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GANZHEITLICHE ZAHNHEILKUNDE- KONGRESS BADEN-BADEN – Festvortrag Fr 5.Nov.2013 – ‚Transhumanismus als Schicksal?‘ -Fürs Protokoll

Damit es nicht in Vergessenheit gerät, hier noch eine kurze Erwähnung des Festvortrags in Baden-Baden bei der Internationalen Gesellschaft für Ganzheitliche ZahnMedizin e.V., kurz GZM.

Die Einladung kam dieses Mal sehr kurzfristig, ich hatte keine Zeit, irgendetwas vorzubereiten, aber es wurde ein intensiv-spannender Abend, mit so vielen positiven Rückmeldungen, wie selten.

Als Thema des Abends hatte ich gewählt ‚Transhumanismus als Schicksal?‘, weil mich die Frage selbst interessierte. Im Vortrag habe ich dann versucht, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Ich habe dazu verschiedene Gedanken aus meinem Blog benutzt. Im Kern habe ich darauf abgehoben, dass die Transhumanismus-Hypothese ein bestimmtes Konzept des Humanums voraussetzt, und ich habe dann anhand neuer Erkenntnisse zum Humanum verdeutlicht, dass es weniger denn je klar ist, was denn überhaupt das Humanum ist. Vom Transhumanismus zu reden ohne ein klares Konzept des Humanums wird dann etwas schwierig. Damit gab es an diesem Abend zwar keine klare Antwort auf die Frage nach dem Transhumanismus, aber eine — hoffentlich konstruktive — Verunsicherung in der — oft falschen — Selbstgewissheit, dass wir als Repräsentanten des Humanums tatsächlich wissen, wer wir sind. Vieles läuft darauf hinaus, dass wir es tatsächlich noch gar nicht wissen. Möglicherweise ist es sogar so, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte des Lebens auf der Erde ‚präziser wissen‘ (können), dass wir möglicherweise das Entscheidende noch gar nicht wissen. Wir stehen an einem möglichen neuen Anfang.

Als Unbekannte sind wir aufeinander getroffen, als Freunde haben wir uns verabschiedet.

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TOR, TOR, EIGENTOR? – Bemerkung zu einem Verriss-Artikel in der FAS vom 3.Nov.2013 über Ströbele

In der FAS vom 3.Nov.2013 auf S.10 entwickelt Eckart Lohse für den Leser eine Geschichte, die den Einsatz von Christian Ströbele in Moskau in einen Kontext stellt, der nur eine Deutung zulässt: Ströbele denkt immer und überall zunächst an sich; die Sache selbst spielt keine Rolle. Und die Begegnung mit Edward Snowdon in Moskau war genau wieder solch ein Stück Selbstinszenierung.

Nun lernt jeder Journalist, dass Fakten von Natur aus vieldeutig sind und die größte Gefahr für einen Journalisten darin besteht, seine vorgefasste Meinung in die Dinge so hinein zu legen, dass eine Geschichte entsteht, die zwar gut klingt, aber letztlich der Wirklichkeit Gewalt antut. Das nennt man dann schlechten Journalismus.

Selbst wenn man mit Hans-Christian Ströbele nicht viel zu schaffen hat, sich über ihn vielleicht sogar eher ärgert, weil er wieder mal gegen den Trend handelt, kommt man bei dem Artikel von Eckart Lohse ziemlich ins Grübeln, nicht nur, weil die einzelnen Fakten in ihrer Vieldeutigkeit sehr offensichtlich genau auf eine Linie gebürstet scheinen, sondern weil er das Hauptereignis, nämlich den Besuch bei Snowdon in Moskau, in seiner politischen Bedeutung vergleichsweise gar nicht analysiert. Tut er etwa selbst genau das, was er Ströbele vorwirft? Geht es ihm gar nicht um das politische Geschehen sondern eher um etwas sehr Persönliches?

Wer die Diskussionen seit Juli 2013 verfolgt hat, der kann im Laufe der Wochen und Monate zur Erkenntnis gekommen sein, dass das Bekanntwerden der nahezu umfassenden Schnüffelei der US-amerikanischen Dienste nur die Spitze des Eisbergs ist. Das wahre Drama ist das politische System der USA selbst: ein über die Maßen ausuferndes System von Geheimdiensten, das nach Aussagen von US-amerikanischen Politikern und Geheimdienstkontrolleuren weder sachlich noch politisch zu kontrollieren ist; eine Deutungshoheit über ‚Bedrohung‘ seitens des Regierungsapparates (auf Basis der Geheimdienste), die durch allseitiges Abschotten durch Erklärung zur ‚Geheimsache‘ der demokratischen Kontrolle entzogen ist; eine offizielle Absage an jede Form von Recht innerhalb der US-amerikanischen Militärdoktrin (öffentlich nachzulesen und seit 2001 kontinuierlich beobachtbar); ein umfassendes quasi ‚imperiales‘ militärisches System (die ganze Welt ist in US-amerikanische Militärbezirke eingeteilt (die Botschafter haben den zuständigen Generälen zu berichten). Für US-Amerikaner gibt es keine ‚Menschen‘ außerhalb der USA, da die USA für Nicht-US-Amerikaner keinerlei Rechte anerkennen, nicht einmal die Menschenrechte. Und vieles mehr.

In dieser Situation war es lange Zeit geradezu beschämend, wie die Bundeskanzlerin mit ihrem ‚Team‘ die Enthüllungen durch Snowdon lange Zeit versucht hat, ‚weg zu schweigen‘. Erst als sie selbst direkt betroffen war, kam ein kurzer Aufreger, der aber bald wieder verpuffte. Anstatt sich als ‚wahrer Freund‘ der USA zu erweisen und Anlass zu geben, dass die US-amerikanische Politik über ihren politischen Irrweg mal anfangen, nach zu denken, hat Sie sofort wieder auf die (historisch nicht ungefährliche) ‚Befriedungspolitik‘ umgeschaltet, die alles Unschöne sofort zudeckt und jegliche Konfrontation vermeidet.

Natürlich, diese sehr harte Sicht der Dinge, wie sie oben skizziert wird, muss man nicht haben; sie ergibt sich nicht automatisch, nicht quasi von selbst; vor allem ist sie für viele ‚politisch nicht korrekt‘; so etwas sagt man doch nicht… Man muss sie sich durch mühsame Lektüre und Gespräche selbst erarbeiten. Aber wenn diese Sicht stimmen sollte, dann hat Hans-Christian Ströbele etwas sehr Richtiges und Mutiges getan: er hat die abwiegelnde Bundesregierung zumindest soweit unter Zugzwang gesetzt, dass man jetzt zumindest ein Gespräch mit Snowdon in Moskau nicht mehr ganz ausschließen würde. Zuvor wurde Snowdon ja quasi tot geschwiegen, als ob er nicht existiere (man kann sich an die Geschichte mit dem Clown erinnert fühlen, der dem Publikum zurief, es brenne, und alle haben gelacht, da man sich nicht vorstellen konnte, dass ein Clown auch mal etwas Richtiges sagt; und es brannte in dem Fall tatsächlich…). Zwar erweckt die Bundesregierung unter der Kanzlerin Merkel nicht den Eindruck, dass sie ernsthaft an einer Aufklärung als Aufhänger für eine weiterreichende politische Diskussion interessiert ist. ‚Wahre Freunde‘ der USA würden dies tun, weil sie sich ernsthafte Sorgen um die Zukunft der Demokratie in den USA machen. ‚Wahre Freunde‘ ja, aber offensichtlich geht die Sorge um die USA nicht sehr tief, mehr sorgt man sich um eigene Unbequemlichkeiten. Und dann geben die USA ja auch allen zu verstehen, dass es sowieso niemand gibt, der ein echter ‚Freund‘ ist (außer sie selbst). Diesen Status scheint man akzeptieren zu wollen, den Status eines geduldeten ‚Vasallen‘.

Nirgends steht geschrieben, dass man im Verhältnis zwischen Staaten ‚freundschaftlich‘ sein muss. Aber dass man heute den allseitigen Krieg des Ausspähens als ’normal‘ hinstellt, steht auch nirgends geschrieben. Die modernen Demokratien hatten sich entwickelt, weil es Menschen gab, die unter dem Einsatz ihres Lebens für Werte, für Menschenrechte, für eine ‚menschliche Gesellschaft‘ gekämpft haben. Dass das politische Tagesgeschäft (Sonntagsreden ausgenommen) von Werten so gar nichts mehr wissen will, sollte uns schon nachdenklich machen. Wenn keine Werte mehr gelten, dann kann jeder von uns morgen das nächste Opfer sein, und dann kümmert sich niemand mehr, weil ja das ‚politische Stillhalten‘ als neue oberste Norm gilt. Merkel und Co lebe hoch?

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Werkstattgespräch am Sa, 9.Nov.2013, 19:00

TERMIN und ORT

Am Samstag, den 9.November 2013 findet um 19:00h ein öffentliches Werkstattgespräch zum Blog statt. Adresse: Bistro Confetti 2.0, Frankfurterstrasse 16, 61137 Schöneck. Parken im Umfeld.

IDEE

Die Suche nach dem neuen Weltbild geht weiter: Texte, Gespräche, experimentelle Musik. Jede(r) ist ein Experte. Die Wahrheit liegt im Ganzen.


Ein Bericht von diesem ersten Werkstattgespräch findet sich HIER.

