Kategoriearchiv: Zukunft

GENERATION KRISE ALLEIN ZU HAUS. Nachhall zu einer besonderen Tagung

Letzte Korrekturen: 19.11.2016 – 13:58h

ZUSAMMENKUNFT

  1. Wenn 140 ausgewiesene ExpertenInnen aus ganz Deutschland (und zum Teil aus dem angrenzenden Ausland) zusammen kommen, um miteinander Erfahrungen und Ideen offen und frei auszutauschen, einen Tag lang, dann ist dies etwas Besonderes. Und wenn dann gleich ab Beginn zwei Moderatoren im Rang von Professoren simultan auftreten, die die Ereignisse feinsinnig, humorvoll und kritisch ein- und ausleiten, dann kann man spüren, hier wird etwas sehr ernst genommen.

ABWESENHEIT DER GENERATION ZUKUNFT

  1. Wie im Verlauf des Tages aber sichtbar wurde, indirekt, durch Abwesenheit, hatte diese wunderbare Versammlung eine große Schwäche: obwohl so viele, war sie alleine, alleine in einem wunderbaren Haus, unter sich; die junge Generation, die aktuelle Generation Zukunft, war abwesend. Dies muss keine Schwäche sein, kein Manko, aber wenn es um die Zukunft der Gesellschaft geht, wenn es um das Räsonieren in einer Krise geht, die die ältere Generation empfinden kann, weil sie den Wandel des Vorher und Nachher am eigenen Leib erlebt hat und erlebt, die junge Generation aber im Wandel aufwächst ohne Kenntnis des Vorher, ohne Differenzen und Ängste, eher von Hoffnung, Neugierde und kreativ-konstruktivem täglichem Umgang geprägt, dann ist das Fehlen der Generation Zukunft ein struktureller, fundamentaler Mangel. Die Älteren, die Generation der Krise, ist allein zu Hause, besingt sich gegenseitig im Schmerz, und verliert den Boden der Zukunft aus den Augen… oder doch nicht?

OUVERTÜRE DES SCHRECKENS

  1. Der Auftakt der Veranstaltung glich dem in einer Oper, mit einem dramatischen Vorspiel: zwei ausgewiesene Experten, ein Mann und eine Frau, eröffneten mit einem apokalyptischen Donnerschlag das Geschehen.
  2. In einem Stakkato von Fakten wurde die rasant voranschreitende Umringung und Einkapselung der Menschen mit der modernen digitalen Technologie in den Raum projiziert. Mehr und mehr wird jeder Winkel unseres alltäglichen Daseins erfasst, aufgezeichnet, gesammelt, ausgewertet und per Algorithmen verwendet. Teils geleitet von den Interessen global operierender Konzerne, die sich nationalen Kontrollen entziehen, teils geleitet von nationalen Sicherheitsorganen, die im Namen der Sicherheit jeden zu einem potentiellen Kriminellen machen, vorbeugend. Um ein paar Terroristen zu verhindern werden ganze Völker in digitale Fesseln gelegt und prophylaktisch als potentielle Täter markiert.(In manchen Bundesstaaten der USA werden Richter schon jetzt per Gesetz dazu verpflichtet, das Urteil von Algorithmen über Menschen aufgrund dieser Datensammelwut in ihrem Urteil zu berücksichtigen. Wehe wer schon mal schuldig wurde (auch wegen Bagatellen), er ist im Sinne des Algorithmus schuldig und ist für sein ganzes Leben gebrandmarkt!). Der irrationale Glaube an die Macht der Algorithmen und BigData hat schon jetzt quasi religiöse Züge angenommen. Wissenschaftliche Kritik prallt ab, weil die Betreiber keine Wissenschaftler sind, sondern Praktiker der Macht und Machtausübung. Demokratische Kontrollen sind schon jetzt weitgehend außer Kraft gesetzt, stehen nur noch auf dem Papier.
  3. Innerhalb dieser Algorithmisierung lebt der einzelne in einem Datenraum, den er selbst nur noch zum Teil selbst bestimmt. Die Algorithmen der Konzerne spiegeln ihm seine eigenen Aktivitäten so zurück, das er nur noch die Werbung, die Nachrichten, die Informationen sieht, von denen die Algorithmen annehmen, dass er sie mag. Die Vielfalt der Welt wird weggefiltert, ausgeklammert; jeder sitzt jetzt in einer sehr individuellen Datenglocke, in einer künstlichen digitalen Datenwolke, die alles abhält, was stören könnte. Schalte ein, ich weiß schon was Du willst und ich sage Dir, was Du tun sollst….

WO BITTE GEHT‘S ZUR POLITIK?

  1. Dieser atemberaubenden Ouvertüre folgte ein weiteres Mann-Frau Duo. Hier geriet auch wieder der einzelne Bürger ins Scheinwerferlicht des räsonierenden Verstandes. Der einzelne Bürger, der mit der umgebenden Gesellschaft interagiert und wo die Frage aufgeworfen wurde, ob und wie der Bürger im Kontext der neuen digitalisierten Gesellschaft noch politisch agieren kann. Soziale Netze, online Petitionen, die neue Direktheit vieler Politiker und der Parteien im Netz; eine neue Vielheit von Identitäten, die eine einzelne Person annehmen und im Netz leben kann. Die wachsende Zahl von Web-Bots, die gezielt falsche Informationen streuen, um Meinungen zu manipulieren; die Anonymität, die mehr Fakten erlaubt, aber auch mehr Schmähungen und Hass; Raum für Menschen und Schichten, die vor dem Netzzeitalter keinen Weg in die Öffentlichkeit fanden, weil sie durch die Macher der Medien weggefiltert wurden. Man spricht gerne von Qualitätsjournalismus, aber die Kehrseite der Qualität war die Vernichtung der Realität all der Vielen, mit denen die Journalismuselite sich nicht abgeben wollte. In vielen Staaten mittlerweile eine staatliche Überwachung und Zensur des Netzes; nur nichts öffentlich werden lassen, was die herrschenden Eliten in Frage stellen könnte. ..
  2. Was soll man von dem allen halten: Ist es jetzt der Untergang der Demokratie oder eine neue Chance? Haben wir hier einen weiteren Strukturwandel der Öffentlichkeit im Sinne von Habermas, der nach Cafe-Haus, Zeitung, Radio und Fernsehen heute mit dem Web eine neue Dimension von Interaktion und Kommunikation ermöglicht, eine neue intensive Form, die uns weiter bringen könnte (wohin?) oder die uns in neue Gefangenschaften führt (welche)? Dass wir einen Strukturwandel erleben, ist so handfest, so unübersehbar, dass man gleich zu den Fragen eilen kann, wofür das Gut sein kann bzw. worin das Schlechte besteht, was dadurch begünstigt wird. Haben wir mehr Freiheit, wenn uns auf Schritt und Tritt eine Vielzahl von digitalen Zwängen bei der Nutzung der Technologie aufgezwungen werden? Sind wir durch die Nutzung nicht schon im Ansatz unserer selbst weitgehend enteignet? Sind wir nicht schon längst die neuen digitalen Sklaven? Wieweit beeinflussen diese neuen Umgebungen die Entstehung des Wissens in den Köpfen der Menschen? Welches Wissen? Wozu ist dieses Wissen noch fähig? Züchtet sich das digitale System nicht seine naiven, unkritischen Wissensklone, die nur noch wissen, was das System zulässt, und die nur noch gut finden, was das System will, dass wir es gut finden?

AB INS GESPRÄCH

  1. Die Wucht dieser einleitenden Bilder schwebte über allen Köpfen und bildete das geistige Gepäck, mit dem die Versammlung in die verschiedenen Gesprächskreise entlassen wurde.
  2. Es gab drei aufeinanderfolgende Gesprächsrunden mit jeweils 6 Optionen. Jede Runde war zeitlich sehr eng bemessen und die Optionen waren nicht so klar gekennzeichnet; eine vorweg Auswahl war schwierig. Die Pausen war sehr knapp.
  3. Was man aufgrund dieser Einteilung ahnen kann, war dann auch Realität: die Zeit der Gesprächsrunden war zu knapp, um sich den komplexen Themen gesprächsweise nähern zu können. Es blieb meistens bei isolierten Statements, fragmentarisch; und wenn dann noch Langredner in der Runde saßen, war der Diskurs sehr eng. Eindrücke ja, aber wirklicher Diskurs, nein. Der einzige verwertbaren Ankerpunkt waren immer die Kurzstatements von ExpertenInnen zu Beginn. Natürlich kamen Gedanken trotz der Fragmente in Gang, und wenn man dann mit einzelnen in der Pause weiter sprechen wollte, musste jeder schon wieder weiter zur nächsten Runde. Der Gedanke einer abstrakten Effizienz wurde hier zum Feind des personalen Sinns. Auch die Auswahl unter den Optionen wurde zum Glücksspiel. Aufgrund der Beschreibungen konnte man kaum vorwegnehmen, worum es in der jeweiligen Runde wirklich gehen würde. Dazu kam, dass die 6 Optionen auch als Folge von drei Sitzungen thematisch gedacht waren. Wechsler passten dann nicht in den Ablauf, obgleich dies propagiert worden war. Wer sich also auf eine Wanderung durch verschiedene Optionen einließ, hatte am Ende des Tages dann drei von 18 Gesprächsrunden besuchen können, also sehr selektiv.

JOURNALISMUS UND DIGITALISIERUNG

  1. Der Autor dieser Zeilen fand sich zunächst in einem Kreis wieder, der über den Journalismus im Webzeitalter sprach. Nach neuen Untersuchungen soll die Generation Smartphone nur noch im Netz, auf Portalen, in sozialen Netzen leben. Radio, TV und Zeitungen sind out. Und die Rolle der Journalisten, die schon immer zwischen den kommerziellen Interessen der Herausgeber und den Qualitätsanforderungen der Inhalte in einem schwierigen Spagat gelebt haben, geraten durch die gewaltigen Verschiebungen in der Medienlandschaft und den sich verändernden Geschäftsmodellen weiter unter Druck. Während die einen darin nur einen Untergang von Qualität erkennen können, meinen andere, hier lägen auch Chancen. Auch beim sogenannten Qualitätsjournalismus gab es dunkle Seiten: Ausklammerung ganzer Schichten, Vernachlässigung des Regional-Lokalen, Ausfilterung von Themen, Diktat der Sprache, wenig Selbstkritik bei den Machern. Das Web (vor allem auch youtube) erlaubt die Teilnahme von Allen, neue Formate, neue Inhalte, Vielfalt an Sprachen, aber Mangel an Qualität, wird behauptet.
  2. Betrachtet man das Ganze aus Sicht einer Demokratie, die auf eine funktionierende Öffentlichkeit angewiesen ist, dann scheint das Räderwerk von Wissensarbeitern – hier speziell die Journalisten – als Inhaltsproduzenten, von Inhaltsagenturen, von Verbreitungskanälen mit dem Niedergang der klassischen Zeitungen gefährdet. Parallel leistet sich der Staat eine teure Radio-TV-Landschaft, die ihre Adressaten ans Netz verloren hat. Zugleich finanziert der Staat Schulen und Hochschulen, weil er der Überzeugung ist, dass die Ermöglichung von qualifiziertem Wissen in den Köpfen der jungen Generation wichtig ist. Natürlich drängt sich dann die Frage auf, warum man die Rolle der journalistischen Inhaltserzeuger nicht aus dem zunehmend prekären Verhältnis der kommerzialisierten Presse herausnehmen und in das System staatlicher Förderungen einbetten sollte?

GLOBALE DIGITALE PLAYER

  1. In einem anderen Gesprächskreis wurde das Selbstverständnis der großen globalen digitalen Firmen in den Fokus gerückt. Diese global operierenden, dem nationalen Zugriff scheinbar ganz entzogenen Firmen sehen sich – im Eingangsstatement – in der Tradition der technischen Problemlösung: jedes Problem kann gelöst werden. Es braucht Persönlichkeiten mit unternehmerischen Visionen, keine Politik. Moderne Algorithmen können effizienter sein als Menschen, nachhaltiger. Die Arbeitnehmer werden zu Freelancern, zum ein-Mann-Frau-Franchising Unternehmen, das alles bekommt, was es zur Arbeit braucht, dafür aber maximal abhängig ist vom Kontextgeber. Der einzelne ist nichts mehr, die Firma, die große Idee ist alles.
  2. Mittlerweile ist selbst diesen großen Firmen klar, dass diese Form von globalem Kapitalismus ganze Regionen (und Länder?) zerstören kann, dass nicht mehr alle genügend Arbeit finden können. Man möchte dieses gesellschaftliche Problem an die Politik delegieren, die man ansonsten verachtet und ausgrenzt. Die Politik soll die Versorgung des großen Proletariats der Nicht-Mehr-Arbeit-Habenden versorgen. Grundeinkommen lautet die Parole. Während ein anwesender Vertreter der Gewerkschaften meinte, dass sie das Problem im Griff hätten, sagten drei anwesende Sozialwissenschaftler, dass sie für diese neue Situation noch keinerlei wissenschaftliche Ansatzpunkte haben. Diese Entwicklung sei viel zu schnell über alle gekommen, zu umfassend; hier ist dringender Forschungs- und Theoriebedarf (gerade dort, wo die meisten Geldern von der Politik gekürzt werden).

ENHANCEMENT – GENETIK

  1. Im dritten Gesprächskreis, an dem der Autor dieser Zeilen teilnehmen konnte, ging es um die neuen Möglichkeiten der Gentechnik, ihre Konsequenzen. Während die Gesellschaft es begrüßt, wenn Krankheiten durch Gentechnik abgemildert oder ganz verhindert werden können, wirkt sie irritiert und beunruhigt, wenn die Forschung darüber hinaus experimentiert. Sollen werdende Eltern sich aufklären lassen über die gesundheitliche Zukunft ihres Kindes? Was tun sie, wenn ihnen eine schlechte Prognose gestellt wird aufgrund der genetischen Analyse? Wem gehört überhaupt das Genom (die Erbanlage, die Gene): dem Kind, den Eltern, oder der Gesellschaft?
  2. Noch radikaler waren Fragen nach dem Standpunkt, von dem aus die Gesellschaft auf die neuen Möglichkeiten schaut. Kann und darf man die aktuellen Weltbilder und Normen zum Maßstab für eine Zukunft nehmen, die wir eigentlich nicht kennen? Müssen wir nicht akzeptieren, dass wir nur einen Durchgangspunkt auf einer Entwicklungslinie des Lebens markieren, das nach ganz anderen Gesetzen funktioniert, als wir sie uns gerne zusammen reimen? Sind wir nicht sogar verpflichtet, die experimentellen Möglichkeiten voll auszuschöpfen, da wir die kommende Zukunft ansonsten möglicherweise nicht meistern können? In der begleitenden Ausstellung werden Künstler gezeigt, die versuchen, die sensorische Ausstattung des Menschen über das Ist hinaus auszudehnen, da die aktuelle körperliche Verfassung für eine Zeit günstig war, die seit fast 200.000 Jahren vorbei ist. Was sich hier schmerzlich zeigte, das war die Abwesenheit von Evolutionsbiologen und Kulturanthropologen, um diese Dimension einzubringen. Der einzige, der diese Themen zur Sprache brachte war ein Philosoph; er wirkte mit diesen Ansichten aber fast schon wie ein Fremdkörper in einer sehr ‚in sich ruhenden Gegenwartssicht‘…

PLENUM

  1. Das abschließende Plenum konnte die Farbigkeit der Gesprächskreise nicht wiedergeben. Sperrige Positionen waren weggefiltert, was – sehr verständlich – an den Sichten der jeweiligen BerichterstatterInnen lag.

WAS BLEIBT VON SOLCH EINEM TAG?

