am 1.Dez. 2015 und am 12.Dez. 2015 statt. Daraus stammt das Hörstück, das an diesem Abend gespielt wurde.

 

Dieses Stück kann uns daran erinnern, dass wir uns ohne Gebrauchsanleitung vorfinden und seit vielen tausend Jahren auf der Suche nach uns selbst, nach dem inneren Drehbuch von allem sind. Alle Kulturen haben ihre eigene Version erzählt, die vielen Religionen, die Philosophen, die moderne Wissenschaft liefern ständig neue Varianten. Welche ist nun die richtige? Woran können wir die richtige erkennen?

Zwei der Stimmen im Hörstück sind vom Computer generiert. Die gesamte Musik ist vom Computer generiert. Wir erleben einen realen Klang, der von Algorithmen erzeugt wurde. Auch das Bild, das in der Live-Schaltung sehr realistisch wirkte (z.B. mit Wellenbewegungen und Lichtreflexen) war komplett vom Computer generiert, ein Virtuelles als Reales, Virealität …

DIE AUSGANGSLAGE

Damit waren wir bei der Ausgangslage angekommen.

In unserem Alltag erfahren die, die Arbeit haben, oft (meistens?), dass sie zu viel Arbeit haben. Sie drehen in ihrem Rad und schaffen es kaum noch, jenseits der beruflichen Routine andere Aspekte des Lebens breit und differenziert aufzunehmen. Zugleich hat man das subjektive Gefühl, die Ereignismenge nimmt beständig zu, die Änderungen werden schneller. In all dem ist eine Entwicklung unübersehbar: die fortschreitende, mittlerweile umfassende, Digitalisierung des gesamten Lebens. Im Beruf, in der Freizeit, öffentlich und im Privaten, überall begleiten uns mittlerweile Computer, die mit Netzwerken verbunden sind. Vielfach sind sie schon nicht mehr erkennbar, da sie die Gestalt von Alltagsgegenständen angenommen haben, sie Teil von Wohnungen und Gebäuden sind, überall in den Verkehrsmitteln eingebaut sind, Teil von öffentlichen Räumen …. noch weniger kann man die Aktivitäten in den Netzwerken und Datenbanken wahrnehmen. Das globale Geschäft mit den privaten (und kommerziellen und institutionellen) Daten brummt; einige wenige werden immer reicher, viele andere werden jeden Tag schleichend entwertet. Der Staat scheint zu versagen; es wirkt, als ob er seine Bürger den Datenkraken und den außer Rand geratenen Geheimdiensten überlässt. Privatheit war einmal. Industriespionage scheint mittlerweile der Standard sein, vorpraktiziert von den staatlichen Geheimdiensten selbst, wenn man den Quellen trauen kann.

Erleben wir einen epochalen Umbruch? Was ist mit den traditionellen Wertelieferanten, den bekannten Religionen? Was ist mit den Wissenschaften? Sind Menschen nur ein zufälliges Ereignis der Evolution, eine biochemische Masse, die alsbald wieder vergeht? Sind die Menschenrechte nur noch gut für Sonntagsreden, aber ansonsten im Alltag blutleer, wert-los? Warten alle nur noch auf die Erlösung durch die Roboterfabriken und intelligente Maschinen, die dann alles lösen werden, was der Mensch nicht lösen konnte?

Was ist mit den globalen Konzernen, die ihr Geschäft auf Algorithmen basieren, die die globalen Datenmengen auswerten und hochrechnen: sind sie morgen bankrott, weil sie ihre eigenen Algorithmen nicht mehr unter Kontrolle haben? Lassen die anwachsenden Bot-Armeen die Daten von twitter, facebook, google und Co zu Schrott werden?

GEDANKENSTURM

Dies sind einige der Gedanken, die eingangs geäußert wurden, und die dann zu einem intensiven Gedankenaustausch führten.

Gedankensturm vom 14Febr2016 - ungeordnet

Gedankensturm vom 14Febr2016 – ungeordnet

Im Gegensatz zu sonst fiel es dem Protokollanten schwer, diese vielen Aspekte sofort in eine Struktur einzupassen. Dies kann auch ein Anzeichen dafür sein, dass wir es hier mit einem qualitativ neuem Gesamtphänomen zu tun haben. Alle bisher benutzten Muster greifen nicht mehr so richtig.

Am erfolgversprechendsten erschien dann die Perspektive, dass wir den Menschen, uns, viel radikaler als bislang als Teil eines evolutionären Prozesses sehen müssen, der uns dorthin gebracht hat, wo wie heute stehen. Dies intensiviert die Rückfragen an diesen Prozess. Welche Rolle spielt dann der berühmte Zufall bei der Entstehung des bekannten Universums und der bekannten Lebensformen. Ist alles nur Zufall oder ist Zufall nur ein Moment an einem komplexeren Geschehen? In der Wissenschaft haben einige gemerkt, dass der Zufall insofern nur ein – wenngleich sehr wichtiges – Moment des Geschehens ist, da bei der Entwicklung des biologischen Lebens die Speicherung bisheriger Erfolge im DNA-Molekül wesentlich ist. Nur durch diese Speicherung (Erinnerung, Gedächtnis) wurde eine Zunahme von Komplexität möglich. Der Zufall variiert, das DNA-Gedächtnis gibt eine Richtung. Dieser Prozess ist sehr langsam. Erst mit dem Auftreten des homo sapiens als Teil dieses Prozesses gab es eine Revolution: die Gehirne des homo sapiens können mit ihren elektrischen Zuständen Eigenschaften der Umgebung und sich selbst zu Modellen formen, mit diesen virtuellen Modellen elektrisch spielen und auf diese Weise in sehr kurzer Zeit hochkomplexe Alternativen erkunden, verwerfen oder ausprobieren. Dies führt zu einer extremen potentiellen Beschleunigung der Evolution. Veränderungen, die zuvor vielleicht tausende, zehntausende von Generationen gebraucht haben, können nun innerhalb von Jahren, Monaten, Tagen … gedacht und gestartet werden. Die Erfindung des Computers (eine 1-zu-1 Kopie der Struktur, die dem Kopiervorgang von biologischen Zellen zugrunde liegt!) erscheint in diesem Kontext folgerichtig, dazu Netzwerke und Datenbanken. Aus Sicht der Evolution ist es die Befreiung der Materie in frei konfigurierbare Zustände mit extremer Beschleunigung.

Für die agierenden Menschen, Mitglieder der Gattung homo sapiens, scheint dies aber zu einer Zerreißprobe zu werden, zur Krise der alten Weltbilder die – stimmt das neue Bild – sowieso falsch waren. Wer sind wir wirklich? Was soll das Ganze? Kann es in diesem kosmischen Gesamtgeschehen überhaupt so etwas wie einen Sinn für einzelne Individuen, für einzelne Generationen geben? Wie können wir in all dem, was diese neue Entwicklung mit uns macht, ein Muster erkennen, irgendetwas, was über puren Zufall hinausweist? Oder brauchen wir das alles nicht, ist es sowieso egal? Soll jeder halt die Zeit seines Lebens nutzen so gut es geht, ohne Rücksicht auf Verluste? Sind die Menschen, nachdem sie die Evolution durch Computer, Netzwerke und Datenbanken neu entfesselt haben, sowieso überflüssig geworden? Homo sapiens hat seinen Job gemacht; die Zukunft liegt jetzt nur noch in Hand der intelligenten Maschinen?

WIE GEHT ES WEITER?

Am 13.März 2016 treffen wir uns zur weiteren Verhandlung in Sachen homo sapiens.

  • Was macht das alles mit uns?
  • Hat der homo sapiens noch eine Chance?
  • Ist er überflüssig geworden?
  • Gibt es die intelligenten Maschinen, die den homo sapiens ersetzen sollen, wirklich?
  • Ist dies aller nur ein Propagandatrick der Medien und einiger globaler Konzerne?
  • Sind google, facebook und Co morgen schon pleite, weil sie ihre eigenen Algorithmen nicht mehr unter Kontrolle haben?
  • Was wird uns PHILOSOPHY-IN-CONCERT zum Nachdenken geben?
  • Könnten uns intelligente Maschinen sogar helfen?
  • Was ist mit der Maschine als Therapeut und Partner?
  • Was ist mit den technischen Erweiterungen des Körpers?
  • Was ist mit den möglichen genetischen Veränderungen: warum wollen wir sie nicht?
  • Wo liegt unsere Zukunft? In der bloßen Wiederholung des Alten oder in einem real Neuem? Wie kommen wir dahin? Wer sind unsere Ratgeber? Müssen wir auf unsere Enkel hoffen, dass die es dann schon richten, weil wir zu dumm und träge sind?

Einen Überblick über alle vorausgehenden Sitzungen der Philosophiewerkstatt findet sich HIER.

