Kategoriearchiv: Wissen

PHILOSOPHIEWERKSTATT JETZT ALS PHILOSOPHISCHES LABOR FÜR PHILOSOPHISCHE SELBSTVERSUCHE – Version 3.0. Eine Vorausschau

KONTEXT

Leser dieses Blogs sind vertraut mit dem philosophischen Experiment der Philosophiewerkstatt (Version 1.0), wie sie im Herbst 2013 im Cafe-Bistro Confetti in Schöneck startete.  Dies waren erste Gehversuche. Es gab noch kein festes Format.

Ab Herbst 2014 gab es die Philosophiewerkstatt Version 2.0 in Kooperation mit der DENKBAR in Frankfurt. In dieser Zeit entwickelte sich eine kreative Form des gemeinsamen Gedankenaustausches, die sich stabilisierte.

Ab Herbst 2016 wird es die Philosophiewerkstatt in einer Neuauflage geben, in Version 3.0, Ortsveränderung inbegriffen: das Institut für Neue Medien in Frankfurt. Dies ist kein Abschied von der DENKBAR, die zwei Jahre lang eine belebende Umgebung für die sonntäglichen Treffen war, sondern es ist eine Kooperation von DENKBAR und INM in einer veränderten Umgebung, mit einem veränderten Konzept.

Worin besteht das Neue?

ORTLOS ZWISCHEN FÜHLEN UND DENKEN

Wer sich ein wenig in der Geschichte der Philosophie auskennt, der weiß, dass das Hauptanliegen der Philosophie eher die Klärung der Welt mit Hilfe des Denkens war. In der Verfertigung des Gedankens, im Reden, Schreiben, im Dialog da entsteht Wirklichkeit neu, als Gedachte, und im Denken als Geklärte, Bereinigte, Strukturierte, eingehüllt in Worte, in Symbole.

Die neuzeitliche Wissenschaft hat die Abkopplung des Fühlens vom Denken weiter beeinflusst; Wissenschaft wurde hier im Raum von Messwerten und mathematischen Formeln verortet; das Fühlen hat hier keine offizielle Rolle mehr und sogar das Subjekt der wissenschaftlichen Tätigkeit, der Forscher selbst, spielt keine Rolle mehr. Er wurde systematisch ausgeblendet.

Diese Ausklammerung von Fühlen und Subjekt aus dem offiziellen Denken führt mittlerweile zu sehr vielen Problemen, fundamentalen Problemen.

Im Bereich der Wissenschaft ist es der Verlust des Menschen. In vielen Bereichen – wie z.B. der Physik – kommt der Mensch als Mensch per se gar nicht mehr vor; in anderen – wie Biologie, Medizin, Gehirnwissenschaften, usw. – kommt der Mensch als Untersuchungsobjekt zwar vor, aber er zerfällt hier in unzählige Details, wird zu einem Ort bloßer chemischer Prozesse. Mögliche Zusammenhänge gehen weitgehend verloren. Die Frage, wer der Mensch denn überhaupt ist, hat in den Wissenschaften keine wirkliche Stelle mehr; sie ist unter die Räder gekommen.

Für einen einzelnen Menschen, der sich ernst nehmen will, bedeutet dies eine zunehmende Ortlosigkeit: eingebettet zwischen einem Fühlen, das diskreditiert ist, und einem Denken, das mit dem Menschen nichts anfangen kann. Hat der Mensch überhaupt noch eine Zukunft?

DAS DENKEN WOHNT IM FÜHLEN

Aus philosophischer Sicht ist klar, dass die begrifflichen Netze, mit denen empirische Wissenschaftler arbeiten, nur scheinbar vom Subjekt losgelöst sind. Denn die Theorie selbst wie auch die Messwerte brauchen die Rückkopplung an das Gehirn, an eine bestimmte Form von Bewusstsein. Ohne Bewusstsein und Gehirn gibt es weder Messwerte noch Begriffsnetzwerke. Es ist das Bewusstsein im Gehirn und im Körper als Teil eines komplexen biologischen Netzwerkes, in beständiger Interaktion mit der umgebenden Materie, welches der Ort von Fühlen und Denken ist. Es ist für uns Menschen der EINZIGE Ort, über den wir Kontakt zu dem haben, was wir Wirklichkeit nennen.

Wirklichkeit ist das erste Vorfindliche, ein Ur-begriff, an dem alle anderen Begriffe partizipieren. Was immer irgendeine wissenschaftliche Disziplin zu beschreiben versucht, sie setzt einen Ur-begriff von Wirklichkeit voraus, der durch die Einbettung in den Körper gegeben ist. Ohne den Körper ist jede Wissenschaft (und jedes Denken) nichts, echtes Nichts, das ganz und gar Undenkbare. Andererseits definiert sich eine wissenschaftliche Disziplin methodisch über eine Einschränkung und Abgrenzung. Die empirische Methode erzwingt eine Zerlegung des Phänomenraums in jene Teilräume, die intersubjektiv empirisch sind, und innerhalb dieser grundsätzlichen Einschränkung finden in der Regel weitere Abgrenzungen statt (Physik, Chemie, Biologie, (empirische) Soziologie, …).

Das Besondere des Menschen ist gerade diese Art seiner Welterfahrung, ermöglicht durch die Besonderheit seines Körpers: Makrostrukturen von Mikrostrukturen, die bis in den subatomaren Bereich – und damit unbegrenzt – hinein reichen und wechselwirken, beständig [Vorstellungshilfe: allein das menschliche Gehirn hat etwa 290 Mrd Zellen (etwa 30% Neuronen, 58% Astrozyten und etwa 12% Gliazellen). Das entspricht der Anzahl von Sternen in einer ganzen Galaxie. Der ganze menschliche Körper soll ca. 36 Billionen (10^12) Zellen haben (ohne die vielen Mrd zusätzliche Bakterien in und auf ihm), das wären dann in Entsprechung etwa 120 Galaxien. Bedenkt man noch die Komplexität der Wechselwirkung zwischen den Zellen des Körpers, dann übersteigt die Komplexität eines einzelnen menschlichen Körpers jene von 120 Galaxien um ein Mehrfaches, nur ein Körper!]. Diese Welterfahrung setzte einen Entwicklungsprozess von ca. 13.8 Mrd Jahre voraus. Unser Verständnis dieser Vorgänge ist noch ganz am Anfang (und es ist eine offene Frage, ob wir diese Komplexität wohl jemals ‚begreifen‘ können, wenn man bedenkt, dass das menschliche Arbeitsgedächtnis (auch bei Physikern) nicht mehr als ca. 7 +/- 2 Einheiten gleichzeitig verarbeiten kann).

Wenn man also als Philosoph die vorfindliche Wirklichkeit ernst nehmen will, dann darf man die eigene Körpererfahrung nicht von vornherein ausblenden, man muss sie akzeptieren, man muss sie zulassen, sie anschauen, und versuchen, daraus zu lernen, was es zu lernen gibt. Das Fühlen (im weitesten Sinne) ist ein Grundbestandteil philosophischer Weltwahrnehmung. Ob und was ein nachfolgendes Reflektieren mit solch einem Fühlen anfangen kann, das kann man vorab nicht abschätzen. Jedes Denken ist immer speziell, begrenzt, abgrenzend, ausgrenzend; das ist seine Art, seine Stärke wie zugleich seine Schwäche. Denken lebt vom Prozess, von der Wiederholung, vom unermüdlichen immer wieder neu ansetzen und neu sortieren. Denken hat kein absolutes Ende, nicht zuletzt auch deswegen nicht, weil es sich ja selbst zum Gegenstand machen kann; dies ist wichtig und gefährlich zugleich (die moderne Physik bietet das Schauspiel eines Denkens, das sich soweit von der Realität entfernt hat, dass im Einzelfall oft nicht mehr klar ist, ob hier eine wirklichkeitsrelevante Modellbildung vorliegt oder ein Artefakt des Modells, ein Denken des Denkens).

Es fragt sich dann, was hier ‚Fühlen‘ heißt und wie philosophisches Denken mit dem Fühlen umgehen kann?

WELCHES FÜHLEN UND WIE DAMIT UMGEHEN?

Für einen Philosophen kann es nur um das GANZE Fühlen gehen, d.h. alles, was ein Denken vorfinden kann. Und da dieses Fühlen an unseren Körper gebunden ist, geht es darum, was ein Körper in unterschiedlichsten Situationen fühlen kann und wie man solch ein stattfindendes Fühlen dann beschreiben kann, nicht nur punktuell, sondern auch in seiner prozesshaften Erstreckung in dem, was wir Zeit nennen.

In einer Philosophiewerkstatt wird man hier solche Prozesse kaum vorweg nehmen können. Man kann aber versuchen, die Grundeinstellung zu praktizieren, den Einstieg in das Fühlen üben, das dann Denken nachträglich zulässt.

Die Grundform des philosophischen Fühlens ist das bewusste Dasein ohne ein fokussiertes Denken. Es lassen sich zwar tausendfache Variationen denken, wie man dies tut (man denke nur an die Vielzahl von sogenannten Meditationsformen), aber das für eine bestimmte Zeitspanne einfach bewusste Dasein ohne irgend etwas anderes zu tun bzw. tun zu müssen, mit einem Denken in Ruhestellung, das ist die Grundübung. Und weil unser Körper mit seinen 120 Galaxien an Zellen samt seinen unendlich vielen Wechselwirkungen mit sich selbst und seiner Umgebung kein natürlicher Ruhepol ist, sondern ein permanenter Aufschrei an Bewegtheit, braucht es eine gewisse Zeit, bis sich überhaupt Ruhe einstellt und statt den marktschreierischen primären Wahrnehmungen auch solche Ereignisse bemerkbar machen können, die mit weniger Energie daher kommen. Jeder einzelne wird SEIN Fühlen haben, seine speziellen Wahrnehmungen (natürlich auch Gemeinsamkeiten mit anderen, weil unsere Körper strukturell ähnlich sind).

Es kann interessant sein, sich im Anschluss über sein Fühlen auszutauschen; auf jeden Fall kann es helfen, sich im Anschluss Notizen zu machen, sein Denken wieder mehr zulassen, Eindrücke zu sortieren.

FORMAT DER PHILOSOPHISCHEN SELBSTVERSUCHE

Für die Philosophiewerkstatt Version 3.0 ist folgendes Schema angedacht:

Bis 15:00h ANKOMMEN (Über die Einladung gibt es auch eine Fragestellung)

15:00 – 15:15h MIT DEM ORT VERTRAUT WERDEN

15:15 – 15:35h ZEIT ZUM INDIVIDUELLEN FÜHLEN

15:35 – 15:45h ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL NOTIEREN

15:45 – 16:05h KOMMUNIKATION VON BEOBACHTUNGEN

16:05 – 16:20h BEWEGUNG, TEE TRINKEN, REDEN

16:20 – 17:05h GEMEINSAME REFLEXION MIT GEDANKENBILD

17:05 – 17:20h BEWEGUNG, TEE TRINKEN, REDEN

17:20 – 17:40h GEWICHTEN DES GEDANKENBILDES

17:20 – 18:00h AUSBLICK

Ab 18:00h VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Stunden, Tage danach: ABSTAND NEHMEN, NACHSINNEN

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG

TERMINE

Um sich im Fühlen und Denken zu koordinieren, hier die geplanten Termine (vom INM bestätigt):

23.Okt 16

27.Nov 16

22.Jan 17

26.Febr.17 (Wegen Krankheit ausgefallen)

26.März 17 (Wegen Krankheit ausgefallen)

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MATHEMATIK UND WIRKLICHKEIT – DISKUTIERT AM BEISPIEL DES BUCHES VON TEGMARK: Our Mathematical Universe (2014) – Teil2

Max Tegmark (2014), Our Mathematical Universe. My Quest of the Ultimate Nature of Reality, New York: Alfred A.Knopf

Nachtrag: 3.Okt.13:55h, Bild zum letzten Abschnitt

KONTEXT

1. Diesem Teil ging ein einleitender Teil 1 voraus. In ihm wird ein erster Horizont aufgespannt. Darin u.a. die These, dass das Universum sich nicht nur mathematisch beschreiben lässt, sondern selbst auch ein mathematisches Objekt sei.
2. Für die weitere Diskussion werden die Kapitel 2-8 zunächst übersprungen und die Aufmerksamkeit gilt den Kapiteln 9ff. In diesen werden die erkenntnistheoretischen und physik- methodischen Voraussetzungen besprochen, die Tegmark in der modernen Physik am Werke sieht.

SELBSTBESCHREIBUNG EINES PHYSIKERS

Konzepte aus Kap.9 Tegmark (2014) herausgezogen und neu angeordnet von G.Doeben-Henisch (2016)
Konzepte aus Kap.9 Tegmark (2014) herausgezogen und neu angeordnet von G.Doeben-Henisch (2016)

3. Wir erinnern uns aus Kapitel 1, dass Tegmark selbst ein Mensch ist, ein homo sapiens (sapiens), der für sich die Methoden der Physik in Anspruch nimmt.
4. Von daher macht es Sinn, dass er sich selbst mit seinen Erkenntnis ermöglichenden Fähigkeiten in den Blick nimmt.
5. In diesem Zusammenhang (vgl. Bild 1) macht er darauf aufmerksam, dass wir nach den neuesten Erkenntnissen der Naturwissenschaften (und der Selbsterfahrung, die er in Beispielen in Form von Selbstexperimenten bemüht), davon ausgehen müssen, dass unsere bewusste Wahrnehmung einer Welt in unserem Körper, in unserem Gehirn stattfindet. Diese bewusste Wahrnehmung bildet für uns die primäre Realität, die man als interne Realität bezeichnen kann, wenn man außerhalb dieser inneren Realität eine externe Realität voraussetzt.
6. Nach allem, was wir heute wissen, übersetzen unsere Sinnesorgane Ereignisse der externen Realität (die in einer angenommenen externen Welt stattfinden), in komplexe Signalverarbeitungsprozesse in unserem Gehirn. Ein kleiner Teil dieser vom Gehirn automatisch – und daher nicht-bewusst – verarbeiteten Signale werden uns bewusst, bilden den Stoff unserer bewussten Wahrnehmung. Er nennt diese bewussten Signale auch Qualia. Sie werden automatisch so vom Gehirn aufbereitet, dass wir beständig z.B. ein konsistentes 3D-Model einer Wirklichkeit zur Verfügung haben, mittels dem wir uns im Raum des Bewusstseins orientieren. Wichtiges Detail: verschiedene Menschen können mit ihren Sinnesorganen u.U. unterschiedliche Signale von der gleichen Signalquelle empfangen (z.B. unterschiedliche Farbwahrnehmung). Trotzdem scheint das interne Modell zum Zwecke der Orientierung zu funktionieren.
7. Die wissenschaftlichen Untersuchungen zum Verhältnis zwischen messbaren externen Ereignissen und der Wahrnehmung dieser Ereignisse basierend auf den weitgehend nicht-bewussten sensorischen Prozessen im Körper deuten an, dass der Körper und das Gehirn keine 1-zu-1 Abbildung der externen Ereignisse liefern, sondern diese auf unterschiedliche Weise verändern: (i) hervorstechend ist, dass nur ein Bruchteil der (heute) messbaren externen Ereignisse erfasst und dann verarbeitet wird (z.B. nur ein kleiner Teil aus dem Wellenspektrum wird erfasst). Wir haben also den Sachverhalt der Auslassung (‚omission‘). (ii) Ferner liefert das Gehirn Eigenschaften in der bewussten Wahrnehmung (z.B. 3D-Modell), die in der auslösenden sensorischen Wahrnehmung (2D) nicht gegeben ist. Diesen Sachverhalt bezeichnet Tegmark als Illusion. (iii) Ferner kann das Gehirn eine Vielzahl von unterschiedlichen Halluzinationen erzeugen (z.B. Erinnerungen, Träume, Fantasien, Wahnvorstellungen …), die weder aktuell in der externen Realität vorkommen noch genau so, wie sie als halluziniertes Ereignis im Bewusstsein auftreten.

