Monadischer Charakter des Bewusstseins

(1) Ein radikaler Idealismus a la Berkeley oder ein Monismus im Sinne einer Monade a la Leibniz waren in der Philosophie nie besonders populär, noch weniger ausserhalb der Philosophie.

(2) Umso bemerkenswerter, dass es gerade die moderne Gehirnwissenschaft(en) ist (sind), die dieser Sichtweise zu neuer Gültigkeit verhilft.

(3) Stark vereinfacht kann man heute sagen (siehe Bild), dass das, was in der ‚Welt ausserhalb des Körpers‘ geschieht, nur insoweit in das ‚Innere des Körpers‘ gelangt, als es durch geeignete ‚Sensoren‘ von einem Energiezustand in einen anderen ‚konvertiert‘ wird.

(4) Die verschiedenen Sensorarten im Körper (visuell, audidorisch, taktil, olfaktorisch, usw.) erzeugen elektrische Signale auf chemischer Basis. Das Verhältnis zwischen diesen konvertierten messbaren sensorischen Signalen und den auslösenden Energien ist nicht 1-zu-1.

(5) Die sensorischen Signale werden auf unterschiedlichste Weise sowohl zum Gehirn weitergeleitet wie auch auf diesem Wege auf unterschiedliche Weise modifiziert und assoziiert.

(6) Die Zielbereiche der sensorischen Signale sind vielfältig und das, was ‚im‘ Gehirn dann an verschiedenen ‚Orten‘ zu verschiedenen ‚Zeiten‘  als ‚Endprodukt‘ von den sensorischen Signalen benutzt und weiterverarbeitet wird ist wiederum keine 1-zu-1-Abbildung des ursprünglichen sensorischen Signals.

(7) Was immer also das Gehirn in bestimmten Bereichen als ein ‚Modell der sensoisch erfassten Welt‘ ‚konstruiert‘, dieses Modell ist niemals ‚die Welt da draussen‘, sondern eben eine ‚Konstruktion des Gehirns‘ anhand verfügbarer Signale und im Rahmen von verfügbaren ‚Konstruktionsprinzipien‘. Das Gehirn selbst hat keinen direkten Kontakt mit der ‚Welt da draussen‘.

(8) Ähnliches gilt auch für all die sensorischen Signale, die das Gehirn von Sensoren ‚im Körper‘ (propriozeptive Signale) empfängt. So gesehen ist das Körperinnere (ohne das Gehirn) für das Gehirn auch eine ‚Umgebung‘, ein ‚Jenseits‘, dessen Zustände aus vielfach modifizierten sensorischen Signalen ebenfalls in ein ‚konstruiertes Modell des Körpers‘ überführt werden.

(9) In einem permanenten Konstruktionsprozess versucht also das Gehirn auf der Basis verfügbarer sensorischer Daten die dynamischen Umgebungen ‚Körper‘ und ‚Welt‘ durch seine konstruierten Modelle so gut wie möglich ‚anzunähern‘.

(10) Alle empirischen und subjektiven Daten sprechen dafür, dass das ‚Bewusstsein‘ eines Menschen eine dynamische Funktion seines Gehirns ist, d.h. Teile des Gehirns können andere Teile des Gehirns ‚bewusst‘ machen, können ‚integrieren‘, ‚fokussieren‘, ‚assoziieren‘ usw. Dabei läßt sich bis heute nicht eindeutig sagen, welche Teile des Gehirns ‚genau‘ dafür zuständig sind. Es scheint eine sehr variable Konstellation zu sein, die sich von Moment zu Moment umkonfigurieren kann.

(11) Da ein Mensch nur das, was ihm ‚explizit bewusst‘ ist für eine ‚explizite Kommunikation‘ benutzen kann, bildet das Bewusstsein mit seinen dynamischen Inhalten die gemeinsame Schnittstelle zwischen verschiedenen Gehirnen.

(12) Während das Gehirn als solches ‚in sich eingeschlossen‘ ist, bietet symbolische Kommunikation die Möglichkeit, das ‚Innere der Monade‘ partiell zu ‚durchbrechen‘ und zu ‚überwinden‘. In der Kommunikation transzendiert ein monadisches Bewusstsein (sprich ein Gehirn) sich selbst.

(13) Also, Leibniz, Berkeley (und viele Phänomenologen) dürfen auf er Basis der Neurowissenschaften neu gelesen werden.

(14) Eine offene Frage ist für mich, ob es die Gehirnwissenschaften sind, die sich darüber Gedanken machen müßten, wie sie das vorläufige ‚Endprodukt‘ einer evolutionären Gehirnentwicklung, nämlich die ‚kommunikablen Phänomene‘, angemessen theoretisch beschreiben wollen. Eine rein physiologische Betrachtungsweise ist aus methodologischer Sicht abseits der interessierenden Phänomene. Wirkliche Theoriebildung ist in den Gehirnwissenschaften aber stark unterentwickelt (selbst  bei Nobelpreisträgern im Bereich Gehirnwissenschaften ist man sich nicht sicher, ob Sie überhaupt wissen, was eine ‚Theorie‘ ist).

(15) Audio-Datei: Hier

Environment - Body - Brain - Consciousness

Eine spätere Fortsetzung (eigentlich gab es viele…) findet sich HIER.

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

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