DIGITALISIERUNG UND DIE RELIGIONEN

KAMINGESPRÄCH

  1. Die nachfolgenden Gedanken wurden angeregt von einem Kamingespräch in Karlsruhe, am 8.März 2016, in denen sich Vertreter der evangelischen Kirche zusammen mit unterschiedlichen Experten der Frage stellten, was die Digitalisierung der Gesellschaft aus Sicht der Religionen bedeutet. Die hier niedergeschriebenen Gedanken geben nicht das Gespräch selbst wieder sondern sind Gedanken, die sich für cagent – angeregt durch das Gespräch – im Nachhinein ergeben haben.

VIELFALT DER PHÄNOMENE

  1. Ins Auge springend ist die Vielfalt der Phänomene, die sich mit der Digitalisierung verknüpfen. In nahezu allen Lebensbereichen trifft man auf Phänomene der Digitalisierung. Eine neue Technologie macht es möglich, dass man Objekte und Vorgänge der bekannten realen Objekt- und Körperwelt in digitale Strukturen transformiert. Statt direkt redet man über Medien miteinander; statt ein richtiges Buch liest man elektronische Artikel, Bücher, schaut Videos. Anstatt Live-Musik hört man gestreamte Musik, anstatt reale Akten werden nur noch digitale Akten benutzt. Aktivitäten im realen Raum werden im digitalen Raum repräsentiert und werden damit rund um die Uhr global zugänglich.

REAL – DIGITAL

  1. Während im realen Raum reale Geschäfte mit realen Objekten hantieren, können im digitalen Raum Firmen auf die digitalisierten Objekte von überall zugreifen, unauffällig, unsichtbar. Während es im realen Raum verboten ist, die Privatsphäre eines Menschen zu verletzten oder seinen Körper gegen seinen Willen zu benutzen, ist dies im digitalen Raum gang und gäbe: alle Regungen eines Menschen werden über Smartphones und Internetzugang protokolliert, aufgezeichnet, vermessen und ohne Wissen des Verursachers weltweit verkauft.
  2. Während die Menschen im realen Raum gelernt haben, unterschiedliche juristische Regeln einzuführen, Menschenrechte, politische Regularien, soziale Verhaltensweisen, Solidarität, Verantwortung, scheinen diese Regeln im digitalen Datenraum außer Kraft gesetzt zu sein. Die globalen IT-Firmen geben sich die Regeln selbst, beuten aus, monopolisieren, manipulieren mit neuen Techniken die Menschen. Autokratische-diktatorische und unsolidarische Verhaltensweisen werden zum neuen Standard.

AUFKÜNIGUNG ALTER STANDARDS

  1. Diese Aufkündigung vieler bisherigen Werte ist eigentlich nicht durch irgend etwas gerechtfertigt. Und doch gibt es bislang wenig Widerstand, wenig Widerspruch. Der normale Benutzer genießt seine neuen Handlungsfähigkeiten, die Politik hofiert die neuen Diktatoren und lässt den Cyberkriminellen ihren Lauf.

MENSCH ALS AUSLAUFMODELL

  1. Die Nutzung der neuen digitalen Technologien geht einher mit einer naiven Technikverherrlichung gepaart mit einer neuen Nichtbeachtung und Verachtung des Menschlichen. Für Transhumanisten ist der Mensch eine aussterbende Spezies und ’nicht der Rede wert‘. Er wird einfach totgeschwiegen. Wirkliche harte Argumente gibt es weder für diese Geringschätzung noch für den nativen Glauben, dass die intelligenten Maschinen in der Zukunft all das besser werden machen können, was die Menschen nicht geschafft haben. Hier entsteht so etwas wie eine neue Weltreligion der naiven Maschinenverherrlichung.