THEORIEN

Konzepte Nr.2 aus Kap.9 Tegmark (2014) herausgezogen und neu angeordnet von G.Doeben-Henisch (2016)
Konzepte Nr.2 aus Kap.9 Tegmark (2014) herausgezogen und neu angeordnet von G.Doeben-Henisch (2016)

8. Nach diesen vorbereitenden Überlegungen stellt sich die Frage, wo und wie in diesem Bild der Ort für physikalische Theorien ist?
9. Die große Mehrheit der Philosophen hatte in der Vergangenheit an dieser Stelle die interne Realität, das interne Weltmodell, als möglichen Ort weiterer Theoriebildung vermutet und dazu dann jeweils umfangreichste Überlegungen angestellt, wie man sich diese Maschinerie des bewussten Erkennens vorzustellen habe, damit man in diesem Rahmen das Denken einer physikalischen Theorie rekonstruieren könnte.
10. Tegmark klammert dieses Vorgehensweise vom Start weg aus. Bevor überhaupt ein Gedanke in diese Richtung aufscheinen kann erklärt er, dass der höchste Triumph der Physik darin bestehen würde, dass die Physik mit der externen Realität startet, diese mathematisch beschreibt, und zwar so, dass man innerhalb dieser Beschreibung dann die Entstehung und das Funktionieren der internen Realität ableiten (‚derive‘) kann. (vgl. S.237f)
11. Ihm ist schon bewusst, dass es für eine volle physikalische Theorie dieser Art notwendig wäre, eine vollständig detaillierte Beschreibung des Gehirns, speziell auch des Phänomens des Bewusstseins, mit zu liefern. (vgl. S.238) Aber er meint, man kann sich diese Aufgabe ersparen und den ganzen Komplex der subjektiven (und zugehörigen nicht-bewussten) Prozesse ausklammern (‚decouple‘), weil Menschen die Fähigkeit zeigen, sich trotz und mit ihrer individuellen Subjektivität auf eine Weise miteinander zu verständigen, die auf einer Sicht der externen Welt in der internen Welt beruht, die zwischen Menschen geteilt (‚shared‘) werden kann.
12. Diese zwischen Menschen in der Kommunikation gemeinschaftlichen Sicht der externen Welt (auf der Basis der internen Welt) nennt er Konsensus Realität (‚consensus reality‘).(vgl. S.238f)
13. Die Konsensus Realität verortet er zwischen der externen und der internen Realität.
14. Mit dieser begrifflichen Unterscheidung begründet er für sich, warum eine physikalische Theorie möglich ist, ohne dass man eine Theorie des Bewusstseins hat; er räumt aber ein, dass man natürlich für eine endgültige vollständige (physikalische) Theorie auch eine vollständige Theorie des Bewusstseins samt allen zugehörigen Aspekten bräuchte.
15. Während man sich als Leser noch fragt, wie denn die Physik diese nicht ganz leichte Aufgabe angehen will, erklärt Tegmark ohne weitere Begründung, dass diese delikate Aufgabe nicht von der Physik geleistet werden solle, sondern von der Kognitionswissenschaft (‚cognitive science‘). (vgl. S.238f)
16. Obwohl Tegmark selbst viele Beispiele bringt, die illustrieren sollen, dass es aus Sicht der Physik gerade die Wechselwirkung zwischen der externen und internen Realität war, um auf dem Weg zu einer umfassenden physikalischen Theorie voran zu schreiten (vgl. SS.240ff), delegiert er nun diese delikate Aufgabe an die Kognitionswissenschaft. Warum soll die Kognitionswissenschaft diese delikate Aufgabe lösen können und die Physik nicht? Bedeutet dies, dass die Kognitionswissenschaft ein Teil der Physik ist oder hat sie etwas Besonderes über die Physik hinaus? Letzteres würde seinem Anspruch widersprechen, dass die Physik das Ganze erklärt.
17. Tegmark lässt diese Fragen schlicht offen. Er meint nur, die Physik habe hier noch einen sehr langen Weg zu gehen. (vgl. S.242)
18. Er fällt einfach die Entscheidung, den Aspekt der ersten Realität innerhalb der allgemeinen Theoriebildung in seinem Buch auszuklammern und sich auf die Frage der Rolle der Mathematik in physikalischen Theorien zu beschränken, sofern sie sich mit der externen und der Konsensus Realität beschäftigen.(vgl. S.240)

DISKURS
EIN BISSCHEN ENTTÄUSCHT ….

19. Ich muss gestehen, dass ich als Leser an dieser Stelle des Buches irgendwie enttäuscht bin. Nachdem das Buch mit so viel Elan gestartet ist, so viel wunderbares Wissen aufbietet, um diese Fragen zu erhellen, kommt es an einer entscheidenden Stelle zu einer Art gedanklichen Totalverweigerung. Natürlich kann jeder verstehen – und ich besonders –, dass man aus Zeitgründen eine komplexe Fragestellung vorläufig ausklammert, deren Behandlung ‚nach hinten schiebt‘, aber es ist dennoch schade, nicht als Vorwurf, sondern als Erlebnis.
20. Trotz dieser Einschränkung der Perspektive des weiteren Vorgehens bleiben natürlich noch viele interessante Fragen im Raum, insbesondere das Hauptthema der Rolle der Mathematik in einer physikalischen Theorie verbunden mit der These von Tegmark, dass die externe Realität selbst ein mathematisches Objekt sei.
21. Bevor dieser Aspekt im Blog weiter untersucht wird, soll aber noch ein wenig an dieser Umschaltstelle in der Darstellung von Tegmark verweilt werden. Diese ist zu wichtig, als dass man sein Vorgehen einfach unkommentiert lassen sollte.

INNEHALTEN: EXTERN – INTERN

22. Tegmark geht davon aus, dass eine physikalische Theorie die externe und die Konsensus Realität beschreibt, und dies mit Hilfe der Mathematik.
23. Er stellt einleitend fest, dass wir direkt von der externen Realität aber nichts wissen. Unser Gehirn liefert uns ein Weltmodell W0, das uns als Basis des Verstehens und Verhaltens dient, das aber nicht die Welt ist, wie sie vielleicht jenseits dieses Modells W0 existiert. Die Geschichte des menschlichen Erkennens und die Untersuchungen zum modernen Alltagsverstehen belegen, dass die Erkenntnis, dass unser individuelles Welterleben auf Basis von W0 nicht die Welt sein kann, die jenseits des Gehirns existiert, nicht nur erst wenige tausend Jahre alt ist, sondern es in der Regel nur wenigen Menschen gelingt, dies explizit zu denken, selbst heute (die meisten – alle? – Naturwissenschaftler z.B. sind nicht in der Lage, die mögliche Welt jenseits von W0 unter expliziten Berücksichtigung von W0 zu denken!). Tegmark selbst demonstriert diese Unfähigkeit vor den Augen des Lesers.
24. Er beschreibt zwar empirische (und nicht-empirische) Fakten, die die Annahme der Unterscheidung von W0 und etwas jenseits von W0 nahelegen, aber er macht keine Anstalten, darüber nach zu denken, was dies für empirische Theorien über die Welt jenseits von W0 bedeutet.
25. Wie kann es sein, dass unser Denken in W0 verankert ist, aber doch über eine Welt jenseits von W0 redet, als ob es W0 nicht gibt?
26. Die Evolutionsbiologen sagen uns, dass im Laufe der Evolution von biologischen Systemen deren Gehirne in diesen Systemen so optimiert wurden, dass das jeweilige System nicht durch die internen (automatischen) Berechnungsprozesse des Gehirns abgelenkt wird, sondern nur mit jenen Aspekten versorgt wird, die für das Überleben in der umgebenden Welt (jenseits des Gehirns) wichtig sind; nur diese wurden dem System bewusst. Alles andere blieb im Verborgen, war nicht bewusst. Dies heißt, es war (und ist?) ein Überlebensvorteil, eine Identität von internem Weltmodell W0 und der jeweils umgebenden Welt zu ermöglichen. Hunderttausende von Jahren, Millionen von Jahren war dies überlebensförderlich.
27. In diesem Überlebenskampf war es natürlich auch wichtig, dass Menschen in vielen Situationen und Aufgaben kooperieren. Voraussetzung dafür war eine minimale Kommunikation und dafür eine hinreichend strukturell ähnliche Wahrnehmung von umgebender Welt und deren Aufbereitung in einem internen Modell W0.
28. Kommunikation in einer geteilten Handlungswelt benötigt Signale, die ausgetauscht werden können, die sich mit gemeinsamen wichtigen Sachverhalten assoziieren lassen, die sowohl Teil der äußeren Welt sind wie auch zugleich Teil des internen Modells. Nur durch diese Verbindung zwischen Signalen und signalverbundenen Sachverhalten einerseits und deren hinreichend ähnlichen Verankerung in den individuellen Weltmodellen W0 boten die Voraussetzungen, dass zwei verschiedene Weltmodelle – nämlich eines von einem biologischen System A mit W0_a und eines von einem biologischen System B mit W0_b – miteinander durch kommunikative Akte ausgetauscht, abgestimmt, verstärkt, verändert … werden konnten.
29. Dies ist der mögliche Ort der Konsensus Realität, von der Tegmark spricht.
30. Weil die individuellen Gehirne unterschiedlicher biologischer Systeme der Art homo sapiens (sapiens) eine hinreichend ähnliche Struktur von Signalverarbeitung und Modellgenerierung haben ist es ihnen möglich, Teile ihres Modells W0 mittels Kommunikation auszutauschen. Kommunikativ können sie austauschen, Ob etwas der Fall ist. Kommunikativ können sie sich zu bestimmten Handlungen koordinieren.
31. Die Zuordnung zwischen den benutzten Signalereignissen und den damit assoziierten Sachverhalten ist zu Beginn offen: sie müssen von Fall zu Fall im Bereich von möglichen Alternativen entschieden werden. Dies begründet arbiträre Konventionen, die dann – nach ihrer Einführung – zu pragmatischen Regeln werden können.
32. Die von Tegmark angesprochene Konsensus Realität ist von daher ein hybrides Konstrukt: primär ist es ein Produkt der internen Realität, Teil des internen Weltmodells W0, aber durch die Beziehung zwischen dem internen Modell W0 mit einer unterstellten externen Welt Wx (also z.B. wm0: Wx –→ W0, wm1:W0 –→ Wx*) und der Hypothese, dass diese Abbildungsprozesse bei unterschiedlichen Individuen A und B der gleichen Art homo sapiens (sapiens) hinreichend strukturell ähnlich sind, kann man annehmen, dass W0_a und W0_b strukturell hinreichend ähnlich sind – EQ(W0_a, W0_b) – und eine arbiträre Zuordnung von beliebigen Signalereignissen zu diesen unterstellten Gemeinsamkeiten damit synchronisierbar ist.
33. Man kann an dieser Stelle den fundamentalen Begriff der Zeichenrelation derart einführen, dass man sagt, dass diese grundlegenden Fähigkeit der Assoziierung von Signalereignissen S und zeitgleich auftretenden anderen Ereignissen O in der unterstellten äußeren Welt Wx sich über die Wahrnehmung dann im internen Weltmodell W0 eines biologischen Systems als S‘-O‘-Beziehung repräsentieren lässt. Diese interne Repräsentation einer in der Außenwelt Wx auftretenden Korrelation von Ereignissen S und O ist dann eine Zeichenrelation SR(S‘,O‘). Die an sich arbiträren Signalereignisse S und die davon unabhängigen zeitgleichen Ereignisse O können auf diese Weise in einer internen Beziehung miteinander verknüpft werden. Über diese intern vorgenommene Verknüpfung sind sie dann nicht mehr arbiträr. Ein Signalereignis s aus S und ein anderes Ereignis o aus O erklären sich dann gegenseitig: SR(s‘,o‘) liest sich dann so: das Signalereignis s‘ ist ein Zeichen für das andere Ereignis o‘ und das andere Ereignis o‘ ist die Bedeutung für das Zeichen s‘. Insofern verschiedene Systeme ihre Zeichenrelationen koordinieren entsteht ein Kode, ein Zeichensystem, eine Sprache, mittels deren sie sich auf Basis ihrer internen Weltmodelle W0 über mögliche äußere Welten verständigen können.
34. Die Konsensus Realität wäre demnach jener Teil des Bewusstseins eines biologischen Systems, dessen Phänomene (Qualia) sich über eine hinreichende Korrespondenz mit einer unterstellten Außenwelt Wx mit den internen Modellen W0 anderer Systeme koordinieren lassen.
35. Dass die beteiligten Signalereignisse als Zeichen mittels Symbolen realisiert werden, mittels Ausdrücken über einem Alphabet, später dann mit einem Alphabet, das man einer mengentheoretischen Sprache zuschreiben kann, die zur Grundsprache der modernen Mathematik geworden ist, ist für den Gesamtvorgang zunächst unwesentlich. Entscheidend ist die biologische Maschinerie, die dies ermöglicht, der ‚Trick‘ mit dem Bewusstsein, das das System von der unfassbaren Komplexität der beteiligten automatischen Prozessen befreit, von der Fähigkeit zu Abstraktionen (was hier noch nicht erklärt wurde), von dem fantastischen Mechanismus eines Gedächtnisses (was hier auch noch nicht erklärt wurde), und manchem mehr.
36. Dass Tegmark das Konzept der Konsensus Realität einführt, sich aber die Details dieser Realität ausspart, ist eine Schwachstelle in seiner Theoriebildung, die sich im weiteren Verlauf erheblich auswirken wird. Man kann schon an dieser Stelle ahnen, warum seine These von der äußeren Welt Wx als mathematischem Objekt möglicherweise schon im Ansatz scheitert.

SEMIOTIK GRUNDLEGENDER ALS PHYSIK?

37. Ohne diesen Punkt hier voll zu diskutieren möchte ich an dieser Stelle zu überlegen geben, dass der Erklärungsanspruch der Physik in weiten Teilen sicher berechtigt und unverzichtbar ist. Doch bei der Reflexion auf die Grundlagen einer physikalischen Theorie (die letztlich auch Teil einer wissenschaftlichen Erklärung sein sollte) müssen wir offensichtlich die Physik verlassen. Die klassische und die moderne Physik hat für ihre Existenz und ihr Funktionieren eine Reihe von Voraussetzungen, die nicht zuletzt den Physiker selbst mit einschließen. Sofern dieser Physiker als biologisches System ein Zeichenbenutzer ist, gehen die Gesetzmäßigkeiten eines Zeichenbenutzers als Voraussetzungen in die Physik ein. Sie hinterlassen nachhaltige Spuren in jeder physikalischen Theorie qua Zeichensystem. Diejenige Wissenschaft, die für Zeichen allgemein zuständig war und ist, ist die Semiotik. Bis heute hat die Semiotik zwar noch keine einheitliche, systematische Gestalt, aber dies muss nicht so sein. Man kann die Semiotik genauso wissenschaftlich und voll mathematisiert betreiben wie die moderne Physik. Es hat halt nur noch niemand getan. Aber die Physik hat ja auch noch niemals ihre erkenntnistheoretischen Voraussetzungen vollständig reflektiert. Vielleicht können sich eine neue Semiotik und eine neue Physik die Hand geben für ein gemeinsames Abenteuer des Geistes, was die Denkhemmungen der Vergangenheit vergessen macht. Das Beharren auf tradierten Vorurteilen war schon immer das größte Hindernis für eine tiefere Erkenntnis.

NACHTRAG

Konzepte in Anlehnung an Tegmark (2014) Kap.9 von G.Doeben-Henisch
Konzepte in Anlehnung an Tegmark (2014) Kap.9 von G.Doeben-Henisch

In Ergänzung zum vorausgehenden Text kann es hilfreich sein, sich klar zu machen, dass Tegmark als Physiker ein biologisches System der Art homo sapiens (sapiens) ist, dessen primäre Wirklichkeit in einem internen Modell der Art W0 zu suchen ist. Um sich mit seinen Physikkollegen zu verständigen benutzt er mathematische Texte, die mit bestimmten Messwerten korreliert werden können, die ebenfalls als Zeichen von Messprozeduren generiert werden. Der Zusammenhang der Messwerte mit den mathematischen Texten wird intern (!!!) kodiert. Insofern spielt die Art und Weise der internen Modelle, ihre Beschaffenheit, ihre Entstehung, ihre Abgleichung etc. eine fundamentale Rolle in der Einschätzung der potentiellen Bedeutung einer Theorie. Physikalische Theorien sind von daher grundlegend nicht anders als alle anderen Theorien (sofern diese mathematische Ausdrücke benutzen, was jeder Disziplin freisteht). Sie unterscheiden sich höchstens durch die Art der Messwerte, die zugelassen werden. Sofern eine moderne philosophische Theorie physikalische Messwerte akzeptiert — und warum sollte sie dies nicht tun? — überlappt sich eine philosophische Theorie mit der Physik. Sofern eine moderne philosophische Theorie die Voraussetzungen einer physikalischen Theorie in ihree Theoriebildung einbezieht, geht sie transparent nachvollziehbar über die Physik hinaus. Semiotik sehe ich als Teilaspekt der Philosophie.

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DIE ZUKUNFT STIRBT ZUERST IN DEN KÖPFEN …

LETZTER BLOGEINTRAG

  1. Angeregt durch die Lektüre von Matt Ridleys Buch sind im vorausgehenden Blogeintrag einige sehr grundlegende Prinzipien herausgearbeitet worden, die allgemein wirken, denen jedes einzelne individuelle System unterworfen ist, auch jeder einzelne Mensch.

