DIE KUNST MITEINANDER ZU REDEN – Das ist die einzige Kunst, die wir brauchen

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  1. Als ich vor nunmehr 10 Jahren vor der Frage stand, warum es Sinn machen könnte, selber zu schreiben, dann noch in einem Blog, wo es doch schon so ungeheurer viel geschriebenes Wissen gibt, war die entscheidende Einsicht, warum es Sinn machen könnte, die, dass das geschriebene Wissen dort irgendwo in der Welt, in Büchern, Artikeln, Datenbanken, Webseiten, letztlich unsichtbares Wissen ist, solange ich nicht, irgendwie, in meinem Kopf, den einen oder anderen Gedanken selbst denke. Worte alleine, irgendwo gesprochen oder geschrieben, sind leere Worte, solange sie im eigenen Denken keinen Widerhall finden, nicht von neuem wiedergeboren werden in dem Gehirn eines homo sapiens.

  2. Und in der Tat, so war es: als ich dann angefangen habe, selber zu denken und zu schreiben, wurden Gedanken nicht nur mir selbst sichtbar, sondern es entstanden Berührungspunkte, Brücken zu anderen Gedanken. Erst im Schreiben wurde ich mir stückweise selbst bewusst, und in dem Maße begann ich auch andere Texte mehr zu verstehen. Dies wiederum führte dazu, diese anderen Texte mehr und bewusst zu lesen, sie zu diskutieren, und es entspann sich ein Spiel der sich wechselseitig anregenden Worte und Gedanken, ein kleiner privater Wirbelsturm, der mich mitnahm auf unterschiedliche Reisen in die Vergangenheit, in die Gegenwart, in das Leben anderer Menschen, ein bisschen auch ein Anrennen in eine neue mögliche Zukunft, in viele mögliche Zukünfte.

MITEINANDER REDEN

  1. Irgendwann war dann der Punkt gekommen (ca. vor 4 Jahren), dass ich das Reden mit mir selbst und anderen Texten als zu wenig empfand. Was nützt mir mein eigenes Denken, wenn es nur mein Denken ist? Ich bin nicht alleine auf dieser Welt; viele Milliarden andere sind auch da, gleichzeitig. Viele Milliarden nehmen auch wahr, fühlen, Denken, sprechen, handeln, viele Milliarden. Jeder tut irgendetwas, und doch haben wir kein völliges Chaos… obgleich wir heute (wie auch schon zu vielen Zeiten vor heute) den Eindruck haben können, wir reden vielfach aneinander vorbei. Jemand redet, aber er redet nicht, um mit dem anderen zu reden, sondern um den anderen Ein-zu-Reden, an die Wand zu reden, Nieder-zu-Reden, Weg-zu-Reden, über-den-anderen-zu-Reden, oder wie man das alles ausdrücken soll, was real geschieht.

  2. Es entstand die einfache Frage, ist es möglich miteinander zu Reden, mit jedem, und zwar so, dass jeder etwas von sich mitteilen kann, dass ich im Reden mit jemand anderem nicht nur den Klang der Worte höre, nicht nur die Bedeutungen spüre, die ich selbst den Worten beilege, sondern mögliche Bedeutungen, die aus den Tiefen des anderen aufsteigen, an die Oberfläche, an die Außenwelt, an mein Verstehen anklopfen und mir anzeigen, dass da möglicherweise etwas ist, etwas von einem anderen homo sapiens.

  3. Diese Gedanken waren die Geburtsstunde der Philosophiewerkstatt oder, wie ich es jetzt öfters nenne, die Geburtsstunde des Labors von Philosophie Jetzt, dem Philosophie-Labor. Am Anfang etwas holprig gewannen diese Gespräche langsam eine Form, die von allen Beteiligten tatsächlich so empfunden wird, dass aus jedem Anwesenden Gedanken aufsteigen können, diese Gedanken Worte anziehen, diese Worte durch die Luft fliegen, sich im Hören und Sehen begegnen, und unterschiedliche Wahrnehmungen, Empfindungen, Assoziationen auslösen. Es geht nicht darum, schnell etwas zu sagen, alleine etwas zu sagen, Recht zu haben oder so, es geht darum, den anderen in seinem Reden zu erspüren, wahr zu nehmen, den Hauch einer Andersheit wahrzunehmen, daraus möglicherweise ein Hauch von mehr Wirklichkeit zu erhaschen, eine Variante von homo sapiens, die man noch nicht kennt.

