IM WIRRWAR DER BEGRIFFE – Zur Philosophiewerkstatt vom 4.Dez.2014

EINE INTERESSANTE GRUPPE
REVOLUTIONÄRE MUSIK?
KOORDINATEN FÜR EMOTIONEN?
KLEINGRUPPEN
EMOTIONEN IM DICKICHT DER BEGRIFFE
DIVERSES
THEMA FÜR 11.Januar 2015

EINE INTERESSANTE GRUPPE

1. Trotz hektischer Vorweihnachtszeit, 3.Adventssonntag und vielen Absagen kam eine interessante Gruppe von 12 Personen zusammen, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und beruflicher Profession wunderbar vielfältig und sehr engagiert war.

REVOLUTIONÄRE MUSIK?

2. Wie beim letzten Mal geplant begann die Veranstaltung mit einem Musikstück von cagentArtist. Anhand des Musikexperimentes Nr.X.2 wurde die experimentelle Vorgehensweise kurz skizziert. Die Aufgabenstellung lautet: wie kann jeder einzelne Klangräume erforschen und gestalten, wenn er nicht musikalisch ist, kein Instrument spielen kann, keine Zeit zum Üben hat, und keine Notenschrift benutzt werden soll (und im Falle von cagentArtist verschärfend: die Umgebung keine Lärmerzeugung erlaubt)? Das ganze Projekt kann man entweder rein individuell sehen als eine Art ‚Selbstbefreiung‘ von den Vorgaben eines professionellen Kultur und Musikbetriebs, der nur noch ‚perfekte Mainstreammusik‘ zulässt, oder als gesellschaftlich revolutionärer Akt, jedem Menschen einen Zugang zu den heute mehr denn je unendlichen Klangräumen zu eröffnen.

3. Aus den bislang mehr als 450 aufgezeichneten Klangexperimenten wurde ein Stück ausgewählt und präsentiert. Es stammt vom November 2014, wurde an einem Samstagmorgen aufgenommen und hat den Titel: Saturday morning: only two.

4. Nachdem das Klangexperiment abgespielt worden war gab es Gelegenheit, dass jeder dazu etwas sagte. Tatsächlich sagte jeder etwas dazu und es ergab sich eine breite Palette von empfunden Gefühlen und Assoziationen. Dass dieses Stück gewohnten Klangerwartungen widersprach war allen gemeinsam, interessant war aber, wieder jeder einzelne mit diesen enttäuschten Erwartungen umging. Am einen Ende der Skala wurde die enttäuschte Erwartung dennoch als interessant und produktiv empfunden; am anderen Ende der Skala gab es zahlreiche positive Assoziationen und Reaktionen, wobei bei mehreren der Eindruck hervorstach, dass diese Art von Musik ‚beruhigend‘ wirkt, ‚entspannend‘, irgendwie ‚endlos‘ erscheint. Andere identifizierten die einzelnen ‚Stimmen‘ mit unterschiedlichen Bewegungen und Gefühlen, die interagierten, die auf der ‚Suche‘ waren, die sich gegenseitig ‚bekämpften‘. Niemand empfand die Musik als ‚abstoßend‘.

5. Das Musikerleben bot dann eine Gelegenheit, zum Haupthema ‚Emotionen‘ über zu leiten.

KOORDINATEN FÜR EMOTIONEN?

Koordinatensystem für Erkenntnisse allgemein und speziell auch für Emotionen

Koordinatensystem für Erkenntnisse allgemein und speziell auch für Emotionen

6. Zu Beginn wurde keine spezielle Definition von Emotion gegeben, sondern es wurde ein allgemeines Koordinatensystem skizziert (siehe Bild), innerhalb dessen Emotionen – was immer diese im einzelnen sein mögen – auftreten können.

7. Das Bild entspricht der Sichtweise des Blogs cognitiveagent.org, wie sie sich im Laufe der Jahre herausgebildet hat. Die Grundidee ist die, dass dasjenige, was wir bewusst erleben (wahrnehmen, erinnern, denken, fühlen, …) können, auf vielfältige Weise vom umgebenden Wissen, vom Gehirn, vom Körper bzw. von der umgebenden Welt beeinflusst/ verursacht sein kann. Dem Erleben selbst ist oft nicht anzusehen, wodurch genau es verursacht wurde. Es erfordert eine eigene Anstrengung, ‚detektivische Kleinstarbeit‘, um den Wirkmechanismen des Erlebens ‚auf die Spur‘ zu kommen.