  1. Die Unzulänglichkeit der gedanklichen und gesprächsweisen Verarbeitung im Tag selbst wurde schon angesprochen. Wie aber soll es weitergehen? Welche Schlüsse zieht man aus solch einem Tag?
  2. Mir scheint, die Intention hinter dieser Tagung lässt sich nicht mit einem einzigen Tag erreichen. Ein Tag reicht vielleicht aus – wenn man etwas mehr Muße im Tag hätte –, Umrisse eines komplexen Problems sichtbar zu machen, aber ein Tag reicht nicht aus, um dann auch noch mögliche konstruktive Ansatzpunkte für geeignete Antworten zu finden. Dazu bräuchte man unbedingt einen zweiten Tag. Und, wie gerade dieses Thema zeigt, sollte man dazu unbedingt die Generation Zukunft hinzu ziehen. Mann-Frau ist eine Perspektive, aber Alt-Jung ist eine andere, die sich noch viel nachhaltiger auf die Sicht der Dinge auswirkt. Frauen und Männer sind sich letztlich in der Gesamtschau einig, da sie alle in der gleichen Zeit groß geworden sind, aber Alt-Jung sind grundverschieden. Und vielleicht sollte man sogar noch differenzieren nach Generationen: 0-30, 30-60, über 60. Der Austausch zwischen den Generationen ist sehr interessant, wobei 0-30 und über 60 eine besonders spannende Mischung zu sein scheint. Arbeitshypothese: wenn man eine Tagung hätte mit zwei parallelen Strängen A=(0-30 + über 60) und B=(30 – 60), dann würde die Gruppe A die Gruppe B in jeder Hinsicht übertreffen… wer würde solch ein Experiment wagen?
  3. Aber zurück zu Inhalten, was wären mögliche Ansatzpunkte, um sich der Zukunft in der aktuellen Situation zu stellen? Es gibt viele Ansatzpunkte, Hier einige wenige aus der Sicht dieses Blogs und von Autor cagent.

LERNRÄUME

  1. Die zunehmende Umzingelung des einzelnen, die zunehmende digitale Bevormundung war ein durchgängiges Thema in vielen Gesprächen. Dies verweist auf die Frage, wie denn die Generation Zukunft jenes Wissen und jene Kompetenzen erwerben kann, die sie für eine zukunftsfähige Lebensgestaltung braucht. Wir haben ein umfassendes Bildungssystem in Deutschland. Es hat wirkliche Stärken und Qualitäten. Der Realität der Digitalisierung stellt es sich aber bislang kaum. Dies hat viele Gründe. Man könnte sich ja die Frage stellen, warum man nicht in jeder Schule und in jeder Universität eine experimentelle Version der Schule und der Universität einrichtet: in jeder Schule und Universität sollte es die Möglichkeit geben, dass Lernende und Lehrende völlig frei darüber entscheiden können, wie sie die großen Lernziele mit frei wählbaren Methoden und Mittel erreichen können. Man müsste den – rechtlich wie methodischen – Schwachsinn der aktuellen Akkreditierungsagenturen abschaffen und wieder auf die Kompetenzen der Lernenden und Lehrenden selbst vertrauen, dass sie die Wege finden, wie man im digitalen Zeitalter anders lernt, um sich für die Zukunft fit zu machen. Das notorische Misstrauen in die Menschen und in die junge Generation muss ein Ende haben. Ohne Vertrauen und Verantwortung kann es keine neue Zukunft geben.(Anmerkung, im Institut für Neue Medien Frankfurt (INM), bereiten wir gerade ein erstes Experiment in diese Richtung vor, zusammen mit Schulen und Hochschulen).

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

  1. Ein neues Element in der Digitalisierung ist das Erstarken der Rolle der sogenannten Künstlichen Intelligenz. Aktuell ist das, was künstliche Intelligenz genannt wird, zwar noch keine wirkliche voll selbständig lernende Intelligenz, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich dies weiter verbessert. Dennoch ist der Faktor da, wirtschaftlich relevant und schon gesellschaftlich wirksam (Stichwort: Zukunft der Arbeit). Was aber überall fehlt, das ist ein Wissen darüber, was künstliche Intelligenz wirklich ist, wie sie funktioniert, was sie kann, wo möglicherweise Grenzen liegen, und, vor allem, ob und wie eine Zukunft des Menschen mit solch einer Künstlichen Intelligenz aussehen kann (der berühmte Qualitätsjournalismus versagt hier vollständig; die Schönheit der Bilder übertönt die Leere der Aussagen). Ist es wirklich so,dass die intelligenten Maschinen den Menschen sehr bald ersetzen werden (was Humanisten und Singularity-Gläubige annehmen), oder gibt es eine alternative, mehr symbiotische Zukunft von Mensch und Maschine?(Anmerkung: diese Frage wird auch im INM untersucht, Beispiel emerging-mind Projekt).

DEMOKRATIE

  1. Noch gibt es reale Demokratien auf dieser Welt. Ihr Zahl nimmt ab, und die Erosion ihrer Prinzipien schreitet voran (auch durch die Politiker selbst; u.a. durch den gravierenden Lobbyismus). Es ist eine dringende Frage, wie die entscheidenden Faktoren einer funktionierenden Demokratie in einer digitalisierten Welt erhalten und gestärkt werden können. Was können und was müssen wir tun? (Anmerkung: … ich sags nicht … :-))

PERFORMANCE

  1. Was nützen die besten Ideen, wenn keiner davon erfährt. Die eine Schiene sind die bekannten Muster von Publikationen. Eine andere ist künstlerische Performance: Sound, Handlungen, Bilder, … Welche Performance widmet sich der künstlerischen Kommunikation von Philosophie und Wissenschaft? Unser subventionierte Kulturbetrieb ist voll von sozialen, psychologischen, personalisierten Stoffen; wer kümmert sich um Weltbilder? (Anmerkung: Ja, das INM versucht sich auch hier, siehe Philosophy-in-Concert.)

EPILOG

  1. Dies sind nur Stichworte, vielleicht anregend. Wir brauchen eine kontinuierlichen Diskurs auf allen Ebenen. Noch haben wir eine Demokratie in Deutschland und Europa. Europa hat sie erfunden; gehen wir mit ihr auch unter?

EPILOG 2

  1. Wer bis hierher gelesen hat, mag vielleicht den Eindruck bekommen haben, dass ich die Tagung in Grund und Boden kritisiere. Das währen ein ganz falscher Eindruck, denn der kritische Tone, der sich über alle Inhalte und Ereignsse legt, setzt voraus, dass es ein Ereignis gab, und zwar ein sehr komplexes Ereignis. Die Tagung war eine fantastische Tagung, veranstaltet von der Schader-Stiftung in Darmstadt; so viele wunderbare Menschen an einem Ort in solch offener Weise zu versammeln; das gibt es nicht so oft. Und trotz der zeitlichen Begrenzungen und der damit einhergehenden Fragmentarität wurde doch das Phänmen des Wandels in vielen Facetten sichtbar, groß, übergroß bisweilen, Schauder hervorrufend. Ohne diesen Schauder angesichts des vielschillernden Phänomens kann es keine gezielten Anstrengungen geben. Von daher muss man den Veranstaltern ein großes Lob aussprechen: sie waren sehr mutig und großzügig, damit dies möglich wurde.

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SIND VISIONEN NUTZLOS?

Letzte Aktualisierung: 23.Okt.2016 (Formeln wegen Lesbarkeit entfernt)

VERTRAUTER ALLTAG

  1. Jeder kennt das aus seinem Alltag: Menschen tun ihre Pflicht, man tut, was man kennt; Gewohnheiten, Vorschriften, Verordnungen, Gesetze weisen einem den Weg.
  2. Dies hat etwas Vertrautes, es stützt Erwartungen, macht das Geschehen ansatzweise überschaubar, gar berechenbar, man kann ansatzweise planen.
  3. Dann gibt es noch die zeitlichen Rhythmen Woche, Monat Jahreszeiten, Jahr; Fixpunkte des Erinnerns, Planens und Erwartens.
  4. Diese Rhythmen, die erkennbaren Regelhaftigkeiten, spannen einen Raum auf für das mögliche Geschehen, ermöglichen die Koordination mit anderen: Treffen, Urlaubsreisen, Feiern, Freizeiten, Umsatzplanung, Produktionszyklen, Finanzierungsmaßnahmen, Marketingaktionen, Einstellungspläne, Kooperationen mit Zulieferern, Wahlkampfpläne, Gesetzesprojekte im Parlament, ….

… WENN ER WANKT

  1. Ohne diesen erkennbaren und erwartbaren Raum gerät alles ins Schwimmen, entsteht Unsicherheit, werden Pläne unmöglich, das Erreichte fängt an zu Wanken: wird es bleiben? Wie wird es weitergehen?
  2. Die normale Reaktion eines homo sapiens (sapiens) in solch einer Situation sind Unruhe, Sorgen, Ängste, wenn man die Bedrohlichkeit der Situation zu realisieren beginnt. Dies kann in Existenzängste übergehen, Suche nach Rettung, nach Alternativen, nach Ursachen, Verursachern. Was hat dazu geführt? Warum ist das so? Was kann ich tun?

BLICK ZURÜCK

  1. Phasen der Stabilität, des Wohlstands gab und gibt es in der Geschichte des homo sapiens (sapiens) immer wieder. Manchmal Jahrzehnte, mal mehrere Generationen, bisweilen mehrere hundert Jahre. Aber noch nie waren solche Phasen ewig.
  2. Diese Phasen relativer Ruhe mit relativem Wohlstand waren nie monoton, gleichförmig: von sehr reich und mächtig bis sehr arm und rechtlos reichte die Bandbreite immer. Die Armen lebten von der Hoffnung auf den möglichen größeren Reichtum, und die Reichen und Mächtigen lebten von ….?
  3. Länger andauernder Wohlstand setzt immer lang andauernde stabile Verhältnisse voraus in denen all jene Tätigkeiten stattfinden können, die Nahrung ermöglichen, Wohnräume jeglicher Art, Handwerk, Verkehr, Technologien, Regeln des Zusammenlebens, Sicherung von Ordnung durch effektive Bestrafung der Abweichler, Sicherung von Ordnung durch effektive Abwehr nach außen, Weitergabe und Entwicklung von Wissen, geeignete Ausbildung von Menschen zum Erhalt der bestehenden Abläufe, notwendige Rohstoffe, geeignete Ökosysteme …..
  4. Je komplexer eine Gesellschaft des homo sapiens (sapiens) war, umso anfälliger wurde sie: Naturkatastrophen gab und gibt es immer wieder: Zu viel Regen, zu wenig Regen, schwere Unwetter mit Blitzen, Feuerereignissen, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Tsunamis, Meteoriteneinschläge, Asteroiden; dazu mikrobakterielle Veränderungen, die sich in neuen Krankheiten zeigten, auf die das menschliche Immunsystem nicht sofort eine Antwort fand, …
  5. Auch gab es Ressourcenknappheiten: Erde erschöpft sich, Trinkwasser geht zur Neige, zu wenig Nahrung für die lebenden Menschen (und Tiere), Energiequellen versagen, Arten sterben aus, Verschmutzung der Umwelt macht vieles unbrauchbar, …
  6. Manche Veränderungen sind punktuell in Raum und Zeit, andere dauern an, erstrecken sich über größere Regionen, oder sind periodisch (Überschwemmungen, Brände,…)…

REAKTIONEN AUF VERÄNDERUNGEN

  1. Auf viele lebensfeindliche Ereignisse kann der homo sapiens (sapiens) reagieren, wenn er davon Kenntnis hat und hinreichend viele Menschen sich einig sind, wie sie es verhindern können und sie es auch gemeinsam wollen. Andere sind schwer voraussagbar, sind zu selten und schwer erkennbar; wieder andere setzen sehr viel Wissen, hinreichende Technologien, und hinreichende kulturelle und politische Strukturen voraus, um darauf langfristig und nachhaltig reagieren zu können (Klima, Ressourcenzerstörung, Verhältnis von Ernährung und Bevölkerung, …).

AUFBÄUMEN GEGEN BEDROHUNG(EN)

  1. Auffällig ist, dass aber zu allen Zeiten die Menschen bei Bedrohung, Unglücken, Katastrophen nach Ursachen suchen, nach Verursachern oder nach eigener Schuld. Der Wille zum Leben gibt sich nicht mit dem Ereignis zufrieden. Der Wille zum Überleben sucht nach Anhaltspunkten, wie man Bedrohungen abwehren, sie überwinden kann. Aber welche Chancen hat ein einzelner homo sapiens (sapiens), eine ganze Population von Menschen?
  2. Eines ist ganz klar, was immer ein homo sapiens (sapiens) tun will, er hängt von dem Wissen ab, was sich gerade in seinem Kopf befindet, von den Handlungsmöglichkeiten der aktuellen Situation, und von der Fähigkeit, sich mit anderen zu koordinieren.
  3. Und in ungewöhnlichen Situationen zeigt sich eines sehr deutlich: auch wenn man aktuell nichts wirklich tun kann, wenn man nicht wirklich weiß, was man tun kann, dann tendiert der homo sapiens (sapiens) dazu, irgend etwas zu tun, nur um das Gefühl zu haben, er tue ja etwas. Das Gefühl des Nichtwissens, der Alternativlosigkeit, der darin aufkeimenden Ohnmacht ist so unerträglich, dass der homo sapiens (sapiens) dann irgend etwas tut, nur um nicht Nichts zu tun.
  4. Ist das dumm? Ist das primitiv? Ist das lächerlich? Ist das gefährlich?
  5. Halten wir einen Moment inne und schauen zurück (weil wir heute vieles wissen können, was hunderte, tausende Generationen vor uns nicht wissen konnten).

VOR SEHR LANGER ZEIT (KEIN MÄRCHEN)

  1. In der Zeit vor dem homo sapiens (sapiens) – viele Milliarden Jahre – als es nur einzelne Zellen oder einfache Zellverbände gab, beherrschte das biologische Leben zwar die Kunst, sich selbst zu vermehren (bis heute eines der größten Wunder im Universum und noch immer nicht vollständig aufgehellt!), aber das biologische Leben in Gestalt der Zellen verfügte über keinerlei Möglichkeit, in der aktuellen Situation der Selbstreproduktion im großen Maßstab über Alternativen, Varianten, mögliche Szenarien nachzudenken. Es besaß keinerlei Wissen über die weitere Zukunft. Die Zukunft war eine unfassbar große Wand des Nichtwissens, undurchdringlich. Das einzige, was verfügbar war, das waren genetisch kodierte Informationen über solche Baupläne, die in der zurückliegenden Geschichte überlebt hatten. Überlebt in einer Welt, der Erde, die selbst in beständiger Veränderung war, tiefgreifenden Veränderungen. Alles, was bisher erfolgreich war garantierte in keiner Weise, dass es morgen auch noch erfolgreich sein würde. Das Leben stand vor einer eigentlich unlösbaren Aufgabe: es musste Formen annehmen, die in einer Welt überleben können, die als solche noch nicht bekannt waren.
  2. Zu einem bestimmten Zeitpunkt t definierten die vielen genetisch kodierten möglichen Baupläne G in den Zellen mögliche Lebensformen L, die sich in der Vergangenheit in einer bestimmten Umwelt U bewährt hatten. Diese Umwelt ist aber nicht statisch sondern dynamisch, d.h. von einem Zeitpunkt t zu einem anderen späteren Zeitpunkt verändert sie sich nach bestimmten Regeln V; diese Veränderungsregeln sind dem Leben zum Zeitpunkt t nur partiell bekannt, und nur indirekt, kodiert im genetischen Kode. Heute wissen wir (wir glauben es zu wissen), dass diese Veränderungsregel V ein Bündel von Regeln ist, die unterschiedlich stabil sind, weil eine Veränderung der Umwelt U auch zurück wirkt auf manche Aspekte der Veränderungsregel V. Wir haben also eine Veränderungsregel V, die sich im Laufe der Zeit partiell selbst ändert …
  3. Im Nachhinein betrachtet hatte das biologische Leben extrem schlechte Karten. Keine Bank dieser Welt hätte einem solchen Kandidaten einen Kredit gewährt; keine Versicherung dieser Welt würde das Risiko des Lebens zu den frühen Zeiten versichert haben; kein Investor dieser Welt hätte je in das Projekt des Lebens investiert; keine bekannte politische Bewegung hätte auf dieses Leben gesetzt, keine Religion dieser Welt hat jemals über dieses biologisch Leben geredet …. Ein Grund dafür ist sicher, dass die menschliche Akteure von der Art homo sapiens (sapiens) nur eine vergleichsweise verschwindend geringe Lebenserwartung haben verglichen mit den Zeiträumen, in denen sich das Projekt des Lebens auf der Erde (und damit auch im Universum) in seinem sichtbaren Teil in vielen Milliarden Jahren entwickelt hat.
  4. Rein Mathematisch (soweit wir heute Mathematik entwickelt haben) hatte das biologische Leben vor dem homo sapiens (sapiens) keine wirkliche Chance, und dennoch hat es überlebt, 3.8 Mrd Jahre im sichtbaren Teil. Wie? Warum?

