Kategoriearchiv: Zeit

K.G.DENBIGH: AN INVENTIVE UNIVERSE — Relektüre — Teil 1

K.G.Denbigh (1975), „An Inventive Universe“, London: Hutchinson & Co.

WARUM DIES BUCH?

1. In meiner Lektüre zum Thema Thermodynamik bin ich mehrfach über den Namen Denbigh gestolpert. Ich habe dann versucht, ein Buch von ihm zu bekommen und wurde angezogen von dem Titel ‚An Inventive Universe‘, veröffentlicht genau 40 Jahre vor heute. Schon das Lesen der ersten Seiten erzeugte Hochspannung und so versuche ich hier, die Ideen von ihm, und was sie in mir angesprochen und ausgelöst haben, wieder zu geben und zu diskutieren. Das Besondere an diesem Buch scheint mir darin zu liegen, dass es zwar eine große fachliche Tiefe im Bereich der Thermodynamik ausstrahlt, zugleich aber eine Form von methodischer Bewusstheit und wissenschaftsphilosophischer Reflexion erkennen lässt, die eher selten ist. Solch Bücher sind geradezu kostbar. Außerdem schreibt er in einem gut lesbaren Stil.

ZUR ERKENNTNISTHEORIE DER ZEIT

Implizite Voraussetzungen der Zeitwahrnehmung bei Denbigh - Kap.1
Implizite Voraussetzungen der Zeitwahrnehmung bei Denbigh – Kap.1

2. Das vorausgehende Schaubild versucht, die wichtigsten impliziten Voraussetzung der Zeitwahrnehmung und des darauf aufbauenden Redens über die Zeit sichtbar zu machen, wie sie Denbigh in seinem ersten Kapitel aufdeckt. Wichtig: dies ist meine Interpretation von Denbighs Text; andere mögen in diesem Text anderes Aussagen herauslesen.

DAS JETZT

3. Das Reden über die Zeit enthält in jeder Sprache eine sehr reiche Ausprägung an sprachlichen Mitteln. Hier sei nur die zentrale Klassifizierung in ‚Jetzt‘ (’now‘), ‚Vorher‘ und ‚Nachher‘ aufgegriffen, die mit den Begriffen ‚Vergangenheit‘, ‚Gegenwart‘ und ‚Zukunft‘ korrelieren.

4. Von all diesen Aspekten kommt dem ‚Jetzt‘ eine besondere Rolle zu, da es den Ankerpunkt für alle anderen zeitlichen Einordnungen bildet. Ohne ein ‚Jetzt‘ gibt es kein ‚früher‘ und kein ’später‘.

5. Das ‚Jetzt‘, die ‚Gegenwart‘, ist Teil der subjektiven Wahrnehmung, die wiederum Teil des individuellen Bewusstseins ist. Im Schaubild sind die Anteile der bewussten Wahrnehmung dunkler dargestellt; alle andere ist im Prinzip empirisch beobachtbar (aber nicht vollständig, z.B. die auch nicht Gedächtnisinhalte).

6. Im ‚Jetzt‘ finden wir uns vor mit ‚Objekten‘, die ‚räumlich angeordnet‘ sind.

7. Wir wissen heute, dass unser Sinnesapparat die Repräsentation körperexterner Ereignisse in Zeitscheiben unterschiedlicher Länge zerlegt. Deren Inhalte können begrenzt weiter verarbeitet und ‚gespeichert‘ werden. Dies ist eine Form der Diskretisierung der Wirklichkeit, die es erlaubt, dass Zeitscheiben miteinander verglichen werden können.

8. Wir wissen ferner, dass die ‚Inhalte‘ der sensorischen Zeitscheiben im Rahmen ihrer möglichen neuronalen Verarbeitung letztlich unterschiedlich ‚abstrahiert‘ und miteinander ‚verrechnet‘ werden können. Grundsätzlich lassen sich verarbeitete Gedächtnisinhalte bezüglich ihres ‚Nacheinanders‘ in der Verarbeitung im begrenzten Umfang auch als ‚Vorher – Nachher‘ klassifizieren.

9. Aufgrund unserer Gedächtnisstruktur können wir individuell-subjektiv ‚Veränderungen‘ von einer Zeitscheibe zur nächsten in begrenztem Umfang feststellen. Subjektiv ist die aktuelle Wahrnehmung immer das Jetzt, wobei das Jetzt sich durch die Dynamik der Wahrnehmung kontinuierlich ‚verschiebt‘. Das, was ‚gerade jetzt‘ war ist im nächsten Moment ‚Vorher‘. Das ‚Jetzt‘ baut sich im Millisekundenbereich kontinuierlich immer wieder neu auf. So gesehen ist das Jetzt ein ‚dynamisches Jetzt‘, was kontinuierlich erzeugt wird (Bildhaft: wir haben eine Linie, auf der sich ein Punkt bewegt, und dieser Punkt ist unser Jetzt. Für und ist das Jetzt immer das ‚gleiche Jetzt‘, aber von außen betrachtet rennt das Jetzt durch einen Ereignisstrom, der als solcher veränderlich ist).

