Kategoriearchiv: Biologisches Leben

KREATIVITÄT IST DAS HERZSTÜCK DER BIOLOGISCHEN EVOLUTION

Dieser zusätzliche Hinweis ist notwendig, um zu verstehen, worum es in dem Beitrag mit dem Titel SIND VISIONEN NUTZLOS? geht.

Viele unserer vertrauten Begriffe müssen wir neu lernen, wenn wir hinschauen, wie das Leben wirklich ist, nicht, wie wir es uns im Alltag gerne zurecht basteln.

Der Mensch in Gestalt des homo sapiens (sapiens) ist grandios, aber doch nur ein Teil eines noch größeren Ereignisses….

 

SIND VISIONEN NUTZLOS?

Letzte Aktualisierung: 23.Okt.2016 (Formeln wegen Lesbarkeit entfernt)

VERTRAUTER ALLTAG

  1. Jeder kennt das aus seinem Alltag: Menschen tun ihre Pflicht, man tut, was man kennt; Gewohnheiten, Vorschriften, Verordnungen, Gesetze weisen einem den Weg.
  2. Dies hat etwas Vertrautes, es stützt Erwartungen, macht das Geschehen ansatzweise überschaubar, gar berechenbar, man kann ansatzweise planen.
  3. Dann gibt es noch die zeitlichen Rhythmen Woche, Monat Jahreszeiten, Jahr; Fixpunkte des Erinnerns, Planens und Erwartens.
  4. Diese Rhythmen, die erkennbaren Regelhaftigkeiten, spannen einen Raum auf für das mögliche Geschehen, ermöglichen die Koordination mit anderen: Treffen, Urlaubsreisen, Feiern, Freizeiten, Umsatzplanung, Produktionszyklen, Finanzierungsmaßnahmen, Marketingaktionen, Einstellungspläne, Kooperationen mit Zulieferern, Wahlkampfpläne, Gesetzesprojekte im Parlament, ….

… WENN ER WANKT

  1. Ohne diesen erkennbaren und erwartbaren Raum gerät alles ins Schwimmen, entsteht Unsicherheit, werden Pläne unmöglich, das Erreichte fängt an zu Wanken: wird es bleiben? Wie wird es weitergehen?
  2. Die normale Reaktion eines homo sapiens (sapiens) in solch einer Situation sind Unruhe, Sorgen, Ängste, wenn man die Bedrohlichkeit der Situation zu realisieren beginnt. Dies kann in Existenzängste übergehen, Suche nach Rettung, nach Alternativen, nach Ursachen, Verursachern. Was hat dazu geführt? Warum ist das so? Was kann ich tun?

BLICK ZURÜCK

  1. Phasen der Stabilität, des Wohlstands gab und gibt es in der Geschichte des homo sapiens (sapiens) immer wieder. Manchmal Jahrzehnte, mal mehrere Generationen, bisweilen mehrere hundert Jahre. Aber noch nie waren solche Phasen ewig.
  2. Diese Phasen relativer Ruhe mit relativem Wohlstand waren nie monoton, gleichförmig: von sehr reich und mächtig bis sehr arm und rechtlos reichte die Bandbreite immer. Die Armen lebten von der Hoffnung auf den möglichen größeren Reichtum, und die Reichen und Mächtigen lebten von ….?
  3. Länger andauernder Wohlstand setzt immer lang andauernde stabile Verhältnisse voraus in denen all jene Tätigkeiten stattfinden können, die Nahrung ermöglichen, Wohnräume jeglicher Art, Handwerk, Verkehr, Technologien, Regeln des Zusammenlebens, Sicherung von Ordnung durch effektive Bestrafung der Abweichler, Sicherung von Ordnung durch effektive Abwehr nach außen, Weitergabe und Entwicklung von Wissen, geeignete Ausbildung von Menschen zum Erhalt der bestehenden Abläufe, notwendige Rohstoffe, geeignete Ökosysteme …..
  4. Je komplexer eine Gesellschaft des homo sapiens (sapiens) war, umso anfälliger wurde sie: Naturkatastrophen gab und gibt es immer wieder: Zu viel Regen, zu wenig Regen, schwere Unwetter mit Blitzen, Feuerereignissen, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Tsunamis, Meteoriteneinschläge, Asteroiden; dazu mikrobakterielle Veränderungen, die sich in neuen Krankheiten zeigten, auf die das menschliche Immunsystem nicht sofort eine Antwort fand, …
  5. Auch gab es Ressourcenknappheiten: Erde erschöpft sich, Trinkwasser geht zur Neige, zu wenig Nahrung für die lebenden Menschen (und Tiere), Energiequellen versagen, Arten sterben aus, Verschmutzung der Umwelt macht vieles unbrauchbar, …
  6. Manche Veränderungen sind punktuell in Raum und Zeit, andere dauern an, erstrecken sich über größere Regionen, oder sind periodisch (Überschwemmungen, Brände,…)…

REAKTIONEN AUF VERÄNDERUNGEN

  1. Auf viele lebensfeindliche Ereignisse kann der homo sapiens (sapiens) reagieren, wenn er davon Kenntnis hat und hinreichend viele Menschen sich einig sind, wie sie es verhindern können und sie es auch gemeinsam wollen. Andere sind schwer voraussagbar, sind zu selten und schwer erkennbar; wieder andere setzen sehr viel Wissen, hinreichende Technologien, und hinreichende kulturelle und politische Strukturen voraus, um darauf langfristig und nachhaltig reagieren zu können (Klima, Ressourcenzerstörung, Verhältnis von Ernährung und Bevölkerung, …).

AUFBÄUMEN GEGEN BEDROHUNG(EN)

  1. Auffällig ist, dass aber zu allen Zeiten die Menschen bei Bedrohung, Unglücken, Katastrophen nach Ursachen suchen, nach Verursachern oder nach eigener Schuld. Der Wille zum Leben gibt sich nicht mit dem Ereignis zufrieden. Der Wille zum Überleben sucht nach Anhaltspunkten, wie man Bedrohungen abwehren, sie überwinden kann. Aber welche Chancen hat ein einzelner homo sapiens (sapiens), eine ganze Population von Menschen?
  2. Eines ist ganz klar, was immer ein homo sapiens (sapiens) tun will, er hängt von dem Wissen ab, was sich gerade in seinem Kopf befindet, von den Handlungsmöglichkeiten der aktuellen Situation, und von der Fähigkeit, sich mit anderen zu koordinieren.
  3. Und in ungewöhnlichen Situationen zeigt sich eines sehr deutlich: auch wenn man aktuell nichts wirklich tun kann, wenn man nicht wirklich weiß, was man tun kann, dann tendiert der homo sapiens (sapiens) dazu, irgend etwas zu tun, nur um das Gefühl zu haben, er tue ja etwas. Das Gefühl des Nichtwissens, der Alternativlosigkeit, der darin aufkeimenden Ohnmacht ist so unerträglich, dass der homo sapiens (sapiens) dann irgend etwas tut, nur um nicht Nichts zu tun.
  4. Ist das dumm? Ist das primitiv? Ist das lächerlich? Ist das gefährlich?
  5. Halten wir einen Moment inne und schauen zurück (weil wir heute vieles wissen können, was hunderte, tausende Generationen vor uns nicht wissen konnten).

VOR SEHR LANGER ZEIT (KEIN MÄRCHEN)

  1. In der Zeit vor dem homo sapiens (sapiens) – viele Milliarden Jahre – als es nur einzelne Zellen oder einfache Zellverbände gab, beherrschte das biologische Leben zwar die Kunst, sich selbst zu vermehren (bis heute eines der größten Wunder im Universum und noch immer nicht vollständig aufgehellt!), aber das biologische Leben in Gestalt der Zellen verfügte über keinerlei Möglichkeit, in der aktuellen Situation der Selbstreproduktion im großen Maßstab über Alternativen, Varianten, mögliche Szenarien nachzudenken. Es besaß keinerlei Wissen über die weitere Zukunft. Die Zukunft war eine unfassbar große Wand des Nichtwissens, undurchdringlich. Das einzige, was verfügbar war, das waren genetisch kodierte Informationen über solche Baupläne, die in der zurückliegenden Geschichte überlebt hatten. Überlebt in einer Welt, der Erde, die selbst in beständiger Veränderung war, tiefgreifenden Veränderungen. Alles, was bisher erfolgreich war garantierte in keiner Weise, dass es morgen auch noch erfolgreich sein würde. Das Leben stand vor einer eigentlich unlösbaren Aufgabe: es musste Formen annehmen, die in einer Welt überleben können, die als solche noch nicht bekannt waren.
  2. Zu einem bestimmten Zeitpunkt t definierten die vielen genetisch kodierten möglichen Baupläne G in den Zellen mögliche Lebensformen L, die sich in der Vergangenheit in einer bestimmten Umwelt U bewährt hatten. Diese Umwelt ist aber nicht statisch sondern dynamisch, d.h. von einem Zeitpunkt t zu einem anderen späteren Zeitpunkt verändert sie sich nach bestimmten Regeln V; diese Veränderungsregeln sind dem Leben zum Zeitpunkt t nur partiell bekannt, und nur indirekt, kodiert im genetischen Kode. Heute wissen wir (wir glauben es zu wissen), dass diese Veränderungsregel V ein Bündel von Regeln ist, die unterschiedlich stabil sind, weil eine Veränderung der Umwelt U auch zurück wirkt auf manche Aspekte der Veränderungsregel V. Wir haben also eine Veränderungsregel V, die sich im Laufe der Zeit partiell selbst ändert …
  3. Im Nachhinein betrachtet hatte das biologische Leben extrem schlechte Karten. Keine Bank dieser Welt hätte einem solchen Kandidaten einen Kredit gewährt; keine Versicherung dieser Welt würde das Risiko des Lebens zu den frühen Zeiten versichert haben; kein Investor dieser Welt hätte je in das Projekt des Lebens investiert; keine bekannte politische Bewegung hätte auf dieses Leben gesetzt, keine Religion dieser Welt hat jemals über dieses biologisch Leben geredet …. Ein Grund dafür ist sicher, dass die menschliche Akteure von der Art homo sapiens (sapiens) nur eine vergleichsweise verschwindend geringe Lebenserwartung haben verglichen mit den Zeiträumen, in denen sich das Projekt des Lebens auf der Erde (und damit auch im Universum) in seinem sichtbaren Teil in vielen Milliarden Jahren entwickelt hat.
  4. Rein Mathematisch (soweit wir heute Mathematik entwickelt haben) hatte das biologische Leben vor dem homo sapiens (sapiens) keine wirkliche Chance, und dennoch hat es überlebt, 3.8 Mrd Jahre im sichtbaren Teil. Wie? Warum?

DAS NOTORISCH UNBERECHENBARE AM LEBEN

  1. Das biologische Leben hat bis heute viele unaufgeklärte Geheimnisse. Neben dem Selbstreproduktionsmechanismus, der wertvolle Informationen aus der Vergangenheit enthält, ist der Prozess der Weitergabe von Informationen und deren Umsetzung in eine neue, lebensfähige Struktur, nicht deterministisch, nicht 1-zu-1!
  2. Der Prozess ist aus sich heraus vielfältig, lässt Variationen zu, Abweichungen, schafft neue Kombinationen, so dass die Menge der genetisch kodierten Informationen G in den Zellen eben nicht eine eindeutige Menge L von möglichen Lebensformen kodiert, sondern eine partiell undefinierte Menge L*, die sich aus den Variationen innerhalb des Prozesses herleiten. Diese Menge L* weicht von der Erfahrung der Vergangenheit mehr oder weniger stark ab. Sofern die neue Umwelt U‘, die auf eine aktuelle Umwelt U aufgrund der jeweiligen Weltveränderungsregel V folgt, mit der ursprünglichen Umgebung U hinreichend ähnlich ist, hatte jener Anteil von Lebensformen in den neu realisierten Lebensformen L*, die noch den alten Lebensformen L entsprachen, gute Chancen, zu überleben. Diejenigen Lebensformen in L*, die zu neu waren, möglicherweise nicht. Sofern aber die neue Umwelt U‘ sich von der vorausgehenden Umwelt U in machen Punkten unterscheidet, haben dagegen die Lebensformen, die den vorausgehenden Lebensformen L ähneln, weniger Aussichten auf das Überleben; die Lebensformen aus der neuen Menge von Lebensformen L*, die sich von den alten Lebensformen L hingegen unterscheiden, möglicherweise schon. Vor dem Ereignis von L* in U‘ konnte der Mechanismus der Selbstreproduktion dies nicht wissen; volles Risiko war notwendig! Man kann dies die Urform von Kreativität nennen, von Genietum, von Verrücktheit ….Es ist tief verwurzelt im Kern des geheimnisvollen Lebens…
  3. Normale wahrscheinlichkeitstheoretische Modelle sind nicht in der Lage, diese Prozesse angemessen zu beschreiben. In jeder Phase des Lebens (und es gab ja Millionen von Phasen) sind sie zum Scheitern verurteilt.
  4. Fakt ist nur, dass das Leben mit dieser Methode aus Erinnerung (= genetisch kodierte Informationen aus der Vergangenheit) + voll riskante Variationen (Würfeln gegen die unbekannte Zukunft) es geschafft hat, eine wahrscheinlichkeitstheoretische Unmöglichkeit in ein (bisher) Erfolgsmodell zu verwandeln, das eine Komplexität erreicht hat (z.B. allein der Körper eines einzelnen homo sapiens (sapiens) besitzt etwa 120 Milchstraßen-Galaxien an Zellen, die hochkomplex miteinander interagieren), die unser aktuelles Verstehen noch weitgehend überfordert.

LEHREN AUS DER VERGANGENHEIT?

  1. Was das biologische Leben uns, die wir ein Produkt dieses Lebens sind – und auch nur ein Teil davon – damit sagen kann/ will, ist ziemlich klar. Ein aktuelles Wissen von der Welt und dem Leben auf der Erde (und im Universum) ist niemals vollständig. Die objektiven Grenzen eines aktuellen Wissens zu überwinden kann nur gelingen, wenn man sich nicht in den objektiven Grenzen einmauert, sondern diese Grenzen durch ein ganzes Feuerwerk an Experimenten jenseits des Bekannten zu durchbrechen, zu überwinden sucht. Dies kann man Kreativität nennen, Visionen, Träume, Verrücktheit, Genietum … egal wie wir es nennen, ohne ein hinreichendes Maß an Verrücktheit, Kreativität, Mut zum Risiko hat das Leben keine Zukunft. In einer dynamischen Welt kann das Wissen um die Vergangenheit nicht der alleinige Maßstab für die mögliche Zukunft sein. Hätte das biologische Leben in der Vergangenheit nur das wiederholt, was bislang Erfolg hatte, es wäre schon lange gescheitert. Die Wahrheit des Lebens liegt nicht nur in ihm selbst, sondern in ihm und in Wechselwirkung mit einer dynamischen Umgebung, also mindestens mit dem bekannten Universum.
  2. Jetzt werden manche sagen, dass wir ja heute so viel mehr wissen. Wir können die Entstehung des bekannten Universums sehr weitgehend nachvollziehen und simulieren; wir haben technisches Knowhow, komplexe Maschinen, Gebäude, ganze Städte zu bauen; wir haben neue Informationstechnologien, um mehr Daten zu verwalten, sie zu finden, sie neu zu kombinieren ….
  3. Das ist richtig. Das Leben hat in Gestalt des homo sapiens (sapiens) Handlungsräume ermöglicht, die noch vor 100-200 Jahren unvorstellbar waren.
  4. Wahr ist aber auch, dass wir zunehmend die inhärenten Grenzen der bisherigen Methoden erkennen: der homo sapiens (sapiens) ist dabei, die Lebensgrundlage Erde weitgehend und nachhaltig zu stören oder gar zu zerstören. Die neue Vielfalt an Wissen, Lebensformen, Handlungsmöglichkeiten überfordert das aktuelle Format des Erlebens und Verstehens eines einzelnen homo sapiens (sapiens). Statt Frieden weltweit und Wohlstand für alle produziert der homo sapiens (sapiens) krasse Unterschiede zwischen Reich und Arm, zwischen Ernährung und Wasser im Überfluss in einer Region und Hunger und Wassermangel in einer anderen; statt globaler Friedensgesellschaft mit gemeinsamer Verantwortung (Vision der United Nations) beobachten wir wieder eine Tendenz zum Nationalismus, zur Radikalisierung, zu Fanatismus, zu Vereinfachungen.
  5. Die begrenzte Lebenszeit des homo sapiens (sapiens) und sein biologisch begrenztes Verstehen werden zum Stolperstein, das größere Ganze, den Zusammenhang zwischen allem, die großen Perspektiven wahrzunehmen und danach zu handeln. Die sogenannten nationalen Führer erweisen sich als krasse Zwerge gemessen an den Anforderungen der je größeren Zukunft.
  6. Mathematisch ist die Prognose für den homo sapiens (sapiens) als Teil des Lebens wie schon immer schlecht.
  7. Die Botschaft der Vergangenheit sagt aber, im Phänomen des Lebens steckt mehr als das, was die endlichen Gehirne eines homo sapiens (sapiens) bislang denken.
  8. Die Zukunft wird erzählen, was stimmt. Ganz unbeteiligt sind wir nicht. Visionen sind nicht unbedingt schlecht. Wir alle sind ein Produkt der Visionen von vielen Milliarden Jahren von aberwitzig vielen Experimenten.