DIE SELBSTABSCHALTUNG – UND NOCH EIN PAAR BETRACHTUNGEN ZUR PSYCHOLOGIE DES MENSCHEN

  1. Im Laufe seines Lebens trifft man auf sehr viele unterschiedliche Menschen. Über Körperformen, Geruchsprofile, Spracheigenschaften, Hautfarben, Verhaltensbesonderheiten, Art des Lachens oder Weinens, Essgewohnheiten, Musikvorlieben, und vielem mehr, gibt es eine große Bandbreite. Viele neigen dazu, äußerliche Besonderheiten sofort aufzugreifen, sie hoch zu stilisieren als abgrenzende Besonderheiten, als besondere Menschenklasse, als der bzw. die Anderen. Dabei sind es nur die ganz gewöhnlichen Varianten, die im biologischen Programm der Menschwerdung möglich und vorgesehen sind. Der/ die/ das Andere erweckt in vielen Menschen zudem oft spontane Ängste, weil sie instinktiv spüren, dass sie selbst, so, wie sie sind, nichts Absolutes sind, nicht die einzige Wahrheit; das sie selbst angesichts des Anderen sich auch als etwas Besonderes spüren, etwas Veränderliches, möglicherweise etwas Zufälliges, das am Selbstverständnis nagen kann: wer bin ich, wenn ich auch nur etwas Anderes für Andere bin? Wer bin ich, wenn ich auch nur etwas Zufälliges für andere bin, eine Variante?
  2. Es ist offensichtlich, dass Menschen, von Innen getrieben, nach Fixpunkten suchen, nach Wahrheiten, nach Gewissheiten, nach Anerkennung, nach einem positiven Selbstgefühl. Menschen halten es nicht gut aus, sie mögen es nicht, wenn ihr Selbstgefühl leidet. Und selbst in schweren Formen der Erniedrigung (z.B. in der leider viel zu häufigen Realität, wenn Frauen von Männern misshandelt werden), suchen Menschen noch in der Erniedrigung eine Form der Wertschätzung heraus zu lesen: Ja, der andere quält mich, aber noch in dieser Form der Qual nimmt der andere mich doch ernst, nimmt er mich wahr, verbringt er Zeit mit mir, usw. Dieses letzte Flackern des Lebenswillens reicht zwar aus, sich über der Nulllinie zu halten, nicht aber, um das zu verändern, was Leid und Zerstörung mit sich bringt.
  3. Dass Männer so oft Frauen misshandeln, weil Männer sich Frauen gegenüber aus vielfachen Gründen unterlegen fühlen, erscheint aber nur als eine Spielart von vielen anderen: Wenn Mitglieder einer politischen Partei wie besinnungslos auf Mitglieder anderer politischer Parteien mit Worten (und bisweilen auch Fäusten) einschlagen, dabei gebetsmühlenartig ihre Slogans wiederholen ohne dass irgend jemand näher überprüft hat, ob und wie man die Dinge auch anders sehen könnte, dann ist dies letztlich nichts anderes. Die andere Gesinnung als solche wird zum ab- und ausgrenzenden Merkmal, der Andere erscheint als direkte in Fragestellung der eigenen Position. Egal welche Parteien, ich habe noch nie erlebt, dass man mit einem aktiven Mitglied einer Partei (ob in Deutschland, Frankreich, England, den USA oder wo auch immer) bei einer Veranstaltung, wo verschiedene Vertreter präsent sind, einfach normal über mögliche Alternativen reden konnte.
  4. Bei Religionsgemeinschaften – zumindest in ihren fundamentalistischen Teilen – ist dies nicht anders (Juden, Christen, Muslime, Buddhisten, Hindus, …). Sie alle treten auf wie Marionetten eines Einpeitschers, der nicht außen steht, sondern sich in ihr eigenes Gehirn eingenistet hat und von dort aus alles terrorisiert. Das Furchtbare, das Erschreckende daran ist eben dieses: der Einpeitscher sitzt in ihrem eigenen Gehirn und er erlaubt diesen Menschen nicht, dass sie Fragen stellen, Fragen zu sich selbst, Fragen zu ihren eigenen Anschauungen, Fragen über die Welt, Fragen dazu, wie denn das alles gekommen ist, usw. Der Einpeitscher in ihren Gehirnen ist wie ein Computervirus, der dieses Gehirn gekapert hat, es so umprogrammiert hat, dass es gegen jegliche Beeinflussung von außen immunisiert wurde. Manche gehen damit bis in ihren eigenen Tod, wie jene Ameisen, die von einem bestimmten Pilz befallen wurden, der dann mit chemischen Stoffen über das Blut das Gehirn dieser Ameise so steuert, dass sie sich Vögeln zum Fraß anbieten, damit der Pilz in diese Vögel gelangen kann. Nicht anders funktionieren die fremde Einpeitscher-Slogans im eigenen Gehirn: sie schalten diese Menschen quasi ab, machen sie zu willenlosen Werkzeugen ihres Gedankenvirus. Man erkennt diese Menschen daran, dass sie im Gespräch immer nur Slogans wiederholen und nicht mehr selbst denken können.
  5. Wer glaubt, dass dies nur bei dummen Menschen funktioniert, der lebt in einer gefährlichen Täuschung. Der Virus der Selbstabschaltung findet sich auch bei intelligenten Menschen, und zwar nicht weniger häufig als bei sogenannten dummen Menschen (ich benutze die Begriffe ‚dumm‘ und ‚intelligent‘ normalerweise nicht, weil sie sehr oft zur Abgrenzung und Abwertung benutzt werden, aber in diesem Fall tue ich es, um genau diese Instrumentalisierung von Eigenschaften als Waffe gegen Menschen anzusprechen). Da die Welt sehr kompliziert ist und die allerwenigsten Menschen genügen Zeit haben, allen Dingen selbst soweit auf den Grund zu gehen, dass sie sich ernsthaft eine eigene Meinung bilden können, sind viele Menschen – ob sie wollen oder nicht – auf die Meinung anderer angewiesen. Davor sind auch intelligente Menschen nicht befreit. Da auch sogenannte intelligente Menschen die ganze Bandbreite menschlicher Triebe, Bedürfnisse, Emotionen, Gefühle in sich tragen (auch Eitelkeit, Machthunger usw.), angereichert mit ebenso vielen sublimen Ängsten, ist ihre Intelligenz nicht im luftleeren Raum, nicht beziehungslos, sondern steht auch permanent unter dem Andruck all dieser – vielfach unbewussten – Ängste, Triebe und Emotionen. Und, jeder einzelne, wie im Bilderbuch, nutzt seine Intelligenz um all diese unbewältigten Ängste, Triebe und Emotionen maximal zu bedienen. Wer seine Ängste, Triebe und Emotionen nicht in den Griff bekommt (Wer kennt jemanden, der dies vollständig kann?), erfindet wunderbare Geschichten (Psychologen nennen dies Rationalisieren), warum man eher das tut als etwas anderes; warum man nicht kommen konnte, weil; warum man unbedingt dorthin fahren muss, weil; warum dieser Mensch blöd ist, weil; usw. um damit  die wahren Motive unangetastet zu lassen.  Die große Masse der intellektuell verkleideten Geschichten ist in dieser Sicht möglicherweise Schrott, in der Politik, in der Religion, im menschlichen Zwischeneinander, in der Wirtschaft ….
  6. In einem der vielen Gespräche, die man so führt, stand mir einmal jemand gegenüber, der ohne Zweifel hochintelligent war und sehr viel wusste. Leitmotiv seiner vielen Äußerungen war, dass die meisten Menschen dumm sind und innerlich abgeschaltet sind. Daher lohne es sich nicht, sich mit Ihnen zu beschäftigen. Dabei fand er nichts dabei, dass er selbst immer wieder die gleichen Argumentationsfiguren wiederholte und bei Nachfrage, nach seinen Voraussetzungen tatsächlich erregt wurde, weil seine Kronzeugen nicht anzugreifen waren; seine eigenen Kronzeugen waren eben einfach wahr. Wer war hier abgeschaltet? War dies auch eine Strategie, um sich von der Vielfalt des Lebens mit Begründung abschotten zu können? Im Gespräch ging es fast nur um die Unterwerfung unter seine Prämissen; ein neugieriges Hinhören oder spielerisches Umgehen mit Varianten war im Ansatz trotz vielfacher Angebote meinerseits ausgeschlossen. Dieses Verhalten wirkte auf mich wie eine massive Selbstabschaltung vor der Vielfalt und dem Reichtum des Lebens, insbesondere auch als eine massive Selbstabschaltung vor den eigenen Abgründen und Möglichkeiten.
  7. Dieses sehr verbreitete Phänomen der Selbstabschaltung der Menschen von der Welt, von den anderen Menschen, vor sich selbst, ist gepaart mit einerseits einer unkritischen Überhöhung jener Positionen, die man (wie intelligent man auch sein mag) als für sich als wahr übernommen hat, und zugleich einer fast fanatischen Verteuflung von allem anderen. Wie eine Menschheit, die am Virus der Selbstabschaltung leidet, die sich nähernde Zukunft meistern soll, ist schwer zu sehen. Bislang haben die impliziten Kräfte der biologischen Evolution lebensunfähige Strukturen aussortiert. Das hat oft viele Millionen Jahre, wenn nicht hunderte von Millionen Jahren gedauert. Durch die Transformierung der Realität in das symbolische Denken von Gehirnen, erweitert um Kulturtechniken des Wissens, zuletzt durch Computer, Netzwerke und Datenbanken, hat es der homo sapiens geschafft, sich von diesem sehr langsamen Gang der bisherigen Form der Evolution zu befreien. Im Prinzip kann die Menschheit mit ihren Wissenstechniken die Erde, das Weltall, die Evolution denkerisch nachempfinden, nach analysieren, selber mögliche Zukünfte durchspielen und dann versuchen, durch eigenes Verhalten zu beschleunigen. Wenn nun aber dieses Denken eingebettet ist in eine unbewältigte Struktur von Ängsten, Trieben und Emotionen aus der Frühzeit des Lebens, ohne dass genau dafür neue leistungsfähige Kulturtechniken gefunden wurden, dann wirken all diese neuen analytischen Errungenschaften wie ein Panzer, der von einem kleinen Baby gesteuert wird mitten in einer belebten Stadt. Dies wirkt nicht wie ein Erfolgsrezept.
  8. Da das Universum ohne unsere Zutun entstanden ist, unsere Milchstraße, unser Sonnensystem, unsere Erde, das biologische Leben, wir alle, besteht vielleicht ein wenig Hoffnung, das in diesem – für uns nur schwer zu durchschauenden – Chaos Elemente vorhanden sind, implizite Dynamiken, die wir (dank unseres Selbstabschaltungsvirus?) bislang noch nicht entdeckt haben. Leider ist das, was viele offizielle Religionen als Lösungsmuster propagieren, offensichtlich nicht das, was uns hilft. Die meisten institutionalisierten Religionen erscheinen selbst als Teil des Problems.
  9. Man darf gespannt sein. Ich bin es. Höchstwahrscheinlich werde ich in meinem Leben nicht mehr erleben können, ob und wie die Menschheit ihre eigene Selbstabschaltung in den Griff bekommt.

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STUNDE DER ENTSCHEIDUNG – Ist irgendwie immer, aber manchmal mehr als sonst

PARIS IST ES NICHT

  1. Dass in dem Augenblick, in dem ich diese Zeilen schreibe, wenige Stunden zuvor wieder einmal Terroranschläge in Paris stattgefunden haben, die vielfach dem sogenannten Islamischen Staat zugerechnet werden (klare Informationen habe ich noch keine), ist eher Zufall. Dennoch gibt es möglicherweise einen Zusammenhang mit dem Thema dieses Blogeintrags. Der Leser möge sein eigenes Urteil bilden.

ENTSCHEIDUNGEN IM GROSSEN

  1. Die Formulierung Stunde der Entscheidung kann pathetisch klingen, je nachdem, wo und wie man solch eine Formulierung benutzt. Meist denkt man wohl an kriegerische Auseinandersetzungen, an Kriege zwischen Völker und Nationen, wenn es für alle Beteiligten um Sein oder Nichtsein ging. Das hatte dann schon etwas von Stunde der Entscheidung.

ENTSCHEIDUNGEN GANZ KLEIN

  1. Wenn man den Blick auf solch eine Sondersituation fokussiert, dann gerät man aber in Gefahr, den Blick für das Ganze zu verlieren. Das Ganze ist der Lebensprozess auf dieser Erde. Wir Menschen – das vergessen wir gerne – sind keine losgelösten Sonderwesen, die alleine auf diesem Planeten leben, die alleine über das Schicksal des Lebens auf diesem Planeten entscheiden. Nein. Nichts falscher als dieses. Wir Menschen, jeder einzelne Menschen, JEDER!, bilden eine Lebensform, die in der Kooperation von ca.37 Billionen (= 10^12) einzelnen Zellen besteht. 37 Billionen! (zum Vergleich, man schätzt, dass die Milchstraße, unsere Heimatgalaxie, ca. 100 Milliarden (= 10^9) Sonnen umfasst). Und das ist noch nicht alles. Man schätzt, dass IN unserem Körper nochmals ca. 100 Milliarden (=10^9) Bakterien leben, und auf unserer Haut ca. 220 Milliarden. Diese alle zusammen bilden eine Lebensgemeinschaft, die dafür sorgt, dass wir Körperfunktionen haben, das wir uns ernähren können, dass wir denken können, dass wir in dieser Welt voller Bakterien überhaupt existenzfähig sind. Ohne diese Bakterien würden wir innerhalb von Stunden zugrunde gehen, elendig, hilflos.

