GEHÖRT JESUS VON NAZARETH NICHT DEN ATHEISTEN?

…. Wenn man den ‚Glauben‘ gegen den ‚Unglauben‘ retten will, muss man sich manchmal mit der ‚Wahrheit‘ beschäftigen …

SCHREIBEN ODER NICHT SCHREIBEN

1. Auch in diesem Fall stehe ich vor der Entscheidung, entweder nichts zu schreiben, weil ich nicht die Zeit habe, alle die hier einschlägigen Punkte ausgiebigst nochmals zu recherchieren, hin und her abzuwägen, und mit den notwendigen Quellenangaben zu versehen, oder aber den Gedanken zu retten auf die Gefahr hin, dass manches zu schwarz-weiß, zu schroff, zu ungenau wird. Doch gibt es ja andere kundige Menschen, die an der einen oder anderen Stelle mit ihrem Wissen aushelfen können – so sie denn wollen –, und darüber hinaus, sehr grundsätzlich, unser Wissen, selbst das noch umfassender recherchierte, bleibt immer ein gewisser Torso, unvollständig, vorläufig, fragmentarisch. Unser Heil liegt nicht im aktuell absolut verfertigten Traktat (den es unter aktuellen Bedingungen niemals geben kann), sondern im andauernden Prozess eines Ideenaustausches, wo sich die verschiedenen Perspektiven und Fragmente im Hin und Her zu einem je größeren Ganzen ‚ergänzen‘. Auch dieses wird lange nicht ‚perfekt‘ sein, aber es wird mehr darstellen, ‚enthüllen‘ (offenbaren) als jede einzelne, individuelle Perspektive alleine. Das ‚Wahre‘ ist das ‚Ganze‘ und die Totengräber der Wahrheit das sind die ‚Ideologen‘, die selbst deklarierten ‚Alleswisser‘, die ‚eingebildeten‘ Lehrer der Nation, oder wie immer sie sich inszenieren.

DIE FRAGE

2. Nach diesen Vorbemerkungen zurück zum aktuellen ‚gedanklichen Erregungspunkt‘: gehört Jesus von Nazareth nicht eigentlich den Atheisten und gerade nicht den verschiedenen Kirchen, die sich auf ihn berufen?

EINGELULLT?

3. Noch vor wenigen Monaten hätte ich die Frage so niemals gestellt. Aber, seit einigen Wochen macht mir eine Tatsache mehr zu schaffen als früher, eine Tatsache, die ich eigentlich ’schon immer‘, also so lange ich denken kann, ‚kenne‘, die mich aber noch nie besonders beschäftigt hatte, nämlich das Leiden und Sterben des Menschen Jesus von Nazareth. Gewiss, jeder der in einem Land mit christlichen Traditionen aufwächst (in meinem Fall dominante katholische und evangelische Bekenntnisse) hört schon sehr früh vom Leiden und Sterben in der Schule, in diversen Gottesdiensten, auch mal im Film, aber dieses Leiden und Sterben war immer stark abgefedert durch die historische Entfernung, durch die kirchlich-liturgischen Verpackungen, durch den ‚Zuckerglanz‘ der zuvor, danach, und drum herum angestimmten ‚Göttlichkeit‘, die diesem Leiden und Sterben letztlich den Stachel nimmt. Ja, er stirbt, aber nicht wirklich; er erstand ja dann doch auf von den Toten und offenbarte sich als der ‚Sohn Gottes’…

