DER SUBJEKTIVE RAHMEN DER OBJEKTIVEN WELT

(1) Empirische Wissenschaft definiert sich normalerweise über Messoperationen. Alles, was sich mittels eines bestimmten Messverfahrens messen läßt, gilt als gemessener = objektiver Wert (z.B. ‚5 m‘, ‚3.5 s‘, ‚2.33 kg‘, …).

(2) Die Ergenisse von empirischen Messungen M_Emp müssen unabhänig von der Person sein, die die Messung vornimmt, der Vorgang M als solcher muss wiederholbar sein und ‚unter gleichen Umständen‘ sollte das Ergebnis reproduzierbar sein. Im übrigen sollte der Messvorgang auch ’standardisiert‘ und die Messaparatur ‚zertifiziert‘ sein.

(3) Messungen beziehen sich immer auf einen bestimmten ‚Zeitpunkt‘ t (oder ein geeignetes Zeitintervall), auf ein bestimmtes ‚Raumgebiet‘ R, geschehen unter bestimmten ‚Umgebungsbedingungen‘ E und können in einer Sprache L_Measure protokolliert werden. (‚Zeitpunkt‘ setzt eine geeignete ‚Uhr‘ voraus, die in ein international synchronisiertes Zeitsystem (UTC) eingebunden ist und ‚Raumgebiet‘ setzt entsprechend eine international gültige ‚Ortung‘ voraus; ‚Umgebungsbedingungen‘ beruhen ebenfalls auf Messwerten  oder ‚Beobachtungen‘. ).

(4) Messwerte als solche M_Emp_t_R_E sind isolierte Fakten ohne jeden Zusammenhang; sie liegen vor als Ereignisse im ‚intersubjektiven‘ Raum, der allen Menschen mit einem ’normalen‘ Wahrnehmungsapparat zugänglich ist.

(5) Für einen einzelnen Menschen gibt es objektive Messwerte nur in der Form subjektiver Wahrnehmung! Nur als ‚Ereignis im Bewusstsein‘ (:= Phänomen, Ph) hat ein Mensch Kenntnis von Messwerten. Entsprechendes gilt auch von dem objektiven Messvorgang M als solchem: was immer objektiv geschieht, der einzelne Mensch ‚weiss‘ davon nur insoweit diese objektiven Ereignisse als subjektive Ereignisse Ph_M im Bewusstsein ‚irgendwie repräsentiert‘ sind. Die subjektive Repräsentation von objektiven Messwerten kann bekanntlich ‚verzerrt‘ oder ‚grob falsch‘ sein.

(6) Empirische Messwerte M_Emp sind also –sofern Sie Teil eines subjektiven Wissens sind– immer zugleich auch Phänomene Ph_Memp.

(7) Generell gilt, dass alle Arten von Messwerten (zum Gehirn M_Emp_Brain, zum Körper M_Emp_Body, zu kulturellen Artefakten M_Emp_Culture, zur Erde M_EMP_Earth, usw.) für den einzelnen nur existieren, wenn sie Eingang in das Bewusstsein (Consciousness, Consc) der betreffenden Person gefunden haben, d.h. wenn die objektiven Messwerte als subjektive Phänomene vorliegen, also MEmp_Brain als Ph_MEmp_Brain, M_Emp_Body als Ph_M_Emp_Body, usw.

(8) Im Bewusstsein gibt es solche Phänomene, die aus Wahrnehmungen intersubjektiver Zusammenhänge stammen Ph_Emp und solche, die nicht aus intersubjektiven Zusammenhängen stammen –Ph_Emp. Ferner kann man grob unterscheiden zwischen jenen Phänomenen Ph_Concr, die ‚einzelne‘ Fakten (wie z.B. Messwerte) repräsentieren, als auch solche Ph_Abstr, die ‚Abstraktionen‘ von vielen möglichen einzelnen Fakten darstellen bzw. solche Ph_Rel, die ‚Beziehungen‘ repräsentieren. Die abstrahierenden und beziehungsrepräsenterenden Phänomene sind –aus Sicht der subjektiven Wahrnehmung– quasi ‚Eigenleistungen‘ des Bewusstseins. Vereinfachend kann man sagen, dass ‚abstrakte Modelle‘ Ph_Mod  bzw. ‚abstrakte Theorien‘ Ph_Th ‚Kompositionen‘ von abstrakten Konzepten und Relationen darstellen.