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WENN DAS STERBEN EINE BOTSCHAFT IST – IST DAS LEBEN NICHT WEIT. Gedanken anlässlich des Todes einer Freundin.

Vorbemerkung: Für diejenigen, die nicht daran gewöhnt sind, die Dinge des Lebens neben den Gefühlen auch mit Wissen zu betrachten, ist dieser Text vielleicht nicht hilfreich. Für diejenigen aber, die nach Antworten auf ihre Fragen suchen, kann der Text vielleicht die eine oder andere Anregung geben.

IM ALLTAG

  1. Wenn ein Mensch stirbt eingeflochten in ein lebendiges Netzwerk von Familie, Verwandtschaft, Freundschaften und Bekanntschaften, dann ist dies ein Ereignis, das nicht nur singulär, individuell an einem Ort, zu einem Zeitpunkt, isoliert von allem stattfindet; nein, alle anderen erleben es mit, registrieren es; dieses Erleben breitet sich aus wie eine Erregungswelle und löst sehr unterschiedliche Wirkungen aus.

  2. In diesem Fall der Freundin ging eine lange Krankengeschichte voraus, ein Gehirntumor war entdeckt worden. Nach dem Wissensstand der heutigen Schulmedizin galt er als unheilbar, weil man bislang kein Mittel gefunden hatte, ein solches Wachstum ernsthaft zu stoppen. Trotz aller Maßnahmen wurde immer mehr klar, was dies konkret heißt: zunehmender Verfall von Gehirn und Körperfunktionen. In den letzten Monaten war der Körper zwar noch da, aber die gewohnten geistigen Funktionen waren kaum noch wahrnehmbar. Bis zu dem Moment, wo die Ärzte dann nur noch den endgültigen körperlichen Tod feststellen konnten.

  3. An dieser Stelle ist es müßig, darüber zu diskutieren, ob es nicht irgendwie, irgendwo doch noch möglich gewesen wäre, das bekannte Leben zu verlängern oder gar ganz zu retten. Im Fall der Freundin hat das bekannte Leben aufgehört, für uns, die wir noch in diesem körperbasierten Leben anwesend sind.

DAS UNABÄNDERLICHE

  1. Unwillkürlich tauchen die Bilder einer Beerdigung auf, alle werden da sein, der Behälter mit der Asche wird das letzte sein, was wir sehen werden, bevor dieser sich in die Erde absenkt und die letzte Spur ihres Körpers unseren Sinnen entschwindet.

  2. Egal was jeder einzelne in diesem Moment denken wird, dieser Moment hat für einen Moment etwas Unabänderliches: unsere Freundin ist so, wie wir sie all die Jahre erleben durften, gegangen, gegangen worden… und zum aktuellen Zeitpunkt müssen wir davon ausgehen, dass jeder von uns ihr, in nicht allzu ferner Zeit, folgen wird, jeder, vielleicht bin ich selbst sogar der nächste, der folgt. Und wenn ich es nicht bin, dann ist es ein lieber anderer Freund oder Freundin. Die Handschrift des Sterbens durchzieht unser Leben sehr tief, sehr unweigerlich, noch sehr unfassbar.

TRAUER

  1. Mit Blick auf unsere Freundin, auf die noch lebendigen Erinnerungen an ihre gewohnte Gegenwart, ist Trauer natürlich, menschlich, eine Form von Nähe, von innerer Umarmung, von Verweilen, von Gemeinsamkeit mit allen anderen, die auch trauern. Gemeinsam trauern ist wie gemeinsam in der Musik etwas erleben. Wir erleben uns als eine Gemeinschaft, als die Gemeinschaft, die die Erinnerung an die Freundin teilt.

  2. Man kann es bei der Trauer belassen, bei den bleibenden Erinnerungen an ihren lebenspendenden trockenen Humor, ihre unaufdringliche Hilfsbereitschaft bei so vielen Gelegenheiten, ihre konkrete Sorge für die Familie und alle anderen, und vieles mehr …

NICHT DIE GANZE GESCHICHTE …

  1. Doch, es wäre schade, würde das Erleben an diesem Punkt verweilen, stille stehen. Der Vorgang des körperlichen Sterbens, so wie wir ihn erleben und wie die Menschen von Anbeginn es erlebt haben, dieser Vorgang ist nur ein kleiner Teil einer unfassbaren Geschichte, von der Geschichte eines unfassbaren Wunders, das seit Milliarden Jahren in den Tiefen unseres Universums stattfindet.

IM STERBEN OPFER

  1. Als bekannt wurde, dass unsere Freundin einen Gehirntumor hat, der unheilbar sein soll (nach heutigem Kenntnisstand), und wir alle (und ihre Familie ganz besonders) dann erfuhren, wie das Gehirn und damit nach und nach alle Körperfunktionen, abstarben, da erlebte die Freundin sich als hilflos, ja, man darf es wohl auch so sehen, als Opfer von Prozessen in ihrem Körper, denen gegenüber sie sich ohnmächtig empfand. Etwas in ihr veränderte ihren Körper und sie selbst erlebte sich dadurch immer mehr eingeschränkt, begrenzter, schwächer, immer mehr anders als bisher.

DER HAUCH DES GANZ GROSSEN

  1. Von der Wissenschaft wissen wir, dass allein unser menschliches Gehirn gut 200 Milliarden Zellen umfasst, 200 Mrd Individuen, die autonom sein können, dies sind etwa so viele Gehirnzellen, wie es Sterne in unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße, gibt. Die Verbindungen zwischen den Gehirnzellen sind aber um das tausendfache komplexer, als jene zwischen den Sternen. Mehr noch, unser ganzer menschlicher Körper besteht aus etwa 1000 solcher Zellgalaxien, also insgesamt ca. 35 Billionen (10^12) Zellen. 1000 Galaxien in unserem menschlichen Körper, das übersteigt zur Zeit unsere Vorstellungsfähigkeit bei weitem (das menschliche Arbeitsgedächtnis kann etwa 7+/-2 Wahrnehmungseinheiten gleichzeitig bewusst verarbeiten!). Und selbst die Wissenschaft, die bisher Großes geleistet hat, steht bislang in allen interessanten Fragen noch eher ratlos vor diesem gigantischen Geschehen. Ernsthaft verstehen können wir aktuell noch so gut wie gar nichts. Die aktuelle Schulmedizin steht noch ziemlich am Anfang.

STÖRUNG DER KOOPERATION

  1. Wenn wir also konstatieren, dass bestimmte Zellen im Gehirn irgendwann anfangen, sich der gewohnten Arbeitsteilung zu entziehen, wenn sie anfangen, eine Kommunikation zu entwickeln, die nur noch dem Fortbestand dieser speziellen Zellen dient und nicht mehr dem Gesamtkunstwerk dessen, was wir ein Gehirn nennen, dann können wir dies als Störung auffassen, die, je nach Verlauf, das gesamte System aus dem Takt bringen kann. Wir erleben es als Krankheit, die zum Versagen des ganzen Körpers führen kann, das, was wir körperlichen Tod nennen.

  2. Man kann hier viele Fragen und Überlegungen anstellen. Die zentrale Frage ist natürlich, warum Zellen plötzlich die gewohnte Kooperation verweigern? Was veranlasst Zellen dazu, ihre Kommunikation, ihr Verhalten zu ändern? Und wenn es irgendwelche Zellen tun können, kann man fragen, warum es nicht noch mehr Zellen tun? Warum verweigern nicht noch viel mehr Zellen die Kommunikation mit dem Gesamtsystem? Dies wiederum kann man in die Frage transformieren, was überhaupt autonome Zellen dazu bringt, mit anderen zu kooperieren?

DAS WUNDER DER KOOPERATION

  1. Aus der Geschichte des Lebens wissen wir, dass es von den ersten einzelnen Zellen bis zu einfachen Zellverbänden ca. 2 Mrd Jahre gebraucht hat, und dann nochmals ca. 1 Mrd Jahre bis zu komplexen Lebewesen. Dies kann man als Hinweis darauf deuten, dass die Fähigkeit der Kooperation zwischen einzelnen Zellen nichts Triviales, nichts Einfaches ist, kein Selbstgänger. Die Bildung einzelner Zellen ist bis heute nicht vollständig aufgehellt und gilt als extrem komplex. Der Weg von ersten Zellen zu kooperierenden Zellen war aber offensichtlich 6-8 mal aufwendiger (nimmt man die aufgewendete Zeit als Indikator).

  2. Die molekularen Prozesse des Wachstums von Organismen sind zwar mittlerweile weiter erforscht, aber noch nicht vollständig verstanden. Dies zeigt sich auch daran, dass wir die Erhaltungsprozesse eines Körpers (wie werden in den 1000 Galaxien des Körpers einzelnen Zellen systemkonform ersetzt, Stoffwechselprozesse abgestimmt, fremde Eindringlinge erkannt und unschädlich gemacht, usw.) noch nicht genügend verstehen, noch weniger jene Prozesse, durch die sich die Zellen untereinander verabreden, ihre Arbeit ganz einzustellen (Dies ist der Fall des normalen Todes ohne spezielle Krankheiten). Vom Grundkonzept her könnten die 1000 Galaxien des menschlichen Körpers unendlich lange leben (vorausgesetzt, es gäbe eine passende Umgebung). Da aber dieses unfassbare Wunderwerk der 1000 Galaxien auf Kommunikationsprozessen beruht, die zwischen den Galaxien und den einzelnen Zellen ablaufen, müsste diese Kommunikation dauerhaft fehlerfrei funktionieren, was im Normalfall weitgehend funktioniert, weil diese Kommunikation fehlertolerant ist. Störungen, Rauschen, Fehler können in der Regel aufgefangen und ausgeglichen werden. Ein fantastisches System. Wenn Menschen 100 Jahre und älter werden, dann haben die 1000 Galaxien eines Körpers mehr geleistet, als alle menschliche Ingenieurkunst zusammen bislang geleistet hat. Im Moment wären wir nicht in der Lage, vom verfügbaren Wissen aus, vergleichbare Systeme zu bauen.

DER MENSCH FREMDELT MIT SICH SELBST

  1. Dies führt zum eigentlichen Punkt dieser Betrachtung.

  2. Während ein Mensch lebt, sind wir zwar immer wieder mal irgendwie beeindruckt, was ein Mensch so leisten kann, aber diese Beeindruckung hat deutliche Grenzen. Bei großen künstlerischen, sportlichen oder wissenschaftlichen Leistungen gibt es vielleicht Momente des Schauderns, aber so richtig, tiefgehend, radikal lassen sich Menschen selten von sich selbst (von den anderen Lebensformen reden wir hier noch gar nicht) beeindrucken. Wie auch, bei 6 oder mehr Mrd Menschen auf der Erde, angesichts von Überbevölkerung, Migrationsströmen, Reich-Arm Schismen, beständigen grausamen Bürgerkriegen irgendwo auf der Erde, da gibt es wenig Motive sich über das Wunderwerk der menschlichen Lebensform zu wundern.

  3. Der normale Mensch weiß in der Regel zu wenig über die Grundlagen des Lebens und selbst die Wissenschaften sind aufgespalten in lauter Teildisziplinen, haben das Wunderwerk in Disziplinen fragmentiert, so dass Zusammenhänge nur schwierig sichtbar werden.

  4. Wenn dann ein Mensch stirbt, ein lieber Mensch, wie unsere Freundin, und wir zuletzt nur noch das Gefäß mit ihrer Asche sehen werden, dann trägt dieser Eindruck des Totalzerfalls auch nicht gerade dazu bei, das strahlende Licht zu erkennen, das sich im Phänomen des Lebens auf der Erde seit ca. 3.8 Mrd Jahren manifestiert.

ANGEBORENE DENKSCHWÄCHE

  1. Dazu trägt auch eine Eigenart des menschlichen Gehirns bei, deren wir uns in der Regel nicht bewusst sind, und die auch selbst in der Wissenschaft bislang – scheint mir – zu wenig beachtet wird: unser Denken (eine Eigenschaft des Gehirns) zerlegt die Welt der Erfahrung in Objekte, die zwar irgendwie zusammen hängen, sich beständig in vielfältigen Wechselwirkungen befinden, aber unser Denken nimmt nur die Objekte als eigentliche Realität wahr, nicht die vielsagenden Wechselwirkungen. Die erlebbaren Beziehungen und Wechselwirkungen lassen sich nicht aus ihren Bestandteilen, den Objekten, ableiten. Der eigenständige Charakter der Wechselwirkungen, der Dynamiken, kann von unserem Denken nicht Objekthaft, statisch gedacht werden. Obwohl auch in mathematischen Modellen und Strukturen Objekte alleine nichtssagend, bedeutungslos sind, und erst unter Hinzunahme von Beziehungen und Wechselwirkungen zum Leben erwachen, kann unser Denken im Normalbetrieb diese Dynamiken nicht als die mögliche primäre Wirklichkeit erkennen.

JENSEITS DES STERNENSTAUBS

  1. Vor diesem Hintergrund kann die Asche in der Urne mit den Atomen nicht die letzte Botschaft sein. Zwar ist diese Asche nach heutigem Wissensstand auch im wahrsten Sinne des Wortes Sternenstaub, da alle Atome aus dem Universum stammen, wobei insbesondere die schweren Atome der biologischen Moleküle aus Sternexplosionen stammen, aus den Fusionsprozessen in diesen Sternen hervor gegangen sind.

  2. Aber mehr noch als der Sternenstaub in der Urne sollte uns beeindrucken, was vorher geschehen ist: dass in einem extrem unscheinbaren Winkel des Universums inmitten eines lebensfeindlichen Kontextes sich Atome zu Molekülen geformt haben, Moleküle zu Zellen, Zellverbände zu Organismen, Organismen zu Populationen mit immer komplexeren Kommunikationen und Interaktionen, Technologien, für die es nicht nur bislang keine Naturgesetze gibt, sondern die bekannten Phänomene des Lebens scheinen auf den ersten Blick sogar den bekannten Gesetzen fundamental zu widersprechen.

NICHTS AUS NICHTS

  1. Da nach einem bekannten Grundsatz aus Nichts nichts entstehen kann, wirft das Phänomen des Lebens als Dynamik jenseits seiner Elemente die Frage nach dem auf, was in der Lage ist, die Materie und die verfügbare Energie in einer Weise zu formieren, die in Richtung einer unfassbar anwachsenden Komplexität weist, die alle bekannten physikalischen und chemischen Parameter bei weitem in den Schatten stellt. Die aktuelle Physik und Chemie ist gigantisch, aber die manifesten Phänomene des Lebens sind weit gigantischer und transzendieren die physikalisch-chemischen Kategorien. Im Gesamtphänomen des biologischen Lebens manifestiert sich etwas, was alle unsere bisherigen Denkmodelle arm aussehen lässt (obgleich es gerade diese arm erscheinenden Denkmodelle sind, die uns in der Lage versetzen, die Umrisse eines unfassbar größeren Phänomens zu erahnen).

  2. Soweit wir heute wissen, hatten die Menschen seit vielen Jahrtausenden (mehr als 25.000 Jahre?) Gefühle, Stimmungen, mystische Erfahrungen, die sich nur schwer in das Gesamtgeschehen einordnen ließen. Jede Zeit hat ihren Beitrag geliefert, diese Erfahrungen ins Gesamt des Verstehens einzuordnen (nicht zuletzt auch die bekannten großen Offenbarungsreligionen). Mit den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen kann man darüber nachdenken, dass ein solches gigantisches Phänomen wie das biologische Leben (quanten-)physikalisch eine gemeinsame Basis in allem hat, was eine Abgrenzung des einzelnen Systems von allem anderen unmöglich macht. Abgrenzbare Objekte sind Artefakte unseres aktuellen Denkens. In der physikalischen Realität gibt es keine wirklich abgetrennten Unterräume; alles kommuniziert mit allem; alles ist in beständiger Bewegung. Das – bislang noch nicht wirklich verstandene – Phänomen des Lebens kommt aus der Tiefe der Raum-Zeit als dasjenige, was immer schon da gewesen sein muss, das was über allgegenwärtig ist, das, was sich dort manifestiert, wo es entsprechende materielle Bedingungen vorfindet, bzw. arrangieren kann. Dass die letzten, tiefsten, mystischen Gefühle mit dieser Grundwirklichkeit des Lebens zusammen hängen könnten, ist eine interessante (empirische) Hypothese. Wenn sie wahr wäre, könnte jeder sie für sich ohne Zuhilfenahme von irgendetwas anderem direkt ausprobieren. Das Leben gehört niemandem. Das Leben ist absolut souverän.

  3. Wenn dem so wäre, dann wäre jeder körperliche Tod kein wirklicher Tod, kein absolutes Ende. Die Versuche, das körperliche Leben zu verlängern wären aber auch nicht sinnlos. Irgendwie scheint es einen tieferen Sinn zu machen, dem – ansonsten unsichtbaren – Leben eine körperliche Hülle zu geben, durch die es sichtbar wird, aufscheint, und immer mehr an Kraft gewinnt, das Körperliche (Materielle) weiter zu verändern. Die Entstehung von Materie aus Energie, wäre dann zu lesen als eine Geschichte, in der Materie entsteht, um sie auf lange Sicht in einen Zustand zu transformieren, den wir noch nicht kennen.