REALE ENDLICHKEIT

4. Im Laufe des eigenen Lebens lernt man immer wieder – und tatsächlich immer mehr – aus eigener Hand Krankheiten kennen, Leiden, und Sterben. Je älter man wird umso öfter erlebt man wie Menschen, die man kannte, die man schätzte, die man liebte, sterben; mal schnell, mal langwierig, aber sie sterben. Man erlebt sich selbst in dem, was man seinen Körper nennt, vielfältig abhängig von seinem Körper, im Guten (was er alles ermöglicht) wie im Schlechten (in konkreten Grenzen, Endlichkeiten, Schmerzen, Unbeholfenheiten, sozial auffällig, ausgegrenzt, …). Man erfährt die täglichen Abläufe permanent ambivalent als Ermöglichung von Leben und zugleich als anstrengend, verschleißend, reibend, nervend usw. Und in der Tat hat dies alles eine gewisse Unausweichlichkeit, die sich nicht dadurch verändert, dass man etwas glaubt oder nicht glaubt. Dass wir mit unserer Körperlichkeit in dieser uns bekannten körperlichen Welt ein zeitlich definiertes Ende finden, das ist eine Grundeigenschaft der natürlichen biologischen Prozesse. Eine gewisse zeitliche Verlängerung um ein paar Jahre, oder Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte (in der Zukunft) tut nichts wesentliches zur Sache. Die realen physikalischen Prozesse als solche sind auf Endlichkeit, auf Energieausgleich ausgelegt, und sobald zentrale Prozesse oder die Energiebeschaffung nicht mehr möglich sind, dann bricht das ‚Wunder des körperlich fundierten Geistes‘ in sich zusammen. Dies ist unabhängig davon was man glaubt und wie man glaubt.

WIE GEHT MAN DAMIT UM?

5. Eigentlich kann dies jeder Mensch wissen. Aber scheinbar ist die ‚Angst‘ vor diesem unausweichlichen endlichen Ereignis bei manchen so stark, dass Sie bereit sind, alles zu glauben, was von dieser Wahrheit ablenkt, und damit ein mehr oder weniger elaboriertes ‚Gebäude der Unwahrheiten‘ zu stricken, als den Dingen ins Auge zu sehen.

DER STERBENDE JESUS

6. Es waren genau solche Gedanken die mir das lang bekannte Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth ’neu‘ ins Bewusstsein treten ließen. Für ihn – wie für alle anderen Menschen auch — war das finale Sterben am Kreuz ein reales Geschehen, ein reales Leiden, und was immer das Wort ‚Gott‘ (zu übersetzen in die vielen hundert Sprachen der vielen verschiedenen Kulturen) irgendwo und irgendwie bedeuten mag, für ihn, der da am Kreuz real endete, war das da am Kreuz hängen, Schmerzen empfinden, und sich fragen, was das Ganze eigentlich soll, worin der Sinn liegt, ob sein zurückliegenden Taten nun sinnlos sind, weil er hier sinnlos am Kreuz hängt, sinnlich konkret real. Und ob die Worte ‚Mein Gott, warum hasst Du mich verlassen‘, die ihm in den überlieferten Texten zugeschrieben werden, tatsächlich gesprochen wurden, weiß man nicht. Die offizielle Überlieferungstradition hat die Worte sofort ‚entschärft‘ und sie als die Anfänge eines Psalms gedeutet, der letztlich einen tiefen Gottesglauben artikulieren soll … Wie auch immer, wer als Mensch real an einem Kreuz hängt, oder sich in einer von Menschen inszenierten Foltersituation befindet, oder einfach nur elendig krank ist und das Leben aus seinem Körper ‚entrinnen‘ sieht, oder einfach nur an sich, an seinem Alltag leidet, real leidet, Schmerzen empfindet, verzehrende Gefühle von Verlust und Trauer …. solch ein Mensch, jeder, ist in diesen Momenten der Sollbruchstelle des real-physikalischen Scheiterns ausgeliefert und kein ‚Gott‘ kann und wird in diesem Moment daran etwas ändern.

AUTHENTISCHER KERN

7. Im Leiden und Sterben des Menschen Jesus von Nazareth besitzt die christliche Tradition einen authentischen Kern, der sie mit allen realen lebenden, leidenden und sterbenden Menschen dieser unserer Erde verbindet. Glauben im christlichen Sinne heißt bezogen darauf auf keinen Fall ‚Erhaben zu sein‘ über das physikalisch-Konkrete, heißt auf keinen Fall das physikalisch-Konkrete außer Kraft zu setzen, installiert keine Wahrheit ‚gegen‘ die Konkretheit dieser Welt. Jesus von Nazareth war vollständig eingehüllt in den materiellen Prozesse, vollständig darin sich vorfindet, vollständig davon abhängig, bis hin zur Zerstörung seines Körpers und seines körperlichen Lebens, ganz qualvoll, beschleunigt herbeigeführt durch Menschenhände, durch Menschen, die glaubten, sie hätten die bessere Wahrheit; die glaubten, sie hätten mehr Rechte als er; die glaubten, sie ständen über dem Leben. Diese Menschen – waren sie schlechter wie wir, die wir doch alle glauben, wir wüssten es jetzt besser, wir hätten das Recht auf unserer Seite? Im Falle Jesus von Nazareth waren es jüdische Volksgenossen die sowohl Leidende, Unterstützende, Handlanger, Täter und Opfer zugleich waren; es gibt keine klare Trennung wo Wahrheit beginnt und die Unwahrheit aufhört. Anhänger Jesu sollen ihn nach der Überlieferung verleugnet haben, andere sollen ihn sogar verraten haben … Die imaginären Trennlinien verlaufen überall, mitten hindurch durch jeden Menschen.