8. Nach diesen knappen Vorüberlegungen (und dem Verweis auf den vorbereitenden Blogeintrag EMOTIONEN ALS ‘SPRACHE’ – WOFÜR? WARUM? WER REDET HIER MIT WEM? – Erste Gedanken für die Philosophiewerkstatt am So, 14.Dezember 2014) kam es zu ersten begrifflichen Klärungen, die dann an die einzelnen Gesprächsgruppen weiter gegeben wurden.

KLEINGRUPPEN
EMOTIONEN IM DICKICHT DER BEGRIFFE

Brainstorming 14.Dez.2014 Kleingruppen unkommentiert

Brainstorming 14.Dez.2014 Kleingruppen unkommentiert

9. Es bildeten sich dann drei kleinere Gruppen, die sehr lebhaft und engagiert ihre Vorstellungen zu Emotionen austauschten.

10. Das Ergebnis dieses ‚Gedankensturms‘ (‚brainstorming‘) ist auf dem Bild angenähert zu erkennen.

11. Auffällig ist, dass sich das zuvor skizzierte ‚Koordinatensystem‘ darin praktisch nicht wiederfinden lässt.

12. Aus Sicht des Organisators könnte dies negativ wirken: jetzt hat man (scheinbar) so viele ‚tolle‘ Ideen, und nichts davon findet sich im Denken der anderen wieder?

13. Auf der anderen Seite war diese ein Zusammentreffen von viel Intelligenz, viel Erfahrung, großer Vielfalt in den Professionen, Geschlechtern, und Alter. Die Diskrepanz zeigt somit unsere Situation, wie sie ist: unsere Grundsituation ist gekennzeichnet von einer extremen Vielheit von Begriffen, deren Zusammenhang auf den ersten Blick nicht klar ist. Solange man sich nur ‚mit sich selbst‘ oder mit ‚Gleichgesinnten‘ beschäftigt, fällt einem nicht auf, dass das eigene Begriffssystem möglicherweise ’speziell‘ ist, aber wenn man sich on den offenen Austausch mit anderen begibt (wozu u.a. Mut gehört!), dann kann man sehr schnell erleben, wie disparat Begriffe sind.
14. Insofern nun unser ‚Bild von der Welt‘ primär über unser Begriffssystem läuft, stellt die starke Diskrepanz und Vielfalt natürlich eine Art ‚Barriere‘ dar, zusammen zu finden, zu gemeinsamen Einschätzungen zu kommen, zu einem möglichen gemeinsamen Handeln.

15. Auf den ersten Blick eventuell ‚entmutigend‘ ist doch das Faktum dieser begrifflichen Vielfalt gerade das Hauptargument dafür, sich zu einer Philosophiewerkstatt zusammen zu finden. Nur so kann man an einem gemeinsamen Verstehen arbeiten, in dem man selbst als ‚Aktivposten‘, als selbstbewusste(r) ‚MitdenkerIn‘ vorkommt.

16. Der Gesprächsleiter hat dann auch gar nicht erst versucht, diese Vielfalt in ein bestimmtes Schema zu pressen (auch niemand anderes), sondern es wurde die verbleibende Zeit genutzt, im offenen Gespräch die unterschiedlichen Begriffe und mögliche Querbeziehungen zu erläutern und zu motivieren.

DIVERSES

17. Ein starker Gegensatz bildete sich u.a. zwischen jenen, die Begriffe wie ‚Gott‘, ‚Seele‘, ‚Geist‘ benutzten und jenen, die sagten, die könnten damit in diesem Kontext nichts anfangen.
18. Dieser Gegensatz gab Anlass zu einem kurzen Exkurs mit Bezug auf den Vortrag Geist zum Nulltarif? Philosophische Aspekte zur Herkunft und zur Zukunft der Informatik. Vortrag und Diskussion und der dortigen Erläuterung, dass die Begriffe ‚Geist‘ und ‚Seele‘, die Eingang in die christliche Theologie gefunden haben, zurückgehen auf die antike griechische Philosophie. Dort wurden sie benutzt zur ‚Erklärung des Unerklärlichen‘, nämlich zur Erklärung des ‚Belebten‘ im Gegensatz zum ‚Unbelebten‘, ohne dass man wirklich erklären konnte, wie das ‚Leben‘ im ‚Belebten‘ ‚wirkt‘. In den nachfolgenden ca. 2000 Jahren, speziell in den letzten 150 Jahren, konnten wir sehr viel dazu lernen, wie man das biologisch fundierte Leben und seine Vielfalt bis zu einem gewissen Grad erklären kann, ohne allerdings das Grundfaktum des Biologischen innerhalb der bekannten physikalischen Gesetze erklären zu können.

