MEDITATION ALS UNIVERSELLE SCHNITTSTELLE des Lebens zu sich selbst? Erste Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

23.-25.Februar 2020

KONTEXT

Der Verfasser dieses Textes hat sei dem Sommersemester 2017 zusammen mit anderen Kollegen*innen sechs reguläre Lehrveranstaltungen mit dem Thema Meditation als kulturelle Praxis an einer deutschen Hochschule ausprobieren können. Zusätzlich konnten an der Hochschule zwei Kongresse durchgeführt werden, und ein erstes Büchlein zum Thema — zusammen mit zwei anderen Autoren — erschien 2018. Diese Erfahrungs- und Denkprozesse eröffnen, langsam aber doch, einen neuen Blick auf das Thema Meditation in der Gesellschaft, einen Blick, in dem alte wie neue Positionen in einem neuen Licht erscheinen.

MEDITATION IM HISTORISCHEN KONTEXT

Meditation im Geflecht der Gesellschaft

Das Phänomen Meditation hat eine lange und vielffältige Geschichte. Weit gefasst ist Meditation Teil der allgemeinen Kulturgeschichte des Menschen und reicht soweit zurück, soweit es Zeugnisse von Menschen gibt. Will man Meditation enger fassen und es nur auf jene kulturellen Kontexte beschränken, in denen man explizit von Religion spricht, dann hat man dennoch viele Jahrtausende zu berücksichtigen bis hin zu den Anfängen der verschiedenen Religionen, und diese reichen mindestens 7000 Jahre zurück, von heute aus (2020) gerechnet.

MEDITATION EIN EIGENSTÄNDIGER FAKTOR?

Doch solche Zuweisungen des Phänomens Meditation zu bestitmmten kulturellen Mustern, speziell zu den klassischen Formen von Religion, können zufälliger Natur sein. Zufällig in dem Sinne, dass das Phänomen Meditation als solches zwar auch ohne eine explizite Religion praktiziert werden kann, dass es aber in der Vergangenheit aufgrund der starken Dominanz von religiösen Anschauungen und Mustern kaum vorstellbar war, Meditation ohne direkten Bezug zu einer der existierenden und sozial wirksamen Religion zu praktizieren. So kann es sein, dass die überlieferte enge Beziehung zwischen Meditation und Religion uns einen Zusammenhang vorspielt, der so möglicherweise gar nicht notwendigerweise bestehen muss.

Wenn die Arbeitshypothese stimmen würde, dass das Phänomen Meditation als solches nicht notwendigerweise eine bestimmte Religion voraussetzt, dann wäre es interessant zu untersuchen, wie das Verhältnis zwischen beiden, zwischen Religion und Meditation, in der Vergangenheit tatsächlich war. Schon erste Analysen liefern viele Indizien dafür, dass alle Religionen sich mit dem Phänomen Meditation schwer getan haben! In positiven Fällen konnte die Meditation das religiöse Grundgefühl, die Spiritualität, beleben, intensivieren, anregen. In negativen Fällen — und die gab es zahlreich — konnte die persönliche Meditation eines Menchen den Meditierenden aufgrund seiner Selbsterfahrung in vielfältige Spannungen mit den offiziellen religiösen Praktiken und religiösen Lehren führen. So kann man anhand vieler historisch belegter Erneuerungsbewegungen sehen, dass diese Bewegungen, angetrieben von starken individuellen inneren Ereignissen, nicht nur zu positiven Bereicherungen in der eigenen Lebenserfahrung geführt haben, sondern allzuoft auch zu Spannungen, Verurteilungen, Verfolgungen und Kriegen.

Dort, wo solche Erneuerungsbewegungen den Kampf mit den bestehenden Religionen überlebt haben, finden sich dann neue Varianten von Religionen, die bis in unsere Zeit hinein reichen. Man betrachte nur die vielen Varianten die sich beispielsweise unter den großen Überschriften Hinduismus, Judentum, Buddhsmus, Christentum und Islam ausgebildet haben, und deren Miteinander bis heute nicht spannungsfrei ist.

