DER VERSTECKTE BEOBACHTER UND AKTEUR. Wo Denken sich verabschiedet. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
12.April 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: cagent

Philosophie des Beobachters - Vogelperspektive

Philosophie des Beobachters – Vogelperspektive

DER  BEOBACHTER

In den Wissenschaften ist klar, dass es ohne einen Beobachter nichts gibt: keine Experimente mit Messungen, die Daten generieren, und keine Modelle, Theorien, die Daten in Zusammenhänge setzen und damit Deutungs- oder gar Erklärungshypothesen liefern.

Weniger klar ist, dass und wieweit der Beobachter konstitutiv in eine Theorie eingeht und dass eine ’normale‘ Theorie nicht in der Lage ist, ihren eigenen Beobachter zu thematisieren.

Besonders krass ist der Fall in der Physik. Die standardisierten physikalischen Messeinheiten erlauben interessante Modellbildungen zu Strukturen und Dynamiken der realen Welt, es ist mit diesen Daten und Modellen jedoch nicht möglich, den physik- spezifischen Beobachter angemessen zu beschreiben.

Andere Disziplinen wie z.B. die Biologie, die Psychologie oder die Soziologie kommen den komplexen Phänomenen eines Beobachters zwar ’näher‘, aber auch diese – wenn sie denn als empirische Wissenschaften arbeiten – können ihre jeweiligen spezifischen Beobachter nicht mir eigenen ‚Bordmitteln‘ erschöpfend beschreiben. Würden sie es tun, würden sie ihr Wissenschaftsparadigma sprengen; dann müssten sie aufhören, empirische Wissenschaften zu sein.

IRREFÜHRUNG INTERDISZIPLINARITÄT

Im übrigen muss man auch fragen, ob nicht alle Disziplinen auf ihre spezifische Weise Sichten zum Beobachter entwickeln, die  jeweils spezifisch  ‚Recht‘ haben. Nur eine Zusammenschau aller dieser verschiedenen Sichten würde dem komplexen Phänomen ‚Beobachter‘ gerecht, wenngleich prinzipiell unvollständig. Allerdings wäre keine der einzelnen Disziplinen je für sich in der Lage, eine ‚Gesamtschau‘ zu organisieren. Das gibt der normale Theoriebegriff nicht her. Das Reden vom ‚Interdisziplinären‘ ist insofern eine Farce. Hier wird eine Disziplinen-Übergreifende Einheit angedeutet, die es zwischen Einzeldisziplinen prinzipiell nicht geben kann (und auch in der Praxis nie erreicht wird; das scheitert schon an den verschiedenen Sprachen der Disziplinen).

ROLLEN

In der Praxis der Gesellschaft und der Industrie manifestiert sich das Dilemma des versteckten Beobachters im Phänomen der unterschiedlichen Rollen. An einem Systems-Engineering Prozess (SEP) kann man dies verdeutlichen.

Die Manager eines SEP legen Rahmenbedingungen fest, geben Ziele vor, überwachen den Ablauf. Der Prozess selbst wird von unterschiedlichen Experten (Akteuren) gelebt. Diese Experten setzen den ‚durch die Manager gesetzten Rahmen‘ für die Dauer des Prozesses voraus, als gültiges Referenzsystem, innerhalb dessen sie ihre Problemlösung in Kooperation mit anderen Akteuren ‚leben‘.

Innerhalb eines SEP gibt es Akteure , z.B. die Mensch-Maschine Interaktions (MMI) Experten, heute auch schon Akteur-Akteur-Interaktions (AAI) Experten genannt (Akteure können Menschen (biologische Systeme) oder auch mittlerweile Roboter (nicht-biologische Systeme) sein. ‚Cyborgs‘ bilden neuartige ‚Zwitterwesen‘, wo noch nicht ganz klar ist, ob es ‚erweiterte biologische Systeme‘ sind oder es sich hier um eine neue hybride Lebensform als Ergebnis der Evolution handelt). Die MMI oder AAI Experten entwickeln Konzepte für ‚potentielle Benutzer (User)‘, also ‚andere Akteure‘, die in ‚angedachten Abläufen‘ mit ‚angedachten neuen Schnittstellen (Interface)‘ aktiv werden sollen. Werden die Pläne der AAI Experten akzeptiert und realisiert, entstehen für die angedachten Abläufe neue Schnittstellen, mit denen dann andere – dann ‚reale‘ – Akteure‘ arbeiten werden. Tritt dieser Fall ein, dann übernehmen die ‚Anwender (User)‘ einen ‚von anderen Akteuren gesetzten‘ Rahmen für ihr Handeln.

Vom Auftraggeber (Ebene 1) zum Manager eines SEP (Ebene 2) zu den Experten des SEP (Ebene 3) zu den intendierten Anwendern (Ebene 4). Wie sich dies dann wieder auf die umgebende Gesellschaft (Ebene 5) auswirkt, die sowohl Auftraggeber (Ebene 1) als auch Manager von Prozessen (Ebene 2) als auch die verschiedenen Experten (Ebene 3) beeinflussen kann, ist im Normalfall weitgehend unklar. Zu vielfältig sind hier die möglichen Verflechtungen.

Andere Querbeziehungen in einen SEP hinein (kleine Auswahl) treten dort auf, wo z.B. die AAI Experten andere Wissenschaften zu Rate ziehen, entweder über deren ‚Produkte‘ (Artikel, Bücher, Verfahren) oder direkt durch Einbeziehung der Akteure (Psychologie, Psychologen, Soziologie, Soziologen, usw.).

An keiner Stelle in diesem überaus komplexen Rollengeflecht gibt es normalerweise eine Rolle, die offiziell sowohl die spezifischen Aufgaben ‚innerhalb‘ einer Rolle wie auch die ‚Rolle selbst‘ beobachtet, protokolliert, untersucht. Eine solche Rolle würde jeweils vorgegebene Rollen ‚durchbrechen‘, ‚aufbrechen‘, ‚verletzten‘. Das verwirrt, schafft Unruhe, erzeugt Ängste und Abwehr.

HOFNARREN, PHILOSOPHEN

Andererseits gibt es historisch diese Formen in allen Zeiten. In der einen Form ist es der ‚Hofnarr‘, der kraft seiner Rolle grundsätzlich anders sein darf, dadurch feste Muster, Klischees durchbrechen darf, bis zum gewissen Grad wird dies auch erwartet, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Unterschwellige Machtstrukturen dürfen in der Regel nicht angetastet werden.

In der anderen Rolle haben wir die Philosophen. Das philosophische Denken kann das einzelwissenschaftliche Denken ‚imitieren‘, es kann aber jederzeit aus diesem Muster ausbrechen und nach den Voraussetzungen des einzelwissenschaftlichen Denkens fragen. Ein Philosoph kann — von seinem Denken her — die immer und überall wirksamen ‚Voraussetzungen‘ von Verhalten und Denken ‚hinterfragen‘, ‚thematisieren‘ und auf diese Weise einer expliziten Reflexion und sogar bis zu einem gewissen Grade einer Theoriebildung zugänglich machen. Der Philosoph als Teil einer Gesellschaft mit seiner Nähe zum ‚Hofnarren‘ darf meistens aber nur soviel anders sein (Schulphilosophie), die die Gesellschaft ihm zugesteht. Vom Standpunkt eines philosophischen Denkens aus kann man unterschiedliche einzelwissenschaftliche Modelle und Theorien ‚als Objekte‘ untersuchen, vergleichen, formalisieren und man kann auf einer ‚Metaebene‘ zu den Einzelwissenschaften ‚integrierte Theorien‘ schaffen; nur so. Interdisziplinarität ist von hier aus betrachtet eine Form von Ideologie, die genau solche Integrationen  verhindert.

WISSENSCHAFTLICHE EINZELSTAATEREI

Der Versuch der Einzelwissenschaften, sich der ‚Gängelei‘ eines philosophischen Denkens zu entziehen, führt bei aller Positivität der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem großen Wirrwarr, das wir heute um uns herum beobachten können. Ein komplexes Phänomen wie der Homo sapiens wird zwischen den einzelwissenschaftlichen Mühlsteinen zu Sand zerrieben; übrig bleibt nichts. Die verschiedenen biologischen, psychologischen, neurologischen, soziologischen usw. ‚Substrate‘ bilden unterschiedliche Zerrformen, die in keinem Gesamtbild integriert sind. Das kommt einer Abschaffung des Menschen durch den Wissenschaftsbetrieb gleich. Dies erinnert ein wenig an den kleinstaatlichen Flickenteppich, bevor Deutschland ein integrierter Staat wurde; jeder war sein eigener Fürst; sehr schön; komplexere Einheit fand nicht statt. Das menschliche Gehirn bevorzugt Vereinfachungen, und das subjektive Machtgefühl eines jeden fühlt sich geschmeichelt, wenn es sich als (wenn auch kleiner und beschränkter) ‚Fürst‘ fühlen kann.

ROBOTER IN DER PSYCHOANALYSE? Memo zur Sitzung vom 25.März 2018

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
26.März 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

INHALT

I Ausgangspunkt
II Wissensformat der Psychoanalyse
II-A Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . .
II-B Moderne empirische Wissenschaft . . . . . . .
II-C Theoretische Psychoanalyse . . . . . . . . . . .
II-D Angewandte Psychoanalyse . . . . . . . . . . .
II-E Psychoanalyse und Psychologie . . . . . . . . .
II-F Psychoanalyse, Menschenbild, Wissenschaften
III Nächste Sitzung 29.April 2018

Kontext

In Fortsetzung der Sitzung vom 28.Januar 2018 wurden weitere Aspekte zusammen getragen, die die Position der Psychoanalyse, speziell auch ihre Wissensbasis, weiter erläutert haben.

I. AUSGANGSPUNKT
Der Ausgangspunkt der Sitzung vom 25.März 2018 war markiert durch das Memo der vorausgehenden Sitzung. Die Haupterkenntnis der vorausgehenden Sitzung bestand darin, dass die Frage, ob sich ein Robo-Psychoanalytiker bauen lässt oder nicht zunächst nicht von der ingenieurmäßigen ’Herstellung’ abhängt. Wenn die Ingenieure genügend Informationen haben, bauen sie einen Robo-Analytiker, der all das tut, was man von ihm erwartet (leicht idealisierende Annahme, da natürlich selbst bei optimalem Bauplan innerhalb der Umsetzung und der Produktion viele schwierige Detailfragen
gelöst werden müssen). Hält man diese idealisierende Annahme zunächst mal aufrecht, dann geht die Frage von den Ingenieuren zurück an die Psychoanalyse: Kann die Psychoanalyse im Umfang und in der Qualität eine Beschreibung dessen liefern, was ein Psychoanalytiker ist, wie er ausgebildet wird, wie er arbeitet, welche Rolle
dabei der spezielle Therapiekontext bildet, was ist wichtig für den Therapieprozess, usw.? Ist diese Beschreibung so, dass man daraus alle Informationen gewinnen kann, die man benötigt, um auf dieser Basis einen Robo-Analytiker zu bauen?

II. WISSENSFORMAT DER PSYCHOANALYSE

A. Überblick

Gedankenskizze von der Sitzung 25.März 2018

Gedankenskizze von der Sitzung 25.März 2018

Im Gespräch wurde schrittweise das gesamte Paradigma der Psychoanalyse umrissen, insbesondere auch die
Stellung der Psychoanalyse zu wichtigen anderen Wissenschaften.

B. Moderne empirische Wissenschaft

Aus der Sicht der Wissenschaftsphilosophie zeichnen sich moderne Wissenschaften dadurch aus, dass sie nach vereinbarten Methoden reproduzierbare ’Messwerte’ liefern, die dann mittels eines formalen (meist mathematischen)  Modells ’interpretiert’ werden. Ob solche eine modellbasierte Interpretation ’hilfreich’ ist entscheidet sich an der ’Vorhersagetauglichkeit’.

Das Ideal des ’Messens’ stößt allerdings dort an Grenzen, wo entweder das Messen selbst den Gegenstand verändert oder wenn die zu messenden Phänomene so selten oder speziell sind, dass sie nur schwer reproduzierbar sind. Aus solchen Messschwierigkeiten heraus abzuleiten, dass dann Messen ganz unmöglich sei, ist problematisch, da man damit möglicherweise wichtige Phänomene vorn vornherein (Zensur? Dogmatismus? …) ausklammern würde. Eine dem Geist empirischen Forschens eher angemessene Haltung wäre wohl doch so, dass man trotz
Messschwierigkeiten misst, aber die Rahmenbedingungen dieses Messens klar schildert. Irgendwann gibt es vielleicht verbesserte Messmethoden, die dann besser messen können. Außerdem, nur wenn allen Beteiligten bewusst ist, dass es für bestimmte interessante Phänomene noch keine guten Messmethoden gibt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Verbesserungen für die Messmethoden finden wird. Im übrigen sehen wir in der Quantenphysik (und in der Ethnologie, und …), dass Messprobleme kein absolutes Hindernis darstellen muss, um zur Bildung von interessanten Modellen zu kommen.

Die Ausklammerung wichtiger Aspekte der Wirklichkeit schadet in der Regel für das Gesamtbild der Wirklichkeit weit mehr als ungenau zu messen.

Auch wenn man in einer Disziplin formalisierte Modelle und die dafür notwendige formalisierte Sprache L_m benutzen will, gelingt dies nur unter Voraussetzung einer schon gegebenen Alltagssprache L_0 . Davon zu unterscheiden ist der Fall, dass der ’Gegenstand’ der Untersuchung Alltagsphänomene sind einschließlich der Alltagssprache (z.B. in den Sprachwissenschaften, in der Ethnologie, in der Archäologie, usw.).

Vom Theoriemodell her macht es allerdings keinen Unterschied, ob man chemische Stoffe mit ihren Reaktionskette als Gegenstand untersucht oder alltagssprachliche Phänomene oder Alltagshandeln.

C. Theoretische Psychoanalyse

Wissenschaftsphilosophisch kann man Psychoanalyse als eine empirische Wissenschaft im zuvor beschriebene Sinn betrachten.

Ihr Datenbereich sind die unterschiedlichsten Äußerungen eines Analysanden, und ihr Ziel ist es, am Beispiel dieses konkreten Analysanden das allgemeine Modell eines handelnden Akteurs so weit zu spezifizieren, dass es mit dem Verhalten des Analysanden strukturell so übereinstimmt, dass es dem Analysanden erlaubt, sein Verhalten so einzustellen, dass sein ’Problemdruck’ sich so weit abmildert, dass er zufriedenstellend in seinem Alltag leben kann.

Das Interesse der Psychoanalyse ist also mindestens ein zweifaches: (i) ein ’theoretisches’ Interesse, am Beispiel vieler Analysanden ein ’allgemeines Modell’ eines Akteurs zu finden, das sich erfolgreich auf möglichst viele Akteure
(Menschen) so anwenden lässt, dass diese zu einem selbstbestimmten und erfolgreichen Leben befähigt werden; (ii) ein ’therapeutisches’ Interesse, nämlich unter Voraussetzung des bislang erarbeiteten Modells einem konkreten einzelnen Menschen zu helfen, dass dieser sich selbst soweit verstehen und sich selbst ’managen’ lernt, dass er in seinem Alltag zu einem selbstbestimmten und erfolgreichen Leben finden kann.

Aufgrund der ethisch eingeschränkten Möglichkeiten, mit Menschen ’Experimente zu machen’ (gilt entsprechend auch für die Psychologie, die Neurowissenschaften, usw.), kann die Psychoanalyse ihre theoretische Forschung bislang oft nur indirekt vollziehen oder aber – evtl. in der Zukunft – mit partiellen Computersimulationen ihrer
theoretischen Modelle.