10. Durch den dynamischen Charakter des Jetzt wird alles, was ‚Gegenwart‘ war, in Millisekundengeschwindigkeit zur ‚Vergangenheit‘; schon Vergangenes wird ’noch mehr Vergangen‘; es ‚entfernt‘ sich vom Jetzt.

11. Während die gewöhnlichen ‚Objekte‘ im ‚Raum‘ uns unmittelbar gegeben scheinen, ist die ‚Veränderung‘ der Dinge etwas, was nicht direkt als Objekt, also nicht als ‚primäres Objekt‘, nicht als ‚körperexternes Objekt‘, vorkommt, sondern nur ‚indirekt‘, ‚abgeleitet‘ als Information, die aus dem Vorhandensein unterschiedlicher Zeitscheiben ‚herausgerechnet‘ wird. Das, was wir subjektiv als ‚Veränderung‘ phänomenal erleben, ist das Ergebnis neuronaler Aktivitäten ‚hinter dem Bewusstsein‘. Dieser Wahrnehmung von Veränderung ist konstitutiv für unsere bewusste Weltwahrnehmung der Welt (sie ist überlebensnotwendig, sie ist vorteilhaft), sie ist aber nicht direkt, explizit als primäres Objekt gegeben. Nur insoweit Menschen die gleiche Wahrnehmung von Veränderungen ‚in sich‘ ‚eingebaut‘ haben, können sie sich untereinander über Veränderungen in der Welt verständigen.

12. Wenn ein Mensch in einem bestimmten Augenblick auf einen Zettel schreibt: ‚Jetzt regnet es‘, und etwas ’später‘ hat es aufgehört, zu regnen, dann empfindet man den geschrieben Satz ‚Jetzt regnet es‘ als ‚falsch‘. Im aktuellen Jetzt regnet es nicht mehr (ein Beispiel aus Hegels Phänomenologie).

KÖRPEREXTERNE OBJEKTVE ZEIT

13. Will man solche Widersprüchlichkeiten verhindern, bräuchte man extern zur ’subjektiven Zeit‘ eine ‚körperexterne objektive Zeit‘, die es erlauben würde, Ereignisse ‚überindividuell‘ oder ‚invariant gegenüber dem individuellen Jetzt‘ markieren zu können. Um solche gemeinsame objektive individuell-invariante Zeitpunkte zur Verfügung zu haben, wurden schon sehr früh ‚periodische Prozesse‘ in der körperexternen Zwischenwelt identifiziert, die im Prinzip allen zugänglich sind, und die man daher für ‚Zeitangaben‘ nutzen konnte. Z.B. der Tag-Nacht-Rhythmus, die Jahreszeiten, der Mondzyklus, Ebbe und Flut, der Sonnenstand, usw. später entdeckte man mechanische Uhren oder chemische, physikalische Prozesse im Kleinen (atomare Prozesse, ‚Atomuhren‘), die man nutzen konnte. Körperexterne periodische Prozesse eignen sich somit als Produzenten periodischer Ereignisse, die man zählen kann, und mit denen man dann ‚Reihen von Zeitpunkten‘ repräsentieren kann, auf die sich jeder in gleicher Weise beziehen kann.

14. Solche Vorrichtungen zum Erzeugen und Zählen von periodischen Ereignissen nennt man eine ‚Uhr‘. Solange man ‚die gleiche Uhr‘ benutzt, benutzen alle die ‚gleichen Zeitangaben‘. Bei verschiedenen Uhren (heute auch bei verschiedenen Computern, die Informationen austauschen), muss man auf die angemessene Synchronisation achten. Dies kann zu einem erheblichen Problem werden, wenn die Signale, die man für die Synchronisierung benutzt, für ihre ‚Reise‘ selber ‚Zeit‘ brauchen. Dazu kommt die ‚Genauigkeit‘ einer Uhr: im Laufe der Zeit kann es Schwankungen geben in den Perioden, Abschwächungen; diese ‚verzerren‘ dann die Zeitangaben. Ferner wird es schwierig bei ‚großen Mengen‘ von ‚Zeitereignissen‘ (Wochen, Monate, Jahre, …). Wann fängt man an zu zählen? Wann ist das Jahr ‚0‘. Bevor es moderne Uhren gab, gab es schon zahlreiche unterschiedlich Kalender in unterschiedlichen Regionen dieser Welt. Diese wiederum wurde immer wieder durch ’neue Kalender‘ ersetzt. Jahresangaben sind daher immer relativ zum gültigen Kalender. Wie sich die Kalender untereinander verhalten, ist eine Wissenschaft für sich. Dazu kommt, dass große Perioden (Monate, Jahre) immer noch nach astronomischen Ereignissen gemessen werden. Diese astronomische Zeit muss mit der Zeit der technischen Uhren ‚abgeglichen‘ werden.

15. Wie man sieht, ist die Welt der ‚objektiven‘ Zeit ein komplexes Gebilde aus natürlichen und technischen periodischen Ereignissen mit unterschiedlichen Koordinierungen und Konventionen. Sofern es sie gibt, kann man sie dazu nutzen, die individuell-subjektive Zeit auf diese ‚objektive‘ Zeit abzubilden. Statt einfach zu schreiben ‚jetzt regnet es nicht‘ kann man dann schreiben ‚Am 24.September 2015 um 08:15h regnete es in Schöneck-Kilianstädten in der Strasse XYZ nicht‘ und wenige Minuten später könnte man schreiben ‚Am 24.September 2015 um 08:25h regnete es in Schöneck-Kilianstädten in der Strasse XYZ‘. Beide Sätze wären ‚wahr‘ mit Bezug auf den Ort und die Zeit und würden sich nicht widersprechen.