DIE BESONDERHEIT DES MENSCHEN IM BIOLOGISCHEN

  1. Unter anderem wurde auf die Besonderheiten der Menschen (der homo sapiens sapiens als Vertreter der hss-Population) hingewiesen, durch die sich die Menschen tatsächlich von der allgemeinen biologischen Umgebung abheben. Nicht in dem Sinne abheben, dass der Mensch jetzt plötzlich etwas anderes wäre als das allgemein Biologische, sondern so, dass der Mensch innerhalb des Biologischen neue, markante Eigenschaften an seinem Körper zeigt, die – verglichen mit allem anderen Biologischen – ihn in die Lage versetzen, seine eigene Struktur, seine eigene Entwicklung, sein Wechselspiel mit der jeweiligen Umgebung und mit der gesamten Umwelt anschauen und bewerten zu können, ja, er kann bis zu einem gewissen Grad mit diesen neuen Verstehensmöglichkeiten sich selbst und die ganze Welt probeweise spielerisch verändern, und sein Verhalten danach neu orientieren.

MENSCH ALS GEWOHNHEITSTIER

  1. Wenn wir den konkreten Alltag von Menschen anschauen, heute und in der Vergangenheit, sofern diese uns noch zugänglich ist, könnten wir den Eindruck gewinnen, dass der Mensch eher ein ‚Gewohnheitstier‘ ist, da er im Zweifelsfall eher das vorzieht, was er schon kennt, was ihm vertraut ist, von dem er glaubt, dass er es zu seinen Gunsten beeinflussen kann, von dem er glaubt, dass es ihm die meisten Vorteile bringt.

GEWOHNHEIT ALS ZUKUNFTSVERHINDERUNG

  1. So kann man im Bereich der Wirtschaft mit schöner Regelmäßigkeit beobachten, wie erfolgreiche Konzepte dazu führen, dass Firmen, ganze Wirtschaftsbereiche, sich in ihren Erfolgen einrichten, sie gegen Konkurrenten und Neuerungen abzusichern versuchen, sich von der Politik alle mögliche Unterstützungen sichern (das berühmte Lobbytum, das aus demokratisch gewählten Volksvertretern verkappte Interessenvertreter solcher zukunftsfeindlichen Industriepolitik macht), und dass diese Firmen dann sehr häufig übersehen, dass es alternative, bessere Ideen, Technologien und Vermarktungsmöglichkeiten gibt, die dann ‚über Nacht‘ auftreten und ganze Industriebereiche – bildlich gesprochen – in Schutt und Asche legen. Neben den vielen Beispielen aus der Vergangenheit erleben wir gerade, wie moderne, flexible, kundennahe Bezahldienst den angestammten Finanzdienstleister die Kunden Millionenweise abspenstig machen, oder wie eine selbst-verliebte Automobilindustrie feststellen muss, dass wichtige Schlüsseltechnologien für die Zukunft schon längst von anderen entwickelt und besetzt wurden.
  2. Sind diese Entwicklungen für die jeweiligen Industrie selbst verheerend, so sind sie natürlich auch für die jeweiligen Standorte, Regionen und Volkswirtschaften verheerend. Ganze Regionen können veröden (Stichworte Stahlindustrie in der Vergangenheit, Textilindustrie, Automatisierung, Schiffbau, Agrarindustrie, usw.). Leider ist es so, dass die lokalen und regionalen kommunalen Vertreter sich in allen Fällen blindlings den aktuellen Erfolgen verschrieben haben, anstatt im aktuellen Erfolg den Blick auch auf mögliche Alternativen zu richten, erweiternde Szenarien, so dass eine Region eben nicht nur von einer einzigen Technologie abhängig ist. Statt dass die Politik das kritische Korrektiv zu herrschenden Industrien bildet, diese zu Erneuerungen, Weiterentwicklungen, Alternativen anregt, haben sie ihr eigenes Denken weitgehend ausgeschaltet und spielen das Spiel der Selbstverliebtheit einfach mit. Der unausweichliche Technologie-Crash wird damit auch zu einem gesellschaftlichen Crash, den man hätte verhindern können, aber nicht verhindert hat (aktuell in Deutschland z.B. die Automobilstandorte, die Braunkohle, die Kohle, … ).

PRINZIP DER EVOLUTION WIRKT

  1. Betrachtet man die vielen Aufstiege und Abstürze verschiedener Technologien und gesellschaftlicher Systeme weltweit und im historischen Maßstab, dann kann man das Prinzip der Evolution am Wirken sehen, das Alternativen, wenn sie möglich sind, auch zum Tragen kommen; nicht immer sofort oder schnell, aber irgendwann dann doch, weil Effizienz sich letztlich durchsetzt. … oder weil das Leid und die Unzufriedenheit von großen Teilen einer Bevölkerung sich gegen ein herrschendes System aufgelehnt hat: einseitige Verteilung von Reichtum, einseitige Verteilung von Macht, unwürdige Lebensverhältnisse für Viele,  haben in der Vergangenheit oft zu  umstürzende Veränderungen geführt. Nicht immer war es danach besser.

NADELÖHR MENSCH

  1. Sofern der Mensch bei diesen Entwicklungen beteiligt ist, können  wir zwei gegensätzliche Tendenzen beobachten.
  2. Einerseits verfügt der Mensch über ein großes Potential im Erkunden neuer Möglichkeiten und deren technologischer und gesellschaftlicher Nutzung. Andererseits ist der Mensch durch sein biologisches Erbe als Individuum vielfach begrenzt und stark bedürfnis- und triebgesteuert; seine kognitiven Fähigkeiten sind einerseits außerordentlich, wenn es darum geht, sich mit seinem Körper in einer realen Umgebung zurecht zu finden, er hat aber Probleme, komplexe Zusammenhänge zu erfassen, und seine Kommunikationsfähigkeit ist primär für den Nahbereich ausgelegt, für einfache, alltägliche Sachverhalte. Zwar haben Erfindungen wie Schrift, Rechtssysteme, Handwerk, Technologie, Landwirtschaft, Städtebau usw. die Fähigkeit erhöht, dass Menschen im Zusammenwirken mit anderen auch komplexere Aufgaben lösen können, aber der einzelne individuelle Mensch hat sich bislang biologisch nicht wesentlich verändert. Der endliche, triebgesteuerte, am Nahbereich orientierte einzelne Mensch findet sich in immer komplexeren gesellschaftlichen und technologischen Zusammenhängen vor, die seine individuellen Fähigkeiten real übersteigen. Diese Differenz ist schwer erträglich und ist ein großer Motor für Entlastungsstrategien vielfältigster Art. Die einen erleben sich als krank; andere blenden ganze Bereiche der Wirklichkeit einfach aus; andere propagieren vereinfachte Modelle von der Wirklichkeit, die schön klingen und ein gutes Gefühl vermitteln, aber letztlich zu kurz greifen; usw. Religiöser Fanatismus, nationalistische Tendenzen, Abbau von Demokratie durch scheinbar starke Männer, Korruption, Lobbyismus, Zunahme von Kontrolle und Überwachung, dies sind Symptome von großen Ängsten, Tendenzen zur Vereinfachung, die in der Regel nur wenigen nutzen und vielen schaden.

WISSEN NICHT ANGEBOREN

WELT ALS MODELL IM KOPF

  1. Damit kommen wir zu einem zentralen Punkt. Sofern ein Mensch als Akteur an einem Prozess beteiligt ist, kann er neben den an sich ‚blinden‘ Bedürfnissen, Trieben und dem Bauchgefühl auch sein aktuell verfügbares Wissen zu Rate ziehen. Das Wissen ist nicht angeboren, sondern muss in lang andauernden Prozessen der Interaktion mit der Umgebung erworben, gelernt werden. Dieses Wissen ist etwas ‚in seinem Kopf‘, ‚in seinem Gehirn‘. Es ist das menschliche Gehirn, das aufgrund seiner Bau- und Funktionsweise in der Lage ist, die Vielzahl der sensorischen Eindrücke von der Umgebung zugleich mit der eigenen Körperwahrnehmung zu einem komplexen Puzzle zusammen zu setzen, das ‚im Kopf‘, ‚im Gehirn‘ als eine Art ‚virtuelle Welt‚ existiert, ein vom Gehirn konstruiertes Modell der Welt, das nicht die Welt selbst ist. Für jeden einzelnen aber, der solch ein Modell der Welt im Kopf hat, erscheint dieses Modell der Welt als die Welt selbst!
  2. Je nachdem, wie gut dieses Modell im Kopf ist, kann es im Alltag helfen, sich schnell zu orientieren. Man weiß in etwa, wo man sich befindet, wer die Person ist, die mit einem im Raum ist, wie die vielen Gegenstände benannt werden, welche Verhaltensweisen man von den Dingen und Menschen erwarten darf (meistens), usw. Und solange die Welt im Kopf mit der realen Situation harmoniert, solange erscheint die Welt im Kopf ganz natürlich als die Welt selbst. Wenn ich aber mein Fahrrad holen will und feststelle, es ist nicht mehr da; oder ich sehe ein Handy, das aussieht wie ein anderes, aber dieses Handy dann doch anders funktioniert, wie ich es gewohnt bin; oder die Landwirte in den USA in weiten Gebieten plötzlich Wildpflanzen nicht mehr bekämpfen können, weil das die Wildpflanzen gelernt haben, sich gegenüber den Umweltgiften der Landwirte zu erwehren; … dann fällt einem auf, dass das Modell im Kopf nicht die reale Welt ist. Wenn ganze Volkswirtschaften nur noch Arbeitslosigkeit und Schulden produzieren, dann fällt auf, dass unser Modell einer Volkswirtschaft in den Köpfen der Akteure vielleicht falsch ist; oder Menschen in meiner Umgebung verhalten sich plötzlich anders, als ich es jahrelang gewohnt war – was war das für ein Modell, das ich im Kopf von diesen Menschen hatte?
  3. Kurzum, den wenigstens Menschen ist bewusst, dass die Welt, die sie täglich voraussetzen, nicht einfach die Welt ist, wie sie ist, sondern auch die Welt, wie sie sich die Welt in ihrem Kopf vorstellen. Die klassische (Griechische) Philosophie konnte das Lebendige nicht erklären, erfand aber ein Wort (Pneuma von pneuein, atmen), um es zumindest zu benennen. Viele Jahrhunderte (eigentlich mehr als 2000 Jahre) war es der Fantasie der Menschen überlassen, sich vorzustellen, was dieses Pneuma, dieses Lebensprinzip, sein konnte. Erst seit ca. 100 Jahre konnte die Wissenschaft genügend Wissen erarbeiten, um ein mögliches empirisch motiviertes Modell dieses Pneuma-Lebensprinzips zu gewinnen. Und selbst heute ist vieles noch offen.
  4. Das Modell im Kopf, die Welt als explizite Hypothese, fällt nicht vom Himmel; das Modell muss mühsam von vielen 100.000enden jeden Tag neu erarbeitet, überprüft, modifiziert werden. Es ist ein unfassbarer Schatz an Wissen ohne den wir weitgehend blind sind und Spielbälle von an sich blinden Bedürfnissen, Trieben und Bauchgefühlen jeglicher Art. Dieser globale Prozess wissenschaftlicher Erkenntnis ist eingebettet in ein gesellschaftliches Umfeld, das in der Regel kaum an wirklichem Wissen interessiert ist. In der Gesellschaft geht es wie eh und je primär um Macht, Reichtum, Kontrolle, Befriedigung der primären Bedürfnisse, und die Wissenschaft, die Wissenschaftler, sind davon nicht abgeschottet: selten dürfen sie einfach forschen, was man erforschen könnte, sondern können nur forschen, wofür sie Geld bekommen oder was ‚politisch gewollt‘ ist. Die Kurzsichtigkeit der Politik ist aber ein aktuelles Problem. Es gäbe Wissenschaften, die uns allen helfen könnten, aktuelle Tendenzen besser zu bewerten, aber für solche Wissenschaften gibt es kein Geld; sie würden ja die Politik in ihrer Kurzsichtigkeit kritisieren. Davor scheut man zurück.

ZUKUNFT IST KEIN NORMALES OBJEKT

  1. Und hier sei nochmals an den fundamentalen Gedanken aus einem vorausgehenden Blogeintrag erinnert , dass die Zukunft ja nicht als ein Objekt existiert wie irgend ein anderes Objekt in unserer Umgebung. In der Wahrnehmung haben wir streng genommen nur ein Jetzt, das wir nur insoweit überwinden, übersteigen können, als die Fähigkeit unseres Gedächtnisses uns durch die Erinnerung von vergangenen Jetzt-Momenten und verschiedenen Abstraktions- und Vergleichsprozessen überhaupt Anhaltspunkte für Veränderungen in der realen Welt liefert, Ansatzpunkte für Beziehungen, Regelhaftigkeiten, anhand deren wir dann in die Lage versetzt werden, Ideen von möglichen Zuständen in der Zukunft zu denken, als Hypothesen, als Vermutungen. Zukunft ist von daher immer ein Konstrukt im Bereich der virtuellen Welt unseres Gehirns. Wer nicht nachdenkt, hat keine gedachte mögliche Zukunft. Wer nachdenkt, kann Hypothesen entwickeln, die die eine oder andere mögliche Entwicklung vorweg nehmen können, aber insgesamt sind dies Variationen von Themen der Vergangenheit. Die echte Zukunft lässt sich nur sehr angenähert denken.

DIE ZUKUNFT STIRB IM KOPF

  1. Ist das Denken, das Wissen also schon grundsätzlich für unser Verhalten, für unser alltägliches Leben, für Politik und Wirtschaft wichtig, so ist es fundamental für eine mögliche Zukunft. In einer wissensfeindlichen Gesellschaft wird also nicht nur ein Alltag in der Gegenwart schwer, sondern die Keime einer möglichen für alle guten Zukunft werden schon im Ansatz erstickt. Die Zukunft stirbt dann schon im Kopf bevor eine mögliche Zukunft überhaupt stattfinden konnte. Real wird die Welt dann zwar trotzdem voranschreiten, es werden sich Dinge ereignen, ob die Menschen wollen oder nicht, aber diese Dinge können verheerend sein, zerstörerisch, viele Menschen mit Leid versorgen, Leid, das man möglicherweise hätte verhindern können. Die Demagogen der Gegenwart werden dann aber nicht mehr da sein oder, sollten sie es erleben, haben die Demagogen selbst selten die Schuld auf sich genommen. Es waren dann ihre dummen Anhänger, die ihre wunderbare (Schrott)Ideen nicht gut genug verstanden haben. Lieben die Menschen die Unwahrheit tatsächlich mehr als die Wahrheit? Falls Ja, was könnte ein Mensch dagegen tun, sich davor zu schützen?

KONTEXT BLOG

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PHILOSOPHIESOMMER 2016 IN DER DENKBAR FRANKFURT

Alltag, Visionen der Wissenschaft, und die antike Philosophie: müssen hier Köpfe rollen oder gibt es neue gedankliche Fusion?

Sind Sie neugierig, oder meinen Sie, etwas beitragen zu können?

Kommen Sie dazu.

Geben Sie ihrer Eitelkeit drei Stunden Urlaub und lassen Sie zu, dass Sie in der Andersartigkeit vielleicht etwas Neues entdecken.

ORT:

DENKBAR Frankfurt
Spohrstrasse 46a

(Achtung: Parken schwierig! Man muss wirklich im Umfeld suchen)

PROGRAMMFORMAT

Moderation: Gerd Doeben-Henisch

16:00 Begrüßung

16:05 Kleine Performance aus dem PHILOSOPHY-IN-CONCERT Experiment

16:15 Eingangsüberlegungen

16:30 Erste offene Gesprächsrunde (simultan Erstellung eines Begriffsnetzwerkes)

17:30 Blubberpause (Jeder kann mit jedem reden; Essen und Trinken)

18:00 Zweite offene Gesprächsrunde (simultan Erstellung eines Begriffsnetzwerkes)

18:45 Schlussstatements

19:00 Ende

Langsames Wegdiffundieren der Teilnehmer ….

ERINNERUNGEN…

In der Regel erscheint im Anschluss an eine Sitzung ein Bericht im Blog cognitiveagent.org, der auch Gelegenheit bietet, sich durch Kommentare oder eigene Beiträge an der Diskussion zu beteiligen.

INHALTLICHE LINIE

Da der Gesprächsprozess – abhängig von den Teilnehmern! – seine eigene Dynamik gewinnt, lässt sich keine genaue Prognose für alle kommenden Themen geben.