D. Angewandte Psychoanalyse

In den empirischen Wissenschaften ist es üblich, das ’Messen’ unter sehr eingeschränkten Bedingungen vorzunehmen; in der Psychologie unterscheidet man z.B. explizit zwischen ’Labor-Experimenten’ und ’Feld-Experimenten’.

In der angewandten Psychoanalyse greift man zum Mittel der ’normierten Dyade’: eine Therapie findet nur im absolut diskreten Zweiergespräch statt, dessen räumliche Situation sowie auch die grundlegenden Verhaltensweisen durch klare Regeln ’normiert’ sind. Damit hat man einerseits den Raum möglicher Daten stark eingeschränkt (Laborsituation), zugleich lässt man aber die ganze Breite von Kommunikationssignalen (Sprache und Körper) zu.

Dies ist für die Ermöglichung der relevanten Phänomene wesentlich.

Während sich die Kommunikation innerhalb der Dyade ’Psychoanalytiker – Analysand’ primär in der Alltagssprache abspielt, muss er Psychoanalytiker alles Erleben zugleich in seine Fachsprache und in seine Modellwelt ’übersetzen’. Wieweit diese Übersetzung während des Prozesses stattfinden kann und ob und wieweit eine solche Übersetzung
das aktuelle reale Geschehen negativ beeinflussen kann, ist eine wichtige Frage. Klar ist allerdings, dass eine modellbasierte – und damit wissenschaftliche – Diagnose und Intervention nur dann vorliegt, wenn der Psychoanalytiker solch einen Modellbezug in der Therapiesituation explizit immer wieder herstellen kann.

Analog wie die Gedächtnispsychologie das weitgehend unbewusst arbeitende Konstrukt ’Gedächtnis’ voraussetzt und in ihren Experimenten Verhaltenseigenschaften zu erfassen sucht, die Hinweise auf das unterstellte Konstrukt Gedächtnis liefern, so unterstellt die angewandte Psychoanalyse generell einen unbewussten Bereich im
Menschen, dessen Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung eines Menschen und sein Verhalten entsprechend nur an äußerlich auftretenden Eigenschaften – wenn überhaupt – -erkannt werden können. Dies geschieht eben nicht nur in Form sprachlicher Äußerungen, sondern vor allem auch in der ’Art und Weise’ eines Sprechens oder Nicht-Sprechens, eines sich Bewegens, durch das Gesamtverhalten, was wann wie getan oder nicht getan wird, usw. Dies können sehr komplexe Phänomene sein, die sich im Erleben, im Fühlen, in der Somatik, im Erinnern,
im Träumen usw. ausdrücken können. Auch spielt Zeit eine Rolle, Wiederholungen; oder Konstellationen, die wieTrigger wirken, und vieles mehr.

Insofern das Unbewusste verschiedenen ’internen Logiken’ folgt und auch die ’Emotionen’ sich auswirken können, kann es für einen Psychoanalytiker unabdingbar sein, hinreichend ausgebildet zu sein, um seine eigenen internen Logiken und Emotionen soweit mobilisieren zu können, um eine hinreichende, das Unbewusste einbeziehende, Kommunikation mit dem Analysanden führen zu können. Andernfalls besteht die Gefahr, dass der Psychoanalytiker das ’Bedeutungsfeld’ der verschiedenen isoliert auftretenden Äußerungen des Analysanden nicht als das erkennen kann, als was sie auftreten, als Elemente einer unbewussten Dynamik, die sich in bestimmten Phänomenen manifestieren.

Ein ’Erfolg’ wird sich in solch einer dyadischen Analyse nur in dem Masse einstellen, wie der Analysand befähigt wird, sein eigenes Erleben und Agieren vor dem Hintergrund seiner eigenen unbewussten Dynamiken besser zu
Verstehen und in Folge davon vielleicht besser gestalten zu können.

E. Psychoanalyse und Psychologie

Im aktuellen Hochschulbetrieb ist die Psychoanalyse weitgehend ausgeschlossen. Auch grenzt sich die Psychologie weitgehend von der Psychoanalyse ab.  Wissenschaftsphilosophisch ist dies nicht nachvollziehbar. Die Psychoanalyse kann alle Anforderungen erfüllen, die die Wissenschaftsphilosophie für eine moderne
empirische Wissenschaft formuliert hat. Und wenn man sich die verschiedenen Spezialisierungen der Psychologie anschaut wie z.B. ’Sprachpsychologie’, ’Wahrnehmungspsychologie’, ’Wissenspsychologie’ oder ’Gedächtnispsychologie’ dann muss man sagen, dass alle diese Subdisziplinen nicht ohne die Annahme komplexer
theoretischer Konstrukte (’Wahrnehmung’, ’Wissen’, ’Gedächtnis’, ’Bedeutung’, …) auskommen. Die Besonderheit der Psychoanalyse mit der Annahme des Konstrukts ’Unbewusstes’ unterscheidet sich hier methodisch in keiner Weise.

Für die Ausgrenzung der Psychoanalyse aus der Psychologie gibt es daher keine harten wissenschaftsphilosophischen Argumente. Man Muss daher vermuten, dass hier allerlei nicht-wissenschaftliche Faktoren eine Rolle spielen. Unter diesen Faktoren mag jener der mangelnden wissenschaftsphilosophischen Kenntnis der Psychologie selbst
eine Rolle spielen. Aber auch banale Faktoren wie schlichte Angst darum, vorhandene Ressourcen mit noch anderen teilen zu müssen, kann man kaum ganz ausschließen.

Welche Faktoren man auch immer annehmen möchte, der aktuelle Ausgrenzungszustand ist wissenschaftsphilosophisch in keiner Weise gerechtfertigt.

F. Psychoanalyse, Menschenbild, Wissenschaften

Die Frage der ’Ausgrenzung’ von Disziplinen aus dem Wissenschaftsbetrieb spielen allerdings auch für das gesamte Menschenbild eine Rolle. Schaut man sich die Gegenstandsbereiche von Disziplinen an wie ’Physik’, ’Chemie’, ’Biologie’, ’Soziologie’, ’Psychologie’, ’Ingenieurwissenschaften’, und  ’Künstliche Intelligenz’ an, dann kann
man beobachten, dass in all diesen Disziplinen heute kein Menschenbild vermittelt wird, das den aktuell lebenden Menschen in irgendeiner interessanten Weise eine irgendwie geartete Perspektive für eine mögliche Zukunft anbieten würde. Der Mensch wird in allen Disziplinen weitgehend in ’Einzelteile’ zerlegt, ohne irgendwelche  Zusammenhänge.

Ob dem Menschen aus all dem eine irgendwie geartete Verantwortung erwächst, eine ’Perspektive für die Zukunft’, ist eine offene Frage mit Tendenz zum Nein.

Während die Biologie als Evolutionsbiologie ganz interessante Ansätze liefern könnte, werden diese Ansätze von der modernen Soziologie mehr oder weniger wieder ’pulverisiert’. Der systemtheoretische Ansatz eines Niklas Luhmann enthält zwar viele der wichtigen Zutaten für einen differenzierteren Blick auf die Dynamik von
Lebensphänomenen, aber die Art und Weise wie der Systembegriff verwendet wird, schließt gerade all jene Phänomene aus, die interessant sind. Die evolutionären Erkenntnisse der Evolutionsbiologie werden mit einer scholastisch anmutenden System-Arithmetik im semantischen Nichts versenkt.

Ob nun die Offenheit der Psychoanalyse für das weite Feld der unbewussten Strukturen und Dynamiken ein letztlich realistischeres Menschenbild ermöglichen würde als die Phänomen-Ausklammerer in den anderen Disziplinen ist keineswegs von vornherein sicher, aber es verhält sich wie mit dem Genpool: wenn die Ausgangsmenge zu
klein ist, dann ist der mögliche kombinatorische Raum schlicht zu klein, um der Vielfalt der umweltbedingten Herausforderungen gerecht werden zu können.

Haben wir Menschen Angst vor unserem eigenen Bild?

 

III. NÄCHSTE SITZUNG 29.APRIL 2018

Bei der Abschlussfrage, welches Thema wir für die nächste Sitzung am 29.April 2018 wählen wollen, fand das Stichwort von der ’adäquaten Beschreibung’ Interesse. Es wurde dann weiter ausdiskutiert in Richtung der Problematik, wie man von ’Messwerten’ zu einem ’Modell’ kommt? Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass
es auch in den empirischen Wissenschaften für den Weg von einzelnen Messwerten zu einem Modell keinen Automatismus gibt! Aus Messwerten folgt keine einzige Beziehung, erst recht kein Modell mit einem ganzen Netzwerk von Beziehungen. In allen empirischen Disziplinen braucht es Fantasie, Mut zum Denken, Mut zum Risiko, Kreativität und wie all diese schwer fassbaren Eigenschaften heißen, die im ’Dunkel des Nichtwissens’ mögliche Beziehungen, mögliche Muster, mögliche Faktorennetzwerke ’imaginieren’ können, die sich dann in der Anwendung auf Messwerte dann tatsächlich (manchmal!) als ’brauchbar’ erweisen. Und, ja, persönliche Vorlieben und Interessen (unbewusste Dynamiken) können sehr wohl dazu beitragen, dass bestimmte mögliche ’interessante Beziehungs-Hypothesen’ von vornherein ausgeschlossen oder eben gerade gefunden werden (so wie das Unbewusste die Psychologie daran
hindert, die Psychoanalyse als potentiellen Lösungsgenerator zu akzeptieren? 🙂

KONTEXTE

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PSYCHOANALYSE DURCH ROBOTER? Teil 2. Einladung zur PHILOSOPHIEWERKSTATT am 25.März 2018

PHILOSOPHIE JETZT. Auf der Suche nach dem neuen Menschenbild
eJournal ISSN 2365-5062
URL: https://www.cognitiveagent.org
EMail: info@cognitiveagent.org

Achtung: Neuansetzung des Themas, da die letzte Sitzung wegen Krankheit ausfallen musste.

THEMA

Ausgehend von dem Bericht aus der letzten Philosophiewerkstatt vom 28.Januar 2018 zur Frage ‚Psychoanalyse durch Roboter?‘  (auch als PDF mit Schaubildern) soll auf allgemeinen Wunsch hin das Thema nochmals weiter geführt werden.

In der letzten Philosophiewerkstatt zeichnete sich ab, dass die Fragestellung  zurück verweist auf das Verständnis, was denn ein Psychoanalytiker ist, wie er sich verhält, welche Kontexte zu bedenken sind, was über einen möglichen Analysanden alles zu wissen ist, um nur einige der Aspekte zu nennen.  Damit irgendwann einmal ein Roboter gebaut werden könnte, müsste eine Beschreibung vorliegen, die all diese Dinge hinreichend beinhaltet. Ob solch eine Beschreibung  angemessen ist, müssten psychoanalytische Experten beurteilen, denn nur sie verfügen über das Wissen, das hier notwendig ist.

Für die Konstruktion eines geeigneten Roboters  benötigt man allerdings ganz bestimmte Formen von Beschreibungen, damit Ingenieure auf dieser Grundlage ein funktionierendes technisches System bauen könnten.

Die Fragestellung verdichtet sich daher dahingehend, ob man eine — im Sinne der Psychoanalyse — angemessene Beschreibung eines psychotherapeutischen Prozesses erstellen kann, die sich mit den Anforderungen der Ingenieure zur Deckung bringen lässt.

In der kommenden Sitzung wird daher wieder einleitend eine Beschreibung vorgestellt, die sowohl die Berichte der PsychoanalytikerInnen Rechnung tragen soll wie auch zugleich den Anforderungen der IngenieureInnen. Danach erfolgt eine Kommentierung aus Sicht der Psychoanalyse: Z.B. Was ist OK? Was fehlt? Was müsste ganz anders sein?

WO

INM – Institut für Neue Medien, Schmickstrasse 18, 60314 Frankfurt am Main (siehe Anfahrtsskizze). Parken: Vor und hinter dem Haus sowie im Umfeld gut möglich.

WER

Moderation: Prof.Dr.phil Dipl.theol Gerd Doeben-Henisch (Frankfurt University of Applied Sciences, Mitglied im Vorstand des Instituts für Neue Medien)

ZEIT

Beginn 15:00h, Ende 18:00h. Bitte unbedingt pünktlich, da nach 15:00h kein Einlass.

ESSEN & TRINKEN

Es gibt im INM keine eigene Bewirtung. Bitte Getränke und Essbares nach Bedarf selbst mitbringen (a la Brown-Bag Seminaren)

EREIGNISSTRUKTUR

Bis 15:00h: ANKOMMEN

15:00 – 15:40h GEDANKEN ZUM EINSTIEG (Die bisherige Schilderung der Psychoanalyse in einer Rekonstruktion aus  Sicht der Wissenschaftsphilosophie und des Engineerings, dann weitere Gegenrede und Kommentierungen  aus Sicht der Psychoanalyse)

15:40 – 16:30h: GEMEINSAMER DISKURS ALLER (Fragen, Kommentare…, mit Gedankenbild/ Mindmap)

16:30 – 16:40h PAUSE

16:40– 17:00h: Zeit zum INDIVIDUELLEN FÜHLEN (manche nennen es Meditation, individuell, freiwillig)

17:00 – 17:10h: ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL (privat)

17:10 – 17:50h: Zweite GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:50– 18:00h: AUSBLICK, wie weiter

Ab 18:00h: VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

KONTEXTE

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Mit freundlichen Grüßen,

Gerd Doeben-Henisch

EINLADUNG zur PHILOSOPHIEWERKSTATT: PSYCHOANALYSE DURCH ROBOTER? So, 28.Jan.2018, 15:00h, im INM (Frankfurt)

THEMA

Ausgehend von den Themenvorschlägen von der letzten Philosophiewerkstatt am 28.November 2017 und den beginnenden Gesprächen zwischen Jürgen Hardt (Psychoanalytiker) und Gerd Doeben-Henisch (Wissenschaftsphilosoph, KI-Forscher) zum Thema ‚Kann der Psychoanalytiker durch einen intelligenten Roboter ersetzt werden?‘ wird für das Treffen am So, 28.Januar 2018 als Thema (leicht salopp formuliert) „Psychoanalyse durch Roboter?“ gewählt.

Zwar glauben alle einschlägigen Experten im Feld der Psychoanalyse bislang, dass solch ein Zukunftsszenarium für lange Zeit nicht möglich sein wird, vielleicht ist es sogar grundsätzlich nicht möglich, aber philosophisches und wissenschaftliches Denken hört nicht bei herrschenden Meinungen auf, sondern fängt genau da an.

Da die Analyse des Verhältnisses zwischen einem Psychoanalytiker als Akteur und einem einem Patienten als Akteur   kaum umhin können wird, auch die Frage nach dem zugrunde liegenden Menschenbild anzusprechen,  darf man davon ausgehen, dass sich die Themenwünsche von der letzten Philosophiewerkstatt  in diesem Diskurskontext alle wiederfinden werden.

WO

INM – Institut für Neue Medien, Schmickstrasse 18, 60314 Frankfurt am Main (siehe Anfahrtsskizze). Parken: Vor und hinter dem Haus sowie im Umfeld gut möglich.

WER

Moderation: Prof.Dr.phil Dipl.theol Gerd Doeben-Henisch (Frankfurt University of Applied Sciences, Mitglied im Vorstand des Instituts für Neue Medien)

ZEIT

Beginn 15:00h, Ende 18:00h. Bitte unbedingt pünktlich, da nach 15:00h kein Einlass.

