Offenbarung – Der blinde Fleck der Menschheit

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Als Nachhall zur Diskussion des Artikels von Fink hier ein paar Überlegungen, dass der durch die Religionen vereinnahmte Begriff der ‚Offenbarung‘ ein Grundbegriff ist, der wesentlich zum Menschen generell gehört, bevor irgendeine Religion darauf einen Anspruch anmelden kann.

I. KONTEXT

Diesen Beitrag könnte man unter ‚Nachwehen‘ einordnen, Nachwehen zu dem letzten Beitrag. In diesem Beitrag hatte ich versucht, deutlich zu machen, dass die üblichen Vorgehensweisen, in die neuen Erkenntnisse zur Entstehung, Struktur und Dynamik des physikalischen Universums, den Glauben an ein sehr bestimmtes, klassisches Gottesbild zu ‚interpolieren‘, heute nicht mehr überzeugen können, ja, abgelehnt werden müssen als eher wegführend vom wahren Sachverhalt.

Zu dieser kritisch-ablehnenden Sicht tragen viele Argumente bei (siehe einige in dem genannten Artikel). Besonders erwähnen möchte ich hier nochmals das Buch ‚Mysticism and Philosophy‘ von Stace (1960) [ siehe Teil 3 einer Besprechung dieses Buches ]. Stace konzentriert sich bei seinen Analysen an der Struktur der menschlichen Erfahrung, wie sie über Jahrtausende in vielen Kulturen dieser Welt berichtet wird. Während diese Analysen darauf hindeuten, dass der Kern der menschlichen Erfahrungen eher gleich erscheint, erklärt sich die Vielfalt aus der Tatsache, dass — nach Stace — jede Erfahrung unausweichlich Elemente einer ‚Interpretation‘ umfasst, die aus den bisherigen Erfahrungen stammen. Selbst wenn Menschen das Gleiche erleben würden, je nach Zeit, Kultur, Sprache können sie das Gleiche unterschiedlich einordnen und benennen, so dass es über den Prozess des Erkennens etwas ‚anderes‘ wird; es erscheint nicht mehr gleich!

In einem sehr kenntnisreichen Artikel The Myth of the Framework von Karl Popper, veröffentlicht im Jahr 1994 als Kapitel 2 des Buches The Myth of the Framework: In Defence of Science and Rationality [Anmerkung: Der Herausgeber M.A.Notturno weist im Epilog zum Buch darauf hin, dass die Beiträge zum Buch schon in den 1970iger Jahren vorlagen!] hatte sich Popper mit diesem Phänomen auch auseinandergesetzt, allerdings nicht von der ‚Entstehung‘ her (wie kommt es zu diesen Weltbildern), sondern vom ‚Ergebnis‘ her, sie sind jetzt da, sie sind verschieden, was machen wir damit? [Siehe eine Diskussion des Artikels von Popper als Teil des Beitrags].

Angeregt von diesen Fragen und vielen weiteren Ideen aus den vorausgehenden Einträgen in diesem Blog ergeben sich die folgenden Notizen.

II. DER ‚BIG BANG‘ HÖRT NIE AUF …

Die Geschichte beginnt im Alltag. Wenn man in die Gegenwart seines Alltags eingetaucht ist, eingelullt wird von einem Strom von scheinbar selbstverständlichen Ereignissen, dann kann man leicht vergessen, dass die Physik uns darüber belehren kann, dass dieser unser Alltag eine Vorgeschichte hat, die viele Milliarden Jahre zurück reicht zur Entstehung unserer Erde und noch viel mehr Milliarden Jahre bis zum physikalischen Beginn unseres heute bekannten Universums. Obgleich dieses gewaltige Ereignis mitsamt seinen gigantischen Nachwirkungen mehr als 13 Milliarden Jahre zurück liegt und damit — auf einer Zeitachse — längst vorbei ist, passé, gone, … haben wir Menschen erst seit ca.50 – 60 Jahren begonnen, zu begreifen, dass das Universum in einer Art ‚Urknall‘ ins physikalische Dasein getreten ist. Was immer also vor mehr als 13 Milliarden Jahren geschehen ist, wir selbst, wir Menschen als Exemplare der Lebensform homo sapiens, haben erst vor wenigen Jahrzehnten ‚gelernt‘, dass unsere aktuelle Gegenwart bis zu solch einem Ereignis zurück reicht. Das reale physikalische Ereignis ‚Big Bang‘ fand also erst viele Milliarden Jahre später in den Gehirnen und damit im Bewusstsein von uns Menschen (zunächst nur wenige Menschen von vielen Milliarden) statt. Erst im schrittweisen Erkennen durch die vielen tausend Jahre menschlicher Kultur entstand im Bewusstsein von uns Menschen ein virtuelles Wissen von etwas vermutet Realem. Das reale Ereignis war vorbei, das virtuelle Erkennen lies es viel später in einem realen Erkenntnisprozess virtuell wieder entstehen. Vorher gab es dieses Ereignis für uns Menschen nicht. So gesehen war das Ereignis indirekt ‚gespeichert‘ im physikalischen Universum, bis diese Erkenntnisprozesse einsetzten. Welch gigantische Verzögerung!

III. OFFENBARUNG

Der Begriff ‚Offenbarung‘ ist durch seine Verwendung in der zurückliegenden Geschichte sehr belastet. Vor allem die großen Religionen wie Judentum, Christentum und Islam haben durch ihre Verwendung des Begriffs ‚Offenbarung‘ den Eindruck erweckt, dass Offenbarung etwas sehr Besonderes sei, die Eröffnung von einem Wissen, das wir Menschen nicht aus uns selbst gewinnen können, sondern nur direkt von einem etwas, das mit der Wortmarke ‚Gott‘ [die in jeder Sprache anders lautet] gemeint sei. Nur weil sich dieses etwas ‚Gott‘ bestimmten, konkreten Menschen direkt zugewandt habe, konnten diese ein spezielles Wissen erlangen, das diese dann wiederum ‚wortwörtlich‘ in Texten festgehalten haben, die seitdem als ‚heilige‘ Texte gelten.

