Bemerkung zu “Richard P.Feynman, QED. The strange theory of mind and matter, Princeton University Press, 1985 (repr. 2006 with new introduction by A.Zee 2006)”

 

(1) In meinen englischen Besprechungen bei Amazon (QED-Review) habe ich kurz das Buch QED von Richard P.Feynman besprochen. Bin dabei praktisch gar nicht auf die Details seiner Darstellung eingegangen (die sind auf jeden Fall lesenswert), sondern habe mich darauf beschränkt, herauszustellen, ob, wie und wo seine Sicht der Materie eine Hilfestellung für die Fragen geben kann, die durch das Buch von P.Davies aufgeworfen wurden.

2. Mit der Überschrift „It Starts Where The Book Ends“ wollte ich zum Ausdruck bringen, dass das, was an der Beschreibung von QED interessant ist, letztlich die ‚Grenzen‘ sind, die QED aufzeigt. Dabei ist mir natürlich klar, dass Feynman, als er seine vier Vorlesungen in Neuseeland hielt, in keiner Weise die Fragen vor Augen hatte, die von der modernen Biologie ausgehen, erst recht nicht von den Problemstellungen der ‚chemischen Evolution‘ (wenngleich er in der Vorlesung klar herausstellt, dass die gesamte Chemie letztlich nur eine Anwendung der Physik sei (was so unumschränkt sicher nicht haltbar ist)). Insofern ist meine Re-Lektüre von QED natürlich nicht die ‚typische‘ Lektüre, die er bei der Abfassung des Textes voraussetzt hatte.

3. Die Fragen, die ich von P.Davies mitgenommen habe – und die an die Physik gestellt werden müssen – sind daher eine Art Nachreflexion auf ein Thema, über das die Vertreter der Physik (von einigen Ausnahmen abgesehen) sich bislang nicht beschäftigt haben. Zusammenfassen gehe ich davon aus, dass die Biologie mit dem Begriff ‚Leben‘ operiert, der aber bis heute nicht eindeutig definiert ist. Es gibt nur eine Reihe von ‚Eigenschaften‘, die die meisten in einen Zusammenhang mit ‚Leben‘ bringen. Dazu gehört zentral die Eigenschaft, eine gegebene Struktur vervielfältigen zu können und dabei zufällige Änderungen zu ermöglichen. Diese Reproduktionsfunktionalität ist an eine komplexe Struktur von Molekülen gebunden, die selbst wiederum komplex sind. Der entscheidende Punkt ist, dass diese ‚Makroeigenschaft‘ nicht direkt aus den Eigenschaften ihrer ‚Bestandteile‘ abgeleitet werden kann (zumindest bislang nicht). Es gibt kein bekanntes Modell der ‚Materie‘, das es bislang erlauben würde, diese beobachtbaren Makrophänomene einfach ‚abzuleiten‘.

4. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage, ob QED grundsätzlich Ansatzpunkte liefern kann, um in den oben genannten Fragen weiter zu kommen. Immerhin stellt Feynman klar fest, dass der gegenstandsbereich von QED sind“ … all the phenomena of the physical world except the gravitational effect … and [except] radioactive phenomena…And, as I already explained, the theory behind chemistry is quantum electrodynamics“.(p.7f)

5. Liest man sich durch das Buch durch — ich fand es total spannend und habe es in zwei Tagen (nur durch Verwaltungsarbeiten unterbrochen) gelesen — , dann kann man erkennen, dass QED im aktuellen Zustand nicht nur keine direkten Antworten bietet, sondern dass QED selbst darüber hinaus selbst einige ernst Probleme hat. Das Faszinierende an Feynman ist, dass er selbst diese Probleme klar benennt. Diese beziehen sich z.B. auf das Problem der genauen Berechnung nahezu aller numerischen Werte des Modells samt der Konsistenz der gesamten Theorie (pp.128-130, 138), die geradezu mysteriöse Wiederholung von Elementen mit gleichen Eigenschaften aber jeweils größeren Massen (pp.145, 147), der große spekulative Charakter vieler Verbesserungsversuche des Modells (p.150), die Schwierigkeit, das Phänomen der Gravitation zu integrieren (p.151), das vollständige Fehlen einer Erklärung der numerischen Werte der Massenzahlen (p.152), um die wichtigsten Probleme zu nennen.

6. Man kann also erahnen, dass die Physik im Format einer QED einerseits zwar eine große geistige Leistung und auch ein Erfolg darstellt, zugleich wird im Erfolg schmerzlich bewusst, dass wir irgendwie immer noch ganz am Anfang stehen. Solange die Physyik, die komplexesten Strukturen, die wir im Universum – nach heutigem Wissensstand – kennen, die Strukturen des Lebens, noch nicht – nicht einmal ansatzweise – ‚erklären‘ kann, solange befindet sich die Physik im Stadium des A,B,C-Lernens. Der immer komplexere mathematische Apparat bei der Darstellung der physikalischen Phänomene darf uns darüber nicht hinwegtäuschen. Möglicherweise muss man die gesamte benutzte Mathematik auch mal einer Revision unterziehen; ihre Lücken und Defizite sind jedenfalls sichtbar (eine solche Revision wäre natürlich nichts, was man einfach mal so macht…).

 

Ein Überblick über alle bisherigen Themen findet sich HIER

 

VIDEOS

 

Im folgenden einige Videos, die ich auf Youtube gefunden habe, die Feynman genau bei den Vorlesungen in Auckland (New Zealand) (1979) zeigen, die dem Buch QED zugrunde liegen.

  1. Teil 1

  2. Teil 2

  3. Teil 3

  4. Teil 4

 

Feynman’s Leben

 

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

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