ESSEN & TRINKEN

Es gibt im INM keine eigene Bewirtung. Bitte Getränke und Essbares nach Bedarf selbst mitbringen (a la Brown-Bag Seminaren)

EREIGNISSTRUKTUR

Bis 15:00h: ANKOMMEN

15:00 – 15:40h GEDANKEN ZUM EINSTIEG (Erste Deutungsversuche von Gerd Doeben-Henisch aus Sicht der Wissenschaftsphilosophie, dann Gegenrede, Kommentierungen von Jürgen Hardt aus Sicht der Psychoanalyse)

15:40 – 16:30h: GEMEINSAMER DISKURS ALLER (Fragen, Kommentare…, mit Gedankenbild/ Mindmap)

16:30 – 16:40h PAUSE

16:40– 17:00h: Zeit zum INDIVIDUELLEN FÜHLEN (manche nennen es Meditation, individuell, freiwillig)

17:00 – 17:10h: ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL (privat)

17:10 – 17:50h: Zweite GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:50– 18:00h: AUSBLICK, wie weiter

Ab 18:00h: VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

KONTEXTE

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Mit freundlichen Grüßen,

Gerd Doeben-Henisch

WENN PHILOSOPHISCHE SACHVERHALTE POLITISCH RELEVANT WERDEN

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 3.Januar 2018
URL: cognitiveagent.org
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Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

PDF

INHALT

I Referenzpunkt Wahrheit … 2
II Halbherzige Philosophie … 2
III Das Präsidentenspiel … 2
IV Spitze des Eisbergs … 2
V Die Kultur als Verusacher … 3
VI Wir sind alle infiziert … 3
VII Staatliche De-Formierung von Wissen? … 4
VIII Ein Schluss, der keiner ist … 4
Quellen

THEMA

Die Freilegung von Wahrheit durch philosophisches Denken bleibt wirkungslos, wenn das Alltagsdenken – und die Politik gehört dazu – sich der Wahrheit verweigert.

I. REFERENZPUNKT WAHRHEIT

In einem vorausgehenden Blogeintrag (Siehe DH) war philosophisch aufgezeigt worden, worin die grundsätzliche Wahrheitsfähigkeit des Menschen besteht.

Der Mensch, der Lebensform homo sapiens zugehörig, besitzt nach ca. 13.8 Milliarden Jahren Entwicklungszeit als erste Lebensform des beobachtbaren Universums die welt-verändernde Fähigkeit, durch die Beschaffenheit seiner inneren Struktur den Augenblick zu überwinden, kann Veränderungen erfassen, Muster, Regel,   kann Alternativen denken, kann sich mittels symbolischer Kommunikation mit dem Inneren anderer Lebewesen kurzschließen, und so zu neuartigen internen Bildern von der Welt da draußen kommen.

Zu internen Bildern von der Welt zu kommen, die angemessen sind, die wahr sind, ist zwar nicht einfach, verlangt einen großen gemeinschaftlichen Aufwand, ist aber grundsätzlich bei aller bleibenden Vorläufigkeit möglich. Zugleich wurde auch klar, wie leicht das Erarbeiten von angemessenen Weltbildern von einer Vielzahl von
Faktoren im individuellen wie auch im gemeinschaftlichen Einflussbereich gestört werden kann, so massiv, dass die Bilder unangemessen/ falsch werden können.

II. HALBHERZIGE PHILOSOPHIE

Obwohl Philosophen in vielen Jahrtausenden und Kulturen sich daran versucht haben, das Phänomen der Wahrheit zu fassen, gibt es bis heute kein philosophisches Konzept der Wahrheit, das in allen philosophischen Schulen, in allen Kulturen einheitlich verstanden und akzeptiert ist. Man hat eher den Eindruck, dass gerade die neuere Philosophie – sagen wir seit Ludwig Wittgenstein, um mal einen Referenzpunkt zu nennen – das Konzept von Wahrheit eher wieder aufgegeben hat. Die großartige kritische Arbeit, die ein Wittgenstein geleistet hat, führte damit nicht zu einer Erneuerung des Wahrheitskonzepts, sondern vielmehr zu seiner (vorläufigen) Zerstörung. Man darf sich dann auch nicht wundern, dass in einer solchen philosophisch ungeklärten Lage alle anderen sich ihren eigenen Reim auf Wahrheit machen, bis dahin, dass offensichtlich Falsches oder Unsinniges plötzlich benutzt
werden kann, als ob es ’wahr’ wäre.

Beispiele für das Versagen der menschlichen Kultur bei der Herausforderung, eine wahre Kultur zu sein, sind so vielfältig und überwältigend, dass man den Glauben an die grundsätzliche Wahrheitsfähigkeit fast verlieren könnte …. wüsste man nicht, dass es grundsätzlich möglich ist, und zwar für jeden, überall, zu jeder Zeit…

Hier einige Beispiel für das Versagen an Wahrheit.

 

III. DAS PRÄSIDENTENSPIEL

Der aktuelle Präsident eines der führenden westlichen Ländern der Welt demonstriert täglich, stündlich, fast minütlich, wie sein individuelles internes Weltmodell von der realen Welt gravierend abweicht. Die Kritik, den Spott und Hohn von anderen interpretiert er offenbar nicht als Anfrage an seine Wahrheitsfähigkeit, sondern als
Angriff auf ihn selbst, auf seine Person. Er scheint nicht differenzieren zu können zwischen seinem Denken, das er allen erzählt, und seiner Person, die dieses Denken praktiziert. Wäre er sich bewusst, dass sein Denken falsch sein kann (ein Problem, das in dieser komplexen Welt jeder hat), könnte er das Wahrheitsspiel spielen und die
Kritik konstruktiv aufgreifen, um die Wahrheitsbedingungen seines eigenen Weltmodells zu überprüfen und sein Weltmodell eventuell optimieren. Über die grundlegende Fähigkeit einer wahrheits-geleiteten Selbstkritik scheint er aber nicht zu verfügen. Wäre er ein Ingenieur, der technische Lösung für die Gesellschaft ersinnt und baut,
wäre dieser Mangel das sofortige Aus; ein Ingenieur ohne diese grundlegende Fähigkeit zur Selbstkritik seiner Denkmodelle würde sofort von allen seinen Kollegen als unfähig ausgesondert. Nicht so offensichtlich in der Politik. Jemand, der täglich den Eindruck erweckt, grundsätzlich Wahrheitsunfähig zu sein, darf nicht nur über das Schicksal einer großen Nation entscheiden, er darf auch in das Wechselspiel aller Nationen dieser Welt eingreifen… bis hin zur Einleitung von kriegerischen Handlungen, die das Leben und die Welt vieler, ganzer Völker, betreffen können.

IV. SPITZE DES EISBERGS

Der tägliche Spott und Hohn, der sich über diese so traurig erscheinende Gestalt der Politik ergießt, ist aber selbst traurig und sogar gefährlich.
Dieser, einer grundlegenden Selbstkritik unfähig erscheinende, Präsident ist ja kein isoliertes Phänomen. Es muss sehr viele Millionen Wähler gegeben haben – und wie es scheint, gibt es sie immer noch –, die sein verzerrtes Bild von der Welt teilen und beklatschen. Viele Millionen Bürger eines großen Landes tragen also in sich ein Weltbild mit sich herum, das überaus schlicht, und darin sehr falsch erscheint. Die philosophisch interessante Frage ist dann die, wie es möglich ist, dass ein Land, das als Teil der westlichen Kultur angesehen wird, das wirtschaftlich und technisch als hoch entwickelt gilt, unter seinen Bürgern das Entstehen von individuellen Weltbildern begünstigt und ermöglicht hat, die der Differenziertheit der heutigen dynamischen international vernetzten Wissens- und Finanzgesellschaft in keiner Weise gerecht wird.

Das Bizarre daran ist, dass man dies nicht einmal als Versagen der demokratischen Strukturen anprangern kann, denn diese funktionieren ganz offensichtlich. Nein, nicht die demokratischen Strukturen versagen, sondern die Akteure, die diese demokratische Strukturen leben, diese haben Weltbildern in ihren Köpfen, die hochgradig falsch erscheinen gemessen an dem Wissen, das wir heute über unsere Welt und unsere Prozesse haben können. Und von den vielen potentiellen Wählern, die durch ihre Wahlentscheidung mit entscheiden, welche Akteure zu den zeitlich begrenzten politischen Verantwortlichen werden können, scheint eine hinreichend große Menge an diesen falschen Weltbildern zu partizipieren.

Woher kommen also diese als unangemessen/ falsch erscheinen Weltbildern in den Köpfen der Menschen?

Wenn man irgendwo in einer Provinz weitab den globalen Weltläufen lebt, weitab von technologischen Entwicklungen, weitab von Forschungen, weitab von internationalen Konflikten, begrenzt auf überschaubare (oft religiös verbrämte) Lebensverhältnisse, dann kann man mit vergleichsweise einfachen Weltbildern weit kommen. Kleine Abweichungen im Alltag kann man durch gezielte Ausgrenzungen ’regeln’…
Wenn nun aber diejenigen, die in solchen Gegenden mit einfachen Weltbildern mit wählen können, und damit Einfluss nehmen können auf Politiker, die sich einem globalen Wirtschaftsgeschehen stellen müssen, einer globalen Forschung, einer globalen militärischen Situation, einem globalen Wettbewerb von Ideologien (auch Religionen), einer globalen Klimasituation, einem globalen Ökosystem … dann geraten diese einfachen Weltbilder der Provinz in einen Kontext, für den diese einfachen Weltbilder der Provinz nicht geschaffen sind. Dann kann es passieren, was
passiert ist, dass sich Politiker berufen fühlen, diese vereinfachten Weltbilder zu bedienen, die der differenzierten Weltlage eigentlich nicht gerecht werden. Dann kann die Unwahrheit in den vielen Köpfen zur herrschenden Unwahrheit werden. Damit kann sich ein ganzes Land selbst sprichwörtlich ’an die Wand’ fahren. Niemand kann
sich darüber freuen. Das ist nicht nur traurig, das ist furchtbar für alle direkt und dann auch indirekt Beteiligten.

V. DIE KULTUR ALS VERUSACHER

Wenn so etwas passiert, dass vereinfachte – und darin falsche – Weltbilder politisch die Oberhand bekommen, ist es ein beliebtes Spiel nach Sündenböcken zu suchen, irgendwelche Personen, Gruppierungen, Institutionen, die man namhaft machen möchte für das Zustandekommen eines solchen Zustands. Wenn aber eine ganze Nation über Jahrzehnte flächendeckend ein Bildungssystem und eine Medienlandschaft pflegt, die ganz offensichtlich das Entstehen von solchen flächendeckend vereinfachten Weltbildern ermöglicht, dann ist die Suche nach einem moralischen Sündenbock irreführend. Man muss dann die Frage stellen, ob nicht die gesamte Kultur einer solchen Nation dafür Mit-Verantwortung trägt, was in den Köpfen der Mehrheit ihrer Bürger an Weltanschauungen entsteht? Wenn extreme fundamentalistische, rassistische, moralische Strömungen, ein politisches 2-Kasten-Denken, ein
kaum selbstkritischer Nationalismus, und vieles mehr, über Jahrzehnte sich ungehindert ausleben konnten, wo sollen dann andere, mehr wahrheitsfähige Weltanschauungen herkommen? Welche einzelne Person will man dann zum Hauptbösewicht erklären?

Im historischen Rückblick gibt es zahllose Beispiele wie große Nationen, ganze Kulturen zu Schrott wurden, weil die übergreifenden Muster immer weniger passten, aber innerhalb der Kultur keine nennenswerten Gruppierungen vorhanden waren, das gesamte Muster zu reformieren. Wenn es nur um Machtstrukturen geht, die man zerstören kann, um der Wahrheit einen besseren Raum zu geben, mag vielleicht eine Revolution helfen, wenn es aber um ein kulturelles Muster geht, das in den Köpfen der Menschen verankert ist, dann reicht eine einfache Revolution nicht aus.

 

VI. WIR SIND ALLE INFIZIERT

Der Blick auf den Präsidenten eines großen westlichen Landes und der Hohn, der sich bei vielen findet, steht auf tönernen Füßen.

Ferdinand Kirchhof, Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, ist sicher nicht verdächtig, ein Feind der deutschen Demokratie zu sein. Wenn man seinen umfassenden und zugleich differenzierten Bericht zu den Schwachstellen der Demokratie in Deutschland und Europa liest (Siehe: KIR17), dann kann man unschwer erkennen, wie hier alle Zutaten dazu gegeben sind, dass sich Machteliten von der wählenden Bevölkerung abkoppeln können, selbst wenn diese differenzierte Weltbilder hätten und lebten.

Ein beliebtes Ping-Pong-Spiel der Wählerverachtung geht so: bei aufkommender Kritik an einem allgemeinen Missstand lässt die zuständige Behörde verlauten, dass sie dies nicht ohne die EU angehen könne und daher eine entsprechende Eingabe an die einschlägige EU-Behörde gemacht habe. Die demokratisch nicht kontrollierten
EU-Behörden wiederum – deren intensive Verflechtung mit Lobbyisten mehrfach belegt wurden – tut darauf nichts oder erarbeitet eine Lösung, die zwar der nationalen Behörde genehm ist, nicht aber unbedingt den Wählern. Die nationale Behörde kann den schwarzen Peter dann immer der EU Behörde zuschieben. Auf diese Weise hat sich in vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft eine Klientelpolitik breit gemacht, die dem Bürger ein nachhaltiges Ohnmachtsgefühl vermittelt. Das Aufkommen von populistischen Strömungen dient dann als willkommene Ablenkung
von dem eigenen Demokratieversagen. (Anmerkung: Ein Kriterium für die Demokratieverachtung von Behörden ist u.a. ihr Verhalten gegenüber einer kritischen Presse. In zahllosen Fällen wurden im Jahr 2017 Anfragen von Reportern zu Recherchen schon im Vorfeld einfach abgeblockt. Behörden, die für die Sicherheit der Bürger zuständig sind, verweigern schlicht und einfach ihre Dienste. Ist es nicht  naheliegend, dies als eine moderne Form von ’Machtergreifung’ zu interpretieren?)

 

VII. STAATLICHE DE-FORMIERUNG VON WISSEN?

Moderne, wahrheitsfähige Wissensformen entstehen zu einem großen Teil – idealerweise – in Schulen und Hochschulen. Wissen, das hier nicht vermittelt wird, wirkt sich mit seinem Fehlen oder mit seinen falschen Formaten unmittelbar auf die gesamte Gesellschaft aus.

Dies ist ein komplexes Thema. Einige wenige Eckwerte können aber erahnen lassen, was sich in diesem Bereich aktuell abspielt.

Der gesamte Bildungsbereich ist chronisch unterfinanziert. Auf Länderebene wird das normale Schulsystem von Personen verantwortet, die überwiegend nichts von moderner Wirtschaft, von moderner Wissenschaft – speziell nicht von moderner Technologie – verstehen.