(Anmerkung: Alle Informationen zu den Mikroben habe ich dem Buch von Kegel entnommen (s.u.), das ich hier im Blog auch noch ausführlich besprechen werde).

  1. Jede einzelne dieser Zellen ist so komplex, dass ein modernes Lehrbuch über die Zelle 1342 engbedruckte Seiten umfasst, und man nach der Lektüre von diesen 1342 Seiten wissen kann, dass viele wichtige Fragen – vielleicht sogar die wichtigsten? – noch unbeantwortet sind. Klar ist aber, dass jede einzelne Zelle in jedem Moment der Ort von Entscheidungen ist, von vielen Entscheidungen gleichzeitig, die alle darüber entscheiden, wird das Leben in den nächsten Minuten noch stattfinden oder nicht. Also, in jeder Sekunde, nein, in jeder Millisekunde, haben wir 37*10^12 * 100*10^19 * 220*10^9 Zellen und Bakterienorte, in denen jeweils mehr als eine Entscheidung gefällt wird, was als nächstes geschehen wird. Dort, wo diese Entscheidungen geschehen, sind sie unabhängig voneinander, aber in ihrem Effekt zeigen sie, dass sie auf wunderbare Weise aufeinander abgestimmt sind! Wenn wir sagen, dass wir gesund und leistungsfähig sind, dann sind alle diese 37*100* 220* 10^12 * 10^19 *10^9 = 814*10^43 Entscheidungsbereiche so aufeinander abgestimmt, dass wir subjektiv das Gefühl haben, alles ist OK, alles ist perfekt, alles ist gut.
  2. Zum Vergleich, ein Weltkonzern wie Siemens hatte im März 2015 ca. 342.000 Mitarbeiter, also 342 * 10^3 menschliche Entscheidungsbereiche. Wenn man sieht, wie schwer sich solch ein Weltkonzern mit einer Komplexität von 10^3 Entscheidungsbereichen tut, alles miteinander gut laufen zulassen, welcher Aufwand getrieben wird, wie viel Misskommunikation stattfindet, wie viele Pannen, dann kann man – aber nur sehr schwach und dunkel – erahnen, was es bedeutet, dass jeder einzelne Mensch eine Komplexität von 10^43 aufweist; ehrlicherweise entzieht sich dies unser Vorstellungskraft. Die Menge der Gegenstände, die wir mit unserem Gehirn bewusst gleichzeitig denken können, liegt in der Größenordnung von 4-9 Auch bei einem Nobelpreisträger!!!
  3. Laut dem statistischen Bundesamt waren von allen Arbeitnehmern in Deutschland 2014 offiziell 9,5 Tage krank gemeldet . Bezogen auf 365 Tage im Jahr sind dies 2.6% eines Jahres. Also, unser unvorstellbares Gebilde von 814*10^43 Mikroentscheidungsbereichen unseres Körpers hat eine – bezogen auf die Arbeitsfähigkeit – Ausfallrate von 2.6%. Wenn wir bedenken, dass wir bis heute nicht in er Lage sind, auch nur eine einzige Zelle selbst komplett herzustellen (wir benutzen dafür das Knowhow der Zellen, die sich selbst reproduzieren können), geschweige denn verstehen, wie man solch komplexe Gebilde mit einer Komplexität von 814*10^43 herstellen würde (obwohl jede Zeugung eines Menschen mit Geburt und anschließendem Wachstum den Eindruck erweckt, wir sind zumindest am Geschehen beteiligt), dann erleben wir in jedem Augenblick ein Ereignis-Wunderwerk, das sich unserem wissenschaftlichen Verstehen bislang weitestgehend entzieht. Immerhin gewinnen wir immer mehr erste Einblicke, durch die wir überhaupt merken (wer merkt es wirklich?), mit welch ungeheuerlichen Sache wir es hier zu tun haben.

PLANET DER MIKROBEN

  1. Würde man jetzt anfangen zu rechnen, wie viele Zellen und Bakterien es auf der Erde gibt, mit dem Wissen, das Bakterien sich sowohl viele Kilometer tief im Boden, im Meer, unterm Meer, in der Luft über uns vorfinden (mit vielen Milliarden pro Gramm Boden), dann kann man irgendwie erahnen, dass es eine ungeheuer große Zahl sein muss. Und es gibt keine Lebensform auf der Erde, weder bei den pflanzlichen noch den tierischen, die zu ihren elementaren Funktionen nicht Bakterien benötigt, und zwar immer sehr, sehr viele. Die Erde ist in erster Linie ein Planet der Bakterien, genauer der Mikroben, da man in der heutigen Wissenschaft neben den Bakterien noch die  Archaea kennt.
  2. Alle komplexeren Lebensformen, jene, die wir mit unseren Sinnesorganen direkt wahrnehmen können, sind letztlich Konstruktionen unter Verwendung der einfachen Strukturen (Eukaryoten, Bakterien, Archaea). Selbst das Gehirn, beim Menschen der Sitz von Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken, Sprechen, Bildverstehen, Emotionen, Gefühlen usw. ist nah besehen nichts anderes als eine Ansammlung von ca. 100 Milliarden Gehirnzellen (plus vieler weiterer Hilfszellen), die jede für sich ist. Die einzeln Zelle weiß in gewisser Weise nichts von all den anderen. Und doch kooperieren diese Zellen im Millisekundenbereich miteinander auf eine Weise, die uns, die wir solch ein Gehirn haben, den Eindruck erwecken, als ob wir Objekte im Raum sehen mit Formen, Farben, verschiedenen Positionen, wir hören Laute, wir betasten Gegenstände, wir haben gerade mal keinen Hunger aber vielleicht Durst, … das Gehirn bietet uns einen Raum des Bewusstseins, angefüllt mit Phänomenen. Und dies leisten diese 100 Milliarden einzelne Zellen, die nichts voneinander wissen. Die Neurowissenschaften, die bislang viele wunderbare Eigenschaften über das Gehirn herausgefunden haben, können bislang aber nicht wirklich erklären, woher und wie diese 100 Milliarden Zellen + X weitere Zellen es wissen, was zu tun ist.

WIE IST DAS MÖGLICH?

  1. Wie gesagt, das was wir sind, jeder einzelne von uns, ist so ungeheuerlich, so unfassbar, dass man sich – aktuell, momentan – kaum vorzustellen vermag, wie es möglich ist, dass es uns (und all die anderen unfassbaren Lebensformen) tatsächlich gibt, so gibt, wie wir uns vorfinden.
  2. Wunderbarerweise hat die Wissenschaft seit ca. der Mitte des 19.Jh immer mehr einzelne Fakten entdeckt, gesammelt, in Beziehung gesetzt, so dass wir heute davon ausgehen müssen, dass die Geschichte dieser Mikroben vor etwa 4 Milliarden Jahren begonnen zu haben scheint. Zu Beginn gab es noch keinen Sauerstoff, der heute so allgegenwärtig erscheint und ohne den die meisten Lebensformen nicht existieren könnten. Alle ersten Lebensformen kamen ohne Sauerstoff aus; es waren di Cyanobakterien, die als erste und einzige ein Verfahren zur Fotosynthese ‚erfunden‘ haben, das als Abfallprodukt Sauerstoff freisetzt. Dies begann vor ca. -3 Milliarden bis – 2.7 Milliarden Jahren, und setzte einen Prozess in Gang, der schrittweise, das Meer und die Atmosphäre nachhaltig veränderte. Die neuen Oxidationsprozesse erzeugten massive Treibhausgase, die u.a. zur Totalvereisung der Erde (Huronische Eiszeit) führten, die mehrere hundert Millionen Jahre gedauert hat.
  3. Vor ca. -1.45 bis -1.85 Milliarden kamen dann die eukaryontischen Zellen ins Spiel, die schon auf der Basis von Sauerstoff operierten. Zwischen -0.6 Milliarden und -0.85 Milliarden finden sich dann die ersten Vielzeller. Sehr trockene Fakten für ein kosmologisches Drama der Sonderklasse. Das biologische Leben als Ganzes hat die Qualität einer kosmologischen Singularität (unter anderem gilt: es funktioniert als Entropiekonverter, für den es keine bekannten physikalischen Gesetze gibt; für deren Auftreten es keinen bekannten Grund gibt; der Vorgang besitzt eine implizite anwachsende Komplexität; er ist irreversibel).

DNA ALS INFORMATION

  1. Sind alle diese Fakten schon atemberaubend, so erleben wir in unserer Gegenwart, seit ca. 50-60 Jahren einen Prozess, der das Zeug dazu hat, zu einem weiteren Meilenstein der Evolution beitragen zu können.
  2. Bislang in den vier Milliarde Jahren Leben auf dem Planet Erde hat das Leben sich dadurch behauptet und weiter entwickelt, dass es in der Lage war, Moleküle (DNA) dazu zu benutzen, um Bauprozesse und Ablaufprozesse in Form von chemischen Verbindungen zu kodieren und wieder zu dekodieren. Diese revolutionäre Erfindung von Information im Vollsinn (zum Vergleich, der heute vielfach benutzte sogenannte Informationsbegriff von Shannon deckt nur einen Teilbereich von Information ab; Shannon selbst war sich dieses Sachverhalts voll bewusst!) war – im Nachhinein betrachtet – mit Abstand die wichtigste aller Innovationen, die das Leben auf diesem Planeten auszeichnet. Denn nur dadurch konnte Evolution überhaupt stattfinden. Was immer der Selbstreproduktionsmechanismus leistete, nur durch die Einbeziehung einer Informationsstruktur, die aktuelle ‚Anweisungen‘ speicherte, konnten sich die verschieden – weitgehend zufällig erzeugten Änderungen – in der Gesamtheit erfolgreicher Bauteine ‚erhalten‘ und damit sich zu den Bauplänen von Leben entwickeln, die wir heute vorfinden und partiell kennen.
  3. Eine Theorie der Welt, die nur die bekannten physikalischen Gesetze berücksichtigen würde, wäre angesichts der biologischen Phänomene, wesentlich unvollständig (wobei die heutige Physik ja auch in sich selbst unvollständig und widersprüchlich ist und bezogen auf bekannte empirische Phänomene wie ‚dunkler Materie‘ bzw. ‚dunkler Energie‘ nicht einmal die leiseste Idee hat, wie sie damit umgehen soll).

