Eine Konferenz als Sprachspiel, das im Verlauf eine empirische Theorie hervorbringt

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 18.August 2022 – 26.August 2022, 07:34h
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

Kontext

Der nachfolgende Text greift Anregungen aus der Popper-Lektüre in diesem Blog auf (siehe letzte Beiträge), dazu die intensive Diskussion um den Begriff einer ‚Nachhaltigen Empirischen Theorie‘ aus dem englischen Theorie-Blog uffmm.org, sowie aus einem laufenden realen Theorieexperiment zum Thema Wasser, bei dem es darum geht zu prüfen, was passiert, wenn eine offene Gruppe von Bürgern versucht, sich zum Thema ‚Wie viel Wasser gibt es?‘ so auszutauschen, dass daraus eine empirische Theorie entsteht, die Grundlage eines gemeinsamen Handelns als Bürger sein kann.

Aufgabenstellung

Im folgenden Text soll also anhand einer konkreten Konferenz untersucht werden, welches ‚Sprachspiel‘ diese Konferenz charakterisiert, und ob und wie im Prozess dieses Sprachspiels etwas entsteht, was — auch im Sinne Poppers — eine ‚empirische Theorie darstellt‘.

Eine Konferenz

Als ‚Konferenz‘ wird hier ein Ereignis verstanden, bei dem eine Person andere Personen dazu einlädt, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt miteinander für eine gewisse Zeit zu einem bestimmten ‚Thema‘ sprachlich auszutauschen. Im konkreten Fall gibt es einen konkreten Ort in der Stadt Frankfurt, das Institut für Neue Medien mitten im Osthafen, in der Schmickstrasse 18, dort im ‚Konferenzraum‘. Man kann entweder ‚vor Ort‘ real ‚in Präsenz‘ teilnehmen oder ‚online‘ per ‚Videokonferenz‘. Diese Konferenz im INM soll nach Vereinbarung 2 Stunden dauern.[1]

Eine Ausgangslage

Nehmen wir an, es gibt nur drei Konferenzteilnehmer A, B und C. A hat eingeladen und sitzt ‚vor Ort‘ im INM im Konferenzraum mit einem Computer online und einem Beamer, der allen Anwesenden den Inhalt des Bildschirms anzeigt. Dazu gibt es eine ‚Konferenzmaschine‘, die alle Beteiligten vor Ort per Audio und Bild aufnimmt und in die Videokonferenz einblendet. Es soll nun eine sprachliche Beschreibung entwickelt werden, die sowohl die ‚jeweils aktuelle Situation (IST)‘ wiedergibt, als auch ‚mögliche Veränderungen (VR := Veränderungsregeln)‘. Ferner sollte es klar sein, welches ‚Ziel (Z)‘ die Konferenz verfolgt. Schließlich sollte es möglich sein, dass man den ‚Prozess/ Verlauf‘ der Konferenz anhand der sprachlichen Beschreibung ’simulieren‘ kann, d.h. für jede aktuelle Situation lässt sich eine ‚Prognose‘ generieren, wie die Nachfolgesituation aussehen wird. Vom Teilnehmer B weiß man, dass er auch ins INM kommen will, und C will sich online dazu schalten.