DAS NOTORISCH UNBERECHENBARE AM LEBEN

  1. Das biologische Leben hat bis heute viele unaufgeklärte Geheimnisse. Neben dem Selbstreproduktionsmechanismus, der wertvolle Informationen aus der Vergangenheit enthält, ist der Prozess der Weitergabe von Informationen und deren Umsetzung in eine neue, lebensfähige Struktur, nicht deterministisch, nicht 1-zu-1!
  2. Der Prozess ist aus sich heraus vielfältig, lässt Variationen zu, Abweichungen, schafft neue Kombinationen, so dass die Menge der genetisch kodierten Informationen G in den Zellen eben nicht eine eindeutige Menge L von möglichen Lebensformen kodiert, sondern eine partiell undefinierte Menge L*, die sich aus den Variationen innerhalb des Prozesses herleiten. Diese Menge L* weicht von der Erfahrung der Vergangenheit mehr oder weniger stark ab. Sofern die neue Umwelt U‘, die auf eine aktuelle Umwelt U aufgrund der jeweiligen Weltveränderungsregel V folgt, mit der ursprünglichen Umgebung U hinreichend ähnlich ist, hatte jener Anteil von Lebensformen in den neu realisierten Lebensformen L*, die noch den alten Lebensformen L entsprachen, gute Chancen, zu überleben. Diejenigen Lebensformen in L*, die zu neu waren, möglicherweise nicht. Sofern aber die neue Umwelt U‘ sich von der vorausgehenden Umwelt U in machen Punkten unterscheidet, haben dagegen die Lebensformen, die den vorausgehenden Lebensformen L ähneln, weniger Aussichten auf das Überleben; die Lebensformen aus der neuen Menge von Lebensformen L*, die sich von den alten Lebensformen L hingegen unterscheiden, möglicherweise schon. Vor dem Ereignis von L* in U‘ konnte der Mechanismus der Selbstreproduktion dies nicht wissen; volles Risiko war notwendig! Man kann dies die Urform von Kreativität nennen, von Genietum, von Verrücktheit ….Es ist tief verwurzelt im Kern des geheimnisvollen Lebens…
  3. Normale wahrscheinlichkeitstheoretische Modelle sind nicht in der Lage, diese Prozesse angemessen zu beschreiben. In jeder Phase des Lebens (und es gab ja Millionen von Phasen) sind sie zum Scheitern verurteilt.
  4. Fakt ist nur, dass das Leben mit dieser Methode aus Erinnerung (= genetisch kodierte Informationen aus der Vergangenheit) + voll riskante Variationen (Würfeln gegen die unbekannte Zukunft) es geschafft hat, eine wahrscheinlichkeitstheoretische Unmöglichkeit in ein (bisher) Erfolgsmodell zu verwandeln, das eine Komplexität erreicht hat (z.B. allein der Körper eines einzelnen homo sapiens (sapiens) besitzt etwa 120 Milchstraßen-Galaxien an Zellen, die hochkomplex miteinander interagieren), die unser aktuelles Verstehen noch weitgehend überfordert.

LEHREN AUS DER VERGANGENHEIT?

  1. Was das biologische Leben uns, die wir ein Produkt dieses Lebens sind – und auch nur ein Teil davon – damit sagen kann/ will, ist ziemlich klar. Ein aktuelles Wissen von der Welt und dem Leben auf der Erde (und im Universum) ist niemals vollständig. Die objektiven Grenzen eines aktuellen Wissens zu überwinden kann nur gelingen, wenn man sich nicht in den objektiven Grenzen einmauert, sondern diese Grenzen durch ein ganzes Feuerwerk an Experimenten jenseits des Bekannten zu durchbrechen, zu überwinden sucht. Dies kann man Kreativität nennen, Visionen, Träume, Verrücktheit, Genietum … egal wie wir es nennen, ohne ein hinreichendes Maß an Verrücktheit, Kreativität, Mut zum Risiko hat das Leben keine Zukunft. In einer dynamischen Welt kann das Wissen um die Vergangenheit nicht der alleinige Maßstab für die mögliche Zukunft sein. Hätte das biologische Leben in der Vergangenheit nur das wiederholt, was bislang Erfolg hatte, es wäre schon lange gescheitert. Die Wahrheit des Lebens liegt nicht nur in ihm selbst, sondern in ihm und in Wechselwirkung mit einer dynamischen Umgebung, also mindestens mit dem bekannten Universum.
  2. Jetzt werden manche sagen, dass wir ja heute so viel mehr wissen. Wir können die Entstehung des bekannten Universums sehr weitgehend nachvollziehen und simulieren; wir haben technisches Knowhow, komplexe Maschinen, Gebäude, ganze Städte zu bauen; wir haben neue Informationstechnologien, um mehr Daten zu verwalten, sie zu finden, sie neu zu kombinieren ….
  3. Das ist richtig. Das Leben hat in Gestalt des homo sapiens (sapiens) Handlungsräume ermöglicht, die noch vor 100-200 Jahren unvorstellbar waren.
  4. Wahr ist aber auch, dass wir zunehmend die inhärenten Grenzen der bisherigen Methoden erkennen: der homo sapiens (sapiens) ist dabei, die Lebensgrundlage Erde weitgehend und nachhaltig zu stören oder gar zu zerstören. Die neue Vielfalt an Wissen, Lebensformen, Handlungsmöglichkeiten überfordert das aktuelle Format des Erlebens und Verstehens eines einzelnen homo sapiens (sapiens). Statt Frieden weltweit und Wohlstand für alle produziert der homo sapiens (sapiens) krasse Unterschiede zwischen Reich und Arm, zwischen Ernährung und Wasser im Überfluss in einer Region und Hunger und Wassermangel in einer anderen; statt globaler Friedensgesellschaft mit gemeinsamer Verantwortung (Vision der United Nations) beobachten wir wieder eine Tendenz zum Nationalismus, zur Radikalisierung, zu Fanatismus, zu Vereinfachungen.
  5. Die begrenzte Lebenszeit des homo sapiens (sapiens) und sein biologisch begrenztes Verstehen werden zum Stolperstein, das größere Ganze, den Zusammenhang zwischen allem, die großen Perspektiven wahrzunehmen und danach zu handeln. Die sogenannten nationalen Führer erweisen sich als krasse Zwerge gemessen an den Anforderungen der je größeren Zukunft.
  6. Mathematisch ist die Prognose für den homo sapiens (sapiens) als Teil des Lebens wie schon immer schlecht.
  7. Die Botschaft der Vergangenheit sagt aber, im Phänomen des Lebens steckt mehr als das, was die endlichen Gehirne eines homo sapiens (sapiens) bislang denken.
  8. Die Zukunft wird erzählen, was stimmt. Ganz unbeteiligt sind wir nicht. Visionen sind nicht unbedingt schlecht. Wir alle sind ein Produkt der Visionen von vielen Milliarden Jahren von aberwitzig vielen Experimenten.

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HAT DER MENSCH NOCH EINE ZUKUNFT? – Zwischenreflexion

KONTEXT

  1. Ich hatte gestern eine dieser Begegnungen, die man nicht planen kann. Es passiert einfach.
  2. Irgendwie ging es um die Frage, wie unsere Universität neben und jenseits der speziellen Studienprogramme und Forschungsprojekte an einer offiziellen Stelle Fragen öffentlich stellen und diskutieren kann, die den Menschen der Gegenwart im Fokus haben. Neben der Frage des Wie man das tun könnte, spielte natürlich zentral die Frage des Was herein: Was sind die drängenden Fragen für die Menschen heute?

UNIVERSITÄT IST

  1. Die Universität wäre keine Universität, würde sie nicht schon jetzt in ihren speziellen Programmen wichtige Zukunftsfragen behandeln: Städte der Zukunft, Energieversorgung der Zukunft, Verkehr der Zukunft, Logistik, Datennutzung, Pflegekonzepte, … usw.
  2. Alle diese Programme leben von der – stillschweigenden – Voraussetzung, dass der Mensch – Wir alle – gesetzt ist als Handelnder, dass der Mensch, wir als homo sapiens (sapiens), eine zentrale Rolle spielt, weil wir …. ja, weil wir was sind?

MENSCH – ZUKUNFT

  1. Schaut man sich in den Wissenschaften um, in der Technologie, in der Wirtschaft, in der Politik …., dann kann man zum Schluss kommen, dass die verfügbaren Menschenbilder nicht nur arg zerschlissen wirken, sie sind eigentlich außer Kraft gesetzt.
  2. Auf dem Papier gibt es zwar Menschenrechte, Grundrechte, Verfassungen (in den meisten Staaten), aber angesichts der Realitäten des alltäglichen Lebens weltweit kann man den Eindruck bekommen, dass den Worten auf dem Papier in der Realität nicht mehr viel entspricht.
  3. Schließt man nicht die Augen vor dem, was täglich real passiert, dann kann – und muss? – man die Frage stellen: Hat der Mensch noch eine Zukunft?

RELIGIONEN

  1. In der Vergangenheit waren im Fall von Seuchen, Naturkatastrophen, Kriegen, Not jeder Art, die Religionen zuständig, Trost und Zuversicht zu spenden, Hoffnung auf etwas Gutes in all dem Elend. Es gab (und gibt) viele Religionen; noch immer gibt es Religionen, z.T. weltweit organisiert. Trotz ihres gewaltigen Erklärungsanspruches sind sie weitgehend nicht kompatibel miteinander, zerfallen in sich in viele Strömungen, und statt Frieden, Trost und Wahrheit bringen sie selbst immer wieder Krieg und Tod, Verfolgung, Verteufelung, tun sich schwer mit den modernen Erkenntnissen über die Welt, über das Universum. Statt die Menschen zu ‚befreien‘ schaffen sie neue Abhängigkeiten. Ist die Idee eines übergreifenden, realen Sinns, eines alles übersteigende Gute falsch?

POLITIK

  1. Die Formen der Machtausübung von Menschen über Menschen (Politik) hat schon viele Formate gesehen. Demokratische Strukturen sind ein sehr spätes Produkt. Sie sind bis heute die Ausnahme und zeigen an sich Spuren von Verschleiß und Verrat. Ist die Idee einer auf Menschenrechten und einer demokratischen Verfassung gründenden Machtausübung falsch? Ist der einzelne, selbstherrliche Diktator die bessere Variante? Können wir heute in einer digitalisierten globalen Technologie die Allgemeinheit dem digitalen Diktator überlassen, jenen anonymen Sammlern und Nutzern von Daten, die dann digital bestimmen, wo es langgeht?

WIRTSCHAFT

  1. Wirtschaftliche Tätigkeit war schon immer notwendig fürs Überleben, zugleich aber auch für Innovationen, Neuerungen, Veränderungen. Am erfolgreichsten ist die Wirtschaft bei stabilen Verhältnissen, offenen Märkten, Wohlergehen der Allgemeinheit. Die primäre Berechtigung kommt vom Überleben der Menschen, das treibende Motiv aber ist die Bereicherung der Akteure; Steigerung von Gewinnen bei Senkung der Kosten. Die Digitalisierung bietet eine neue Variante: Ersetzen der Menschen durch intelligente Maschinen. Welche Rolle kann der Mensch hier noch spielen?

TECHNIK

  1. Die Technik war von Anbeginn ein Helfer des Menschen: Energie, Transport, Bauen, Ernährung, Vorräte schaffen, Kommunikation, Krankheiten bekämpfen …. heute hat die Technik einen Punkt erreicht, wo sie die Menschen selbst zunehmend ersetzen kann. Der Mensch wird für immer mehr Tätigkeiten überflüssig. Wozu braucht es noch den Menschen?

WISSENSCHAFTEN

  1. Die Wissenschaften haben dem Menschen geholfen, die umgebende Welt und den eigenen Körper immer besser zu verstehen. Mit diesem Verstehen kamen die unendlichen Weiten des Universums, kamen die Feinstrukturen des Lebens bis hin zu den Zellen, den genetischen Informationen, der Möglichkeit, das Leben in seinen Grundlagen zu verändern. Der Mensch scheint angesichts all dessen nicht mehr so wichtig. Einen alles durchdringenden, umfassenden Sinn scheint es nicht mehr zu geben. Die alten Religionen sind bislang sprachlos oder Verweigern einfach das Gespräch. Die neuen Wissenschaften haben keine Verwendung mehr für den Menschen. Was soll ein Physiker, ein Molekularbiologie oder ein Gehirnforscher auch schon sagen? Sie wühlen in den Eingeweiden der Materie, sie messen biochemische Prozesse in den Zellen, sie können aber ihre eigene Wissenschaft nicht mehr erklären. Ein möglicher Sinn für den homo sapiens ist kein Thema für die Wissenschaften. Hat der Mensch also keine Zukunft mehr?

EPOCHEN-WENDE?

  1. In der bekannten Geschichte des Lebens gab es bislang keine Zeit, die unserer aktuellen Situation vergleichbar ist. Viele Fragen sind qualitativ, grundlegend, unbeantwortet.

UNIVERSITÄT DEFINIERT SICH IMMER WIEDER NEU

  1. Ob eine Universität in der Lage ist, sich diesen Fragen zu stellen, für die sich niemand so richtig zuständig fühlt, ist offen. In der Geschichte der europäischen Universitäten waren Universitäten immer ein Spielball von aktuellen Strömungen, Machtinteressen und Wissensmonopolen. Es gibt nicht die Universität. Jede Universität ist ein Politikum, ein Machtkompromiss, muss sich in jeder Zeit neu erfinden. Dies hängt von konkreten Personen ab, vom verfügbaren Wissen, von Überzeugungskraft, ….

DIESER BLOG

  1. Dieser Blog Philosophie Jetzt sieht die Frage nach der möglichen Zukunft des Menschen im Universum als seine zentrale Frage. Und diese Frage wird ausgespannt zwischen Wissenschaften, alltäglichem Leben und konkreten Erfahrungen des Daseins, deren Menschen (und alle Lebewesen) fähig sind.

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EIN EVOLUTIONSSPRUNG PASSIERT – JETZT – UND NIEMAND BEMERKT ES?

FANTASIE ALLÜBERALL

  1. Die Geschichte der Menschheit ist voll von Fantasien, Träumen, Mythen, Utopien, Science Fiction. Heutzutage wird die Bilderflut noch verstärkt durch die vielen medialen Kanälen, in denen das Gehirn überschwemmt wird mit Bildern, die sich kaum noch einordnen lassen lassen als real, oder als fantastisch oder was genau?

WUNDERBARES GEHIRN

  1. Diese Bilderflut ist möglich durch ein Gehirn, das in der Lage ist, aktuell Gegebenes, das Jetzt, durch Erinnerungen, Abstraktionen, freie Kombinationen hinter sich zu lassen. Das Jetzt kann darin zu einem Moment in einer Folge werden, und die Folge wird zu einem Ist, das zwar passiert, aber beeinflussbar ist. Der hss lernt, dass er selbst kein rein passives Etwas ist, sondern auf vielfältige Weise Einfluss nehmen kann auf das Jetzt, auf die Folgen von Momenten. Er lernt, dass er den Gang der Dinge verändern kann.