DESTRUKTIVES REDEN

  1. Wie wertvoll solche Form der Kommunikation ist, kann man nur erahnen, wenn man sieht, wie wir normalerweise reden oder reden müssen, oder einfach nur gewohnheitsmäßig es tun, oder weil wir meinen, bestimmten Erwartungen Genüge tun zu müssen. Oder wenn wir zwar mit anderen reden wollen aber niemanden finden (oder meinen, es gäbe niemanden, warum wir auch nicht suchen) und an unserer isolierten Meinung leiden. Es gibt auch Menschen, die sind so stark abhängig von einer bestimmten Sicht der Welt, dass sie nur stereotyp reden können: sie formulieren bestimmte Sätze, Gedanken in einer angelernten Weise, mit eingeübten Bedeutungen, und sie können sich gar nicht vorstellen, dass diese Formulierungen und eingeübten Bedeutungen vielleicht falsch sind. Vielleicht weil sie so ‚trainiert‘ wurden (abgerichtet, gedrillt, indoktriniert…) und sie bestraft wurden/ werden, wenn sie sich nicht an diese festen Formulierungen halten. Das können Kollegen/ Freundinnen sein, die sich über einen lächerlich machen, wenn man nicht so redet wie erwartet; das können Eltern/ Lehrer sein, die einen sogar bestrafen, wenn man nicht so redet, wie gewünscht; das können Polizisten sein, die einen verhaftet, wenn man nicht die offizielle Staatsdoktrin wiederholt; das können Medien sein, die über einen herfallen, soziale Medien, das Netz, das einen aufspießt, weil man anders ist als erwartet ….

  2. Wenn man sieht, was heute einzelne tun (Internet), um von sich ein bestimmtes Bild zu zeichnen, Firmen, Institutionen, ganze Staaten, um definierte Meinungen zu verbreiten, auch solche, die objektiv falsch sind, dann kann einem Angst und Bange werden. Auch wenn wir positiv die Welt, die Menschen erkennen wollen, wie sie wirklich sind, ist es schwer, eine große Herausforderung. Wenn aber jetzt die Menschen anfangen, ihre begrenzten, fragilen Erkenntnisfähigkeiten durch bewusst gewollte Falschdarstellungen oder ungeprüfte Formeln weiter einzuschränken, dann entsteht eine Art kollektiver Blindheit, in der immer mehr Menschen, Gruppierungen, Parteien nur noch dahin taumeln im Strom der Zeit, und von den vielen guten Zukünfte, die möglich wären, werden wir gemeinsam in jene dunklen Bereiche abdriften, die vorwiegend Dunkelheit kennen, Lüge, Hass, Gewalt, Desorganisation, Verachtung von Menschen, Mangel an Organisation, Desorganisation … die realen Beispiele von Ländern auf dieser Erde, wo dies real stattfindet, sind leider immer zahlreicher. Statt gemeinsam einen Weg in die Zukunft auszuloten und zu gehen, bringen alle sich gegeneinander auf, überbietet eine Lüge die andere, und am Ende kann keiner mehr wissen, was stimmt denn noch. Die unfassbaren Datengebirge in den Datenbanken und im Netz, die helfen könnten, werden zu einem undurchdringlichen Nebel von Fakten, von denen niemand mehr weiß, wo es lang geht.

  3. Die sogenannten künstlichen Intelligenzen, die helfen könnten, werden in diesem Nebel der Lügen genauso herumirren wie ihre Urheber, der homo sapiens ….

MYTHOS ASTERIX…

  1. Wie war das bei Asterix mit dem kleinen gallischen Dorf …

  2. Die Wahrheit ist gewöhnlich immer in der Minderheit. In den sogenannten goldenen Zeiten der Menschheit (gab es die wirklich?) konnten Menschen vergleichsweise besser miteinander umgehen.