Aus diesen historischen Gegebenheiten kann sich die Arbeitshypothese ermutigt fühlen, anzunehmen, dass das Phänomen der Meditation offensichtlich nicht so neutral gegenüber Weltinterpretationen — auch religiösen — ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

MEDITATION ALS EREIGNISHORIZONT

Es gibt bis heute keine allgemein akzeptierte Definition von Meditation. In diesem Text wird angenommen, dass beim Meditieren ein Mensch sich an einem bestimmten Ort befindet, für sich ein wenig Zeit hat, in der er nach außen nichts leisten muss, und er eine bestimmte körperliche Haltung einnimmt, die für die Dauer des Meditierens günstig ist (Anmerkung: für eine von vielen mögliche Experimentieranordnung siehe diesen Blogeintrag).

Entscheidend beim Meditieren ist aber nicht die Körperhaltung und nicht der physikalische Ort, sondern das innere Geschehen im Meditierenden.

Der primäre Zugang des einzelnen zu seinem eigenen Erleben ist die Perspektive seines eigenen Bewusstseins, mit der sich die erste-Person Perspektive begründet. Zu unterscheiden davon ist die dritte-Person Perspektive, jene des Alltags und der empirischen Wissenschaften. Die erste-Person Perspektive ist aus Sicht der dritten-Person Perspektive prinzipiell unzugänglich.

DEUTUNGSHOHEIT

Bei der Frage, wie man den Ereignisraum, der sich in der ersten-Person Perspektive eröffnet, deuten will bzw. kann, sind eigentlich alle existierenden Deutungs-Paradigmen gefordert. Sowohl die bekannten überlieferten Religionen mit ihren verschiedenen historischen Ausprägungen, wie auch alle neueren Entwicklungen wie die empirischen Wissenschaften; dazu aber auch die klassische Perspektive der Philosophie, die als geistiges Hintergrundrauschen jegliches Denken des Menschen begleitet, und auch für die modernen empirischen Wissenschaften weiterhin konstitutiv ist, auch wenn diese selbst dies nicht so sehen bzw. nicht so sehen wollen. Aber schon einfache Analysen zeigen, dass empirische Disziplinen spezielle Sichten mit massiven Voraussetzungen sind, die sie selbst nicht reflektieren. Außerdem fehlt den empirischen Disziplinen das Instrumentarium, ihre eigene Integration zu denken. Analoges gilt für das Verhältnis der Philosophie zu den verschiedenen religiösen Deutungsmodellen. Auch eine einzelne Religion kann die allgemeinen Bedingungen des Lebens und Denkens nicht einfach auflösen oder willkürlich hin und her definieren. Wer will kann anhand der Geistesgeschichte betrachten, wie die ganz großen religiösen Strömungen, die 1500 Jahre oder älter sind, im Laufe der Zeit sich mit ganz unterschiedlichen Denkkonzepten verbunden haben, Denkkonzeten, die nicht immer miteinander kompatibel waren; die zu Neuinterpretationen der religiösen Inhalte geführt haben bis dahin, dass sich neue Varianten des Religiösen bildeten.

