PLANET SOFTWARE, REISE ZUM. Philosophisch, Poetisch, …

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 31.Okt. 2017
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Autor: cagent
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Grundgedanke

Als Christoph Columbus auszog, um einen neuen Seeweg nach Indien zu finden und 1492 dann auf den Bahamas landete, hatte er einen neuen Kontinent entdeckt, ohne es zunächst zu merken. Als der Planet der Zellen in Gestalt des homo sapiens den Planet der Software erschuf, bemerkte er lange nicht –heute immer noch nicht? — dass er etwas völlig Neues geschaffen hatte…

Kultureller Tiefschlaf

In einem vorausgehenden Artikel mit der Überschrift „Eine Buchmesse für Programmierer?“ hatte ich etwas spielerisch, leicht ironisch, dann doch auch irgendwie bissig, die Frage aufgeworfen, warum die Milliarden, eher Billionen von Zeilen Code, die die Programmierer dieser Welt bislang hervorgebracht und damit unsere Welt alltäglich real nachhaltig verändert haben, warum diese sich nicht irgendwie und irgendwo im Selbstverständnis der heutigen Kultur wiederfinden.

Die Opernhäuser und Theater dieser Welt, die Feuilletons der Zeitungen, die kulturellen Einsprengsel von Radio und Fernsehen, die Lehrbücher in den Schulen, die Vorlesungen an den Universitäten, sie alle gehen über das globale, alles durchdringende Phänomen der Software-Werdung unseres Lebensraumes hinweg, als ob es uns als Menschen, als homo sapiens, eigentlich gar nicht berührt. Noch immer haftet der Software, den Programmen, den Algorithmen, den Computern eher etwas Negatives an, etwas Schmuddelhaftes; die Programmierer werden mit dem Klischee der ‚Nerds‘ verbunden; merkwürdige Wesen, stark autistisch, Fachidioten, asozial, Kaffeetrinker, …

Während die mittlerweile größten Konzerne dieser Welt (USA, China, ..) Softwarekonzerne sind, mit Software das meiste Geld verdient wird, Programmierer zu den am meisten gesuchten Mitarbeitern zählen, feiert sich die Kultur — fast schon sub-kulturell — mit alten Worten, alten Gedanken, und ergötzt sich in immer neuen alten Varianten an Themen, die tausende Jahre alt sind, ohne zu bemerken, dass die Welt einen evolutionären Umbruch erlebt, wie er nur alle paar Milliarden Jahre stattfindet.

Digitalisierung ist das falsche Wort

Ja, natürlich, unsere Medien, unsere Zeitungen sind voll von Wortspielen der Digitalisierung. Seit der Cebit 2016 hat die Formel von der Digitalisierung, dem Digitalen Wandel, der künstlichen Intelligenz Besitz ergriffen von den Medien. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht — z.B. in der FAZ — drei, fünf und mehr Artikel in einer Tagesausgabe vorkommen, die alle mit der Digitalisierung zu tun haben. Aber was sagt das eigentlich ‚Digitalisierung‘?

Der Begriff der Digitalisierung assoziiert das ‚Digitale‘, das ‚Binäre‘; für die meisten verbindet sich damit die Vorstellung von Nullen und Einsen, die als Metapher dafür stehen, wie die Wirklichkeit der Welt und der Gedanken in ein Format transformiert wird, das jedem alt-weltlich kulturell geprägten Menschen den Schauder über den Rücken treibt. Wunderbare Gedanken, Poesie, Geistiges, Gefühle, herunter transformiert auf Einsen und Nullen — ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ist das nicht wider-geistig? Ist das nicht die Beerdigung von allem, was uns heilig war und heilig ist?

Mit dieser Vorstellung von Digitalisierung hat man es in der Tat schwer, erscheint es unmöglich, einen ‚Sinn‘ zu erkennen, der das Menschenbild, das wir in unserer alt-weltlichen Kultur pflegen, mit solch einem Digitalen irgendwie versöhnen könnte.

Code und Codeumsetzer

Tatsächlich ist das ‚Binäre‘ genauso unwesentlich für das Phänomen, das wir ‚Digitalisierung nennen, wie der chemische Charakter der DNA-Moleküle unwesentlich ist für das Phänomen, das wir ‚biologisches Leben‘ nennen.