  3. Letztlich gibt es nur ein einziges wirkliches Problem für den homo sapiens: wie schafft er es miteinander die Zukunft zu meistern, miteinander. Dies setzt einen realen Respekt vor anderen voraus, reale Anerkennung, Liebe zum Leben und damit Liebe zur Wahrheit.

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren ‚Dynamisches Wissen (KI)‘ und ‚Mensch Maschine Interaktion (MMI)‘. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen (‚Geist‘), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche ‚Sinn‘ von ‚Leben‘ im ‚Universum‘. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe …

Ein Gedanke zu „DIE KUNST MITEINANDER ZU REDEN – Das ist die einzige Kunst, die wir brauchen

  1. Die Überschrift findet meine uneingeschränkte Zustimmung. Schweigen ist zwar auch eine Kunst aber sie steht zum Glück nicht im Gegensatz zu der Fähigkeit zur Kommunikation.

    Letztere beinhaltet ja nicht nur die Kunst der Rede, sondern desweiteren die Kunst zu hören und zu verstehen. Mir scheint; Das „destruktive Reden“ ist im Grunde überhaupt nicht von der Absicht getragen zu kommunizieren, denn es verzichtet fast vollkommen auf das „hören“ und das „verstehen“ und zielt darauf ab, entweder den anderen zu indoktrinieren oder seine eigene Meinung möglichst unangreifbar zur Darstellung zu bringen. Es ist allenfalls eine Art selektives Hören aus dem ein voreingenommenes Verstehen resultiert.

    Kann man sagen, dass die Wahrnehmungsschwelle die überschritten werden muss bis man hört was der andere sagt, gegenwärtig wesentlich höher liegt als zuvor in der Geschichte des Menschen? Führt nicht gerade das sogenannte Kommunikations-Zeitalter, mit seiner unausgesetzten Flut an „Reden“ die auf den Einzelnen Tag und Nacht einprasselt dazu, das die Filter verstopfen? Es „zwitschert“ doch überall und aus jedem Winkel.

    Wenn dies stimmt; kann man sagen, dass auf der anderen Seite genau diese gesteigerte Wahrnehmungsschwelle und die „verstopften Filter“ dazu führen, das der Einzelne, mit seinem Bedürfnis sich bemerkbar und auf sich aufmerksam zu machen, zum Extremisten wird, der mit stetig gesteigerter Vehemenz gegen diese Schwelle anrennt in der Hoffnung sie zu überwinden und gehört und gesehen zu werden?

    Es gab Zeiten, da war relativ klar „wer etwas zu sagen hat“ und wer, als Empfänger von Botschaften aus den religiösen und politischen Machtzentralen, am anderen Ende der Leitung Platz nehmen musste. Der technologische Impact des Internet und die durch dieses erst möglich gewordenen sozialen Plattformen, haben diese alten Strukturen in kürzester Zeit unterwandert und destabilisiert. Sie mobilisieren die Hoffnung jedes Einzelnen nun endlich dieses starre Verhältnis zwischen Sender und Empfänger, das auch den Anspuch auf „Wahrheit“ klar geregelt hatte, umzukehren oder zumindest zu egalisieren.

    Ich denke, das wir jetzt langsam spüren das diese Entwicklung die Hardware unserer Gesellschaften erreicht hat, die Institutionen. Solche Prozesse, davon wusste der Soziologe Norbert Ellias zu berichten, wirken mit einer Art Latenz.

    Diese Latenz-Zeit scheint jetzt vorüber und jeder wundert sich wo denn bloß die Wahrheit abgeblieben ist. Wenn wir aus der „kollektiven Blindheit“ und dem „Taumel“ der Institutionen hinüber kommen wollen in eine bessere aber noch offene Zukunft, dann wohl zuerst mit dem Eingeständnis das noch keiner die Wahrheit kennt. Das scheint mir die beste Voraussetzung zu sein um miteinander reden zu können.

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