Die Hochschulen werden auf der einen Seite für ihren Normalbetrieb unterfinanziert, um sie auf der anderen Seite erpressbar zu machen, indem das fehlende Geld nur über Förderprogramme zugänglich ist, die von der Politik kontrolliert werden. Entgegen der geltenden Verfassung ist es mittlerweile übliche Praxis, dass junge Professoren
bei ihrer Einstellung darauf verpflichtet werden, auf jeden Fall einen bestimmte Geldbetrag für die Hochschule einzuwerben, obwohl dies den Zielen einer qualifizierten Lehre und einer innovativen Forschung entgegen gesetzt ist. Während die Hochschulen traditionell auch ein wichtiges kritische Korrektiv zur Gesellschaft bilden sollten, das
durch empirische Forschung die konkreten Prozesse in der Gesellschaft (Soziologie, Geschichte, Wirtschaft, Politik..) untersucht, wie sie tatsächlich sind (und nicht, wie sie die parteipolitische verformte Politik gerne sieht), werden diese kritischen Lehr- und Forschungsbereiche beständig weiter abgebaut. Damit macht sich eine Gesellschaft
selbst blind mit wahrscheinlich negativen Folgen, die dann – wie so oft – alle ertragen müssen.

VIII. EIN SCHLUSS, DER KEINER IST

Natürlich könnte man diese Betrachtungen beliebig vertiefen und international weiter ausdehnen. Letztlich wären es nur viele weitere Beispiele für das eine Thema: Die Schwierigkeit, die der homo sapiens im Umgang mit der Wahrheit hat. Obwohl der homo sapiens die erste Lebensform im beobachtbaren Universum ist, die überhaupt
wahrheitsfähig ist, ringt dieser homo sapiens bis heute damit, wie er seine Wahrheitsfähigkeit im komplexen Geflecht einer immer dichteren Weltgesellschaft mit so vielen unterschiedlichen Kulturen und der immer größeren
Beschleunigung in der Technologieentwicklung erhalten, bewahren und weiter entwickeln kann. Die Besonderheit dieser Situation liegt darin, dass sich dieses Problem nicht im Alleingang lösen lässt. Wahrheit ist ein kognitives Gebilde in einem Individuum, das mit der umgebenden Welt und den kognitiven Gebilden der
anderen Individuen koordiniert werden muss. Gelingt solche Koordination im großen Maßstab, dann löst dies große Bewunderungen aus (altes Ägypten, die
Römer, indische und chinesische (und japanische) Kultur, westliche Wissenschaft, Technologie und Finanzsysteme…); stürzt sie in sich zusammen, weil sie an ihrer eigenen Komplexität zerbricht, macht dies ein ungutes Gefühl: man spürt, dass solch eine Koordinierung immer auf tönernen Füßen steht. Kein Mensch kann letztlich gezwungen werden, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten oder zu denken. So grundlegend, wie die Wahrheitsfähigkeit, ist auch die Freiheit. Freiheit geht allem Denken und Wollen voraus.

Warum sollte ein Mensch etwas wollen?

Wenn wir in der Zukunft besser leben wollen als heute, mit mehr Wahrheit und Gerechtigkeit, dann wird dies nur geschehen, wenn es heute Exemplare des homo sapiens gibt, die ihre Wahrheitsfähigkeit und Freiheit auf eine neue, bessere Weise nutzen, als wir es bisher tun. Da der homo sapiens sich nicht selbst erfunden hat, sondern Ergebnis eines übergreifenden Prozesses ist, der offensichtlich größer ist als das einzelne Ergebnis, gibt es eine Anfangshoffnung, dass der homo sapiens prinzipiell eine Chance hat. Die Hoffnung stirbt zuletzt… 🙂

QUELLEN
[DH] Gerd (cagent) Doeben-Henisch. Wahrheit als unabdingbarer Rohstoff einer Kultur der Zukunft. Auf der Suche nach dem neuen Menschenbild, volume https://www.cognitiveagent.org/2017/11/20/wahrheit-als-unabdingbarer-rohstoff-einer-kultur-der-zukunft/. 20. November 2017.
[Kir17] Ferdinand Kirchhof. Demo-crazy? Es gibt neue Risiken für die Demokratie. Die EU ist vom Volk noch weit entfernt. Volksabstimmungen könnten das ändern. In Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), volume 296, page S.7. FAZ, 2017. 21. Dezember 2017.

 

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ZUR ENTDECKUNG DER VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT IN DER GEGENWART. Zwischenbemerkung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 10.Dez. 2017
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

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IDEE

Wenn man gedanklich in komplexen Strukturen unterwegs ist, kann es bisweilen helfen, sich zwischen drin bewusst zu machen, wo man gerade steht,
worum es eigentlich geht. Dies ist so ein Moment.

I. BILDERFLUT AUS MÖGLICHKEIT

Wir leben in einer Zeit, wo die Technik die
Möglichkeit eröffnet hat, Bilder zu erschaffen, die
mehr oder weniger alles zum Gegenstand haben, auch
Unsinniges, Idiotisches, reinste Fantasien, explizite
Lügen, Verleumdungen, … und für einen normalen homo
sapiens, der – bei intaktem Sehvermögen – primär ein
visuell orientiertes Lebewesen ist, führt diese Bilderflut
dazu, dass die wahre Realität sich immer mehr auflöst
in dieser Bildersuppe. Selbst wenn die Bilder noch als
Science Fiction, Fantasy, Crime, … gelabelt werden, im
Gehirn entsteht eine Bildersuppe, wo sich wahres Reales
mit Irrealem zu einem Gebräu mischt, das den Besitzer
dieses Gehirns in einen Dauerzustand der zunehmenden
Desorientierung versetzt. Der einzelne Bildproduzent
mag vielleicht sogar redliche Absichten haben, aber die
Masse der irrealen Bilder folgt ihren eigenen Gesetzen.
Das einzelne Gehirn verliert Orientierungsmarken.
Die Bereitschaft und Neigung von Menschen aller
Bildungsschichten selbst mit Doktortiteln (!), beliebig
wirre populistische, fundamentalistische oder esoterische
Anschauungen über die Welt als ’wahr’ zu übernehmen,
ist manifest und erschreckend. Wenn die grundlegenden
Wahrheitsfähigkeit von Menschen versagt, weil das
Gehirn über zu wenig verlässlich Ankerpunkte in der
Realität verfügt, dann ist alles möglich. Ein alter Lehrsatz
aus der Logik besagt: Aus Falschem folgt alles.

More than Noise – But What?

II. RÜCKERINNERUNG AN DIE WAHRHEIT

In einem vorausgehenden – eher grundlegenden –
Blogeintrag sind jene elementaren Grundstrukturen angesprochen worden, durch die jeder homo sapiens eine elementare Wahrheitsfähigkeit besitzt, auch in
Kommunikation und Kooperation mit anderen.
Aus diesem Text geht hervor, dass es grundsätzlich
möglich ist, dass dies aber kein Selbstgänger ist,
keinen Automatismus darstellt. Das Gelingen von
Wahrheit erfordert höchste Konzentration, erfordert
kontinuierliche Anstrengung, und vor allem auch das
Zusammenspiel vieler Faktoren. Moderne Demokratien
mit einer funktionierenden Öffentlichkeit, mit einem
ausgebauten Bildungs- und Forschungssystem kommen
diesen wissenschaftsphilosophischen Anforderungen
bislang am nächsten.

Wer die Bedeutung dieser Mechanismen zur
Voraussetzung von Wahrheit kennt und sich die
reale Welt anschaut, der kann weltweit eine
starke Rückentwicklung dieser Strukturen und
Prozesse beobachten, eine weltweite Regression
von Wahrheitsprozessen. Die Folgen sind schon jetzt
katastrophal und werden sich eher verstärken. Den Preis
werden letztlich alle zahlen. Wer glaubt, man könne sich
in einem Teilprozess isolieren, der täuscht sich.
Allerdings, im Fall der Wahrheit gelten andere Regel
als rein physikalische: Wahrheit selbst ist ein nicht-
physikalisch beschreibbares Phänomen. Es entstand
gegen alle Physik, es entstand auf eine Weise, die wir
bislang noch nicht richtig verstehen, und es macht im
Ansatz alle zu Verlierern, die sich außerhalb stellen.
Genauso irrational, wie sich weltweit eine Regression
von Wahrheit ereignen kann – und aktuell ereignet –,
genauso bizarr ist zugleich, warum so viele Mächtige
solch eine ungeheure Angst vor Wahrheit haben
(schon immer). Warum eigentlich? Warum gibt es
diesen ungeheuren Drang dazu, andere Menschen
zu kontrollieren, Ihnen Meinungen und Verhalten
vorzuschreiben, Algorithmen zu entwickeln, die die
Menschen in Richtungen leiten sollen, die schon falsch
sind, als sie ausgedacht wurden?

Solange es nur einen einzigen Menschen auf dem
Planet Erde gibt, so lange gibt es die Chance für
Wahrheit. Und so lange es die Chance für Wahrheit gibt,
muss jeder, der Wahrheit verrät, unterdrückt, verleugnet
sich als Verräter sehen, als Feind des Lebens.

More Beyond Noise – How Far away? Which kind of Distance?

III. UNIVERSUM – ERDE – LEBEN

Wenn man zu ahnen beginnt, wie kostbar Wahrheit
ist, wie schwierig sie zu gewinnen ist, und wenn man
weiß, wie viele Milliarden Jahre das Leben auf der
Erde gebraucht hat, um wahrheitsfähig zu werden, auch
noch in den späten Phase der Lebensform homo bzw.
dann des homo sapiens, dann kann man umgekehrt
zu einer geradezu andächtigen Haltung finden, wenn
man sich anschaut, was die modernen experimentellen
Wissenschaften im Laufe der letzten Jahrhundert, sogar
erst in den letzten Jahrzehnten (!!!) alles offenlegen
konnten.

Man bedenke, was wir primär wahrnehmen, das
ist Gegenwart, und die unfassbaren Blicke zurück in
die Vergangenheit der Evolution des Lebens und des
Universums (und möglicher weiterer Universen) liegen
nicht auf der Straße! Die Gegenwart ist Gegenwart und
ihr, der Gegenwart, Hinweise auf eine Zeit davor zu
entlocken, das war – und ist – eine der größten geistigen
Leistungen des homo sapiens.

Die Vergangenheit kann sich ja niemals direkt zeigen,
sondern immer nur dann, wenn eine bestimmte Zeit
mit ihren Strukturen und Prozessen Artefakte erzeugt
hat, die im Fluss der Zeit dann später als Spuren,
Hinweise, vorkommen, die ein Lebewesen dieser neuen
Gegenwart dann auch als Hinweise auf eine andere Zeit
erkennt.

So hat die Geologie irgendwann bemerkt, dass die
verschiedenen Gesteinsschichten möglicherweise
Ablagerungen aus vorausgehenden Zeiten sind.
Entsprechend haben die Biologen aus Versteinerungen
auf biologische Lebensformen schließen können,
die ’früher einmal’ gelebt hatten, heute aber nicht
mehr oder, heute auch, aber eventuell verändert. Die
Physik entdeckte, dass aufgrund der unterschiedlichen
Leuchtkraft gleicher Sternphänomene große Entfernungen im Universum anzunehmen sind, und mit der Fixierung der Geschwindigkeit des Lichts konnte
man auch auf Zeiten schließen, aus denen dieses Licht
gekommen sein muss: man war plötzlich bei vielen
Milliarden Jahren vor der Gegenwart.
Diese wenigen und vereinfachten Beispiele können
andeuten, dass und wie in der Gegenwart Zeichen einer
Vergangenheit aufleuchten können, die unsere inneren
Augen des Verstehens in die Lage versetzen, die scheinbare Absolutheit der Gegenwart zu überwinden und langsam zu begreifen, dass die Gegenwart nur
ein Moment in einer langen, sehr langen Kette von
Momenten ist, und dass es Muster zu geben scheint,
Regeln, Gesetze, Dynamiken, die man beschreiben
kann, die ansatzweise verstehbar machen, warum dies
alles heute ist, wie es ist.

Es versteht sich von selbst, dass diese unfassbaren
Erkenntnisleistungen der letzten Jahrzehnte nicht nur
möglich wurden, weil der Mensch qua Mensch über
eine grundlegende Wahrheitsfähigkeit verfügt, sondern
weil der Mensch im Laufe der letzten Jahrtausende
vielerlei Techniken, Abläufe ausgebildet hat, die ihm
bei diesen Erkenntnisprozessen unterstützen. Man
findet sie im technischen Bereich (Messgeräte, Computer,
Datenbanken, Produktionsprozesse, Materialtechniken, …..), im institutionellen Training
(langwierige Bildungsprozesse mit immer feineren
Spezialisierungen), in staatlichen Förderbereichen, aber
auch – und vielleicht vor allem! – in einer Verbesserung
der Denktechniken, und hier am wichtigsten die
Ausbildung leistungsfähiger formaler Sprachen in vielen
Bereichen, zentral die Entwicklung der modernen
Mathematik. Ohne die moderne Mathematik und formale
Logik wäre fast nichts von all dem möglich geworden,
was moderne Wissenschaft ausmacht.

Wenn man um die zentrale Rolle der modernen
Mathematik weiß und dann sieht, welche geringe Wertschätzung Mathematik sowohl im
Ausbildungssystem wie in der gesamten Kultur einer
Gesellschaft (auch in Deutschland) genießt, dann kann
man auch hier sehr wohl von einem Teilaspekt der
allgemeinen Regression von Wahrheit sprechen.(Anmerkung: Es wäre mal eine interessante empirische Untersuchung, wie viel
Prozent einer Bevölkerung überhaupt weiß, was Mathematik ist. Leider
muss man feststellen, dass das, was in den Schulen als Mathematik
verkauft wird, oft nicht viel mit Mathematik zu tun hat, sondern mit
irgendwelchen Rechenvorschriften, wie man Zeichen manipuliert, die
man Zahlen nennt. Immerhin, mehr als Nichts.)

Im Zusammenspiel von grundlegender Wahrheitsfähigkeit, eingebettet in komplexe institutionelle Lernprozesse, angereichert mit wissensdienlichen
Technologien, haben die modernen experimentellen
Wissenschaften es also geschafft, durch immer
komplexere Beschreibungen der Phänomene und ihrer
Dynamiken in Form von Modellen bzw. Theorien, den
Gang der Vergangenheit bis zum Heute ansatzweise
plausibel zu machen, sondern auf der Basis dieser
Modelle/ Theorien wurde es auch möglich, ansatzweise
wissenschaftlich begründete Vermutungen über die
Zukunft anzustellen.

In einfachen Fällen, bei wenigen beteiligten Faktoren
mit wenigen internen Freiheitsgraden und für einen
begrenzten Zeithorizont kann man solche Vermutungen ü̈ber die Zukunft (kühn auch Prognosen genannt), einigermaßen überprüfen. Je größer die Zahl der
beteiligten Faktoren, je mehr innere Freiheitsgrade, je
weitreichender der Zeitrahmen, um so schwieriger wir
solch eine Prognose. So erscheint die Berechnung des
Zeitpunktes, ab wann die Aufblähung unserer Sonne
aufgrund von Fusionsprozessen ein biologisches Leben
auf der Erde unmöglich machen wird, relativ sicher
voraussagbar, das Verhalten eines einfachen Tieres in
einer Umgebung über mehr als 24 Stunden dagegen ist
schon fast unmöglich.

Dies kann uns daran erinnern, dass wir es in der
Gegenwart mit sehr unterschiedlichen Systemen zu
tun haben. Das Universum (oder vielleicht sogar die
Universen) mag komplex sein, aber es erweist sich
bislang als grundsätzlich verstehbar, ebenfalls z.B. die
geologischen Prozesse auf unserem Heimatplaneten
Erde; das, was die Biologen Leben nennen, also
biologisches Leben, entzieht sich aber den bekannten
physikalischen Kategorien. Wir haben es hier mit
Dynamiken zu tun, die irgendwie anders sind, ohne dass
es bislang gelingt, diese spezifische Andersheit adäquat
zu erklären.