  4. Geburt und Tod sind die Meilensteine eines individuellen Lebens, die Gelegenheit geben, sich seiner Rolle im Ganzen bewusst zu werden.

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WIR SIND DAS PROBLEM – WIR SIND ABER AUCH DIE LÖSUNG. Eine Notiz, die

  1. Dies ist eine Zwischennotiz.

  2. Wer sich heute in der Welt umschaut (und gestern, und vorgestern, und …) wird mit einem bizarren Phänomen konfrontiert: da gibt es ein Wesen, ein reales Lebewesen, wir, die Menschen, der homo sapiens (sapiens), der verantwortlich zeichnet für ein Verhalten, das in Bizarrheit kaum noch zu überbieten ist.

  3. Menschen wenden Gewalt an, um anderen Menschen weh zu tun, um sie zu quälen, um sie zu verletzen, um sie zu töten. Um andere Lebewesen zu töten, um die Oberfläche der Erde zu verändern, direkt, mit bloßen Händen, mit Werkzeugen, mit Maschinen, alleine, mit anderen, in Gruppen, ganzen Heerscharen, cool, berauscht, erregt, aggressiv, … sie tun es, wir tun es, wir Menschen tun es, schon immer, immer wieder neu, täglich,… Es gibt eigentlich keine Grausamkeit, keine mögliche Zerstörung, keinen Wahnsinn, zu dem ein Mensch grundsätzlich nicht fähig wäre…

  4. Ob wir dieses Verhalten böse nennen, dunkel, schwarz, teuflisch, kriminell, furchtbar … ist fast egal, wir Menschen, wir als homo sapiens (sapiens) können es und tun es.

  5. Wir Menschen erscheinen als unerschöpflicher Ort des Bösen und des Grauens in dieser Welt. Immer, zu jeder Zeit.

  6. Oft erzählen wir den anderen, uns selbst, dabei Geschichten, warum wir dies tun, warum dies ‚gut‘ ist, warum dies sein muss, oder auch nicht; Menschen tun es, tun es einfach so, weil etwas sie treibt, antreibt. ..

  7. Wahr ist aber auch, dass Menschen das Gegenteil davon tun, nicht Gewalt ausüben, nicht anderen Menschen weh tun, niemanden quälen, niemanden töten, …

  8. Menschen machen Musik, die anderen gefällt, sie berauscht, sie bewegt, erhebt … sie malen Bilder die zu uns sprechen können, von etwas Anderem … erzählen Geschichten, schreiben Texte von anderen Menschen, anderen Welten, von uns selbst von Morgen, von anderen Welten, wie es war oder sein könnte ….Menschen erfinden Lösungen, Werkzeuge, die das Leben verändern,… sie sind für uns da,sie haben Zeit zum Zuhören, finden Worte die uns trösten, können Lächeln ohne zu schlagen, können liebkosen ohne zu erniedrigen, sie widmen ihr ganzes Leben einer Idee von Wahrheit, von Schönheit, von Liebe …

  9. Ja, der Mensch ist all dieses. Der Mensch hat tausende von Sprachen erfunden und benutzt sie, er lebt nahezu an allen Punkten der Erdoberfläche, er hat Gestalten angenommen, Hautfarben, Haarformen, Umgangsweisen, Verhaltensweisen, Essgewohnheiten, Sehweisen, Denkweisen, die eine Variabilität zeigen, eine Anpassungsfähigkeit, eine Lernfähigkeit, die grandios ist.

  10. Menschen haben Mythen erfunden, Religionen, die das große Ganze erklären sollen, Geschichten über die Welt und den Menschen; sie haben Methoden erfunden, wie man die Welt außerhalb des Kopfes erforschen kann, das reale große Ganze….

  11. Der Mensch, die Menschheit ist dies alles, war dies alles, und ist immer noch da, um etwas zu sein, gleich, morgen, jetzt, was so unaufhaltsam wirkt, so unentrinnbar, so zwanghaft …. aber, in der Tat, es ist in keiner Weise notwendig, es ist nicht unentrinnbar, es ist nicht zwangsweise so, wie wir geneigt sind zu glauben, dass es sein sollte…

  12. Ich muss das Gewehr nicht auf andere richten, ich muss nicht auf den Knopf drücken, um Explosionen auszulösen, ich muss den anderen nicht quälen, töten, hassen; ich muss in dem anderen keinen Feind sehen, keinen wesentlich Anderen; ich muss das Geschäft nicht so abwickeln, wie ich es geplant hatte; … kein Mensch muss etwas Bestimmtes tun; niemand und nichts kann einen Menschen letztlich zwingen.

  13. Jeder Mensch hat das, was so oft besungen und zugleich so oft bezweifelt wurde: diese merkwürdige Fähigkeit, etwas nicht zu tun, etwas anderes als bisher zu tun. Wir können es. Wir können etwas einfach nicht tun, stattdessen, wenn die Körperwelt es erlaubt, etwas anderes zu tun, das ganz andere zum Bisherigen.

  14. Die Geschichte ist voll von Änderungen, spektakulären Veränderungen, wo Menschen einfach ihr Leben geändert haben. Meistens geschieht es nicht spektakulär sondern unauffällig, schrittweise, in kleinen Schritten, oder doch aufwendiger, auffälliger, mit Öffentlichkeit.

  15. Meist haben wir Erklärungen parat, warum wir etwas tun, erzählen uns Geschichten, aber vor jeder Geschichte ist da dieses Handeln, dieses innere Fühlen, etwas in uns, was uns antreibt, etwas was wir nicht unbedingt verstehen, etwas, was uns selbst fremd ist, das, was uns dazu bringt, etwas zu tun… natürlich können uns andere Menschen beeinflussen, und vielfach ist es gut, dass es da andere Menschen gibt, die uns vorleben, erzählen, was geht, was nicht geht,… aber letztlich ist es unsere Entscheidung, unser Handeln…. wir können quasi gegen uns selbst, gegen unsere eigenen Bilder angehen, uns selbst unterlaufen, wir können uns selbst ‚widerlegen‘ ….

  16. Wir können heute wissen, dass es in diesem Universum, zu dem wir aktuell gehören, das sich immer weiter ausdehnt, unvorstellbar weit, eine Galaxie gibt, darin unser Sonnensystem, dort unseren Planet Erde, auf dem sich etwas gebildet hat, was wir ‚Leben‘ nennen, das im Kleinen eine Komplexität ausgebildet hat, die größer ist als das unvorstellbar große Universum. Das Gehirn eines einzelnen homo sapiens (sapiens) ist von gleicher Komplexität im Kleinen wie die Galaxie Milchstraße im Großen, jeder Körper eines einzelnen homo sapiens (sapiens) ist sogar im Kleinen 100 bis 1000 mal komplexer als eine ganze Galaxie, und der Mensch ist nur ein winziger Teil eines unfassbaren Lebensphänomens, das sich im Mikrokosmos der Moleküle gebildet hat und sich in freier Explosion befindet. Das auseinander fliegende Universum, das so unfassbar groß erscheint, ist nichts im Vergleich zum Mikrokosmos des Lebens, das sich sei ca. 3.8 Mrd Jahren beginnt, auf dem Planeten Erde zu entfalten…

  17. Dieses Leben ist so komplex, dass bislang die Menschen nicht in der Lage sind, es, sich selbst, zu verstehen. So wunderbar so ein Gehirn mit seiner galaktischen Komplexität ist, es ist ja nur eine Begleiterscheinung in diesem großen Ganzen, ein winziges Galaktisches, das sich immer noch Geschichten über die Welt, über sich selbst erzählt, die einfach lächerlich dumm und falsch sind ….

  18. Homo sapiens (sapiens) ist entstanden, um das Leben weiter zu verdichten, es weiter zu entfalten, DAS LEBEN, nicht den homo sapiens (sapiens) alleine, das ungeheuerliche Ereignis des Lebens im Universum weiter zu ermöglichen, zu vertiefen … er ist entstanden, nicht weil ein homo sapiens (sapiens) es gewollt oder geplant hat, sondern weil DAS LEBEN so ist, das es auf eine bestimmte Weise entsteht, sich verdichtet, geschieht.

  19. Teil dieses unfassbaren Prozesses ist der homo sapiens (sapiens). DAS LEBEN hat ihn so entstehen lassen, damit er an dieser Symphonie des Lebens zu einem bestimmten Zeitpunkt mit bestimmten Fähigkeiten mitwirkt. DAS LEBEN hat sich im homo sapiens (sapiens) die Möglichkeit verschafft, aus der unmittelbaren Kausalität und der damit gebundenen Zeitdauer auszubrechen, sich im Denken selbst anschauen zu können, quasi mit sich selbst spielen kann, um schneller jene Möglichkeiten wahr zu nehmen, die für die weitere Entwicklung wichtig sind … diese Revolution der Freiheit enthält jetzt aber gerade die Möglichkeit,, die Kreativität der Evolution anders ausleben zu können, direkter, schneller, umfassender ….

  20. An der (kurzen) Geschichte des homo sapiens (sapiens) können wir ablesen, was grundlegende Freiheit heißt: nichts ist verboten, alles geht, sogar die Selbstzerstörung.

  21. Mächtige versuchen zwar zu allen Zeiten, diese unfassbare Freiheit für ihre eigenen Zwecke umzudeuten, versuchen, diese unfassbare Gewalt des Lebens für ihre eigenen partikulären, individuellen kurzsichtigen Ziele einzuspannen, zu missbrauchen, aber keine Machtkonstellation, die nur partikulären Zwecken diente, hat jemals überlebt und wird auch nicht überleben. Schlimmstenfalls geht dann alles unter, weil der homo sapiens (sapiens) versagt, weil er den nächsten Level nicht schafft …..

  22. Auf dem Planeten Erde hat DAS LEBEN noch ca. 1 Mrd Jahre Zeit, bis die sich aufblähende Sonne die Temperaturen auf der Erde so erhöht hat, dass Leben nicht mehr möglich sein wird .. oder es kommt vorher noch zu anderen Katastrophen (Kollision mit einem anderen Asteroiden hinreichender Größe, oder … es gibt viele mögliche Ursachen)

  23. Es wäre vermessen als homo sapiens (sapiens) heute zu beurteilen, ob sich das Ganze überhaupt ‚lohnt‘ … wir sind bislang nicht in der Lage, DAS LEBEN angemessen zu verstehen, geschweige denn den Rest, … wie wollen wir uns anmaßen, zu wissen, worauf das Ganze hinausläuft?

  24. Wofür werden wir uns, wird sich der Mensch, der homo sapiens (sapiens), letztlich entscheiden? Festgelegt ist nichts, aber nur bestimmte Verhaltensweisen werden das gemeinsame nachhaltige Überleben ermöglichen, nur bestimmte; alle anderen werden dazu beitragen, dass der homo sapiens (sapiens) sich selbst schwächt, zerstört, und damit DEM LEBEN die Chance nimmt, die es im homo sapiens (sapiens) als neue Variante angelegt hat …. vielleicht begreifen wir, dass es primär nicht um uns direkt geht, sondern um uns als Teil DES LEBENS ….

  25. Brauchen wir GOTT? Vielleicht, aber sicher nicht so, wie Judentum, Christentum und Islam sich das bislang vorgestellt haben oder vorstellen. Sie verstehen ja nicht einmal ihre eigene Geschichte; sie sind nicht in der Lage, miteinander zu reden und zu leben, obwohl sie sich auf den gleichen GOTT berufen ….

  26. Wenn es GOTT nicht gäbe, wäre es sinnlos, ihn zu erfinden.

  27. Wenn es GOTT gäbe, wäre es genauso sinnlos, dass Menschen ihn nach ihrem Bilde zurecht zimmern, dann wäre er schon immer da, dann würde er schon immer handeln, überall, zu jeder Zeit, wann er will, mit jedem. GOTT müsste nicht einen Menschen fragen, ob er mit einem anderen Menschen reden darf … es gäbe niemanden, der außerhalb GOTTes wäre, per se nicht. Das ganze Getue um Propheten und Offenbarung und oberste Religionslehrer ist einfach lächerlich … gäbe es GOTT, bräuchte er dies sicher alles nicht …. und wenn es tausende von Sprache auf der Erde gibt (heute), warum spricht GOTT dann nur aramäisch oder arabisch? … und nur zu wenigen Menschen, wo er doch das ganze LEBEN ermöglicht haben sollte?

  28. Wer immer GOTT sein mag, wir sind Teil eines LEBENS, das zum unglaublichsten Ereignis des bisherigen bekannten Universums gehört, das in sich, im kleinen, eine galaktische Komplexität besitzt, die das physikalische Universum locker in den Schatten stellt ….

  29. Mal sehen, was ein homo sapiens (sapiens) daraus noch macht …

DIE LÖSUNG. Eine Notiz, die eigentlich nicht geschrieben werden könnte. Aber das Leben selbst ist etwas, was es eigentlich nicht geben dürfte, genauso wenig wie den Planeten Erde, unser Sonnensystem, die Milchstraße, das ganze Universum. Es gibt keinen wirklichen Grund, warum es dies alles gibt, dennoch sind wir da, … wir haben nichts dafür getan, dass wir da sind, glauben aber manchmal, wir sind die Größten ….

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BREXIT – EIN POLITISCHES EREIGNIS IN EINER PHILOSOPHISCHEN SICHT

DAS EREIGNIS

  1. Als es dann geschah taten viele überrascht, Befürworter feierten, Börsenkurse gaben nach … und dann war doch alles irgendwie anders als gedacht.
  2. Der vorherrschende Eindruck am Tag 7 danach ist: keiner hat einen wirklichen Plan.
  3. Die Suche nach Gründen, Motiven, Wer ist schuldig, Wer will was, Wer ist Gewinner oder Verlierer, ist im vollen Gange. Radiodiskussionen, Fernsehrunden, alle stehen im Banne des Ereignisses. Der Austritt eines Mitglieds aus der Europäischen Union (EU) ist neu; war so noch nie da; keiner hat Erfahrung im Umgang damit.
  4. So fühlt sich jeder eingeladen, herausgefordert – oder gar berufen –, eine Deutung der Ereignisse beizusteuern.

AUSTRITT WANN?

  1. Dies fängt schon mit der Austrittsklausel des Vertrags der Europäischen Union an. Schlicht ist sie, und lässt darin so viel Handlungsspielraum: es wird gesagt, was geschieht, wenn ein Mitgliedsland seinen Austrittswunsch mitteilt, es ist aber offen, wann das Vereinigte Königreich seinen Austrittswunsch tatsächlich mitteilt. Muss dies sofort sein, wie einige heißblütig fordern, oder können sie sich beliebig lang Zeit lassen? Aktuell scheint sich niemand so richtig motiviert zu fühlen, diesen Antrag offiziell schnell zu stellen. Und wenn er nie gestellt wird?

UNRUHE

  1. Während die Motivlage bei den verschiedenen aktiven Politikern sehr unterschiedlich zu sein scheint, scharrt die Wirtschaft schon gut hörbar mit den Füßen. Von Veränderung der Geschäftsbedingungen durch einen Austritt ist die Rede; Gewinne und Verluste müssen neu kalkuliert werden. Wann muss man handeln? Hat man nicht schon morgen verloren wenn man heute nicht handelt? Immobilienspekulationen beginnen zu glühen. Banken, Telekommunikationsanbieter …. müssen wir nicht unseren Geschäftssitz verlegen?
  2. Im Vereinigten Königreich selbst brechen derweil Unterschiede, Fronten, an allen Ecken und Enden auf. Die junge Generation soll sich um ihre Zukunft betrogen fühlen, ging aber zahlenmäßig nicht so zur Wahl wie die älteren Befürworter des Brexits. Die Regionen abseits von London, abseits der globalen Finanzmärkte, bäumten sich auf, probten mit dem Referendum den Aufstand. Nordirland und Schottland – besonders Schottland – wittern eine Chance, ihre unvollständige politische Autonomie auszubauen, zu erweitern. Und in den Parteien (immerhin 15) brodelt es; innerparteiliche Gegensätze führen teilweise zu offenen Schlachten um Positionen und Ämtern (Labour Partei, dann auch bei den Konservativen). Fremdenfeindliche Äußerungen und Handlungen nehmen deutlich zu; speziell polnische Bürger sahen sich in diesen Tagen fremdenfeindlichen Taten ausgesetzt; Politik und Öffentlichkeit zeigte sich bestürzt.

TRITTBRETTFAHRER

  1. Führer von nationalistisch gestimmten Parteien und Bewegungen sehen sich im Aufwind. Allen voran Marin Le Pen von der Front National in Frankreich, Geert Wilders von der Partei für die Freiheit (Niederlande) und Heinz-Christian Strache von der Freiheitlichen Partei Österreichs; aber nicht nur diese. In öffentlichen Stellungnahmen interpretieren sie den Brexit als Ausdruck der Unzufriedenheit der Bürger mit den europäischen Institutionen, in denen man – vereinfachend ausgedrückt – politisch unkontrollierte Monster sieht, die bürgerfern tun was sie wollen.