Im Fall der sogenannten heiligen Schriften des Judentums und des Christentums hat intensive wissenschaftliche Forschung seit mehr als 100 Jahren gezeigt, dass dies natürlich nicht so einfach ist. Die Schriften sind alle zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, bisweilen Jahrhunderte auseinander, wurden mehrfach überarbeitet, und was auch immer ein bestimmter Mensch irgendwann einmal tatsächlich gesagt hat, das wurde eingewoben in vielfältige Interpretationen und Überarbeitungen. Im Nachhinein — von heute aus gesehen also nach 2000 und mehr Jahren — zu entscheiden, was ein bestimmter Satz in hebräischer oder griechischer Sprache geschrieben, tatsächlich meint, ist nur noch annäherungsweise möglich. Dazu kommt, dass die christliche Kirche über tausend Jahre lang nicht mit den Originaltexten gearbeitet hat, sondern mit lateinischen Übersetzungen der hebräischen und griechischen Texte. Jeder, der mal Übersetzungen vorgenommen hat, weiß, was dies bedeutet. Es wundert daher auch nicht, dass die letzten 2000 Jahre sehr unterschiedliche Interpretationen des christlichen Glaubens hervorgebracht haben.

Im Fall der islamischen Texte ist die Lage bis heute schwierig, da die bisher gefundenen alten Manuskripte offiziell nicht wissenschaftlich untersucht werden dürfen [Anmerkung: Siehe dazu das Buch von Pohlmann (2015) zur Entstehung des Korans; eine Besprechung dazu findet sich  hier: ]. Die bisherigen Forschungen deuten genau in die gleiche Richtung wie die Ergebnisse der Forschung im Fall der jüdisch-christlichen Tradition.

Die Befunde zu den Überlieferungen der sogenannten ‚heiligen‘ Schriften bilden natürlich nicht wirklich eine Überraschung. Dies liegt eben an uns selbst, an uns Menschen, an der Art und Weise, wie wir als Menschen erkennen, wie wir erkennen können. Das Beispiel der empirischen Wissenschaften, und hier die oben erwähnte Physik des Universums, zeigt, dass alles Wissen, über das wir verfügen, im Durchgang durch unseren Körper (Sinnesorgane, Körperzustände, Wechselwirkung des Körpers mit der umgebenden Welt, dann Verarbeitung Gehirn, dann Teile davon im Bewusstsein) zu virtuellen Strukturen in unserem Gehirn werden, die partiell bewusst sind, und die uns Teile der unterstellten realen Welt genau so zeigen, wie sie im bewussten Gehirn gedacht werden, und zwar nur so. Die Tatsache, dass es drei große Offenbarungsreligionen gibt, die sich alle auf das gleiche Etwas ‚Gott‘ berufen, diesem Gott dann aber ganz unterschiedliche Aussagen in den Mund legen [Anmerkung: seit wann schreiben Menschen vor, was Gott sagen soll?], widerspricht entweder dem Glauben an den einen Gott, der direkt spricht, oder diese Vielfalt hat schlicht damit zu tun, dass man übersieht, dass jeder Mensch ‚Gefangener seines Erkenntnisprozesses‘ ist, der nun einmal ist, wie er ist, und der nur ein Erkennen von X möglich macht im Lichte der bislang bekannten Erfahrungen/ Erkenntnisse Y. Wenn jüdische Menschen im Jahr -800 ein X erfahren mit Wissen Y1, christliche Menschen in der Zeit +100 mit Wissen Y2 und muslimische Menschen um +700 mit Wissen Y3, dann ist das Ausgangswissen jeweils völlig verschieden; was immer sie an X erfahren, es ist ein Y1(X), ein Y2(X) und ein Y3(X). Dazu die ganz anderen Sprachen. Akzeptiert man die historische Vielfalt, dann könnte man — bei gutem Willen aller Beteiligten — möglicherweise entdecken, dass man irgendwie das ‚Gleiche X‘ meint; vielleicht. Solange man die Vielfalt aber jeweils isoliert und verabsolutiert, so lange entstehen Bilder, die mit Blick auf den realen Menschen und seine Geschichte im realen Universum kaum bis gar nicht zu verstehen sind.

Schaut man sich den Menschen und sein Erkennen an, dann geschieht im menschlichen Erkennen, bei jedem Menschen, in jedem Augenblick fundamental ‚Offenbarung‘.

Das menschliche Erkennen hat die Besonderheit, dass es sich bis zu einem gewissen Grad aus der Gefangenschaft der Gegenwart befreien kann. Dies gründet in der Fähigkeit, die aktuelle Gegenwart in begrenzter Weise erinnern zu können, das Jetzt und das Vorher zu vergleichen, von Konkretem zu abstrahieren, Beziehungen in das Erkannte ‚hinein zu denken‘ (!), die als solche nicht direkt als Objekte vorkommen, und vieles mehr. Nur durch dieses Denken werden Beziehungen, Strukturen, Dynamiken sichtbar (im virtuellen Denken!), die sich so in der konkreten Gegenwart nicht zeigen; in der Gegenwart ist dies alles unsichtbar.

In dieser grundlegenden Fähigkeit zu erkennen erlebt der Mensch kontinuierlich etwas Anderes, das er weder selbst geschaffen hat noch zu Beginn versteht. Er selbst mit seinem Körper, seinem Erkennen, gehört genauso dazu: wir wurden geboren, ohne dass wir es wollten; wir erleben uns in Körpern, die wir so nicht gemacht haben. Alles, was wir auf diese Weise erleben ist ’neu‘, kommt von ‚außen auf uns zu‘, können wir ‚aus uns selbst heraus‘ nicht ansatzweise denken. Wenn irgendetwas den Namen ‚Offenbarung‘ verdient, dann dieser fundamentale Prozess des Sichtbarwerdens von Etwas (zu dem wir selbst gehören), das wir vollständig nicht gemacht haben, das uns zu Beginn vollständig unbekannt ist.

Die Geschichte des menschlichen Erkennens zeigt, dass die Menschen erst nur sehr langsam, aber dann immer schneller immer mehr von der umgebenden Welt und dann auch seit kurzem über sich selbst erkennen. Nach mehr als 13 Milliarden Jahren erkennen zu können, dass tatsächlich vor mehr als 13 Milliarden Jahren etwas stattgefunden hat, das ist keine Trivialität, das ist beeindruckend. Genauso ist es beeindruckend, dass unsere Gehirne mit dem Bewusstsein überhaupt in der Lage sind, virtuelle Modelle im Kopf zu generieren, die Ereignisse in der umgebenden Welt beschreiben und erklären können. Bis heute hat weder die Philosophie noch haben die empirischen Wissenschaften dieses Phänomen vollständig erklären können (obgleich wir heute viel mehr über unser Erkennen wissen als noch vor 100 Jahren).