Die sogenannt ‚Erbinformation‘, der ‚genetische Code‘, wie er in Form von chemischen Molekülen in dieser Welt vorkommt, ist für sich genommen weder ein Code, noch irgendwie wirksam. Ein Molekül wird nur dadurch zu einem ‚Code‘, der potentiell Informationen repräsentiert, wenn es eine ‚Maschinerie‘ gibt, die dieses Molekül ‚als Code‘ nimmt und durch diese ‚Interpretation‚ des Moleküls chemische Prozesse anstößt, deren Endergebnis neue Moleküle sind, die sowohl das ursprüngliche DNA-Molekül enthalten (mit leichten Veränderungen), wie auch zusätzlich um dieses DNA-Molekül herum ein Milliardenfaches Netzwerk von anderen Molekülen, die grundlegende Funktionen ermöglichen, die wir salopp ‚Leben‘ nennen.

Dass der chemische Charakter jener Moleküle, die als ‚Informationstragend‘ angesehen werden, unwesentlich ist, kann man schon daran erkennen, dass ein technisches Computerprogramm ja in vielen Formen vorliegen kann: als geschriebener Text auf dem Papier, als physikalisch-chemische Zustände auf einem Datenträger, als Loch in einer Lochkarte, als elektromagnetische Welle im Funknetz, als eine Menge von elektrochemischen Zuständen in einem Netzwerk von Gehirnzelle … auch als chemisches Molekül, dessen chemische Eigenschaften ‚ausgelesen‘ und als ‚Code interpretiert‘ werden.

Aber auch im Falle eines Computerprogramms ist die Eigenschaft, ein ‚Code‘ zu sein, irgendwelche ‚Informationen‘ zu tragen, nicht im Material selbst gegeben, sondern durch eine Interaktionsbeziehung zu einer anderen ‚Instanz‘, die in der Lage ist, die materiellen Eigenschaften des ‚Code-Trägers‘ in einen ‚Kontext‘ ‚einzuordnen‘, durch den diese materiellen Eigenschaften eine ‚Zuordnung‘ erfahren, die andere Zustände oder Prozesse ‚hervorruft‘.

So wie das DNA-Molekül durch ‚andere Moleküle‘ (im Kern ein Molekül, das ‚Ribosom‘ genannt wird) in neue Moleküle ‚übersetzt‘, ‚transformiert‘ werden muss und im Ablauf dieser Übersetzungsprozesse die ‚Realität von Information (Code)‘ manifestiert wird, so muss jedes Computerprogramm von einem ‚Übersetzer‘ in jene ‚Ereignisse‘ (Klang, Bild, Geruch, Motoraktivität, …) übersetzt werden, durch die die ‚Wirkung des Programms‘ erfahrbar wird. Es ist der Übersetzer, der einem Stück Material den Status von ‚Information‘ verleiht, das Material zu einem ‚Code‘ macht!

Die strukturelle Entsprechung zwischen dem Paar (Molekül als Informationsträger, Molekül als Übersetzer) sowie (Material als Informationsträger, Maschine als Übersetzer) ist direkt. Letztlich ist es die gleiche Struktur. Mathematisch eine 1-zu-1-Abbildung.

Was wir heute erleben ist also weniger eine ‚Digitalisierung‘ als vielmehr eine ‚Algorithmisierung‘ unserer Welt ermöglicht durch Maschinen, die wir ‚Computer‘ nennen. Und so wie Zellen mit ihren DNA-Molekülen und ihren Übersetzer-Molekülen sich selbst kopieren und verändern können, so können Algorithmen zusammen mit Computern in einer entsprechenden Umwelt sich selbst kopieren, sich selbst erweitern, die Welt — wie wir es täglich erleben — nachhaltig verändern.

Symbiosen

Was den wenigsten Menschen bewusst ist, ist die Tatsache, dass ein einzelner Mensch (aber auch ein einzelnes Tier, jede Pflanze) eine Lebensgemeinschaft von galaktischen Ausmaßen repräsentiert.

Wir sind gewohnt uns Menschen als Individuen zu erleben und zu verstehen, die einen Körper haben, der als der eine Körper bestimmte Eigenschaften besitzt (Größe, Form, Farben, Gerüche, …), über bestimmte Funktionen verfügt (sich bewegen, ruhen, reden, schreiben, essen, …).