JENSEITS DES JETZT

  1. Dieses Wissen um das Mehr jenseits des Jetzt ist uns vertraut, ist uns so vertraut, dass es uns gar nicht mehr auffällt. Aber es sollte uns auffallen, es sollte uns geradezu elektrisieren, denn fast 13.8 Mrd Jahre lang gab es – nach aktuellem Wissen – keine aktuelle Lebensform im gesamten Universum, die über diese Fähigkeit verfügte.
Evolution durchbricht mit dem hss den objektivn Gang der Dinge: hss kann auch ohne Tod Innovationen herbeiführen. Der Prozess hat ein 'Selbst' bekommen
Evolution durchbricht mit dem hss den objektivn Gang der Dinge: hss kann auch ohne Tod Innovationen herbeiführen. Der Prozess hat ein ‚Selbst‘ bekommen

DAS LEBEN VOR DEM MENSCHEN

EINE KETTE AN INNOVATIVEN EXPLOSIONEN

  1. Das Leben vor dem hss war ein Getriebenes: nach ca. 10 Mrd Jahren universalem kosmischen Geschehen, das u.a. unser Sonnensystem mit unserer Erde hervorgebracht hatte, entstanden auf der Erde, in den Tiefen der Ozeane, jene chemischen Strukturen, die wir heute als erste Zellen bezeichnen. Schon diese erste – einfache – Zellen sind ein Wunderwerk molekularer Strukturen und chemischer Prozessketten. Mit diesen ersten Zellen war es erstmalig möglich, selbständig Energie in Form von freien Ladungen aus der Umgebung über eine Membranoberfläche in das Innere der Zelle zu transportieren und diese Energie für unterschiedliche chemische Prozesse zu nutzen. Dies war eine Sensation. Entgegen der allgemeinen Entropie gab es hier physikalische Prozesse, die freie Energie aus der Umgebung abzapften und sie – entgegen der Entropie – für den Aufbau lokaler Strukturen, also lokaler Ordnungen, nutzten. In der allgemeinen Physik sind solche Prozesse nicht vorgesehen und bis heute nicht erklärbar.
  2. Diese ersten Wunderwerke des Lebens konnten sich auch schon selbst reproduzieren. Schon da gab es spezielle Moleküle – heute DNA Moleküle genannt –, die von anderen Molekülen so benutzt wurden, als ob sie eine Bauanleitung darstellten. Die einzelnen Elemente dieser Bauanleitungsmoleküle wurden als Elemente eines Kodes interpretiert, aus dem man entnehmen konnte, wie man eine neue Zelle bauen kann. Wie es zu dieser originellen Arbeitsteilung – von Informationsspeicher hier und Informationen lesen und übersetzen dort — kam ist bis heute noch eher im Dunkeln. Mit dem heutigen Wissen können wir aber in dieser Struktur der Interpretation eines Kodes und darauf aufbauend die Aktivität einer Konstruktion als strukturidentisch mit dem Konzept einer Turingmaschine erkennen. Die Turingmaschine, das zentrale philosophisch-mathematische Konzept unserer Tage für das, was ein Computer sein kann, ist in diesen ersten einfachen Zellen schon realisiert. Jede Zelle ist in dem Sinne ein Computer! Mit dem Computer haben wir so gesehen nichts Neues erfunden, nur etwas sehr, sehr Altes auf neuer Ebene wieder endeckt.
  3. Und noch etwas Grundlegendes ist zu beachten: der Reproduktionsprozess war nie ein 1-zu-1 Prozess. Die neuen Strukturen wichen von den vorausgehenden immer irgendwie ab, mal weniger, mal mehr. Dies hatte zur Folge, dass die nachfolgenden Generationen neue Formen (Phänotypen) ausbildeten, die darin über neue Fähigkeiten verfügten, die andere Organismen nicht besaßen. Wenn diese neuen Fähigkeiten das Überleben verbesserten, erhöhten sich die Chancen auf Nachkommen; andernfalls wurden sie geringer. Der stillschweigende Maßstab für Erfolg/ Misserfolg war jeweils die Passung zur vorhandenen Erde samt ihren Gegebenheiten. Einem Lebewesen vor dem hss war es nicht möglich, ein eigenes Wertesystem unabhängig von den Vorgaben der Erde zu entwickeln. Dies bedeutet, dass es in der Zeit von ca. -3.8 Mrd Jahren bis ca. -200.000 (oder etwas früher, wenn man die früheren menschenähnlichen Wesen mit einbeziehen will) einem Lebewesen nicht möglich war, ein eigenständiges Ziel-/ Wertesystem über die realen Lebenserfordernisse hinaus auszubilden.
  4. Verschärft wird diese Situation auch noch dadurch, dass bei dieser beschränkten Innovationsfähigkeit der Lebewesen (nur bei Reproduktion) die Notwendigkeit eines Todes, also einer beschränkten Lebenszeit, unausweichlich war. Durch die beständige Veränderung der Erde sowie durch die parallele dynamische Entwicklung aller Lebensformen bestand zwischen allen Lebensformen und der Lebenssituation eine kontinuierliche Konkurrenzsituation. Ohne häufige Reproduktionen und durch Sterben wäre jene Innovationsrate gefährdet gewesen, die zum Überleben notwendig war.
  5. Bis zur Lebensform eines hss waren aber aus Sicht er ersten einfachen Zellen noch viele Hürden zu nehmen. So waren die ersten Zellen in ihrer potentiellen Größe massiv beschränkt: solange Energie nur über die Membranen in den Zellkörper kam war durch das Missverhältnis zwischen Oberflächenzunahme (quadratisch) und Volumenzunahmen (kubisch) eine Wachstumsgrenze eingebaut. Es hat etwa 1.7 Mrd Jahre gedauert, bis das Leben einen Weg gefunden hat, durch Einbau vieler einzelner Zellen – später Mitochondrien genannt – in eine Gastzelle die Membranoberfläche zu vervielfachen.
  6. Viele weitere Details sind hier wichtig (sehr schön erklärt u.a. in dem Buch von Nick Lane (2009) Life Ascending).
  7. Im Endeffekt führte die Fähigkeit zu immer komplexeren Prozessen mit immer komplexeren Kooperationen dazu, dass (nach dem großen Sauerstoffereignis) Lebensformen auf dem Land Fuß fassen konnten und nach einer weiter langen Zeit von fast 500 Mio Jahren dann jene Lebensform möglich wurde, die wir als hss kennen.

DAS AUFTRETEN DES MENSCHEN IST EINE ZÄSUR

  1. Der hss verkörperte dann genau diese Lebensform die zum ersten Mal Erstaunliches vermochte.
  2. Der hss konnte durch sein Gedächtnis, seine Abstraktionsfähigkeiten, seine gedanklichen Kombinationen mit einem Male — nach ca. 13.8 Mrd Jahren – als erste Lebensform auf der Erde aus dem Jetzt ausbrechen und mögliche Zukünfte versuchsweise denken.
  3. Der hss konnte durch sein Denken, Kommunizieren, seine Technologie, seine Organisationsformen, seine Wissenskulturen erstmalig die Fähigkeit erlangen, die Baupläne des Lebens zu lesen, sie Anfangshaft zu verstehen. Prinzipiell könnte er jetzt strukturelle Innovationen während des Lebens einer Generation einleiten, ohne dafür zuerst sterben zu müssen. Der Tod des Körpers wäre nicht mehr notwendig.
  4. Durch diese neue Autonomie des Erkennens, Handelns und Gestaltens hat der hss aber ein ganz neuartiges Problem: zum ersten Mal steht er selbst vor der Frage, wohin die Reise eigentlich gehen soll? Zuvor wurde die Frage indirekt durch das Faktum des Überlebens beantwortet. Jetzt muss er sich selbst die Frage stellen, welche der vielen möglichen erkennbaren Zukünfte sind Lebenswert?

ZWISCHENSPIEL: RELIGIONEN

  1. Viele Jahrtausende haben Menschen in Gestalt sogenannter Religionen Antworten hergeleitet, die heutigen Erkenntnisansprüchen nicht mehr genügen, die aber die Menschen in diesen Zeiten benutzt haben, um sich das Unerklärliche zu erklären. Und auch heute scheint es so zu sein, dass eine sehr große Anzahl der Menschen diese alten Religionen immer noch als Hilfsmittel benutzen, um Antworten auf Fragen zu finden, die die Wissenschaften bislang nicht gegeben haben.
  2. Im Kern von Religionen – nicht allen: der Buddhismus kann anders interpretiert werden – steht gewöhnlich ein zentraler Begriff Gott. Aber, was man leicht übersieht, alles, was über Gott bislang gesagt wurde, haben letztlich Menschen gesagt, die von sich behaupten, sie haben mit Gott geredet bzw. er mit ihnen. Da alle diese Menschen unterschiedliche Sprachen sprechen, dann noch zu Zeiten, die tausende Jahre her sind, haben wir nicht nur ein Sprachproblem (Sanskrit, Hebräisch, Griechisch, Arabisch, …), sondern auch ein Verstehensproblem (wer weiß schon, welche Vorstellungen Menschen vor tausenden von Jahren mit bestimmten Ausdrücken verbunden haben). Dazu haben wir ein Überlieferungproblem: wer hat eigentlich wann was von wem aufgeschrieben? Welche Texte sind überhaupt original erhalten? Wie oft wurden Texte aus einer Zeit von Menschen in einer nachfolgenden Zeit überarbeitet und dabei verändert?
  3. Schon allein der Versuch, aus der Vielfalt dieser Texte (und dazu noch aus der ungeheuren Fülle nachfolgender Kommentare und Interpretationen) heute ein zuverlässiges und einheitliches Bild von Gott zu gewinnen, muss scheitern. Es ist vollständig unmöglich, nicht nur rein faktisch aufgrund der Vielzahl und Fülle, aber auch inhaltlich methodisch: die geistigen und begrifflichen Voraussetzungen der vielen Texte sind derart verschieden, dass Worte, die gleich klingen, von ihrem begrifflich-methodischen Kontext her etwas vollständig Verschiedenes bedeuten können.
  4. Angesichts dieser Sachlage mutet es merkwürdig an, wie manchmal Naturwissenschaftler sich berufen fühlen, die Erkenntnisse der Naturwissenschaften gegen ein falsches Gottesbild zu verteidigen und dabei selber bizarre Gottesvorstellungen als Feindbilder benutzen, wo man sich nur fragen kann, wo sie die hergezaubert haben. Natürlich gab es Zeiten (und sie sind noch nicht überwunden), da unterschiedlichste Religionsvertreter versucht haben (und versuchen) neueste Erkenntnisse der Naturwissenschaften mit ihrem spezifischen religiösen Weltbild zu versöhnen. Ein Beispiel sind die sogenannten kreationistischen Deutungen der Evolution. Aber die Ausgangslage einer religiös motivierten Argumentation ist in sich so verworren und schwammig, dass jeglicher Gesprächsversuch hier im Ansatz sinnlos ist. Die Vertreter der Religionen sind ja nicht einmal in der Lage, sich untereinander zu verständigen; warum sollte man sich mit diesen Positionen dann überhaupt auseinandersetzen? Worin besteht diese Position überhaupt? Es ist ein bisschen wie mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: jeder tut so, als ob die Sache mit Gott doch klar sei, aber keiner will zugeben, dass er eigentlich nichts Genaues weiß…

ZURÜCK IN DIE REALE ZUKUNFT

  1. Kommen wir zurück zur realen Welt, in der wir uns mit unseren Körpern vorfinden. Von dieser Welt haben wir gelernt, wie sie eine unfassbare Fülle an Lebensformen hervorgebracht hat bis zu jener, dem hss, der über erstaunlich neue Fähigkeiten verfügt. Bricht schon das Phänomen der Evolution bis zum hss die bekannten Denkmodelle der Physik, so ist dies neue Phänomen hss mit seinem Gedächtnis, seinem Denken, seiner Zukunftsfähigkeit, seiner Veränderungsfähigkeit, seiner autonomen Frage nach der richtigen Zukunft ein radikaler Systembruch. Das Erscheinen des hss markiert das Ende der klassischen empirischen Wissenschaften. Alles, was die empirischen Wissenschaften bislang entdeckt haben, ist richtig, aber das, was die Physik bislang gedacht hat, ist schlicht zu wenig (auch schon für den engeren Bereich der unbelebten Materie (dunkle Materie, dunkle Energie), wie wir lernen durften).
  2. Sollte es tatsächlich so etwas wie einen Gott geben (was niemand letztlich ganz ausschließen kann, genauso wenig wie man es beweisen kann), dann wäre er in allem anwesend und würde sich darin zeigen. Wir müssten ihn nicht erfinden. Egal was wir tun, er wäre da. Wäre er hingegen nicht da, wäre es auch egal, was wir tun. Wir könnten ihn nicht herbei zaubern.
  3. Schon eine christliche Theologie hat ja (wenngleich rein spekulativ) angenommen, dass Gott sich aus der Transzendenz in die Immanenz bewegen könne (Inkarnation), und dass es in der Immanenz (also in unserer Körperwelt) eine erfahrbare Gegenwart Gottes geben könne. Nahezu alle christlichen Ordensgründer und Ordensgründerinnen berichten von ihren persönlichen Erfahrungen mit Gott, bis dahin, dass ein Ignatius von Loyola, der Mitbegründer des Jesuitenordens, geradezu lehrt, dass Gott sine causa in den Menschen direkt wirken könne. Entsprechende Berichte finden sich auch bei Mitgliedern von anderen Religionen. Zur Überzeugung der Religionen gehört auch, dass die Menschen die Welt gestalten sollen. Die Überzeugungen aller Religionen ist auch, dass das Leben nach dem körperlichen Tod nicht endet, sondern irgendwo (man nennt es Himmel) weiter geht, dann sogar viel besser und schöner.
  4. Wie gesagt, gäbe es so etwas wie Gott, dann müssten wir ihn nicht erfinden, allerdings müssten wir ihn entdecken, so wie wir alle Wirklichkeit, in der wir uns vorfinden, vermittelt durch unseren Körper entdecken, sortieren, verbinden, interpretieren müssen, um zu wissen, wer wir tatsächlich sind, die anderen, die Erde, das Leben, wie sich alles bewegt. So gesehen wäre Alles Theologie, aber nur, wenn wir Gott voraussetzen. Tun wir dies nicht (und es ist methodisch erlaubt, dies nicht zu tun), ist das Gleiche, was vorher Theologie heißt, einfach Wissenschaft vom Leben im Universum, und möglicherweise darüber hinaus. Die Worte mögen verschieden sein, die Sache ist die gleiche.
  5. Ein möglicher Gott stellt für eine radikale Wissenschaft keine Bedrohung dar, wohl aber pseudoreligiöse Ansprüche, die im Namen eines unbekannten Gottes vorgebracht werden, die aber letztlich nur jene Wahrheit verweigern wollen, die uns alle frei macht, die die unfassbare neue Autonomie des hss freilegt.

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DIE ZUKUNFT STIRBT ZUERST IN DEN KÖPFEN …

LETZTER BLOGEINTRAG

  1. Angeregt durch die Lektüre von Matt Ridleys Buch sind im vorausgehenden Blogeintrag einige sehr grundlegende Prinzipien herausgearbeitet worden, die allgemein wirken, denen jedes einzelne individuelle System unterworfen ist, auch jeder einzelne Mensch.

DIE BESONDERHEIT DES MENSCHEN IM BIOLOGISCHEN

  1. Unter anderem wurde auf die Besonderheiten der Menschen (der homo sapiens sapiens als Vertreter der hss-Population) hingewiesen, durch die sich die Menschen tatsächlich von der allgemeinen biologischen Umgebung abheben. Nicht in dem Sinne abheben, dass der Mensch jetzt plötzlich etwas anderes wäre als das allgemein Biologische, sondern so, dass der Mensch innerhalb des Biologischen neue, markante Eigenschaften an seinem Körper zeigt, die – verglichen mit allem anderen Biologischen – ihn in die Lage versetzen, seine eigene Struktur, seine eigene Entwicklung, sein Wechselspiel mit der jeweiligen Umgebung und mit der gesamten Umwelt anschauen und bewerten zu können, ja, er kann bis zu einem gewissen Grad mit diesen neuen Verstehensmöglichkeiten sich selbst und die ganze Welt probeweise spielerisch verändern, und sein Verhalten danach neu orientieren.

MENSCH ALS GEWOHNHEITSTIER

  1. Wenn wir den konkreten Alltag von Menschen anschauen, heute und in der Vergangenheit, sofern diese uns noch zugänglich ist, könnten wir den Eindruck gewinnen, dass der Mensch eher ein ‚Gewohnheitstier‘ ist, da er im Zweifelsfall eher das vorzieht, was er schon kennt, was ihm vertraut ist, von dem er glaubt, dass er es zu seinen Gunsten beeinflussen kann, von dem er glaubt, dass es ihm die meisten Vorteile bringt.