Zu den wichtigen Erkenntnissen aus der Geschichte des Erkennens gehört auch, dass das Wissen ‚kumulierend‘ ist, d.h. es gibt tiefere Einsichten, die nur möglich sind, wenn man zuvor andere, einfachere Einsichten gemacht hat. Bei der Erkenntnis des großen Ganzen gibt es keine ‚Abkürzungen‘. In der Geschichte war es immer eine Versuchung, fehlendes Wissen durch vereinfachende Geschichten (Mythen) zu ersetzen. Dies macht zwar oft ein ‚gutes Gefühl‘, aber es geht an der Realität vorbei. Sowohl das kumulierende Wissen selbst wie auch die davon abhängigen alltäglichen Abläufe, die Technologien, die komplexen institutionellen Regelungen, die Bildungsprozesse usw. sie alle sind kumulierend.

Aus diesem kumulierenden Charakter von Wissen entsteht immer auch ein Problem der individuellen Verarbeitung: während dokumentiertes und technisch realisiertes Wissen als Objekt durch die Zeiten existieren kann, sind Menschen biologische Systeme, die bei Geburt nur mit einer — wenngleich sehr komplexen — Grundausstattung ihren Lebensweg beginnen. Was immer die Generationen vorher gedacht und erarbeitet haben, der jeweils neue individuelle Mensch muss schrittweise lernen, was bislang gedacht wurde, um irgendwann in der Lage zu sein, das bisher Erreichte überhaupt verstehen zu können. Menschen, die an solchen Bildungsprozessen nicht teilhaben können, sind ‚Fremde‘ in der Gegenwart; im Kopf leben sie in einer Welt, die anders ist als die umgebende reale Welt. Es sind wissensmäßig Zombies, ‚Unwissende‘ in einem Meer von geronnenem Wissen.

Sollte also das mit der Wortmarke ‚Gott‘ Gemeinte eine Realität besitzen, dann ist der Prozess der natürlichen Offenbarung, die jeden Tag, in jedem Augenblick ein wenig mehr die Erkenntnis Y über das uns vorgegebene Andere ermöglicht, die beste Voraussetzung, sich diesem Etwas ‚X = Gott‘ zu nähern. Jede Zeit hat ihr Y, mit dem sie das Ganze betrachtet. Und so sollte es uns nicht wundern, dass die Geschichte uns viele Y(X) als Deutungen des Etwas ‚X = Gott‘ anbietet.

Empirisches Wissen, Philosophisches Wissen, religiöses Wissen kreisen letztlich um ein und dieselbe Wirklichkeit; sie alle benutzen die gleichen Voraussetzungen, nämlich unsere menschlicher Existenzweise mit den vorgegebenen Erkenntnisstrukturen. Niemand hat hier einen wesentlichen Vorteil. Unterschiede ergeben sich nur dadurch, dass verschiedenen Kulturen unterschiedlich geschickt darin sind, wie sie Wissen kumulieren und wie sie dafür Sorge tragen, dass alle Menschen geeignete Bildungsprozesse durchlaufen.

IV. VEREINIGTE MENSCHHEIT

Schaut man sich an, wie die Menschen sich auch nach den beiden furchtbaren Weltkriegen und der kurzen Blüte der Idee einer Völkergemeinschaft, die Ungerechtigkeit verhindern sollte, immer wieder — und man hat den Eindruck, wieder mehr — in gegenseitige Abgrenzungen und Verteufelungen verfallen, vor grausamen lokalen Kriegen nicht zurück schrecken, die Kultur eines wirklichkeitsbewussten Wissens mutwillig schwächen oder gar zerstören, dann kann man schon mutlos werden oder gar verzweifeln.

Andererseits, schaut man die bisherige Geschichte des Universums an, die Geschichte des Lebens auf der Erde, die Geschichte des homo sapiens, die letzten 10.000 Jahre, dann kommt man nicht umhin, festzustellen, dass es eine dynamische Bewegung hin zu mehr Erkenntnis und mehr Komplexität gegeben hat und noch immer gibt. Und wenn man sieht, wie wir alle gleich gestrickt und auf intensive Kooperation angewiesen sind — und vermutlich immer mehr –, dann erscheinen die Menschen eher wie eine Schicksalsgemeinschaft, wie ‚earth children‘, wie eine ‚Gemeinschaft von Heiligen kraft Geburt‘!

Das Wort ‚Heilige‘ mag alle irritieren, die mit Religion nichts verbinden, aber die ‚Heiligen‘ sind in den Religionen alle jene Menschen, die sich der Wahrheit des Ganzen stellen und die versuchen, aus dieser Wahrheit heraus — ohne Kompromisse — zu leben. Die Wahrheit des Ganzen ist für uns Menschen primär diese Grundsituation, dass wir alle mit unseren Körpern, mit unserem Erkennen, Teil eines Offenbarungsprozesses sind, der für alle gleich ist, der alle betrifft, und aus dem wir nicht aussteigen können. Wir sind aufeinander angewiesen. Anstatt uns gegenseitig zu bekriegen und abzuschlachten, also die ‚Bösen‘ zu spielen, wäre es näherliegender und konstruktiver, uns als ‚Heilige‘ zu verhalten, die bereit sind zum Erkennen, die bereit sind aus der Erkenntnis heraus zu handeln. Das alles ist — wie wir wissen können — nicht ganz einfach, aber es hat ja auch niemand gesagt, dass es einfach sei. Das Leben auf der Erde gleicht eher einem Expeditionschor, das im Universum an einer bestimmten Stelle gelandet ist, und jetzt den Weg zum Ziel finden muss. Wir brauchen keine TV-Reality-Shows, wir selbst sind die radikalste Reality-Show, die man sich denken kann. Und sie tritt gerade in eine sehr heiße Phase ein [Anmerkung: … nicht nur wegen des Klimas 🙂 ].

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INDUKTIVES SERVICE-LEARNING? Plädoyer für mehr Vertrauen in die Generation der Zukunft. Mehr Selbstvertrauen in die Mission Zukunft der Hochschulen.

ZUFÄLLIGER KONTAKT

  1. Aufgrund einer besonderen Konstellation an unserer Hochschule war ich im März 2015 Teilnehmer an der Gründungsveranstaltung des Vereins Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung, ein seit 2009 bestehender Zusammenschluss von zunächst 5 Universitäten. Dadurch erfuhr ich von der Existenz dieses Netzwerkes. Mittlerweile (November 2015) sind es 30 Hochschulen.