VERDECKTE MITVERANTWORTUNG ALLER REGIERUNGEN

  1. Dass tatsächlich die europäische Kommission – sozusagen die Exekutive der EU – letztlich nichts ohne die Zustimmung der nationalen Regierungen tun kann, wird dabei gerne in den Hintergrund gedrängt; zur Verteidigung hört man Ex-Mitglieder der der EU-Kommission sagen, dass nationale Regierungen in Brüssel oft A beschlossen haben, dann aber zu Hause so redeten, als ob sie ja für non-A waren, aber die ‚bösen Menschen in Brüssel‘ hätten das wieder mal anders geregelt…

GEMEINSAM OHNE GEMEINSAMKEIT?

  1. Und dann dieses Grunddilemma: möglichst viel Freiheit für die Mitglieder der EU, aber es gibt Aufgaben, die lassen sich nur gemeinschaftlich lösen. Jüngstes Beispiel die Sicherung der Außengrenzen um die innereuropäische Freiheit zu gewährleisten. Wer gibt wie viel nationale Souveränität auf, damit eine gemeinsame europäische Handlung zustande kommt? Wer gibt nationale Daten preis, damit es zu einer europäischen Staatsanwaltschaft und Polizei kommt?

WAS IST SCHON EUROPA?

  1. Im globalen geographischen Koordinatensystem ist Europa nur eine Region unter vielen. Und andere Regionen sind – oder werden – politisch und wirtschaftlich deutlich stärker: Russland, Indien, China, asiatischer Raum, USA, Kanada, Südamerika, Afrika …. welche Rolle würde hier ein einzelnes kleines Land wie die Niederlande, Österreich, Teile Englands …. spielen?
  2. Die nicht nachlassenden Migrationsströme sind Indikatoren von tiefsitzenden gesellschaftlichen Konflikten, die sich nicht nur auf ein Land beschränken. Weitgehend liegen sie außerhalb der EU, sind der direkten und schnellen Einflussnahme der EU entzogen. Ein langfristiges gemeinschaftliches strategisches Verhalten wäre angebracht – aber Misstrauen und Kurzsichtigkeit lähmt ein gemeinsames Verhalten.

BLUTIGE VERGANGENHEIT UND EXTERNE HILFE

  1. Europa hat viele Jahrhunderte, eigentlich sogar Jahrtausende erlebt, in denen religiöse Überzeugungen immer wieder zu Unterdrückung Andersdenkender geführt haben, zu Gefängnis und Folter, zu blutigen Auseinandersetzungen, zu Verbot von Erziehung und Wissenschaft. Bis irgendwann Wissenschaft, Handel, Rechtssysteme unterstützt durch hinreichend viele Mehrheiten neue gesellschaftliche Modelle ermöglicht haben, in denen Menschen unabhängig von ihren speziellen religiösen Anschauungen friedlich miteinander leben konnten. Unbestreitbare Höhepunkte im Wahnsinn der Selbstvernichtung waren aber sicher die zwei großen Kriegen mit vielen Millionen Toten. Es war nicht voraus zu sehen, dass es inmitten des Infernos des zweiten Weltkriegs (einschließlich Asiens) in einer ethischen Sternstunde der Menschheit zur Gründung der Vereinten Nationen und der Verkündigung der Menschenrechte kam, die dann mit der äußerlich aufgezwungenen Neuordnung Deutschlands nach dem Kriegsende eine Entwicklung begünstigte,die zur europäischen Wirtschaftsgemeinschaft   und dann – beeinflusst durch das Ende des Kalten Krieges – zur Ausbildung der Europäischen Union führte. Diese massiven äußeren Geburtshilfen vergisst man leicht.

DIE GEISTER DER VERGANGENHEIT KOMMEN WIEDER

  1. Trotz all der Schrecken kann man heute partiell eine Wiederbelebung von vielen jener Strömungen beobachten, die in der Vergangenheit zu Unterdrückung und Krieg geführt haben: Abschottungen gegen das Fremde, Unterdrückung von differenzierten Betrachtungen, Überbetonungen von konfessionellen Unterschieden; eine naive-unkritische Religiosität mit blinden Allmachtsansprüchen im Dienste politischer Interessen…

UNGELÖSTE HAUSAUFGABEN

  1. Die ‚amtierende‘ Politik befindet sich diesen Strömungen gegenüber in keiner Position der Stärke. Das Ausmaß an Lobbyismus in der Politik ist kaum noch zu überbieten (und verhindert bislang durchgreifende Gesetze zu mehr Transparenz). Die Kluft zwischen Reich und Arm nimmt seit Jahren nur zu. Die Verschuldung von Banken auf Kosten aller wird hingenommen. Auf die zunehmende Verarmung großer Bevölkerungsteile wird nur stumpfsinnig mit noch mehr Sparprogrammen reagiert. Für die dramatische Jugendarbeitslosigkeit in südlichen Ländern (schwächelnde Wirtschaft) findet man keine Konzepte. Infrastrukturen zerfallen (auch in Deutschland). Die globale Digitalisierung entmachtet schleichend ganze Regionen und Industrien.
  2. Die Anzahl wirklich demokratischer Länder in der Welt nimmt ab. Jene, die noch offiziell demokratisch sind, zeigen einheitlich Phänomene des Zerfalls an Transparenz, an Öffentlichkeit, an sozialer Durchlässigkeit, wirtschaftliche Prosperität, Rechtssicherheit, moralischem Verhalten.

ANZEICHEN EINER GLOBALEN SELBSTZERSTÖRUNG?

  1. Sind dies alles Anzeichen eines schleichenden Zerfalls? Erleben wir ein globales Selbstzerstörungsprogramm? Ist dies unvermeidlich?

FUNDAMENTALE MACHT DER FREIHEIT

  1. Um mit dem letzten Punkt anzufangen: unvermeidlich ist eigentlich nichts. Tatsächlich können wir Menschen uns weitgehend entscheiden; dies haben Menschen oft genug bewiesen. Selbst in der größten Not und Bedrohung können Menschen sich – unter Einsatz ihres Lebens – letztlich für alles entscheiden, für alles, was ihnen wertvoll und wichtig erscheint.

ABHÄNGIGKEIT VON WERTEN

  1. Und das ist der Knackpunkt: was ihnen wertvoll und wichtig erscheint. Was erscheint Menschen wertvoll und wichtig?

MEDIUM WISSEN

  1. Dies ist weitgehend abhängig von ihrem Wissen, ihren Erfahrungen. Wissen und Erfahrungen bildet sich heraus im Laufe des Lebens durch Erlebnisse, Handlungen. Diese finden nicht isoliert statt sondern in Umgebungen mit anderen Menschen, in Beziehungen, als Teil von Gemeinschaften, unter dem Eindruck des Verhaltens und Redens anderer. Kein Mensch weiß einfach so irgendetwas. Kein Mensch hat von vornherein eine Präferenz (Wertigkeit) für irgendetwas. Essen müssen zwar alle, aber was man wie und wo isst, das haben Menschen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten sehr unterschiedlich praktiziert. Dass es Mann und Frau gibt, die vereint Nachkommen erzeugen und großziehen können war und ist zu allen Zeiten für alle gleich, aber wie Männer und Frauen miteinander leben, mit ihren Kindern, wie sie erziehen, das war und ist bis heute an verschiedenen Orten sehr verschieden. Und so in allen Bereichen. Die Welt ist dem Menschen immer vorgegeben, aber wie der Mensch mit der Welt umgeht, sie interpretiert und deutet, welche Präferenzen (Werte) er folgt, dies war zu allen Zeiten unterschiedlich und ist bis heute starken Wandlungen unterworfen.

WIR SIND ETWAS NEUES

  1. Die Welt im Jahr 2016 (nach verbreiteter westlicher Zeitrechnung, es gab und gibt alternative Konventionen) ist eine Welt, die es so vorher noch nie gab. Diese Welt und ihre Dynamik zu verstehen, erfordert permanent eine gewisse Anstrengung, komplexes und neues Denken, und lebt unter dem andauernden Vorbehalt, dass man eine wirkliche Prognose nicht abgeben kann, da ja die Menschen selber durch ihr Verhalten die Entwicklung direkt mit beeinflussen. Wenn große Teile der Menschen aufgrund von mangelndem Wissen, beschränkenden Präferenzen, leistungsschwachen Institutionen, starken Ängsten und anderen Emotionen notwendige Aufgaben heute nicht sehen und nicht anpacken, wird der weitere Verlauf natürlich ganz anders aussehen, als wenn sie es könnten und täten. Ideologische Verzeichnungen der gegenwärtigen Situation gepaart mit falschen Emotionen verhindern nicht nur das Notwendige, sie verschärfen Missstände und Mangel.
  2. Auf der Zeitachse hat das Jahr 2016 einen Vorlauf von ca. 200.000 Jahren Geschichte des homo sapiens sapiens. Dieser wiederum hat einen Vorlauf von ca. 20 Mio Jahren an Lebewesen der Menschenartigen (hominoidea). Diese wiederum haben einen Vorlauf von stolzen ca. 3.8 Milliarden Jahren an Leben auf dieser Erde.
  3. Im Lichte dieser ganzen Entwicklung ist der homo sapiens sapiens – also wir – das erste Lebewesen auf der Erde – wenn nicht im ganzen Universum –, das über die grundlegende Fähigkeit verfügt, nicht nur durch sein Gehirn aus der Gegenwart auszubrechen, in die Vergangenheit zu schauen, ansatzweise auch in mögliche Zukünfte, sondern zusätzlich auch über die Möglichkeit verfügt, die Frage nach den wichtigen Präferenzen (Werten) explizit zu stellen. Alle Lebewesen vor dem Homo sapiens sapiens wurden entwickelt; der homo sapiens sapiens kann zum ersten Mal den vorgezeichneten Gang der Entwicklung unterbrechen, kann seine eigenen Baupläne abändern, und kann mit einem Mal – bis zu einem gewissen Grad – seinen eigenen Schöpfer spielen. Dies ist qualitativ neu.

RADIKAL NEU – KEIN SELBSTLÄUFER

  1. Wie die aktuelle Situation zeigt, ist aber genau dies schwierig, kein Selbstläufer, unbequem, stark verunsichernd. Die ungeheure Masse des Wissens, über die der homo sapiens sapiens heute dank Computer, Internet, Datenbanken, entsprechend technischen und sozialen Strukturen verfügen kann, ist für diese Aufgabe einerseits eine Voraussetzung, andererseits aber auch das Problem: das bisherige menschliche Gehirn ist auf diese Datenflut nicht eingestellt. Das aktuelle menschliche Gehirn ist sehr, sehr endlich in seinen Aufnahme- und Verarbeitungskapazitäten. Selbst wenn die Computer immer schneller und datenmäßig umfassender würden, das aktuelle menschliche Gehirn kann nicht mithalten.
  2. Dazu kommt, dass Daten als solche noch kein Wissen darstellen. Was man braucht sind verallgemeinernde Begriffe, Zuordnungen, Abbildungen, organisiert in komplexen begrifflichen (letztlich dann mathematischen) Modellen. Die Wissenschaft selbst verfügt bislang kaum über Modelle für das Miteinander der Disziplinen, geschweige denn für das Ganze. Und es darf dann nicht verwundern, dass der gesellschaftliche Alltag von Denkvorstellungen durchtränkt ist, die weitab liegen von dem, was die Wissenschaft schon weiß. Selbst der Wissenschaftsbetrieb unterliegt oft Präferenzen in den Köpfen der Handelnden, die mit den Zielen und Aufgaben der Wissenschaften nicht viel zu tun haben.

EUROPÄISCHER GEIST

  1. Wenn also jetzt Europa um das rechte Selbstverständnis ringt, um die richtigen Bilder für seine möglichen Zukünfte, dann findet dieses Ringen statt in einer Gemengelage von altem, partiellen Wissen mit alten (überholten?) Präferenzen, ein-gesprengten neuen Erkenntnissen, divergierenden Interessen und Emotionen.
  2. Während die einen diese Vielfalt und scheinbare Ineffizienz beklagen und als Anzeichen von Schwäche deuten, gibt es sehr wohl Argumente, dass diese Vielfalt und scheinbare Ineffizienz gerade auch ein Stärke von Europa sein kann. Allerdings die Vielfalt der Länder auf dieser Erde ist ebenfalls eine Stärke. Die bisherige Erfolgsgeschichte des Lebens auf der Erde entstand gerade aus der unbändigen Vielfalt und dem Mut zu neuen Experimenten. Das Kennzeichen wahrer Zukunft ist gerade, dass man sie im Moment der Entscheidung nicht ganz kennt.
  3. Die vielfach beobachtbare Tendenz, auf altes Bekanntes zurück zu greifen, um den Status Quo zu erhalten (für aktuelle Machtinhaber attraktiv), ist aufs Große Ganze gesehen in der Regel falsch.
  4. Es bleibt also eine spannende Frage über wie viel Esprit, wie viel Kreativität, wie viel Leistungsfähigkeit Europa verfügt, um eine grundsätzlich nicht ganz wissbare Zukunft so zu meistern, dass möglichst viel Lebensqualität für möglichst viele Menschen dabei entsteht.

Für einen Überblick über alle Blockeinträge von Autor cagent nach Titeln siehe HIER.

6 THESEN ZUM LEBEN: KREATIVITÄT, KOOPERATION, KOMMUIKATION, MEHR ALS JETZT, SEXUALITÄT, DAS BÖSE – Thema des PHILOSOPHIESOMMER 2016 in der DENKBAR Frankfurt am So, 15.Mai 2016

Entsprechend dem Plan vom 9.Februar 2016 kommt hier die Einladung zur nächsten Sitzung des PHILOSOPHIESOMMERS 2016 in der

DENKBAR Frankfurt

Spohrstrasse 46a

(Achtung1: Parken schwierig! Man muss wirklich im Umfeld suchen)

(Achtung 2: Veränderte Zeiten 15:00 – 18:00h)

THEMENSTELLUNG

Am Ende der letzten Sitzung im Rahmen des Philosophie-Sommers 2016 in der DENKBAR gab es – vielleicht nicht überraschend – keine klare Themenstellung für das nächste Treffen. Der Brennpunkt der Überlegungen im Spannungsfeld von biologischen Systemen (Menschen, Tiere) und nicht-biologischen Systemen (Maschinen) ist hin- und hergerissen zwischen altbekannten, vertrauten Bildern vom Leben, der Welt und dem Menschen einerseits und den neuen, radikalen, irgendwie verwirrenden Erkenntnissen um universalen Ganzen, zum Menschen, zur Technologie. Warum können die Maschinen all das? Wo liegen natürliche Grenzen? Was sagen diese Maschinen und ihre intensive Nutzung durch den Menschen über den Menschen? Sind wir nicht letztlich mit unsren Zustandsänderungen von Materie mittels Energie nicht auch nur Maschinen, die sich in den neuen Maschinen quasi zu kopieren versuchen?

Es blieben also viele offene, beunruhigende Fragen.

SECHS THESEN ALS ANKERPUNKTE FÜR DIE DISKUSSION

Um die Diskussion weiter zu befeuern und um sie durch wichtige, zentrale neue Erkenntnisse ein wenig zu fokussieren, hier 6 Thesen, hinter die wir kaum mehr zurück können:

  1. KREATIVITÄT JENSEITS DES BEKANNTEN: Die Explosion des Lebens fand statt jenseits des aktuellen Wissens unter Ausprobieren von radikalen Alternativen und unter Eingehung eines radikalen Risikos des Scheiterns.

  2. KOOPERATION ÜBR GRENZEN HINWEG: Die Explosion des Lebens fand statt durch Erlangung der Fähigkeit, mit völlig fremden Systemen (die oft lebensbedrohlich waren) in eine Kooperation geradezu galaktischen Ausmaßes einzutreten, die eine Win-Win-Situation für alle Beteiligte bildete.

  3. ÜBERWINDUNG DES JETZT: Die Explosion des Lebens führte zu einem einzigartigen Punkt: nach 13.8 Mrd Jahren konnte sich das Leben plötzlich selbst anschauen und hat das Potential, sich selbst zu verändern.

  4. KOORDINIERUNG INDIVIDUELLER VIRTUELLER WELTEN: Die Wiedergeburt des universalen Lebens im individuellen virtuellen Denken verlangt neue, intensive Formen der Koordinierung durch symbolische Kommunikation im globalen Ausmaß.

  5. JENSEITS VON SEXUALITÄT: Die bisherige Form der Sexualität als Strategie der Mischung genetischer Informationen kombiniert mit endogenem Handlungsdruck verlangt nach radialem Umbau: genetische Kombinatorik ja, endogener Handlungsdruck nein. Mann – Frau war gestern.

  6. DYNAMIK DES BÖSEN – WO LEBT DAS GUTE: tiefsitzende Triebstrukturen im Menschen (Macht, Geld, Dünkel, …) verbünden sich schneller und effektiver im globalen Maßstab als nationale politische Systeme. Sie drohen die neuzeitlichen Freiheitsansätze des Kreativen (neben anderen Faktoren) zu ersticken.

Zum Austausch über diese 6 Thesen gibt es folgenden

PROGRAMMVORSCHLAG

Moderation: Gerd Doeben-Henisch

15:00 Begrüßung

15:05 Kurze Einführung ins Thema

15:25 Gemeinsamer Diskurs I, Sichtbarmachung von Positionen

16:30 Blubberpause (Jeder kann mit jedem reden; Essen und Trinken)

17:00 Gemeinsamer Diskurs II, erste Zusammenfassungen, Tendenzen

17:45 Schlussstatements und Thema für das nächste Treffen

18:00 Ende

Langsames Wegdiffundieren der Teilnehmer ….