Life is Energy…

IV. KOGNITIVER BLINDER FLECK

Eine Besonderheit des Gegenstandsbereiches
biologisches Leben ist, dass diejenigen, die es
untersuchen, selbst Teil des Gegenstandes sind.
Die biologischen Forscher, die Biologen – wie überhaupt
alle Forscher dieser Welt – sind selbst ja auch Teil
des Biologischen. Als Exemplare der Lebensform
homo sapiens sind sie ganz klar einer Lebensform
zugeordnet, die ihre eigene typische Geschichte hat,
die sich als homo sapiens ca. 200.000 Jahre entwickelt
hat mit einer Inkubationszeit von ca. 100.000 Jahren, in
denen sich verschiedene ältere Menschenformen verteilt
über ganz Afrika partiell miteinander vermischt haben.
Nach neuesten Erkenntnissen hat dann jener Teil, der
dann vor ca. 60.000/ 70.000 Jahren aus Ostafrika
ausgewandert ist, einige tausend Jahre mit den damals
schon aussterbenden Neandertalern im Gebiet des
heutigen Israel friedlich zusammen gelebt, was durch
Vermischungen dann einige Prozent Neandertaler-Gene
im Genom des homo sapiens hinterließ, und zwar bei
allen Menschen auf der heutigen Welt, die gemessen
wurden.

Die Tatsache, dass die erforschenden Biologen selbst
Teil dessen sind, was sie erforschen, muss nicht per
se ein Problem sein. Es kann aber zu einem Problem
werden, wenn die Biologen Methoden zur Untersuchung
des Phänomens biologisches Leben anwenden, die
für Gegenstandsbereiche entwickelt wurden, die keine
biologischen Gegenstände sind.

In der modernen Biologie wurden bislang sehr
viele grundlegende Methoden angewendet, die
unterschiedlichste Teilbereiche zu erklären scheinen: In
Kooperation mit der Geologie konnte man verschiedenen
Phasen der Erde identifizieren, Bodenbeschaffenheiten,
Klima, Magnetfeld, und vieles mehr. In Kooperation
mit Physik, Chemie und Genetik konnten die
Feinstrukturen von Zellen erfasst werden, ihre
Dynamiken, ihre Wechselwirkungen mit den jeweiligen
Umgebungen, Vererbungsprozesse, Generierung neuer
genetischer Strukturen und vieles mehr. Der immer
komplexere Körperbau konnte von seinen physikalisch-
mechanischen wie auch chemischen Besonderheiten her
immer mehr entschlüsselt werden. Die Physiologie half,
die sich entwickelnden Nervensysteme zu analysieren,
sie in ihrer Wechselwirkung mit dem Organismus
ansatzweise zu verstehen. und vieles mehr.

Die sehr entwickelten Lebensformen, speziell dann
der homo sapiens, zeigen aber dann Dynamiken, die
sich den bisher bekannten und genutzten Methoden
entziehen. Die grundlegende Wahrheitsfähigkeit des
homo sapiens, eingebunden in grundlegende Fähigkeit
zur symbolischen Sprache, zu komplexen Kooperation,
zu komplexen Weltbildern, dies konstituiert Phänomene
einer neuen Qualität. Der biologische Gegenstand homo
sapiens ist ein Gegenstand, der sich selbst erklären
kann, und in dem Maße, wie er sich selbst erklärt,
fängt er an, sich auf eine neue, bis dahin biologisch
unbekannte Weise, zu verändern.

Traditioneller Weise gab es in den letzten
Jahrtausenden spezielle Erklärungsmodelle zum
Phänomen der Geistigkeit des homo sapiens, die
man – vereinfachend – unter dem Begriff klassisch-
philosophische Erklärung zusammen fassen kann.
Dieses Erklärungsmodell beginnt im Subjektiven und
hat immer versucht, die gesamte Wirklichkeit aus der
Perspektive des Subjektiven zu erklären.

Die Werke der großen Philosophen – beginnend
mit den Griechen – sind denkerische Großtaten,
die bis heute beeindrucken können. Sie leiden
allerdings alle an der Tatsache, dass man aus der
Perspektive des Subjektiven heraus von vornherein
auf wichtige grundlegende Erkenntnisse verzichtet
hatte (in einer Art methodischen Selbstbeschränkung,
analog der methodischen Selbstbeschränkung der
modernen experimentellen Wissenschaften). Das,
was diese subjekt-basierte und subjekt-orientierte
Philosophie im Laufe der Jahrtausende bislang erkannt
hat, wird dadurch nicht falsch, aber es leidet daran,
dass es nur einen Ausschnitt beschreibt ohne seine
Fundierungsprozesse.

Eigentlich ist das Subjektive (oder das ’Geistige’,
wie die philosophische Tradition gerne sagt) das
schwierigste Phänomen für die moderne Wissenschaft, das provozierendste, aber durch die frühzeitige Selbstbeschränkung der Biologie auf die bisherigen
Methoden und zugleich durch die Selbstbeschränkung
der klassischen Philosophie auf das Subjektive wird
das Phänomen des Lebens seiner Radikalität beraubt.
Es wird sozusagen schon in einer Vor-Verabredung der
Wissenschaften entmündigt.

In einem Folgeartikel sollte dieser blinde Fleck der
Wissenschaften in Verabredung mit der Philosophie
nochmals direkt adressiert werden, etwa: Das Subjektive
im Universum: Maximaler Störfall oder Sichtbarwerdung
von etwas radikal Neuem?

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DAS PHILOSOPHIE JETZT PHILOTOP

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 30.Nov. 2017
URL: cognitiveagent.org
info@cognitiveagent.org

Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

Worum geht’s — Meine Antwort auf die von vielen gestellte
Frage, wie denn die  verschiedenen Seiten untereinander zusammen hängen, war zu schnell (siehe den Blogeintrag vom 14.November ). Hier eine Korrektur.

I. EIN PHILOTOP

Wie man unschwer erkennen kann, ist das Wort
’Philotop’ eine Übertragung von dem Wort ’Biotop’.
Für Biologen ist klar, dass man einzelne Lebensformen
eigentlich nur angemessen verstehen kann, wenn
man ihren gesamten Lebensraum mit betrachtet:
Nahrungsquellen, Feinde, ’Kollaborateure’, Klima, und
vieles mehr.

Ganz ähnlich ist es eigentlich auch mit dem Blog
’Philosophie Jetzt: Auf der Suche …’. Auch diese Ideen
haben sehr viele Kontexte, Herkünfte, wechselseitige
Interaktionen mit vielen anderen Bereichen. Ohne diese
Kontexte könnte der Blog vielleicht gar nicht ’atmen’.

Im Blogeintrag vom 14.November 2017 wurde
verwiesen auf die monatliche Philosophiewerkstatt, in
der in einer offenen Gesprächsrunde Fragestellungen
gemeinsam gedacht werden. Seltener gibt es
die Veranstaltung Philosophy-in-Concert, in der philosophische Ideen, eingebettet in experimentelle Musik, Bildern und Texten ihren Empfänger suchen und
sich auch auf ein Gespräch einlassen.

Schaubild vom Philotop ( die 'Kernbereiche') :-)

Schaubild vom Philotop ( die ‚Kernbereiche‘) 🙂

Die Wechselwirkung mit den nächsten beiden
Blogs liegt für manche vielleicht nicht so auf der
Hand. Aber bedingt durch die langjährige Lehr-
und Forschungstätigkeit von cagent im Bereich des
Engineerings stellte sich heraus, dass gerade das
Engineering der Welt riesige Potentiale für eine
moderne Philosophie bietet, und dies nicht nur einfach
als begriffs-ästhetische Spielerei, sondern mit einem
sehr konkreten Impakt auf die Weise, wie Ingenieure die
Welt sehen und gestalten. Daraus entstand ein Projekt,
das bislang keinen wirklich eigenen Namen hat.

Umschrieben wird es mit ’Integrated Engineering of
the Future’, also ein typisches Engineering, aber eben
’integriert’, was in diesem Kontext besagt, dass die
vielen methodisch offenen Enden des Engineerings hier
aus wissenschaftsphilosophischer Sicht aufgegriffen und
in Beziehung gesetzt werden zu umfassenderen Sichten
und Methoden. Auf diese Weise verliert das Engineering
seinen erratischen, geistig undurchdringlichen Status
und beginnt zu ’atmen’: Engineering ist kein geist-
und seelenloses Unterfangen (wie es von den Nicht-
Ingenieuren oft plakatiert wird), sondern es ist eine
intensive Inkarnation menschlicher Kreativität, von
Wagemut und zugleich von einer rationalen Produktivität,
ohne die es die heutige Menschheit nicht geben würde.

Das Engineering als ein Prozess des Kommunizierens
und darin und dadurch des Erschaffens von neuen
komplexen Strukturen ist himmelhoch hinaus über
nahezu allem, was bildende Kunst im Kunstgeschäft
so darbietet. Es verwandelt die Gegenart täglich und
nachhaltig, es nimmt Zukünfte vorweg, und doch fristet
es ein Schattendasein. In den Kulturarenen dieser Welt,
wird es belächelt, und normalerweise nicht verstanden.
Dies steht  im krassen Missverhältnis zu seiner Bedeutung.
Ein Leonardo da Vinci ist ein Beispiel dafür, was es
heißt, ein philosophierender Ingenieur gewesen zu sein,
der auch noch künstlerisch aktiv war.
Innerhalb des Engineerings spielt der Mensch in
vielen Rollen: als Manager des gesamten Prozesses, als mitwirkender Experte, aber auch in vielen Anwendungssituationen als der intendierte Anwender.

Ein Wissen darum, wie ein Mensch wahrnimmt, denkt,
fühlt, lernt usw. ist daher von grundlegender Bedeutung. Dies wird in der Teildisziplin Actor-Actor-Interaction (AAI) (früher, Deutsch, Mensch-Maschine Interaktion oder,
Englisch, Human-Machine Interaction), untersucht und methodisch umgesetzt.

Die heute so bekannt gewordene Künstliche Intelligenz
(KI) (Englisch: Artificial Intelligence (AI)) ist ebenfalls ein
Bereich des Engineerings und lässt sich methodisch
wunderbar im Rahmen des Actor-Actor Interaction
Paradigmas integriert behandeln. Im Blog wird es unter
dem Label Intelligente Maschinen abgehandelt.
Sehr viele, fast alle?, alle? Themen aus der
Philosophie lassen sich im Rahmen des Engineerings,
speziell im Bereich der intelligenten Maschinen als Teil
des Actor-Actor-Interaction Paradigmas neu behandeln.

Engineering ist aber nie nur Begriffsspielerei.
Engineering ist immer auch und zuvorderst Realisierung
von Ideen, das Schaffen von neuen konkreten Systemen,
die real in der realen Welt arbeiten können. Von daher
gehört zu einer philosophisch orientierten künstlichen
Intelligenzforschung auch der Algorithmus, das lauffähige
Programm, der mittels Computer in die Welt eingreifen
und mit ihr interagieren kann. Nahezu alle Themen der
klassischen Philosophie bekommen im Gewandte von
intelligenten Maschinen eine neue Strahlkraft. Diesem
Aspekt des Philosophierens wird in dem Emerging-Mind
Lab Projekt Rechnung getragen.

Mit dem Emerging-Mind Lab und dessen Software
schließt sich wieder der Kreis zum menschlichen
Alltag: im Kommunizieren und Lernen ereignet sich
philosophisch reale und mögliche Welt. Insoweit intelligenten Maschinen aktiv daran teilhaben können, kann dies die Möglichkeiten des Menschen spürbar erweitern. Ob zum Guten oder Schlechten, das entscheidet
der Mensch selbst. Die beeindruckende Fähigkeit von
Menschen, Gutes in Böses zu verwandeln, sind eindringlich belegt. Bevor wir Maschinen verteufeln, die wir
selbst geschaffen haben, sollten wir vielleicht erst einmal
anfangen, uns selbst zu reformieren, und dies beginnt
im Innern des Menschen. Für eine solche Reform des
biologischen Lebens von innen gibt es bislang wenig bis
gar keine erprobten Vorbilder.

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WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE IM ALLTAG. Wahrheit im Dauerversuch

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 26.Nov. 2017
URL: cognitiveagent.org
info@cognitiveagent.org

Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

INHALT

I Wissenschaftsphilosophie und Wahrheit …1
II Interdisziplinär und Unterschiede …2
III Interdisziplinäres Projekt…2
III-A Einzelvorschläge zum Begriff ’Simulation’ . . . . . . . .3
III-B Vernetzung der Einzelvorschläge . ….3
III-C Formalisierungsversuch . . . . . . . . 4
Weiter zur Wahrheit …7
IV Literaturverweise …8

WORUM ES GEHT

‚Wissenschaftsphilosophie‘ klingt für die meisten sehr abstrakt. Wendet man sich aber dem Alltag zu und betrachtet ein – fast beliebiges – Beispiel, dann kann man
schnell entdecken, dass eine wissenschaftsphilosophische
Sehweise sehr konkret – und auch sehr praktisch – werden
kann. Dies wird in diesem Beitrag illustriert.

PDF

I. WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE UND WAHRHEIT

In einem vorausgehenden Beitrag in diesem Blog mit
der Überschrift ”WAHRHEIT ALS UNABDINGBARER
ROHSTOFF EINER KULTUR DER ZUKUNFT”  wurde
besprochen, welche Mechanismen uns Menschen
zur Verfügung stehen, um wahre Aussagen über
die Welt und uns selbst machen zu können. Die
Blickweise, die hinter diesen Überlegungen stand,
war die der Wissenschaftsphilosophie. Aber was ist
’Wissenschaftsphilosophie’? Warum ist diese Blickweise
so wichtig?

’Wissenschaftsphilosophie’ ist, wie der Name schon
andeutet, ein Teil der philosophischen Blickweise auf die
Welt.

Während sich die Einzelwissenschaften aufgrund ihrer
spezifischen Interessen auf ’Teilgebiete der erfahrbaren
Wirklichkeit’ festlegen und diese im Rahmen des Paradigmas der experimentellen Wissenschaften im Detail erforschen, versteht sich eine philosophische
Blickweise als jene, die nicht von vornherein
Ausgrenzungen vornimmt, sondern alle Phänomene
zulässt, die sich dem menschlichen Bewusstsein zur
Erfahrung geben. Ein philosophisches Denken legt sich
auch nicht auf einige wenige Methoden fest, sondern
erlaubt zunächst einmal alles, was geht.
Eine so verstandene philosophische Blickweise hat
Vor- und Nachteile. Die Nachteile liegen auf der Hand:
der Verzicht auf eine wie auch immer geartete Vorweg-
Zensur von Erfahrung konfrontiert einen Philosophen
von vornherein mit einer solchen Fülle von Phänomen
und Methoden, dass es im Allgemeinen schwer ist,
hier auf einfache und schnelle Weise zu strukturierten
Erkenntnissen zu kommen.

Andererseits, schaut man sich die fortschreitende
Zersplitterung der Einzelwissenschaften an, dann
trifft man auch hier auf eine methodisch bedingte
Vielfalt, die bislang nicht systematisch integriert ist.
Zum aktuellen Zeitpunkt ist es nicht einmal abzusehen,
wann und wie diese immensen, sich gegenseitig
ausschließenden Datengebirge und Teildeutungen, sich
irgendwann zu einem einzigen großen integrierten
Ganzen zusammenfügen lassen lassen.