JENSEITS DER DNA

  1. Nimmt man die biologischen Phänomene ernst, nimmt man diesen Selbstreproduktionsmechanismus mit dem vollen Informationsmechanismus im Kern ernst, dann erleben wir mit dem Auftreten von Gehirnen generell und mit dem Auftreten spezieller Technologien seit dem letzten Jahrhundert etwas Besonderes.
  2. Mit dem Auftreten der Gehirne, speziell dem Gehirn des homo sapiens (dazu werden wir gezählt), kommt eine neue Qualität ins Spiel. Während die in der DNA kodierte Information im Prinzip ‚fest‘ ist (obgleich wir heute gelernt haben, dass es ’nicht ganz fest‘ ist, Stichwort Epigenetik), können Gehirne ad hoc lernen, speziell können sie von der Wirklichkeit abstrahieren und in Echtzeit Modelle/ Theorien über mögliche Strukturen und Zusammenhänge der Wirklichkeit bauen. Insbesondere können sie mittlerweile auch die Gehirne selbst bzw. die DNA aller Lebewesen untersuchen, modellieren, simulieren, verändern, und experimentell die Veränderungen ausprobieren. Die aktuellen Lebensformen (und hier wieder speziell und ausschließlich der homo sapiens) können also erstmalig nach vier Milliarden Jahren den bisherigen DNA-gesteuerten Evolutionsprozess erweitern zu einem DNA-Gehirn-Computer-gesteuerten Evolutionsprozess, der die Entwicklung begrenzt beschleunigen kann.

EVOLUTIONSSPRUNG?

  1. Dies ist klar ein strukturelles Ereignis im Evolutionsprozess, das markant ist. Neben der Erfindung der DNA als generischem Informationsträger (vor mehr als 4 Milliarden Jahren) und dem Gehirn als erweiterter adaptiver Meta-Informationsstruktur (seit etwa -0.6 Milliarden Jahren) findet diese Rückanwendung von Gehirnerkenntnissen auf die Trägerstrukturen erst jetzt langsam in der Gegenwart statt (vor ca. 0 Jahren). Wenn man will, kann man darin eine Form von Beschleunigung erkennen.
  2. Was sich jetzt aber anzudeuten beginnt, ist ein Problem, das bislang eher verdeckt war, nun aber nicht mehr weiter unter der Decke gehalten werden kann: die Frage nach dem Wohin!

WOHIN?

  1. Solange das biologische Leben nur mit der DNA als steuernder Information gearbeitet hat, gab es zwei Komponenten: (i) Der Mechanismus des Kopierens und (zufälligen) Variierens im Bereich der informatorischen Kombinationsmöglichkeiten und der physikalisch-chemischen Realisierung; (ii) das Referenzsystem Erde, das nur solche ‚Entwicklungen‘ hat überleben lassen, die zu den jeweils aktuellen Lebensbedingungen der Erde (die sich im Laufe der vier Milliarden Jahre z.T. dramatisch geändert hatten) gepasst haben. D.h. alles, was sich bis heute entwickeln konnte, basiert auf den Erfolgen der Vergangenheit unter den Bedingungen der konkreten Erde.
  2. Im Rahmen unseres neuen Erkennens und Verstehens kann man sich aber – zumindest symbolisch-theoretisch – von den gesetzten Bedingungen der Erde frei machen, und die generelle Frage stellen, was das Ganze überhaupt soll? Geht es nur um Optimierung von Energiegewinnung und -nutzung? Geht es nur um immer bessere Kooperation und Koordinierung und damit um immer mehr Komplexität? Geht es nur um ein Leben auf der Erde (bis zur Ausdehnung der Sonne und dem Anstieg der Temperaturen haben wir ca. 1 Milliarde Jahre noch Zeit) oder auch um weitere Räume? Kann es nicht sogar noch ganz andere Lebensformen geben, auch für uns homo sapiens, für alle Zellen?
  3. Viele neue interessante radikale Fragen, die sich jetzt mit neuer Realität, mit neuer Wucht stellen. Fragen, die uns alle betreffen.

WER KANN ANTWORTEN?

  1. Schaut man sich dann Tagesereignisse an, dann erleben wir hier eine bizarre Ungleichzeitigkeit: auf der einen Seite steuert die Evolution durch die Erfolge des homo sapiens real auf einen neuen qualitativen Evolutionssprung zu, auf der anderen Seite erleben wir, wie in vielen Ländern dieser Welt ein Denken neue Macht gewinnt, das weder von der modernen Wissenschaft noch von den kulturellen Entwicklungen der letzten 10.000 Jahren Kenntnis zu haben scheint.
  2. Wenn Mitglieder des IS von sich behaupten, dass sie Muslime sind, dann muss man ernsthaft fragen, was sie überhaupt vom Islam wissen? Mag sein, dass sie Verse aus dem Koran zitieren können (das können heute schon die meisten Roboter), aber daraus folgt nicht, dass sie irgendetwas von dem Islam verstanden haben. Nicht nur hatte der Koran selbst, was man wissen kann, eine eigene dynamische Entstehungsgeschichte, in die unterschiedliche Überlieferungen und Interpretationen mit eingeflossen sind, sondern die Geschichte des Islams ist bunt, reich, vielschichtig und hatte Gesamteuropa in der Zeit 700 – 1400 eine Blütezeit geschenkt, die mit zu dem Größten zählt, was die europäische Kultur damals hervorgebracht hatte. Nicht nur lebte der Islam damals mit allen Religionen friedlich zusammen, sondern der Islam war u.a. die treibende Kraft in den Wissenschaften, und zwar auf allen Gebieten. Die größten Philosophen, Theologen und Wissenschaftler jener Zeit waren Muslime, und es gab für einen Muslim keine größere Ehre, als das Wissen der ganzen Welt zu sammeln, Übersetzungen anfertigen zu lassen, Bibliotheken für alle einzurichten, Schulen für alle, Krankenhäuser, medizinische Forschung und vieles mehr. Zur gleichen Zeit boten die westlichen christlichen Ländern ein Bild des Jammerns, wissenschaftsfeindlich, kein Sinn für das Gemeinwohl, keine Schulen, keine Bibliotheken usw.
  3. So, wie es auch im Christentum zu allen Zeiten unterschiedliche Strömungen gab, und sich nicht unbedingt die durchgesetzt haben, die am meisten christlich waren, so gab und gibt es auch im Islam unterschiedliche Strömungen. Eine sehr starke Strömungen heute, der Wahabismus, nimmt für sich (wie es jede Sekte tut), in Anspruch den wahren Islam zu vertreten. Aber wenn man den Koran und die Geschichte des Islams ernst nimmt, gibt es wenig Grund, warum man diesen Anspruch ernst nehmen sollte, außer, dass Wahabiten alle umbringen, die ihren Anspruch nicht akzeptieren. Eine solche Einstellungen widerspricht allen elementaren Erkenntnissen über den Menschen, über die Welt und widerspricht – soweit ich sehe – den meisten großen islamischen Philosophen und Theologen.
  4. Bedenkt man aber, wie wenig Christen einer Papstkirche widersprechen, wie wenig Juden den orthodoxen Juden in Israel widersprechen, dann sollte es uns auch nicht wundern, dass so wenig Muslime sich gegen den Wahabismus erheben. Eine Religion hat nur drei Wahrheitsquellen: die direkte Begegnung mit Gott, die Liebe zum Leben und die Wissenschaft. Wer eines davon ausschließt (und die Wahabiten schließen – so wie sie sich darstellen – alle drei Quellen aus) kann schwerlich zu einer lebendigen Religion finden, die das Leben von innen heraus liebt und fördert.
  5. Zurück zur Wertefrage: Wohin überhaupt? Die Wissenschaft ist heute an den Punkt gekommen, wo sich mehr und mehr die Wertefrage radikal stellen muss. Die Wissenschaft als solche ist aber nicht auf Ethik und Philosophie oder noch weitergehende Fragen eingestellt. Sie macht ihren Job als Sachklärerin, das macht sie bislang leidlich gut, aber mehr ist nicht drin. Was aber nun? Wenn kann man fragen?
  6. Wir alle sind gefragt.

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QUELLEN

Bernhard Kegel, Die Herrscher der Welt. Wie Mikroben unseer Leben bestimmten, Köln: DuMont, 2015

IST DIE SELBSTVERSKLAVUNG DER MENSCHEN UNTER DIE MASCHINEN EVOLUTIONÄR UNAUSWEICHLICH?