Das Rezept für den Start orientiert sich einmal an unseren alltäglichen Erfahrung einer Menschheit im Fiebertaumel zwischen Gewalt, Krieg, Katastrophen auf der einen Seite, eingespannt in ein umfassendes Räderwerk von Wirtschaft, Verwaltungen, Medienströmen, Politikbetrieb, Anwachsen von ‚tiefem Staat‘ mit mittlerweile grenzenloser Überwachung andererseits; dazu eine scheinbar entfesselte Wissenschaft, die – abgeschottet von der Öffentlichkeit – immer neue Details der Materie enthüllt, den Menschen als biochemische Masse sieht, deren Tage gezählt sind, und in automatisierten Produktionsprozessen denkt, die mit bekannten Wertesystemen kaum noch etwas zu tun haben. Und dann, man wagt es kaum zu sagen, gab es einen alten, sehr alten Philosophen, der mindestens 1800 Jahre lang das Denken In ganz Europa (Westen wie Osten; christliche Theologie genauso wie die islamische Theologie!) geprägt hat, Aristoteles, der heute auf allen Gebieten als abgeschrieben gelten kann. Und doch, schaut man sich die großen Lücken an, die die moderne Wissenschaft mit sich herumschleppt, kann man ins Grübeln kommen. Die Zukunft ist niemals einfach nur die Wiederholung des Gestern. Aber sie ist auch niemals das total ganz andere. Die biologische Evolution praktiziert das Modell der Zähmung des Zufalls durch Erinnerung; das Ergebnis nach ca. 4 Mrd Jahren sind u.a. wir, der homo sapiens. Es ist schwer zu verstehen, bis heute. Manche wollen es auch gar nicht verstehen…

ARCHIV

Wer sich für die bisherigen philosophischen Gespräche unter der Überschrift ‚Philosophiewerkstatt‘ interessiert, ist eingeladen, die Erinnerungsseite zu besuchen. Hier gibt es Berichte von den zurückliegenden Diskursen.

DECHER – HANDBUCH PHILOSOPHIE DES GEISTES – VORSOKRATIKER – DISKURS (Teil 2)

Decher, Friedhelm, Handbuch der Philosophie des Geistes, Darmstadt: WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2015 (Im Folgenden abgekürzt: HPG)

KONTEXT

  1. Nach der kurzen Einführung in das Phänomen Geist beginnt Decher seine gedankliche Expedition zum Begriff Geist bei den alten Ägyptern und den Vorsokratikern.
  2. An dieser Stelle sei nochmals ausdrücklich angemerkt (vgl. die Anmerkungen im ersten Teil dieser Besprechung, besonders Nr.4), dass diese Besprechung in keiner Weise die eigene Lektüre des Buches von Decher ersetzt. Ich lese das Buch im Lichte meiner Fragen, andere werden möglicherweise etwas anderes in dem Buch erkennen. Die Lektüre eines Buches ist niemals eine 1-zu-1 Angelegenheit (ein Umstand, warum auch sogenannte Offenbarungsschriften immer wieder unterschiedlich interpretiert werden).
Schaubild Vorsokratiker nach Decher (2015) - Neu zusammengestellt und interpretiert von Doeben-Henisch
Schaubild Vorsokratiker nach Decher (2015) – Neu zusammengestellt und interpretiert von Doeben-Henisch

ÄGYPTEN EINE RANDNOTIZ (SS.17-19)

  1. Bedenkt man, wie umfangreich und komplex die ägyptische Kultur ist, dann wirken die 2.6 Seiten Text zur Selbstreflexion der Psyche in Ägypten bestenfalls als eine Randnotiz. Ich gehe nicht weiter darauf ein.
  2. [ANMERKUNG: Die Existenz anderer großer Kulturen gleichzeitig zur europäischen bzw. weitgehend auch vor der europäischen wie z.B. in China, Indien und Babylonien werfen viele grundsätzliche Fragen auf nach dem tatsächlichen Stellenwert der europäischen Ideengeschichte. Schon ein kurzer Blick in den Philosophie-Atlas von Holenstein (2004) lässt erkennen, dass das Phänomen Denken, speziell philosophisches Denken, zeitlich und geographisch weit ausgedehnter und differenzierter ist als es der fokussierende Blick auf Europa ahnen lässt. Auch stellt sich mit einer Ausweitung des Blicks auf die ganze Erde die Frage nach den Kriterien für das, was als philosophisches Denken gelten soll, anders, radikaler, differenzierter. Die minimale Position bei Holenstein ist der Rückgriff auf die Sprache als Basismedium alles philosophischen Denkens (vgl. Holenstein S.17), und damit die Ausweitung der Geschichte der Philosophie auf die Geschichte des homo sapiens, der seit ca. 100.000 Jahren die Erde, ausgehend von Afrika, bevölkert hat. Alle weitere Differenzierungen mit zusätzlichen Kriterien werden schwierig. So kann man sicher streiten, ob die Philosophie aus dem Mythos (und/ oder der Religion) hervorging oder ob nicht – wofür viele Artefakte sprechen – ordnungspolitische ethische Vorstellungen den Ausgangspunkt bildeten, die erst nachträglich mit religiösen Vorstellungen aufgeladen wurden, um ihre Bedeutung zusätzlich abzusichern.]

HOMER (SS.20-24)

  1. Decher wählt – neben den Anmerkungen zur ägyptischen Kultur – als Referenzpunkt für das weitere die homerischen Texte. Am Beispiel der drei Begriffe Psyché, Thymos und Noos zeigt er auf, wie einerseits hier die Keimzellen der späteren Bedeutungen sehr wohl vorhanden sind, zugleich aber auch, dass die hier vorfindlichen Bedeutungen konkreter und statischer sind als später.
  2. Psyché ist hier noch sehr am empirischen Phänomen des Atmens orientiert, am Lufthauch, als Kriterium des Lebendigen, das im Tod verschwindet. Thymos als ‚Ort‘ der Gefühle, der Regungen, die der Mensch erlebt, die mit ihm etwas tun. Und Noos als Ort, in dem sich die Wahrnehmung als Vorstellung sammelt. Insgesamt in der Sicht Dechers eher statisch, unveränderlich, vorgegeben. Änderungen können nur von den Göttern, von außerhalb des Menschen kommen. (vgl. SS.20-24) Mit den Worten Dechers: „Die Homerischen Menschen sind noch nicht zu dem Bewusstsein erwacht“. (S.24)

DIE VORSOKRATIKER (SS.24-40)

  1. Trotz aller Problematik der Überlieferung der Gedanken der sogenannten Vorsokratiker, gibt es Lehrmeinungen dazu, was sie gemeint haben sollen.
  2. Der Grundtenor geht in die Richtung, dass über die sinnliche Wahrnehmung hinaus Beziehungen, Strukturen entdeckt wurden, die unabhängig von sinnlichen (empirischen) Einzelereignissen wahr zu sein scheinen. Dass diese allgemeineren Strukturen in dem zu finden sind, was Nous (früher Noos) genannt wird. Dass sich die Philosophen mehr und mehr dessen bewusst wurden, dass sie wahrnehmen und Erkennen, und wie. Dass sie aus sich heraus ihr Wissen vermehren können. Dass man mit dem Nous auch planen kann. Ein Alkmaion kam durch seine physiologischen Studien den modernen Erkenntnissen von der körperlichen Basis des Wahrnehmens und Denkens schon sehr nahe (Funktion der Sinnesorgane, Nervenbahnen, Gehirn als Basis geistiger Fähigkeiten). Auch grundsätzliche Überlegungen nach allerkleinsten ewigen Bausteinen (Semata, Atome) von allem, aus deren Kombinationen sich alles andere ergibt, finden sich (Anaxagoras, Demokrit). Ebenso der Versuch, den Nous nicht nur als Ort der allgemeinen Strukturen im Denken zu sehen, sondern auch als kosmologisches Prinzip, das alle Teilchen durchwaltet, gestaltet und damit den individuellen Sinn in einen umfassenden kosmologischen Sinn einbettet.
  3. Die Rolle der Psyché (Psyche, Seele) bleibt hier etwas unklar. Belebendes Prinzip? Wie vom Nous abzugrenzen?

DISKURS

  1. Es stellen sich hier viele Fragen.
  2. Da es ja um eine Bestandsaufnahme von philosophischem Denken am Beispiel des Begriffes Geist gehen soll, wäre interessant, die Kriterien in der Verwendung von Begriffen etwas näher heraus zu arbeiten.
  3. Bislang ist klar, wir haben auf jeden Fall Wortmarken, also bestimmte geschriebene Wörter (ursprünglich natürlich auch gesprochen), die in bestimmten Textkontexten vorkommen, anhand dessen man dann Hypothesen zur Bedeutung konstruiert.
  4. Nun ist eine Bedeutung ja kein normaler Gegenstand, auf den man einfach so hinweisen, hindeuten kann. Bedeutungen sind im einfachsten Fall gekoppelt an Leistungen unserer Sinnesorgane, die anlässlich von empirischen Objekten in der intersubjektiven Welt sensorische Ereignisse (auf der Basis von neuronalen Aktivitäten) im Bewusstsein erzeugen, die uns das Material liefern, aus dem unser Verstand (auf der Basis von neuronalen Aktivitäten) irgendwelche mentalen/ kognitiven Eigenschaften daraus abstrahiert, die sich dann – nach Bedarf – mit Wortmarken assoziieren lassen. Schon in diesem einfachen Fall können die sensorischen Ereignissen von gleichen Ausgangsereignissen bei verschiedenen Menschen unterschiedlich ausfallen (Defekte am Sinnesorgan, Wahrnehmungsstörungen, interne Faktoren (Erregung, Müdigkeit,…)…), und deren Verarbeitung zu abstrakten Strukturen ist ebenfalls nicht genormt. D.h. schon im scheinbar einfachen Fall von intersubjektiven Bedeutungsanlässen können die im Teilnehmer erzeugten Bedeutungskorrelate unterschiedlich sein. Dazu kommt, dass die Assoziierung von einer Wortmarke mit subjektiven Bedeutungskorrelaten grundsätzlich willkürlich (arbiträr) ist. Von außen kann ein Teilnehmer A nicht erkennen, welche Assoziierung (Zuordnung) ein Teilnehmer B in seinem Denken vornimmt. Er kann nur versuchen, seine eigene Zuordnung anhand von intersubjektiven Ereignissen zwischen A und B mit dem Sprachverhalten des anderen Teilnehmers vergleichen. Redet B immer dann von der roten Tasse, wenn auch A von einer roten Tasse redet?
  5. Bei komplexeren Bedeutungskonstrukten (wie z.B. Freiheit, Liebe, Demokratie, Gott, …) ist es in der Regel von vornherein nicht klar, unter welchen Bedingungen sie genau zustande gekommen sind bzw. unter welchen Bedingungen man sie wie verwenden soll. Meistens hat jeder Mensch seine individuelle Geschichte, wie er zu bestimmten Bedeutungen gekommen ist und dementsprechend seine individuelle Variante der Bedeutung, die im Einzelfall erst zu klären ist, bevor man sie gemeinsam benutzt.
  6. Wenn es hier also um Wortmarken wie Noos/ Nous, Thymos, Psyché, Aisthesis, Noema, Logos usw. geht, spielen also die fassbaren Kontexte ihres Gebrauchs eine zentrale Bedeutung.
  7. Ferner ist zu bedenken, dass wir selbst immer schon unsere eigenen (indivduellen) Bedeutungsstrukturen mit uns herum tragen, von denen wir so gut wie gar nicht abstrahieren können; sie stecken in uns drin, sie bilden die innere Struktur unseres Denkens; wir können aus ihnen nicht einfach aussteigen. Bestenfalls können wir sie sichtbar machen, so dass man selbst (und auch der jeweils andere) ansatzweise erkennen kann, warum man einen intersubjektiven Sachverhalt so oder anders interpretiert.
Schaubild: Denken-Bewusstsein-Koerper-Art-Evolution
Schaubild: Denken-Bewusstsein-Koerper-Art-Evolution
  1. Meine Bedeutungsstrukturen sind im Bild angedeutet.
  2. Wo und wie in dieser Struktur würde ich/ könnte ich die potentiellen Begriffe wie Noos/ Nous, Thymos, Psyché, Aisthesis, Noema, Logos einordnen? Ganz einfach, so ohne weiteres, geht dies wohl nicht.

Eine Fortsetzung findet sich HIER.

SONSTIGE QUELLEN

  1. Holenstein, Elmar; Philosophie-Atlas. Orte und Wege des Denkens, Zürich: Amman Verlag & Co, 2004

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MEMO PHILOSOPHIE-WERKSTATT 14.Juni 2015 in der DENKBAR FRANKFURT

KONTEXT

Die Philosophiewerkstatt am 14.Juni 2015 – begleitet von einem wunderbaren Sommerwetter und eingebettet in kulinarische Produktionen von Reinhard Graef – folgte dem Programmentwurf der Einladung vom 8.Juni 2015.

Thematischer Ausgangspunkt für den 14.Juni war die Philosophiewerkstatt vom 10.Mai 2015 gewesen. In dieser hatte es unter dem Titel „ENTSCHEIDEN IN EINER MULTIKAUSALEN WELT?“ ein gemeinsames Gespräch gegeben, das sehr viele Zusammenhänge zutage gefördert hatte. Die Rolle der Politik blieb aber relativ unbestimmt; verkürzt: eine Art Lobbyistenverein, der sich nur noch bei den Wahlen um Wähler kümmert.

KURZEINFÜHRUNG

Dies animierte Reinhard Graef – ein ausgebildeter Ökonom (mit starkem Soziologieanteil) – zu einem Input für das Treffen am 14.Juni 2015: Ausgehend von dem Buch ‚Postdemokratie‘ (DE: 2008, EN: 2004) des Politikwissenschaftlers Colin Crouch fasste er die wichtigsten Thesen von Crouch zusammen und ermöglichte uns allen einen neuen Einstieg in das Thema (siehe Bild).

Memo Philosophiewerkstatt vom 14.Juni 2015 - Colin Crouch referiert von Graef - Gruppengespräch
Memo Philosophiewerkstatt vom 14.Juni 2015 – Colin Crouch referiert von Graef – Gruppengespräch

Crouch – in der Sicht von Reinhard Graef – spannt in seinen Thesen die drei Pole auf: (i) die Bevölkerung (als apathische Masse), (ii) die Wirtschaft (heute globalisiert und anonymisiert), und (iii) die Politik (von wirtschaftlichen Interessen dominiert, Demokratie nur noch als vom Marketing gesteuerte Wahlen). Dieses Bild wurde anhand von weiteren Thesen differenziert, gelegentlich auch ergänzt um Parallelen zwischen England und der Deutschen Politik.

Zwar als Monster hingestellt beeindruckten Personen wie Hitler, Mussolini und Stalin die westlichen Politiker (und Firmenchefs) doch darin, wie man ‚die Massen‘ für etwas begeistern kann. Die Steuerung der Medien und die Verflachung der Inhalte sind mittlerweile ‚Standard‘ auch in westlichen Demokratien. Der westlich-demokratische Politikbetrieb (speziell in den USA) tendiert immer mehr zu einer Propagandaschlacht, in der Marketingspezialisten den obersten Ton angeben. Differenzierte politische Diskurse sind ‚unpassend‘.

Dieser marketingorientierte Politikbetrieb beherrscht mittlerweile auch immer mehr den Alltag. Pressekonferenzen leben vom Verschweigen, Abwiegeln, Verweigern, Dementis, Floskeln. Hier manifestiert sich eine Verachtung des Wählerwillens und zugleich ein Verbergen von politischer Unfähigkeit hinter Floskeln.

Durch die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft entziehen sich die großen Firmen einerseits dem Einfluss nationaler Politik, zugleich versuchen sie aber die nationalen Infrastrukturen (Verkehr, Recht, Arbeitskräfte, …) für ihre Marktaktivitäten zu nutzen bei minimalen Steuern. In den letzten Jahren versucht die Politik durch eine vermehrte internationale Kooperation den globalen Ausbeutungen nationaler Ressourcen entgegen zu steuern, aber durch die starken Bindungen einzelner Politiker an große Konzerne fehlt diesen Maßnahmen bislang der richtige ‚Biss‘.

Colin Crouch sieht die Bevölkerung als apathische Masse, die das alles mit sich geschehen lässt. Andererseits deutet sich an, dass mit einem wachsenden Bildungs- und Aufklärungsniveau die Wahrnehmung geschärft werden kann und dass sich partielle Widerstände ausbilden, die sich dann doch über die Wahlen direkt auf die Politik auswirken können.

GESPRÄCH

Im Gespräch wurden alle diese Punkte aufgegriffen und vertieft. Das Gespräch nahm dann aber seine ganz eigene Richtung.