Die philosophische Blickweise als solche trägt im
Prinzip den Keim der Integration in sich, da sie ja
nicht auf Teilaspekte der Wirklichkeit abonniert ist,
sondern im Prinzip für alles offen ist. So kann sie sich
die Ergebnisse der Einzelwissenschaften vornehmen
und versuchsweise, spielerisch die verschiedenen
Erkenntnisse z.B. zum subjektiven Bewusstsein, zum
objektiven Verhalten oder zum objektiven Körper
aufgreifen, miteinander in Beziehung setzen, und
versuchen, die darin verborgenen Zusammenhänge
sichtbar zu machen.

Philosophen können dies irgendwie machen, oder
sie können sich im Jahr 2017 die denkerischen
Vorarbeiten der Wissenschaftsphilosophen aus den
letzten ca. 150 Jahren zu Nutze machen. Diese haben nämlich spezielle Teilaspekte der Wirklichkeit, des Denkens, der Wissenschaften systematisch untersucht.
Dazu gehören Themen wie Messen, Modellbildung,
logische Argumentation, Überprüfung eines Modells,
Simulation, und vieles mehr. Im Endeffekt haben die
Wissenschaftsphilosophen untersucht, wie das Konzept
einer experimentellen Wissenschaften überhaupt
funktioniert, unter welchen Umständen experimentelle
Theorien wahr sind, und unter welchen Bedingungen
man verschiedene Theorien integrieren kann.

Da das Thema Wissenschaftsphilosophie für sich
sehr umfassend ist und in vielen Bereichen nicht gerade
einfach zu erklären ist, sei an dieser Stelle auf eine solche
umfassende Darstellung verzichtet (Vergleiche dazu z.B.: [Sup79], [Sne79],
[Bal82], [BMS87]). Stattdessen sei hier ein einfaches (reales) Beispiel aus dem (realen) Alltag
vorgestellt, wie es jeder erleben kann oder schon erlebt
hat.

II. INTERDISZIPLINÄR UND UNTERSCHIEDE

Das Wort Interdisziplinär ist heute ja ein
richtiges Modewort, um das Zusammenarbeiten
von unterschiedlichen Disziplinen, Experten mit
unterschiedlichem Knowhow, unterschiedlichen
Erfahrungen zu etikettieren.

Während wir in den verschiedenen Gesellschaften
in Europa und weltweit zunehmend eher wieder
Phänomene der Abgrenzung beobachten, der
Ausgrenzung, der Abschottung, der identitätserhaltenden
Gruppenbildung, haben wir immer mehr international
operierende Firmen, in denen die Zusammenarbeit
von Menschen aus vielen Nationen (bis über 100)
Alltag ist und funktioniert. Es spielt nicht wirklich eine
Rolle, aus welchem Land jemand kommt, welche
Religion er hat, wie sie sich kleidet, was jemand isst,
solange alle im Rahmen der gestellten Aufgabe friedlich
zusammenwirken können. Auch in den Wissenschaften
ist dies eigentlich Alltag. Mathematik ist für alle gleich und
die Welt, die es zu erforschen gilt, ist auch für alle gleich.
Ähnlich ist es in den großen internationalen Metropolen
dieser Welt. Dort leben ganz viele verschiedene Kulturen
so lange friedlich zusammen, so lange niemand anfängt,
bewusst Hass und Zwietracht zu streuen.

Andererseits scheint das Phänomen der Abgrenzung
ein tief sitzender Reflex im menschlichen Verhalten
zu sein. Denn überall, wo Menschen leben und
es in der jeweiligen Gemeinschaft unterschiedliche
Gruppen – alleine schon wegen der notwendigen und
fortschreitenden Spezialisierungen – gibt, tendiert jede
Gruppe dazu, sich von den anderen abzugrenzen.
Es ist letztlich eine kognitive Entlastungsstrategie: es
ist immer einfacher, sich nur dem den Eigenschaften
und Regeln der eigenen Gruppe zu beschäftigen, als
zusätzlich auch noch mit den Eigenheiten und Regeln
einer anderen Gruppe. Dies strengt an und belastet.
Zu diesem Zweck gibt es allgemeine Verhaltensregeln,
die einem im Alltag Entscheidungen abnehmen, und
es gibt Klischees, Stereotype, mit denen man andere
Gruppen – und damit auch die einzelnen Mitglieder
der anderen Gruppen – mit einem einzigen Wort
in eine große Kiste von Klischees einsortiert. Dies
fängt schon im Bereich der Familie an, und erstreckt
sich dann über Schulklassen, Schulen, Abteilungen
in Behörden und Betrieben zu ganzen Einrichtungen,
Stadtteilen, Volksgruppen. Im ’Normalbetrieb’ verläuft
dies friedlich, ohne direkte Auseinandersetzungen, ist
fester Bestandteil von Witzen, Volksbelustigungen und
vielen Fernsehsendungen und Filmen.

Im Konfliktfall sind diese Vorurteile aber wie trockenes
Holz, das sich blitzschnell entzünden kann, und mit
einem Mal sind die Nachbarn, die Arbeitskolleginnen,
und die Leute aus dem anderen Stadtteil nicht einfach
nur anders, sondern gefährlich anders, moralisch anders,
überhaupt anders. Aus unverfänglichen Unterschieden
werden plötzlich metaphysische Ungeheuer. Die
gedankliche Bequemlichkeit, die sich im Alltag im
Gebrauch von Klischees ausruht, wird zur gedanklichen
Hilflosigkeit, die im Stress einfach wild um sich schlägt,
und dann natürlich auf das haut, was sie in ihrer
vereinfachten Weltsicht kennt: auf die stereotypen
Unterschiede, die plötzlich die ganze Welt bedeuten.

III. INTERDISZIPLINÄRES PROJEKT

Während interdisziplinäres Zusammenarbeiten in
großen Firmen und Behörden von Metropolen Alltag ist,
tun sich die Bildungseinrichtungen, speziell Hochschulen
in Deutschland, damit noch schwer. Selbst an einer
Hochschule in einer internationalen Metropole, an der
junge Menschen aus mehr als 100 Nationen studieren,
gibt es nur einen verschwindend geringen Anteil von
wirklich interdisziplinären Studienprogrammen. Die
Lehrenden mögen solche Veranstaltungen nicht, da
der normal Lehrende ein Spezialist ist; auch die
Fachbereichsstrukturen an Hochschulen stehen einer
wirklichen Interdisziplinarität massiv im Wege, und die
Hochschulleitungen sind heute von der Realität der
Lehre in ihren eigenen Hochschulen meist so weit
entfernt, dass sie in der Regel gar nicht wirklich wissen,
wie der Alltag der Lehre aussieht.

Das folgende Beispiel stammt aus einer realen
Lehrveranstaltung von einer realen Hochschule mit
Studierenden aus mehr als 100 Nationen, an der es
offiziell genau zwei interdisziplinäre Studienprogramme
gibt. Im Rahmen des einen Programms gibt es ein Modul,
in dem sich Studierende aus verschiedenen Disziplinen
mit dem Begriff der Simulation auseinander setzen sollen.

So gibt es in diesem Modul z.B. Studierende
aus den Disziplinen soziale Arbeit, Pflege, Case
Management, Architektur, Maschinenbau, Elektrotechnik
und Informatik.

A. Einzelvorschläge zum Begriff ’Simulation’

Das Modul ist so angelegt, dass alle Beteiligten
im Rahmen von Kommunikationsprozessen, eigenen
Recherchen und eigenen Experimenten schrittweise
ihr bisheriges Verständnis des Begriffs ’Simulation’
verfeinern und mit den Vorstellungen der jeweils
anderen Disziplinen integrieren, falls möglich. Im
Folgenden Beispiele von Formulierungen, wie der Begriff
Simulation’ zu Beginn von den Teilnehmern umschrieben
wurde.

  • Team A: Unter Simulation versteht man ein realitätsnahes Nachbilden von Situationen.
    • Ein virtueller Raum wird mit Hilfe von Visualisierungsprogrammen realistisch dargestellt .
    • Nach einer Abbildung mit verschiedenen Programmen kann das Modell mit Hilfe von Grundrissen geschaffen werden.
    • Verschiedene Gebäudetypen, zum Beispiel:
      öffentliche, kulturelle oder soziale Einrichtungen,
      können simuliert werden.
    • Der Außenraum bzw. die Umgebung wird beim
      Entwurf mitberücksichtigt und 3D visualisiert.
    • Durch Materialität, Textur, Lichtverhältnissen
      und Schattierungen wird versucht, den Entwurf
      realitätsnah wie möglich darzustellen.
    • Konstruktionen können in Simulationsprogrammen ebenfalls detailliert ausgeführt werden.
  • Team B: Simulation ist eine Methode Situationen abzubilden, z.B. räumliche Wirkungen, Umwelteinflüsse, Szenarien, um effektiv Probleme und
    Lösungen zu analysieren.
  • Team C: Die Analyse von möglichen Problemen
    im Alltag. Die Nachbildung von Anwendungsfällen
    wie zum Beispiel Flugsimulation und Wettersimulation. Die Optimierung von Systemen und Prozessen.
    Komplexe Sachverhalten zu vereinfachen und (visuell) darzustellen. Es ist eine kostengünstigere Variante als die tatsächliche Umsetzung. Es werden in
    einer Simulation Prognosen und Voraussagen erstellt.
  • Team D:
    1. Analyse von Systemen vor der praktischen An-
      wendung
    2. Die Simulation ist ein Bestandteil eines Produktlebenszyklus. Dabei lassen sich die Entwicklungsschritte wie folgt definieren:
      1. Konzeptentwicklung
      2. Simulation
      3. Konstruktiond) Produktherstellung
      4. Integration im System
    3. Optimierung von einem bestehendem Prozess
      mit Ziel die Effizienz und die Fehlerbehebung
      zu verbessern −→ Prozessoptimierung
  • Team E: Unter dem Begriff ”Simulation” ist das
    theoretische bzw. praktische Durchspielen unterschiedlicher Szenarien zu verstehen. Das Durchspielen oder auch Verifizieren der Situation lässt
    die Übertragung von komplexen Aussagen über das
    mögliche Verhalten des gewählten Klientels zu. Das
    Ergebnis kann auf die Realität projiziert werden,
    ohne damit laufende Prozesse negativ zu beeinflussen.
  • Team F : Eine Simulation ist eine modellhafte
    Darstellung einer möglichen oder reellen Situation.
    Die Situation kann sowohl prospektiv als auch retrospektiv sein. Sie dient der Analyse, Übung und Optimierung verschiedener Prozesse beziehungsweise
    einzelner Prozessabläufe.
  • Team G: Simulationen in der sozialen Arbeit bieten die Möglichkeit insbesondere ethisch schwierig
    vertretbare oder praktisch schwierig umsetzbare Situationen experimentell darzustellen und dadurch
    präventiv Kompetenzen zu erwerben, Lerninhalte
    zu erarbeiten, Lösungsansätze zu entwickeln und
    Problem- bzw. Konfliktsituationen zu vermeiden.
  • Team H: Simulation im Beratungskontext meint das
    Herstellen realitätsnaher Szenarien, um das Verhalten von Personen in speziellen Situationen erproben,
    beobachten und evaluieren zu können.
B. Vernetzung der Einzelvorschläge

Diese Textfragmente wirken unterschiedlich und tragen
deutlich Spuren der unterschiedlichen Fachkulturen. So
ist das Team A unschwer als Team aus dem Bereich
Architektur zu erkennen, oder Team C: das klingt sehr
nach einem technischen Hintergrund. Team E klingt
nach sozialer Arbeit oder Case Management. usw.

Was macht man nun damit?

Es gab ein Live-Gespräch, bei dem die einzelnen
Formulierungen nacheinander diskutiert wurden
und einzelne Begriffe, die hervor stachen, wurden
versuchsweise auf ein Whiteboard geschrieben (siehe
Schaubild Nr. 1).

Bild Nr.1: Tafelbild aus einer Live-Diskussion

Bild Nr.1: Tafelbild aus einer Live-Diskussion

Für einen Unbeteiligten wirkt dieses Bild vermutlich
noch ein wenig ’wirr’, aber bei näherem Hinsehen kann
man die Umrisse einer ersten Struktur erkennen.
In einer im Anschluss erstellten Idealisierung des
ersten Tafelbild (siehe Schaubild Nr. 2) kann man die
in diesen Begriffen liegende verborgene Struktur schon
deutlicher erkennen.

Reinzeichnung des Tafelbildes

Reinzeichnung des Tafelbildes

Man erkennt abgrenzbare Bereiche, Komponenten
wie z.B. die reale Welt oder das Ersatzsystem, Modell,
oder auch so etwas wie die Idee von etwas Neuem.
Zwischen diesen Komponenten findet man Beziehungen
wie Nachbilden oder Erfinden oder Modell nutzen.

Offensichtlich passen diese Größen nicht in das
klassische Schema einer Definition, bei dem ein neuer
Begriff (das ’Definiendum’) durch schon bekannte
Begriffe (das ’Definiens’) ’erklärt’ wird (vgl. dazu [Mit95] und [San10]), sondern es ist
eher die Einführung eines neuen Bedeutungsfeldes im
Sinne einer axiomatischen Theorie: man benennt eine
Reihe von Komponenten, von denen man annimmt, dass
sie alle wichtig sind, beschreibt Beziehungen zwischen
diesen Komponenten, die man ebenfalls für wichtig
findet, und nennt dann das Ganze ’Simulation’. Eine
zunächst diffuse Wirklichkeit gewinnt dadurch Konturen,
gewinnt eine Struktur.

Ob diese sich so heraus schälende Struktur wirklich
brauchbar ist, irgendwelche Wahrheitsansprüche
einlösen lässt, das kann man zu diesem Zeitpunkt
noch nicht entscheiden. Dazu ist das Ganze noch
zu vage. Andererseits gibt es an dieser Stelle auch
keine festen Regeln, wie man solche Strukturen
herausarbeitet. Auf der einen Seite sammelt man
Phänomene ein, auf der anderen Seite sucht man
Begriffe, sprachliche Ausdrücke, die passen könnten.
Was einem auffällt, und wie man es dann anordnet,
hängt offensichtlich von aktuellen Interessen, verfügbarer
Erfahrung und verfügbarem Sprachwissen ab. Drei
verschiedene Personen kämen isoliert vermutlich zu drei
unterschiedlichen Ergebnissen.

Man kann jetzt bei dem Schaubild stehen
bleiben, oder man kann das Instrumentarium der
Wissenschaftsphilosophie weiter nutzen indem man
z.B. eine formale Strukturbildung versucht. Unter
Verwendung einer mengentheoretischen Sprache
kann man versuchen, die erkannten Komponenten
und Beziehungen in mathematische Strukturen
umzuschreiben. Falls es gelingt, führt dies zu noch
mehr struktureller Klarheit, ohne dass man irgendwelche
Feinheiten opfern müsste. Man kann im Verlauf eines
solchen Formalisierungsprozesses Details nach Bedarf
beliebig ergänzen.

C. Formalisierungsversuch

Das idealisierte Schaubild lässt erkennen, dass wir
es mit drei Wirklichkeitsbereichen zu tun haben: (i)
die Reale Welt (W) als Ausgangspunkt; (ii) die Welt
der kreativen Ideen (KID) als Quelle möglicher neuer
Gegenstände oder Verhaltensweisen; und verschiedene
Ersatzsysteme, Modelle (M), mittels deren man etwas tun kann.