Siehe das Memo zu dieser Sitzung HIER.

Einen Überblick über alle bisherigen Texte zum Philosophie-Sommer/ zur Philosophiewerkstatt findet sich HIER.

Einen Überblick über alle Texte des Autors cagent findet sich HIER.

BLICK IN DAS INNERE DES UNIVERSUMS – NICK LANE – LIFE ASCENDING – BESPRECHUNG – Teil 2

Nick Lane, „Life Ascending“, London: Profile Books Ltd, 2009 (Paperback 2010)

KONTEXT

  1. Im vorausgehenden Teil 1 wurde nach einer kurzen Einleitung die Entstehung des Lebens im Lichte neuerer Erkenntnisse skizziert. Wer dadurch neugierig geworden ist, sei ermuntert, den Text von Lane und die angegebenen zusätzlichen Artikel und Bücher selbst zu lesen. In dieser Besprechung können nur die großen Linien angesprochen werden und mögliche Zusammenhänge mit dem Thema dieses Blogs. Interessant vielleicht auch die Nachbemerkungen zur Besprechung in Teil 1.
  2. Nachdem in Teil 1 neuere Forschungsergebnisse andeuten, wie sich das biologische Leben (= das Leben) im Rahmen der allgemeinen physikalischen (und chemischen) Gesetze in Form von grundlegenden hoch stabilen metabolischen Prozessketten formieren konnte, stellt sich die Folgefrage, wie der Weg von diesen komplexen, und doch – verglichen mit den späteren biologischen Strukturen – noch so einfachen Strukturen zu den eigentlichen Selbstreproduktionsmechanismen kommen konnte.

DNA – Der Code des Lebens (SS.34-59)

  1. Lane beginnt mit dem Sachverhalt, dass die Reproduktion einer Zelle letztlich gesteuert wird vom sogenannten Genom, das aus einer endlichen Menge von DNA-Molekülen besteht, wobei jedes DNA-Molekül jeweils in einem Doppelstrang ausgeführt ist. In diesem Doppelstrang bildet jedes Element ein Paar aus zwei Basen.
  2. [Anmerkung: ein DNA-Molekül bildet zusammen mit weiteren Elementen ein Chromatin. Ein Chromosom enthält – je nach Zellphase – entweder genau ein Chromatin oder ein Chromatin und seine Kopie (bei der Zellteilung werden diese beiden auf auf zwei neue Zellen als Schwester-Chromatine aufgeteilt). Die Gesamtheit der Chromosome bildet das Genom.]
  3. [Anmerkung: ein Grundelement (Nukleotid) der DNA besteht aus einem Strukturelement (einem Zucker-Phosphat Molekül), an das sich eine Base anlagern kann. Zwei solche Nukleotide können sich dann über die Basen komplementär zu einem Paar verbinden. (vgl. CELL S.3)]
  4. Es gibt vier Basen Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C). Dazu gibt es die starke chemische Tendenz, dass A sich nur an T bindet und C nur an G. Dadurch sind die beiden Stränge komplementär. (vgl. S.34f) Die Anordnung nutzt also eine vorgegebene chemische Bindungstendenz aus.
  5. Die Gesamtzahl der Nukleoide in einem menschlichen Genom wird auf ca. 3 Mrd (10^9) geschätzt. Bei ca. 15 Billionen (10^12) Körperzellen [Anmerkung: neuere Schätzungen gehen auf ca. 34 Billionen) bedeutet dies, dass das Genom 15 Billionen Mal (und öfters, da ja Körperzellen absterben und wieder ersetzt werden müssen) kopiert werden muss. Bei einer geschätzten Fehlerrate von 1 Nukleotid in 1 Mrd bedeutet dies, dass bei einer Kopie ca. 3 Fehler auftreten. Der Unterschied zwischen Menschen wird auf ca. 1 Unterschied pro 1000 Nukleotide geschätzt, also ca. 3 Mio; Lane spricht von 6-10 Mio. (vgl. SS.36-38)
  6. Beispiel: Die Trennung vom Schimpansen soll ca. vor 6 Mio Jahren geschehen sein. Die empirisch ermittelte Abweichungen werden mit 1,4% angegeben, also jede Art hat ca. 0.7% ihres Genoms in dieser Zeit verändert [Anmerkung: Bei einer angenommenen Generationendauer von 30 Jahren ergäben sich ca. 1050 Änderungen an Nukleotiden pro Generation auf jeder Seite].(vgl. S.38)
  7. Das Wissen um die Kombinatorik der Basen auf einem DNA-Molekül nützt allerdings letztlich nur dann etwas, wenn man auch weiß, welche potentiellen Strukturen und ihre lebensweltbezogenen Funktionen damit kodiert werden.(vgl. S.39) In der Zeit vor der Entdeckung von Watson und Crick 1953 waren die Details der biochemischen Maschinerie unbekannt.(vgl. S.40f)
  8. Nur langsam entdeckte man, dass die Proteine außerhalb des Zellkerns über die Zwischenstationen Messenger RNA (mRNA) (erste Kopie von DNA-Abschnitten) und Transfer RNA (tRNA) (Rückübersetzung) und Ribosom (Zusammenbau von Aminosäuren anhand der tRNA-Informationen) erzeugt werden. Und nur langsam entdeckte man, dass jeweils vier Nukleotide aus der DNA ein Codon bilden, das für genau eine Aminosäure steht, deren Aneinanderreihung ein Protein (bei kürzeren Formen spricht man von einem Peptid) ergibt. Während 4^4 = 64 Kombinationen mit einem Codon möglich wären, schätzten Crick und Watson damals die Zahl der relevanten Aminosäuren für biogene Proteine auf 20. [Anmerkung: im menschlichen Körper kommen 21 verschiedene Aminosäuren vor. Insgesamt sind heute 23 Aminosäuren bekannt, die bei Proteinen Verwendung finden (wobei heute mehr als 400 Aminosäuren bekannt sind, die biologisch wichtig sind aber nicht in Proteinen vorkommt).] Es stellte sich heraus, dass der Kode redundant ist: es können mehrere verschiedene Codons die gleiche Aminosäure kodieren. Drei von 64 Codons dienen als STOP-Signal. Da dieser Kode universell für alle Lebensformen gilt wird daraus geschlossen, dass alle diese Lebensformen einen gemeinsamen Vorläufer gehabt haben müssen, von dem diese Kodierung übernommen wurde. (vgl. SS.39-45) Crick entwickelte daraus die These (1981), dass das Leben von außerhalb der Erde kam (Raumschiff, Aliens,…), und sich dann hier ausgebreitet hat.
  9. Die Hypothese von Crick wurde durch den Gang der Forschung überholt. Generell erschien die Hypothese von Crick auch nicht sehr plausibel, da das Auftreten von komplexen Molekülen ohne entsprechende Umgebungen wenig Chancen bietet, dass diese Moleküle überleben.(vgl. S.45f)
  10. Realistischer erschienen solche Hypothesen, die aufzeigen können, wie die Elemente von Aminosäuren aus Vorläufermaterial aus vorgegebenen Umgebungen rekrutiert werden konnten.(vgl. S.46)
  11. Und in der Tat, man entdeckte nach und nach, dass es einen Kode in den Codons gibt! Die Codons mit ihren vier Elementen haben Positionen 1-4. Ein einzelnes Codon steht nicht nur irgendwie für eine bestimmte Aminosäure, sondern die Abfolge der Elemente im Codon steuern sehr stark auch den Prozess der Aminosäurebildung! So fand man heraus, dass es folgenden Zusammenhang gibt: ein C an erster Stelle legt fest, dass als erster Baustein bei der Aminosäureherstellung ein alpha-ketoglutarate benutzt werden soll; ein A an erster Stelle legt fest, dass als erster Baustein bei der Aminosäureherstellung ein oxalocetate benutzt werden soll; ein T steht für pyruvate; ein G steht für eine beliebige Anzahl von einfachen Vorläufern.(vgl.S46f und Fußnote 5)
  12. Die zweite Position im Codon reguliert, wo im Spektrum zwischen hydrophob und hydrophil sich die Aminosäure ansiedeln soll: die fünf häufigsten hydrophoben Elemente korrespondieren mit T an Position 2; die meisten hydrophilen Elemente mit dem Element A; G und C stehen für Elemente in der Mitte des Spektrums.(vgl. S.47)
  13. Position 3 und 4 lassen keine feste Kodierung erkennen. Dies deutet darauf hin, dass die frühen Vorformen des DNA-Kodes möglicherweise nur 2 Elemente hatten, die stark deterministisch waren. Experimente mit Punktmutationen zeigen, dass der genetische Kode verglichen mit zufälligen Anordnungen extrem stabil ist. Er stellt eine interessante Kombination dar aus einem sehr konservativem Anteil (Position 1-2), und einem experimentellen Anteil (Positionen 3-4).(vgl. SS.47-49)
  14. Bleibt als Frage, wie kam der Prozess zustande, in dem DNA eine Proteinproduktion steuert, wo aber DNA spezifische Proteine für ihr Funktionieren voraussetzt und die spezifischen Proteine eben DNA?(vgl.S.49)
  15. Eine Lösung deutet sich an über RNA Moleküle: diese sind flexibler und können als Katalysatoren wirken, die zur Bildung jener ersten Proteine geführt haben, die wiederum Vorformen von DNA-Molekülen ermöglichten.(vgl.49-51)
  16. Allerdings, wo kommen diese RNA-Moleküle her? Man weiß, dass RNA-Moleküle sich nur bei hohen Konzentrationen bilden können, da sie beim Zusammenbau Nukleotide verbrauchen. Wo findet man solche hohen Konzentrationen? Die Entdeckung der unterseeischen Schlote eröffnet ein mögliches Szenario. Modellrechnungen zeigten, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass sich in solchen Schloten (speziell in den Poren des Gesteins) solche hohen Konzentrationen von RNA-Molekülen bilden können. Simuliert man RNA-Moleküle isoliert, dann tendieren sie dazu, sich nur mit einer minimalen Struktur fortzupflanzen, nur genau so viele Elemente, wie zur Reproduktion notwendig sind (die berühmten ‚Spiegelmann Monster‘). Dieses Modell ist offensichtlich nicht dazu geeignet, die Bildung komplexer RNA-Moleküle, dazu noch in Kooperation mit Proteinbildung zu erklären. Eine Lösung muss in einem umfassenderen Rahmen gesucht werden, in dem die RNA-Moleküle nur eine Teilkomponenten sind. Dieser umfassenderer Rahmen wurde wieder in der Struktur der unterseeischen Schlote gesehen. Die Poren bilden natürliche Umgebungen, die wie eine Zelle wirken, in der komplexere metabolische Prozesse ablaufen können, in deren Kontext die RNA-Moleküle nur eine Teilfunktion haben.(vgl. S.53-55)
  17. Zum Thema umfassender Rahmen gehören auch die Entdeckungen, dass aufgrund genetischer Strukturen die Eukaryotischen Zellen (jene mit einem Zellkern) von den Archaeen abstammen, diese wiederum haben sehr viel mit den Bakterien gemeinsam. Letztere beiden unterscheiden sich aber bei der DNA Replikation, was so gedeutet wird, dass beide einen gemeinsamen Vorläufer haben müssen, von dem sie sich unterschiedlich weiter entwickelt haben.(vgl.S.55f)
  18. Die Arbeitshypothesen laufen darauf hinaus, dass die flexibleren RNA-Moleküle zwischen Proteinerzeugung und DNA-Bildung vermittelt haben (nach dem Muster von Retroviren?). Erst in dem Maße, wie sich die stabileren DNA-Moleküle bilden konnten, war auf Dauer eine Reproduktion gesichert. Für die beiden chemischen Unterschiede von RNA- und DNA-Molekülen gibt es genügend chemische Bestandteile in der unterseeischen Schlotumgebung, so dass eine DNA-Erzeugung aus RNA-Molekülen prinzipiell möglich erscheint.(vgl. SS.55-59)

DISKURS

  1. Die Details der neuen Erkenntnisse können einen erschlagen, und doch ist dies ja nur die berühmte Spitze des Eisbergs. Hinter diesen Fakten verbergen sich hochkomplexe Prozesse und entsprechend aufwendige Forschungen, die hier natürlich nicht beschrieben werden können. Nick Lane macht das großartig.
  2. Aber, treten wir ein paar Schritte zurück und fragen uns, was sich in diesen vielen Fakten an allgemeineren Strukturen andeutet.
  3. Offensichtlich nimmt man aktuell an, dass man mindestens die folgenden Strukturen unterscheiden sollte:
  4. Die heutigen eukaryotischen Zellen (Z_eu) (Zellen mit einem komplexen Kern und vielen Teilstrukturen inklusive ganzer ehemaliger Bakterien).
  5. Die heutigen Prokarytischen Zellen (Z_pro) als Bakterien (Z_ba) und die Archaeen (Z_ar)
  6. Eine Erzeugungsbeziehung zwischen Archaeen und Eukaryoten (g_ar.eu : Z_ar —> Z_eu)
  7. Bei dieser Erzeugungsbeziehung sind weitere Einflussfaktoren durch horizontalen Genaustausch nicht völlig ausgeschlossen.
  8. Es soll einen gemeinsamen Vorläufer (Z_pre) von Archaeen und Bakterien geben.
  9. Entsprechend muss es auch eine Erzeugungsbeziehung geben: g_pre.ar.ba: Z_pre —> Z_ba u Z_ar.
  10. Diese Strukturen und Erzeugungsbeziehungen haben nicht im Nichts stattgefunden, sondern haben geeignete Umgebungen ENV benötigt, die sowohl in großen Mengen und kontinuierlich die notwendigen Ausgangsmaterialien M0 bereit halten konnten wie auch die notwendigen Temperaturgefälle DT für die Ermöglichung der chemischen Prozesse: ENV = <M0, DT, Z_pre, Z_ba, Z_ar, Z_eu, g_pre.ar.ba, g_ar.eu>
  11. Ferner wird angenommen, dass die allgemeinen physikalisch-chemischen Gesetze (G) gelten und ausschließlich diese für das Auftreten und das Reagieren der verschiedenen beteiligten Materialien zuständig sind, also ENV = <M0, DT, Z_pre, Z_ba, Z_ar, Z_eu, g_pre.ar.ba, g_ar.eu, G>
  12. Dazu gehören auch jene Entstehungsprozesse, die aus den Ausgangsmaterialien M0 die Vorläuferzelle Z_pre hat entstehen lassen, also g_0: ENV x TD x M0 —> Z_pre, also ENV = <M0, DT, Z_pre, Z_ba, Z_ar, Z_eu, g_0, g_pre.ar.ba, g_ar.eu, G>
  13. Für den Bereich der eukaryotischen Zellen Z_eu werden mindestens angenommen DNA-Moleküle, Boten-RNA (mRNA), Transfer RNA (tRNA), ribosomale RNA (ribRNA) und Proteine PROT. Dazu weitere Großstrukturen wie Chromatin(e), Chromosomen, Mitochondrien, usw.
  14. Im Bereich der Erzeugungsprozesse muss man ferner eine Art zeitliche und logische Abhängigkeit annehmen, indem der jeweils spätere Hervorbringungsprozess andere frühere voraussetzt, also: G < g_0 < g_pre.ar.ba < g_ar.eu.
  15. Jeder dieser Hervorbringungsprozesse wiederum zeigt sich nicht im Nichts sondern nur beim Vorhandensein spezifischer Materialien M, die in ihrem beobachtbaren Verhalten phi indirekt das Wirken spezifischer Gesetze manifestieren. Ohne die Beobachtbarkeit spezifischer Materialien und deren Verhalten (Newtons berühmter Apfel, die Planetenbahnen der alten Astronomen, magnetische Kräfte, Vulkanausbrüche, geologische Ablagerungen usw.) wäre es nicht möglich, auf dahinter/ darunter/ damit .. wirkende Kräfte phi zu schließen, die man dann in Form von symbolischen Darstellungen als gesetzmäßige Beziehungen (Relationen, Funktionen, Axiome) beschreibt.
  16. Während das menschliche Denken beim Vorliegen von irgendwelchen beobachtbaren Materialien, deren Eigenschaften und Veränderungen spontan dazu neigt, diese als gegeben, als auftretend, als seiend, als objektiv, als Objekte zu unterstellen, tut sich das gleiche Denken sehr schwer, das durch diese Materialien sichtbare werdende Verhalten phi in gleicher Weise als gegeben, seiend, objektiv vorkommend zu denken.
  17. Obgleich die beobachtbaren Materialien ohne dieses unterstellte Verhalten sich in keiner Weise verändern würden, zögern wir, aus den beobachtbaren Veränderungen auf eine interne Eigenschaft der Materialien zu schließen. Im Falle von tierischen Lebewesen wissen wir mittlerweile, dass das gesamte Verhalten in einem Nervensystem gründet, das im Innern des Systems angeordnet ist und von da aus das Verhalten steuert. Aber wir tun  uns schwer, in analoger Weise anzunehmen, dass das überall beobachtbare Verhalten von Materialien nicht auch von Strukturen abhängig ist, die im Innern der Materialien zu verorten sind.
  18. Bei chemischen Molekülen unterstellt man die atomare Struktur mit den unterschiedlichen Bestandteilen, Ladungen und Reaktionstendenzen, die in Wechselwirkung mit der jeweiligen Umgebung sich spezifisch verändern können.
  19. Bei Atomen bleiben einem nur noch die unterscheidbaren Teilchen, aber auch diese haben mathematisch beschreibbare ( wenngleich in Form von Möglichkeitsräumen) Verhaltenstendenzen.
  20. Dann bleibt als letzter Referenzpunkt nur die reine Energie E. Diese kann man nicht direkt beobachten, nur in ihren Wirkungen. Mit anderen Worten, die Energie E enthält sowohl alle potentiellen Materialeigenschaften wie auch die dazu gehörigen Verhaltenstendenzen. In diesem Sinne repräsentiert die Energie E eine Art Superobjekt, in dem die in der Makrowelt bekannte Unterscheidung zwischen materiellen Strukturen und Verhalten nicht mehr gilt. Energie als Superobjekt beinhaltet Materie und deren Verhalten in einem. Um diesen Sachverhalt auszudrücken, ist die bekannte Formel von Einstein e = mc^2 möglicherweise zu ungenau. Sie bietet keine Möglichkeit, zwischen materiellen Strukturen und Verhalten zu unterscheiden. Das beobachtbare Verhalten ist aber genau die Sprache, in der sich das Innere der Dinge mitteilt. Alles,was uns Menschen fasziniert, das sind die Erscheinungen der Veränderungen, ihre Vielfalt, ihre Abfolge. Liebe enthüllt sich nur im Gewandte solcher Veränderungen, genauso wie Hass oder Treue. Wissen ist eingeflochten in eine Vielzahl von Strukturen und deren Veränderungen.
  21. Sowohl die Entwicklung des Universums vor dem ersten Auftreten von Leben wie erst recht dann mit dem Auftreten biologischer Strukturen ist ein Prozess immer komplexerer Verhaltensweisen, die in ihrer Dynamik Gesetze, Regeln, Strukturen erkennen lassen, die den Blick immer tiefer in das Innere aller Dinge öffnen. Das ist eigentlich unfassbar fantastisch, aber es scheint niemand besonders zu rühren.