BEVÖLKERUNG

Das Gespräch hakte bei der Bevölkerung ein. Was ist mit dieser apathischen Masse? Haben wir apathische Jugendliche mit einer Sinnkrise? Sind die sozialen Stellungen tatsächlich mittlerweile eher fest, weniger durchlässig? Wachsende Ungleichheit, speziell beim Vermögen ist aktenkundig. Was macht dies mit der Gesellschaft? Haben wir eine ‚Kultur der Abrichtung‘, die im Kindergarten beginnt, sich in der Schule fortpflanzt und bei den Studenten nur noch willenlos-apathische Mehrheiten hinterlässt?

Ein Vertreter der jüngeren Generation (Student) widersprach diesem Bild. Die Jugendlichen sind nicht grundsätzlich apathisch, aber ihnen fehlen kritische Leitbilder, an denen sie ihr Verhalten ausrichten können. Er kritisierte seine Eltern, dass sie ihn eigentlich nicht zu einer Haltung des kritischen Hinterfragens erzogen haben.

Dies führte zu der Arbeitshypothese, dass die Menschen (Kinder, Jugendliche, Erwachsene) heute nicht schlechter sind als zu früheren Zeiten, dass aber die allgemeine Bildung und Ausbildung zu wenig Anreize liefert, sich kritisch und kreativ mit der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft aktiv auseinander zu setzen.

FAKTOREN

Dies kann viele Gründe haben. Einmal natürlich die Arbeitswelt selbst, die durch ihre Anforderungen wenig Zeit und wenig Kraft übrig lässt, sich daneben noch aktiv mit Fragen des Lebens zu beschäftigen. Zum anderen die Medienwelt, die kritische Informationen, gedankliche anfordernde Inhalte eher meiden (Einschaltquoten).[Anmerkung: bei dem zweitgrößten Radiosender Europas darf keine Sekunde gesendet werden, die nach dem empirisch ermittelten Bild der Hörer des Senders den Eindruck erwecken könnten, das Wohlbefinden des Hörers zu stören. Es werden Millionen Euros nur dafür ausgegeben, zu wissen, wie der Hörer fühlt, denkt, und handelt]. Die Frage der ‚Wahrheit‘ der Quellen stellt sich: Wem kann man noch vertrauen? Ferner die gesamte Kultur samt ihren Bildungseinrichtungen, die eher zur ‚Anpassung‘ erzieht, zum ‚Wohlverhalten‘, zum ‚Nichtfragen‘ (‚Kultur der Abrichtung‘) als zum kritischen Hinterfragen, zum Widerstand, zur jugendlichen Revolte, um sich im Gegensatz neu finden zu können. Schließlich die Politik, die sich über Wählermüdigkeit beklagt, aber selbst ein massive Politikverweigerung täglich demonstriert: Wähler nicht ernst nehmen, statt fachlich-kundige Expertise Schlagworte, Floskeln, Pressekonferenzen als Aussageverweigerung, extremer Lobbyismus ohne offizielle Transparenz, usw.

ALTERNATIVE DURCH AUFKLÄRUNG

Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage nach einer Alternative zu einer ‚Kultur der Abrichtung‘.

Das Wort ‚Aufklärung‘ kam ins Spiel, eine Kultur der Aufklärung. Hier stellten sich viele Fragen: Woher soll die Zeit kommen, die man braucht, sich kritisch verhalten zu können? Das Effizienz- und Leistungsdenken steht dem bislang diametral entgegen. Und wenn aufklärendes Wissen und Handeln zu einer Veränderung führen könnte, wie viel Zeit muss man realistisch veranschlagen, bis Veränderungen greifen? Wichtige Prozesse brauchen Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte. Wer hat soviel Geduld?

Zu Aufklärung gehören auch Fragen wie die nach dem ‚richtigen Wissen‘, nach den ‚angemessenen Werten‘. Woher soll das kommen? Wer kann es wissen? Muss man sich dazu nicht mit anderen zusammen tun? Woher weiß eine Gruppe, ob sie nicht als Gruppe irrt? In der Geschichte gibt es genügend Beispiele, dass Gruppen sich in eine Idee verrannt hatten und dann scheiterten? Andererseits, wenn etwas wirklich ’neu‘ und ‚innovativ‘ ist, dann ist es fremd, unbekannt, erzeugt Irritation und Ängste, fördert Ablehnung. Kritisch-innovativ sein heißt dann nicht, dass man unbedingt ‚gesellschaftlich erfolgreich‘ ist. Kann oder muss man diese Ablehnung trainieren? Muss man das ‚Anderssein‘ üben? Einige berichteten, dass sie tatsächlich so etwas wie einen gesellschaftlichen Erwartungsdruck spüren, dass man bestimmte Dinge so und so tut. Sich anders ernähren, sich anders bewegen, sich anders kleiden usw. geht nicht ohne eine gewisse Anstrengung und Überwindung. Zusätzlich stellt man fest, dass man zwar A als eigentlich besser erkannt hat, dass man persönlich aber noch an Nicht-A hängt (Bedürfnisse, Gewohnheiten, Leidenschaften, Ängste, …). Dies verhindert eine Änderung.

In diesem Zusammenhang kam auch der Hinweis auf das hohe Potential an Selbsttäuschung, das jeder in sich trägt. Das ‚bewusste Wissen‘ ist ja nur ein winziger Ausschnitt aus dem riesigen Raum des ‚Nicht-Bewussten‘, der angefüllt ist mit einem komplexen Netzwerk an Bedürfnissen, Emotionen, Gefühlen, Ängsten und komplexen Denkprozessen. Wenn man nicht lernt, diese nicht-bewussten Anteile ein wenig einzuschätzen, dann meint man zwar, A zu tun wegen B, aber im nicht-bewussten Teil von einem selbst tut man A wegen C. Und dann wundert man sich, warum die Dinge dann anders laufen, als man wollte oder warum man auf Dauer krank wird.

Schließlich ist auch noch zu erwähnen, dass die besten Ideen nichts nützen, wenn man etwas plant und einfach nicht über die notwendigen Voraussetzungen verfügt. Ein Schuss Realismus bei der Übernahme von Aufgaben – speziell bei der Einschätzung der notwendigen Zeit – ist wichtig.

FORTSETZUNG DER PHILOSOPHIEWERKSTATT IN DER DENKBAR?

Wie beim letzten Treffen angekündigt, sollte bei dem letzten Treffen vor der Sommerpause auch darüber gesprochen werden, ob man das Experiment Philosophiewerkstatt in der DENKBAR fortsetzen soll oder nicht. Falls Ja, wie weiter?

Es gab ein überraschend einhelliges sehr klares Votum aller TeilnehmerInnen, dass diese Form des gemeinsamen Sprechens und Einsichten Findens von allen als sehr positiv, hilfreich, anregend usw. erlebt wird. Alle votierten für eine Fortsetzung im Herbst, wieder jeder 2.Sonntag im Monat, 16:00h, Start So 11.Oktober 2015. Ergänzung oder Verzahnung mit anderen Veranstaltungen ist möglich. Allerdings wurde von allen auch betont, dass diese Gesprächsform keine zu großen Teilnehmerzahlen verträgt.

BUCH ZUM BLOG cognitiveagent.org

Gerd Doeben-Henisch wies daruf hin, dass er bis Ende August versucht, auf 100 Seiten die ca. 1500 Seiten seines Blogs ‚lesbar‘ zusammen zu fassen. Eine Veröffentlichung ist für November 2015 geplant. Bis dahin gibt es einen Vorabdruck für jedes Kapitel im Blog selbst.

ERKENNTNISSCHICHTEN – PHILOSOPHISCHE LEVEL. Erste Notizen

VORBEMERKUNG

Vor fast genau drei Jahren hatte ich schon einmal einen Blogeintrag geschrieben, in dem das Wort ‚Level‘ im Kontext eines Computerspiels erwähnt wurde (siehe: SCHAFFEN WIR DEN NÄCHSTEN LEVEL? Oder ÜBERWINDEN WIR DEN STATUS DER MONADEN?
). Dort jedoch wurde die Idee des Computerspiels und der Level in einem ganz anderen Zusammenhang diskutiert. Im folgenden Text geht es tatsächlich um den Versuch, konkret verschiedene Ebenen des Denkens (Level) zu unterscheiden. Als ‚Ordnungsprinzip‘ in all dem wird einmal die zeitliche Abfolge benutzt, in der diese Level auftreten können, und eine ‚implizite Architektur‘ unseres Denkens, die sich nur ‚indirekt‘ beschreiben lässt.

DER BEGRIFF ‚LEVEL‘

1. Wer heutzutage Computerspiele spielt, der kennt das: man bewegt sich immer auf einem bestimmten ‚LEVEL‘, d.h. auf einer bestimmten Spielebene. Jede Spielebene hat eigene Regeln, eine eigene spezifische Schwierigkeit. Erst wenn man genügend Aufgaben gelöst hat, wenn man hinreichend viel Punkte erworben hat, dann darf man auf den nächsten Level. Diese Idee der Spielebene, des Level, kann man auch auf den Alltag übertragen.

FUNKTIONIEREN IM ALLTAG

2. Im Alltag stehen wir in beständiger Interaktion mit unserer alltäglichen Umgebung (Level 1). Wir nehmen wahr, wir identifizieren Objekte mit Eigenschaften, Beziehungen zwischen diesen im Raum, zeitliche Abfolgen, und wir selbst verhalten uns nach bestimmten Regeln, die uns der Alltag aufdrängt oder aufgedrängt hat: wir lernen, dass Dinge fallen können; dass es Tag und Nacht gibt; dass Menschen unterschiedlich reagieren können; dass Menschen Rollen haben können, unterschiedliche Verpflichtungen; dass es Regeln gibt, Vorschriften, Gesetze, Erwartungen anderer, Gewohnheiten, Sitten, Gebräuche. Wir lernen mit der Zeit, dass Unterschiede gemacht werden bezüglich Herkunft, Sprache, wirtschaftlicher Stellung, Glaubens- oder Weltanschauungsansicht, usw.

3. Wenn alles ‚gut‘ läuft, dann FUNKTIONIEREN wir; wir tun, was erwartet wird, wir tun, was die Spielregeln sagen; wir tun, was wir gewohnt sind; wir bekommen unsere Leistungspunkte, unsere Anerkennungen …. oder auch nicht.

4. Wenn man uns fragt, wer wir sind, dann zählen wir für gewöhnlich auf, was wir so tun, welche Rollen wir spielen, welche Berufsbezeichnungen wir tragen.

DURCH NACHDENKEN ZUM PHILOSOPHIEREN

5. Sobald man nicht mehr nur FUNKTIONIERT, sondern anfängt, über sein Funktionieren NACHZUDENKEN, in dem Moment beginnt man, zu PHILOSOPHIEREN. Man beginnt dann mit einer BEWUSSTWERDUNG: man tut etwas und zugleich wird einem bewusst, DASS man es tut. Damit beginnt Level 2.

6. Beginn man mit einer solchen bewussten Wahrnehmung des DASS, des Unterscheidbaren, des sich Ereignenden, dann wird man nicht umhin kommen, zu unterscheiden zwischen jenen Phänomenen, Ereignissen, Objekten, die ‚zwischen‘ verschiedenen Menschen – also ‚intersubjektiv‘, ‚empirisch‘, ‚objektiv‘ – verfügbar sind und jenen, die ‚rein subjektive‘ Tatbestände darstellen. Über den ‚Apfel dort auf dem Tisch‘ kann man sich mit anderen verständigen, über die eigenen Zahnschmerzen, die eigenen Gefühle, die eigenen Erinnerungen usw. nicht so ohne weiteres. Jeder kann bis zu einem gewissen Grad ‚IN SEIN BEWUSSTSEINS HINEINSCHAUEN‘ – ’subjektiv‘, ‚introspektiv‘,’phänomenologisch‘– und solche Phänomene wahrnehmen, die NICHT INTERSUBJEKTIV sind, sondern REIN SUBJEKTIV. Diese OJEKTE DER INNENWELT sind für das eigene Erleben genauso real wie die Objekte der Außenwelt, aber sie sind nicht zugleich auch von anderen Menschen wahrnehmbar. Diese bewusste Unterscheidung zwischen AUSSEN und INNEN innerhalb des Level 2 soll hier als Level 3 bezeichnet werden. Die Menge der Inhalte, die innerhalb von Level 2 und 3 bewusst wahrgenommen werden, sollen hier einfach PHÄNOMENE genannt werden mit der anfangshaften Unterscheidung von intersubjektiven Phänomenen auch als EMPIRISCHE PHÄNOMENE und rein subjektive Phänomene als NICHTEMPIRISCHE PHÄNOMENE

WELT NEU ERZÄHLEN

7. Mit dem Bewusstwerden von Level 2 und Level 3 kann eine neue Form von BESCHREIBUNG beginnen, die hier LEVEL 4 heißen soll. Dieser Level 4 stellt eine Art META-LEVEL dar; man spricht auf einem Meta-Level über einen anderen Level. Dies ist vergleichbar einem Linguisten, der die Eigenschaften einer Sprache (z.B. des Deutschen) in seiner Fachsprache beschreiben muss. So könnte es sein, dass ein Satz wie ‚Das Haus hat einen Eingang‘ auf der linguistischen Metaebene eine Beschreibung bekäme wie ‚(‚Das‘: Bestimmter Artikel)(‚Haus‘: Substantiv)(‚hat‘: Verb)(‚einen‘: unbestimmter Artikel)(‚Eingang‘: Substantiv)‘; diese Beschreibung könnte viele weitere Elemente enthalten.

8. Eine Meta-Beschreibung kann innerlich weiter strukturiert sein. Auf Level 4.0 BENENNT man nur, was man im DASS unterscheiden kann: Objekte, Eigenschaften, Beziehungen. Auf Level 4.1 kann man ABFOLGEN von benannten Phänomenen identifizieren, speziell solche, die REGELHAFT erscheinen. Aus der Gesamtheit von Benennungen und Abfolgen kann man auf Level 4.2 ein MODELL konstruieren, mittels dem eine Teilmenge von Phänomenen und deren Abfolgen FUNKTIONAL ERKLÄRT werden soll. Mit einer zusätzlichen LOGIK auf Level 4.3 kann man dann mit einem Modell FOLGERUNGEN konstruieren, die wie VORHERSAGEN benutzt werden können, die sich ÜBRPRÜFEN lassen.

9. Beschränkt man sich auf dem Level 4 auf die empirischen Phänomene, dann bilden die Level 4.0 – 4.3 das, was wir die EMPIRISCHEN WISSENSCHAFTEN nennen. Man benennt = beschreibt die Dinge dann in einer eigenen Fachsprache (Chemie, Psychologie, Physik, Linguistik, …); man definiert Messverfahren, wie man Eigenschaften reproduzierbar messen kann; und man benutzt die Mathematik und die formale Logik, um Modelle (THEORIEN) zu konstruieren.

10. Beschränkt man sich auf dem Level 4 hingegen auf die nicht-empirischen Phänomene, dann bilden die Level 4.0 – 4.3 das, was wir die SUBJEKTIVE WISSENSCHAFT nennen könnten. Auch hier würde man die Dinge mit einer eigenen Fachsprache benennen = beschreiben; man definiert Verfahren, wie man möglicherweise Eigenschaften reproduzierbar erzeugen kann; und man benutzt die Mathematik und die formale Logik, um Modelle (THEORIEN) zu konstruieren. Eine Verständigung über Theorien der subjektiven Wissenschaft wären aufgrund der subjektiven Wahrnehmungsbasen ungleich schwieriger als im Falle von empirischen Theorien, aber niht völlig augeschlossen.

KREATIVITÄT

11. Hat man das ‚automatische‘ Verhalten überwunden (so wie es alle tun, so wie man es gelernt hat), und ist sich stattdessen bewusst geworden, dass man so und so handelt, und hat man angefangen das Automatische bewusst zu rekonstruieren, dann kann man jetzt auch bewusst Alternativen durch Variationen erzeugen [Anmerkung: natürlich kann man auch ohne Reflexion ’spontan‘ Dinge anders tun, als man sie vorher getan hat, aber dies ist dann ‚überwiegend zufällig‘, während ein Kreativität in einem reflektierten Kontext sowohl ‚gerichtet‘ ist aufgrund des verfügbaren Wissens, zugleich aber auch ‚zufällig‘, jedoch in einem viel größeren Umfang; nicht nur ‚punktuell‘]. Man kann jetzt sehr bewusst fragen, ‚warum‘ muss ich dies so tun? Warum will ich dies so? Was sind die Voraussetzungen? Was sind die Motive? Was sind die Ziele? Was will man erreichen? Usw.