IN ALLEN KULTUREN

8. Ist es tröstlich, dass wir zu allen Zeiten und in allen Kulturen Menschen finden, die ähnlich wie ein Jesus von Nazareth für ihre Überzeugungen ‚freiwillig‘ Leiden und sterben auf sich genommen haben (und vermutlich immer wieder auf sich nehmen werden!)? Ist es nicht verwunderlich, dass es immer wieder Menschen gab und gibt, die trotz eines endlich-gebrechlichen Körpers, die trotz materieller Einschränkungen, trotz Mühen, Anstrengungen, sozialen Ausgrenzungen, Ängsten, Zweifel … an Gedanken, Überzeugungen festhalten, ein Verhalten zeigen, das von der Umgebung, der Mehrheit, vom Trend … abweicht? Dass sie dies nicht tun weil sie sich auf ein viel schillerndes Wort ‚Gott‘ berufen (das bislang jeder so interpretiert, wie es ihm gerade gefällt), sondern weil sie als konkrete körperliche Menschen in sich und in ihrer Verwobenheit mit der konkreten endlichen Welt etwas ‚verspüren‘, etwas ‚fühlen‘, etwas zu ‚erkennen meinen‘, was dem alltäglichen Geschehen eine ‚Bedeutung‘, eine ‚Wertigkeit‘ verleiht, die ihr ‚Herz‘ und ihren ‚Verstand‘ so bewegt, dass sie bereit sind, dafür Teile ihrer körperlichen Existenz ‚aufs Spiel‘ zu setzen, um diesen ‚gefühlt erkannten Wertigkeiten‘ Ausdruck und möglicherweise Existenz zu verleihen.

9. Hierher gehören sehr wohl auch all die vielen Wissenschaftler der Vergangenheit, die unter höchstem Einsatz ihres Lebens versucht haben, der uns umgebenden Wirklichkeit (‚Natur‘) Antworten zu entlocken, die etwas davon verraten, wie die Welt ‚tatsächlich funktioniert‘ und die dafür nicht selten soziale Ausgrenzung, Verachtung, Spott oder gar Verfolgung erleiden mussten. Dass die Wissenschaft heute weitgehend unter politische und kommerzielle Kontrolle geraten ist, in der sie weitgehend ‚instrumentalisiert‘ wird zum Machterhalt oder für parteilich-kommerzielle Nutzung, nützt gelegentlich einzelnen Akteuren, nimmt aber der Wissenschaft als Ganzer einen Großteil ihrer Erkenntniswucht. Wissenschaftler, die sich bekriegen müssen, weil ihre Geldgeber das verlangen, neutralisieren sich gegenseitig.

FÜHLENDES ERKENNEN

10. Doch auch hier gilt, es gibt diesen überall glimmenden Funken eines Wertempfindens quer zu allem, über allem hinweg, entgegen allen Widerständen, und dieses ‚fühlende Erkennen‘ ist nicht da, weil wir Menschen es ‚wollen‘ oder weil es Machthaber befehlen, sondern weil die ‚Geschichte des Lebens‘ auf dieser Erde eine Spur gezeichnet hat, die diese grundlegende Fähigkeit als ‚innere Logik allen Lebens‘ manifestiert. Dieses ‚fühlende Erkennen‘ ist nicht etwas was als ‚Nebenprodukt‘ aus der Materialität der Atome und Moleküle ‚folgt‘, sondern es geht dieser Materialität notwendigerweise voraus! Atome und Moleküle können nur deshalb charakteristische ‚Eigenschaften‘ zeigen, weil diese Eigenschaft ihnen voraus liegen, als implizite Eigenschaft jener Quantenwelt, aus denen sich Atome und komplexere Strukturen ‚ergeben‘. Natürlich kann man dann die Frage weiter stellen, warum und wieso die Quantenwelt solche impliziten Eigenschaften besitzt, doch geraten wir damit an die ‚vorläufigen‘ Grenzen unserer Fragekunst; aber fehlende Antworten sind nicht so schlimm wie keine Fragen haben. Die Fragen haben wir, wir können sie stellen. … und das ist das Wunder.

