Kognitive Ungleichzeitigkeit, – Distanz, Kognitiver Widerstand, und regellose Wörter. Eine Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 24.Oktober 2020
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

Letzte Änderung: 25.Oktober 2020, 12:20h

ÜBERBLICK

Man kann das Weltgeschehen beispielhaft aus der Perspektive des Wissens betrachten, das sich in den einzelnen Gehirnen vorfindet. Einige Wissenschaften sprechen in diesem Fall auch von der kognitiven Dimension. Im folgenden Text soll der Blick auf solche Phänomene gelenkt werden, die wir als Kognitive Ungleichzeitigkeit, als Kognitive Distanz oder als Kognitiven Widerstand bezeichnen können. Dies in Beziehung gesetzt zu der Art und Weise, wie wir die Wörter unserer Sprache mit Bezug auf die Welt benutzen. Im Text wird der Fall der regellosen Wörter betrachtet.

KOGNITIVE UNGLEICHZEITIGKEIT

Im Zusammenhang mit den Wahlen in den USA am 3.November 2020 kann man von außerhalb der USA den Eindruck gewinnen, dass die potentiellen Wähler stark divergierende Weltbilder mit sich herumtragen, was sich darin ausdrückt, dass sie den Zustand ihres Landes, die Beziehungen der USA zu anderen Staaten und das Verhalten des amtierenden Präsidenten nicht nur unterschiedlich, sondern vielfach geradezu konträr beurteilen. Ich bin kein Spezialist für die USA. Aus verschiedenen Dokumentationen über die eher ländlichen Gebiete, die weitgehend als Anhänger des amtierenden Präsidenten gelten, und aus verschiedenen Beiträgen über diese Wähler, in denen jeweils die potentiellen Wähler selbst zu Wort kamen, konnte man den Eindruck gewinnen, dass es sich überwiegend um ‚ganz normale Leute‘ handelt, keineswegs auffällig extrem oder radikal, sehr stark evangelikal geprägt, sehr familienorientiert, denen das Leben in den eher städtischen Regionen und das dort herrschende Lebensgefühl eher fremd erscheint, konträr zu ihrem ländlich-evangelikalem Weltbild. In sich ’stimmig‘ und menschlich verständlich steht dieses Weltbild aber in mittlerem bis starkem Kontrast zu Weltbildern in den eher Großstädtisch, technisch und Finanzmarkt-geprägten Weltbildern anderer Regionen. Welches dieser Weltbilder ‚besser‘ ist als das andere steht hier nicht zur Debatte; zur Debatte steht das Faktum der parallelen Existenz der unterschiedlichen Weltbilder. Das evangelikale führt sich zurück auf eine Zeit bis vor 2000 Jahren, das Städtische-technische-finanzmarktmäßige hat eine kürzere Geschichte.

Neben den evangelikalen Weltbildern gibt es z.B. auch muslimische Weltbilder, jüdische, hinduistische, buddhistische, dazu die unterschiedlichen Weltbilder der Ureinwohner, alle mit einer langen Geschichte, die in der Folgezeit um viele neuere Weltbildern ‚ergänzt‘ wurden.

Schaut man in andere Länder unserer Erde findet man dies auch, und zwar in jedem Land.

Wenn man nicht vorschnell eine große Bewertung startet, dass das eine ‚besser‘ sei als das andere, haben wir zunächst einmal die Sachlage einer großen Verschiedenheit, die aus unterschiedlichen historischen Prozessen gespeist wird.

KOGNITIVE DISTANZ

Psychologen — und andere empirische Disziplinen — haben zahllose Techniken entwickelt, wie man die Inhalte dieser Weltbilder messen und quantifizieren kann. Dadurch kann man sowohl ein Maß für die Verschiedenartigkeit entwickeln wie auch, darauf aufbauend, ein Maß für die Distanz zwischen verschiedenen Weltbildern. So besitzen z.B. jüdisch-christlich-muslimische Weltbilder eine größere inhaltliche kognitive Nähe als z.B. eines dieser Weltbilder mit dem Buddhismus, oder ein modernes naturwissenschaftlich motiviertes Weltbild zu einem evangelikal motivierten Bild.