GEWOHNHEIT ALS ZUKUNFTSVERHINDERUNG

  1. So kann man im Bereich der Wirtschaft mit schöner Regelmäßigkeit beobachten, wie erfolgreiche Konzepte dazu führen, dass Firmen, ganze Wirtschaftsbereiche, sich in ihren Erfolgen einrichten, sie gegen Konkurrenten und Neuerungen abzusichern versuchen, sich von der Politik alle mögliche Unterstützungen sichern (das berühmte Lobbytum, das aus demokratisch gewählten Volksvertretern verkappte Interessenvertreter solcher zukunftsfeindlichen Industriepolitik macht), und dass diese Firmen dann sehr häufig übersehen, dass es alternative, bessere Ideen, Technologien und Vermarktungsmöglichkeiten gibt, die dann ‚über Nacht‘ auftreten und ganze Industriebereiche – bildlich gesprochen – in Schutt und Asche legen. Neben den vielen Beispielen aus der Vergangenheit erleben wir gerade, wie moderne, flexible, kundennahe Bezahldienst den angestammten Finanzdienstleister die Kunden Millionenweise abspenstig machen, oder wie eine selbst-verliebte Automobilindustrie feststellen muss, dass wichtige Schlüsseltechnologien für die Zukunft schon längst von anderen entwickelt und besetzt wurden.
  2. Sind diese Entwicklungen für die jeweiligen Industrie selbst verheerend, so sind sie natürlich auch für die jeweiligen Standorte, Regionen und Volkswirtschaften verheerend. Ganze Regionen können veröden (Stichworte Stahlindustrie in der Vergangenheit, Textilindustrie, Automatisierung, Schiffbau, Agrarindustrie, usw.). Leider ist es so, dass die lokalen und regionalen kommunalen Vertreter sich in allen Fällen blindlings den aktuellen Erfolgen verschrieben haben, anstatt im aktuellen Erfolg den Blick auch auf mögliche Alternativen zu richten, erweiternde Szenarien, so dass eine Region eben nicht nur von einer einzigen Technologie abhängig ist. Statt dass die Politik das kritische Korrektiv zu herrschenden Industrien bildet, diese zu Erneuerungen, Weiterentwicklungen, Alternativen anregt, haben sie ihr eigenes Denken weitgehend ausgeschaltet und spielen das Spiel der Selbstverliebtheit einfach mit. Der unausweichliche Technologie-Crash wird damit auch zu einem gesellschaftlichen Crash, den man hätte verhindern können, aber nicht verhindert hat (aktuell in Deutschland z.B. die Automobilstandorte, die Braunkohle, die Kohle, … ).

PRINZIP DER EVOLUTION WIRKT

  1. Betrachtet man die vielen Aufstiege und Abstürze verschiedener Technologien und gesellschaftlicher Systeme weltweit und im historischen Maßstab, dann kann man das Prinzip der Evolution am Wirken sehen, das Alternativen, wenn sie möglich sind, auch zum Tragen kommen; nicht immer sofort oder schnell, aber irgendwann dann doch, weil Effizienz sich letztlich durchsetzt. … oder weil das Leid und die Unzufriedenheit von großen Teilen einer Bevölkerung sich gegen ein herrschendes System aufgelehnt hat: einseitige Verteilung von Reichtum, einseitige Verteilung von Macht, unwürdige Lebensverhältnisse für Viele,  haben in der Vergangenheit oft zu  umstürzende Veränderungen geführt. Nicht immer war es danach besser.

NADELÖHR MENSCH

  1. Sofern der Mensch bei diesen Entwicklungen beteiligt ist, können  wir zwei gegensätzliche Tendenzen beobachten.
  2. Einerseits verfügt der Mensch über ein großes Potential im Erkunden neuer Möglichkeiten und deren technologischer und gesellschaftlicher Nutzung. Andererseits ist der Mensch durch sein biologisches Erbe als Individuum vielfach begrenzt und stark bedürfnis- und triebgesteuert; seine kognitiven Fähigkeiten sind einerseits außerordentlich, wenn es darum geht, sich mit seinem Körper in einer realen Umgebung zurecht zu finden, er hat aber Probleme, komplexe Zusammenhänge zu erfassen, und seine Kommunikationsfähigkeit ist primär für den Nahbereich ausgelegt, für einfache, alltägliche Sachverhalte. Zwar haben Erfindungen wie Schrift, Rechtssysteme, Handwerk, Technologie, Landwirtschaft, Städtebau usw. die Fähigkeit erhöht, dass Menschen im Zusammenwirken mit anderen auch komplexere Aufgaben lösen können, aber der einzelne individuelle Mensch hat sich bislang biologisch nicht wesentlich verändert. Der endliche, triebgesteuerte, am Nahbereich orientierte einzelne Mensch findet sich in immer komplexeren gesellschaftlichen und technologischen Zusammenhängen vor, die seine individuellen Fähigkeiten real übersteigen. Diese Differenz ist schwer erträglich und ist ein großer Motor für Entlastungsstrategien vielfältigster Art. Die einen erleben sich als krank; andere blenden ganze Bereiche der Wirklichkeit einfach aus; andere propagieren vereinfachte Modelle von der Wirklichkeit, die schön klingen und ein gutes Gefühl vermitteln, aber letztlich zu kurz greifen; usw. Religiöser Fanatismus, nationalistische Tendenzen, Abbau von Demokratie durch scheinbar starke Männer, Korruption, Lobbyismus, Zunahme von Kontrolle und Überwachung, dies sind Symptome von großen Ängsten, Tendenzen zur Vereinfachung, die in der Regel nur wenigen nutzen und vielen schaden.

WISSEN NICHT ANGEBOREN

WELT ALS MODELL IM KOPF

  1. Damit kommen wir zu einem zentralen Punkt. Sofern ein Mensch als Akteur an einem Prozess beteiligt ist, kann er neben den an sich ‚blinden‘ Bedürfnissen, Trieben und dem Bauchgefühl auch sein aktuell verfügbares Wissen zu Rate ziehen. Das Wissen ist nicht angeboren, sondern muss in lang andauernden Prozessen der Interaktion mit der Umgebung erworben, gelernt werden. Dieses Wissen ist etwas ‚in seinem Kopf‘, ‚in seinem Gehirn‘. Es ist das menschliche Gehirn, das aufgrund seiner Bau- und Funktionsweise in der Lage ist, die Vielzahl der sensorischen Eindrücke von der Umgebung zugleich mit der eigenen Körperwahrnehmung zu einem komplexen Puzzle zusammen zu setzen, das ‚im Kopf‘, ‚im Gehirn‘ als eine Art ‚virtuelle Welt‚ existiert, ein vom Gehirn konstruiertes Modell der Welt, das nicht die Welt selbst ist. Für jeden einzelnen aber, der solch ein Modell der Welt im Kopf hat, erscheint dieses Modell der Welt als die Welt selbst!
  2. Je nachdem, wie gut dieses Modell im Kopf ist, kann es im Alltag helfen, sich schnell zu orientieren. Man weiß in etwa, wo man sich befindet, wer die Person ist, die mit einem im Raum ist, wie die vielen Gegenstände benannt werden, welche Verhaltensweisen man von den Dingen und Menschen erwarten darf (meistens), usw. Und solange die Welt im Kopf mit der realen Situation harmoniert, solange erscheint die Welt im Kopf ganz natürlich als die Welt selbst. Wenn ich aber mein Fahrrad holen will und feststelle, es ist nicht mehr da; oder ich sehe ein Handy, das aussieht wie ein anderes, aber dieses Handy dann doch anders funktioniert, wie ich es gewohnt bin; oder die Landwirte in den USA in weiten Gebieten plötzlich Wildpflanzen nicht mehr bekämpfen können, weil das die Wildpflanzen gelernt haben, sich gegenüber den Umweltgiften der Landwirte zu erwehren; … dann fällt einem auf, dass das Modell im Kopf nicht die reale Welt ist. Wenn ganze Volkswirtschaften nur noch Arbeitslosigkeit und Schulden produzieren, dann fällt auf, dass unser Modell einer Volkswirtschaft in den Köpfen der Akteure vielleicht falsch ist; oder Menschen in meiner Umgebung verhalten sich plötzlich anders, als ich es jahrelang gewohnt war – was war das für ein Modell, das ich im Kopf von diesen Menschen hatte?
  3. Kurzum, den wenigstens Menschen ist bewusst, dass die Welt, die sie täglich voraussetzen, nicht einfach die Welt ist, wie sie ist, sondern auch die Welt, wie sie sich die Welt in ihrem Kopf vorstellen. Die klassische (Griechische) Philosophie konnte das Lebendige nicht erklären, erfand aber ein Wort (Pneuma von pneuein, atmen), um es zumindest zu benennen. Viele Jahrhunderte (eigentlich mehr als 2000 Jahre) war es der Fantasie der Menschen überlassen, sich vorzustellen, was dieses Pneuma, dieses Lebensprinzip, sein konnte. Erst seit ca. 100 Jahre konnte die Wissenschaft genügend Wissen erarbeiten, um ein mögliches empirisch motiviertes Modell dieses Pneuma-Lebensprinzips zu gewinnen. Und selbst heute ist vieles noch offen.
  4. Das Modell im Kopf, die Welt als explizite Hypothese, fällt nicht vom Himmel; das Modell muss mühsam von vielen 100.000enden jeden Tag neu erarbeitet, überprüft, modifiziert werden. Es ist ein unfassbarer Schatz an Wissen ohne den wir weitgehend blind sind und Spielbälle von an sich blinden Bedürfnissen, Trieben und Bauchgefühlen jeglicher Art. Dieser globale Prozess wissenschaftlicher Erkenntnis ist eingebettet in ein gesellschaftliches Umfeld, das in der Regel kaum an wirklichem Wissen interessiert ist. In der Gesellschaft geht es wie eh und je primär um Macht, Reichtum, Kontrolle, Befriedigung der primären Bedürfnisse, und die Wissenschaft, die Wissenschaftler, sind davon nicht abgeschottet: selten dürfen sie einfach forschen, was man erforschen könnte, sondern können nur forschen, wofür sie Geld bekommen oder was ‚politisch gewollt‘ ist. Die Kurzsichtigkeit der Politik ist aber ein aktuelles Problem. Es gäbe Wissenschaften, die uns allen helfen könnten, aktuelle Tendenzen besser zu bewerten, aber für solche Wissenschaften gibt es kein Geld; sie würden ja die Politik in ihrer Kurzsichtigkeit kritisieren. Davor scheut man zurück.

ZUKUNFT IST KEIN NORMALES OBJEKT

  1. Und hier sei nochmals an den fundamentalen Gedanken aus einem vorausgehenden Blogeintrag erinnert , dass die Zukunft ja nicht als ein Objekt existiert wie irgend ein anderes Objekt in unserer Umgebung. In der Wahrnehmung haben wir streng genommen nur ein Jetzt, das wir nur insoweit überwinden, übersteigen können, als die Fähigkeit unseres Gedächtnisses uns durch die Erinnerung von vergangenen Jetzt-Momenten und verschiedenen Abstraktions- und Vergleichsprozessen überhaupt Anhaltspunkte für Veränderungen in der realen Welt liefert, Ansatzpunkte für Beziehungen, Regelhaftigkeiten, anhand deren wir dann in die Lage versetzt werden, Ideen von möglichen Zuständen in der Zukunft zu denken, als Hypothesen, als Vermutungen. Zukunft ist von daher immer ein Konstrukt im Bereich der virtuellen Welt unseres Gehirns. Wer nicht nachdenkt, hat keine gedachte mögliche Zukunft. Wer nachdenkt, kann Hypothesen entwickeln, die die eine oder andere mögliche Entwicklung vorweg nehmen können, aber insgesamt sind dies Variationen von Themen der Vergangenheit. Die echte Zukunft lässt sich nur sehr angenähert denken.

DIE ZUKUNFT STIRB IM KOPF

  1. Ist das Denken, das Wissen also schon grundsätzlich für unser Verhalten, für unser alltägliches Leben, für Politik und Wirtschaft wichtig, so ist es fundamental für eine mögliche Zukunft. In einer wissensfeindlichen Gesellschaft wird also nicht nur ein Alltag in der Gegenwart schwer, sondern die Keime einer möglichen für alle guten Zukunft werden schon im Ansatz erstickt. Die Zukunft stirbt dann schon im Kopf bevor eine mögliche Zukunft überhaupt stattfinden konnte. Real wird die Welt dann zwar trotzdem voranschreiten, es werden sich Dinge ereignen, ob die Menschen wollen oder nicht, aber diese Dinge können verheerend sein, zerstörerisch, viele Menschen mit Leid versorgen, Leid, das man möglicherweise hätte verhindern können. Die Demagogen der Gegenwart werden dann aber nicht mehr da sein oder, sollten sie es erleben, haben die Demagogen selbst selten die Schuld auf sich genommen. Es waren dann ihre dummen Anhänger, die ihre wunderbare (Schrott)Ideen nicht gut genug verstanden haben. Lieben die Menschen die Unwahrheit tatsächlich mehr als die Wahrheit? Falls Ja, was könnte ein Mensch dagegen tun, sich davor zu schützen?

KONTEXT BLOG

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DENKEN: FLUCH UND SEGEN – DENKSCHEMATA– SOZIALE DIKTATUREN – KASERNIERUNG DES LEBENS

DENKEN VIELSCHILLERND

  1. Wer sich auf diesen Blog einlässt (siehe z.B. die Themenüberblicke von Autor cagent oder von der Philosophiewerkstatt), der kann sehen, wie vielfältig Denken sein kann (obwohl auch dieser Blog nur ein winziger Ausschnitt aus dem Denkbaren ist), und ein solcher Sucher wird viele Einträge finden, in deren Überschrift das Wort Denken vorkommt.

RAUM DES DENKENS

  1. Im Raum des Denkens steigen Gedanken auf wie Gasbläschen in einer Flüssigkeit; irgendwie sind sie da, werden sichtbar, erstaunen, verwundern, erschrecken, machen erregt, beängstigen; vielleicht kann man abschalten, vielleicht kann man sich still stellen, abblocken, sich verweigern, das innere Auge schließen. Dann wird es ruhig, still. Eine trügerische Ruhe, eine tödliche Stille, eine Dunkelheit, die verdorren lässt. Macht man nicht zu, schaltet man nicht ab, lässt man es geschehen, entstehen Bilder, Szenarien, Ereignisketten, Strukturen, die die Dinge des Alltags möglicherweise in ein anderes Licht tauchen können; die die Gegenwart von einer Vergangenheit her beleuchten (oder umgekehrt); Bilder in denen mögliche Alternativen sichtbar werden zum Hier und Jetzt… Die Ruhe ist dann dahin. Das Gegebene ist nicht mehr einfach selbsterklärend, selbstverständlich.

PHILOSOPHIE ALS ROTER FADEN

  1. In Hegels Phänomenologie beginnt das Denken die aktuelle sinnliche Erfahrung zu befragen, zu hinterfragen, das konkrete Hier und Jetzt auf ein Allgemeineres hin zu befragen; immer mehr Strukturen zu entdecken und damit einen Raum aufzuspannen, der weiter, tiefer, lebendiger, dynamischer ist als alles, was das Auge uns so jeden Moment liefert. Alle Philosophen vor und nach Hegel haben das Gleiche erlebt und in ihrem Denken und Sprechen-Schreiben versucht fest zu halten. Dass sie sich im Detail unterscheiden und zugleich in den Strukturen gleichen enthält den Hauch von Wahrheit, die in allem anwesend ist, untötbar, unzerstörbar, allem Denken voraus, alles Denken begleitend und darin auch unsere einzige Zukunft im Denken…

DENKSCHABLONEN

  1. Was passiert, wenn ein Islamist einen anderen Menschen als Nicht-Menschen erklärt, ihm Gewalt antut, ihn tötet? Was geschieht, wenn ein jüdischer Orthodoxer einem anderen jüdischen Bürger das Recht abspricht, in Israel außerhalb der religiösen Institutionen zu heiraten? Was geschieht, wenn ein fundamentalistischer Christ den Worten der Bibel nur eine einzige Bedeutung zugesteht, eben seine eigene, aktuelle, unter Absehung all der anderen bisherigen und sonstigen möglichen Bedeutungen? Was geschieht wenn russische Propaganda über Medien Sachverhalte behaupten, die so nicht stattgefunden haben? Was geschieht, wenn eine US-Regierung die internationale Gemeinschaft mit gefälschten Beweisen in einen Krieg lockte, der bislang unendliches Leid hervor gebracht hat, ohne Sicht auf Besserung? Was geschieht, wenn ein Arzt die Symptome eines Körpers falsch deutet? Was geschieht, wenn internationale Autokonzerne Autos als umweltfreundliche deklarieren und Millionen von Autobesitzern hochgiftige Abgase in die Luft blasen, weil sie falsche Informationen haben? Was geschieht, wenn Heerscharen von Lobbyisten täglich Mitglieder von Parlamenten und Regierungen belagern, um ihnen ihre spezielle Sicht der Welt zu vermitteln? Was geschieht, wenn die Hochschullehrer und Forscher nicht das erforschen können, was sie als wichtig erkannt haben, weil es Forschungsgelder nur von Förderprogrammen gibt, in denen Interessenvertretern forschungsfremde Vorgaben machen? Was geschieht mit Menschen, wenn sie ihr ganzes Leben immer nur trainiert werden, immer und überall Feinde zu sehen … und diesen Menschen immer mehr Macht gegeben wird? ….