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KURZNOTIZ: LEBENSADER DER ZUKUNFT — NSA — DEMOKRATIE

1) Unter den beiden Themen PHILOSOPHIE TRIFFT DAS SNOWDON-SYNDROM sowie REVIEW: THE WORLD ACCORDING TO TOMDISPATCH (siehe dazu die verschiedenen Beiträge in der Themenübersicht) war ich der Frage nachgegangen, wie die Ausspähaktionen der NSA (und anderer natürlich) in das politische System der USA eingebettet sind. Die bisherigen Recherchen haben den Eindruck entstehen lassen, dass die realen Geheimdienste in den USA bzgl. der eingesetzten Gelder, des Personals und der Verflechtung mit dem Militär und der Industrie ein Ausmaß angenommen haben, das — auch nach Aussagen jener, die zur Kontrolle bestellt sind — faktisch nicht mehr kontrollierbar ist.
2) Des weiteren ist der Eindruck entstanden, dass die Verfassung der USA bzw. ihre aktuelle Interpretation durch die zuständigen Gerichte einem Missbrauch dieser Dienste bis jetzt nichts Ernsthaftes entgegen setzt.
3) Betrachtet man dann die starke verfassungsrechtliche Stellung des Präsidenten, wenn es um Fragen der nationalen Sicherheit geht, so ist hier im Prinzip alles möglich, solange es dem Präsidenten und seinem Team gelingt, ein glaubhaftes Bedrohungsszenarium dar zu stellen. Seit den Anschlägen vom 9.Sept.2011 wurde mit dem vagen Begriff des ‚Terrorismus‘ eine Bedrohungsform eingeführt, die überall unterstellt werden kann, selbst in der einheimischen Bevölkerung, also selbst bei den Bürgern der USA. Im Laufe der letzten 13 Jahre wurde dies notorisch vage Bedrohungslage dazu benutzt, jegliche Form von rechtsfreiem Verhalten zu begründen, einschließlich Kriegshandlungen. Dazu kommt die Tendenz, alles und jedes mit Geheimhaltung abzuschotten. Das kommt einer nahezu 100%-tigen Aufhebung jeglicher demokratischen Kontrollen gleich. Formal gibt es kaum noch einen Unterschied zu einem totalitären Regime.
4) Parallel zu diesem Blankoscheck des nahezu rechtsfreien abgeschotteten Handelns haben laut Quellen (in tomdispatch) das US-amerikanische Militär zusammen mit den US-amerikanischen Geheimdiensten die Welt vollständig in Militärbezirke aufgeteilt (einschließlich der USA selbst!) und scheinen eine Machtpolitik zu realisieren, in der man ‚von außen‘ kaum noch demokratischen Werte erkennen kann. Menschenrechte oder andere übergreifende internationalen Rechte gelten anscheinend hier nicht mehr (das wird sogar in der offiziellen Militärdoktrin der USA (siehe tomdispatch) offiziell festgestellt).
5) Wenn dies alles so stimmt, wie es sich im öffentlichen Handeln und in den verschiedene Dokumenten darstellt, dann gibt es für die US-Regierung keine wirklichen ‚Freunde‘ mehr. ‚Schwächere‘ werden direkt kontrolliert, manipuliert und ausgebeutet; andere werden ‚gelenkt‘.
6) Das Beispiel des Irakkrieges hat gezeigt, wie sowohl die US-amerikanischen Medien wie auch der US-Kongreß und US-Senat mehrheitlich die Propaganda der Regierung ohne jegliche kritische Auseinandersetzung hingenommen haben. Eine Parallele zur Propagandamaschine des dritten Reiches, die mit Berufung auf nationale Gefühle und durch Manipulation der Medien kritische Meinung übertönt und bekämpft haben, drängt sich auf.
7) Dass in den letzten Wochen überhaupt über die Rolle der US-Geheimdienste mehr gesprochen wurde lag äußerlich daran, dass sich einige Regierungsrepräsentanten von ‚befreundeten‘ Staaten als Opfer der US-Geheimdienste erleben mussten. Ohne die Enthüllungen eines Edward Snowdon würde es diese Gespräche nicht geben. Und auch jetzt ist zu beobachten, dass nach ersten demokratisch-motivierten Aufregungen sich zugleich eine national-inspirierte Anti-Meinung artikuliert, die sich nicht über das eigene Verhalten aufregt, sondern darüber, dass sich andere über das US-amerikanische Verhalten aufregen. Von ‚Selbsterkenntnis‘ keine Spur. Vereinfacht wirkt dies so: Die USA haben immer recht, sie dürfen alles, andere haben sich zu fügen.
8) Unter den vielen Artikeln zum Ausschnüffeln, die nur Altbekanntes wiederholen oder nur an der Oberfläche herumkratzen, gab es einen Artikel, der etwas tiefer eindrang. Es war der Beitrag ‚Die Angriffsindustrie‘ von Constanze Kurz in der FAZ vom 1.Nov.2013 .31 (der allerdings nicht frei zugänglich im Netz ist; die Washington Post ist da kulanter…). Offiziell dürfen die US-amerikanischen Geheimdienste, und hier speziell die NSA, nur allgemeine Metadaten sammeln, und dies auch nur mit Einschränkungen. Nutzen sollte man diese Daten offiziell nur bei Vorliegen eines konkreten Verdachts auf eine mögliche Bedrohung. Dies ist für die Öffentlichkeit. Tatsächlich aber ‚beschafft‘ sich laut Frau Kurz die NSA kontinuierlich wichtige Konstruktionsdetails von allen Hardware- und Softwarehersteller direkt (oder für viel Geld indirekt; der Steuerzahler zahlt es ja), um auf eigene Faust mit automatisierter Angriffssoftware jederzeit in alle Rechner eindringen zu können, um sie auszuspähen, d.h. die NSA hat Hintertürchen für offizielle Schutzsoftware oder stellt die Schutzsoftware gleich selber her mit eigenen Zugriffsmöglichkeiten.
9) Mit ‚Schutz vor Terror‘ hat dies alles schon lange nichts mehr zu tun. Dies ist ein Eindringen in die Lebensader aller Menschen, aller Staaten, der Menschheit. Dies ist das, was man bei anderen Industriespionage nennen würde; dies ist das, was man bei anderen Cyberkriminalität nennen würde.
10) Erinnern wir uns kurz an das Hauptthema dieses Blogs: die Frage nach dem, was das biologische Leben auf diesem Planeten und im Universum bedeutet, bedeuten kann; welche ‚Logik‘ sich in allem zeigt, und erinnern wir uns, dass sich u.a. im Zeitverlauf eine exponentielle Beschleunigung der Komplexitätszunahme zeigt, die nur durch gleichzeitige ‚Integration‘, ‚Verdichtung‘, ‚Kooperation‘ usw. beherrschbar bleibt, dann deutet sich an, dass eine Gesellschaft der Zukunft nur als eine Gemeinschaft überleben kann (siehe vorausgehende Blogeinträge), in der JEDER einen akzeptierten Platz finden kann, der mit allen anderen zusammen wirkt. DOGMATISMEN und EGOISMEN sind in einer Gesellschaft der Zukunft tödlich. Das Politikmodell, das die US-Regierung seit dem zweiten Weltkrieg vorlebt und das sich im Handeln der US-amerikanischen Regierungsbehörden realisiert, erscheint mir vor diesem Hintergrund ‚tödlich‘, nicht zukunftsfähig, nicht nachhaltig, da es einen Fundamentalismus der wenigen begünstigt auf Kosten aller.
11) Natürlich trifft dies nicht nur auf die USA zu. Aber die USA haben historisch als eine der ersten großen demokratischen Bewegungen eine besondere Rolle. Sie waren für alle Demokratien dieser Welt immer ein wichtiges Vorbild. Wenn dieses Vorbild nun wankt, weil es sich in einer Mischung von Fundamentalistischem Machtdenken und nicht mehr kontrollierten Geheimdiensten quasi selbst zerstört, dann kann dies niemanden kalt lassen. Denn neben den Regierungsstellen gibt es ja auch eine Bevölkerung, die Menschen, um die es eigentlich geht. In den Zentren der Macht scheinen diese Menschen nahezu keine Rolle zu spielen (auch wenn man von deren Steuergelder diese gigantische Machtmaschine finanziert…)

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIE, Nicht-US-Amerikaner, R.

REVIEW: THE WORLD ACCORDING TO TOMDISPATCH – Teil 8

T.Engelhardt (ed), „The World Acording to TomDispatch. America in the New Age of Empire“, London-New York: Verso, 2008 (siehe auch die Webseite tomdisptach.com)

Diesem Text ging voraus: Teil 7.

ZWISCHENERGEBNISSE NACH Teilen 1-7

1) Fassen wir kurz zusammen, was sich bisher ergeben hat: ausgehend von den philosophischen Reflexionen zum Phänomen einer markanten emergenten Komplexität des biologischen Lebens zeigte sich Kommunikation und eine funktionierende Öffentlichkeit als zentrale Bedingungen für das Funktionieren dieser Komplexität. Um dies gesellschaftlich zu ermöglichen wurden Verfassungen in Form moderner Demokratien geschaffen, in denen weitgehende Freiheitsrechte zum Schutze des Individuums verankert wurden (z.B. USA, Deutschland). Begleitet von heftigen Diskussionen wurden in Deutschland unter speziellen Bedingungen (‚Lauschangriff‘) eine Aufhebung solcher Rechte durch Regierungsstellen erlaubt; in den USA gibt es eine lange Geschichte von Ausdeutungen zum vierten Zusatz der Verfassung, die Stand 2013 — zwar nicht dem Wortlaut nach, aber faktisch — einer fast vollständigen Aufhebung dieser Freiheitsrechte gleichkommt. Engelhardt skizziert in der Einleitung zu seinem Buch die Entwicklung in den USA nach 9/11 als dramatische Verstärkung von Geheimdiensten und Militär in einer ‚unipolaren Welt‘. Dies wird begleitet durch eine weitgehende Abschottung der Regierung nach außen. Im ersten Kapitel zeigt Engelhardt anhand konkreter Daten, wie die Ereignisse von 9/11 auf eine medial imprägnierte Öffentlichkeit treffen, die — geprägt von den tiefsitzenden Bildern der Medien der letzten Jahrzehnte — die Ereignisse in einer bevorzugten Weise deuten; in einer Weise, die von der Regierung mitgesteuert wird und für bestimmte Pläne ausgenutzt werden. Engelhardt kann dann anhand einiger Fakten zum neuen Ground-Zero Mahnmal aufzeigen, dass es hier nicht um ein ’normales‘ Denkmal geht, sondern dass das Gedenken an das Ereignis und die Toten von 9/11 für eine bestimmte Politik in einer Weise ‚instrumentalisiert‘, die viele ernste Fragen aufwirft. In dem nachfolgenden Kapitel mit dem Titel ‚The Empire that Fell as it Rose‘ gibt es einen Briefdialog zwischen Tom Engelhardt und Jonathan Schell, in dem Schell anhand der historischen Daten zu dem Schluss kommt, dass die USA sich nach dem zweiten Weltkrieg scheinbar unaufhaltsam in eine imperiale — alles beherrschende — Macht entwickelt haben. Dass die US-amerikanische Regierung sich, gestützt auf ein alle Maßen sprengendes Militär im Verein mit einem Netzwerk von nicht mehr kontrollierbaren Geheimdiensten, in ein imperiales Machtdenken hinein gesteigert haben, das für die Realität weitgehend ‚erblindet‘ ist. In seiner Antwort sagt Engelhardt, dass er die Einschätzung von Schell zwar als Nichthistoriker nicht historisch-wissenschaftlich verifizieren kann, dass aber sein Wissen um die aktuellen Fakten in den USA das Bild von Schell ohne weiteres stützt (es folgt eine Aufzählung von Fakten). So sehr viele sehen, dass der Weg des Imperialismus eigentlich kein brauchbares Konzept für die Zukunft ist, so sehr sind aber selbst die (amerikanischen?) Kritiker von diesem imperialen Denken ‚verseucht‘ (‚brainwashed‘), dass sie sich nicht vorstellen können, wie denn ein nicht-imperiales Modell real funktionieren kann. In dem folgenden Kapitel „No longer the ‚Lone‘ Superpower“ beschreibt dann Chalmers Johnson dass die USA faktisch nicht mehr die einzige Super Macht sind. Mit Blick auf die Vergangenheit stellt er die Frage, ob und wie es den USA gelingt, das neuerliche Erstarken Chinas (und einiger anderer potentieller Konkurrenten wie z.B. Russland, Indien, Brasilien) in einem friedlichen Prozess aufzufangen, oder ob es bei der konkreten Konfrontationen in Asien (speziell China – Japan) schließlich doch wieder zu einem Krieg der Machtinteressen kommt, der vieles zerstört und wenig aufbaut? Nach allen bekannten Fakten drängt sich der Eindruck auf, dass die USA alles dazu tun, dass sich Japan aus seiner Neutralitätsrolle heraus begeben hat und unter Erstarkung von nationalistischen Traditionen die Beziehung zu China eher verschärft denn beruhigt. Die zunehmende Loslösung Taiwans von Japan und USA und eine stärkere Hinwendung zum Festlandchina spricht eine eigene Sprache. Im folgenden Kapitel ‚THE WIDER WAR‘ beschreibt Greg Grandin wie das Pentagon ‚den wilden Westen‘ in Lateinamerika entdeckte. Während unter Clinton Lateinamerika noch äußerst positiv gesehen wurde, erweckte Lateinamerika zur Zeit der Bush-Administration höchsten Argwohn. Nicht nur Rumsfeld sieht in Südamerika ein Aufmarschgebiet von Terroristen, sondern der damalige Chef von ‚Southcom‘, dem US-amerikanischen Militärbezirk für Lateinamerika, General Bantz Craddock listete für Südamerika nahezu alle Schrecklichkeiten auf, die sich ein Geheimdienst vorstellen kann. Verstehen kann man dies nur mit Blick auf den Ideologiewechsel im Pentagon: nach Auffassung der Pentagonstrategen kann sich der internationale Terrorismus mittels jeder bekannten Form von (organisierter) Kriminalität finanzieren, daraus folgern die Pentagonstrategen, dass jede Form von Gesetzeslosigkeit und Unordnung eine potentielle Brutstätte für Unterstützung des Terrorismus sein kann. Dies impliziert dann, dass z.B. funktionierende Diktaturen einen höheren Wert besitzen (da sie ja eine gewisse Ordnung induzieren) als alle Formen von ‚Protesten‘, demokratischen Bewegungen, usw. Damit wird der US-amerikanische Krieg gegen den Terror zu einer Strategie globaler Kontrolle aller Nationen (ausgenommen vielleicht England und Frankreich?)?), aller gesellschaftlichen Bereiche, bis hin in die Niederungen des täglichen Lebens.