12. Ein Ergebnis dieser Infragestellungen kann sein, dass man bestimmte Abläufe ändert, einfach, um mal heraus zu finden, was passiert, wenn man es anders macht. Häufige Fälle: jemand hat nie Gedichte geschrieben, weil niemand ihn vorher dazu angeregt hat, Gedichte zu schreiben; oder jemand hat nie Musik gemacht, weil sie sich immer eingeredet hat, sie sei unmusikalisch. Jemand hat nie vor anderen Menschen geredet, weil er immer Angst hatte, sich zu blamieren. Usw. Kurzum bei Erreichen von Level 4 beginnt man zu ahnen, dass alles anders sein könnte, als man es bislang gewohnt war und praktiziert hatte. Nennen wir diese neu gewonnene kreative Freiheit den LEVEL 5.

Fortsetzung folgt

ENTSCHEIDEN IN EINER MULTIKAUSALEN WELT? MEMO ZUR PHILOSOPHIEWERKSTATT VOM Sonntag, 10.Mai 2015 IN DER DENKBAR (Frankfurt)

Begriffsnetzwerk von der Philosophiewerkstatt am 10.Mai 2015
Begriffsnetzwerk von der Philosophiewerkstatt am 10.Mai 2015

Generelles Anliegen der Philosophiewerkstatt ist es, ein philosophisches Gespräch zu ermöglichen, in dem die Fragen der TeilnehmerInnen versuchsweise zu Begriffsnetzen verknüpft werden, die in Beziehung gesetzt werden zum allgemeinen Denkraum der Philosophie, der Wissenschaften, der Kunst und Religion. Im Hintergrund stehen die Reflexionen aus dem Blog cognitiveagent.org, das Ringen um das neue Menschen- und Weltbild.

Aus der letzten Philosophiewerkstatt vom 12.April 2015 resultierte das – nicht ganz schar formulierte – Thema: Kann sich ein einzelner innerhalb einer multikausalen Welt überhaupt noch sinnvoll entscheiden? Kann man überhaupt noch eine Wirkung erzielen? Ist nicht irgendwie alles egal?

1. Trotz strahlendem Sommerwetter fand sich wieder ein bunter Kreis interessierter und engagierter Gesprächsteilnehmer, um sich in der DENKBAR Frankfurt zum Thema auszutauschen. Wie beim jedem Treffen bisher gab es auch dieses Mal neben schon bekannten Teilnehmern wieder auch neue Teilnehmer, die das Gespräch bereicherten.

2. Wie die Gedankenskizze des Gesprächs andeutet, förderte das gemeinsame Gespräch eine Fülle interessanter Aspekte zutage, die auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind. Auch wenn jeder Punkt für sich ein eigenes Thema abgeben könnte, so zeigt gerade der Überblick über und die Vernetzung von den Begriffen etwas von unserer Entscheidungswirklichkeit auf, die im Alltag oft im Dunkeln verbleibt.

INDIVIDUUM – KONTEXT

3. Das Gespräch fokussierte zunächst eher auf den individuellen Träger von Entscheidungen und lies die diverse Einflüsse des Kontextes eher am Rande.

4. Am Entscheidungsprozess traten verschieden ‚Phasen‘ hervor: (i) irgendein ein Anlass. Warum man sich überhaupt mit etwas beschäftigt. Warum öffnet man sich überhaupt für ein Thema? Wendet man sich einem Thema zu, dann gibt es in der Regel mindestens eine Alternative, was man tun könnte. Dies hängt sowohl von den konkreten Umständen wie auch von der verfügbaren Erfahrung und dem verfügbaren Wissen ab. Nach welchen Kriterien/ Präferenzen/ Werten entscheidet man dann, welche der vielen Möglichkeiten man wählen soll? Ist die Entscheidung ‚frei‘ oder durch irgendwelche Faktoren ‚vorbestimmt‘? Gibt es explizite Wissensanteile, aufgrund deren man meint, ‚rational‘ zu handeln, oder ist es eine ‚Bauchentscheidung‘? Wieweit spielen ’nicht-bewusste‘ Anteile mit hinein? Insofern nicht-bewusste Anteile von sich aus nicht bewusst sind, können wir selbst dies gar nicht wissen. Wir bräuchten zusätzliche Hilfen, um dies möglicherweise sichtbar zu machen. Schließlich wurde bemerkt, dass selbst dann, wenn wir sogar zu einer Entscheidung gekommen sind, was wir tun sollten, es sein kann, dass wir die Ausführung lassen. Wir tun dann doch nichts. Sollten wir etwas tun, dann würde unser Tun ‚eine Wirkung‘ entfalten.

ARCHITEKTUR DES INDIVIDUUMS

5. Alle diese Entscheidungsprozesse verlaufen in einer Person; im anderen, in mir. Wir wissen, dass jeder Mensch eine komplexe Architektur besitzt, sehr viele unterschiedliche Komponenten besitzt, die in Wechselwirkung stehen. Folgende drei Bereich wurden genannt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: (i) der Körper selbst, die Physis, das Physiologische. Das Gehirn ist eines der vielen komplexen Organe im Bereich der Physis. Das Physische kann altern, kann zwischen Menschen Varianzen aufweisen. Resultiert aus einem individuellen Wachstumsprozess (Ontogenese), und im Rahmen einer Population resultiert der Bauplan eines individuellen Körpers aus einem evolutionären Prozess (Phylogenese). Sowohl in der Phylogenese wie in der Ontogenese können sich Strukturen umweltabhängig, verhaltensabhängig und rein zufällig verändern. Weiter gibt es (ii) den Komplex, der grob mit Emotionen, Gefühle umschrieben wurde. Es sind Körper- und Gemütszustände, die auf das Bewerten der Wahrnehmung und das Entscheiden Einfluss ausüben können (und es in der Regel immer tun). Schließlich (iii) gibt es den Komplex Wissen/ Erfahrung, der Menschen in die Lage versetzt, die Wahrnehmung der Welt zu strukturieren, Beziehungen zu erkennen, Beziehungen herzustellen, komplexe Muster aufzubauen, usw. Ohne Wissen ist ein Überschreiten des Augenblicks nicht möglich.

WISSEN

6. Aufgrund der zentralen Rolle des Wissens ist es dann sicher nicht verwunderlich, dass es zum Wissen verschiedene weitere Überlegungen gab.

7. Neben der Betonung der zentralen Rolle von Wissen wurde mehrfach auf potentielle Grenzen und Schwachstellen hingewiesen: (i) gemessen an dem objektiv verfügbare Wissen erscheint unser individuelles Wissen sehr partiell, sehr begrenzt zu sein. Es ist zudem (ii) veränderlich durch ‚Vergessen‘ und ‚Neues‘. Auch stellte sich die Frage (iii) nach der Qualität: wie sicher ist unser Wissen? Wie ‚wahr-falsch‘? Woher können wir wissen, ob das, was wir ‚für wahr halten‘, an was wir ‚glauben‘, tatsächlich so ist? Dies führte (iv) zu einer Diskussion des Verhältnisses zwischen ‚wissenschaftlichem‘ Wissen und ‚Alltags-‚ bzw. ‚Bauchwissen‘. Anwesende Ärzte betonten, dass sie als Arzt natürlich nicht einfach nach ‚Bauchwissen‘ vorgehen könnten, sondern nach explizit verfügbarem wissenschaftlichen Wissen. Im Gespräch deutete sich dann an, dass natürlich auch dann, wenn jemand bewusst nach explizit vorhandenem Wissen vorgehen will, er unweigerlich an die ‚Ränder seines individuellen‘ Wissens stoßen wird und dass er dann gar keine andere Wahl hat, als nach zusätzlichen (welche!?) Kriterien zu handeln oder – was vielen nicht bewusst ist – sie ‚verdrängen‘ die reale Grenze ihres Wissens, indem sie mögliche Fragen und Alternativen ‚wegrationalisieren‘ (das ‚ist nicht ernst‘ zu nehmen, das ist ‚unwichtig‘, das ‚machen wir hier nicht so‘, usw.). Ferner wurde (v) der Status des ‚wissenschaftlichen‘ Wissens selbst kurz diskutiert. Zunächst einmal beruht die Stärke des wissenschaftlichen Wissens auf einer Beschränkung: man beschäftigt sich nur mit solchen Phänomenen, die man ‚messen‘ kann (in der Regel ausschließlich intersubjektive Phänomene, nicht rein subjektive). Damit werden die Phänomene zu ‚Fakten‘, zu ‚Daten‘. Ferner formuliert man mögliche Zusammenhänge zwischen den Fakten in expliziten Annahmen, die formal gefasst in einem expliziten Modell repräsentiert werden können. Alle diese Modelle sind letztlich ‚Annahmen‘, ‚Hypothesen‘, ‚Vermutungen‘, deren Gültigkeit von der Reproduzierbarkeit der Messungen abhängig ist. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt überdeutlich, dass diese Modelle beständig kritisiert, widerlegt und verbessert wurden. Wissenschaftliches Wissen ist insofern letztlich eine Methode, wie man der realen Welt (Natur) schrittweise immer mehr Zusammenhänge entlockt. Die ‚Sicherheit‘ dieses Wissens ist ‚relativ‘ zu den möglichen Messungen und Modellen. Ihre Verstehbarkeit hängt zudem ab von den benutzten Sprachen (Fachsprachen, Mathematische Sprachen) und deren Interpretierbarkeit. Die moderne Wissenschaftstheorie konnte zeigen, dass letztlich auch empirische Theorien trotz aller Rückbindung auf das Experiment ein Bedeutungsproblem haben, das sich mit der Fortentwicklung der Wissenschaften eher verschärft als vereinfacht. Im Gespräch klang zumindest kurz an (vi), dass jedes explizites Wissen (auch das wissenschaftliche), letztlich eingebunden bleibt in das Gesamt eines Individuums. Im Individuum ist jedes Wissen partiell und muss vom Individuum im Gesamtkontext von Wissen, Nichtwissen, Emotionen, körperlicher Existenz, Interaktion mit der Umwelt integriert werden. Menschen, die ihr Wissen wie ein Schild vor sich hertragen, um damit alles andere abzuwehren, zu nivellieren, leben möglicherweise in einer subjektiven Täuschungsblase, in der Rationalität mutiert zu Irrationalität.

UND DEN KONTEXT GIBT ES DOCH

8. Schließlich gewann der Kontext des Individuums doch noch mehr an Gewicht.

9. Schon am Beispiel des wissenschaftlichen Wissens wurde klar, dass Wissenschaft ja keine individuelle Veranstaltung ist, sondern ein überindividuelles Geschehen, an dem potentiell alle Menschen beteiligt sind.

10. Dies gilt auch für die schier unendlich erscheinende Menge des externen Wissens in Publikationen, Bibliotheken, Datenbanken, Internetservern, die heute produziert, angehäuft wird und in großen Teilen abrufbar ist. Dazu die verschiedenen Medien (Presse, Radio, Fernsehen, Musikindustrie,….), deren Aktivitäten um unsere Wahrnehmung konkurrieren und deren Inhalt, wenn wir es denn zulassen, in uns eindringen. Die Gesamtheit dieser externen Informationen kann uns beeinflussen wie auch ein einzelner dazu beitragen kann, diese Informationen zu verändern.

11. Es kam auch zur Sprache, dass natürlich auch die unterschiedliche Lebensstile und Kulturen spezifisch auf einzelne (Kinder, Jugendliche, Erwachsene…) einwirken bis dahin, dass sie deutliche Spuren sogar im Gehirn (und in den Genen!) hinterlassen, was sich dann auch im Verhalten manifestiert.

12. Besonders hervorgehoben wurden ferner die politischen Prozesse und Teil des Wirtschaftssystems. Die Meinung war stark vertreten, dass wir auch in den Demokratien eine ‚Abkopplung‘ der politischen Prozesse von der wählenden Bevölkerung feststellen können. Der intensive und gesetzmäßig unkontrollierte Lobbyismus im Bereich deutscher Parteien scheint ein Ausmaß erreicht zu haben, das eine ernste Gefahr für die Demokratie sein kann. Die Vertretung partikulärer Interessen (genannt wurde beispielhaft die Pharmaindustrie, aber auch Finanzindustrie und weitere), die gegenläufig zum Allgemeinwohl sind, wurde – anhand von Beispielen – als übermächtiges Wirkprinzip der aktuellen Politik unterstellt. Sofern dies tatsächlich zutrifft, ist damit natürlich die sowieso schon sehr beschränkte Einflussmöglichkeit des Wählers weitgehend annulliert. Die zu beobachtende sich verstärkende Wahlmüdigkeit des Wählers wird damit nur weiter verstärkt. Das Drama ist, dass diejenigen, die das Wählervertrauen durch ihr Verhalten kontinuierlich zerstören, nämlich die gewählten Volksvertreter, den Eindruck erwecken, dass sie selbst alles verhindern, damit der extreme Lobbyismus durch Transparenz und wirksamen Sanktionen zumindest ein wenig eingedämmt wird.

ABSCHLUSS

13. In der abschließenden Reflexion bildete sich die Meinung, dass die Punkte (i) Präferenzen/ Werte/ Kriterien einerseits und (ii) Beeinflussbarkeit politischer Prozesse andererseits in der nächsten (und letzten Sitzung vor der Sommerpause) etwas näher reflektiert werden sollten. Reinhard Graeff erklärte sich bereit, für die nächste Sitzung am So 14.Juni einen Einstieg vorzubereiten und das genaue Thema zu formulieren.

AUSBLICK

14. Am So 14.Juni 2015 16:00 findet nicht nur die letzte Sitzung der Philosophiewerkstatt vor der Sommerpause statt, sondern es soll im Anschluss auch (ca. ab 19:00h) bei Essen und Trinken ein wenig darüber nachgedacht werden, wie man in die nächste Runde (ab November 2015) einsteigen möchte. Soll es überhaupt weitergehen? Wenn ja, was ändern? Usw.

Einen Überblick über alle Beiträge zur Philosophiewerkstatt nach Themen findet sich HIER

WEISHEIT ALS REVOLUTIONÄRER BEGRIFF FÜR EINE ZUKUNFTSFÄHIGE WELT? MEMO philosophieWerkstatt v2.0 VOM Sonntag, 8.März 2015, 16:00 – 19:00h IN DER DENKBAR

MEMO zur philosophieWerkstatt v2.0 VOM Sonntag, 8.März 2015, 16:00 – 19:00h IN DER DENKBAR

PROGRAMM

Soundexperiment
Einführung ‚Weisheit‘
Gesprächsrunde

SOUNDEXPERIMENT

Bei diesem philosophisch motivierten Klangexperiment wurde dieses Mal eine Folge von Bildern mit einem Soundtrack korreliert. Aufgrund der knapp bemessenen Zeit wurde das Experiment verkürzt auf die Momente ‚Bilder ohne Klang‘ und dann ‚Bilder zusammen mit einem Soundtrack‘ (Wer es nachhören/-sehen möchte kann dies hier tun: BigBen, Wales, Translation-Wilderness. Der ursprüngliche Titel, der auch in der Philosophiewerkstatt benutzt wurde, hiess ‚Wale und die Ringe des Saturn‘.) Erst im Anschluss an eine Gesprächsrunde stellte dann der Künstler cagentArtist Hintergrundinformationen zu den benutzten Materialien zur Verfügung, den angewendeten Methoden und die ‚Idee der Aussage‘, wie sie sich nach drei Jahren darstellt: Die Wale im Ozean, in einer fremden Klangwelt, die hart, unerbittlich, zerstörerisch ist, eingebettet in die blaue Mystik des Meeres und der Walgesänge. Unsere menschenerzeugten Geräusche bilden für die Wale ein unerträgliches, fremdes, tödliches Chaos. Ein wenig kann man dies rleben, wenn man sich dem Stück tatsächlich aussetzt.

WEISHEIT, EINFÜHRENDE WORTE

Christian Hellwig gab dann eine kurze Einführung zum Thema „Weisheit”, aus seiner Sicht. Neben zahlreichen Gedanken zum Thema, angereichert mit einigen bildreichen Beispielen aus der Literatur, wurde u.a. ein Interview mit Ute Kunzmann in der Zeit (April, 2014), mit verteilten Rollen vorgelesen. Schließlich wurden aus einem Buch von Professor Baltes, dem Direktor des Berliner Max-Planck-Institutes (MPI) für Bildungsforschung, (Quelle muss präzisiert werden) sieben Eigenschaften vorgestellt, die charakteristisch für das Vorliegen von ‚Weisheit‘ sein sollen (hier stark vereinfacht):

1. Es geht um die Lebensführung als ganze
2. Man ist sich der Grenzen des Wissens bewusst
3. Ein beeindruckendes Wissen, allerdings nur in Annäherung an eine regulativ Idee
4. Das Wissen ist eingebunden in eine entsprechende Umsetzung/ Praxis
5. Synergie von Geist und Charakter
6. Sowohl das eigene wie auch das Wohl der anderen ist im Blick
7. Weisheit wird unmittelbar erkannt, wenn sie sich im Vollzug manifestiert

GESPRÄCHSRUNDE

1. Es folgte dann eine sehr angeregte Gesprächsrunde, an deren Anfang sehr viele Fragen standen, bei einigen ausgesprochene Skepsis und Unverständnis: völlig vager Begriff? Wozu nütze? Das ist doch überhaupt nicht wissenschaftlich, usw.