MEMORANDUM SERVICE-LEARNING

  1. Im Memorandum von 2013 wird der Gedanke der gesellschaftlichen Verantwortung der Hochschulen feierlich festgehalten. Die Grundidee klingt einfach und schlüssig: auf der einen Seite haben wir die Hochschulen mit ihrer Lehre und Forschung, auf der anderen Seite die Zivilgesellschaft, und gesellschaftliche Verantwortung wird von den Hochschulen wahrgenommen, wenn sie ihre Potentiale in den Dienst dieser Zivilgesellschaft stellen. Dabei wird der Begriff Zivilgesellschaft gerne noch eingegrenzt auf den Teilbereich der gemeinnützigen Einrichtungen.
  2. Dies klingt zunächst ausgesprochen positiv. Wer will nicht die Zivilgesellschaft unterstützen? Und unterschwellig klingt mit, dass die Hochschulen, für die die Gesellschaft viel Geld ausgibt, sich dann doch auch ein wenig Dankbar zeigen können, indem sie ihr Potential einbringen.

HOCHSCHULE ALS ELFENBEINTURM

  1. Wenn man die Texte unvoreingenommen liest, dann klingt hier ein Bild von Hochschulen an, das die Hochschulen eher von außen sieht, ein teures Etwas, von dem man annimmt, dass die Hochschulen ‚für sich alleine betrachtet‘ gesellschaftsfern sind, praxisfern, nicht wirklich Verantwortung für die Gesellschaft wahrnehmen, die sie doch alimentiert. Das Bild des weltfremden Akademikers, des akademischen Elfenbeinturms, ist hier nicht fern.
  2. Die Hochschullandschaft in Deutschland ist aber nicht monolithisch. ca. 150 von 425 Hochschulen haben Promotionsrecht und genügen – wenn überhaupt – dem klassischen Bild der Universität. Die restlichen 275 Hochschulen sind vom Ansatz her eher praxisorientiert und sind schon immer eng und vielfältig verflochten mit der umgebenden Gesellschaft. Hier den Gedanken von mehr sozialer Verantwortung quasi ‚von außen‘ an die Hochschulen heran zu tragen wirkt bizarr, ein bisschen weltfremd: die Lehrenden an diesen praxisorientierten Hochschulen waren alle mindestens 5 Jahre, meistens viel länger, in gesellschaftlichen Institutionen aktiv, bevor sie Hochschullehrer wurden, und in ihrer Lehrtätigkeit behalten sie meistens einen engen Kontakt zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Einrichtungen, auch in ihrer Lehre. Dabei ist diese Lehre in der Regel schon über das Curriculum im Normalfall mit ca. 50% Praxisanteil ausgestattet (nicht zu vergessen die vielen Lehrbeauftragten, die bis 60% und mehr des Lehrpersonals stellen. Diese Lehrbeauftragten kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft!).
  3. Diese Vielfalt der Hochschulen kommt im Selbstverständnis des Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung nicht so wirklich zum Ausdruck.

EINENGUNG VON ZIVILGESELLSCHAFT

  1. Auch die Fokussierung auf nur einen Teilbereich der Zivilgesellschaft — nämlich den Bereich der gemeinnützigen Einrichtungen – lässt Fragen offen: wenn der gemeinnützige Bereich so wichtig ist, warum ist dies dann keine Herausforderung an die ganze Gesellschaft? Warum sollen sich hier besonders die Hochschulen angesprochen fühlen? Wenn z.B. eine erfolgreiche Einrichtung zur Unterstützung von Frauen mit Migrationshintergrund von der Politik nicht mehr gefördert wird, gerade in einer Zeit, wo immer mehr Flüchtlinge die Bundesrepublik erreichen, warum soll dann gerade eine Hochschule einspringen? Um es nicht falsch zu verstehen: dieser Einrichtung zu helfen ist grundsätzlich sinnvoll, ich bewundere die, die sich da engagieren, aber warum ist dies dann eine Aufgabe für die Hochschulen speziell?
  2. Und dann wissen wir alle (wissen wir es wirklich?), dass Deutschland seinen Wohlstand einer vielfältigen international leistungsfähigen wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Struktur verdankt, die entsprechend vielfältig bestens ausgebildete MitarbeiterInnen braucht. Diese zu haben ist keinesfalls selbstverständlich. Dies verlangt nicht nur Rahmenbedingungen in der Ausbildung und in der umgebenen Gesellschaft, sondern auch junge Menschen, die für sich Motivation genug besitzen, sich den vielfältigen Herausforderungen zu stellen. Angesichts dieser Breite der Herausforderung kann man – muss man? – sich fragen, ob die Engführung und Zuspitzung auf den Bereich der gemeinnützigen Einrichtungen der gesellschaftlichen Situation gerecht wird? Warum nimmt man nicht z.B. auch den Bereich der Medien in den Blick? Für eine Demokratie ist eine funktionierende Öffentlichkeit lebenswichtig. Zugleich erleben wir heute, wie immer mehr freie Presse- und Medienorgane aus wirtschaftlichen Gründen und aufgrund eines Technologiewandels verschwinden und interessegebundenen Medienerzeugnissen Platz machen. Freier, kritischer Journalismus stirbt aus. Eine entsprechende kritisch-informierende Öffentlichkeit trocknet aus. Dies bedroht unsere Demokratie zentral. Warum darf dies kein Betätigungsfeld für eine junge, nachwachsende Generation sein? Dies ist nur ein Beispiel von vielen. Die unreflektierte Fokussierung auf einen engen Bereich der Gesellschaft erscheint mir sehr frag-würdig

HOCHSCHULE ALS SOLCHE KEINEN WERT?