  1. In diesem Blog gab es in der Vergangenheit schon mehrere Einträge (z.B. den ersten großen Beitrag Kann es doch einen künstlichen Geist geben?), die sich mit der Frage beschäftigt haben, inwieweit Maschinen die Lernfähigkeit und die Intelligenz von Menschen erreichen oder sogar übertreffen können.
  2. In vielen wichtigen Punkten muss man diese Frage offensichtlich bejahen, obgleich es bis heute keine Maschine gibt, die das technische Potential voll ausnutzt.
  3. Umso bemerkenswerter ist es, welche Wirkungen Maschinen (Computer) auf die Gesellschaft erzielen können, obgleich sie noch weitab von ihrem Optimum agieren.
  4. In einem Blogeintrag anlässlich eines Vortrags Über Industrie 4.0 und Transhumanismus. Roboter als Volksverdummung? Schaffen wir uns selbst ab? hatte ich noch eine grundsätzlich positive Grundstimmung bzgl. dessen, was auf uns zukommt. Ich schrieb damals:
  5. Das Ganze endet in einem glühenden Plädoyer für die Zukunft des Lebens in Symbiose mit einer angemessenen Technik. Wir sind nicht das ‚Endprodukt‘ der Evolution, sondern nur eine Durchgangsstation hin zu etwas ganz anderem!
  6. Mittlerweile beschleicht mich der Verdacht, dass wir aktuellen Menschen die nächste Phase der Evolution möglicherweise unterschätzen.
  7. Auslöser war der persönliche Bericht eines Managers in einem weltweiten IT-Konzern, der – von Natur aus ein Naturwissenschaftler, ‚knochentrocken‘, immer sachlich, effizient – zum ersten Mal nach vielen Jahren Ansätze von Emotionen zeigte, was die Entwicklung seiner Firma angeht. Die Firma (und nicht nur diese Firma, s.u.) entwickelt seit vielen Jahren ein intelligentes Programm, das eine Unzahl von Datenbanken auswerten kann, und zwar so, dass die Anfrage von Menschen ‚interpretiert‘, die Datenbanken daraufhin gezielt abgefragt und dem anfragenden Menschen dann mitgeteilt werden. Das Ganze hat die Form eines passablen Dialogs. Das Verhalten dieses intelligenten Programms ist mittlerweile so gut, dass anfragende Menschen nicht mehr merken, dass sie ’nur‘ mit einer Maschine reden, und dass die Qualität dieser Maschine mittlerweile so gut ist, dass selbst Experten in vielen (den meisten?) Fällen schlechter sind als diese Maschine (z.B. medizinische Diagnose!). Dies führt schon jetzt dazu, dass diese Beratungsleistung nicht nur nach außen als Dienstleistung genutzt wird, sondern mehr und mehr auch in der Firma selbst. D.h. die Firma beginnt, sich von ihrem eigenen Produkt – einem in bestimmtem Umfang ‚intelligenten‘ Programm – ‚beraten‘ (und damit ‚führen‘?) zu lassen.
  8. Wenn man sich in der ‚Szene‘ umhört (man lese nur den erstaunlichen Wikipedia-EN-Eintrag zu deep learning), dann wird man feststellen, dass alle großen global operierenden IT-Firmen (Google, Microsoft, Apple, Facebook, Baidu und andere), mit Hochdruck daran arbeiten, ihre riesigen Datenbestände mit Hilfe von intelligenten Maschinen (im Prinzip intelligenten Algorithmen auf entsprechender Hardware) dahingehend nutzbar zu machen, dass man aus den Nutzerdaten nicht nur möglichst viel vom Verhalten und den Bedürfnissen der Nutzer zu erfahren, sondern dass die Programme auch immer ‚dialogfähiger‘ werden, dass also Nutzer ’natürlich (= menschlich)‘ erscheinende Dialoge mit diesen Maschinen führen können und die Nutzer (= Menschen) dann zufrieden genau die Informationen erhalten, von denen sie ‚glauben‘, dass es die ‚richtigen‘ sind.
  9. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob die Manager dieser Firmen dank ihrer überlegenen Fähigkeiten die Firmen technologisch aufrüsten und damit zum wirtschaftlichen Erfolg führen.
  10. Tatsache ist aber, dass allein aufgrund der Möglichkeit, dass man ein bestimmtes Informationsverhalten von Menschen (den aktuellen ‚Kunden‘!) mit einer neuen Technologie ‚bedienen‘ könnte, und dass derjenige, der dies zu ‚erschwinglichen Preisen‘ als erster schafft, einen wirtschaftlichen Erfolg erzielen kann (zu Lasten der Konkurrenz), diese rein gedachte Möglichkeit einen Manager zwingt (!!!), von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Tut der Manager es nicht läuft er Gefahr, dass die Konkurrenz es tut, und zwar vor ihm, und dass er dadurch möglicherweise auf dem Markt so geschwächt wird, dass die Firma sich davon u.U. nicht mehr erholt. Insofern ist der Manager (und die ganze Firma) ein Getriebener (!!!). Er kann gar nicht anders!
  11. Das, was den Manager ‚treibt‘, das ist die aktuelle technische Möglichkeit, die sich aufgrund der bisherigen technischen Entwicklung ergeben hat. Für die bisherige technische Entwicklung gilt aber für jeden Zeitpunkt die gleiche Logik: als die Dampfmaschine möglich wurde, hatte nur noch Erfolg, wer sie als erster und konsequent eingesetzt hat; als die Elektrizität verfügbar, nicht anders, dann Radio, Fernsehen, Auto, Computer, ….
  12. Die ‚Manager‘ und ‚Unternehmensgründer‘, die wir zurecht bewundern für ihre Fähigkeiten und ihren Mut (nicht immer natürlich), sind trotz all dieser hervorstechenden Eigenschaften und Leistungen dennoch nicht autonom, nicht freiwillig; sie sind und bleiben Getriebene einer umfassenderen Logik, die sich aus der Evolution als Ganzer ergibt: die Evolution basiert auf dem bis heute nicht erklärbaren Prinzip der Entropie-Umkehr, bei dem freie Energie dazu genutzt wird, den kombinatorischen Raum möglicher neuer Zustände möglichst umfassend abzusuchen, und in Form neuer komplexer Strukturen in die Lage zu versetzen, noch mehr, noch schneller, noch effizienter zu suchen und die Strukturen und Dynamiken der vorfindlichen Welt (Universum) darin zu verstehen.
  13. Während wir im Falle von Molekülen und biologischen Zellen dazu tendieren, diese eigentlich ungeheuren Vorgänge eher herunter zu spielen, da sie quasi unter unserer Wahrnehmungsschwelle liegen, wird uns heute vielleicht dann doch erstmalig, ansatzweise, etwas mulmig bei der Beobachtung, dass wir Menschen, die wir uns bislang für so toll halten, dazu ganze riesige globale Firmen, die für Außenstehende beeindruckend wirken und für Firmenmitglieder wie überdimensionale Gefängnisse (? oder Irrenanstalten?), dass wir ‚tollen‘ Menschen also ansatzweise spüren, dass die wahnwitzige Entwicklung zu immer größeren Metropolen und zu immer intelligenteren Maschinen, die uns zunehmen die Welt erklären (weil wir es nicht mehr schaffen!?), uns dies alles tun lassen, weil der einzelne sich machtlos fühlt und die verschiedenen Chefs auf den verschiedenen Hierarchieebenen total Getriebene sind, die ihre Position nur halten können, wenn sie hinreichend effizient sind. Die Effizienz (zumindest in der freien Wirtschaft) wird jeweils neu definiert durch das gerade Machbare.
  14. Politische Systeme haben zwar immer versucht – und versuchen es auch heute – sich ein wenig vor dem Monster der Innovation abzuschotten, aber dies gelingt, wenn überhaupt, in der Konkurrenz der Gesellschaftssysteme nur für begrenzte Zeiten.
  15. Was wir also beobachten ist, dass die immense Informationsflut, die das einzelne Gehirn hoffnungslos überfordert, Lösungen mit intelligente Maschinen auf den Plan ruft, die das Sammeln, Sortieren, Klassifizieren, Aufbereiten usw. übernehmen und uns Menschen dann auf neue Weise servieren. So betrachtet ist es hilfreich für alle, nützlich, praktisch, Lebensfördernd.
  16. Beunruhigend ist einmal die Art und Weise, das Wie: statt dass es wirklich allen hilft, hat man den Eindruck, dass es die globalen Konzerne sind, die einseitig davon Vorteile haben, dass das bisherige Ideal der Privatheit, Freiheit, Selbstbestimmung, Würde usw. aufgelöst wird zugunsten einer völlig gläsernen Gesellschaft, die aber nur für einige wenige gläsern ist. Demokratische Gesellschaften empfinden dies u.U, stärker als nicht-demokratische Gesellschaften.
  17. Beunruhigend ist es auch, weil wir als Menschen erstmalig merken, dass hier ein Prozess in Gang ist, der eine neue Qualität im Verhältnis Mensch – Technik darstellt. In primitiveren Gesellschaften (und auch noch in heutigen Diktaturen) war es üblich , dass wenige Menschen die große Masse aller anderen Menschen quasi ‚versklavt‘ haben. Unter absolutistischen Herrschern hatten alle einem Menschen zu gehorchen, ob der nun Unsinn redete oder Heil verkündete. Nach den verschiedenen demokratischen Revolutionen wurde dieser Schwachsinn entzaubert und man wollte selbst bestimmen, wie das Leben zu gestalten ist.
  18. In der fortschreitenden Komplexität des Alltags merken wir aber, dass das sich selbst Bestimmen immer mehr vom Zugang zu Informationen abhängig ist und von der kommunikativen Abstimmung mit anderen, die ohne erheblichen technischen Aufwand nicht zu leisten sind. Die dazu notwendigen technischen Mittel gewinnen aber im Einsatz, im Gebrauch eine solche dominante Rolle, dass sie immer weniger nur die neutralen Vermittler von Informationen sind, sondern immer mehr ein Eigenleben führen, das sich ansatzweise und dann immer mehr auch von denen abkoppelt, die diese vermittelnden Technologien einsetzen. Kunden und Dienstleister werden werden gleichzeitig abhängig. Wirtschaftlich können die Dienstleister nicht mehr dahinter zurück und lebenspraktisch ist der Verbraucher, der Kunde immer mehr von der Verfügbarkeit dieser Leistung abhängig. Also treiben beide die Entwicklung zu noch größerer Abhängigkeit von den intelligenten Vermittlern voran.
  19. Eine interessante Entwicklung als Teil der übergreifenden Evolution. Wo führt sie uns hin?
  20. Die Frage ist spannend, da die heute bekannten intelligenten Maschinen noch weitab von den Möglichkeiten operieren, die es real gibt. Die Schwelle ist bislang die Abhängigkeit von den begrenzten menschlichen Gehirnen. Unsere Gehirne tun sich schwer mit Komplexität. Wir brauchen Computer, um größere Komplexität bewältigen zu können, was zu noch komplexeren (für uns Menschen) Computern führt, usw. Dabei haben wir noch lange nicht verstanden, wie die etwa 200 Milliarden einzelne Nervenzellen in unserem Gehirn es schaffen, im Millisekundenbereich miteinander so zu reden, dass all die wunderbaren Leistungen der Wahrnehmens, Denkens, Erinnerns, Bewegens usw. möglich sind.
  21. Heutige Computer haben mittlerweile eine begrenzte lokale Lernfähigkeit realisiert, die ihnen den Zugang zu begrenzter Intelligenz erlaubt. Heutige Computer sind aber weder im lokalen wie im strukturellen voll Lernfähig.
  22. Einige meinen, dass die Zukunft im Sinne von technischer-Singularität zu deuten ist, dass die intelligenten Maschinen dann irgendwann alles übernehmen. Ich wäre mir da nicht so sicher. Das Hauptproblem einer vollen Lernfähigkeit ist nicht die Intelligenz, sondern die Abhängigkeit von geeigneten Präferenzsystemen (Werte, Normen, Emotionen, Bedürfnissen, …). Dieses Problem begegnen wir beim Menschen auf Schritt und Tritt. Die vielen Probleme auf dieser Welt resultieren nicht aus einem Mangel an Intelligenz, sondern aus einem Mangel an geeigneten von allen akzeptierten Präferenzsystemen. Dass Computer die gleichen Probleme haben werden ist den meisten (allen?) noch nicht bewusst, da die Lernfähigkeit der bisherigen Computer noch so beschränkt ist, dass das Problem nicht sichtbar wird. Sobald aber die Lernfähigkeit von Computern zunehmen wird, wird sich dieses Problem immer schärfer stellen.
  23. Das einzige wirklich harte Problem ist jetzt schon und wird in der Zukunft das Werteproblem sein. Die bisherigen Religionen haben unsere Blicke mit vielen falschen Bildern vernebelt und uns im Glauben gelassen, das Werteproblem sei ja gelöst, weil man ja an Gott glaubt (jede Religion tat dies auf ihre Weise). Dieser Glaube ist aber letztlich inhaltsleer und nicht geeignet, die realen Wertprobleme zu lösen.
  24. Man kann nur gespannt sein, wie die Menschheit als Teil des umfassenden Lebensphänomens mit einer immer leistungsfähigeren Technik auf Dauer das Werteproblem lösen wird. Die einzige Hoffnung ruht in der Logik des Prozesses selbst. Der Mensch in seiner unfassbaren Komplexität ist ein Produkt der Evolutionslogik; wir selbst sind weit entfernt davon, dass wir etwas Vergleichbares wie uns selbst schaffen könnten. Darf man also darauf vertrauen, dass die in allem Leben innewohnende Logik der Evolution uns Menschen als Werkzeuge benutzt zu noch mehr Komplexität, in der wir alle kleine Rädchen im Ganzen sind (als was erscheint uns  ein einzelner Mensch in einer 30-Millionen Metropole?)