ZEIT UND GEDÄCHTNIS

16. Wie wir wissen, können wir (wenn unser Gedächtnis so funktioniert, ‚wie es üblich ist‘), vieles von dem, was wir aus einem individuell-subjektiven Jetzt in unser Gedächtnis ‚verschoben haben‘ (keine 1-zu-1 Abbildung!), wieder ‚erinnern‘. Wie zahlreiche psychologische Experimente zeigen, kann diese Erinnerung (sofern man sie mit unabhängigen historischen Zeugnissen vergleichen kann), von der ‚dokumentierten Realität‘ ziemlich weit abweichen (Die Bezugnahme auf sogenannte Zeitzeugen, speziell nach vielen Jahrzehnten vom tatsächlichen Ereignis entfernt, ist von daher ziemlich problematisch). Es ist daher sehr ratsam, dass alle diejenigen Ereignisse, die irgendwie für längere Zeit wichtig sind (Geburtsurkunden, rechtliche Vereinbarungen,…), ‚objektiv dokumentiert‘ werden, so dass man sie ’nachlesen‘ kann (jeder wird sicher schon die Erfahrung gemacht haben, das er/ sie, wenn man unverhofft auf alte Briefe, Fotos, Tagebuchaufzeichnungen oder dergleichen stößt, sich oft wundert, dass man dies geschrieben/ gedacht/ erlebt hat, etwas, das man eigentlich ‚vergessen‘ hatte und das einem im Nachhinein so ‚fremd‘ erscheint).

RELATIVITÄTSTHEORIE

17. In diesem Zusammenhang sei auch Einsteins Relativitätstheorie genannt (vgl. (Denbigh 1975:49)). Bezogen auf die Situation, dass ein Beobachter A von einem entfernten Ereignis X ‚informiert‘ werden möchte bzw. er dieses Ereignis beeinflussen will, gilt die – heute weitgehend akzeptierte – Annahme, dass alle Informationen nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit (299 792 458 m/s) ‚reisen
können. Abhängig vom Abstand D zwischen Beobachter A und Ereignis X benötigt die Information also einen bestimmte Zeit T(X,A)=txa. Hat der Beobachter eine endliche Lebenszeit von LT(A)=ta und ist ta < txa, dann wird der Beobachter niemals etwas von dem Ereignis X erfahren, da er nicht lange genug lebt. Andererseits, lebt der Beobachter A mit seiner kurzen Lebenszeit geraded dann, wenn die Informationen nach langer Reise bei ihm eintreffen, dann wird er ‚aktuell‘ über etwas informiert, was schon ’seit langer Zeit‘ nicht mehr existiert. Die aktuelle Wahrnehmung gaukelt also ein Ereignis X vor, das schon lange vergangen ist. Ferner, wenn wir einen Beobachter B haben, der viel näher am Ereignis X ist (Abstand D2, D2 < D1), dann hat dieser möglicherweise eine aktuelle Wahrnehmung von X, während A ’noch nichts von X weiß‘. Wenn B nun voller Begeisterung über seine Beobachtung von X eine Botschaft an A sendet, kann es sein, dass A , wenn die Information von B eintrifft, entweder noch gar nicht lebt oder schon gelebt hat. Falls B nah genug an A lebt, erreicht die Information A ‚zu Lebzeiten‘. Bei hinreichendem Abstand ist der ‚Ereignishorizont‘ von A und B jedenfalls verschieden. Das, was für B ‚aktuell‘ ist, existiert für A möglicherweise noch gar nicht oder nicht mehr, und umgekehrt. Sollten sich A oder B oder beide zusätzlich noch ‚im Raum bewegen‘, dazu mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, wird alles zwar etwas komplizierter, aber ändert nichts an den Grundtatsachen, dass Ereignisräume von Beobachtern an ihre relative Position, an ihre individuelle ‚Lebenszeit‘ sowie an die maximale Nachrichtengeschwindigkeit gekoppelt sind. Wenn ein Philosoph und Naturwissenschaftler wie Aristoteles irgendwann zwischen -384 und -322 etwas beobachtet, gedacht und aufgeschrieben hat, und jemand liest ca. 1500 Jahre nach ihm davon, dann ist dies auch eine Information, die zu einem Zeitpunkt ‚abgesandt‘ wurde, deren Ereignisse 1500 Jahre später ‚vergangen‘ sind; Gegenstände, Ortschaften, Menschen, Ereignisse seiner Beschreibung existieren nicht mehr; 2300 Jahre später erst recht nicht. Für uns sind die Texte von Aristoteles wie Nachrichten aus einer vergangenen, versunkenen Welt. Ohne die Texte wüssten wir nichts mehr von ihm und dem, was er beobachtet und gedacht hat.