Drei Gehirne und ein Text

Etwas ungewöhnlich, aber hilfreich, ist die Vorstellung, dass die Gehirne der drei teilnehmenden Personen A, B und C jeweils ‚für sich‘ mit unglaublich vielen Dingen ‚angefüllt‘ sein können. Kein Gehirn kann jedoch wissen, was ‚in dem anderen Gehirn‘ stattfindet, es sei denn, jedes Gehirn ‚kommuniziert sprachlich‘ mit dem jeweils anderen Gehirn, indem es ‚Sätze äußert‘ oder ‚Sätze aufschreibt‘. Ein solcher ‚geäußerter Satz‘ ist ein ‚empirisches Gebilde‘ — nennen wir es einen ’sprachlichen Ausdruck‘ –, das körperlich erzeugt wird (durch Schall oder durch Aufschreiben), und das deswegen ’sinnlich wahrgenommen‘ werden kann. ‚Sprachliche Ereignisse‘ finden zwischen den Körpern von Gehirnen als ‚empirische Ereignisse‘ statt. Wenn die Hörer/ Leser solcher sprachlichen Ereignisse die ‚benutzte Sprache‘ nicht kennen, dann können sie ein sprachliches Ereignis zwar sinnlich wahrnehmen, es wird in ihrem Gehirn aber kein ‚Sprachverstehen‘ stattfinden. Haben die Hörer/ Leser die gleiche Sprache ‚gelernt‘, dann kann ein Sprachverstehen ‚in ihnen‘ stattfinden. Dieses ist aber ‚privat‘. Die jeweils anderen haben darauf keinen unmittelbaren Zugriff. Wenn z.B. Person A im Konferenzraum des INM von dem „weißen Beamer auf dem Glastisch“ spricht, dann weiß Person A nicht, ob die anderen Personen ihn verstanden haben. Wenn B, der im gleichen Raum anwesend ist, darauf antworten würde „Ja, Du musst ihn aber noch einschalten“, dann wird Person A das ‚Gefühl‘ haben, Person B hat verstanden, wovon er spricht. Person C hingegen, die sich online zugeschaltet hat, antwortet vielleicht noch nicht, da sie möglicherweise den Ausdruck „der weiße Beamer auf dem Glastisch“ zwar ‚versteht‘, sich womöglich sogar ein ‚inneres Bild‘ von dem weißen Beamer auf dem Glastisch machen kann, aber aktuell noch nichts Konkretes dazu sagen kann, da der Beamer von der Kamera noch nicht erfasst wurde. Ein sprachlicher Ausdruck ‚zwischen‘ den Körpern von beteiligten Gehirnen kann also auftreten im Kontext eines ‚Nicht-Verstehens‘ oder eines ‚informierten Verstehens ohne konkrete Wahrnehmung‘ oder eines ‚informierten Verstehens mit zusätzlicher konkreter Wahrnehmung‘. Im Falle eines ‚informierten Verstehens ohne konkrete Wahrnehmung‘ kann dann noch der Fall auftreten, dass jemand sich zwar aufgrund seines ‚Verstehens‘ eine ‚innere Vorstellung‘ bilden kann, dass diese sich aber im weiteren Verlauf als ‚partiell‘ oder ‚ganz falsch‘ erweist. Im Verhältnis von ‚innerer Vorstellung‘ zu ‚konkreter sinnlicher Wahrnehmung‘ kann es — wie jeder aus seiner Alltagserfahrung weiß — viele Schattierungen geben: die eigene innere Vorstellung ist z.B. ‚gänzlich verschieden‘ von der konkreten sinnlichen Wahrnehmung (man hat sich ‚geirrt‘) oder befindet sich ‚weitgehend‘ bis ‚vollständig‘ in ‚Übereinstimmung‘ mit dieser (man fühlt sich ‚bestätigt‘). Dazwischen kann es ‚unscharfe Fälle‘ geben: Ist das nun ein Beamer oder nicht? Man ist ‚unsicher‘.[7]

Trotz all dieser Unsicherheiten bleibt aber festzuhalten, dass die ‚gemeinsame Erzeugung einer Menge von Ausdrücken‘ — als ‚Dialog‘ oder als ‚Text‘ — der einzige Weg ist, dass unterschiedliche Gehirne einige ihrer ‚inneren zustände‘ austauschen können.[2]

Ein möglicher Start-Text mit einem Ziel

Spielen wir das Spiel (das ‚Sprachspiel‘) mal versuchsweise durch.

Gehen wir mal davon aus, dass das ‚Ziel‘ der Konferenz ist, dass eine Situation hergestellt wird, in der sich alle drei über einen gewissen Zeitraum ‚austauschen‘ können. Man könnte dieses Ziel in Form einer ‚Situationsbeschreibung‘ vielleicht so formulieren:

Das Ende der Konferenz ist erreicht. Die Teilnehmer konnten sich austauschen.

Die Startsituation könnte vielleicht wie folgt beschrieben werden:

Die Konferenz hat noch nicht angefangen. Teilnehmer A ist vor Ort. Teilnehmer B ist noch nicht da. Teilnehmer C hat sich noch nicht eingewählt. Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch. Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet. Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen.