ORT DS DENKENS

  1. Ja, Menschen können die Welt, ihren Alltag, andere Menschen in vielerlei Weise betrachten, einschätzen, bewerten, mit ihnen umgehen. Und ja, der Ursprung dieser verschiedener Sehweisen liegt in ihrem Denken, das im Körper stattfindet, im Gehirn. Und ja, dieses Gehirn ist beeinflussbar, in jedem Moment, von jedem Ereignis: jedes Ereignis hinterlässt eine Spur von Veränderung im Gehirn. Liebevolle Situationen versammeln sich genauso wie Gewalt, Schönes wie Schreckliches; Worte verfangen sich im Gehirn mit den Situationen ihres Auftretens; das gleiche Wort ‚Hi‘ kann freundlich sein, ängstlich, aggressiv, gefährlich. Was auch immer, es tritt ein in uns, in unser Gehirn, in die Maschinerie unsres Denkens und färbt uns. Und wenn wir handeln wollen, dann handeln wir auf der Basis unseres Gehirns: sind wir angefüllt mit Freundlichkeiten, sehen wir die Welt, den anderen, freundlich, hoffnungsvoll, einladend. Wurden wir vollgepumpt mit Gewalt, Betrug, Krieg, Hass, dann überlagert dies alles andere, füllt uns aus, treibt uns an; dann können wir immer weniger Freunde sehen, dafür immer mehr Feinde.

UMGEBUNGEN KÖNNEN KONSERVIEREN – UND ZERSTÖREN

  1. Die Bilder in unserem Kopf – sie sind weitgehend zufällig angeregt von der Umgebung, in der wir leben. Wenn man in Umgebungen lebt, die gleichförmig sind, die sich gegenseitig bestärken, dann kann man dies positiv sehen als Wahrung der Tradition. Doch wir wissen, dass Traditionen wie stehende Gewässer sind: sie stehen still, bewegen sich nicht mehr, verrotten, ihre Bilder werden im Laufe der Zeit schal und falsch; in einer Tradition können falsche Bilder lange leben, können falsche Bilder viel Unheil anrichten, ohne gestört zu werden. Das Leben selbst, das biologische, ist anders, ist explosiv, ist risikofreudig, ist spielerisch kreativ, wer es ausklammert, betrügt sich selbst, verweigert Leben. Abschottungen jeglicher Art – ob ethnisch, religiös, politisch, kastenbedingt, vermögensbedingt … – sind in sich Verweigerungen und Orte anwachsender Lügen.. Sie zerstören das Leben, das ihnen anvertraut wurde.

DENKEN ALS MÖGLICHE ZUKUNFT

  1. Was immer von außen auf uns eindringt, in uns hinein, in unser Gehirn, in unser Fühlen, Erinnern und Denken, es trifft auf einen potentiell elastischen Raum. Unser Gehirn mit seinen Fähigkeiten kann die Ereignismengen auf vielfältige Weise abstrahieren, assoziieren, transformieren, bewerten, abändern, neu anordnen, … es kann die Bilder verändern. Wenn unsere Umgebung uns bestimmte Menschen als Feinde verkauft, kann unser Denken diese Interpretation grundsätzlich in Frage stellen. Wenn unsere Umgebung die Versklavung von Menschen als normal hinstellt, dann können wir dies in Frage stellen. Wenn unsere Umgebung behauptet, die Sonne drehe sich um die Erde, so können wir dies hinterfragen. Wenn die Reichen behaupten, die krasse Umverteilung der Vermögen sei schon OK, dann kann man dies hinterfragen. Wenn globale IT-Unternehmen ihre Kunden gegen ihren Willen immer mehr in digitale Abhängigkeiten zwingen, so kann man dies hinterfragen…

ANDERS DENKEN – SOZIALER WIDERSTAND

  1. Anders denken ist meistens anstrengend. Man erntet soziale Ablehnung, sozialen Widerstand: man lächelt, man regt sich auf, man wird gemobbed, oder gar verfolgt, verhört, eingesperrt, bedroht, verliert seine Arbeit …. Eine Gesellschaft kann sich auf diese Weise selbst ersticken, sich selbst fesseln, sich selbst einfrieren, sich selbst töten …. oder man hört einfach nicht zu, hält die Medien klinisch rein, druckt nur Gefälligkeiten und bezahlte Botschaften …
  2. Wenn also das menschlich-soziale Umwelt Denk-unfreundlich ist, negativ reagiert, gleichgültig, dann gibt es wenig Unterstützung für die Nutzung des potentiell elastischen Raum des Denkens, der Alternativen, der kreativen Experimente. Es braucht keinen Diktator, um ein Volk in Denkstarre zu versetzen; der Mainstream, der allgemeine Way-of-Life, die Volksmeinung, die gemachten Modetrends, die Macher von Medienkanälen, die von partikulären Interessen gesteuerten Webseiten, …. alle sind dann kleine Diktatoren, die darüber wachen, dass nur ja keiner anders ist als man selbst, als die Art und Weise, die üblich ist. Die anderen sind dann aus Gewohnheit die Bösen, die Feinde, oder die Guten, die Freunde.
  3. Wir sind gewohnt, dass es z.B. in jedem nationalen Haushalt einen Posten für Militär gibt (Im Jahr 2014 sollen die USA einen Militärhaushalt von 610 Mrd US-Dollar gehabt haben bei einem Bruttosozialprodukt von ca. 1.600 Mrd, das wären 38%, also mehr als ein Drittel). Ein Militärhaushalt macht aber nur Sinn, wenn man unterstellt, dass es potentielle Feinde gibt. Andererseits können wir wissen, dass der Mensch grundsätzlich beides sein kann: Freund oder Feind. Das, was einen Menschen zu einem Feind macht, sind sehr spezielle Bedingungen. Es könnte also auch Sinn machen, neben einem Militärhaushalt einen Freundschaftshaushalt zu haben, der dazu dient, jene Faktoren zu überwinden, die aus Menschen Feinde machen. Einen offiziellen Freundschaftshaushalt findet sich nirgends. Private Spenden von US-Amerikanern und gemeinnützigen Institutionen beliefen sich in 2013 auf ca. 2 Mrd US-Dollar, das wären ca. 1.2% vom Bruttosozialprodukt 2013. Diese Zahlen müssen nichts besagen. Man könnte sie aber versuchsweise interpretieren als Indikatoren für eine Einstellung zum Umgang mit anderen: der Glaube an den Feind im Anderen wäre dann im politischen System der USA ca. 30x stärker als der Glaube an den potentiellen Freund. Was lässt dies hoffen?
  4. Ich hatte noch mehr Punkte, aber die sind spezieller und sollten dann vielleicht besser in einem anderen Blogeintrag behandelt werden.

 

PHILOSOPHIESOMMER 2016 IN DER DENKBAR FRANKFURT

Alltag, Visionen der Wissenschaft, und die antike Philosophie: müssen hier Köpfe rollen oder gibt es neue gedankliche Fusion?

Sind Sie neugierig, oder meinen Sie, etwas beitragen zu können?

Kommen Sie dazu.

Geben Sie ihrer Eitelkeit drei Stunden Urlaub und lassen Sie zu, dass Sie in der Andersartigkeit vielleicht etwas Neues entdecken.

ORT:

DENKBAR Frankfurt
Spohrstrasse 46a

(Achtung: Parken schwierig! Man muss wirklich im Umfeld suchen)

PROGRAMMFORMAT

Moderation: Gerd Doeben-Henisch

16:00 Begrüßung

16:05 Kleine Performance aus dem PHILOSOPHY-IN-CONCERT Experiment

16:15 Eingangsüberlegungen

16:30 Erste offene Gesprächsrunde (simultan Erstellung eines Begriffsnetzwerkes)

17:30 Blubberpause (Jeder kann mit jedem reden; Essen und Trinken)

18:00 Zweite offene Gesprächsrunde (simultan Erstellung eines Begriffsnetzwerkes)

18:45 Schlussstatements

19:00 Ende

Langsames Wegdiffundieren der Teilnehmer ….

ERINNERUNGEN…

In der Regel erscheint im Anschluss an eine Sitzung ein Bericht im Blog cognitiveagent.org, der auch Gelegenheit bietet, sich durch Kommentare oder eigene Beiträge an der Diskussion zu beteiligen.

INHALTLICHE LINIE

Da der Gesprächsprozess – abhängig von den Teilnehmern! – seine eigene Dynamik gewinnt, lässt sich keine genaue Prognose für alle kommenden Themen geben.

Das Rezept für den Start orientiert sich einmal an unseren alltäglichen Erfahrung einer Menschheit im Fiebertaumel zwischen Gewalt, Krieg, Katastrophen auf der einen Seite, eingespannt in ein umfassendes Räderwerk von Wirtschaft, Verwaltungen, Medienströmen, Politikbetrieb, Anwachsen von ‚tiefem Staat‘ mit mittlerweile grenzenloser Überwachung andererseits; dazu eine scheinbar entfesselte Wissenschaft, die – abgeschottet von der Öffentlichkeit – immer neue Details der Materie enthüllt, den Menschen als biochemische Masse sieht, deren Tage gezählt sind, und in automatisierten Produktionsprozessen denkt, die mit bekannten Wertesystemen kaum noch etwas zu tun haben. Und dann, man wagt es kaum zu sagen, gab es einen alten, sehr alten Philosophen, der mindestens 1800 Jahre lang das Denken In ganz Europa (Westen wie Osten; christliche Theologie genauso wie die islamische Theologie!) geprägt hat, Aristoteles, der heute auf allen Gebieten als abgeschrieben gelten kann. Und doch, schaut man sich die großen Lücken an, die die moderne Wissenschaft mit sich herumschleppt, kann man ins Grübeln kommen. Die Zukunft ist niemals einfach nur die Wiederholung des Gestern. Aber sie ist auch niemals das total ganz andere. Die biologische Evolution praktiziert das Modell der Zähmung des Zufalls durch Erinnerung; das Ergebnis nach ca. 4 Mrd Jahren sind u.a. wir, der homo sapiens. Es ist schwer zu verstehen, bis heute. Manche wollen es auch gar nicht verstehen…

ARCHIV

Wer sich für die bisherigen philosophischen Gespräche unter der Überschrift ‚Philosophiewerkstatt‘ interessiert, ist eingeladen, die Erinnerungsseite zu besuchen. Hier gibt es Berichte von den zurückliegenden Diskursen.

Über Industrie 4.0 und Transhumanismus. Roboter als Volksverdummung? Schaffen wir uns selbst ab?

Vortrag am 19.Mai 2015 im Literaturhaus Frankfurt in der Veranstaltung PR-Slam & Ham 2015

In meiner Präsentation hatte ich eine Reihe von Schaubildern gezeigt, die ich dann mündlich kommentiert habe. Einen geschriebenen Text gab es nicht. Ich habe aber die Erläuterung nochmals ’nachgesprochen‘. Aus den 20 Min sind dann ca. 70 Min geworden. Die Bilder unten bilden das Rückgrat der Geschichte; sie sind nummeriert. Im gesprochenen Text nehme ich auf diese Bilder Bezug.

Das Ganze endet in einem glühenden Plädoyer für die Zukunft des Lebens in Symbiose mit einer angemessenen Technik. Wir sind nicht das ‚Endprodukt‘ der Evolution, sondern nur eine Durchgangsstation hin zu etwas ganz anderem!

 

AUDIODATEI DES KOMMENTARS (70 Minuten! mp3)

Gehirn im Körper mit Bild 1: Bewusstsein - Beobachter
Bild 1: Gehirn im Körper mit Bewusstsein – Beobachter
Bild 2: Gehirn im Körper mit Raum der Phänomene. Empirische und nicht-empirische Phänomene
Bild 2: Gehirn im Körper mit Raum der Phänomene. Empirische und nicht-empirische Phänomene
Bild 3: Korrelation zwischen Gehirn, Bewusstsein und Gedächtnis. Gedächtnis mit Sensorik, Arbeitsgedächtnis und Langzeitgedächtnis
Bild 3: Korrelation zwischen Gehirn, Bewusstsein und Gedächtnis. Gedächtnis mit Sensorik, Arbeitsgedächtnis und Langzeitgedächtnis
Bild 4: Mensch im Alltag, umringt von technischen Schnittstellen die mit digitalisierten weltausschnitten verbinden können: viel. schnell, komplex
Bild 4: Mensch im Alltag, umringt von technischen Schnittstellen die mit digitalisierten weltausschnitten verbinden können: viel. schnell, komplex
Bild 5: Menge von Komplexitätsereignissen bisher; Explosion in der Gegenwart
Bild 5: Menge von Komplexitätsereignissen bisher; Explosion in der Gegenwart
Bild 6: Konkrete Zahlen zum vorhergehenden Schaubild mit den Komplexitätsereignissen
Bild 6: Konkrete Zahlen zum vorhergehenden Schaubild mit den Komplexitätsereignissen
Bild 7: Biologischer Reproduktion als Quelle der Kreativität für neue Strukturen
Bild 7: Biologischer Reproduktion als Quelle der Kreativität für neue Strukturen
Bild 8: Struktur der biologischen Reproduktion in 1-zu-1 Isomorphie zur Struktur eines Automaten (Turingmaschine)
Bild 8: Struktur der biologischen Reproduktion in 1-zu-1 Isomorphie zur Struktur eines Automaten (Turingmaschine)

Die Vision, die in dem Audiobeitrag gegen Ende entwickelt wird, soll in dem Emerging-Mind Projekt konkret umgesetzt werden, als Impuls, als Anstoß, als Provokation, als Community, die sich mit dem Thema philosophisch, wissenschaftlich, künstlerisch und theologisch auseinandersetzt.

Eine Übersicht über alle Einträge von cagent in diesem Blog nach Titeln findet sich HIER.

WIE ÜBERWINDET WIR MENSCHEN DAS BÖSE?

FOKUS: DAS BÖSE

1. Seit kurzem (vgl. die letzten beiden Beiträge: das Böse in demokratischen Systemen am Beispiel USA sowie das Böse in Religionen) tritt vermehrt das Phänomen des ‚Bösen‘ in den Fokus der Betrachtungen. Nicht dass das Phänomen des ‚Bösen‘ neu wäre. Fängt man an, sich umzuschauen, dann findet man nahezu zu allen Zeiten, in denen es Menschen gab, Handlungen von Menschen, die man als ‚böse‘ bezeichnen könnte (angefangen von alltäglichen Unterdrückungen und Quälereien über direkte Gewalttaten, Vergewaltigungen, Folter, Mord und Totschlag, bis hin zur Tötung ganzer Familien, von Dörfern, Städten oder ganzer Völker (Völkermord). Und dies, wie gesagt zu allen Zeiten, auf allen Kontinenten, in allen Ethnien. Die fürchterlichen Weltkriege 1 und 2, die Morde von Stalin, die systematische Vernichtung der Juden in Nazi-Deutschland, von Mao, die Roten Khmer in Kambodscha, die grausigen Kriege in Vietnam, Afghanistan und Irak seitdem, diese sind nur die Spitze des Eisbergs.