IRAN – JE NACH DEM, WIE MAN SCHAUT

2) Im Buch gibt es zwei unterschiedliche Berichte zu Iran. Einer stammt von Behzad Yaghmaian mit dem Titel ‚Will American Bombs Kill My Iranian Dreams?‘, der andere von Noam Chomsky mit dem Titel ‚What If Iran had Invaded Mexico?‘. Der Beitrag von Yaghmaian schildert die Sicht eines Betroffenen, eines Iraners, der aus dem Iran fliehen musste, US-Amerikaner wurde, als Wissenschaftler und Journalist aber immer wieder im Iran war und sich mit dem Iran auseinandersetzte. Noam Chomsky, US-Amerikaner, bekannter Wissenschaftler und politischer Schriftsteller, reflektiert auf das Verhalten der US-Regierung gegenüber dem Irak und auf das zugrundeliegende Denken.

IRAN – EIN BISSCHEN GESCHICHTE

3) Beide Beiträge beginnen ihre Überlegungen ohne ausdrückliche Erwähnung der Vorgeschichte zum Heute, wobei speziell die Sicht der Beziehung USA-Iran interessiert. Ich selbst bin kein Historiker, folgende Fakten sind mir in dem Wikipedia-Beitrag aufgefallen. Ursprünglich war die Rolle der USA gegenüber dem Iran ’neutral‘ bzw. waren es sogar Amerikaner, die der persischen Verfassungsbewegung im Rahmen der Persische Verfassungsrevolution 1905-1907 Unterstützung zukommen ließen, dies gegen die erklärten Interessen Russlands und Englands. Diese bekämpften die Verfassungsbewegung massiv, da sie den wirtschaftlichen Interessen dieser Länder zuwider lief. Als das Iranisches Parlament den Amerikaner Morgan Shuster als General Schatzmeister (‚treasurer general‘) von Persien 1911 ernannte, musste dieser unter dem Druck der Briten und der Russen sein Amt bald wieder niederlegen. Details zu den massiven politischen Einflussnahmen Englands und Russlands in dieser Zeit finden sich in dem Buch von Schuster ‚The Strangling of Persia‘. Letztlich setzte sich die Monarchie wieder durch. Zunächst Schah Reza Shah Pahlavi (15 Dezember 1925 – 16 September 1941), dann sein Sohn Mohammad Rezā Shāh Pahlavī (16 September 1941 – 11 Februar 1979). Letzter kam zur Macht während des 2.Weltkriegs nach einer Englisch-Russischen Invasion, die die Abdankung seines Vaters erzwungen hatte. Während seiner Herrschaft kam es zu einer Erstarkung der demokratischen Bewegung, die zur demokratischen Wahl von Mohammad Mosaddegh (oder Mosaddeq) (zum Premierminister von Iran 1951-1953) führte. Während dieser Zeit wurde die iranische Ölindustrie kurzfristig verstaatlicht, bis ein Staatsstreich (unterstützt von der US-Regierung (und ohne Wissen der US-amerikanischen Bevölkerung?)) die alten Verhältnisse wieder herstellte und den ausländischen Firmen ihre Rechte zurückgab. Trotz vieler Reformen seitens des Shah vermochte er es nicht, die unterschiedlichen Strömungen im Iran zu integrieren, was im Januar 1979 zu einer Revolution führte, die formell in einer islamischen Republik unter Führung des Ayatollah Khomeini endete.
4) Schon dieses grobe Bild zeigt, dass die ‚moralische‘ Ausgangsposition von Rußland, England und den USA nicht gerade die beste ist. Wobei sich schon hier die Frage nach der ‚richtigen Moral‘ stellt. Faktisch, in der Geschichte, war die Moral immer auf der Seite des ‚Stärkeren‘. Jede Regierung beansprucht ’seine‘ Moral, sei es z.B. China, Rußland, die USA, der Iran, usw. Schwieriger wird es, wenn Regierungen über den Text der Verfassung Bezug nehmen auf eine ‚übergeordnete‘ Moral, z.B. zu den Menschenrechten, zu einer bestimmten Religion oder zu einem bestimmten Parteiprogramm. Dann ist die betreffende Regierung dazu herausgefordert, ihr Handeln in einen Kontext zu stellen. Doch wie die Geschichte zeigt, schafft es fast jede Regierung, die jeweiligen Verfassungen in ihrem Sinne zu ‚interpretieren‘. Regierungen mit ‚kommunistischen‘ Programmen hatten keine Hemmungen, Millionen von Menschen im Namen ihres Programms umzubringen; das gleiche gilt für Regierungen mit Bezug auf eine Religion: eine Religion als solche schützt nicht vor Unmenschlichkeiten durch ihre Vertreter. Und auch die Bezugnahme auf ‚Menschenrechte‘ hinderte die verschiedenen US-Regierungen nicht daran, grausame Kriege zu führen, Gesellschaften zu zerstören, demokratische Bewegungen zu bekämpfen, Foltergefängnisse zu führen, und vieles mehr.

DAS IRAN YAGHMAIANS

5) Die Geschichte von Yaghmaian beginnt mit dem Sturz der demokratischen Regierung Irans 1953 durch einen Staatsstreich, vorbereitet und durchgeführt mit Hilfe der US-amerikanischen CIA. Der CIA hatte die späteren Folterer des so gefürchteten und brutalen iranischen Geheimdienst Savak‘ trainiert und ausgebildet, hatte den Shah beraten und hatte dann weg geschaut bei dem, was dann in den Gefängnissen der Savak an Greueltaten geschah. Alle Shah Gegner wurden verfolgt, viele ins Gefängnis geschmissen, viele — speziell auch junge Männer und Frauen — brutal gefoltert. (vgl.S.184f)
6) Yaghmaian schilderte seine Schüler- und Studentenzeit, den Studentenaufstand gegen die Fahrpreiserhöhungen und die Allgegenwart des Geheimdienstes Savak, der immer wieder Studierenden für Wochen oder Monate ‚verschwinden‘ lies; wenn sie dann wieder auftauchten, redeten sie in der Regel nicht mehr. 1976 konnte Yaghmaian als Student in die USA reisen. Dort erlebte er den Umsturz von Februar 1979. Der Shah wurde abgesetzt. Doch die Begeisterung verflog schnell. Als er im Sommer nach Teheran zurückkehrte waren die Anzeichen eines ‚repressiven theokratischen Staates‘ schon erkennbar. (vgl. S.186-188)
7) Die Gefängnisse des Shah füllten sich wieder, ironischerweise vielfach genau mit denen, die vorher die Gefängnisse gestürmt hatten. Die Freiheitsliebenden, die vorher gegen die USA als Freunden des Shahs protestiert hatten, wurden über Nach zu Feinden des repressiven theokratischen Regimes; dieses erklärte alle Regimefeinde zu ‚Freunden der USA‘. Wieder einmal mehr wird politische Rhetorik als Waffe benutzt, um Sachverhalte anders erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich waren [Anmerkung: eine Form von Propaganda, Indoktrination, Gehirnwäsche durch Manipulation der Sprache].(vgl.S.188)
8) Während so die Bevölkerung zwischen die Mühlsteine eines repressiven Regimes geriet, erlebte Yaghmaian, wie sich die Stimmung auch in den USA umkehrte: die vormaligen Freunde der USA wurden nun zu Feinden, und damit potentiell jeder Iraner, auch er selbst. Nach der Besetzung der US-amerikanischen Botschaft in Teheran nannte Präsident Reagen die Iraner ‚Barbaren‘. Studierende an der Fordham Universität rollten Banner aus mit der Aufschrift: ‚Rettet das Öl, verbrennt die Iraner‘ [Anmerkung: Niht-Amerikaner sind keine Menschen?].(vgl. S.188f)
9) Ein Versuch Yaghmaians, in einem Interview Verständnis für die iranische Situation zu schaffen, führte zu persönlichen Angriffen und Verurteilungen. Die Anfeindungen gegenüber Iranern in den USA nahmen deutlich zu.(vgl. S.189)
10) Der Krieg der Worte wurde dann ergänzt um die Kriegserklärung des Irak gegen den Iran 1980, was zu einem 8-jährigen blutigen grausamen Krieg führte, in dem es letztlich keine wirklichen Sieger gab.(vgl.S.189)
11) Yaghmaian berichtet, dass die USA (zusammen mit Saudi Arabien und den arabischen) den Irak damals massiv unterstützt haben: mit Geld, mit Ausrüstung, mit militärischer Aufklärung, und den Einsatz chemischer Kampfmittel zumindest geduldet, wenn nicht sogar befördert haben.(vgl. S.189)
12) [Anmerkung: Wenn man weiß, wie später die US-Regierung den Irak in der Öffentlichkeit verteufelt und dann sogar mit zwei zwei aufwendigen Kriegen bekämpft hat, dann stellt sich wiederholt die Frage, welche Art von ‚Moral‘ eine US-Regierung eigentlich repräsentiert? Dies gilt insbesondere für den Widerspruch, dass ein US-Präsident im Jahr 2013 verkündet, dass mit dem Einsatz von chemischen Kampfmitteln eine rote Linie überschritten sei, die zu einem militärischen Eingreifen in Syrien berechtigen würde, dass die USA im Falle des Irak-Iran Krieges aber den Einsatz chemischer Kampfstoffe mindestens geduldet hat (da es ihnen ’nützte‘ …). Andere Quellen deuten sogar an, dass die USA möglicherweise sogar selbst die chemischen Kampfmittel geliefert haben sollen (konnte dies noch nicht verifizieren). Die Moral der US-Regierung erscheint wiederholt sehr ‚opportunistisch’… ]
13) Yaghmaian schildert dann, wie er 1995, nachdem er zuvor die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hatte, erstmalig wieder nach Iran einreiste. Äußerlich war das Teheran von damals verändert, hinter den Fassaden aber gab es ein aufgeklärtes, stark amerikaorientiertes Leben. Hinter den Fassaden waren westliche Pop- und Rockmusik populär, dazu westliche Kleidung. Insgesamt gab es ab 1997 mit dem reformerischen Präsidenten Khatami eine Art Reformbewegung, die viele Bereiche des Iran erfasste, 1999 aber, als die Reformbewegung zu stark wurde, brutal niedergeschlagen wurde. Yaghmaian musste Hals über Kopf fliehen, nachdem er zuvor schon Bekanntschaft mit einem iranischen Gefängnis machen musste.(vgl. SS.190-194)
14) Der neue iranische Präsident Ahmadinejad half, alle Reformansätze zurück zu schrauben. Zugleich herrschte in den USA mit Reagan und dann Bush eine eher fundamentalistische Weltsicht. Nach 9/11 2001 erklärte Bush den Iran 2002 zugehörig zur ‚Achse des Bösen‘ und die politische Rhetorik war stark ausgerichtet auf Konfrontation bis hin zu einem möglichen Krieg gegen den Iran.(vgl. S.196f)
15) [Anmerkung: die Iran-USA„>Wikipedia-Übersicht zum Verhältnis USA-Iran lässt sicher noch viele Wünsche offen, man kann aber trotzdem erkennen, dass die US-Regierung nicht zimperlich war, ihren Anti-Iran-Kurs zu verfolgen. So z.B. ihre Unterstützung von Terrorgruppen (die letztlich auch gegen die USA arbeiten) und besonders die Erstürmung der iranischen Botschaft im Irak samt Gefangennahme der Botschaftsmitglieder sprengt alle internationale Normen (Recht gibt es nur für die USA, nämlich ihr eigenes, das der Geheimdienste ohne die Bürger?).]