Natürlich kann man über diesen kurzen Text streiten: Reicht er aus? Müsste nicht noch mehr darin stehen? Warum muss man den Beamer erwähnen? Und ähnliche Fragen. Man muss sich aber klar machen, dass in einer solchen ‚Startsituation‘ die Beteiligten zu Beginn keine ‚gemeinsame‘ Vorstellung haben. Sie müssen sich diese erst ‚erzeugen/ herstellen‘, indem sie ’sprachliche Ausdrücke zusammentragen‘, durch die die Anfangssituation ‚im Wort‘ erst einmal entsteht. Perfektion ist in solch einer Situation weder möglich noch notwendig. Denn, egal mit welchen Ausdrücken man beginnt, im weiteren Verlauf kann man diese beliebig korrigieren, ergänzen und wieder wegnehmen. Die mögliche ‚Wahrheit‘ liegt also nicht ‚im Moment‘, sondern ‚im Prozess‘. Solange alle Beteiligten konstruktiv am Prozess mitwirken, so lange gibt es eine ‚Gemeinsamkeit‘ zwischen den Gehirnen, die man ‚gestalten‘ kann. Bricht man einfach ab, hat man nichts mehr außer ’sich selbst‘. Auf Dauer ist ein ‚reines Selbst‘ nicht lebensfähig.

Wie erreicht man das Ziel?

Wann stimmt eine Situation mit einem Ziel überein?

Wenden wir uns der nächsten Frage zu, wie man von einer — wie auch immer gearteten — Startsituation ausgehend, diese schrittweise so verändern kann, dass sich die jeweils aktuelle Situation immer mehr ‚dem Ziel annähert‘? Wobei sich die Frage stellt, woran man erkennen kann, ob eine jeweils aktuelle Situation die Zielsituation enthält?

Man kann diese Frage auf verschiedene Weisen beantworten. Eine sehr einfache aber zugleich sehr effektive Antwort geht so:

  1. Man kann die Startsituation mit ihren sprachlichen Ausdrücken als eine ‚Menge‘ von Ausdrücken auffassen, also z.B. Startsituation = {Die Konferenz hat noch nicht angefangen. Teilnehmer A ist vor Ort. Teilnehmer B ist noch nicht da. Teilnehmer C hat sich noch nicht eingewählt. Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch. Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet. Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen.}
  2. Entsprechend kann man die Ziel-Situation als eine Menge von Ausdrücken auffassen: Ziel = {Das Ende der Konferenz ist erreicht. Die Teilnehmer konnten sich austauschen.}
  3. Eine Formulierung kann jetzt sein: Eine Situation S hat eine Ziel-Situation Z erreicht, wenn Z als Teil von S vorkommt. Angenommen S hätte die Ausdrücke {x,y,z} und Z hätte die Ausdrücke {v,w}, dann käme das Ziel in S noch nicht vor. Würden wir S schrittweise verändern zu S‘ = {x,w,z}, dann wären schon 50% vom Ziel-Zustand Z im aktuellen Zustand S‘. Und bei weiteren Veränderungen zu S“ = {v,w,z} lägen wir dann bei 100% Enthaltensein.

Dieser Mechanismus vergleicht nur die ‚Form‘ von Ausdrücken, nicht ihre ‚Inhalte/ mögliche Bedeutungen‘. Für die Korrektheit der Bedeutung sind die Teilnehmer der Konferenz zuständig. Nur sie können aufgrund ihrer ‚inneren Zustände‘ im Gehirn wissen, was jeweils mit der ‚Bedeutung‘ gemeint ist.

Wie beschreibt man Veränderungen?

Bisher steht nur fest, dass die sprachlichen Ausdrücke einer Start-Situation S in den Gehirnen der beteiligten Personen jeweils innere Zustände aktivieren, die die ‚gelernten Bedeutungen‘ repräsentieren. Diese gelernten Bedeutungen können mit der ‚konkreten Wahrnehmung‘ einer gemeinsam geteilten Situation ‚hinreichend übereinstimmen‘, so, dass alle Beteiligten zustimmen, dass das mit den sprachlichen Ausdrücken ‚Gemeinte‘ in der gemeinsamen Situation ‚tatsächlich zutrifft‘, also ‚wahr‘ ist, oder nicht. Egal, welche Wahrnehmungen oder Gedanken jeder einzelne ansonsten noch haben mag, die ‚gemeinsame Anschauung‘ liegt nur vor, sofern es einen ‚gemeinsamen Text‘ gibt. Ein gemeinsamer Text kann im aktuellen Kontext in drei Formen auftreten:

  1. Ein Text, der eine ‚Start-Situation‘ repräsentiert.
  2. Ein Text, der durch Veränderungen aus einer Start-Situation als Repräsentation der jeweils ‚aktuellen Situation‘ fungiert.
  3. Ein Text, der den Text einer ‚Ziel-Situation‘ in unterschiedlichem Maße als ‚Teilmenge‘ enthält.