Uns ist in der Regel nicht bewusst, dass dieser Körper einen Verbund von lauter einzelnen Zellen darstellt, eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von autonomen Individuen. Jede Zelle ist autonom, ist ihr ‚eigenes Leben‘, die über Austauschbeziehungen mit anderen Zellen oder der Umwelt ihre Lebensfunktionen erhält. Und das sind viele, sehr viele. Nach neuesten Schätzungen besteht ein einzelner menschlicher Körper aus ca. 37 Billionen (= 10^{12) Körperzellen, dazu ca. 100 Billionen Bakterien im Körper, und nochmals ca. 224 Milliarden (= 10^{9) Bakterien auf der Haut.  Dies macht ca. 261 Billionen Zellen insgesamt aus. Nimmt man als Größe unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße, einen geschätzten Wert von (Durchschnittsbildung verschiedener Angaben) von ca. 300 Milliarden Sonnen an, dann entspräche die Lebensgemeinschaft, die ein einzelner menschlicher Körper repräsentiert, etwa 870 Galaxien im Format der Milchstraße. Das ist eine Größenordnung, die sich unserer menschlichen Vorstellungskraft entzieht.

Schlägt man medizinische Lehrbücher auf — Physiologie, Neurologie, Nephrologie, Immunologie, … –, dann kann man erahnen, wie komplex die Abläufe im Körper sind, so komplex, dass die heutige Medizin sie bislang immer noch nur sehr partiell, sehr fragmentarisch versteht. Und dieses unfassbar komplexe ‚Gesamtkunstwerk‘ menschlicher Körper wird realisiert von einer unfassbar großen Menge einzelner Individuen, von denen jedes einzelne nichts von alledem ‚weiß‘, es tut seinen ‚Job‘ im Kontext ‚für sich‘, und doch ‚passt‘ es zusammen. Kann man das verstehen? Muss man das verstehen? Sollten wir das verstehen?

Geist

Das Wort ‚Geist‘ löst bei Naturwissenschaftlern eine Abwehrreaktion hervor, bei Geisteswissenschaftlern und Künstlern (und Theologen?) eher ein positives Gefühl.

Während sich für einen Geisteswissenschaftler im Begriff ‚Geist‘ alles Besondere versammelt, was sich im Laufe der Jahrtausende an besonderen menschlichen Eigenschaften gezeigt hat, insbesondere seine ‚geistigen‘ Eigenschaften (Sprechen, Lieben, Glauben, Hoffen, Denken, Erinnern, schöpferisches Tun, Willen, …), hat der Begriff ‚Geist‘ (in seiner klassischen Deutung) für einen Naturwissenschaftler einen eher provozierenden Charakter. Er entzieht sich beim ersten experimentellen Zugriff einer empirischen Analyse, ist ein ‚Nicht-Gegenstand‘, erscheint als ‚Chimäre‘ die für alles herhalten muss, für das wir keine empirische Erklärungen haben.

Moleküle erklären keine Zelle

Und doch, ein menschliches Individuum stellt eine Lebensgemeinschaft von Billionen von autonomen Individuen dar, deren Zusammenwirken in ihrer Gesamtheit als ‚Körper‘ ein Phänomen darstellt, das sich in dieser Gesamtheit nicht angemessen nur durch Rückgriff auf seine Bestandteile, den Zellen, beschreiben lässt. Der Rückgriff auf die Billionen von einzelnen Zellen, die bei einer einfachen Armbewegung beteiligt sind, kann weder die ‚Armbewegung‘ als solche beschreiben, noch den Gesamtprozess der Bewegung.