CHOMSKY: IRAN ALS PROPAGANDA KRIEG

16) Für Noam Chomsky (vgl. SS.71-76) ist die Art und Weise, wie die US-Regierung mit dem Thema Iran umgeht, eine gezielte Propaganda, um den Krieg vom Irak in den Iran zu tragen. Der Kongress kann hier wenig verhindern, da die aktuelle Verfassung der Regierung ein breites Spektrum an Möglichkeiten eröffnet, legal kriegsähnliche Aktionen ausführen zu können, ohne den Kongress fragen zu müssen.
17) Chomsky erlaubt sich das interessante Gedankenspiel, wenn der Iran all das gegenüber den USA getan hätte, was die USA gegenüber dem Iran getan haben und tun, was dann wohl die US-Amerikaner fühlen und denken würden. (vgl. S.73f) Da wird schnell klar, dass selbst ein ’normaler‘ Staat mehr als entsetzt und aggressiv reagieren würde. Das Auftreten der US-amerikanischen Regierung ist in der Art und Weise dermaßen abnorm, monströs und menschenverachtend, dass jedes Land darauf nur mit Abscheu und Entsetzen reagieren kann. Dass das repressive theokratische Regime in Teheran (speziell auch mit dem Nuklearprogramm) in sich — von demokratischer Seite — viele Kritikpunkte aufweist, auch solche, die ein explizites Verhalten verlangen, ist davon unberührt.
18) Chomsky sieht den primären Ansatzpunkt zu einer deutlichen Verbesserung der Lage in der Forderung nach mehr Demokratie in den USA. Solange die US-amerikanische Bevölkerung mit ihren demokratischen Standardinstitutionen per Gesetzt praktisch abgeschnitten ist von der Exekutive, solange kann diese im Verein mit Geheimdiensten, Militär und den unterstützenden Firmen praktisch nach Belieben Kriege führen und die Bevölkerung mit ihrer gewaltigen Propagandamaschine nach Belieben zu jeweiligen Entscheidungen puschen. Ein realer Ausdruck von mehr Demokratie bestünde z.B. darin, den Haushalt so zu gestalten, dass Teile des Verteidigungshaushaltes in konstruktivere Bereich umgewidmet würden. Oder darin, dass die USA endlich die UN real anerkennt, die internationalen Gesetze achtet, und z.B. das Veto im Sicherheitsrat demokratisiert. Ferner wäre die Blockade gegenüber Kuba aufzugeben und z.B. das Verhalten im Konflikt Israel-Palästina dahingehend zu ändern, dass beide Staaten gleichermaßen gefördert werden, aber nur insoweit, als sie real auf eine Zwei-Staaten-Lösung hinarbeiten.(vgl.S.74-76)
19) [Anmerkung: leicht vereinfachend könnte man sagen, dass man aus all diesen Fakten ein Muster herauslesen kann, nach dem die USA gewissermaßen aus zwei Staaten bestehen: aus der demokratischen Fassade (Kongress, Senat), und einer totalitären Exekutive, die weitgehend unbehelligt von der amerikanischen Bevölkerung weltweit Krieg nach eigenem Gustus führt. Irgendwelche Werte, die diese totalitäre Exekutive mit irgendwelchen Nichtamerikanern verlässlich teilen würde, sind nicht erkennbar. ]

Fortsetzung folgt

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

REVIEW: THE WORLD ACCORDING TO TOMDISPATCH – Teil 7

T.Engelhardt (ed), „The World Acording to TomDispatch. America in the New Age of Empire“, London-New York: Verso, 2008

Diesem Text ging voraus: Teil 6.

ZWISCHENERGEBNISSE NACH Teilen 1-6

1) Fassen wir kurz zusammen, was sich bisher ergeben hat: ausgehend von den philosophischen Reflexionen zum Phänomen einer markanten emergenten Komplexität des biologischen Lebens zeigte sich Kommunikation und eine funktionierende Öffentlichkeit als zentrale Bedingungen für das Funktionieren dieser Komplexität. Um dies gesellschaftlich zu ermöglichen wurden Verfassungen in Form moderner Demokratien geschaffen, in denen weitgehende Freiheitsrechte zum Schutze des Individuums verankert wurden (z.B. USA, Deutschland). Begleitet von heftigen Diskussionen wurden in Deutschland unter speziellen Bedingungen (‚Lauschangriff‘) eine Aufhebung solcher Rechte durch Regierungsstellen erlaubt; in den USA gibt es eine lange Geschichte von Ausdeutungen zum vierten Zusatz der Verfassung, die Stand 2013 — zwar nicht dem Wortlaut nach, aber faktisch — einer fast vollständigen Aufhebung dieser Freiheitsrechte gleichkommt. Engelhardt skizziert in der Einleitung zu seinem Buch die Entwicklung in den USA nach 9/11 als dramatische Verstärkung von Geheimdiensten und Militär in einer ‚unipolaren Welt‘. Dies wird begleitet durch eine weitgehende Abschottung der Regierung nach außen. Im ersten Kapitel zeigt Engelhardt anhand konkreter Daten auf, wie die Ereignisse von 9/11 auf eine medial imprägnierte Öffentlichkeit treffen, die — geprägt von den tiefsitzenden Bildern der Medien der letzten Jahrzehnte — die Ereignisse in einer bevorzugten Weise deuten; in einer Weise, die von der Regierung mitgesteuert wird und für bestimmte Pläne ausgenutzt werden. Engelhardt kann dann anhand einiger Fakten zum neuen Ground-Zero Mahnmal aufzeigen, dass es hier nicht um ein ’normales‘ Denkmal geht, sondern dass das Gedenken an das Ereignis und die Toten von 9/11 für eine bestimmte Politik in einer Weise ‚instrumentalisiert‘, die viele ernste Fragen aufwirft. In dem nachfolgenden Kapitel mit dem Titel ‚The Empire that Fell as it Rose‘ gibt es einen Briefdialog zwischen Tom Engelhardt und Jonathan Schell, in dem Schell anhand der historischen Daten zu dem Schluss kommt, dass die USA sich nach dem zweiten Weltkrieg scheinbar unaufhaltsam in eine imperiale — alles beherrschende — Macht entwickelt haben. Dass die US-amerikanische Regierung sich, gestützt auf ein alle Maßen sprengendes Militär im Verein mit einem Netzwerk von nicht mehr kontrollierbaren Geheimdiensten, in ein imperiales Machtdenken hinein gesteigert haben, das für die Realität weitgehend ‚erblindet‘ ist. In seiner Antwort sagt Engelhardt, dass er die Einschätzung von Schell zwar als Nichthistoriker nicht historisch-wissenschaftlich verifizieren kann, dass aber sein Wissen um die aktuellen Fakten in den USA das Bild von Schell ohne weiteres stützt (es folgt eine Aufzählung von Fakten). So sehr viele sehen, dass der Weg des Imperialismus eigentlich kein brauchbares Konzept für die Zukunft ist, so sehr sind aber selbst die (amerikanischen?) Kritiker von diesem imperialen Denken ‚verseucht‘ (‚brainwashed‘), dass sie sich nicht vorstellen können, wie denn ein nicht-imperiales Modell real funktionieren kann. In dem folgenden Kapitel „No longer the ‚Lone‘ Superpower“ beschreibt dann Chalmers Johnson dass die USA faktisch nicht mehr die einzige Super Power sind. Aber mehr noch, mit Blick auf die Vergangenheit, stellt er die Frage, ob und wie es den USA gelingt, das neuerliche Erstarken Chinas (und einiger anderer potentieller Konkurrenten wie z.B. Russland, Indien, Brasilien) in einem friedlichen Prozess aufzufangen, oder ob es bei der konkreten Konfrontationen in Asien (speziell China – Japan) schließlich doch wieder zu einem Krieg der Machtinteressen kommt, der vieles zerstört und wenig aufbaut? Nach allen bekannten Fakten drängt sich der Eindruck auf, dass die USA alles dazu tun, dass sich Japan aus seiner Neutralitätsrolle heraus begeben hat und unter Erstarkung von nationalistischen Traditionen die Beziehung zu China eher verschärft denn beruhigt. Die zunehmende Loslösung Taiwans von Japan und USA und eine stärkere Hinwendung zum Festlandchina spricht eine eigene Sprache.

SCHRANKENLOSER KRIEG ALS NEUER HEILSWEG

2) Im folgenden Kapitel ‚THE WIDER WAR‘ beschreibt Greg Grandin wie das Pentagon ‚den wilden Westen‘ in Lateinamerika entdeckte. Während unter Clinton Lateinamerika noch äußerst positiv gesehen wurde, erweckte die neue Politikergeneration in Lateinamerika zur Zeit der Bush-Administration höchsten Argwohn. Nicht nur Rumsfeld sieht in Südamerika ein Aufmarschgebiet von Terroristen, sondern der damalige Chef von ‚Southcom‘, dem US-amerikanischen Militärbezirk für Lateinamerika, General Bantz Craddock listete für Südamerika nahezu alle Schrecklichkeiten auf, die sich ein Geheimdienst vorstellen kann.(vgl. S.59)
3) Verstehen kann man dies nur mit Blick auf den Ideologiewechsel im Pentagon: da der internationale Terrorismus [Anmerkung: ein Gegner, den man sich beliebig ‚zurecht definieren kann] nach Auffassung der Pentagonstrategen sich selbst mittels jeder bekannten Form von (organisierter) Kriminalität finanziert, folgern die Pentagonstrategen, dass jede Form von Gesetzeslosigkeit und Unordnung eine potentielle Brutstätte für Unterstützung des Terrorismus sein kann. Dies impliziert dann, dass z.B. funktionierende Diktaturen einen höheren Wert besitzen (da sie ja eine gewisse Ordnung induzieren) als alle Formen von ‚Protesten‘, demokratischen Bewegungen, usw. Damit wird der US-amerikanische Krieg gegen den Terror zu einer Strategie globaler Kontrolle aller Nationen (ausgenommen vielleicht England und Frankreich?)?), aller gesellschaftlichen Bereiche, bis hin in die Niederungen des täglichen Lebens. (vgl.S.60f)
4) Grandin beschreibt am Beispiel der paraguayanischen Stadt ‚Ciudad del Este‘ im Dreiländereck von Paraguay, Argentinien und Brasilien welch sonderbare Blüten Pentagon Ideologien treiben können. Aus Sicht des Pentagons ist die Stadt eine Brutstätte für Terroristen und die Pentagonstrategen scheuen dabei selbst vor den abenteuerlichsten Spekulationen nicht zurück, obgleich die Geheimdienste dieser Ländern mehrfach bezeugen, dass es dort keine Terroristen gibt.(vgl. S.61-63)
5) [Anmerkung. ‚Überschießende Interpretationen‘ sind normalerweise ein Anzeichen für eine gestörte Psyche, für Ideologien, für instrumentalisierte Interessen. Wenn eine Institution wie das Pentagon solche Verhaltensauffälligkeiten zeigt, dann drängt sich der Verdacht auf, dass das Pentagon entweder keine interne Kritikfähigkeit besitzt (was durch die autoritären Strukturen stark begünstigt wird), oder aber tatsächlich von undemokratischen Interessengruppen kontrolliert wird, oder beides. ]
6) Um diesen globalen Krieg gegen die ‚Unordnung‘ als Hort allen Terrorismus führen zu können, ist es günstig, bürokratische Hemmnisse zwischen Polizei und Militär aufzuheben. Dafür wirbt Verteidigungsminister Rumsfeld ganz offen. In Kolumbien hatte er damit Erfolg. Der Krieg gegen die Drogen wird zugleich auch als Krieg gegen die linken Rebellen geführt.(vgl. S.63-65)
7) Dieses Vorgehen ist möglich, da der Kongress im Januar 2006 ganz offiziell viele frühere Aufgaben des Außenministeriums auf das Pentagon übertragen hat. Damit kann das Pentagon beliebig im Ausland militärisch aktiv sein, ohne jede demokratische Kontrolle. [Anmerkung: Das Pentagon bildet damit mehr denn je ein ‚Staat im Staate‘ mit eigenen Gesetzen, eigener Moral, vollständig autoritär geführt, keine Öffentlichkeit, und damit keinerlei demokratische Kontrolle]. Mit der systematischen US-amerikanischen Schulung von Personal für Polizei und Militär lateinamerikanischer Staaten verbindet sich die Hoffnung, entsprechenden Einfluss auf die innere Gesinnung dieser Staaten zu nehmen (die Stützung des damaligen Pinochets Regimes in Chile mit der Verfolgung, Folterung und Tötung von vielen tausend engagierten Bürgern ist ein Beispiel aus der Vergangenheit für diese Art von Politik).(vgl. S.65f)
8) Jenseits von Zentralamerika widersetzen sich die meisten Ländern der Pentagon Ideologie. Für sie ist nicht der Rauschgifthandel die primäre Ursache für Terrorismus, sondern die Armut und Unterentwicklung. Außerdem sehen sie eine ungezügelte Globalisierung sehr kritisch. Rumsfelds Versuch, über den Krieg gegen den Terror alle Regierungen ‚gleichzuschalten‘ wurde von den meisten Ländern Südamerikas abgelehnt.(vgl.66-68)
9) Während Argentinien, Brasilien und Venezuela versuchen, eine gewisse politische Eigenständigkeit zu bewahren, gelang es den USA die korrupte und repressive Regierung von Paraguay für sich zu gewinnen, indem sie 2003 ihren Kandidaten, Herrn Duarte, zur Präsidentschaft verhalf. Dies wurde sofort ausgenutzt, die US-amerikanische Militärpräsenz in diesem Land stark auszubauen. Die USA scheuten auch nicht davor zurück, mit diesem repressivem Regime ein 18-monatiges Militärmanöver durchzuführen, um die angrenzenden Staaten unter Druck zu setzen.(vgl. S.68-70)
10) [Anmerkung: Von außen betrachtet ist es grenzwertig, dass ein Land dieser Erde so tut, als ob alle anderen Länder eigene Militärbezirke sind, in denen man ‚im Prinzip‘ schalten und walten kann, wie man will. Dies eine ‚Verteidigungsstrategie‘ zu nennen geht nur unter dem Deckmantel der Doktrin der unbeschränkten ‚Vorwärtsverteidigung‘, die nur noch dem Wortlaut nach eine ‚Verteidigung‘ ist; aus Sicht der anderen Länder ist dies eine permanente Bedrohung, ein potentieller Angriff, von dem die USA ja auch kontinuierlich ohne offizielle Kriegserklärung Gebrauch machen. Dies erscheint als eine ‚imperialistische‘ — oder ’neokoloniale‘ — Denkweise, die für eine vorwärts gerichtete Weltgesellschaft der Zukunft kein brauchbares Modell darstellt.]
11) [Anmerkung: Wo immer das amerikanische Militär ‚meint‘, die ‚Kontrolle zu verlieren‘, ‚fühlt es sich berechtigt‘, kontrollierend einzugreifen: einseitige militärische Eingriffe, Finanzierung genehmer Gruppen (selbst von Terroristen, wenn sie denn für das Pentagon kämpfen), ein kleiner Putsch, Drohnen vom Himmel, alles ist erlaubt, solange es den Pentagonstrategen ‚gefällt’… George Orwells ‚Big Brother‘ könnte hier evtl. noch einiges lernen…]