Die Frage nach möglichen ‚Veränderungen‘ reduziert sich dann auf die Frage, wie man einen gegebenen Text — verstanden als eine Menge von sprachlichen Ausdrücken — verändern kann. Letztlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: (i) Man nimmt einen Ausdruck aus der bestehenden Menge weg oder (ii) Man fügt einen neuen Ausdruck zu der Menge hinzu.

Dieser Mechanismus mag auf den ersten Blick unnatürlich abstrakt erscheinen. Dies ist aber ein Trugschluss. Dadurch, dass sprachliche Ausdrücke im ‚Innern des Gehirns‘ mit ‚Bedeutungen‘ verknüpft sind, die Aspekte der ‚gegebenen‘ oder ‚möglichen realen Welt‘ repräsentieren, führt das Wegnehmen oder Hinzufügen von Ausdrücken dazu, dass sich damit im Kopf der Beteiligten die ‚Welt ändert‘, die über die Bedeutungsbeziehung mit den Ausdrücken verknüpft ist. Ein Computer im Vergleich kann dagegen immer nur mit Ausdrücken hantieren ohne jegliche Bedeutung.[3]

Aus diesen Überlegungen legt sich folgende einfache Form einer ‚Regel zur Veränderung einer gegebenen Situation‘ — kurz: ‚Veränderungsregel (VR)‘ — nahe:

  1. BEDINGUNG: Ausdrücke, die in einer gegebenen Situation S gegeben sein müssen, damit die Veränderungsregel angewendet werden darf.
  2. HANDLUNG:
    1. Füge einen oder mehrere neue Ausdrücke zur gegebenen Menge von sprachlichen Ausdrücken hinzu.
    2. Entferne einen oder mehrere Ausdrücke aus der gegebenen Menge von sprachlichen Ausdrücken.

Ein Beispiel für eine mögliche Veränderungs-Regel könnte sein:

VR1:

WENN:

Teilnehmer B ist noch nicht da.

Teilnehmer C hat sich noch nicht eingewählt.

DANN:

Plus:

Teilnehmer B ist da.

Teilnehmer C ist eingewählt.

Minus:

Teilnehmer B ist noch nicht da.

Teilnehmer C hat sich noch nicht eingewählt.

Wie man intuitiv erkennen kann, wird der bisherige Text zur Situation dadurch abgeändert, dass die bisherigen Aussagen zu den Teilnehmern B und C entfernt werden und stattdessen zwei neue hinzugefügt werden. Als Ergebnis würde man wohl den folgenden neuen Text T‘ erhalten, den man als ‚Nachfolge-Text‘ zum Text T bezeichnen könnte, konkret:

Es sei T = {Die Konferenz hat noch nicht angefangen. Teilnehmer A ist vor Ort. Teilnehmer B ist noch nicht da. Teilnehmer C hat sich noch nicht eingewählt. Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch. Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet. Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen.}

Es sei VR1 = {WENN: Teilnehmer B ist noch nicht da. Teilnehmer C hat sich noch nicht eingewählt. DANN: Plus: Teilnehmer B ist da. Teilnehmer C ist eingewählt. Minus: Teilnehmer B ist noch nicht da. Teilnehmer C hat sich noch nicht eingewählt.}

Durch ‚Anwendung‘ der Veränderungsregel VR1 auf den Text T erhalten wir den neuen Text

T‘ = {Die Konferenz hat noch nicht angefangen. Teilnehmer A ist vor Ort. Teilnehmer B ist da. Teilnehmer C ist eingewählt. Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch. Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet. Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen.}

Man erkennt leicht, dass sich die Situation verändert hat. Man kann auch erkennen, dass die Ziel-Situation noch nicht erreicht ist. Damit die aktuelle Situation — beschrieben durch den Text T‘ — soweit verändert wird, dass die Zielsituation Z in der aktuellen Situation enthalten ist, müssen noch weitere Veränderungen vorgenommen werden.