Im Prinzip findet sich dieses ‚Problem der Beschreibungsebene‘ auch schon bei einer einzelnen Zelle. Die Milliarden von Molekülen, die eine einzelne Zelle ausmachen, sind ebenfalls individuelle Einheiten, die individuell physikalisch-chemische Eigenschaften besitzen und spezifischen Verhaltensregeln unterliegen. Ein einzelnes Molekül wird immer nur das tun, was es kann, nie etwas anderes. Ein einzelnes Molekül hat kein ‚Wissen‘ von seiner Umgebung, von anderen Molekülen, dennoch steht es mit anderen Molekülen in Wechselwirkungen, bildet spezifische Muster, Strukturen aus, die in ihrer Gesamtwirkung zu ‚Zellen‘ führen können, die hochkomplexe interne und äußere Prozesse ermöglichen. Schon der Versuch, das ‚Gesamtverhalten‘ einer einzelnen Zelle zu beschreiben (Siehe z.B. das internationale Standardwerk über die Zelle Alberts et.al. (2015)) kann nicht gelingen, wenn man dies durch Rückgriff auf die beteiligten Moleküle tun möchte. Ein einzelnes Molekül folgt ganz anderen Gesetzen als der Gesamtverband, der die Zelle konstituiert. Erst im Zusammenwirken von vielen einzelnen Molekülen ergeben sich Strukturen und Prozesse, die eine neue Art von Funktionen ermöglichen, die erst unter Voraussetzung all dieser Moleküle in einer ganz bestimmten Anordnung möglich werden. So gesehen ist eine Zelle als dieser spezifische Verbund von Molekülen in einer bestimmten Umgebung, tatsächlich eine ’neue Art von Realität‘, eine neue Art von ‚Input-Output System‘, das man nur beschreiben und verstehen kann, wenn man diese Gesamtkonstellation als eine ‚funktionelle Einheit‘ begreift.

Allerdings, sowohl unsere Sprache wie auch unser menschliches Denken tut sich schwer, mit solchen ‚komplexen Entitäten‘ umzugehen. Schon bei einer einzelnen Zelle erleben wir eine ‚Dynamik‘, die das ‚Verhalten der Zelle‘ repräsentiert. Welche ‚Realität‘, welches ‚Sein‘ (Philosophensprech) wollen wir dieser beobachtbaren, statt habenden Dynamik zusprechen? Worauf lässt solch eine Dynamik schließen? Eine Zelle hat ja kein ‚Gehirn‘, nach landläufiger Auffassung auch kein ‚Bewusstsein‘. Was ‚in‘ der Zelle ist dann ‚verantwortlich‘ für diese Dynamik? Was ‚verursacht‘ diese Dynamik, wenn doch die einzelnen Moleküle für sich keinen ‚Plan‘ haben und haben können? Wie kann ein Verband von Molekülen eine ’sinnvolle‘ Aktion des ganzen Verbandes ermöglichen, wenn doch die einzelnen Mitglieder dieses Verbandes weder von den anderen Molekülen geschweige denn von der Umgebung des Verbandes irgend etwas ‚wissen‘?

Über diese Frage(n) schweigen sich die naturwissenschaftlichen Bücher aus. Es ist eine Frage, auf die auch die Philosophie, speziell auch in der Ausprägung als Wissenschaftsphilosophie, bislang noch nichts wirklich Erhellendes hervorgebracht haben. Zwar gibt es bei einigen die These, dass man die Besonderheiten des Verhaltens einer großen Einheit nicht auf die Eigenschaften der einzelnen Bestandteile reduzieren kann (gegen den ‚Reduktionismus‘), oder die Formulierung, dass wir es hier mit ‚Emergenz‘ zu tun haben, aber was sagen diese Formulierungen letztlich? Wirklich ‚Erklären‘ tun sie nichts. Sie konstatieren nur, dass es hier Phänomene eines dynamischen Verhaltens gibt, das man nicht durch Rückgriff auf die Bestandteile des Systems befriedigend erklären kann. Was aber heißt dies?

Beziehungen Mathematisch

Rein logisch führen diese Phänomene und ihre unbefriedigende Erklärung zu der Überlegung, dass (Hypothese) zwei Einheiten A und B, die für sich eine bestimmte Eigenschaft X nicht zeigen, wenn sie aber ‚interagieren‘, diese Eigenschaft X zeigen, offensichtlich in diesem Zusammenwirken eine neue Verbund-Realität verkörpern, der diese neue Eigenschaft X als Eigenschaft (Funktion) zukommt..