SOFTWARE ALS UNERBITTLICHER PARTNER

  1. Wenn im Alltag Arbeitsprozesse von Software unterstützt oder gar ersetzt werden, dann entsteht häufig die bizarre Situation, dass Menschen ihr Verhalten durch die Software vorgeschrieben wird. Als Mensch ist man flexibel, kann dazu lernen, kann sich unterschiedlichen Situationen anpassen, aber die heutigen Programme sind dumm, starr, unbelehrbar, unkorrigierbar, lassen nicht mit sich diskutieren. Es ist eigentlich eine Zumutung, dass Menschen, die komplexesten Wesen des bekannten Universums, sich solchen dummen Abläufen unterwerfen müssen; Menschen haben diese Programme geschrieben, haben Abläufe dekretiert, damit andere Menschen sich danach sklavisch verhalten.

… AUCH DER MENSCH KANN STUR SEIN

  1. Andererseits, bevor es Software gab, gab  es natürlich auch Menschen, die stur ihre Pflicht getan haben, die die Paragraphen in ihrem Sinne manipuliert haben, die nicht mit sich reden ließen, … allerdings war dies dann eine konkrete Person, sie war ansprechbar, sie hatte die Verantwortung, man konnte sich über sie aufregen, mit ihr reden, sich beschweren. Programme werden als ewige Gesetze behandelt: das ist der Computer; da können wir nichts machen.

NEUE MEDIEN NICHT FEINDLICH?

  1. Von kirchlicher Seite wird oft betont, dass neue Medien nicht grundsätzlich feindlich zu betrachten sind, da ja die christliche Religion selbst erst durch Medien (Sprache, Texte, Liturgien, Musik, Bilder, …) kommuniziert werden konnten. Allerdings übersieht dieses Argument, dass die neuen computergestützten Medien nicht einfach nur alte Inhalte in einem neuen Gewand transportieren. Computergestützte Medien verbinden alte Inhalte mit neuen Kontexten, sind jederzeit änderbar, machen ihre Benutzer (für den Benutzer kaum merkbar) in neuer Weise global sichtbar, machen ihn (für den Benutzer kaum merkbar) digital verwertbar, und manipulierbar. Wer Millionen, ja sogar Milliarden Benutzer nahezu in Echtzeit überwachen kann, kann ihn auch gezielt anhand der messbaren Bedürfnissen und Vorlieben ködern, animieren, verführen und zu Handlungen ermutigen, die das Leben von Menschen massiv verändern können.
  2. Neu ist nicht, dass Menschen manipuliert und verführt werden können. Dies haben Menschen mit Menschen schon immer gemacht und wird im positiven Fall vielleicht Erziehung genannt, Ausbildung. Neu ist hier die Intransparenz, dass hier nicht ein Mensch eine Schulklasse oder einen Hörsaal manipulieren darf, sondern dass Unbekannte auf intransparente Weise Millionen von Menschen gleichzeitig manipulieren können, ohne das dies sichtbar ist.

STILLE HOFFNUNGEN … DIGITALES ICH

  1. Hinter dieser zunehmenden Ersetzung der natürlichen Objektwelt durch digitale Strukturen und Abläufe steckt auf der einen Seite die positive Hoffnung, die Situation für die Menschen zu verbessern (Automatisierung der Arbeit, Verminderung von Gefahrensituationen, Überwindung von Komplexitätsschranken, Überwindung von Einsamkeit, Verbesserung der Pflege, schneller mehr Geld verdienen, von der Willkür anderer Menschen unabhängig zu werden, bequemer einkaufen, größere Auswahl beim Einkaufen, unabhängig werden vom lokalen Anbieter, Zugang zu mehr Kunden, Senkung von Vertriebskosten, bessere Erreichbarkeit von Adressaten, …), andererseits verschieben sich die Bedingungen des Menschseins von der unmittelbaren Körperlichkeit zu einer erweiterten Körperlichkeit mit digitalen und technischen ‚Körperteilen‘, die neu auf andere einwirken und die neu von anderen benutzt werden können. Das digitale Ich bezieht seine Identität nicht mehr nur über seine körperliche Erscheinungen sondern auch über seine digitalen Spuren, digitalen Präsenzen und den digitalen Feedbacks. Die ‚Likes‘ von facebook müssen nichts weiter bedeuten, können aber ein Selbstwertgefühl steigern. Das Anwachsen von digitalen Benutzerzahlen erfüllt mit Stolz obwohl es Spamprogramme sein können, Softwarebots, die menschliche Benutzer nur imitieren. In Wirklichkeit habe ich vielleicht nicht 1000 Benutzer sondern nur 50, alle anderen sind gefaked, wie man sagen würde.