Man kann auch erkennen, dass die Frage, welche Veränderungen vorgenommen werden sollen, und in welcher Abfolge, nicht festliegt. Es liegt an den Teilnehmern, zu entscheiden, welche Veränderungen sie für sinnvoll erachten. Ein ziemlich abruptes Ende könnte man mit folgender Regel erreichen:

VR2

WENN:

Die Konferenz hat noch nicht angefangen. Teilnehmer A ist vor Ort. Teilnehmer B ist da. Teilnehmer C ist eingewählt. Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch. Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet. Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen.

DANN:

Plus:

Das Ende der Konferenz ist erreicht.

Die Teilnehmer konnten sich austauschen.

Der Beamer ist eingeschaltet.

Minus:

Die Konferenz hat noch nicht angefangen.

Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet.

Man sieht unmittelbar, wie die Beschreibung des Konferenz-Prozesses mit dieser zweiten Veränderungsregel abrupt zum ‚Stillstand‘ kommt bei voller Erfüllung des Zieles:

T‘ = {Die Konferenz hat noch nicht angefangen. Teilnehmer A ist vor Ort. Teilnehmer B ist da. Teilnehmer C ist eingewählt. Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch. Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet. Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen.}

Es sei VR2 = {WENN: Die Konferenz hat noch nicht angefangen. Teilnehmer A ist vor Ort. Teilnehmer B ist da. Teilnehmer C ist eingewählt. Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch. Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet. Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen. DANN: Plus: Das Ende der Konferenz ist erreicht. Die Teilnehmer konnten sich austauschen. Der Beamer ist eingeschaltet. Minus: Die Konferenz hat noch nicht angefangen. Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet.}

Durch ‚Anwendung‘ der Veränderungsregel VR2 auf den Text T‘ erhalten wir den neuen Text T“:

T“ = {Teilnehmer A ist vor Ort. Teilnehmer B ist da. Teilnehmer C ist eingewählt. Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch. Der Beamer ist eingeschaltet. Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen. Das Ende der Konferenz ist erreicht. Die Teilnehmer konnten sich austauschen.}

oksimoR Computerprogramm – So würde es dort aussehen

Wie auf der oksimo.org Webseite beschrieben, lässt sich dieses Konferenz-Sprachspiel (und natürlich viele andere auch) mit einer neuartigen Software unterstützen.[4] Eine Simulation mit der Startsituation, der Zielsituation und zwei Veränderungsregeln würde — leider noch in einer etwas schwer lesbaren Form (Die Entwickler lassen grüßen) — wie folgt aussehen:[5]

Your vision:
Die Teilnehmer konnten sich austauschen.,Das Ende der Konferenz ist erreicht.

Initial states: 
Die Konferenz hat noch nicht angefangen.,Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen.,Teilnehmer C hat sich noch nicht eingewählt.,Teilnehmer A ist vor Ort.,Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch.,Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet.,Teilnehmer B ist noch nicht da.


Round 1

State rules:
vr-teilnehmer1 applied  (Prob: 100 Rand: 82/100)
vr-konferenz2 not applied (conditions not met)

Current states: Die Konferenz hat noch nicht angefangen.,Der Beamer ist noch nicht eingeschaltet.,Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen.,Teilnehmer B ist da.,Teilnehmer C ist eingewählt.,Teilnehmer A ist vor Ort.,Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch.
Current visions: Die Teilnehmer konnten sich austauschen.,Das Ende der Konferenz ist erreicht.

0.00 percent of your vision was achieved by reaching the following states:
None


Round 2

State rules:
vr-teilnehmer1 not applied (conditions not met)
vr-konferenz2 applied  (Prob: 100 Rand: 55/100)

Current states: Die Konferenzmaschine ist an den Laptop von Person A angeschlossen.,Der Beamer ist eingeschaltet.,Die Teilnehmer konnten sich austauschen.,Teilnehmer B ist da.,Teilnehmer C ist eingewählt.,Teilnehmer A ist vor Ort.,Das Ende der Konferenz ist erreicht.,Ein weißer Beamer steht auf dem Glastisch.
Current visions: Die Teilnehmer konnten sich austauschen.,Das Ende der Konferenz ist erreicht.

100.00 percent of your vision was achieved by reaching the following states:
Die Teilnehmer konnten sich austauschen.,Das Ende der Konferenz ist erreicht.