Unter Voraussetzung dieser genannten Gegenstandsbereiche W, KID, M wurde folgende wichtige Beziehungen genannt, die zwischen diesen
Gegenstandsbereichen angenommen wurden:

  1. Nachbilden, Abbilden (Abb): Bestimmte Aspekte
    der realen Welt W werden in einem Ersatzsystem,
    in einem Modell M so nachgebildet, dass man
    damit etwas tun kann. Außerdem soll das Modell
    u.a. realitätsnah sein, Kosten sparen, und Risiken
    vermindern.
  2. Erfinden (Erf): Aufgrund von kreativen Ideen KID
    wird ein Modell M erstellt, um diese Ideen sichtbar
    zu machen.
  3. Simulieren (Sim): Hat man ein Modell M gebaut,
    dann können Menschen (ME) mit dem Modell
    unterschiedliche Simulationen für unterschiedliche
    Zwecke vornehmen. Aufgrund von Simulationen
    werden die Menschen Erfahrungen (X+) mit dem
    Modell sammeln, die zu einem verbesserten Verhalten (V+) auch in der realen Welt führen können, zugleich kann aufgrund dieser Erfahrungen das
    bisherige Modell oft auch optimiert werden; man
    kommt also zu einem optimierten Modell (M+).
  4. Transfer (Trans): Aufgrund von neuen Erfahrungen
    (X+) und einem möglicherweise optimierten Modell
    (M+) besteht die Möglichkeit, dass man im Ausgangspunkt, in der realen Welt (W), Sachverhalte und Abläufe ändert, um die Verbesserungen im
    Modell und im neuen Verhalten in die reale Welt,
    in den Alltag, einzubringen. Würde man dies tun,
    dann erhielte man eine verbesserte Welt (W+).

Diese Vorstrukturierung kann man nun weiter treiben und tatsächlich eine mathematische Struktur hinschreiben. Diese könnte folgendermaßen aussehen:

— Siehe hierzu das PDF-Dokument —

Der Ausdruck zu Nummer (1) besagt, dass etwas (x) genau nur dann (iff) eine Simulation (SIMU) genannt wird, wenn es die folgenden Komponenten enthält: W, W+ M, M+ , KID, X+ , ME. Zusätzlich werden folgenden Beziehungen zwischen diesen Komponenten angenommen: Abb, Erf, Sim, Trans. Welcher Art diese Beziehungen sind, wird in den folgenden Nummern (2) – (5) erläutert.

In der Abbildungsbeziehung Abb : ME × W−→ M werden Aspekte der realen Welt W von Menschen ME in ein idealisierendes Modell M abgebildet.

In der Erfindungsbeziehung Erf : ME × KID −→ M werden Aspekte aus der Welt der Ideen KID von Menschen ME in ein idealisierendes Modell M abgebildet.

In der Simulationsbeziehung Sim : ME × M −→ M+ × X+ benutzen Menschen ME Modelle M und machen dadurch neue Erfahrungen X+ und können u.a. das Modell verbessern, optimieren M+ .

In der Transferbeziehung  rans : ME × M+ × X+ −→ W+ können Menschen ME optimierte Modelle M+ und/ oder neue Erfahrungen X+ in ihren Alltag, in die reale Welt so einbringen, dass die bisherige Welt zu einer besseren Welt M+ verändert wird.

IV. WEITER ZUR WAHRHEIT

An diesem kleinen Beispiel wird deutlich, wie man
unterschiedliche alltagssprachliche Formulierungen
miteinander vernetzen kann, daraus Strukturen
herausarbeitet, und diese ansatzweise formalisiert.

Um einen möglichen Wahrheitsanspruch dieser
Formalisierung klären zu können, müsste nun weiter
herausgearbeitet werden, was mit den einzelnen
Größen dieser Struktur gemeint ist. Also, wenn man die
Beziehung Abbildung liest ( Abb : ME × W −→ M), müsste klar sein, welche Menschen gemeint sind, die dort eine Abbildungsbeziehung herstellen, und was
müsste man sich konkret darunter vorstellen, dass
Menschen Aspekte der Welt (W) in ein Modell (M)
abbilden?

Wenn ein Kind ein Stück Holz benutzt, als ob es
ein Spielzeugauto ist, mit dem es auf dem Boden
herumfährt und dazu ’BrumBrum’ macht, dann ist für
das Kind das Stück Holz offensichtlich ein Modell für ein
Autor aus der realen Welt, seine Bewegungen simulieren
das Herumfahren, und das ’BrumBrum’ simuliert das
Motorgeräusch (bald nicht mehr, vielleicht).

Wenn Architekten (früher) aus Gips ein Gebäude im
Maßstab angefertigt hatten, es in eine Modelllandschaft
stellten, und dies einer Lichtquelle aussetzten, die
analog der Sonne bewegt wurde, dann war offensichtlich
das Gipshaus in der Landschaft mit der Lichtquelle
ein Modell des Schattenwurfs eines Gebäudes bei
Sonnenlicht.

Wenn Pflegestudierende heute an einem Krankenbett
mit einer künstlichen Puppe üben, wie man verschiedene
Pflegetätigkeiten ausübt, dann ist diese Puppe im Bett
offensichtlich ein Modell des realen Patienten, an dem
man übt.

Wenn Case Managerinnen in Rollenspielen
Beratungsgespräche üben, dann sind diese Rollen,
die sie ausfüllenden Personen, und die stattfindenden
Interaktionen ein Modell der realen Situation.

Wenn Informatikstudierende am Computerbildschirm
Schaltungen zusammenbauen, dann sind diese Software
basierten Bauteile und Schaltungen offensichtlich
Modelle von richtigen Bauteilen und den daraus
konstruierten Schaltungen.

Die Liste der hier möglichen Beispiele ist potentiell
unendlich lang.

Die Abbildung von Aspekten der realen Welt in
Ersatzsysteme, die wie Modelle fungieren, anhand bzw.
mittels deren man üben kann, analysieren usw. ist
offensichtlich sehr grundlegend.

Ob solch ein modellierendes Ersatzsystem und
die damit möglichen Handlungen die abzubildende
Wirklichkeit hinreichend gut abbilden, oder ob sie diese
so verzerren, dass das Modell bezogen auf die reale
Welt falsch ist, dies zu beurteilen ist nicht immer ganz
einfach oder vielleicht sogar unmöglich. Schwierig und
unmöglich ist dies dann, wenn das erarbeitete Modell
etwas zeigt, was in der realen Welt selbst durch die
Verwobenheit mit anderen Faktoren gar nicht sichtbar
ist, wenn also dass Modell überhaupt erst etwas sichtbar
macht, was ansonsten verdeckt, verborgen ist. Damit
würde das Modell selbst zu einer Art Standard, an dem
man die reale Welt misst.

Was im ersten Moment absurd klingt, ist aber genau
die Praxis der Wissenschaften. Das Ur-Meter, das als
Standard für eine Längeneinheit vereinbart wurde, ist
ein Modell für eine bestimmte Länge, die überall in
der räumlichen Welt angetroffen werden kann, aber
ohne das Ur-Meter können wir nicht sagen, welche der
unendlich vielen Stellen nun einem Meter entspricht. Wir
benutzen also ein künstlich erschaffenes Modell einer
bestimmten Länge, um damit die ansonsten amorphe
reale Welt mit Plaketten zu überziehen. Wir projizieren
das Ur-Meter in die reale Welt und sehen dann überall
Längen, die die realer Welt als solche nicht zeigt. Zu
sagen, diese Strecke hier in der realen Welt ist 1 m lang,
ist eine Äußerung, von der wir normalerweise sagen
würden, sie ist wahr. Wahrheit ist hier eine Beziehung
zwischen einer vereinbarten Einheit und einem Aspekt
der realen Welt.

Im allgemeinen Fall haben wir irgendwelche
sprachlichen Ausdrücke (z.B. Abb : ME × W −→ M), wir ordnen diesen sprachlichen Ausdrücke davon unabhängige Bedeutungen zu, und stellen dann fest,
ob es in der realen Welt Sachverhalte gibt, die mit
dieser vereinbarten Bedeutung korrespondieren oder
nicht. Falls Korrespondenz feststellbar ist, sprechen
wir von Wahrheit, sonst nicht. Eine solche Wahrheit ist
aber keine absolute Wahrheit, sondern eine abgeleitete
Wahrheit, die nur festgestellt werden kann, weil zuvor
eine Bedeutung vereinbart wurde, deren Korrespondenz
man dann feststellt (oder nicht). Sprachlich gefasste
Wahrheiten können also immer nur etwas feststellen,
was zuvor vereinbart worden ist (wie beim Ur-Meter), und
man dann sagt, ja, das früher vereinbarte X liegt jetzt
hier auch vor. Und diese grundsätzliche Feststellung,
diese ist fundamental. Sie erlaubt, in den veränderlichen
vielfältigen Bildern der Welt, ansatzweise Ähnlichkeiten,
Wiederholungen und Unterschiede feststellen zu
können, ohne dass damit immer schon irgendwelche
letzten absoluten Sachverhalte dingfest gemacht werden.

Die moderne Wissenschaft hat uns demonstriert, wie
dieses einfachen Mittel in vielen kleinen Schritten über
Jahrzehnte hinweg dann doch zu sehr allgemeingültigen
Sachverhalten hinführen können.

LITERATURHINWEISE

[Bal82] W. Balzer, editor. Empirische Theorien: Modelle, Strukturen,
Beispiele. Friedr.Vieweg & Sohn, Wiesbaden, 1 edition, 1982.

[BMS87] W. Balzer, C. U. Moulines, and J. D. Sneed. An Architectonic
for Science. D.Reidel Publishing Company, Dordrecht (NL),
1 edition, 1987.

[Mit95] Jürgen Mittelstrass, editor. Enzyklopädie Philosophie und
Wissenschaftstheorie Teil: Bd. 1., A – G. Verlag J.B. Metzler,
Stuttgart – Weimar, 1 edition, 1995.

[San10] Hans Jörg Sandkühler, editor. Enzyklopädie Philosophie,
Bd.1-3. Meiner Verlag, Hamburg, 1 edition, 2010.

[Sne79] J. D. Sneed. The Logical Structure of Mathematical Physics.
D.Reidel Publishing Company, Dordrecht – Boston – London,
2 edition, 1979.

[Sup79] F. Suppe, editor. The Structure of Scientific Theories. Uni-
versity of Illinois Press, Urbana, 2 edition, 1979.

KONTEXT BLOG

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PHILOSOPHIE-JETZT-MENSCHENBILD PLANETENSYSTEM :-)

Philosophie Jetzt als Planetensystem: eJournal Philosophie Jetzt - Philosophiewerkstatt - Philosophy-in-Concert

Philosophie Jetzt als Planetensystem: eJournal Philosophie Jetzt – Philosophiewerkstatt – Philosophy-in-Concert

Da ich jetzt schon mehrfach darauf angesprochen wurde, dass die vielen Links auf so verschiedene Ereignisse verwirren können, hier mal der Versuch eines Schaubildes mit dem eJournal ‚Philosphie Jetzt – Auf der Suche nach dem neuen Menschenbild‘ im Zentrum (Beiträge, wenn es halt passiert) und den beiden ‚Trabanten‘ ‚Philosophiewerkstatt‚ (monatlich) und ‚Philosophy-in-Concert‚ (bisher 1-2 x pro Jahr).

SUCHT UND FREIHEIT. PSYCHOLOGISCH, PSYCHOTHERAPEUTISCH, PHILOSOPHISCH. Zu einem Artikel von Prof.Kiefer in der FAZ vom 18.Okt.2017

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
21.Okt. 2017
URL: https://www.cognitiveagent.org
Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

PDF

ÜBERSICHT

Ausgehend von dem Artikel von Prof. Kiefer zum Phänomen der Sucht und den Suchtauslösern wird sein Erklärungsmodell aufgegriffen, diskutiert und in einigen Aspekten philosophisch übergeleitet zu einem grundsätzlichen Modell eines freiheits-basierten Wissens-, Welt- und Lebensmodells. Sucht erscheint dann nicht mehr als etwas sehr Spezielles, sondern als eine systemisch naheliegende Fehlform einer freiheitsbasierten Lebensform, der die Wissenschaft den Namen homo sapiens gegeben hat.

SUCHT

In einem Artikel in der FAZ vom 18.Oktober beschreibt Prof. Dr. Falk Kiefer vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit (Mannheim) auf Seite N1 das Phänomen der Sucht. Ausgehend von den Befunden des neuesten Suchtberichts der Regierung vom Juli 2017 beginnt er bei den typischen Verhaltensmerkmalen, anhand deren sich das, was man wissenschaftlich als ‚Sucht‘ bezeichnet, manifestiert (siehe dazu Bild 1).

Grafische Interpretation Artikel von Prof.Kiefer, FAZ 18.Okt.2017

Entsprechend der Tradition der experimentellen Psychologie seit dem Beginn des 20.Jh gilt das beobachtbare Verhalten als Ausgangspunkt einer empirischen psychologischen Untersuchung. So macht Prof. Kiefer darauf aufmerksam, dass Menschen mit einem Suchtverhalten dazu tendieren, den Raum ihres möglichen Verhaltens zunehmend einzuschränken. Aufgrund der als positiv erlebten Wirkungen eines Suchtmittels beginnen Menschen die Weltwahrnehmung einseitig zu interpretieren, so dass nach und nach immer stärker nur noch die Dinge wahrgenommen (und erinnert) werden, die sich mit den erlebten positiven Wirkungen des Suchtmittels verknüpfen. Daraus entsteht ein Tunnelblick, der die möglichen Alternativen immer weiter abschwächt und die sucht-bezogenen Inhalte einseitig verstärkt.

Zu Beginn halten sich die möglichen negativen Auswirkungen auf den Körper, die Psyche und das soziale Umfeld noch im unauffälligen Bereich, aber im Laufe der Zeit kann es hier zu massiven ‚Abweichungen von der Norm‘ kommen, die zu vielfältigen negativen Gefühlen für den Süchtigen führen können (‚Problemdruck‘). Bisweilen hilft dieser erlebte Problemdruck, das Verhalten entsprechend zu ändern, aber in vielen Fällen — und offensichtlich in jenen Fällen, in denen Sucht kontinuierlich manifest wird — schaffen es die Betroffenen nicht, diesen Wahrnehmungs- und Erlebens- und Handlungskreislauf zu durchbrechen. Als Süchtiger ist man Teil dieser inneren Bewertungsschleife, ist man in ihr drin. Gerade darin besteht ja die Krankheit: die zunehmende Blindheit für den ‚größeren Zusammenhang‘ und die subjektiv erscheinende Unfähigkeit, sich da wieder heraus zu lösen.

Mit einer Referenz an die Neurowissenschaften berichtet Prof. Kiefer von den neuesten Erkenntnissen zu den neuronalen Mechanismen der Belohnung und der Verhaltenskontrolle. Im Kern schält sich heraus, dass es ein Belohnungssystem im Gehirn gibt, das vorzugsweise mit dem Botenstoff Dopamin arbeitet und ein Verhaltenskontrollsystem, das vorzugsweise mit dem Botenstoff Glutamat arbeitet. Die genauen Details dieser Systeme sind bislang noch nicht klar. Allerdings gibt es eine auffällige Häufung von Dopaminvorkommen im Kontext der Suchtmittel sowie eine Veränderungen von Synapsen von Nervenzellen in der Kontrolle des Verhaltens. Diese beobachtbare Korrelationen erklären im eigentlichen Sinne nicht viel, aber sie können helfen, Arbeitshypothesen zu entwickeln und zu präzisieren.

THERAPIE

Sofern die bisherige Interpretation stimmt — und davon geht Prof. Kiefer aus –, stellt sich natürlich aus Sicht einer Psychotherapie die Frage, wie man diese selbstzerstörerische Tendenz des Gehirns aufbrechen kann. Denn, wie alle Daten zeigen, stoppt man das Gehirn nicht, mit solch einem stark selektiven System der Wahrnehmung und des Handelns zu arbeiten, führt dies zu einer körperlichen, sozialen und psychischen Zerstörung des Betroffenen.