Schließlich ist zu berücksichtigen, dass es viele — zumindest partiell — post-religiöse Gesellschaften gibt, in denen Erkenntnisse und Erfahrungen aus allen Dimensionen in neue Formen des Zusammenlebens und Weltdeutens eingeflossen sind. So ist es eine interessante Hypothese, dass die modernen Demokratie-Konzepte letztlich eine Weiterentwicklung der großen religiösen, der wissenschaftlichen und der vielen anderen Dimensionen darstellt, in der z.B. Meditation nicht nur möglich, sondern möglicherweise sogar fundamental ist für eine fundierte menschenfreundliche demokratische Gesellschaft. Die überlieferten Formen von Religion haben naurgemäß ein Problem mit Demokratien als einer modernen Form von Religion. Während sich moderne demokratische Gesellschaften aus intensiven historischen Prozessen von vielen Jahrhunderten Dauer herausgearbeitet haben, sind die klassischen Religionen einfach stehen geblieben. Sie haben sich geistig einen Stillstand verordnet und verharren in einer Verweigerungshaltung in der Hoffnung, dass sie irgendwann wieder genug Macht haben, die Dinge in ihrem Sinne zu ordnen. Während Demokratien eine Toleranzregel erschaffen haben, die den alten Religionen Lebensraum gewährt, tun sich die alten Religionen mit echter Toleranz schwer.

KONZIL DER WAHRHEIT

Die Gegenwart lehrt uns, dass eine mögliche Zukunft bei den heutigen Gegebenheiten ohne ein intensives, konstruktives Miteinander nicht möglich sein wird.

Bislang leisten sich die vielen Weltdeutungsperspektiven (Religionen, Wissenschaften, Alltagsparadigmen, …) den Luxus, nebeneinander zu koexistieren ohne die Fähigkeit und ohne die ernsthafte Bereitschaft, den gemeinsamen Wahrheitskern aktiv zu klären.

Eine Folge dieser Abschottung ist die Existenz von Abgrenzungen, und daraus resultierenden Feindbildern.

Eine Auflösung der Frontenbildung bei gleichzeitig wachsendem gemeinsamen Verständnis eines gemeinsamen Wahrheitskerns kann nur über einen kontinuierlichen offenen Dialog gelingen, an dem sich alle beteiligen können, aber nicht als Ideologen mit einer festen vorgefassten Meinung, sondern als Menschen mit einem offenen Ereignishorizont, dessen Deutung gemeinschaftlich erfolgt basierend auf primären Erfahrungen. Da Deutungen nicht denknotwendig sind, sondern immer experimentell, versuchsweise sind, ist weder klar, wie lange solch ein Prozess dauern wird, noch ob er tatsächlich zu einem für alle befriedigenden Ergebnis führen kann.

Irgendwo muss der Prozess anfangen. Irgendwo muss es Menschen geben, die sich zugestehen, dass sie Menschen sind mit einer tiefsitzenden Freiheit. Und es muss klar sein, dass es um uns alle geht, dass jeder qua Mensch dazu gehört, und dass Wahrheit etwas ist, was nicht wir dekretieren, sondern etas, das wir vorfinden, verbindlich für alle. Insofern die Freiheit selbst ein Teil der Wahrheit ist, ist Wahrheit kein toter Gegenstand, sondern ein möglicher Prozess, dessen grundlegende Schnittstelle unsere Selbsterfahrung ist, zu der Meditation einen Zugang (als Schnitstelle) liefern kann, aber nicht die fertige Lösung. Zukunft ist nicht irgend ein Objekt. Zukunft ist ein in Freiheit möglicher neuer emergenter Zustand, den vorab zu kennen prinzipiell unmöglich ist. Vor allem, Zukunft ist nicht nur Kognition; Zukunft ist von allem etwas und darin noch einmal mehr. Das klassische Wort vom Himmel deutet in diese Richtung, ist aber im bisherigen Gebrauch in einer Weise dumm, die schwerlich weiter zu unterbieten ist.

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstaltungen (z.B. 'Meditation als kulturelle Praxis' und 'Kommunalplanung und Gamification. Labor für Bürgerbeteiligung') widme ich mich weiterhin der Fertigstellung eines Buches zum integrierten Engineering (uffmm.org), zur Erstellung einer SW-Plattform für diese Theorie als Anwendung für eine 'Experimentelle generative Kulturanthropologie' (uffmm.org) und der Weiterentwicklung meines philosophischen Ansatzes (cognitiveagent.org).

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