Diagramm Philosophiewerkstatt 8.März 2015 - Strukturelemente von 'Weisheit'
Diagramm Philosophiewerkstatt 8.März 2015 – Strukturelemente von ‚Weisheit‘

2. Im Laufe des Gespräches kristallisierten sich dann aber schrittweise Deutungen heraus, Erklärungen, die mehr und mehr das Interesse weckten. Obwohl keine ausführliche historische Analyse vorgelegt worden war, führten die Bemerkungen der TeilnehmerInnen mehr und mehr zu einem komplexen Bild, das einerseits sowohl wichtige Hauptrichtungen der Philosophiegeschichte widerspiegelte, in manchen Punkten aber sogar darüber hinaus zu gehen scheint.

3. Die Kernidee schien die zu sein, dass das ‚Wesentliche‘ der ‚Weisheit‘ nicht in einzelnen Aspekten für sich zu suchen sei (besonderes Wissen, besondere Erfahrung, besondere Klugheit, besondere Verantwortung, …) sondern in einem besonderen charakteristischen ‚Zusammenspiel‘ aller Momente, ganz im Sinne des geflügelten Wortes, dass die’Summe mehr ist als ihre Teile‘.

4. Als ‚Summe der Teile‘ muss Weisheit etwas sein, was man (im Sinne von Baltes) unmittelbar als solche erkennen kann, da nur Weisheit diese komplexe emergente Qualität besitzt.

5. Für manchen mag dieser emergente komplexe Charakter von Weisheit gegen seine Wissenschaftlichkeit sprechen, das muss aber nicht so sein. Viele wichtige physikalische Größen sind mittlerweile so, dass sie nicht im einzelnen Messwert erkannt werden können, sondern nur unter Voraussetzung einer abstrakten mathematischen Struktur kann jener Zusammenhang sichtbar gemacht werden, der sich zwar in vielen einzelnen Messwerten zeigt, aber nicht aus den einzelnen Messwerten als solchem ‚herausgelesen‘ werden kann. Letztlich sind alle funktionalen Zusammenhänge per Definition Metakonstrukte zu jenen Elementen, die durch sie ‚geordnet‘ werden.

6. Bedenkt man dies, dann hat ein solcher emergenter Weisheitsbegriff nicht nur nichts ‚Anrüchiges‘, sondern eröffnet überhaupt die Möglichkeit, die vielen Teilaspekte eines Menschen in einem größeren Zusammenhang zu betrachten, und dies ganz ‚wissenschaftlich‘, wenn man will.

7. Unter anderem kann man hier auch z.B. den Ansatz der Existenzphilosophie zwanglos einordnen. Dieses ’sich Vorfinden im Sein‘, das in der existentiell erfahrbaren ‚ontologischen Differenz‘ einen weiterverweisenden – transzendenten – Seinshorizont auszumachen meint, wäre interpretierbar als die subjektive Seite der systemischen Situation, dass der einzelne sich innerhalb der biologischen Evolution in einer körperlichen Struktur vorfindet, die ihm Anteil gibt an einer spezifischen endlichen Welterfahrung, die trotz ihrer Endlichkeit eine ‚eingebaute‘ ontologische Differenz enthält, die jedes individuelle System unausweichlich auf einen größeren Zusammenhang verweist, der sich in vielen konkreten Details manifestiert, der aber als solcher niemals ganz einlösbar ist (regulativ Idee).

8. Damit verweist das Ideal einer individuellen Weisheit aber auch unausweichlich auf den je größeren Zusammenhang einer Population, da es nur als Element einer solchen vorkommt und lebensfähig ist.

9. Eine Population ist dann auch wieder – wenn auch auf einer neuen Ebene – mehr als die Summe ihrer Teile = Mitglieder.

10. Im Unterschied zur tierischen Schwarmintelligenz – besonders beeindruckend bei den Insekten – ist aber die ‚Intelligenz der menschlichen Population‘ (hier gedeutet als ‚Weisheit der Population‘) nicht deterministisch wie bei den Insekten, sondern enthält einige Freiheitsgrade zusammen mit adaptiven Lernmechanismen, die keinen reinen Automatismus erlauben. Die Weisheit der Population des homo sapiens funktioniert nur, wenn eine Reihe von Rahmenanforderungen (quasi als ‚transzendentale Bedingungen‘) erfüllt werden. Diese sind sehr herausfordernd.

11. ‚Populationsweisheit‘ verlangt u.a.
– eine angemessene Kommunikation aller Teile der Population miteinander
– eine angemessene Politik, die gemeinsam erkannte Richtungen entsprechend umsetzt
– ohne eine angemessenes Wissen wird ein realistisches Überlebensverhalten nicht möglich sein
– ohne eine angemessene Technologie auch nicht
– ohne angemessene ‚Präferenzsysteme‘ (Normen, Vorschriften, Werte, …) wird Kommunikation und Handeln im Chaos versinken (diese Präferenzsysteme müssen aber radikal transparent sein und müssen sich aus den erkennbaren Prozessen der realen Welt und der Lebensnotwendigkeiten ableiten lassen)
– usw.

12. In der Populationsweisheit fließt all dies im optimalen Fall zusammen.

13. Treffen diese Überlegungen aus dem Gespräch zu, dann deutet sich zur Frage nach der Entstehung von Weisheit ein Doppeltes an: einerseits ist der emergente Charakter von Weisheit in der Struktur des biologischen Lebens als Teil des kosmischen Prozesses angelegt; andererseits ist es kein völlig determiniertes Phänomen. Es kann sich in eine bestimmte Richtung weiter entwickeln, es muss aber nicht. In dem Masse, wie es zur ‚Selbststeuerung‘ (individuell, als Population, …) fähig wird, muss es sich selbst und seine Umgebung immer besser verstehen. Dies geht nur über mehr konstruktive Kooperation, über mehr fundiertes Wissen, über bessere Moral, usw. Kann letztlich nur gelingen, wenn man voraussetzt, dass das vorfindliche je größere Ganze (das bekannte Universum, das unbekannte Universum) ‚in sich‘ ‚gut‘ ist. Wäre dem nicht so, hätte Weisheit keine Chance. Dies bedeutet, dass Weisheit nur zur ‚Vollendung‘ kommen kann, wenn sie ‚an sich‘ glaubt‘ und die vorfindliche Welt ‚in sich‘ schon immer auch ‚gut‘ ist.

14. Was hier wie ein Paradox erscheint ist aber nicht so ungewöhnlich, wie es im ersten Moment erscheinen mag: die gesamten Naturwissenschaften leben davon, dass sie zunächst daran glaubt, dass die zu untersuchende Natur ‚in sich‘ ‚gesetzmäßig‘ ist und auf der Basis dieses ‚Glaubens‘ werden Experimente durchgeführt, die mögliche Regelhaftigkeiten enthüllen, die in Form von vorwegnehmenden mathematischen Strukturen auf eine Allgemeinheit hin gedeutet werden, die so niemals beobachtbar ist und auch niemals beobachtbar sein wird. Auch in der Naturwissenschaft ist der Moment des Glaubens konstitutiv. Insofern unterscheidet sich die Erforschung einer übergreifenden ‚Weisheit‘ in nichts von irgend einer anderen naturwissenschaftlichen Erforschung.

15. Der ‚Keim‘ zur ‚Weisheit‘ ist so gesehen quasi bei jedem ‚angeboren‘? Dennoch muss man sie mühsam lernen, so wie wir Menschen alle wichtigen Dinge mühsam lernen müssen. So wie auch sonst die einen eher begabt sind für eines, andere für anderes, so gibt es dann auch sicher unterschiedliche Begabungen für Weisheit. Im Gegensatz zu Spezialbegabungen kann man aber ‚Weisheit‘ nicht so einfach lernen wie eine bestimmte Sprache, Mathematik, Auto fahren, usw., sondern Weisheit als ‚Zusammenspiel‘ aller Komponenten auf einer ‚höheren Ebene‘ folgt einem eher komplexen Bildungsprozesse, der von außen zwar ‚angeregt‘ werden kann, der aber letztlich von jedem ‚eigenständig‘ ‚gefunden‘ und ‚gemeistert‘ werden muss. Es gibt keine Garantien. Ein ‚weiser‘ Mensch dürfte also genauso ein Geschenk an alle sein wie die verschiedenen Sonderbegabungen, die immer wieder herausragen und begeistern.

16. Da ‚Weisheit‘ etwas Einzigartiges ist, kann man es auch nicht durch Verweis auf etwas anderes erklären. Weisheit steht ‚für sich‘; da nach Annahme alle Menschen in Richtung möglicher Weisheit ‚geboren‘ werden, muss man annehmen, dass jeder Mensch eine Art ‚Instinkt für Weisheit‘, eine grundlegende Wahrnehmungsfähigkeit dafür besitzt. Nur dann wäre er in der Lage,Weisheit zu erkennen, sich sich im Verhalten von Menschen, Menschengruppen, biologischen Systemen usw. ‚manifestiert‘. ‚Nichtwissen‘ und ‚Passivität‘ wären klare Verhinderungsfaktoren sowohl für Weisheit wie deren Wahrnehmung.

17. Da wir wissen, dass die Verteilung von geistigen Fähigkeit unter Menschen dem Gesetz der natürlichen Verteilung folgt, scheint es wahrscheinlich, dass dies auch auf die Fähigkeit der Weisheit zutrifft; wirklich weise Menschen oder menschliche Organisationen werden eher rar sein. Und sie sind nicht absolut stabil. Im Laufe der Geschichte sind viele Kulturen zugrunde gegangen, auf die einige der Eigenschaften von ‚Weisheit‘ zutrafen. Nicht selten wurden auch ‚weise‘ Menschen von der Gesellschaft geächtet oder getötet, weil ‚die anderen‘ sie nicht verstanden und abgelehnt haben. Von daher ist die Eigenschaft, als ‚weise‘ zu gelten, nicht unbedingt ‚attraktiv‘.

18. Aus der Natur der Weisheit folgt auch, dass man sie kaum explizit definieren kann. Als emergente Größe, die sich im Laufe des kosmischen Prozesses nur langsam, schrittweise zeigt, und zwar nicht als endgültig erkannte Struktur, sondern als sich schrittweise ‚andeutende‘ Struktur, ist sie eine Größe, die erst im Laufe der Jahrmilliarden langsam bekannt werden wird, sofern man sie überhaupt ’sucht‘.

EINIGE WEITERE FRAGEN

19. Was würde man sich von einem weisen Menschen erwarten?

20. Möchte man selber ‚weise‘ sein? Falls ja: was würde man sich persönlich davon versprechen? Falls nein: wovor hätte man Angst?

23. Was würde man von einer ‚weisen‘ Gesellschaft erwarten? Hätte asozialer globaler Kapitalismus darin einen Platz?

24. Was ist mit einer Politik, die im Namen der Sicherheit die ‚Privatheit‘ immer mehr aushöhlt und damit der notwendigen Spielweise für Weisheit den Raum nimmt: wie würde eine ‚weise Sicherheitspolitik‘ aussehen?

25. Was ist mit gesellschaftlichen Tendenzen, in denen sich Klassen bilden, die sich gegeneinander abschotten: wird damit nicht die Forderung nach gemeinsamer Kommunikation und Kooperation im Kern unmöglich gemacht?

26. Was ist mit der Instrumentalisierung der Medien durch einseitige Machtinteressen: wird damit das notwendige Medium der Öffentlichkeit für eine gemeinsame Kommunikation nicht zerstört?

27. Was ist mit den partikulären, rückwärtsgewandten und wissensfeindlichen Religionen: verhindern sie nicht die notwendige Weiterentwicklung der Weisheit als universalem Gut für Alle?

28. Usw.

THEMENVORSCHLAG NÄCHSTES TREFFEN

Neben der Einladung an jeden, etwas aus eigener küntlerischer Aktivität vorzustellen und es aus philosophischer Sicht zu betrachten, einigte sich die Gruppe auf den Themenvorschlag:

Was hat ein ‚künstlicher‘ Geist mit einem ‚biologischen‘ Geist gemeinsam, und was nicht? Zusatzfragen: Würde auf einen künstlichen Geist der Begriff der ‚Menschenwürde‘ zutreffen‘. Kann ein künstlicher Geist ‚weise‘ sein? Sind künstlicher und biologischer Geist nicht schon längst ’symbiotisch vereint‘?

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge zur Philosophiewerkstatt nach Titeln findet sich HIER.

HYSTERIE: NEIN, SOLIDARITÄT: JA – DAHINTER WARTET DIE WAHRHEIT

Zur Einstimmung: European Sound – There was a Time with more than three Colours of Souls Radically Unplugged Music vom 16.Januar 2015

HYSTERIE UND SOLIDARITÄT DIESER TAGE

Die Anschläge auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo am Mi, den 7.Januar 2015 hat eine Solidaritätsreaktion in Frankreich und weltweit ausgelöst, wie sie Frankreich selbst so noch nie erlebt hatte. Zugleich gab es vermehrt Angriffe auf muslimische und jüdische Einrichtungen, die zu großen Verunsicherungen und realen Ängsten bei jenen Franzosen geführt haben, die damit eigentlich gar nichts zu tun haben.

NICHT WIRKLICH NEU

Das Attentat von Charlie Hebdo am 7.Januar 2015 steht nicht alleine. Mindestens seit dem 11.Sept.2001 in New York gab und gibt es terroristische Anschläge in vielen Ländern, die Entsetzen, Unverständnis und – in extremer Form – Hass hervorgerufen haben, die politischen Reaktionen veranlassten, immer mehr Kontrolle, Verstärkung von Ängsten, und auch eine deutliche Verstärkung von Feindbildern.

ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG

Solche Attentate finden in einer Zeit statt, in der sich viele Ländern, speziell auch die westlichen, in einer spürbaren allgemeinen Verunsicherung befinden, nicht wegen den Terroristen, sondern allein schon wegen ihrer eigenen Prozesse, die immer komplexer geworden sind, immer unübersichtlicher; wo die Wissensexplosion die Wissenschaften in ihrem Kern bedroht; wo die bekannten politischen Prozesse täglich erfahrbar den Eindruck erwecken, als ob sie die Nöte, Bedürfnisse und Erwartungen der Wähler nicht mehr erkannt und tatsächlich berücksichtigt werden. Wo Lobbyisten anscheinend die Kontrolle über viele Politiker bekommen haben. Wo komplizierte gesellschaftliche Probleme tendenziell eher ‚ausgesessen‘ anstatt konstruktiv gelöst werden. Wo die meisten Medien kurzfristig – und kurzsichtig? — sich dem Geschäft der tagesnahen ‚Belustigung des Publikums‘ verschrieben zu haben scheinen, 24 Stunden täglich eine Art ‚Gehirnwäsche mit Müllinhalten‘, die wenig geeignet sind, einen klaren Blick auf die laufenden gesellschaftlichen Prozesse zu unterstützen.