(9) Eine über den isolierten Zeitpunkt und über das isolierte Raumgebiet hinausgehende ‚Bedeutung‘ können Messwerte nur gewinnen, wenn man sie in abstrakte Konzepte und abstrakte Beziehungen ‚einbetten‘ kann, wie sie ausschliesslich als subjektive abstrahierende und beziehende Phänomene vorkommen. Diese ‚allgemeineren‘ Strukturen sind ‚rein subjektive‘ Leistungen, die mit den Phänomenen aus dem intersubjektiven Raum (z.B. Messwerten) innerhalb des Bewusstseins eine ‚Symbiose‘ eingehen. Hier stellen sich interessante Fragen nach einer möglichen ‚Konformität‘ der subjektiven interpretierenden Strukturen (Modelle, Theorien) mit den isolierten empirischen Phänomenen (diese Problematik war/ist Thema verschiedener philosophischer ‚Wahrheitstheorien‘ bzw. auch wissenschaftstheoretischer Diskussionen über die ‚Falsifizierbarkeit‘ bzw.  der ‚Verifizierbarkeit‘ von Theorien).

(10) Was man hier erkennen kann, ist die Tatsache, dass Begriffe wie ‚aussen‘, ‚empirisch‘, ‚objektiv‘, ‚intersubjektiv‘ usw. angeleitete Begriffe sind, sozusagen Hypothesen auf der Basis der subjektiven Wahrnehmung.

(11) Das Bewusstsein erscheint mit ‚fliessenden Grenzen‘, ‚variierenden Inhalten‘, ’schwankenden Strukturen‘.

(12) Anhand von empirischen Daten zum Gehirn (die selbst als subjektive Erlebnisse vorliegen müssen, um gedanklich verarbeitet werden zu können), die mit Bewusstseinszuständen zeitlich korreliert werden, kann man Hypothesen über einen möglichen funktionellen Zusammenhang zwischen messbaren Gehirnprozessen und phänomenalen Gegebenheiten herstellen. Solche Daten deuten darauf hin (klare Erkenntnisse gibt es noch nicht), dass die bewussten Inhalte nur einen kleinen Teil der Ereignisse im Gehirn (und Körper) widerspiegeln. Ferner ist das, was repräsentiert wird, variable, dynamisch: im ‚Wachzustand‘ sind es z.T.  andere Ereignisse, die ‚zugänglich‘ sind als im ‚Schlafzustand‘ oder in anderen ‚Bewusstseinsmodi‘. Prinzipiell ist heutzutage nicht auszuschliessen, dass über Bewusstseinszustände auch solche Ereignisse partiell zugänglich sind, die klassischerweise als ‚vor-‚ oder ‚unterbewusst‘ bezeichnet werden.

(13) Bei der ‚Interpretation‘ der Bewusstseinsinhalte ist es allerdings schwierig, diese ‚einzuordnen‘ sofern sich die auslösenden Prozesse von einer klaren Zuordnung zu kontrollierbaren körperlichen oder interpersonalen Prozessen entfernen. Letztlich ist dann eine ‚Semantik‘ nicht mehr rational herstellbar und damit jegliche Deutung ‚willkürlich‘. Im Bereich der ‚Mystik‘ gibt es in allen Religionen quer zu allen Kulturen Berichte von ‚Erlebnissen besonderer Art‘ die, sofern sie sich nicht unterangebbaren Bedingungen reproduzieren lassen, subjektiv sehr ‚farbig‘ sein können, die aber einer Deutung im Kontext einer ‚Welterklärung‘ unzugänglich sind.

(14) Audio-Datei: Hier

Epistemology of the Consciousness

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in empirisch, Externe Welt, Gehirn, Intersubjektivität, Messen, Messwerte, Monade, Sensorische Daten, Subjektivität, Wissen, Wissensaneignung, Wissenschaft von cagent. Permanenter Link des Eintrags.

Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

Schreibe einen Kommentar