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QUELLEN

1. Kenneth George Denbigh (1965 – 2004), Mitglied der Royal Society London seit 1965 (siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Fellows_of_the_Royal_Society_D,E,F). Er war Professor an verschiedenen Universitäten (Cambridge, Edinburgh, London); sein Hauptgebiet war die Thermodynamik. Neben vielen Fachartikeln u.a. Bücher mit den Themen ‚Principles of Chemical Equilibrium‘, ‚Thermodynamics of th Steady State‘ sowie ‚An Inventive Universe‘.

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AVICENNAS ABHANDLUNG ZUR LOGIK – Teil 5

VORGESCHICHTE

1. In einem ersten Beitrag AVICENNAS ABHANDLUNG ZUR LOGIK – Teil 1 hatte ich geschildert, wie ich zur Lektüre des Textes von Avicenna gekommen bin und wie der Text grob einzuordnen ist.
2. In einem zweiten Beitrag AVICENNAS ABHANDLUNG ZUR LOGIK – Teil 2 ging es um die Frage, warum überhaupt Logik? Avicenna führt erste Unterscheidungen zu verschiedenen Wissensformen ein, lässt aber alle Detailfragen noch weitgehend im Dunkeln.
3. Im Teil AVICENNAS ABHANDLUNG ZUR LOGIK – Teil 3 ging es um einfache und zusammengesetzte Begriffe, und bei den einfachen Begriffen um ‚individuelle‘ und ‚universelle‘. Schon hier zeigt sich der fundamentale Unterschied zwischen der antiken und der modernen-formalen Logik. In der antiken Logik wird die Ausdrucksebene E – und einer sich daran manifestierenden Folgerungslogik – immer in Verbindung mit einer zugehörigen Bedeutungsstruktur gesehen, die sich an einer Objektstruktur O festmacht. Die moderne formale Logik kennt zwar auch ‚Semantiken‘ und ‚Ontologien‘, diese sind aber ’sekundär‘, d.h. es werden nur solche ‚formalen Semantiken‘ betrachtet, die zum vorausgesetzten syntaktischen Folgerungsbegriff ‚passen‘. Dies sollte dann später an konkreten Beispielen diskutiert werden. Hier liegt der Fokus auf der antiken Logik im Sinne Avicennas.
4. Im nächsten Abschnitt VICENNAS ABHANDLUNG ZUR LOGIK – Teil 4 knüpft Avicenna an den zuvor eingeführten Begriff des ‚universellen‘ Begriffs an und betrachtet jetzt solche als ‚universell‘ bezeichneten Ausdrücke in einem Ausdruckskontext von aufeinanderfolgenden Ausdrücken . Alle diese Ausdrücke könnte man im Sinne der antiken Logik auch als ‚Urteile‘ bezeichnen, durch die einem bestimmten Ausdruck durch andere Ausdrücke bestimmte Bedeutungen (Eigenschaften) zu- oder abgesprochen werden. Hier unterscheidet er die Fälle eines ‚wesentlichen‘ Zusammenhanges zwischen zwei Begriffen und eines ’nicht wesentlichen‘ – sprich ‚akzidentellen‘ – Zusammenhangs.