Wie man erkennen kann, sind die Namen der Zustände und Regeln im Programm leicht andere:

  1. Start-Situation , T <—-> ‚Initial state‘
  2. Ziel-Situation <—–> ‚Vision‘
  3. VR1 <—–> ‚vr-teilnehmer1‘
  4. VR2 <—–> ‚vr-konferenz2‘

Empirische Theorie

Soweit, so gut, bleibt noch die Frag offen, inwiefern das ‚Sprachspiel Konferenz‘ im vorliegenden Fall eine ‚empirische Theorie‘ erzeugt, und zwar ‚ganz nebenbei‘?

Hinsichtlich des Begriffs ‚Empirische Theorie‘ darf man nicht überrascht sein, wenn man weder in der Deutschen noch in der Englischen Wikipedia diesen Begriff findet.[6] Ich selbst verstehe den Begriff wie folgt:

  1. Es gibt eine Menge M von Aussagen über einen bestimmten Bereich, die alle Beteiligten als ‚zutreffend = wahr‘ annehmen. Das ‚Zutreffen‘ wird durch vereinbarte Vorgehensweisen (‚Messen‘) nachvollzogen.
  2. Es gibt eine Menge X von Veränderungsregeln (oft auch genannt ‚Axiome‘, ‚Naturgesetze‘, ‚Hypothesen‘, …), die bei bestimmten Bedingungen mögliche Ereignisse bzw. Veränderungen ankündigen (mit einer Wahrscheinlichkeit deutlich über 50%).
  3. Es gibt einen Ableitungsbegriff |– der festlegt, wie man aus ‚wahren Sätzen‘ und ‚Veränderungsregeln‘ zu Schlussfolgerungen (‚Prognosen‘) kommen kann.
  4. Mögliche Prognosen müssen sich nach vereinbarten Verfahren auch als ‚zutreffen = wahr‘ erweisen lassen, um akzeptiert zu werden.

Im vorausgehenden Beispiel gilt Folgendes:

  1. Die Menge M von Aussagen über einen bestimmten Bereich, die alle Beteiligten als ‚zutreffend = wahr‘ annehmen, wird im Beispiel durch die Ausdrucksmenge der Startkonfiguration gebildet.
  2. Die Menge X von Veränderungsregeln, die bei bestimmten Bedingungen mögliche Ereignisse bzw. Veränderungen ankündigen (mit einer Wahrscheinlichkeit deutlich über 50%), wird im Beispiel durch die Veränderungsregeln VR1 und VR2 gebildet.
  3. Der Ableitungsbegriff |– der festlegt, wie man aus ‚wahren Sätzen‘ und ‚Veränderungsregeln‘ zu Schlussfolgerungen (‚Prognosen‘) kommen kann, wird beschrieben durch die Art und Weise, wie man die Veränderungsregeln auf einen gegeben Text anwenden kann (was in der Software der sogenannte ‚Simulator‘ macht). Jede Veränderungsregel enthält in ihrem DANN-Teil mögliche Prognosen.
  4. Die Qualifizierung einer Prognose als ‚zutreffend = wahr‘ erfolgt durch die Benutzer der Theorie, indem Sie anhand ihres Verstehens und ihres Weltbezuges feststellen, ob die Bedeutung, die mit den sprachlichen Ausdrücken in ihnen wachgerufen werden, mit der aktuellen Weltwahrnehmung übereinstimmt oder nicht.

Im Lichte dieser Vereinbarungen muss man feststellen, dass eine Konferenz, die dem Muster dieses Sprachspiels folgt, als Prozess alle Elemente verwirklicht, die eine empirische Theorie ausmachen.

KOMMENTARE

[1] Alle notwendigen Details zu der Wasser-Konferenz im INM finden sich unter diesem Link.

[2] Natürlich gibt es noch viele weitere Möglichkeiten des Austausches durch körperliche Aktivitäten (Gesten, Gebärden, Gesichtsausdrücke, Kleidung, Tanzen, Liebkosen, Klänge, Melodien, Einzelbilder, Skulpturen,…), aber ein Austausch zum Zweck einer Verständigung darüber, wie die Welt‘ konkret beschaffen‘ ist bzw. sich auch ‚konkret verändern‘ kann, gelingt nur mit Sprache.

