Philosophie der Zukunft – Teil 6 – Begriffliche Explikation von Phänomen

Husserl sagt nämlich auch, dass ein (phänomenologischer) Philosoph unter Voraussetzung der vielfältigen Gegebenheiten innerhalb des Wissens-um-sich alles ‚ansehen‘, soll, und es ‚explizierend‚ analysieren soll, und zwar mittels ‚Begriffen‚ und ‚Urteilen‚ beschreiben soll. (CM2,14).

Begriffe sind im Augenblick ihrer Entstehung sekundär zum Gegebenen

Dies bedeutet, dass es für ein Philosophieren nicht genug ist, nur einen ‚Inhalt des Wissens‘, nur bloße Phänomene, zu haben. Man muss auch einen Weg finden, wie man das, was man in seinem Wissen ‚vorfindet‘, hinsichtlich seiner unterscheidbaren Eigenschaften mittels ‚Begriffen‘ und ‚Urteilen‘ beschreiben und damit mit anderen kommunizieren kann.

Wie soll man sich dies vorstellen?

Zeichen entstehen durch Verknüpfung von sprachlichem Ausdrucksmaterial und sonstigen Phänomenen

Wie das nächste Schaubild andeutet, wird angenommen, dass wir im Raum unseres Wissens-um, im Bereich der Phänomene, nicht nur zwischen Phänomeneigenschaften wie ‚gegenständlich‘ und ’nicht-gegenständlich‘ unterscheiden müssen, sondern noch umfassender zwischen einerseits ‚Konkret‚ in einer ‚empirischen‘ oder einer ’nicht-empirischen‘ Auftretensweise sowie einer nicht-gegenständlichen abstrakten Auftretensweise.

Beispiele hierfür sind die vielerlei konkreten Gegenstände des Alltags, z.B. verschiedene konkrete Tassen, die wir jeweils als Instanzen, unterschiedliche Realisierungen eines einzigen allgemeinen Konzepts ‚Tasse‘ verstehen.

D.h. etwas in uns, allgemein unser Denken, spezifischer das, was wir Gedächtnis nennen, generiert aus den konkreten Phänomenen ohne unser eigenes bewusstes Zutun abstrakte Konzepte, die so sind, dass wir einzeln auftretende konkrete Phänomene als Beispiele, Instanzen solcher Klassen wiedererkennen können.

Zusätzlich können wir auch Zeichenkombinationen einer Sprache dazu benutzen, solche Wissensinhalte zu kodieren. In dem Moment, in dem wir solche Zeichenkombinationen einführen, erzeugen wir neue Phänomene, die als konkrete Zeichen empirische sind, als Zeichenkategorien aber nicht-gegenständlich, abstrakt sind, und die in konkreten Beziehungen zu den anderen Phänomenen stehen, die sie als Zeichen explizieren sollen.

Beispiele für Zeichenkategorien sind die unterschiedlichen Sprechweisen eines Wortes wie ‚Tasse‘, die wir gewohnt sind als unterschiedliche Realisierungen eines einzigen Wortes, nämlich des Wortes ‚Tasse‘ aufzufassen. Ähnlich mit verschiedenen Schreibweisen von Buchstaben und ganzen Worten.

Allerdings sind konkrete und allgemeine Zeichenphänomene für sich genommen noch keine vollständigen Zeichen, sondern –ich folge hier dem sehr allgemeingültigen Konzept von Saussure- (1916)- erst dann, wenn das Zeichenmaterial (signifiant, Signifikant, signifier) in einer gewussten Bedeutungsbeziehung M() mit einem anderen Phänomen Ω verbunden ist. Durch eine Bedeutungsbeziehung M(Σ,Ω) wird das jeweilige Phänomen Ω zur ‚Bedeutung‘ für ein Zeichenmaterial Σ und das Zeichenmaterial Σ wird durch die gleiche Beziehung zum Zeichen für das bedeutete Phänomen Ω. Dabei kann alles zur Bedeutung gemacht werden, was als Phänomen vorkommen kann, sogar Zeichenmaterial (Beispiel: Wenn man über eine Zeichenkette wie ‚Haus‘ spricht und z.B. sagt dass das Wort ‚Haus‘ vier Buchstaben hat oder dass man das Wort Haus innerhalb einer bestimmten Grammatiktheorie als ‚Substantiv‘ bezeichnet, usw.). Man könnte auch sagen, in einer Zeichenbeziehung verbinden sich eine Objektebene –das, was bezeichnet werden soll– mit einer Metaebene –das, womit auf das Objekt Bezug genommen wird.

Da alles, was im Raum des Wissens ‚gewusst werden kann‘ zum Gegenstand einer Zeichenbeziehung gemacht werden kann, ist der mögliche Diskursraum für eine phänomenologisch begriffliche Analyse in seinen möglichen Grenzen schwer bestimmbar. Die Grenze verläuft dort, wo das Wissbare aufhört; aber wo ist das in diesem Modell?

Sie beginnen vielleicht an dieser Stelle zu ahnen, wie komplex eine detaillierte und erschöpfende Analyse einer phänomenologischen begrifflichen Explikation werden kann, wenn man die bisherigen groben Eckwerte weiterdenkt.

Das Prinzip derVerknüpfung (Assoziationen) ist generisch anwendbar auf alles, was sich im Bewußtsein befindet

Im Bild mit den komplexen Objekten, ganzen Situationen und Episoden werden diese Sachverhalte kurz angedeutet. Dieses Bild versteht sich als ein mögliches Modell des Zeichenkonzeptes, wie es Husserl im 2.Band seiner Logischen Untersuchung, im 1.Teil darlegt. Eine detaillierte Diskussion ist hier jetzt leider nicht möglich.

Stattdessen möchte ich kurz auf die sich andeutenden Grenzen einer phänomenologischen Philosophie eingehen, Grenzen, die eine ernsthafte Annäherung an die empirischen Wissenschaften nahe legen.

Fortsetzung: Philosophie brauch Empirie

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von cagent. Permanenter Link des Eintrags.

Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

Schreibe einen Kommentar