BEGRIFFSINFLATION

5. Im nächsten Abschnitt führt er mindestens fünf neue technische Begriffe ein, deren Erklärung partiell unvollständig bleibt. Dies ist sehr schade. Aber, versuchen wir zu verstehen, was noch verstehbar ist.
6. Es sind die Begriffe ‚Genus‘ (Gattung?), ‚Spezies‘ (Art?), Differenz, allgemeine und spezielle Akzidens, und den Begriff ‚Kategorie(n)‘.
7. Er beginnt die Diskussion mit der ‚universellen Bedeutung‘, von der er behauptet, man könne hier 5 Typen unterscheiden (ohne sie direkt anzugeben). Drei Typen von universellen Bedeutungen seien ‚wesentlich‘ und zwei ’nicht-wesentlich‘, also ‚akzidentell‘.
8. Seine Erklärungen zu den ‚wesentlich universellen‘ Bedeutungen wiederholt in gewisser Weise das bislang Gesagte, indem er das Klassifizierungsmerkmal als Frage formuliert: ‚Zu welcher Art Y von Dingen gehört eine Entität X‘? Die Antwort wäre allgemein: ‚X ist ein Y‘, eventuell noch ergänzt um charakteristische Eigenschaften wie ‚Y ist/ hat/kann … Z‘. Letztlich ist dies, wie Avicenna feststellt, eine Definition, bei der etwas Neues (das X) durch Bezugnahme auf etwas schon Bekanntes (Y) erklärt wird. Y ist eine notwendige Voraussetzung für X.
9. Als Beispiel führt er u.a. an, Frage: ‚Was ist ein X=Mensch?‘, Antwort: ‚X=Mensch ist ein Y=Lebewesen‘ (‚animal‘).
10. Allerdings benutzt er auch Beispiele, die von dem ‚üblichen‘ Konzept eines Dings (einer ‚Entität‘ (engl.: ‚entity‘)) abweichen. Statt von ‚Mensch‘, ‚Kuh‘ und ‚Pferd‘ spricht er auch von ‚Schwarzheit‘, ‚Rotheit‘ und ‚Weisheit‘ bzw. auch von ‚Drei‘, ‚Fünf‘ und ‚Zehn‘.
11. Bedeutungen X = {‚Schwarzheit‘, ‚Rotheit‘, ‚Weisheit‘} beantwortet er mit Y=Qualitäten. Bedeutungen X = {‚Drei‘, ‚Fünf‘, ‚Zehn‘} beantwortet er mit Y=Zahlen.
12. Etwas später benutzt der die Bedeutungen ‚Substanz‘, ‚Qualität‘ und ‚Quantität‘ als universelle Begriffe für die ersten Beispiele, so dass man lesen kann/ muss Wenn X= {‚Mensch‘, ‚Kuh‘ und ‚Pferd‘}, dann Y= ‚Substanz‘, wenn X = {‚Schwarzheit‘, ‚Rotheit‘, ‚Weisheit‘} dann Y=Qualität, wenn X = {‚Drei‘, ‚Fünf‘, ‚Zehn‘} dann Y=Quantität.
13. Von den ‚wesentlichen universellen‘ Begriffen ‚Substanz‘, ‚Qualität‘ und ‚Quantität‘ sagt Avicenna, dass sie sich nicht weiter verallgemeinern lassen, d.h. wenn X=Substanz, dann gibt es kein allgemeineres Y, auf das sich dieser universelle Begriff zurückführen lässt (und entsprechend für X=Qualität‘ und X=Quantität). Deshalb nennt Avicenna diese universellen Begriffe, die wesentlich keinen anderen universellen Begriff mehr ‚über sich‘ haben, ‚Kategorien‘, ohne dass er diesen Zusammenhang explizit benennt; er tut es einfach.
14. Als Beispiele für ‚akzidentelle universelle‘ Begriffe führt er an, dass ‚fest‘ (engl.: ’solid‘) allgemeiner sei als ‚Lebewesen‘, aber spezieller als ‚Substanz‘; entsprechend sei ‚Zahl‘ allgemeiner als ‚gleich‘ (engl.: ‚even‘), aber spezieller als ‚Quantität‘. ‚Gleichheit (engl.: ‚eveness‘) sei allgemeiner als ‚vier‘, doch spezieller als ‚Quantität‘.
15. Dann führt er die Begriffe ‚Genus‘ und ‚Spezies‘ ein mit der Formulierung, dass dasjenige, das allgemeiner ist, die speziellere Spezies sei, und umgekehrt, dass dasjenige, was das speziellere Universelle ist, ist die allgemeinere Spezies. Diese Formulierungen sind nicht eindeutig.
16. Später sagt er noch, dass es Dinge gibt, die sowohl Genus und Spezies sein können oder Dinge, die nur Genus sind, und nicht unter irgendeiner Spezies sind.
17. Dann folgt die Feststellung, dass die Begriffe ‚Substanz‘, ‚Qualität‘ und ‚Quantität‘ kein Genus einer Spezies seien; unter ihnen befinden sich nur Instanzen wie ‚Mensch‘, ‚Schwarzheit‘ und ‚vier‘.
18. Aus diesen Beispielen folge die Natur einer Spezies, die kein Genus sein kann, sondern nur Spezies von allen Spezies, die ‚unter‘ ihr kommen.
19. Instanzen eines wesentlichen universellen Begriffs können sich durch akzidentelle Eigenschaften unterscheiden (z.B. angenommen {X1, X2} sind beide Y und X1 ist ’schwarz‘ und X2 ‚weiß‘ und ’schwarz‘. Dann ist die Eigenschaft ’schwarz‘ allgemeiner als X1 und X2, ’schwarz‘ kommt X1 und X2 nicht wesentlich, sondern akzidentell zu, kann aber differenzierend wirken.
20. Abschließend führt Avicenna noch folgende Beispiele an: Jeder universelle Begriff ist entweder Genus, so wie ‚Lebewesen‘, oder Spezies, so wie ‚Mensch‘, oder Differenz, so wie ‚die Fähigkeit zu Sprechen‘, oder ‚allgemein akzidentell‘ so wie ‚Bewegung‘, ‚Schwarzheit‘, ‚Weisheit‘.