Auch hier, wohlgemerkt, folgt daraus keine ‚Bewertung‘ eines ‚Besser‘ oder ‚Schlechter‘. Zunächst einmal sind diese Weltbilder verschieden in unterschiedlichem Ausmaß. Es gibt ja auch Weltbilder die wir als ’sozialistisch‘ bezeichnen, als ‚kommunistisch‘, als ‚liberal‘ oder dergleichen.

KOGNITIVER WIDERSTAND

Unabhängig von einer Bewertung in ‚besser‘ oder ’schlechter‘ lässt sich allerdings beobachten, dass die kognitive Distanz zwischen zwei real existierenden Weltbildern nicht neutral zu sein scheint. Die Träger eines Weltbildes A, das eine kognitive Distanz zu Trägern eines Weltbildes B aufweist, tendieren sehr oft dazu, diese Distanz, die als Verschieden, Anders empfunden wird, negativ zu sehen, als abzulehnendes Weltbild, was unterschiedliche Formen der Abgrenzung bedeuten kann; im radikalen Fall werden die ‚anderen‘ verfolgt, unterdrückt, ausgelöscht (dazu kennen wir zahllose Beispiele aus der Gegenwart und Vergangenheit).

Das Paradoxe an solchen kognitiven Widerständen ist, dass es oft gar nicht klar ist, ob das als ‚anders‘ empfundene Weltbild tatsächlich falsch oder schlecht ist; es reicht, dass es anders ist. Entsprechend wird die eigene Position fast nie kritische untersucht; die eigene Position wird wie selbstverständlich als auf jeden Fall richtig vorausgesetzt. Eine Diskussion darüber, ob dies überhaupt stimmt, findet gar nicht statt bzw. wird sogar unterdrückt.

Warum gab es z.B. noch nie ein Konzil der Religionen mit der ernsthaften Absicht, aus den Unterschieden das Gemeinsame herauszufinden oder nach den Ursachen für die Verschiedenheit zu fragen, und, und, und? Warum gab es noch nie ein Konzil der Religionen mit jenen Wissenschaften, die sie ablehnen (z.B. evangelikale und Evolutionstheorie)? Unterschiede sind niemals absolut, immer relativ und geworden.

KOMMUNIKATION

In einer Welt mit vielen kognitiven Ungleichzeitigkeiten, mit vielen kognitiven Distanzen und mit vielen kognitiven Widerständen wäre die einzige Lösung der hier potentiell entstehenden Formen von Gewalt und wechselseitiger Unterdrückung eine alle einbeziehende Kommunikation mit einer entsprechenden Bereitschaft zum Verstehen und Lernen bei allen Beteiligten. Im Jahr 2020 kann man den Eindruck gewinnen, dass genau diese für alle notwendige offene und anteilnehmende Kommunikation stark notleidend ist, gekennzeichnet durch eine Vielzahl von Faktoren, die dies verhindern oder die Kommunikation verzerren.

REGELLOSE WÖRTER

Im Kern jeder Kommunikation steht eine Sprache, vorzugsweise die Muttersprache, die im Alltag funktioniert. Tatsächlich gibt es aber viele Regionen auf unserer Erde, in der mehr als eine Sprache den Alltag durchzieht. Dazu kommt, dass sich durch Machtstrukturen und/ oder Globalisierung dominante Sprachen herausgebildet haben, die neben oder sogar über der Muttersprache gesprochen werden müssen.

Eine Sprache zeichnet bestimmte Lautverbindungen bzw. bestimmte Zeichenverbindungen aus als die erlaubten Wörter der Sprache, und nach einer — weitgehend ungeschriebenen Grammatik — grammatisch akzeptable Sätze.

