REISENOTIZEN: BESUCH BEIM IDOL UND DEM, WAS NOCH ÜBRIG IST

1. Auslöser für das Reiseziel war ein kleines Hilfsprojekt für Schüler einer Schule, an dem wir seit längerem beteiligt sind. Dazu kam — nach ca. 5 Monaten Dauerstress — das persönliche Bedürfnis nach Urlaub .
2. Der 12-stündige Hinflug führte von Kälte direkt in tropische Hitze und bescherte eine mehrstündige Autofahrt durch Rush-Hour, Holperpisten, Regengüssen und ein Ankommen in tiefster Dunkelheit. Wir waren am Teilziel 1.
3. Ja, es gab alles, was das Klischee charakterisiert: Wärme, tropische Gewächse, Strände, grünliches bis blaues Meer, Rum, Abenteuerreisen, die eingeborenen Männer, die geduldig auf die weißen Frauen warteten, überall Reggae-Musik, freundliche Menschen, …

Strand, Ufer, und Meer

Strand, Ufer, und Meer

Pelican Bar mitten im Meer (auf einer Sandbank)

Pelican Bar mitten im Meer (auf einer Sandbank)

4. Wer Augen und Ohren hatte und mit den Menschen sprach, konnte aber schon im normalen Alltag viele Spuren einer Realität entdecken, die ein bisschen anders war als jene, aus der wir kamen.
5. Blitzlichter: Stillgelegte Bauxit-Fabriken (ein Rohstoff, den es im Land reichlich gibt) verminderten das Exportvolumen erheblich. Die Musikindustrie, ehemals weltweit einflussreich und sich vital entwickelnd, erschöpft sich bislang eher in bedeutungslosen Wiederholungen; schmälert das Exportvolumen weiterhin. Zuckerplantagen sind rückläufig. Die Kaffeeplantagen in den Blue Mountains wurden durch tropische Wirbelstürme zu ca. 60% (oder mehr) zerstört. Außer einer langen Straße an der Nordküste und einem kleinen Teilstück privater Bezahlautobahn im Süden sind die Straßen in einem miserablen Zustand. Eisenbahn gibt es nicht (mehr). Die Trinkwasserversorgung kann schwankend sein. Überall eine hohe Arbeitslosigkeit….

Stillgelegte Bauxitfabrik

Stillgelegte Bauxitfabrik

Blick aus dem Fenster eines Kaffeeplantagenhauses auf die Hänge der Blue Mountains; dazwischen die Kaffeepflanzen

Blick aus dem Fenster eines Kaffeeplantagenhauses auf die Hänge der Blue Mountains; dazwischen die Kaffeepflanzen

6. Ja, das Land hat wunderbare natürliche Ressourcen, es hat Bodenschätze, es hat wunderbare Menschen, und doch sitzt ein Krebsgeschwür inmitten aller Menschen: das abgründige Misstrauen gegenüber der Politik, die nach allen bekannten Daten als ‚durchgehend korrupt‘ geschildert wird, gemeinsame Sache mit den Gewerkschaften und dem organisierten Verbrechen macht, Recht und Gerechtigkeit als nicht erwartbar darstellt, die Filetstücke des Landes an ausländische Investoren verkauft hat bzw. weiter verkauft, die das Land für ihre ausländische Interessen schamlos ausbeuten ohne Rücksicht auf die Bevölkerung, ohne einen erkennbaren Ansatz von Nachhaltigkeit, der dem Land auf Dauer helfen würde, seine Aufgaben besser zu lösen und dadurch die Krise nur weiter verstärkt. Krasses Beispiel: eine ausländische Hotelanlage für Touristen, in der die einheimische Bevölkerung nur durch einen Sondereingang hinein darf, weil die Kunden keine ‚dunkelhäutige Menschen‘ sehen sollen ….
7. Ein anderes Phänomen ist unübersehbar: wohin immer man auch fährt, man sieht überall viele unvollendete Gebäude, meist größere, die dastehen als Zeugnisse zerschollener Träume. Die Breite des Phänomens legt die Vermutung nahe, dass dies mit einer verbreiteten Einstellung zu tun haben muss, einem Bedürfnis nach individueller Darstellung, die allerdings so auch in vielen anderen Ländern zu finden ist. Ein scheinbar globales menschliches Phänomen; das Bedürfnis nach Besitz, nach Sicherheit durch Boden und Steine…

Ruine eines verstorbenen Boxers

Ruine eines verstorbenen Boxers

Ruine eines weltbekannten Malers

Ruine eines verstorbenen weltbekannten Malers

8. Bedenkt man die Armut der Menschen, dann wirkt ein Schulsystem, in dem die Kinder für ihr Lehrmaterial zahlen müssen, ‚unfreundlich‘ und vielleicht sogar kontra-produktiv, da ein Staat für eine florierende Zukunft ja auf ein leistungsfähiges Ausbildungssystem angewiesen ist. Aber selbst bei diesem noch stark verbesserungsfähigen Ausbildungssystem ist es so, dass die Mehrheit der Absolventen keine Arbeit im eigenen Land findet. Sie sind arbeitslos oder versuchen ihr Glück im Ausland. Bislang waren dies viele Millionen Menschen. Ihre Transferleistungen bilden einen wichtigen Faktor für die Menschen im Land. Doch die Einwanderungsbestimmungen in potentiellen Zielländern verschärfen sich seit einigen Jahren.

Teilansicht der Schule, die wir ein wenig unterstützen (nicht für Autos zugänglich!)

Teilansicht der Schule, die wir ein wenig unterstützen (nicht für Autos zugänglich!)