INTERPRETATION- ANMERKUNGEN

21. War die Re-Lektüre und einsetzende Interpretation von Avicennas Text bis zu dieser Stelle relativ einfach, so zeigen sich jetzt erste Problemstellungen, die man nicht mehr so einfach ‚verworten‘ kann.
22. Einmal gibt es das Phänomen, dass er Begriffe einführt und benutzt, die nicht – zumindest auf einen ersten Blick – direkt erklärbar sind. Dann werden Zusammenhänge thematisiert, wo man sich die Frage stellen kann, ob er dies wirklich ‚gemeint‘ haben kann oder, falls ja, wie man damit umgehen will.
23. Dies gibt Gelegenheit, kurz ein paar Worte zum ‚Interpretieren‘ zu sagen. Ich werde dabei nicht auf die sehr umfangreiche Literatur zu diesem Thema eingehen (im Bereich Philosophie, Literatur und wissenschaftliche Bibelauslegung gibt es dazu nicht hunderte, sondern sicher tausende von Artikeln und Büchern. Einiges davon musste ich zu früheren Zeiten durcharbeiten). Ich beschränke mich hier auf jene Grundprinzipien, die ich hier anwenden möchte.
24. Die philologischen Fragen, ob die englische Übersetzung hier den arabischen Text korrekt wiedergibt, oder ob gar der arabische Text Überlieferungsfehler aufweist, kann ich hier nicht behandeln. Ich muss den Text nehmen, wie ich ihn vorfinde, und wenn sich für mich Unklarheiten ergeben, kann ich sie nur benennen und versuchen sie zu interpretieren.
25. Was die ‚Interpretation‘ (Auslegung, Deutung, …) des Textes angeht, so gibt es ja mindestens zwei verschiedene Ansprüche: (i) man will die ‚Bedeutung‘ rekonstruieren, die der Autor selbst mit dem verknüpft hatte (also eine Art ‚konservierende‘ Interpretation), oder (ii) man will die Bedeutung des Autors (des Textes) in einem anderen/ neuen Bedeutungsrahmen ‚rekonstruieren‘, ihn quasi von Bedeutungsraum R_Autor in den Bedeutungsraum R_Leser ‚übersetzen‘.
26. Beide Vorgehensweisen haben ihr Recht. Die ‚konservierende‘ Rekonstruktion ist idealerweise eigentlich der erste Schritt und die Voraussetzung für die ‚Neuinterpretation‘. Es ist aber eine offene Frage, ob ein Leser immer und überall über genau die Voraussetzungen in seinem Denken verfügt, dass er den ursprünglichen Bedeutungsraum R_Autor überhaupt eins-zu-eins rekonstruieren kann. Nach ca. 1000 Jahren, die uns von Avicenna trennen, ist es sogar ziemlich unwahrscheinlich, dass wir dies überhaupt noch können.
27. Hier, in dieser Rekonstruktion, werde ich erst gar nicht versuchen, den ursprünglichen Bedeutungsraum R_Autor zu rekonstruieren, da ich niemals wüsste, ob ich mit meinen Überlegungen ‚richtig‘ liege oder nicht. Dies Referenzproblem haben alle wissenschaftlichen Rekonstruktionen alter Texte (dies gilt natürlich auch für das hebräische Alte Testament, das griechische Neue Testament und den arabischen Koran).
28. Im weiteren Verlauf werde ich also die bisherigen Rekonstruktionsannahmen weiter verfolgen. Letztlich ist es eine Art ‚Test‘, ob und wie sich der Text von Avicenna in einem modernen erkenntnistheoretischen Modell ’neu lesen‘ lässt.

DISKUSSION

29. Bisher haben wir folgende allgemeine Annahmen bei der Rekonstruktion des Textes von Avicenna getroffen:
30. Die Ausdruckselemente E einer Sprache L sind nur ‚Zeiger‘, die auf irgendwelche kognitiven Objekte O hindeuten, die im Rahmen der generierten Zeigebeziehung M für die Ausdruckselemente E zu dem werden, was wir ihre Bedeutung nennen.
31. Die kognitiven Objekte O entstehen in einem Erzeugungsprozess, der Eigenschaften X der umgebenden Welt W über sinnliche Wahrnehmungsprozesse perc() und interne Abstraktionsprozesse $latex \alpha$ als irgendwelche Objekte O klassifiziert. Man könnte von daher auch sagen $latex \kappa = perc \otimes \alpha$, oder $latex \kappa(X, O) = O$.
32. Wir hatten ferner noch unterschieden zwischen ‚echten‘ Objekten, d.h. solchen Bündelungen von Objekten, die als solche in der umgebenden Welt W ‚vorkommen‘ und und solchen ‚unechten‘ Objekten, die zwar gebildet werden können, die aber immer nur ‚als Teil anderer Objekte‘ auftreten können. Die Definition von ‚wesentlich universellen Objekten‘ von Avicenna deckt sich mit dem Konzept ‚echter Objekte‘ und Avcennas Definition von ‚akzidentellen universellen‘ Objekten deckt sich mit den unechten Objekten, die anderen Objekten zukommen können, aber nicht müssen.