[3] Dass moderne Spracherkennungs- oder Übersetzungssysteme für den Benutzer den Eindruck erwecken, ‚als ob sie verstehen‘ liegt daran, dass diese Systeme sehr große Mengen an sprachlichen Ausdrücken — dann auch noch durch einen Verwendungszusammenhang im Internet kontextualisiert — rein statistisch so auswerten können, dass sie nur über die Ausdrucksseite der Sprache die Verwendung von sprachlichen Ausdrücken für viele täglichen Situationen zumindest annähern können. Für ernsthafte inhaltliche Gespräche sind diese Programme in keiner Weise geeignet. Anmerkung: mit den gleichen Verfahren kann man auch Musikstücke oder Bildfolgen generieren lassen. Diese ’statistischen Attrappen‘ von Bedeutung sind aber letztlich ‚brutal sinnlos‘.

[4] Diese liegt mittlerweile in Version Level 2 vor; an Level 3 wird gerade gearbeitet. Der Zugang zur Software läuft über die Adresse oksimo.com (bislang nur für registrierte Benutzer nach Absprache). Im übrigen wird man weitere Details über die Rubrik oksimo-R Software im oksimo.org Blog finden.

[5] Bei dem Ausdruck wurden einige weitere Feature weggelassen, über die das Programm zusätzlich verfügt. Vielleicht bei einem weiteren Beispiel.

[6] Am Beispiel der Englischen Wikipedia habe ich mal einige Sprachspiele im Bedeutungsfeld ‚Empirische‘ und ‚Wissenschaft‘ zusammengetragen und versucht, diese zu analysieren (siehe z.B. https://www.uffmm.org/2022/08/17/side-trip-to-wikipedia/ ). Die Begrifflichkeit wirkt verworren und ist wenig konsistent. Dies sollte nicht verwundern, da die offizielle Wissenschaftsphilosophie seit dem Ende des 19.Jahrhunderts bis heute zu keiner allgemein akzeptierten Fassung gefunden hat.

[7] Hier ist vielleicht auch der Ort, um auf die im Alltag häufig anzutreffende Unterscheidung zwischen ‚Fakten‘ und ‚Annahmen‘ einzugehen.

[7.1] FAKTEN: Eine typische Redewendung ist „Fakten sind gesetzt als wahr“ aber „Annahmen sind unsicher, sind Vermutungen, können falsch sein“. Wenn man sich die Situation vor Augen führt, die im Abschnitt ‚Drei Gehirne und ein Text‘ geschildert wird, dann dürfte klar sein, dass diese klare Unterscheidung vielleicht modifiziert werden müsste. Folgende ‚Ebenen‘ in der Benutzung von sprachlichen Ausdrücken legen sich für eine Unterscheidung nahe: (i) Die sprachlichen Ausdrücke als ‚physikalische Ereignisse‘ haben zunächst keinerlei weitere Bedeutung. (ii) Sprachliche Ausdrücke in der ‚Wahrnehmung von Menschen‘ können eine Bedeutung haben, wenn die jeweiligen Hörer-Sprecher die Sprache kennen, zu der diese Ausdrücke gehören. (iii) Wahrgenommene Ausdrücke einer bekannten Sprache sind normalerweise mit unterschiedlichen inneren Zuständen im Hörer-Sprecher verbunden, die man ‚Bedeutung‘ nennt. Diese sind überwiegend ‚unbewusst‘, in besonderen Situationen auch ‚bewusst‘ (z.B. wenn man sich erinnert).(iv) Durch sprachliche Ausdrücke aktiviertes Bedeutungs-Wissen kann in speziellen Fällen mit einer anderen sinnlichen Wahrnehmung korrelieren, die als ein mögliches Beispiel (als ‚Instanz‘) der aktivierten Bedeutung angesehen wird. In diesem Fall hat die ‚gewusste Bedeutung‘ einen kognitiven Bezug zu einem ’sinnlichen Ereignis‘, das als ‚etwas in der externen Körperwelt‘ interpretiert wird. Dieser ‚empirische Bezug‘ kann im Alltag verschiedene Formen annehmen: (iv.1) Im einfachen Fall begnügt man sich mit der individuellen Alltagswahrnehmung ohne besondere Hilfsmittel. (iv.2) Im verschärften Fall sollen mehrere Personen im Rahmen ihrer Alltagswahrnehmung zustimmen. (iv.3) In einem ‚objektivierenden‘ Fall gibt es ‚vereinbarte Verfahren‘ (Standards, Messverfahren), mit denen man das Vorliegen und Zutreffen einer Eigenschaft (Ausdehnung, Gewicht, Temperatur, …) protokolliert/ misst. (iv.4) In einer weiter verschäften Form müssen alle Hilfsmittel, die in einem offiziellen Messverfahren benutzt werden, von einer offiziellen Institution ‚zertifiziert‘ sein. Die Qualifizierung eines sprachlichen Ausdrucks als ‚empirische Aussage‘ kann also viele Schattierungen aufweisen. Zu sagen, es handle sich bei den ‚Inhalten‘ einer empirischen Aussage um ‚Fakten‘ bedeutet primär also, dass das Zutreffen einer bestimmten ‚Eigenschaft‘, die als ‚Bedeutung‘ mit dem Ausdruck verknüpft ist, im Rahmen einer — möglicherweise gestuften — Alltagserfahrung als ‚zutreffend‘ (und in diesem Sinne als ‚wahr‘) angenommen wird. Im Alltag kann es sehr viele sprachliche Ausdrücke geben, die von den Sprachteilnehmern so qualifiziert werden können. Wenn jetzt eine ausgezeichnete Gruppe von Menschen gemeinsam eine Theorie T entwickeln möchte, dann müssen diese aus der großen Menge F der möglichen Fakten-Aussagen eine kleine Teilmenge F* auswählen, die im Rahmen ihrer Theorie T gelten sollen. Diese ausgewählte Menge an Fakten-Aussagen F* kann man dann als die ‚Menge der als zutreffen (wahr) angenommen Aussagen für die Theorie T‘ bezeichnen.