SCHIZOPHRENIE VON WISSENSCHAFT UND KULTUR

11. Es hat eine gewisse Tragik, dass wir in einer schizophrenen Welt leben, in der eine radikale Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften (und Religionen) gezogen werden, in der die sogenannten Geisteswissenschaften (inklusive Kulturbetrieb) sich an einem Menschenbild orientieren, das punktuell-geschichtslos ist, wo das vereinzelte Individuum in seinem ‚Hingeworfensein‘ sich in seinem Gefühlschaos hin- und herwälzt, wo das leidende – oder wahlweise das lustvolle — Individuum in allen Varianten durchgehexelt wird, aber schon die politische-soziologischen Vernetzungen kommen kaum noch vor und die evolutionäre Dimension samt physikalischem Universum sind aus dem Denken geradezu verbannt. Beliebiges Wortgestammel wird als Manifestation von ‚Geist‘ gefeiert während die wahren geistigen Großtaten z.B.der Mathematik, der Ingenieurkunst, oder der theoretischen Wissenschaften in gesellschaftliche Abstellkammern verbannt sind. Das Bildungsbürgertum dröhnt sich mit einer Bild- und Klangwelten zu, die außer historischen Zufälligkeiten und modischen Trends nichts vorzuweisen haben. Ist Musik nur das, was ein Mensch hören und ein anderer spielen kann? Ist Musik nur das, was bestimmte Neuronen zum ‚Summen‘ bringt? Ist Musik nur das, was man auf einem bestimmten Instrument spielen kann, weil Menschen zu dieser Zeit nicht in der Lage waren, ein anderes Instrument zu bauen? Ist Musik nur das, was sich ein bestimmter Mensch ausgedacht hat, weil er zu dem Zeitpunkt nichts anderes denken konnte? Ist Musik nur das, was man mit einer bestimmten Notenschrift aufschreiben kann? Ist Musik nur das, was ein Orchester spielen kann, weil man sich daran gewöhnt hat, dass Orchester nur so sein dürfen, wie man sie einmal dekretiert hat? ist Musik nur das, was man aus Radiokanälen hört, weil die Sender nur das spielen, was die großen Produzenten liefern und die produzieren nur das, was ihnen kommerziell Erfolg bringt, weil …. ? (Jeden Tag werden auf bestimmte Musikplattformen tausende neue Musikstücke hochgeladen, aber Monatelang hört man in Radiosendern nur ein paar hundert Musikstücke, und die haben eine hohe Wiederholungsrate)…..

12. Solange unsere Gesellschaft geistig mit sich selbst entzweit ist, sich im Natur-Wissenschaft-Kultur-Geist Grabenkampf eingebunkert hat, solange besteht kaum eine Chance, dass wir die zeitübergreifenden Botschaften eines universalen Lebens gemeinsam erfassen, verdauen, weiter entwickeln können. Wahrheitsunfähige Religionen und Kulturkonzepte sind anfällig für beliebige Ideologien, sind wie Blätter im Wind, sind willige Instrumente in den Händen von Geld, Macht und Ideologie.

13. Trotz allem gibt es immer wieder wunderbare Menschen, wunderbare Gedanken, wunderbare Bücher, wunderbare Musik, wunderbares Schauspiel, …. das ist das Paradox, das auf das ‚je Größere‘ verweist.

PS: Jetzt habe ich viele Aspekte ausgelassen, z.B. auch die Frage, wer denn nun die ‚Atheisten‘ sind … oft sind es nicht die, die sich so nennen oder so genannt werden. Aber ich habe einige kennen gelernt, die sich ‚Theisten‘ nennen, die für mich die radikaleren Atheisten waren ….

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

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