19. Was man vor diesem Hntergrund sicher sagen kann, ist, dass wir heute – mit diesem Wissen im Rücken – Begriffe wie ‚Gott‘, ‚Geist‘, Seele‘ nicht mehr einfach so weiter verwenden sollten, wie in den vorausgehenden Jahrhunderten/ Jahrtausenden. Wenn wir intellektuell redlich bleiben wollen, dann müssen wir diese Begriffe in neuen Kontexten neu definieren. Strenggenommen müssten wir die christliche Theologie auch in vielen Teilen radikal umschreiben; wer aber sollte dies tun? Wer hat daran wirklich ein Interesse?

20. Es kamen auch Fragen nach ‚Gut‘ und ‚Böse‘ auf, was hat dies mit den Emotionen zu tun? Gibt es ‚gute‘ bzw. ‚Böse‘ Emotionen? Wenn Emotionen ‚angeboren‘ sind, wie gut können sie uns im Alltag leiten? ‚Passen‘ die angeborenen Emotionen noch zur heutigen Welt? Wie weit lassen sie sich manipulieren (es gibt chemische Substanzen die sowohl ‚Angstgefühle‘ wie auch ‚Euphorie‘ auslösen können; welche Bedeutung können solche Gefühle für uns haben?).

THEMA FÜR 11.Januar 2015

21. Für die Frage nach dem Thema für die nächste philosophieWerkstatt v2.0 am 11.Januar 2015 ergab sich nach einiger Diskussion das Thema „Das Gute und das Böse in den Religionen“. Den Einstieg dazu übernimmt eine ‚gelernte‘ Religionswissenschaftlerin. Die Idee ist, dass einerseits der individuelle subjektive Anteil, auch mit seinen emotionalen Aspekten, weiter Raum haben soll, andererseits aber auch durch einen Vergleich der verschiedenen Religionen der Blick weg von den Spezialitäten zu den allgemeinen, allen gemeinsamen Strukturen gelenkt werden kann. Einleitend soll es aber auch wieder ein Musikstück aus dem Bereich experimentelle Musik geben. Neben dem Veranstalter, der als cagentArtist experimentiert, gab es auch eine (anwesende) Pianistin und Komponistin, die sich mit diesem experimentellen Ansatz beschäftigen möchte.

22. Im Nachgespräch fokussierte sich das Thema stark um die experimentelle Musik, deren gesellschaftliche Bedeutung, die Auswirkungen auf den bisherigen Musikbegriff, starke Verschiebungen in bisherigen Begriffen, mögliche neue Experimente, auch öffentlich, evtl. als eigene Veranstaltungen.

Eine Übersicht über alle bisherigen Blogeinträge nach Themen findet sich HIER.

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

Ein Gedanke zu „IM WIRRWAR DER BEGRIFFE – Zur Philosophiewerkstatt vom 4.Dez.2014

  1. Mich interessiert an dem Phänomen der Emotionen deren funktionaler Aspekt. Joachim Bauer vertritt in seinem 2011 erschienen Buch „Schmerzgrenze“ die These, Aggression des Menschen sei keine angeborene Fähigkeit sondern erworben. Der Mensch in der Urhorde sei zum Überleben entscheidend darauf angewiesen gewesen, innerhalb der Horde zu kommunizieren, Empathie zu zeigen, für einander Sorge zu tragen. Auch sei seine Aggression nach außen, außerhalb der Horde, gering gewesen. Der Mensch sei zu dieser Zeit eher ein Gejagter als ein Jäger gewesen. Erst als durch klimatische Veränderungen, ertragreichen Ackerbau, Entwicklung der Ackerkultur das Potenzial von Bevorratung entstanden sei, habe sich menschliche Emotionalität verändert: Bevorratung führte zu individuellem Besitz, zu Begehrlichkeit, Gier, Raub, Mord und Totschlag. Das entstehende Chaos habe die Entwicklung von Religion als Ordnungsrahmen gefördert. (Ausführlicher: eine Rezension auf der Internetseite der Zeitung „Der Freitag“ von Paul Scherfer-Samide) Ich halte dies für eine interessante Hypothese, auch wenn ich ihr nicht in allen Punkten zustimmen kann. Interessant allein schon deshalb, weil sie der Frage nachgeht, welche Funktion Emotionen bei der Entwicklung der Menschheit hatten, haben und auch in Zukunft haben werden. Ich finde, hier ist eine großartige „Philosophiebaustelle“.

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