In der Mathematik ist dies ein ganz normaler Sachverhalt. Wenn ich eine Art von Objekten habe {A,B}, die jedes für sich, die Eigenschaft X nicht hat, aber zusammen, dann wird zwischen diesen Objekten, Eigenschaften, eine ‚Beziehung (Relation)‘ angenommen, im speziellen Fall sogar eine ‚Funktion‘, geschrieben B : {A,B} —->{X}, oder dann auch B(A,B) = X. In der Mathematik sind die ‚Beziehungen/ Relationen/ Funktionen‘ der eigentliche Gegenstand der Betrachtung. Ohne Beziehungen gibt es eigentlich gar nichts. Andererseits setzt jede Beziehung Objekte voraus, anhand deren sie sich ‚zeigen‘ kann. Objekte sind eine Art ‚Medium‘, ‚Katalysator‘, die man zwar braucht, die aber nur eine Art ‚Vehikel zum Zweck‘ sind, um das ‚Eigentliche‘, nämlich die ‚Beziehung‘, die ‚Funktion‘, sichtbar zu machen.

Und obgleich wir aus der Mathematik wissen, dass die gleichen Objekte unterschiedliche Beziehungen haben können (zwei Zahlen kann ich addieren oder subtrahieren oder multiplizieren oder …), wissen wir auch, dass komplexere Beziehungen nur möglich sind, wenn man sehr viele, z.T. unterschiedliche, Objekte zur Verfügung hat.

Angewendet auf biologische Objekte heißt dies, dass die Kooperation von Molekülen nicht nur unterschiedliche Zelltypen mit unterschiedlichen Funktionen hervorbringen konnten, sondern auch Zellverbände, die, je nach Anordnung, ganz unterschiedliche komplexe Strukturen mit unterschiedlichem Verhalten zeigen können (unterschiedlicher Mikroorganismen, unterschiedlich Pflanzen, unterschiedliche Tiere, …).

In diesem Sinne bildet das manifeste beobachtbare Verhalten eine Realität, die wesentlich etwas von den Eigenschaften des hervorbringenden Molekül- bzw.. Zellverbandes repräsentiert. Auch wenn das einzelne individuelle Element diese Eigenschaft des ganzen Verbandes nicht zeigen kann, so geht das einzelne Element in dieser spezifischen Verbindung doch konstitutiv ein, da gerade in dieser Verbindung eine Eigenschaft sichtbar wird, die nur in dieser spezifischen Verbindung sichtbar werden kann. Es ist dann die spezifische Verbindung, die als ‚Träger‘, ‚Inhaber‘, ‚Katalysator‘ … dieser dann manifest werdenden Eigenschaft wirksam wird.

In der Mathematik gibt es, wie erwähnt, hierfür den Begriff der ‚Beziehung, Relation, Funktion‘ als mathematischen Grundbegriff. Man muss ihn in jeder mathematischen Theorie voraussetzen, kann ihn nicht von irgend etwas anderem ‚ableiten‘. Nur unter Annahme der allgemeinen Gültigkeit der Sinnhaftigkeit von ‚Beziehung, Relation, Funktion‘ als Grundgegebenheit sind mathematische Strukturen möglich, können wir denken, können wir mit solch einem Denken Wirklichkeit beschreiben und — partiell — erklären.

Der Atem als ‚Geist‘

Und damit sind wir bei der antiken griechischen Philosophie, die aufgrund der speziellen Verhaltensmerkmale des Menschen (Dynamik des Verhaltens, Hinweis auf eine zugrundeliegende Funktion, ..) vom erlebbaren ‚Atmen‘ (griechisch ‚pneo‘) auf den verursachen ‚Wind‘ (griechisch ‚pneuma‘) schloss, der als ‚Ermöglichung des Lebens‘ interpretiert wurde, weil Menschen (und Tiere), die nicht mehr atmen, ‚tod‘ sind. In Verlängerung dieses Gedankens wurde der Leben-Ermöglichende Wind zur ‚Erfahrung des Geistes ‚ (Inspiration durch Gott), zum ‚Geist‘, durch den sich das Leben und das Göttliche uns Menschen mitteilt.