2. Betrachtet man die Vielfalt dieser Phänomene von Gewalt von Menschen gegen Menschen, dann wird einem bewusst, dass eine klare Definition des Bösen kaum möglich ist; erst recht nicht, weil ‚Gewalt‘ an anderen nicht nur ’schlecht‘ ist, ‚böse‘, wenn sie unter ‚Gleichen‘ verübt wird, sondern plötzlich ‚gut‘ erscheint, wenn sie gegen ‚Andere‘ verübt wird, gegen ‚Feinde‘, gegen die ‚Bösen‘. Im Südafrika der Apartheid galt es für viele Weiße als ‚gut‘ die ‚Schwarzen‘ zu unterdrücken oder gar zu töten; in den Zeiten der Sklaverei war ‚Gewalt gegen Schwarze‘ ’normal‘; bei der Kolonisierung fremder Länder und Völker durch die europäischen Staaten war Gewalt und Tötung ’normal‘; in den vielen Wanderungsbewegungen in Europa war das Überfallen, Töten und Plündern der ‚Anderen‘ ’normal‘. Eroberungsfeldzüge galten als ehrenvoll. Der sogenannte Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648 ) mit seinen Gräueltaten war keine Ausnahme.

3. Das Erschreckende an diesen Aufzählungen ist, dass man plötzlich merkt, dass diese Listen immer länger werden, je weiter man schaut. Fast kann man den Eindruck kriegen, dass der Mensch die Quelle des Bösen schlechthin ist.

FILM: PLANET DER AFFEN – REVOLUTION

4. Der aktuell in den Kinos laufende Film Planet der Affen – Revolution wirkt dagegen fast brav, wie eine nette Märchenstunde. Mit exzellenten Bildern in Szene gesetzt, fokussiert er auf die Grundtendenzen von allen Gruppen, den/ die ‚Anderen‘ zunächst mal mit Misstrauen zu betrachten (was angesichts der Gräueltaten der Geschichte tatsächlich auch angebracht erscheint) und im Anderen zunächst mal eher eine Bedrohung zu sehen, einen potentiellen Feind, als einen Freund. Dass sowohl bei den Affen wie bei den Menschen Protagonisten auftreten, die gegen diese Automatismen von Misstrauen und Hass immun erscheinen und ‚gegen den Strom‘ die Verständigung suchen, fällt auf, ist aber genau so wenig ‚erklärbar‘ in seinem Warum wie das Gegenteil. Dass man den/ die Anderen reflexhaft erst einmal zum ‚Bösen‘ stempelt, dem man alles zutraut, und den man bereit ist, zu bekämpfen, sitzt offensichtlich sehr tief drin in unseren Genen, in unseren basalen Verhaltensmustern, nah benachbart zur Bereitschaft von Gewaltanwendung, zum Töten. Die Gegenüberstellung von Menschen und Affen mag zwar kinowirksam sein, aber die Gegenüberstellung von Mensch zu Mensch würde den gleichen Stoff hergeben. Wir Menschen als homo sapiens haben tief drin in uns das genetische Arsenal zur Feindbildung und zum Töten; die Auslöser dieses Arsenals sind offensichtlich sehr niedrigschwellig (was jeder in seiner Umgebung leicht ausprobieren kann, wenn er/ sie dies nicht sowieso schon als tägliche Bedrohung, als tägliches Leid erfahren muss).

CHODORKOWSKI

5. Für viele ist der russische Milliardär Michail Chodorkowski auch einer, den man aufgrund seines schnellen Reichtums in einer kritischen Periode Russlands geneigt ist, vielleicht eher den ‚Bösen‘ zuzuordnen als den ‚Guten‘. Durch umstrittene Prozesse war er mehrfach in Haft. Als ehemaliger Oligarch eine schillernde Person, der aber in der Zeit der Haft gelernt hat, in den Schicksalen seiner Mitgefangenen zu lesen und ihre Welt literarisch ’sichtbar‘ zu machen. Seine Briefe und Bücher erschließen eine ‚Mikrowelt‘ des Bösen, durchtränkt mit Gutem, wo einfache Zuordnungen von ‚Gut‘ und ‚Böse‘ versagen. Zugleich werden die ‚Bosheiten‘ jenes staatlichen Systems sichtbar, das das ‚Gute‘ vertreten soll.

6. Dieses schillernde Wechselspiel von ‚Gut‘ und ‚Böse‘ in den literarischen Darstellungen eines Chodorkoski finden sich auch in der Gegenwart vielfältig wieder.

ISLAMISCHER STAAT

7. Während ein Leon de Winter in der FAZ vom 20.Aug.2014 auf S.9 im Wirken der Kämpfer des Islamischen Staates das Böse schlechthin am Werke sieht, die totale Enthemmung von allem, was wir im Laufe des Zivilisationsprozesses gelernt haben, findet sich in der gleichen Zeitung am 21.Aug.2014 auf S.9 ein Interview von Souad Mekhennet mit einem Kämpfer aus dem inneren Kreis von Abu Bakr al Bagdadis, der sich zum Kalifen des ‚Islamischen Staates‘ [IS] hat ausrufen lassen. In diesem Interview erscheinen die USA als unglaubwürdig, aufgrund ihrer vorausgehenden Unterstützung genau der radikalen islamischen Kämpfer, solange sie den Interessen der US-Regierung gedient hatten, und den europäischen Staaten wird Heuchelei vorgeworfen, da sie zwar von Religionsfreiheit reden würden, aber die Ausübung des Islams nicht so zulassen würden, wie es die radiale Bewegung des IS versteht.

8. Und wenn man sich die Mühe macht, sich all der Gräueltaten bewusst zu werden, denen sich die USA und die europäischen Staaten in der Vergangenheit schuldig gemacht haben, dann werden die Gräueltaten der IS-Kämpfer in der Gegenwart dadurch nicht besser, aber man wird vielleicht vorsichtiger in der Zuordnung von ‚Guten‘ und ‚Bösen‘. Die Art und Weise, wie alleine die US-Regierung nach dem zweiten Weltkrieg einen Krieg nach dem anderen führt, wie die US-Regierung öffentlich für sich alles Recht in Anspruch nimmt und niemandem anderen auch nur ein Minimum an Recht zugesteht, wie sie seit Jahren massiert einen unerlaubten Dronenkrieg führt, der schon vielen tausend Zivilisten den Tod gebracht hat, dann werden aus den mörderischen Taten der IS-kämpfer immer noch keine guten Taten, aber man kann vielleicht erahnen, dass es Menschen auf unser Erde gibt, die angesichts dieses anhaltenden ‚Unrechts im Namen der Freiheit‘ für sich auch das Recht auf Töten reklamieren können.

ISRAEL

9. Schauen wir nach Israel und den Konflikt um den Gaza-Streifen. Angesichts des Leides, das Juden in der Vergangenheit erlebt haben, besonders in der Zeit von Nazi-Deutschland, dann würde man erwarten, dass der jüdische Staat ein besonderes Bewusstsein für Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit ausgeprägt hat. Dem ist aber – allem Anschein nach – nicht so. Schon die Gründung begann mit Gewalt; und all die folgenden Jahrzehnten spielte der Kampf gegen und die Unterdrückung der vertriebenen Palästinenser eine Dauerrolle. Etgar Keret, ein jüdischer Schriftsteller, beschreibt am 22.Juli in der FAZ (S.10) von der zukunftslosen Logik der israelischen Regierung, die im Krieg gegen die Hamas und deren Unterwerfung ihre Zukunft sieht aber keinerlei Einsichten/ Reflexionen erkennen lässt, wie es denn nach einem (End-)Sieg über die Hamas weitergehen soll (vorausgesetzt, man könne die Hamas überhaupt besiegen)? Wie kann eine friedliche Zukunft von Israel aussehen, wenn man dies nur in Kategorien der Vernichtung der Nachbarn denkt? Ist es nur ein Zufall, dass die Radikalisierung der israelischen Öffentlichkeit sich auch messbar darin ausdrückt, dass rechte Krawallmacher über die Siedler und den orthodoxen hinaus mittlerweile in Israel einen solchen Einfluss genommen haben, dass Menschen mit abweichenden Meinungen öffentlich zusammengeschlagen und öffentlich verfolgt werden? Ein Hauptakteur scheint der Rapper Yoav HaZel zu sein, der über seine Facebook-Seite offen zu Gewalt aufruft, sie organisiert und bislang unbehelligt bleibt (siehe den eindringlichen Bericht von Alexander Belopolsky in der FAZ vom 28.Juli 2014 (S.14). Es ist richtig, dass die jüdischen Botschaften und Einrichtungen in den Ländern Europas Kritik üben, wenn radikale Gruppen bei Demonstrationen den Tod Israels fordern, aber es ist erstaunlich, dass die gleichen jüdischen Gruppen sich nur dann mit Kritik melden, und darüberhinaus kaum erkennen lassen, dass sie an einer friedlichen Zukunft Israels aktiv interessiert sind. Sich darauf zu beschränken, die Entwaffnung der Hamas zu fordern bei gleichzeitig aktiver Unterdrückung der Palästinenser erscheint zu wenig. Wo bleibt die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle, jetzt, heute?

10. Aus Sicht von Israel ist die Hamas ‚böse‘, weil Sie Raketen abschießen und morden. Und die Hamas erscheint in keinem besseren Licht, wenn sie sich (so der Berichte von Hans-Christian Rößler in der FAZ vom 21.Aug.2014, S.2) von Quatar finanzieren (und politisch erpressen?) lässt. Stellt man sich für einen Moment auf die Seite der Hamas, dann haben die natürlich auch ihre Gründe und Motive; auch sie fühlen sich im Recht, auch sie wollen leben, auch sie wollen Freiheit, auch sie wollen Frieden. Aus ihrer Sicht ist die anhaltende Unterdrückung durch Israel die Ursache allen Übels. Wer also hat Recht?

WO DAS UNHEIL BEGINNT

11. Das Unheil beginnt in den Herzen und Köpfen der beteiligten Menschen. Das Unheil beginnt in den (falschen?) Bildern von der Welt, in der man lebt. Das Unheil beginnt dort, wo man die Entscheidung fällt, den ‚Anderen‘ nicht als gleichwertigen Menschen zu sehen, anzuerkennen. Das Unheil beginnt dort, wo ich dem ‚Anderen‘ grundsätzlich das Recht abspreche, soviel Anerkennung zu bekommen wie man selbst gerne haben möchte.

(ORIENTALISCHE) CHRISTEN

12. Seit den Tagen, an denen die IS-Kämpfer begannen, andere Religionen brutal zu töten und deren religiöse Stätten zu schänden wird bewusst (vgl. Rainer Herman in der FAZ 31.7.2014 S.11), welche Vielfalt an religiösen – insbesondere orientalisch-christliche – Gruppierungen im Irak und Syrien seit Jahrhunderten gelebt haben. Deren Niedermetzelung ist brutal und ‚böse‘. Doch sollte man nicht übersehen, dass in den vorausgehenden Jahrhunderten die christlichen Gruppierungen auch immer wieder im Namen von Religion und Wahrheit andere verfolgt und getötet haben. Und wenn man sieht, wie heutzutage insbesondere US-amerikanische Freikirchen radikal gegen Andersgläubige, insbesondere gegen Homosexuelle, vorgehen und ganze Staaten zur Verfolgung von Homosexuellen bis hin zum Tod aufrufen (vgl. den Bericht von Thomas Scheen in der FAZ vom 21.8.2014, S.3), dann sollten wir vorsichtig sein mit vorschnellen Schuldzuweisungen.

VERGEBLICHE LEHRSTUNDEN DES TODES?

13. Von seiner biologischen Natur her, von seiner genetischen Ausstattung her, hat der Mensch – glücklicherweise – einen starken Überlebenstrieb, und in der Vergangenheit hatte Überleben sehr viel mit Kampf und Töten zu tun, ein Verhalten, das sich auf Gruppen, Stämme, ganze Völker und Staaten übertragen kann und übertragen hat. Kampf und Töten setzt das Freund-Feind Schema voraus: sobald jemand nicht als Freund klassifiziert wird, wird er zu einem Kandidaten für Angriff und Tot. Die Unzahl der Kriege in der Vergangenheit belegen dies nachdrücklich und noch in den letzten beiden großen Weltkriegen wurde dieses Schema bis zum Exzess ausgelebt mit einem unvorstellbarem Ausmaß an Leid und Tod. Eigentlich hätten diese Lehrstunden des Todes ausreichen können, um uns zur Besinnung zu bringen. Aber offensichtlich ist dies nicht der Fall. Allen voran der ‚weiße Ritter‘ USA begann wieder in unvorstellbarem Ausmaß zu Rüsten und mit schwarz-weiß-Kategorien die Welt in ‚Gute‘ und ‚Böse‘ einzuteilen; viele andere folgten, freiwillig, oft gezwungen, auch in Opposition zum ‚weißen Ritter‘, auch, weil es im Menschen so tief drinsitzt.

UNSERE VERANLAGUNG ZUM BÖSEN

14. Zusätzlich zu unserer genetischen Erblast des ‚inhärenten Bösen‘ haben wir eine kognitive Ausstattung, durch die wir das ‚jeweilige Bild von der Welt‘ immer wieder neu mühsam, Schritt für Schritt, konstruieren müssen. Dieses Bild ist im einzelnen verortet, primär Ich-orientiert, notorisch begrenzt und fehleranfällig. Um ‚gemeinsam‘ zu handeln müssen wir uns ‚koordinieren‘, durch ‚Sprache‘. Diese ist noch fehleranfälliger, dennoch ist sie die einzige Verbindung zwischen unseren individuellen Gehirnen; ohne Sprache sind wir individuelle ‚Zombies‘, verfangen in unseren individuell zufälligen Bilder einer Welt, in der wir vorkommen. Differenzierte Bilder der Welt zu erarbeiten ist sehr schwierig, aufwendig, benötigt viel Zeit, benötigt komplexe Infrastrukturen, benötigt spezifische Rahmenbedingungen. Nicht von ungefähr hat der homo sapiens mehr al 100.000 Jahre gebraucht, um Ansätze von Wissenschaft und Technologie zu entwickeln, die ein Zusammenleben von vielen Millionen Menschen in einer Stadt möglich machen, mit all dem, was dazu gehört: Ernährung, Entsorgungen, Verkehr, Gesundheitswesen, Ausbildung, Wirtschaft, ….

15. Die Geschichte zeigt uns, dass solche diffizilen zivilisatorischen Strukturen durch ‚barbarisches Verhalten‘ oder auch Naturereignisse sehr schnell wieder ‚ausgelöscht‘ werden können (z.B. die Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha, Maos Kulturrevolution, die Sezessionskriege im ehemaligen Jugoslawien, der Zerfall des römischen Reiches, der Untergang der Mayas, … viele, viele Beispiele).

KÖNNEN WIR ETWAS LERNEN?

16. Können wir daraus irgendetwas lernen? Können wir Menschen als homo sapiens irgendeine sinnvolle ‚Strategie‘ finden, das ‚inhärent Böse‘ in uns so zu überwinden, dass es eine gemeinsame friedvolle Zukunft für ALLE Menschen gibt? Das ist die einzig wirklich wichtige Frage, und es wäre die Frage, ob aktuelle Regierungen wie die US-Regierung, die russische Regierung, die chinesische Regierung, die israelische Regierung, die … alle anderen auch … es schaffen könnten, die klassisch-traditionellen Machtmuster zu überwinden und einen Weg finden könnten, der grundsätzlich allen einen Raum gibt. Eine Zukunft auf Kosten der anderen war gestern und wird in keiner wirklichen Zukunft funktionieren.

17. Das alte biblische Gleichnis vom Weizenkorn, das sterben muss, um zu leben, hat hier möglicherweise eine interessante Anwendung: wer morgen friedlich leben will, der muss sich heute mit seinen Nachbarn aussöhnen. Und das Leben im friedlichen Miteinander ist allemal schöner und produktiver als mit altertümlichen Freund-Feind-Kategorien sich selbst in andauernden Angtsträumen zu quälen und von einer Krise in die andere zu rutschen. Was kann uns helfen, unsere genetische Drift zum Bösen zu überwinden? Den Teufel zu beschwören, wie es in der Vergangenheit gerne getan wurde, hilft nicht weiter; der Teufel sind wir selbst. Wie werden wir weniger ‚Teufel‘?

