Kurzbesprechung: Ulrich Ott, Meditation für Skeptiker. Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst

Ulrich Ott, Meditation für Skeptiker. Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst, O.W. Barth, eBook. 2015 (auch als Taschenbuch)

Im Rahmen einer geplanten interdisziplinären Lehrveranstaltung zur Meditation wurde ich auf dieses Buch aufmerksam … und habe es ziemlich zügig durchgelesen. Dazu muss ich sagen, dass ich selbst schon über eigene Meditationserfahrungen verfüge, mehr als 20 Jahre, in verschiedenen Stilen, alleine und mit anderen. Insofern war die Lektüre ein wenig eine Art ‚Abgleich‘ der eigenen Erfahrungen mit dem Buch.

RELIGIONSFREIE PRAKTISCHE ANLEITUNG

Was positiv auffällt, ist die nüchterne Art, mit der hier das praktische Herangehen an die Praxis des Meditierens sehr konkret und anschaulich beschrieben wird. Ohne Anleihen bei irgendwelchen speziellen religiösen Traditionen wird im Teil 1 schlicht beschrieben, welche verschiedenen Haltungen es gibt, wie man atmen kann, wie man sich bei seinen ersten eigenen Übungen dazu bringen kann, längere Zeit (ca. 20 – 30 Min) da zu sein, sich wahr zu nehmen, zur Ruhe zu kommen. Während man in anderen Kontexten oft hören kann, warum diese oder jene Vorgehensweise ‚besser‘ sei, stellt Ott nüchtern fest, dass es aus wissenschaftlicher Sicht bislang keine eindeutigen Empfehlungen für die ‚ideale‘ Haltung oder Atemtechnik gibt. Jeder muss da seine eigene ideale Haltung finden.

NEUROWISSENSCHAFTLICHE BEFUNDE

Eingestreut in die praktischen Anleitungen im Teil 1 und dann im Teil 2 ausschließlich finden sich Erkenntnisse der Neurowissenschaften und der verhaltensbezogenen psychologischen Forschung. Diese Befunde sind aktuell, treffend und zeigen, wie das Thema Meditation in den letzten Jahren immer mehr zu einem wichtigen Forschungsthema wird. Zugleich wird hier aber auch deutlich, dass die Neurowissenschaft hier an methodische Grenzen stößt. So beeindruckend heutige neurowissenschaftliche Datenerhebungen z.T. schon sind, so sagen diese Daten zum eigentlichen individuellen Erleben in der Meditation so gut wie gar nichts aus (sie messen ja nicht das individuelle Erleben direkt, sondern irgendwelche biochemischen Prozesse in einem vermuteten zeitlichen Zusammenhang). Das Gleiche gilt für die unterschiedlichen Wirkungsstudien, die einen positiven Einfluss auf bestimmte als ‚krank‘ klassifizierte Verhaltensmuster diagnostizieren. Wie Ott selber zu Beginn von Teil 2 herausstellt, gibt es bislang keine befriedigende wissenschaftliche Definition zum Begriff ‚Meditation‘ und die Kontextbedingungen sind in den einzelnen experimentellen Anordnungen oft so unterschiedlich, dass es schwierig ist, hier zu eindeutigen Zuordnungen zu kommen (ganz zu schweigen von der Grobheit und Ungenauigkeit der neurowissenschaftlichen Messungen).

WELTBILD IM HINTERGRUND

Wenn ich zuvor den nüchternen Beschreibungsstil bei der Hinführung zu einer meditativen Praxis gelobt habe, so muss ich dies für die zweite Hälfte von Teil 1, speziell bei den Abschnitten ‚Denken‘ und ‚Sein‘, ein wenig einschränken.
Gleich zu Beginn in der Einführung des Buches weist Ott zwar deutlich darauf hin, dass unser aktuelles Erleben umfassend geprägt ist durch die Eigenheit unseres Körper, seine evolutionär gewordene Prägung, und durch die verschiedenen kulturellen Einflüsse, die unser Bild von der Welt und von uns selbst im Lauf des Lebens beeinflussen. Im weiteren Verlauf benutzt er dann aber selber ein Deutungsschema für unser Erleben in der Mediation, das so, wie er es benutzt, sich auch einer bestimmten kulturellen Deutung verdankt, die so nicht ohne weiteres zwingend ist.

DUALISMUS: DENKEN – FÜHLEN

Für die fortgeschritteneren Stufen des Meditierens folgt er letztlich dem klassischen Deutungsschema, dass das Meditieren sich von den unterschiedlichen Ablenkungen mehr und mehr löst, um sich dann – bei einigen – in einer speziellen (mystischen) Seinserfahrung wieder zu finden, in der sich alle Spannungen und Widersprüche in gewisser Weise aufheben, und aus der jeder einzelne viel Ruhe, Kraft, Gelassenheit usw. ziehen kann.