Von heute aus betrachtet kann man diese ‚Überhöhung‘ eines natürlichen Phänomens (Atmen, Wind, Leben bei Atmung, …) ’naiv‘, ‚animistisch‘ finden, aber mit Blick auf unsere anhaltenden Erklärungsschwierigkeiten angesichts manifester Fakten von komplexen Funktionen, sollten wir mit diesem Urteil einer ‚Naivität des Denkens‘ zurückhaltend sein. Letztlich haben wir heute die gleichen komplexen Phänomene, die wir ‚emergent‘ nennen, tatsächlich damit aber keine wirkliche Interpretation bieten. Manifest ist, dass wir es mit ‚Realitäten‘ zu tun haben, mit komplexen Funktionen auf der Basis komplexer materieller Strukturen, die extrem komplexe Interaktionsmuster zeigen. Und diese Interaktionen sind nur möglich bei spezifischen Konstellationen, bei Beziehungen, bei Kooperationen. Man könnte sogar sagen, das Wesentliche an allen biologischen Phänomenen sind die immer komplexeren Kooperationen.

Planet Software

Im Heute, im Jahr 2017, haben die Menschen die Entwicklung von Computern und Software soweit voran getrieben, dass nicht nur Billionen von Zeilen von Code existieren und am ‚Wirken‘ sind, sondern wir Menschen stehen auch in zunehmend andauernden Interaktionen mit dieser Software, die über die Computer wirksam ist, stattfindet, wahrnimmt, antwortet, reagiert, handelt, verändert, … Unser menschliches Verhalten ‚vermischt‘ sich mit dem computer-ermöglichten Verhalten der Software. Wir stehen miteinander und mit der Welt in einer Beziehung, die mehr und mehr durch Einbeziehung des Verhaltens der Software stattfindet. Die Software macht es möglich, dass Menschen, ihre Gefühle und Ideen, über tausende von Kilometern in Sekundenbruchteilen hin- und her-wandern können, dass ‚tote Objekte‘ aus vorausgehenden Zeiten für uns zu ‚Informationen‘ werden können, dass wir mit Menschen kommunizieren und handeln können, die ohne dies alles für uns unerreichbar wären.

In dieser neuen, durch Computer-Software ermöglichten Beziehungswelt, werden Sachverhalte beliebig gestaltbar, veränderbar. Wir selbst können uns durch digitale Repräsentationen (Avatare, ..) vertreten lassen; unsere Bilder können aufgehübscht oder verzerrt werden; wir können Dinge wissen, die wir nur über den Verbund wissen können (Wikipedia, ..), Dinge denken, die ohne Computer gar nicht ausdenkbar wären (komplexe mathematische Rechnungen, Simulationen, verteilte Rollenspiele mit aktiver Szenariumsunterstützung, …)

Was zeigt dies alles? Gibt es in Analogie zum griechischen Pneuma-Denken einen neuen Supergeist, der nicht nur atmet, sondern elektrische Ströme benutzt? Was zeigt sich in diesem neuen ‚Superorganismus‘ computer-gestützte-vernetzte Menschheit?

Der Planet der Atome-Moleküle hat sich den Planet der Zellen geschaffen. Innerhalb des Planeten Zellen gibt es die spezielle Teilform homo sapiens. Der Planet homo sapiens hat den Planet Software erschaffen, der jetzt alle neu vereinigt zum nächsten Superorganismus.

Ca. 7 Milliarden Menschen sind zwar noch verschwindend wenig verglichen mit den 260 Billionen Zellen eines einzelnen menschlichen Körpers, aber ein neuer Aggregationsprozess ist unübersehbar. Er hat etwas Magisches: keiner kann sich ihm als einzelner entziehen! Wer nicht mitmacht ist einfach ‚draußen‘; die einzelnen haben keinen nennenswerten Einfluss; sie sind selbst Getriebene des Prozesses. Wenn sie sich entziehen wollen, werden sie vom Prozess ins gesellschaftliche Nirwana geschleudert werden. Dies gilt auch für Manager oder Staatsführer).

Der Planet Software erscheint wie eine neue Evolutionäre Stufe, eine neue Form von komplexer Interaktion, die die gleichen Mechanismen benutzt, die schon der Planet Atom-Molekül benutzt hat, um den Planet Zellen zu schaffen, und der Planet Zellen den Planet homo sapiens. Die Grundstrukturen sind mathematisch die gleichen. Ein moderner Computer funktioniert genauso wie ein Ribosom, das DNA-Moleküle verarbeitet ….

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren ‚Dynamisches Wissen (KI)‘ und ‚Mensch Maschine Interaktion (MMI)‘. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen (‚Geist‘), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche ‚Sinn‘ von ‚Leben‘ im ‚Universum‘. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe …

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