  1. Im Memorandum ist von den Hochschulen allgemein die Rede, und sehr abstrakt von deren Verantwortung für die heutigen und zukünftigen Herausforderungen der Gesellschaft. Dazu sei ein Dialog notwendig. Die Studierenden, gleichsam im ‚Besitz‘ der Hochschulen, sollen an ein gesellschaftliches Engagement herangeführt werden.
  2. Was man hier gänzlich vermisst, ist der Gedanke, dass Lehre und Forschung als solche ja auch ein gesellschaftlichen Prozess darstellen könnten, dass die Studierenden und ihre Lehrenden gerade durch Gestaltung der Lern- und Forschungsprozesse für die ganze Gesellschaft einen substanziellen Beitrag für die Zukunft der Gesellschaft leisten, und zwar einen einzigartigen, der von keiner anderen Einrichtung der Gesellschaft in dieser Form erbracht werden kann.
  3. Wer sich überhaupt mal mit Wissen, Lernen, Lernprozessen intensiver beschäftigt hat (mein Hauptthema seit gut 40 Jahren), der kann wissen, dass das Erkennen von möglichen und wichtigen zukünftigen Prozessen und Technologien extrem herausfordernd und schwierig ist, absolut kein Selbstgänger (man betrachte nur die geringe Innovationskraft vieler gesellschaftlicher Bereiche). Dies gilt sowohl auf der theoretisch-praktischen Ebene (wie macht man es), dies gilt aber auch und ganz besonders in der psychologisch-sozialen Dimension: Menschen die offen, motiviert, kreativ, engagiert und wissend mit der Welt umgehen können sollen, fallen nicht so einfach vom Himmel. Sie müssen viele, viele Jahre Lern- und Trainingsprozesse durchlaufen, in denen sie sich nicht nur Erfahrungen und Wissen aneignen können sollen, sondern speziell auch, um die inneren Einstellungen und Motivationen zu finden, die sie im Alltag und Stresssituationen befähigen, ihre jeweilige Aufgabe sachlich, ruhig und doch engagiert wahrnehmen zu können.

ANGEWANDT UND NICHT ANGEWANDT

  1. Eigentlich ist es kontraproduktiv für die Selbstfindung der Hochschulen ausgerechnet den Unterschied zwischen angewandter und nicht-angewandter Forschung immer wieder zu betonen (ein deutscher Sonderweg, den es in keinem anderen Land so noch gibt). Aber im Fall des Service Learnings spielt es bislang offensichtlich eine große Rolle.
  2. Betrachten wir ein Beispiel. An der Universität Kassel, die sich führend im Netzwerk Service-Learning engagiert, werden pro Semester 20 Projekte durchgeführt, die dem Service Lerning zugerechnet werden. Diese Projekte verteilen sich auf 2/3 aller Fachbereiche. Für dieses außergewöhnliche Engagement wird die Universität Kassel vielfältig zusätzlich gefördert. Dies ist grundsätzlich gut und positiv. Nimmt man das Beispiel der University of Applied Sciences Frankfurt, dann führen dort die Lehrenden eines einzigen Studiengangs (‚der interdisziplinäre Masterstudiengang ‚Barrierefreie Systeme‘) pro Semester 10-13 vollständig interdisziplinäre Projekte durch, viele einschlägige Masterthesen noch gar nicht mit gerechnet. Darüber hinaus sind fast alle anderen Studiengänge dieser Hochschule für angewandte Wissenschaften in vielen anderen ähnlichen Projekten engagiert, nicht als Ausnahme, sondern als Normalfall. Diese Projekte werden allerdings nicht speziell gefördert. Sie alle leiden eher an Unterfinanzierung und an Personalmangel.
  3. Die Schlussfolgerung hieraus sollte nicht sein, dass Kassel kein Geld mehr bekommt; das wäre kontraproduktiv. Das Denken sollte aus diesem Tatbestand eher angeregt werden, sich zu fragen, warum eine an sich wunderbare gesellschaftlich breit aufgestellte Lehre und Forschung an den angewandten Hochschulen so wenig gesellschaftliche Achtung und Anerkennung bekommt? Außerdem sollte man sich fragen, warum die offiziellen Theorien zu Hochschullehre und -Forschung diese massive Praxis so wenig reflektieren?
  4. Bei der letzten Tagung des Netzwerkes im November in Frankfurt am Main waren bei den Sektionen mit Vorträgen auf dem Papier 24% Professoren. Von diesen 24% konzentrierten sich 46% auf die Sektion zur Theorie des Service Learnings. Und diese theoretischen Vorträge waren fast ausschließlich affirmativ, d.h. es fand wenig kritische Reflexion auf die Voraussetzungen und die große Ausrichtung statt. Der krasse Gegensatz war die Sektion, wo es um die konkrete Anbahnung von Kooperationen zwischen Hochschulen und Zivilgesellschaft ging. Real teilgenommen hat hier ein Professor (7.6%), der auch tatsächlich selber solche Projekte durchgeführt hatte (mehr als 79 Projekte in 10 Jahren), und der kam von einer Hochschule für angewandte Wissenschaften, der University of Applied Sciences Frankfurt.
  5. Diese Zahlen müssen nichts bedeuten; und doch, kennt man die Verhältnisse an den Hochschulen, dann spiegeln diese Zahlen ein wenig von der Realität an den Hochschulen wieder: die normalen Professoren sind in der Regel durch ihre Lehre und Forschung so überlastet, dass sie sich wenig um institutionelle Prozesse und langfristige Strategien kümmern können. Die großen Hochschulen bilden aufgrund ihrer größeren Ressourcen sehr schnell Verwaltungseinheiten zu politisch relevanten Themen und können dann mit den MitarbeiternInnen dieser Verwaltungseinheiten in diesen Themenfeldern schnell agieren. Daraus erklärt sich auch der überproportionale Anteil von Nichtprofessoren gegenüber Professoren (im Extremfall in der einen Sektion 92% Nichtprofessoren). Auch ist auffällig, dass Professoren aus den angewandten Hochschulen bislang kaum vertreten sind. Ihnen erschließt sich die Thematik Service Learning kombiniert mit der Engführung auf gemeinnützige Einrichtungen kaum, da sie selbst schon immer Service Learning im großen Stil und im Dauerbetrieb betreiben.

