MISSBRAUCH DES PROPHETEN?

 

  1. In diesen Tagen beherrschen wieder Bilder aufgebrachter Menschen die Bildschirme. Wütende Menschen, die andere Menschen angreifen und vor Tötung nicht zurückschrecken. Laut Aussagen in die Kameras sind sie aufgebracht, weil der Prophet Mohammed beleidigt worden sein soll. Alle Befragten hatten das Video gar nicht gesehen. Und sie griffen nicht die Hersteller des Videos an, sondern die USA und andere westliche Länder. Alles ausnahmslos Länder, in denen Religionsfreiheit nicht nur auf dem Papier steht, sondern real praktiziert wird. Während in vielen Ländern Afrikas und auch Asiens, unterschiedliche sogenannte muslimische Gruppen unter z.T. grausamsten Bedingungen Krieg gegeneinander führen, dürfen in den beklagten Ländern die Menschen ihre unterschiedlichen religiösen Anschauungen frei bekennen und praktizieren, ohne das jemand deswegen verleumdet oder angegriffen wird. Zudem werden auch Botschaften von Ländern wie Deutschland und England angegriffen und verwüstet, die mit dem Video gar nichts zu tun haben. Man fragt sich also, geht es hier wirklich um Mohammed und seine Ehre, geht es hier überhaupt um Glaubensfragen?

  2. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Motivatoren dieser Aufregung Menschen sind, die unter dem Vorwand Mohammed und Islam eine ‚Instrumentalisierung‘ von Menschen betreiben, die sie benutzen, um eine politische Radikalisierung von ganzen Ländern zu unterstützen. Damit nutzen sie die offensichtlich vorhandenen schlechten Gefühle gegen ‚die USA‘ und ‚den Westen‘ aus, um diese für einen unterstellten Angriff auf den muslimischen Glauben zu mobilisieren. Das würde erklären, warum Botschaften von Ländern angegriffen werden, die mit dem Video gar nichts zu tun haben.

  3. Dazu kommt auch das offensichtliche Desinteresse, was überhaupt im Video gezeigt wird bzw. an der Entstehung des Videos. Wie unterschiedliche TV-Berichte (und Presseartikel) nahelegen, wurde hier ein Video gedreht, das nachträglich von einem harmlosen Video in eine Schmähvideo verändert worden ist, in einer Weise, von der die ursprünglichen Schauspieler nichts wussten. Und alles deutet darauf hin, dass dieses Video bewusst für eine Provokation durch Beleidigung erstellt wurde, von einem Menschen, der laut Akten schon mehrfach kriminell war. Menschen, denen es um Wahrheit geht, hätten sich erst einmal informiert, was es mit dem Video überhaupt auf sich hat. Wenn sich dann herausstellt, um welch ein minderwertiges Machwerk eines einzelnen mit sehr zweifelhaften Motiven es sich handelt, wäre es nicht wert gewesen, sich damit überhaupt weiter zu befassen. Öffentlichkeit wertet solche Machwerke ja erst auf.

  4. Doch den Motivatoren der großen Aufregungen scheint es nach allem gar nicht um Wahrheit oder Erkenntnis zu gehen, sondern sie brauchten offensichtlich nur (wieder?) einen Anlass, um vorhandene Gefühle von Menschen mit mangelnden Informationen für ihre Machtinteressen zu instrumentalisieren, ihren Einfluss auf die ‚Massen‘ zu verstärken. Mit Religion oder gar Glauben hat dies überhaupt nichts zu tun.

  5. Absolut erschreckend ist, wie naiv und wenig kritisch die TV-Sender über diese Vorgänge berichten, und wie wenig die demagogische Manipulationen mit ihren zweifelhaften Machtinteressen sichtbar gemacht werden. Während es Massendemonstrationen von Menschen in Portugal gibt, weil sie ihre Gesellschaft durch Sparmaßnahmen und Politik bedroht sehen, während täglich ein grausamer Krieg in Syrien wütet, im Irak getötet wird, und und und, von all dem wird nichts berichtet. Stattdessen gibt man dem Video eines zweifelhaften Provokateurs und den Machenschaften radikaler Machtgruppen breitesten Raum.

  6. Also, halten wir fest, weder der ‚Westen‘ als ganzer noch die USA speziell greifen mit diesem Video in irgendeiner Form den Islam an, sondern ein einzelner Mensch mit einer kriminellen Vergangenheit und zweifelhaften Motiven hat eine Video produziert, in dem er aus seinen speziellen Motiven heraus versucht hat, eine Figur, die den Propheten darstellen soll (ich habe das Video selbst noch nicht gesehen und es interessiert mich auch nicht), in einer Weise zu inszenieren, die nach seiner Auffassung Muslime provozieren soll. Kein wirklich gläubiger Muslim wird sich von solch einem Menschen und solch einem Machwerk provozieren lassen. Das ist absolut lächerlich.

  7. Dieser Vorgang sollte aber auch Anlass sein, darüber nachzudenken, warum von den Fundamentalisten die Person des Propheten so hochstilisiert wird ohne zu bedenken, dass ein Mensch nur insoweit Prophet ist bzw. sein kann, insoweit er der Wahrheit und Liebe Gottes angemessen Ausdruck verleiht. Wenn wir überhaupt Gott ins Spiel bringen wollen, dann sind nicht wir Menschen der Maßstab, sondern Gott selbst! Vor Gott hat kein einzelner Mensch die Möglichkeit und das Recht, in absoluter Weise zu beurteilen, ob ein Mensch (in diesem Fall Mohammed) die wahre Liebe Gottes und seine Wahrheit so vermittelt hat, wie sie vermittelt werden sollte. Dies kann nur Gott selbst. Kein Mensch kann Gott vorschreiben, wann, wie, wo und wie viel er sich zeigt und äußert. Nicht von ungefähr gab es in der Geschichte viele Menschen, die von Gott gesprochen haben. Letztlich kann kein einzelner Mensch die Größe Gottes voll darstellen und ausschöpfen; Gott kann sich jederzeit neu zeigen und mitteilen. Kein Mensch hat ein Recht, Gott zu verbieten, sich neu zu zeigen, mit neuen Worten, mit neuen Bildern, schließlich hat sich die Welt ständig weiter verändert. Allein schon deswegen muss man sich fragen, ob diese Menschen, die von sich aus Mohammed so absolut setzen und damit gegen Gott ausspielen, wirklich ‚gottesfürchtige‘ Menschen sind. Ihre Taten sprechen gegen sie!

 

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

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