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WEISHEIT ALS REVOLUTIONÄRER BEGRIFF FÜR EINE ZUKUNFTSFÄHIGE WELT? MEMO philosophieWerkstatt v2.0 VOM Sonntag, 8.März 2015, 16:00 – 19:00h IN DER DENKBAR

MEMO zur philosophieWerkstatt v2.0 VOM Sonntag, 8.März 2015, 16:00 – 19:00h IN DER DENKBAR

PROGRAMM

Soundexperiment
Einführung ‚Weisheit‘
Gesprächsrunde

SOUNDEXPERIMENT

Bei diesem philosophisch motivierten Klangexperiment wurde dieses Mal eine Folge von Bildern mit einem Soundtrack korreliert. Aufgrund der knapp bemessenen Zeit wurde das Experiment verkürzt auf die Momente ‚Bilder ohne Klang‘ und dann ‚Bilder zusammen mit einem Soundtrack‘ (Wer es nachhören/-sehen möchte kann dies hier tun: BigBen, Wales, Translation-Wilderness. Der ursprüngliche Titel, der auch in der Philosophiewerkstatt benutzt wurde, hiess ‚Wale und die Ringe des Saturn‘.) Erst im Anschluss an eine Gesprächsrunde stellte dann der Künstler cagentArtist Hintergrundinformationen zu den benutzten Materialien zur Verfügung, den angewendeten Methoden und die ‚Idee der Aussage‘, wie sie sich nach drei Jahren darstellt: Die Wale im Ozean, in einer fremden Klangwelt, die hart, unerbittlich, zerstörerisch ist, eingebettet in die blaue Mystik des Meeres und der Walgesänge. Unsere menschenerzeugten Geräusche bilden für die Wale ein unerträgliches, fremdes, tödliches Chaos. Ein wenig kann man dies rleben, wenn man sich dem Stück tatsächlich aussetzt.

WEISHEIT, EINFÜHRENDE WORTE

Christian Hellwig gab dann eine kurze Einführung zum Thema „Weisheit”, aus seiner Sicht. Neben zahlreichen Gedanken zum Thema, angereichert mit einigen bildreichen Beispielen aus der Literatur, wurde u.a. ein Interview mit Ute Kunzmann in der Zeit (April, 2014), mit verteilten Rollen vorgelesen. Schließlich wurden aus einem Buch von Professor Baltes, dem Direktor des Berliner Max-Planck-Institutes (MPI) für Bildungsforschung, (Quelle muss präzisiert werden) sieben Eigenschaften vorgestellt, die charakteristisch für das Vorliegen von ‚Weisheit‘ sein sollen (hier stark vereinfacht):

1. Es geht um die Lebensführung als ganze
2. Man ist sich der Grenzen des Wissens bewusst
3. Ein beeindruckendes Wissen, allerdings nur in Annäherung an eine regulativ Idee
4. Das Wissen ist eingebunden in eine entsprechende Umsetzung/ Praxis
5. Synergie von Geist und Charakter
6. Sowohl das eigene wie auch das Wohl der anderen ist im Blick
7. Weisheit wird unmittelbar erkannt, wenn sie sich im Vollzug manifestiert

GESPRÄCHSRUNDE

1. Es folgte dann eine sehr angeregte Gesprächsrunde, an deren Anfang sehr viele Fragen standen, bei einigen ausgesprochene Skepsis und Unverständnis: völlig vager Begriff? Wozu nütze? Das ist doch überhaupt nicht wissenschaftlich, usw.

Diagramm Philosophiewerkstatt 8.März 2015 - Strukturelemente von 'Weisheit'

Diagramm Philosophiewerkstatt 8.März 2015 – Strukturelemente von ‚Weisheit‘

2. Im Laufe des Gespräches kristallisierten sich dann aber schrittweise Deutungen heraus, Erklärungen, die mehr und mehr das Interesse weckten. Obwohl keine ausführliche historische Analyse vorgelegt worden war, führten die Bemerkungen der TeilnehmerInnen mehr und mehr zu einem komplexen Bild, das einerseits sowohl wichtige Hauptrichtungen der Philosophiegeschichte widerspiegelte, in manchen Punkten aber sogar darüber hinaus zu gehen scheint.

3. Die Kernidee schien die zu sein, dass das ‚Wesentliche‘ der ‚Weisheit‘ nicht in einzelnen Aspekten für sich zu suchen sei (besonderes Wissen, besondere Erfahrung, besondere Klugheit, besondere Verantwortung, …) sondern in einem besonderen charakteristischen ‚Zusammenspiel‘ aller Momente, ganz im Sinne des geflügelten Wortes, dass die’Summe mehr ist als ihre Teile‘.

4. Als ‚Summe der Teile‘ muss Weisheit etwas sein, was man (im Sinne von Baltes) unmittelbar als solche erkennen kann, da nur Weisheit diese komplexe emergente Qualität besitzt.

5. Für manchen mag dieser emergente komplexe Charakter von Weisheit gegen seine Wissenschaftlichkeit sprechen, das muss aber nicht so sein. Viele wichtige physikalische Größen sind mittlerweile so, dass sie nicht im einzelnen Messwert erkannt werden können, sondern nur unter Voraussetzung einer abstrakten mathematischen Struktur kann jener Zusammenhang sichtbar gemacht werden, der sich zwar in vielen einzelnen Messwerten zeigt, aber nicht aus den einzelnen Messwerten als solchem ‚herausgelesen‘ werden kann. Letztlich sind alle funktionalen Zusammenhänge per Definition Metakonstrukte zu jenen Elementen, die durch sie ‚geordnet‘ werden.

6. Bedenkt man dies, dann hat ein solcher emergenter Weisheitsbegriff nicht nur nichts ‚Anrüchiges‘, sondern eröffnet überhaupt die Möglichkeit, die vielen Teilaspekte eines Menschen in einem größeren Zusammenhang zu betrachten, und dies ganz ‚wissenschaftlich‘, wenn man will.

7. Unter anderem kann man hier auch z.B. den Ansatz der Existenzphilosophie zwanglos einordnen. Dieses ’sich Vorfinden im Sein‘, das in der existentiell erfahrbaren ‚ontologischen Differenz‘ einen weiterverweisenden – transzendenten – Seinshorizont auszumachen meint, wäre interpretierbar als die subjektive Seite der systemischen Situation, dass der einzelne sich innerhalb der biologischen Evolution in einer körperlichen Struktur vorfindet, die ihm Anteil gibt an einer spezifischen endlichen Welterfahrung, die trotz ihrer Endlichkeit eine ‚eingebaute‘ ontologische Differenz enthält, die jedes individuelle System unausweichlich auf einen größeren Zusammenhang verweist, der sich in vielen konkreten Details manifestiert, der aber als solcher niemals ganz einlösbar ist (regulativ Idee).

8. Damit verweist das Ideal einer individuellen Weisheit aber auch unausweichlich auf den je größeren Zusammenhang einer Population, da es nur als Element einer solchen vorkommt und lebensfähig ist.

9. Eine Population ist dann auch wieder – wenn auch auf einer neuen Ebene – mehr als die Summe ihrer Teile = Mitglieder.

10. Im Unterschied zur tierischen Schwarmintelligenz – besonders beeindruckend bei den Insekten – ist aber die ‚Intelligenz der menschlichen Population‘ (hier gedeutet als ‚Weisheit der Population‘) nicht deterministisch wie bei den Insekten, sondern enthält einige Freiheitsgrade zusammen mit adaptiven Lernmechanismen, die keinen reinen Automatismus erlauben. Die Weisheit der Population des homo sapiens funktioniert nur, wenn eine Reihe von Rahmenanforderungen (quasi als ‚transzendentale Bedingungen‘) erfüllt werden. Diese sind sehr herausfordernd.

11. ‚Populationsweisheit‘ verlangt u.a.
– eine angemessene Kommunikation aller Teile der Population miteinander
– eine angemessene Politik, die gemeinsam erkannte Richtungen entsprechend umsetzt
– ohne eine angemessenes Wissen wird ein realistisches Überlebensverhalten nicht möglich sein
– ohne eine angemessene Technologie auch nicht
– ohne angemessene ‚Präferenzsysteme‘ (Normen, Vorschriften, Werte, …) wird Kommunikation und Handeln im Chaos versinken (diese Präferenzsysteme müssen aber radikal transparent sein und müssen sich aus den erkennbaren Prozessen der realen Welt und der Lebensnotwendigkeiten ableiten lassen)
– usw.

12. In der Populationsweisheit fließt all dies im optimalen Fall zusammen.

13. Treffen diese Überlegungen aus dem Gespräch zu, dann deutet sich zur Frage nach der Entstehung von Weisheit ein Doppeltes an: einerseits ist der emergente Charakter von Weisheit in der Struktur des biologischen Lebens als Teil des kosmischen Prozesses angelegt; andererseits ist es kein völlig determiniertes Phänomen. Es kann sich in eine bestimmte Richtung weiter entwickeln, es muss aber nicht. In dem Masse, wie es zur ‚Selbststeuerung‘ (individuell, als Population, …) fähig wird, muss es sich selbst und seine Umgebung immer besser verstehen. Dies geht nur über mehr konstruktive Kooperation, über mehr fundiertes Wissen, über bessere Moral, usw. Kann letztlich nur gelingen, wenn man voraussetzt, dass das vorfindliche je größere Ganze (das bekannte Universum, das unbekannte Universum) ‚in sich‘ ‚gut‘ ist. Wäre dem nicht so, hätte Weisheit keine Chance. Dies bedeutet, dass Weisheit nur zur ‚Vollendung‘ kommen kann, wenn sie ‚an sich‘ glaubt‘ und die vorfindliche Welt ‚in sich‘ schon immer auch ‚gut‘ ist.

14. Was hier wie ein Paradox erscheint ist aber nicht so ungewöhnlich, wie es im ersten Moment erscheinen mag: die gesamten Naturwissenschaften leben davon, dass sie zunächst daran glaubt, dass die zu untersuchende Natur ‚in sich‘ ‚gesetzmäßig‘ ist und auf der Basis dieses ‚Glaubens‘ werden Experimente durchgeführt, die mögliche Regelhaftigkeiten enthüllen, die in Form von vorwegnehmenden mathematischen Strukturen auf eine Allgemeinheit hin gedeutet werden, die so niemals beobachtbar ist und auch niemals beobachtbar sein wird. Auch in der Naturwissenschaft ist der Moment des Glaubens konstitutiv. Insofern unterscheidet sich die Erforschung einer übergreifenden ‚Weisheit‘ in nichts von irgend einer anderen naturwissenschaftlichen Erforschung.

15. Der ‚Keim‘ zur ‚Weisheit‘ ist so gesehen quasi bei jedem ‚angeboren‘? Dennoch muss man sie mühsam lernen, so wie wir Menschen alle wichtigen Dinge mühsam lernen müssen. So wie auch sonst die einen eher begabt sind für eines, andere für anderes, so gibt es dann auch sicher unterschiedliche Begabungen für Weisheit. Im Gegensatz zu Spezialbegabungen kann man aber ‚Weisheit‘ nicht so einfach lernen wie eine bestimmte Sprache, Mathematik, Auto fahren, usw., sondern Weisheit als ‚Zusammenspiel‘ aller Komponenten auf einer ‚höheren Ebene‘ folgt einem eher komplexen Bildungsprozesse, der von außen zwar ‚angeregt‘ werden kann, der aber letztlich von jedem ‚eigenständig‘ ‚gefunden‘ und ‚gemeistert‘ werden muss. Es gibt keine Garantien. Ein ‚weiser‘ Mensch dürfte also genauso ein Geschenk an alle sein wie die verschiedenen Sonderbegabungen, die immer wieder herausragen und begeistern.