Eine Übersicht über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

RUSSLAND, EU, USA – WIEVIEL DOGMATISMUS DÜRFEN WIR UNS ERLAUBEN? (2)

1. In einem vorhergehenden Beitrag hatte ich versucht, darauf aufmerksam zu machen, dass bei aller Aufregung um die aktuelle Annektierung der vormals ukrainischen Krim durch Russland nicht übersehen werden sollte, dass es übergreifende Ziele gibt (bzw. geben kann, je nach Standpunkt des Betrachters), die uns bei aller Erregung dazu auffordern, im Tagesgeschehen die größeren Linien nicht aus den Augen zu verlieren. Dieser Hinweis ist nicht gleichzusetzen mit einer Billigung von unrechtmäßigem Verhalten, sofern es passiert ist.

2. Natürlich ist mir bewusst, dass ein Denken ‚von der Zukunft her‘ in Widerspruch steht zu einem Denken, das sich über die Vergangenheit definiert und dann möglicherweise noch so, dass vermeintliche Schuld auf jeden Fall in der Zukunft mit ähnlichen Methoden in der Zukunft ‚vergolten‘ werden muss (‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘, ‚Blutrache‘, …). Ein ‚Denken, das sich über die Vergangenheit definiert‘ ist aber in der Wurzel gefährlich; als Quelle der Erkenntnis für die Prozesse, wie es zum ‚Heute‘ gekommen ist, ist es unverzichtbar, aber als Leitlinie für die Frage, was wir für die Zukunft tun sollen, ist es nur bedingt tauglich. Gefährlich ist es auf jeden Fall, wenn man versucht, Strukturen, Vorgänge der Vergangenheit festzuschreiben und diese als ‚Maßstab‘, als ‚Norm‘ für die Zukunft benutzen will. Nach heutigem Wissensstand sind wir Teil eines gigantischen, hochdynamischen Prozesses, der sich real strukturell weiterentwickelt und von uns allen eine beständige Weiterentwicklung auf allen Ebenen einfordert. Stillstand bedeutet hier auf Dauer Untergang. Dass alle Beteiligten dieses Prozesses permanent Fehler machen, ist prozessimmanent und daher Teil des Lernprozesses; nur durch Fehler können wir überhaupt lernen. Um die Zukunft zu gewinnen zählt daher in erster Linie, zu erkennen, wo wir eigentlich ‚hin sollen‘ und dann, was wir tun müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Fehler in der Zukunft zu vermeiden ist wichtiger, als Fehler durch neue Fehler zu perpetuieren und durch wechselseitige Blockaden eine gemeinsame Zukunft zu verhindern.

3. Personen wie Buddha, Jesus, Ghandi, Martin Luther King, Mandela (um nur einige zu nennen), hatten für sich (auch ohne Wissenschaft) erkannt, dass das Klammern an den Augenblick, das Fixieren des Vergänglichen, der Hass auf das Andere usw. nicht geeignet sind, den einzelnen in seinem Potential frei zu setzen noch eine Gemeinschaft von Menschen in ihrem Potential voll zur Entfaltung zu bringen. Nur wer die Zukunft nicht sieht, kann sich an die Vergangenheit ‚verkaufen‘. Nur wer nicht begreift, dass wir alle extrem begrenzt, anfällig und fehlerbehaftet sind, kann Fehlerbestrafung zum Lebensprinzip erheben. Es geht nicht um Bestrafung, es geht um ‚Umkehr‘, ‚Verbesserung‘, ‚Weiterentwicklung‘ ….

4. Zurück zur Krim. Ja, nach allgemeiner Auffassung ist es nicht OK, dass ein fremder Staat, so, wie Russland es getan hat, Teile eines anderen Staates, hier die Krim als Teil der Ukraine, gegen den Willen dieses Staats infiltriert und schließlich besetzt (was in der Vergangenheit nicht nur von Russland, sondern auch von China, von den USA und vielen anderen immer wieder getan wurde). Andererseits gibt es das ‚Selbstbestimmungsrecht der Völker‘; nach diesem wird einer Mehrheit sehr wohl zugestanden, für sich selbst zu bestimmen, was sie wollen. Im Fall Krim gab es diese Mehrheit; ob sie tatsächlich das wollten, was jetzt passiert ist, ist nicht ganz eindeutig, da die Art und Weise der Abstimmung nicht so transparent und ‚geheim‘ war, wie es idealerweise sein sollte. Aber Russland hat sich damit möglicherweise einen ‚Bärendienst‘ erwiesen, da es sich in seiner imperialistischen Vergangenheit viele Völker ‚einverleibt‘ hat, die als solche ‚von sich aus‘ vielleicht auch etwas anderes wollen, als Teil von Russland zu sein. Ähnliche Probleme hat China, ähnliche Probleme haben verschiedene Staaten der EU, usw. Wir können uns darüber aufregen, dass Russland diese ‚Selbstabstimmung‘ quasi erzwungen hat. Auf der anderen Seite müssen wir uns die Frage stellen, inwieweit die Verhinderung der Selbstabstimmung von Basken, Norditalienern, Iren, Schotten, ‚Tirolern‘, Palästinensern, verschiedenen Ureinwohner in Brasilien, Ureinwohner Australiens, usw. nicht auch gegen das Völkerrecht verstößt. Wenn wir hier anfangen zu suchen, werden wir sehr viele Unrechtssituationen finden, über die wir großzügig hinwegsehen, weil das darüber Hinwegsehen eher ins Tagesgeschäft passt.

In globaler Perspektive sind Nationalstaaten 'Spielbälle' globaler Kräfte, ideal für 'Starke', die 'Schjwachen' per Vertrag zu 'kolonisieren' ...
In globaler Perspektive sind Nationalstaaten ‚Spielbälle‘ globaler Kräfte, ideal für ‚Starke‘, die ‚Schwachen‘ per Vertrag zu ‚kolonisieren‘ …

5. Während die EU und die USA sich offiziell über das Vorgehen Russlands erregen und die deutsche Kanzlerin da eine sehr aktive Rolle zu spielen scheint, findet aber ein anderer Vorgang statt, der nicht nur die Selbstbestimmung eines Teiles eines Landes bedroht, sondern die Selbstbestimmung aller Staaten der EU, der USA , und als Folge der geplanten Verträge würden an die zweihundert bestehende bilateriale Verträge zwischen der EU und wirtschaftlich schwächeren Staaten praktisch eliminiert, mit z.T. katastrophalen Folgen in diesen Ländern. Ich meine die Verhandlungen zum ‘Transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP)‘, über die ich in einem vorausgehenden Blogeintrag schon ausführlich berichtet hatte. Glücklicherweise wird dieses Thema immer mehr in der Öffentlichkeit diskutiert; u.a. gab es eine sehr schöne Dokumentation dazu in 3Sat am 20.März 2014  mit einer aufschlussreichen Diskussion im Anschluss.

6. Wie schon im vorausgehenden Blogeintrag dargestellt, bestätigen die nach und nach ‚durchsickernden‘ Informationen der Geheimverhandlungen zum transatlantischen freihandelsabkommen  alle Befürchtungen, ja, sie übertreffen sie sogar noch. An den Geheimverhandlungen nehmen fast ausschließlich Lobbyisten der großen US-Firmen teilnehmen (der Vertreter des europäischen Parlaments, der zur ‚parlamentarischen Kontrolle‘ da sein soll, ist von diesen Verhandlungen weitgehend ausgeschlossen, und insofern er doch Informationen bekommt, sind diese sowohl zu großen Teilen ausgeschwärzt bzw. unterliegen sie der ‚Geheimhaltung‘ (mittlerweile eher kein Mittel zum Schutz der Demokratie sondern zu ihrer Verhinderung!).

7. Sieht man mal von allen Details ab (die jeder bitte für sich auf den angegeben Seiten selbst nachlesen sollte (die 3Sat Filme kann man auch über die Videothek anschauen)), zeigt sich hier eine historisch neue, einmalige Situation: zwar konnten sich mit viel Mühen, vielen Opfern, vielen Kriegen einige demokratische Gesellschaften auf dieser Erde entwickeln, aber die global operierenden Firmen haben im zwischenstaatlichen Bereich einen Raum gefunden, wo sie unter dem Motto von ‚Freihandel‘ Verträge schließen können, durch die sich nationale Regierungen ‚binden‘. Der Inhalt dieser Verträge ist so (was die letzten Jahre gezeigt haben), dass die ’starken‘ globalen Player nahezu alle Rechte bekommen und die oft sehr schwachen nationalen Wirtschaftsstrukturen durch die globalen Player ‚platt‘ gemacht werden. Dies erhöht den Profit auf Seiten der globalen Player und vermindert deutlich die Wirtschaftskraft und die Einnahmen der schwächeren Nationalstaaten. Sie geraten in noch stärkere Abhängigkeiten und müssen mehr und mehr zu Spottpreisen Teile ihrer Wirtschaft, Teile ihrer Ressourcen, Teile ihres Landes an die globalen Player verschleudern. Dazu kommt, dass die globalen Player praktisch nie regulär Steuern in jenen Ländern zahlen, in denen sie ihre Profite machen. Mehr noch. Wie in vielen Fällen dokumentiert werden konnte, werden Menschenrechte, Arbeitsschutz, Umweltschutz massiv verletzt. Beschweren sich dann Bürger oder sogar die Regierung, dann können die globalen Firmen die nationalen Regierungen aufgrund der internationalen Verträge sogar auf Geschäftsschädigung verklagen. Das erscheint jedem normal denkenden Menschen grotesk, geschieht aber hundertfach pro Jahr! Dieser Wahnsinn steht hinter der Formulierung des ‚Investitionsschutzes‘. Zudem sind es keine ‚ordentliche‘ Gerichte, die hier die Prozesse führen, sondern private Schiedsgerichte mit oft genau den Anwälten jener Firmen, die sich über alle werte hinwegsetzen.

8. Dazu kommen viele andere Rück-Revolutionen: in Deutschland und Europa wurden in den letzten Jahrzehnten die Rechte der Verbraucher massiv gestärkt. Im Prinzip muss hier der Anbieter nachweisen, dass seine Produkte die Gesundheit nicht gefährden. In den USA kann ein Anbieter anbieten was er will; der Kunde muss nachweisen, dass ein bestimmter chemischer Zusatz in der Nahrung seine Gesundheit gefährdet. Was in der Regel heutzutage unmöglich ist. Das Ganze wäre noch irgendwo erträglich, wenn der Staat für seine Bürger hinreichend eigene Forschung und Kontrollen betreiben würde, um seine Bürger zu schützen. Am Beispiel der sogenannten ‚Chlorhähnchen‘ aus den USA hat die 3Sat-Dokumentation gezeigt, dass es nicht nur keine eigene staatliche Forschung zu den Auswirkungen des Chemikalieneinsatzes bei der Produktion dieser Hähnchen gibt, sondern dass die bestehenden Kontrollen in den Firmen zudem noch massiv abgebaut werden. Gleichzeitig wurde der Chemikalieneinsatz mittlerweile massiv erhöht, so schlimm, dass die Mitarbeiter in diesen Betrieben schwerstens erkrankt sind. Mit dem neuen Freihandelsabkommen würden alle deutsch-europäischen Vorschriften außer Kraft gesetzt und die US-amerikanischen Nicht-Standards zum neuen Maßstab genommen. Würden wir uns als Bürger beschweren, könnten die US-Firmen den deutschen Staat wegen Störung ihres Geschäfts verklagen. Einspruch wäre nicht möglich. Schöne neue Welt. Diese Art von Menschenverachtung ist kaum noch zu überbieten.

9. Wenn man im Falle von wirtschaftlich schwachen Staaten mit labilen politischen Strukturen noch ansatzweise nachempfinden kann, dass globale Player sich dieser schwachen Strukturen bemächtigen und diese Staaten buchstäblich ausbeuten, ist es schwer bis gar nicht nachvollziehbar warum ein Land wie Deutschland, das bislang mit zu den wirtschaftlich erfolgreichsten und politisch stabilsten Ländern dieser Erde gehört, sich auf dieses Spiel überhaupt einlässt (abgesehen davon, dass hier offensichtlich schwerste Verletzungen des Grundgesetzes ins Haus stehen). Alle nicht lobby-gebundenen Wirtschaftsexperten, die sich bislang dazu geäußert haben, haben klar gesagt, dass die Prognosen zu den positiven wirtschaftlichen Effekten wissenschaftlich nicht nachvollziehbar sind. Sie kommen eher zum Ergebnis, dass höchstens minimale Effekte in EU und speziell Deutschland wahrscheinlich sind, dafür erheblich starke negative Effekte in Ländern außerhalb dieser Zone; diese würden aber von den USA mit einem anderen Vertrag aufgegriffen, so dass die USA sich überall Vorteile sichern würde, die einzelnen Ländern sich aber einseitig stärker von den USA abhängig machen würden). Dass die Bundeskanzlerin angesichts all dieser stark negativen Auswirkungen des geplanten Vertrages sich öffentlich bislang eindeutig dafür ausspricht wirkt mindestens befremdlich. Da Sie ja anerkanntermaßen sehr intelligent und politisch sehr erfahren ist, muss man sich fragen, was ihre Motive/ Interessen sind, ein solches demokratiefeindliches Projekt zu befürworten. Denkt Sie an eine goldene Zeit nach ihrer Kanzlerschaft, quasi als Präsidentin einer dieser globalen Player? Bei dem Verhalten der europäischen Kommission kann man sich kaum der Vorstellung erwehren, dass diese nicht mehr gemeinsame Sache mit den wirtschaftlichen Lobbyisten macht als mit den europäischen Bürgern, für die sie Verantwortung tragen.

10. Aus all dem stellt sich die Frage, ob und wie Demokratie im globalen Kontext möglich ist, der anscheinend überwiegend von entfesselten multinationalen Konzernen und kooperierenden Regierungen gegen die Interessen der Bevölkerung bestimmt erscheint. Welche Bedeutung hat das Gerede von Menschenrechten, wenn diese Konzerne täglich demonstrieren, dass ihnen das Wohlergehen von Menschen nichts wert sind? Was soll man von demokratischen Regierungen halten, die grundlegende Informationspflichten mit Füssen treten und sich über geltende Standards ohne ein Minimum an öffentlicher Diskussion hinwegsetzen? Haben wir nicht schon längst einen ‚Staatsstreich von Innen‘, indem gewählte Regierungsvertreter ihr Amt dahingehend missbrauchen, dass sie demokratische Rechte und Institutionen massiv schwächen wenn nicht gar ganz außer Kraft setzen? Müssen wir auch in Deutschland um die Grundlagen unserer Demokratie neu kämpfen, weil sogar die Kanzlerin den Eindruck erweckt, sie hat sich schon längst von der Demokratie verabschiedet. Irgendwie zögert man noch, diesen Gedanken ganz zu glauben. Wenn man zu lange zögert, kann es zu spät sein…

11…. und, angesichts dieses scheinbaren Misbrauchs von politischer Macht in den Superstrukturen ist es möglicherweise verständlich, dass sich ‚Teilbereiche‘ auskoppeln wollen mit der Vorstellung, dann hätte man die Dinge besser unter Kontrolle. Doch, wie wir sehen, ist das Problem nicht unbedingt die Trägerstruktur (z.B. der Nationalstaat als solcher), sondern die Interaktionen zwischen den Trägerstrukturen; da gelten ja zunächst mal keine Gesetze bzw. ob und in welchem Umfang gesetze gelten sollen, muss neu ausgehandelt werden.  Erleben wir mit diesen Krisen der nationalen Demokratien die ersten Wehen des nächsten Evolutionsschubs von Superdemokratien, die zunächst durch die ‚Vorhölle‘ des globalen Kapitalismus gehen müssen? Da es letztlich immer wir selbst, wir Menschen, sind, die entscheiden, müssen wir als Menschen Klarheit finden, was wir wollen. Menschenverachtung ist kein Naturgesetz.

CONSTRUCTED RADICALLY UNPLUGGED MUSIC

Die Fortsetzung eines Experimentes: Musik vom 24.3.2014 (man sollte gute Lautsprecher haben, oder gute Kopfhörer …)

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.