Fortsetzung folgt

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M.DONALD: EVOLUTION DES MENSCHLICHEN BEWUSSTSEINS – Kurzbesprechung, Teil 3

Diesem Beitrag ging voraus Teil 2.

1) Im Rahmen seiner Arbeitshypothese, dass sich der Mensch mit seinem Gehirn nur im Rahmen einer entsprechenden ‚Kultur‘ entwickeln kann und entwickelt hat, sucht Donald nun Anhaltspunkte in der empirischen Geschichte des Menschen. Dabei greift er auf die Ergebnisse seines ersten Buches von 1991 zurück (siehe unten). Entlang der Geschichte des Menschen mit den Phasen ‚homo‘ (ca. -2 Mio Jahre), ‚homo sapiens‘ (ca -0.5 Mio Jahre) und ‚homo sapiens sapiens‘ (ca. -125.000 Jahre) meint Donald vier charakteristische Typen von Kulturen unterscheiden zu können: ‚Episodisch‘, ‚Mimetisch‘, ‚Mythisch‘ und ‚Theoretisch‘.(vgl. Tabelle S.260)
2) Versucht man diese Klassifizierung zu verstehen, dann findet man aber nur eine recht allgemeine Charakterisierung des Lebens unserer Vorfahren anhand archäologischer Befunde (ohne Aufweis von Quellen). Es skizziert das Bild von Wesen (homo), die in kleinen Gruppen organisiert waren, über Feuer und einfache Werkzeuge für die Jagd verfügten, und jahreszeitlich bedingt den Standort wechselten. Die Gehirngröße war deutlich größer als in vorausgehenden Phasen; direkte Nachweise für Sprache finden sich nicht. Andererseits impliziert diese Lebensweise ein Minimum an Koordination von Tätigkeiten und ein Minimum an Wissensweitergabe. Indirekt muss man annehmen, dass mit dieser Phase die ‚episodische‘ Phase gemeint zu sein scheint.(vgl. S.261)
3) Noch in der Phase des Wesens ‚homo‘ und noch vor dem Auftreten des ‚homo sapiens‘ sieht er die ‚mimetische‘ Phase gegeben: ’spielerische Handlungen‘ (‚play acting‘), ‚Körpersprache‘, ‚Gesten‘, ‚präzise Nachahmung‘, noch keine Sprache aber ‚expressive Laute‘, die die ‚prosodische‘ Dimension in der späteren Sprache vorwegnehmen.(vgl. S.261)
4) Die dritte ‚mythische‘ Phase sieht er gegeben in der Zeit vom ersten Auftreten des ‚homo sapiens‘ bis zum ersten Auftreten des ‚homo sapiens sapiens‘. Mit der weiteren deutlichen Zunahme des Gehirns werden immer schneller neue ‚Erfindungen‘ gemacht, komplexere Werkzeuge, wunderschön gestaltete Objekte (Schmuck?), verbesserte Schutzvorrichtungen, besser ausgestaltete Gräber, vielteilige Objekte, erste Musikinstrumente usw. homo sapiens bevölkerte große Teile der Erde und hatte sicherlich schon gesprochene Sprache, ein Medium für Erinnerung und Wissensweitergabe. (vgl. S.261f)
5) Den letzten großen Übergang sieht er im Bereich des homo sapiens sapiens gegeben, als dieser vor ca. 40.000 Jahren Symbole erfand, die dann zur Schrift wurden. Damit ist für Donald der charakteristische Dreiklang erreicht, der für ihn den Menschen als homo sapiens sapiens vor allem auszeichnet: Mimesis, oral-linguistisch und extern-symbolisch.(vgl.S.262)
6) [Anmerkung: So schön dieses Bild einen anmuten mag, so sehr birgt es doch mehr Fragen als Antworten. Die Klassifikationen, die er auf S.260 einführt, sind in dieser Form in keiner Weise verständlich, nicht in der kurzen Tabelle, noch durch den begleitenden Text. Man kann zwar eine Ahnung bekommen, was gemeint sein mag, aber harte Kriterien zur Unterscheidung der verschiedenen Phasen sind das nicht. Schaut man in sein Buch von 1991, dann kann man feststellen, dass das aktuelle Buch von 2001 tatsächlich die ausführlichen Texte von 1991 voraussetzt; ohne den Text des 1991-Buches kann man seine Begriffe ab Kapitel 7 nicht verstehen. Dies wird deutlich, wenn man z.B. seinen Begriff von ‚episodisch‘ verstehen will. Im Buch von 1991 hat er ein ganzes Kapitel (Kap.5), das sich mit dieser Klassifikation im Detail beschäftigt, dazu viele Seiten (SS.148ff) nur für die eigentliche Definition. Zusätzlich findet man dort sehr viele Quellenhinweise. Dies ist sehr schade. Im 2001-Buch findet man interessante Thesen, aber die harte, nachvollziehbare Erklärung fehlt.]
7) Auch im 2001-Buch folgen dann doch noch ausführlichere Beschreibungen zu den Klassifikationen, nicht aber zu ‚episodisch‘! Donald beginnt mit der mimetischen Phase als der notwendigen Vorstufe zur Sprache, allerdings nicht so, dass die Mimesis direkt auf Sprache abzielt sondern eher so, dass sich über viele kleine Zwischenschritte ein kognitives System im homo aufgebaut hat, das die Kernelemente ‚Erinnerung‘ (‚mime‘), ‚Nachahmung‘ (‚precise imitation‘), ‚Fertigkeit‘ (’skill‘) und ‚Gestik‘ (‚gesture‘) realisieren kann. Im Lernen der Kinder finden sich alle diese Elemente wieder und dieses Lernen setzt einen geeigneten sozialen Raum voraus, in dem es stattfinden kann. (vgl. SS.262-269)
8) [Anmerkung: Hier gilt leider das auch schon zuvor Festgestellte: so suggestiv diese Begriffe sein mögen, bei einer näheren Analyse fällt es schwer, die Kernelemente eindeutig zu identifizieren. Das spricht nicht unbedingt gegen Donald, sondern lässt erahnen, wie schwierig dieses Untersuchungsgebet ist, will man es wissenschaftlich fixieren. Das zentrale Problem liegt darin, dass wissenschaftliche Begriffe ihre Bedeutung nur insoweit besitzen, als sie (i) in einem theoretischen Modell verankert sind und (ii) dieses Modell einen klaren empirischen Bezug besitzt. Ein theoretisches Modell hat Donald bislang nicht vorgestellt. Dadurch fehlen für die Begriffe klare Kontexte. Der empirische Bezug ist sehr vage und sicherlich nicht einfach nachvollziehbar. Damit wird es schwierig. ]
9) [Anmerkung: Nehmen wir sein Kernelement ‚Erinnern‘ (‚mime‘). Der Begriff der ‚Erinnerung‘ ist in erster Linie ein Begriffe der Alltagssprache mit Bezug auf spezifische subjektive Erlebnisse, die jeder nur ‚für sich‘ hat; was ‚genau‘ damit gemeint ist, ist wissenschaftlich unklar. Will man ihn ‚objektivieren‘, dann müsste man versuchen, ‚Korrelate‘ des Erinnerns im beobachtbaren ‚Verhalten‘ aufzuweisen (eine Aufgabe der Verhaltenspsychologie mit Interesse am ‚Wissen‘), oder zusätzlich noch im Bereich ’neuronaler Prozesse‘ (eine Aufgabe der ‚Neuropsychologie‘). Im Falle des Verhaltensansatzes könnte man dann anhand von Experimenten z.B. herausfinden, dass das – im Verhalten nachweisbare – ‚Wiedererkennen‘ von bestimmten zuvor gesehenen Objekten nur funktioniert, wenn bestimmte Areale im Gehirn aktiv sind und – meistens, nicht immer – das subjektive ‚Erleben‘ des Erinnerns auftritt. Diese Experimente wurden viel hundertfach durchgeführt, machen aber deutlich, dass das Konzept des Erinnerns sehr komplex ist. Wieweit man diesen wissenschaftlichen Term dann im Bereich der archäologischen Artefakte rekonstruieren kann, ist sicher keine einfache Frage. Man wird, was Donald zu tun scheint, eher ‚indirekt‘ in dem Sinne schließen müssen, dass unter Voraussetzung einer bestimmten Modellvorstellung von ‚Erinnern‘ (die fehlt) bestimmte Artefakte Schlüsse auf Verhaltensweisen erlauben, die dann wiederum im Lichte des Modells ‚Erinnern‘ dahingehend gedeutet werden könnten, dass diese Verhaltensweisen Erinnern voraussetzen; ansonsten wären sie nicht ‚erklärbar‘. ]
10) [Anmerkung: Entsprechendes gilt von den anderen Schlüsselbegriffen ‚Nachahmung‘ (‚precise imitation‘), ‚Fertigkeit‘ (’skill‘) und ‚Gestik‘ (‚gesture‘). Diese sind mindestens so komplex wie der Begriff ‚Erinnern‘. Nach meiner Einschätzung sind diese drei Begriffe in keinem bekannten Buch der Psychologie wissenschaftlich wirklich erschöpfend ‚erklärt‘ (was an zahlreichen schwierigen Randbedingungen liegt, die unsere wissenschaftlichen Möglichkeiten (noch?) überfordern). Da jeder zumindest ansatzweise ein paar Vorstellungen mit jedem dieser Begriffe verknüpft, wird sich jeder Szenarien ausmalen können, in denen diese Begriffe vorkommen, aber ob diese selbst vorgestellten Prozesse mit den Prozessen etwas zu tun haben, die tatsächlich in einem Wesen von der Art ‚homo‘ stattgefunden haben, ist mehr als offen. Für mich verliert der Text von Donald hier immer mehr an Boden: anregend, spekulativ, aber was erklärt er tatsächlich?]
11) [Anmerkung: Obwohl ich das Buch bis zu Ende gelesen habe, werde ich die Besprechung hier abbrechen. So anregend der Text war, im reflektierenden Nacherzählen wird deutlich, dass er zu spekulativ ist und der ‚Wahrheitsgehalt‘ seiner Sätze ist einfach zu nebulös. Möglicherweise bin ich hier ein bisschen zu ‚verseucht‘, da ich an ein ‚harten‘ Theorie des ‚emergenten Geistes‘ arbeite, die sowohl vollständig formal ist wie auch vollständig kontrolliert durch empirische Experimente. ‚Wahre‘ Theorien sind in der Regel auch ‚einfacher‘ als spekulative Texte, da die Rekonstruktion von ‚Komplexität‘ in der Regel auf ‚einfache‘ Elemente führt, deren Art und Weise des ‚Zusammenwirkens‘ die (emergente) Komplexität für Beobachter erzeugt. Obwohl unser Körper aus ca. 14 Billionen einzelnen Zellen besteht, erfahren wir nicht 14 Billionen ‚Einzelteile‘ sondern erleben (glücklicherweise) ein unfassbares ‚Zusammenspiel‘ dieser Einzelzellen in Form eines Körpers und körperlicher Prozesse, die auf unvorstellbar komplexe Weise miteinander ‚interagieren‘. Und dieses unfassbar komplexe Zusammenspiel resultiert aus den ‚impliziten Funktionen‘ dieser Einzelteile, Funktionen, die als solche nicht ’sichtbar‘ sind. Ich schätze, wir haben noch einen sehr weiten Weg zu gehen, bis wir das alles wirklich verstehen.]
12) [Anmerkung: Der Ausdruck ‚unfassbar komplex‘ bezieht sich auf den Umstand, dass im Falle des menschlichen Körpers (einschliesslich des Gehirns) ein Sachverhalt vorliegt, der unsere aktuellen kognitiven Fähigkeiten des Begreifens real sprengt. Selbst wenn wir wollen, uns fehlen bislang die kognitiven Mittel, um solch eine Komplexität zu bearbeiten. Neben sehr konkret-realen Faktoren, die dies andeuten, gibt es philosophisch-mathematische Argumente, nach denen das vollständige und konsistente ‚Begreifen‘ des ‚Begreifens‘ prinzipiell unmöglich ist. Ich erinnere nur an Godel 1931/ Turing 1936.]