STUDIERENDE ALS VERFÜGUNGSMASSE

  1. Ein letzter, vielleicht der wichtigste Punkt. Das Memorandum spricht abstrakt von Hochschulen und deren Verantwortung fokussiert auf gemeinnützige Einrichtungen. Dazu soll ferner das gesellschaftliche Engagement von Studierenden nutzbar gemacht werden, Studierende sollen an das Engagement herangeführt werden. Damit dies geschieht, werden aufwendig Einrichtungen geschaffen, die im Vorfeld gesellschaftliche Einrichtungen ausgucken, diese präparieren und letztlich den Studierenden dann damit konfrontieren, dass hier eine konkrete Aufgabe ausgeführt werden soll. Soll man diese Sicht der Dinge gut finden?
  2. Man kann diese Texte unterschiedlich interpretieren. Die reale Praxis lässt aber wenig Spielraum. Es sind hier nicht die Studierenden selbst, die sich eine Aufgabe suchen; es sind nicht die Studierenden selbst die diese Aufgabe gestalten; es ist nicht die normale Lehre und Forschung, die hier angeregt wird, sondern Ausnahme- und Sondersituationen, die eine spezielle Anstrengung und speziellen Aufwand erfordern.
  3. Betrachtet man die Realität in den gesellschaftlichen Einrichtungen (und auch darüber hinaus in den Firmen), dann finden wir dort überwiegend eingefahrene Abläufe, fixierte Rollen, wenig Bereitschaft für Neues oder Experimente. In Firmen speziell oft beständig hohen Leistungsdruck durch den Markt, die Kunden, die Konkurrenz. Ich habe immer noch die Worte eines Vorstands von einem großen deutschen IT-Konzern im Ohr, der mir bei einem Gespräch über mögliche Forschungskooperationen sagte, dass er immer nur in 3-Monats-Zyklen denken kann, maximal 1 Jahr. Längerfristige Forschung, selbst wenn sie vielversprechend ist, kann er sich nicht leisten. Im Kontrast dazu sehe ich, wie unsere Studierende mit ihren Masterthesen in den letzten zwei Jahren sehr oft Produktionssteigerungen von vielen 100% bewirken konnten, nur weil sie von außerhalb kamen, neue Ideen mitbrachten, und die eingefahrenen Abläufe aufsprengten. Alle wurden sofort übernommen; in anderen Fällen hatten Sie zwar ebenfalls tolle Arbeiten gemacht, aber die Firma selbst (z.B. ein global agierender Energiekonzern) hatte sich durch schlechtes Management selbst so ins Abseits manövriert, dass es überall Stellenstreichungen gab. Wieder andere haben in einem in Deutschland gesellschaftlich vernachlässigten Bereich (autistische Kinder und Jugendliche) Konzepte für neue technische Assistenzsysteme entwickelt, um den Kindern und Jugendlichen in ihren Lernprozessen zu helfen, für die sich sonst nirgends Unterstützung fand. Zwei davon promovieren jetzt um ihre Arbeiten fortsetzen zu können. Und in Behörden, in wichtigen Behörden, in Behörden großer Städte, finden sich – neben bewundernswertem Engagement – nicht wenige Abteilungen, wo Nichtstun Standard ist, wo Kriege zwischen Abteilungen irgendwie normal sind, wo Mitglieder eines Schulamtes Außenstehenden sagen ‚Wir diskutieren nicht‘.
  4. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Was ich damit sagen möchte ist, dass wir uns vor einer unkritischen Heiligsprechung der Zivilgesellschaft hüten sollten. Die umgebende Gesellschaft ist weder besonders schlecht noch besonders gut; sie ist normal. Normal heißt hier, dass menschliche Grenzen, Trägheiten, Ängste, Eitelkeiten usw. normal sind. Und diese Gesellschaft, unsere Gesellschaft, bedarf dringend und immer einer jungen Generation, die mit Schwung, Mut, Kreativität in diese verkrusteten Strukturen einbricht und Neues möglich macht. Ohne eine solche dynamische junge Generation verspielen wir ernsthaft die Zukunft.
  5. Wenn man diese Sicht akzeptiert (was eher nicht selbstverständlich ist), dann darf man die Studierenden nicht wie die Lämmer betrachten, die man zur Schlachtbank der Zivilgesellschaft führt. Auf keinen Fall. Wir müssen ernsthaft anfangen, in der jungen Generation das größte Potential, den größten Schatz zu sehen, den wir als Gesellschaft haben. Wir müssen anfangen, in diese Generation zu vertrauen, ernsthaft und konkret! Wir müssen Wissen nicht als Selbstzweck sehen, sondern als ein Medium, das zu noch besserem Wissen und besserem Handeln hinführen kann. Dies kann letztlich nur so geschehen, dass die Studierenden lernen, die verschiedenen Aufgaben in eigener Regie anzugehen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, ihre eigenen Entdeckungen zu machen, ihre Neugierde real ausprobieren können, usw.
  6. Der krasse Fall, dass Lehrende stundenlang auf Studierende einreden und später in der Prüfung verlangen, dass sie dies dann 1-zu-1 wiedergeben gespickt mit unterschwelligen Behinderungen, dass sie es ja auf keinen Fall leicht haben, ist leider noch viel zu weit verbreitet, als dass man ihn nicht erwähnen sollte. Studierende, die diesem Format ausgeliefert sind, lernen kaum und keinesfalls nachhaltig. Auf keinen Fall werden sie sich auf diese Weise zu motivierten, verantwortungsvollen, kreativen Problemlösern der Zukunft entwickeln.
  7. Das Gegenteil gibt es, aber noch viel zu wenig. Ich habe in den letzten Jahren (zusammen mit zwei anderen KollegenInnen) u.a. 39 interdisziplinäre Projekte mit Bachelor-Studierenden aus allen Studiengängen der Hochschule erleben dürfen, wo diese in eigener Regie interessante Probleme der Gesellschaft identifiziert haben, diese in eigener Regie auf vielfache Weise analysiert und aufbereitet haben; wo sie in eigener Regie mit unterschiedlichen Einrichtungen, Behörden und Firmen kommuniziert und verhandelt haben, wo sie Experimente außerhalb der Hochschule durchgeführt haben und wo sie dann diese Ergebnisse öffentlich in vielfältigen Formen (Berichte, Filme, Theaterstücke, Talkshows, Spiele usw.) präsentiert haben. Zugleich haben sie gelernt, mit anderen, zunächst fremden Studierenden aus anderen Fachbereichen, zusammen zu arbeiten und Probleme zu lösen. Keiner der beteiligten Professoren hätten ihnen all dies vermitteln können. Die Professoren schufen einen Raum, sie schenkten Vertrauen, sie gaben gelegentlich auf Rückfragen Feedback, und haben selbst jedes mal eine Menge gelernt.
  8. Wo sollen aber Professoren herkommen, die Studierenden Vertrauen schenken, wenn die Gesellschaft schon ihre junge Generation nur als Verfügungsmasse für aktuelle Defizite betrachtet? Wo sollen solche Professoren herkommen, wenn ihnen heute schon bei der Einstellung gesagt wird, sie müssen auf jeden Fall viel Geld einwerben, da sie ansonsten keine gute Professoren sind?
  9. Es gibt hier viele offene Fragen. Ich konnte auch nur einige der vielen Aspekte ansprechen, die hier anzusprechen wären. Es ist bedauerlich, dass die Hochschulen selbst, ja, dass nicht einmal die Professoren selbst, genau über diese Fragen kaum diskutieren. Die Leistungsanforderungen sind im Alltag (entgegen dem Klischee außerhalb der Hochschulen, dass Professoren ja soviel Zeit haben) permanent so hoch, dass selbst ein normales Gespräch zwischen nur zwei Kollegen eine organisatorische Herausforderung darstellt. Böse Zungen und Verschwörungstheoretiker würden jetzt sofort vermuten, dass dies System habe; dass die Politik auf diese Weise kritische Stimmen mundtot machen möchte, um die Hochschulen von kritisch-kreativen Orten in dumpfe Ausführungsorgane der Politik zu verwandeln. Bewusst sicher nicht.