VEREINFACHUNG ALS VERSUCHUNG

Vor diesem Hintergrund und in dieser Situation ist es nachvollziehbar, das nicht wenige Menschen das tun, was jedem Menschen als Verhaltensreaktion quasi angeboren ist: zu vereinfachen. Es gehört zur Überlebensstrategie des Menschen, dass sein Gehirn versucht, die vielfältigen eindrücke zu ‚ordnen‘, dadurch zu ‚vereinfachen‘, und damit die Welt lebbare zu machen. Wie weit die ‚Verarbeitungstiefe‘ solcher Vereinfachungen reichen, ist zeitabhängig (wie lange kann man sich mit einem Problem beschäftigen) und wissensabhängig (wie viel weiß man schon, um neue Ereignisse einsortieren zu können). So gesehen gab es schon immer Vereinfachungstendenzen. Davon lebt jede Propaganda, die Werbeindustrie, der Unterhaltungsindustrie, und die Fundamentalisten in jeder bekannten Religion sind auch nicht neu. In der radikalen Version eines Fundamentalisten hat sich die Vereinfachung aber so verfestigt, abgeschottet, dass eine Änderung der Anschauungen nahezu ausgeschlossen scheint; Fundamentalismus ist eine Art geistiger Kurzschluss: alles, was eine Modifizierung, Korrektur des aktuellen Weltbildes verursachen könnte, ist geächtet. Wären es nicht Menschen, die solche Haltungen einnehmen können, würde man von ‚Robotern‘ sprechen, obgleich jeder ‚echte‘ Roboter eine grundsätzliche Lernfähigkeit besitzen würde, …

ERNST NEHMEN

Eine häufig zu beobachtende Reaktion von Menschen zu anderen Menschen, die erkennbare Vereinfachungen nach außen zeigen ist ‚lächerlich machen‘, ‚Verunglimpfen‘, ‚Beschimpfen‘, ‚Verachten‘, ’nieder machen‘ und dergleichen mehr. Dies verstärkt nicht nur die Haltung der anderen, sondern zeigt auch eine gewisse Form der Hilflosigkeit bei denen, die auf solche Vereinfacher treffen. Im Falle von ‚fundamentalistischen Vereinfachern‘ ist in der Tat schwer zu sehen, was man tun kann außer sich der eigenen Mehrheit in Solidarität zu versichern. Doch die wirklich harten fundamentalistischen Vereinfachern sind in der Regel eher deutliche Minderheiten. Die große Mehrheit der Vereinfacher weiß es normalerweise einfach nicht besser; ihnen fehlen Informationen; ihnen fehlt Wissen; ihnen fehlen Medien und Politiker, die sie ernsthaft und sachkundig ‚aufklären‘, die vernünftig und ruhig informieren, die zuverlässig sind und reales Vertrauen aufbauen können.

LEICHEN IM KELLER

In ‚ruhigen‘ Zeiten, wo alles ’seinen Gang‘ geht, muss man nicht viel nachdenken, benötigt man keine spezielle Kommunikation. Jeder redet das, was alle erwarten. Nimmt aber die Komplexität zu, zeigen sich Veränderungen, entstehen Verunsicherungen durch Änderungen der Abläufe, nimmt die Vielfalt zu wegen Durchdringung, dann entsteht zunehmend der Bedarf nach Verständigung, nach Erklärung. In diesem Moment kann es sich rächen, wenn man in der Vergangenheit Probleme ‚unter den Teppich‘ gekehrt hat, wenn man in der Vergangenheit keine ‚echte Diskussionskultur‘ praktiziert hat, wenn man in der Vergangenheit die Medien in Schrottkanäle verwandelt hat, wenn die Politiker sich angewöhnt haben, ihre Wähler nur noch wahltaktisch zu sehen und zu behandeln.
In Frankreich z.B., wissen alle seit Jahren, dass die Vorstädte in ihrer Struktur und Funktionalität eine vollständige Fehlplanung waren, dass sie in ihrem Format und mit ihrer ‚Belegung‘ mit problemintensiven Gruppen das ‚Unheil‘ geradezu in Reinform gleichsam ‚züchten‘, ‚ausbrüten‘. Aber niemand hat dagegen etwas getan. Diese Vorstädte waren – und sind – tickende soziale Zeitbomben; wenn in manchen Bereichen der Gesellschaft, Menschen der Gesellschaft Schaden zufügen, dann werden sie dafür u.U. zur Verantwortung gezogen. Alle jene, die diese unseligen Vorstädte geplant und gebaut haben, wurden bislang nicht zur Verantwortung gezogen. Welcher der Planer und Erbauer würde freiwillig 5 Jahre in so einem Wohngebiet wohnen? Wenn dann einige wenige junge Menschen von vielen Zehntausenden, die dazu Grund hätten, ihre Verzweiflung in unmenschliche Taten umsetzen ist die Aufregung groß, aber alle haben Jahrelang zugesehen, wie Menschen durch solche Lebensverhältnisse geradezu ‚gezüchtet‘ werden…

WAS DIE GESCHICHTE UNS SAGEN KÖNNTE

Wagt man einen Blick zurück in die Geschichte, dann findet man zu allen Zeiten Eroberungen, Wanderungsbewegungen, Transformationsprozesse, und speziell Europa als Ganzes (Morgenland und Abendland!) war schon immer reich, um nicht zu sagen überreich an Vielfalt von Ethnien, Kulturen, Gebräuchen und Sprachen. Und Europa als Ganzes hat es erstaunlich oft geschafft, über große Zeiträume (z.B. griechisch-römische Kultur ca. 500 Jahre, arabisch-islamische Kultur ca. 700 Jahre) nicht nur Frieden zu realisieren, sondern zugleich auch Toleranz, Bildung, Gesundheit, Infrastrukturen, Wohlstand, Weiterentwicklung auf allen Ebenen. Die Kernelemente waren immer eine Toleranz für eine Koexistenz unterschiedlicher Weltanschauungen und eine umfassende Bildung aller Schichten, nicht nur für Eliten. Dies war der ‚Schmierstoff‘, der alle anderen Prozesse ermöglicht hat. Die größten Bedrohungen und Behinderungen waren immer Verabsolutierungen einzelner Anschauungen und gesellschaftsfeindliche Konzentration von Besitz (sehr massiv in diesem Sinne die römische Papstkirche zwischen 500 und ca. 1500, oder all jene absolutistischen Monarchen, die eine Spaltung zwischen Eliten und der Restbevölkerung betrieben).

So gesehen sind die ‚Zutaten‘ zu einer blühenden Gesellschaft sehr einfach: reale Toleranz, Rechtssicherheit, massive Bildung, funktionierende Infrastrukturen, darin eingebettet Handel und Wirtschaft. Dann sind alle zufrieden, jeder gibt sein Bestes.

ANFANGEN KANN MAN IMMER

Egal in welchem Zustand sich eine Gesellschaft gerade befindet: es wird immer Menschen brauchen, viele Menschen, die die entscheidenden ‚Leitbilder‘ ‚vor Augen‘ haben und sich für ihre Verwirklichung einsetzen, auf allen Ebenen, an allen Orten. Ohne diese ‚Visionäre des guten Lebens‘ geht gar nichts.

Ein weit verbreiteter Irrglauben ist, dass es die Religionen sind, die uns in solchen Fragen helfen können. Die Geschichte lehrt uns eindeutig, dass es auf keinen Fall die Religionen sind, die uns helfen, eine blühende Gesellschaft zu realisieren. Die römische Papstkirche z.B. hat über fast 1000 Jahre demonstriert, dass sie Menschen und allgemeines Wissen verachtet, staatliche Einrichtungen nahezu völlig zerstört hat, und eine elitäre feudalistische Gesellschaft gefördert hat, die die westlichen europäischen Staaten (das Abendland) nahe an den Abgrund gebracht hat. Hätte es zur gleichen Zeit nicht die hochstehende arabisch-islamische Kultur gegeben, die das griechisch-römische Erbe nicht nur aufgegriffen, sondern beeindruckend weiter entwickelt und gepflegt hätten, wer weiß, was aus Europa dann geworden wäre. Der spätere Zerfall der arabisch-islamischen Kultur zeigt aber auch, dass es nicht der Islam als solcher ist, der eine blühende Gesellschaft garantiert, sondern dass es die Kombination eines Islam war mit einer Aufgeschlossenheit für Bildung und Wissen für alle gepaart mit allen zugänglichen leistungsfähigen Infrastrukturen eingebettet in eine dominante Toleranz, die es Menschen aller Hautfarbe und Anschauung ermöglichte, ein freies, kreatives und produktives Leben zu führen.

GUT UND BÖSE, WAHR UND FALSCH

Innerhalb des allgemeinen Bedürfnisses der Menschen, ihre Welt zu ‚verstehen‘, die Ereignisse ‚einordnen‘ zu können (‚Vereinfachen‘!), gibt es auch das mindestens so starke Bedürfnis – oder ist es einfach Teil vom Wunsch nach dem Verstehen? –, zu wissen, was ‚richtig‘ ist, was ‚wahr‘ und was ‚falsch‘ ist bzw. was ‚gut‘ und ‚böse‘ ist.

In Diskussionen zu diesem Thema kann man – was jeder bestimmt schon mal selbst erlebt hat – schnell in wildeste Gespräche geraten bei denen am Ende keiner mehr so richtig weiß, was ist denn jetzt ‚wahr‘, ‚falsch‘ …. und man bleibt dann vorsichtshalber erst mal wieder bei dem, was man immer schon gewusst hat.

Nun dürfte jedem klar sein, dass ein Urteil über ‚Gut – Böse‘, ‚Wahr – Falsch‘ jeweils irgendein Kriterium K voraussetzt, anhand dessen man entscheiden kann, trifft eher das eine oder eher das andere zu. Wenn man z.B. weiß, was es heißt, dass die ‚Sonne scheint‘, dann kann man normalerweise natürlich feststellen, ob die Aussage ‚Die Sonne scheint jetzt‘, ‚zutrifft‘, also ‚wahr‘ ist, oder nicht zutrifft, also ‚falsch‘ ist. Desgleichen: wenn man sich in einer sozialen Gruppe darauf geeinigt hat, was ‚Stehlen‘ ist und dass dies in der ozialen Gruppe nicht vorkommen soll, dann können alle Mitglieder der Gruppe nach bedarf entscheiden, ob ein Mitglied der Gruppe ‚etwas gestohlen‘ hat oder nicht. Ist es wahr, dass jemand etwas gestohlen hat, dann ist dies nach dem Verständnis der Gruppe ‚Böse‘; trifft es zu (ist es wahr), dass das Mitglied nicht gestohlen hat, dann ist dies im Verständnis der Gruppe ‚Gut‘.

‚Wahrheit‘ und ‚Falschheit‘ sind in diesem Sinne entscheidbare Sachverhalte, die die Basis für unsere Weltbetrachtung bilden. ‚Gut‘ und ‚Böse‘ sind ‚Wertvorstellungen‘ von sozialen Gruppen, die – sofern sie verstehbar sind – dazu verwendet werden können, innerhalb einer sozialen Gruppe das gemeinsame Verhalten zu ‚regeln‘. Die Anwendung von Gut-Böse-Regeln setzt die Möglichkeit der Wahrheitsfindung voraus: liegen tatsächlich die Sachverhalte vor, die im Sinne von Gut-Böse bewertet werden sollen.

Gut-Böse-Regeln sind so gesehen gemeinsame Verhaltensnormen, Verhaltensregeln, können auch ‚Gesetze‘ genannt werden, kann man als ‚Moral‘ einer Gruppe verstehen oder als ‚ethische Dimension‘.

DER MISSBRAUCHTE GOTT

Solange solche Regeln in einer überschaubaren Gruppe praktiziert werden, sind sie für alle verstehbar, nachvollziehbar, und letztlich sogar diskutierbar, da sich ja u.U. die Lebensverhältnisse ändern, so dass bestimmte Regeln unter den neuen Bedingungen gar keinen Sinn mehr machen. Solche ‚offene‘ Normensystem sind lebenswichtig für eine Gruppe und zugleich produktiv-kreativ; sie werden den Umständen angepasst.

Werden solche sozialen Gruppen größer, so groß, dass nicht mehr alle miteinander reden können, dass man sich nicht mehr kennt, dann wird eine Verständigung über solche wichtigen Verhaltensnormen schwierig, eventuell so schwierig, dass man neue Mechanismen benötigt, um sie ‚abzusichern‘.

Das sogenannte Alte Testament als Teil der christlichen Bibel (und dann auch die Thorah der Juden) liefert zahllose Beispiele dafür, wie Verhaltensregeln, die zunächst nur für bestimmte lokale Gruppen/ Stämme galten, irgendwann (aufgrund von Wanderungen und Eroberungen) auch für weitere Gruppen gelten sollten. Das Mittel der Wahl war dann die Berufung auf ein ‚höheres Wesen‘, auf ‚Gott‘. Da scheinbar jeder Mensch eine gewisse Neigung hat, an ein höheres Wesen zu glauben, zugleich dieser ‚Gott‘ nicht weiter definiert ist, konnten soziale Anführer relativ leicht den individuellen unspezifischen Gottesglauben dazu benutzen, um ihn mit den jeweiligen Regelsystemen zu verknüpfen, die gerade sozial-politisch oder aufgrund bestimmter partikulärer Machtinteressen ‚gewollt‘ waren. Dass es im Alten Testament mehrere verschiedene solche Regelsysteme nebeneinander gab und gibt, zeigt nur die historische Bedingtheit all dieser Vorstellung (dies macht das Alte Testament zum Verstehen der Geschichte interessant). Wie man historisch feststellen kann, war dieses Vorgehen der Verknüpfung eines historisch gewachsenen Regelsystems mit einem unspezifischen Gottesglauben sozial erfolgreich. es ermöglichte größere komplexe soziale Gruppen auf der Basis eines gemeinsamen Regelsystems. Dieses ‚magische‘ Modell der Normenbildung hatte und hat nur den Nachteil, dass die Verhaltensnormen fortan nicht mehr offen von allen diskutierbar waren. Da die Regeln ihrer menschlichen Herkunft jetzt entrückt waren und den Status von ‚Gottes Wort‘ erlangt hatten, waren sie entweder ‚ewig‘ oder aber, es gab eine ‚Sonderklasse‘ von Menschen, die ‚Gottesmittler‘ die, obgleich sie Menschen waren, irgendwie, auf geheimnisvolle Weise, doch mehr wussten als normale Menschen (Propheten, Priester, Seher…). Die Geschichte zeigt klar, wie allzu menschlich all diese ‚Gottesmittler‘ in allen Jahrhunderten waren. Zugleich sieht man, wie solche der Realität enthobenen Regelsysteme im Laufe der zeit immer befremdlicher, immer obskurer wirken. während die Welt sich weiter verändert, die Gesellschaften sich aufgrund ihrer Aktivitäten weiter entwickeln, bleiben die künstlich festgefrorenen Regelsysteme ’starr‘, passen immer weniger, werden immer unverständlicher.

Man muss es Ganz-Europa hoch anrechnen, dass es nicht nur die drei größten Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum und Islam) ‚erfunden‘ hat – was als große kulturelle Leistung zu betrachten ist –, sondern zugleich auch die ‚Weiterentwicklung‘ der Offenbarungsreligion in Form des religionsfreien Staates mit einer religionsfreien Wissenschaft.

Im Konzept der religionsfreien Wissenschaft wurden die Regelsysteme wieder ‚zurückgeholt‘ aus der Sphäre der Unkontrollierbarkeit und verankert im Hier und Jetzt, wurden die Menschen wieder Herr ihrer eigenen Regeln, wurden Regeln wieder ‚kritisierbar‘, konnte man menschlich aufgestellte Regeln wieder ändern, wenn die Wirklichkeit ihnen entgegen stand. Und gestärkt durch die Erfolge der empirischen Wissenschaften gewannen auch wieder solche staatliche Regelsysteme Anerkennung und Gewicht, die wie das Griechische oder das Römische religionsfreie Regeln zur Praktizierung einer gemeinsamen und offenen Gesellschaft darstellten. Keine ‚Sonderwesen‘, keine ‚Sonderrechte‘, keine ‚Sonderwahrheiten‘ außerhalb der Kompetenz und Kontrolle der Menschen, die nach diesen Regeln leben wollen.

WAHRE RELIGION

Ist Religion damit überflüssig geworden?
Ein ganz klares NEIN!
Jetzt kann wahre Religion erstmalig anfangen.
Ganz-Europa steht vor seiner nächsten kulturellen Revolution: nach der Erfindung der Offenbarungsreligionen und des modernen, aufgeklärten Staates geht es jetzt um die wahre Religion aller Menschen in einer freien, und offenen Gesellschaft, in der Wissen offen und transparent ist, in der alle Menschen gleich sind, in der der Wohlstand für alle da ist.

Anmerkung: Dieser Beitrag kam nur zustande, weil ich mich zuvor mit dem Buch von Bergmeier Christlich-abendländische Kultur – eine Legende: Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur auseinander setzen konnte, dazu auch das Gespräch in der philosophieWerkstatt v2.0 vom 11.Januar 2015.

Wer noch etwas Zeit übrig hat …. der kann folgende RUM-Komposition anhören:

Heh – Where are You?.

Es handelt sich um ein Stück das die Situation des Autors cagent schildert … und damit stellvertretend die Situation jedes einzelnen Menschen, der versucht, in Kommunniaktion zu treten. Das Artikulieren von ‚Innenleben‘ heisst nicht automatisch, dass es eine Rückmeldung gibt… die dunkle Einsamkeit ist ein Moment einer sich aufbauenden Gemeinsamlkeit in Verschiedenheit…

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

Seit einiger Zeit melde ich die Beiträge des Blogs auch bei Twitter an. Das Pseudonym ist @cagentartist und hat als Erkennungsbild einen originalen Schneemann aus Finnland, gebaut von einer Freundin. Ein Schneemann hat viele Ähnlichkeiten mit uns Menschen 🙂