DIGITALE REVOLUTION EVOLUTIONÄR KONSEQUENT?

  1. Nimmt man die Beliebtheit der Nutzung neuer digitaler Dienste als Indiz, dass die neuen digitalen Technologien neue positive Verhaltensmöglichkeiten schaffen, dass neue Geschäftsmodelle möglich werden, die die Weltwirtschaft nachhaltig neu gestalten, dann wird man geneigt sein zu sagen, dass die Digitalisierung positiv das Menschsein beeinflusst. Auf dieser Linie liegen auch die Erkenntnisse der biologischen Evolution, nach der mit dem Aufkommen des Gehirns des homo sapiens in Verbindung mit Computer, Datenspeicher und Netzwerken sich die Geschwindigkeit der Evolution exponentiell beschleunigt hat.

KEINE BESCHLEUNIGUNG VON PSYCHE UND ETHIK

  1. Was sich nicht in gleicher Weise beschleunigt hat, das sind die psychischen Strukturen der Menschen, ihre individuellen Verarbeitungskapazitäten, die Normen und Ethiken, nach denen Menschen zu handeln gelernt haben. Ferner erleben wir mit dem Umbruch des Digitalen – wie schon so oft in der Geschichte – einen neuen Raubtierkapitalismus, der die Neuheit der Situation ausnutzt und versucht, ganz egoistisch, individualistisch, klassisch gierig und klassisch autoritär, die Situation für sich auszunutzen. Die feudalistischen Systeme der Vergangenheit erleben im Digitalen eine gewisse Renaissance.

AUFKLÄRUNG 2.0?

  1. Wichtig ist allerdings, dass dies nicht zwangsweise so sein muss. Die Menschen haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie über Prozesse der Aufklärung, über politische Prozesse die Gestalt einer Gesellschaft in Richtung mehr Solidarität prägen konnten. Brauchen wir eine Aufklärung 2.0? Brauchen wir eine Radikalisierung des Wissens über den Menschen bei zugleich mehr kritischem Bewusstsein über intelligente Maschinen? Was können intelligente Maschinen wirklich? Worauf gründet der Glaube, dass sie besser sein können als die Menschen? Was ist mit den ungeklärten Ziel- und Wertefragen der Menschen: können intelligente Maschinen besser mit Werten umgehen als Menschen?

QUASI-INTELLIGENZ

  1. Diese Fragen werden bislang nicht diskutiert. Sie werden nicht einmal gestellt. Allerdings kann jeder wissen, wenn er will, dass intelligente Maschinen sehr wohl von Wertefragen abhängen. Die heutigen sogenannten intelligenten Algorithmen sind noch nicht wirklich intelligent, nur quasi-intelligent; sie können Ereignisse, die auftreten, statistisch aufbereiten und Tendenzen ermitteln. Sie können aber nicht Ereignismodelle mit Blick auf mögliche Kontexte im Stil von Menschen bewerten.
  2. Die google-amazon-facebook und ähnliche Algorithmen sind per se nicht in der Lage, die Fakten, die ihnen eingespeichert werden, mit Blick auf den Entstehungszusammenhang Mensch-Erde zu bewerten. Sie nehmen alles für bare Münze, natürlich auch Fehler und Schrotteingaben. Sie können nicht zwischen sinnvoll und nicht sinnvoll unterscheiden. Schon jetzt sind diese Algorithmen angefüllt mit viel Datenschrott, den sie für wahr halten. Sie selbst können sich nicht korrigieren und Menschen können dies schon lange nicht mehr, da kein einzelner Mensch diese Algorithmen und Datenmengen noch sinnvoll bewerten kann. Die Manager dieser Firmen vertrauen auf ein algorithmisches Datenungeheuer, für das es nur eine Frage der Zeit ist, bis es sich selbst zerstört, und damit leider uns alle mit.