16. Da ‚Weisheit‘ etwas Einzigartiges ist, kann man es auch nicht durch Verweis auf etwas anderes erklären. Weisheit steht ‚für sich‘; da nach Annahme alle Menschen in Richtung möglicher Weisheit ‚geboren‘ werden, muss man annehmen, dass jeder Mensch eine Art ‚Instinkt für Weisheit‘, eine grundlegende Wahrnehmungsfähigkeit dafür besitzt. Nur dann wäre er in der Lage,Weisheit zu erkennen, sich sich im Verhalten von Menschen, Menschengruppen, biologischen Systemen usw. ‚manifestiert‘. ‚Nichtwissen‘ und ‚Passivität‘ wären klare Verhinderungsfaktoren sowohl für Weisheit wie deren Wahrnehmung.

17. Da wir wissen, dass die Verteilung von geistigen Fähigkeit unter Menschen dem Gesetz der natürlichen Verteilung folgt, scheint es wahrscheinlich, dass dies auch auf die Fähigkeit der Weisheit zutrifft; wirklich weise Menschen oder menschliche Organisationen werden eher rar sein. Und sie sind nicht absolut stabil. Im Laufe der Geschichte sind viele Kulturen zugrunde gegangen, auf die einige der Eigenschaften von ‚Weisheit‘ zutrafen. Nicht selten wurden auch ‚weise‘ Menschen von der Gesellschaft geächtet oder getötet, weil ‚die anderen‘ sie nicht verstanden und abgelehnt haben. Von daher ist die Eigenschaft, als ‚weise‘ zu gelten, nicht unbedingt ‚attraktiv‘.

18. Aus der Natur der Weisheit folgt auch, dass man sie kaum explizit definieren kann. Als emergente Größe, die sich im Laufe des kosmischen Prozesses nur langsam, schrittweise zeigt, und zwar nicht als endgültig erkannte Struktur, sondern als sich schrittweise ‚andeutende‘ Struktur, ist sie eine Größe, die erst im Laufe der Jahrmilliarden langsam bekannt werden wird, sofern man sie überhaupt ’sucht‘.

EINIGE WEITERE FRAGEN

19. Was würde man sich von einem weisen Menschen erwarten?

20. Möchte man selber ‚weise‘ sein? Falls ja: was würde man sich persönlich davon versprechen? Falls nein: wovor hätte man Angst?

23. Was würde man von einer ‚weisen‘ Gesellschaft erwarten? Hätte asozialer globaler Kapitalismus darin einen Platz?

24. Was ist mit einer Politik, die im Namen der Sicherheit die ‚Privatheit‘ immer mehr aushöhlt und damit der notwendigen Spielweise für Weisheit den Raum nimmt: wie würde eine ‚weise Sicherheitspolitik‘ aussehen?

25. Was ist mit gesellschaftlichen Tendenzen, in denen sich Klassen bilden, die sich gegeneinander abschotten: wird damit nicht die Forderung nach gemeinsamer Kommunikation und Kooperation im Kern unmöglich gemacht?

26. Was ist mit der Instrumentalisierung der Medien durch einseitige Machtinteressen: wird damit das notwendige Medium der Öffentlichkeit für eine gemeinsame Kommunikation nicht zerstört?

27. Was ist mit den partikulären, rückwärtsgewandten und wissensfeindlichen Religionen: verhindern sie nicht die notwendige Weiterentwicklung der Weisheit als universalem Gut für Alle?

28. Usw.

THEMENVORSCHLAG NÄCHSTES TREFFEN

Neben der Einladung an jeden, etwas aus eigener küntlerischer Aktivität vorzustellen und es aus philosophischer Sicht zu betrachten, einigte sich die Gruppe auf den Themenvorschlag:

Was hat ein ‚künstlicher‘ Geist mit einem ‚biologischen‘ Geist gemeinsam, und was nicht? Zusatzfragen: Würde auf einen künstlichen Geist der Begriff der ‚Menschenwürde‘ zutreffen‘. Kann ein künstlicher Geist ‚weise‘ sein? Sind künstlicher und biologischer Geist nicht schon längst ’symbiotisch vereint‘?

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ENDSPIEL, ENDKAMPF, ODER NEUER EVOLUTIONSSCHUB?

(Letzte Änderungen: 23.Nov.2014, 14:46h)

1. Während der Begriff ‚Endspiel‘ durch seine sportliche Konnotationen noch keinen letzten Schrecken verbreiten muss, klingt ‚Endkampf‘ biblisch-apokalyptisch: Endzeitstimmung; das Böse kämpft gegen das Gute; alles steht auf dem Spiel. ‚Evolutionsschub‘ deutet die Perspektive der Naturwissenschaften an, eine methodische Objektivität eines ‚Strukturwandels‘, der sich ’natürlich‘ aus der ‚Vorgeschichte‘ ergibt. Obwohl ich grundsätzlich der naturwissenschaftlichen Sicht zuneige als Grundlage aller Argumentationen über unsere empirisch erfahrbare Welt und damit bei weitreichenden Veränderungen eher einen ’natürlichen Strukturwandel‘ unterstelle, haben wir es bei dem aktuellen Strukturwandel mit Phänomenen zu tun, in die ’subjektive Anteile‘ von beteiligten Menschen, Gruppierungen, Parteien, Firmen usw. mit eingehen. Die ‚Natur‘ hat zwar aufgrund der Gesamtheit aller beteiligten physikalischen Eigenschaften ‚von sich aus‘ eine — möglicherweise ’spezifische‘ — ‚Tendenz‘ sich zu verändern, aber der weltweite Einfluss biologischer Systeme auf den weiteren Gang mit der ‚biologischen Eigendynamik, die – wir wir wissen – gegen grundlegende physikalische Gesetze (z.B. 2.Hauptsatz der Thermodynamik) gerichtet zu sein scheint, erscheint mittlerweile so stark, dass der biologische Faktor neben den physikalischen Prinzipien ein Gewicht gewonnen hat, welches es verbietet, rein ‚technisch‘ von einem Evolutionsschub als ‚ausrechenbarem Strukturwandel‘ zu sprechen.

2. In diesem globalen Kontext erscheint ein Thema wie Informatik & Gesellschaft auf den ersten Blick eher speziell; auf den zweiten Blick zeigt sich aber gerade in diesem Thema eine der globalen Verwerfungslinien zwischen dem ‚Zustand bisher‘ und dem ‚Zustand, der neu beginnt‘. Das Thema ‚Informatik‘ bzw. ‚Computertechnologie‘ galt eher als Teil der Technologie, die nicht eigentlich der ‚Natur‘ zugeordnet wurde. Wie überhaupt seit Aufkommen der ‚Maschinen‘ die Maschinen als Leitmuster der Technologie immer als Gegensatz zur ‚chemischen und biologischen Evolution‘ gesehen wurden. Neben vielen kulturellen Denkmustern, die solch eine ‚Trennung‘ begünstigten, war es sicher auch die mindestens von der antiken Philosophie herrührenden Trennung von ‚unbelebt‘ (die ‚Stoffe‘, ‚Subtsanzen‘, die ‚Materie‘ als solche sind ‚unbelebt‘) und ‚belebt‘ (‚atmend‘ (pneo), Atem als universelles Lebensprinzip (pneuma)), das seinen Ausdruck im ‚Geist‘ (pneuma‘) findet. Da dieser Gegensatz von ‚unbelebt‘ und ‚belebt‘ mehr als 2000 Jahre nicht wirklich aufgelöst werden konnte, konnte sich eine Art ‚Dualismus‘ ausbilden und durchhalten, der wie eine unsichtbare Trennlinie durch die gesamte Wirklichkeit verlief: alles, was nicht ‚atmete‘ war unbelebt, materiell, un-geistig; alles was atmete, belebt war, befand sich in einer Nähe zum universellen Geistigen, ohne dass man eigentlich näher beschreiben konnte, was ‚Geist‘ denn nun genau war. Nicht verwunderlich, dass sich alle großen Religionen wie ‚Hinduismus‘, ‚Judentum‘, ‚Buddhismus‘, ‚Christentum‘, ‚Islam‘ (trotz z.T. erheblicher Differenzen in den Details), diesem Dualismus ’nachbarschaftlich verbunden fühlten‘. Der intellektuell-begriffliche ‚Ringkampf‘ der christlichen Theologie und Philosophie (und streckenweise des Islam, Avicenna und andere!) mit diesem dualistischen Erbe hat jedenfalls tiefe Spuren in allen theologischen Systemen hinterlassen, ohne allerdings dieses ‚Rätsel des Geistes‘ auch nur ansatzweise aufzulösen.

3. Diesen historischen Kontext muss man sich bewusst machen, um zu verstehen, warum für viele (die meisten? Alle?) die plötzliche ‚Nähe‘ der Technologie im alltäglichen Leben, eine sich immer mehr ‚anschmiegende‘ und zugleich ‚verdrängende‘ Technologie an diesem im Alltagsdenken ‚historisch eingebrannten‘ Dualismus‘ zu kratzen beginnt, zu wachsenden Irritationen führt (andere Technologien wie Nanotechnologie und Gentechnik gehören auch in diesen Kontext, wenn auch anders).

4. Im Ankündigungstext zur erwähnten Veranstaltung Informatik & Gesellschaft (siehe auch den Kurzbericht) wurde bewusst herausgestellt, dass seit den ersten Computern eines Konrad Zuse und dem Eniac-Computer von John Presper Eckert und John William Mauchly (1946) die Computertechnologie mittlerweile nahezu alle Bereiche der Gesellschaft in einer Weise durchdrungen hat, wie wohl bislang keine andere Technologie; dass diese Technologie realer Teil unseres Alltags geworden ist, sowohl im Arbeitsleben wie auch in der Freizeit. Man kann sogar sagen, dass diese Technologie die menschliche Lebensweise schon jetzt (nach ca. 60 Jahren) real und nachhaltig verändert hat. Neue Formen der Kommunikation wurden ermöglicht, Veränderungen der Mobilität, automatisierte flexible Produktion, Computermusik, computergenerierte Bildwelten…

5. Aber diese Durchdringung von nahezu allem – was heißt das? Die neue historische Qualität dieser Technologie besteht darin, dass diese Technologie – bislang immer noch klar erkennbar als ‚Maschinen‘, bislang nicht als ‚biologische‘ Strukturen – ‚Verhaltensweisen‘ zeigt, die denen der Menschen als Prototypen von ‚geistigen‘ Wesen ähneln. Aufgrund dieser ‚Ähnlichkeit‘ werden sie Teil von ‚typisch menschlichen‘ Handlungsabläufen (Kommunizieren, Wissen verwalten, Sport und Kunst machen, Spielen, komplexe Modelle und Prozesse entwerfen und simulieren, dann auch steuern, usw.). Seit den 80iger Jahren des 20.Jahrhunderts – also nach nicht mal ca. 30-40 Jahren — hat sich diese Technologie so mit dem menschlichen Alltag verwoben, dass eine moderne industrielle Gesellschaft komplett zusammenbrechen würde, würde man diese Technologie von jetzt auf gleich abschalten.