QUELLENNACHWEISE

Ein älteres Buch von Donald:

  • Merlin Donald, Origins of the Modern Mind. Three stages in the evolution of culture and cognition. Cambridge (MA) – London: Harvard University Press, 1991
    /* Anmerkung: In diesem Buch gibt Donald erheblich konkretere Aufweise und Nachweise als in dem Buch von 2001 */

  • Gödel, K;. Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme I, In: Monatshefte Math.Phys., vol.38(1931),pp:175-198
  • Gödel, K.; Remarks before the princeton bicentennial conference on problems in mathematics, 1946. In: Martin Davis, 1965: pp.84-87
  • Turing, A.M.; Intelligence Service. Schriften, ed. by Dotzler, B.; Kittler, F.; Berlin: Brinkmann & Bose, 1987, ISBN 3-922660-2-3
  • Turing, A. M. On Computable Numbers with an Application to the Entscheidungsproblem. In: Proc. London Math. Soc., Ser.2, vol.42(1936), pp.230-265; received May 25, 1936; Appendix added August 28; read November 12, 1936; corr. Ibid. vol.43(1937), pp.544-546. Turing’s paper appeared in Part 2 of vol.42 which was issued in December 1936 (Reprint in M.DAVIS 1965, pp.116-151; corr. ibid. pp.151-154).(an online version at: http://www.comlab.ox.ac.uk/activities/ieg/e-library/sources/tp2-ie.pdf, last accesss Sept-30, 2012))
  • Turing, A.M. Computing machinery and intelligence. Mind, 59, 433-460. 1950

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SPIRITUALITÄT IM ALLTAG

(Noch nicht fertig; erste Zeilen)

1) Bei allen Betrachtungen über die ‚Strukturen‘, die wir in unserem Universum entdecken können, die wir ‚meinen zu sehen‘, bleibt der Aspekt der ‚Innensicht‘ der beteiligten Systeme normalerweise unberührt. Man kann sehr vieles ‚über‘ die verschiedenen Lebensformen wissen und sagen (oft ‚3.Person Perspektive‘ genannt), ohne ein einziges Wort über deren ‚innere Zustände‘ zu verlieren.
2) Dies ist natürlich auch kein Zufall, da diejenigen, die über das Universum und die Lebensformen sprechen, WIR, ja selbst Systeme sind, die in diesen Strukturen vorkommen, und WIR können ohne Hilfsmittel in keiner Weise die mögliche ‚Innensicht‘ eines anderen Systems erkennen. Wir haben keinen direkten Zugang zum ‚Innern‘ des anderen Systems (oft ‚1.Person Perspektive‘ genannt) (dies sind Gedanken, die in diesem Blog schon mehrfach auf unterschiedliche Weise durchgespielt worden sind; siehe Übersicht über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln).
3) Das, worüber WIR reden können, ist das, worüber JEDER VON UNS, FÜR SICH, auf seine Weise, als seine eigene persönliche individuelle Perspektive, verfügen kann (wobei nach meiner Erfahrung den meisten in der Regel ohne Training und Unterweisung nicht so ohne weiteres klar ist, was das genau ist!).
4) Dies ist eine Gemengelage aus unterschiedlichen ‚Eindrücken‘, ‚Erlebnissen‘, ‚Vorstellungen‘, ‚Gefühlen‘, ‚Erinnerungen‘ und mehr (viele, die sich Philosophen nennen, benutzen hier den technischen Begriff ‚Qualia‘, der aber natürlich nur ein ‚Dummy-Begriff‘ ist, der verbirgt, dass man hier nichts Definitives sagen kann. Andere, die sich Philosophen genannt haben, haben auch andere Begriffe als ‚Qualia‘ benutzt. Einige derer, die sich Philosophen nennen, sprechen hier gern von den ‚Phänomenen‘ des Bewusstseins). Es ist das, was wir ‚haben‘, wenn wir anfangen irgendetwas zu denken. Wir finden es vor. Wir müssen es nicht machen. Es wird für uns ‚gemacht‘. Ein X macht dies für uns.
5) Was ich selbst in einem Moment alles an ‚Phänomenen‘ erlebe, kann kein Dritter ‚außerhalb von mir‘ in gleicher Weise erleben. Heutzutage können zwar die Gehirnforscher elektrische und chemische Prozesse im Gehirn eines Versuchssystems ‚messen‘, aber diese ‚Messwerte‘ haben nichts mit meinem persönlichen Erleben zu tun (abgesehen von dem Problem, dass diese Messungen in vielfacher Hinsicht für das, um das es hier geht, extrem ungenau sind (was Gehirnforscher in der Regel wissen, wenn Sie nicht gerade ideologisch ihre Pfründe verteidigen müssen)). Angenommen, diese Messungen würden an meinem eigenen Gehirn vorgenommen, so könnte man zwar über eine zeitliche Korrelation sagen, im Zeitraum (t,t‘) gab es die Messwerte M(t,t‘), aber die Frage ist, was ist das Gegenstück? Was von meinem eigenen Erleben, welche der in dem gleichen Zeitraum (t,t‘) aktuell auftretenden Phänomene PH(t,t‘) kann ich ‚berichten‘? Ist meine Auswahl ‚vollständig‘? Ist meine eigene Beschreibung ‚zutreffend’/ ‚angemessen‘? Wie kann ich überhaupt berichten? Welche sprachlichen Ausdrücke stehen zur Verfügung? Woher können WIR wissen, dass die protokollierten Messwerte tatsächlich mit den Phänomenen zu tun haben, die ich ‚erlebe‘ und nicht mit anderen Prozessen im Gehirn, die zwar zur gleichen Zeit aufgetreten sind, aber mit dem aktuell von mir Erlebtem gar nichts zu tun haben? Dies alles sind Fragen, die wir prinzipiell nicht mit Klarheit und letzter Sicherheit beantworten können.
6) Die sprachlichen Ausdrucksmittel, die man benutzen kann, setzen voraus, dass das sprachliche ‚Ausdrucksmaterial‘ (die gesprochenen Worte, die geschriebenen Worte) von den an der Kommunikation Beteiligten ‚in gleicher Weise‘ ‚benutzt‘ wird, d.h. bei einem bestimmten ‚gesprochenen Wort‘ verbinden alle Beteiligten die gleiche ‚Bedeutung‘ mit diesem Wort bzw. mit einer bestimmten ‚Wortfolge‘. Sofern nun die ‚Bedeutung‘ eines Wortes aus bestimmten ‚Phänomenen‘ besteht, die ein Sprecher A (z.B. ich selbst), so gilt zunächst einmal, dass diese Phänomene als konkrete Erlebnisse meine eigenen sind. Ich habe von vornherein zunächst keinerlei Wissen darüber, ob der andere auch solche Erlebnisse hat oder haben kann. Nennen wir die Phänomene von System A im Zeitintervall (t,t‘) ‚PH(A, (t,t‘))‘ und die von System B entsprechend ‚PH(B, (t,t‘))‘. Sei ferner die ‚Bedeutung‘ der sprachlichen Ausdrücke S, die A voraussetzt, eine Beziehung der Art BED(A, S, PH(A,(t,t‘))) und entsprechend bei B als BED(B, S, PH(B,(t,t‘))). A selbst weiß zunächst nicht, ob B die gleichen Phänomene hat und umgekehrt, d.h. es ist unklar ob gilt: BED(A, S, PH(A,(t,t‘))) <=> BED(B, S, PH(B,(t,t‘))) ?
7) Wenn sich A und B unterhalten, kann es aber nur funktionieren, wenn diese Äquivalenz stimmt, d.h. wenn A und B jeweils mit den benutzten sprachlichen Ausdrücken S ‚gleiche‘ Phänomene benutzen, wenn also gilt ‚PH(A, (t,t‘)) = PH(A, (t,t‘))‘ (die vielen Missverständnisse und Konflikte, die entstanden sind, weil A ‚meinte‘, dass B das ‚ja gewusst habe‘ oder ‚hätte wissen müssen‘ sind Legion; der Alltag ist voll davon nicht wenige Beziehungskrisen entstanden nur, weil die Beteiligten allzu selbstverständlich annahmen, dass es doch ‚klar‘ sei, dass ‚PH(A, (t,t‘)) = PH(A, (t,t‘))‘ immer gilt. Im Forschungsfall wäre A jetzt ein Versuchssystem und B wäre ein Gehirnforscher, der in der Rolle eines ‚Neuropsychologen‘ auftritt. Neuropsychologen versuchen neuronale Befunde mit dem Verhalten von Versuchssystemen zu korrelieren und darüber indirekt oft auch mit dem ‚inneren Erleben‘ (den Phänomenen) des Versuchssystems. Da sie das ‚innere Erleben‘ aber niemals ‚direkt‘ messen können, versuchen sie es über die Korrelation mit beobachtbarem (= messbaren) Verhalten und ’sprachlichen Ausdrücken S‘ (die als beobachtbares, messbares Verhalten gelten), denen sie über eine ‚unterstellte Bedeutungsbeziehung‘ BED(Versuchssystem, S, Phänomene des Versuchssystems) von Versuchssystem + S auf eine potentielle Bedeutung spricht auf die ‚Phänomene des Versuchssystems‘ zu schließen.
8) Ob nun ‚alltäglich‘ oder im Kontext eines ‚wissenschaftlichen Experimentes‘, ohne eine verfügbare Äquivalenz zwischen mindestens zwei Bedeutungsbeziehung allgemein ‚BED(A, S, Phänomene) <=> BED(B, S, Phänomene)‘ oder speziell ‚BED(Forscher, S, Phänomene) <=> BED(Versuchssystem, S, Phänomene)‘ geht gar nichts.
9) Nun haben viele Philosophen (am bekanntesten dürfte wohl hier Wittgenstein sein), Psychologen und Sprachforscher genau diese Fragestellung schon oft untersucht. Für mich ergeben sich zwei wesentliche Ergebnisse aus all dem: (i) Die minimale und notwendige Voraussetzung dafür, dass zwei unterschiedliche Systeme A und B überhaupt eine Chance haben, gemeinsame Bedeutungsbeziehungen ausbilden zu können besteht darin, dass diejenigen Prozesse Cog, die die verschiedenen Phänomene PH ‚erzeugen‘, ’strukturell isomorph‘ sind, d.h. der Prozess bei System A, der die Phänomene von A erzeugt (Cog: A x X x T x T → PH(A) x T x T) muss strukturell gleich sein dem Prozess bei System B, der die Phänomene von B erzeugt (Cog: A x X x T x T → PH(A) x T x T). Da wir die Gleichheit von PH(A) x T x T mit PH(B) x T x T benötigen, kann dies bei Gleichheit von ‚A x X x T x T‘ mit ‚B x X x T x T‘ nur gelingen, wenn tatsächlich der Abbildungsprozeß ‚Cog‘ selbst bei beiden Systemen der gleiche ist. Dann würde gelten. Wenn A x X x T x T = B x X x T x T, dann Cog( A x X x T x T) = Cog(B x X x T x T).
10) Im Falle von biologischen Systemen würde dies bedeuten, dass zunächst einmal die ‚Körper‘ der beteiligten Systeme A und B soweit ’strukturell gleich‘ sein müssten, dass bei einer Menge von Ereignissen X in der Umgebung des Körpers oder in seinem Inneren im Zeitintervall T x T die durch den Körper erzeugten Phänomene PH(A) bzw. PH(B) ‚gleich‘ sind.
11) Das ist eine sehr, sehr starke Voraussetzung, die man hier machen muss. Wissen wir doch, dass schon bei ein und demselben System A das ‚Erleben‘ sich je nach Umständen (Müdigkeit, Emotionen, Drogen,….) bei ansonsten ‚gleicher‘ Sachlage ‚verändern‘ kann, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass je nach Alter, Erfahrungs- und Ausbildungsstand, Geschlecht, andere Formen von Abweichungen von einem hypothetischen ‚Normalzustand‘, die ‚Sicht‘ einer Situation ganz unterschiedlich ausfallen kann. erkenntnistheoretisch müssen wir immer mit der Unterstellung leben, dass es keine letzten Klarheiten hier geben wird, obwohl wir eine Gleichheit annehmen müssen, da sonst die Annahme einer ‚möglichen Kommunikation‘ grundsätzlich hinfällig wird.
12) Die andere (ii) Einsicht ist die, dass die ‚Verfügbarkeit‘ einer gemeinsamen Bedeutung – unter Voraussetzung von (i)! – nur gegeben sein kann, wenn es bei jedem beteiligten System ‚hinreichend viele‘ Interaktionen mit seiner Umgebung gab, die die ‚Entstehung‘ einer solchen ‚geteilten‘ Bedeutungsbeziehung BED(A, S, PH(A,(t,t‘))) <=> BED(B, S, PH(B,(t,t‘))) möglich gemacht haben. Wittgenstein nannte die Prozesse, die hier notwendig sind, ‚Sprachspiele‘. Bei Platons Sokrates waren es ‚Dialoge‘. Im modernen Wirtschaftsleben gibt es den Spezialfall des ‚Vertrags‘ mit den zugehörigen ‚Vertragsverhandlungen‘ sowie im Streitfall den ‚juristischen Prozess‘, und es gibt eine ganze Industrie mit z.B. ‚Wörterbüchern‘, ‚Grammatiken‘, ‚Sprachschulen‘, ‚Übersetzungen‘ usw..
13) Bei den genannten Phänomenen wurde der Bereich der ‚rein subjektiven‘ Phänomene dabei überschritten. ‚Intersubjektiv‘ Phänomene sind zwar strenggenommen immer noch primär ’subjektive Phänomene‘, aber sie ‚korrelieren‘ mehr oder weniger ‚direkt‘ mit Ereignissen ‚zwischen den Körpern‘ (‚objektiv‘, ‚empirisch‘), so dass man das Reden über die ’subjektiven‘ Phänomene durch Bezug auf zeitlich korrelierende intersubjektive Ereignisse E(t,t‘) in gewisser Weise ‚indizieren‘ kann. Also A meint ein subjektives Phänomen p in PH(A, t,t‘) das zeitlich mit einem Phänomen p* in PH(B,t,t‘) von B zeitlich korreliert. In einer Kombination von Unterstellung ‚gleicher Wahrnehmung‘ mit zeitlicher Korrelation schließen wir auf ein zu A und B ‚externes Objekt p0‘, das das Phänomen p in A und p* in B ‚verursacht‘. A ‚unterstellt‘ dass im Falle von p hypothetisch angenommen als verursacht von p0 B ebenfalls ein Phänomen p* haben kann, das seinem p ‚gleicht‘.