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MEMO PHILOSOPHIE-WERKSTATT 14.Juni 2015 in der DENKBAR FRANKFURT

KONTEXT

Die Philosophiewerkstatt am 14.Juni 2015 – begleitet von einem wunderbaren Sommerwetter und eingebettet in kulinarische Produktionen von Reinhard Graef – folgte dem Programmentwurf der Einladung vom 8.Juni 2015.

Thematischer Ausgangspunkt für den 14.Juni war die Philosophiewerkstatt vom 10.Mai 2015 gewesen. In dieser hatte es unter dem Titel „ENTSCHEIDEN IN EINER MULTIKAUSALEN WELT?“ ein gemeinsames Gespräch gegeben, das sehr viele Zusammenhänge zutage gefördert hatte. Die Rolle der Politik blieb aber relativ unbestimmt; verkürzt: eine Art Lobbyistenverein, der sich nur noch bei den Wahlen um Wähler kümmert.

KURZEINFÜHRUNG

Dies animierte Reinhard Graef – ein ausgebildeter Ökonom (mit starkem Soziologieanteil) – zu einem Input für das Treffen am 14.Juni 2015: Ausgehend von dem Buch ‚Postdemokratie‘ (DE: 2008, EN: 2004) des Politikwissenschaftlers Colin Crouch fasste er die wichtigsten Thesen von Crouch zusammen und ermöglichte uns allen einen neuen Einstieg in das Thema (siehe Bild).

Memo Philosophiewerkstatt vom 14.Juni 2015 - Colin Crouch referiert von Graef - Gruppengespräch

Memo Philosophiewerkstatt vom 14.Juni 2015 – Colin Crouch referiert von Graef – Gruppengespräch

Crouch – in der Sicht von Reinhard Graef – spannt in seinen Thesen die drei Pole auf: (i) die Bevölkerung (als apathische Masse), (ii) die Wirtschaft (heute globalisiert und anonymisiert), und (iii) die Politik (von wirtschaftlichen Interessen dominiert, Demokratie nur noch als vom Marketing gesteuerte Wahlen). Dieses Bild wurde anhand von weiteren Thesen differenziert, gelegentlich auch ergänzt um Parallelen zwischen England und der Deutschen Politik.

Zwar als Monster hingestellt beeindruckten Personen wie Hitler, Mussolini und Stalin die westlichen Politiker (und Firmenchefs) doch darin, wie man ‚die Massen‘ für etwas begeistern kann. Die Steuerung der Medien und die Verflachung der Inhalte sind mittlerweile ‚Standard‘ auch in westlichen Demokratien. Der westlich-demokratische Politikbetrieb (speziell in den USA) tendiert immer mehr zu einer Propagandaschlacht, in der Marketingspezialisten den obersten Ton angeben. Differenzierte politische Diskurse sind ‚unpassend‘.

Dieser marketingorientierte Politikbetrieb beherrscht mittlerweile auch immer mehr den Alltag. Pressekonferenzen leben vom Verschweigen, Abwiegeln, Verweigern, Dementis, Floskeln. Hier manifestiert sich eine Verachtung des Wählerwillens und zugleich ein Verbergen von politischer Unfähigkeit hinter Floskeln.

Durch die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft entziehen sich die großen Firmen einerseits dem Einfluss nationaler Politik, zugleich versuchen sie aber die nationalen Infrastrukturen (Verkehr, Recht, Arbeitskräfte, …) für ihre Marktaktivitäten zu nutzen bei minimalen Steuern. In den letzten Jahren versucht die Politik durch eine vermehrte internationale Kooperation den globalen Ausbeutungen nationaler Ressourcen entgegen zu steuern, aber durch die starken Bindungen einzelner Politiker an große Konzerne fehlt diesen Maßnahmen bislang der richtige ‚Biss‘.

Colin Crouch sieht die Bevölkerung als apathische Masse, die das alles mit sich geschehen lässt. Andererseits deutet sich an, dass mit einem wachsenden Bildungs- und Aufklärungsniveau die Wahrnehmung geschärft werden kann und dass sich partielle Widerstände ausbilden, die sich dann doch über die Wahlen direkt auf die Politik auswirken können.

GESPRÄCH

Im Gespräch wurden alle diese Punkte aufgegriffen und vertieft. Das Gespräch nahm dann aber seine ganz eigene Richtung.

BEVÖLKERUNG

Das Gespräch hakte bei der Bevölkerung ein. Was ist mit dieser apathischen Masse? Haben wir apathische Jugendliche mit einer Sinnkrise? Sind die sozialen Stellungen tatsächlich mittlerweile eher fest, weniger durchlässig? Wachsende Ungleichheit, speziell beim Vermögen ist aktenkundig. Was macht dies mit der Gesellschaft? Haben wir eine ‚Kultur der Abrichtung‘, die im Kindergarten beginnt, sich in der Schule fortpflanzt und bei den Studenten nur noch willenlos-apathische Mehrheiten hinterlässt?

Ein Vertreter der jüngeren Generation (Student) widersprach diesem Bild. Die Jugendlichen sind nicht grundsätzlich apathisch, aber ihnen fehlen kritische Leitbilder, an denen sie ihr Verhalten ausrichten können. Er kritisierte seine Eltern, dass sie ihn eigentlich nicht zu einer Haltung des kritischen Hinterfragens erzogen haben.