6. Befürworter eines noch intensiveren Einsatz dieser neuen Computertechnologien z.B. im Bereich der Industrie unter dem Schlagwort ‚Industrie 4.0‘ (so z.B. Prof. Schocke in seinem Beitrag auf der Veranstaltung Informatik & Gesellschaft – Kurzbericht oder die Autoren Thomas Klein und Daniel Schleidt in der gleichnamigen FAZ Beilage vom 18.Nov.2014 auf den Seiten V2 (Klein) und V6 (Schleidt)) sehen vor allem das Potential zu noch mehr Produktionssteigerungen bei gleichzeitiger Verbesserung der Qualität und besserer Ressourcennutzung. Gleichzeitig betonen die drei Autoren die Notwendigkeit von mehr Computertechnologie in der Industrie wegen des internationalen Wettbewerbs. Von den drei genannten Autoren spricht einzig Thomas Klein auch die Kehrseite des vermehrt ‚menschenähnlichen‘ Einsatzes dieser Maschinen im Kontext von Industrie 4.0 an: das damit möglicherweise auch viele Arbeitsplätze wegfallen werden, die bislang für Menschen Arbeitsmöglichkeiten geboten haben. Klein zitiert Untersuchungen, nach denen 47% der bisherigen Arbeitsplätze in den USA in den nächsten 10 Jahren Kandidaten für eine Substitution durch Computergestützte Technologien sind. Dies sind massive Zahlen. Dalia Marin, Professorin für Volkswirtschaft, versucht diese kommende Arbeitsmarktproblematik weiter zu differenzieren. Ausgehend von der Annahme, dass mehr Automatisierung kommen wird, sieht sie neben dem Rückzug von Hochtechnologieproduktionen in die angestammten Industrieländer dort aber die grundsätzliche Entwicklung zur Vergrößerung der Kapitalquote und zur Verringerung der Lohnquote. Diese Verringerung soll vor allem den Akademikersektor treffen; teure menschliche Arbeitskräfte werden bevorzugt von billigen computerbasierten Technologien ersetzt (FAZ 21.Nov.2014, S.16). Sowohl Klein wie auch Marin betonen aber auch, dass solche Zukunftseinschätzungen problematisch sind; der Prozess ist zu komplex, als dass man ihn einfach hochrechnen könnte.

7. Was bei allen vier genannten Autoren auffällt – auch bei den Autoren der Beilage ‚Innovation‘ (FAZ 20.Nov.2014) – ist, dass sie die ‚intelligente‘ und ’smarte‘ Technologie überwiegend aus einer ‚Außensicht‘ behandeln. Sie lassen die Wirkmechanismen dieser neuen Technologien, ihre maschinelle Logik, das, was sie so leistungsfähig macht, mehr oder weniger im Dunkeln. Smarte, intelligente Technologie erscheint dadurch – ich pointiere jetzt ein wenig — wie ein Naturereignis, das geradezu mystisch über uns hereinbricht, das einfach passiert, das so ist wie es ist, das man einfach hinnehmen muss. Auch fehlt eine historische Einordnung dieser Prozesse in das große Ganze einer Evolution des Lebens im Universum. Die sehr differenzierten Sichten von Daniel Schleidt enthalten zwar ein eigenes Schaubild zur industriellen Entwicklung, aber dieses greift – nach meiner Einschätzung – zu kurz. Es zementiert nur eher den opaken Blick auf das Phänomen, macht es begrifflich unzugänglich, schottet es für die Reflexion ab. Auch die volkswirtschaftliche Ausweitung des Blicks durch Marin geht – nach meiner Einschätzung – nicht weit genug. Sie betrachtet das Problem einer möglichen und wahrscheinlichen Substitution von menschlicher Arbeit durch computerbasierte Technologien in gegebenen historischen Kontexten und hier auch nur in einer kurzen Zeitspanne. Sie thematisiert aber nicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als solche. Sehr wohl kann man die Frage nach dem aktuellen Gesellschaftsmodell stellen. Sehr wohl kann man die Frage aufwerfen, ob es ein gutes Modell ist, wenn einige wenige GFinanz- und Machteliten mit dem Rest der Menschheit nach Belieben spielen. In der Frankfurter Rundschau wird seit vielen Wochen das Thema ‚Gerechtigkeit‘ diskutiert (siehe zuletzt z.B. Mohssen Massarat, Prof. für Wirtschaft und Politik mit seiner Übersicht verschiedener Gerechtigkeitsmodelle, FR 15./16.Nov.2014, S.9) und die Lektüre eines Buches wie ‚Die Abwicklung‘ von George Packer zeigt, dass eine reflexionsfreie oligopolistische Gesellschaft wie die US-Amerikanische mehr Fragen aufwirft als sie befriedigende Antworten liefert.

8. Sieht man nur die bisherigen Diskussionsbeiträge, dann kann einen schon die klamme Frage beschleichen, warum so viele Autoren in den Spiegeln der Gegenwart immer nur noch ‚das Andere‘ sehen, die ‚Maschine‘, während der ‚Mensch‘, die ‚Menschheit‘ als Hervorbringer dieser Technologien in diesem Sichtfeld gar nicht mehr vorkommt. Es ist wie ein intellektueller blinder Fleck, der die leisesten Zuckungen von Maschinen wie eine Neugeburt feiert während das ungeheuerliche Wunder der Entstehung komplexer Lebensstrukturen auf der Erde (das bis heute in keiner Weise wirklich verstanden ist!) nicht einmal eine Randnotiz wert ist. Fokussierung auf spezifische Fragestellung hat seinen Sinn und ist und war ein Erfolgsrezept, aber in einer Zeit, in der disziplinenübergreifend komplexe Phänomene alles mit allem verzahnen, in einer solchen Zeit erscheint diese selbstgenügsame Tugend nicht mehr nur nicht angebracht, sondern geradezu kontraproduktiv zu sein. Eine falsche Fokussierung führt bei komplexen Phänomenen notwendigerweise zu Verzerrungen, zu Verfälschungen, zu falschen Bildern von der Gegenwart und einer sich daraus ergebenden Zukunft (es sei auch an die lange Diskussion in der FAZ erinnert zu den Schwachstellen moderner Betriebs- und Volkswirtschaftstheorien, die nicht nur die letzten Finanzkatastrophen nicht vorhergesehen haben, sondern auch mit ihrem Paradigma des ‚homo oeconomicus‘ empirisch weitgehend gescheitert sind.)

9. Wenn nun also Menschen selbst das Andere ihrer selbst anpreisen und sich selbst dabei ‚wegschweigen‘, ist damit die Geschichte des biologischen Lebens im Universum automatisch zu Ende oder unterliegen wir als menschlich Denkende hier nicht wieder einmal einem grundlegenden Denkfehler über die Wirklichkeit, wie andere Generationen vor uns auch schon in anderen Fragen?

10. Die Verabschiedung der UN-Menschenrechtskonvention von 1948, damals als ein Lichtblick angesichts der systematischen Greueltaten gegen die Juden (aber aber nicht nur dieser!) und der Beginn vieler anderer daran anknüpfenden Erklärungen und Initiativen erscheint vor den aktuellen gesellschaftlichen Prozessen weltweit fast schon seltsam. Dass ein totalitäres Regime wie das chinesische die Menschenrechte grundsätzlich nicht anerkennt (wohl aber chinesische Bürger, siehe die Charta 2008) ist offiziell gewollt, dass aber selbst demokratische Länder – allen voran die USA – mit den Menschenrechten scheinbar ’nach Belieben‘ umgehen, sozusagen, wie es ihnen gerade passt, dass wirkt wenig ermutigend und gibt Nahrung für Spekulationen, ob die Menschenrechte und die Mitgliedschaft in der UN nur davon ablenken sollen, was die Finanz- und Machteliten tatsächlich wollen. Die Zerstörung ganzer Gesellschaftsbereiche, die Marginalisierung großer Teile der Bevölkerung, die unbeschränkte Aufhebung der Privatsphäre ohne alle Kontrollen, die globale Ausbeutung der Schwachen durch Handelsabkommen … nur wenige Beispiele die eine andere Sprache sprechen, als jene, die in den Menschenrechten vorgezeichnet ist.

11. Noch einmal, was auffällt, ist die ‚Oberflächlichkeit‘ all dieser Bilder im wahrsten Sinn des Wortes: die schier unfassbare Geschichte der Evolution des Lebens im Universum existiert eigentlich nicht; das Wunder des Geistes inmitten materiell erscheinender Strukturen ist weitgehend unsichtbar oder ist eingesperrt in eine gesellschaftliche Enklave genannt ‚Kultur‘, die nahezu kontaktlos ist mit dem Rest des Wirtschaftens, Produzierens und Denkens; eine ‚Kultur der Sonntagsreden‘ und der ‚Belustigungen‘, ein Medium für die Eitelkeit der Reichen und der Unterhaltungsindustrie.

12. Innovation entsteht nie nur aus der Wiederholung des Alten, sondern immer auch aus der Veränderung des Alten, entsteht aus dem gezielt herbeigeführten ‚Risiko‘ von etwas ‚tatsächlich Neuem‘, dessen Eigenschaften und Wirkungen per se nicht vollständig vorher bekannt sein können.

13. Die, die aktuell neue Technologien hervorbringen und einsetzen wollen, erscheinen ‚innovativ‘ darin, dass sie diese hervorbringen, aber in der Art und Weise, wie sie das biologische Leben – speziell die Menschen – damit ‚arrangieren‘, wirken die meisten sehr ‚alt‘, ‚rückwärtsgewandt‘, …. Innovationen für das Menschliche stehen ersichtlich auf keiner Tagesordnung. Das Menschliche wird offiziell ‚konserviert‘ oder schlicht wegrationalisiert, weggeworfen, ‚entsorgt‘; hier manifestiert sich ein seltsamer Zug dazu, sich selbst zu entsorgen, sich selbst zu vernichten. Die Quelle aller Innovationen, das biologische Leben, hat in Gestalt der Menschheit einen ‚blinden Fleck‘: sie selbst als Quelle.

14. Der Mangel an Wissen war zu allen Zeiten ein Riesenproblem und Quelle vieler Notlagen und Gräueltaten. Dennoch hat die Menschheit trotz massiver Beschränkungen im Wissen neues Wissen und neue Strukturen entwickelt, die mehr Teilhabe ermöglichen, mehr Einsichten vermitteln, mehr Technologie hervorgebracht haben, ohne dass ein ‚externer Lehrer‘ gesagt hat, was zu tun ist… wie ja auch alle Kinder nicht lernen, weil wir auf sie einreden, sondern weil sie durch den bisherigen Gang der Evolution für ein kontinuierliches Lernen ausgestattet sind. … Der Geist geht dem Denken voraus, die Logik der Entwicklung liegt ‚in‘ der Materie-Energie.

15. So großartig Innovationen sein können, das größte Mirakel bleibt die Quelle selbst. Wunderbar und unheimlich zugleich.

QUELLEN

George Packer (3.Aufl. 2014), Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika. Frankfurt am Main: S.Fischer Verlag GmbH (die engl. Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel ‚The Unwinding. An Inner History of the New America‘. New York: Farrar, Strauss and Giroux).

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