RENAISSANCE DES MENSCHEN?

  1. Der Mensch wird heute von den Propheten der intelligenten Digitalisierung tendenziell eher klein geredet, entwertet, zum Auslaufmodell erklärt. Dies in einem Abschnitt der Wissenschaftsgeschichte, in der gerade sichtbar wird, wie ungeheuerlich der Mensch ist, wie fantastisch, wie unfassbar, von einer Komplexität, die unser menschliches Denken bei weitem übersteigt. D.h. wir selbst verstehen von uns, dem homo sapiens, und unserer Stellung im Gesamt des Lebens und des Universums bislang nur ein Zipfelchen, und doch erdreisten sich die Vertreter der naiven Maschinenreligion den Menschen zum Auslaufmodell zu deklarieren (was sie selbst dann auch sind).

RENAISANCE DER RELIGION?

  1. Man kann die verschiedenen großen Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam) in vielen Dingen kritisieren, was sie aber als fundamentale Botschaft in das Bewusstsein der Menschheit überbracht haben, das ist die mögliche Verbundenheit des einzelnen Menschen mit dem Ganzen, mit dem, was Schöpfer/ Gott genannt wird, als eine Wirklichkeit, die jeder persönlich real erfahren kann ohne Vermittlung durch irgend jemanden anderen, ohne Notwendigkeit zusätzlicher Mittel, nur er selbst als Lebewesen. Diese Erfahrung gehört genauso zur Welterfahrung wie Zahnschmerzen, dass es regnet, dass die Sonne glühend heiß sein kann, dass der Körper Schmerzen erfahren kann.
  2. Für die Frage der Zielfindung, der Präferenzenbildung ist diese Erfahrungsmöglichkeit fundamental, und übersteigt die Fitnessregeln der biologischen Evolution vor dem Erscheinen des homo sapiens. Der homo sapiens hat mit seinem Gehirn nicht nur eine neue kognitive Revolution eingeleitet, sondern auch eine neue emotionale-psychische transzendente Revolution. Diese Dimension, in der Vergangenheit (mindestens die letzten 5000 Jahre) in Formen unterschiedlicher Religionen manifest geworden, war aber überlagert mit vielen historisch-kulturellen Besonderheiten, durchtränkt von den üblichen Geld und Machtpraktiken der Menschen, eingesperrt in alte Begrifflichkeiten, so dass die Wucht dieser neuen Befindlichkeit des Lebens auf der Erde und im Universum kaum zum Strahlen kam (wenn man überprüfen würde/könnte, wie viele der offiziellen religiösen Funktionäre tatsächlich, real ihre Gottesbeziehung haben, würde man möglicherweise eine (negative) Überraschung erleben…).
  3. Angesichts des in Mode gekommenen schlechten Redens über den Menschen bar jeglicher Kenntnisse über das im Menschen anwesende Wunder wären eigentlich die Religionen berufen, die Tiefendimension des Menschen im Einklang mit den Wissenschaften sichtbar zu machen. Doch bisher scheinen die Religionen so sehr mit sich selbst und ihren Skurrilitäten beschäftigt zu sein, dass sie in dieser wichtigen Rolle bislang ausfallen.
  4. Die Geschichte ist mit der digitalen Revolution keinesfalls zu Ende, auch wird sie mit Sicherheit nicht in der Alleinherrschaft der Maschinen enden. Eine Garantie für einen Erfolg – was immer dies in der Zukunft heißen mag – gibt es aber dennoch nicht. Denn nicht nur hat der Mensch mit seiner Freiheit bislang zur Genüge bewiesen, dass er sogar sich selbst auszurotten vermag, auch die Software produziert Unsinn und Fehler in Massen, nicht nur, weil schlechte Programmierer schlechte Programme schreiben.

Eine gewisse Fortsetzung finden diese Überlegung im Beitrag DENKEN UND WERTE – DER TREIBSATZ FÜR ZUKÜNFTIGE WELTEN (Teil 1) vom 13.März 2016.

Ein Überblick über alle Beiträge des Autors cagent nach Titeln findet sich HIER.

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

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