[7.2] ANNAHMEN: Im Rahmen einer Theorie reicht es ja nicht aus, als Ausgangsmenge eine Reihe von Fakten-Aussagen anzunehmen, sondern man muss auch in der Lage sein, mindestens eine ‚Veränderungs-Aussage‘ formulieren zu können, die beschreibt, wie sich aus einer gegebenen Konstellation von faktischen (= empirischen) Eigenschaften etwas ‚Neues‘ (mit einer Wahrscheinlichkeit größer 50%) ergeben kann bzw. wird, wenn diese Konstellation gegeben ist. Die minimale Struktur einer solchen Veränderungsaussage ist immer ein BEDINGUNGSTEIL (welche Ausgangsbedingungen gegeben sein müssen) und ein WIRKUNGSTEIL (welche Eigenschaften sich an der Ausgangslage dann auf welche Weise ändern werden). Die ‚vermuteten‘ Wirkungen werden als Ausdrücke formuliert, die empirische zutreffen können oder nicht. Insofern gleichen die Wirk-Aussagen den normalen Fakten-Aussagen. Während ’normale‘ Fakten-Aussagen aber so genannt werden, weil sie von allen Beteiligten entsprechend ‚qualifiziert‘ worden sind, müssen die ‚Wirk-Aussagen‘ sich erst noch als ‚empirische zutreffend‘ erweisen, indem es gelingt, sie empirisch zu qualifizieren. Im Alltag gibt es aber auch hier grobe Unterscheidungen wie etwa: (i) Reine Vermutung; keine Ahnung ob das klappt; (ii) Das haben wir schon mal gemacht; da hat es gut geklappt; (iii) Das machen wir seit Jahren so; hat fast immer geklappt; (iv) Es gibt dazu offizielle Testreihen, die dieses Vorgehen stark unterstützen; (v) Dies Verfahren ist mehrfach getestet und vielfach angewendet worden; bislang wurden keine Probleme bekannt.

Ein Überblick über alle Beiträge des Autors nach Titeln findet sich HIER.

Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)', 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)' sowie 'Simulation'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstaltungen (z.B. 'Meditation als kulturelle Praxis' und 'Kommunalplanung und Gamification. Labor für Bürgerbeteiligung') arbeite ich zunehmend in einem integrierten Projekt mit Theorie, neuem Typ von Software und gesellschaftlicher Umsetzung. Die einschlägigen Blogs sind weiter cognitiveagent.org, uffmm.org sowie oksimo.org