LEBEN IST ANDERS

Nimmt man die Erkenntnisse der modernen Evolutionsbiologie ernst, dann besteht das grundlegende Kennzeichen des biologischen Lebens gerade darin, dass es die Kunst des Gleichgewichts zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch beherrscht. Diese Kunst des Gleichgewichts hat ihren Zweck nicht ‚in sich selbst‘, sondern darin, immer komplexere Strukturen zu ermöglichen, wie z.B. Bedürfnisse, Emotionen, Gefühle, Erinnerungen, Begriffe, komplexe Verhaltensmuster, und mehr. Das damit immer stärker anwachsende ‚Universum der Unterschiede‘ erscheint dann als jenes Medium, durch das sich das individuelle Leben mehr und mehr begreifen kann als Teil eines komplexen Lebensprozesses, dessen Energie (rein physikalisch) zwar allen Unterschieden prinzipiell voraus liegt (und von daher nicht wirklich sterben kann), dessen Dynamik aber eben nur in diesem ‚Rauschen der Unterschiede‘ erlebbar ist. In diesem Kontext wäre das Wahrnehmen, Denken, Erinnern, Fantasieren usw. kein Gegensatz zum ‚Sein‘, sondern jenes Medium, in dem die Struktur des Seins überhaupt erlebbar wird.

Zu diesen neuen Erkenntnissen der Biologie zum Leben gibt es eine interessante Parallel zur christlichen Mystik. In fast 2000 Jahren christlicher Mystik wird das ‚Fühlen des Seins‘ nicht als ‚Abkehr von der Welt‘ verstanden wurde, sondern als ein besondere Form des ‚inneren Erkennens (Trost und Mißtrost)‘, um die Strukturen der Welt (und des Denkens) noch tiefer zu verstehen. Leider kennt heutzutage kaum noch jemand diese Form von mystischer Tradition (nicht zuletzt vielleicht auch deswegen, weil diese Art von mystischer Seinserfahrung von den Kirchen selbst oft dadurch verdeckt wurde, dass sie mit sekundären religiösen Traditionen überlagert wurde, die mit der eigentlichen Erfahrungen nicht wirklich etwas zu tun hat).

MEHR WAHRHEIT, WENIGER BIOCHEMIE

Man kann auch die Frager aufwerfen, ob die Rolle der Neurowissenschaften und der verhaltensbezogenen Psychologie (der ich im übrigen sonst auch stark anhänge), im Kontext der Meditation nicht überschätzt wird. Sicherlich, es kann nicht schaden, psychologische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen, aber das, was das individuelle Erleben auszeichnet, liegt weit außerhalb einer empirischen Datenerfassung. Wenn ich mich dafür interessiere, welche emotionalen und begrifflichen Wirkungen ein Computerspiel auf Jugendliche hat, dann werde ich keine großen Erkenntnisse erhoffen dürfen, wenn ich die Ladungszustände in den Computerchips messen würde (was mit erheblich größerer Genauigkeit möglich ist als Messungen an ca. 80 Milliarden lebenden Neuronen (plus der vielen Milliarden unterstützenden Zellen)). Statt also diffuse Erregungszustände von riesigen Zellverbänden zu kartieren, die im Detail viele Millionen unterschiedliche Funktionen haben können, wäre es vielleicht wichtiger, die individuellen Erfahrungen selbst systematisch zu beschreiben.

MENSCH NUR BIOCHEMIE?

Angesichts der heutigen an Intensität zunehmenden Diskussion, ob die immer leistungsfähiger werdenden intelligenten Maschinen auf Dauer den Menschen ersetzen und überflüssig machen werden, wäre es nicht unerheblich, ob es sich beim Menschen auch ’nur‘ um eine biochemische Maschine handelt, deren biochemischen Zustände sich durch Drogen und Techniken (auch Meditationstechniken) beliebig manipulieren lassen, oder ob wir es hier mit einem komplexen Lebensprozess zu tun haben, dessen konkrete Ausprägungen in den verschiedenen Lebensformen bis hin zum homo sapiens ein Mehr an Bedeutung in sich tragen, das sich durch biochemische Erbsenzählerei sicher nicht erfassen lässt.

FAZIT
Trotz aller kritischen Anmerkungen finde ich das Büchlein lesenswert, man sollte aber in eine intensive Diskussion über die hier angedeuteten Fragen einsteigen.

PS:

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

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