Keine direkte, aber inhaltlich passende Fortsetzung könnte DIESE sein.

WEITERE QUELLEN/ LINKS (Selektiv)

  • Freie Protein-Datenbank: http://www.ebi.ac.uk/pdbe/ (siehe auch http://proteopedia.org/wiki/index.php/Main_Page )
  • Visualisierung von Proteindaten: https://de.wikipedia.org/wiki/Jmol und http://wiki.jmol.org/index.php/Jmol_Application#Starting_Jmol_Application
  • Proteine (Peptide): https://de.wikipedia.org/wiki/Protein
  • Aminosäuren: https://de.wikipedia.org/wiki/Aminos%C3%A4uren
  • Alpha-Ketoglutarate: https://en.wikipedia.org/wiki/Alpha-Ketoglutaric_acid
  • oxalocetate: https://en.wikipedia.org/wiki/Oxaloacetic_acid
  • Pyruvate: https://en.wikipedia.org/wiki/Pyruvic_acid
  • Punktmutation: https://de.wikipedia.org/wiki/Punktmutation
  • Spiegelmann Monster: https://de.wikipedia.org/wiki/Spiegelmans_Monster
  • Bakterien: https://de.wikipedia.org/wiki/Bakterien
  • Achaeen: https://de.wikipedia.org/wiki/Archaeen
  • Eukaryoten: https://de.wikipedia.org/wiki/Eukaryoten
  • Retroviren: https://de.wikipedia.org/wiki/Retroviren
  • Chromosom: https://de.wikipedia.org/wiki/Chromosom
  • Chromatin: https://de.wikipedia.org/wiki/Chromatin
  • CELL: B.Alberts, A.Johnson, J.Lewis (und andere), Molecular Biology of THE CELL, 6.Aufl., 2015, New York: Garland Science, Taylor and Francis Group, LLC.
  • V.Storch, U.Welsch, M.Wink (und andere), Evolutionsbiologie,3.überarbeitete und aktualisiere Aufl., 2013, Berlin – Heidelberg: Springer-Verlag
  • Francis Harry Compton Crick, Nobelpreisrede: http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/medicine/laureates/1962/crick-lecture.html
  • Francis Harry Compton Crick Life Itself: Its Origin and Nature (Simon & Schuster, 1981) ISBN 0-671-25562-2
  • DNA WikiEN: https://en.wikipedia.org/wiki/DNA
  • RNA: https://de.wikipedia.org/wiki/Ribonukleins%C3%A4ure
  • Harold Morowitz: https://en.wikipedia.org/wiki/Harold_J._Morowitz (ein großes Thema: Wechselwirkung von Thermodynamik und Leben)
  • Michael J.Russel et al: http://www.gla.ac.uk/projects/originoflife/html/2001/pdf_articles.htm: The Origin of Life research project by Michael J. Russell & Allan J. Hall , University of Glasgow, May 2011
  • Krebs-Zyklus: https://en.wikipedia.org/wiki/Citric_acid_cycle
  • Martin W, Russell MJ., On the origin of biochemistry at an alkaline hydrothermal vent. , Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci. 2007 Oct 29; 362(1486):1887-925.
  • Martin W, Baross J, Kelley D, Russell MJ., Hydrothermal vents and the origin of life., Nat Rev Microbiol. 2008 Nov; 6(11):805-14.
  • Harold Morowitz und Eric Smith , Energy flow and the organization of life , Journal Complexity archive, Vol. 13, Issue 1, September 2007, SS. 51 – 59 ,John Wiley & Sons, Inc. New York, NY, USA

Einen Überblick über alle Blogeinträge des Autors cagent nach Titeln findet sich HIER.

NICK LANE – LIFE ASCENDING – BESPRECHUNG – Teil 1

Nick Lane, „Life Ascending“, London: Profile Books Ltd, 2009 (Paperback 2010)

KONTEXT

  1. Auf dem Weg zum neuen Menschenbild im Spannungsfeld zwischen biologischen und nicht-biologischen Systemen (letztere als Maschinen, insbesondere auch als intelligente Maschinen) stellen sich viele interessante Fragen. Grundlegend bleibt die Frage nach dem Unterschied zwischen biologischen und nicht-biologischen Systemen. Insbesondere erweist sich schon die Bestimmung des Biologischen als eigenes Problem. In den Wissenschaften wurde ja lange zwischen der belebten und der unbelebten Natur unterschieden, wurde eine Grenze zwischen Organischem und Anorganischem gezogen. Die Forschung der letzten 10 – 15 Jahre hat aber so viele neue Erkenntnisse zutage gefördert, dass der Übergang zwischen Belebtem und Unbelebtem immer fließender wird. Zumindest für den ersten Übergang von bloß chemischen zu schon biochemischen Prozessen gibt es mittlerweile sehr plausible Modelle und empirische Fakten, so dass der Weg von elementaren metabolischen Prozesszyklen zu komplexeren biologischen Prozessen der Selbstreplikation nicht mehr so aussichtslos erscheint, wie bislang. Dies eröffnet viele interessante Perspektiven.
  2. Das Buch von Nick Lane Life Ascending kann hier hilfreich sein: in gut lesbarer Weise, jedoch eng an den realen Forschungsprozessen orientiert, entwickelt er ein Bild des biologischen Lebens, das versucht, diese neuen Erkenntnisse zu berücksichtigen. Dieses Buch wurde mit viel Lob von führenden Fachzeitschriften und Wissenschaftlern bedacht, und bekam u.a. den Preis der Königlichen Gesellschaft (England) für das beste Wissenschaftsbuch 2010 (es gibt weitere Bücher von Lane, auch ein ganz neues von 2016, in denen unterschiedliche Aspekte des biologischen Lebens auf der Basis neuerer Erkenntnisse thematisiert werden).

EINFÜHRUNG (SS.1-7)

  1. Die großen Erkenntnisfortschritte der letzten Jahrzehnte wurden möglich, da die Methoden der Paläontologie und der Populationsgenetik mit neuen Methoden so erweitert werden konnten, dass man nun immer mehr die biochemischen Strukturen und Prozesse selbst erforschen kann, die den Lebewesen, den Zellen zugrunde liegen und die Zeugnis geben können von Ereignissen und Sachverhalten, die bis in die Frühzeit des Lebens (ca. bis -4 Mrd Jahre rückwärts) zurückreichen.
  2. Nick Lane versucht, diese wunderbare und ungeheuer spannende Geschichte der Entstehung der Lebensformen am Beispiel von 10 Ereignissen zu illustrieren, die er – aus seiner Sicht anhand selbst gewählter Kriterien – als die größten Erfindungen (“inventions‘) des Lebens identifiziert. So beginnt er mit der Entstehung des Lebens, beschreibt die DNA, dann die einmalige Erfindung der Photosynthese und der komplexen Zellen, beleuchtet dann die Rolle der Sexualität, der Bewegung, des Sehens, des warmen Blutes und schließlich das Phänomen des Bewusstseins und des Sterbens.

DIE ENTSTEHUNG DES LEBENS (SS.8-33)

  1. In diesem Kapitel geht es zentral um die Frage, wie es möglich war, dass sich auf der Erde, nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, und die sogenannten Hadean Epoche (-4.5 Mrd bis – 3.8 Mrd) begonnen hatte, so schnell erste Spuren von Leben finden konnten. Einige Hypothesen gehen davon aus, dass sich schon ab -4 Mrd, erste Bakterien finden, sichere Befunde gibt es spätestens ab -3.4 Mrd. (vgl. S.8f); komplexere Zellen mit Zellkernen (Eukaryoten) finden sich dann aber erst ab ca. -1.4 Mrd bis -1.0 Mrd, also gut zwei  Mrd Jahre später. (S.9).
  2. Die Frage ist dann sinnvoll und spannend, wenn man davon ausgeht, dass sich die biologischen Formen aus den nicht-biologischen Strukturen im Rahmen der Naturgesetze entwickelt haben. Dann muss man Entstehungsprozesse identifizieren bzw. nachträglich rekonstruieren, die dies deutlich machen können. (vgl. S.9f)
  3. Der Vollständigkeit halber zitiert Lane das berühmte Miller-Urey Experiment von 1952 (publiziert 1953), bei dem aus einer Gasmischung mittels elektrischer Entladungen komplexe Moleküle gebildet werden konnten, die jenen ähneln, die man zu den biologischen zählt. Wie man heute weiß, entsprach die Gasmischung des Experiments aber nicht der Zusammensetzung auf der Erde in jener Zeit (vgl. SS.10-12). Ferner gelten für Moleküle und chemische Reaktionen die allgemeinen Gesetze der Thermodynamik; ohne spezielle Umgebungsbedingungen zerfallen Moleküle wieder. Wie eine solche Umgebungen aussehen sollte und ob sie so jemals bestanden hatte, sagte das Experiment nicht (vgl. SS.11-14)
  4. Auf der Suche nach geeigneten Umgebungen führte 1977 die Entdeckung von unterseeischen hydrothermalen Schloten zu einer gewissen Aufregung. Bis heute wurden ca. 200 solcher Schlote gefunden; alle zeichnen sich aus durch einen Überfluss an Leben. (vgl. S.14f) Brodelnde metallische Sulfide ergießen sich ins Wasser, alles sehr säurehaltig, Temperaturen mit bis 400 Grad. (vgl. S.15) In diesem thermodynamischen Ungleichgewicht kommen große Mengen an Schwefelwasserstoff vor. Aus diesem extrahieren Bakterien Wasserstoff (H) und verknüpfen ihn mit Kohlendioxid (CO2) und produzieren daraus organische Stoffe. Dies kostet Energie, die über Sauerstoff (O) zugeführt wird.(vgl. S.15) So interessant diese Umgebungen sind, vieles passte noch nicht so richtig zusammen.
  5. Vor diesem Hintergrund haben Michael J.Russell und Kollegen 1994 alternative Schlote (‚vents‘) vorausgesagt, unterseeische, alkaline hydrothermale Schlote, die eine umfassendere und nachhaltigere Umgebung für die Ausbildung frühen Lebens darstellen würden. Solche Schlote wurden dann 2000 tatsächlich entdeckt, bekannt gemacht ab ca. 2002. Sie wurden spontan Verschwundene Stadt (‚Lost City‘) getauft. Diese alkalische Schlote entstanden aus der Wechselwirkung zwischen Gestein und Seewasser: es sind poröse Gebilde mit unendlich vielen Kompartments, chemischen Verbindungen, und einem Temperaturgradient. (vgl. SS.20-23)
  6. Bei dem Versuch, ‚von unten nach oben‘, vom Einfachen zum Komplexeren Erklärungsmuster zu finden, die zu den komplexeren Strukturen hinführen, kann es auch hilfreich sein, vom bekannten Komplexen auszugehen und zu fragen, was haben alle bekannten reproduzierbaren biologischen Formen gemeinsam? Was sind universelle Kernprozesse? Lane verweist hier auf metabolische Prozesse bekannt als Krebs-Zyklus.(vgl. S.24) Der Krebs-Zyklus bildet die Basis aller eukaryontischen Zellen und ist reversibel. Er kann mit Hilfe von Energie Proteine erzeugen oder umgekehrt Energie. Bei eukaryontischen Zellen ist er in den Mitochondrien lokalisiert, bei prokaryotischen Zellen in der Zellmembran. Das wirkliche Besondere aber ist, dass seine Bestandteile und sein Zusammenbau chemischen Tendenzen der beteiligten Moleküle folgt (Morowitz!) und sich alle Zutaten, bis hin zur passenden Umgebung, in den erwähnten alkalischen hydrothermalen Schloten finden. (vgl. S.25f)
  7. In ähnliche Richtung argumentieren Martin & Russell: heutzutage sind nur 5 metabolische Prozesse bekannt, wie Pflanzen und Bakterien Wasserstoff (H) und Kohlendioxid (CO2) verarbeiten. Vier von Fünf verbrauchen ATP. Einer von fünf erzeugt Energie. Letzteres tun die Archaen.(Vgl. S.27) Dies verweist auf mögliche Vorläufer der Archaen um -4 Mrd Jahren, die über solche solche Prozesse verfügt haben müssen bzw. diese aufgebaut haben. Um aber Energie zu erzeugen, benötigten diese Vorfahren kleine Mengen von Startenergie. Dazu werden Katalysatoren wie Eisen, Nickel und Schwefel benötigt. Genauso diese sind aber in den unterseeischen Schloten vorhanden waren.(vgl. S.27f)
  8. Die elementaren Komponenten dieser Prozesse finden sich also in den unterseeischen Schloten wie auch als Grundbausteine im Krebs-Zyklus, der das Herz aller metabolischen Prozesse von späteren Zellen bildet (vgl. S.28). Als Energiebaustein wird allerdings noch nicht ATP erzeugt, sondern Acetylphosphat C2H5O5P, das aber genauso wie ATP funktioniert. Das Abfallprodukt der Phosphatübertragung ist Essig. (vgl. S.28f)
  9. Während der Energiegewinnungsprozess in den unterseeischen Schloten plausibel erscheint, stellt sich die Frage, wie der Prozess auch außerhalb der Schlote funktionieren kann, wo es keine hinreichende Umgebungsenergie gibt?(vgl. S.29f) Einen Schlüssel lieferte die Forschung von Peter Mitchell, der aufzeigte (Nobelpreis), dass die Produktion von ATP-Molekülen von einem differenzierten Membranprozess gesteuert wird, der durch den Gradientenprozess des Protonentransports mit sehr fein abgestimmten Dosierungen arbeiten kann. (vgl. 31f) Dieser Protonen-abhängige Gradient innerhalb der Chemiosmose findet sich in allen späteren Lebensformen und bot die Voraussetzung der Loslösung aus den alkalischen Schloten.(vgl. 32f)

DISKURS

  1. Ein Kennzeichen der neueren Diskussion ist die Tendenz, dass man sehr stark nach einer Einbettung der biologischen Prozesse in die Gesetze der allgemeinen Physik und Chemie sucht. Besonders zu erwähnen sind hier sicher Schmidt und Morowitz.
  2. Letztere gehen davon aus, dass die Thermodynamik einen Rahmen aufspannt, innerhalb dessen der Fluss freier Energie durch Zusammenfinden geeigneter chemischer Verbindungen verbessert und kontrolliert werden kann. Dies bedeutet, durch ein Zusammenwirken von thermodynamischen Gesetzen und Eigentendenzen der chemischen Verbindungen kommt es zur Ausbildung von speziellen chemischen Prozessketten, innerhalb deren energetisch hochwertigere Teilchen in immer tiefere energetische Zustände weitergereicht werden und dabei Wirkungen entfalten. Da alle Bestandteile zu den universell verfügbaren Grundbausteinen gehören und die Wirkungsgesetze allgemein sind, sind auch diese chemischen Prozessketten universell und sehr stabil.

