GEMEINSAMES FINDEN EINES WEGES und DESIGN EINES ZIELES. Zwischenreflexion. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 17.Februar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

Seit dem 12.Januar 2021 hat in diesem Blog eine Serie von Beiträgen begonnen, die sich von allen vorausgehenden Beiträgen unterscheiden (siehe die Übersicht nach Titeln HIER). So, wie wenn zwei Galaxien aufeinandertreffen — etwa Andromeda und Milchstrasse in 2.7 Milliarden Jahren von heute aus — , so existierte mein philosophisches Denken und mein Denken als Computerwissenchaftler und Ingenieur gut 20 Jahre nebeneinander, bis es dann passierte, dass sich die Themen so stark annäherten, dass es schließlich — so sieht es momentan aus — zu einer Art Synthese gekommen ist. Eine Synthese allerdings, die nicht ganz ruckelfrei ist. Die konstruktiven Elemente überwiegen bislang. Dabei ist mir eine Problemstellung aufgefallen, die mir erst jetzt, während des Vorgangs des ‚Synthetisierens unterschiedlicher Paradigmen‘, langsam klar geworden ist (vielleicht noch nicht ganz). Deswegen schreibe ich diese Zeilen.

DESIGN EINES ZIELES

Wenn Ingenieure Probleme lösen, dann folgen sie weltweit einem mehr oder weniger standardisiertem ‚Protokoll‘, das im Englischen Sprachraum das Label ‚Systems Engineering‘ trägt. Im Protokoll wird festgelegt, wie man vom Problem zu einer funktionierenden Lösung kommen kann. Diese Lösungen (Ziele, Visionen, …) sind der zentrale Gegenstand dieser Prozesse. Ob es um ein neues Auto, ein Flugzeug, ein Kraftwerk, um ein Verkehrskonzept, um ein Sicherheitskonzept für einen Stadtteil, um ein Schutzkonzept gegen Wilderer in einem Nationalpark, um Verbesserung der Qualität in einem Krankenhaus geht …, es geht um eine konkrete Lösung innerhalb eines vorgegebenen Rahmens. Dass zur Erreichung dieses Zieles viel Aufwand getrieben werden muß (in Kommunikation, Dokumentation, Recherchen, Entwürfen, Tests usw.) wird vorausgesetzt, ist aber selbst nicht unbedingt Thema des Prozesses. Der Prozess lebt davon, dass der Prozess selbst, das Protokoll, viele Standards, die Rollen der Beteiligten vorausgesetzt wird.

Dies ist die Welt des Engineerings.

Es gibt aber auch noch eine andere Welt, die umfassendere Gesellschaft, innerhalb deren Engineering Prozesse stattfinden können (und sollen).

Diese Gesellschaft folgt keinem einheitlichen Protokoll, sondern ganz vielen Protokollen gleichzeitig, oft verworren oder widersprüchlich. Diese Gesellschaft hat auch Rollen, die — entsprechend der verworrenen Gesamtlage — unterschiedlich und widersprüchlich sein können.

Da heute Gesellschaften aus historischen Gründen immer noch nach ‚Nationen‘ organisiert sind — trotz Verdichtung der Interaktionen zwischen den Nationen, vergrößert sich die Vielfalt — und auch Verwirrung — zusätzlich.

GEMEINSAMES FINDEN EINES WEGES

Angeregt durch das Beispiel der Engineering Prozesse stelt sich die Frage, wie man in den Bereichen außerhalb des klassischen Engineerings Zukunftt planen kann, wenn man (i) die Zukunft grundsätzlich nicht kennt, es (ii) mindestens viele verschiedene Protkolle gibt, nach denen verschiedene Gruppen in einer Gesellschaft — national wie global — vorgehen, und (iii) es eine Vielzahl von — z.T. konfligierenden — Rollen gibt?

Will man nicht — und meistens kann man dies auch nicht — einzelne Rollen von vornherein bevorzugen, sondern akzeptiert man die Vielfalt als gegebenen Ausgangspunkt, dann braucht man ein Protokoll (ein Verfahren, eine Vorgehensweise, …), bei dem alle gleichermaßen mitwirken können, aber so, dass es doch insgesamt ein konstruktiver Prozess ist, der mindestens die Chance bietet, den Ansatz eines Weges in eine — vorher unbekannte — gemeinsame Zukunft aufzuzeigen.

Obwohl dieser allgemeine Weg der Zielfindung im Kern einem Engineeringprozess ähnelt — und vielleicht im weiteren Verlauf in mindestens einen Engineering-Prozess münden kann — unterscheidet er sich dennoch markant.

Ab der Seite mit der Überschrift PRAKTISCHE KOLLEKTIVE MENSCH-MASCHINE INTELLIGENZ by design. Problem und Vision wird beschrieben, wie dieser allgemeine Prozess einer Wegfindung mit einem Ziel in der Zukunft aussehen könnte. Mittlerweile würde ich nur die Formulierung des Paradigmas leicht abändern zu:

Applied Collective Man-Machine Intelligence by Design [ACM2ID]

Das ‚Applied‘ ist hier besonders wichtig: es geht nicht nur um irgendwelche Gedanken oder eine Theorie, sondern darum, dass diese Überlegungen eine reale Praxis sein können, eine praktische Form, wie wir alle miteinander das, was wir haben an Ideen, Erfahrungen, an Motiven … teilen, und zwar in einer Form, die von sich aus (by design) Zukunft sichtbar und überprüfbar macht.

Alles andere führt ins Chaos und zum baldigen Untergang angesichts eines Planeten und eines Sonnensystems, die ihren eigenen Gesetzen folgen. Dass Menschen bereit sind, für ihre Überzeugungen freiwillig in den Tod zu gehen, deutet an, zu was wir fähig sind, wenn wir wollen. Aber warum diese Fähigkeit des Menschen dazu vergeuden, zu zerstören, statt aufzubauen? Miteinander etwas aufzubauen war und ist die größte Herausforderung die wir als einzelne und dann als Gemeinschaft meistern können. Das Wunder des Lebens ist keineswegs ein zufälliges Nichts. Es ist das größte Wunder im gesamen bekannten Universum; vielleicht zu ungeheurlich für viele, es zu begreifen… Intelligenz schützt nicht automatisch vor Dummheit …

DER AUTOR

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstaltungen (z.B. 'Meditation als kulturelle Praxis' und 'Kommunalplanung und Gamification. Labor für Bürgerbeteiligung') widme ich mich weiterhin der Fertigstellung eines Buches zum integrierten Engineering (uffmm.org), zur Erstellung einer SW-Plattform für diese Theorie als Anwendung für eine 'Experimentelle generative Kulturanthropologie' (uffmm.org) und der Weiterentwicklung meines philosophischen Ansatzes (cognitiveagent.org).

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