DISKUSSION – KATEGORIEN

33. Avicenna führt dann indirekt das Konzept von ‚(wesentlichen universellen) Kategorien‘ ein, die ich indirekt rekonstruiert habe als solche ‚wesentlich universellen Objekte‘, ‚über die‘ es keine weiteren Verallgemeinerungen mehr gibt. Da er es nur bei einzelnen Beispielen belässt ohne wirkliche Argumentationen bleibt hier einiges offen.
34. Die genannten drei Kategorien erscheinen wie eine Art ‚Meta-Klassifikation‘ über allen möglichen Objekten, so eine Art ‚Typisierung‘ der verschiedenen möglichen Objektbildungen. Versucht man im Bereich der Objektklassifikationen kriterien zu finden, welches Objekt zu welcher Kategorie gehört, wird es aber schnell schwierig.
35. Kategorie ‚Substanz‘: Wann ist ein Objekt eine ‚Substanz‘ und wann ‚Qualität‘ oder ‚Quantität‘? Ein erster Ansatzpunkt wäre zu sagen, dass alle ‚echten‘ Objekte ‚Substanzen‘ sind und alle ‚unechten‘ Objekte ‚Qualitäten‘. Was aber wäre dann mit den ‚Quantitäten‘? Die ‚Anzahl‘ von Objekten (echten wie unechten) ist ja keine ‚Eigenschaft an sich‘, sondern ist eher eine ‚Metaeigenschaft‘, die man vorhandenen (real oder gedachten) Objekten zuordnen kann. Im Vergleich zu Farben, Formen, Tönen usw., die auf Sinneseigenschaften aufsetzen, ist ‚Quantität‘ als Metaeigenschaft eine abgeleitete, sekundäre, abstrakte Eigenschaft, so wie z.B. auch ‚größer/ kleiner‘, ‚vorher/ nachher‘, ‚vorne/ hinten, ‚oben/ unten‘, usw. In allen genannten Fällen gibt es schon irgendwelche Objekte, zwischen denen räumliche, zeitliche – oder sonstige – allgemeine Beziehungen erkennbar sind. Diese indirekten, sekundären, abgeleiteten Beziehungen bilden dann eine eigene Klasse von ‚abstrakten‘ Eigenschaften, von denen die ‚Quantitäten‘ nur eine Teilmenge wären. Wenn also Avicenna schon die Kategorie ‚Quantität‘ bemüht, warum nicht auch ‚Raum‘ und ‚Zeit‘?
36. Alle diese Überlegungen zu ‚Kategorien‘ als zusätzliche Meta-Klassifikationen der generierbaren Objekte setzen allerdings voraus, dass es möglich ist, im Bereich der Objekthierarchie für alle Objekte O solche ‚Kontexte‘ annehmen zu können, durch die sie bzgl. ‚Substanz‘, ‚Qualität‘, ‚Quantität‘, ‚Raum‘ und ‚Zeit‘ charakterisierbar werden. Im bisher verfolgten Modell würde dies bedeuten, dass Objekte nicht nur über ihre ‚direkten‘ sensorischen Eigenschaften $latex K_{s}$ generiert werden, sondern sie werden von vornherein auch mit minimalen ‚Raumanteilen‘ bzw. in bestimmten ‚Abfolgen‘ ‚gespeichert‘ bzw. sind sensitiv bzgl. Abfolgen ‚erinnerbar‘.

DENKEN ALS KOGNITIVE EVOLUTION

37. Oder, wenn schon, dann noch allgemeiner: der gesamte Objekterzeugungsprozess $latex \kappa$ mus so beschaffen sein, dass er die fundamentalen Eigenschaften X der umgebenden Welt so in die Objekthierarchie übersetzt, dass (i) echte und unechte Objekteigenschaften hinreichend erhalten bleiben können, dass (ii) räumliche und zeitliche Verhältnisse hinreichend repräsentiert werden können, dass (iii) quantitative Verhältnisse erzeugt werden können (z.B. Aufzählungen und Äquivalenzklassen), dass (iv) neben den Eigenschaften, die ‚gegeben‘ sind (IST, real), auch ’neue‘ Kombinationen erzeugt werden können (Möglichkeit, Potenz, kombinatorischer Raum), und dass (v) neue Kombinationen (Möglichkeiten) mit dem ‚realen Raum‘ verglichen werden können.
38. Sofern dies möglich ist (und alles, was wir über das menschliche Denken heute wissen, bestätigt dies), kann man dann diese Art von Denken als Fortsetzung der biologischen Evolution im Bereich des Denkens (quasi als kognitive Evolution) betrachten, d.h. die biologische Evolution hat – mit ihrem kombinatorischen genetischen Mechanismus – Strukturen geschaffen (Körper mit Gehirn), die in der Lage sind, die an die materiellen Strukturen gebundene Kombinatorik neuer Lebensformen über die Neuronennetze zu dynamisieren, zu beschleunigen, zu flexibilisieren. Mit der Kombinatorik des neuronalen Denkens konnte die biologische Evolution der Entwicklung neuer, leistungsfähigerer Lebensformen einen gewaltigen Schub im einzelnen Organismus verleihen; durch die Möglichkeit symbolischer Kombination können sich die neurologisch erzeugbaren neuen Denkräume zusätzlich direkt miteinander verschränken und die Entwicklung neuer Lebensformen in bis dahin ungeahnte Dimensionen katapultieren.
39. Doch zurück zur vorliegenden Interpretationsaufgabe.

GENUS – SPEZIES

40. Bislang haben wir ansatzweise eine Rekonstruktion des Konzeptes von ‚Kategorien‘ als Meta-Klassifikationen im Bereich der dynamischen Objekthierarchie.
41. Unklar, da widersprüchlich, bleibt bei Avicenna die Verwendung der Begriffe ‚Genus‘ und Spezies‘. Eine erste, einfache, und nachvollziehbare Interpretation wäre die, jedes Objekt als ein ‚Genus‘ zu bezeichnen, das ‚Instanzen‘ besitzt, denen ‚differenzierende‘ Eigenschaften zukommen (wie auch die verschiedenen Genus-Objekte sich voneinander durch Eigenschaften unterscheiden). ‚Spezies‘ wären dann jene voneinander abgrenzbaren Instanzen (vgl. auch Carl von Linné (1707 – 1778), sein Werk ‚Systema Naturae‘), die einem Genus ‚untergeordnet‘ wären. Allerdings kommen die Begriffe ‚Genus‘ und ‚Spezies‘ im Text mehrfach in Verwendungen vor (z.B. auch als ‚Spezies der Spezies‘), die sich – aus meiner Sicht – einer schlüssigen Interpretation entziehen.