Fortsetzung folgt. Hinweis: der hier zunächst umständlich erscheinende Weg über eine Reflexion der Bedingungen unserer Erlebnisse ist wichtig, da ein folgendes Nachdenken über ’spirituelle Erfahrungen‘, ‚Gotteserfahrungen‘, Leben nach dem ‚Willen Gottes‘ usw. nur Sinn machen können, wenn man sich über die Schwierigkeiten bewusst ist, unter denen ‚Reden‘ und ’sprachliches Denken‘ generell steht. Was immer wir erleben, es ist niemals nur eine ganz einfache, ganz klare Sache, weil wir selbst als Menschen in keiner Weise eine ganz einfache, klare Sache sind. Formale und empirische Wissenschaften in Verbindung mit philosophischer Reflexion sind ideale Werkzeuge, die Grenzen der ‚Klarheit‘ offen zu legen und damit die ‚Nähe des Geheimnisses‘ ’spüren‘ zu lassen. Wir sollten nicht überrascht sein, wenn wir gerade dort, wo es wirklich um etwas geht, einem ‚Leben‘ begegnen‘, das den ‚Tod‘ als ‚Teilkomponente‘ enthält… Wenn das aktuelle körperliche Leben ’nicht Alles‘ sein soll, dann ist eigentlich klar, dass es ’nicht das letzte Wort‘ sein kann. Dann folgt daraus, dass man ‚diesen Zustand‘ ‚verlassen‘ muss, um den je größeren Zustand zu erreichen. Es ist mehr als verständlich, dass jeder verstehen will, wie das gehen kann, warum es wirklich sein muss, was denn das andere ist, was man dadurch erreicht, usw. Die bisherigen religiösen Traditionen (jüdisch-christlich-islamisch) sagen dazu bislang nahezu nichts, da sie es nicht wussten und wissen konnten. Wir sind gerade dabei, es ein klein bischen weiter zu verstehen. niemand kann sagen, wann wir wieviel von allem verstehen. Dazu verstehen wir uns selbst, das Phänomen des Lebens überhaupt, noch viel zu wenig.

REDUKTIONISMUS, ERMERGENZ, KREATIVITÄT, GOTT – S.A.Kauffman – Teil 2

(Letzter Eintrag 14.Jan.2013)
(Letzte Korrekturen/ Anmerkungen: 23.März 2013)

FORTSETZUNG

(1) Nach einer Charakterisierung des ‚Reduktionismus‘ am Beispiel der modernen Physik führte Kauffman verschiedene Argumente gegen diesen Reduktionismus an. Daraus und aus weiteren Argumenten formte er dann Argumente für die Nichtreduzierbarkeit des Biologischen auf das Physikalische. Diese führten dann zurück zum Ursprung des Lebens, zur unglaublichen Komplexität dieses Anfang und zugleich der anhaltenden Schwierigkeit, diesen Anfang plausibel erklären zu können. Kauffman präsentiert dabei auch ein eigens Modell, das Modell der autokatalytischen Mengen, das — zumindest mathematisch – viele der wichtigen Fragen zu erklären scheint.