Schwieriger wird es mit den möglichen Bedeutungen von sprachlichen Ausdrücken. Diese werden in jeder Sprache ausgehend vom Alltag fallweise festgelegt, allerdings ohne aufgeschriebene Regeln, da man eine intendierte Bedeutung nur sehr bedingt explizit beschreiben kann. Die Bedeutungszuordnung findet jeweils im Kopf, im Gehirn eines Sprechers-Hörers statt, sie ist als solche unsichtbar, sie kann nur gewusst werden. Korreliert eine Bedeutungszuweisung mit empirischen Gegebenheiten zwischen den Körpern von Sprechern-Hörern kann man sich meistens über das ‚Gemeinte‘ einigen; handelt es sich dagegen um interne Zustände eines Bewusstseins, mit denen keine Sachverhalte außerhalb des Bewusstseins korrelieren, wird es schon schwierig. Durch ähnliche Körper- und Gehirnstrukturen gibt es möglicherweise indirekt Verstehensansätze. Bei abstrakten Bedeutungsstrukturen — wie z.B. bei Wörtern wie ‚Demokratie‘, ‚Freiheit‘, … — die sich auf eine offene Menge von Ereignissen, Fakten, Texten, Handlungen usw. beziehen, ist ein Verstehen wohl ohne längere Klärungsprozesse — wenn überhaupt — nur schwierig herstellbar.

Im Fall von Bezugnahmen auf die Erfahrungswelt, die mit dem Begriff Beobachtung und Messung arbeitet, haben wir gelernt, dass es sogar hier bei komplexen Sachverhalten — man denke an die moderne Physik — auch zu Grenzsituationen kommen kann, wo es schwierig ist, zu entscheiden, ob einem Begriff (Term) in einer Theorie tatsächlich noch etwas Messbares entspricht oder nicht.

Im Fall von sprachlichen Dialogen, in denen viel mit abstrakten Bedeutungsstrukturen gearbeitet wird — Fiktion, Literatur, Verschwörungstheorien … — kann man viel sagen, ohne dass in vielen Fällen eine wirkliche Klärung der intendierten Bedeutung möglich ist.

In einer Welt voller kognitiver Unterschiede und Widerstände erscheinen solche bedeutungsoffenen Dialoge oder Texte eher wenig hilfreich zu sein. Kreativität ist bis zu einem gewissen Grad überlebensnotwendig, aber mir kreativen bedeutungsoffenen Dialogen alleine lässt sich auf Dauer keine gemeinsame Welt organisieren.

WAS HEISST DIES NUN FÜR UNS IM ALLTAG?

Ein Verzweifeln an kognitiver Dissonanz und an bedeutungsoffenen Kommunikationen aller Art (speziell dann, wenn das Bedeutungsoffene faktisch zur Desinformation führt) ist kein Zwang, kein Determinismus. Solange es Leben auf dieser Erde gibt, gibt es eine grundlegende Freiheit, die nach konstruktiven Alternativen suchen kann.

Die Tatsache, dass in ca. 3.5 Mrd Jahren die einfachen Zellen der Anfangszeit durch Kooperation die unfassbar komplexen Zelluniversen komplexer heutiger Lebewesen — speziell auch des homo sapiens — hervorbringen konnten, deutet an, dass im Fall des Lebens auf der Erde erheblich mehr im Spiel ist als wir uns in unseren kognitiv stark behinderten Weltbildern vorzustellen vermögen. Mit den explosionsartig zugenommenen Freiheitsgraden einer Population von homo sapiens Lebensformen ist natürlich nicht nur die gestalterische Kraft gewachsen, sondern auch die Möglichkeiten des Scheiterns. Dennoch, mir scheint, die ‚Grammatik des Lebens im Universum‘ arbeitet ein bisschen anders als wir uns dies bislang eingestehen wollen. Wir lieben halt unsere Vorurteile, wir klammern uns an scheinbare Sicherheiten, die noch nie welche waren.

Das Leben erscheint mir um Dimensionen stärker als unsere Unfähigkeit, das aktuelle Optimum zu erreichen…

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstaltungen (z.B. 'Meditation als kulturelle Praxis' und 'Kommunalplanung und Gamification. Labor für Bürgerbeteiligung') widme ich mich weiterhin der Fertigstellung eines Buches zum integrierten Engineering (uffmm.org), zur Erstellung einer SW-Plattform für diese Theorie als Anwendung für eine 'Experimentelle generative Kulturanthropologie' (uffmm.org) und der Weiterentwicklung meines philosophischen Ansatzes (cognitiveagent.org).

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