ALLGEMEINE UND SPEZIELLE AKZIDENZ

42. Mit den Begriffen ‚allgemeine‘ und ’speziellen‘ Akzidenzien verhält es sich ähnlich: es gäbe eine einfache, nachvollziehbare Interpretation, aber diese deckt nicht alle Verwendungsweisen dieser Begriffe ab.
43. Ausgangspunkt sind ja nicht-zusammengesetzte Ausdrücke mit einer universellen Bedeutung, bei der zwischen ‚wesentlichen‘ und ‚akzidentellen‘ unterschieden wurde. Die ‚akzidentellen universellen Begriffe wurden zuvor schon als ‚unechte Objekte‘ rekonstruiert, die niemals isoliert auftreten können, sondern immer nur als Teile von echten (wesentlichen universellen) Objekten. Insofern sind sie ‚akzidentell‘ und eine informelle abkürzende Redeweise könnte sie als ‚Akzidentien‘ bezeichnen, verstanden als Eigenschaften, die bei einem Objekt auftreten können, aber nicht müssen.
44. Wäre zu klären, was ‚allgemeine‘ von ’speziellen‘ Akzidenzien unterscheidet. Hier nochmals die Beispiele aus dem Text, wonach ‚fest‘ (engl.: ’solid‘) allgemeiner sei als ‚Lebewesen‘, aber spezieller als ‚Substanz‘; entsprechend dass ‚Zahl‘ allgemeiner sei als ‚gleich‘ (engl.: ‚even‘), aber spezieller als ‚Quantität‘, und schließlich dass ‚Gleichheit (engl.: ‚eveness‘) allgemeiner sei als ‚vier‘, doch spezieller als ‚Quantität‘.
45. Die Eigenschaft ‚fest‘ ist nach bisheriger Rekonstruktion klar ein unechtes Objekt, d.h. eine akzidentelle Eigenschaft, die als Teil von echten Objekten auftreten kann. Zu sagen, dass diese akzidentelle Eigenschaft allgemeiner sei als ‚Lebewesen‘, aber spezieller als ‚Substanz‘, macht nicht unbedingt Sinn, genauso wenig wie es Sinn machen würde, Hühner mit Grashalmen zu vergleichen. Es sei denn, es gäbe einen ‚übergreifenden Aspekt‘, auf den sich beide, die Hühner und die Grashalme, beziehen lassen würden.
46. Ich kann in diesem Zusammenhang keinen solchen übergreifenden Gesichtspunkt erkennen. Bestimmte akzidentelle Eigenschaften können bei Objekten auf verschiedenen Stufen der Objekthierarchie auftreten. Hier ein Beziehungsgeflecht zwischen den Eigenschaften konstruieren zu wollen überzeugt mich nicht.

ALLGEMEINE EINSCHÄTZUNG

47. Schon an dieser Stelle der Relektüre von Avicennas Logik deutet es sich an, dass Avicenna viele seiner technischen Begriffe nur unzulänglich erklärt und voneinander abgrenzt. Ein Grund dafür kann sein, dass er die das Konzept der Objekterstehung und der Objekthierarchie als Gegenpol zu den Ausdrücken offenbar nicht als eigenständiges System systematisch entwickelt. In anderen Interpretationsprojekten (z.B. bei Nicolai Hartmann) musste ich die Rekonstruktion irgendwann einfach abbrechen, da der Text in sich irgendwann so widersprüchlich war, dass ein sinnvolles Weiterlesen nicht mehr möglich erschien.

Fortsetzung folgt …

QUELLEN

  • Avicenna, ‚Avicennas Treatise on Logic‘. Part One of ‚Danesh-Name Alai‘ (A Concise Philosophical Encyclopedia) and Autobiography, edited and translated by Farang Zabeeh, The Hague (Netherlands): Martinus Nijhoff, 1971. Diese Übersetzung basiert auf dem Buch ‚Treatise of Logic‘, veröffentlicht von der Gesellschaft für Nationale Monumente, Serie12, Teheran, 1952, herausgegeben von M.Moien. Diese Ausgabe wiederum geht zurück auf eine frühere Ausgabe, herausgegeben von Khurasani.
  • Digital Averroes Research Environment
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy, Aristotle’s Logic
  • Whitehead, Alfred North, and Bertrand Russell, Principia Mathematica, 3 vols, Cambridge University Press, 1910, 1912, and 1913; Second edition, 1925 (Vol. 1), 1927 (Vols 2, 3). Abridged as Principia Mathematica to *56, Cambridge University Press, 1962.
  • Alfred North Whitehead; Bertrand Russell (February 2009). Principia Mathematica. Volume One. Merchant Books. ISBN 978-1-60386-182-3.
  • Alfred North Whitehead; Bertrand Russell (February 2009). Principia Mathematica. Volume Two. Merchant Books. ISBN 978-1-60386-183-0.
  • Alfred North Whitehead; Bertrand Russell (February 2009). Principia Mathematica. Volume Three. Merchant Books. ISBN 978-1-60386-184-7

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