9. Durch extrem hohe Zuckeranteile in fast allen Lebensmitteln bekommen viele Menschen sehr früh zuckertypische Krankheiten (z.B. auch bei den Zähnen), die mangels medizinischer Versorgung bzw. dem Mangel an Geld für solch eine Behandlung bei vielen Menschen zu Problemen führen. Die Regierung unterlässt es, die Bevölkerung durch entsprechende Regelungen und Kontrollen zu schützen.
10. Dass es im Lande trotz all dieser Probleme bislang weitgehend geordnet und friedlich zugeht, liegt z.T. am Naturell der Menschen, an ihrer freundlichen und friedlichen Art und der Fantasie und Improvisationskunst, mit der sie versuchen, mit nahezu Nichts Lösungen oder Dienstleistungen zu generieren.
11. Andererseits stehen heute alle Länder, die touristische Dienste anbieten, in einem globalen Wettbewerb. Die Standards sind hoch. Die ’normalen‘ Bürger des Landes sind in der Regel nicht in der Lage, Leistungen anzubieten, die diesen Standards genügen. Dies führt dazu, dass immer mehr ausländische Konzerne das Heft in die Hand nehmen und schrittweise, schleichend, das Land seinen eigenen Bewohnern’entfremden‘; man kann es auch eine Form von Kolonialisierung nennen. Eine neue Variante ist die: die ausländische Investoren kaufen für ihre Mitarbeiter (aus dem Ausland) gleich die Staatsbürgerschaft mit ein. Dann könnten diese auf Dauer sogar wählen und könnten die einheimischen Regierungen unblutig durch ihre eigenen Mitarbeiter ersetzen…..

Vereinfachtes Systemschaubild eines Landes als Input-Output-System. Die Selbststeurungskapazitäten sind durch psychologische Grenzen der Verantwortlichen eingeschränkt

Vereinfachtes Systemschaubild eines Landes als Input-Output-System. Die Selbststeurungskapazitäten sind durch psychologische Grenzen der Verantwortlichen eingeschränkt

12. In unserer aktuellen Welt gibt es viele Länder, in denen sich ganz ähnliche Prozesse abspielen. Das Neue hier ist, dass ein Land A ein anderes Land B ganz ohne Krieg, einfach durch wirtschaftliche Maßnahmen – begleitet durch Änderungen geltender Gesetze – quasi ‚unterwandern‘ kann. Eine Bevölkerung, die bei diesen Veränderungsprozessen nicht mithalten kann, wird schrittweise marginalisiert. Das Erschreckende ist nur, dass nationale Strukturen im globalen Kontext so schwach und hilflos erscheinen. Nicht notwendigerweise, aber dann, wenn die politische Oberschicht sehr individuell-egoistisch und kurzfristig denkt. Würde sie die Spielregeln anders definieren und auf
ihre Einhaltung achten, wären ganz andere konstruktive Prozesse denkbar, bei denen es mehr Gewinner als Verlierer geben könnte. Das ‚psychologische Format‘ der herrschenden politischen Klasse scheint hier aber unzulänglich ‚entwickelt‘ zu sein. Ihr fehlen Weitblick, Durchsetzungsvermögen, Sachverstand, Kontakt und Verantwortung mit der eigenen Bevölkerung. Es gibt genügend Beispiele, wie man ein Land konstruktiv und nachhaltig entwickeln kann; man muss es wissen und man muss es wollen. Warum will man etwas und warum nicht?

Ausschnitt aus einer Versteinerung aus einer Zeit (vor einigen Mio Jahren), da Teile des Landes noch unter dem Meer lagen

Ausschnitt aus einer Versteinerung aus einer Zeit (vor einigen Mio Jahren), da Teile des Landes noch unter dem Meer lagen

13. Beim Rückflug saß ich in einem bunt bemalten Flugzeug eingepfercht im touristischen Standardsitz und neben mir ein Reisender von einem anderen Land, das große Investitionsprojekte im Land durchführte. Der Reisende sprach nicht die Sprache des Landes, in dem und für das er arbeitet. Er wohnte in einer Wohnanlage, die abgeschottet war von den Landesbewohnern. Er reiste auch nur deswegen, damit sein Touristenvisum für die Fortsetzung der Arbeit verlängert werden konnte. Aber auch er ist ein Menschen mit Hoffnungen. Mein Vater war auch Kriegsflüchtling und später Wirtschaftsflüchtling; er riskierte auf eigene Faust in ein anderes Land zu flüchten, für eine bessere Zukunft, und seine Frau (meine Mutter) mit damals zwei kleinen Kindern musste auf abenteuerliche Weise mit nur einem Koffer und keinem Geld nachkommen. Letztlich sitzen wir alle im gleichen Boot; aber richtig begriffen haben wir es offensichtlich noch nicht: diejenigen, die haben, verteidigen; und diejenigen die nicht haben, leiden und kämpfen, aus ihrer Sicht zu Recht…
14. Vielleicht mache ich noch einen Song zu diesem Erlebnis, oder auch zwei … Das ‚Geheimnis‘ der Reggae-Musik habe ich, glaube ich, mittlerweile ‚verstanden‘; es muss aber auch keine Kopie sein; vielleicht eher ein Reggae-After-Exploration-Experiment …

RUM als RADICALLY UNPLUGGED MUSIC

Musik vom 12.Januar 2014, kein Reggae, aber irgendwie passt sie zu den widersprüchlichen Erfahrungen dieser Reise (spziell zu der gigantischen Ruine des Malers …). Habe mit Chorversatzstücken aus einer Bibliothek herumgespielt.

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

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