Die Arbeitshypothese von Prof. Kiefer geht in die Richtung, dass die Suchtmittel an bestimmte auslösende Reize (alles, was mit der Verfügbarkeit und Einnahme des Suchtmittels zu tun hat) gekoppelt sind, die dann, wenn sie zur Einnahme des Genussmittels führen (auch ein Reiz), zu Suchtmittel-spezifischen Empfindungen führen können, die als positiv erlebt werden (zunächst). Diese Verknüpfung ist nicht angeboren, sondern sie wird ‚gelernt‘. In dem Maße, wie immer mehr Reize in den Kontext der Suchtmittel-spezifischen Empfindungen gelangen, und dadurch andere, alternative Reize immer mehr zurücktreten, abgeschwächt werden, entsteht dieses ‚innere Gefängnis‘, eine quasi neuronal-psychologische Fußfessel‘, die festbindet.

Es liegt nahe, zu fragen, ob und wie man solch eine Kopplung von Reiz und positiver Verstärkung schwächen oder gar aufbrechen kann.

Was schon die Lebenserfahrung durch viele Jahrhunderte und Jahrtausende gezeigt hat, wird durch die moderne Psychotherapieforschung erneut bestätigt und partiell präzisiert (siehe Bild 2).

Grafische Interpretation eines Artikels von Prof. Kiefer, FAZ 18.Okt.2017, Teil 2

Die allgemeine Lebenserfahrung hat schon immer gewusst, dass man Einseitigkeiten in der Welterfahrung nur aufbrechen kann, wenn man der betreffenden Person hilft, zu alternativen Erfahrungen zu kommen. Neben Abstinenz (Entzug) von den als schädlich erkannten Reizen gehörte dazu auch schon immer der berühmte ‚Tapetenwechsel‘ (andere soziale Kontexte, andere Orte,…), andere Lernerfahrungen, anderes und intensiveres Freizeitverhalten, der — zumindest ein einigen Kulturen — verstärkte Einsatz von Meditationstechniken zum Unterlaufen falscher Wahrnehmungsmuster, oder auch — rabiat und doch wirksam — Umerziehungslager.

Die moderne Psychotherapie sagt nichts wirklich Neues, wenn sie solche — oder ähnliche — therapeutischen Maßnahmen empfiehlt. Die Grundidee besteht in allem darin, durch ein verändertes Lernverhalten die alten Reiz-Belohnungsschemata abzuschwächen, aufzulösen bei und durch gleichzeitigem Aufbau neuer alternativer Reiz-Reaktionsschemata neue Handlungsansätze zu ermöglichen.

Prof.Kiefer berichtet von Experimenten, deren Daten (ergänzt durch bildgebende Verfahren) darauf hindeuten, dass schon wenige alternative Lernerfahrungen (er spricht von 9 Sitzungen) zu nachweisbaren Veränderungen in den Aktivitätsmustern des Gehirns führen können, was auch von den Betroffenen entsprechend berichtet wird.

Prof. Kiefer sieht dies als Beleg dafür, dass die allgemeine Lernfähigkeit des Menschen in der Lage ist (bei hinreichender sozialer Unterstützung) , ‚falsch gelernte Verhaltensmuster‘ aufzubrechen, abzuschwächen und sie simultan durch ’neue, alternative‘ zu ersetzen.

FREIHEIT

In diesem Zusammenhang spricht Prof. Kiefer auch von der ‚Selbstreflexion‘ des Menschen und seiner ‚Freiheit‘, die den Menschen in besonderer Weise befähigen, solch ein Um-Lernen in Gang zu setzen. Es bleibt im Artikel aber unklar, was genau mit diesen Begriffen gemeint ist und wie sie funktionieren.

Der Definitionsvorschlag von Prof. Kiefer für den Begriff ‚Freiheit‘ z.B. als der Fähigkeit, „Handlungsoptionen … wahrnehmen“ und sich „Handlungsoptionen bewusst zuwenden zu können“ ist sehr abstrakt. Dies muss allerdings kein wirklicher Gegeneinwand sein, da ja (formal, mathematisch) ‚Freiheit‘ offensichtlich nicht ein einzelner Gegenstand ist, sondern eher — im alltäglichen Bild von ‚die Summe ist mehr als ihre Teile‘ — einen Funktionszusammenhang manifestiert, in dem Verhaltensmuster entstehen können, die sich aus den einzelnen identifizierbaren ‚Komponenten‘ des beobachtbaren Verhaltens alleine nicht zufriedenstellend ableiten lassen. In Verhaltensmustern zeigt sich — wenn man die Arbeitshypothese ‚Freiheit‘ zulässt — dann eine ‚Dynamik‘, die über die jeweils bekannten Mustern hinaus in der Lage ist, immer wieder neue Muster hervor zu bringen. ‚Freiheit‘ in diesem Sinne würde damit eine grundlegende Form von ‚Kreativität‘ markieren, die endliche Muster, die offensichtlich schädlich sein können, ‚in der Wurzel‘ aushebeln kann.

Allerdings, das zeigt die Kulturerfahrung seit Jahrtausenden, können sich Menschen in eine individuelle ‚interne Interpretationsschleife‘ festfahren, aus der sie nur mit massiver Hilfe von außen wieder heraus kommen können. Es scheint daher so zu sein, dass die grundlegende Fähigkeit zu ‚Freiheit‘ und ‚Kreativität‘ ‚verschüttet‘ werden kann.

Wenn man allerdings nüchtern sieht, wie die Menschen, die Menschheit in vielen Jahrtausenden massiv demonstriert, dass sie neben der klassischen Form der Sucht auch andere interpretationsbedingte Verhaltenseinstellungen (Fundamentalismus, Fanatismus, Dogmatismus, …) in großer Breite praktizieren kann und praktiziert hat, nicht selten bis zum bitteren Ende eines sozialen, politischen und/ oder wirtschaftlichen Zusammenbruchs, dann wird man nicht zu optimistisch sein, was die ‚Selbstheiligungskräfte‘ von Menschen und Gesellschaften bzgl. einer nachhaltig realistischen, weltangemessenen, und pluralistischen Lebenseinstellung betrifft. Das Phänomen der Sucht erscheint vor diesem Hintergrund nicht so außergewöhnlich, nicht so sonderbar als das es oft dargestellt wird. Sucht scheint eher jene Form alltäglicher Welteinschränkung zu sein, die sich in einer ‚Erfahrungsnische‘ verfangen hat, aus die das individuelle System mit eigener Kraft kaum noch herauskommt. Die Tatsache, dass bei vielen Suchtformen chemische Prozesse im Gehirn beteiligt sind, ist dabei keineswegs notwendig, betrachtet man die vielfältigen Formen von manifester Spielsucht.

FREIHEIT, SUCHT UND ROBOTER

Die Naturwissenschaften unserer Tage tendieren dazu, in der Zersplitterung der Sichten und der Überbetonung der Details den Blick für das Ganze eines Systems, speziell des Menschen, des homo sapiens, zu verlieren. Vielleicht noch der nachhallende Reflex zur Haltung der Geisteswissenschaft in den Jahrhunderten zuvor, die den Menschen völlig kritiklos als ein Wesen des Geiste über alles und jedes gehoben hatten. Psychologie und Psychotherapie nehmen hier eine eigentümliche Zwitterstellung ein. Als empirische Wissenschaften unterwerfen sie sich den Spielregeln empirischer Wissenschaften, denen ganzheitliche Systembildungen biologischer Systeme bislang eher fremd sind. Insofern sie sich aber dem Phänomen Mensch in seiner ganzen Breite und empirischen Realität stellen, sind sie mit Phänomenen konfrontiert, die sich nicht so einfach mit den üblichen Klassifizierungsreflexen verrechnen lassen.

So wird zwar aufgrund der Tradition und alltäglicher Phänomene im Fall von Menschen von der ‚Freiheit des Menschen‘ gesprochen und in allen juristischen Konzepten als gegeben unterstellt, aber im Lichte der empirischen Wissenschaften tut man sich schwer, dieser Rede von der Freiheit eine befriedigende theoretische Begründung zu geben.

Die Formulierung von Prof.Kiefer erscheint mir in diesem Zusammenhang sehr symptomatisch: Ja, ‚Freiheit‘ beim Menschen ist ‚mehr‘ als nur die beteiligten chemischen Substanzen; aber, was ist dieses ‚Mehr‘? Für einen Neurowissenschaftler, der nur in Kategorien von Neuronen, Synapsen, chemischen Botenstoffen, elektro-chemischen Potentialen, genetischen Kodierungen zu denken gewohnt ist, fällt es naturgemäß schwer, jenseits dieser Mikrostrukturen größere Konzepte zu denken. Die Komplexität des Gehirns erzwingt zwar letztlich dann doch die Formulierung größerer Strukturen, in denen sich Millionen bis Milliarden Neuronen zu unterschiedlichen ‚funktionellen Zusammenhängen‘ zusammen finden, aber was sind diese ‚Funktionen‘ ‚für sich genommen, ohne die beteiligten Neuronen? Kommt einer komplexen Funktionen von vielen Neuronen eine ‚eigenständige Wirklichkeit‘ zu, eine eigene ‚Ontologie‘, wie es die traditionellen Philosophen sagen würden, oder auch die modernen Wissenschaftsphilosophen, die diese Aussage allerdings in mathematische Sprechweisen kleiden, die sich anders ‚lesen‘, aber letztlich das Gleiche ‚meinen‘?

Diese sehr grundlegende und offensichtlich nicht leichte Fragestellung erscheint in einem zusätzlichen Licht, wenn man die Forschungen zu den sogenannten intelligenten selbstlernenden Maschinen bzw. zu den sogenannten intelligenten selbstlernenden Programmen in die Diskussion einbezieht.

Schon von Beginn der Forschungen zur künstlichen Intelligenz war bekannt, dass die Frage der ‚Bewertung‘, der ‚Präferenz‘ eine wichtige Rolle zukommt. In den letzten Jahren hat sich diese Problemstellung zugespitzt und verschärft. Bei dem Versuch, Roboter zu entwickeln, die den Status von dummen Industrierobotern überwinden und eher wie menschliche Kinder ‚von sich aus‘ ‚in der ganzen Breite‘ lernen, schälte sich heraus, dass die Frage der geeigneten Präferenzen für ein ‚weltoffenes Lernen‘ eine absolut nicht-triviale Problemstellung ist.(Siehe den Überblickartikel von Merrick (2017))

Woher kann ein Roboter, der selbständig lernen können soll, wissen, was für ihn in irgendeinem Sinne ‚zu bevorzugen ist‘? Zwar lernen auch junge Menschen vielfach durch Feedback von ihrer sozialen Umwelt, aber sie besitzen — ’normalerweise‘ — auch die Fähigkeit, aus der Vielfalt der Präferenz-Angebote auf Dauer ’selbständig‘ jene auszuwählen, die sie ‚für sich‘ für ‚am besten‘ finden (was nicht ausschließt, dass sie sich im Nachhinein als ‚weniger optimal ‚ erweisen). Diese grundlegende Fähigkeit, vorgegebene Muster in ’neuer‘ Weise ‚kreativ‘ zu überwinden, bewusst in ein ‚Risiko‘ hinein gehen zu können, dies können ansatzweise Tiere und in noch stärkerem Umfang Menschen. Neben dem möglichen realen Scheitern eröffnen sich durch dieses Verhalten auch mögliche reale Chancen, die für das Überleben wesentlich sein können. Während vergangene Erfahrung und ihre Erfolge helfen können, Dinge zu ‚bewahren‘, die sich bewährt haben, bildensie zugleich eine dauernde Gefahr. Der ‚alltägliche Tunnelblick‘ ist dem Tunnelblick des Suchtkranken nicht unähnlich. In einer dynamischen, sich rasch entwickelnden Welt kann das Bewahren eine riskante Strategie sein.

Eine grundsätzliche Analyse dieser Situation zeigt, dass wir es hier mit einem fundamentalen Problem zu tun haben, das ‚in sich‘ keine vollständige Lösung bieten kann. Da biologischen Systeme ‚offene‘ Systeme sind, kann eine ‚gute‘ Lösung immer nur im Zusammenspiel von individuellem System und Umwelt gefunden werden. Jede Form von Abschottung ist im Ansatz ein Todesurteil. Da aber grundsätzlich das verfügbare Wissen unvollständig ist, trägt diese offene Lernsituation den ‚Keim des Risikos‘ von vornherein ‚in sich‘. Wer dieses leugnet, begeht schon im Ansatz ‚Weltflucht‘. Eine lebenszugewandte Kultur übt also, ‚Freiheit‘, ‚Umgang mit Risiko‘ und ‚Kreativität‘ als Grundeigenschaften des Daseins wahrzunehmen, anzuerkennen und zu praktizieren. Die Populisten, Dogmatiker, Fundamentalsten, Propagandisten aller Jahrhunderte waren von daher immer schon im Ansatz Boten eines kommenden Scheiterns. Leider, viel zu oft, kam es dann auch dazu. Es stellt sich die Frage, wie kann sich die Menschheit auf Dauer von diesem ‚internen Weltvernichtungs-Mechanismus‘ besser bewahren?

TYPEN VON FREIHEIT

Mit Blick auf den Alltag und seinen vielen Spielarten, das Geschenk der Freiheit zu kaschieren, es zu vertuschen, es zu lähmen usw. bietet sich rein pragmatisch folgende Fallunterscheidung an:

  1. Blockierte Freiheit: verschiedene objektive Faktoren verhindern ein Ausleben der Freiheit.
  2. Manipulierte Freiheit: verschiedene Kräfte versuchen, so auf eine Freiheit einzuwirken, dass diese aufgrund von falschen Informationen und/ oder falschen Gefühlen nicht das tut, was ‚eigentlich‘ das ‚Bessere‘ wäre.
  3. Inspirierte Freiheit: die gesellschaftliche Wirklichkeit erlaubt jedem, seine Freiheit weitestgehend auszuleben, bietet vielfältige Anregungen, viel ‚gutes‘ Wissen, ausreichende ‚Freiräume‘, um ausreichend Lernen zu können.

Systemtheoretisch haben alle jene Gesellschaften die größten ‚Erfolgsaussichten‘ in der Zukunft, die ein Maximum an inspirierten Freiheiten zulassen. Dies verlangt allerdings auch von jedem einzelnen, seine Freiheit real und konkret in dem Sinne ‚auszuleben‘, dass er die umgebende Welt und sich selbst intensiv weiter erforscht und entwickelt. Philosophie, Kunst und Wissenschaften bilden hier einen mehrdimensionalen Raum, der sich nicht — wie heute meistens — gegeneinander abschottet, sondern sich wechselseitig herausfordert, inspiriert.

Die Dimension ‚Gott‘ ist in der Variante einer ‚inspirierten Freiheit‘ nicht ausgeschlossen sondern letztlich konstitutiv, aber anders, als die Religionen unserer Tage dies propagieren und praktizieren. Die Religionen unserer Tage (ich meine mindestens den Hinduismus, den Buddhismus, das Judentum, das Christentum und den Islam) gehören — zumindest so, wie sie sich heute zur Erfahrung bringen — eher zur manipulierten oder gar zur blockierten Form von Freiheit. Damit verdunkeln sie das Bild Gottes in einer Weise, die Gott eher unkenntlich macht. Gott selbst schadet dies nur insofern, als es den Menschen schadet, die Gott in diese grundlegende Form von Freiheit hineingesetzt hat.

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