Die Fortsetzung bildet ein Nachtrag zu Teil 1 als 1b

WEITERE QUELLEN/ LINKS (Selektiv)

  • Harold Morowitz: https://en.wikipedia.org/wiki/Harold_J._Morowitz (ein großes Thema: Wechselwirkung von Thermodynamik und Leben)
  • Michael J.Russel et al: http://www.gla.ac.uk/projects/originoflife/html/2001/pdf_articles.htm: The Origin of Life research project by Michael J. Russell & Allan J. Hall , University of Glasgow, May 2011
  • Krebs-Zyklus: https://en.wikipedia.org/wiki/Citric_acid_cycle
  • Martin W, Russell MJ., On the origin of biochemistry at an alkaline hydrothermal vent. , Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci. 2007 Oct 29; 362(1486):1887-925.
  • Martin W, Baross J, Kelley D, Russell MJ., Hydrothermal vents and the origin of life., Nat Rev Microbiol. 2008 Nov; 6(11):805-14.
  • Harold Morowitz und Eric Smith , Energy flow and the organization of life , Journal Complexity archive, Vol. 13, Issue 1, September 2007, SS. 51 – 59 ,John Wiley & Sons, Inc. New York, NY, USA

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START DES PHILOSOPHIESOMMERS 2016 IN DER DENKBAR FRANKFURT – Nachhall zum 14.Februar 2016

START GELUNGEN

Nach einer Unterbrechung von mittlerweile fast 6 Monaten hat sich die Philosophie in der DENKBAR zurückgemeldet.  Aufgrund der Einladung vom 9.Februar 2016 hatte sich eine sehr interessante Gruppe  zum Re-Start versammelt. Und der gedankliche Austausch nahm seinen Lauf.

EIN HAUCH VON PHILOSOPHY-IN-CONCERT

Wie angekündigt wurde ein kleines Hörstück vom PHILOSOPHY-IN-CONERT Experiment eingespielt, dazu ein Bild von der – noch – leeren virtuellen Insel aus einer virtuellen Welt.

cagent vor leerer PiC-Insel 14.Februar 2016
cagent vor leerer PiC-Insel 14.Februar 2016

PHILOSOPHY-IN-CONCERT versteht sich als Versuch, die Fragestellung von der Zukunft des Menschen in Wechselwirkung mit der neuen Technologie der intelligenten Maschinen aus philosophischer und wissenschaftlicher Sicht künstlerischer erlebbar zu machen. Wie das genau geschehen wird, ist Teil des laufenden Experimentes. Erste Gehversuche fanden in öffentlichen Veranstaltungen am 1.Dez. 2015 und am 12.Dez. 2015 statt. Daraus stammt das Hörstück, das an diesem Abend gespielt wurde.

 

Dieses Stück kann uns daran erinnern, dass wir uns ohne Gebrauchsanleitung vorfinden und seit vielen tausend Jahren auf der Suche nach uns selbst, nach dem inneren Drehbuch von allem sind. Alle Kulturen haben ihre eigene Version erzählt, die vielen Religionen, die Philosophen, die moderne Wissenschaft liefern ständig neue Varianten. Welche ist nun die richtige? Woran können wir die richtige erkennen?

Zwei der Stimmen im Hörstück sind vom Computer generiert. Die gesamte Musik ist vom Computer generiert. Wir erleben einen realen Klang, der von Algorithmen erzeugt wurde. Auch das Bild, das in der Live-Schaltung sehr realistisch wirkte (z.B. mit Wellenbewegungen und Lichtreflexen) war komplett vom Computer generiert, ein Virtuelles als Reales, Virealität …

DIE AUSGANGSLAGE

Damit waren wir bei der Ausgangslage angekommen.

In unserem Alltag erfahren die, die Arbeit haben, oft (meistens?), dass sie zu viel Arbeit haben. Sie drehen in ihrem Rad und schaffen es kaum noch, jenseits der beruflichen Routine andere Aspekte des Lebens breit und differenziert aufzunehmen. Zugleich hat man das subjektive Gefühl, die Ereignismenge nimmt beständig zu, die Änderungen werden schneller. In all dem ist eine Entwicklung unübersehbar: die fortschreitende, mittlerweile umfassende, Digitalisierung des gesamten Lebens. Im Beruf, in der Freizeit, öffentlich und im Privaten, überall begleiten uns mittlerweile Computer, die mit Netzwerken verbunden sind. Vielfach sind sie schon nicht mehr erkennbar, da sie die Gestalt von Alltagsgegenständen angenommen haben, sie Teil von Wohnungen und Gebäuden sind, überall in den Verkehrsmitteln eingebaut sind, Teil von öffentlichen Räumen …. noch weniger kann man die Aktivitäten in den Netzwerken und Datenbanken wahrnehmen. Das globale Geschäft mit den privaten (und kommerziellen und institutionellen) Daten brummt; einige wenige werden immer reicher, viele andere werden jeden Tag schleichend entwertet. Der Staat scheint zu versagen; es wirkt, als ob er seine Bürger den Datenkraken und den außer Rand geratenen Geheimdiensten überlässt. Privatheit war einmal. Industriespionage scheint mittlerweile der Standard sein, vorpraktiziert von den staatlichen Geheimdiensten selbst, wenn man den Quellen trauen kann.

Erleben wir einen epochalen Umbruch? Was ist mit den traditionellen Wertelieferanten, den bekannten Religionen? Was ist mit den Wissenschaften? Sind Menschen nur ein zufälliges Ereignis der Evolution, eine biochemische Masse, die alsbald wieder vergeht? Sind die Menschenrechte nur noch gut für Sonntagsreden, aber ansonsten im Alltag blutleer, wert-los? Warten alle nur noch auf die Erlösung durch die Roboterfabriken und intelligente Maschinen, die dann alles lösen werden, was der Mensch nicht lösen konnte?

Was ist mit den globalen Konzernen, die ihr Geschäft auf Algorithmen basieren, die die globalen Datenmengen auswerten und hochrechnen: sind sie morgen bankrott, weil sie ihre eigenen Algorithmen nicht mehr unter Kontrolle haben? Lassen die anwachsenden Bot-Armeen die Daten von twitter, facebook, google und Co zu Schrott werden?

GEDANKENSTURM

Dies sind einige der Gedanken, die eingangs geäußert wurden, und die dann zu einem intensiven Gedankenaustausch führten.

Gedankensturm vom 14Febr2016 - ungeordnet
Gedankensturm vom 14Febr2016 – ungeordnet

Im Gegensatz zu sonst fiel es dem Protokollanten schwer, diese vielen Aspekte sofort in eine Struktur einzupassen. Dies kann auch ein Anzeichen dafür sein, dass wir es hier mit einem qualitativ neuem Gesamtphänomen zu tun haben. Alle bisher benutzten Muster greifen nicht mehr so richtig.

Am erfolgversprechendsten erschien dann die Perspektive, dass wir den Menschen, uns, viel radikaler als bislang als Teil eines evolutionären Prozesses sehen müssen, der uns dorthin gebracht hat, wo wie heute stehen. Dies intensiviert die Rückfragen an diesen Prozess. Welche Rolle spielt dann der berühmte Zufall bei der Entstehung des bekannten Universums und der bekannten Lebensformen. Ist alles nur Zufall oder ist Zufall nur ein Moment an einem komplexeren Geschehen? In der Wissenschaft haben einige gemerkt, dass der Zufall insofern nur ein – wenngleich sehr wichtiges – Moment des Geschehens ist, da bei der Entwicklung des biologischen Lebens die Speicherung bisheriger Erfolge im DNA-Molekül wesentlich ist. Nur durch diese Speicherung (Erinnerung, Gedächtnis) wurde eine Zunahme von Komplexität möglich. Der Zufall variiert, das DNA-Gedächtnis gibt eine Richtung. Dieser Prozess ist sehr langsam. Erst mit dem Auftreten des homo sapiens als Teil dieses Prozesses gab es eine Revolution: die Gehirne des homo sapiens können mit ihren elektrischen Zuständen Eigenschaften der Umgebung und sich selbst zu Modellen formen, mit diesen virtuellen Modellen elektrisch spielen und auf diese Weise in sehr kurzer Zeit hochkomplexe Alternativen erkunden, verwerfen oder ausprobieren. Dies führt zu einer extremen potentiellen Beschleunigung der Evolution. Veränderungen, die zuvor vielleicht tausende, zehntausende von Generationen gebraucht haben, können nun innerhalb von Jahren, Monaten, Tagen … gedacht und gestartet werden. Die Erfindung des Computers (eine 1-zu-1 Kopie der Struktur, die dem Kopiervorgang von biologischen Zellen zugrunde liegt!) erscheint in diesem Kontext folgerichtig, dazu Netzwerke und Datenbanken. Aus Sicht der Evolution ist es die Befreiung der Materie in frei konfigurierbare Zustände mit extremer Beschleunigung.

Für die agierenden Menschen, Mitglieder der Gattung homo sapiens, scheint dies aber zu einer Zerreißprobe zu werden, zur Krise der alten Weltbilder die – stimmt das neue Bild – sowieso falsch waren. Wer sind wir wirklich? Was soll das Ganze? Kann es in diesem kosmischen Gesamtgeschehen überhaupt so etwas wie einen Sinn für einzelne Individuen, für einzelne Generationen geben? Wie können wir in all dem, was diese neue Entwicklung mit uns macht, ein Muster erkennen, irgendetwas, was über puren Zufall hinausweist? Oder brauchen wir das alles nicht, ist es sowieso egal? Soll jeder halt die Zeit seines Lebens nutzen so gut es geht, ohne Rücksicht auf Verluste? Sind die Menschen, nachdem sie die Evolution durch Computer, Netzwerke und Datenbanken neu entfesselt haben, sowieso überflüssig geworden? Homo sapiens hat seinen Job gemacht; die Zukunft liegt jetzt nur noch in Hand der intelligenten Maschinen?

WIE GEHT ES WEITER?

Am 13.März 2016 treffen wir uns zur weiteren Verhandlung in Sachen homo sapiens.

  • Was macht das alles mit uns?
  • Hat der homo sapiens noch eine Chance?
  • Ist er überflüssig geworden?
  • Gibt es die intelligenten Maschinen, die den homo sapiens ersetzen sollen, wirklich?
  • Ist dies aller nur ein Propagandatrick der Medien und einiger globaler Konzerne?
  • Sind google, facebook und Co morgen schon pleite, weil sie ihre eigenen Algorithmen nicht mehr unter Kontrolle haben?
  • Was wird uns PHILOSOPHY-IN-CONCERT zum Nachdenken geben?
  • Könnten uns intelligente Maschinen sogar helfen?
  • Was ist mit der Maschine als Therapeut und Partner?
  • Was ist mit den technischen Erweiterungen des Körpers?
  • Was ist mit den möglichen genetischen Veränderungen: warum wollen wir sie nicht?
  • Wo liegt unsere Zukunft? In der bloßen Wiederholung des Alten oder in einem real Neuem? Wie kommen wir dahin? Wer sind unsere Ratgeber? Müssen wir auf unsere Enkel hoffen, dass die es dann schon richten, weil wir zu dumm und träge sind?

Einen Überblick über alle vorausgehenden Sitzungen der Philosophiewerkstatt findet sich HIER.

DAS GANZE IN EINER NUSSSCHALE – In gewisser Weise ‚Ja‘

ANREGUNG VON PLATO & ARISTOTELES

  1. Im Kontext der Relektüre von Platon und Aristoteles, zunächst angeregt durch das Buch von Decher, dann vertiefend mit anderen Büchern, entstand immer mehr der Eindruck, dass das Ringen von Aristoteles um eine realistischere Sicht der Ganzheit des Lebens im Vergleich zu dem stark dualistisch-apriorisierenden Denken Platons, in seinem Kern, in den erkennbaren Strukturen, nicht so weit weg ist vom heutigen Denken. Natürlich muss man einige Begriffe neu übersetzen, natürlich muss man viele Details aktualisieren, aber die gesamte Ausrichtung gibt eine Fülle von Anregungen, die auch Lücken in unseren heutigen Ansätzen sichtbar machen. Die Meinungen gehen auseinander, ob Aristoteles auf der Zielgeraden letztlich dann doch Platons Sicht übernommen hat (Priorität und Andersartigkeit des Geistes über und vor allem anderen), oder ob man seine ähnlich klingenden Begriffe nicht doch von seinem Gesamtansatz her doch anders denken müsste.
  2. Bevor es aber dazu kam, dass ich mich in diese Begriffswelt von Platon, ganz besonders aber von Aristoteles, neu versenken konnte, setzte sich ein ganz anderes Karussell von Analogien in Bewegung.
Die fünf Paradoxien - Vorstufe: Geist und Materie
DAS GANZE IN EINER NUSSSCHALE. Fünf Themenkomplexe. Vorstufe: Geist und Materie

BIOLOGISCH VERSUS TECHNOLOGISCH

  1. Das vorausgehende Diagramm zeigt eine Gegenüberstellung von biologischen Systemen, wie z.B. dem homo sapiens, und von technischen Systemen wie z.B. intelligente Maschinen.
  2. Das Faszinierende bei biologischen Maschinen ist das Phänomen, dass rein materielle Bestandteile – wie man salopp im Alltag sagen würde – in der Lage sind, hochkomplexe Verhaltensweisen zu ermöglichen, die wir umschreiben mit Worten wie nett, liebenswürdig, gemein, aggressiv, dumm, intelligent, einfühlsam, vorausschauend, usw. Einem Menschen schreiben wir gewöhnlich geistige-emotionale Eigenschaften zu (ganz im Stile von Platon und Aristoteles; wobei beide nicht nur vom Geist sprechen, sondern auch von der Seele als dem eigentlichen Lebensprinzip mit dem Geist als Huckpackeigenschaft).
  3. Da wir heute die materiellen Bestandteile immer mehr auf ihre Zusammensetzung hin analysieren können (anders als Platon und Aristoteles), können wir wissen, dass der Körper ein Verband von vielen Billionen (10^12) Zellen darstellt, die wiederum aus einer unfassbar großen Zahl von Molekülen bestehen, diese wiederum aus Atomen, diese wiederum aus subatomaren Teilchen, die sich dann im Raum quantenphysikalischer Modelle von Wahrscheinlichkeitsverteilungen verlieren.
  4. Und dieses ganze Ensemble benötigt in jedem Moment Energie, die über Nahrung zugeführt wird; zusätzlich auch Flüssigkeit. Wird diese Zufuhr lang genug unterbrochen, bricht das System in sich zusammen. Wir sagen, es stirbt, und damit verschwindet auch sein Verhalten; die Aktivitäten, aufgrund deren wir einem Organismus Gefühle und Geist zugeschrieben haben, sind nicht mehr da. Ist damit der Geist (oder wie Platon und Aristoteles sagen würden: die Seele) auch vollständig weg (bei Aristoteles ja, bei Plato nein), oder existieren diese Nicht-Dinge Seele und Geist getrennt von den biologischen Körpern irgendwie weiter? Falls dem so wäre, müsste die Existenzform von Seele (Psyché) und Geist (Nous) im Sinne von Platon (und z.T. Aristoteles) anders sein als die Existenzform, die wir von biologischen Körpern kennen.
  5. Eher spontan hatte ich neben diese Struktur von biologischen Systemen jene von sogenannten intelligenten Maschinen aufgezeichnet. Strukturell kann man eine starke Analogie beobachten. Auch hier kann man materielle Bestandteile unterscheiden (Chips, Gatter, Verbände von Atomen), die ihre Zustände ändern können, und ein Verhalten, das man – je nach Ausführung und Kontext – auch als nett, intelligent, vorausschauend usw. beschreiben könnte.
  6. Solange Menschen wissen, dass es ja nur eine Maschine ist, sagen sie immer, das ist natürlich nicht wirklich wie beim Menschen. Ist es nicht so offensichtlich (z.B. bei Hausrobotern, die äußerlich wie echte Tiere aussehen), dann verschwindet dieser Vorbehalt und Menschen entwickeln zu den Maschinen eine – zumindest äußerlich ähnlich erscheinende – Beziehung wie zu biologischen Systemen.
  7. Auch Maschinen benötigen beständig Energie, um funktionieren zu können. In dem Fall elektrische Energie, die mittels Transformationsprozessen aus natürlichen Energiequellen gewonnen werden (Fossile Energien, biologische, Wasser- und Windenergie, Sonnenenergie, atomar, …).
  8. Im Wissen um die unterschiedlichen materiellen Substanzen, die den Verhaltensmanifestationen zugrunde liegen, stellt sich die Frage, wie kann es sein, dass so unterschiedliche Strukturen ein so ähnliches Verhalten hervorbringen können? Wie groß ist die Ähnlichkeit? Welche Rückschlüsse kann man auf den bei biologischen Systemen unterstellten Geist (bzw. auch auf das Lebensprinzip der Psychè von Platon und Aristoteles) ziehen nur aufgrund der unterschiedlichen materiellen Strukturen, die sie hervorbringen? Hätte ein Aristoteles seine Überlegungen geändert, wenn er von diesen neuen Details gewusst hätte? Platon möglicherweise ja, Aristoteles – nach meiner Einschätzung – eher nicht. Das Modell von Aristoteles könnte theoretisch mit diesen neuen Erkenntnissen umgehen.
  9. Die ganze Frage besitzt noch eine pikante Note, da die sogenannten intelligenten Maschinen ja nicht an Bäumen wachsen oder als Teil von Korallenriffen entstehen, sondern sie sind vollständig ein Produkt des homo sapiens, seines Denkens und seines Produzierens. Es ist der Mensch, der im Laufe der Jahrtausende gelernt hat, seine Wahrnehmung der Welt zu strukturieren, sie mittels Sprachen mit anderen zu teilen, sie in Handlungen zu überführen, und nach und nach es geschafft hat, die Funktionsprinzipien der Natur – einschließlich der biologischen Phänomene, also auch von sich selbst – soweit zu rekonstruieren, dass er Gebäude errichten konnte, ganze Städte baut, Flugkörper, Kommunikationsmittel, Computer, die ihm helfen können, sein eigenes Denken mehr und mehr zu imitieren und partiell sogar zu übertreffen. Anders gewendet, es ist der Mensch, der seine Art zu denken sowohl in ein gedachtes Modell übersetzt hat (Turing, von Neumann), als auch in eine reale Maschine (viele Personen), die man anschauen, mit der man konkret arbeiten kann.
  10. So betrachtet liegt eigentlich keine Parallelität vor, sondern eher so etwas wie eine Aufschichtung: die materiellen Strukturen des Menschen (sein Körper) sind in der Lage, intern Wolken von Ladungszuständen zu erzeugen und zu modifizieren, mittels denen sie die erfahrbare Welt wahrnehmen, vorstellen und denken können. Mittels diesen Bildern von der aktuellen Welt wie von denkbaren = möglichen Welten hat der Mensch ein mögliches Modell eines künstlichen Geistes gedacht und realisiert, der erkennbare Prinzipien der biologischen Natur sichtbar macht und dem Handlungs- und Denkraum des Menschen hinzufügt.
  11. Der Mensch selbst ist direkt und unmittelbar ein Produkt des evolutionären Naturprozesses. Die intelligenten Maschinen sind – vermittelt durch den biologischen Geist des Menschen – ebenfalls ein Produkt der Evolution. Allerdings finden wir hier eine dramatische Weiterentwicklung im Mechanismus der biologischen Evolution! Verfügte die Evolution bis zum Auftreten des homo sapiens nur über die Möglichkeit, anhand von (blinden! Rein zufälligen!) Änderungen im DNA-Molekül Veränderungen im Bereich des biologischen Lebens herbei zu führen, so stellte die Struktur des homo sapiens selbst schon eine Revolution dar: die biologische Möglichkeit innerer geistiger Zustände in einem biologischen System, die Fähigkeit von Selbstbewusstsein, das sich selbst als in der Welt seiend wahr zu nehmen, alternativ zu denken und zu kommunizieren, dies ermöglicht eine völlig neue Weise, Veränderungen im Kontext der biologischen Evolution einzuführen! Statt viele hundert oder tausend oder noch mehr Generationen abwarten zu müssen, bis irgendwelche zufälligen Änderungen eine brauchbare Veränderung entstehen ließen, kann jetzt jeder einzelne homo sapiens im Verbund mit allen anderen sehr schnell beliebige und komplexe Änderungen erfinden und umsetzen. Ergänzt und verstärkt durch intelligenten Maschinen kann dieser Prozess noch komplexer, noch schneller ablaufen. Einbettet in Netzwerke und verbunden mit Datenbanken ist prinzipiell noch mehr möglich.
  12. Nur der Mensch selbst, seine aktuelle körperliche und – wie wir noch immer salopp sagen – seine psychologische Struktur erweisen sich immer mehr als Hemmschuh: unsere Informationsverarbeitungskapazität ist sehr beschränkt und unser emotionales und triebhaftes Korsett erweist sich als sehr eng, schwerfällig und schlecht angepasst. Möglicherweise der größte Anteil aller Zukunftsmöglichkeiten des einzelnen und der ganzen Populationen wird aktuelle vergeudet, weil die Menschen nicht in der Lage sind, mit ihren Emotionen und Trieben nachhaltig umzugehen.
Die fünf Paradoxien der Menschheit heute - Version 2
DAS GANZE IN EINER NUSSSCHALE. Fünf Themenkomplexe. Version 2