Dies führte zu der Arbeitshypothese, dass die Menschen (Kinder, Jugendliche, Erwachsene) heute nicht schlechter sind als zu früheren Zeiten, dass aber die allgemeine Bildung und Ausbildung zu wenig Anreize liefert, sich kritisch und kreativ mit der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft aktiv auseinander zu setzen.

FAKTOREN

Dies kann viele Gründe haben. Einmal natürlich die Arbeitswelt selbst, die durch ihre Anforderungen wenig Zeit und wenig Kraft übrig lässt, sich daneben noch aktiv mit Fragen des Lebens zu beschäftigen. Zum anderen die Medienwelt, die kritische Informationen, gedankliche anfordernde Inhalte eher meiden (Einschaltquoten).[Anmerkung: bei dem zweitgrößten Radiosender Europas darf keine Sekunde gesendet werden, die nach dem empirisch ermittelten Bild der Hörer des Senders den Eindruck erwecken könnten, das Wohlbefinden des Hörers zu stören. Es werden Millionen Euros nur dafür ausgegeben, zu wissen, wie der Hörer fühlt, denkt, und handelt]. Die Frage der ‚Wahrheit‘ der Quellen stellt sich: Wem kann man noch vertrauen? Ferner die gesamte Kultur samt ihren Bildungseinrichtungen, die eher zur ‚Anpassung‘ erzieht, zum ‚Wohlverhalten‘, zum ‚Nichtfragen‘ (‚Kultur der Abrichtung‘) als zum kritischen Hinterfragen, zum Widerstand, zur jugendlichen Revolte, um sich im Gegensatz neu finden zu können. Schließlich die Politik, die sich über Wählermüdigkeit beklagt, aber selbst ein massive Politikverweigerung täglich demonstriert: Wähler nicht ernst nehmen, statt fachlich-kundige Expertise Schlagworte, Floskeln, Pressekonferenzen als Aussageverweigerung, extremer Lobbyismus ohne offizielle Transparenz, usw.

ALTERNATIVE DURCH AUFKLÄRUNG

Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage nach einer Alternative zu einer ‚Kultur der Abrichtung‘.

Das Wort ‚Aufklärung‘ kam ins Spiel, eine Kultur der Aufklärung. Hier stellten sich viele Fragen: Woher soll die Zeit kommen, die man braucht, sich kritisch verhalten zu können? Das Effizienz- und Leistungsdenken steht dem bislang diametral entgegen. Und wenn aufklärendes Wissen und Handeln zu einer Veränderung führen könnte, wie viel Zeit muss man realistisch veranschlagen, bis Veränderungen greifen? Wichtige Prozesse brauchen Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte. Wer hat soviel Geduld?

Zu Aufklärung gehören auch Fragen wie die nach dem ‚richtigen Wissen‘, nach den ‚angemessenen Werten‘. Woher soll das kommen? Wer kann es wissen? Muss man sich dazu nicht mit anderen zusammen tun? Woher weiß eine Gruppe, ob sie nicht als Gruppe irrt? In der Geschichte gibt es genügend Beispiele, dass Gruppen sich in eine Idee verrannt hatten und dann scheiterten? Andererseits, wenn etwas wirklich ’neu‘ und ‚innovativ‘ ist, dann ist es fremd, unbekannt, erzeugt Irritation und Ängste, fördert Ablehnung. Kritisch-innovativ sein heißt dann nicht, dass man unbedingt ‚gesellschaftlich erfolgreich‘ ist. Kann oder muss man diese Ablehnung trainieren? Muss man das ‚Anderssein‘ üben? Einige berichteten, dass sie tatsächlich so etwas wie einen gesellschaftlichen Erwartungsdruck spüren, dass man bestimmte Dinge so und so tut. Sich anders ernähren, sich anders bewegen, sich anders kleiden usw. geht nicht ohne eine gewisse Anstrengung und Überwindung. Zusätzlich stellt man fest, dass man zwar A als eigentlich besser erkannt hat, dass man persönlich aber noch an Nicht-A hängt (Bedürfnisse, Gewohnheiten, Leidenschaften, Ängste, …). Dies verhindert eine Änderung.

In diesem Zusammenhang kam auch der Hinweis auf das hohe Potential an Selbsttäuschung, das jeder in sich trägt. Das ‚bewusste Wissen‘ ist ja nur ein winziger Ausschnitt aus dem riesigen Raum des ‚Nicht-Bewussten‘, der angefüllt ist mit einem komplexen Netzwerk an Bedürfnissen, Emotionen, Gefühlen, Ängsten und komplexen Denkprozessen. Wenn man nicht lernt, diese nicht-bewussten Anteile ein wenig einzuschätzen, dann meint man zwar, A zu tun wegen B, aber im nicht-bewussten Teil von einem selbst tut man A wegen C. Und dann wundert man sich, warum die Dinge dann anders laufen, als man wollte oder warum man auf Dauer krank wird.

Schließlich ist auch noch zu erwähnen, dass die besten Ideen nichts nützen, wenn man etwas plant und einfach nicht über die notwendigen Voraussetzungen verfügt. Ein Schuss Realismus bei der Übernahme von Aufgaben – speziell bei der Einschätzung der notwendigen Zeit – ist wichtig.

FORTSETZUNG DER PHILOSOPHIEWERKSTATT IN DER DENKBAR?

Wie beim letzten Treffen angekündigt, sollte bei dem letzten Treffen vor der Sommerpause auch darüber gesprochen werden, ob man das Experiment Philosophiewerkstatt in der DENKBAR fortsetzen soll oder nicht. Falls Ja, wie weiter?

Es gab ein überraschend einhelliges sehr klares Votum aller TeilnehmerInnen, dass diese Form des gemeinsamen Sprechens und Einsichten Findens von allen als sehr positiv, hilfreich, anregend usw. erlebt wird. Alle votierten für eine Fortsetzung im Herbst, wieder jeder 2.Sonntag im Monat, 16:00h, Start So 11.Oktober 2015. Ergänzung oder Verzahnung mit anderen Veranstaltungen ist möglich. Allerdings wurde von allen auch betont, dass diese Gesprächsform keine zu großen Teilnehmerzahlen verträgt.

BUCH ZUM BLOG cognitiveagent.org

Gerd Doeben-Henisch wies daruf hin, dass er bis Ende August versucht, auf 100 Seiten die ca. 1500 Seiten seines Blogs ‚lesbar‘ zusammen zu fassen. Eine Veröffentlichung ist für November 2015 geplant. Bis dahin gibt es einen Vorabdruck für jedes Kapitel im Blog selbst.