DAS KONZEPT DES HANDELNDEN (‚AGENCY‘) ALS GRUNDBEGRIFF

(2) Nach den bisherigen ‚Einkreisungen‘ des Phänomens des ‚Biologischen‘ deutete sich an (und Kauffman stellte dies immer wieder im Text fest), dass Begriffe wie ‚Bedeutung‘, ‚Wert‘, ‚Handeln‘, ‚Handelnder‘, ‚Zeichen‘ wichtige Eigenschaften des Biologischen repräsentieren, die sich als solche nicht auf physikalische Grundbegriffe zurückführen (‚reduzieren‘) lassen. Während diese Eigenschaften beim homo sapiens sapiens mittlerweile in äußerst komplexen Ausprägungen auftreten, stellt sich die Frage nach möglichen Vorläufern, nach ‚allerersten Handelnden‘, sozusagen ‚Protoagenten‘. Kauffman spricht von ‚protoagency‘ (S.72) und vermutet ihren Ursprung schon im molekularen Bereich und spricht von ‚molekularen autonom Handelnden‘ (‚molecular autonomous agent‘).(S.74)
(3) Bevor Kauffman diese vermuteten allerersten Handelnden im Bereich des Molekularen untersucht, diskutiert er auf 6 Seiten sowohl die Notwendigkeit einer teleologischen Sprache wie auch deren Nichtreduzierbarkeit. (vgl. SS.72-78) Er zitiert einschlägige Autoren wie Aristoteles, Searl und Wittgenstein, doch bleibt unklar, wie man überhaupt eine ‚teleologische Sprache‘ befriedigend definieren kann. Die Verwendung von Begriffen wie ‚Intention‘, ‚Planen‘, ‚zielgerichtet‘, ‚Absicht‘ ersetzt als solche noch keine brauchbare Definition.
(4) Die generelle Argumentationslinie geht aus vom Phänomen des Biologischen, das interpretiert wird als ein autonomes, sich selbst reproduzierendes, offenes System, das durch kontinuierliche Zufuhr von freier Energie einen thermodynamischen Prozess in Gang hält. Zusätzlich wird angenommen, dass sich auf das Verhalten eines biologischen Systems der Begriff ‚zielgerichtet‘ anwenden lässt, der weitere Begriffe wie ‚Bedeutung‘, ‚Wert‘, ‚Absicht‘ und ‚Handelnder‘ impliziert.
(5) Schon auf der Ebene einer einzelnen Zelle sieht Kauffman alle wichtigen Eigenschaften als gegeben an: Zellen können ‚entdecken‘ (‚detect‘), sie haben eine ‚Wahl‘ (‚choice‘), und sie können ‚handeln‘ (‚act‘). Zusätzlich können sie sich ‚reproduzieren‘ und können mindestens einen ‚Arbeitszyklus‘ (‚work cycle‘ (im Sinne einer Carnot-Maschine, s.u.) ausführen. (vgl.S.78f)
(6) Der Begriff des ‚Arbeitszyklus‘ geht zurück auf das thermodynamische Modell von Nicolas Léonard Sadi Carnot (1796 – 1832), der als Begründer der modernen physikalischen Theorie der Thermodynamik gilt. Anhand einer idealen Wärme-Maschine kann Carnot einige allgemeine Eigenschaften ableiten. Dazu gehört die wichtige Unterscheidung zwischen ’spontanen‘ (exogenen) Prozessen und solchen die ’nicht spontan‘ (endogen) sind. Letztere brauchen Energie, um ablaufen zu können, erstere nicht. Beispiel für einen spontanen Prozess bietet der Ball, der einen Hügel hinabrollt; nicht spontan wäre der ‚Transport‘ des Balles den Hügel hinauf, der zusätzliche Energie verlangt. Ein ‚Carnot Zyklus‘ besteht also aus der Abfolge von einem spontanen Prozess (ohne Energie) und einem nicht spontanen Prozess, der Energie verlangt. Carnot Zyklen können also nicht in einem ‚Gleichgewichtszustand‘ (‚equilibrium‘) stattfinden. Gleiches findet sich in jedem chemischen Prozess: Zustände höherer Energie können in Zustände geringerer Energie ohne Energiezufuhr übergehen, nicht aber umgekehrt. (vgl. S.79f)
(7) Spätestens seit Schrödinger (1887- 1961) kann man wissen, dass biologische Prozesse nur durch Zufuhr von Energie (physikalisch ‚Negentropie‘) am Leben bleiben können. Zusätzlich aber, und dies hebt Kauffman hervor, benötigen diese Systeme die Fähigkeit, diese Zufuhr von freier Energie zu organisieren. D.h. nur dann, wenn ein System in der Lage ist spontane und nicht spontane Prozesse so zu organisieren, dass sie kontinuierlich stattfinden, nur dann kann ein dynamisches Ungleichgewicht erhalten bleiben.(vgl. S.82)
(8) Biologische Systeme haben zusätzlich die Fähigkeit der ‚Speicherung‘ von Energie und der Selbstreproduktion. Im Kontext der Evolution, also dem Wechselspiel von Reproduktion und Umweltpassung, werden solche Systeme begünstigt (‚Selektion‘), die in der verfügbaren Lebenszeit mehr Nachkommen hervorbringen können als andere. Dadurch werden jene konstruktiven Änderungen der Strukturen, in denen diese Prozesse ablaufen, ’selektiert‘, die die ‚zielgerichtete‘ (?) Versorgung mit freier Energie ‚optimieren‘. Kauffman schlägt vor, diese ‚Zielgerichtetheit‘, die ein außenstehender Betrachter in solch einem evolutionären Prozess ‚erkennen‘ kann, als eine spezifische Eigenschaft solcher Systeme zu sehen, die er ‚Handlungsfähigkeit‘ (‚agency‘) nennt.(vgl. S.85) Handlungsfähigkeit also als eine biologische Eigenschaft, die schon den allerersten einfachsten biologischen Strukturen zukommt und die sich im Kontext der Evolution beständig verändern kann. Da ein ‚Virus‘ nicht alle diese Eigenschaften hat könnte die Eigenschaft der ‚Handlungsfähigkeit‘ etwas sein, das ‚volle Lebensformen‘ von einer Lebens-Vorform wie einen Virus abgrenzen würde. (vgl. S.85)
(9) Am Beispiel eines einfachen Bakteriums verdeutlicht Kauffman diese Begriffe weiter und führt an dieser Stelle fundamentale Begriffe kognitiver Prozesse ein wie ‚Semiose‘, ‚Zeichen‘, ‚Bedeutung‘, Absicht‘ usw.(vgl. S.85ff)
(10) Man kann sicher darüber streiten, ob diese Begriffe an dieser Stelle wirklich hinreichend motiviert sind, aber mir erscheint dieser Interpretationsversuch als mindestens sehr interessant. Ein ‚Zeichenprozess‘ (’semiose‘) impliziert ‚Zeichen‘, ‚Bedeutung‘, ‚Interpretation‘ usw. Für ein Bakterium, das sich entlang einem Glukose-Gradienten in Richtung für mehr Zuckergehalt bewegt, ist dieser Gradient ein ‚Zeichen‘ (’sign‘), das auf die Möglichkeit von mehr Zucker ‚verweist‘. Dieser mögliche Zucker wäre dann seine ‚Bedeutung‘. Abhängig von einer ‚Interpretation‘ des Zeichens kann dann eine ‚Wahl‘ (‚choice‘) erfolgen, entsprechende ‚Handlungen‘ vorzunehmen. Eine solche Entscheidung impliziert, dass der mögliche Zucker für das Bakterium einen ‚Wert‘ (‚value‘) darstellt, für den es sich lohnt, zu handeln. Mit der Entscheidung für diesen Wert und der daran geknüpften Aktion kann man eine ‚Absicht‘ (‚purpose‘) verknüpft sehen (hier natürlich zunächst nur implizit in der chemischen Maschinerie kodiert).(vgl.S.86f)
(11) Hier kommt Kauffman auch nochmals auf David Hume (1711 – 1776) zurück, der die philosophische These aufgestellt hatte, dass man aus einem einfache ‚Sein‘, aus bloßen ‚Fakten‘, kein ‚Sollen‘ ableiten kann. Die zuvor von Kauffman vorgelegte Interpretation eines Proto-Handelnden würde dies einerseits bestätigen (der Gradient als solcher impliziert nichts), aber andererseits würde deutlich, dass ein Faktum (der Gradient) innerhalb der Beziehung zu einem System, das diesen Gradienten als ‚Zeichen‘ für etwas ‚interpretieren‘ kann, das für das System einen ‚Wert‘ darstellt, in den ‚Kontext eines Sollens‘ geraten kann, das vom interpretierenden System ausgeht. (vgl.S.87) [ANMERKUNG: Wenn man jetzt den evolutionären Kontext bedenkt, dann hat das System sein ‚Wertbewusstein‘ aber nicht selbst geschaffen, sondern aufgrund des von der Umwelt getragenen Selektionsprozesses quasi ‚vorgefunden‘ als eine Eigenschaft, die in der auswählenden Umwelt ‚gilt‘. So gesehen ist es der evolutionäre Prozess, der die verfügbaren ‚Fakten der jeweiligen Welt‘ durch die Selektion in ein ’systemimmanentes Sollen‘ transformiert! ‚Sollen‘ ist in diesem Kontext dann ‚evolutionär transformiertes Sein‘!! In unserem Handeln setzen wir das um, was die vorausgehende Evolution als ‚für diese Welt hilfreich‘ ‚gezeigt‘ (‚offenbart‘?) hat.]

ARBEIT (‚WORK‘)

(12) Kauffman rückt einen weiteren interessanten Umstand ins Licht, der die Besonderheit des Biologischen weiter verdeutlichen kann, das ist der Begriff der ‚Arbeit‘ (‚work‘). Während Arbeit für einen Physiker nach Kauffman beschrieben werden kann als eine ‚Kraft die über eine Distanz wirken kann‘ (S.90), reicht dies nach Peter Atkins (Chemiker) nicht aus: Arbeit nimmt auch Bezug auf ‚Einschränkungen‘ (‚constraints‘), durch die die Freiheitsgrade verringert werden. (vgl.S.90) Während man Einschränkungen in mathematischen Beschreibungen seit Newton als ‚Grenzwerte‘ (‚boundary conditions‘) verankern kann, bedarf es in der realen Welt wiederum ‚Arbeit‘ (‚work‘), um solche Einschränkungen bereit zu stellen.(vgl. S.90f) Kauffman sieht in diesem Zusammenhang ein allgemeines Prinzip dergestalt, dass Arbeit notwendig ist, um Einschränkungen zu erzeugen und diese Einschränkungen wiederum erlauben neue Arbeit. Er nennt dies das ‚Vorantreiben der Organisation von Prozessen‘ (‚propagating the organization of processes‘).(vgl. S.91) Bislang soll es dazu keine fertige Theorie geben, nicht einmal die Idee einer möglichen Theorie. (vgl.S.92,93) Als Beispiel führt er u.a. an, dass Moleküle, die unterschiedliche Reaktionen eingehen können, diese Reaktionen u.U. nur in Abhängigkeit von bestimmten Gegebenheiten (Einschränkungen, ‚constraints‘, ‚boundary conditions‘) zeigen. Indem sie aber eine dieser Reaktionen eingehen verändern sie selbst die Randbedingungen, so dass dann eine weitere Reaktion erfolgen kann.(vgl. S.92f) Diese nur im Zusammenhang erkennbaren Funktionszusammenhänge sind nach Kauffman jenseits all dem, was man per Reduktionismus erkennen kann.(vgl. S.94)

INFORMATION IST ZU WENIG

(13) Kauffman kritisiert dann das sehr verbreitete Konzept der ‚Information‘ nach Shannon bzw. das algorithmische Informationskonzept von Kolmogorov und meint, dass dieser Informationsbegriff zu kurz greift. Beiden Konzepten ist gemeinsam, dass sie letztlich nur nach der Menge der Informationen fragen, die übermittelt wird, aber vollständig offen lassen, ‚was‘ Information denn letztlich ist.(vgl.SS.94-96) Trotz dieser Unzulänglichkeiten ist der Informationsbegriff sehr beliebt in der Biologie, speziell bei der Beschreibung der Beziehungen zwischen dem DNA-Molekül und der Prozesskette mit der RNA und den Proteinen. Welche Bedeutungen haben diese Analysen, wenn man bedenkt, so Kauffman, dass auch Lebensformen ohne DNA-Molekül denkbar sind, z.B. in Form autokatalytischer Mengen?(vgl.S.96)[Anmerkung: Atlan u Cohen (1998) (s.u.) zeigen am Beispiel des Immunsystems sehr schön auf, warum der Shannonsche Informationsbegriff für komplexere Kontexte in keiner Weise ausreicht.]
(14) Kauffman erinnert an Schrödingers Überlegungen zum Unterschied zwischen einem normalen ‚Kristall‘ und zu einem ‚Molekül‘. Für Schrödinger erscheint ein Molekül wie ein ‚aperiodischer Kristall‘, der eine Art ‚Mikrocode‘ enthält, der das Verhalten bestimmt.(vgl.S.97) Kauffman interpretiert diesen Schrödingerschen Mikrocode versuchsweise als eine Menge von ‚Mikroeinschränkungen‘, die partiell ‚kausal‘ sind. Damit wäre die Information identisch mit diesen Einschränkungen [ANMK: d.h. die Einschränkungen repräsentieren im Sinne der Semiotik die ‚Bedeutung‘. Unter Berücksichtigung des zuvor über ‚Arbeit‘ Gesagten und dem Prinzip des ‚Vorantreibens der Organisation von Prozessen‘ würden damit die Einschränkungen sowohl Arbeit erlauben als auch neue Arbeit hervorbringen bzw. auch Arbeit voraussetzen.] Kauffman erachtet es als möglich, diese Ideen auch auf das abiotische Universum auszudehnen und damit z.B. Sternentstehungsprozesse zu beschreiben.(vgl.S.98)
(15) Ein anderer interessanter Unterschied ist der zwischen ‚Wärme‘ (‚heat‘) und ‚Arbeit (‚work‘). Die maximale Verschiedenheit von Bewegungen in einem Gas liegt vor, wenn die Moleküle eine maximale Bewegungsfreiheit haben, also ein Minimum an Einschränkungen. Dieser Zustand erzeugt ‚Wärme‘ aber leistet keine ‚Arbeit‘. Um ‚Arbeit‘ zu verrichten muss man die Freiheitsgrade ‚einschränken‘. Man braucht Arbeit, um Einschränkungen zu erzeugen und mit Hilfe von Einschränkungen kann man weitere Arbeit erzeugen. Mit Bezug auf Ulanowitz schlägt Kauffman dann vor, den Gesamtbetrag von Arbeit dadurch zu messen, dass man den gesamten Energiefluss in einem System multipliziert mit der Diversität.(vgl.S.99) [ANMK: Nimmt man an, dass die Vermehrung von Einschränkungen den Energiefluss erhöhen kann, zugleich aber die Diversität verringert, müsste der Gesamtbetrag eigentlich konstant bleiben?]
(16) [ANMK: Alle diese Überlegungen sind interessant aber z.T. auch etwas ’spekulativ‘. Sie müssen später entsprechend reflektiert werden.]

Fortsetzung Teil 3

Quellen:
Atkins, Peter online at http://en.wikipedia.org/wiki/Peter_Atkins (Zuletzt 14.Jan.2013)

Atlan, H., I. Cohen, 1998, Immune information, self-organization, and mean-
ing, International Immunology, 10:711-717.

Carnot , Nicolas Léonard Sadi, siehe z.B. online http://en.wikipedia.org/wiki/Nicolas_L%C3%A9onard_Sadi_Carnot (Zuletzt besucht 13.Jan.2013)

Hume, David online http://en.wikipedia.org/wiki/David_Hume (Zuletzt besucht 13.Jan.2013)

Kauffman, S.A., Reinventing the Sacred. A new View of Science, Reason, and Religion. New York: Basic Books, 2008 (Paperback 2010).

Über S.A.Kauffman in der Englischen Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Stuart_Kauffman (Zuletzt besucht 5.Jan.2013)

Interessante Vorlesungen von Kauffman als Videos: http://csb.cs.tut.fi/stu_news.php

Kolmogorov Komplexität: Nicht zu verwechseln mit der algorithmischen Informationstheorie von Solomonoff, online at http://en.wikipedia.org/wiki/Kolmogorov_complexity

Schrödinger, Erwin online http://de.wikipedia.org/wiki/Erwin_Schr%C3%B6dinger (Zuletzt besucht 13.Jan.2013)

Solomonoff, Ray, (1926 – 2009) Algorithmic Information Theory, online at: http://en.wikipedia.org/wiki/Ray_Solomonoff

Ulanowicz, Robert; Ökosysteme, allgemeine Theorie, online at http://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Ulanowicz, eine Liste all seiner Publikationen (Zuletzt 14.Jan.2013)

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