ENTSTEHUNG VON KOMPLEXITÄT

  1. Damit kommen wir zur zweiten Skizze. Sie ist aus der ersten hervorgegangen.
  2. Ausgangspunkt waren die biologischen Strukturen, und hier das Phänomen der Entstehung der Komplexität im Laufe der Zeit.
  3. Zwar haben wir bislang eigentlich nur winzige Fragmente der vorausgehenden Zeit, aber mit den heutigen Methoden der Genetik und Molekularbiologie (ergänzt um viele Methoden aus vielen anderen Wissenschaften) ermöglichen diese Fragmente Blicke zurück in die Zeit, die bis noch vor 10 – 20 Jahren unvorstellbar waren. Immer noch verstehen wir nicht alles; immer noch bleiben viele Fragen offen; aber das Gesamtbild gewinnt immer mehr Konturen.
  4. Es gibt viele Ansätze, wie man diese Zeit des biologischen Lebens auf der Erde (ca. 4 Mrd.Jahre von heute rückwärts) strukturieren und deuten kann. Einer von vielen ist z.B. der von Nick Lane (2009), der versucht hat, die zehn wichtigsten Ereignisse der biologischen Evolution zu identifizieren und zu beschreiben. Er bezieht zwar das Phänomen des Bewusstseins (consciousness) mit ein, nicht mehr aber das, was sich auf der Basis von Bewusstsein dann getan hat. Für ihn als biologischer Chemiker ist dies nachvollziehbar, aber dem Phänomen der Evolution wird es möglicherweise nicht gerecht, weil Evolution mehr ist als das, was die Biochemie erfassen und behandeln kann.

NATUR UND GEIST

  1. Die Aufspaltung der Wissenschaft in Natur- und Geisteswissenschaften hat zwar in Europa eine lange (unglückliche?) Tradition, aber aus historischen Zufälligkeiten und Gewohnheiten folgt nicht ohne weiteres, dass dies auch dem Phänomen des Lebens als Teil der Natur gerecht wird. Der Mensch selbst erscheint aktuell als jene Revolution der Evolution, durch die sich die sogenannte materielle Natur in eine sogenannte geistige Natur transformiert hat. Die Revolte von Aristoteles gegen Plato wurzelt genau hier: Aristoteles wollte das Geistige als Teil des Natürlichen verstehen. Mit dem heutigen Wissen sind wir soweit, dass wir von dem heute Wissbaren ausgehend eigentlich nur sagen können, dass das bekannte Geistige eine Eigenschaft der bekannten materiellen Natur ist. Wer diese Aussage vorschnell als mögliche Abwertung des Geistigen versteht, sollte einen Moment innehalten: er/ sie sollte sich fragen, was er/sie denn vom sogenannten materiell Natürlichen weiß?
  2. Wenn es so ist, dass das bekannte Geistige als Eigenschaft des Natürlichen auftritt, sich zeigt, manifestiert, dann wäre die normale logische Fragerichtung jene, eben dieses materiell Natürliche einer neuen Analyse (und Interpretation) zu unterziehen. Wenn sogar intelligente Maschinen Phänomene hervorbringen können, die wir geistig zu nennen gewohnt sind, dann muss man die Frage stellen, welche inhärenten/ impliziten Eigenschaften des Materiellen sind es, die Geistiges real werden lassen?
  3. Bislang wissen wir, dass die komplexen Zellansammlungen von biologischen Lebewesen sich nur sehr langsam entwickelt haben. Allein schon der Übergang von einzelnen Zellen zu größerem Zellverbänden, die kooperieren, hat Milliarden Jahre gedauert. Und der Übergang von Molekülen zu Strukturen wie es eine Zelle ist hat mindestens einige hundert Millionen Jahre gedauert. Vollständige Erklärungsmodelle, wie man sich diesen Bildungsprozess auf der Basis der bekannten Naturgesetze vorstellen sollte, liegen noch nicht vor.
  4. Die bisherigen Denkmodelle der Physik zur Entstehung des bekannten Universums bieten nicht all zu viel: ein singuläres Energieereignis, in dessen Gefolge sich bei Abkühlung immer mehr Strukturen zeigten (subatomar, atomar, …), die zur Entstehung von Sternen führte, deren Fusionsprozesse weitere schwere Atome hervorbrachten, die wiederum zu Bausteinen jener Moleküle wurden, die im Verlauf von ca. 9 Mrd. Jahr dann bei der Entstehung biologischer Zellen beteiligt waren. Dann noch ein Entropiegesetz, das nicht wirklich ein Gesetz ist und vielfältige Interpretationen zulässt. Schließlich ein großes Schweigen angesichts des Phänomens einer nach 9 Mrd Jahren einsetzenden (biologischen) Komplexitätsbildung, für dies es bis heute keinerlei Ansatzpunkte in den bisherigen physikalischen Modellen gibt. Diejenigen Eigenschaften von Molekülen, die sich physikalisch erklären lassen, reichen nicht aus,um das Gesamtverhalten befriedigend erklären zu können.
  5. Die berühmte Formel von Einstein e=mc2 , durch die eine Beziehung zwischen dem Term Energie e und dem Term Masse m mal Quadrat der Lichtgeschwindigkeit c2 erhält ihre Bedeutung natürlich nur innerhalb des mathematischen Modells, in dem diese Terme definiert sind. In einer saloppen Interpretation kann man aber vielleicht sagen, dass die beobachtbaren (messbaren) Massen und Geschwindigkeiten mit jener Energie korrespondieren, die notwendig ist, dass sich dies beobachten lässt. Masse kombiniert mit Raumzeit ist die Manifestation von jener Energie, die die Physik bislang in ihre Modelle abgebildet hat. Dass diese Massen innerhalb der Raumzeit zu einem Prozess fähig sind, den wir als Ansteigen von funktionaler Komplexität im Bereich biologischer Systeme identifizieren, ist in den bisherigen physikalischen Modellen schlicht nicht vorgesehen. Warum auch; ein normaler Physiker interessiert sich nicht für Phänomene des Lebens (außerdem hat er ja auch ohne die biologischen Phänomene noch genügend Baustellen (dunkle Materie, dunkle Energie, Gravitation,…). Und jene Physiker, die es dann doch manchmal versucht haben (Schroedinger, Davis, ..) sind dann in den Modus des Staunens verfallen und haben immerhin dahingehend Größe gezeigt, dass sie ihr Nocht-Nicht-Verstehen zugegeben haben.
  6. Schliesslich gibt es auch noch die offene Frage, wie man den von den Möglichkeits- und Wahrscheinlichkeitsräumen der Quantenphysik zur jeweilig konkreten Welt (Universum) kommt. Zu sagen, dass unendlich viele Welten rein theoretisch möglich sind, war eine revolutionäre Einsicht. Wie kommt man aber von der Möglichkeit zur Singularität eines konkreten Universums? Und auch hier: wie verhält sich die immer mehr erkennbare evolutionäre biologische Komplexität zum physikalischen Modell einer Energie, die mit Masse und Raumzeit korrespondiert?
Die fünf Paradoxien - Bild 4
DAS GANZE IN EINER NUSSSCHALE. Fünf Themenkomplexe. Version 4
  1. Die vorausgehenden Überlegungen führten zwanglos zu einer dritten Skizze, die sich durch ein langes Telefonat mit Si.Sch. in eine Skizze mit vielen Anmerkungen verwandelte (Diagramm 4).
  2. Ich merke schon, dass eine vollständige Beschreibung dieser Version den Rahmen dieser Blogeintrags völlig sprengen würde. Daher hier nur ein paar erste Gedanken, die dann in weiteren Blogeinträgen (und Gesprächen in der Philosophiewerkstatt und im Emerging Mind Projekt) zu vertiefen sind.

SELBSTABSCHALTUNG – VERWEIGERUNG VON ZUKUNFT

  1. Der Themenkomplex 4 wird inspiriert von dem alltäglichen Phänomen der Selbstabschaltung des Menschen. Zwar ist unser kognitiver Apparat so gebaut, dass die Wahrnehmung schon vorab, ohne Zutun des Bewusstseins, den Strom der sensorischen Reize stark reduziert, abstrahiert und selektiert, aber darüber hinaus gibt es das Phänomen, dass Menschen sich in ihrem Bewusstsein, in ihrem Denken von innen heraus abschalten! Abschalten heißt hier, sich auf ein bestimmtes (meist – aber nicht notwendigerweise – vereinfachendes) Bild der Wirklichkeit festzulegen und dann alles zu tun, um es nicht mehr ändern zu müssen. Von diesem Zeitpunkt an hat in diesem Bild alles irgendwie seinen Platz. Dies ist sehr bequem. Man muss sich nicht mehr mühsam damit beschäftigen, was wirklich wahr ist, ob es wirklich so wahr, ob es wirklich nicht anders geht, ob der Andere vielleicht ganz anders ist als gedacht, usw.
  2. Im Falle von intelligenten Maschinen spricht man salopp von falsch programmiert, wenn das Programm nicht das tut, was es tun soll. Letztlich haben falsche Bilder im Kopf die gleichen Wirkungen wie falsch programmierte Maschinen: sie liefern falsche Bilder von der Welt, verstellen richtige Einsichten, begünstigen falsches Verhalten. Menschen, die nicht merken, dass sie falsche Bilder im Kopf haben (bzw. falsch programmiert sind), können Zukunft gefährden oder ganz unmöglich machen, ihre eigene wie die ganzer Gruppen oder Populationen.
  3. Da die Welt sich permanent ändert, heute womöglich schnelle denn je, ist es eine Herausforderung an das biologische Leben, dafür zu sorgen, dass die Bilder im Kopf aktuelle sind, differenziert, wahr, empathisch, also zukunftsfähig.
  4. Hier sind alle Formen des Lernens einschlägig, kulturelle Muster die vorleben, wie man mit sich selbst, den anderen, der Wirklichkeit umgeht. Die Wirklichkeit, die Wahrheit lässt sich weder verordnen noch einsperren. Wohl aber kann man Menschen einsperren, abrichten, mit Ängsten der Hass vollpumpen, um sie an eigenen, anderen Erkenntnissen zu hindern.

GESELLSCHAFTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN FÜR EVOLUTION

  1. Dies führt zum Fragenkomplex Nr.5. Die Geschichte hat verschiedene Gesellschaftssysteme hervorgebracht, u.a. auch solche, die sich demokratisch nennen. Diese Gesellschaftssysteme haben als Grundeinsicht, dass die Chance für eine mögliche nachhaltige Zukunft durch Öffnung und Beteiligung von jedem einzelnen wächst. Analog der blinden biologischen Evolution, die nur Erfolg hatte durch umfassendes radikales Experimentieren, so können auch die Menschen mit der Masse ihres falschen Wissens nur weiter kommen, wenn sie sich allen sich bietenden Möglichkeiten gegenüber öffnen, sie ausprobieren. Freiheit, Offenheit, Kreativität, Meinungsaustausch, funktionierenden Öffentlichkeit, Menschenrechte sind kein überflüssiger Luxus, sondern die biologisch motivierten und sachlich notwendigen Voraussetzungen für eine mögliche Begegnung mit einer nachhaltigen Zukunft. Schon heute kennen wir zahllose Beispiele von umfassenden Zerstörungen, die entstehen, wenn Menschen glauben, dass dies alles nicht notwendig sei.
  2. Der Slogan vom ‚Überleben der Tüchtigsten‘ wird gerne benutzt, um allerlei Arten von Egoismen und Grausamkeiten zu rechtfertigen, gepaart mit riesengroßen Dummheiten in der Zerstörung vielfältigster Ressourcen. Der Slogan beschreibt aber nur einen Teilaspekt der Evolution! Natürlich überleben nur die, die sich für die jeweilig Weltsituation fit gemacht haben, aber dies ist keine Eigenschaft eines Individuums, sondern einer ganzen Population, die nur durch vielfältige Kooperationen mit zahllosen Faktoren Leben gelingen lässt. In der aktuellen Phase der Evolution gilt mehr denn je, dass nur das Zusammenwirken aller Beteiligen eine Chance hat, und hier spielt das gemeinsam geteilte Wissen eine zentrale Rolle, das nicht von einzelnen Playern egoistisch für partielle Zwecke missbraucht wird, sondern von allen für eine gemeinsame nachhaltige Zukunft genutzt werden kann. Ohne Vertrauen und umfassende Transparenz wir die Komplexität an sich selbst scheitern. Es reicht nicht, dass einzelne mächtig und reich sind, alle müssen optimal leben, um die Aufgabe der kommenden Zeit meistern zu können. Die aktuellen Wertesysteme sind weitgehend veraltet und tödlich. Nur gemeinsam kann Neues entstehen.

Anmerkung: Diese Perspektive, die sich jetzt im Verlaufe dieser Überlegungen herausgeschält hat, ist stark verwoben mit den Überlegungen von Manfred Fassler im Blog Emergent Life Academy. Ich verdanke den intensiven Gesprächen mit Manfred sehr viele wichtige und tiefe Einsichten. Möglicherweise hilft es uns beiden, dass wir von unterschiedlichen Blickwinkeln aus auf das Geschehen schauen: er als Soziologe und Kulturanthropologe, ich als Philosoph  und Infomatiker (mit starken Einflüssen aus den Kognitionswissenschaften).

 

QUELLEN

  • Nick Lane, Life Ascending. The Ten Great Inventions of Evolution, London: Profile Books Ltd, 2009

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